(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Biodiversity Heritage Library | Children's Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Der Brief des Paulus an die Galater;"

-^^^^ 



'""1 



Kommentar 



zum 



Neuen Testament 



unter Mitwirkung von 

Prof. D. Ph. Bachmaiiu in Erlangen, Prof. D. C. Deißner 

in GreifBwald, f Prof. D. Dr. P. Ewald in Erlangen, Studienrat 

Lic. Fr. Uanck in Schwabach, Prof. D. E. Biggenbach in 

Basel, t Prof. D. G. Wohlenberg in Erlangen 

herausgegeben 



D.Dr. Theodor Zahn, 

Professor der Theologie in Erlangen. 



Band IX: 

Der Brief des Paulus an die Galater 

ausgelegt von 

Theodor Zahn. 

Dritte Auflage, 

durchgesehen von Lic. Friedrich Haack, Studienrat an der 
Lehrerbildungeanstalt in Schwabach. 



Leipzig. 1922. Erlangen. 

A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung Dr. Werner ScholL 



Der 



Brief des Paulus 

an die Galater 



ausgelegt 



D. Theodor Zahn, 

o. Professor der Theologie in Erlangen. 



Dritte Auflage, 

durchgesehen von 

Lic. Friedrich Hauck 

Studienrat an der Lehrerbildungsanstalt in Schwabach 






^"'P^'S- 1922. Erlangen. 

A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung Dr. Werner Scholl. 



Vorwort. 



Um Zeit für neue Arbeit zu gewinnen, ging mich Herr 
(ieheimrat v. Zahn an, ob ich nicht die Neuauflage eines seiner 
Kommentare übernehmen wolle und übertrug mir schließlich die 
Arbeit am Galaterbrief. Für den großen Beweis von Vertrauen, 
der in solchem Auftrag lag, spreche ich auch an dieser Stelle 
meinen ergebensten Dank aus. Vertraglich war ich gebunden, am 
Text möglichst wenig zu ändern. Ich hielt es für richtig, darüber 
hinausgehend am Text selbst grundsatzlich nichts zu ändern. Etliche 
Änderungen gegenüber der 2. Auflage sind von Herrn Geh. Rat 
V. Zahn selbst angebracht. Ich sah meine Hauptaufgabe darin, 
die neuere Literatur, soweit sie mir ei'reichbar war, zu vergleichen 
und einzuarbeiten. Was dadurch zum Kommentar hinzugekommen 
ist, ist durch eckige Klammern als von mir stammend gekennzeichnet. 
Aber auch in diesen Stücken glaubte ich, mit dem eigenen Urteil 
zurücktreten und vor allem dem Leser als Berichterstatter und 
Wegweiser dienen zu sollen. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich 
es dankbar als eine hohe Ehre empfand, an dem großen Werk der 
Zahn'schen Auslegung mithelfen zu dürfen. Herr Geh. Rat v. Zahn 
unterstützte meine Arbeit, indem er mir in stets gleichbleibender 
Bereitwilligkeit Aufschluß und Weisung gab, so oft ich darum 
bat, wofür ich ihm ehrerbietigst danke. Mein Wunsch ist, daß 
durch meine Tätigkeit kein Mißklang in das mir anvertraute Gut 
gekommen ist. 

Schwabach, den 11. März 1922. 

Lic. Friedrich Hanck. 



(]fenuia^ 



Einleitung. 



§ 1. Voraussetzungen und Veranlassung des 
Galaterbriefs. Eine von der vorliegenden Urkunde unab- 
hängige Nachricht über Veranlassung, Zeit und Ort der Entstehung 
dieses Briefs gibt es nicht. Wenn Marcion um 150 nach seiner 
Ausscheidung aus der katholischen Kirche in seinem Apostolikon, 
der für seine Gemeinden bestimmten Sammlung der Paulusbriefe, 
dem Gl die erste Stelle unter den von ihm aufgenommenen 
10 Briefen anwies, so war dafür entscheidend sein Urteil, daß PI 
in diesem Brief das echte Ev Christi im Gegensatz zum Judaismus 
am schärfsten und klarsten dargelegt habe, und daß daher dieser 
Brief für das Verständnis seiner gesamten Hinterlassenschaft wie 
für den Kampf gegen das in jüdische Gesetzlichkeit zurückgesunkene 
Christentum der Kirche von grundlegender Bedeutung sei. ^) Was 
in den altkirchlichen Kommentaren und Bibelhandschriften über 
Ort und Zeit dieses wie der andern Briefe gesagt wcrrlen ist, sind 
Vermutungen, welche auf sehr zweifelhafter Auslegung einzelner 
Stellen beruhen, wie z. B. die weitverbreitete Meinung, daß der 
Gl in Rom geschrieben sei, auf des Eusebius von Emesa Deutung 
von 4, 20 (s. z. St.), daß Fl durch seine Gefangenschaft verhindert 
gewesen sei, die Gal. persönlich zu besuchen. Bei aller Anerkennung 
der Vorteile, welche die alten Exegeten vor uns voraus hatten 
(cf Bd I S. VII), fühlen wir uns ihnen doch durch die im Lauf 
von Jahrhunderten erworbene Übung in historischer Quellenforschung 
mit Recht überlegen in sorgfältiger und vollständiger Erhebung 
des geschichtlichen Selbstzeugnisses der für uns so viel weiter zu- 

*) Tert. c. Marc. V, 2 Principalem adversus Judaismum eimtolam 
no8 quoque confitemur, quae Galatan docet cf IV, 3. Daü Marcion daneben 
im allgemeinen ein geschichtliches Prinzip der Anordnung befolgte (zuerst 
die Briefe aus der Zeit der Freiheit, dann die aus der Gefangenschaft), 
soll nicht geleugnet wenlen cf GK I, 623. Über die Fortpllanzuns: der 
von Marcion neu geschaffenen Ordnung der Paulusbriefe bei den Syrern 
bis gegen 400 s. Grundriß d. Gesch. d. Kanons- S. 49 ff. 

Zahn, Galaterbrief. 3. Autl. 1 



2 Einleitung. 

rückliecenden Urkunden der Apostclzeit. Auf das Selbstzeugnit- 
der Schriften waren jene von jeher eogut wie wir angewiesen ; 
aber weil sie es für deutlich genug hielten und fast ausschließlich 
für den Lehrgehalt der Schriften iuteressirt waren, haben sie sich 
wenig darum bemüht. ^) Beim Öl ist das Selbstzeugnis dadurch 
undeutlicher als bei den meisten andern, daß zwar nicht wie beim 
Eph die „Adresse- trxtkritisch unsicher oder unbenannt ist, da- 
gegen al>er seit langem darüber gestritten wird, was unter der 
raAaxia «u verstehen sei, an deren Gemeinden der Brief gerichtet 
iat (1, 2 cf 3, 1). Da die Entscheidung hierüber wesentlich von 
den sonstigen geschichtlichen Angaben und Andeutungen des Briefes 
abhängt. empfi»-hlt es sich, zunächst unter Absehen von der Frage, 
wo die ersten Leser des Gl zu suchen seien, die Voraussetzungen 
des Briefs ihm selbst zu entnehmen. Dies soll hier den Bd I, 2 fi. 
vorgetragenen Grundsätzen gemäß in aller Kürze geschehen unter 
Voraussetzung der im Kommentar zu den einzelnen Stelleu ge- 
gebenen exegetischen Beweise. 

Die gal. Gemeinden verdankten ihre Entstehung jedenfalls 
hauptfächlich der Predigt des PI. Er vergleicht sich der Mutter, 
welche sie einst unter Schmerzen geboren hat 4, 19; er spricht 
von der begeisterten Aufnahme, welche er mit seiner Predigt bei 
ihnen gefunden hat 4, 14, und betrachtet den erfreulichen Stand 
christlichen Lebens, in welchem er sie jetzt wanken sieht, als eine 
Frucht seiner anstrengenden Arbeit 4, 11. Er stellt sich über- 
haupt von Anfang bis zu Ende des Briefes so bestimmt und aus- 
schließlich mit seiner eigenen Person den Gal. gegenüber, daß mit 
Sicherheit zu schließen ist: unter den Brüdern, welche er, 1, 2 wie 
Mitverfaj^ser des Briefs auftreten läßt, befand sich niemand, welcher 
an der Grn^duug diet^er Gemeinden neben PI einen Anteil gehabt 
hatte. Nur aus 1, 8 f. erkennt man, daß es ihm doch, wie es ja 
tatsächlich bei seiner Missionsarbeit fast ununterbrochen der Fall 
gewesen ist, bei seiner Predigt unter den Gal. und bei anderen 
mündlichen Belehrungen derselben nicht an einem oder mehreren 
Gehilfen gefehlt hat. Daß wir dabei an Barnabas zu denken 
haben, welcher seit Beginn der zweiten Missionsreise sich für 
immer von ihm getrennt hatte (AG 15, 39) und in allen anderen 
Briefen nur zweimal aus leicht erkennbaren Gründen genannt wird 
(I Kr 9, 6; Kl 4, 10), ist eine Vermutung, welche an der drei- 
maligen Nennung dieses Namens 2, 1. 9. 13 eine Stütze findet. 
Zumal 2, 1 und noch mehr 2, 13 bedarf seine Nennung einer 
außerhalb der berichteten Tatsache gelegenen Veranlassung; denn 



») Schon der Tan. Murat 1. 39 f. lehnt die historische Untersuchung 
Ton vomhereio durch die Bemerkung ab: Epusiulae auteni Faulig quae, a 
quo loco vel qua ex cau»a direciae ^f«^ volentihus intellfgere \p$ae de- 
clarant. 



§ 1. V'oraussetzuQgen und Veranlassang des Galaterbriefs. 3 

in beiden Fällen war Barnabas nur einer neben anderen. — Aus 
4, 13 entnehmen wir mit Sicherheit, daß PI zweimal unter den Gal. 
geweilt und beidemal Ev gepredigt, also auch das zweite Mal eine 
auf das äußere Wachstum der Gemeinden gerichtete Missiunsarbeit 
s^etau hat. Wenn er 1, 9; 5, 3. 21 auf frühere mündliche Äußerungen 
Bezug nimmt, ohne zu bemerken, ob er sie bei seiner ersten oder 
/.weiten Anwesenheit getan hat, so läßt sich die damit gebteilte 
Frage nicht dem Wortlaut dieser Stellen, sondern nur den ander- 
weitig festzustellenden V^erhältnissen und Umständen zur Zeit des 
ersten und des zweiten Aufenthalts in Gal. entnehmen. — Die Auf- 
nahme, welche er das erste Mal gefunden, beschreibt er in über- 
schwänglicben Worten als eine außerordentlich enthusiastische 
4, 13 — 15. Die Bekehrung der Gal. war nicht die Folge eines 
stillen Wirkens von Wort und Geist in den Herzen Einzelner, nicht 
ein allmähliches, durch Beweisführung und Prüfung vermitteltes 
Hinneigen der Seelen zur Wahrheit des Ev (cf z. B. AG 16, 14; 
17, 3. 11), sondern ein stürmisches Ergri£fenwerden und Ergreifen. 
Eine Begeisterung, wie sie PI dort beschreibt, entsteht immer nur 
da, wo eine Menge unter dem Eindruck außerordentlicher Persön- 
lichkeiten und Ereignisse zu gleicher Stimmung hingerissen wird. 
Was diese Wirkung hätte vereiteln können, ein Krankheitszustand 
des PI, der etwas abschreckendes an sich hatte 4, 13 f., und schwere 
äußere Bedrängnisse, welche mit dem Ev zugleich über sie kamen 
3, 4, haben die gewaltige Bewegung, von welcher die Gal. damals 
ergriffen wurden, nicht aufzuhalten vermocht. — Die Gemeinden be- 
standen, wenigstens zur Zeit des Briefs, ganz überwiegend aus 
geborenen Heiden 4, 8 — 10. Wenn darunter solche waren, welche 
vor ihrer Berührung mit dem Ev mit dem Judentum bekannt ge- 
worden waren und aus religiösem Bedürfnis je und dann oder 
regelmäßig die Synagoge besucht hatten, sogenannte (foßotuevoi 
oder aeßöiuvoL rbv ^eöv (AG 10, 2; 13, 16. 26. — 13, 43*. 50; 
16, 14; 17, 4. 17), so waren sie doch unbeschnitten geblieben und 
hatten auch weder vor ihrer Bekehrung noch in der ersten Zeit 
nach derselben in nennenswerter Weise jüdische Lebensart ange- 
nommen. Das beweist die neuerdings aufgetauchte Streitfrage, 
welcher der ganze Brief gewidmet ist. Aus 3, 26 — 29 ergibt sich 
aber mit Sicherheit, daß es, wie in den meisten, wenn nicht allen 
durch PI gestifteten Gemeinden, auch unter den Gal. nicht an 
geborenen Juden fehlte. Wie überall sonst, müssen diese zu den 
zuerst Bekehrten gehört haben; denn wo erst eine überwiegend 
aus Heiden bestehende und „gesetzlos" lebende Gemeinde existirte, 
war der nachträgliche Beitritt zu einer solchen Gemeinde für Juden 
sogut wie unmöglich. Wie in Antiochien (Gl 2, 4. 11 — 14) und 
Korinth (1 Kr 1, 1. 14; 7, 18; 9, 20 cf AG 18, 8. 17) hatten die 
geborenen Juden, welche durch jeden Fortschritt des Missions- 

1* 



4 Einleitung. 

Werkes immer mehr zu einer numerisch uubedeutenden Minorität 
herabsanken, eich der stets anwachsondon heidnischen Majorität 
anbe»iuemt und der jüdischen Lebenssitte mindestens soweit eich 
cntscblagen, als; es die Einheit des gottosdioustlicben Lebens und 
<ier brüderliche Verkebr aller Gemeindeglioiler orheieclito. Damit 
war der heideuchrist liehe Charakter der gal. Gemeinden entschieden. 
Sowohl dieser allgemeine Charakter derselben, als das Vorhanden- 
sein einer jüdisch geborenen Minderheit und der dadurch bezeugte 
genetische Zusammenhang der gal. Kirche mit der Synagoge bildet 
aber auch die Voraussetzung der neuerdings entstandenen Bewegung, 
'welcher Einhalt zu tun PI in diesem Brief seine ganze Kraft ein- 
setzt. Es sind Lehrer unter den Gal. aufgetreten, welche nicht 
ohne Erfolg bemüht sind, die bis dahin in den von PI vorge- 
zeichneten Bahnen ihres Glaubens lebenden Gal. auf andere Wege 
zu drängen. PI würdigt sie ebensowenig wie die Petrusleuto in 
Koriuth lind andere mohr oder weniger geisti'sverwandte Lehrer 
namentlicher Erwähnung cf 1 Kr 1, 12; 3, 17—23; 16, 22; 
2 Kr 2, 17; 3, 1 flF. ; 5, 12; 11, 1 — 23; 12, 11 ; Kl 2, 8. 16—23: 
Phil, 15 — 17; 3,2—6; Rm 16, 17f. Es sind ihrer mehrere Gl 1,7: 

4, 17; 5, 12; 6, 12; aus dem vereinzelten Singular ö ragdaacor 
vfiäg 5, 10 ist nicht zu schließen, daß diese Leute unter Führung 
eines seine Genossen überragenden Mannes ihre Agitation betrieben. 
Sie sind nicht aus den gal. Gemeinden, etwa aus dem jüdischen 
Grundstock derselben hervorgegangen, sondern von auswärts einge- 
drungen. Überall unterscheidet sie PI scharf von den angeredeten 
Lesern als die, welche sie beunruhigen 1, 7; 5, 10. 12, um ihre 
Gunst buhlen 4, 17, sie berücken und der "Wahrheit abtrünnig 
machen 3, 1 ; 5, 7, zur Annahme der Beschneidung nötigen 6, 1 2 f. 
Während er die Leser trotz aller Entrüstung über ihren im Werk 
begriffenen Abfall von der Wahrheit des Ev als seine Brüder 1,11; 
3, 15; 4, 12. 28. 31; 5, 11. 13; 6, 1. 18 und als seine einst mit 
Schmerzen geborenen, jetzt ihm neue Schmerzen bereitenden 
Kinder 4, 19 anredet, spricht er von ihren Verführern überall als 
von Feinden der Wahrheit und der Christenheit und spricht teils 
direkt, teils indirekt härteste Fluchworte über sie aus 1, 9; 4, 29 ; 

5, 12; 6, 12. Ehe er den Gemeinden seinen Abechiedsgruß zu- 
ruft, scheidet er jene aus von dem Israel Gottes d. h. von den 
christgläubigen Israeliten, denen er Frieden und göttliches Erbarmen 
anwünscht 6, 16 — 18 cf 1 Kr 16, 21 — 24. Sie sind Abrahams- 
söhne von Geburt, aber nur in dem äußerlichen, fleischlichen Sinn 
wie Ismael 4, 29 f. Sie fallen unter das gleiche Urteil, wie die, 
welche vor ihnen in Antiochien und auf dem Apostelkonvent in 
Jerusalem die gleichen Forderungen an die Heidenchristen und 
ihre Missionare gestellt hatten, daß sie des Brudernamens nicht 
wert seien, nie in die Christenheit hätten aufgenommen werden 



4; 1. N'oranssetzungen und Veranlassung des Galaterbriefs. 5 

sollen und in die heidenchristlichen Gemeinden, in welchen sie 
nichts zu suchen hatten, wie feindliche Spione sich eingeschlichen 
hahen 2, 4 f. Die Gal. werden in symbolischem, aber unmißver- 
ständlichem Ausdruck aufgefordert, diese falschen Chribten und 
unechten Juden abzuweisen und aus ihrem Kreis zu verstoßen 4, 30. 
Damit ist Hchon sogut wie gewiß, daß sie aus Palästina nach Gal. 
gekommen sind, ebenso wie „die Beschneidungsleute-^, die zu wieder- 
holten Malen von Jerusalem her nach Antiochien gekommen waren 
und dort ähnliche Beunruhigungen hervorgerufen hatten, wie diese 
jetzt in Gal. cf 2, 4. 12; AG 15, 1. 5. 24. Sie beriefen sich in 
übertreibendem Ausdruck auf die Muttergemeinde zu Jerusalem, 
auf die hohe Auktorität der dortigen Apostel und besonders auf 
die des Herrnbruders Jakobus, und suchten diese als ihre Ge- 
sinnungsgenossen darzustellen 2, 1 — 14. Der Wechsel zwischen der 
aramäischen und der griechischen Form des dem Simon von Jesus 
gegebenen Namens: Kepha und Petrus 1, 18; 2, 7 — 9. 11. 14 findet 
Heine natürliche Erklärung nur in der Rücksicht auf die aus 
Palästina gekommenen Judenchristen, deren Muttersprache die erstere 
Form angehörte. Daneben werden sie des Griechischen mächtig 
genug gewesen sein ; denn sie traten als Yerkündigerdes ursprünglichen, 
unverfälschten Ev Christi in griechischen Gemeinden des Auslands 
auf. Sie geberdeten sich als Heidenmissionare sogut PI und seine 
Genossen. AVas PI als einen Versuch beurteilt, das Ev Christi zu ver- 
kehren oder umzustürzen 1, 7, war doch dem Vorgeben dieser Ein- 
dringlinge und der Form nach ein evayye/.iCeoS^ai, Vorkündigung 
eines zweiten und anderen Ev, als desjenigen, welches PI und 
sein Gehilfe den Gal. gebracht hatten 1. 6. 8 f. In diesem Unter- 
fangen an sich schon lag eine scharfe Kritik desjenigen Ev. durch 
welches die Gemeinden gegründet worden waren. "Während PI als 
Bedingung des Heils nichts anderes genannt hatte, als gläubige Hin- 
nahme der Predigt von dem in die Welt gesandten und gekreuzigten 
Sohn Gottes (3, 1; 4, 4) und einen diesen Glauben darstellenden, 
alle Unsittlichkeit ausschließenden Wandel in der Liebe (5, 6. 13 f, 
21; 6, 2), forderten sie von den Heidenchristen Annahme der Be- 
schneiduDg als etwas zum Heil notwendiges 5, 3; 6, 12 cf 2, 3 
und damit Unterstellung unter das ganze mosaische Gesetz 4, 21 ; 
5, 1, wenn sie auch, wie es scheint, zu mancherlei erleichternden 
Konzessionen sich bereit zeigten, so daß PI den Gal. die Kon- 
sequenzen erst vorhalten muß, welche die Annahme der Beschnei- 
dung für sie nach sich ziehen würde 5, 3 cf 3, 10 (6, 13). Ange- 
sichts der Tatsache, daß die von Jesus selbst unterwiesenen und 
zu ihrem Amt berufenen Apostel samt der ganzen Christenheit 
Palästinas nach dem Vorbild Jesu ihr christliches Leben in den 
durch das Gesetz und die jüdische Sitte vorgeschriebenen Formen 
fühlten, konnte es nicht zu schwierig sein, den Gal. einzureden. 



H Einleitung. 

dat> das von jeder Bindung an das Gesetz absehende Ev des PI 
eine willkürliche Verkürzung des wahren Ev Christi sei, und daß 
das , (heidnische Leben" der durch Gelturt und Beschneidung zum 
Gehorsam gegen das Gesetz verpflichteten Heidenraissionare, wie PI 
und Barnahas, und der ihrem Beispiel folgenden jüdischen Christen 
der Diaspora ein Greuel vor Gott und der älteren Christenheit 
des heiligen Tjaudes sei cf AG 21, 20 f. Das gesetzliche Ev, welches 
die fremden Lehrer den Gal. als ein vollkommeneres und zugleich 
als das ursprüngliche und ganze Ev Christi und seiner Apostel 
l)rachten, war zugleich eine Verurtöilung des bisherigen Betriebs 
der Heidenmission und der Männer, welche ihn in Gang gebracht 
hatten, vor allem aber des PI, der zur Zeit des Gl längst der 
Führer auf dieser Bahu war und schon mehr als einmal als ein 
rücksichtsloser Verfechter seines besonderen Ev und der Gesetzes- 
freiheit nicht nur der heidnischen Christen, sondern auch der unter 
ihnen wirkenden und mit ihnen lebenden jüdischen Christen sich 
gezeigt hatte. Er mußte persönlich angegriffen und in den Augen 
seiner Gemeinden wo möglich vernichtet werden. Wenn die Juda- 
isten nach 5, 11 angedeutet zu haben scheinen, das PI sell)8t nicht 
unter allen Umständen bei seineu Grundsätzen beharre und daher 
auch in bezug auf das Verhältnis der Gal. zum Gesetz vielleicht 
doch mit sich werde reden lassen, so war das gewiß ein sehr ge- 
schicktes Mittel, die noch au ihm hängenden Gal. zu einem Schritt 
zu bewegen, welcher den Unterweisungen ihres ersten Lehrers 
schnurstracks zuwiderlief. Aber ehrlich geraeint war das schwer- 
lich. Die so redeten, wußten zu gut, daß der Mann nicht zu 
beugen sei ; darum setzten sie alles daran, sein Ansehn als Apostel, 
alfi Christ und als sittliche Persönlichkeit zu zerbrechen. Die 
Mittel der Verdächtigung seiner Absichten und Mittel, der ge- 
hässigen Darstellung seiner Vergangenheit, welche man zu diesem 
Zweck verwandte, erkennt man aus den hiegegen gerichteten 
Äußerungen des Briefs von 1, 1 an; sie brauchen hier nicht im 
einzelnen dargestellt zu werden. — Da PI gleich hinter der Gruß- 
überschrift seine Verwunderung darüber ausspricht, daß die Gal. 
dem neuen Ev der fremden Lehrer so rasch Gehör schenken 1,6, 
und da er überall, wo er auf die neuerdings eingetretene Ver- 
änderung in der Haltung der Gemeinden zu reden kommt, über 
sie als eine plötzlich eingetretene, schier unbegreifliche Verirrung 
seine Entrüstung äußert 3, 1 — 4; 4, 9: 5, 7, so ist es klar, daß die 
fremden Lehrer erst nach seiner zweiten Anwesenheit in Gal. 
dorthin gekommen waren. Daß er damals nichts bei den Gal. 
wahrgenommen hat, worüber er zu klagen hatte, oder worin er 
auch nur jetzt hinterdrein einen Keim der nun ausgebrochenen 
Krankheit erkannte, beweist auch 4, 18, was nach dem Hinweis 
auf seinen zweimaligen Aufenthalt in Gal. 4, 13 auf beide Besuche 



I 



§ 1. Voraussetzungen und Veranlassung des Galaterbriefs. 7 

zugleich sich beziehen muß. So lange und so oft er bei ihnen 
weilte, haben sie ihm ihre treue Anhänglichkeit bewiesen ; jetzt, 
da er abwesend ist, wenden sie sich von ihm ab. Von den drei 
Stellen, wo er sich auf frühere mündliche Mitteilungen beruft, 
wird 5, 21 wenigstens vorwiegend auf den ersten Aufenthalt sich 
beziehen ; denn die Anweisung zu einem von allen möglichen 
Lastern unbefleckten Wandel gehörte zu den Elementen der Missions- 
predigt cf 1 Kr 6, 8 f . ; 1 Th 4, 1 fF. Dagegen die dringende War- 
nung vor Verführung zu einem anderen, gesetzlichen Ev 1, 9; 5, 3 
will zu einer ersten Einführung in den Glauben wenig passen ; 
sie wird durch inzwischen geraachte Erfahrungen veranlaßt ge- 
wesen und bei Gelegenheit des zweiten Besuchs ausgesprochen worden 
sein. Nur in den gal. Gemeinden selbst kann PI nach dem Ge- 
sagten die traurigen Erfahrungen, die dazu veranlaßten, damals 
noch nicht gemacht haben. Zu seiner schmerzlichen Verwunderung 
hat er dies neuerdings erst an diesen Gemeinden erleben müssen 
und zwar in einem Grade, wie unseres Wissens weder früher noch 
später an irgend einer der Gemeinden seines Berufskreises. Zwar 
vollendet ist der Abfall zu dem sregov evayyiXiov noch keines- 
wegs. Von der betrübenden Veränderung, die in Gal. stattfindet, 
redet PI durchweg im Präsens l, 6; 3, 3. Sie haben starke Neigung, 
durch Unterstellung unter das Gesetz Gerechtigkeit zu suchen 
\, 9. 21; 5, 4; sie haben angefangen, jüdische Festzeiten zu be- 
obachten 4, 10. Da dies das Einzige ist, was als Tatbeweis ihrer 
falschen Richtung gerügt wird, müssen wir annehmen, daß der 
Hauptforderung der Judaisten, der Annahme der Beschneidung, 
noch kein Heidenchrist in Gal. sich gefügt hatte. Nur für den 
Fall, daß es dazu kommen sollte, wird auf die heillosen Folgen 
davon hingewiesen 5, 2, In gleichem hypothetischem Sinn ist es 
daher auch zu verstehen, wenn 5, 3 von jedem Menschen, der sich 
beschneiden läßt, gesagt wird, daß er verpflichtet sei, das ganze 
Gesetz zu beobachten. Die Gal. werden in der Gegenwart beun- 
ruhigt und in Aufruhr versetzt 1, 7; 5, 10. 14; ihre Verführer 
bemühen sich noch um ihre Gunst 4, 17 und ihre Zustimmung 
6, 12. Heftige und mit großer Gehässigkeit geführte Streitig- 
keiten innerhalb der Gemeinden 5, 15. 26 können nicht außer Zu- 
sammenhang mit der Aufregung durch die Judaisten gedacht 
werden. Entschieden war noch nichts ; und wie groß die Ent- 
rüstung des PI war über das, was bereits geschehen war, und die 
angstvolle Sorge um Schlimmeres, was daraus werden konnte 3, 4; 

4, 11; 5, 2 — 4, so findet doch sein Vertrauen und seine Liebe zu 
den Gal. und seine Hofi"nung auf den Sieg der Wahrheit unter 
ihnen vielfältigen und warmen Ausdruck 3, 26 — 29; 4, 12 — 20; 

5, 10. Daß muß ihm durch die Stellung, welche die Gemeinden 
aur Zeit des Briefs ihm gegenüber einnahmen, ermöglicht worden 



8 Einleitung. 

seio. '') — Im ganzen Brief zeigt sich PI genau über den Stand der 
Dinge in Oal. unterrichtet. Nicht ein einziges Mal beruft er sich 
auf priviito Mitteilungen oder ein unsicheres Hörensagen (cf 1 
Kr 1, 10; 11, 18), oder fragt er nacli Einzelheiten, über die er 
noch einer Aufklärung bedürfte. Nicht nur die Lehre der Ein- 
dringlinge und die Haltung der Gemeinden im allgemeinen be- 
handelt er mit der Sicherheit eines Mannes, der davon ebenso genau 
unterrichtet ist, als die Gemeinden selbst. Er kennt und berück- 
sichtigt, namentlich 1, 10 — 2, 14; 6, 11, auch die einzelnen An- 
griffe und Kniffe, wodurch die Judaisten bemüht waren, seine 
Pereon und Wirksamkeit in den Augen der Gal. herabzusetzen. 
Woher hat er diese genaue und umfassende Kunde? und warum 
verrät er nirgendwo ein Bedürfnis, die Leser darüber aufzuklären, 
woher er sie habe? Hofmauns Annahme (S. 227), daß die Gal. 
ihm in einem Brief die ganze Angelegenheit vorgetragen haben, 
läßt sich nicht wahrscheinlich machen. Die Vergleichung mit dem 
1 Kr, welcher größtenteils Autwort auf ein Schreiben der kor. 
Gemeinde an PI ist, spricht dagegen. Es fehlt im (il nicht nur 
der ausdrückliche Hinweis auf ein solches Schreiben cf 1 Kr 7, 1 ; 
es fehlen auch alle die Formen, worin dort zu Tage tritt, daß PI 
einen Gegenstand der J^rörteruug nach dem anderen aus dem ihm 
vorliegenden Schreiben herausnimmt. •'') Nicht Äußerungen der 
(Gemeinde wie dort, sondern Tatsachen sind es, die er hier als be- 
kannt und, wie die Leser bereits wissen, einer Erörterung be- 
dürftig vorführt; und bei Beginn der ersten längeren Darlegung 
Gl 1, 11 bedient PI sich einer Ausdrucksform, welche wir 1 Kr 
15, 1 an der Spitze eines langen Kapitels finden, zu welchem ihm 
gerade nicht der Brief der Korinther den Anlaß geboten hatte. 
Dem Tatbestand des Gl wird man nur durch die Annahme gerecht, 
daß Vertreter der gal. Gemeinden zu PI gereist waren und ihm 
über die unter ihnen entstandene Bewegung mündlich und aus- 
führlicher, als es in einem zu Hause verfaßten und durch Beschluß 

*■) [Eine von Grund aus neue Auffassung des Gl vertritt Lütgert, 
Gesetz u. Geist, 1II19. Er weist einesteils auf eine Anzahl Stellen im Brief 
hin wie 2, 21"; 5, 11, die sich anscheinend in das Gedaukengefiige eines 
antijndaistischen Briefes nicht einreihen la.ssen wollen und andernteils auf 
Steilen, die eine Uneinheitlichkeit der Gemeinden (o, 15i, ja selbst Gruppen 
in ihr anzudeuten scheinen (4, 21. 6, 1). So glaubt er aus dem Bf nach- 
weisen zu können, daß sich auch in den gal Gemeinden wie in andern 
(vgl. Lütgert, Freiheitspredigt u. Schwarmgeister in Korinth) die beiden 
Gruppen der gesetzlichen und der freien, pneumatischen Christen önden. 
Der Kampf des Paulus gehe im Bf fortwährend gegen die beiden ge- 
nannten Fronten. Im einzelnen s. u. die Auslegung] 

') 1 Kr 7, 2ö; 8, 1; 12, 1; IG, 1. 12, dazu auch son>t unverkennbare 
Bezugnahme auf Urteile und A)ifragen der kor. Gemeinde 4, 3; 5, 9f. : 
6, 12; 7. 40; 8, 1— .3; 9, 3; 10, 23;..ll, 2. 34 und einzelner Gemeindeglieder 
4, 18, solche besonders im 2 Kr. Ähnlich verhält es sich mit dem Phl. 



§ 2. Bestimmung, Zeit und Ort des Briefe. 9 

der Gemeinden bestätigten Schreiben geschehen konnte, Bericht 
erstattet haben. Nicht ohne Verständigung mit ihm wollten die 
Gal. den entscheidenden Schritt tun. Das entspricht der Stellung, 
welche sie, soweit wir dem Gl entnehmen können, damals zur 
Person des PI einnahmen. Die Abgesandten der Gal. im Brief 
zu erwähnen war ülierflüssig, da die (gemeinden um deren Ab- 
sendung wußten und durch die zu ihnen zurückkehrenden Depu- 
tirten den Brief erhalten haben werden, in welchem PI über die 
ihm vorgelegte Angelegenheit seinen Bescheid gab. *) Ohne solchen 
Bescheid konnten jene nicht heimkehren, und wenn PI ihn früher 
mündlich durch die gal. Deputirten oder schriftlich gegeben hatte, 
konnte er den Gl nicht mehr so schreiben, wie er von 1, 6 an 
lautet. Ist dem aber so, so sind die Vertreter der gal. Gemeinden 
von den 1, 2 genannten oi ohv Ijuol TtdyTtg udehfoi nicht aus- 
geschlossen zu denken. Es muß dem PI gelungen sein, sie von 
der Richtigkeit seines Urteils über die gal. Wirren zu überzeugen, 
was von ihm selbst zu hören für die Gal. von Wichtigkeit war. 
Das stärkte dem Apostel selbst den tapfern Mut, in welchem er den 
ganzen Brief eigenbändig schrieb (s. zu 6, 11). Die Hoffnung, die 
ganzen Gemeinden Gal. 's für sich und sein Ev zu erhalten, hi;t 
ihn nicht getäuscht. Sie sind nicht eine Beute der Judaisten ge- 
worden, sondern in lebendigem Zusammenhang mit PI und der 
von ihm gesammelten, gesetzesfreien Heidenkirche geblieben cf 
1 Kr 16, 1 cf 1 Pt 1, 1. 

§ 2. Bestimmung, Zeit und Ort des Briefs.'^) Der 
Versuch, dem Gl seine Stelle in der Geschichte des PI anzuweisen, 
hängt wesentlich davon ab, was unter fj Fcdazia 1, 2 zu verstehen 
sei, eine Frage, welche auch zu 1 Kr 16, 1 und 1 Pt 1, 1 sich 

*) Auch 1 Kr in, 17 werden die dort geuaunteu Personen nicht als 
Überbringer des Gemeindeschieibens und der Autwort des PI bezeichnet, 
obwohl nicht daran zu zweifeln ist, daß sie es waren. 

**) Nach den Bd l Vorrede S. VI ; S. 2 ff. für diesen Kommentar auf- 
gestellten Grundsätzen kann das für Entscheidung der Streitfrage in Be- 
tracht kommende historisch-geographische Material hier auch nicht in der 
zusammenfassenden Kürze wie in meiner Einl § II A 3— .5 vorgeführt 
werden. Zu der dort A 1 u. 2 angegebenen Liteiatur ist hinzuzufügen: 
\V. Ramsay, A historical conimentary on St. Pauls epistlc to the G'alatians 
1899; V. Weber. Die Adressaten des Gl. Beweis der rein-südgalatischen 
Theorie liJÜO; .f. Wei li in Prot. RE. X^ 554—560. V. Weber. Die antioch. 
Kollekte, die übersehene Hauptorientierung f. d. Paulusforschnng, grund- 
legende Eadicalkur zur Gesch. d. Ui Christentums 1917. A. Steinmaiin, Die 
Abfasrtungszeit des Gl, 1906; Ders., Der Leserkreis des Gal 1908 (Neutestl. 
Abhaiidlnni;en hr.<g. v. Blndau 1. 3. 4). [Hier sehr reichhaltige Lit Angaben 
über die Einleitnng.'ifragen zum Brief. Stähelin, Gesch d. kleinas. Gal.- 1907. 
— Über die Grenzen der Prov. Gal. RE 10, 555 ff., über Veränderungen ihres 
Umfangs seit Gründung der Provinz, Steinm., Leserkreis 41 ff. Das Schwanken 
über die Zugehörigkeit von Derbe zur Provinz erledigt sich für die Zeit des 
PI durch den Namen Claudio-Derbe (s. S. 14 1, der die Stadt deutlich als zum 
röm. Reich gehörig ktnntlich macht. Vgl. Ramsay, Hist. coram. S. 232.] 



10 Einleitung. 

«rhebt und jedenfalls in bezug auf die beiden paulinischen Stellen 
gleichmäßig zu bnantworten ist. Es frft«;t sich und ist nachgerade 
lange genug strittig gewesen, ob PI unter Ual. die Landschaft ver- 
steht, welche nach endgiltiger Nied^rlaasung der 278 a. Chr. in 
Kli'inasien eingebrochenen keltischen Stämme der Tectoeagen um 
Ancyra, der Tt>ii8tobogier (oder Tolistoayier) um Pessiuus und der 
Trocmer um Tavium diesen Namen führte, oder die römische Pro- 
vinz des gleichen Namens, wclclie nach dem Tode des letzten 
(■ralaterkönigH Amyntns 25 a. Chr. eingerichtet wurde und zur 
Zeit der piuilinischen Briefe außer dem Galaterland unter anderem 
den östlichen Teil Phrygiens, Lykaouien uud Teile von Pisidien, 
also das Gebiet umfaßte, in welchem PI und Barnabas auf der 
ersten Mis^ionsreise eine Reihe von Gemeinden gegründet haben 
(AG 13, 14 — 14, 23). J^aß dem Wortausdruck nach beides mög- 
lich sei, hätte nie bestritten werden sollen. Jede römische Pro- 
vinz hatte, wie bunt sie zusammengesetzt sein mochte, ihren Namen, 
und zwar in der Regel einen einzigen. Nur, wo nicht mehr als 
zwei, ursprünglich gegen einander selbständige Gebiete zu einem 
Verwaltungshezirk vereinigt waren, wie Bithynien und Pontus, war 
ein entsprechender J")oppelname üblich, obwohl man auch in solchen 
Fällen häufig genug, und im Leben gewiß noch häufiger als in 
Literatur und Inschriften, mit dem Namen nur eines Teils die 
ganze Provinz bezeichnete. •') Bei einer Provinz wie Galatien, 
welche aus einer großen Zahl früher politisch von einander getrennter, 
ethnographisch und selbst sprachlich verschiedenartiger Landstriche 
bunt zusammengewürfelt war, war eine einheitliche Benennung 
notwendiger als irgendwo sonst. Die unter dem Galaterkönig ver- 
einifs't gewesenen Länder ') werden von Plinius (nat. bist. V, 95 u. 
147), Tacitus (bist. IT, 9 cf ann. XIII, 35; XV, 6), Ptolemaeus 
(geogr. V, 4) unter dem Namen (Jalatia zusammengefaßt, und eine 
Inschrift von Ikonium aus dem l. Jahrhundert (C. I. Gr. 3991) 
nennt die ganze Provinz, zu welcher diese vom alten Galaterland 
weit abliegende Stadt von ihrer eigenen Bürgerschaft gerechnet 
wird, ra/.aii/.i] IrraQXiia. Der gleiche Sprachgebrauch ist für 1 Pt 
1, 1 anzunehmen; denn unter den Namen, wodurch dort der größte 
Teil Kleinasiens, ein zusammenhängendes Gebiet umschrieben wird, 
finden wir keinen einzigen Namen einer alten Landschaft, welcher 
nicht zugleich Name einer römischen Provinz wäre, nämlich nicht 
Phrygien und Lykaonien (Mysien, Pisidien) "**), obwohl es in 

") Plin. ep. ad Trai. 17»'' 18. ll.S. 114 (die ckntntes Bithynicae oder 
luae sint in Bithynia sind keine andern als die Bithynne et oder vel 
Ponticae 108. 109, oder Bithyni et Fontici). C. I. Gr. 2.590 cf Pauly- 
Wissowa III. 527. 

^j Cf Strabo XV^II p. 840 Tr/.fjp rn}.nT&v y.ai rwv viö ^AfivvTU yerouivcof 

'•) [Vgl. Lankorowsky, Städte Pamphylicus, Bd I Pisidien 1892.] 



I 



§ 2. Bestimmung, Zeit und Ort des Briefs. 11 

■diesen Landschaften blühende Christengemeinden gab, sondern nur 
Provinznaraen, darunter wenigstens einen, welcher nicht zugleich 
ein älterer Landschaftsnarae war, nämlich Asien. Daraus folgt 
doch wohl, daß Petrus auch unter Galatien die römische Provinz 
fHeses Namens versteht und bei diesem Namen in erster Linie, 
wenn nicht ausschließlich, an die durch PI und Barnabas gestifteten 
Gemeinden im pisidischen Antiochien, Ikonium, Lystra und Derbe 
denkt. Daß PI Gl 1, 2; 1 Kr 16, 1 unter al exA/.f^aiai tilg FaLa- 
liag nichts anderes verstanden haben will, ist schon hiernach wahr- 
scheinlich, wird aber dadurch nahezu gewiß, daß PI überhaupt, im 
Unterschied von Lukas, *j überall der römischen Provinznamen sich 
bedient und niemals einen mit diesen sich nicht deckenden älteren 
Landschaftsnamen gebraucht. Mit merkwürdiger Bebarrliclikeit hat 
man es besonders unwahrscheinlich gefunden, daß PI die Bewohner 
der Provinz, welche er möglicherweise Galatien genannt habe, als 
Galater angeredet haben sollte 3, 1, wenn sie nicht ihrer Ab- 
stammung nach zum eHvog xCbv Fa/.aiüjv gehört hätten. Auch die 
Bewohner des Galaterlandes waren ja zum geringeren Teil Kelten, 
Galater in ethnographischem Sinn. Die dort eingewanderten Kelten 
waren und blieben eine herrschende Kriegerkaste, ein im Vergleich 
mit der Gesamtbevölkerung wenig zahlreicher Landadel. Aber 
Galater wurden von Griechen und Römern auch die von jenen 
unterworfenen Eingeborenen genannt, weil sie in Galatien wohnten 
oder von dorther anderswohin kamen. ^) Diese Benennung von 
Leuten nach den politischen Bezirken und Städten, die ihre Hei- 
mat waren, ohne jede Rücksicht auf die Nationalität, ist über- 
haupt die Regel in der Kaiserzeit, und nicht diese Regel, son- 
dern ihre Ausnahmen bedürfen der Erklärung. PI und hierin 
auch Lukas folgen überall der Regel. Die Christen der römischen 
Koloniestädte Philippi und Korinth, also Römer (AG 16, 21), 
Griechen, Juden, zugewanderte Asiaten (AG 16, 24) ohne 
Unterschied redet PI als Philipper und Korinther an (Phl 4, 15; 

8) AG 14, 6 Lykaonien, 14, 24 Pisidien, 16, 7 f. Mysien, 2, 10; 16, 6: 
18, 23 Phryden, 17, 15 (cod. D; Thes>alien, 20, 2 Hellas Auch Asien be- 
deutet bei ihm nicht die Provinz, sondern bat engere Bedeutung. Aus- 
führlicheres hierüber Eml § 11 A 4. [Zahn. AG S. 492 f.J Ebenso über 
den Sprachgebrauch des PI. Hier nur die Stellen: Achaja Rm 15, 26: 

1 Kr 16, 15; 2 Kr 1, 1; 9, 2; II. 10; 1 Th 1, 7f ; Macedonien 1 Kr 16, 5; 

2 Kr 1, IH; 2. 13; 7, 5: 8, 1: 11, 9; Rm 15, 26; 1 Th 1, 7f : 4. 10; Phl 
4, 15; Asien 1 Kr 16. 19; 2 Kr 1. 8: Rm 16, 5: 2 Tm 1, 15; lllyrien == 
Dalmatien Rm 15, 19; 2 Tm 4, 10; Judäa (= Palästina) Gl 1, 22; 1 Th 
2, 14; 2 Kr 1, 16; Rra 15, 31; Arabien (in politischem, nicht ethnographi- 
schem Sinn) Gl 1. 17; 4, 25 cf 2 Kr 11, '^2. [Wie stark PI in den röm. 
Bezeichnungen lebt, ist z. B. Phil 4, 15 zu sehen, wo er die Phil <Pi/urrTr,tuoi 
anredet. Das ist. wie Rainsay, Eist. comm. S. 320 f. aufmerksam macht, 
die gräzisirte Form des lat. Philippenses, während es rein griechisch 
'PtliTtTTsi's oder </'«/.<.t.t/;i<Js heißen müßte.] 

») Cf Ramsay, Histor. comm. p. 75—85. 119 f. 137 ff. 



12 Einlcituujj. 

'2 Kr ti, 11), spricht von den durchweg ebenso national ge- 
mischten Christen der Provinz ilacedouien als Miicedoniern 2 Kr 
9, 2. 1 cf AG 19, 29. Lukas nennt .luden aus der J'roviuz Pontus, 
ans Parthien und iiledien, ans Alexandrien und Koni Poutiker, 
Parther, Meder, Alexandriner und Römer AG 2, 9. 10; 18, 2. 24. 
Warum PI nicht die christlichen Bewohner der Provinz Galatien 
(talater? "Wie sollte er sie anders anreden, wenn er alle zusarameii- 
fassen wollte ? In den siidgalatischen Städten, wo Christengemeinden 
entstanden waren, also auch in diesen Gemeinden, befanden sich 
Phrygier, Lykaonier, welche neben dem Griechischen ihre alte 
Landessprache noch gebrauchten (AG 14, 11), vielleicht einige 
Kelten, viele Hellenen und völlig hellenisirte Asiaten, manche 
römische Bürger und nicht wenige Juden (s. unten). Für einen 
großen Teil der Bevölkerung wären die Namen Phrygier, womit 
«iie Vorstellung des käuflichen Sklaven fast untrennbar verbunden 
war, und Lykaonier, was einen Barbaren bedeutet hätte, geradezu 
beh'idigind gewesen. AVer sie alle zusammenfassen wollte, konnte 
nicht l»loß, sondern mußte sie Galater nennen. — Daß die alt- 
kirchlichen Autleger, soweit sie iibeihanpt über die „Adresse" des 
Gl sich äußern, ohne weiteres als solche die Bewohner des Galater- 
iandes annahmen, erklärt sich sehr einfach daraus, daß alle die, 
deren Auslegung zum Gl uns erhalten ist, erst nach der Mitte des 
1. Jahrhunderts geschrieben haben, und daß die Provinz schon vor 
297 aut das Gebiet der 3 Galaterstämme beschränkt war. ^") Wir 
wissen wirklich besser, als die gelehrten Väter des 4. und 5. Jahr- 
bui.derts, was zur Zeit des PI die Namen Galatien und Galater 
bedeuteten, und müssen es schon nach dem, was bisher in Betracht 
gezogen wurde, für viel wahrscheinlicher halten, daß PI Gl 1, 2; 
3, 1 ; 1 Kr 16, 1 ebenso wie Petrus 1 Pt 1,1 haupteächlich oder 
auch ausschließlich die im Süden der Provinz von ihm und ßarnabas 
gegründeten Gemeinden im Sinn hatte. Die Entscheidung liegt in 
der Vergleichnng dessen, was wir durch den Gl über den Charakter 
und die Entstehung der gal. Gemeinden erfahren (cf § 1), sowohl 
mit dem, was uns die AG über die Geschichte der Mission im 
Innern Kleinasiens berichtet, als mit dem, was wir über die Kultiir- 
verhältnisse in den beiden sehr verschiedenartigen Hälften der Pro- 
vinz, dem Galaterland im Norden und den lykaonischen und phrygi- 
scbrn Landesteilen im Süden, wissen. Nordgalatien war damals 

'") Cf besonders Hier, in der Vorrede zum 2. Buch seines Komm., 
Vallarsi VII. 42.Ö — 480. Auch Lacianz in den verlorenen, von Hier. 1. 1. 42fi 
citirten Briefen ad Probum (cf v. ill. i-Oi setzt die diokletianische Proviiizial- 
eintt-ilung voraus. [Steiniii., der stark für die nordtjal. Hypothese eintritt, 
untersucht auch den profanen Sprachgebrauch. Er muü dabei zugeben 
(8. 67). daß z B. Plin. in Nat. bist V, 146—4.7 (= V, 42) von Seleucia, 
Neapolis u. Lystra als von gal. Städten redet. Ähnlich Tacit. Annal. 15, 6. 
18, 35. Weiteres s. Zahn, AG S. 49ii. 560.] 



i? 2. ßestimmnuiif, Zeit und Ort des Briefs. IH 

nur in sehr beschränktem Maße hellenisirt. Wie die phrygische 
Sprache der Eingeborenen sich dort noch in nachchristlicher Zeit 
am Leben erhalten hat, so die keltische Sprache der eigentlichen 
öalater nachweislich bis zum Ausgang des 4. Jahrhunderts, ^^) 
woneben natürlich schon vor und erst recht nach der Einverleibung 
in das römische Reich als Sprache des Handels, des diplomatischen 
Verkehrs und der höheren Bildung, soweit solche vorhanden war, 
die griech. Weltsprache dienen mußte. Bei einem tieferen Ein- 
dringen in dieses städtearme Land würde die Jlissionspredigt mit 
sprachlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt haben. Wären dort 
die gal. Gemeinden des PI zu suchen, so müßte man sich wundern, 
daß nicht Gl 3, 28, sondern Kl 3, 11, also in einem Brief, der in 
eine längst gründlich hellenisirte Gegend gerichtet war, neben 
.luden und Hellenen auch Barbaren und Skythen, oder statt dessen 
Barbaren und Kelten als im Leserkreis vorhandene nationale Gegen- 
sätze genannt werden. Das Vorhandensein einer jüdischen Minder- 
heit in den gal Gemeinden (oben S. 3 f.) hat zur Voraussetzung, daß 
es an ihren Wohnsitzen eine ansehnliche Judenschaft gab, und dies 
beides bildet wiederum die Voraussetzung für das Auftreten der 
Judaisten aus Palästina und den raschen Erfolg, den sie unter den 
Gal. erzielten. Ein weder durch tiefgreifende Wirkung griechischer 
Oivilisation noch durch die Vorarbeit einer starken Judenschaft 
hierauf vorbereitetes Land war kein Boden, welcher die Missionare 
des gesetzlichen Christentums hätte anlocken können. Von Juden 
im Galaterland jener Zeit hören wir sogat wie nichts. In der 
Reihe kleinasiatischer Landschaften (nicht Provinzen), welche AG 
2, 9 f. als Heimatssitze von Juden genannt werden, die in Jeru- 
salem sich niedergelassen hatten, finden wir Gal. nicht. Ebenso- 
wenig in einer ähnlichen Aufzählung bei Philo 1. ad Caj. 36. Was 
man an Urkunden und Inschriften als Zeugnis für das Vorhanden- 
sein von Juden im Galaterland angeführt hat, gehört teils nicht 
nach Gal., teils ist der jüdische Ursprung zweifelhaft, teils gehört 
es zu später Zeit an, um für die vorliegende Frage in Betracht 
zu kommen. ^^) Sehr anders stand es mit der Hellenisirung und 

") Lncian, Alexander 51. Der Orakelspender vnn Aponuteichos in 
Paphlaironien wnrde von syrisch, keltisch und skythiach redenden Bar- 
baren befragt. Keltische Worte bei Pausanias X, 36. 1 cf X, 19. 11. Dazu 
kommt das unanfechtbare Zeugnis des Hier., welcher 374 oder 375 Galatien 
durchreist (ep. 3, 3), früher längere Zeit in Trier sich aufgehalten hatte, 
and auf Grund der hier und dort gemachten Beobachtungen um 387 1. 1 4;-.'0 
schreibt: Ununi est, quod inferimus et promissum in esordto reddimus, 
Galatas excepto sermone Graeco, quo onuiis oriena loquitur, proprium 
lingunm eandem pene habere quam Treviros, nee reftrre, si aliqua cxinde 
f-orruperint. 

") Cf Schürer, Gesch. d. jüd. Volks III, 17; Ramsay, Eist. comm. 
p. 167 ff. Das Edikt Jos. ant. XVI, 6, 2 bezieht sich auf alle Fälle auf 
eine Stadt der Provinz Asien und, wenn Scaligers Konjektur 'Ayy.voi^ statt 



14 Einleitung. 

mit dem Einfluß dos Judentums in dem Büdlichcn Teil der Provinz. 
Von den vikT Städten, *") in welchen das Ev eine bleibende St&tte 
fand, lagen das sog. pisidische d. h. nahe der Nordgrenze Pisidiens 
gelegene Antioclüen (bei Strabo genauer 'Ave. TXQOg Tliaiölcf) und 
Ikouium auf pbrygischem, Lystra und Derbe auf lykaonischeni 
Boden. Antiochieu, eine alte seleucidische Gründung, wurde unter 
Augustus römische Veterauenkoionie unter dem Nanieu Jtttiochiu 
Caesarea; ebenso etwas ppäter Lystra unter dem Namen Julia Felü 
Getuma Luslra. ^*) Unter Claudius wurde auch Ikonium Kolonie 
anter dem Namen Oatulia Icouivni. Bei dem näher an den isauri- 
scben Berten fzelegenen Derbe war die Benennung Claudio-Derbe 
vielleicht nur titular. Die politische Romanisirung bedeutete im 
Orient überall die Vollendung der Hellenisiruiig. Wenn die Ein- 
wohner von Lystra einmal in einem Augenblick größter Aufregung 
in der alten lykaonischen Landessprache ihren Herzen Luft macheu 
(AG 14, 11), so spricht das nicht dagegen, daß auch in diesen 
lykaoniüchen Städten das Griechische die vorherrschende Sprache 
war. Der Erzähler würde jene auffällige Tatsache gar nicht be- 
richtet haben, wenn er das letztere nicht als Eelbstverständiicb 

des '^ <'>'''<'.', der Hss das Richtige trifft, auf ein weit westlich vom Galater- 
land geiegf^nes Anryra, Stralio XII. p. .")7e>; Ptol. V, 2. ü2. Ob eine fehler- 
haft geschriebene, vielleiclit auch ungenau kopirte Inschrift (C. I. Gr. 4129), 
welche unter lauter griech. Namen auch einen II-Al'L'l' bieten soll, jüdi- 
scher Herkunft ist, erscheint mehr als zweifelhaft; denn welcher Jude wird 
sich Hsau genannt haben! Überdies ist der Fundort nach Kanisay p. 167 
bei Doryliieiim. also außerhalb des Galaterlaudes gelegen. Namen wiu 
Jaküb und E>ther in einer lui^chrifr am Wege von Germa nach Pessinue 
(Bullet, de corr. hellen. 18«3 p. 24) würden nur dann etwas beweisen, wenn 
sie ans vorclirisi lieber oder früher nachchristlicher Zeit stammten. Ist der 
Titel des Jakob wahrscheinlich Öidy.oto^ (statt /.nAyMioS) zu lesen, so war 
er einer der zahlicisen Christen die>e8 Namens, um! auch Esther hat ibreu 
festen PlHtz in dem Heiligenkaleuder mehr als eines cbristianisirten Landes 
Acta SS. Juli I. 12. 

•*) Ich wiederhole nicht den genaueren Nachweis aus Einl § 17 A ö. 
Da Ramsay, Comm. p. 123 beanstandet hat, daß Ikonium zugleich mit dem 
Namen Clawlicotiium auch den Charakter als römische Kolonie erhalten 
habe, so sei erlaubt, zu bemerken, daß die Stadt sich selbst auf Inschriften 
(C. I. Gr. :-'9i^3) und Münzen (Eckhel. III, 33) als Kolonie benennt. Es 
kann ^ich also nur fragen, ob sie es schon unter Claudius oder erst unter 
Hadiian geworden ist. von dem sie den Namen ^Ulin annahm. Ersteres 
ist aber schon dadurch bewiesen, daß die Bürgerschaft von Ikonium einen 
kaisei lieben Pn.kurator der gal. Eparchie unter Claudius und Nero nicht 
nur ihren Wnbltäter, sondern anch ihren y.Tion',- nennt (C. I. Gr. .^991). 
Daher i>t es au'h niebt eine Ungenauigkeit „einiger biblischer Kritiker", 
Hon'it-m die woblbegründete Ansicht der Fachmänner, daß Ikonium unter 
ClaiiHius Kolonie wurde und unter Hadrian einen neuen Zuzug erhielt 
cf Marqnardt. Rom. Staatsverw. P, 364; Pauly-Wissowa IV, nöl. [Vgl. 
Zahn, AG 425 f. 407 ff. 465.] 

**j Den Namen tä Avmoa und ij Avaroa hat die Stadt selbst auf 
Münz n und Denksteinen '\n LuHtra latinisirt, wie umgekehrt SieWa griech 
Iv/./.m wurde. Cf Ramsay, Comm. p. 224. 



^ 2. Bestimmaug, Zeit und Ort des Briefs. ] 5 

vorausgesetzt hätte. Vollends in dem von Haus aus hellenistischoiv 
Antioehien und in Ikunium wird jedermann griechisch verstanden 
und gesprochen haben. In diesen beiden Städten fand PI Syna- 
gogen, welche auch von vielen „gottesfürchtigen"' Heiden, besonders 
von vornehmen Frauen besucht wurden, durch deren Vermittlung 
die Judenschaft auf die ersten Kreise der Stadt einen bedeutenden 
Einfluß übte (AG 13, 14. 16, 26. 43. 50; 14, 1—5). In Lystra und 
Derbe gab es keine Synagogen. Daß ea aber auch in Ly^tia nicht 
an Juden fehlte, beweist die dort lebende jüdische Mutter des 
Timotheus, die mit einem Heiden verheiratet war (AG 16, 1), die 
erfolgreiche Aufhetzung der dortigen Bevölkerung durch die Juden 
von Ikouium und Antioehien (14, 19) und die Rücksicht, welche PI 
in Lystra auf die Judenschaft in jener Gegend zu nehmen sich ge- 
nötigt sah (16, 3). Im südlichen Teil der Provinz waren also die 
Bedingungen für eine erfolgreiche Missionsarbeit des PI und für 
die judaistische Agitation, welche im Galaterland fehlten, in reichem 
Maße gegeben. Hier werden wir demnach auch die Empfänger 
des Gl zu suchen haben. Hier hat das Ev große Erfolge gehabt. 
Abgesehen von den 4 städtischen Gemeinden, welche schon auf der 
Rückreise der Missionare von diesen amtlich organisirt wurden 
(AG 14, 23, [Zahn AG 484 f.]), verbreitete sich der neue Glaube 
auch in der umliegenden liandschaft (13, 49; 14, 6 f.). Um einen 
Grundstock von geborenen Juden und von Proselyten des Judentums 
sammelten sich in Antioehien und in Ikoniura große und überwiegend 
heidnische Gemeinden (13, 43. 46 — 48; 14, 1). In Lystra und 
Derbe, wie auf dem Lande, müssen die Neubekehrten fast ausnahms- 
los heidnischer Herkunft gewesen sein. Wir kennen mit Namen 
nur Timotheus aus Lystra, den Sohn der Jüdin Eunike und seines 
griechischen Vaters (2 Tm 1. 5; 3, 15; AG 16, 1 — 3), und einen 
gewissen Gajus aus Derbe (AG 20, 4 cf Einl §13A2u. 6;§7l 
A 3 [AG 487 ff.]). Die Bedeutung dieser Gemeinden spiegelt sich 
wider in den Berichten der heimgekehrten Missionare in Antioehien 
und bald darauf in Jerusalem (AG 14, 27; 15, 4. 12 cf Gl 2, 8) 
und in der Kirchengeschichte der folgenden Jahrhunderte (Einl 
§ 11 A 5). Hier also finden wir alles, was der Gl voraussetzt, 
und dagegen nichts von alledem im Galaterland. Es fehlt bis zum 
Ende des 2. Jahrhunderts an jeder sicheren Spur von Christentum 
und Kirche in dieser Gegend, und erst während der ersten Hälfte 
des 4. Jahrhunderts tritt sie mit der Synode von Ancyra und dem 
Bischof Marcellus von Ancyra in helleres Licht. ^^) Ob es zur 

") Der Anon. c. Mont. bei Ens. h. e. V, 16, 4 im J. 192/193 hat ktuz 
vorher die Gemeinde von Ancyra besucht. — Masr der Name des Avercios 
ein keltischer sein, so lebten doch die Trägfer desselben g;eeen Ende des 
2. Jahrb. in der Provinz Asien cf Forsch V, yi— 99; N kirchl. Ztschr. 1895 
S. 871. — Die Acta Theodoti wird man nach den Ausführungen von Del e- 



16 Einloitunß:. 

Zeit dos PI dort (4cmoinden von irgend welcher Bedeutung ge- 
geben hat, ist zweifelhaft. Hut man doch Bogar bestritten, daß 
PI jemals im Gaiaterland sich aufgehalten und gepredigt habe. 
Es muß dem Ausleger der A(i in unserem Kommentar überlassen 
bleiben, die angeblichen oder wirklichen Diinkellieiten aufzuklären, 
welche zu dieser meines Erachteus unhaltbaren Aubicht führen 
konnten.'") Nach Ad 15, 3(). 40 f. : IG, 1—5 hat PI zu Anfang 
der zweiten großen Missionsreisc in Begleitung des Silas, vom syr. 
Antiochien aus durch Cilicien reisend, zunächst die auf der ersten 
Reise gestifteten Gemeinden in Derbe, Lystra, Ikonium und dem 
pis. Antiochien in dieser Reihenfolge besucht, hat diese Gemeinden 
unter anderem durch Mitteilungen des Beschlusses der großen Ver- 
sammlung von Jerusalem (A(t 15, 23— 2I>), ebenso wie früher 
die (lemeinde des syr. Antiochions, in ihrem bisherigen gesetzes- 
freien Glauben bestärkt, aber auch durch erneute Predigt des Ev ein 
ansehnliches Wachstum ihrer J^Iitgiiederzahl erzielt (16, 5 cf 15, 
30 — 35). Da ihnen ,,vora Geist", dessen Organ wahrscheinlich der 
„Prophet" Silas war (cf 15, 32 [AG 561]), gewehrt wurde, vom 
pia. Antiochien aus, wie sie beabsichtigten, westwärts nach Asien 
(in dem engsten Sinn, welchen der Name bei Lukas hat cf Einl 
§ 11 A4) vorzudringen und zu predigen, zogen sie weiter durch 
Phrygien, in welchem sie sich bereits seit der Ankunft in Antio- 
chien befanden, und durch galatisclies Gebiet nordwärts AG 16, 6 
[Zahn AG S. 560; hier ist die LA Tijv I'. y. angenommen]. Das 
artikellose ra'/.aTixiiV xutqav scheint darauf hinzudeuten, daß nicht 
das ganze von Lukas so bezeichnete Gebiet durchwandert, sondern 
nur galatischer Boden von den Durchreisendon berül)rt wurde (cf 
dagegen 18, 23). Aber auch wenn man den Artikel des voran- 
stehenden Ti^v <I>Qvyiav zu dem zweiten Namen raitbezieht, wäre 
kaum denkbar, «iaB Lukas hierunter neben den Landschaftsnamen 
Phrygien und Mysien die von niemand so genannte römisciie Provinz 
in ihrer ganzen Ausdehnung verstanden haben sollte. Von Predigt 
in den nördlich vom pis. Antiochien liegenden Teilen Phrygiens 
und des Galaterlandes und, was damit zusammenhängt, von Städten, 
in welchen die Missionare sich aufgehalten, hören wir nichts. Da 
das Ziel der Wanderung nach AG 16, 7 ein Punkt war, von wo 
man sich entweder weiter in gleicher nördlicher Richtung nach 
Bithynien oder westwärts nach Mysien wenden konnte und hierüber 
einen Entschluß fassen mußte, so können die Missionare nur den 
westlichsten Teil des Galaterlandes durchzogen haben. Auf der 
dritten Reise ist PI vom syr. Antiochien aus durch die tief im 

haye, Anal. Boll. XXII, 320—328 schwerlich noch als historisches Zeugnis 
▼erwerten dürfen. 

"j Rdmsay. der sie hauptsächlich vertritt, habe ich Einl § 11 A 4 
S. 134 ff. ausführlich genug zu widerlegen versucht. 



§ 2. Bestimmung:, Zeit uud Ort des Briefs. 17 

Innern Kleinasiens liegenden Gebiete nach Ephesus gereist (AG 19, 1). 
Von den Gemeinden und Städten, die er auf diesem langen Wege 
berührte, gehen uns nur die Worte 18, 23 [Zahn AG 666j 
difQX'^f'^^'O'ti /.ctO^e^fig tj^v raXaiixi^y y/oqav xal (pfjc'/iav, ottjqiKüjv 
TTCfirac Tübg uadr^iäg eine dunkle Andeutung. Diesmal hat er das 
Galaterland in seiner Ausdehnung von Osten nach AVesten durch- 
zogen, ist dann durch phrygisches Geriet auf einem Wege, welcher 
durch das Ziel Ephesus gewiesen war, weitergereist. Ob er im 
Galaterland Gemeinden vorgefunden hat, ist nicht mit Sicherheit 
zu behaupten. An vergleichbaren Stellen hören wir von i/./.}.r^aiai 
14, 23; 15, 41; 16, 5; 20, 17. 28, hier nur von ua&rjai, und 
das dabeistehende Ttawag kann nach dem Zusammenhang nur heißen: 
überall, wo er auf dieser langen Reise Christen antraf, begrüßte 
und bestärkte er sie. Es mag sein, daß dies auch in einigen gal. 
Städten stattfand, und es ist nicht unmöglich, daß solche Jünger 
trotz des Schweigens in AG 16, 6 durch PI und seine Gehilfen 
früher für den Glauben gewonnen waren. Sie können aber auch 
von Handelsreisen in anderen Gegenden, wo das Ev mit Erfolg 
gepredigt worden war, ihren Glauben mitgebracht haben oder aus 
solchen zugewandert sein. Kurz, es ist äußerst zweifelhaft, ob es 
im Galaterland zur Zeit der Gl Christen gab, und sogut wie gewiß, 
daß dort keine größereu Gemeinden bestanden, an deren Gründung 
PI mit großer Anstrengung gearbeitet hatte. Man müßte dem Vf 
der AG, welcher den PI zweimal nur durch das Land hindurch- 
reisen läßt, ohne von Missionspredigt, von entstehenden oder be- 
stehenden Gemeinden etw^as zu sagen, jede Kenntnis der Missions- 
geschichte absprechen, wenn die „Gemeinden Gal. 's" Gl 1, 2; 1 Kr 
16, 1 im Lande der Kelten gewohnt hätten. Es wäre ferner 
unverständlich, daß die Judaisten des Gl an den bedeutenden und 
alle Voraussetzungen für einen Erfolg ihrer Bemühungen bietenden 
Gemeinden in Südgalatien vorbeigegangen wären, um einige zer- 
streute Christenhäuflein im Keltenland heimzusuchen. Kein Ver- 
treter der nordgalatischen Hypothese vermag es zu erklären, daß 
die südgalatischen Gemeinden, deren Bedeutung durch die Ge- 
schichte ihrer Gründung, durch die Legende von Thekla und PI, 
durch die Kirchengeschichte des 2. und 3. Jahrhunderts so stark 
bezeugt ist, in allen Schriften des NT's mit Ausnahme der AG 
Iteine Spur ihrer Existenz zurückgelassen haben ^^*), und daß dagegen 
Gemeinden, von deren Entstehung und Bestehen in apostolischer 
Zeit uns jede sichere Kunde fehlt, da Lukas von ihrer Entstehung 

'"•i Steinmann in der Recension der ersten Aufl. die.^es Kommentars 
(Theol. Revue 1906 S. 51) glaubte diesem Satz jede Beweiskraft durch die 
Bemerkung zu entziehen: dies sei „ein Geschick, daß sie (nämlich die Ge- 
meinden im pisidischen .\utiochien, Ikonium, Lystra und Derbe) nicht allein 
trairen vtrl. .\ntiochien in Syrien, die Gemeinden auf Cypern, 
in Troas, Milet, Beröa". Also Gl 2,11—14 soll kein neben die AG 
Zahn, Galaterbrief. 3. Aufl, 2 



18 Einleitang. 

schweigt und von ihrer Existenz höchstena eine leise, üherdier 
«weideutige Andeutung macht, durch den Gl, durch die bedeutsame 
Erwähnung 1 Kr 16, 1 und durch 1 Pt 1, 1 als ein wichtiger 
Bestandteil der durch PI gesammelten Heidenkirche sich uns dar- 
stellen. Die unhaltbare Hypothese hat ein im besten Sinne natür- 
liches Verständnis mancher Stellen des Gl lange genug vereitelt. 
Umgekehrt liefert eine lebensvollere Auffassurg dieser Stellen eine 
Reihe von auffiilligen Bestätigungen der Annalime, daß der Gl an 
die auf der ersten Missionsreise von PI und Barnabas gegründeten, 
auf der zweiten Missionsreise von PI und Silas besuchten und 
numerisch gestärkten Gemeinden in der südlichen Hälfte der Provinz 
Galatien gerichtet war. Obwohl ich die Gefahr nicht verkenne, 
hiedurch zu besonders schonungsloser Kritik meiner Auslegung 
herauszufordern, muß ich mich doch zum Beweise für diese Be- 
hauptung auf die nachfolgende Auslegung, vor allem von 4, 13 — 15 
und 5, 11, aber auch von 1, 8 f . ; 2. 5; 3, 1—5. 26—29; 4, 
20; 6, 17 berufen. Wenn ich früher'") die Meinung vertrat, daß 
PI im Gl die südgalatischen Gemeinden zwar hauptsächlich im Auge 
gehabt, mit diesen aber auch die minder bedeutenden Gemeinden 
im Keltenland zusammengefaßt habe, so war das eine anscheinend 
richtige Konsequenz der Einsicht, daß PI unter j' Fa/Miia die 
römische Provinz dieses Namens verstehe. Denn, wenn es im 
nördlichen Teil der Provinz Gemeinden gab, so gibt es kein zu- 
tretendes Zeugnis für die Existenz einer Christengemeinde im syr. Anti- 
oc bien zur Zeit der Apostel sein! Das positive Gt-genteil dieser Verneinung 
ergibt S'ich ja auch aus den Angaben Gl 2. 1 — 3 über eine gemeinsame 
Eei?e des PI. des Barn, und des Titus nach Jerusalem, deren Ausgautrs- 
poiikt PI nur darum nicht mit Namen bezeichnet, weil selbstverständlich 
die syrische Hanpt.«tadt gemeint war (cf Gl 1, 21; AG 11, 25. 27 f.; 13, 1; 
14, 25— 1-^. 4i. Dazu kommt die Bischofs-liste des syrischen Antiochiens, 
die mit Ignatins und seinen Briefen in helles geschichtliches Licht tritt 
und bis zum .\ussang der Apostelzeit hinaufreicht. — Von christlichen 
Gemeinden auf Cypern hören wir allerdings aus den übrigen ntl 
Schriften außer der AG nichts, aber auch aus der AG selbst rein gar nichts 
8. bd V. 421 zu AG 13, 4—13 auch S. 409 A 29. Nicht anders verhält 
es sich mit Milet. Schon aus dem Schweigen des Lc AG 20, 15—17. 36 — 38 
über die Exi^tenz einer Gemeinde daselbst ergibt sich mit Sicherheit, daß 
damah eine solche noch nicht vorhanden war. Auch in der johanneischen 
Apokalypse und den Resten der kleinasiatischen Kirchenliteratur der nächst- 
folgenden 2 Jahrhunderte mit Einschluß der auf kleina-siatischem Boden ge- 
schriebenen igiiatianischen Briefen sucht man den Namen Milet vergeblich. 
Erst in den Verzeichnissen der zu Nicäa versammelten Bischöfe (ed. Geizer 
p. LXIII. 42 f. H8) finden wir ihn. Wie kann man dann das Schweigen 
der Urkunden über solche wirklich nicht existirende Dinge vergleichen mit 
dem, abgesehen von der Andeutung in 2 Tm 3. 11. völligen Schweigen 
aller Literatur über die 4 Gemeinden im südlichen Teil der Provinz Ga- 
latien. wenn diese nämlich nicht mit den Gl 1, 2; 1 Kr 16, 1 erwähnten, 
Gemeinden Galatiens identisch sind. 

^■^ In der 1. und 2., nicht mehr der 3. Atifl. der Einl I, 125. 



§ 2. ßestimmang, Zeit und Ort des Briefs. 19 

UwBigeB Mittel, die«e von zalg iy.xXr^aiuig tf^g iW.arlag Gl J, 2 
auszuschließen. Aber diese Voraussetzung ist mehr als zweifelhaft. 
Ist höchBtens das als wahrscheinlich anzuerkennen, daß es zur Zeit 
von A6 18, 23, einzelne Christen im Keltenlande gab, so fragt 
sich noch erst, ob solche schon zur Zeit des Gl dort vorhanden 
waren; und wenn die« der fall war, braucht PI bei seinem Brief 
an die großen, nach ihrer Geschichte gleichartigen, zur Zeit von 
der gleichen Gefahr bedrohten Gemeinden Hüdgalatiens, die ihn 
um sein Urteil gebeten hatten, an jene weit abgelegenen zerstreuten 
Christen im Norden nicht einmal gedacht zu haben."*) 

Den Anhängern der früher herrschenden Ansicht lag es von jeher 
am nächsten, die Abfassung des Briefs nach Ephe^us in die 2'/^ jährige 
Zeit nach der dauernden Niederlassung des PI daselbst zu ver- 
legen AG 19,8 — 10. Teilweise wirkte dazu die irrige Auffassung 
von Gl 1, 6 mit, wonach dort die Zwischenzeit zwischen der letzten 
Anwesenheit des PI im Galaterland (AG 18, 23), und der Ab- 
fassung des Briefs als eine kurze bezeichnet sein sollte. Eine 
natürliche Erklärung von Gl 4, 20 ist bei der Annahme einer Ab- 
fassung in EphesUH mindestens schwierig. Denn warum erwägt PI 
nicht die Mögli'hkeit, die nicht allzugroße Reise von Ephesus nach 
Pessinus oder Ancyra zu machen? warum gibt er nicht Gründe 
an, welche ihm dies verbieten? 

Sind die Empfänger des Gl die südgalatischen Gemeinden, so 
kann er nicht früher als nach der Niederlassung des PI in Korinth 
geschrieben sein ; denn seit dem zweiten Besuch der Gemeinden 
AG 16, 1 — 5 muß allermindestens ein halbes .Jahr verstrichen sein, 
in welches das erste Auftreten der Judaisten, deren Wirksamkeit 
bis zu der Höhe des Erfolgs, die uns der Gl darstellt, und die 
Benachrichtigung des in weiter Entfernung weilenden PI über die 
dortigen Zustände durch AV>geBandte der gal. Gemeinden fällt. 
Nimmt man hinzu, daß die Judaisten von Palästina nach Gal. ge- 
kommen sind und doch sicherlich nicht früher dorthin sich be- 
geben haben, als nachdem sie gehört hatten, daß PI die gal. Ge- 
meinden wieder verlassen habe und nach Europa gezogen sei, so 
wird man als Zwischenzeit zwischen den beiden genannten Tat- 
sachen lieber ein ganzes als ein halbes Jahr annehmen. Obwohl 
wir nicht genau berechnen können, wie viel Zeit die Reise von 
Troas durch Macedonien und Griechenland bis Korinth, insbesondere 
atrch der Aufenthalt in Athen in Anspruch nahm, so doch aller Wahr- 
scheinlichkeit nach nicht mehr als 6 Monate. Erst in Korinth kam 
es zu einer förmlichen Niederlassung und zu einer stetigen Arbeit 
AG 18, 1 — 18, welche dem PI jedoch Zeit ließ, auch der früher ge- 
gründeten Gemeinden durch Sendung von Boten und Briefen sich 
anzunehmen. Daß er in Korinth auch mit seinen außereuropäischen 

''•) Näheres hierüber s. Bd. V S. 560. 666 f. zu AG 1«, 6 u. 18, 23. 

2* 



20 Eiuleitnng. 

Gemeinden in Verkehr gestrmden bat, ist aber nicht bloße Ver- 
mutung, sondern durch den in Korinth geschriebenen l Th bezeugt. 
Nicht nur in Macedouien und (Griechenland, sondern an jeglichem 
Ort war das Gliiubigwerden der Cnrislen von Thessalouicli bekannt 
geworden, so daß er und seine Gehilfen Silas und Tiiiiotlieus nicht 
nötig hatten, etwas davon zu sagen ; denn sie (die Cbristen der 
betreffenden Orte) verkündigten selbst, was für einen Eingang die 
Missionare bei den Leuten von Thess. gefunden baben, und wie 
diese sich zu Gott bekehrt haben (1 Th 1,8 f.). Da es außerhalb 
Macedouiens und Griechenlands damals noch keine Gemeinden in 
Europa gab, muß hier von Gemeinden in Asien die Rfde sein. 
Und da die erste Kunde von der Gomeiiidegründung in Thess. zu 
den Cbristen in Beröa, Athen und Korinth durch niemand anders 
als durch PI selbst gelangt sein kann, in folge von dessen Predigt 
es erst Christen in diesen Stadte-n gab, so bezieben sich die Worte 
lüOre. fti] xpc/av <;f</»' fjtSig 'lu'/.tiv ti xrX. lediglich auf asiatische 
Gemeinden. Es handelt sicli aber um mündlichen Austausch zwischen 
PI und diesen Gemeinden. PI „saß ein Jahr und (i Monate" in 
Korinth (AG 18, 11) ^~^), bat also in dieser Zeit außereuropäische Ge- 
meinden nicht besucht. Es müssen demnach Vertreter asiatischer 
Gemeinden zu ihm nach Korinth gekommen sein. Von diesen 
erfuhr er, daß man in ihrer Heimat schon von den großen Er- 
folgen des Ev in Macedonien genaue Nachrichten erbalten und 
Freude darüber empfunden habe. Es müssen dies Gemeinden ge- 
wesen sein, welche für die fortschreitende Missionsarbeit des PI 
ein lebhaftes Interesse hatten und von ihm seihst oder einem seiner 
Begleiter üher den Foitgang ihrer Arbeit je und dann in Kenntnis 
gesetzt wurden; denn die erst durch die Missionare bekehrten 
Macedonier können ja keinen Anlaß gehabt baben, an Gemeinden 
in Asien solche Nacbriciiten gelangen zu lassen. Wie aber sollte 
es ein Timotheus unterlassen haben, seiner Mutter in Lystra oder 
dem Presliyterium, dessen Handaufle^ung ihn für den Missions- 
dienst gesegnet hatte (1 Tm 4, 14), Nachrichten über sich und PI 
zukommen zu lassen, so oft Zeit und Gelegenheit dazu sich fand? 
Es will mir doch scheinen, es liege bi«r ein merkwürdiges Zu- 
Bammentreffen vor zwischen dem, was wir dem Gl und dem, was 
■wir den in Korinth geschriebenen Worten 1 Th 1, 8 f. zu entnehmen 
haben. Die asiatischen Gemeinden, mit deren Vertretern PI nach 
letzterer Stelle in Korinth persönlich verkehrt hat, sind die gal. 
Gemeinden, deren Vertreter zur Zeit des Gl bei ihm anwesend 
waren, s. oben S. 8 f. In Korinth also wird der Gl geschrieben 
Bein, und zwar zu einer Zeit, da die den Gul. so wohl bekannten 

•'^) [Zahn AG S. 656 n. 867 f. berechnet auf Grund des Schreibens 
des Kaisers Clundius an die Stadtgemeinde Delphi die Zeit auf Herbst 51 
bis Frühjahr 53. Vgl. auch Wohleuberg, N, kirchl. Ztschr. 1912, 389 ff.] 



§ 2. Bestimmung, Zeit und Ort des Briefs. 21 

Gehilfen, der aus ihrer eigenen Mitte hervorgegangene Lysfraner 
Tiraotheus (AG 1(5. 2) und Silas, welcher bei dem zweiten Besuch des 
PI in dessen Begleitung zu ihnen gekommen war (AG 15, 40 — 16, 5), 
wahrscheinlich nicht bei PI anwesend waren (oben S. 2). Es liegt 
nahe anzunehmen, daß der Gl in die Zeit vor der Wiedervereinigung 
des PI mit seinen Gehilfen in Koiinth (AG 18, 5; 1 Th 3, (S), also 
auch vor den beiden Briefen an die Thess. (1 Th 1, 1 ; 2 Th 1, 1) 
und somit von allen uns erhaltenen Briefen des Apostels zuerst 
geschrieben sti. Es will allerdings bedacht sein, daß Timotheus 
und Silas sich überhaupt nur vorübergehend in Korinth aufge- 
balten haKen. Bei allem, was AG 18, 6 — 18 von PI in Korinth 
und von Sf'iner Abreise von dort berichtet wird, geschieht ihrer 
keine Erwähnun^r ; es ist immer nur von PI allein die Rede 
(18, 6 iy(ü, 18, 7. 9—11. 18 cf dagegen 16. 6—17, 15). Nach 
1 Kr 4, 14 — 17; 3, 6. 10; 9, 2 sind sie in keiner Weise Mitstifter 
der Gemeinde, und nur im 2 Kr, welcher nicht an die Ortsgemeinde 
von Korinth allein, sondern zugleich an alle Christen von Achaja, 
also auch an die von Athen, Kenchreä und wer weiß wie vielen 
anderen Orten gerichtet ist (2 Kr 1, 1), nennt PI sie neben sich 
als grundlegende Prediger des Ev 1, 19. Es ist daher doch wohl 
etwas mehr als Vermutung, das Timotheus und Silas wie in Athen 
(1 Th 2, 17 — 3, 5), so auch an anderen Plätzen der Provinz tätig 
waren, während PI in Korinth „saß", und daß sie nur kürzere Zeit, 
vermutlich zu wiederholten Malen mit PI zusammen in der Haupt- 
stadt verweilten, wie zur Zeit von 1 u, 2 Th, aber nicht zur Zeit 
des Gl. Dieserhalb könnte der Gl auch später als 1 u. 2 Th ge- 
schrieben sein. Dies ist aber durch 1 Th 1, 8 f. ausgeschlossen; 
denn darnach hat der persönliche Verkehr des PI mit den Ab- 
gesandten der gal. Gemeinden schon vor Abfassung des 1 Th 
stattgefunden. Es ist daher der Gl in der Tat der älteste der- 
jenigen Briefe des PI. welche der Nachwelt erhalten blieben. ^^) 
In Korinth konnte PI wegen der weiten Entfernung und der 
drängenden Arbeit am Orte (AG 18, 5. 9 f ; 2 Th 3, 1 f.) nicht 
daran denken, zu den gefährdeten Gemeinden Gal. 's zu reisen. 
Wie gerne er sie persönlich gegrüßt und die tiefe Bewegung seines 
Gemüts ihnen hörbar und fühlbar gemacht hätte Gl 4, 20, mußte 
er sich an dem geistigen Verkehr mit ihnen genügen lassen (6, 18). 
Aber alles, was in seiner Macht stand, bis zu der eigenhändigen 
Aufzeichnung des ganzen Briefes (6, 11), wandte er an, sein Ein- 
greifen in die verworrenen Zustände der gal. Gemeinden zu einem 
persöidichen und lebendigen zu gestalten. Die Deputirten, welche 
den Brief in die Heimat brachten, mochten durch mündlichen Be- 

'*) Die Meinnng V. Webers, Die Abfassung des Gl vor dem Apostel- 
konzil, 1900, ist abgesehen von vielem anderen durch 4, 18 völlig aus- 
geschlossen s. z. St. 



22 Einleitaug. 

rieht das Bild des Apostels wieder auffrischen. Sie hatten ihn in 
erfolgreichster Arbeit gesehen ; sie konnten auch bezeugen, daß die 
Folgen der einige Monate vorher in Philippi erlittenen Mißhandlung, 
von welcher die Gal. ebenso wie von den Erfolgen des Ev in 
Macedonien geh()rt haben müssen, noch an seinem Leibe sichtbar 
seien 6, 17; 1 Th 2, 2; AG 16, 22 f. 

§ 3. Zur exe luetischen und textkritischen Lite- 
ratur. "Wie in Bd I S. 21, so sollen auch hier nur die von mir 
benutzten Kommentare und sonstigen Hilfsmittel genannt werden. 
Da aber der Gl vielfach in Kommentaren über mehrere oder alle 
Briefe des PI ausgelegt worden ist, welche auch in weiter folgen- 
den Teilen unseres Gesamtkommentars zu beiücksichtigen sind, so 
schien es angemessen, gleich hier über die altkirchlichen Kommen- 
tare auch solches zu bemerken, was ebensogut in der Einleitung 
zu anderen Briefen am Platz wäre. 

Die Arbeiten der Griechen, welche Hieronymus um 387 bei 
Ausarbeitung seines K. zum Gl benutzt hat (ed. Vallarsi VII, 370 
cf ep. 112, 4 ad August.), sind gänzlich oder bis auf wenige Bruch- 
stücke verloren gegangen. Der älteste ist „der alte Häretiker" 
Alexander, ohne Frage der Valentinianer dieses Namens, welchen 
Tert. de carne Christi 16 u. 17 bestreitet und Hier, wahrschein- 
lich zu 1, 15; 2, 15; 4, 4; 4, U; 5, 12; 6, 1 berücksichtigt cf GK I, 
728; II, 431. Von Origenes hatte Hier, einen in o röfioc^^) ge- 
teilten K. gelesen, ferner eine im 10. Buch von dessen Stromateis 
enthaltene kürzere Auslegung (c mmatico sermove), außerdem noch 
traclalus (d. h. Homilien) und Exce.iyta (d. h. Schollen). Es sind 
nur wenige Fragmente des K. erhalten, '^^) der Inhalt desselben ist 



'•) Die Zahl 5, statt deren in dem Verzeichnis sämtlicher Schriften 
des Orig.. welches Hier, in einem Briet an Paula auf^^estellt hat, 15 über- 
liefert ist (s. E Klostermanu. Sitzuugsb<-r. Berl. Ak. 18ii7 S. 86ö), wird 
durch den von E. v. d. Goltz (Eine textkrit. Arbeit des 10. bzw. 6. Jahrb., 
1899) bekannt gemachten Athoscodex be-<tätigt. Der 2. Tomus begann mit 
c. 2, 3; der 8. mit c. 3, ö; der 4 mit c. 4, 5; der 5. mit c. 5, 6 cf Goltz 
S. 72 f., 94 f. Nach Versicherung des Schreihers (saec. X) stimmte der Bibel- 
text der sehr alten Hs, die er kopirt, meistens mit demjenigen überein, 
welcher in den tönoi f, bfiüim des Orig. vorlag; nur den Text des Rm hat 
der Schreiber direkt ans dem K. des Or. abgeschrieben (Goltz S. 7 f.). Zum 
Text des (tl habe ich, da eine vollständige Kollation noch nicht vorliegt, 
die Excerpte bei Goltz S. 27. 72—74. 94 f. benutzt. Cf übrigens Th. Ltrtrbl. 
1899 Nr. 16. 

*") Drei lateinii?che Fragmente aus des Pamphilus apol. pro Oriffene 
Migne 14, 1294ff. zu Gl 1, 1; 1. 11 — 1-2; 4, 4 Zu letzterem Frgm. cf Hier, 
p. 448 f.; femer zu 5, 24 p 51:^ und zu Hier. p. 432 cf Orig. in Jo. tom. 
1, 35; 28. 18; Gramer ("at. VII, 147. Aus dem 10. Buch der Strom, gibt 
Hier, zu 5. 13 p. 494 ff. ein größeres Fragment, worauf er sich p 505 wieder 
beruft. Die von Gramer (vol. VI) gedruckte Gatene des Goisl. 204, welche 
zum Eph so reiche Mitteilungen aus Orig. macht cf GK II, 427, gibt zum 
Gl (p. 1—95) nichts von ihm. 



§ 3. Zur exegetischen uud textkritischen Literatur. 23 

aber größtenteils von Hier, angeeignet. Außerdem erwähnt Hier, 
noch kürzere Arbeiten (co)iuuriitariollj des Eusebius von Emesa, -M 
des Theodor von Heraklea, des Apollinaris von Laodicea und des 
Didymus von Alexandrien, sämtlich aus der Zeit von 330 — 380; 
endlich auch die Polemik des Porphyrius in seinem 1. Buch xara 
XQiOTiavCor, welche besonders auf die Verhandlung von Gl 2, 11 — 14 
seitens der kirchlichen Exegeten von bedenklichem Einfluß gewesen 
ist cf Hier, praef. comm. und zu Gl 1, 16; 2, 11; 5, 12 p. 371. 
391. 409 f., auch ep. 112, 6 ad Aug. Ich lasse nun die 
erhaltenen und von mir zu Rate gezogenen Kommentare folgen. 

Ephr. :=S. Ephraem Syri comm. in epist. Pauli nunc primum ex 
armenio in ktiuum sermouem a patribus Mekitharistis translati, 
Venetiis 1H93 cf Th. Ltrtrbl 1898 Nr. 39-41 und Nr. 44 Sp. 518: 
Lit. RuQdschau 1894 Nr. 4 (Vetter); The Guardian, 1894 p. 700 
(Bernard). Der von Eplir. (f 373) syrisch geschriebene K. ist 
nur in einer alten armeuischen Übersetzung erhalten, und diese 
mir nur in der lat. Übersetzung ..der Mekitharisten zuganglich. 
Leider hat schon der armenische Übersetzer seine Vorlage ziem- 
lich willkürlich behandelt, den Bibi.4text vielfach der armenischen 
Vulgata assimiiirt und die Ordnung der Briefe geändert. Der 
Gl, welchen Ephr. oder vielmehr die syr. Bibel seiner Zeit, wie 
Marcion, an die Spitze aller Briefe gestellt hat, steht in der 
Übersetzung und in der Afterübersetzuug p. 12.5—139 zwischen 
Kr und Eph cf N. kin-hl. Zrschr. 1900 S. 798 ft.; Grundriß d. 
Gesch. d. Kanons 2. Aufl. S. 49. Die lat. Übersetzung hat 
weiter zur Verdunkelung des Originals beigetragen durch viele 
Ungenauigkeiten verschiedenster Art, unter anderem auch durch 
Assimilirung des Bibeltextes an die lat. Vulgata. 

Vict. = Gajas Marius Victorinus, vor 361 als Greis zu Rom in die 
Kirche eingetreten, aber bis 362 als Lehrer der Rhetorik und 
Grammatik daselbst tätig (Aug. conf. VIII, 2—5; Victor, c. Ari- 
anes II, 9), hat erst nach dieser Zeit unter anderen christlich- 
theologischen Schriften einen K. zu den Paulinen geschrieben 
(Hier. v. ill. 101; praef. comm. in ep. ad Gal), von welchem uns 
nur die Auslegung von Gl, Eph, Phl erhalten ist (Mai. Vet. scr. 
nova coli. III, 2. 1—146 cf GK II, 351). Hier, in der genannten 
Vorrede (Vall. VII, 369 1 nennt ihn als den einzigen ihm bekannten 
lat. Ausleger des Gl und der Paulinen überhaupt. 

Abstr = der sogen. Ambrosiaster, ein K. zu den 13 Paulinen 
(Arabrosii opp. ed. Bened. 1690 vol. II, appeud. p. 21—318) nach 
dem Tode Kaiser Julians (a. 363) und zur Zeit des Papstes 
Damasus (366 .384) in Rom (p. 286. 296 zu 2 Th 2, 7; 1 Tm 3, 15) 
von demselben Vf geschrieben, dessen Quaestiones in V. et N. Test, 
irrtümlich unter Au^ustins Namen überliefert sind. Als Vf des 
K. nennt die Überlieferung teils einen Hilarius (so Augustin 
c. duas epist. Pelag. IV, 4. 7, welcher ihn offenbar für den be- 
rühmten Hilarius von Poitiers hielt, uud die Iren cf H. Zimmer, 
Pelagius in Irland S. 117 f.). teils den Ambrosius. So die 
meisten Hss des K. und die mittelalterlichen Kompilatoren; unter 



2') Nicht wenige, meist kurze, aber originelle Fragmente gibt Gramer 
VI, 6. 8. 12. 20. 28. 31. 32 40 44. 57. 62. 64. 65. 67. 90. 91 ; außerdem über Gl 
3, 17 zu AG 7. 6 Gramer III, 107. 431. 



24 Einleitang. 

diesem Namen schon dem Cassiodor (inst. div. lit. 8) durtli 
Hörtn9ai;cn bekannt nnd verjjeblich von il)ni sfesucbt, obwobl er 
ihn wahrscheinlich als anonymes Werk l>esaii nnd als zweiten 
der drei von ihm empfohlenen lat. Kommentare beschrieben hat 
cf Zimmer S. 21)7. Nimmt mau hinzn, dalJ Hier, nm H87 diesen 
K. entweder nicht gfekaunt oder, vas wnhrscheiulicher ist, ab- 
sichtlich ignorirt hat (cf vorhin nnter Victorinns), so muH der 
wirkliche Name des Vf einen üblen Klanjj gehabt haben. Von den 
Vermntungeu seien erwähnt: ein römischer Diakonus Hilarius 
um '-VM — H8U (Bellarmin, Garnier, Simon); der vornehme Laie 
Hilarianus Hilarius, dessen Cursus ho)wtum wir von 
37ß— 408 verf(dt:;en können (so Morin, Revue Beued. 11)02 p. 113 ff., 
mit einiger Zurückhaltung von Souter. A study of Ambrosiaster, 
Texts and 8tud. VII, 4, Cambr. lüüö p. 183 ff. als der beste 
bisher gemachte Vorschlair empfohlen); der römische Presbyter 
Faust in US (so Langen, Bonner Programm 18?-U); der Pro^elyt 
Isaak, welcher in der Geschichte des Damasus eine üble Rolle 
gespielt hat. So früh-^r Morin, Revue dhist. et de lit. rel. IV 
nr. 2, 1899, noch bestimmter ich Th. Ltrtrbl. 1899 nr. 27, wo- 
gegen sich Zimmer S. 120f. erklärt. Des Rätsels Lösung schien 
J. Wittig gefunden zu haben (Kirchenhistor. Studien IV, 1— 66)r 
Der Jude Isaak übersetzte seinen Namen zuerst durch Gauden- 
tius, dann durch Hilarius. Zuletzt hat Morin in einer neuen 
glänzenden Untersucliung (Revue Bened. 1914 p. 1—34) noch- 
wahrscheinlicher gemacht, daß Euagrius von Antiochien, der lat. 
Übersetzer der Vita .A.utonii, der Vf des Kommentars zu den 
Brieft-n des PI u. der Quaestiones vet. et n. Testamenti (ed. Souter 
im Wiener CS EL, liiO'<) sei. 

Aug. = Augnstini Ep. ad Gal. expositionis über unus, von mir in 
dem Nachdruck der Benediktinerausg., Bas.sani 1797 tom. IV, 
1245—1294 benutzt, um 394 geschrieben, ohne Kenntnis der 
griech. Ausleger (Aug. epist. 82, 23) und ohne jede Berücksich- 
tigung des griech. Textes. Nach einigen Stellen scheint Aug 
schon damals den Abstr gekannt zu haben. Bald darauf lernte 
er auch den K. des Hier, kennen, was der Anlaß zu der berühmten 
Korrespondenz zwischen Aug. und Hier, über Gal 2, 11 — 14 
während der Jahre 395 — 444 wurde: Ang. epist. 28. 40. 67 (68). 
71 (72). 73 (75. 81). 82. in Klammern die Briefe des Hier. Cf 
auch Aug. epist. 180, 5 in bezug auf Hier. c. Pelag. I, 22. 

Hier. = Hieronymus, 3 Bücher Auslegung des Gl, Vallarsi, 2. Aufl. 
VII, 3H7— 53H, gleich nach Vollendung des ersten ntl Kommentara 
zum Phlm, um 386 — 388 in Bethlehem geschrieben, eine ganz 
von den Griechen, zumal von Origenes abhängige Arbeit. In der 
Vorrede p. H69/70 Origenis conimentarios sum Hecuhis; noch allge- 
meiner im Brief an Augustin von 404 (Epist. 112, 4 oder unter Aug.. 
epist. 75, 4 ed. Goldbacher p. 287): osteiidi, me non tx dcfinito 
defeJidere, quod i7i Graecis legeratn, sed ea expreftsisse, qnae lege- 
ram. Cf GK II, 427. Über die anderen von Hier, benutzteu 
Kommentare zum Gl s. oben 8. 22. Der von ihm zu Grunde 
gelegte lat. Text stimmt in diesem wie seinen anderen ntl Kom- 
mentaren nicht überall mit der von ihm veranstalteten Revision 
der älteren Version, mit der sog Vulgata. steht dieser aber doch 
näher als irgend einem anderen lat. Bibeltext, und näher als die 
Texte eines Victorinus, Ambrosiaster nnd Augustinus. Es scheint,. 
daß Hier, sich bei der eilfertigen Herstellung dieses Kommentars- 
nicht an seine eigene revidirte Ausgabe des lat. NTs, soweit 



§ 3. Zur exegetischen nnd textkritischen Literatur. 25 

dieselbe damals bereits veröffentlicht war,-'^) gebunden haben 
Wollte, sondern unttr wiederholier Kerücksiclitignng des griech. 
Textes, teilweise auch unter dem Eintliiü der von ihm ausge- 
beuteten griech. Kommentare den Bibeltext frei gestaltend dik- 
tirte. Nicht einmal zwischen den vorangestellten Textpartikeln 
und der nachfolgenden Auslegung besteht überall wörtliciie Über- 
einstimmung. Ehe man weitgehende Folgerungen ziehen darf, muß 
der Text sowohl der Vulg. der Faulu.-briefe als der Koinmentare des 
Hier, noch genauer festgestellt sein als bisher geschehen ist.-') 
Pel. = Pelagius, der irische Mönch und Urheber der nach ihm ge- 
nannten Lehre, schrieb während eines mehrjährigen Aufenthalts 
in Rom um 4U0 — 41Ü''*) einen kurzen scholienartigen Kommentar 
zu den 13 Briefen des Paulus, welchen Aagu>tin im J. 412 kennen 
gelernt und Papst Zosimus im J. 418 in seiner Epi.<tola tractoria 
als ein Werk des Pel citirt hat.^*) Wenn Augustin die Autor- 
schaft des Pel. als nicht völlig gesichert darstellt,-'') so folgt 
daraus nicht, daß ihm der K. ohne den Namen des Vf im Titel 
vorlag. Aug. bedient sich dieser vorsichtigen Ausdrucksweise 



^^) Nach Hier. ep. 27, 3 ad Marcellam wird gewöhnlich angenommen, 
daß Hier, schon a. 384, also mehrere Jahre vor Abfassung seiner frühesten 
Kommentare zu den Briefen des PI, seine Revision des lat. Textes der 
Pauliuen wenigstens in Angriff genommen hatte, und nach v. ill. 135 cf 
ep. 71, 5 ad Lu(inram, daß er vor 392 die Eevision auch der übrigen ntl 
Bücher vollendet hatte. 

^^) C£ inzwischen Epist. ad Galatas ad fidem optimomm codicum 
Vulgatae recognovit. Vulgatam cum ant. vets. comparavit P. Corssen 1885. 
Den beiden Teilen des Titels entspricht die doppelte Ausgabe des Gl p. 24—32 
und p. 39—50. — fcehr unbequem eingerichtet und auf teilweise unhaltbare 
Voraussetzungen (wie z. B. daß Tertiillian neben Cyprian die Urgestalt der 
lat. Bibel repräsentire) gegründet ist der Versuch von Fr. Zimmer: Der 
Galaterbrief im altlat. Text, als Grundlage für einen textkrit. Ajiparat der 
Vetus Latina 1887 (Tbeol. Stadien u. Skizzen aus Ostpreußen, Einzelaus- 
gabe Heft I). — Ich schöpfte den vorbieronymianischen lat. Bibeltext, ab- 
gesehen von den vorher genannten Kommentaren, aus den zuverlässigsten 
Keproduktiouen der Quellen und habe sie, wo es nötig war sie zu citiren, 
mit den üblichen Buchstaben bezeichnet, d = lat. Text des Cod. Claro- 
montanus (D) ed. Tischendorf 1852: g = Interlinearversion des Cod. Boer- 
nerianus ed. Slatthaei 1791; m = das pseudoaugust. Specnlum sive über 
de divinis scripturis ed. Weihrich. Wien 1^87, hinter dem echten Speculum 
Augustini p. 2»7— 700, enthalt Gl 3, 3. 19. 20; 4, 4—6 (p. 312. 325); 4. 8—12; 
6, 1— 2tt'., 7—10 f-p. 410. öfi2;; r — Freisinyer Fragmente, teils von Ziegler, 
Italafragm. der paulin. Briefe, 1876 S. 45, teils von Wölftlin, Sitzungsber. 
der bayr. Ak. Philos -philol. u. bist. Kl. 1893 Heft II herausgegeben, ent- 
halten Gl 3, 5''— 4, 3" und 6, 5^—18; r fr* nennt sie Gregory, Textkritik I, 
613) = Fragmente aus Kloster Göttweig, herausg. von Eönsch, Ztschr. f. 
wiss. Th. 1879 S. 232 ff., umfassen Gl 4,6''- 19» und 4. 22"— 5, 2«. 

^') Die Termini sind die Regierung des Papstes Anastasius 396—401 
und die Eroberung: Roms durch Alarich 410 cf Marius Mercator, Cummonit. 
2, 1; lib. subuot. 3 lligne 48 col. 83. 111. 

2^) August, de peccator. meritis III, 1, 1 ; de pecc. origin. 21 § 24. 

29) De ge.stis Pel. c. 16, 39 Pelagii esse diaintur. Cf de peccat. mer. 
III, 1, 1 legi Pelnyii quaedcnn scripta . . . quae in Pauli apostoli epistolas 
expositiones brevissimas continerent {nicht conlinent oder contineba7it). Im 
Verlauf dieser Schrift citirt er den K. öfter ohne jede Andeutung eines 
Zweifels an der Autorschaft des PeL: 2, 4; 3, 5. 6; 4, 9; 10, 18; 12, 21. 



S6 Eiulcitnng. 

auch in bezng auf andere Schriften des Pel. (jfost. Pel. 6, 19; 
2t», .')3; MO. ä4; 3.'), (55) sowohl in Erinnerung an Fälschungen, zu 
welchen sein eigener Name niißhraucht worden war, als auch aus 
CTerechtigkeitxgefühl. weil er Widersprüche zwischen Stellen des 
K. und den mündlichen Krkläruugon des Pel. auf der Synode 
von Diosjtolis aufzudecken hatte. Die unverkennbaren Spuren 
seiner bald darauf allgemein verurteilten Lehre im K. und der 
üble Klang des Namens Pel. machen es erklärlich, dalj diejenigen, 
weiche den K seiner Kürze und Klarheit wegen brauchbar fanden, 
sich bald daran machten, ihn unter Beseitigung des echten Autor- 
naniens in verschiedener Weise zu bearbeiten. Was ich in diesem 
Hand als Pel. citire, beruht auf der bahnbrechenden Arbeit von 
H.Zimmer, Pelasfius in Irland, 1901, d.h. auf einer Vergleichung 
der unter dem Namen des Hierouj'mus überlieferten Recension 
(Vallarsi XI. 3, 135—436) mit dem cod. 73 der St. Haller Stifts- 
bibliothek (Zimmer S. 280—420) und den Scholien einer Würz- 
burger und einer Wiener Gl (Zimmer S. 40—112. 138—153). 
Einzelnes daran wird zu berichtigen sein, wenn die seit dem Er- 
scheinen von Zimmers Werk von verschiedenen Seiten in Angriff 
genommenen Forschungen, wie zu hoffen ist, zu einem sicheren 
Abschluß gediehen sein und uns einen glaubwürdigen Text des 
unverfälschten Pel. geliefert haben werden.'^') Soviel ich bis 
jetzt sehe, hat Pel. seiner Auslegung durchweg den etwa 20 Jabre 
früher von Hieronymus revidirten lat. Bibeltext, die sogen. 
Vulgata zu Grande gelegt, obwohl er des Griechischen kundig 
war und griech. Ausleger, im Gal. besonders unverkennbar den 
Chrys., berücksichtigt hat. 
Ohry s. = Chrysostomus, beste Ausgabe: Chrys. interpr, omnium epist. 
Paulin. per homilias facta ed. Field, Oxonii 1849—1855. Der 
Komm, zum Gl tom. IV, 1 — 103 besteht nicht aus Homilien, be- 
ruht aber doch auf solchen (p. 23. 25), die wahrscheinlich um 
390—92 in Antiochien gehalten , von Tachygraphen nachge- 
schrieben und sodann, der homiletischen Einfassung entkleidet 
und (von Chrys. ?j flüchtig revidirt, als Buch herau.sgegeben 
wurden. Hier, kannte das Werk noch nicht, als er seinen K. 
schrieb, wohl aber, als er 404 an Augustin schrieb (Aug. epist. 
75, 6j. Um dieselbe Zeit hatte Pel. in Eom es gelesen. Wie es 
nicht an auffälligen Gedächtnisfehlern in bezug auf die Sachen 
darin fehlt (p. 27. 32. 72; Forsch VI, 325 A 1), so erklärt sich auch 
die nachlässige Wiedergabe des Textes nur daraus, daß der 
Prediger den vorher in größeren Abschnitten vorgelesenen Bibel- 
text .stückweise aus dem Gedächtnis reproduzirt. Daher solche 
Vermischung ähnlicher Sätze wie 1, 8 und 10, die beharrliche 
Vertauschung von Synonymen wie ävaroixrai und fit-iaaroiwai. 1, 7; 
i^rjöoaoe und ijlEvd-iQiuoe 5, 1, besonders aber die Auslassung 



") Cf Turner, Journ. of theol. stud. 1902 Oct. p. 132 ff.; Riggenbach, 
Unbeachtet gebliebene Fragmente des Pelagiuskommentars zu den Panlin. 
Briefen, 1905 (Beitr. zur Förderung der ehr. Th. IX, 1); Hellmann, Sedulius 
Scotus, 1906 (Quellen u. Unters, zur lat. Philol. des Mittelalters von Traube 
I, 1, 147— 18o „Sedulius und Pelagius"): Souter, Journ. of theol. stnd. 1906 
July p. 568 ff.; derselbe in Proceedings of the British Acad. vol. II (Dec. 1906). 
Von Souter wird eine Au.sgabe des Kommentars für die Cambridger Texts 
and Studies vorbereitet. Zu den Prologen, cf auch den interessanten Auf- 
satz von de Bruyne, Prologues biblique d'origine Morcionite, Revue Bened. 
1907 p. 1—16. 



§ 3. Zur exegetischen und textkritischen Literatur. 27 

allgemein bezeugter TextstUcke wie 1, 13 ttoti iy tm 'JovS., 1, 22 
Tfii^ it' Xo., 3, 4 dtöoi/.ottitfoi, 4, 6 — 7 ifänzlich, 4, 13 tö rcoöreoov^ 
5, 3 nü/.ti\, gauz abgesehen von den zahlreichen Fällen, wo Chrys. 
anfällglich übergegangene Teile in der Au>legung doch noch be- 
rülirt. Sein IVxt ist wesentlich der gleiche, wie derjenige 
Thc'dors uml Theodorets, der antiochenische. Damit soll der 
Art)eit von S. K. Gifford, Pauli episiolas qua forma Chrys. legerit, 
Halle 19U2, nicht ihr Verdienst abge>procheu werdt-n. 

Thdr = Theodori Mopsuesteui in epist. Pauli commentarii, The latin 
Version with the greek fragments ed. Swete vol. I. II, IS'^O. Die 
Auslegung des Gl steht an der Spitze des in lat. Übersetzung 
erhalteneu Teils des Kommentars (vol, I, 1 — 111). In dem bis auf 
ziemlich zahlreiche Fragmente verlorenen Original war die Ord- 
nung der Briefe: Em, 1. 2 Kr, Hb, Eph, Gl etc.; cf GK II, 360; 
Grundriü 8 61 f. 

Thdrt = Theoioreti opp. ed. Schulze tom. III (a. 1771, dieser Band 
von Noesselt bearbeitet). Interpret, quatuordecim epist. Pauli ap., 
über Gl p. 358—397 mit einer empfindlichen Lücke zwischen 
Gl 2, 5 und 2, 14. 

* * * 

Luther I. = In epist. Pauli ad Gal. Martini Lutheri Augustiniani 
comment. 15 19. — II. Davon unabhängig der ausführlichere K. 
„ex praelectione D. M. Lutheri"* 1535, beide zusammen in umge- 
kehrter Folge ed. Irmischer, tom. I— III, Erlangen 1843. 44. 

Luther 's Vorlesungen zum daiaterbr. von 1516/17 zum ersten Mal 
herausgeg. von Haus v. Schubert, Abh. d. Heidelberger Ak. d. 
Wiss. Phil.-hist. Kl. 1918. Dazu die Abhandig. von Carl Holl in 
der Ztschr. f. Kirchengesch. Bd. 20 (Neue Folge I) erstes Heft 
(S. 23—10) auch zweites Heft S. 449. 

Calvin = Comm in epist ad Gal., Opera exeg. et homil. vol. XXVIII 
(Corp. Keformat. LXXVIII) p. 157—268. 

Grotins = Annotationes in NT. ed. Windheim, Erlangen 1756, 
tom. II, 544-582. 

Bengel = Gnomon NTi, Ed. Stuttg. 1860 p. 715—740, 

Winer = Pauli ad Galatas epistola graece perpetua annotatione 
illustr. G. B. W. 1828. 

Rückert == Kommentar über den Gl, 1833. 

Hilgenfeld = Der Gl übersetzt, in seiner geschichtlichen Bedeutung 
untersucht und erklärt, 1852. 

Wieseler, K. über den Gl. Mit besonderer Rücksicht auf die Lehre 
und Geschichte des Apostels, l."<59. 

Reiche = Comm. crit. in NT. tom II, epistolas Pauli minores con- 
tinens, 1859, enthält auch viel E.xegetisches. 

Hofmann = Die heil. Schrift Neuen Testaments, Teil II, Abt. 1, 
2. Aufl. 1872; die Auslegung von Gl 1, 11—2, 14 ist in Teil I 
(2. Aufl. 1869) S. 60—116 vorweggenommen. 

Eadie = A commentary of the Greek text of the epistle of Paul to 
the Galatians, 1)^69. 

Lightfoot = St. Panl's Ep. to the Galatians. A revised text with 
introd., notes and dissertations, 4. edition 1874. 

Sieffert=H. A. W. Meyer's Krit. exeget. Komm, über das NT, 
VII, neu bearbeitet von Fr. S., 9. Aufl. 1899. 

Holsten = Das Evangelium des Paulus, Teil I, l: Der Brief an die 
Gemeinden Galatiens und der 1. Brief an die G. von Korinth, 1880. 

Zimmer = I. Gl und AG, ein exeget. Beitrag zur Geschichte des 
Urchristentums, 1882. — IL Exeget. Probleme im Hb und Gl. 1882. 



28 Einleitung. 

Lipsius = Handkoninieiitar zum NT von Holtzmann, Lipsins etc.,. 

Bd. 11, Abt. 2: Gl, Km, Phl, 2. Aud. 18;t2. 
Rani8ay = A historical commentary on St. Paul's epistle to the 

Galatians, 18ii9. 
V. Walter = Der religiöse Gehalt des Galnterbriefs, 1904. 
[H. Lietzmann = Handbuch iHB) zum NT 111. Bd. 1, Gl, 1910. 
Nv. Lü tgert = Gesetz u. Geist, eine Untersuchung zur Vorgeschichte 

des Gl 1919.] 
Wichtigere monographische Abhandlungen sind zu den einzelnen Ab- 
Bchnitten des Briefs, teilweise auch schon in dieser Einleitung angeführt. 



"Was die Textkritik anlangt, wiederhole ich nicht, was von 
dem Bd. I S. 33 ff. Gesagten auch die pauliuischen Briefe betrifft. 
Die von Tischendorf in seiner Ed. octava erit. major angeführten 
griechischen Zeugen sind auch hier mit den von dorther jeder- 
mann geläufigen Sigla angeführt, wo es zum Beweise für die ge- 
troffene Entscheidung erforderlich schien. Auch wenn der von 
den Subskribenten und Interessenten immer noch vergeblich erwartete 
V. Soden'sche Text erschienen sein wird, werde ich mich aus vieler- 
lei Gründen, die hier nicht entwickelt werden können, nicht der 
neuen Nomenklatur anschließen. Aus der Tischendorfschen Liste 
habe ich längst E und F wegen ihres bekannten Verhältnisses zu 
D und G gestrichen. H habe ich nach Omont's genauer Wieder- 
gabe in den Notices et extraits de la bibl. nat. tom. XXX, 1 
(1890) und den Ergänzungen von Robinson, Euthaliana (1895) 
p. 54 f. citirt. Die schon oben S. 22 A 19 erwähnte Athoshs., deren 
Bedeutung vor allem auf ihrem Verhältnis zu Orig. beruht, be- 
zeichne ich, da sie dem bisherigem System der Sigla noch nicht 
einverleibt ist, durch ath. (bei Soden S. 219: „a 78") Griech. 
und lat. Väter sind als Textzeugen nicht förmlich angeführt wor- 
den, ohne daß die Citate in den besten Ausgaben nachgeschlagen 
und bequemer als bei Tschd. citirt wären. Die im Wiener Cor- 
pus erschienenen lat. Autoren sind zuweilen nach Seiten und 
Zeilen dieser Ausgaben angeführt. Über die textkritische Bedeu- 
tung mehrerer alter Kommentare wurde schon S. 22 ff. einiges be- 
merkt. Der älteste Zeuge für den griech. Text der Paulinen, 
das Apostolikon Marcions, ist nach meiner Rekonstruktion 
GK II, 495 ff. überall herangezogen, mit reinlicher Scheidung von 
dem Text der Berichterstatter, besonders TertuUians, welche man 
bei Tschd., Rönsch (Das NT TertuUians 1871) und Fr. Zimmer 
(oben S. 25 A 23) vermißt. Eine Ergänzung meines Rekonstruktions- 
versuchs bringt der zweite Exkurs am Schluß dieses Bandes. — 
Der Wunsch, die alten Versionen ausgibiger, als bisher geschehen,.. 
für den Text zu verwerten, hat zur Zeit noch mit großen Schwierig- 
keiten zu kämpfen, der für mich nicht nur in mangelhafter oder 
völlig mangelnder Sprachkenntnis liegen. Über die altlateinische- 



§ 3. Znr exegetischen und textkritischen Literatnr. 29 

"Übersetzung s. oben S. 24 f. besonders A 23. "Wie man für die 
lat. Vulgata die Fortsetzung von Wordsworth' Ausgabe ungern 
vermißt, so für die syrische Vulgata (S^ = Peschittha) die Fort- 
setzung der Arbeit von Gwilliam. Ich benutzte die Ausgabe (von 
8. Lee?) London 1816 mit gelegentlicher Vergleichung derjenigen 
von Leusden und Schaaf 1 709. Für die jüngere ägyptische 
{memphitische oder bohairische) Version bin ich auf die oxforder 
Ausg. vol. III (1905) und die dort beigefügte englische Über- 
setzung angewiesen. Was nach Woide-Ford (1799) von der älteren 
«ahidischen Version herausgegeben wurde, ^^) ist ohne europäische 
Übersetzung erschienen und mir daher abgesehen von den griech. 
"Wörtern, Namen, Partikeln u. dgl. verschlossen. Für einige mir 
wichtige Stellen hat C. Schmidt in Berlin die Freundlichkeit gehabt 
'über beide ägyptische Versionen mich aufzuklären. — [W. Schanze, 
der Galbf. 1919, glaubt durch schallanalytische Methode feststellen 
•zu können, daß wenigstens etwa die Hälfte des Briefs für echt 
paulinisch zu gelten habe !] 

*8) Von Amelineau in Recueil de travaux rel. ä la phil. egypt. et 
assyr. vol. "V (1884) p. 131 ff. Gl 1. 14—6, 16 und Ztschr. f. äg. Sprache 
Bd. XXV (1887) S. 56f. Gl 1, 1—2, 8; 6, 16—18; von Balestri in S. Bibl. 
■fragm. Copto-Sahidico Masei Borgiani, vol. III (1904) p. 274 ff. Gl 1, 1—3, 14; 
<S, 1—18. 



I. Die Grußüberschrift I, 1 — 5. 

Was bei den Kulturvölkern der neueren Zeiten der an den 
Briefempfänger gerichtete Anruf an der Spitze des Briefs und 
die den Schluß des Briefs bildende Namensunterschrift des Brief- 
schreibers sagen wollen, wird im Altertum bei den Semiten wie 
bei den Griechen und Römern durch eine Grußüberscbrift aus- 
gedrückt, welche regelmäßig aus drei Stücken besteht: der Selbst- 
benennung des Briefschreibers im Nominativ, der Benennung des 
Briefempfängers im Dativ und einem Grußwunsch des ersteren an 
den letzteren. Während aber bei Griechen und Römern die ganze 
Überschrift einen einzigen Satz bildet, ^) haben die Semiten daä 
dritte Stück, den eigentlichen Gruß, gewöhnlich zu einem selb- 
ständigen Satz gestaltet, in welchem die bis dahin angewandte ob- 
jektive Bezeichnung der Personen aufgegeben und sofort in die 
im Verlauf des Briefs selbstverständlich allein anwendbare Anrede 
an den Briefempfänger, in das Du oder Ihr übergegangen wird, ^) 

') Die von Proklus (Epistologr. gr. ed. Hercher p. 8) im Gegensatz zu 
überladenen Briefeingängen geforderte Form o deira nö ötin y/tioeiv war 
in der Literatur und nach Ausweis der Papyri im Leben vor wie nach 
Chr. die weitaus gebräuchlichste cf Einl § H A 2; g 6 A 7. Das yniotiv ist 
als ein Akkusativobjekt zu einem zu ergänzenden f^yei, ti/ftm, oder dgl. 
zu denken, wie thn'jr^v Aya'^r,v im Parallelismus mit /niotiv 2 Makk 1, 1. 
Das von den Griechen gewöhnlich ungeschrieben gelassene Verbum (cf 
jedoch Ign. Magn. Trall. inscr. tryouni nuiaia y/üoeir) haben die Lateiner 
häufig vollständig oder in Abkürzung geschrieben: Marrns Tito salutem 
(mit oder ohne plurimam) dicit. Zu allen Zeiten sind Überschriften und 
Unterschriften von Briefen mehr als andere schriftliche Äußerungen der 
allgemeinen Sitte oder persönlicher Gewohnheit unterworfen, vom ötil be- 
herrscht gewesen. Auch für die ntl Briefe gilt die Regel des Rhetors 
C. Julias Victor (4. Jahrh.?): Praefntirmes ac sulincriptioiics litterarum 
computandae sjmf pro (iiHcrimine atnicitiae aut dignitafiit, habitn ratione 
consuetudinia (Ars rhet. 27. Rhet. lat. min. ed. Halm p. 448). 

«) Dan 3, 31 cf 6, 2H: Esra 4. 17; 5, 7; 7, 12. Die Sendschreiben 
Gamaliel's bei Dalman. Aram. Dialektproben S. 3. Die pseudokleroenti- 
nischen Briefe des Petrus und des Clemens an Jakobus, Clem. ed. Lagarde 
p. 3. 6. Die Pesch. übersetzt an den einzigen Stellen des NT's, wo dieser 
Gruß zn lesen ist: AG 15, 23; 23, 26; Jcb 1, 11, yniotw frei durch chv u. 
stellt HZ-.v {ti^r,vri) Em 1, 7 (nicht so in den anderen Briefen) gegen daa 



c. 1, 1—5. 31 

dem gelegentlich aunh ein Ich oder Wir zur Seite tritt. ') Ab- 
gesehen von den beiden ältesten christlichen Briefen (Jk 1, 1 ; 
AG 15, 23 cf 23, 26), welche ganz die heidnisch griechische Form 
innehalten, schließen sich die sämtlichen Briefe des NT's in diesem 
Punkt an den jüdischen und überhaupt semitischen Brauch an ; 
nicht minder darin, daß sie den Zustand befriedigten und unge- 
störten Daseins, welchen D'i^V aram. NtDt"*^' ausdrückt, in der 
griech. Form etgr^vr^ zum Inhalt ihres GruBwunsches machen. *) 
Die Abgeschliffenheit und die meistens jedes tieferen Gedankens 
bare Anwendung des Grußes (Jo 14, 27) macht es aber auch 
begreiflich, daß christgläubige Juden bei Abfassung von Briefen 
bedeutenderen Inhalts und bewegteren Tones bald und häufig das 
Bedürfnis empfanden, durch Zusätze zu dem gewöhnlichen Friedens- 
gruß auszudrücken, daß sie ernstlich meinen, was sie sagen, und 
daß sie den Briefempfängern Gutes nicht anwünschen mögen ohne 
einen Auf blick und ein Gebet zu dem Geber aller wünschenswerten 
Güter. Es mag sein, daß PI, dessen Briefe schon zu seinen Leb- 
zeiten Aufsehen erregten und auch von anderen als ihren ersten 
Empfängern gelesen wurden, ^) den Anstoß zur Ausbildung einer 
Sitte, eines christlichen Briefstils gegeben hat. ^) Jedenfalls ist es 
ihm selbst zur Gewohnheit geworden, mit wenigen Ausnahmen und 

Original vor ;?«("», um dem semitischen Briefstil treu zu bleiben. — Das 
oben Gesagte gilt im wesentlichen schon von den mehr als SOOO Jahre 
alten Brieten auf den Tafeln von Teil el-Amarna (übers, von Winkler, 
Keilschriftl. Bibl. Bd V), nur daU vielfach vor dem Gruß „Dir sei Heil" 
oder „viel Heil"* noch ein Satz mit dem Sinn von ec/o valeo steht. 

*) 2 Jo 1—3; 3 Jo 1 — 2; Rm 1, 5; Tt 1, 3 schon vor dem einen selbstän- 
digen Satz bildenden Groß cf auch J7/<ß>*', tfioi, oov, 1 Kr 1, 2: Gl 1, 2; 1 Tm 
1, 1; Tt 1, 3; FLlm 1 — 3 (zweimal T;tiöir, einmal vuii'), eine Stilwidrigkeit, 
die in kunstlosen Briefen sehr oft vorkommt z. B. Oxyrh. Papyri IV, 243 
nr. 744 vom J. 1 p. Chr., und selbst bei einem Cicero ihres gleichen findet, 
wenn er Epist. ad. fam. XVI, 1 schreibt Cicero Tironi suo sal. plur. die. 
et Cicero mens etc. Cf auch die wechselnden Formen bei Ignatius, neben 
der korrekten Eph. Rom. Srayrn. Pol. inscr. die Anknüpfung des Grußes 
im Relativsatz Magn. Trall Phil., in welchem dann die erste Person des 
Briefschreibers fast unvermeidlich wurde. 

♦) Abgesehen von Jk 1. 1; AG. 15, 23 (s. oben im Text) bildet nur 
3 Jo 1 f., wo der Friedensgruß bis zum Schluß v. 15 aufgespart bleibt, eine 
Ausnahme. Cf dagegen auch Ap 1, 4. 

5) 2 Kr 10. 10; Kl. 4, 16; 2Pt3, löf.; Clem. I Cor. 47; Pol. ad Phil. 3, 2 
cf Gnindrili S. 35 ff. 

") Während Jk 1, 1 an dem griech. Gruß sich genügen läßt und 

1 Pt 1, 1; 2 Pt 1, 2 (cf Einl II § 41 A lÜ; § 44 A 9): Jud 2 nur das echt 
jüdische n/.qihjvfhir] ZU sioi]yr^ hinzutritt (cf Dan 3, 31 u. die Sendschreiben 
Gamaliels oben A 2), zeigt sich Anlehnung an das paulinische änö xhov xtL 

2 Jo 3 in TTanä Otov xr/.., Ap 1, 4 in «tö 6 o>i> y.iL Eine Verschmelzung 
der paulinischen Formel mit der petrinischen bei Clem. I Cor. und Pol. 
inscr., wieder anders Mart. Pol. inscr. — In bezng auf den Schlußgruß 
i) /doli rov ■/.. statt des griech. iooowo, ipo(on')e AG 15, 29 zeigt sich Ein- 
fluß des paulinischen Stils nicht in den Briefen des Pt, Jk, Jnd, Jo, aber 
Hb 13, 25 cf Ap 22, 21; Clem. I Cor. 65, 2; Pol. 14. 



8S Die GrußUberscbrift. 

geringen Abweichungen ') so, wie hier v. 8, den Frieden, welchen 
er den Lesern nnwiinsoht, „von Gutt, welcher Vater ist, und von 
unserem Herrn .Jesus Cliristus" als den letzten Quellen aller Güter 
abzuleiten. P^ben dies will mit ^trrb &tov xiÄ. (1 Kr 11, 23; 
l'hl 1, 28: 2 Th 1, 9; Eph 6, 23) gesagt sein, ohne daß, wie 
wenn Tragd {CA 1, 12; 2 Tra 1, 13. 18; Jk 1, 5. 7) oder ^x d-toC 
(Em 2, 29; 1 Kr 2, 12; Jo 1, 13) dastünde, Mittelursachen aua- 
•geschlossen wären oder die Unvermitteltheit der Herkunft von 
Gott und Christus au.sdrücklich behauptet werden sollte. Noch 
beharrlicher gebraucht PI die Verstärkung des Friedensgrußes durch 
<lie Verbindung X^^C'b J^^ri eiQi'^vi^. **) Da wir diesellie auch da 
£nden, wo sonst keine Anlehnung an die Grußform des PI zu be- 
nierken ist, und da das wesentlich gleichbedeutende e/.eog xai tigyvrj 
^Jud 2; Pol. inscr), welches dem PI nicht fremd war (1 Tin 1,2; 
2 Tm 1, 2 cf (t1 6, 16), auch in jüdischen Schriften sich findet,*) 
fio ist anzunehmen, daß die christlichen Brifföchreiber hierin 
jüdischem Brauch gefolgt sind. Die Bevorzugung aber von X^Q^Q 
vor (/.eng macht es wahrscheinlich, daß man sich zugleich des 
Anklangs an das xaigtLV der Griechen bewußt war, zumal wir 
2 Makk 1, 1 an der Spitze ein^s Sendschreibens neben x^iquv 
als zweiten Gruß wünsch dQTi]vi]V &yai)-i]v lesen. Auch diese Ver- 
bindung wäre an eich nicht unangemessen (Rra 14, 17; 15, 13; 
■Gl 5, 22). Da aber in der umfassenderen Vorstellung der iiQrjVr] 
die P^reude als der unaushleihliche Widerschein des befriedigten 
Daseins bereits inbegriflPen ist, war es von größerer Bedeutung, 
auf die Gnade hinzuweisen, welche dem Menschen zugewandt sein 
muß, wenn er Frieden haben soll. AVährend da, wo die Gnade 
allein angewünscht wird, wie in den Schlußgrüßen der Briefe 
(z. B, Gl 6, 18; Ap 22, 21), diese als die Gnade des Herrn Jesus 
näher bezeichnet zu werden pflegt, war das hier entbehrlich, weil 
die zu beiden Begriffen gehörige Näherbebtimniung dnö ■i^tov y.xX. 



') Nach überwiegender Bezeugung fehlt jeder Zusatz zu tiorpr] nur 

I Th 1, 1 und findet si<h nur ä.yo x%ov n«T«os,- ////w; Kl 1, 2. In den übrigen 

II Briefen fo't:en hinter «to die Namen Gottes des Vaters and Christi. 
Da in den 3 ersten Briefen des Kanons, wie auch Eph, Phl, «irrö i%ov Ttmodg 
ijucüf y.ni xioiov I. Xo. widersprucbHloH überliefert ist, so mnß jede gut 
bezeugte Abweichung hievon in den folgenden Briefen als ur><piünL'lich 
gelten. Es wird also hier mit BUG KL (gegen nAP| ynfüi' nicht hmter 
7TaTf>öf, sondern hinter y.V'>iov zu lesen sein cf 1 Tm u 2 Tm. 

"j So in alleil l3 Briefen, nur in 1 u. 2 Tm wie 2 Jo '^ durrh ein ein- 
ffescbobenes ff.ioi getrennt. Ohne diesen Einschub 1 Pt 1, 2; 2 Pt 1, 2; 
Ap 1, 4; Clem. 1 Cor inscr. 

*j „Apoc. Baruch 7H, 2 miHericordia et pax sit vobin. Der syr. Text, 
dessen Übersetzung dies ist. hat hztz-. ncm, was in S' (Gl 6, lö in um- 
gekehrter Fi ilgti) S' u. S'Jud 2) Wiedergabe von f^eo^ yal tloi]rrj ist. Da- 
bei isi zu beaebten, daß D.toe in LXX fast überall Übersetzung von lon 
ist, wofür nur Esther 2. 9. 17 /ä^n steht. 



c. 1, 1-5. 33 

das Selbstverständliche deutlich genug ausdrückte, '*') daß es die 
huldvolle Gesinnung Gottes und Christi sei, welche der Brief- 
schreiber den Lesern zugewandt sehen möchte. So gleichmäßig 
wie PI in allen seinen Briefen den eigentlichen Grußwunsch formt 
und die ganze dreiteilige Überschrift anordnet, ebenso frei be- 
wegt er sich in diesem Schema und ebenso mannigfaltig weiß er 
seine augenblickliche Stimmung, sein Verhältnis zu den Brief- 
empfängern und andeutend auch schon die Zwecke seiner Briefe 
gleich in den Zeilen zum Ausdruck zu bringen. Bezeichnend 
ist schon die Ungleichheit des Umfangs der drei Teile. Die Selbst- 
bezeichnung des Vf, welche Rm 1, 1 — 6 in eine lange Reihe von 
Relativ- und Partizipialsätzen ausläuft, beschränkt sich 1 Th 1, 1, 
obwoiil dort drei Vf zu nennen waren, auf drei nackte Namen. 
Die Mitte zwischen beiden Extremen nimmt Gl 1, 1 — 2* ein. 
Während PI sich sonst stets an dem vorhin besprochenen Gruß- 
wunsch genügen läßt, ist derselbe Gl 1, 3 — 5 zu einem längeren 
Satzgefüge mit einem feierlichen, an solcher Stelle sonst unerhörten 
liturgischen Abschluß ausgedehnt. Die Bezeichnung der Empfänger, 
welche 1 Kr 1, 2 aus 31 mit Gedanken fast überladenen ^Yorten 
besteht, wird Gl 1, 2 mit den 4 mageren Worten ralg SKxXrjoiaig 
rf^g FaLaiiag abgetan. Was hieran auffällt und im Umkreis der 
ntl Briefe ohne Beispiel dasteht, ist der Mangel jeder Andeutung 
von Wertschätzung der Leser seitens ihres Apostels oder von 
Würdigung auch nur ihres christlichen Charakters im allge- 
meinen. ^^) Die „Adresse" des Gl zeigt nicht mehr Wärme als 
eine gelegentliche Erwähnung der Gemeinden Galatiens im Zu- 
sammenhang einer geschäftlichen Mitteilung (I Kr 16, 1 cf v. 19). 
Man erkennt sofort, daß das Verhältnis zwischen PI und diesen 
Gemeinden ein gespanntes und seine Stimmung eine gereizte ist. 
Beides zeigt sich auch in der beispiellosen Art der Selbsteinführung. ^^') 
[v. 1.] Auch wo PI sonst Anlaß hatte, seine Eigenschaft als Apostel 
an der Spitze des Briefes hervorzuheben (Rm 1,1), und selbst da, 
wo er durch erfahrene Anfechtung seines Anrechts auf diesen Namen 
zu schärferer Betonung desselben genötigt war (1 Kr 1, 1 cf 9, 1 — 3), 
begnügt er sich mit einfacher, positiver Aussage des Bewußtseins, 
ein rechtmäßiger Apostel zu sein. Nur hier gibt er der seinem 

'") Da die Person, um deren yäon es sich handelt, in der Regel im 
Genitiv, zuweilen mit -two« c. dat. oder treömof oder Ttpög eingeführt wird 
(Lc 1, 30; 2, 40. 52; AG 2, 47; 7, 46), erscheint die Vervollständigung auch 
dieses ersten Begriffs durch Attö Oeov xrL einigermaCen zeugmatisch. Cf 
jedoch t/.eoi Tinoä yvoiov 2 Tm 1, 18; Jes 54, 10; Sir 5. 6: 16, 11. 

>M Außer den Großüberschriften cf Gl 1, 22; 1 Th 2, 14; Rm 16, 16. 

"*) Der Eingang des apokryphen Laodicenerbr. Paulus aposfolus non 
ab honiinibus neque per hominem, sed per Jesum Christum etc. (GK. II, 584) 
ist Imitation von Gl 1. 1. Cf auch Ign. Philad. 1 von einem Bischof oix 
^iy' iavxov ovSe St^ dt'd'ocÖTtoii'. 

Zahn, Oalaterbrief. 3. Aufl. 3 



34 Die GruIiUberschrift. 

Kamen beigofügteu Amtebezcicbnung ^'^) zunächst eine doppelte nega- 
tive und dann erst im Gegensatz hiezu eine positive Näher- 
bcfitimnmng. Wenn er verneint, daß er ein Apostel sei, welcher 
dies von Menschen her oder durch Verniittlung eines Menschen 
geworden sei, so muß eben dies im Kreise der galatischen Ge- 
meinden behauptet worden sein und PI davon Kenntnis erhalten 
haben. Hierin einen Seitenhieb auf die in Gahitien eingedrungenen 
Pseudoapostel zu finden, ^^) liegt um so ferner, als diese in keiner 
Stelle des Briefs als Sendlinge einer auswärtigen Auktorität charakte- 
risirt sind. Ob die Angriffe auf seine Apostelwürde, denen PI 
hiemit entgegentritt, so deutlich, wie es die doppelte Verneinung 
anzudeuten scheint, zwiefacher Art waren, oder ob PI, wie Thdr 
annahm, mannigfaltigem und unbestimmterem Gerede gründlich 
widersprechen wollte, läßt sich schwerlich entscheiden. Jedenfalls 
unterscheidet PI die allgemeinere Behauptung, daß sein Apostolat 
menschlichen statt, wie es sein sollte, göttlichen Ursprungs sei — 
denn dies ist der Gegensatz, auf welchen der Plural (i/r' &vO-gd)7tioy 
hinweist (Mt 1(3, 23; 19, 26; 21, 25; Rm 2, 29 ; 1 Kr 1, 25) — 
und die andere Behauptung, welche auch im Fall der Verneinung 
jener ersten noch Platz greifen könnte, daß er seine Sendung zwar 
möglicherweise letztlich von Gott, aber doch durch Vermittlung- 
eines Menschen bekommen habe, ^*) wodurch dann der göttliche 
Ursprung seines Apostolats mindestens verdunkelt wäre. Diesem 
Verhältnis der beiden Verneinungen entspricht es, daß sie nicht 
durch ovxe-Qvit, sondern durch oix-ovöi einander gegenübergestellt 
sind. Der Singular dl' d-vO^QÜiTiov, welcher in patristischen Citaten 
manchmal in seinen Plural verwandelt wurde, zeigt, daß die unter 
den Gal. laut gewordene oder von PI vorausgesetzte zweite Be- 
hauptung nicht dahin lautete, PI sei von einer Gemeinde oder einem 
Gemeindevorstand oder dem Apostelkollegium mit seinem Amte be- 
traut worden (cf AG 6, 5 f . ; 13, 2 f.; 1 Tra 5, 14), sondern 
dabin, daß ein einzelner Mann ihn zum Missionsdienst berufen habe. 
Dabei wird aber nicht an Petrus (Ephr.), sondern vielmehr an 
Barnabas zu denken sein, welcher nach AG 9, 27; 11, 25 f. zweimal 
mit entschiedenem Erfolg in den Lebensgang des PI eingegriffen 
hatte. Es liegt dies um so näher, als Barnabas nach Gl 2, 1. 9. 13 
eine für die Gal. wichtige Persönlichkeit gewesen zu sein scheint 
cf oben 8. 2 f. Aber zum Apostel hat er den PI nicht gemacht. 

") Ich bekenne nicht zu verstehen, warum unsere besten Ausgaben 
(Tischendorf's Octava critica major, Westcott-Hort u. a.) interpungieren 
//. dTi6oTo).of^ oint xt/. anstatt //., u7t6<no).os oix xr).., als ob oiin yi).. für 

sich eine zu „Der Apostel PI", nnd niiht vielmehr änöaiolos oi>x — äD.ü. 
eine zum Namen PI hinzutretende Apposition wäre. 

'*) So namentlich Luther 1 unter Anregang von Bemerkungen des Hier. 

•*) Aug. (^ui ah honiinibus niittitur, mendax est; qui per hominenu 
mittitur, potest esse verax. 



c. 1, 1—5. 35 

PI ist dies vielmehr durch Jesus Christus und durch Gott den 
Vater, welcher ihn (Jesum) von den Toten erv^eckt hat, geworden. 
Anstatt, der Unterscheidung von Scttö und öid in der doppelten 
Vereinung entsprechend, in der gegenteiligen Aufsage durch ein 
äjid 0-£0v Gott als den Urheber und durch ein öia '/. Xq. Jesus 
als den Vermittler seiner Berufung und Sendung zu bezeichnen, 
befaßt er Jesus und Gott unter ein einziges öid, wie v. 3 unter 
ein einziges «jto. Aus dem hier ausgeßprochenen, in v. 3 mitge- 
dachten Gegensatz ergibt sich zunächst, daß für PI, wo es sich 
um den Gegensatz des Göttlichen und des Menschlichen handelt, 
Christus, unbeschadet seiner gelegentlich stark betonten Menschheit 
(Rm 5, 15; 1 Kr 15, 21; 1 Tm 2, 5), durchaus auf die Seite des 
Göttlichen gehört. Eben deshalb kann er Gott und Christus eben- 
sowohl als die eine Quelle bezeichnen, aus welcher der Gemeinde 
Gnade und Friede zufließt (v. 3), wie als die einheitlich wirkende 
Ursache seiner Berufung zum Apostel. ^^) Es kann das 
einzige öid, welches hier wie nicht selten die erste oder letzte 
Ursache bezeichnet und sich von einem Ix, d/rd oder auch VTtö 
(Rm 13, 1) nur dadurch unterscheidet, daß diese als gegenwärtig 
wirkende vorgestellt wird, ^^) in bezug auf Jesus nicht anders ge- 
meint sein, als in bezug auf Gott. Jesus aber wird hier vor den 
Vater gestellt, weil der dem PI erschienene Jesus, und zwar, wie 
das zu &€0v TxaTQÖg hinzutretende Tov iytiQavrog avibv e'k vey.q(bv 
in Eiinnerung bringt, der auferstandene Jesus es war, welcher ihn 
durch seine Selbstoifenbarung nicht nur zum Glauben umgestimmt, 
sondern auch zum Apostel berufen hat cf 1 Kr 1, 17; 1 Tm 1, 12; 
R,m 1, 5 Öl ol. Daher ist er ein Apostel und zwar, wie er so 
manchmal sagt, ein berufener Abgesandter Christi cf Einl § 41 
A 10. Nicht Gott, sondern Jesus ist damals überwältigend in sein 
Bewußtsein eingetreten. Aber in dem ihn berufenden und sendenden 
Christus weiß er Gott den Vater gegenwärtig und wirksam, so daß 
er auch von Gott dem Vater, der Jesum von den Toten erweckt 
hat, sagen kann, daß er durch ihn ein Apostel geworden sei, wie 
er auch sonst Gott den nennt, der ihn berufen, erleuchtet und in 
sein Amt eingesetzt hat v. 15; 2 Kr 4, 6; 5, 19. Also Gott und 
Christus hat PI auf seiner Seite denen gegenüber, die ihn nicht 
wollen in vollem Sinn einen Apostel sein lassen. So kennzeichnet 
PI diesen Brief gleich mit den ersten Worten als eine Streitschrift. 
Nimmt man hinzu die auffallend kühle Benennung der Gemeinden 
v. 2 (vorhin S. 33), so sieht man, daß diese im Streit des PI wider 
die Anfechter seines Apostolats wenigstens nicht entschieden auf 

**) Marcion hat die Worte xnl üiov tcut^ös hier ausgestoßen, was die 
Schreibung tov eveioayjos ninöp oder iai'Töi' notwendig machte GK II, 495. 

'«) Rm 11, 36: 1 Kr 1,9; Hb 2, 10, besonders häufig dcä »e'^uaroi 
iTeov Rm 15, 32; 1 Kr 1, 1 ; 1 Kr 1, 1 ; 8, 5. 

3* 



36 Die Grußttberschrift. 

seiner Seit« standen. Daß es ihm aber nicht au Bundesgenossen 
im Kampf fehlte, sagt er damit, daß er alle Brüder in seiner Um- 
gebung gleichsam zu Mitverfassern des Briefs macht. Ohne jrdvtet; 
könnten damit einige wenige Christen gemeint sein, etwa die Be- 
rufsgehilfen des PI *") oder Leute, welche, wie die Leser wissen, 
zur Zeit die nähere Umgebung des PI bildeten (1 Kr 16, IL 12; 
Phl 4, 21) oder durch vorangehende Bemerkungen aus der Menge 
herausgehoben wären (1 Kr 9, 3. 5 cf 8, 16 — 23). Durch navteg 
ist gesichert, daß die Gesamtheit der Christen am Aufenthaltsort 
des PI zu verstehen ist (l Kr 16, 20 cf 1 Th 5, 26 f.; Phl 4, 22; 
Hb LI, 24). Daß aber diese nicht in dem Sinne, wie Timotheus und 
Silvanus 1 Th L ^ ; 2 Th 1, 1 als die mit PI zugleich im Briefe 
Redenden gedacht werden sollen, ergibt sich daraus, daß in jenem 
Briefen das Wir der Briefschreiber das Ich des PI überwiegt, im 
Gl dagegen nicht ein einziges Wir zu lesen ist, welches den PI 
mit anderen Personen als Mitverfassern zusammenfaßte. Der Gl ist 
nichts weniger als ein Schreiben der Ortsgemeinde, in deren Mitte 
PI weilt, an die Gemeinden Gal.'s, sondern eine allerpersönlichste 
Meinungsäußerung des Apostels allein. Vergleichbarer sind 1 Kr 1, 1 ; 
Phl 1, 1; Phlm 1, und jedenfalls will hier wie dort die Nennung 
anderer Personen neben PI an der Spitze von Briefen, in welchen 
doch er allein das Wort führt, mehr besagen, als daß sie den 
Briefempfängern durch PI einen Gruß senden; denn dazu benutzt 
PI in jenen wie in allen anderen Briefen den Schluß derselben. 
Die Meinung kann nur sein, daß die Personen, welche PI so neben 
sich nennt, um sein Briefschreiben wissen, und daß PI sich be- 
wußt ist oder sich dessen vergewissert hat, daß er auch in ihrem 
Sinne schreibe. Es besteht nur der Unterschied, daß es eich dort 
um je eine einzelne Person handelt, welche den Briefempfängern 
wohl bekannt und für sie von Bedeutung war, '*) hier um sämt- 
liche am Aufenthaltsort des PI zur Zeit anwesende Christen, welche 
schwerlich insgesamt zu den Gemeinden Gal.'s ältere Beziehungen 
hatten. Aber auch dies war von Bedeutung, daß PI sagen konnte, 
die sämtlichen Christen seiner Umgebung, welche er an seiner 
Sorge um die gal. Gemeinden hat teilnehmen lassen, seien mit ihm 
einig in der Beurteilung der in Gal. ausgebrochenen Wirren und 
wollen in diesem Sinn an seinem Schreiben beteiligt sein. Daß 
der Brief vor der Absendung nach Gal. in einer Gemeindever- 
sammlung sei es zu Korinth, sei es zu Ephesus zur Verlesung ge- 

'') So Pel., wogegen Abstr, Vict., Hier., Thrys., Tlidr das Richtige geben. 

") Sostheues 1 Kr 1, 1 als ehemaliger SjnagogenvorBteher von Koriuth 
für die Korinther von Bedeutung cf AG 18, 17. Timotheus Phl 1, 1 an der 
Stiftung der Gemeinde beteiligt AG16, 1 — 40 und wohl gleichzeitig mit 
PI dem Philemon befreundet geworden Phlm 1. — Daß Gal 1, 2 nicht 
wohl an einen Mitstifter der gal. Gemeinden auch nur mitzudenken sei 
8. oben S. 2. 



c. 1, 1-5. 37 

kommen sei, läßt sich nicht bestimmt behaupten. Mit größerer 
Wahrscheinlichkeit darf man vermuten, daß Abgesandte der Gal. 
an PI bei ihm anwesend waren und hier mitgemeint sind (oben 
S. 9). Nachdem PI so gezeigt hat, daß er in der geharnischten 
Stimmung, welche ihm die ersten Worte eingegeben hat, keineswegs 
allein stehe, und hierauf den gal. Gemeinden den üblichen Gruß 
gesagt hat, erweitert er diesen gegen seine Gewohnheit, also gewiß 
in der Absicht, den Lesern etwas besonderes zu sagen, was ge- 
rade für ihre Zustände von grundlegender Bedeutung ist, in v. 4 
durch die Aussage, daß der Jesus Christus, von welchem allein 
nächst (Tott den Gal. wie allen Christen als von ihrem gemein- 
samen Herrn Gnade und Friede zu teil werden kann, sich selbst 
um ihrer Sünden willen hingegeben habe, und zwar mit der Ab- 
sicht, sie auf diese Weise dem gegenwärtigen Weltlauf, welcher 
böse ist, zu entreißen, gemäß dem Willen dessen, welcher der 
Christen Gott und Vater ist. Obwohl douvat eaviöv an sich noch 
nicht sagt, als was sich einer hergibt, oder in welche Lage er 
sich hingibt, ^^) genügt doch die Näherbestimmung durch ttsq!"^^) 
tCüv a/.taQTiü)v fjiitüv um jeden christlichen Leser deutlich daran 
zu erinnern, daß Jesus aus Anlaß der Sünden der Jlenschen 
sich selbst freiwillig in den Tod dahingegeben hat. Inwiefern 
die Sünden der Menschen oder genauer derjenigen Menschen, 
mit welchen PI sich hier zusammenfaßt, d. h. der christlichen Ge- 
meinde (Eph 5, 25), die Selbsthingabe Jesu in den Tod notwendig 
gemacht habe, sagt negl xCov äf.iaqTiü)v ebensowenig wie öia tcc 
7iaQa7TTü)fiaTa ßm 4, 25. Es wird diese Frage aueli nicht durch 

^®) 2 Th 3, 9 1V7C0V, AG 19, 31 eh &iaTfJOi\ Sir. prol. eis ti}v ävdyvtoaiv, 

1 Mkk 6, 44 finaler Infinitiv, 1 Tm 2, 6 äviü.vT^ov imho Ttärroji-, Tt 2, 14 
iiTtep r,fiü>i', cf Dio Cass. 64, 13, 3 savröv vttio v/txöf did'coy.Sj von der Auf- 
opferung des Lebens durch Selbstmord zum besten anderer, doch erst durch 
den Zusammenhang unmißverständlich cf 11, 2; 13, 2 u. 14. Ähnlicher 
Näherbestimmungen bedürftig ist auch TraoaÖiÖövai tamöv Gl 2, 20; Eph 
5, 2. 25, obwohl dieses Verbnm die Hingabe an eine fremde Gewalt be- 
deutet. Cf auch die Zusätze zu ÖiÖöiui oder TvaoaÜiööi'ai oder nüeiui xr^v 
^•vyj-p airov 1 Mkk 2, 5U; Mt 20. 28; Jo 10, 11. 15. 17f.; 13, 37f.; AG 15, 26 
(Rm 16, 4), obwohl diese Ausdrücke bereits bestimmter das Einsetzen und 
Hingeben des Lebens bezeichnen. 

20^ Wie an anderen ähnlichen Stellen (Hb 5, 3; 1 Pt 3, 18) schwankt 
die Überlieferung zwischen neoi (n*DGKLP Orig. cf Goltz S. 104) und 
vnif} (n''BH, 17.67**). Weder die äußere Bezeugung, für welche die alten 
Versionen beinahe völlig versagen, noch der Sprachgebrauch, welcher in 
solcher Verbindung sowohl inio (1 Kr 15, 3; Hb o, 1. 3; 7, 27 ; 10, 12) als 
TtBpi zuläßt (Rm 8, 3; Hb 10, 6. 8. 18; 13, 11 ; IJo 2, 2; 4, 10, wahrschein- 
lich auch Hb 5, 3; 1 Pt 3, 18), helfen zu sicherer Entscheidung. — Ähnlich 
verhält es sich mit der Variaute iy- rov ttiouos ror iieoKoioi (n* Aß Orig. 
cf Goltz 104) und ix rov heuxiüjoi alwioi (n'"DGHKLP, Chrys., Thdr, 
auch nach einem griech. Frg.). An letzteres schlieft sich das artikellose 
rTovr;oov (der gegenwärtige Äon als ein böser, weil und sofern er böse ist 
cf Kühner-Gerth I, 614f.) weniger unbequem au, daher verdächtig. 



38 L)ie GruüUberschrift. 

den folgenden Absichtssatz beantwortet ; denn dieser enthält nichts, 
was als oine erläuternde Näherbestiramung von TTfQi rwv a/itaQriün' 
fjiüir aufgefaßt worden könnte.'^') PI setzt vielmehr als bekannt 
voraus, daß der Tod Jesu ebenso wie die Sündopfer, welche in 
seiner und seiner Leser griechischen Kibel :rr€Qt ctuaqriag hießen, '^'^) 
dazu gedient habe, die Sünden der Menschen, welche sich glaubend 
unter dessen "Wirkung stellen, zu sühnen und überhaupt für diese 
unschädlich zu machen. Hierüber geht es hinaus, was er als Ab- 
sicht Jesu bei seiner Selbstaufopferung ausdrücklich ausspricht. 
Was PI sonst 6 aU'ov oviog (Rra 12, 2 ; 1 Kr 1, 20 ; 2, 6. 8 ; 3, 18; 
2 Kr 4, 4 ; Eph 1, 21) oder o vCr aicov nennt (1 Tm 6, 1 7 ; 2 Tm 4, 10 ; 
Tt 2, 12), bezeichnet er hier als o aiior' 6 lriOn]xa}g. Da aicov 
bei PI 80 wenig wie irgendwo sonst aufgehört hat, ein Zeitbegriff 
zu sein, ^') und auch in seiner Übertragung auf die innerhalb der 
durch alu)V bezeichneten Periode sich fortbewegende Welt, im 
Unterschied von y.öouog, die "Welt als zeitlich verlaufende den 
"Weltlauf bedeutet, so spricht der zweite und dritte der genannten 
Ausdrücke den Gegensatz des gegenwärtigen Wettlaufs zu einem 
zukünftigen nur noch deutlicher aus, als es auch schon durch 
oviog geschieht, welches bei PI gelegentlich ebenso wie bei Jesus 
und den jüdischen Zeitgenossen, o jnikXiov als ausgesprochenen 
Gegensatz bei sich hat. ^*) Das "Urteil, daß dieser gegenwärtige 

*') So verhält es sich einigermaßen mit Tt 2, 14, wohingegen Eph 
5, 2.5 f. eine Absicht genannt ist, welche in und mit der Selbsthingabe Jesu 
noch keineswegs erreicht ist. 

") Z. B. Lev 7, 37; Ps 40, 7 cf Hb 10, 6 ganz technisch und ungram- 
matisch. Hieran lehnt sich PI Rm 8, 3 an, während er 2 Kr 5, 21 die gleich- 
falls in LXX übliche Übersetzung von nnun (Sündopfer) durch ?; äfiaorlu 
Lev 6, 18 berücksichtigt. 

") Cf Bd. I-, 461f. zu Mt 12, 32. Bei PI zeigt sich dies besonders in 
der sonst unmöglichen Verbindung rby ahöm rov ydofiov rovrov Eph 2, 2, 
in der Vertauschung von «/</>;> mit xf««ö»- 2 Kr 8, 13 cf Lc 18, 30, und im 
(tebrauch von ol aivivei, abgesehen von eh rois al., cf 1 Kr 10, 11 ; Eph 2, 7; 
1. Tm 1, 17. Sehr bezeichnend ist, daß die syrischen (S') wie die hebräischen 
Übersetzer (DeUtzschj, welche für nhöi' und y.öofwi nur das eine Wort 
H=S^ und =;•? hatten, durch Eph 2, 2 in Verlegenheit gesetzt wurden. Die 
Übertragung von aio>r auf das in demselben verlaufende Leben und sogar 
auf das den Äon durchlebende Wesen ist nicht ganz auf die griechisch 
schreibenden Semiten beschränkt. Cf für letzteres Epict. diss. II, b. 12 oi 

yäo rillt n'u'jr, n/-i' äfdpoj.TOf^ /tenos ttöf TTärxiDy, öjs öJon f]jui(fus, für Crstcres 
Tacit. Germ. 19 nee cnrrumpere et corrumpi xaeculum vocatur, wo L. Döder- 
lein trefflich übersetzte: „heißt dort nicht Weltlauf". 

") Eph 1, 21 cf Mt 12, .32; Hb 6, o: 13, 14, genauer dem jüdischen Be- 
griff H^q cy-j nachgebildet ö ni. S knyßutvof Mr 10,30; Lc 18, 30. — Cf 
auch ivtardia — fii/./.ojTtc Rm 8, 38; 1 Kr 3, 22. Zwischen ö ki'tnjrry.di^ oder 
inmdn und 6 vvv besteht ebensowenig ein begrifflicher Unterschied, wie 
zwischen uforry.ev 2 Th 2, 2 und rräosmir Jo 7, 6. Selbst der Gedanke des 
Eos. Emes. i^Cramer VI, 12), daß der gegenwärtige Äon als ein böser und 
das Böse nicht nngeschaffen (d. h. ewig), sondern (entstanden und) zeit- 
weilig sei, läßt sich nicht auf das Wort eveorT]y.eos gründen. Denn erstens 



^1 



c. 1, 1-5. 39 

Weltlauf ein böser sei, welches das prädikativ gemeinte und daher 
artikellose novi^QÖg ausspricht (s, A 20), liegt nicht nur aller Hoff- 
nung auf eine zukünftige Welt und Weltorduung, sondern auch 
aller Verkündigung einer während dieses Weltlaufs sich voll- 
ziehenden Erlösung zu Grunde. Dieser ist ein böser, solange und 
insoweit in ihm nicht der ewige und ursprüngliche Wille Gottes 
allein, sondern auch widergöttlicher Wille sich verwirklicht. -*) 
In wie hohem Grade dies nach PI wie nach Jesus (Bd I. 157. 458) 
dermalen der Fall ist, und daß dieser unerfreuliche Zustand ebenso 
das physische wie das ethische Leben der gegenwärtigen Welt um- 
faßt, mag man aus Stellen wie 2 Kr 4, 4 ; 12, 7; Eph 6, 11 — 18; 
Kl 1, 13 entnehmen. Auch 1 Jo 5, 19 wäre ihm nicht zu stark 
gewesen. Diesem Wettlauf, welcher und sofern er ein böser ist, 
die Seinigen zu entreißen, ^") ist die Absicht der Selbstaufopferung 
Jesu gewesen. Die arge Welt und ihr von Geschlecht zu Ge- 
schlecht wesentlich unverändert fortlaufendes Leben ist als eine 
verderbliche Gewalt vorgestellt, welche alle in dieser Welt Geborenen 
umfängt und bedroht. Es ist aber nicht die Rede von der Auf- 
gabe der Christen, sich dieser feindlich auf sie eindringenden Ge- 
walt zu erwehren (Eph 6, 11 ff. : 1 Th 5, 22), auch nicht von der 
immer wieder notwendigen göttlichen Bewahrung der Christen vor 
deren Angriffen (Alt 6, 13; Jo 17, 15), sondern von einer einmaligen 
Wirkung Christi als dem Zweck oder einem Zweck seiner Selbst- 
hingebung in den Tod. Die Frage, in welchem Vorgang diese 
Wirkung sich vollziehe und der genannte Zweck erreicht werde, 
läßt sich den Worten nicht entnehmen, sondern nur der Natur 
der Dinge und den sonst bezeugten Anschauungen des PI. Gewiß 
ist der Unterschied von o/tcog und fva (z. B. Tt 2, 14) nicht zu 
übersehen, welchen wir auch bei den ntl Schriftstellern beobachtet 
finden. Entsprechend der Grundbedeutung von ortcog, welches ein 
relatives „wie" ist, lenkt es den Gedanken auf die im Hauptsatz 

ist die Grundbedeutung des Part. perf. „eingetreten" im Sprachgebrauch 
völlig verwischt, so daC z. B. bei den Grammatikern ö ei'soTojj yoövoi das 
Präsens heißt, nnd zweitens bildet zwar die Gegenwart, wenn sie im 
Blick anf ihre Beschaffenheit betont wird, an sich ebensowohl zu einer 
Vergangenheit als zn einer Zukunft, die anders beschaffen sind, eiuen 
Gegensatz (cf z. B. 2 Pt 3, 5 — 7); aber wo immer Juden und Christen der 
alten Zeiten vom gegenwärtigen Weltlauf geredet haben, bildete den aus- 
gesprochenen oder selbstverständlichen Gegensatz nur die zukünftige Welt 
nnd deren zeitlicher Verlauf. 

**) In demselben Sinn ist Eph 5, 16; 6, 13 von bösen Tagen die Rede, 
anders Mt 6, 34 von yj -Aay.ia r//»- avniov, was nur die unvermeidliche Müh- 
seligkeit des Erdenlebens bezeichnet. 

**) Diese Bedeutung hat eiatoeioO-cu ex nros oder auch ex /.etpö^ 
{ivir y^Ecmtn) Tuoi als Übersetzung von "j^sn an mehr als 60 Stellen der 
LXX und AG 7, 10. 34 (LXX); 12. 11; 23, 27; 26, 17: bei PI und überhaupt 
im NT dafür meistens >k'eoD-a, ßm 7, 24; 15, 31; 2 Kr 1, 10: 2 Tm 3, 11; 
4. 17 f.; Mt 6, 13 cf Bd. I, 283. 



40 Hie GnißUberschrift. 

aogogehcne oder augedeutete Art und Weise, in welcher, auf die 
Mittel und Wege, durch welche das im Absichtssatz bezeichnete 
Ziel erreicht werden soll. '^~) Es kann oft genug wiedergegeben 
werden durch ein „damit auf diese Weise ein Zweck verwirklicht 
werde, dessen Verwirklichung ohne dies unmöglich wäre". Daraus 
folgt aber noch nicht, «laß, wie Hofniann 8. 7 urteilte, die im 
Nebensatz ausgedrückte Wirkung „in und mit" der im Hauptsatz 
genannten Handlung geschehe. Zahlreiche Beispiele zeigen, daß 
gerade auch bei on^iog oft sehr wesentliche Handlungen und be- 
dingende Umstände zwischen die Handlung des Hauptsatzes und 
der Verwirklichung des im Nebensatz genannten Zweckes treten 
müssen oder zwischeneingetreten sind, ehe das Ziel erreicht werden 
kann oder erreicht wurde. -*) Dieserhalb könnte hier sehr wohl 
die mit der Wiederkunft Christi eintretende endgiltige Errettung 
der Gemeinde '^^) oder die für den einzelnen Christen im Moment 
seines Sterbens eintretende Befreiung von der argen Welt gemeint 
sein. '") Aber ahgesehen davon, daß in beiden Fällen ai(I)v, statt 
dessen man Y.6ai.iog erwarten sollte, weniger passend wäre, zumal 
in dem ersten, da der gegenwärtige Aon eben damit, daß der 
Herr kommt, sein Ende erreicht und dem künftigen Aon Platz 
macht, wäre erstens nicht zu verstehen, daß der freiwillige Tod 
Jesu und dieser allein als die Tat genannt wäre, welche geschehen 
mußte, damit die eine wie die andere HofiFnung der Christen sich 
verwirkliche. Denn die Hoffnung der Gemeinde auf ihre end- 
giltige und allseitige Befreiung von allem, was diese Welt zu 
einer argen macht, gründet sich doch vor allem auf die Aufer- 
stehung Jesu (I Kr 15, 11—57; Phl 3, 10 f. 20 f.), wie die Hoff- 
nung des Einzelnen, sterbend in eine bessere Welt versetzt zu 
werden, auf dem Glauben beruht, daß Jesus, zum Himmel erhöht, 
bei Gott in Herrlichkeit und Seligkeit lebt (Rm 14, 8 f.; 2 Kr 5, 
1— 8; Phl 1, 2.3 cf Jo 14, 1 — 4). Zweitens bestünde keine Be- 
ziehung zwischen einer solchen Aussage und dem Anlaß und Haupt- 
inhalt des Gl. Eine solche aber ist um so sicherer anzunehmen, 
je deutlicher schon in v. 1 die Zuspitzung der Grußüberschrift 
auf Anlaß und Zweck des Briefes zu Tage trat, und je beispielloser 
die in v. 4 f. vorliegende Erweiterung des gewöhnlichen Gruß- 
wunsches im Umkreis der Briefe des PI dasteht. Es muß also 
eine in die gegenwärtige Weltperiode und in das diesseitige Leben 
der Christen fallende Befreiung von dieser Welt und ihrem Lauf 

«^ Cf Kühner-Gerth II, 377 A 1 ; auch 372 ff. Über den Gebrauch bei 
Mt s. Bd. P, 115 A 2.3. 

") Mt 2. 8; 2.3, :i5; Jo 11, bl ■ 1 Kr 1, 29, Hb 2, 9; 1 Pt 2, 9. 

") Eph 4, .30; 1 Th 4, 13-5, 10; 2 Th 1, 7; Em 8, 23. 

»°j 2 Tm 4, 18; Phl 1, 21—23; 2 Kr 5, 1—9; Ap 14, 3. 13; dazu die 
Worte Jesu und über Jesus Jo 8, 21—28; 9,5; 12, 26. .32f.; 13, 1; 14, 19; 
16, 28; 17, 13 — 16. Cf auch Clem. I Cor. ö, 7: &Ttr}.).dyr] lov y.oouov. 



0. 1, l-ö. 41 

gemeint sein. Für diese aber ist in der Tat die Selbsthingabe 
Jesu in den Tod die unerläßliche Voraussetzung und die wirkende 
Ursache. Durch sein freiwilliges Sterben hat Jesus sich selbst 
von dieser Welt und den Bedingungen innerweltlichen Lebens, 
unter welchen auch er seit seiner Geburt stand (Gl 4, 4), befreit; 
aber er hat das nicht für sich, sondern für uns getan, nämlich 
mit der Absicht, uns zu derselben Freiheit von diesem argen gegen- 
wärtigen Weltlauf zu verhelfen. Es ist ja richtig, daß der Mensch 
erst durch seine Unterstellung unter die Absicht und Wirkung des 
Sterbens Jesu, welche nach PI durch Glaube und Taufe sich voll- 
zieht, diese Befreiung erlebt. Es ist aber ein stetig wieder- 
kehrender Gedanke des PI, daß dieses Erlebnis des Christen nicht 
nur als ein Nacherleben, sondern als ein Miterleben des Kreuzes- 
todes Christi zu betrachten sei (2, 20; 6, 14; Em 6, 2 — 11; 7, 4). 
Zumal hier, wo die Befreiung der Christen nicht nur als Absicht 
der Selbstaufopferung Christi, sondern auch als dessen eigene Tat 
beschrieben wird, steht vor der Seele des PI nicht die bei jeder 
Bekehrung sich wiederholende Applikation des Werkes Christi auf 
einzelne Menschen, sondern die einmal für immer in dem Tode 
Jesu geschehene Befreiung der Menschheit oder der Gemeinde von 
dem gegenwärtigen Weltlauf. Wie die durch Christus Erretteten 
trotz ihres andauernden Seins im Fleisch (2, 20; Phl 1, 22) doch 
auch nicht mehr im Fleisch, sondern im Geist sind und leben 
(Rm 7, 5 f. ; 8, 8 f.. Gl 5, 25), so leben sie trotz ihres Wobnens in 
der Welt doch nicht mehr in ihr (Kl 2, 20). Der sterbende Jesus 
aber ist es, der sie so der Welt entrissen, sie von all den ver- 
derblichen Gewalten und drückenden Lebensbedingungen, welche 
diesen Weltlauf zu einem argen machen, befreit hat cf Gl 1, 13. 
Was alles PI dazu rechnet, wird teilweise aus dem Verlauf des 
Briefes ersichtlich; und mit Rücksicht hierauf ist es zu verstehen, 
daß er von der uns befreienden Tat Christi sagt, sie sei dem 
Willen unseres Gottes und Vaters gemäß geschehen. Daß diese 
Näherbestimmung nicht zu öövrog (so Bengel), sondern zu i^eXrjXaL 
gehört, ergibt sich erstens aus der Wortstellung, da im anderen 
Fall nichts im AVege stand, sie vor OTttog zu stellen ; zweitens aber 
daraus, daß kein Grund zu ersinnen ist, warum im Zusammenhang 
dieses Satzes der Meinung widersprochen sein sollte, daß die Selbst- 
aufopferung Jesu eine Betätigung ungöttlicher Eigenwilligkeit ge- 
wesen sei. Dagegen sehen wir PI im weiteren Verlauf mehrmals 
dem Gedanken entgegentreten, daß die Freiheit, welche er für 
sich und alle Christen in Anspruch nahm, ein Auflehnung gegen 
Gottes Willen sei oder nach sich ziehe cf 2, 16 — 20, besonders 
V. 19 ; 4, 4 ff. ; 5, 1. 13. So wird er auch hier, wie schon Thdr 
sah, in demselben Gegensatz sagen, daß die von Christus beab- 
sichtigte und begründete Befreiung seiner Gemeinde aus allen Fesseln 



4S Die QruIiUberschrift. 

■des Weltlebons dem Willen dessen entspreche, welcher der Christen 
Gott und Vater ist. Denn f^fiCbr nur zu Ttargöt;, nicht auch zu 
^fov zu ziehen, während doch beide Benennungen im Unterschied 
von V. 1 u. 3 nicht nur durch xai getrennt, sondern auch durch 
den davor gesetzten Artikel zu einem Regriffspaar zusammengefaßt 
sind (cf Ejjh 1, 3. 17), fehlt jeder Grund. Die, welche Jesus 
sterbend errettet hat, haben an Gott ihren Gott und Vater, wie 
Jesus selbst cf Eph 1,3. 17; Jo 20, 17. Ihm geben sie und gibt 
hier PI in dankbarer Erwägung der Verwirklichung seines gnädigen 
Willens durch Christum die Ehre, die er an sich hat und die ihm 
in alle Ewigkeit gebührt, [v. 6] Da hier wie in den gleichartigen 
Doxologien wie auch in dem echt jüdischen Ausruf 6vXoyi]tbg 6 
■i^eüg (si~ "',n2) die Kopula meistens unausgesprochen bleibt, ent- 
steht die Frage, ob e]'rj oder mit Hofmann tortv zu ergänzen sei. 
Letzteres verdient den Vorzug erstens darum, weil dies überall die 
nächstliegende und darum am ersten wegzulassende Ergänzung 
derartiger Aussagen ist (cf alle Sätze mit f^iavcdgiog) ; zweitens weil 
in den wenigen Fällen, wo die Kopula geschrieben ist, latlv 
steht:*'*) und drittens weil nicht selten solche Begriffe mit öo^a 
verbunden sind oder dessen Stelle einnehmen, welche nicht eine 
Anerkennung oder einen Wunsch des Menschen, sondern eine wirk- 
liche Eigenschaft oder einen Besitz Gottes ausdrücken, welche 
Menschen ihm nicht erst zuerkennen oder anwünschen, sondern 
nur als tatsächlich vorhanden anerkennen können. "'^) Daß PI nur 
in diesem Brief die Grußüberschrift in eine solche Doxologie aus- 
laufen läßt und mit einem feierlichen Amen gegen das Folgende 
abgrenzt, kann nicht ohne Zusammenhang mit der anderen Tat- 
sache sein, daß er in diesem Briefe es unterläßt, hinter der Gruß- 
iiberBchrift mit einer Äußerung seines Dankes gegen Gott und 
zwar, wie es sonst die Regel bei ihm ist, des Danks in bezug auf 
die Zustände der Briefempfänger, den Brief selbst zu beginnen. ^^) 
Auch hiedurch zeigt er, daß er an den gal. Gemeinden zur Zeit 
keine Freude hat, die ihn zum Dank stimmen könnte; und die 
Lobpreisung Gottes für das, was er durch Christus für die ganze 
Christenheit und an derselben getan hat, verschärft nur den Aus- 
druck des Mißfallens an diesem Teil der Christenheit cf Rm 1, 25. 



•*; An unserer Stelle hat nur H (Omont p. 159) (5 lanv fj is.^ cf aber 
1 P*t 4, 11, femer die zwar unechte, aber uralte Doxologie am Schluß des 
Vaternnsers Bd. 1, 284; Rm 1, 25 «,- laup eiO.oyrjoi eU r. nl., in LXX und 
Apokryphen nicht selten aiZ-ayr^TÖg tl, hiezu und zur folgenden A cf 1 Chr 
29, 10 — 12 Aber auch eir] tÖ öio/ta xvoiov ti/.oyriuiioi' Job 1, 21; Ps 113, 2. 

") 1 Pt4, 11; 5, 11; 1 Tm 6, lß;'jud25; Ap 1,6; b, 13; 7, 12. 

") Gänzlich fehlt ein solcher Eingang nur 1 Tm 1, 3; Tt 1, 5, wo mit 

f:eschäftlichen Dingen der Anfang gemacht wird; uud nur Eph 1, 3; 2 Kr 
j 3 nimmt die Stelle der Danksagung eine Lobpreisung Gottes ein, welche 
Bich das eine Mal auf das bezieht, was Gott allen Christen, das andere Mal 
auf das, was er dem Apostel an Gnaden erzeigt hat. 



c. 1, 6-10. 43 

Was die Grnßüberschrift durch den abwehrenden Ton von v. 1. 
durch die kühle Benennung der Leser v. 2 und durch die eigen- 
artige Erweiterung des Grußes v. 4 f. zu verstehen gegeben hat, 
kommt nun sofort auch zu unverhohlenem Ausdruck. 



2. Der Briefeingang I, 6—10. 

Nicht unvorbereitet und doch gewiß für die ersten Leser 
überraschend beginnt der Brief mit dem Satz: „Ich wundere mich, 
daß ihr so rasch übergeht von dem, welcher euch in Gnade be- 
rufen hat, zu einem zweiten Evangelium." Da das mediale 
jUSTaTid-Eod-ai ein sehr gebräuchlicher Ausdruck für den Übertritt 
von einer politischen Partei oder philosophischen Schule zur anderen, 
auch von einem Religionsbekenntnis zum andern ist, ^*) so besteht 
kein Grund, das Wort an unserer Stelle passiv zu fassen ; zumal 
hier noch nicht, sondern erst v. 7 gesagt ist, daß die Gal. ein 
Objekt verderblicher Bearbeitung von Seiten anderer sind. Vollendet 
ist der Übertritt noch nicht, ist jedoch, wie das Präsens sagt, 
bereits im Werk cf 3, 3 ; 4, 9 f. 21; 5, 3. 12. Staunenswert aber 
ist die Raschheit, mit welcher dieser Umschwung sich vollzieht. 
Da rax^iog au sich nicht bald, sondern schnell heißt und jene Be- 
deutung nur da annimmt, wo durch den Zusammenhang oder aus- 
drückliche Worte ein Zeitpunkt angegeben ist, von welchem aus 
betrachtet eine Bewegung rasch vor sich geht, so läßt sich den 
Worten nicht entnehmen, wie bald nach ihrer Bekehrung oder 
nach dem letzten Besuch des PI bei den Gal. die dortige Bewegung 
entstanden ist (Einl I, 123 A 5 ; II, 55). Gesagt ist nur, daß sie rasch 
sich entwickelt hat, daß es den Verführern der Gal. kurze Zeit 
und somit auch geringe Anstrengung gekostet hat, sie soweit zu 
bringen, wie hier gesagt ist. Daraus, daß PI seine Entrüstung 
hierüber durch d'aiudCco ausdrückt, ist außerdem zu entnehmen, 
daß er bei seinem letzten Besuch und vollends bei dem ersten 
(4, 13) noch nichts von dem wahrgjnomraen hat, was er jetzt mit 
Verwunderung vor sich gehen sieht. Die Nachricht von dem Auf- 

**) 2 Mkk 7, 24 fjerad'euepov &7ib i&t' Tiaxo'uov vöucov d. h. Abfall 

vom Judentum ; Sir 6, 8 (al. 9) filos ^lennid-iiievos tts 'ex^^onr. Hier, er- 
innert an den Stoiker Dionysius, welcher wegen seines Abfalls von den 
strengereu Grundsätzen der Schule zu hedonistischen Anschauungen den 
Beinamen 6 ueia'HuEros erhielt cf Athen. VII, 14, X, 50 p. 281. 437. Auch 
sonst sehr gewöhnlich, wo an eine andere Person, welche die Umstimmung 
bewirkt, nicht gedacht ist, Polyb. 26, 2, 6; Jos. ant. V, 1, 26 (= fierarosti' 
im guten Sinn; ebenso) V, 5, 2; Epict. diss. II, 15, 17; 20, 31. Eas. dem. ev. 
I, 2, 10. Auch a£rüt%(iis ini oder eii ri oder Tioöi tivn nicht nur von Be- 
kehrnngsversnchen 2 Mkk 11, 27 cf 1 Reg 21, 25, sondern auch medial von 
freiwilligem Übertritt von der einen zur andern Meinung, Partei u. dgl. 
Polyb. I, 35, 7; III, 99, 7. 



44 I^tT Briefeinganff. 

treten und dem raschen Erfolg der uns der Fremde gekommenen 
Verführer hat ihn üherrasrht. PI Ijeurteilt den Umschwung, der sich 
in den gal. Gemeinden vollzieht, zunächst uls eine Abwendung von 
dem, welcher sie in (luade oder in (Jnaden, in gnädiger Weise berufen 
hat. Wenn X^tarov oder ^Jr^aov Xqioiov oder Xq. Y. oder &eov 
hinter y^äQixi von PI geschrieben wäre, würde dies auch mit rov 
xa/.foarios;, nicht mit x^f?'^* zu verbinden sein; ^^') denn das artikel- 
lose und auch nicht nachträglich (Rm 5, 15) durch ein r/J vor 
XqiotoC oder x^eoC determinirte Iv xagiiL kann unmöglich die 
Gnade Gottes oder Christi, diese sehr bestimmte heilsgeschicht- 
liche Größe bezeichnen, durch deren Wirkung die Berufung der 
Gal. stattgefunden hat, ^"j bezeichnet vielmehr die Berufung als 
eine gnadenweise erfolgte. ^') Wie Iv eiQi]vi] xixh]y.€v v/iiäg 6 
d-iög den durch das Ev au die Leser ergangenen Ruf Gottes in 
umfassendem Sinn als einen Friedensruf bezeichnet, welcher den 
Hörern Friede verkündigt und ein friedvolles Dasein der Hörer 
beisweckt hat, ^'*) so charakterisirt der hiesige Ausdruck das Ev 

*'') Xqiotov nBAKLP, S', Kop, Vlllg; 'It,oov Xoanov DS'; Xo. Vr,aoü 
Hier., Sah; i^eoi" Orig. lat. in Mattb. ser. 27; Thdrt auch in der Auslegung, 
einige Min. — Wie S' („von Christus, der euch durch seine Gnade berufen 
bai") konstruirten auch Hier., Bengel; und selbst solche, die hinter xdpui 
keinen Genitiv lasen, wie Vict.. ergänzten Xokuod zu y.n'/Jnnfioe. Die 
gewöhnliche Meinung, daß nur Gott und nicht Christus als der Berufende 
vorgestellt werden könne, wird widerlegt durch die bekannten Tatsachen, daß 
die älteren Apostel und die sämtlichen persönlichen Jünger Jesu durch diesen 
selbst berufen waren (cf auch 2 Pt 1, 3 und dazu Einl II, 51. 61"), daß PI, 
bei welchem Berufung zum Heil und zum Beruf zusammenfiel, beides durch 
Christus empfangen zu haben bekennt Rm 1, 5 cf Gl 1, 1, von Christus sich 
gesandt wußte 1 Kr 1, 17 und sich daraufbin nicht nur oftmals einen Ab- 
gesandten Christi, sondern auch gelegentlich einen berufenen Abgesandten 
Christi (1 Kr 1, 1) nannte, sowie durch die Bezeichnung der Christen als 
x/.ijToi 'Ii]aov Xq. Rm 1, 6, was doch nichts anderes bedeuten kann als Leute, 
die Jesus Chr. berufen hat. 

'") Nach aller Analogie würde PI, wenn er die Gnade Christi oder 
die in Christus erschienene Gnade Gottes (Tt 2, 11) als wirkende Ursache 
oder Mittel der Berufung hätte bezeichnen wollen, geschrieben haben (iiü 
rf,i ydntTo- (Gl 1, 15) oder ifi x"?'" (Rni 3, 24; Tt 8, 7) oder xmu 7r,p /d^iv 
(2 Th 1, 12) 10V Xoiarov oder airov. Besonders lehrreich ist Eph 2, .5— 8: 
zuerst rein adverbielles y/iom „durch Gnade" im Gegensatz zu einem 
durch eigene Leistung erworbenen Recht, dann, nachdem v. 7 als Grund 
der Erlösung die Gnade Gottes genannt ist, v. 8 t/; yäom. Ahnlich 1 Kr 
15, 10. Femer cf Gl 2, 21; 2 Kr 6, 1; Rm 5, 15». 

'') Cf 2 Th 2, 16; Rm 5, 15'' (>) bwoiä iv yüniTi das Gnadengeschenk) 
und trotz der anderen Bedeutung von ydoi^ Kl 3, 16; 4, 6, auch ohne iv 
Eph 2, 5. Ein zu yänm oder tv /änin hinzutretendes artikelloses Oeov 
1 Kr lö. 10; 2 Kr 1, 12 beraubt diese Ausdrücke nicht ihres rein adverbiellen 
Charakters. Nach diesen Analogien könnte <> y.n'/.ion-: vnäg it' yäom Xpimov 
höchstens heißen: „Der Gott, welcher euch in christlicher Gnade berufen 
hat", was aber eine ebenso wunderliche wie beispiellose Ausdrucksweise wäre. 

**j 1 Kr 7, 15 cf Eph 4, 4 fV ftiä i/.miit, 1 Th 4, 7 iv äytnofap, auch 
dnoÄieiv Lc 2, 29 und ngoTiifiTtetv Iv el^r^vr, 1 Kr 16, 11. Daß in solcher 



c. 1, n-io. 45 

als einen Gnadenruf, welcher nicht nur von der gnädigen Ge- 
sinnung des Rufenden Kunde giljt, sondern auch die Hörer ein- 
lädt, in die dargebotene Gnade einzutreten. Aller Wahrschein- 
lichkeit nach hat PI auf das so geraeinte iv yidcQui überhaupt 
keinen Genitiv folgen lassen. Ira vorliegenden Fall ist ilarcion, 
der älteste Zeuge für den Text des PI, ein unverdächtiger Zeuge ; 
denn Gnade Christi oder Gottes war ein für ihn ganz unanstößiger 
ßegrifi". Mit ihm stimmt in Weglassung von XqiotoC Tertullian, 
welcher noch durch keinen lat. Bibeltext gebunden war, und außer 
dem griech. Original der altlat. Übersetzung auch der griecli.-lat. 
Cod. G, und mit diesen Occidentalen die älteste nachweisbare Ge- 
stalt des syr. Paulustextes überein. ^^) Daß dieser um 140 — 380 
weit verbreitete Text nicht durch zufällige Verstümmelung ent- 
standen ist, sondern umgekehrt der bei den Griechen früh, bei 
den Lateinern und Syrern erst nach 370 nachweisbare Text eine 
Erweiterung darstellt, ergibt sich auch aus der schon erwähnten 
^Mannigfaltigkeit, in welcher der genitivische Zusatz überliefert ist. 
Dazu kommt, daß noch zweimal in unserem Brief der berufende 
Herr 6 y.a/Joa^ oder o y.a).ü)V ohne genauere Personbezeichnung 
genannt wird 1, 15; 5, 8 wie auch 1 Th 5, 24, und daß an ersterer 
Stelle die Einschiebung eines 6 d-eög, dessen Unechtheit anerkannt 
wird, beinah ebensogut bezeugt ist, wie XgcatoC und seine Varianten 
1, 6, und daß auch 5, 8 ein unechtes €x oder a deo im 4. Jahrb. 
bei Lateinern sehr verbreitet war. Ganz gleichartig ist aber auch 
das hiesige Xqiotov oder wie sonst der Einschub ursprünglich ge- 
lautet haben mag; denn älteste Übersetzer und Ausleger, die ihn 
bezeugen, haben ihn zu tov xalioavrog gezogen (s. A 35). Wäre 
XoiGioü echt, so wäre, wie gezeigt, diese Verbindung auch stilistisch 
erforderlich. Ist es, wie mir zweifellos scheint, unecht, so entsteht 
die Frage, ob Christus oder Gott als der Berufende gedacht sei. 
Da beides gleich sehr der Anschauung des PI entspricht (A 35), 
muß der Zusammenhang entscheiden. Dieser aber entscheidet 
dafür, daß Christus als der Berufende vorgestellt ist. Hat näm- 
lich PI, wie der Fortschritt der Rede zu eig stsqov evayyihov 
zeigt, mit den Worten tov y.aliaavTog vuüg sv x<^QtTi die lebendige 
Vorstellung von der erstmaligen Predigt des echten Ev unter den 

Verbindimg ir das durch LtI c. dat. ausgedrückte Verhältnis (Gl 5, 13) mit- 
umfaßt, zeigt 1 Th 4, 7. 

»9j Über Marcion s. GK II, 496 nach Tert. c. Marc. V, 2; Tert. selbst 
praescr. 27; Cjprian p. 544, 1; 709, 12; Lucifer p. 279, 32; Victor, z. St.; 
Ephr. z. St. ab eo qui vos vocnvit (per me) in graüam suam. Für dieses 
suntn cf S' oben A 31. Die ersten lat. Zeugen für Christi sind Abstr 
(Bened. j^er. cod. Cas. in gratiam Christi unsicher, weil in der Auslegung 
nicht berücksichtigt) u. Aug., der aber beharrlich, auch schon in der Ein- 
leitung in fjloriam Cliristi bietet cf 1 Pt 5, 10. Noch ist zu bemerken, dali 
in cod. H schon der letzte Buchstabe von y/'-nni unleserlich und bei der 
ungleichen Länge der Zeilen nicht zu sagen ist, ob noch Xoiotov folgte. 



46 Per Briefeingang. 

Gal. verbunden, so zeigt er v. 7 durcli die Benennung deBSolben 
aIs t6 tv. xov Alp., nicht rov d^eoC, daß er diesmal nicht Gott, 
sondern Christus als den Urevangelisten, als den durch das Ev 
dio Menschen in Gnaden Berufenden vorgestellt hat. Von dem 
Herrn selbst, der sie in Gnaden berufen hat, und damit von der 
Gnade, deren die wirksam Berufenen sich erfreuen, fallen die ab, 
welche sich von dem Ev, durch welches er sie berufen hat, ab- 
wenden (cf 5, 4), was dio Gal. ebeu damit tun, daß sie sich einem 
zweiten oder anderen Ev zuwenden. Daß eine Predigt, welche 
von Christus und der Gnade Gottes hinweglockt, nicht in dem 
Sinne, welchen rh evayyekiov im Muude der Christen hat, ein 
eiayyeltor heißen, sondern nur mißbräuchlich so genannt werden 
kann und von PI nur im Sinn der Anführung einer ihm fremden 
Rede so genannt wird, würde auch ohne v. 7 selbstverständlich 
sein. Daraus mag es sich erklären, daß die Alten über die auf- 
fällige Form, in welcher PI das Selbstverständliche doch noch aus- 
spricht, keinerlei Erörterungen anzustellen für nötig hielten, während 
die zum Teil wenig klaren und überdies einander widersprechenden 
Bemerkungen der Neueren über die Synonyma tregog und iiXkog 
in der Unsicherheit des Sprachgebrauchs Entschuldigung finden.*") 
Sprachlich unmöglich ist jedenfalls, aus trtQOV tvayyiXiüv ein bloßes 
tvayyiUov, oder was man statt dessen vielmehr postuliren sollte, 
ein xo ivayyiliov zu suppliren, worauf sich dann 6' bezöge,*^) 
und auch dann noch wäre der Relativsatz ein unverständlicher 
Ausdruck des Gedankens, daß das Ev, nämlich das wirkliche Ev, 
nicht in einer Mehrheit unwesentlich von einander abweichender 
Gestalten existire, zwischen welchen man ohne Gefahr wählen 

*"} 2 Kr 11, 4 ist ein Begriffsnnterschied zwischen äUof (Iqaovr) und 
iienov [Tivtriia uud tiny/thoi) kaum nachzuweisen; ebensowenig zwischen 
£Tfno£ iycb oder ainöf- (Aev Freund ein anderes Ich) Aristot. Etb. Nicom. 10, 9; 
Eth. m. 11,15; Clem. ström. 11,41, oder (Kinder im Verliältnis zu den 
Eltern) trenot uitoi Eth. Nicom. 9, 14 und (vom Vater im Verhältnis zum 
Sohn) &).)Mi nHö~ Artemid. Onirocrit. I, 2 Hercher 6, 16. Beide Wörter ver- 
neinen die Identität, womit an sich, wie schon dieses Beispiel zeigt, die 
Gleichheit nicht verneint zu sein braucht (cf auch tiefwn <I>i).i7inor Demosth. 
Phil. I. 4) : beide gehen aber auch über in die Bezeichnung ungleicher Be- 
schaffenheit. Daher greift jedes von beiden in die Sphäre des anderen ge- 
legeutlich über, wenn auch ('i) tiBooi alfer gewisse Bedeutungen für sich 
behält, welche ä/j.oi aHuH nicht leicht annimmt, z. B. „der zweite von zweien" 
oder auch ,.von mehreren", und „einer von zweien" oder „von beiden". 
Eine erschöpfende .synonymische Untersuchung kann hier nicht gegeben 
werden. Cf H. Schmidt, Synonymik der griech. Sprache IV, 559 — 569. 

*') Dazu scheint schon Tert. c. Marc. V, 2 zu neigen (adjicicns quod 
aliud evangclinm onviino non esset), auch wohl Vict. Dagegen Hier, quin 
omne quod f'nlsnm est, non subsistit, daneben aber auch qxiod non est 
evnngrliuni, ähnlich auch Aug., als ob dastünde <5 oix tnriv eiayyikior. S' 
geradezu ..welches nicht existirt". [Vgl. Euthymins Zig. (ed. Nie. Kalo- 

feras) I, 501 „mayyi/.cop" dk aizö iy.Aliaty, ov/_ (hi öv Einyy,, öXV t»i ovt(06 
i'OftnUuti'ov Tiao' exeipiop.] 



c. 1, 6—10. 47 

könnte. Ebenso unannehmbar ist die Beziehung von b auf den 
ganzen Satz ort — evctyyikiov, so daß gesagt wäre, der Abfall der 
Gal. sei nichts anderes, als daß Leute vorhanden seien, die sie 
beunruhigen etc. ; denn abgesehen davon, daß es dann ovy. eOTtv 
äXXo TL oder ovdiv äXko eoxiv heißen und ein otl hinter li ^^ 
stehen müßte (cf 2 Kr 12, 13 und Hofraann), ist ja der Abfall 
der Gal. keineswegs identisch mit der v, 7 konstatirten Tatsache, 
sondern vielmehr eine Folge derselben, welche sie sehr wohl hätten 
verhindern können. Es bleibt also nur übrig, was sich von vorn- 
herein dem Ohr aufdrängt, das Relativ auf engov tv. zu beziehen. 
Hat PI diese Bezeichnung der Lehre, welcher die Gal. angefangen 
haben Gehör zu schenken, dem Munde der Vertreter jener Lehre 
und der ihnen zuneigenden Gal. entlehnt, so sehen wir zunächst, 
daß jene ihre Lehre ein Ev nannten. Wir dürfen uns aus den 
weiter folgenden Ausführungen des Briefs nicht die Vorstellung 
bilden, daß die Judaisten lediglich gesetzliche Anforderungen an 
die Gal. gestellt und den PI bei ihnen verdächtigt haben. Sie 
führten sich als Prediger des Ev ein, wobei festzuhalten ist, daß 
EvayyiXiov in apostolischer Zeit stets die Missionspredigt, die Ver- 
kündigung des durch Christus gebrachten Heiles an solche be- 
deutet, denen es bis dahin unbekannt war. Die Judaisten müssen 
die von PI nie verleugneten Tatsachen der ev Geschichte , die 
gesetzliche Gestalt des Lebens Jesu, seine grundsätzlich auf Israel 
beschränkte Wirksamkeit (Gl 4, 4; Em 15, 8), seine Forderung 
der Treue gegen das väterliche Gesetz (Mt 5, 17 — 19) wie etwas 
neues verkündigt haben. Indem sie aber christlichen Gemeinden, 
die doch durch nichts anderes als die Predigt des Ev entstanden 
waren, noch einmal Ev predigten, stellten sie ihr Ev in Gegen- 
satz zu demjenigen, durch welches die Gal. Christen geworden 
waren. Ihr Lehren war nach ihrem eigenen Urteil nicht eine 
zweitmalige Predigt des bereits im Glauben aufgenommenen Ev, 
was überhaupt kein evayyeXü^eod-ai., sondern ein V7roi.Uf.ivr^(Jx.€iv 
(2 Pt 1, 12) gewesen wäre, sondern Mitteilung eines zweiten Ev 
nach dem ersten, und an Stelle des ersten, welches die Gal. bereits 
vorher empfangen hatten, eines anderen in dem Sinne des vorzüg- 
licheren im Vergleich mit dem verstümmelten Ev, welches PI und 
seine Gehilfen ihnen gebracht hätten. ^^) In gewissem Sinne kann 
PI sich diese in eregov evayyiXiov ausgedrückte Selbstbeurteilung 
der neuen Predigt aneignen. Den Gegensatz zu der seinigen 
empfindet er nicht weniger stark, als seine Gegner. Sie sind, um 

*^) Wie wir sagen: Das ist ein anderer Manu im Gegensatz zu einem 
untüchtigen Vertreter des gleichen Fachs oder Berufs. Die jüngeren Ge- 
sinnungsgenossen der Judaisten in Gal. fingirten eine Weissagung Jesu, 
wonach zuerst ein lügnerisches Ev, dann erst das wahre zu den Heiden 
kommen sollte Cleni. hom. II, 17. 



48 ^^r Rriefeingang. 

an später nufgckoniniene Ausdrücke zu crinueru, kregdöo^oi, 
ir(Qodidd(Txa).oi und hfQOÖidaay.aAoCrTeg. *'^) Andrerseita muß Fl 
bestreiten, daß dieses neue und zweite Ev ein anderes Ev sei. 
Seine Verkündiger liaben in ihrer Eigenschaft als Prediger des Ev 
gar nichts neues mitzuteilen, was IM nicht auch schon gepredigt hätte, 
keinen anderen Jesus und keine andere Selbstbezeugung Jesu in 
Worten, Taten und Leiden. **) Sofern die Judaisten Ev predigen, ist 
dies nichts anderes, als was PI gepredigt hat, und sofern sie etwas anderes 
lehren, als er, ist dies nicht Ev. Ersteren Gedanken enhalten die 
"Worte b oix eoiiv &).Xo (sc. ivayyi?.iov), letzteren der selbständig 
neben sie tretende Satz mit £i (.nj xiA. Wie so manchmal bringt 
auch hier el //») die Ausnahme von einer Regel, welche vorher 
nicht in so allgemeiner oder so bestimmter Form ausgesprochen 
war, daß die durch ei /n^ [v. 7] angeführte Tatsache eine wirkliche 
Ausnahme davon bildet.'*'') Das Urteil, daß jenes eiegov tv. im Grunde 
gar kein ti).).o iv. sei, bedarf an sich keiner Einschränkung. Aber 
es liegt doch etwas vor, was einerseits das Reden von einem ereQOv €v. 
und das verneinende Urteil über dasselbe veranlaßt, andrerseits aber 
von denen, welche mit dem Urteil des PI nicht schon einverstanden 
Bind, als ein Gegengrund gegen sein Urteil empfunden wird. Das 
einzige, was man dafür geltend machen möchte, daß den Gal. 
neuerdings ein anderes neues, besseres Ev gebracht werde, was in 
Wahrheit aber nur das verneinende Urteil des PI bestätigt, ist die 
Tatsache, daß gewisse Leute vorhanden sind, welche die Gal. in 
Unruhe versetzen und das Ev Christi umwenden d. h. gründlich 
ändern und in sein Gegenteil verkehren wollen. Was unter t6 
€vayy€).inv rot' Xoiotoü zu verstehen sei, ist noch immer strittig. *°) 
Gerade auch der hiesige Zusammenhang scheint mir zu beweisen, 
daß darunter nicht zu verstehen ist das Ev, welches Christum zu 
seinem Gegenstand und Lihalt hat, sondern das Ev, sofern es von 
Christus in die Welt gebracht, von ihm zuerst gepredigt worden 
ist und fort und fort von ihm, wenn gleich durch seine Abgesandten, 
gepredigt wird. Erstens war, wie gezeigt, in v. 6, zumal nach der 
gewöhnlich bevorzugten LA, aber auch nach dem ursprünglichen 
Text Christus selbst als der vorgestellt, welcher die Gal. durch das 
Ev berufen, also ihnen das Ev gepredigt hat cf 4, 14; Eph 2, 16; 

' ") Letzteres schon 1 Tm 1, 3: ß, 3 cf Einl I § 37 A 12. 

*♦) 2 Kr 11, 4 „wenn der, welcher (wie die Tetrusleute aus Palästina 
za euch) kommt, einen anderen [uü.or) Jesus predigt (was ja nicht der Fall 
ist), den wir nicht gepredigt haben . . ., so tätet ihr wohl daran, ihn euch 
gefallen zu lassen" cf Einl I § 19 A 13. Äußerungen wie diese und Gl 1, 7 
waren nur in jenen ersten Jahrzehnten der Apostelzeit berechtigt, während 
welcher es iu der Tat unmöglich war, ein wesentlich verändertes Bild der 
ev Geschichte anfzustellen. Anders lagen die Dinge zur Zeit von 1 Jo 4, 
1—3; 5,5-10; 2 Jo7. 

*6) Cf Mt 12, 4 und Bd. I 443 A hl, auch unten zu Gl 1. 19. 

*•) Ausführlich hierüber Einl § 48 A 2, auch § 52 über Mr 1, 1. 



c. 1, ü— 10. 49 

Mr 1, 14; Lc 4, 18. 43; AG 10, 36; Hb 2, 3 ; 3, 1. Zweitens hat 
alle Predigt, welche sich für Ev ausgibt, Christum zum Gegen- 
stand cf Pill 1, 15 f. ,.Ev von Christo" wäre daher eine wenig an- 
gemessene Bezeichnung des echten Ev, wo dieses als Objekt einer 
schädlichen Behandlung, Fälschung oder Verkehrung in Betracht 
kommt. Wie PI die christliche Predigt, wo sie sonst im Gegen- 
satz zu einer ihrem AVesen widersprechenden, sei es wirklich statt- 
6ndenden, sei es möglichen Handhabung derselben benannt werden 
sollte, das Wort Gottes (2 Kr 2, 17 ; 4, 2) oder das Zeugnis (1 Kr 2, 1) 
oder das Ev Gottes (1 Th 2, 2. 8. 9. 13) nennt, nicht weil das Ev 
eine Botschaft oder Zeugnis oder Aussage über Gott wäre, sondern 
weil Gott im Ev zu den Menschen redet, ihnen die heilsame Wahr- 
heit bezeugt und die Botschaft vom Heil verkündigen läßt, so wird 
das Ev hier, wo es im Gegensatz zu einer willkürlichen Umgestaltung 
nach seiner L'rsprünglicbkeit bezeichnet werden sollte, nach seinem 
Urheber das Ev Christi genannt. Die Predigt Jesu ist nicht nur, 
geschichtlich betrachtet, das ursprüngliche Ev, sondern ist für alle 
Zeit das einzige echte Ev. Wenn PI von den die Gal. beunruhigenden 
Lehrern nicht sagt, daß sie dieses verkehren, sondern daß sie dies 
tun wollen, so denkt er nicht sowohl daran, daß sie es in ihrer 
Lehre fälschen, so daß es in ihrem Munde nicht mehr das Ev 
Christi ist — denn dies tun sie wirklich — , sondern daran, daß 
sie es sich angelegen sein lassen, das echte Ev, welches sie im 
Besitz der gal. Gemeinden vorfanden, in diesem Kreise um seine 
ursprüngliche Natur zu bringen. Wie bedauerlich ihre bisherigen 
Erfolge sind, so haben sie dies doch noch nicht fertig gebracht. 
Es zu verhindern, schreibt PI seinen Brief und stellt zunächst 
ihrem Versuch sein Fluchwort entgegen über jeden, der dies oder 
ähnliches versucht. In v. 8 setzt er den teils unglaublichen, teils 
sehr unwahrscheinlichen und daher durch xal kdv eingeführten*') 

*^) y.ici, welches hinter «Ä/.a natürlich nur ein „auch" sein kann, ist in 
solcher Bedeutung: (cf dagegen 1 Kr 12, 16 „und wenn") vor idv selten aus- 
geschriebea (Jo8, 16; vielleicht auch 1 Jo 2, 1 u. 1 Kr 13, 2f.. durch ydo 
getrennt 1 Kr 14, 8) statt yäv (Mt 26, 35; Jo 8, 14; 11. 25; bei PI nur als 
elliptische Partikel 2 Kr 11, 16), „selbst wenn, sogar für den Fall, daß". — 
Der Text ist im einzelnen schwer festzustellen, weil die Versionen die hier 
in Betracht kommenden Varianten meistens nicht sicher ausdrücken, und 
weil nicht nur die Schriftsteller — in besonders auffälliger Weise Chrys. — , 
sondern auch die Abschreiber offenbar stark zur Vennengung von v. 8 
und 9 hinneigen. Sicher ist jedoch ein erstes i/itr in v. 8, welches teils. 

vor (BH), teils hinter evay/e/.iXr/rai (oder -arjm, auch -^B-rru und -oerat) 

überliefert ist (A K L P , ebenso gestellt vuäi D*), mit Marcion (GK II, 497), 
H* G und den alten Lat. zu streichen. In v. 9 ist der Sing. Trpoeiorjya 
(n*67** S^ Chrys.) triviale Assimilirnng an das folgende /.tyo>. [Vgl. AG 
b. 495, — Lütgert S. 89 f. glaubt, daü v. 8 durch den gegnerischen Vor- 
wurf veranlaßt ist: PI predigt ein anderes Evg., er predigt noch die Be- 
schneidung; die Pneumatiker haben dies den Gemeinden vorgelogen. So 
nehme PI bereits 1, 8 Stellung gegen die 2. Gruppe in den Gemeinden. 

Zahn, Galaterbrief. 3. Aufl. 4 



50" Der Briefeingaiig. 

Fall als einen in der Zukunft möglichen oder doch denkbaren, 
daß er und seine Gehilfen, oder daß ein vom Himmel herab- 
gestiegener Engel **) in einer Weise Ev predige, welche von dem, 
was PI und seine Genossen den Gal. gepredigt haben, abweiche. 
In V. 9 dagegen wird durch fl' rtg r/iäi,' iiay/eXittiaL der in der 
Gegenwart wirklich vorliegende Fall gesetzt, daß jetuaud die Gal. 
zum Objekt einer Bekehrungspredigt macht — denn dies besagt 
evayy. in solcher Konstruktion — , welche von dem, was sie durch 
ihre ersten ^lissiouare überliefert bekommen und im Glauben an- 
genommen haben, abweicht. Dem Wechsel in der Form des Be- 
dingungssatzes entspricht es, daß nur v. 9 von der Predigt eines 
ireQOV evayye).iov unter den Gul., v. 8 dagegen nach richtiger LA 
ganz allgemein von einer solchen Predigt, gleichviel an wen sie 
sich richtet, die Rede ist. Die allgemeinere Aussage v. 8 mildert 
im voraus die Schroffheit des gegen die Judaisten in Gal. ge- 
richteten Fluchworts V. 9 insofern, als sie zeigt, daß PI sich selbst 
und die Engel Gottes in gleichem Fall ebensowenig zu schonen 
geneigt wäre. Andrerseits verstärkt sie den Ausdruck des Be- 
wußtseins, daß das von PI den Gal. gebrachte Ev das allein echte, 
das einzige Ev Christi und jede davon sachlich abweichende Predigt, 
welche sich für Ev ausgibt, nur eine Verdrehung des Ev sei. 
Zugleich verstärkt sie den Eindruck der Entschiedenheit, mit 
welcher PI über jeden, der jetzt in Gaiatien oder in Zukunft 
anderwärts ein 'er((jov iiayye'/.iop predigt, das Urteil fällt: er soll 
ein Anathema sein. '^vdO^ifja eine Nebenform zu uvdihj[.ia, *^) 

Aber dann wäre eben nicht von jn/i raodnnotrei als wie von einer ein- 
heitlichen Gruppe, die die Gemeinde in Verwirrung bringt, zu schreiben 
gewesen, sondern von zweierlei Leuten. Paulas mußte etwa sagen oi fitu 
— ol dt. Er weiß nur von einem itet>ov tiayyihor^ zu dem man sie ver- 
locken will. Die Sache läge dann in Gal eher so: die Fudaisten verklagen 
ihn vor den Gemeinden: „er verwirft das Gesetz", die Pueuniatiker ver- 
klagen ihn: ^er klebt selbst noch am Gesetz". Paulus mußte sich dann 
gegen die Unterstellung wehren, daß sein Evg in sich nicht einheitlich 
wäre. Aber der Gedanke, daß das der Fall sein könnte, kommt ihm gar 
nicht. Das erwähnt er wie etwas Selbstverständliches nur im Relativsatz, 
daü sein Evg einheitlich ist (-"^«c' ö t-örjy.). Der Fehler liegt nur da, daß 
etliche ueituTneuat' TÖ ei'ayy. Es mag sein, daß auch in den gal. Gemeinden 
freigei.stis^e Gedanken sich rührten, aber für jetzt liej;t nur das eine als 
Briefanlaß vor: Tuti Tngänaovoip. Wenn deshalb im Lauf des Bfs Bezug- 
nahmen auf pneumatische Behauptungen aufzuspüren wären, so dürften die 
Pneumatiker doch schwerlich wie eine zweite Gruppe der judaistischen 
gleichgeordnet werden.] 

*") Da tiayyt/.itrjai zeugmatisch ebensowohl für ijftie als für üyyelos 
Prädikat ist, kann t| oipaioc nicht zum Prädikat, sondern nur als Attribut 
za uyyt'/.oi gezogen werden cf Jo 6, 32. 

**) Cf Lobeck ad Phryn. p. 249. Während codd. ABF der LXX 
z. B. Lev 27. 27 und Jos 6, 17 f. ävditt^a haben, gibt Lagarde's Lucian an 
ersterer Stelle, wo es sich um ein Gotte als Gabe Geopfertes handelt, 
Avdxtr^fia, dagegen Jos 6, 17 f. dvdittfia^ eine an sich willkürliche, aber im 



c. 1, 6-10. 51 

dient in LXX stets als Übersetzung von D~n, ohne daß jedoch 
die hanischriftliche Überlieferung eine sichere Unterscheidung 
zwischen den beiden Schreibweisen gestattete. Ein dem Besitz 
und der Nutznießung des Menschen Entnommenes und für Gott 
Zurückgestelltes, sei es Sache oder Person, ist üin allemal. Daß 
diese Aussonderung sowohl aus dem Grunde geschehen kann, weil 
an einem Gegenstand der Zorn Gottes haftet, was dann dessen 
Vernichtung zur Folge hat, als auch zu dem Zweck, Gotte etwas 
als Gabe zu weihen, ist dem "Wort an sich nicht anzumerken und 
ist im hellenistischen Griechisch nur durch eine willkürliche ortho- 
graphische Unterscheidung zwischen ävdO^ifia für ersteres und 
äiad^i ua für letzteres ausgedrückt worden (s. A 49). Auch ohnedies 
würde hier wie Em 9, 3 ; 1 Kr 12, 3; IH, 22 und an den meisten 
Stellen, wo das hebr. Wort oder sein griech. Äquivalent vorkommt, 
aus dem Zusammenhang ersichtlich sein, daß eine Überantwortung 
an den Zorn und das Gericht Gottes gemeint ist. Die spätere 
kirchliche Anwendung des ävd^iua (eoiio, tj'tw) als Formel der 
Verdammung von Irrlehren und Irrlehrern beruht zweifellos auf 
dem Gebrauch dieses Ausdrucks an unserer Stelle und allenfalls 
noch 1 Kr 16, 22. Ob dagegen schon zur Zeit des PI diese oder 
eine ähnliche Formel im Disziplinarverfahren der Synagoge als 
Ausdruck der Exkommunikation üblich war, ist höchst zweifelhaft *^) 
und würde zur Erklärung^ des Gebrauchs, welchen PI davon macht, 
kaum etwas beitragen; denn weder einen Engel (Gl 1, 8) noch sich 
selbst (Em 9, 3 cf Mr 14, 71 ; AG 23, 12. 14. 21) noch den von 
der Erde geschiedenen Jesus (1 Kr 12, 3) kann man exkommunizircn. 
Nicht einem irdischen Gericht oder dem Diszijjlinarverfahren der 
christlichen Gemeinde, sondern dem Gericht Gottes überweist PI 
die Verkündiger jedes anderen Ev als desjenigen, welches die Gal. 
durch ihn und seine Gehilfen empfangen haben cf 1 Kr 3, 17 — 20; 
16, 22; 2 Kr 11, 15; Em 3, 8; 1 Th 2, 16; 2 Th 1, 6—10; 2 Tm 
4, 14. Dem an sich schon so entschiedenen Verdammungsurteil 
über die unter den Gal. aufgetretenen Lehrer gibt PI noch von 
einer anderen Seite her verstärktes Gewicht, indem er daran erinnert 
[v. 9], daß er dasselbe Urteil, welches er in diesem Augenblick 
fallt, schon früher ausgesprochen habe ; und nicht er allein, sondern 
er in Gemeinschaft mit einem oder mehreren anderen hat dies 
getan. So verwerflich wie die LA TCQoeiQiy.a ist (s. A 47), so 
unmöglich ist die Deutung des 7TqoeiQi\y.af.itv auf PI allein. Ist 
es schon an sich mehr als zweifelhaft, ob PI jemals von sich allein 

Gebrauch früh durchgeführte Unterscheidung cf Lc 21, 5 einerseit?, AG 23, 14 
andrerseits. [Vgl. ^■ägeli, Wortschatz des PI S. 49. DeiL'mann, Licht v. 
Osten S. 60 weist didOeua^ Finch!, auf einer attischen Inschrift aus dem 
1. bis 2. Jhh. nach. E. Wünsch. C. l. Atl. Appendix S. XIII f.] 

i^o) Cf Schürer IP, 434 ff.; Hamburger KE I, 14üff.; The Jewish Enc. I. 
554 ff. s. V. Anathema. 

4* 



58 Der Briefeingang. 

im Plural rede (Einl § 13 A 3; § 19 A 3; § 21 A 1 a. E.), so ist 
das erst reclit hier ausp^escblossen, wo ein durch nichts veranlaßter 
"Wechsel des Numerus in der Selbstbezeichnung die Gleichstellung 
des früheren und des gegenwärtigen Redens in sinnloser "Weise ver- 
dunkeln würde. PI faüt sich vielmehr hier ebenso wie v, 8 in 
evryyeXiodufO^a mit einem oder mehreren Predigtgehilfen zusammen. 
Damit ist bereits gesagt, daß rtQOEiQu'/.auev sicli nicht auf die 
eben erst v. 8 niedergeschriebene Äußerung beziehen kann, '^') an 
welcher keiner jener Gehilfen beteiligt war, eine ohnehin unmögliche 
Mißdeutung; denn daa Niederschreiben der "Worte von v. 8 gehört 
dem durch iiQH bezeichneten, die jüngste Vergangenheit mit 
einschließenden Moment an (cf 1 Th 3, 6 ; Mt 9, 18), welcher als 
die Zeit des Ttdliv /Jyio zu der Zeit des TtQoeiQrf/.auEV in Gegen- 
satz gestellt ist. Es läßt sich also weder 2 Kr 7, 3 cf 6, 11 f., 
noch Phl 4, 4 vergleichen. Auch ist das, wovon PI versichert, daß 
er es jetzt zum zweiten Mal sage, wie er es schon früher gesagt 
habe, wie bereits gezeigt, keineswegs das Gleiche mit dem, was er 
soeben v. 8 gesagt hat. Buchstäblich braucht das, was er jetzt 
sagt, und das, was er früher einmal gesagt hat, natürlich nicht 
identisch zu sein; die Satzform (et c. ind. praes) mußte sogar var« 
schieden sein, da zur Zeit des 7roo€iQi])f.au€v noch nicht als wirklich 
vorlag, was jetzt, zur Zeit des ägri rcdliv ).iyo) eben diese Satzform 
veranlaßt; aber eine so wesentliche sachliche Verschiedenheit, wie 
sie zwischen den Sätzen v. 8 und 9 besteht, ist durch (oq tvq. aus- 
geschlossen. PI beruft sich also auf frühere mündliche Mitteilungen 
an die Gal. (cf 5, 3. 21). "Wäre der Brief an die Gemeinden der 
Landschaft Gal. gerichtet, so könnte PI schon zur Zeit der Stiftung 
dieser Gemeinden derartige Warnungen ausgesprochen haben ; denn 
damals lag der auf dem Apostelkonvent abgeschlagene Angriff der 
Judaisten auf einen Teil der Heidenkirche bereits hinter ihm. Dies 
würde nicht von dem ersten, sondern erst von dem zweiten Besuch 
bei den Lesern gelten, wenn diese vielmehr im südlichen Teil 
der Provinz zu suchen sind s. oben S. 9 — 20. Veranlassung zu 
so drohenden Warnungen hatte also PI auch erst, als er zum 
zweiten Mal die südgalatischen Gemeinden besuchte. In den Zu- 
ständen dieser Gemeinden selbst lag dieselbe damals nicht; denn 
dann hätte PI durch die kürzlich ihm zugekommene Kunde von 
dem Auftreten der Judaisten nicht so überrascht werden können, 
wie V. 6 sagte. Aber die Erfahrungen, die man kurz vor der 
zweiten großen Missionsreise des PI in Antiochien und in Jerusalem 
gemacht hatte (AG 15, 1—33 = Gl 2, 1—10), erklären es, daß PI 
und Silvanus die auf der ersten Reise von PI und Barnabas ge- 
stifteten Gemeinden vor dem Eindringen einer gesetzlichen Fälschung 

*Jj So z. B. "Victor., Pel., Bengel; beide Möglichkeiten erwägt Aug., 
ohne sich zu entscheiden, das Richtige gibt Hier. 



c. 1, 6-10. - 53 

des Ev warnten (cf AQ 16, 4). — Sehen wir von der Anknüpfung 
des V. 10 durch yäg zunächst ab, so beziehen sich die Fragen des 
PI, ob er Menschen oder (lott überrede, ''-) oder ob er sich Menschen 
gefällig zu zeigen bemüht sei, wie das betont vorangestellte agil 
zeigt, jedenfalls auf das, was er eben jetzt tut oder sagt oder un- 
mittelbar vorher gesagt hat ; denn unmöglich kann uqtc hier anders 
als V. 9 geraeint sein und etwa, wie man in vorzeitiger Rücksicht 
auf das folgende tl €tt xtA. meinte, auf sein regelmäßiges Ver- 
halten während der ganzen Zeit, seitdem er ein Christ ist, be- 
zogen werden im Gegensatz zu seinem vorchristlichen Leben, während 
dessen er sich um Beifall und Gunst der Menschen bewarb (Wieseler). 
PI fragt vielmehr in bezug auf seine eben ausgesprochene rück- 
sichtslose Verurteilung der Lehrer, welche den Gal, so sehr im- 
poniren, und er fragt in der Zuversicht, daß ihm niemand die 
verneinende Antwort versagen könne, ob das etwa der Ton eines 
Mannes sei, welcher es versteht, durch einschmeichelnde Reden die 
Leute für sich zu gewinnen, oder der sich bemüht, den Menschen, 
die er für sich gewinnen will, auf Kosten der "Wahrheit sich ge- 
fällig zu erweisen; ob das nicht vielmehr die Rede eines Mannes 
sei, der ohne Menschenfurcht und Menschengefälligkeit darnach 
allein strebe, daß er Gottes Zustimmung und Beifall zu seinem 
Reden und Tun gewinne. Außer der stillschweigenden Antwort, 
welche schon durch diese Fragen den Lesern in den Mund gelegt 
wird, liegt eine solche des PI selbst in dem unverbunden — denn 
ydg hinter ti ist zu schlecht bezeugt — angefügten Urteil : „wenn 
ich noch, wie es in früheren Zeiten der Fall gewesen sein mag, 
Menschen mich gefällig zeigte, so wäre ich Christi Knecht nicht". 
Weil er dies ist, verzichtet er, wo es, wie hier, um die Wahrheit 
und die Reinerhaltung des £v sich handelt, auf alle damit un- 
verträgliche Anbequemung an die Stimmungen und Neigungen der 
Menschen und auf jeden Versuch, sie durch freundliche Worte für 
sich zu gewinnen, womit nicht ausgeschlossen ist, daß er unter 
anderen L^mständen in treuem Dienst seines Herrn Menschen über- 



") Eine mancfelhafte Übersetzung, da Tteid^eii' nicht notwendig, wie 
„überreden" nach Etymologie und genauem Spraebgebranch, den Erfolg mit- 
einscblielit, soBderu oft nur die Bemühung ausdrü<"kt, durch Zureden, Bitten, 
vorgeführte Gründe den anderen zur theoretischen und praktischen Zu- 
stimmuug zu bewegen cf 2 Kr 5, 11 ; AG 13, 43; 18,4; 19.8. — Da es 
meistens nicht vom Wollen eines Menschen abhängt, und auch nicht immer 
schlimme Gründe hat, ob oder daß er anderen Meuschen wohlgefalle cf Lc 
2, 52; AG 2, 47; 1 Sam 18, 5, so kann äoiay.tiv v. 10'' nicht heilen gefallen, 
sondern nur, wie so oft, sich gefällig erweisen, einem zu Gefallen handeln 
und leben Em 15, 1—3; 1 Kr 10, 33; 1 Th 2, 4; 4, 1 : daher tuOoo>ndoeoi(oi 
Eph 6, 6; Kl 3, 23. Dann kann aber auch dasselbe Wort v. lü' nicht jene 
andere Bedeutung haben, und es ist nicht einzusehen, warum dies aus der 
Abhängigkeit von ^/;7<5 folgen sollte, als ob nicht ein tätiges Verhalten 
Ziel des Strebens sein könnte Mt 12, 46; 21, 46; Jo 7, 1; 19, 12. 



54 Der Brief eingaug. 

redet, um sie für das Heil zu gewinnen (2 Kr 5, 11), und Jlenschon 
eich anbequemt, um ihnen keinen schädlichen Anstoß zu geben 
(1 Kr 10, 33). Ist dies das richtige VerBtiindnis von v. 10, so 
leuchtet ein, daß PI, wie schon Thdr bemerkt, mit diesen Sätzen 
zu seiner Selbstverteidigung übergeht. Er konnte ro nicht reden, 
wenn ihm nicht von den Gegnern in (lal. der Vorwurf gemacht 
worden war, daß er seine Erfolge als Heidenmissionar seiner ein- 
schmeichelnden Redefertigkeit und seiner mit der .strengen Wahr- 
heit des Ev unverträglichen Akkomodation an heidnische An- 
schauungen und Sitten verdanke. Vom Standpunkt der Judaisten 
angesehen, hatte er, um möglichst große Erfolge zu erzielen, die 
Hülle des gesetzlichen Judentums, die das Christentum ursprünglich 
au sich trug. al)gestreift und war aus Ehrgeiz und Cliarakterlosig- 
keit den Heiden ein Heide geworden, ''"j Nach alle dem kann 
freilich v. 10 nicht, wie man aus der Anknüpfung durch yaQ 
schloß, das rücksichtslose Verdaminungsurteil in v. 9 begründen 
oder erklären oder dem Befremden der Leser über solche Rück- 
sichtslosigkeit begegnen (Hofniauu), wozu die durch Hqii auf die 
vorige Aussage zurückweisenden Fragen ganz ungeeignet waren. 
Statt dessen hätte PI behaupten müssen: so rede ich, oder wundert 
euch nicht, daß ich so rede; denn es ziemt einem Knecht Christi 
nicht, den Menschen nach dem Munde zu reden. Es ist yäg hier 
nicht Kausalpartikel, sondern jenes konfirmative Adverb, welches be- 
sonders in Fragsätzen auf das an sich oder auf grund vorangehender 

"') Cf 1 Kr 9, 21. Ebenso fanden die Judaisteu einen Beweis seiner 
Charakterlosigkeit in seiner gelegentlichen Anbequemung an die Ansprüche 
der JudensThaft Gl 5, 11 cf 1 Kr 9, 20. [Lütgert siebt in v. 10 den Vor- 
wurf der Pneumatiker zu grund liegen: PI predigt fius Meusohengefällig- 
keit gegen die Urapostel noch die Bescbneidung, die er sich in Jerus. hat 
auflegen lassen fS. 93 f.), ja er habe sein Erg überbau])! von Menschen u. 
zwar im besondern von den Urap. (S. 42ff.j. So sei zu deuten, da eine 
Abhängigkeit des PI von den Urap. im Mund der Jndaisten ja gar kein 
Vorwurf gcwe>eu sei. Die Möglichkeit, in v. 10 einen Vorwurf der Frei- 
;reistigen auf Menschengefälliifkeit herauszuhören, liegt wobl vor. Ramsay, 
Hist. coinm. 4<ß kennzeichnet das schiefe Licht, in das PI durch die voll- 
zogene Bescbneidunüf des Tim kommen konnte. AGr 16, 6 (Am t. '/or<S.) 
könnte andeuten, daß die Sache damals nicht so ganz harmlos war. Jeden- 
f.ills war sie der Mißdeutung ausgesetzt. Des PI Verhalten schien nicht 
einbeitlicb. Der Vorwurf der Menscliengefälligkeit konnte von selten der 
Freigesinnten der Tat angeheftet werden. Aber überschauen wir, was 
Lütg. dann als Erg.!bnis herausstellt! Dann sind diircb pueumatiscbe Vor- 
würfe verursacht: Der machtvolle Eingang 1, 1 (nicht von Menschen u. 
nicht doch einen Menschen); v. 8. 10. 11 f. iHf.; ferner 1, Iß— 2, 15 (Lütg. 
S. 42ff). Wie verloren steht zwischen drin die Angabe 1,6 über Anlaß 
u. Zweck des ganzen Schreil)en8: Abweisung jndiist. Verführung. Dies 
Mißverhältnis im Gedankengang würde auch scliwerlicii durch die Erwägung 
ganz aufgehoben, daß PI nur dann hoffen konnte, die Gemeinden von den 
Judaisten loszureißen, wenn er zuerst die Einflüsterungen der Pnenmatiker, 
welche ihn als halben Judaisten hinstellten, als unhaltbar erwies (Lütg. S. 93).] 



c. 1, 11-2, 14. 55 

Aussagen offen zu Tage Liegende hinweist, um die Frage dringender, 
die gewünschte Autwort unausweichlicher zu machen. ^*) 



3. Geschichtlicha Selbstrechtfertigung des Apostels 1, 1 1—2, 14. 

Die Fragen von v. 10, worin PI die um ihrer selbst willen 
dastehenden schroffen Urteile v. 8 — 9 zu gelegentlicher Abwehr 
eines ihm gemachten Vorwurfs verwendet, lenken die Aufmerk- 
samkeit des Lesers von dem doppelten Anathema über jede Fälschung 
oder Verdrängiing des von ihm den Gal. gebrachten Ev nicht ab, 
und das eigene Urteil des PI in v. lO'' enthält vermöge des Zu- 
sammenhangs den Gedanken, daß er als ein Knecht Christi das 
Kocht und die Pflicht habe, so ohne alle Rücksicht auf Gunst und 
Beifall der Menschen, wie er es v. 6 — 9 und besonders v. 8 — 9 
getan hat, jedes angebliche Ev, welches von dem durch ihn ge- 
predigten Ev Christi sachlich abweicht, samt dessen Verkündigern 
zu verurteilen. Es kommt daher auf das Gleiche hinaus, ob man 
die durch ydo ^^) angeknüpften folgenden Sätze nur dem letzten 
Satz V. 10^ oder den Sätzen v. 8 — 9, oder dem ganzen Abschnitt 
V. 6 — 10 zur Begründung dienen läßt. Das Bewußtfsein, daß das 
von ihm gepredigte Ev das einzig wahre Ev Christi sei, und die 
darin begründete Intoleranz gegen jedes hievon abweichende an- 
gebliche Ev wird im Folgenden gerechtfertigt. Wie deutlich PI 
bis dahin die Gal. seinen Unmut hatte fühlen lassen, so bestimmt 
hatte er doch von ihnen die sie beruhigenden und verleitenden 
fremden Lehrer unterschieden. Nachdem er diese dem Gericht 
Gottes überantwortet hat, fällt um so mehr ins Ohr, daß er die 
Leser nun zum ersten Mal als Brüder ^'^) anredet, was dann erst 

**) Kühner-Gerth II, 330 ff.; Winer § 53, 8b u. c; s. auch die Beispiele 
bei ßaphel I, 349 f.; II, 426. 

") So N'' BD*G, alle Lat. (auch Abstr nach Hss): Sä n*AKLP, S^ 
Kop Orig (Migne 17, 1295, anch ath.), Chrys. Thilr (nach der Auslegung 
vielmehr oif cf auch Ephr.), Thdrt. Letzteres verdächtig, erstens als Ent- 
lehnung aus 1 Kr 15, 1, zweitens weil die meisten dieser Zeugen v. 10 el 
yrio haben, ein dreimaliges /«« hintereinander aber lästig gefunden wurde. 

^^) Ausfall von Aöthfoi nur schwach bezeugt durch P 67** Orig (? Goltz 

5. 104). — S' übersetzt xmä üi'd-oonov ungenau, als ob er and oder naiyä 
d.v(ynd)7iov vor sich gehabt hätte. P]s handelt sich hier noch nicht um den 
Ursprung wie v. 12 cf v. 1, sondern um die Art. Das ymä üi{f^ao>nov 
(ItyöuEvoy, rroioi'ueiof, of yT/..) ist ein di&ocönnoi' seiner Art nach cf Rm 

6, 19; 1 Tm 3, 1 V. 1. mit Rm 3, 5; 1 Kr 9, 8; Gl 3, 15, oder Fliuders Petrie 
pap. ed. Mahaffy 1,33,9; 37,5; 40,4; 43,9; 47, 15 iäf Si t« (U\)-qm:iivov 
ndih'i oder rräo/o und ebendort II, 45, 5 idr t« rtör ■/.«.x' äi'd'(jo)7iov yiyrjrac. 
Die Verbindung des keiner sonstigen Ergänzung bedürftigen yarh ävxYoconov 
mit tiiai zu einem Prädikat bedarf ebensowenii? grammatischer Recht- 
fertigung wie die gleiche Verbindung der verschiedensten Adverbien (oia^s, 
i/^'ig, l^ui) und Adverbialien, wie z. B. xard oAo^a Rm 8, 5; iv iSö^rj 2 Kr 



56 Geschichtliche Selbstrechtfertiguiig des Apostels. 

wieder 3, 15 und von da bis zum Schluü häufiger geschieht. Doch 
ist 08 hier wie 1 Kr 15, 1 nicht obuo Ironie geredet, wenn er 
Leuten, die von ihm seihst und i^leichgesinnten Genossen das Ev 
empfangen hatten, sagt: ,,ich mache euch mit dem von mir ge- 
predigten Ev bekannf. Die peinlich berührende Voraussetzung 
Lät, daß es ihnen unbekannt geblieben oder wieder geworden sei, 
was nur wenig dadurch gemildert wird, daß der das Objekt der 
Kundmachung oxponirende Satz: „daß es nämlich nicht nach 
Jlenschcnart beschaffen ist", sofort eine bestimmte Beziehung an- 
gibt, in welcher die Gal. einer erneuten Bekanntmachung mit dem 
von PI gepredigten Ev bedürfen; denn wer das Ev im Glauben 
aufnimmt, nimmt es immer aJs eine Botschaft Gottes und Christi, 
nicht als eine menschliche und menschlich geartete Lehre auf 
(Gl 4, 14; 1 Th 2, 13). Wenn sie sich jetzt von dem auch ihnen 
von PI gepredigten Ev abwenden und einem anderen, angeblich 
vollkommeneren Ev zuwenden, so muß ihnen das Bewußtsein von 
der Göttlichkeit des zuerst zu ihnen gekommeneu Ev abhanden 
gekommen sein. Sie haben sich einreden lassen, was PI ihnen ge- 
predigt habe, sei eine öiöao/.a/.ia uvO^QiLjCiov (Kl 2, 22) und wie 
alle menschliche Lehre mit Irrtum behaftet der Verbesserung und 
Berichtigung bedürftig. Nur aus dem Gegensatz zu derartigen 
Behauptungen der Judaisten erklärt sich die zunächst nur negative 
Charakteristik des paulinischen Ev. Zur Bgründung derselben 
weist PI v. 12 auf die Art hin, wie er selbst in den Besitz des 
Ev gekommen ist. Er hat es auch nicht von einem Menschen 
überliefert bekommen, wie die Gal. und alle Christen, welchen er 
oder andere Apostel es zuerst gepredigt haben (1 Kr 15, I ; 1 Th 

2, 13). Nicht ov, sondern ouöe ycxQ schreibt er, weil die Be- 
hauptung der nicht menschlichen Art seines Ev sich nicht deckt 
mit der Behauptung der nicht menschlichen Herkunft desselben. 
Der verneinende Satz v. 11 könnte auch dann zu Recht bestehen, 
wenn PI das Ev durch Vermittlung eines anderen Menschen emp- 
fangen hätte. Auch die Schüler der Apostel besitzen ja in ihrem 
Glauben das Ev Gottes und Christi, welches nicht menschlich von 
Art und Wesen ist. ^') PI aber kann dies mit besonderer Zu- 
versicht von sich behaupten, weil er, und zwar, wie das betonte 

3, 8; ir öftoiÖTr.ji Ign. Eph 1,3; ix t^ä yijs Jo 3, 31; ix vöfiov Gl 3, 21; ix 
TtioTtWi Gl 3, 12; ix Ttepnofiff^ Gl 4, 11; i:tö vöfioi' Rm 6, 14 f.; vnio v/j.G)v 
Mr 9, 40; vTiio töv diddaxcü.op Mt 10, 24; vTiip ävO'ijujnoi' Luc. vit. auct. 2; 
xmä ytwfir>v Epict. diss. J, 17, 28; xma qvoiv Epict. 1, 11, 7. 8. 17. 18. 

'^) Diese Erwägung entscheidet auch gegen die Meinung, daß oiSi 
seinen Ton auf iyio werfe, so daß es hieße: auch ich nicht, d. h. ebenso- 
wenig wie die älteren Apostel. Dazu kommt, daß dies deutlicher durch 
xal yän tyio ov ausgedrückt werden maßte (Hofmann). Das oiiVt gehört 
also zum ganzen Satz und iytb drückt einen Gegensatz aus zu der großen 
Mehrheit der Christen, welche zwar das echte, göttliche Ev empfangen 
haben, aber durch menschliche Vermittlung Gl 4, 19; 1 Kr 4, 15, Hb 2, 3. 



c. 1, 11-2, 14. 57 

ich sagen will, er im üntersühied von den meisten ChriEten daa 
Ev, welches er predigt, nicht einmal durch Vermittlung eines 
Menschen zu eigen bekommen hat, wodurch die Möglichkeit aus- 
geschlossen ist, daß er ein schon durch die Schuld seines Be- 
kehrera entartetes und in üblem Sinne menschlich gewordenes Ev 
empfangen habe. Mit einem zweiten oöde^^) verneint er außerdem 
auch noch, daß er von einem menschlichen Lehrer im Ev unter- 
richtet worden sei, was keine Tautologie sein wird. Wohl ist alle 
Predigt des Ev auch ein Lehren ; aber nicht alles Lehren, welches 
Christum oder das Ev zum Gegenstand hat, ist ein naQuötdovac 
10 ed., denn einer Unterweisung im Ev sind auch diejenigen be- 
dürftig, welche das Ev bereits im Glauben angenommen haben. *") 
Auch das oiöe löiöäxi^r^v sc. naga uvO-qujtiov war nicht über- 
flüssig, weil es sehr wohl hätte geschehen können, daß PI gleich 
nach seiner Bekehrung durch einen älteren Christen in das vollere 
Verständnis des Ev eingeführt worden wäre, so daß das Ev, wie 
er es seither besitzt, versteht und anderen predigt, doch teilweise 
menschlichen Ursprungs wäre. Beiden verneinten Möglichkeiten 
tritt äX).a Öl' &n:oyMXinp€cog^^^) 'Jr^oov Xqlotov als der wirkliche 
Sachverhalt gegenüber. Es ist daher diese positive Aussage nicht 
nur durch TiaQÜ.aßov, sondern auch durch kdiöä'iO-r^v zu ergänzen. 
Aus dem Gegensatz ergibt sich auch, daß Jesus hier noch nicht 
wie V. 16 als Objekt der Offenbarung vorgestellt ist, welches viel- 
mehr %o i.iayyi?uov ist, sondern als Subjekt. Ebenso scharf wie 
V. 1 wird Jesus Christus den Menschen gegenübergestellt. Nicht 
durch einen Menschen, sondern durch Christus hat PI das Ev 
empfangen und ist er in demselben unterwiesen worden, indem 
Christus ihm das vordem auch ihm verhüllte Ev enthüllt hat 
cf 2 Kr 4, 3 — 6. Durch u^coy.dXvifjig ist schon gesagt, daß diese 
Einwirkung Christi auf PI nicht ein 7iaoaöiöürac und öiödoy.iiv 
nach der Art menschlichen Lehrens gewesen ist, wobei Stück für 
Stück mitgeteilt und durch stetig fortschreitende Aufhellung der 
Dunkelheiten eine ausreichende Kenntnis und ein befriedigendes 
Verständnis der Sache erzielt wird. Indem die Hülle, welche 
den Gegenstand verdeckte, hinweggenommen, oder der Schleier, 
welcher den Blick des ihn Betrachtenden umflorte, zerrissen wurde, 
ist das Ev mit einem Schlage in den Besitz des PI gekommen 
und er in dessen Verständnis eingeführt worden. Dadurch war 
nicht ausgeschlossen, daß seine Kenntnis der ev Überlieferung, von 

•■**) So N A D* G P Chrys. : ovTe BEL etc. Auf die Yersioneu ist in 
solchem Fall nichts zu geben. 

»») AG 2, 42; Eph 4, 20 f. ; Kl 1, 25—28; 2, 2. 6 f. 

"^s») [d7ioy.u?.t<jif, 4 mal in den LXX doch ohne relig. Bedeutung (z. B. 
Sir 11, 27: 1. Kö 20, 30). ist nach Hieron. (zu Gl 1, 12) La^ solcher eine chriatl 
Neubildung. In den Hermesschriften fehlt es ganz. Heinrici, Hermes- 
mystik S. 169.] 



58 Geschichtliche Selbstrechtfertigung de8 Apostels. 

deren wichtigston Stücken er schon vor seiner Btikehrung eine 
historische Kenntnis besaß (2 Kr 5, 16), durch Jlitteilung älterer 
Christen später beträchtlich erweitert worden ist. ^^) Mit Unrecht 
ist oft angenommen worden, daß die verneinenden Sätze v. 12, 
ebenso wie die Verneinungen in v. 1 und v. 1 1 Abwehr einer 
gegenteiligen Behauptung der «ludaisten seien. Gewiß konnten 
diese sagen und haben gesagt, daß PI sein Apostelamt von und 
durch Menschen empfangen habe, und sie behaupteten ohne Zweifel, 
daß das Ev, welches er predige, eine willkürliche Monschenlehre 
sei (xaror &v&Q(ü:ror), nimmermehr aber, daß er dieses sein Ev von 
anderen Mensclien empfangen und von diesen als seinen Lehrern 
seine den Judaisten verhaßte Lehre überkommen habe. AVer sollten 
diese Lehrer des PI gewesen sein? Gewiß doch nicht die älteren 
Apostel""*); denn von diesen und von allen anderen Auktoritäten 
der damaligen Christenheit versicherten die Judaisten, daß sie in 
bezug auf die vorliegenden Streitfragen das gerade Gegenteil von 
der Predigt und Lehre des PI durch Wort und Tat lehren. Einen 
Vertreter des gesetzesfreien Ev hat es gerade nach Ansicht der 
Judaisten vor PI nicht gegeben ; von ihm erst ist es dreist er- 
funden worden. Nicht einmal von der positiv ausgesprochenen 
Tatsache, daß er durch eine Offenbarung Christi das Ev empfangen 
habe, läßt sich behaupten, daß die in Gal. aufgetretenen Lehrer 
sie geradezu bestritten haben. Hätten sie geleugnet, daß PI in 
folge einer Offenbarung Christi Christ geworden sei, ^') so mußte 
PI zum Zweck ihrer Widerlegung auf die Einzelheiten und näheren 
Umstände jenes Erlebnisses eingehen. Die wenigen und sehr 
allgemein gehaltenen Worte, mit welchen er dasselbe v. 12'' und 
16" berührt, zeigen, daß das von ihm behauptete Erlebnis im 
Kreise der Leser nicht nur bekannt, sondern auch unbestritten 
war. Die Judaisten bedurften einer Anfechtung dieser Tatsache 
als Kampfmittels nicht ; sie konnten und mußten wohl gelten 
lassen, was die Urapostel und Barnabas und die Muttergemeinde 
anerkannt hatten, daß dem PI Christus bei Damaskus erschienen 

*°) 1 Kr 11, 23 TTdni'/.aßov uTTo (nicht rraoä) rov y.voiov, 15, ,3. Geschicht- 
liche Einzelheiten, welche man ebensogut durch meuschliche Zeugen er- 
fahren kann, sind nicht Gegenstand von dnoya/.vifsi?, am wenigsten der 
2 Kr 12, 1 — 7 erwähnten, in weh-hen PI nur aoor^ra ^i]fiara gehört hat, 
Worte, die man nicht aussprechen kann und darf. 

"'*'; [Weil Lütgert S. 45 dies annimmt, darum vermutet er in dem 
ganzen Abschnitt eine Abwehr der pneumatischen Vorwürfe.] 

®') Das haben erst die Ebjouiten getan, welche den PI unter anderem 
unter der Maske des Magiers Simon in ihre Literatur einführten und unter 
offenbarer Bezugnalime auf Gl 1, 12 — 17 und 2, 11 — 14 leugneten, daß 
Visionen ein Beweis und ein Mittel der Selbstoffenbarung Christi seien, 
und behaupteten, daC vielmehr der Teufel dem PI wie andern Gottlosen 
ein Blendwerk vorgespiegelt und ihn zu einem Pseudapostel gemacht habe, 
Clem. hom. 17,13—20 cf 11,3.5; 19,2. 



c. 1, 11-17. 59 

sei, und konnten trotzdem behaupten, daß das gesetzesfroie Ev 
des PI eine JiU8 Menschengefälligkeit und Ehrgeiz von ihm er- 
Bonnene menschliclie Lehre sei. Trotzdem war es eine wohl- 
angchrachte Beweisfülirung für die Jiehauptuug der niclit mensch- 
lichen, sondern göttlichen Art des von ihm gepredigten Ev (v. 11), 
daß und wie PI v. 12 — 16" an die Anfänge seines Christentums erinnert. 
Hat er v. 12 nicht gegnerische Behauptungen über die Herkunft 
seines Ev abgewiesen [Lütgert], sondern zum Zweck der Widerlegung 
der Behauptung, daß sein Ev eine menschliche Lehre sei (v. 11), 
sich darauf berufen, daß er nicht durch menschliche Predigt und 
Belehrung, sondern durch eine Selbstoffenbarung Christi in den Be- 
sitz des Ev. d. h. zum Glauben an dasselbe und zum Verständnis des- 
selben gekommen sei, so bedurfte diese kaum anfechtbare und von 
niemand ernstlich angefochtene Tatsache keines B e we is e s. Wohl 
aber dient ihr zur Bestätigung die Erinnerung an sein vor- 
christliches Leben v. 13 f., welche PI durch ein konfirmatives ydg 
anfügt: „Ihr habt ja gehört von meinem ehemaligen Wandel im 
Judentum,*'-) daß ich nämlich über die Maßen die Kirche Gottes 
verfolgte und sie zerstörte, ^^) und daß ich Fortschritte machte im 
Judentum über viele Altersgenossen in meinem Volk, ^*) indem ich 

**) 'Ioi<Srti<jii6^ von iovSai'^eii', wic '^E'/.h-nafiog von fJ.lr^iii^Eiv cf Einl 

§ 2 A 22, könnte im Munde eines Juden in bezug auf sein eigenes Leben 
befremden, da iorSa/tew (2, 14 neben hvSaixM^ g^</ cf Plutarch, Cicero c. 7; 
IgQ. Magn. 10, 3), wie intransitives elhiri^ew, //couniteiy (Jos. bell. II, 20, 3) 
zunächst die Annahme jüdischer, hellenischer, römischer Sprache, Sitte, 
Denkweise seitens der Angehörigen fremder Völker bedeutet. Aber schon 
2Mkk2, 21; 8,1; 14,88, auth 4 Mkk 4, 26 so wie bei PI von jüdischer 
Religion und Lebenshaltung der Juden im Gegensatz zum Heidentum, bei 
Ignatius Mgn. 8, 1; 10, 3; Phild. 6, 1 im Gegensatz zu Xoiozianauöi. 

ö^) Ttoothti' wie TTfodtiv seit Homer: eine eroberte Stadt mit Feuer 
und Schwert zerstören und verwüsten, hat hier wie AG 9, 21 die Gemeinde, 
Gl 1, 23 den Christenglauben, Philo c. Flacc. 8 die Judenschaft Alexandriens 
bei Gelegenheit einer Jiidenhetze, 2 Mkk 11,4 (cf 4, 23) die Judeuschaft 
überhaupt zum Oljjekt. Da das Wort auch sonst in mannigfaltiger Weise 
auf Personen augewandt wird, braucht nicht die Vorstellung der Gemeinde 
als einer Stadt oder eines Hauses obzuwalten. Unter /; iy.y.L r. d: ist, wo 
keine Ortsbestimmung hinzutritt, die gesamte Christenheit zu verstehen 
(cf 1 Kr 10, 32; 15, 9; 1 Tm 3, 15), welche aber damals noch wesentlich mit 
der Ortsgemeinde von Jerusalem zusammenfiel; denn auch die Christen von 
Damaskus, auf welche PI wenigstens die böse Absicht der Verfolgung aus- 
dehnte (AG 9, 2 ff. : 22, 5 ff. ; 2G, 12), werden erst nach dem Tode des Stephanus 
von Jerusalem dahin geflohen sein. 

"*) Unmöglich ist Mommsen's Deutung von i^' rrS yhet nov auf die 
Heimat des PI d. h. Tarsus Ztschr. f. ntl Wiss. 1901 S. 85, wodurch dann 
AG 22, 3; 26, 4 ff. Lügen gestraft wären. PI gebraucht im Sinne von Land 
und Leuten, Bevölkerung einer Landschaft, abgesehen von den Nationali- 
täten, aus welchen sie sich zusammensetzt, wohl einmal eHros Rm 1, 13, 
auch in der Rede AG 26, 4 cf Just, apol II, 15; Einl ^ 2 A 15; § 21 A 2, 
niemals yiioi, welches er dn gegen gebraucht, wo er vom jüdischen Volk 
als dem seinigen reilet 2 Kr 11, 26; Phl 3, 5 cf my/er,]^ Rm 9, 3; 16, 7. 11. 21. 
Vollends unannehmbar ist die hierauf gegründete Meinung, daß er eine 



60 Geschichtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

noch mehr (wie sie) ein Eiferer um meine väterlichen Über- 
lieferungen war.*^ In demselben Gegensatz, welcher die Betonung 
des Ich in v. 12 veranlaßt hat, ist der erste dieser Sütze ge- 
schrieben, wie auch das 7»^»' Ifo^r üraaiQOcpr^v statt eiues einfachen 
ti^v 6iYaaiQ0(pi\v (.lov jenem lyio entspricht. Beides drückt den 
Gegensatz zu anderen Christen aus, von denen nicht gilt, was PI 
in beiden Sätzen von sich sagen kann oder muß. Nicht nur unter 
den Aposteln (1 Kr 15, 9), sondern unter allen Chri^^ten (Eph 3, 8) 
und allen durch Jesus geretteten Sündern (1 Tra 1, 12 — 16) ist 
er der Einzige, welcher aus einem blind wütenden Feuul Christi 
und seiner Gemeinde plötzlich ein gläubiger Bekenner Christi ge- 
worden ist. Wodurch anders könnte dieser Umschwung bewirkt 
sein, als durch eine unmittelbare Offenbarung ! Damit ist nicht 
gesagt, daß die übrigen Juden und Heiden, die aus einer minder 
feindseligen Stellung zu Christus zum Glauben an ihn übergingen, 
ohne göttliche Offenbarung, nur durch menschliche Belehrung oder 
eigenes Nachdenken dazu gelangt seien ; *"*) und noch weniger ist 
damit geleugnet, daß alle die, welche zur Zeit des Erdenlebens 
Jesu gläubig wurden, die Hunderte (AG 1, 15; 1 Kr 15, 6) wie 
die Zwölfe, durch die Predigt Jesu, also durch unmittelbare Selbst- 
bezeugung Christi Christen geworden sind. Aber PI, dem eine 
solche Offenbarung und Selbstbezeugung Christi mitten in der Be- 
tätigung seines fanatischen Hasses gegen Christus widerfahren ist, 
darf doch wie kein anderer behaupten, daß er nur durch eine un- 
mittelbare Selbstoffenbarung des erhöhten und auch für die Gläubigen 
unsichtbar gewordenen Christus (Kl 3, 3 f.) ein Christ geworden 
ist und hat werden können. Seine leidenschaftliche Feindschaft 
gegen Christus und seine Gemeinde machte ihn nicht nur unzu- 
gänglich für Belehrung und Überredung durch Glieder dieser 
Gemeinde, sondern schließt auch den Gedanken aus, daß er durch 
eine innere Fortentwicklung seines religiösen Denkens zum Glauben 
gekommen sei. Nur durch einen Bruch mit seiner ganzen Ver- 
gangenheit konnte er dazu gelangen. Dafür aber war außer seiner 
Haltung als Verfolger der (gemeinde auch seine Jugendentwicklung 
und die von seinen Vorfahren ererbte besondere Art jüdischer 
Lehre und Frömmigkeit von Bedeutung. Er war nicht bloß ein 
Jade wie alle Juden, sondern strebte eifrig darnach, ein immer 
vollkommenerer Jude zu werden, und übertraf manche seiner Alters- 
genossen im Wettstreit auf diesem Gebiet. Dies aber bringt er 

Christengemeinde in Tarsus verfolgt habe, was die gesamte Überlieferung 
von AG 7, 58— y, 3; 9, 1—30; 22, 3—5, 20; 26, 10-12 zu einer unbegreif- 
lichen Erfindung machen würde. In Tarsus gab es damals gar keine 
Christengemeinde cf vorige A, und im Text von Gl 1, 14, wo von Verfolgung 
einer einzelnen Ortsgemeinde gar nicht die Eede ist, fehlt jeder Anhalt für 
diese phantastische Ansicht. 

") Mt 11, 27; 16, 17 ^Bdl, 536) ; 2 Kr 3, 13— 4, 6; auch Eph 8, 5; Em 1,17. 



c. 1, 11—17. 61 

in Zusammenhang damit, daß er mehr wie andere, ein eifriger An- 
hänger der von seinem Vater oder von seinen Vätern ererbten 
Traditionen war. HaTQiy.og, ^^) wohl zu unterscheiden von TtaTQqjog 
und TtdiQiog, ist ein adjektivirtes rnt~ TtazQÖg, und das hinzu- 
tretende /noi' macht es vollends zweifellos, daß PI hier von solchen 
liehrtraditionen redete welche schon sein Vater, neben welchem 
sofort V. 15 auch seine Mutter genannt wird, oder auch mehrere 
Generationen seiner Familie (2 Tm 1, 3) hochgehalten haben. So 
müßten wir deuten, auch \senn wir nicht wüßten, daß PI ebenso 
wie sein Vater und wahrscheinlich schon mehrere Generationen 
seiner Familie der pharisäischen Partei angehört hat,"") und daß 
er in jungen Jahren zum Zweck rabbinischer Ausbildung in das 
Lehrhaus des pharisäischen Lehrers Gamaliel eingetreten ist AG 22, 
3 cf 5, 34. Dies alles ist an sich freilich noch keine Bestätigung, 
geschweige denn ein Beweis dafür, daß PI nicht anders als durch 
eine Selbstoffenbarung Christi das Ev bekommen habe (v. 12), 
oder daß sein Ev keine willkürliche Menschenlehre sei (v. 11). 
Denn es waren auch Pharisäer der Gemeinde beigetreten AG 15, 5, 
deren Bekehrung keineswegs eine Wirkung unmittelbarer Offen- 
barung Christi war, und deren Christentum gerade dadurch, daß 
sie ihre ererbten Anschauungen in das Ev hineintrugen, in hohem 
Grade xara livd-Qwrcov beschaffen war. ''**) Aber v. 14 ist ja auch 
nur die Fortsetzung von v. 13, und der den Hauptaussagen unter- 
geordnete Partizipialsatz v. 14'' erinnert daran, daß PI als eifriger 
Pharisäer ein Verfolger der Gemeinde gewesen ist. "Während jene 
anderen ehemaligen Pharisäer zu der Zeit, als diese Partei dem 
jungen Christentum gegenüber noch eine zuwartende Haltung 
beobachtet AG 5, 34 — 39, die aigeaig tmv ^agioakov AG 15, 5; 
26, 5 mit der aioeoig rCov NatojQauov AG 24, 5. 14 vertauscht 
haben mögen, war PI noch ein durch Eifer hervorragendes Glied 
der Partei, als diese sich bereits gegen das Christentum entschieden 
hatte AG 6, 12 ff. Er war ein gegen Christus entschiedener 
Pharisäer bis zu dem Tage, da Christus durch seine Selbstoffen- 



6«) Gen. 50, 6 : Lev 22, 13 ; 25, 41 ; Num 36, 8 wie überhaupt fast regel- 
mäßig mit possessivem Genitiv des Pronomens: tr roi^ TtnToiyozs avTiis Sir 
42, 10 = .T2N r'::. Schwerlich jemals wie Traroröos (AG 22, 3;"" 24, 14; 28, 17; 
oft 2 Mkk, auch .Jos. ant. XIll, 16, 2) oder Ttdroiog (Sirach prol. ; 2 Mkk 7, 
8. 37; Jos. ant. XX. 5, 2) von Gesetzen, Einrichtuns^en, Schriften u. dgl., 
welche einer mit allen seinen Volksgenossen von den Stammvätern des- 
selben ererbt hat, oder von der Sprache nnd Sitte der Heimat, letzteres 
besonders häufig durch das von naroii abgeleitete rxdToios. 

" ') Phl 3, 5 : AG 23, 6 ( wahrscheinlich 0aot(mi(oi\ nicht (Pamaaiov zu lesen 
cf 2 Tm 1, 3); AG 26, 5 cf Einl § 2 A 16: N. kirchl. Ztschr. 1904 S. 23 ff. 

^*) Abgesehen von Gl 2. 4 und dem Gesamtbild der Judaisten in Gal.. 
sieht man besonders auch aus 2 Kr 2, 17—4. 6; 11. 1 — 23. daß diese und ähn- 
liche Leute nach dem Urteil des PI noch tief in jü'lischem Wesen steckten und 
den Namen von Christen und Lehrern des Christentums nicht verdienten. 



62 (.ieschichtlicbe Selbst rccliltVitii::uiig des Apostels. 

baruug ilim das Ärgernis des Kreuzes in eine frohe Heilsbotschaft 
verwandelte. Eine trübe Mischung von ererbten Alenschenlehren 
und göttlicher OtTenbarung war bei diesem zum Ev üich bekehrenden 
Pharisäer ebenso unmöglich wie zwischen Feuer und Wasser. Nur 
durrh völliges Aufheben alles Eignen konnte er Christum gewinnen 
Phl 3, 3 — 11. Der Vorwurf der Gegner, dem v. 1 1 entgegentrat, 
ist nicht nur mit einleuchtenden Gründen abgewiesen, sondern auch 
für Leser, welche die Andeutung verstehen wollen, deutlich genug 
den Gegnern zurückgegeben. Wenn etwas, was sieh für Ev aus- 
gibt, eine Jlenschenlehre ist, dann ist es sicherlich nicht das, 
welches PI den Gal. gepredigt hat, sondern das, welches die falschen 
Brüder jüngst nach Galatien gebracht haben. Und wenn ein durch 
Menschen gepredigtes Ev den Anspruch erheben kann, das einzige 
echte Ev Cliristi zu sein, dann iht es nicht das der Judaisten, die sich 
als die treuen Bewahrer der Predigt Jesu ausgaben, sondern dasjenige, 
welches der erhöhte Christus dem Paulus gab, indem er selbst seinem 
Todfeind sich offenbarte. — Haben wir v. 1 einen ersten , v. 10 einen 
zweiten, v. 11 einen dri tten Vorwurf der jiidaistischen Lehrer 
kennen gelernt, welchen PI abzuwehren nötig fand, so muß es ein 
viert er Vorwurf derselben Leute sein, dem er v. 15 ff. entgegen- 
tritt: „Als es aber dem, der mich von meiner Mutter Leib an 
abgesondert und durch seine Gnade berufen hat, "'') gefiel, seinen 
Sohn in mir zu enthüllen, damit ich ihn unter den Heiden predige, 
habe ich sofort nicht Fleisch und Blut um Rat oder Weisung be- 
fragt; ich bin auch nicht nach Jerusalem gegangen zu den Aposteln, 
die vor mir Apostel waren, sondern ich ging hin nach Arabien 
und kehrte wieder nach Damuskus zurück." Noch einmal wie 
v. 12—14 erinnert Fl in dem Vordersatz v. 15 — 16* sowohl an 
sein vorchristliches Leben als an seine Bekehrung, aber auch dies- 
mal nicht im Ton einer Erzählung von unbekannten Tatsachen, 
sondern in dem der Erinnerung an solches und der Beleuchtung 
von solchem, was die Leser längst wissen. Was v. 13 durch 
Tp»i.ovouie ausdrücklich gesagt war, tritt hier beiläufig zu Tage. 
Nur zu Leuten, die bereits wußten, daß seine Bekehrung in oder 
bei Damaskus stattgefunden und er gleich nach diesem Erlebnis 
in dieser Stadt sich aufgehalten hatte, konnte er so wie v. 1 7 
von einer Rückkehr nach Damaskus reden, ohne vorher Damaskus 
genannt zu haben. Nicht erst durch seine Berufung, oder gar 
erst durch eine spätere durch Menschen vermittelte Abordnung 

*") Ein 6 deös vor 6 äjo^iaag (n A D K L P etc.) war eine sachlich 
richtige Au.sdeutnng, schon von Iren. V. 12, 5 gelegentlich zugesetzt, aber 
nach V, \n, 3, wo der Logos als Subjekt genannt wird, gewiß nicht im 
Text gefunden. Ebenso scheint es sich mit Orig. (Delarue III, 607; IV, 
462 f. Note) ..zn verhalten. Daher mit B G S^ und allen Lat. außer d zu 
streichen. Übrigens fehlte im Text des Orig. y.ul y.a'/.iaua Öiü t. /uo. aixov 
(IV, 462 cf die Atho-shs. bei Goltz S. 27). 



c. 1, 11—17. 63 

(AG 13, 2 — 4) hat Gott ihn von der Menge der übrigen Menschen 
abgesondert und zu besonderem Dienst bestimmt, sondern von seiner 
Geburt an. Wie sehr der bibelkundige Leser an Jer. 2, 5 erinnert 
wird '") und wie wahrscheinlich es ist, daß PI in Erinnerung an 
jene Stelle dies von sich sagt, so deutlich ist doch der Unterschied. 
Während dort dem Propheten gesagt wird, daß er schon vor seiner 
Bildung im Mutterleib ein Gegenstand göttlichen Vorhererkennens 
gewesen und schon vor seiner Geburt von Gott für seinen Beruf 
geweiht worden sei cf Lc 1 , 15. 41. 44, begnügt sich PI damit, 
daß Gott ihn vom Augenblick seiner Geburt an ausgesondert 
Labe. '^) Es ist aber hier so wenig wie v. 14 das f.ioü zu über- 
sehen. PI gebraucht nicht einen längst abgeschliflfenen altertüm- 
lichen Ausdruck (Mt 19, 12; Sap. Sal. 7, 2 u. A. 70), sondern ver- 
gegenwärtigt sich seine Mutter, die ihn geboren hat, wie v. 14 
den Vater, der ihn zum Pharisäer erzogen hat. Da jeder Jude, 
der einem Griechen sagen wollte, was der Parteiname Pharisäer 
bedeute, dies durch die Übersetzung des hebr. W'-il^ aram. N'^-'^ID 
durch arpwQiouevog ausdrückte. '^) so ist kaum zu bezweifeln, daß 
PI hier mit 6 ucpoQiaag wie Em 1, 1 mit dffcooiouivog auf seine 
von Geburt an beschlossene Zugehörigkeit zur pharisäischen Partei 
hinweist. Er war aber auch schon damals in höherem Sinn ein 
von der Masse seines Volks Abgesonderter, ein „Pharisäer" ; denn 
im Hintergrund dessen, was Vater und Mutter aus ihm machen 
wollten, war die Hand Gottes geschäftig, ihn für eine ganz andere 
Bestimmung vorzubereiten. Durch die nachfolgende Berufung, 
welche als eine Wirkung der Gnade Gottes bezeichnet wird, \vurde 
PI dieser Bestimmung zugeführt. Mit der Berufung aber kann 
nicht völlig zusammenfallen die Enthüllung des Sohnes Gottes [v. 16j ; 
denn es wird weder von der Berufung gesagt, daß sie durch diese 
Enthüllung geschehen sei, noch umgekehrt, sondern von dem Gott, 
der ihn von Geburt an ausgesondert und später durch seine Gnade 
berufen hat, wird gesagt, daß er aus freiem Entschluß "^) seinen 
Sohn in PI enthüllt habe. Es kann auch nicht zufällig sein, daß 

'") LXX TT(>ö Tov fie Ti'/.daui ae iv üoü.iu (v. 1. £x y.oü.iui) tTziarauai ae, y.ai 
Tt^ö TOV ae iitXif'tli' (al. -f- tx ui]Toai) ijyiaxd «Je, 7Too(fi]Tr^v eis eOrt] redeiy.d ae. 

") Dies wird überall der Sinn sein von tx y.oüias oder ynoToö-; mit 
(Jes 49, 1 ; Mt 19, 12; AG 3, 2; 14, 8 cf Job 1, 21) und ohne «?;toö,- (Ju r6,o; 
Jes 44, 2. 24; Ps 22, 10; Job 10, 18) = iy. yt^eifji Jo 9, 1. Es bedarf der 
Beifügung eines sit Lc 1, 15, wo der embryonische Zustand inbetcriffen sein 
soll cf Lc 1, 41. 44. 

'^) Clem. hom. XI, 28; Epiph. haer. 16, 1. Weniger glücklich Orig. 
tom. VI, 22; XIII, 55 in Jo ol Öu]oi;uiioi, vielleicht von c-2 cf Unomast. ed. 
Lagarde 61, 20; 69, 6; 204, 47.' Orig. (IV, 462 f.) bestreitet, daß hier oder 
Rm 1, 1 von ewiger Prädestination die Rede .'^ei. [Nägeli. Wortschatz S 3.Ö.] 

'*) eiboy.etf c. Inf. (cf Bd I, 144) bezeichnet meistens nicht den auf 
freier Wahl beruhenden Entschloß für sich, sondern schließt die im Infinitiv 
daneben genannte Handlung oder doch deren sofortigen Beginn mit ein 
Ps 68, 17; 1 Mkk 14, 47; Sir 25, 15; 1 Kr 1, 21 ; 1 Th 2, 8; 3, 1 ; Rm 15, 26. 



64 (ieschichtliche Selbstrechtfertigiing des Apostels. 

V. 12 V(in einer SelbBtofTenbaning Christi an PI, hier von einer 
Offenbaning im Inneren des PI die Rede ist, deren Subjekt Gott 
und deren Objekt der Sohn Gottes war. Jene geschah in dem 
Augenblick, da der unsichtbar gewordene und von PI totgeglaubte 
Jesus sich ihm in himmlischer Glorie sichtbar machte (1 Kr. 9, 1 ; 
15,8; AG 0, 3— 6. 17; 22,6 — 10. 14; 26, 12 — 18). Damit hatte 
Jesus vor den Augen des PI die Hülle abgestreift, welche ihn 
seinen wie aller Menschen Blicken verhüllte. Aber auch im Innern 
des PI, über seinem Herzen hing eine Decke und herrschte eine 
Finsternis, welche ihn hinderte, mit dem geistigen Auge Jesum zu 
sehen und ihn als den Sohn Gottes zu erkennen. '*) Das waren 
die jüdischen Vorurteile und insbesondere die pharisäischen Be- 
strebungen, die ihn bis dahin beherrscht hatten. Deren Über- 
windung tlie Wirkung Gottes auf die Seele des PI (cf Jo 6, 44) 
ist die Enthüllung Christi, von welcher v. 16 sagt; und erst durch 
sie kam die von außen an PI gekommene Selbstenthüllung Jesu 
(v. 12), womit die Berufung zum Christenstand und zum Apostel- 
amt unmittelbar verbunden war, zu ihrer Vollendung und zu ent- 
scheidender "Wirkung. Die drei Tage der körperlichen Blindheit 
(AG 9, 8), welche der Erscheinung und dem Zuruf Jesu folgten, 
werden wir als die Zeit der von Gott gewirkten Enthüllung Christi 
im Innern des PI anzusehen haben. Als Zweck und Ziel nicht 
der Aussonderung oder der Berufung, sondern jener Enthüllung 
des Sohnes Gottes im Herzen des PI bezeichnet er sein Predigen 
des Ev unter den Heiden. Schon darum ist es irrig, hierin die 
Behauptung zu finden, daß er bei seiner Berufung und Bekehrung 
sofort und ausschließlich mit der Predigt unter den Heiden beauf- 
tragt worden sei, was nicht nur mit AG 9, 15; 22, 15. 21 
{(:B.(trrooxfJ.Gj): 26, 17. 20, sondern auch mit richtigem Verständnis 
von Rm 1, 1 — 6; 11, 13; 1 Kr 9, 19 — 21 unverträglich wäre. 
Aber auch die innerliche Offenbarung des Sohnes Gottes hatte nicht 
zum unmittelbaren Ziel die Predigt unter den Heiden. Der Ge- 
danke, daß PI nunmehr mit dieser Predigt beginnen solle, würde 
in dem von den Aoristen evöoy.r^OEV . . Sc/toy.aXvipai abhängigen 
Finalsatz (iayye'/.iaojf^iai statt des auffälligen und doch fast allein 
bezeugten etay/eU^fouai '^) erfordern. PI bat vielmehr sein gegen- 

'*) 2 Kr 4. 3—6 cf 3. 13-18. Auch Rm 1, 19 heißt ir airon „in ihrem 
Innern". Die an sich sprachlich mögliche Fassung von fv Ifioi = an mir 
fGll. 24; 1 Tm 1, 16) würde den Gedanken ergeben, daß Gott anderen 
Menschen am Beispiel des PI da<« ihnen verborgene Wesen Christi ent- 
hüllt habe, was kein einmaliges Ereignis wäre, wie es die Konstruktion 
öTE eidöxT^aef . . . dnoxa/.iijru . . ., eiöiioi erfordert, und könnte nicht die 
Predigt des PI unter den Heiden zum Zweck haben, stünde vielmehr neben 
dieser als eine beabsichtigte Folge der Bekehrung des PI, wenn es nicht 
geradezu mit dieser zusammenfiele (so Fei., auch von Hier, erwähnt). 

'*) Nur D* BiayyeUaaifiat. Auf die Versionen {tvangelizarem, annun- 



c. 1, 11-17. ß5 

wärtiges Predigen unter den Heiden im Auge, ohne auch nur an- 
zudeuten, wann es angefangen habe oder aufhören werde cf 2, 2. 
Damit dieses stattfinden könne, wie es jetzt stattfindet, mußte jene 
Enthüllung des Sohnes Gottes stattfinden, wodurch allem Erkennen 
Christi y.aia oägxa (2 Kr 5, 16) bei PI ein Ende gemacht wurde. 
Es genügte uiclit seine Überführung davon, daß der von ihm ge- 
haßte und in seiner Gemeinde verfolgte Jesus der dem Volk Israel 
verheißene Messias, und nicht ein das Volk verführender Pseudo- 
messias sei. Es mußte ihm das f.ivaTi-Qiov dieser Person enthüllt 
werden, welches erst der Name Sohn Gottes bezeichnet;^**) denn 
in diesem fivoir^Qiov ist auch die unterschiedslose Ausdehnung des 
durch ihn bereiteten Heils über die Heidenwelt enthalten. Als der 
in die Welt gesandte eigene und einzige Sohn (Rm 8, 3. 32; 
Gl 4, 4 f.) des einzigen Gottes, welcher der Heiden wie der Juden 
Gott ist (Rm 3, 29 f. ; Gl 3, 20), ist er auch der Erlöser der 
ganzen Menschheit. Mit der Enthüllung des Geheimnisses, welches 
Jesus Christus als der Sohn Gottes für jeden noch nicht an ihn 
gläubigen Juden und Menschen darstellt, ist auch die Enthüllung 
des Geheimnisses gegeben, daß den Heiden das Heil ohne Abzug 
und ohne Bedingung zu teil werden soll. Als aber Gott 
dem PI in diesem vollen Sinn seinen Sohn enthüllt hatte, hat 
PI sofort nicht Menschen von Fleisch und Bluf) seine 
Sache zur Begutachtung vorgelegt und sie um ihr Urteil 
gebeten. Dies nämlich ist die jedenfalls hier (cf zu 2, 6) allein 
angemessene und durch ausreichende Beispiele belegte Bedeutung 
von TTQOOai'cal&eod-ai tivi.'^) Das Objekt (zi oder Ttegl rivog), 

Harem, doch Hier. comm. uud Thdr lat. eoangelizem) ist in solchen Sachen 
nichts zu geben. 

'") Cf Mt 16, 17 Bd. I, 536. Den engen Zusammenhang des ttvari^oiof, 
welches Christus selbst ist, mit dem fiiai>]oiot' der Universalität des Heils 
im Gedanken des PI erkennt man aus Kl 1, 25—28; 2, 2—15; Eph 3, 3 — 12; 
1 Tm 3, 16 cf 2 Kr 3, 12—4, G; 5, 14—19; Rm 16, 25 f. 

'') Zu dieser bei den Juden sehr gebräuchlichen Bezeichnung des 
körperlich lebenden Menschen im Gegensatz zu Gott uud den Geistern cf 
Eph 6, 12; Sir 14, 18 (hehr. u. griech.); Mt 16, 17 Bd. I. 536. 577. Daß PI 
sich selbst uud sein natürliches Denken in diesen Begriff miteingeschlossen 
habe, wäre möglich, aber doch gerade in Verbindung mit rrooaat'arid-ead-ai 
unwahrscheinlich s. folgende A. Durch die Kritik, welche Porphyrius an 
der Abneigung des PI, sich von Menschen belehren zu lassen, geiibt hatte, 
ließ Hier, sich verleiten zu verneinen, daß PI hier die älteren Apostel im 
Auge habe. Gerade je höher diese standen, um so mehr war er veranlaßt 
zu sagen, daß sie Fleisch und Blut seien. 

^*) Chrj'sippus bei Suidas s. v. veozröä (Beruhardy p. 959): oi-ao ydo 
rtid (frjoi O'enofiiietof . . . nooaarad'ead'ai opsiooxoit;^. Diod. Sic. XVII, 116; 
rols iiärTsni TTooaataOfueiv» rreoi zov aijusiov. LuC. Jup. trag. 1 Spricht 

Hermes zu dem von schweren Sorgen bedrückten Zeus: iitol 7i<joaard&ov, 
Xnße fi6 oviißov).oi> Tiöi'coi: Diodor schreibt am Ende des citirten Kapitels 

in ganz gleichem Sinn ndhn roli luiiTeoi 7Toooaii<feoe tieqI TtSi' rrooat;u(cirO' 

fifion; Letzteres Verb, gebräuchlich von der Befragung des kundigeren 
Zahn, Galaterbrief. 3. AutU 5 



66 Geschichtliche Selbstrechtfcrtlgnng des Apostels. 

welches hier wie sunst öfter unansgesprucheu bleibt, ergänzt sich 
ftUB dem Zusammeubaug. Weil PI völlig davon überzeugt war, 

Katgebers (I'ol^'b. 31, 19, 4 noooaii'^t(>e <8C. ni>T(f>y tSinTio^nöy, ei Ötl xfA.) 

und der Bericbterstattunjj an die vorgesetzte Behörde mit der Bitte, Ent- 
scheidung zu treffen (Polyb. 17 <al. 18>, 9, 10 nooanifts-^'y.tii> rfj ovyyXtlJM 
rtipi ittoi, Dionys. aut. K 6, 5<i, 5; Inscr. gr. Sic. et Italiae ed. Kaibel nr. 
757. 758. 7150; 'JMkkll,36), verhält sich zu dem in der älteren Sprache 

febräuchlichen, aber auch später nicht seltenen diiKf /(nty (Polyb. 15, 18, 13; 
US. h. e. II. 2. 2; Aia^opä nddior^ Bericht an den Kaiser Ev. apocr. ed. *, 
Tischend, p. 435) wie rrpooniarW^tan^nt Gl 1, 18; 2, 6 ZU dvariihox't-ai Gl 2, 2; 
AG 25. 14; 2 Mkk 3, 9; Arteniid. ouirocrit II, 60 (ed. Hercher p. 155, 5 Note); 

Polyb. 22, 24 (al. 27), 11 diarropr^oai-teä dfiihvro jreot rovrcir e/i,- t^*- ovyy.Xr^ior. 

Pallad. bist. Laus. ed. Butler p. 38, 15; 75. 5. In der Konstruktion draii- 
fl'eoi'fni jt rttjöi Tita Alciphr. epist. III, 59 fällt dmiid: ganz mit npoonimiff. 
zusammen. Das dem drmiV. oder dpn(ftntty vorgesetzte rroöi sagt aus- 
drücklich, daß nicht ein stillschweigendes Überlassen, Anheimstellen ge- 
roeint ist, sondern eine an den anderen gerichtete Berichterstattung mit 
der Bitte, Entscheidung über die Frage zu treffen. Thdr gibt dem ein- 
fachen und dem doppelten Kompositum mit Recht die wesentlich gleiche 
Bedeutung, p. 14 zu Gl 1, 16: nee enim referre Ulis super doctrinam meam 
ulUitn enram habui, . . . nee cousilium eoruvi capcrem, . . . statim non 
exposui. exposuit niitn postea ilHn, ascendcns secundum revelationcm hoc 
ifsud (2, 2). Bemerkenswert ist besonders seine Berufung auf den aUtäg- 
hchen Sprachgebrauch seiner Zeit p. 18 zu 2, 6; „cottferre" dicUitr com- 
municare consiliutn super aliquod negotium; sie enim et nos in consue- 
tudine{m) dicimus. Sitniliter autem et apostolus manifestus est hac voce 
fuisse abusus. In wiederholter Wiedergabe von 1, 16 und 2, 2 gebraucht 
er sodann zweimal participatua sum consilio. Endlich zu 2, 6 Sic ergo et 
hoc in loco y^nihil contulerunl" hoc est: ipsi quidem mihi nihil adiecertmt, 
nfque participati sunt mihi consilium. Das zu allen sonstigen Erklärungen 
Thdr's nicht passende adiecerunt wird ebenso auf Rechnung des Übersetzers 
kommen, wie das adquievi in dem Text von 1, 16 p. 13, welches durch die 
folgende Erklärung ausgeschlossen sein sollte. [Euthym. Zigabenus zu 2, 2 
gibt es durch diay.oinhaaoifai wieder] Die alten Übersetzer zeigen sich 
ansicher. Zu 1, 16 ist das verkehrte adquievi (von Aug. als adsentiri ge- 
deutet) von Vulg beibehalten, obwohl Hier. p. 391 dazu bemerkt sive, ut 
in Graeco melius habet, non contidi cum carue et sanguine, cf 397 zu 
2, 2, und obwohl schon lange vor ihm lat. Ausleger das Richtige getroffen 
hatten, z. B. Abstr. nee enxm consilium cujusquam petiit aut ad aliquem 
retulit, quid esset acturus, auch Tert. resurr. 50 qui . . . statim non retulerit 
ad camem et sanquinem. Zu 2, 2 schwanken die Lat. zwischen conferre 

iTert. c. Marc. I, 20, d, Hier., Vulg, Abstr und Aug. wenigstens in der Aus- 
egung, cf Pel. in freier Wiedergabe reddidi rationcm und non didici, sed 
contuU) und exponere (g <aber griech. dvtßiddur,vy, Abstr (doch mit Variante>, 
Vict. Aug. Thdr lat ). Zu 2, 6 die meisten (d g, Abstr, Vict. Hier. Vulg) 
mihi . . . nihil contulerunt, nur Aug und r adposuerunt. So aber in der 
Auslegung auch Vict. nihil me docuerunt, nihil addiderunt, ähnlich Abstr. — 
S' zu 1, 16; 2, 2 n»7J „ich offenbarte", dagegen 2, 6 „sie fügten mir nicht 
irgend etwas hinzu" cf auch Ephr. zu allen drei Stellen. Sieht man, daß 
Chrys. p. 37f. den gewöhnlichen Text durch oib'ti> Tipoaiihjynv, ovöer Suiip- 
dtoaay und eine Reihe anderer Synonyma zu umschreiben wagt, und ver- 
gleicht man das adposuerunt späterer Lat. und die lat. Ausleger, so er- 
scheint die Annahme verwerflich, daß die Syrer 2, 6 etwa nooaid^tvTo oder 
npooiör^xuf gelesen haben, weil sie hier das gleiche Wort wie 3, 19 ge- 
brauchen. Nichts ist unsicherer, als in der Weise wie KJostermann, Probleme 



c. 1, 11-17. 67 

daß Christus selbst ihm erschienen sei, und daß der Gott seines 
Lebens ihm Jesum als seinen Sohn offenbart habe, darum fühlte 
er kein Bedürfnis, dieses sein Erlebnis und die dadurch gewonnene 
Erkenutuin dem Urteil und der Entscheidung von Menschen zu 
unterbreiten. Es wäre ihm wie eine Mißachtung Gottes und Christi 
erschienen, Menschen darum zu befragen und von ihnen Aufklärung 
darüber oder Weisung zu erbitten. Und zwar sofort, seit den 
Tagen jener äußeren und inneren Erlebni.sse hat er so gedacht 
und darnach gehandelt. Je auffälliger das Zeitadverb eL&eiog in 
Verbindung mit einer negativen Aussage oder vielmehr mit zwei 
solchen erscheint, '") um so sicherer ist, daß dieses eL'i5^£a/g einer 
gegenteiligen Behauptung widersprechen soll. [Lütg. S. 46J Nur, 
wenn von gegnerischer Seite behaupfet worden war, daß PI nicht 
gleich damals, in der nächsten Zeit nach seiner Bekehrung, sondern 
erst viel später sich der Befragung anderer Menschen enthalten und 
der Beratung und Anweisung von deren Seite entzogen habe, 
konnte sich PI gedrungen fühlen zu behaupten und weiterhin zu 
beweisen, daß er gleich damals die in dem Nichtbefragen von 
Menschen und dem Nichtbesuchen Jerusalems und der dort an- 
sässigen älteren Apostel sich darstellende Selbstgewißheit des Be- 
wußtseins und Selbständigkeit des Handelns besessen und bewiesen 
habe. Wenn an sich selbstverständlich ist, daß ein Berichterstatten 
und Befragen mit der Absicht, Belehrung oder Rat und Anweisung 
zu empfangen, nur an den Sachkundigeren, Erfahreneren oder mit 

im Aposteltext S. 109 f. aus den Freiheiten, welche die alten Übersetzer, 
Ausleger und sonstige Schriftsteller in gelegentlichen Anspielungen sich 
erlaubten, auf griech. Variauten zu schlielien. 

'") Daß £i)i')icoi nicht etwa, wie Hier, und noch Credner, Einl 1, 1, S08 
wollten, zu evuyye?.i^o}fiac gehört, ergibt sich schon aus dem vorhin zu 
diesem Conj. praes. Bemerkten. Die Verbindung mit einer negativen Aus- 
sage ändert aber auch nichts an der Bedeutung von ti&vi oder ti'd-iint. 
Es sagt stets, daß das Ereignis (Handlung, Zustand, Nichthandeln, Auf- 
hören eines Zustandest dessen Zeit dadurch bestimmt wird, unmittelbar, 
ohne Zwischeneintritt einer Zeit, von welcher die Aussage nicht gelten 
würde, oder von Ereignissen, welche die Sachlage verändern, an ein anderes 
Ereignis (Zustand, Handlang, Zeitpunkt) sich anschheße, mag-dieses letztere 
durch eine Präpositionalverbindung ausgedrückt sein (Mt 24, 29 fiträ rr^u 

9'klifii; Xenoph. Cyrop. I, 6, 20 ix TiatÖiov, auch ix veov, y.ar (io)cüs cf Ast. 
Lex. Plat. s. v. svO'lcos) oder durch ein Partie, conj. (Mr 3, 6) oder absol. 
(Mt 13, 21; Jos. bell. I, 17, 4 Sictkud'efTO^ to-D avfinoaiov fierä lo ndt-'TUä 

i-iiekd-sip xtL) oder wie hier durch einen temporalen Vordersatz (cf AG 
16, 10) oder in selbständigem erzählendem Satz, an welchen sich wie so oft 
in den Evv, besonders Mr, ei&eMi [eiilvi) oder evO-tfOt, öe anschließt. 
Die überall festgehaltene Grundbedeutung „gerades Wegs", daher ohne 
•Aufschub, sofort an den in irgend einer der genannten Formen bezeichneten 
.Moment sich anschließend, und nicht erst später und aus Veranlassung 
später eingetretener Momente, wird besonders deutlich in Sätzen mit oix 
iid-iojsLc2\,d; Job 3, 11; Plato Phaed 63»; Phileb. 51"; Laches 190-, wird 
über auch nicht verändert durch die Wortfolge ei-'^üoi ovr.. 



68 Gescbi>-htliche Selbstrecht fertig;ung des Apostels. 

höherer Auktorität Bekleideton gerichtet wird, bo zeigen die Worte 
of'di inf;X&or^'^) f/),' 'hgooöhfia ngo^ roig nqh hiov &.ioaT6lovg 
[v. 17], daß die gegnerische Behauptung sich vor allem auf das an- 
fängliche Verhältnis des neubekehrten PI zu den 12 Aposteln bezog, 
ohne daß darum andere ä'tere Christen wie ein Auanias zu Damaskus 
oder ein Barnabas zu Jerusalem außer Betracht gelassen wurden. 
Die Judaisten müssen also den (lal. eingeredet habon, PI habe in 
der ersten Zeit nach seiner Bekehrung, sei es Jahre oder Monate 
lang, eich um Beziehungen zu den älteren Christen und besonders 
den 12 Aposteln bemüht, um von ihnen Bestätigung seiner Be- 
kehrung, Anerkennung seines Christentums und Rat und Weisung 
für die Ausübung seines Predigtberufs zu empfangen, und später 
erst habe er sich im Lehren und Handeln eine Selbständigkeit an- 
gemaßt, welche ihm nicht gebühre, habe die Berührung mit den 
Aaktoritäten in Jerusalem gemieden und sei so zu seinem falschen 
Ev, zu seiner verkehrten Art der Heidenmission gekommen und 
in offenbaren AViderspruch mit der Muttergemeinde und den Häuptern 
der ganzen Christenheit geraten. Man sieht, wie gut diese aus 
V. 17 zu entnehmende Anklage zu den v. 1 und 11 abgewiesenen 
paßt, wohingegen alles verwirrt wird, wenn man den Apostel in 
dem ganzen historischen Teil des Briefs gegen die unmögliche Be- 
hauptung streiten läßt, daß er sein Ev von den Uraposteln erlernt 
habe. Ist hiermit v. 16'' — 17^ richtig ausgelegt, so leuchtet ein, daß 
das evd-iiog nur zu diesen verneinenden Sitzen und nicht auch zu 
der ihr gegenübertretenden Aussage Sck).a Sciri]).0-ov tlg \-iqaßiav -/.iX. 
gehört. Denn die gegnerische Behauptung, welcher durch ei'>9-fwg 
entgegengetreten wird, müßte dann auch den sinnlosen Satz ent- 
halten haben, PI sei nicht sofort nach seiner Bekehrung, sondern 
erst viel später nach Arabien gegangen. In der auf seine Be- 
kehrung folgenden Lobensperiode, welche nach v. 18 einen Zeit- 
raum von 3 .Tahreu umfaßte, werden wir allerdings durch die Ab- 
hängigkeit von dem Vordersatz v. 15 — 16"* und den Fortgang der 
Erzählung v. 18 festgehalten. Wie bald aber nach seiner Be- 
kehrung PI eine Reise nach Arabien gemacht habe, ist den Worten 
nicht zu entnehmen. Naclidem er gesagt, daß er damals seinen 

*") So wird mit BDG zu lesen sein, nicht mit n AKLP dvijl&ov, 
denn es ist zumal in Anbetracht des häufigen ä^a^aheir el^ 7en. (Gl 2, If. ; 
Mt20, 18: Lc-ii, 42; Jo2, 13; AG 11, 2) wahrscheinlicher, daß man nach 
V. 18, wo tirr/f.,for mit gleichem Reiseziel kaum angefochten ist, dieses hier 
eintrug, als daß man es dem nächstfolgenden drrfj/Jf-m eis M«. assimilirte. 
Auf die Versionen ist auch hier wenig zu geben, wenn man sieht, daß dg 
das beiden in DG vorliegende doppelte dn^r^/Jtor y. 17 zuerst durch vent, 
dann durch nbii wiedergeben. Wenn dg wie auch Vulg für drfj'/.,')-ni' v. lo 
veni setzen, während andere Lat. : Tert. praescr. 27, Abstr, Aug., Thdr lat. 
hier anrendi haben, so ist doch nur letzteres eine nach Genauigkeit stre- 
bende ibersetzang. Ebensowenig läßt sich aus dem dreimaligen pSin in S' 
auf dreimaliges änr/zJ^er schließen. 



I 



c. 1, 11-17. 69 

Aufenthaltsort, ala welchen die Leser Damaskus kennen, ehe er 
diese Stadt genannt hat, nicht verlassen habe (otx ä7if^)Mo\>), um 
nach Jerusalem zu gehen und die älteren Apostel aufzusuchen, 
können die hiezu gegensätzliclien Worte „sondern ich reiste fort 
nach Arabien und kehrte wieder nach Damaskus zurück-' nichts 
anderes sagen als dies: sofern überhaupt während jener 3 Jahre 
ein ScjceXOtiy staltgefunden oder mit a. W. er seinen Aufenthalt 
in Damaskus einmal unterbrechen habe, sei das Ziel seiner Reise 
nicht Jerusalem oder ein anderer Wohnsitz hervorragender christ- 
licher Persönlichkeiten, sondern Arabien gewesen, das an das Gebiet 
von Damaskus im Süden und Osten angrenzende Reich der Nabatäer, 
dessen damaliger König Aretas (Harithath IV) 2 Kr 11, 32 er- 
wähnt wird. ^^) Was den PI zu dieser so deutlich wie möglich 
als eine vorübergehende TJuterlrechung des Aufenthalts in Daiiiaskus 
gekennzeichneten Reise in das benachbarte Gebiet der Xabatäer 
veranlaßte, wissen wir nicht. Am wenigsten berechtigt ist die mit 
falscher Deutung von 1, 16* zusammenhängende Vermutung, daß 
er dort den heidnischen Nabatäern, welche wenigstens überwiegend 
Nomaden waren, gepredigt habe. ^^) Es würde das in sonder- 
barem Widerspruch stehen mit seiner späteren Praxis, nur iu den 
größeren Städten als ]\Iissionar zu arbeiten. Eher könnte er den 
Juden unter der Herrschaft des Aretas gepredigt haben. Wie es 
in Dairaskus mehr als 10 000 Juden gab, ^'*) an denen er seinem 
Drang zur Missionepredigt genügen konnte, so fehlten solche auch 

''') Gegen die zur herrschenden Meinung gewordene Hypothese, welche 
sich lediglich auf ungenaue Auslegung von 2 Kr 11,32 gründet, daß Da- 
maskus damals zum Kelch des Aretas gehört habe, vj^I. meine Abb. über 
die Flucht des PI aus Damaskus N. kirchl. Ztschr. 1904 S. 34—41 und Pr. 
EE. XV*, 62, 45 ff. Dagegen entscheidet auch Gl 1, 17 : PI hätte dann ja nicht 
erst durch eine Abreise von Damaskus nach Arabien kommen können. Unter 
Arabien ist, wie bei Josephus gewöhnlich, das Reich der Xabatäer zu ver- 
stehen mit den Hauptstädten Petra und Bostra. die Nf(ßaOi^ir^ welche sich 
im Süden und Osten von Palästina vom roten Meer bis gegen den Euv.hrat 
ausdehnte (Jos. aut. I, 12, 4) und ebenso wie die von Trajan daraus ge- 
bildete Provinz die Siuaihaibinsel einschloß, soweit man solche städtclose, 
mehr oder weniger wüste, nur von Nomaden durchstreifte Landstriche über- 
haupt zu einem Reich oder einer Provinz reclinen kann cf Gl 4, 25; Plin. h. n. 
V, 61. 65; Ptol. geogr. V, 17, 1. — Der Einfall von Klein, Ztschr. ntl Wiss. 
1901 S. löOf. ; 'Aoufiiai' in Aonßa zu ändern und darunter ein Dorf bei 
Sepphoris (Diocaesarea) in Galiläa zu verstehen (Eus. onom. ed. Lagarde 
p. 215, 91; Jos. vita 51 <Niese 265>? Aodfiioif v. 1. neben Ficpaoor, heute 
Arrabeh, Arrabat el-battof cf BuliI, Geogr. 222), ist in einer Weise begründet, 
welche jede Widerlegung überflüssig macht. 

'*■'*) So schon CLrys., welcher das Schweigen des PI über seine Predigt 
in Arabien aus dessen Bescheidenheit, und Hier., welcher das Schweigen 
der AG hierüber aus der Erfolglosigkeit dieser Predigt erklärt. 

"ä) Jos. ant. VII, 6, 7: bell, II, 2Ü, 2. Über die Predigt des PI unter 
diesen AG 9, 20—25; 26, 20. Über Jaden unter den Arabern AG 2, 11. 
BoBtra (niüu) wird als Heimat oder Aufenthaltsort von Rabbiuen genannt 
cf Neubauer, geogr. du Talmud 255. 



70 Geschichtliche SelhBtrechtfertigung des Apostels. 

nicht in den Städten des Nabatäerreicha. Aber auch von Predigt 
des PI unter diesen fohlt hier jede Andeutung und jodo ander- 
weitige Kunde. Nicht seinen Missionsoifer oder seinen Sonderboruf 
fiir die Predigt unter den Heiden, sondern seine von Anfang an 
bewiesene Unal)hängii{keit von mensclüichen Auktoritäten ist PI hier 
bemüht darzulegen. Erst nacli Ablauf von 3 .lahron seit seiner 
Berufung ist or nach Jerusalem hinaufgezogen oder, was dvfjXd-ov 
ebensogut heißen kann, zurückgekehrt, um den Petnn oder, wie er 
schon hier nnd auch 2, 9. 11 genannt wird, den Kephas •**) kennen 
7U lernen. Die Benennung des Pt mit der von Jesus sell>8t ge- 
brauchten arara. Naraensform (Jo 1, 42), neben welcher auch PI, 
wo er ohne bestimmte Rücksicht auf Hebräer zu Heidenchrieten 
redet (2, 7. 8), wie Pt selbst (1 Pt 1, 1 ; 2 Pt 1, 1) und die 
übrigen ntl Schriftsteller die griech. Übersetzung derselben IlexQog 
gebraucht (Bd I, 538), erinnert noch einmal daran, daß er hier 
einer Darstellung seiner Stellung zu den Auktoritäten in Jerusalem 
während der ersten Periode nach seiner Bekehrung seitens der 
Judaisten entgegentritt, und zeigt, daß jene be.'^onders auch diesen 
ersten Besuch des Christen PI in Jerusalem für ihre Zwecke aus- 
beuteten. Aus AG 9, 26 — 30 sieht man, wie leicht das geschehen 
konnte. Dem gegenüber betont PI, was die Gegner gewiß nicht 
betont haben werden, daß dieser Besuch doch erst 3 Jahre nach 
der Bekehrung stattgefunden habe, während welcher er keinerlei 
Bedürfnis gefühlt habe, durch Rat und "Weisung der 12 Apostel 
und irgend welcher Menschen seines Christenstandes und seines 
Apostelberufs gewiß zu werden. Und er spricht von dem Zweck 

"*) Da im 1 Kr (1, 12; 3, 22; 9, f); 15, 5) beharrlich und einstimmig 
Krffäi Überliefert ist, im Gl dagegen zweimal (2, 7, 8) IflTnos sichersteht, 
an den übrigen Stellen aber (1, 18; 2, 9. 11. 14) die tlberlieferung zwischen 
der griech. und der aram. Namensform schwankt, so ist nicht zn bezweifeln, 
daß PI in diesem Brief zwischen beiden Formen gewechselt hat. Die 
Occidentalen, welche an allen 5 Stelleu beinah ausnahmslos Petrus bieten 
(DG. Lat, nur 2, 9. 11 Vulg CepliaH), und S', der hier wie im ganzen NT 
auüer 1 Pt 1, 1; 2 Pt 1, 1 Repha schreibt, haben diese Gleichmäßigkeit im 
Gl künstlich hergestellt. Am sichersten ist l<r,ffäi 2, 11 u. 14 bezeugt durch 
hABCHP, 67** ath., Vulg. und besonders durch die uralte Meinung, daß 
hier ein von Petrus zu unterscheidender Kephas gemeint sei Clem. AI. 
hypot. V (Eiis. h. e. 1, 12, 2; Hier. VII, 408 f.; Chron. pasch, ed. bonn. I, 421); 
Apost. Kirchenordn. inscr., c. 6. 13 (Lag. rel. jur. ecci. gr. p. 74. 76. 78); dem- 
nächst 2, 9 durch nBCKLP Vulg. gut genug aber auch 1, 18 durch 
K* AB. 67**, S* Rand. Schon Eus. von Emesa (Cramer cat. VI p. 32 zu 2, 9) 
erkannte richtig, daß PI mit Rücksicht auf die in Gal. eingedrungenen 
Irrlehrer, welche Hebräer waren, an einigen Stellen Kephas schreibe. Die 
konsequente Anwendung dieser Form in 1 Kr erklärt sich aus der Rück- 
sicht auf die Petruslente. deren Muttersprache aus 1 Kr 16, 22 cf 2 Kr 11, 22 
zu erkennen ist. — Die Stellung t r// roia (B D G K L Lat.) ist nicht nur 
mannigfaltiger bezeugt als roia irr, («AP), sondern auch natürlicher, da 
vorher noch keine Jahreszahl genannt war, welcher gegenüber die Zahl 
zn betonen wäre cf dagegen 2, 1. 



c. 1, 18-24. 71 

seines Besuchs in möglichst kühlem Ton. Wie ein wißbegieriger 
Reisender ferne Länder und berühmte Städte aufsucht und alle 
Merkwürdigkeiten daselbst sich zeigen läßt, so reiste er nach Jerusalem, 
um die nähere Bekanntschaft des berühmten Pt, des Haupts der 
von Jesus erwählten Apostel, zu machen. *'^) Die Ausschließlich- 
keit dieses Zwecks wird weiter dadurch bestätigt, daß er seinen 
Aufenthalt in Jerusalem als ein Bleiben bei, oder genauer im 
Verkehr mit Pt {TTQog, nicht TtaQCt FI.) bezeichnet. 15 Tage dauerte 
dies, lange genug, um den angegebenen Zweck zu erfüllen, aber 
viel zu kurz, um zu beweisen, was die Gegner behaupteten, daß 
PI damals noch der Anlehnung an die älteren Apostel und der 
Leitung durch sie in der Ausübung seines Berufs sich sehr be- 
dürftig gefühlt und in einer für alle Folgezeit ihn verpflichtenden 
Abhängigkeit gestanden habe, welche er erst später, durch seine 
großen Erfolge verleitet, pietätlos abgeschüttelt habe. Wenn nun 
PI nach dieser den Pt allein betreffenden Aussage fortfährt eTtoov 
de tG)v &rroax6Xiov ovy. elöov [v. 19], ^^) so kann, da Pt ein Apostel 
war, eiSQor nur im Gegensatz zu dem genannten ersten einen 
zweiten Apostel bezeichnen. PI versichert also, daß er bei jenem 
Besuch Jerusalems außer Pt keinen anderen aus dem Kreise der 
12 Apostel gesehen habe. Hat aber aregov, wie gewöhnlich, seinen 
Gegensatz im vorigen, so kann es nicht gleichzeitig im Gegensatz 
zu dem folgenden (i j.ii] geschrieben sein, es sei denn, daß hinter 
diesem noch einmal überflüssiger Weise Kr^cfüv statt ^lä/Mßov stünde. 
Der Satz kann also auch nicht, als ob er lautete rCbv öh XoLTtCbv 
ScTtoarö'/.ojv ddov ovöiva, el iatj 'luKcoßov, sagen, daß PI außer Pt 
und Jk damals keinen von den Aposteln gesehen habe. Es wäre 
unbegreiflich, warum PI so bestimmt verneint hätte, daß er außer 
Pt noch einen zweiten Apostel gesehen habe, wenn er in dem- 
selben Atemzug doch noch einen zweiten Apostel zu nennen sich 

'^) loTooszr, abgesehen vom apokryphen I (od. III.) Esra 1, 31. 40 (al. 33. 42), 
nur hier in der ganzen Bibel, heiCt ursprünglich : durch eigene Anschaunng 
oder doch persönliche Erkundigung genau kennen lernen s. besonders Chrys. 
z. St. Selten mit persönlichem Objekt wie Clem. hom. I, 9 von Barnabas 
im Verhältnis zu Jesus loropr-aai avTÖi', dafür in der Rede des Petrus an 

Zakchäus III, 65: rw y.vQio) avinji yal Tai davuaaiovs TTodieci laröprjaag. 

Weitere Belege bei Raphel II, 427; Wettstein; Lösner, observ. e Philone 
p. 326. Die lat. Übersetzung videre genügt nicht und veranlaßte den Hier, 
zu bemerken: non nt oculos, genas vidtumque ejus aspiceret, ub-iim 
macilentus an pitiguis, adiinco naso esset an recto, et iitrum frontem 
vestiret coma an, ut Clemens in periodis eins refert, calvitiem haberet in 
capite cf Uhlhom, Die Homil. u. Recogu. S. 68. Oberflächüche Kenntnis 
der Person kann PI schon vorher gehabt haben. 

*") Die nur occident. LA tu'ioi- oiSiia statt oiy. elSoy (DG, alle Lat 
außer Aug.), die ich Forsch VI, 357 bevorzugte, sieht doch zu sehr wie 
Assimilation an die vielen Stellen aus, wo ovSeh {nr^Sei^) ein folgendes ei 
^»f einleitet (Mt 11, 27; 17, 8; 1 Kr 1, 14; 2, 11; Phl 4, 15; Ap 2, 17) und 
würde an 1 Kr 8, 4 keine Parallele haben, auch wenn dort Ireoos echt wäre. 



72 Geschichtliche Selbstrecbtfertigung des Apostels. 

gedrungen rühlte, den er damals j,'loichfall8 gesehen hat. Es liegt 
also am Tage, daß el /<»; liier wie so oft eine Einschränkung der 
vorangehenden Aussage einführt, obwohl diese Aussage nicht so 
allgemein gefaßt war, daß das durch et /<»] Eingeleitete eine wirk- 
liche Ausnahme von der Regel, wie sie vorher aupgesprochen ist, 
bildet.*") Der Leser muß das Objekt von ovx elöov in Gedanken 
so verallgemeinern, daß ei //»; '/. sich als eine Einschränkung der 
vorigen Aussage anschließen kann. Da es nun sinnlos wäre, zu 
behaupten, daß PI bei einem IStägigen Aufenthalt in Jerusalem 
abgesehen von dem Apostel Pt überhaupt keinen anderen Älenschen 
als Jakobus mit Augen gesehen habe, so ergänzt der verständige Leser 
die vorliegende Aussage: „einen zweiten von den Aposteln außer Pt 
sah ich nicht,'' durch den Satz „und ich sah überhaupt keine hervor- 
ragende kirchliche Persönlicheit, keines der Häupter der Urgemeinde, 
denen ich mich damals unterwürfig gezeigt haben soll, außer Jk, dem 
Bruder des Herrn." Die Satzverbindung beweist, daß dieser Jk 
keiner der 12 Apostel war. Eben dies beweist aber auch die Be- 
zeichnung desselben als 6 ädtlffog roü '/.iglor. ^°) Während PI sonst 
ebenso wie die Vf der AG (12, 17; 15, 13; 21, 10) und mehrerer 
altchristlicher Briefe (Jk 1, 1 ; Ju 1 cf Epist. Petri ad Jac. und 
Clem, ad Jac.) den nackten Namen Jakobus ausreichend findet, 
um eine allen Christen bekannte Person sicher zu bezeichnen 
(Gl 2, 9. 12; l Kr 15, 7), fühlte er hier, wo er vor allem seine an- 
fänglichen Beziehungen zu den Zwölfen zu beleuchten hatte, und 
nachdem er zweimal v. 17. 19 diese genannt hatte, sehr begreif- 
licher "Weise das Bedürfnis, diesen Jk durch die Apposition von 
den beiden Aposteln Xamens Jk zu unterscheiden, von dem Sohn 
des Zebedäus wie von dem Sohn des Alphäus, welche beide zu 
der Zeit seines ersten Besuchs in Jerusalem nach seiner Bekehrung 
noch am Leben waren. Es ist hier nicht der Ort, ^^) die zuerst 
im J. 383 von Hieronymus im Widerspruch mit aller bis dahin 

"j Mt 12. 4 (Bdl, 443 A 57); Lc 4, 26. 27; Rm 14, 14; Ap 9, 4; 21, 27. 
Ähnlich auch schon Gl 1, 7 oben S. 48. Ebenso 7T/.r;f AG 27, 22. 

'■*) Vict. z. St. p. 10: cum autem fratrem (domini) dixit, negavit 
apostolum. Dieser Lehrer der Grammatik und Rhetorik paraphrasirt auch 
richtig: vidi et Jnrohum. Es bringt in der Tat das el fi) eine nachträg- 
liche Ergänzung zur Abwehr eines Mil)ver.«tändnisses oder eines denkbaren 
Vorwurfs wegen unredlichen Verschweigens cf 1 Kr 1, 16 und dazu Einl 
§ 17 A 4. 

«») Ausführlich hierüber Forsch VI, 225-363, besonders S. 320—363, 
auch N. kirchl. Ztschr. 1901 S. 209 ff. [AG 606 ff. 512 f.]. Es ist vor aUem 
festznhalten, daß nicht jede Übertragung des Aposteltitels auf den Jk von 
Jerusalem ein Zeugnis für die Hypothese des Hier. ist. Wenn z. B. Ens. 
zu Ps 56 (Montfancon coli. patr. nova I, 247) ein Zitat aus Jk 5, 13 mit 
).iyn yoxi' ö hoöi &7i6axo).oe einleitet, so ist das nach der Bemerkung 
zu Jes 17, 6 (1. 1. II, 422) zu verstehen, wonach es 14 Apostel gibt, näm- 
lich außer den Zwölfen noch Paulus und den Herrnbruder und ersten 
Bischof Jerusalems Jk. 



c. 1, 18-24. 73 

geltenden kirchlichen Tradition aufgestellte Hypothese noch einmal 
zu widerlegen, daß dieser Jk, das Oberhaupt oder nach der Aus- 
drucksweiso des 2. Jahrhunderts der erste Bischof von Jerusalem, 
nicht ein Solin Josephs, sondern ein Vetter Jesu und mit dem 
Apostel Jk Alphäisohu identisch sei. Da es unter den Brüdern 
des Herrn, welche noch 6 Monate vor dem Tode Jesu nicht zur 
Jüngerschaft Jesu gehörten (Jo 7, 2 — 8), welche aber seit der 
Auferstehung Jesu eine bedeutende Stellung in der Gemeinde ein- 
nahmen, jedoch außerhalb des Apostelkreises standen (AG 1, 14; 
1 Kr 9, 5), einen Jk gab (Mt 13, 55; Mr 6, 3), so ist undenkbar, 
daß man einem Apostel Jk zur Unterscheidung von einem zweiten 
Apostel Jk den Ehrentitel „der Bruder des Herrn" gegeben haben 
sollte. Das hohe Ansehen, welches der Nichtapostel Jk nach dem 
NT und der Tradition von Jerusalem in der jüdischen Christen- 
heit genoß, nötigte den PI, seine persönliche Berührung mit dem- 
selben hier nicht unerwähnt zu lassen. Hätte er davon geschwiegen, 
so hätte man ihm von gegnerischer Seite mit Eecht vorwerfen 
können, daß seine Versicherung, nur um Pt sei es ihm zu tun ge- 
wesen, und außer Pt habe er keinen zweiten Apostel gesehen, 
eine unredliche Verhüllung des wahren Sachverhalts hinter äußer- 
lich unanfechtbaren Redewendungen sei. Denn der Herrnbruder 
Jk überragte zur Zeit des Gl längst mehr als einen der 12 Apostel 
an kirchlichem Ansehn in der jüdischen Christenheit und bei den 
Aposteln selbst. "Wenn einer, dann war er, ohne selbst ein Apostel 
zu sein, ein i7tior^f.iog iv roig urtooTÖXoig Rm 16, 7. Es bleibt, 
auch abgesehen von der hienach als ungenau zu beurteilenden 
Darstellung AG 9, 26—30, auffällig, daß PI während der 15 Tage 
in Jerusalem von den maßgebenden Persönlichkeiten nur den einen 
Apostel Pt und den Herrnbruder Jk kennen gelernt hat. "Waren 
die übrigen Apostel von dort abwesend? oder mieden sie die Be- 
rührung mit ihm? oder genügte es dem PI, mit dem Ersten der 
Apostel und mit dem Oberhaupt der Muttergemeinde in persönliche 
Verbindung zu treten? Wir wissen es nicht. Die Auffälligkeit 
der Behauptung und zugleich der scharfe Gegensatz zu der 
gegnerischen Darstellung veranlaßt die eingefügte eidliche Be- 
teuerung V. 20 : „Was ich aber euch (da) schreibe, siehe vor dem 
Angesicht Gottes (liegt), daß ich (damit) nicht lüge". Anstatt 
des im Briefstil zulässigen eyQaifia gebraucht PI hier wie fast 
überall in bezug auf die soeben niedergeschriebenen Sätze das Präsena 
ygäfftü (1 Kr 4, 14; 14, 37; Einl § 20 A 5). Da hinter einem 
idoö oder ]'Öe nicht einmal ein ioriv zu vermissen ist (Mt 11, 19; 
12, 49 ; Lc 17, 21 ; Jo 19, 5. 26 f. ; AG 8, 36 ; 2 Kr 6, 2), weil in 
dem idov (Hin) ein solches bereits enthalten ist, hat man um so 
weniger Recht, ein anderes Verb zu ergänzen, vor allem nicht ein 
aus dem Vordersatz zu entnehmendes ygarpto, denn dieses hat dort 



74 Geschichtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

die V. 18 — 19 oder auch v. 15 — 19 geschriebenen Sätze zum Ob- 
jekt, mußte daher luiudcsteus wiederholt sein, um auf das gauz 
andersartige neue Objekt, welches der Substautivsatz oTi ov ilifvdo^iai 
bringen würde, bezogen werden zu können. Auch die Ergänzung 
eines iiaQxvQOuai (Hilgenfeld) oder „ich schwöre" (Buttmann 
S. 338) ist weder nötig noch statthaft, denn löov IviOTTiov O^eov 
ist selbst eine Schwiirforrael wie -S-ebg fiÜQTvg 1 Th 2, 5 oder 
o O^eo^ oidd' 2 Kr 11, 31 und kann ebensogut wie diese Formeln 
der Beteuerung 1 Kr 11, 31 cf 1 Th 2, 11 ; 2 Kr 1, 23 einen Sub- 
stantivsatz von sich abhängen lassen, nur mit dem Unterschied, daß 
dieser dort Olijekt, hier Subjekt ist.»") "Wie alles v. 15— 20 Ge- 
sagte nur dazu diente, der gegeguerischen Darstellung des anfange 
liehen Verhältnisses des PI zu den älteren Aposteln entgegen- 
zutreten, ohne jeden A'ersuch, ein aus sich selbst verständliches 
Stück Selbstbiographie zu geben, so vollends, was v. 21 — 24 folgt. 
Von dem, was er hierauf, d. h. nach Ablauf der 15 Tage des Be- 
suchs in Jerusalem erlebt hat, sagt PI nichts weiter, als daß er 
sich in die Gegenden Syriens und Ciliciens begeben habe. Da 
nach AG f«, 30; 11, 25—30; 12, 25—13, 1 der Abreise von Jeru- 
salem zuerst ein längerer Aufenthalt in Tarsus, dann ein solcher 
in Antiochien gefolgt ist,®"^) Angaben, deren historische Richtig- 
keit zu beanstanden jeder Grund fehlt, so befremdet zunächst die 
Ordnung der beiden Länder, in deren Hauptstädten PI eine längere 
Reihe von Jahren gelebt hat. Die Ordnung Syrien und Cilicien 
statt Cilicien und Syrien entspricht nicht der historischen Folge, 
sondern der geographischen Lage, von Jerusalem aus angesehen. 
An Palästina grenzt Syrien, an dieses Cilicien. Man sieht, PI 
will . indem er auch hier die Haupttatsachen seiner Lebens- 
geschichte als bekannt voraussetzt (cf v. 13 i]y.ovOaTt, v. 17 das 
unvorbereitete lig Jafiaoy.or) , nur das Eine sagen , daß er 
sich von Jerusalem weit hinweg in ferne Länder begeben 
habe. Wie er sich nach seiner Bekehrung 3 .Tahre lang von 
Jerusalem fern gehalten hat v. 17 f., hat er auch nach der An- 
knüpfung persönlicher Beziehungen zu Pt und .Tk durchaus nicht 
das Bedürfnis gezeigt, sich an diese Auktoritäten und an die 
Mattergemeinde anzulehnen. Er ist seine eigenen Wege gegangen. 

**; Für das Bewußtsein des Schreibenden existirt die Alternative gar 
nicht, üb man « ypdfoj als erstes und eicrentliches Subjekt zu l^ov kv. &. 
fassen .«oll, welches dann nachträglich noch durch ön oi y. exponirt wird 
(.was ich euch schreibe, liegt vor Gottes Angesicht, daß ich nämlich nicht 
liii,'e'* cf özi als Exposition eines Subjekts Jo 3, 21 oder Objekte Jo 5, 42; 
Mt 25. 24), oder ob man «^ yc als einen Akk. der Beziehung anzusehen 
habe: ,.was das anlangt, was ich euch hier schreibe, so welü Gott, daß ich 
nicht lüge", cf Rm 6, 10; Mt 23, 16. 18. 

•') Nach wahrscheinlichster Chronologie füllt der eratere die Jahre 
38-43, der letztere 43-50 cf zuletzt RE. XV 8. 63, 59 ; 8. 73, 41 f. ; S. 74, .39 f[. 



c. 1, 18—24. 75 

Der einzige Zweck dieser Angabe erklärt es auch, daß er nur die 
Provinzen, nicht deren Hauptstädte nennt, und daß er von seiner 
Beschäftigung während des Aufenthalts in Cilicien und Syrien 
schweigt. Vorstellungen wie die, daß er als Reiseprediger diese 
Länder durchwandert, daß er auch in Tarsus als Missionar ge- 
arbeitet, und daß er in beiden Provinzen vorwiegend oder aus- 
schließlich den Heiden gepredigt habe, entbehren jedes Anhalts 
im Text und machen die Darstellung der AGr, der einzigen 
Geschichte der apostolischen Mission, die wir besitzen, unbegreif- 
lich. Da V. 21 nicht der Aufenthalt in Syrien und Cilicien be- 
schrieben, sondern nur gesagt ist, daß PI sich von Jerusalem 
dortbin begeben habe, so bezieht sich auch nur auf diesen Moment 
was er v. 22 beifügt: „ich war aber persönlich unbekannt den 
Christengemeinden Judäas." Die periphrastischen Imperfekta 
v. 22 und 23, welchen v. 24 ein einfaches Imperfekt sich an- 
schließt, beschreiben das Verhältnis der judäischen Gemeinden zu 
PI zur Zeit seines Fortgangs von Jerusalem und seines Kommens 
nach Cilicien und Syrien. Daß dieses Verhältnis einige Zeit lang 
unverändert dasselbe geblieben ist, darf man vermuten, zumal die 
v, 23 f. angeführten Tatsachen ihrer Natur nach nicht Einzel- 
ereignisse, sondern sich wiederholende Vorkommnisse sind. Aber 
gesagt ist nur, wie das Verhältnis in unmittelbarer Folge des 
Besuchs des PI in Jerusalem beschaffen war. Im Gegensatz zu 
den jüdischen Synagogalgemeinden , welche an sich ebensogut 
eyfKkr^aiai als ovvccycoyat. genannt werden konnten,*"^) werden die 
Gemeinden der Christgläubigen als solche in Ermangelung eines 
Adjektivs, das unserem ,.christlich" entspräche, durch ralg ev 
XoiOTöj bezeichnet.®^) "Wenn die Aussage von sämtlichen Christen- 
gemeinden Palästinas mit Einschluß derjenigen von Jerusalem zu 
gelten scheint (so 1 Th 2, 14), so muß doch hier von letzterer 
abgesehen werden. Denn erstens konnte den meisten Gliedern der 
Ortsgeraeinde von Jerusalem ihr Verfolger von ehedem (Gl 1, 13; 
AG 7, 58—8, 3; 9, 1 : 22, 19 f.) drei Jahre nach dem Tode des 
Stephanus nicht äußerlich {TTooGiürKo) unbekannt sein. Zweitens 
ist nicht vorstellig zu machen, wie PI 15 Tage lang in beständigem 
Verkehr mit Petrus {€7r6/.ieira ttoo^ avröv) in Jerusalem verweilen 

«) Deut 31, 30: 1 Mkk 3, 13 cf Bd I, 541, doch im NT nie von der 
jüdischen Volksgemeinde oder den einzelnen Ortsgemeinden der Jaden- 
schaft, wogegen ownyoyyi] aucb auf christliche Versaramlangen angewandt 
wird Jk 2, 2 und in der alten Kirchenliteratur cf Eiul § 4 A 1. 

93) lTh2, 14cf l,lund2Thl, l;Rm8, 1; 16, 7; Gl 3, 28; Phil, 1. — 
Xotminrds^ obwohl eine adjektivische Bildung, wird nur von den Lateinern 
(z. B. Tert. apol. 21 sanguin christlanus ; c. Marc. V, 3 Ubertis ehr.) häufiger 
als Adj. gebraucht, äußerst selten von den Griechen, im NT nie, wohl aber 
Ip. TraU. 6, 1; Just. apol. II, 2 (Otto n. 18. 2fi); Porphyr, bei Ens. h. e. VI, 
it), 7 (da auch A'^iar/rt/w») ; const. apost. VIII, 6 (Lagarde p. 240, 19), vom 
4. Jahrb. an verdrängt durch die Neubildung /oioriaviy.6i. 



76 GoBcbichtlicbe Selbstrechtfertif^ung des Apostels. 

und auch uiit Jk, dem ersten Äfann der Ortegiiiioinde, in Verkehr 
treten konnte, ohne von sehr vielen, wenn nicht allen Christen 
Jerusalems gesehen zu werden, und echon wegen seiner früheren 
Taten ein Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit zu sein. 
Noch deutlicher folgt dasselbe aus v. 23. Im Gegensatz dazu, 
daß er den fraglichen Gemeinden damals, als er Jerusalem ver- 
ließ, von Angesicht unbekannt war, heißt es, daß sie vielmehr 
nur über ihn sagen hörten: „Unser ehemaliger Verfolger predigt 
jetzt den Glauben, welchen er ehedem zerstörte.'" Die judäischen 
Gemeinden sind nicht die so ßedenden, sondern werden als 
Leute charakterisirt, deren Bekanntschaft mit PI sich darauf be- 
schränkt, daß sie die hier in direkter Redeform '*'•) mitgeteilte Kunde 
zu hören bekamen. Diejenigen Chrit-teu, von welchen diese 
Rede ausging und zu den Gemeinden Judäas gelangte, können nur 
die von Jerusalem sein. Sie waren es, die PI verfolgt hatte, und 
sie waren es, welche damals, nach dem lotügigcn Aufenthalt des 
PI in Jerusalem, es als ctM'as neues verkündigten, daß er jetzt 
den ehemals von ihm so leidenschaftlich bekämpften Glauben 
predige. Mochten sie schon 3 Jahre vorher die Bekehrung des 
PI erfahren und von seiner Predigt in Damaskus oder auch iu 
Arabien gehört haben, so konnten sie doch erst jetzt, nachdem 
er in Jerusalem gewesen war, auf grund eigener Erfahrung be- 
zeugen, nicht nur daß er ein Prediger des Ev geworden sei, w'aa 
sie drei Jahre später nicht mehr als etwas neues (rüv in betontem 
Gegensatz zu dem doppelten Tioxe) anderen Christen mitteilen 
konnten, sondern daß er den ehemals von ihm verfolgten (ilauben 
der Jerusalemer, ihren eigenen Glauben predige. Hienach ist 
das sehr unvollständige Bild von den 15 Tagen in Jerusalem, 
welches uns v. 18 f. für sich allein geben würde, wesentlich zu 
ergänzen, PI muß in jenen Tagen in Jerusalem Gelegenheit ge- 
habt und genommen haben, seinen Glauben als Prediger zu be- 
zeugen, eine Tatsache, auf welche PI Rxa 15, 19 so großes Gewicht 
legt, daß er die vorangegangene Predigt in Damaskus darüber zu 
vergessen scheint cf AG 9, 26—29; 22, 17—21; 26, 20, Obwohl 
er damals keine anderen Gemeinden in Palästina besucht hat, 
sondern alsbald von Jerusalem nach Tarsus gereiet ist, verbreitete 
sich doch von Jerusalem aus, was man dort von PI gesehen, 
gehört und erprobt hatte, zu den übrigen Gemeinden Judäas."'^) 

"*) Da das Wir dieses Satzes nicht vom Standpunkt des Schriftstellers 
gebraucht ist, sondern diesen von sich ausschließt, so genügt diese Stelle 
zn beweisen, daß das recitative ön dem PI ebensowenig als dem Mt (7, 23; 
27, 43) und dem Jo (10, 36) fremd ist cf Rm 3, 8. 

**) Dies ist auch der Sinn von AG 26, 20 l^v Jafiuaxtö noüröf xe y.al 
'Itfjoao'/.vuoii eis Tiäaäy le rr^f /löuaf ir^s 'loväniue y.al roli tOrtaif xt?.., WO 

ohne das hinreichend bezeugte eh, welches hinter -oie so leicht ausfiel, 
nicht auszukommen ist. Es wäre aber der Konstruktionswechsel hinter iy 



c. 2, 1—10. 77 

Mit welcher Freude die Jerusalemer die Kunde davon nach aus- 
wärts verbreiteten, bezeugen ihre eigenen, eben durum in direkter 
Redeform mitgeteilten Worte. ]")ie Freude, welche diese Kunde 
bei den übrigen ''") Gemeinden Palästinas erregte, beschreiben die 
Worte V. 24: „und au mir priesen sie Gott". Die sehr auf- 
fällige und daher wohl echte Wortstellung tv eitoi tdo^ocCov drückt 
besonders stark den Gedanken aus: „an mir, dem jetzt von so 
manchen jüdischen Christen angefeindeten und in der ganzen 
jüdischen Christenlieit als Feind des Gesetzes und Verderber des 
Ev verschrieenen Apostel, hatte damals die ganze Christenheit des 
heiligen Landes nur einen Gegenstand der Freude und einen Grund 
des Dankes gegen Gott"."") Trotz der Selbständigkeit, welche PI 
gleich damals, in den ersten Jahren nach seiner Bekehrung an 
den Tag legte, bestand völliger Einklang zwischen ihm und der 
jüdischen Christenheit samt ihren Oberhäuptern. Der Zwiespalt 
ist späteren und fremden Ursprungs. 

Wenn 2, 1 — 10 ein zweiter, sehr viel späterer Besuch des PI 
in Jerusalem besprochen wird, bei welchem er sich und sein Ev 
gegen entschlossene Gegner zu verteidigen gehabt hat, so ist im 
voraus anzunehmen, daß auch dieser Vorgang von den in Gal. 
eingedrungenen Lehrern in einem für ihn ungünstigen Licht dar- 
gestellt wurde und darum richtig gestellt werden mußte. Je 
geringer der Zeitabstand der hier besprochenen Tatsachen von der 
Abfassung des Briefs war im Vergleich mit dem, was 1, 15 — 24 
zu erörtern war, um so sicherer konnte bei den Lesern Kenntnis 
der hauptsächlichen äußeren Umstände vorausgesetzt werden; um 
80 weniger lag daher hier das Bedürfnis einer vollständigen ge- 
schichtlichen Berichterstattung vor. Daraus ergeben sich für uns 
Unwissende Schwierigkeiten des Verständnisses, welche ängstlich 
fernzuhalten, PI keinen Anlaß hatte ; besonders aber Schwierig- 

^au. unverständlich, wenn ganz .Tudäa ebenso wie Damaskus und Jeru- 
salem als Predigtstätte gemeint wäre cf Lc 4, 44; AG 2:^, 11. Auch wäre 
T^*' -/fonni' 7fji 7. eine müüige Umschreibung von Tr,r '/. Hinter dem Namen 
Jerusalem bedeutet y.('>Qn die Landschaft im Gegensatz zur Hauptstadt 
Jo 11, 54 f.; AG 8, 1; 10, 39 cf Jo 3, 22; und es soll gesagt sein, daü die 
in Jerusalem geschehene Predigt des PI auf die ganze dazugehörige Land- 
schaft eine Wirkung ausgeübt hat. Durch solche, die sie in Jerusalem 
gehört hatten, wurde die Kunde von ihr und bis zu einem gewissen Grade 
sie selbst durchs ganze Land.getragen cf AG 13, 49; 19, 10, eine Anschau- 
ung, ohne welche manche Äußerung des PI über die Au?:debnung der 
Predigt unverständlich bliebe (Rm 10, 18; 15, 19—23; 2 Tm 4, 17 cf meine 
Skizzen 2 S. 76—82). 

^^) Ein ausdrücklicher Ausschluß der Gemeinde von Jerusalem war 
V. 22 überflüssig, weil der Gegensatz der in v. 23 redend eingeführten 
Jernsalemer und der Gemeinden Judäas, die solche Nachricht hörten, diese 
Unterscheidung unzweideutig aussprach. 

"') So DG, alle Lat, Goth Arm, ob auch Ephr p. 127?, dagegen kSdla'^o* 
er e/toi h AB etc. 



78 Geschichtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

keiten für die Koinliination mit Aufgaben der AG, welche sich auf 
dieselben Tatsachen beziehen oder doch bezogen werden könnten 
und bezogen wordeu sind. Es empfiehlt sich, von solchen Ver- 
suchen zunächst abzusehen, um die exegetische Untersuchung nicht 
zu verwirren, welche ohnedies dadurch belastet ist, daß an ent- 
scheidenden Punkten der Text keineswegs feststeht. Dies gilt 
schon von v. 1. Zwar au der Zahl df/.aitaoÜQiov, welche alle 
Textzeugen von Marcion und Ireniius an überliefert haben, ist nicht 
zu zweifeln."*") Dagegen ist mehr als zweifelhaft, ob :idXiv sei 
es vor, sei es hinter &vißr^v ursprünglich ist.'-"') Die ältesten 
Zeugen kennen es nicht, und die schwankende Stellung, welche 
ihm seine Zeugen geben, kennzeichnet es als eine spätere Zutat, 
wodurch die hier erwähnte Reise als eine "Wiederholung der 1, 18 
erwähnten bezeichnet werden sollte. Auch ohnedies wird der 
Leser durch den übrigens asyndetischen Anschluß von 2, 1 (nur 
S'-f-df) durch e;rtirct an das gleiche Wort 1, 18 und 1, 21 
erinnert und zwar mehr an ersteres als an letzteres, weil hier wie 
1, 18 der Zeitabstand des neu eingeführten Ereignisses von einem 
vorher besprochenen Ereignis durch eine Jahresangabe ausgedrückt 
ist. Dem dortigen //«« etr] rgla entspricht das hiesige öiu 
öfxariooaQwy ItCbv „nach Verlauf von 14 Jahren'',""*) diesmal 
jedoch mit Voranstellung der Zahl, weil die Länge der Zwischen- 
zeit betont werden sollte. "Wie für 1, 18 der Auegangspunkt der 
Berechnung in 1, 15 — 17 gegeben ist, so für 2, 1 in 1, 18 oder, 
was sachlich gleichgiltig ist, da es sich nur um einen Abstand 
von 15 Tagen handelt, in 1, 21, kurz in 1, 18 — 24. Die Versuche, 
die 14 Jahre von einem anderen Punkt, etwa von der Bekehrung 
des PI an zu rechnen, sind durchaus unstatthaft; denn die Zeit- 

«"») Tert c. Marc. V, 3 cf GK II, 497; Iren. III, 13, 3 etc. Das Chron. 
pasch, ed. Bonn. I, 436 hat keinen andern Text als diesen vor sich gehabt. 
Gegen Semler, der dies behauptete cf Anger, De temp. in actis ap. rat. 
p. r28f. Auch ohne diese angebliche Stütze glaubten Grotius z. St. und 
einige Neuere wie Keiche, comm. crit II, 1—10, ßaljon in Komm. S. 16—19, 
teaaüifon' lesen ZU dürfen, zum Teil mit Berufung auf die Möglichkeit, daü 
8ixa hinter öid leicht durch eine Art Dittographie entstehen konnte. Wenn 
wirklich einmal irgendwo ein Text ohne Üi^u auftauchen sollte, wäre viel- 
mehr umgekehrt dieser Auj^fall als eine Abirrung des Schreiberauges von 
Sid auf biy.a, wenn nicht gar als absichtliche Änderung zu beurteilen. 

•») Es fehlt bei Marcion (GK II, 498); Iren. III, 13, 3 in vollständigem 
Citat; Abstr (nach cod. Casin.), Chrjs., Kopt (hat nur üia = intna). Nur 
eine Zeitpartikel haben S' (:-n au der Spitze des Satzes) und Sah („nach 
14 wiederum Jahren"), wahrscheinlich aber tiu).ip. Letzteres hinter dvtßriv 
DG dg (Goth? Aeth?), vor dießr^v die übrigen. — S' nach älteren Ausgaben 
„vor 14 Jahren", offenbar nach 2 Kr 12, 2, in der „nach alten Hss. be- 
richtigten"' Londoner Ausgabe von 1816 „nach 14 Jahren" cf Schaaf's krit. 
Note p. 711. 

»»•) Mt 26, 61; AG 24, 17, auch von unbestimmter Zeit Mr. 2, 1, wie 
Plato republ. 328"^ biä xqövov. Andera AG 1, 3. 



c. 2, 1-10. 79 

angäbe dient hier ebenso wie 1, 18 zur Näherbestimmung des 
kniiTU, dieses aber reiht ebenso wie 1, 18. 21 das neue Ereignis 
an das zuletzt erwähnte als ein darauf erfolgtes an cf 1 Kr 15, 
6 f. 23. Die logische Trennung der Zeitangabe von tTteiTU und 
die Beziehung der ersteren auf irgend ein anderes 1, 18 — 24 nicht 
erwähntes Faktum wäre nur dann möglich, wenn PI durch Nennung 
dieses andern Faktums dem Leser die sonst unvermeidliche Be- 
ziehung der doppelten Zeitbestimmung auf 1, 18 — 24 verwehrt 
hätte. Also 14 Jahre nach dem ersten Besuch des Christen PI 
in Jerusalem, 17 Jahre nach seiner Bekehrung ist er nach 
Jerusalem gezogen, diesmal nicht wieder allein, sondern in Ge- 
meinschaft mit Barnabas und außerdem noch mit Titus, welchen 
er seinerseits mitnahm. Die Worte utxu Buovdßa lassen es 
unentschieden, ob PI im Gefolge des Barnabas oder Barnaba3 im 
Gefolge des PI oder ob beide als einander gleichstehend gleichsam 
Hand in Hand die Heise machten ; ^'^") und auch aus dem xa/ vor 
Tlxov ist nicht zu schließen, daß PI den Barnabas ebenso wie den 
Titus mitgenommen habe. ^^^) Im Gegenteil würde dann die ganz 
verschiedenartige Einführung der beiden Reisegefährten des PI 
unverständlich sein. Es ist dem Text auch nichts darüber zu ent- 
nehmen, ob hiemit die Reisegesellschaft vollständig beschrieben 
sein will (cf AG 15, 2). "Was die Nennung gerade des Titus ver- 
anlaßt hat, sieht man erst aus v. 3. Da PI hier nicht Kirchen- 
geschichte zu schreiben, sondern nur die Geschichte seines persön- 
lichen Verhältnisses zu den älteren Aposteln und der jüdischen 
Christenheit Palästinas einer falschen Darstellung gegenüber in das 
rechte Licht zu stellen hat, nennt er auch nicht Veranlassung und 
Zweck der gemeinsamen Reise, wie er 1, 18 den Zweck der aus 
seinem eigenen Entschluß hervorgegangenen ersten Reise nach 
Jerusalem angegeben hatte, sondern sagt nur, was ihn persönlich 
bestimmt habe, die Reise mitzumachen und was er in Jerusalem 
getan und erlebt habe, Veranlassung und Zweck der Reise des 

'**°) Die Hauptperson durch «er« angeschlossen Mt 2, 3; 4, 21; 12,8; 
25, 10. 31, die begleitende Nebenperson Mt 16, 27; 26, 18. 20. 36; in (Ueser 
Beziehung neutral Mtö, 25. 41; 12,41; 18,16. Auf alle Fälle drückt es 
mehr als tnV die innere Gemeinschaft, oft auch die Bundesgenossenschaft, 
den hilfreichen Beistand aus Mt 1, 23; 12, 30; 28, 20. 

^°') Cf dagegen AG 15, 37, wo xai natürlich nicht (so "Wieseler) in 
Rücksicht auf den erst 15, 40 als Reisebegleiter ins Auge gefaßten Silas 
geschrieben ist. Barnabas schlug vor, den Marcus mitzunehmen, so daß 
nun auch dieser wie PI und Barn, die Reise mitgemacht haben würde. 
Ebenso AG 12, 25 v. 1. Cf auch AG 13, 5: PI und Barn, hatten nur den 
.Job. zum Diener, trotzdem x«i 7w., weil er, wenn gleich in dieser be- 
sonderen Stellung, der Dritte in der Gesellschaft war. Dieser auch im 
Deutschen nicht seltene, gewissermaßen zeugmatische Gebrauch des „auch" 
ist nicht zu verwechseln mit dem pleonastischen Phl 4, 3 und in Ver- 
gleichuDgssätzen. 



80 Ctcschiihtlii'he >elb9trechttertigung des Apostels. 

Bi\rnal)as, Fl und Titus muß allgemeinerer Natur gewesen sein, 
aber doch, wie die /.weite Nenimng des Titus v, 3 und dos 
Barnabas v. 9 zeigt, mit den persönlichen Angelegenheiten des PI 
enge verflochten gewesen sein. Daß er gemäß einer Offenbarung 
[v. 2], sei CS einer ihm selbst oder, was wohl nicht unausgedrüokt 
geblieben wäre, einem anderen Christen zu teil gewordenen Offen- 
barung '"-) die Reise unternommen habe, schließt die Vor- 
stellung aus, daß er auf grund eigener verständiger Über- 
legung und in der Meinung, in Jerusalem für sich etwas suchen 
zu sollen oder finden zu können, oder auf den Rat und die 
Bitte anderer Leute sich zu der Reise entschlosseu habe. Mag 
der eine oder andere dieser Beweggründe tatsächlich vorgelegen 
haben, so lag das für den Entschluß des PI Entscheidende nicht 
darin, sondern in einem inneren Erlebnis, worin er eine Kund- 
gebung des göttlichen Willens erkannte. Im Gehorsam gegen diesen 
ist er nach Jerusalem gereist und hat ihnen d, h. den dortigen 
Christen das Ev, welches er damals den Heiden predigte, aber noch 
immer unverändert weiter predigt — daher das Praes. xt]QvaOco — 
zur Begutachtung vorgelegt. Da seit 1, 18 f. nicht mehr von den 
Aposteln und sonstigen Auktoritäten, dagegen I, 22 — 24 von der 
ganzen palästinischen Christenheit die Rede war und ferner 1, 23 
die Christen von Jerusalem redend eingeführt waren (oben S. 76), 
HO könnte avTOi^ auf alle Fälle nicht auf jene Auktoritätspersonen 
sich beziehen, so daß erst das folgende xar' lölav öh rolg öo/.ovoiv 
das zunächst logisch und grammatiscli unverständliche avzoig deuten 
würde. ^^') Nach Nennung Jerusalems v. 1 bezeichnet avtolg ver- 
möge einer sehr gewöhnlichen Nachlässigkeit des Ausdrucks die 
Jerusalemer (Mt 4, 23 ; AG 8, 5; 16, 4. 10 ; 2 Kr 2, 13 ; 1 Th 1, 9), 

H Cf einerseits Gl 1, 12. 16; 2 Kr 12, 1 ; AG 16, 9; 18, 9; 22, 17 ff 
andrerseits AG 13, 2, wahrscheinlich auch AG 15, 34: 16, 6. 7; 17, 15 (cod. D) 
cf Einl § 13 A 1. [Stange, Paulinische Reiseplüne 1918 S. 62 f.] 

'*") Eine solche, den unbestimmteren ersten Ausdruck deutende Appo- 
sition würde Wiederholung des Stichworts erfordern, etwa aie(Hfti]i- Sh 
roii 8oy.. cf V. 2 ärt^r.i' bi, Jo 21, 1 ; Em 3, 23; 9, 30; 1 Kr 2, 6; Phl 2, 8. 
In der Tat hatS* hier ein mit ärtlHiirjV synonymes Verb eingesetzt; „und 
ich verkündigte es denen, die dafür galten, etwas zu sein, zwischen ihnen 
und mir." Der nachträgliche Zusatz wäre überhaupt überflüssig, da nichts 
im Wege stand, statt des unverständlichen aiToti sofort den verständlichen 
Ausdruck zu setzen: und ebenso überflüssig wäre y.'n' iifinr, wenn nicht 
vorher ein größerer Kreis genannt oder durch den Zusammenhang ver- 
gegenwärtifift war, in welchem das vorher Berichtete stattfand. Cf alle 
ntl Stellen, wo ynr' iHiai' vorkommt. Das iif (fehlt im Bibeltext des Thdr) 
aber ist nicht anders gebraucht wie da, wo durch ndhora de aus einem größeren 
Genus eine besondere Species herausgelioben wird Gl 6, 10; Phl 4, 22; Tt 
1, 10 cf GK II, 938 f. Frei, aber sachlich richtig Pel. congregationi fratrum 
praedicationis tneae reddidi ralioncm, seorsum et (auch) ajjostolis. [IJber 
dyaridin^nt g. Nägeli, Wortsch. S. 45 = darlegen, kundtun vgl. Pol 21, 48, 

11 ävd<%tTO 7ttoi rovTMr elä ttjp <niyx).r,ro)'.'\ 



c. 2, 1-U). 81 

hier mit selhstverstiiiullicher Bescliriinkung auf die dortigen Christen. 
Im Gegensatz zu der an die ganze Gemeinde gerichteten J)arlegung 
seines Ev fügt PI ergänzend hinzu : i^rivatim aber habe er sein Ev 
den Angesehenen vorgelegt (cf Mr 4, 34 u. A 1)7). Es werden also 
deutlich unterschieden öffentliche Verhandlungen vor der versam- 
melten (lemeinde von Jerusalem und Privatkouferenzen mit den 
Auktoritiitsiiersoneu. Ob nur je eine Verhandlung beiderlei Art 
oder mehrere solche stattgefunden haben, läßt sich dem summari- 
schen Bericht nicht entnehmen. Mit oi öoxoDi'ZEg, welches v. 6 
als Abkürzung eines vorangehenden ol öoy.ovPTeg eivai Ti und dann 
nochmals v. 9 in einem noch voller tönenden Ausdruck wieder- 
kehrt, könnte au sieh ausgedrückt sein, daß die so gekennzeichneten 
Männer sich nur einbildeten, etwas bedeutendes zu sein ^^*) oder 

101) c'f Gl 6, 3 mit rl thm, häufig bei Plato, dafür bei Epiktet rls 
eivai z. B. diss. II, 24, 19 ((ioxcöv uiv 7/,' sli'fti, oh' <)/: oviiei's); IV, 12. 10 
(von einer vorher <>enannten Person fi?J.ä (ioxez m tlvai, öiftrai uvtö^ xnl 
oh SoxEi); euchir. 13; auch Lucian, piscator 6. Plut. mor. p. 212 B von 
Leuten, die sich eigene Wagen u Pferde halten: lioxovrTas elt'ai nvm y.. 
fiEyalofoovoZHTn^. Statt t/j oder ri auch häufig eine bestimmte Eigen- 
schaft wie aofföi 1 Kr 3. 18; rrnofrjtji; 1 Kr 14, 37; Oor^oy.o^ Jk 1, 26; orvloi 
Gl 2, 9 cf auch 1 Kr 8, 2; 10, 12; 12, 22. Das bloße 6 Soy.ä.v, in Prosa 
jedenfalls selten, ist nur eine aus dem volleren Ausdruck entstandene 
Ellipse, mag sich aber bei PI zugleich anlehnen an das talmudische avin, 
aram. 3"J;'n (auch rrnr^:) mngni acsfimatus. Mann von Stand und Kang. 
Auch die '^griechischen Ausdrücke dienen seltener zur Bezeichnung einer 
gnmdlosen Einbildung und Selbstüberschätzung, als einer Geltung und 
eines Ansehns, die einer, vielleicht mit zweifelhaftem Recht, in weiten 
Kreisen, in der öffentlichen Meinung genießt. — Man setzt an die Stelle 
einer sehr gebräuchlichen und, wie 61 ß, 3 und die unwesentlich modificirten 
Ausdrücke Gl 2, 9; 1 Kr 3, 18; 14, 37 etc. zeigen, auch dem PI sehr ge- 
läufigen Redewendung eine sehr sonderbare, von keinem harmlosen Leser 
zu erratende, wenn man in v. 6 wie Klostermaun, Probleme S. 101 ff., 
Burk, Th. Stud. u. Krit. 1865 S. 734 ff. und Spitta, Die AG S. 201, Sieffert 
u. a. ehai Ti von Öoy.ovinwu trennt und entweder mit Klostermann über- 
setzt: „daß etwas von den Auktoritäten herrühre", oder mit Burk und 
Spitta: „von selten der Angesehenen etwas zu sein (von ihnen zu etwas 
gemacht zu werden), daran liegt mir nichts." Es paßt diese letztere Fassung 
nicht zu der Haltung des PI in diesem ganzen Zusammenhang. Daß die 
judäischen Gemeinden au ihm Gott priesen, ist ihm sehr wichtig 1,24; 
ebenso daß die Hochangesehenen ihn und sein Ev voll anerkannten 2, 7 — 9. 
Endlich paßt weder der Satz, daß Gott die Person nicht ansieht, noch die 
weitere Begründang tiio) yäo nl Soy.ovixei xtI. zu dieser Fassung von v. 6*. 
Der erstere ist nur am Platz, wenn eine Aussage vorangeht, worin PI seine 
Gleichgiltigkeit gegen die ansehnliche Stellung der Soy.nviTEi als solcher 
au-igedrückt hat; und der folgende Begründungssatz nur dann, wenn er 
erklärt, warum PI keinen Anlati gehabt hat, das Ansehen der Angeseheneu 
auf dessen Stichhaltigkeit zu prüfen. — Alle früheren Versuche einer neuen 
und künstlichen Konstruktion übertrifft V. Weber, Erklärung von Gl 2, 6", 
1900 S. 12: „Von Seite der Vielgeltenden aber her wie be- 
schaffen (angesehen und mit Vertrauen vorgeblich ausgezeichnet als 
deren Beauftragte und Abgesandte) ehedem sie (nämlich die Falschbrüder 
V. 4f.) waren, geht mich nichts an" [über (^oxeJv Nägeli S. 14. 69]. 

Zahn, Galatorbricf. :t. Autt. 6 



82 Geschichtliche Selbstrechtfertigiing des Apostels, 

auch ohne Grund von anderen so angesehen wurden. Beides aber 
würde sich nicht mit dem Ton gegenseitiger Anerkennung zwischen 
PI und der jüdischen Christenlieit samt ihren Oberhäuptern ver- 
tragen, welcher aus 1, 17 — 24; 2, 7— 10 cf 1 Kr 9, 1—6; 12,5—11 ; 
Eph 2, 20; 3, 5 — 8 herausklingt, und vor allem nicht mit dem 
sichtlichen Bemühen des PI, eben hier darzutun, daß er bei den 
Verhandlungen in Jerusalem mit jenen im besten Einvernehmen 
gestanden und geblieben sei, und nur mit den scharf von ihnen 
zu unterscheidenden falschen Brüdern einen Kampf zu besteben 
gehabt habe, aus welchem er als Sieger hervorgegangen sei. Schon 
die viermalige Wiederkehr desselben Ausdrucks in Variationen, 
welche die Bedeutung des invariabeln ot doy.ovvTeg nicht veränderte, 
läßt vermuten, daß PI hier nicht seinen eigenen Gedanken einen 
freigewählten Ausdruck leiht, sondern Äußerungen oder doch 
Meinungen der Gegner wiedergibt, deren Darstellung er richtig zu 
stellen hat. ^^^) Indem er das Ansehen, in welchem die Häupter 
der jüdischen Christenheit stehen, zunächst auf sich beruhen läßt, 
sodann aber bei der zweiten und vor der dritten "Wiederkehr des 
Ausdrucks v. 6 erklärt, daß ihm diese und andere Eigenschaften 
der Auktoritätflpersouen gleichgiltig, weil ohne Bedeutung für die 
damals und jetzt wieder verhandelte Sache seien, zeigt er vollends 
deutlich, daß er jene nicht von sich aus die Hochangesehenen oder 
Vielgeltenden genannt hat, um ihnen sei es seine Hochschätzung, 
sei es seine Geringschätzung zu erzeigen, sondern daß er den 
Judaisten, welche die Apostel in Jerus. als ihre Gesinnungsgenossen 
in Anspruch nahmen und durch Berufung auf deren Auktorität 
die Missionstätigkeit des PI herabzusetzen suchten, diese ebenso 
äußerliche als unwahre Kampfesweise vorhalten will. Eine gewisse 
Ironie haftet darnach allerdings der Bezeichnung an, welche wir 
in geschriebener Rede etwa durch Ausführungszeichen als Ent- 
lehnung von dem freigeschaffenen Ausdruck des eigenen Gedankens 
unterscheiden würden ; aber die Spitze der Ironie ist nicht gegen 
die öoxovvTeg in Jerus., sondern gegen die Judaisten in Gal. 
gerichtet, welche den von PI bekehrten Gal. sagten : Was ist PI 

'«») Cf 1 Kr 6, 12; 10, 23. — 1 Kr 1, 12; 3, 4. 22; 2 Kr 10, 7. [Dann 
ist aber darin doch wohl ein Ausdruck der Judaisten zu sehen (s. S. 68 
A 84 n. S. 95 zu A'/jf/äf) u. es läe^e darin eine Andeutung, daß der ganze 
Abschnitt eine Zurechtstellung gegenüber judaist. Verdrehungen ist. Ganz 
anders faßt wiederum Lütg. S. 52 fi. (nach der Deutung nnosma-rid. = dazu 
auflegen) die Sache auf, der in dem Abschnitt eine Verteidigung gegenüber 
den Pneumatikem sieht, die ihm vorgeworfen hätten, PI habe sich in Jerus. 
von den ürap. die Beschneidung auflegen lassen; er habe dort die Freiheit 
verleugnet. Aber konnte ihm in .solcher Allgemeinheit dieser Vorwurf mit 
einiger Aussicht auf Glaublichkeit gemacht werden, wo die Tatsachen un- 
widerleglich sprachen, daß sich in der Stellung des PI zur Beschneidung 
nichts geändert habe? Der Ton liegt auch nicht auf dem vervollständigend ein- 
geschobenen ^fio'i — Txgoeavid: Bondem auf der Hauptanssage: ^«|<«s iStaxav.'] 



c. 2, 1—10. 83 

gegen einen Jukobus, Petrus, Jolianncs? Nichts ist er; jene da- 
gegen sind und gelten etwas; ja sie sind die Säulen, die Pfeiler, 
welche das Dach der Kirche tragen. ^) Übrigens ist nicht an- 
zunehmen, daß auch v. 2 und 6 nur die drei v. genannten 
Männer unter ol doxoCvreg zu verstehen seien. In verschiedenem 
Grade paßte der Ausdruck auf alle damals in Jerus. anwesenden 
Apostel und leitenden Persönlichkeiten und konnte, ehe die drei 
Hervorragendsten unter ihnen genannt waren, nur auf sie alle be- 
zogen werden cf AG 15, 4. 6. 13. 22 f. Diesem ganzen Kreis hat 
PI in besondex'en Zusammenkünften, von welchen die übrige Ge- 
meinde ausgeschlossen war, das Ev, wie er es unter den Heiden 
predigt, zur Begutachtung vorgelegt. Da kein neues Verbum bei 
toIl: do'/.oCaiv steht, ergänzt sich von selbst aus dem vorigen 
äveO-^^ir^v und zwar dieses samt seinem Objekt; denn gerade dann, 
wenn divi&iui^v ohne sein Objekt ergänzt werden sollte, um daran 
(j.i']7Tiog -/.tI. anzuschließen (so Hofmann), mußte das Verb wieder- 
holt oder durch ein Synonymen ersetzt werden. Es liegt nur in 
der Natur der Sache, daß die Verhandlung derselben Streitfragen 
vor der engeren Konferenz eine tiefer eindringende war, als die 
vorher oder daneben stattfindende Verhandlung in großer Gemeinde- 
versammlung. Da üLved-iiir^v (oben S. 65 A 78) eine Berichterstattung 
bezeichnet, welche eine Anfrage an den, welchem berichtet wird, 
und eine Bitte um dessen Urteil über das Vorgetragene enthält, 
so schließt sich ui]7riüg xtA. als eine den Sinn des äve^^firjv rb 
tv. 'ktX. exponirende Frage an diese an, wie 1 Th 3, 5 an das 
£7tE(x\l^a etq rb yv. xtA. Allerdings ist weder im Bewußtsein des 
Redenden noch in der grammatischen Beurteilung der einzelnen 
Fälle eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen dem Fragwort /n^ 
(numj, ^ir]7ttüg, firjnoTe (num forte) und dem Gebrauch desselben 
"Wortes als Konjunktion hinter Verben des Fürchtens und im Sinn 
von (Va \.iri („um zu verhindern, daß"); denn sehr natürlich ent- 
wickelte sich der zweite Gebrauch aus dem ersten und aus dem 
zweiten der dritte, und fast unmerklich geht manchmal die eine 
Bedeutung in die andere über. ^) Auch die damit verbundenen 

^) Cf 1 Tm 3, 15; Ap 3, 12. Viele Beispiele aus heidnischer und kirch- 
licher Literatur bei Wettstein. Besonders bei den Dichtern, wie in dem 
von Arteraid. onirocr. 11, 10 citirten Vers Eurip. Iphig. Taur. 57, mit 
lebendiger Anschauung des Hauses, dessen Fertigkeit die TragrpfeUer be- 
dingfen. In LXX atxloi oftmals für r-ip und i^sj) von den Pfeilern und 
Säulen der Stiftshütte und des Tempels. 

*) Cf Winer § 56. 2 : Buttmann S. 303 ; Blaß § 65, 3 ; Fritschiorum opusc. 
p. 113 n. Ein Beispiel des Übergangs von der ersten in die dritte der 
oben unterschiedenen 3 Bedeutungen ist 1 Th 3, 5 (Bd XII, 74). Als Ex- 
position von ^.Tf/zy« t\i rb yröji'ai rrjr TTtozii' tußi' ist ut]T[ios enrigaoev 
buäg b TT. indirekter Fragsatz: „ich sandte zu euch, um den Stand eures 
Glaubens zu erfahren und (oder d. h.) beruhigende Autwort auf die Frage 
zubekommen, ob etwa der Versucher euch vertucht habe." An dastTf/n;« 

6* 



84 (ieschicbtliche Sclbstreclitfertigung: des Apustels, 

Tfoipora und Modi geben, zuraal im NT, keine sichere Eat- 
scheidiing, sondern nur der dem Zusaranienhang zu ontnebraende 
Sacbverbalt. Nun liegt aber auf der Hand, daß PI weder damals 
in Jerus., noch jetzt, da er den Gl schreibt, von der Furcht be- 
seelt gewesen sein kann, sein ganzes früheres und dermaliges "Wirken 
unter den Heiden sei ein ergebnisloses. Durch glänzende Erfolge 
war seine Berufung vom Himmel her bestätigt; die jüdiache Christen- 
heit hatte ihn als Prediger ihres eigenen Glaubens anerkannt 1, 22 — 24 ; 
eine göttliche Oftenbaruug hatte ihn neuerdings bewogen, sein jetzt 
angefochtenes Ev in Jerus. zu vertreten. Er konnte daher auch 
nicht die Absicht haben, durch die Reise nach Jerus. und die 
dortige Darlegung seines Ev zu verhüten, daß seine ganze Arbeit 
vernichtet werde. Auch im Falle des Fernbleibens von Jerus. oder 
eines Mißerfolgs in Jerus. war höchstens zu befürchten, daß er 
nach dem Urteil der jüdischen Cliristenhoit für nichts und wieder 
nichts arbeite und gearbeitet habe. Er selbst hätte das niemals 
zugeben können und hätte das, was er damals befürchten oder zu 
verhüten bemüht sein mochte, nur etwa durch /m'^Ttto^ oder 'i'va 
<</ öö^co £ig y.€i'bv tQixuv i) dBÖQaf.ii]yM'ai ausdrücken können 
cf 2 Kr 10, 9; 11, 16. Es bleibt nur die Fassung des Satzes als 
einer indirekten Frage, welche den Sinn darlegt, in welchem PI 
sowohl der Gemeinde als den Auktoritätspei'sonen sein Ev darlegte 
und ihrer Beurteilung unterstellte. Auf seine Frage : laufe ich denn 
etwa ins Leere oder habe ich das bisher getan ? forderte er Antwort. 
Er selbst erwartete eine verneinende Antwort hierauf, wie er denn 
eine solche auch erhalten hat. Aber daß er sie so förmlich stellen 
mußte, zeigt, daß damals von anderer Seite sein ganzes Wirken 
als Heidenmissionar für nichtig und vergeblich erklärt wurde. Im 
Gegensatz zu diesem, in der Fragestellung des PI sich wider- 
spiegelnden Urteil und zu der Erwartung der ihn anklagenden 
Gegner, daß die Auktoritäten in Jerus. ebenso über PI urteilen 

lii TÖ y.x).. scbUeßt sich aber weiter noch, von demselben ///;.t<^".> im Sinn 
eines b'« fn', abhängig, der Satz: „und (ich schickte zu euch, damit) nicht 
etwa unsere Arbeit vereitelt werde". Sogut wie iir,, /in]noiE Lc 3, 15, schon 
Ilias 10, 101, elliptisch auch 2 Tm 2, 25 (mit der leisen Hoffnung und daher 
mit der Frage, ob etwa Gott ihnen Buße gebe) und wie klTios hinter Aus- 
sagen, welche die Vorstellung des Fragens geben oder nahelegen (Rm 1, 10: 

II, 14; Phl 3, 11, ebenso klass. von Homer anj, kann auch /ti)moi eine in- 
direkte Frage einleiten. Nur nicht so bestimmt, wie das direkte und in- 
direkte Fragwort ,"»; und /nrjTi drückt es die Erwartung einer verneinenden 
Antwort aus („doch nicht etwa") und wird vermöge einer gewissen Urbanität 
des Ausdrucks auch da gebraucht, wo vielmehr eine bejahende Antwort ge- 
wünscht und erbeten wird, so fast regelmäßig bei Epiktet diss. I, 7, 11 u. 16; 

III, 1, 6; 14, 13; 22, 69; IV, 5, 14. Daß das hier nicht angeht, liegt auf der 
Hand. — Neben iboauov das voranstehende rot/M als Konj. zu fassen, ist 
abgesehen davon, daß man statt dessen eher Optativ erwarten sollte, bei 
Fassung des Satzes als indirekte Frage uuveranlaCt cf Buttmann 1. 1., auch 
Fritzsche p. 176, der früher «/;.tw= — tÖQa/xov als direkte Frage gefaßt hatte. 



c. 2, 1—10. 85 

würden, fährt PI fort: „Aber nicht einmal Titus, der sich in 
meiner Begleitung befand, wurde, während er doch ein Grieche war, 
gezwungen oder genötigt sich Ijeschneiden zu lassen." [v. 3] Die 
Einführung des Namens Titus durch oudt zeigt, daß noch viel 
weniger andere Griechen und überhaupt NichtJuden bei Gelegenheit 
oder in folge der Verhandlungen zu Jerus. zur Annahme der Be- 
schneidung gezwungen wurden. Dies aber setzt voraus, daß der 
Versuch gemacht worden war, alle Heidenchristen der Beschneidung 
zu unterwerfen. "Wie völlig dieser Versuch bei den Verhandlungen 
des PI mit der Muttergeraeinde und ihren Oberhäuptern scheiterte, 
beweist das Beispiel des Titus, welcher mit seinen beschnittenen 
Lehrern PI und Barn nach Jerus. gekommen war und als TJn- 
beschnittener unter den beschnittenen Christen Jerus. 's verkehrte, 
diesen also ein viel empfindlicheres Ärgernis hatte sein müssen, 
als die unbeschnittenen Christen im fernen Antiochien und in 
Cilicien. Das Beispiel des Titus beweist, wie wenig anstößig ihnen 
die Unbeschnittenheit von Heidenchristen war ; es beweist dies aber 
selbstverständlich nur dann, wenn Titus unbeschnitten blieb. iSowohl 
die Anknüpfung von v. 3 durch a)JM an die Aussage über das, 
was PI in Jerus. getan hat (v. 2), als das 6 ohv ffioi, welches auf 
Oii.i7TUQa)Mßwv '/.cd TLtov V. 1 zurückweist, läßt keinen vernünftigen 
Zweifel daran zu, daß die negative Aussage von v. 3 sich auf die 
Zeit der Anwesenheit des PI und Titus in Jerus. bezieht, daß also 
Titus als Hellene d. h, als unbeschnittener Heide nach Jeiiis. ge- 
kommen ist. Die Meinung aber, daß Titus in Jerus. beschnitten 
worden sei, und daß PI diese Tatsache zwar nicht bestreite, aber 
behaupte, es sei das nicht zwangsweise geschehen, sondern sei eine 
freiwillige Konzession gewesen, '^) würde eine Niederlage des PI be- 
deuten, wie sie nicht kläglicher gedacht werden könnte. Er hätte 
den von ihm bekehrten (Tt 1, 4) Heiden Titus als eine Verkörperung 
seiner gesetzesfreien Predigt nach Jerusalem mitgenommen, und 
da er ihn als beschnittenen Proselyteu des Judenturas wieder nach 
Antiochien brachte, hätte er an ihm ein bleibendes Denkmal seines 
Unvermögens, dieses Ev. in Jerus. zur Anerkennung zu bringen, 
bei sich gehabt. Die ebenso hochfahrende als feige Verhüllung 
der für ihn schimpflichen Tatsache hätten seine Gegner in Nach- 
äfifung seiner "Worte mit dem Satz erwidern können: „Nicht einmal 
den Titus, der bei dir war, konntest du vor der Beschneidung 

^) unter Voraussetzung des gewöhnlichen Textes von v. 5 wagten 
diese Deutung Didjmus (Gramer, Cat. III, 308, 5 zu AG 18, 8) Pel. (s. unten 
A 12), Rückert S. 73 f., Reiche \^. 15. 21 und Spitta, Die AG S. 195—201, 
die beiden letzteren mit der Annahme, daß die Besehneidung des Titus vor 
der Reise nach Jerus. in Antiochien stattgefunden habe; Renan, St. Paul 
(1869) S. 87 ff. 316. ohne sich, soviel ich sehe, irgendwo zu der von ihm 
ZQ Grunde gelegten LA obne oU oiöi förmlich und mit Gründen zu be- 
kennen. 



86 Geschichtliche Selbstrechtfeitigung des Apostels. 

acbützon : nicht einmal dein persönliches Eintreten für deinen un- 
bescliuitteuen Schüler und Scliützling hat die Muttergenieinde dazu 
vermocht, auf die Beschneidung der ITeidenchristen zu verzichten." 
Damit ist schon gesagt, daß diese wunderliche Auslegung auch 
einen durchaus anderen Text erfordern würde. Nicht die Person 
des Titus, sondern die Verneinung, daß Zwang an ihm geübt 
wurde, mußte hervorgehoben, und nicht an seine Eigenschaft als 
NichtJudo, sondern an die Tatsache, daß er beschnitten wurde, mußte 
erinnert werden. Von den möglichen Formen, den angeblichen 
Gedanken des PI auszudrücken, wäre z. B. eine: o (.uv ovv Tivog . . . 
TTSQieii^n'iO-ti, &)X ov y.ar^ &väy/.i]V ä/J.a y.aia ky.ovoiov. *) Daß 
bloße orx r^\'ay/.do9i] kann um so weniger die gar nicht erwähnte 
tatsächliche Beschneidung als Voraussetzung raiteinschließen, als 
avuyy.üZtiv sehr häufig gar nicht den von Erfolg begleiteten Zwang, 
sondern nur die Anwendung von moralischen oder physischen Zwangs- 
mitteln, den Versuch jemand zu zwinajen, ausdrückt. ^) So ist es 
auch hier zu verstehen. Nicht nur daß Titus unbcschnitten blieb, 
sollte gesagt werden, sondern daß niemand dies auch nur gebieterisch 
forderte und den PI oder den Titus dazu drängte und nötigte, 
nämlich niemand von den Leuten, welchen PI damals in Jerus. 
sein Ev zur Begutachtung vorlegte, weder die Muttergemeinde noch 
deren Oberhäupter. Von anderer Seite war damals, wie wir bereits 
sahen, allerdings die Forderung gestellt, daß alle Heidenchristen 
beschnitten würden, und aus v. 4 f. ist zu schließen, daß Vertreter 
dieser Partei damals in Jerus. anwesend waren. Aber ob sie es 
gewagt haben, diese Forderung jetzt auf Titus anzuwenden, ist 
mindestens zweifelhaft, jedenfalls hat PI hier keinen Anlaß, ein 
etwaiges Drängen derselben auf Beschneidung des Titus zu er- 
wähnen, da er es in v. 1 — 3 nur erst mit der Muttergemeinde und 
ihren anerkannten Auktoritäten zu tun hat, von diesen aber die 
allgemeine Forderung der Judaisten abgewiesen und damit das Ev. 
wie es PI unter den Heiden predigte, anerkannt wurde. Erst mit 
öict öl Tovg TragtiadiCTOvg ipevöade/.rpovg v. 4 wendet er sich Leuten 
zu und zwar, wie der Artikel zeigt, einer bestimmten, den Lesern 
bekannten Gruppe von Leuten, welche er gleich durch diese ersten 
Worte von der Christenheit ausschließt. Denn ipSiöddtXcpoi sind 
ja niclit unaufrichtige, der Lüge ergebene Christen, sondern Leute, 
die sich lügnerischer Weise für Brüder d. h. Christen ausgeben. *) 

*) Cf Plilm 14 oder nach 1 Pt 5, 2 o{y. nrayxaarMi ä).}.a iy.ovaio)«. 

'') Gl 2, 14 (daü ein einziger Heidenchrist dem moralischen Zwang, 
den Pt ausübte, nachgegeben und jüdische Lebensweise angenommen habe, 
ist V. 13 nicht gesagt. muUte aber gesagt werden, wenn es geschehen war); 
Gl 6, 12 (die heidenchristlichen Gal. hatten sich noch nicht beschneiden 
lassen); Lc 14. 28: 2 Mkk 6, 18. 

*J 2 Kr 11, 26 cf xftvban6aTo)x)i 2 Kr 11, 13, mvSoTtfJOf^rrjs Mt 7, 16 
Bd I, 311. Das Urteil ist viel schärfer als 1 Kr 5, 11 dSeXfög 6>^ofia^6fievos. 



c. 2, 1—10. 87 

Eben dieses Urteil wird durch 7taQ£ioäy.vovg ') nocli verstärkt. 
Nebenher, verstohlener Weise, gleichsam durch eine Hintertür sind 
sie eingeführt worden. Der passive Begriff weist nicht unmittelbar, 
wie das folgende jtaQSiOi'iXd'OV (cf Rm 5, 20), auf ein tadelnswertes 
Tun dieser Leute, sondern enthält eher einen Tadel gegen die- 
jenigen, welche sie eingeführt oder hereingelassen haben, und das 
Urteil: man hätte sie gar nicht aufnehmen oder hereinlassen sollen. 
Da aber ipevddöeXffOi lediglich an ihr Verhältnis zur Brüderschaft 
(1 Pt 5, 9), zur Christenheit überhaupt denken läßt, wird auch das 
davorgestellte Attribut hierauf zu beziehen sein. In die christliche 
Gemeinde sind sie eingeschmuggelt worden. Mag immerhin die 
Unaufrichtigkeit, mit welcher sie dem Ev zufielen und Aufnahme 
in die Gemeinde begehrten (cf AG 8, 13. 21 ; 15, 5) das Meiste 
dazu beigetragen haben, daß sie aufgenommen wurden und jetzt 
lügnerischer Weise sich als Brüder ausgeben können, so ist doch 
ihr Eintritt in die Gemeinde hier nicht als ihre Tat dargestellt. 
In dem folgenden Relativsatz dagegen ist von einem selbstwilligen, 
zweckbewußten Handeln derselben Leute gesagt: „Sie haben sich 
eingeschlichen, um wie Spione unserer Freiheit, die wir in Christus 
Jesus haben, aufzulauern und mit der ferneren Absicht, daß sie 
uns zu Knechten machen." Die schwach bezeugte LA y.ataöovXd)- 
ocovrai oder -Govrai würde den Sinn ergeben, daß sie den PI und 
die, welche er mit sich zusammenfaßt, zu ihren Knechten, oder 
sich zu deren Herren machen wollten. Die LA y.aradovhooovoiv ^) 
sagt und meint auch wohl nicht mehr, als daß die Eindringlinge 
die anderen um ihre Freiheit bringen und sie unter irgend ein 
Joch zwingen wollten. ^) Dieses Sicheinschleichen in ein fremdes 

') Das Verb 2 Pt 2, 1; Polyb. 1, 18, 3 (pass. neben napetaninreiv) : 
2, 7, 8; 6, 31, 13, 

*) So N AB*CD, unnötiger Weise in xaraSovld/acoat-v B*G oder xara- 
Sov'/.et'ocoaiv ath. korria^irt cf Blaß § 65, 2. Das nur durch G bezeugte 'ivc ,nf] 
f;uä^ y.nTaSov?.. ist vielleicht ein Anzeichen davon, daß der von G aufgegebene 
occidentalische Text ohne oh oiiSs v. 5 die nrsprüngliche Grundlage auch 
von G bildet. Es könnte dann nämlich, was Bentley eine praeclara lectio 
nannte (Bentl. crit. sacra ed. Ellies p. 43. 9S), 'h'n /if; y.r).. zum folgenden 
gezogen werden, so dafi sich die Konstruktion ergäbe: „wegen der falschen 
Brüder aber . . . ., haben wir, damit sie uns nicht zu Knechten machen, für 
einen Augenblick nachgegeben". [Deißmann, Lieht v. 0. S. 235 erinnert, 
daß die Wörter tltv'hoia u. y.araSovKoiv das Bild vom Sklaven in den 
Gesichtskreis rücken. Es war mit schweren Strafen verboten, einen los- 
gekauften wieder zum Sklaven zu machen. Indem das Tun der falschen 
Brüder mit demselben Wort bezeichnet wird, erscheint es erst in seiner 
ganzen Schimpflichkeit.] 

"; Cf Gl 5, 1; AG 15, 10; zum Ausdruck Jerem 15. 14 LXX; Herod. 
6, 109. Auch 2 Kr 11, 20 braucht das Act. nicht im Sinn des Med. ver- 
standen zu werden. — Zu y.manxoTxeiv, der Tätigkeit des ynTduy.oTroi (Gen 
42, 9—34 sechsmal^ paßt naQEtafjld'ot' (Polj-b. I, 7, 3; 8, 4; II, 55, 3) und gibt 
mit diesem zusammen die lebendige Vorstellung von Spionen oder verkappten 
Feinden, die in eine fremde Stadt oder Feindesland sich einschleichen. 



88 Geschichtliclie Selbstreclitfertigniis; des Apostels. 

Gebiet kann nicht wieder, nur unter anderem Gesichtspunkt be- 
trachtet, den Eintritt der falschen Brüder in die christliche Kirche 
bezeichnen ; denn, wie unlauter dem PI die Gedanken erschienen 
sein mögen, mit weichen sich jene zum Ev bekannten oder die 
Taufe begehrt hatten, so wäre es doch eine gar zu ungeheuerliche 
Anklage, daÜ sie ausschließlich oder wesentlich zu dem Zweck 
Chrbten geworden seien, um andere Christen ihrer christlichen 
Freiheit zu berauben. Zu dieser Auffassung kann auch die An- 
knüpfung durch o'iTiveg nicht veranlassen, als ob dies überall wie 
ein qidppc (jui eine Tatsache (Zustand, Umstand, Eigenschaft) ein- 
führte, welche der Hauptaussage zur Begründung oder Erklärung 
dient, und nicht ebensogut umgekehrt eine Tatsache, welche aus 
dem Inhalt der Hauptaussage abfolgt und sich erklärt. ^^) Der 
Relativsatz bringt eine weitere Tatsache zur Charakteristik der 
falschen Brüder in Erinnerung. Sie haben sich als solche auch 
dadurch erwiesen, daß sie unter der Mas^ke von Brüdern und 
Freunden sich in feindseliger Absicht auf ein Gebiet begaben, wo 
sie nichts zu suchen und zu sagen hatten. Während PI auch hier 
die äußeren Tatsachen, die er beleuchtet, als den Lesern bekannt 
voraussetzt, gibt er doch auch uns Fernstehenden durch yuDv und 
ijiög zu erkennen, welches dieses Gebiet gewesen sei. Unter 
diesem „Wir" können ja nicht sämtliche Christen verstanden werden, 
etwa auch die Muttergemeinde samt ihren Häuptern ; denn zu diesen 
konnten jene nicht wie Spione heranschleichen, da sie von jeher 
mitten unter ihnen lebten ; und deren Stellung in bezug auf Frei- 
heit oder Knechtschaft haben sie nicht anzugreifen gewagt. Sie 
haben sich vielmehr da eingeschlichen, wo PI und Barn wirkten 
und die maßgebenden Lehrer waren. Aus Gl 1, 21 und AG 15, 1. 23 
können wir das Gebiet näher bestimmen ; es war die überwiegend 
heidenchristliche Gemeinde von Antiochien und die von dort ab- 
hängigen Gemeinden Syriens und Ciliciens. PI spricht aber nicht 
von der Freiheit der dortigen Heidenchristen, gegen welche der 
judaistische Angriff nach v. 2. 3. zunächst gerichtet war, sondern 
faßt sich und Barn und die übrigen jüdischen Christen in 
Antiochien (cf v. 13) mit den dortigen Heidenchristen zusammen. Es 
handelt sich um die Freiheit, welche man in Christo, als Christ 
besitzt, welche also auch die echten jüdischen Christen besitzen, 
welche sie aber verloren haben würden, wenn die Judaisten mit 
ihrer Forderung durchgedrungen wären, daß alle Christen durch 
Annahme der Beschneidung dem mosaischen Gesetz sich unterwerfen. 
Es fragt sich nun, was um der falschen Brüder willen geschehen 
iflt, welche v. 4 nach der Art ihres Eintritts in die Kirche und nach 

'<•) öoTti heißt nicht nur „als ein solcher, welcher", sondern auch 
„welcher als solcher". Für letzteres cf Gl 4, 24 (/,'7/»); Mt 7, 15; Lc 1, 20; 
10, 42; 15, 7; Eph 1, 23: 2 Th 1, 9. 



c. 2, 1—10. 89 

ihrem feindseligen Verhalten gegen die unter dem Einfluß des PI 
stehende, überwiegend heideuchristliche Kirche charakterisirt sind. 
Ist an der Echtheit des zu dieser Charakteristik überleitenden 
ö^ V. 4 nicht zu zweifeln, ^^) so beginnt hiemit auch ein neues 
Satzgefüge, dessen Fortsetzung hinter v. 4 zu erwarten ist. Denn 
die Versuche, unter Anerkennung und Berücksichtigung des de 
den so beginnenden neuen Hauptsatz aus dem vorigen zu ergänzen, 
sind verwerflich, mag man ein 7tiqitrui\d^ri oder ein oiy. i]ia'/y.do&f^ 
7teQirur^d-r^vuL ergänzen. *-) Schon der Umstand, daß geradezu 
Gegenteiliges zur Ergänzung vorgeschlagen worden ist, zeigt, daß 
kein vert^tändiger Schriftsteller sich in wichtiger Sache einer so 
zweideutigen Ellipse bedienen konnte. Statt der zweiten Ergänzung 
müßte übrigens, um den gewollten Sinn zu erreichen, oc neourur^Oi^ 
de oder äy.QÖßiaxog de. dief.ieLvev oder dgl. ergänzt werden oder 
vielmehr geschrieben sein ; denn nur diese positiv oder negativ zu 
benennende Tatsache fand möglicher Weise wegen der falschen 
Brüder statt, nicht aber das ganz andere, daß kein Zwang in ent- 
gegengesetzter Richtung geübt wurde (s. vorhin S. 86). Noch 
unmöglicher ist die erste Ergänzung; denn die vorher mindestens 
noch nicht ausgesprochene Tatsache, daß Titus beschnitten wui'de, 

^') Auch Hippel, in Dan. I, 15 (berl. Ausg. S. 24, 20) läßt es in seiner 
Anführung des unvollständigen Satzes v. 4 nicht aus. Nur Marcion hat es 
gestrichen, um die Verbindung mit dem vorigen möglich zu machen cf 
GK II, 498. Den stärksten Beweis für seine Echtheit liefern die Alten, 
welche zu demselben Zweck das ia ihren Texten vorgefundene ^« für über- 
flüssig erklärten und in der Auslegung glaubten ignoriren zu dürfen, so 
Thdr p. 16 f. uuter grundloser Berufung auf häufige Nachlässigkeiten des 
PI in bezug auf Konjunktionen cf Thdrt und Cranier"s Cat. z. St. Schon 
früher hatte Hier, geradezu die Echtheit des autem in Frage gestellt 
und doch nicht zu verhindern gewagt, daß sogar das stärkere sed in die 
Vulg überging. Der Hauptgrund zu diesen exegetischen Gewaltstreichen 
lag in der von diesen Auslegern für echt gehaltenen LA oh olÖs v. 5. Da 
der mit v. 4 begonnene neue Satz ohne Fortsetzung zu bleiben schien, 
meinten sie ^lä r. n. miS. zu v. 3 ziehen zu dürfen, was bei Nichtberück- 
sichtigung oder gar Tilgung des ^e keine Schwierigkeit mehr machte. 
Titus wurde nicht wegen der falschen Brüder gezwungen sich beschneiden 
zu lassen. Es ergab sich dann entweder der Gedanke: weil falsche Brüder 
vorhanden waren, widerstanden wir jeder Versuchung, den Titus zu be- 
schneiden (s. folgende A), oder: trotz der falschen Brüder, die das forderten, 
wurde er nicht beschnitten. 

^-) Ersteres Pel.: reddit causas, quare circumciderit (v.l. cur circum- 
cidit Titum), non quod Uli circnmcisio prodesset, sed nt scandahim immi- 
nens vitaretur. So im wesenthchen die meisten, welche annehmen, daß 
Titus wirklich beschnitten worden sei. Dagegen Aug. und Thdr: ge- 
rade die ßücksicht auf die falschen Brüder und deren weitreichende böse 
Absichten sei der Grund gewesen, warum Titus und PI sich nicht zur Be- 
schneidung des ersteren zwingen lieCen, während sie unter anderen Um- 
ständen die Beschneidung des Titus wohl hätten zugeben mögen. So noch 
Bengel, Fritzsche u. a.. welche alle Si entweder wie Thdr mit Bewußtsein 
ignoriren, oder es als ein erläuterndes fassen, was doch hinter einem nega- 
tiven Satz kaum nachzuweisen sein dürfte. 



00 Geschichtliche Selhetrcchtfertifi:ung des Apostels. 

mußto deutlich unil an betonter Stelle ausgesagt werden, etwa in 
der Form: rreginfiiO-r^ de öia xrA., ganz abgesehen davon, daß 
das (Gegenteil dieser angeblichen Tatsache schon aus v. 3 (s. vor- 
hin S. 86) und vollends aus v, 5 nach dem diesen exegetischen 
Künsten zu Grunde liegenden gewöhnlichen Text {olg ovd^) sich 
ergibt. Denn wenn PI und seine Begleiter um der falschen Brüder 
willen die Beschneidung des Titus geschehen ließen, hatten sie 
damit jenen die denkbar größte Konzession gemacht, und es wäre 
eine geradezu lächerliche Prahlerei, diesem Bekenntnis einer völligen 
Niederlage die Behauptung anzuhangen : ,,nicht einmal für einen 
Augenblick haben wir den falschen Brüdern nachgegeben". Und 
vollends der v. 5 genannte Zweck des angeblich so tapferen "Wider- 
standes wäre unbegreiflich ; denn die Beschneidung des Titus in 
diesem Augenblick wäre das sicherste Mittel gewesen, in der Folge- 
zeit alle Heidenchristen der Beschneidung und dem ganzen Gesetz 
zu unterwerfen. Ist also nicht zu bezweifeln, daß mit v. 4 eine 
neue Periode beginnt, welche nicht mehr von der Beschneidung 
oder Nichtbeschneidung des Titus handelt, so fragt es sich um 
die Fortsetzung der in v. 4 begonnenen Periode. Unter der 
Voraussetzung des in der ganzen Masse der griech. Hss. vor- 
liegenden Textes von v. 5 (olg orök Ttgog (üquv xrP..) folgt zu- 
nächst ein zweiter von t. 7t. \pEvdadt).(povg abhängiger Relativ- 
satz, ferner ein von diesem abhängiger Absichtssatz, dann aber v. 6 
ein mit de eingeführter neuer Satzanfang, welcher schon wegen 
dieser Anknüpfung jedenfalls nicht einen regelrechten Abschluß 
des mit diu 61 x. tt. xptvdad€).cpovg nur erst begonnenen Haupt- 
satzes, aber ebensowenig eine Fortsetzung der beiden zwischen inne- 
liegenden Relativsätze oder gar des dorn zweiten derselben angehängten 
Absichtssatzes bringt. Ist der seit dem 4. Jahrhundert zur Herrschaft 
gelangte Text von v. 5 echt, so tritt mit v. G eine Anakoluthie in 
vollstem Sinne dieses Wortes ein. Es folgt nicht etwa in grammatisch 
inkorrekter Form eine Aussage, die inhaltlich als Vollendung des 
mit öia öe rovg 7t. xp. v, 4 begonnenen Satzes zu verstehen wäre, 
sondern es folgt die Aussage einer von einem ganz anderen Kreis 
von Personen ausgehenden Handlung, und diese anscheinend ganz 
neue Aussage verläuft wiederum anakoluthisch, um, wenn nicht 
alles trügt, endlich in v. 9 ihren Abschluß zu finden. Man braucht 
kein blinder Verehrer des altkirchlichen Schriftverständnisses zu 
sein, um in dieser noch immer verbreiteten Annahme durch die 
Tatsache beunruhigt zu werden, daß kein Ausleger der alten 
Kirche in v. 6 £F. eine anakoluthische Fortsetzung oder Wieder- 
aufnahme des mit v. 4 begonnenen Hauptsatzes gesucht und ge- 
funden hat,^'; daß ferner auch die alten Versionen diese Annahme 

**j Vielleicht macht jener Dunkelmann unter dem falschen Namen 
Primasius eine Ausnahme, wenn er (Migne 68 col. 587) schreibt: natu 



c. 2, 1—10. 91 

durchweg wenigstens nicht deutlich ausdrücken, und daß gerade 
diejenigen alten Ausleger, welche den gewöhulicheu Text von v. 5 
zu Grunde legten, zu den vorhin erörterten Vergewaltigungen von 
V. 4 sich verleiten ließen, weil es ihnen unmöglich schien, iu v. 6 ff. 
die, wenn auch anakoluthische, Fortsetzung einer mit v. 4 begonnenen 
Periode zu erkennen. Sollten sie nicht mit dieser Voraussetzung 
ihrer unerträglichen Auslegungen im Recht sein? Gewiß hat PI 
nicht selten angefangene Satzgefüge anakoluthisch weitergeführt. 
Ein Beispiel liefern gleich die Sätze v. 6 — 7; cf 1 Tm 1, 3 ff . 
Besonders durch parenthetische, außerhalb der Konstruktion des 
begonnenen Satzgefüges stehende Zwischenbemerkungen läßt er 
sich von der ursprünglich beabsichtigten Satzbildung ablenken. 
Hier aber liegt nichts Derartiges vor. Es stand nichts im Wege, 
hinter den regelrecht eingefügten kleinen Nebensätzen (o^itivtg . . . 
olg ovÖ€ .'. . Yva) fortzufahren: ol do/.oürzsg . . dt^iag iöcoxdv 
(.lOL oder dgl. Es besteht aber auch kein Gruud, den Textus 
receptus von v. 5, der entweder zu der unwahrscheinlichen An- 
nahme einer unveranlaßten Anakoluthie hinter v. 5 oder zu formell 
und materiell gleich unannehmbaren Mißdeutungen von v. 4 f. zwingt, 
als ein unantastbares Heiligtum anzusehen. Die ältesten Text- 
zeugen, welche noch unmittelbar zu uns reden, haben olg nicht ; 
und die glaubwürdigsten unter ihnen auch nicht ovöe.^*^) Was 
zunächst das letztere anlangt, so ist doch jedenfalls begreiflicher, 
daß man die Negation nachträglich einsetzte, als daß man sie, 
wenn sie ursprünglich in allen Texten zu finden war, beseitigte. 
Nicht nur für einen Marcion, sondern auch für katholische Leser 
war es ein schwer zu ertragender Gedanke, daß PI, der sich eben 
erst gerühmt hat, daß er nicht einmal die ßeschneidung des einen 
Titus habe geschehen lassen, nun bekennen sollte, er habe zeit- 
weilig in irgend einem Stück nachgegeben, und zwar nicht etwa 
in Rücksicht auf ehrliche, nur noch in ihrer Erkenntnis schwache 
Christen oder zum Zweck der Gewinnung von Juden und Heiden, 
die noch zu gewinnen waren, sondern um einiger Leute willen, 
denen er den Christennamen abspricht und die feindseligsten Ab- 
sichten beimißt. Dazu kam, daß der Text ohne ovöi im Dunkeln 
ließ, worin die Nachgibigkeit bestanden haben sollte. Denn auf 
den Gedanken, darunter die Beschneidung des Titus zu verstehen, 
ist kein alter Vertreter der LA ohne ovöe gekommen (s. Exe. I) ; 
er ist eine spätere Entdeckung einiger Vertreter der LA olg ovöi. 
Durch Einschiebung des ovöe wurde die Frage erledigt. Der Satz 
beschrieb dann die Standhaftigkeit des PI bei den Verhandlungen 

impleto (= incompleto, xmvoUendet) sensu, quem coeperaf. oUuin introdtixit, 
quo expleto redit ad coeptum. „ab his auteni, qni vidcbatitur" etc. 

") Die genauere Darlegung der Textüberlieferung s. in Excurs I. 
Außerdem cf besonders Klostermann, Probleme S. 36—91. 



92 (.ieschiohtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

in Jeriis., von welcher die Nichtbcsclineidung des Titus nur ein 
Boisinel war. Seiner Entstehung nach ist das hiesige orde 
mindestens ebenso durchsichtig wie das unechte ov Rm 4, 19. Ist 
aber oiöe eine Interpolation, so kann auch olg nicht echt sein. 
An sich wäre ja denkbar, daß ursprüngliches olg (mit oder ohne 
oiöi) nachträglich beseitigt worden wäre, nm statt eines unvollen- 
deten entweder anakoluthisch in v. 6 sich fortsetzenden, oder nur 
unsicher aus v. 3 zu ergänzenden Satzes einen in v. 4 — 5 abge- 
schlossenen Satz zu gewinnen. Aber die Geschichte des Textes 
würde hiedurch unverständlich werden. Das oiöe ist mindestens 
um ein .Jahrhundert früher nachzuweisen als olg. Ohne dieses 
lasen jenes Marcion um 150, vielleicht um 170 — 180 der älteste 
syr. Übersetzer und noch um 370 gewisse Leute, von welchen 
Victorin es bezeugt. Im Orient geht die Bezeugung des olg 
vielleicht bis auf Orig. zurück ; im Abendland war es bis um 
370 — 380 unbekannt. Denn die Angabe des Hier., wonach die 
lat. Bibel bis zu seiner Zeit (jiiibus ohne imjiic gehabt haben soll, 
ist nachweislich falsch (Exe. I). Da nun olg nur in Verbindung 
mit oidt überliefert ist, ovdi aber ohne olg viel früher nachweisbar 
ist, als mit ovöe, so muß olg eine spätere, erst auf grund der 
LA Marcions und anderer entstandene Interpolation sein. Der 
wahrscheinliche Grund dieses jüngeren Einschubs wird der gewesen 
sein, daß man eine Angabe der Personen vermißte, welchen PI 
nicht nachgegeben habe; das öia roig 7t. xp. v. 4 konnte nicht im 
Sinn eines Dativs verstanden werden, und wie Marcion die Apostel 
samt der Muttergemeinde als die Personen zu denken, welchen PI 
einen unbeugsamen Widerstand entgegengesetzt habe, widersprach 
der katholischen Ehrerbietung gegen die Urapostel. Man hatte 
genug an Gl 2, 11 — 14 zurechtzulegen und zu deuteln. Nur den 
falschen Brüdern, welche man scharf von den Uraposteln unter- 
schied, konnte PI so unbeugsamen Widerstand geleistet haben. 
Auf diese wurde durch Einschub des olg das vorgefundene ovd^ 
TtQog üquv xr/. bezogen. Freilich verdarb man dadurch das Satz- 
gefüge und bahnte den künstlichen Ergänzungen desselben aus 
V. 3 den Weg. Aber wann wären die klugen Verbesserer des 
Altertums wirklich klug gewesen ? Von einer überwiegenden Be- 
zeugung des so allmählich entstandenen Vulgärtextes kann nicht 
geredet werden. Abgesehen von Marcion, S^ und den quidani bei 
Victorinus, welche wohl ein ovöt, aber noch kein olg kannten, 
stehen der Masse der uns erhaltenen griech. Hss als Zeugen eines 
Textes ohne olg und ohne ovde gegenüber: 1. der griech. -lat. D*, 
2. die griech. Bibeln, welche Irenäus und Tertullian in Händen 
hatten, 3. die älteste lat. Übersetzung des NT's, also gewiß auch die 
dieser zu Grunde liegende griech. Bibel, 4. sehr viele sowohl griech. 
als lat. Hss, von welchen Victorin um 370 dies bezeugt. Die 



c. 2, 1-10. 93 

unter 2 — 4 genannten griech. Bibeln sind größtenteils, wenn nicht 
s.ämtlich, älter als die ältesten griech. Hss, die wir besitzen. Daß 
X B etc. erhalten, die gleichzeitigen und noch viel älteren aber, 
welche weder orde noch olg hatten, verloren gegangen sind, sollte 
für den heutigen Textkritiker doch nicht mehr, als ein vielleicht 
beklagenswerter, aber für die Wissenschaft gleichgiltiger Zufall 
sein. Erklärt sich die Entstehung des doppelten Einschubs, zuerst 
von ovde, dann auch noch von ol^, wie gezeigt ohne Schwierig- 
keit, so besteht kein Grund, den erheblich früher bezeugten Text 
ohne diese Zutaten zu verschmähen, zumal dieser von den teils 
schon hervorgehobenen teils noch zu erwähnenden Schwierigkeiten 
nicht gedrückt wird, unter M'elchen die Ausleger des Vulgärtextes 
zu seufzen haben. 

PI schrieb also: „"Wegen der eingeschlichenen falschen Brüder 
aber .... gaben wir für einen Augenblick vermöge der Unter- 
ordnung nach." Die lat. Übersetzung suhieclioni^^) ergibt den 
unmöglichen Gedanken, daß die eigene Unterordnung des PI und 
seiner Genossen die Macht sei, welcher dieselben Männer nach- 
gaben (oder nicht nachgaben). Der Artikel vor VTtOTayfi verbietet 
es aber auch, hierin eine bloße Verstärkung von ti'^a/uev zu finden: 
,,wir gaben gehorsamst nach-'. Die Unterordnung war vielmehr 
ein Verhalten, wodurch es ihnen möglich wurde nachzugeben, oder 
in und mit welchem sie Nachgibigkeit bewiesen. ^^) Es leuchtet 
doch wohl ein, daß das selbständig neben f:}'^au€r stehende t^ 
VTTOrayij mit einem oiÖ€ beim Verbum unverträglich ist. Das 
Nichtnachgeben könnte ja nicht durch gehorsame Unterordnung, 
sondern nur durch trotzige Behauptung der Unabhängigkeit zu 
Stande kommen. Auch von hier aus ergibt sich die Unmöglich- 
keit des Vulgärtextes. Die VTtorayy] ist als eine bestimmte Größe 
vorgestellt; da sie aber nicht eine dem Menschen anhaftende 
Eigenschaft und nicht an sich eine Tugend ist, welche jedem 
Christen zur Verfügung steht, so daß es sich nur fragt, ob er sie 
im einzelnen Fall betätigen will, sondern ein Verhalten, welches 
je nach Umständen berechtigt oder verwerflich ist, so wird durch 
den Artikel auf eine bestimmte, dem Leser bekannte, von PI und 
seinen Genossen geübte Selbstuntergebung hingewiesen, worin sie 

'■^) So d g. Iren. lat. (auch Tert.), Vict., Abstr, Aug., Hier. z. St.. auch 
wohl Vulg (obwohl Lucas Brng. dies als Fehler rügt), daher sehr fraglich, 
ob Äug. epist. 89, 12 p. .362, 18 suhiectione schrieb. 

*") Phl 2, 3 vermöge der Demut, welche die Christen besitzen, schätzen 
sie einander höher als sich selbst; AG 6, 7 irrr/y.oror rrj -rtinrei nicht = rtri 
liuyye/.io) Rm 10, 16, sondem vermöge ihres Glaubens wurden und waren sie 
gehorsam, sie standen in der vnny.of] rrhneo)^ (Rm 1, 5); Rra 4. 20 vermöge 
des Glaubens, den er längst bewiesen, nun aber aufs neue unter er-chweren- 
den Umständen behauptete, erstarkte Abraham auch leiblich; Rm 11, 20; 
2 Kr 1.24; auch Gl 5, 13 v. 1. 



94 Geschichtliche i?elbstrechtfertigniig des Apostels. 

BUgloich Xnchgibigkeit gegen eine an sie gestellte Forderung be- 
wiesen haben. Die Frage, wem sie sich untergeordnet und wem 
sie nachgegeben haben, ist zunächst mit Sicherheit negativ zu be- 
antworten: nicht den falschen Brüdern; denn es wäre nicht ein- 
zusehen, warum PI <5/o öf roig rr. i/'fi(5. statt des erforderlichen 
TOlg ö( TT. li'fiö. geschrieben hätte. Um so weniger kann dies die 
Meinung sein, als bisher durch keine Silbe angedeutet wurde, daß 
PI in Jerus. mit den falschen Brüdern zu verhandeln gehabt 
habe, oder daß diese ihm dort unstatthafte Zumutungen gemacht 
haben. Nach v. 1 — 3 hatte er es nur mit der Muttergemeinde 
und deren Oberhäuptern zu tun. Diesen also hat er sich damals 
gehorsam untergeordnet, wie ein Kind den Eltern oder das Weib 
dem Gatten, wie der Knecht seinem Herrn, der Untertan seiner 
Obrigkeit.^") Und vermöge dieser zunächst innerlichen Stellung- 
nahme zu den Hochangesehenen in Jerus. hat er auch äußerlich 
nachgegeben, einer Zumutung entsprochen, der er sonst wider- 
sprochen haben würde. Er hat es für einen kurzen Augenblick, 
unter Berücksichtigung besonderer damals obwaltender Umstände 
getan (TTQog coQav), ohne dnmit ein Verhältnis dauernder Abhängig- 
keit von den Auktoritäten in Jerus. einzugehen. Als einen be- 
stimmten und bekannten Vorgang aber konnte PI das £}'^a//£v rf] 
i'TTOTaytj nur darum einführen, weil er ihn bereits erwähnt hatte. 
Daß er mit Barn und Titus nach Jerus. reiste und der dortigen 
Gemeinde, besonders aber den Auktoritätspersonen daselbst sein 
Ev zur Begutachtung vorlegte und von ihnen Antwort auf die Frage 
begehrte, ob sein ganzes bisheriges Wirken ein eitles sei, als ob 
er selbst seiner Sache nicht gewiß wäre: das war in der Tat eine 
vorübergehende Unterordnung unter die Auktorität der öoy.ovrreg, 
welche gegen seine früher und später bewiesene Unabhängigkeit 
etark absticht.^®) Indem er sich dazu entschloß, nach Jerus. zu 

»^ Lc 2, 51 ; 1 Tm3, 4; — Ephö, 22; lPt3, 1. 5f.: — Tt2,9; 1 Pt 
2, 18; — Rm 13, 1 : Tt 3, 1 ; 1 Pt 2, 13. 

*^) Dies ist die Deutung, welche Irenäus und der richtig verstandene 
Tert. ihrem Text gaben, und welche Hier, unter der von ihm nicht aner- 
kannten Voraussetznng, daß dies der echte Text sei, gelten ließ 8. Exe. I. 
Abstr's Deutung auf (üe Beschneidung des Timotheus bedarf keiner Wider- 
legung; aber auch die von Vict. mit einiger Schüchternheit mehr ange- 
deutete, als ausgesprochene, neuerdings von P. Ewald Prot. RE. XI, 701 
warm verfochtene Beziehung von v. 5 auf das Aposteldekret, mutet dem 
Leser rnmögliches zu, und zwar anch dem mit der Geschichte des Apostel- 
konzils vertrauten Leser. Wollte PI die als bekannt vorausgesetzte Unter- 
ordnung unter die Soxovyrss und die damit bewiesene Nachgibigkeit in 
etwas anderem erkannt haben, als in den v. 1—2 in Erinnernng gebrachten 
Tatsachen, so muLte er diese andere Tatsache nennen, wie bekannt sie den 
Lesern sein mochte. Es war das nicht nur ein stilistisches Gebot, sondern 
auch sachlich wichtiger als die Erwähnung des Titus v. 1 und 3. Über- 
dies sagt die AG nichts davon, daß PI und Bamabas sich den boy.oyt'xes 
unterordneten oder einer Forderung derselben nachgaben, indem sie es 



c. 2, 1—10. 95 

reisen und dort sein Ev dem Urteil eines Petrus und Jakobua zu 
unterbreiten, gab er aber auch einer an ihn und Barn ge- 
stellten Anforderung nach. Daß die Apostel sie aufgefordert haben 
sollten, nach Jerus. zu kommen und ihre strittig gewordene Predigt 
unter den Heiden ihrem Urteil zu unterstellen, ist weder bezeugt, 
noch wahrscheiulich. Die falschen Brüder können wegen der 
sprachlichen Form ihrer Erwähnung in diesem Satz ebensowenig 
die sein, deren Forderung sie nachgaben, als die, welchen sie sich 
unterordneten. Eher wäre an die Gemeinde von Antiochien zu 
denken, wenn man nicht vorzieht, ein sachliches Dativobjekt, wie 
tfj aväyyit] ^") oder dgl. in Gedanken zu ergänzen. Daß PI ver- 
sichert, in folge einer Offenbarung nach Jerus. gegangen zu sein 
v. 2, schließt nicht aus, daß die Reise eine Nachgibigkeit gegen 
eine von außen kommende Nötigung war, und dies um so weniger 
als PI dort nur für seine Person eine Offenbarung als das Be- 
stimmende genannt hat, hier dagegen von sich und seinen Genossen 
redet. Von hier aus ergibt sich dann auch ein sehr einfaches 
Verständnis der Angaben über die Veranlassung (v. 4 dia -/.xK.) 
und über den Zweck (v. 5 tV« xtA.) der bewiesenen Nachgibig- 
keit und Unterordnung unter die öomoüVTeg. Die Veranlassung 
war das Einschleichen und Auftreten der falschen Brüder in 
Antiochien. Aus eigenem Bedürfnis und Antrieb wären die Heiden- 
missionare nicht nach Jerus. gereist und würde namentlich PI 
nicht den dortigen Auktoritäten sein Ev zur Begutachtung vor- 
gelegt haben. Aber den bösen Absichten und dem schädlichen 
Einfluß jener Spione glaubten sie nicht anders wirksam entgegen- 
treten zu können, als dadurch, daß sie ein ihnen günstiges Urteil 
der öoy,ovvT€g herausforderten, auf deren praktische und theoretische 
Stellung zu Gesetz und Beschneidung die falschen Brüder sich be- 
riefen. In Jerus., von wo die Spione ausgegangen waren, mußte 
der Kampf entschieden und wo möglich die Quelle zukünftiger 
Störungen ähnlicher Art verstopft werden. Mit der so verstandenen 
Veranlassung ist auch bereits der Zweck der Reise gegeben : Iva 
fj aX7]S^eia toD svayyeliov diaf.ielvr]^'^) TtQog vf.iäg. Die hier wieder- 
eintretende Anrede der Leser kann ebenso wie 1, 3. 6 — 9. 11. 13. 20 

unterlielien, gegen das Dekret zu protestiren. Nach AG 16, 4 cf 21, 25 
wäre dieses Nichtprotestiren auch nicht ein tzoös &Qav smeiv, sondern PI 
ist zeitlebens dabei geblieben, auf jeden Protest gegen das Dekret zu ver- 
zichten. [Vgl. Zahn AG S. 499.J 

^'^) Cf Aesch. Agam. 1071 (Dindorfs Verszählung) ; tois nddeai 4 Mkk 
1, 6 cf 6, 35 vKsixeiv T«?s fjSovaii. Man könnte statt eX^a/iev ein unklassi- 
sches rj^af-iev vermuten (cf Lobeck ad Phryn. p. 743 f., im Konjunktiv viel- 
leicht Lc 13, 35; Ap 2, 25; 3, 9), das würde heißen „wh- kamen nach Jerus. 
oder waren dahin gekommen". 

'^^) Siafievrj ist durch A G zu schwach bezeugt und läßt sich aus dem 
permaneat der älteren Lateiner (dgr, Abstr, Vict. Aug., perseveret 
Iren, lat.) nicht sicher erweisen. 



96 Geschichtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

nur die gal. Gemeinden und auch nicht, wie wenn bei vfiäg ein 
fOf eOrr als Apposition stünde (Eph 3, 1), diese als Vertreter der 
gesamten Heidenwelt oder der ganzen heidcnchristlichon Kirche 
bezeichnen. Da ferner !iq6i^ c. acc. niemals soviel wie €(og, f^iexQi 
oder Ä'xp/ bedeutet, so kann auch nicht gesagt sein, daß die Ab- 
sicht gewesen sei, dafür zu sorgen, daß die Wahrheit des Ev 
unverkürzt erhalten bleibe, bis das Ev zu den damals noch nicht 
bekehrten Gal. oder den sämtlichen noch zu bekehrenden Heiden 
gelange (so Hofraann u. a.), was überdies ein Vcrbum der Be- 
wegung erfordern würde cf 2 Kr 10, 13 f.; AG 9, 38, und zwar 
nach Analogie von 1, 16 ein solches im (Jonj. praes., nicht aor., 
wenn es nämlich galt, nicht einen damals bereits mit Bewußtsein 
verfolgten Zweck, sondern ein seither erreichtes Ziel der Haupt- 
handlung anzugeben. Es ist also ttqoq v/i(cig, wie so oft in Ver- 
Inndung mit Verben, die einen rulienden Zustand bezeichnen, ein 
^bei euch'', nur so von Trag' vfilv unterschieden, daß durch Ttgög 
zugleich eine lebendige Beziehung zu den so eingeführten Personen 
ausgedrückt ist.-') Und warum sollte der Wahrheit des Ev, welche 
bei, unter und in denen, die sie im Glauben aufnehmen, eine das 
ganze Leben bestimmende Macht ist, nicht ein solches Verhältnis 
zu den Gemeinden zugeschrieben werden ! Wenn aber Barn und 
PI mit der Reise nach Jcrus, und bei den dortigen Verhandlungen 
von der Absicht beseelt waren, daß die Wahrheit des Ev bei den 
gal. Gemeinden und in ihrer Wirkung auf diese ununterbrochen 
fortbestehe, so müssen damals diese Gemeinden bereits bestanden 
haben. Obwohl der Angriff, gegen welche sie ihre eigene christ- 
liche Freiheit und die durch sie gestifteten heidenchristlichen Ge- 
meiden zu verteidigen und im Besitz des wahren Ev zu erhalten hatten, 
zunächst nur in Antiochien stattfand und gegen die dortigen Gemeinde- 
zustände gerichtet war, so galt er doch gemäß seiner prinzipiellen 
Natur allen aus den Heiden gesammelten Gemeinden, und nichts war 
natürlicher, als daß PI und Barn auch an die durch ihre gemeinsame 
Arbeit gestifteten Gemeinden in Südgalatien (oben S. 9 fif.) dachten 
und um deren Besitz an evangelischer Wahrheit und Freiheit in 
Sorge waren. Wie berechtigt dies war, beweist der Gl. Nachdem 
PI V. 1 — 5 dargelegt hat, welche Veranlassungen und Zwecke ihn 
und Barn zu der Reise nach Jerus. bestimmt und bei den dortigen 
Verhandlungen geleitet haben, und nur v. 3 an eine nicht ein- 
getretene Einzeltatsache erinnert hat, welche zeigt, wie wenig die 
Besorgnis, die auch sie dabei beunruhigen mochte, durch irgend 
welchen Mißerfolg bestätigt wurde, beschreibt er v. 6 — 10 positiv, 

«>) Cf Gl 1. 18; 4, 18. 20; 1 Kr 16, 6f.; 2 Kr 1, 12; 1 Th 3, 4; Mt 13, .56; 
Jo 1, 1; 1 Jo 1, 2, auch 2 Th 3, 1, wo durch noö.- vnüs nicht nur der Lauf 
des Wortes Gottes zu den Lesern, sondern auch die Verherrlichung des- 
selben bei und an ihnen örtlich bestimmt wird. 



c. 2, 1-10. 97 

wie die Auktoritäten in Jerus, sich zu ihm gestellt haben. Er 
bezeichnet sie wiederum mit dem die Meinung der Judaisten wider- 
spiegelnden Ausdruck wie v. 2, diesmal aber in seiner vollständigeren 
Form (oben S. 81 A 104), als die Männer, die für etwas Bedeutendes 
galten und gelten [v. 6]. Ehe er aber ausspricht, was von Seiten dieser 
Männer ihm gegenüber geschehen sei, drängt es ihn, die Anwendung 
eben dieser Benennung der älteren Apostel und sonstigen Notabein 
in Jerus. gegen Mißverständnis zu verwahren. Da er im folgenden 
zu berichten hat, wie völlig sie in der damals schwebenden Streit- 
frage zu seinen Gunsten entschieden haben, konnte es den Anschein 
gewinnen, als ob er seinerseits auf ihre hervorragende Stellung hin- 
weise und in seinem eigenen Interesse auf ihre Auktorität poche, 
um seine Gegner zum Schweigen zu bringen, anstatt durch sach- 
liche Gründe diese zu entwaffnen. Darum unterbricht er den kaum 
begonnenen Satz durch die Zwischenbemerkung: „was immer für 
Leute sie waren, ist mir gleichgiltig oder geht mich nichts an". 
Zeitpartikel kann rcoTi hier nicht sein.^-) Vom Standpunkt der 
Gegenwart, von welchem aus das Praes. diaff€Q€i gesagt ist, könnte 
die Zeit der Verhandlungen in Jerus., in deren Erörterung PI seit 
V. 1 begriffen ist, nur durch To're bezeichnet werden. Eine Er- 
innerung aber an die weit hinter jenem Zeitpunkt zurückliegende 
Zeit, da sie durch den persönlichen Verkehr mit Jesus ausgezeichnet 
wurden, könnte zwar wohl durch ein tvots im Sinne eines olim 
zeitlich bestimmt werden cf 1, 13, wäre aber übrigens ganz anders 
auszudrücken gewesen ; denn ihr persönliches Jüngerverhältnis zu 
Jesus war nicht eine damals, da sie mit ihm verkehrten, ihnen 
eignende, später aber abhanden gekommene Eigenschaft der Apostel, 
sondern eine Kette von Erlebnissen, auf welcher ihr nachmaliges 
Ansehen für alle Zeit beruhte cf 1 Kr 9, 1 — 6; 15, 5 — 8; 1 Pt 
5, 1; 2 Pt 1, 16—18; Jo 1, 14; 1 Jo 1, 1—5. Eine solche Er- 

*^) So die alten Lat. (aliquando) bei verschiedenartigster Deutung, 
aber auch viele Neuere: Wieseler, Lightfoot u. a. Die oben angenommene 
engere Verbindung von rroTe mit önotoi zu einem Pronomen indef. hat 
schon S' vorausgesetzt, indem er Tiori anübersetzt läßt s. folgende A. 
Angesichts der sonstigen Gewöhnhchkeit dieses Gebrauchs von .Toit hat es 
wenig zu bedeuten, daß es bei PI und im NT sonst nicht so vorkommt. 
(Die Interpolation Jo 5, 4 bietet nur das ähnliche olcj oder (o Si)7xote oder 
tJ/,,TOTot;r, aber auch v. 1. J'«V.) Cf Blaß § 71, 3; Kühuer-Gerth II, 518 A 3. 
Ein Unterschied der Bedeutung in direkter oder indirekter Frage, in selb- 
ständiger Interjektion (Herodot 7, 16; Aesch. Agani. 160 oans txot iariv), 
oder in abhängigem Nebensatz (Xenoph. republ. Laced. 1, 1 edavfinaa 8to) 
nore ioöttoi tovt t/trero, Herodot 8, 65; Soph. Oed R. 097; Epict. diss. III, 
22,31) ist nicht nachzuweisen und von da aus die Abhängigkeit des Satzes 
von oi'Str uoi SmcfioEi nicht zu beanstanden (gegen Hotmann). Überall, 
wo Ttori nicht Zeitpartikel ist, stellt es die Sache als unbestimmt dar und 
verallgemeinert dadurch. Auch das vergleichbare bans «/• oder edr ver- 
ändert seine Bedeutung nicht nach jener Unterscheidung cf Gl 5, 10 einer- 
seits, Mt 10, 33 andrerseits. 

Zahn, Galaterbrief. 3, Aufl. 7 



98 Geschichtliche Selbstrechtfertignng des Apostels. 

InneruDg wäre aber hier auch ganz unangebracht; denn die paren- 
thetische Benennung gilt der Benennung der älteren Apostel als 
ol doxovvTfc: ehal t/, welche die zur Zeit des Apostelkonventa 
und bis in die Gegenwart hinein bestehende Geltung dieser Männer 
in der Kirche bezeichnet. Es ist also /roi^ eine au das indirekte 
Fragwort ottoioi angehängte Partikel, welche demselben den Sinn 
von qualesriiriijuc, qniqui verleiht. PI hätte auch eIoIv statt ^ffav 
schreiben können ; denn sie sind noch immer ol öoxovvreg. Natür- 
licher aber war es, das Präf. zu gebrauchen, weil er von ihnen als 
den damals in Jerus. mit ihm Verhandelnden redet. Ihr schon 
damals bestehendes hohes Ansehen hätte sie verleiten können, einen 
Druck auf ihn auszuüben, oder den PI, in der Vertretung seiner 
Sache Schwäche zu zeigen (cf Kühner-Gerth I, 145). Daneben war 
doch das Praes. öiaff^Qei am Platz, weil PI den eben jetzt von 
ihm wiederholten Ausdruck xCov öoyiOvvTWV xzX. erläutern und den 
Schein abwehren will, als ob er jene jetzt so nenne, um mit der 
hohen Auktorität der Männer groß zu tun, welche sich damals so 
entschieden zu ihm und seiner Sache bekannt haben. Eines solchen 
Fehlers machen die Judaisten sich schuldig, nicht PI. Warum 
nicht, zeigt die unverbunden an die erste Zwischenbemerkung sich 
anschließende zweite : TTQoaiortov d-ebg SivO^gw/rov od kaf.ißccv€i. 
Durch diese stark bezeugte und ihrer Auffälligkeit wegen gewiß 
ursprüngliche "Wortfolge ^^) fällt aller Ton auf TtgöocoTTOv, die in 
die Augen fallende Außenseite des Menschen, wozu vor allem auch 
das öoxelv eivai t<, die gesellschaftliche Stellung und dgl. gehört, 
im Gegensatz zu dem oft verborgenen inneren AVert. Dahingegen, 
daß Gott im Unterschied von den schwachen Menschen sich durch 
jenes nicht blenden läßt, und daß der Mensch hierin seinem Vor- 
bild folgen soll, wie PI damals es tat und jetzt in seinem Bericht 
wiederum tut, sind zwei alte Wahrheiten,'^*) von denen die erste 
nicht betont, die zweite gar nicht eigens ausgesprochen zu werden 
braucht. Letztere ist deutlich genug dadurch ausgedrückt, daß PI 
seine Gleichgiltigkeit gegen die dö^a der Auktoritätspersonen durch 

") Sie wurde leicht dahin geändert, daß Troöaconov teils hinter 9'edi 
ivO^Q. (D*G), teils vor ävd-o. dsös (einige Min.) gestellt wurde. Versionen 
und gelegentliche Citate kommen hiefür ebensowenig in Betracht, wie in 
bezug auf (höe oder 6 x%6i (so n APj. Wie frei übersetzt z. B. S': „Die- 
jenigen aber, die dafür angesehen werden, daß sie etwas seien — was sie 
aber sind, kümmert mich nicht; denn Gott sieht das Gesicht der Menschen 
nicht an — jene aber fügten mir nichts hinzu". 

") Cf zur Sache Em 2, 11; Eph 6, 9; Kl 3, 25; AG 10, 34; 1 Pt 1, 17; 
Deut 10, 7; 1 Sam 16, 7; Sir 32, 12 f. (al. 35, 14 f.); der Ausdruck im NT 
genau so nur Lc 20, 21 (dagegen ßUntip tlg tio. Mt 22, 16; Mr 12, 14), LXX 
als Übersetzung von c>:b nm Mal 1, 8. 9; 2, 9; Thren 4, 16; Sir 4, 22. 27; 
32, 13 (al. 35, 16, im Verse vorher auch 86^a Tiooacönov = TiooacoTiolrjftyia 
= c»3s HTirc\ daneben auch für dasselbe ^Invftüii.eif ti^öo. Deut 28, 50; Job 
22, 8; Prov 18, 5 cf Jud 16 und noch andere Verba. 



c. 2, 1-10. 99 

den allgemeinen Satz von Gottes Nichtberücksichtigung der Außen- 
Beite der Menschen begründet. Nicht die allgemeine Wahrheit 
{txqÖO. — ).anßdvti), sondern nur der Satz {onolot — öiarpigei), 
welchem sie zur Bestätigung beigefügt war, kann in dem weiteren 
durch yÖQ angeknüpften Satz eine Begründung oder Rechtfertigung 
finden: „denn mir legten die Angesehenen nichts zur Begutachtung 
vor". Es sollte sich von selbst verstehen, daß TTQoaavaTiO-ead^ai 
hier keine andere Bedeutung haben kann, als 1, 16, zumal es sich 
anerkanntermaßen auf dieselbe Verhandlung bezieht, welche 2, 2 
durch das wesentlich gleichbedeutende ävari&eoO^ai ro tiayyiXiov 
ihrem wesentlichen Inhalt nach kurz bezeichnet war. Daß unter 
den wenigen Beispielen, welche bisher aus der Literatur für diesen 
Gebrauch von TTQOOavaTid-toO-aL beigebracht worden sind, keines 
mit einem unzweideutigen Akkusativobjekt sich findet,-^) hat um 
so weniger zu bedeuten, als auch das ganz gleichbedeutende tiqoG' 
avacpigeiv und das beinah gleichbedeutende arari&eo&aL ihr Objekt 
bald mit t/, bald mit Tiegi rivog beifügen. '^^) Die Übersetzung „sie 
legten mir nichts dazu auf, machten wir keine weitere Auflage", 
welche schon im Altertum gegen die richtige Deutung eines Thdr u. a. 
sich geltend zu machen suchte, hat nicht nur die Analogie der 
gleichartigen Stellen 1, 16; 2, 2 gegen sich. Sie kann überhaupt 
keinen Sprachgebrauch für sich aufweisen. ^^) Es ist femer nicht 
abzusehen, wie der Umstand, daß die doxovvTsg dem PI keine 
weiteren Verpflichtungen zu denjenigen , die er freiwillig über- 
nommen hatte, hinzu auferlegten, seine Behauptung rechtfertigen 
sollte, daß es ihn nichts angehe oder kümmere, was für Leute sie 
waren. Endlich kommt so das sowohl an sich als durch seine 
Stellung stark betonte l/iiol statt eines einfachen /iioi an tonloser 
Stelle nicht zu seinem Recht. Indem PI sagt: „mir legten die 

**) S. oben S. 65 A-78. In dem dortigen Citat aus Chrysipp ist aus dem 
vorigen 7d dta^) als Objekt zu ergänzen, cf auch das ganz gleichbedeutende 
dpaTi&ead-fd ri ttoÖs tuu bei Alciphrou. Dort auch schon Belege für die 
Konstruktion von rtooaavatfeoeit' mit ttsqI c. gen. Diod. Sic. XVII, 116 extr. ; 
Polyb. 17, 9, 10; Acta Thoraae ed. Bonnet p. 124, 7, mit acc. Dien. Hai. VI, 
56, 5 und ohne ausgesprochenes Objekt Polyb. 31, 19, 4; ebenso ävaridEod'ai 
mit neii e. gen. Polyb. 22, 24, 11; 2 Mkk 3, 9 und mit acc. AG 25, 14; Gl 
2, 2; Acta Barn. ed. Bonnet p. 293, 10. Ganz so wir: „etwas" oder „über 
etwas" berichten. [Enth. Zig. = aibsi' 7TQ0iEÖiSa^äi> fte.\ 

*') Xenoph. mem. II, 1, 8 heißt Traoanvad-iadai n: „zu der Last, die 
man jedenfalls tragen muß, sich noch eine weitere Last aufladen", ent- 
sprechend dem Gebranch von dvuridso&ui „sich eine Last aufladen" Luc. dial. 
mar. 8, 2. Ebensowenig vergleichbar ist dimid-ead-ni {rf.»^ Trnodevof) a:zl 
Töv inrcov Luc. Tox. 52; (mit zu ergänzendem Objekt: das Gepäck) ettI tu 
imo^vytn Xen. anab. II, 2, 4. — Der Gedanke, den man finden wollte, wäre 

allenfalls durch rcooonyidr^xav, äred-r/xai', besser durch ^rredrjy.ap (Mt 23, 4; 

AG 15, 10) oder :Tooaened-rjyap auszudrücken gewesen. Wie wenig der Text 
zu solcher Umdentung ein Recht gibt, zeigen die mannigfaltigen Surrogate, 
deren sich Chrys. p. 37 f. bedient. 

7* 



100 Gcschichtlicbe Selbstrechtfertigung des Apostels. 

öox. nichts zur Begutachtung und Entscheidung vor", spricht or 
auch ftus oder bringt eigentlich nur in Erinnerung, was er bereits 
V. 2 gesagt hatte, daß vielmehr er jene n eine Sache vorgetragen 
hat. Wer einem anderen eine Sache und vollends eine so wichtige, 
sein ganzes Lebenswerk au^imachende Sache zur Prüfung und Ent- 
scheidung vorlegt, macht ihn dadurch zu seinem Richter, und für 
den menschlichen Richter gibt es keine größere Versuchung, als 
^die Person anzusehen". Da aber PI damals nicht von den dox. 
zum Urteil über ihr Wirken aufgefordert und gleichsam zum Richter 
eingesetzt war, sondern umgekehrt, so bestand für ihn gar keine 
Versuchung, sich durch die Rücksicht auf deren hohes Ansehen 
bestechen zu lassen und überhaupt ihre Personen schärfer ins Auge 
zu fassen. So dient der Satz zur Erklärung und Rechtfertigung 
des scheinbar hochmütigen ovöf'y ^loi öiarpegd. Alles aber von 
OTToloi — TTQoaarfO^erTO ist eine Kette von drei kleinen Zwischen- 
sätzen, welche außerhalb des Baus des mit äitb de t. ö. eival tl 
begonnenen Satzes stehen. Auch noch d).).a Tovvavtiov [v. 7j 
im Sinne eines ,.sonderu im Gegenteil (ich ihnen)" in diese Paren- 
these hineinzuziehen," ') empfiehlt sich nicht. Denn da mit iöövteg 
die mit (J/ro t. ö. begonnene Periode nicht regelrecht sich fort- 
setzt, erscheint es unerträglich, daß die anakoluthische Fortsetzung 
nicht entweder durch ein idövtes ovv als "Wiederaufnahme des 
fallengelassenen Fadens gekennzeichnet oder durch syntaktische Ver- 
bindung mit dem letzten Zwischensatz verdeckt sein sollte. Eine 
solche ist aber durch a/./.« Tovvavriov idövreg y.tI. hergestellt. Zu 
dem richtig verstandenen Verneinungssatz vorher bildet nun freilich 
nicht die mit ä/J.ä eingeleitete Hauptaussage, welche erst nach 
mancherlei Zwischensätzen endlich mit öt^iag eöoy/.av v. 9 eintritt, 
ein Gegenteil. Aber es genügt auch, zumal bei einer in so natür- 
licher Ungezwungenheit sich fortbewegenden Rede, daß das zunächst 
hinter (i/./.a von den öoy.ovvTtg Ausgesagte ' zu dem v. 6** Ver- 
neinten in dem durch rovvavriov ausgedrückten Verhältnis stehe. 
Verneint war, daß die öo'/.. sich und ihre Angelegenheit dem PI 
zur Begutachtung vorgelegt und ihm ein Urteil darüber abgefordert 

*') So 8', ferner einige Ungenannte, gegen die Tiidr polemisirt, in 
neuerer Zeit Hofm. Dieser wollte dadurch zugleich die kühne Behauptung 
rechtfertigen, daß der mit «to H'f, t. «Vox. begonnene Satz hinter den drei 
oder vier Zwischensätzen mit Ibövree regelrecht sich fortsetze S. 94. 98. 
Es soll sich der Satz ergeben: Von selten der Angesehenen haben Jakobas, 
Petrus und Johannes, da sie sahen u. s. w., mir die rechte Hand gegeben. 
Sollten aber aus dem, wie auch Hofm. annimmt, weiteren Kreise der Soy.ovvres 
jene drei hervorgehoben werden, so mufite doch wohl ix oder der bloße 
Genitiv statt «to stehen. Es mußten ferner, wenn der Leser den Satz 
verstehen sollte, die drei Namen gleich bei dem Übergang der Rede zu 
ihnen, also vor IbofTt; genannt sein. Wie die Worte lauten, können als 
Subjekt von i!i6ixe? und yrörrei nur die eben erst wieder erwähnten Ömwüpres 
gedacht werden. 



c. 2, 1-10. 101 

haben. Des Richters Sache aber ist es, die ihm vorgelegte Sache 
zu besehen und dann ein richterliches Erkenntnis zu gewinnen und 
auszusprechen. Das hat PI damals nicht getan, weil für ihn kein 
Anlaß dazu vorlag, und er enthält sich noch jetzt im Kückblick 
auf jene Verhandlungen des Urteils über den Grund oder Ungrund 
des hohen Ansehens der dox. Diese vielmehr hatten über ihn und 
seine Sache zu urteilen und sind darnach verfahren. Sie haben 
die ihnen vorgelegte Sache des PI betrachtet und haben gesehen 
{iöövzeg), daß PI mit dem Ev der Unbeschnittenheit betraut sei, und 
sie haben die ihm verliehene Gnade erkannt und anerkannt (yvorreg). 
Dies hat zur Voraussetzung, daß PI ihrem Urteil seine Sache unter- 
breitet hatte, und bildet insofern ein Gegenteil zu der verneinten 
Tatsache, daß sie ihm irgend etwas zur Entscheidung vorgelegt 
haben und zu seiner Zurückhaltung jedes Urteils über sie. Aus 
dem Bericht des PI über seine Predigt unter den Heiden (cf v. 2) 
und, wie der erklärende Zwischensatz v. 8 zeigt, aus seiner Er- 
zählung von den sichtbaren Beweisen göttlicher Mitwirkung, welche 
seine Predigt begleitet hatten, sahen die öo/.., daß er sich nicht 
eigenwillig zum Heidenmissionar gemacht habe cf 1, 1, sondern von 
obenher, von Gott und Christus, mit dem Ev der Unbeschnittenheit 
betraut worden sei und zwar ganz entsprechend der Tatsache, daß, 
und der Art, wie Petrus mit dem Ev der Beschneidung betraut worden 
war. Eiayyeliov heißt nicht die Tätigkeit des Predigens, sondern 
die gepredigte und zu predigende Heilsbotschaft Gottes und Christi 
an die ÄTenschheit cf 1, 7. Als solche ist das Ev ein Gut, das 
Gott dem einen oder anderen Menschen zur Verwaltung anvertrauen 
kann 1 Th 2, 4 ; 1 Tm 1, 11 ; Tt 1, 3 ; 1 Kr 9, 17 cf Rm 3, 2. Mit 
der Xatur des Gegenstandes ist aber gegeben, daß das Anvertrauen 
desselben den Auftrag in sich schließt und wesentlich mit dem 
Auftrag zusammenfällt, das Ev zu predigen. Darin liegt auch die 
Möglichkeit, je nach dem Kreis von Menschen, welchen der eine 
und der andere mit dem Ev betraute Mann dieses zu bringen beauf- 
tragt ist, ein Ev der Unbeschnittenheit und ein Ev der Beschneidung 
zu unterscheiden. Daß hier der doppelte Stand und Zustand die 
in demselben befindlichen Menschen bedeutet (Em 2, 26; 3, 30; 
Eph 2, 11; Phl 3, 3), daß also a/.QoßvoTiag und 7rfQiT0i.n~g nicht 
einen gegensätzlichen Inhalt zweier verschiedener Evangelien be- 
zeichnet, daß vielmehr das Ev, sofern es für die Beschnittenen, von 
dem Ev unterschieden wird, sofern es für die Unbeschnittenen be- 
stimmt ist und ihnen gepredigt werden soll,-^) liegt auf der Hand 

**) Cf Mt 15, 26 tdv äpTav TWf riKvcof. Entsprechend dem weit- 
schichtigen Gebrauch des Genitivs im biblischen Griechisch kann da, wo 
wir nnr entweder „Mission unter den Juden" oder „Judeumission" sagen, 

auch ä7Toaro/.t] und evayyi/.ioy Tri rreononr^i Stehen cf usTOtxsaia Ba Iv/.cjio^ 

Mt 1, 11 ßd I, 47 A 11. Nur für unser Sprachgefühl erscheint diese Ver- 
bindung bei evayy. weniger hart als bei dTToaioJ.tj, weil eiayytXi^eadat, 



102 Geschichtliche ^elbstrochtfertigung des Apostels. 

und ergibt sich zum Überfluß aus v. H, wo der Seuduiig der Be- 
Bchueidung d. h. zu dem Volk der Beschuitteuen die Sendung eig 
ta k'd^yi] gegenübortritt. Eine wesentliche Verschiedenheit des In- 
halts kann zwischen den beiden Evv, die PI hier unterscheidet, 
nicht bestehen, da die Beauftragung des PI und des Pt mit dem 
einen und dorn anderen gleichmäßig auf Gott zurückgeführt wird, 
und weil es nach 1, 6 f. nur ein einziges dieses Namens wertes 
Ev gibt, das eine Ev Christi, welches das Judonev dos Pt und das 
Heidenev des PI cf 2, 2 unter sich begreift. Inwieweit aber die 
Verschiedenheit des Bodens und des Hörerkreises, womit der Judon- 
missiouar und der Heidenmissionar es zu tun haben, auf die Stoffe 
und Formen der beiderlei Predigt des einen und einzigen Ev von 
Eiufluß sein möge, hatte PI und hat sein Ausleger hier zu erörtern 
keinen Anlaß. Eine Tatsache, welche erklärt, daß die do/.. die 
göttliche Beauftragung des PI als eine derjenigen des Pt gleich- 
artige erkannten, bringt, wie die Anknüpfung durch yccQ zeigt, v. 8: 
„Denn der, welcher für Pt wirksam war in bczug auf die Sendung 
an die Beschnittenen, war für mich wirksam in der Richtung auf 
die Heiden". Der auffällige Ausdruck kann jedenfalls nicht be- 
sagen, daß Gott durch seiu "Wirken dem Pt dazu verhelfen habe, 
daß er eine Sendung zu den Beschnittenen erhielt, was doch eine 
gar zu sonderbare Umschreibung der Tatsache wäre, daß er von 
Christus zum Ai^ostol mit der besonderen Bestimmung für Israel 
erwählt worden sei, oder daß er von Gott oder durch Jesus diese 
Sendung, diesen Auftrag empfangen habe cf Gl 1, 1; Rm 1, 5; 
Mt 10, 5 f. 16. Auch würde die Bedeutung des tig in den beiden 
gegensätzlichen Näherbestimmungen des doppelten iveqyelv eine 
ganz verschiedene sein. Ebenso wenig ist die Rede von einem 
Wirken Gottes in und durch Pt und PI in der einen und der 
anderen Richtung; denn ti'&gytU' kann sich seiner Bildung und 
dem Sprachgebrauch nach nicht so mit folgendem Dativ verbinden, 
daß das tv der Komposition als Präposition zum Dativ gehörte.^") 

nicht aber Anooxülen' die Personen, welchen gepredigt wird, im Akk. bei 
Bich haben kann Gl 1, 9; 1 Pt 1, 12. 

*•) Im Unterscliied von Verben wie avt'eoyetr, ov/indaxeiv, e/ußaiveiv, 
iuTtai^fif, deren nvr- oder **- den in sich vollständigen Begriff des Simplex 
in Beziehung zu einer andern Person oder Sache setzt, ist ivtnytti' (h'eoyi^e) 
von fy tpy(;> (fhnt u. d^l.) gebildet, wie f/i7Todi^tit> von ^»' Txoair. Es heißt 
ursprünglich entweder intrans. iu Tätigkeit sein, treten, oder trans. ins Werk 
hetzen, durch Arbeit beschaffen und bewirken. Der Ort, wo, oder die 
Person, in welcher und durch welche das Subjekt wirkt, wird daher nie 
im Dativ, sondern stets mit selbständiijem */• beigefügt Mt 14, 2; 1 Kr 12, 6; 
Gl M, 6; Eph 2, 2; H, 20; Kl 1, 29. Zur Konstruktion c. dat. pers. cf Prov 

31, 12 vom guten Weibe h'inytt toI dräp't dya'i'ä (v. 1. Ayai^öv xal oi xatcöv), 
für die Konstruktion mit li^ cf Polyb. 3, 6. 5 iir^pyr^ae xal napeayeväaaro 
fcpdi Töf nö'/.tiioi-, auch mit Umschreibung nes Ziels Polyb. 18 (al. 17), 14, 8 
6aa -rTobi dö'-m y.nt rinr.f drijy.tf, und für die Verbindung beider Konstruk- 
tionen trotz der Begriffsverschiedenheit der Verba Rm 8, 28. 



c. 2, 1-10. 103 

Es kann also HirQot und liJ.oL nur ein Dat. commodi sein und hlg 
nur die Richtung bezeichnen, in welcher sich das den beiden 
Aposteln dienliche Wirken Gottes bewegte. Die Vorstellung ist 
verwandt mit der durch avvsQyely rivi ausgedrückten, nur daß 
letzteres ein gleichartiges und in der Absicht oder dem Erfolg 
zusammentreffendes "Wirken zweier Subjekte bezeichnet, dagegen 
evegyeiv riri, zumal wenn es wie hier durch seine Stellung betont 
ist, nur das einem anderen zu gute kommende Wirken des Sub- 
jekts hervorhebt. Gott hat den einen wie den anderen Apostel 
nicht sich selbst überlassen und selber müßig ihrer Arbeit zuge- 
schaut, sondern ist in unverkennbarer Weise für sie tätig gewesen. 
Dann können nur die ai^iula y.ai rtgara y.al övvduug als or^(.iela 
TOV äjtoaxö'/.ov gemeint sein cf 2 Kr 12, 12 und vor allem AG 
15, 12. Es müssen diese den PI auf seinen Berufswegen beglei- 
tenden und unterstützenden Wunderzeichen mit denjenigen, welche 
Pt erlebt hatte, damals in Jerusalem verglichen worden und jenen 
gleichartig befunden worden und hieraus erkannt worden sein, daß 
PI für die Heidenmission ebenso von Gott zum Führer bestimmt 
sei, wie Pt für die Predigt in Israel. Mit dieser in v. 7 beschrie- 
benen, durch V. 8 erklärten Einsicht wird nicht identisch sein, was 
die Worte xal yvövreg r^v yÜQLV rjyV öo&elodv fioi [v. 9] sagen. 
Gewiß konnte PI den ihm gegebenen Beruf, den er v. 7 als ein 
verantwortungsvolles und mühevolle Arbeit erforderndes Verwalter- 
arat bezeichnet hatte cf 1 Kr 4, 1 ; 9, 17, auch als eine ihm zu- 
gefallene Gunstbezeugung betrachten cf 1 Kr 3, 10; Rm 15, 15; 
Eph 3, 2. 8 ; doch aber hier nicht, nachdem er bereits v. 7 die 
Übertragung des Amts als einen Gegenstand des lötiv der Auk- 
toritätspersonen genannt hatte. Das neue Part, yvövieg fordert ein 
wirklich neues Objekt. Gnade hat PI aber auch reichlich erfahren 
in der Ausübung seines Berufs, nämlich durch die Erfolge, die ihn 
Gott hat erzielen lassen 1 Kr 15, 10; 2 Kr 4, 15 cf AG 4, 33; 
11, 21. 23; 15, 4; 21, 19. Diese dem PI geschenkte Gnade er- 
kennen heißt anerkennen, daß es ein wahres Christentum sei, zu 
welchem seine Predigt den Heiden verholfen hat 1 Pt 5, 12; AG 
15, 7 — 11. Wenn nun der mit &k).a v. 7 bereits eingeleitete 
Hauptsatz nicht ohne Nennung der Namen Jk, Kephas und Jo- 
hannes als seines Subjekts an die beiden Partizipialsätze sich an- 
schließt, so muß das einen sachlichen Grund haben ; denn syn- 
taktisch ist die Nennung der drei Männer entbehrlich , da das 
Subjekt des Hauptsatzes selbstverständlich kein anderes sein kann, 
als das von Idörieg und yyovTeg. Als dieses aber ergab sich ol 
doxovvreg. Es wäre aber eine pedantische Verkennung der natür- 
lichen Redeweise,'^) hieraus zu schließen, daß der nun schon drei- 



'°) Eine Verengerung des anfangs weiter gefaßten Subjekts findet 



104 Geschichtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

mal in kürzerer oder ausführlicherer Fassung gebrauchte Ausdruck 
Ol öoxoCrreg (v. 2. 6) genau denselben Kreis beschreibe, wie die 
drei Namen v. 9. Auch die Apposition mit ihrem gesteigerten 
Ausdruck „welche für Säulen galten oder gelten" gibt zu ver- 
stehen, daß diese drei die Vornehmsten in dem weiteren Kreise 
der öoxoLVTfc; sind. Sie sind also auch v. 2. 6 — 9 •* nicht 
nur raitgemeint , eondern immer in erster Linie gemeint. 
Hier aber werden sie aus dem größeren Kreise herausgehoben, 
weil eine Handlung berichtet werden soll, welche nicht wohl von 
einer größeren Anzahl von Personen vollzogen worden sein kann, 
sondern im Namen oder auch vor den Augen einer größeren Ver- 
sammlung von wenigen sie vertretenden Personen vollzogen sein 
wird. Daß aber dies die Stellung der drei Genannten war, daß 
sie nicht für sich allein, sondern für die ganze jüdische Christen- 
heit, als deren Säulen sie dastanden, mit PI und Barn einen Ver- 
trag abgeschlossen haben, liegt auf der Hand. Um so natürlicher 
war der Übergang von dem weiteren Subjekt ol öox. zu dem 
engeren ol dov.. oivloi tivai. Als erster wird JIc genannt, dann 
erst Pt und zuletzt der auch Lc 22, 8; AG 3, 1 — 11; 4, 13. 19; 
8, 14 mit Pt zu einem Paar verbundene Joh.^^): eine unbegreif- 
liche Ordnung, wenn unter Jk einer der 12 Apostel zu verstehen 
wäre ; denn als der Erste unter diesen galt von jeher Pt. Der 
Zebedäisohn Jk, welcher auch nicht von seinem Bruder Joh. ge- 
trennt sein würde, lebte nicht mehr in dem hier vergegenwärtigten 
Zeitpunkt, selbst dann nicht, wenn man Gl 2, 1 — 10 mit AG 11, 
30; 12, 25 kombiniren dürfte (s. unten). Es bliebe nur der Al- 
phäisohn übrig, von dessen Bedeutung jede Spur fehlt. Unter 
dem nackten Namen Jk konnte kein unbefangener Leser einen 
andern verstehen, als den Jk, von welchem er wenige Minuten 
vorher 1, 19 gelesen hatte, daß er als der Bruder des Herrn von 

sich bei PI wiederholt in verschiedener Form 1 Th 2, 18; 1 Kr 6, 11 {tivh). 
Vergleichbar sind auch solche Schilderunp:en wie Rm 1, 22 ff. ; Hb 11, 33 ff., 
wo ohne eine Teilung in die Einen und die Andern von einer Vielheit aus- 
gesagt wird, was doch im einzelneu immer nur von einem Teil der Ge- 
samtheit gilt. 

'*) Diese Ordnung habeu alle rein griech. Hss., die Orient. Versionen, 
auch r und Vulg. Dazu Eus. Emes. bei Cramer p. 32 : Jk sei vorangestellt, 
weil er der Herr des Orts d. h. der Bischof von Jerus. war. Die Voran- 
stellung von Pt (DG dg, Abstr Aug. Hier. z. St., Goth, auch Marcion 
GK II, 499) erklärt .sich leicht aus der Erwägung, daß dem Pt als erstem 
Apostel überhaupt die erste Stelle gebühre, zumal v. 7. 8 nur er genannt 
war. Vergleichbar ist die bei den älteren Lat. im Unterschied von den 
Griechen übliche Voranstellung des 1 Pt oder beider Ptbriefe vor Jk. Auch 
die vereinzelt vorkommende Versetzung des Jk an die dritte Stelle (Tert. 
c. Marc. IV, 3; ganz unsicher, ob auch Vict., p. 14 cf p. 7. 15?) würde sich, 
wenn sie als Text sicher überliefert wäre, leicht daraus erklären, daß man 
die beiden im NT verbundeneu Apostel beisammen haben und den Nicht- 
apostel erst hinter sie gestellt wissen wollte. 



c. 2, 1—10. 105 

den beiden gleichnamigen Aposteln zu unterscheiden sei. Seine 
Voranstellung setzt voraus, daß er bei den Verhandlungen in Jerus. 
eine hervorragende Stelle einnahm. Dazu kam, daß, wie man aus 
2, 12 entnehmen kann, die Judaisten jener Zeit wie die Ebjoniten 
des 2. und 3. Jahrhunderts sich auf diesen Jk mit dem Zunamen 
der Gerechte als ihre oberste Auktorität beriefen und ihn höher 
stellten als alle Apostel cf Forsch VI, 279 f. Auf die Ansprüche 
der Judaisten nimmt PI hier auch insofern Rücksicht, als er im 
Unterschied von v. 7. 8, wo nur llhqoq überliefert ist, v. 9 wieder 
wie 1, 18 Kr^fpäg schreibt (oben S. 70 A 84). Ihrem Munde ist jeden- 
falls auch die Bezeichnung der drei Männer als otO.oi, als Trag- 
säulen der Kirche entlehnt (oben S. 83 A 1). Mag sonst öt^iäv oder 
öt^iag öidövcti ein bereits zur Metapher gewordener Ausdruck für 
einen Vertrags- oder Friedensschluß sein (1 Mkk 6, 58; 11, 62; 
Jos. bell. IV, 2, 2), so muß doch hier, wo von einem voran- 
gegangenen Streit oder auch nur von einem gespannten Verhältnis 
zwischen PI und den öo'/.ovvztg jede Andeutung fehlt, es sich also 
nur um die äußere Darstellung der jetzt zum vollen Bewußtsein 
gekommenen Übereinstimmung zwischen ihnen im Gegensatz zur 
feindseligen Haltung der falschen Brüder handeln kann, der Aus- 
druck im eigentlichen Sinn genommen werden.^-) Der Zweck der 
demonstrativen Handlung erforderte aber auch, daß der feierliche 
Handschlag nicht heimlich zwischen den genannten 5 Männern 
stattfand, sondern in Gegenwart einer größeren Versammlung, wo- 
möglich auch im Beisein von Vertretern der Partei, gegen welche 
demonstrirt werden sollte. Ob dies eine Versammlung der ganzen 
Muttergemeinde oder nur der Notabein war, läßt sich aus dem 
Zusammenhang nicht bestimmen. Da wir aus v. 2 nicht einmal 
erkennen, ob je eine Versammlung der Gemeinde und der Auk- 
toritätspersonen oder mehrere solche von der einen oder der 
anderen Zusammensetzung gehalten wurden , können wir noch 
weniger die einzelnen Akte, in welchen die ganze Sache verlief, 
auf diese oder jene Versammlung verteilen. PI erzählt ja nicht 
den Verlauf, sondern nennt Anlaß, Zweck und wesentliches Er- 
gebnis der Verhandlungen. Das Ergebnis war, daß die drei 
Säulenmänner die zwei Heidenmissionare feierlich durch Hand- 
schlag als ihre Genossen anerkannten und zwar mit der Bestim- 
mung, daß diese in der Richtung auf die Heiden tätig seien, 
während sie selbst in der Richtung auf die Beschnittenen arbeiteten. 

^'^) Aulier der reichen Beispiel Sammlung bei Wettsteiu cf Jos. ant. 
XIV, 1,2: ravra tTTi rolä tv t<3 leQ(ö avvO'efiEiot y.ui öoxois xal Se^iul^ 
7tioro)odfiei'oi rag dfio?.oyias y.al y.araanaadtiei'oi rov 7i?.7]vhovg 

Tiavrös docjvros ä/J.i]?Mvi, dis/eöpi;aar. In der Parallelstelle bell. I, 6, 1 
rov ?Mov ~c£otaar(örog. [Über den Handschlag als Zeichen des Vertrags- 
schlnsses s. Eger, Rechtsgeschichtliches zum NT 1919 S. 40. ferner Nägeli, 
Wortschatz S. 24.] 



106 Geschichtliche Selbstrochtfertigung des Apostels. 

Ohue das den Siun des Handschlags bestimmende xonwi'/ac," ^') 
würde der Vertrag eher den Anschein einer Scheidung zweier 
unverträglicher Parteien (Gen 13, 8 f.), als einer Vereinigung von 
Brüdern zu gleichem Zweck gewinnen. Nun aber habnn Jk, Pt 
und Jo den PI und Barn als Teilhaber an ihrer Berufsarbeit an- 
erkannt,'*) was die Teilliaberschnft an dem gleichen Heil und 
Heilsglauben voraussetzt. Nur in der berufsmäßi<,'en B e t ii t i g u n g 
dieser Gemeinschaft sollen die beiden vertragsschließenden Teile je 
ihren eigenen "Weg gehen. Da //fV hinter i]fieig schwächer be- 
zeugt ist und leichter zugesetzt als gestrichen wurde, erscheint die 
vorangestellte Bestimmung, daß PI und Barn sich der Heiden- 
bekehrung widmen sollen, als die Hauptsache, welche nachträglich 
durch die entsprechende Bestimmung für die Judenmissionare er- 
gänzt wird. Dadurch, daß diese erklärten, sich auf Israel be- 
schränken zu wollen, wurde die Anweisung für PI und Barn dahin 
näherbestimmt, daß von seiten der jüdischen Christenheit ihnen 
nicht dreingeredet und Ansprüche an sie gemacht werden sollen. 
Nicht die Tätigkeit der Prediger unter den Juden, sondern die 
der Heidenmissiouare war in Frage gestellt worden (v. 2. 6''). 
Dazu stimmt es, daß der einschränkende Zusatz v. 10 von einer 
Verpflichtung nur der Heidenmissionare sagt. "Während sie übrigens 
in voller Unabhängigkeit von der Muttergemeinde und deren Ober- 
häuptern und ohne irgend welche Verpflichtung diesen gegenüber 
ihrem Beruf nachgehen sollen, sollen sie doch der Armen, selbst- 
verständlich der Armen unter den Christen von Jerus. und Pa- 
lästina, gedanken d. h. sie tatkräftig durch milde Gaben unter- 
stützen. Durch die Voranstellung von rüjy Ttv. vor 'iva^^) wird, 
auch wenn man /uurov nicht zu twv ttt., sondern richtiger zum 
ganzen Satz zieht (Gl Ü, 12; Phl 1, 27; 2 Th 2, 7; 1 Kr 7, 39), be- 
tont, daß nichts anderes als die äußere Hilfsbedürftigkeit der 
jüdischen Christen einen Anspruch auf deren Berücksichtigung 
durch die Heidenmissionare begründen solle. PI schließt die 
v. 1 begonnene Erörterung mit der Bemerkung, daß er sich 
beeilt habe, dieser einzigen übernommeneu Verpflichtung nachzu- 
kommen , das heißt nicht , daß er seither die Erfüllung 
dieser Liebespflicht sich habe angelegen sein lassen, was das Perf. 

") Cf Jos. bell. IV, 2, 2 i.dyoi: q ihipl^orÖTrois yal öt^int^ nioTeots und 

häufige Verbindung von btiia'i y.rü ttiotis z. B. Jos. ant. XVIII, 9, 3. 

") Lc 5, 10; 2 Kr 8, 23; Phl 1, 7; Phlm 17. 

•*) Eecht überflüssig war die Umstellung h'a xQv m. DG. Gerade 
bei h-a ist die Voranstellung des Tonworts häufig Jo 13, 29; 2 Kr 2, 4; Kl 
4, 16. — ftiijioiti'eiv sonst kaum von tatsächlichem Gedenkeu. Den Über- 
gang dazu bilden Stellen wie Ap 18, o (mit dem Entschluß zu strafen cf 
fiti^ihh'tni Tivos in gutem Sinn Gen 8, 1; 30, 22) und 1 Mkk 12, 11 (mit 
Worten im Gebet, neben niftvfiay.tadai cf IIb 13, 3, dafür fiftiav Tioieiadai 
Rm 1, 9; Eph 1, 16; 1 Th 1, 2). Von materieller Unterstützung (ivEia Phl 
1, 3 und vieUeicht Rm 12, 13 cf Ztschr. f. kirchl. Wiss. 1885 S. 186 f. 



c. 2, 1-10. 107 

und auch wohl ein anderes Verb.'") erfordern würde, sondern 
daß er sehr bald nach dem Konvent in Jerus. eine Geldsammlung 
für die Armen der Muttergemeinde in den unter seinem Einfluß 
stehenden Gemeinden veranstaltet und das gesammelte Geld nach 
Jerus. geschickt habe. Nur von sich, nicht auch von Barn ver- 
sichert er dies, weil dieser gleich nach dem Apostelkonzil sich von 
ihm getrennt hat (AG 15, 39), also an dieser Erfüllung einer in 
Jerus. gemachten Zusage nicht beteiligt war. Ist der Gl während 
der zweiten Missionsreise, etwa in Korinth geschrieben (oben S. 19 f.), 
BO kann sich dies nicht auf die erst mehrere Jahre später unter- 
nommene große Kollekte beziehen (2 Kr 8 — 9; Rm 15, 25 — 32; 
AG 24, 17), sondern nur auf eine frühere, die sich auf den Kreis 
der syrischen, cilicischen und galatischen Gemeinden beschränkte, 
und auf welche vielleicht 1 Kr 16, 1 zu beziehen ist. Auch diese 
wird nicht die erste ihrer Art gewesen sein. Denn daß die Unter- 
stützung der Armen unter den Palästinensern als etwas neues ge- 
fordert oder erbeten worden sei, ist durch nichts angedeutet, ist 
auch wenig wahrscheinlich. Es würde dieser Betätigung der Bruder- 
liebe die volle Freiwilligkeit gefehlt haben, welche ihr erst "Wert 
verlieh, und es würde die Bitte der Säulenmänner darum zu einer 
unfeinen Bettelei herabsinken, wenn die beidenchristlichen Gemeinden 
unter Leitung des PI und Barn nicht schon vorher aus freiem 
Herzensdrang der Armen in Judäa tatkräftig sich angenommen 
hätten (AG 11, 28 — 30). Auch die Teilung der Arbeitsgebiete 
war ja keine neue Organisation der Missionsarbeit, sondern nur 
eine förmliche Anerkennung dessen, was sich ohne Beschlüsse und 
Verträge bereits entwickelt hatte. Die Tätigkeit des PI und Barn 
unter den Heiden war schon vor dem Konvent eine ebenso vor aller 
Augen liegende Tatsache, wie daß Jk, Pt und Jo sich der Predigt 
unter den Juden des hl. Landes widmeten. Während diese ihrer 
Berufsarbeit nach wie vor unangefochten nachgingen, waren PI und 
Barn durch die in die Gemeinde zu Antiochien eingeschlichenen 
falschen Brüder aus Judäa angegriffen, ihre bisherige Missions- 
praxis unter Berufung auf die gesetzliche Lebenshaltung der pa- 
lästinischen Christenheit und ihrer Lehrer als willkürliche Neuerung 
verurteilt und durch die Forderung, daß nicht nur alle jüdischen 
Christen das Gesetz zu beobachten, sondern auch alle Heiden- 



"*) anovSdi.eti' heißt doch zunächst und, wo es in bezng auf ein be- 
stimmtes äußeres Handeln gebraucht ist, regelmäßig: dies eilier. bald tun 
1 Th 2, 17; 2 Tm 4, 9. 21 ; Tt 3, 12, «er« o7Tov§r;,^ Mr 6, 25; Lc 1, 39 cf Phl 
2, 28; Tt 3, 13. — nird rovro wird liier nicht wie 2 Pt 1, 5 und wohl auch 
Phl 1, 6; 2 Kr 2, 3, ein adverbielles „eben deshalb" sein, was keinen passen- 
den Sinn ergibt, sondern ist eine nachträgliche Wiederaufnahme von 6, 
um zu betonen, daß eben diese eine und keine andere Verpflichtung von 
PI übernommen worden sei, daß er diese aber auch pünktlich und sofort 
lu erfüllen beflissen gewesen sei. 



108 Geschichtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

Christen sich der Beschneidung zu unterziehen und damit zur Be- 
obachtung des Gesetzes sich zu verpllichten haben (v. 3), die Frei- 
heit und der Friede gestört worden, deren die vorwiegend aus Heiden 
bestehende antiochenische Gemeinde samt ihren aus dem Juden- 
tum hervorgegangenen Lehrern (A(t 13, 1) sich bis dahin erfreut 
hatte. Der Zweck, welchen PI und Barn mit ilirer hiedurch ver- 
anlaßten Reise nach Jerun. verfolgten, ist vollkommen erreicht 
worden. Die Häupter der ^lutlergemeinde, auf welche die falschen 
Brüder sich berufen hatten, haben deren Forderungen zurück- 
gewiesen ; sie haben den PI als einen ebenso wie Pt von Gott und 
Christus berufenen , aber mit einem besonderen Beruf für die 
Heidenwelt betrauten Apostel anerkannt (v. 7), haben aber auch 
in den wunderbaren Ereignissen, welche seine Ausführung dieses 
Auftrags begleiteten (v. 8), und den Erfolgen, die er dabei erzielt 
hat (v. 9^*), Gottesurteile erkannt, wodurch die Art, in welcher PI 
unter den Heiden gearbeitet hatte, glänzend gerechtfertigt worden 
ist. Sie haben endlich in feierlicher und öffentlicher Handlung 
durch Handschlag ihre Gemeinschaft im Ev und in der Arbeit 
für das Ev mit PI und Barn bekräftigt (v. 9''). Wenn sie bei 
dieser Gelegenheit, natürlich unter Zustimmung des anderen Teils, 
erklärten, daß auch in Zukunft jene fortfahren sollen, in der 
Heidenmission zu arbeiten, während sie selbst fortfahren, an Israel 
zu arbeiten (v. B*"), so hatte das, da das Neue nur in der aus- 
drücklichen Feststellung des bereits herausgebildeten Zustandes lag, 
nur den Sinn, daß die Heidonmissionare in voller Unabhängigkeit 
von der jüdischen Christenheit Palästinas und fernerhin ungestört 
durch Glieder der Muttergemeinde, wie die nach Antiochien ge- 
kommenen falschen Brüder, eine Kirche aus den Heiden bauen 
sollen. Gegen die Wiederkehr solcher Störungen, wie die, welche 
die Verhandlungen in Jerus. notwendig gemacht hatten, sollte die 
schärfere Abgrenzung der Arbeitsgebiete ein Schutzmittel sein. 
Unter der Maske von Brüdern waren die Judaisten aus Palästina, 
wie Spione in ein fremdes Land, in die antiochenische Gemeinde 
eingeschlichen (v. 4). Jetzt war das Gebiet, auf welchem PI und 
Barn arbeiteten, als ein befreundetes, aber von Jerus. unabhängiges 
Land erklärt. Daß die Meinung nicht war, die an den Wegen 
der Heidenmission wohnenden Juden gehen den PI und Barn nichts 
an, und um die in Palästina wohnenden NichtJuden habe ein Pt 
sich nicht zu bekümmern, daß die Teilung vielmehr eine wesentlich 
geographische war, ergibt sich schon daraus, daß die Gemeinden, 
an welchen PI und Barn bisher als Stifter oder Förderer gearbeitet 
hatten, ebenso wie die später gestifteten Gemeinden in Ephesus, 
Korinth und anderwärts sämtlich einen mehr oder weniger starken 
Grundstock von Juden in sich schlössen. Und nicht nur die AG, 
sondern auch die Briefe des PI beweisen, daß kein an der Ver- 



c. 2, 1-10. 109 

abredung Beteiligter sie in jenem praktisch ganz undurchführbaren 
Sinn verstanden hnt.^^) 

Es gehört nicht zur Auslegung des Gl, den Geschichtsinhalt 
von 2, 1 — 10 mit den Angaben der AG gründlich zu vergleichen 
und zu kombiniren. Einige kurze Bemerkungen dürften jedoch 
unumgänglich sein. Bis in die neueste Zeit sind von vereinzelten 
Gelehrten unter Voraussetzung der Geschichtlichkeit von AG 11, 30; 
12, 25 die Tatsachen in Gl 2, 1 — 10 mit jener Kollektenreise ver- 
bunden worden.^ ' '') Die entscheidenden Gründe gegen diese Annahme 
sind folgende: 1) Die Einschiebung der Episode AG 12, 1 — 24 
zwischen den Bericht von der Hinreise des PI und Barn nach 
Jerusalem und den Bericht von ihrer Rückkehr nach Antiochien 
findet nur darin eine befriedigende Erklärung, daß sie Ereignisse 
erzählt, welche die von den Missionaren in Jerus. vorgefundene 
Lage der Dinge bedingten. Der Zebedäisohn Jk war hingerichtet ; 
Pt war von Jerus. geflohen, andere Apostel werden seinem Beispiel 
gefolgt sein. Von einer bei diesem Besuch stattgefundenen Be- 
rührung des PI mit irgend einem Apostel fehlt jede Andeutung. 
Nur mit den Presbytern (AG 11, 30), an deren Spitze der in 
Jerus. verbliebene Nichtapostel Jk stand (AG 12, 17 cf 21, 18), 
hat er es zu tun gehabt. Eben darum hatte PI keinen Anlaß, 
im Gl diese Kollektenreise zu erwähnen (s. oben zu 2, 1), und 
jedenfalls kann er 2, 1 — 10, wo er von Verhandlungen mit den 
doy.ovrreg in Jerus., insbesondere auch mit Pt berichtet, nicht diese 
Reise im Auge haben, bei deren Gelegenheit er jedenfalls den Pt, 
wahrscheinlich aber auch den Jo und die übrigen Apostel gar 
nicht gesehen hat. 2) Diese Annahme ist chronologisch unmög- 
lich, Ist der Zweck der Episode AG 12, 1 — 24 vorhin richtig 
angegeben, so muß die Kollektenreise den darin berichteten Er- 
eignissen, der Hinrichtung des Jk Zebedäi und dem bald darauf 
im Sommer 44 eingetretenen Tode des Herodes Agrippa I, sehr 
bald gefolgt sein, also wohl noch im Herbst 44 oder im Winter 44/45 
stattgefunden haben. Die Tatsachen in Gl 2, 1 — 10 fallen aber 
17 Jahre später als die Bekehrung des PI (oben S. 78). "Wären 
diese 1 7 Jahre von dem Datum der Kollektenreise zu subtrahiren, 
so müßte die Bekehrung des PI in den Herbst 27 oder den Winter 
27 28 fallen, ein mit jeder denkbaren Chronologie der Geschichte 
Jesu unvereinbarer Ansatz. 3) Ergibt sich aus Gl 2, 5 (oben S. 96 f.), 

'") S. oben S. 64 f. zu 1, 16 cf meine Skizzen' S. 70—76; Einl I § 17 
A 4; § 21 AI. 

"») ISo neuerdings V. Weber, Die antioch. Kollekte, hier S. 83 ff. 
auch Lit.-Angaben über diese zu Anfang des 19. Jhh. verhältnismäßig be- 
liebte Gleichsetzung. Holtzniann, NTliche Zeitgesch. 1905 S. 143 u. Z. f. 
nt. W. 1905 S. 102 trat für Um.stellung der Keisen ein, da die Kollekte 
erst auf dem Ap. Konzil vereinbart wurde, ohne für seinen Gedanken Zu- 
stimmung zu finden.] 



110 Geschichtliche Selbstrechtfertigfung des Apostels. 

daB die gal. Gemeinden zur Zeit der dort besprochenen Yerhand* 
lungen bereits gestiftet waren, eo können diese Verhandlungen nicht 
zur Zeit von AG 11 — 12, sondern erst nach den AG 13 — 14 er- 
zählten Ereignissen stattgefunden haben. 4) Zur Zeit der KoUekten- 
reise war PI noch nicht in aufflilliger AVeise und größerem Maß- 
stab als Heidenniissionar tätig gewesen, was doch die Voraus- 
setzung der Gl 2, 1 — 10 besprochenen Verhandlungen bildet, sondern 
war erst seit Jahresfrist (AG 1 1 , 26) neben Barn als Lehrer au 
der Gemeinde in Antiochien (cf 13, 1; 15, 35) tätig, in welcher 
Stellung er allerdings auch als Missionar zur Vergrößerung der 
Gemeinde beitrug. 5) Der Mangel jeder Andeutung eines andern 
Zwecks der Reise AG 11, 30; 12, 25 außer der Überbringung der 
»ntiochenißchen Kollekte beweist, daß Lukas, welcher durch AG 15, 
1 — 35 ; 16, l — 5 ; 21, 18 — 26 ein lebhaftes Interesse für die Stellung 
der Heidenchristen zum Gesetz bekundet, von wichtigen Erörterungen 
dieser Frage bei Gelegenheit der Kollektenreise weder aus Quellen- 
schriften noch durch mündliche Tradition etwas erfahren hat. Die 
in Antiochien eingeschlichenen falschen Brüder iind Spione des Gl, 
welche Lc sehr wohl kennt 15, 1 — 5, kann man unmöglich in den 
judäischen Propheten 11, 27 f. cf 21, 10 f. wiederfinden. Ist das 
unter Nr. 1 Gesagte richtig, so läßt sich andrerseits aus Gl 2, 1 
auch kein Grund zum Verdacht gegen die Geschichtlichkeit von 
AG 11, 30; 12, 25 herleiten. — Noch weniger als mit dieser 
Reise des J. 44 kann die in das J. 54 fallende Reise AG 18, 21 f. 
mit Gl 2, 1 identificirt werden. Denn 1) hat die letztere Reise 
den PI gar nicht nach Jerus., sondern nur bis Cäsarea geführt, 
▼on wo er sich über Antiochien nach Ephesus begab. So nicht 
nur nach der ursprünglicheren Recension des Textes der AG, be- 
sonders 19, 1, sondern auch nach der Umarbeitung, welche in 
unserem gewöhnlichen Text vorliegt cf Einl § 59 A 8. 2) Auf 
dieser Reise war PI nicht von Barnabas begleitet, welcher längst 
und für immer sich von ihm getrennt hatte. 3) Der Gl ist vor 
dieser Reise geschrieben (oben S. 21). 4) Wenn der Bericht 
AG 15, 1 — 33 auch nur zur Hälfte auf Wahrheit beruht, kann 
nicht mehrere Jahre nach den dort berichteten Ereignissen die 
Frage nach der Berechtigung der Missionsarbeit des PI und der 
Beschneidung der Heidenchristen so, wie es Gl 2, 1 — 10 dargestellt 
ist, in Jerus. aufs neue verhandelt worden sein. Es bleibt also 
nur übrig, was auch die vorherrschende Meinung seit ältester Zeit 
gewesen und geblieben ist, daß Gl 2, 1 — 10 auf die AG 15, 1 — 33 
erzählten Ereignisse sich bezieht ; und daran würde kein Zweifel 
aufkommen können, auch wenn die Verschiedenheit der beiden 
Darstellungen viel erheblicher wäre, als sie ist. Unter billiger 
Berücksichtigung des Unterschiedes zwischen dem von viel späterem 
Standpunkt verfaßten Bericht des Historikers und der polemisch 



c. 2, 1-10. 111 

apologetischen Beleuchtung des vor nicht viel mehr als einem Jahr 
in Jerus. durcligekürapften Streites, welche dei* Führer der einen 
Partei aus Anlaß einer Erneuerung des Kampfes geboten fand, 
muß man sich vielmehr über die, bei voller Unabhängigkeit des 
späteren Berichts von der viel älteren Urkunde vorhandene, große 
Übereinstimmung wundern.^'*) 

*") Punkte, in welchen Gl uud AG übereinstimmen: 1) Anlaß der 
Reise ist das Auftreten von Judenchristen aus Palästiaa in Antiüchien, 
welche unter Verurteilung der von PI und Barn geübten Praxis die Be- 
schneidung der Heidenchristen und deren Unterordnung unter das Gesetz 
forderten AG 15, 2.5; Gl 2, 3—5. 2) Außer PI und Barnabas reisten noch 
einige andere nach Jerus. 15, 2, unter ihnen Titus Gl 2, 2. 3) Es fanden 
Versammlungen der ganzen Muttergemeinde und solche der Notabein statt, 
und in beiderlei Versammlungen erstatteten PI und Barn Bericht über ihre 
Missionstätigkeit und die Wunderzeichen, von welchen sie begleitet war 
AG15, 4. 6. 12. 22; Gl 2, 2. 7-9». 4) Der Nichtapostel Jk und Pt traten 
dabei besonders hervor, nur PI nennt an dritter Stelle noch den Jo. 5) Von 
der Mnttergemeinde wie von ihren Führern \n;rden die Forderungen der 
Judaisten unbedingt und uneingeschränkt zurückgewiesen. Es wurden die 
Heidenmissionare uud ihre bisherige Arbeit freudig anerkannt und die 
durch sie bekehrten Heiden trotz ihrer Unbeschnitteuheit und gesetzlosen 
Lebensweise als Brüder angeredet und für religiös ebenbürtig erklärt AG 
15, 8 f. 11. 14—18. 23—26. Daß die AG die Unterstützung der Armen (Gl 
2, 10) nicht erwähnt, kann nach dem oben S. 107 Gesagten um so weniger 
befremden, als sie bereits 11, 27 — 30 sehr umständlich von dem Anfang 
dieser Betätigung der Bruderliebe zwischen der heidnischen und der 
jüdischen Christenheit berichtet hat. Daß aber PI dies als die einzige 
von ihm und Barn gegenüber der Muttergemeinde übernommene Verpflich- 
tung nennt, widerspricht nicht der nur von Lukas erzählten Tatsache des 
sogen. Aposteldekrets. Denn dieses bedeutet nach der AG 1) keine dem 
PI und dem Barn auferlegte Verpflichtung; weder in der Rede des Jk 
noch im Schreiben an die Heidenchristen ist etwas davon gesagt, daß die 
Heidenmissionare ihren Gemeinden jene Enthaltungen einschärfen soUeu. 
2) Sofern die Heidenchristen von den Aposteln und den Presbytern in 
Jerus. dazu ermahnt wurden, übernahmen doch auch sie keine Verpflich- 
tung der Muttergemeinde gegenüber. Nicht als ein Gebot, sondern als 
eine briefliche Mitteilung (15, 20; 21, 25) und nicht als eine Bedingung 
ihrer Anerkennung seitens der Jerusalemer, sondern als etwas ihnen selbst 
heilsames wird den Brüdern aus den Heiden die Beobachtung der vier 
Pimkte empfohlen 15, 29. 3) Es ist auch eine willkürliche Annahme, daß 
diese Enthaltungen bisher von den Heidenmissionaren den Neubekehrten 
nicht zugemutet worden seien, wodurch das Schreiben der Jerusalemer 
immerhin den Charakter einer gewissen Kritik und Korrektur des bis- 
herigen Betriebs der Heidenmission erhielte. Der Ausdruck 15, 28 cf Ap 
2, 25, und das Wort Scarr^oovinei v. 29 kommen erst dann zu ihrem Recht, 
wenn das Gegenteil der Fall war. 4) Auch von einer Koncession an die 
Judaisten oder gar einem Kompromiß zwischen ihnen und PI, welches Gl 2 
nicht hätte mit Schweigen übergangen werden können, kann nicht die 
Rede sein. Denn die Enthaltungen sind in ansschheßenden Gegensatz zu 
den Forderungen der Judaisten und der Beobachtung des mosaischen Ge- 
setzes und überhaupt jeder Auflage einer neuen Last gestellt 15, 19 — 22. 28. 
Das Schreiben, in welchem die Anerkennung der Heidenchristen und ihrer 
Lehrer als Brüder 15, 23. 25 und die strenge Rüge der unberufenen Friedens- 
störer 16, 24 die Hauptsache war, hätte gleichwohl in Antiochien und ander- 



I IS (ieschicbtliche Selbst rechtf er tigang des Apostels. 

Nachdem PI vou 1, 16 bis dahin in geschichtlicher P'olge alles 
berührt hat, was er seinerseits seit seiner Bekehrung getan und 
unterlassen hat, um sich und sein Werk in das jetzt bestehende 
Verhältnis zu den älteren Aposteln und sonstigen Auktoritäten der 
Muttergenieinde zu setzen, welches die Gegner als ein nachträglich 
angemaßtes darötellten, bespricht er 2, 11 — 14 noch eine Begegnung 
mit Pt, welche er nicht veranlaßt hat. Während bis dahin Pt 
und seine Genossen als diejenigen genannt waren, welche PI an 
ihrem Wohnsitz Jerus. aufgesucht hat (1, 18f. ; 2, 1 — 10), hat er 
jetzt einen Fall zu besprechen, in welchem umgekehrt Pt und bald 
darauf auch gewisse Leute aus der Umgebung des Jk an den Ort 
seines Wirkens, nach Antiochien, gekommen sind. Die gewöhnliche 
Meinung, daß dies dem Gl 2, 1 — 10 besprochenen Besuch des PI 
und Bani zeitlich gefolgt sei, läßt sich aus dem Text nicht be- 
gründen.^^) Es fehlt jede bestimmte oder unbestimmte chronologische 
Angabe wie die, welche alle bisherigen geschichtlichen Erinnerungen 
untereinander verknüpften: v. 15 — 16 (bre . . . ev^cc;). 18. 21; 2, 1. 
Nur daß Pt nach Antiochien kam, während er in den bisher be- 
sprochenen Fällen 1, 18; 2, 1 sich in Jerusalem aufsuchen ließ, ist 
durch Voranstellung des j]?.d^€v betont. Wann dies geschah, ist 
lediglich der Xatur der Tatsachen zu entnehmen. Ist aber vorhin 
der Zweck der förmlichen Abgrenzung der Arbeitsgebiete richtig 
angegeben, so ist undenkbar, daß Pt so bald *^) nach dieser Ab- 

w.irts nicht als ein ermunternder und im Glauben bestärkender Zuspruch 
aufgenommen werden können (15, 31 f.; 16, 4 f.), wenn die Anempfehlung 
der vierfachen Entbaitang als Auflage einer neuen, die bisherige Freiheit 
der heidenchristlichen Gemeinde beeinträchtigenden Verpflichtung aufgefaßt 
worden wäre. So hat der einzige Berichter.-jtatter, auf den wir angewiesen 
sind, sie nicht aufgefaßt, und die Judaisten in Gal. werden sich gehütet 
haben, sich auf das sie verurteilende Schreiben zu berufen. PI hatte also 
auch keine Nötigung, es zu berühren. [Vgl. Zahn, AG .524 ff.] 

'®J Schon Aug. epist. 82, 11 erklärte es für wahrscheinlicher, daß dies 
vor das Apostelkoncil (AG 15 = Gl 2, 1—10) falle. Bestimmter Schnecken- 
burger, Zweck der AG S. 109 ff. und ich N. kirchl. Ztschr. 1894 S. 435 flf. 
Ebenso, jedoch unter Voraussetzung der Kombination von Gl 2, 1 — 10 mit 
AG 11, 30 Calvin zu 2, 1 und 11. Unter den alten Mißdeutungen des Vor- 
ganirs sind besonders bemerken.swert die wütende Keplik der ebjonitischen 
Partei Clem. bom. 17, 19 cf epist. Petri ad Jac. 2 und die falsch apologeti- 
schen Verdrehungen des einfachen Sachverhalts seitens mancher griech. 
Aasleger, be?onders des Chrys., welcher eine zwischen PI und Pt verab- 
redete oh.ovonia annahm, fauch Thdr läßt dies als möglich gelten) und 
derer, welche in ihrem Fahrwasser sich bewegten wie Ephr., Hier., Mac. 
Magn. III, 29. Viel unbefangener haben die Lat. geurteilt: Tert. (c. Marc. 
I, ä); IV', 3; V, 3: praescr. 23 mit der durch den Gegensatz zu Marcion 
gebotenen Einschränkang conversatmm fuit vitium, non jyraedicationis), 
Vict., Abstr, Pel., besonders aber Aug. in seiner unerbittlich zähen Be- 
streitung des Hier, (oben S. 24). 

*") Es könnte nämlich nur an die Zeit von AG 15, 35 gedacht 
werden, und nicht an die vcn AG 18, 22; denn zur Zeit des letzteren 



c. 2, 11-14. 113 

machung ohne dringende Nötignug in das Gebiet der Heidenraissio- 
uare sicli begeben hal)en sollte, oder daß PI, wenn Pt das getan 
hätte, ihn nicht des Vertragsbruchs angeklagt und ihn ebenso wie 
die bald darauf nach Antiochicn gekommenen Leute aus der Umgebung 
des Jk (v, 12) ähnlich wie die falschen Brüder und Spione (v. 4) 
beurteilt haben sollte. Auch die gütigste Deutung hätte nichts 
daran ändern können, daß Pt durch sein unberufenes Kommen 
nach Antiochien die beunruhigenden Mißstände in der dortigen 
Gemeinde hervorgerufen hätte, deren Verhütung der Hauptzweck 
der getroffenen Vereinl)arung über die gegenseitige Unabhängigkeit 
der beiden Kirchengebiete war. Es ist aber auch wenig glaublich, 
daß Pt nach den prinzipiellen Erörterungen, an welchen er nach 
Gl 2, 1 — 10 und AG 15, 7 — 14 einen hervorragenden Anteil gehabt 
hat, so unklar und schwankend in bezug auf sein Verhalten im 
Verkehr mit Heidenchristen gewesen sein sollte, wie er sich nach 
2, II — 14 gezeigt hat. Sein Besuch der syrischen Hauptstadt 
muß daher in die Zeit vor dem Apostelkonzil und der ersten 
Missionsreise des PI fallen, da PI und Barn mit anderen jüdischen 
Lehrern an der Spitze der antiochenischen Gemeinde standen 
(11, 26; 13, 1), welche damals nur eine Tochter von Jerus , und 
noch nicht eine Mutter der Heidenkirche war. Von Flüchtlingen 
aus Jerus. gestiftet 11, 18 — 21, von Barn im Auftrag der Mutter- 
gemeinde besucht und von da an geleitet 11, 22 — 26, stand sie 
auch fernerhin in lebhaftem und freundlichem Verkehr mit Jerus. 
Die Ankunft von Propheten aus Judäa erregte nur Freude 11. 27 
(cod. D) und gab den ersten Anstoß zu der freiwilligen Beisteuer 
der Antiochener für die armen Brüder in Judäa 11, 28—30. 
Johannes Marcus, der Vetter des Barn (Kl 4, 10) und der geist- 
liche Sohn des Pt (1 Pt 5, 13), nahm seinen Wohnsitz in Antiochien 
12, 25; 13, 5. Pt, der kurz vorher von Jerus. geflohen war 12, 17, 
wird einige Zeit später, jedenfalls erst nach der Rückkehr des PI 
und Barn von der Kollektenreise, nach Antiochien gekommen sein. 
Bald folgten die Leute aus der Umgebung des Jk Gl 2, 12, die 
Vorläufer der falschen Brüder, deren Auftreten das Apostelkonzil 
notwendig machte Gl 2, 4; AG 15, 1. So reiht sich der Besuch 
des Pt in eine lange Folge ähnlicher Ereignisse ein. Daß die 
Annahme dieser Stellung des 2, 11 — 14 besprochenen Vorgangs 
in der geschichtlichen Entwicklung das Verhalten des Pt begreif- 
licher und die Haltung des PI größer erscheinen läßt, als die ge- 
wöhnliche Annahme, kann jener nicht zum Nachteil gereichen. 

Noch weniger als 2, I — 10 macht v. 11 — 14 den Eindruck 
einer Erzählung von solchem, was den Lesern neu mitzuteilen 
wäre. "Wie PI 1, 15 mit einem öre öi seine den Lesern hinläng- 

Aufenthiltä des PI in Antiochieu war Barn nicht bei ihm, sondern längst 
seiner Wege gegangen 15, 39. 

Zahn, Qalateibricf. 3. Aufl. 8 



114 Geschichtliche Selbstrechtfertigang des Apostels. 

lieh bekannte Berufung und Bekehrung in Erinnerung bringt, um 
den Zeitpunkt zu bezeiclmen, von welchem die folgende Haupt- 
aussage gilt, 80 hier das Kommen des Kephas — denn so wird Pt 
hier wieder genannt s. oben S. 63 A 72 — nach Antiochien. Sein 
damaliges Verhalten zu Pt bringt er sofort auf einen scharf 
charakterisirenden Ausdruck, ehe er die Veranlassung dazu ange- 
geben hat V. 12 — 14", und dann erst beschreibt er 14*^ sein schon 
in V. 11 chnrakterisirtes Handeln nach Form und Umständen. Man 
sieht aus dieser Darstellung, daß die Sache im Kreise der Leser 
bereits zur Sprache gekommen war. Die nach Gal. gekommenen 
Judaisten werden sein damaliges rücksichtsloses Auftreten gegen 
Pt als einen besonders starken Beweis jener Anmaßung angeführt 
haben, womit er im Gegensatz zu seiner anfänglichen Unterordnung^ 
unter die älteren Apostel sich nachträglich von deren Auktorität 
unabhängig gemacht habe. „Dem harten Felsen, welcher das 
Fundament der Kirche ist, hast du dich als Gegner entgegen- 
gestellt" und „wenn du ihn einen Verurteilten (yMriynoafiivop) 
nennst, so klagst du den Gott an, der mir Christum enthüllt hat" : 
so hielten ihm noch die Ebjoniten des 2. und 3. .Jahrhunderts sein 
Verbrechen vor. Den Ausdruck entlehnten sie den eigenen Worten 
des PI Gl 2, 11 ; aber dieser hätte keinen Grund gehabt so zu 
reden, wenn seine judaistischen Gegner nicht schon damals sein 
Auftreten gegen Pt wesentlich ebenso beurteilt hätten, wie ihre 
Nachkommen. Er leugnet nicht die Schroffheit seines Auftretens: 
„ins Gesicht widerstand ich ihm".*^) Er bat nicht hinter seinem 
Rücken sich über ihn beschwert und Stimmung gegen ihn zu 
machen versucht ; er hat auch nicht erst in weitläufige Erörterungen 
mit ihm oder anderen wie über eine verwickelte Frage sich einge- 
lassen , sondern hat sofort protestirt. So durfte er verfahren, 
weil Pt verurteilt war.*^) Das Plusquaraperf. -/.aTeyvMOfxivog i]V 
schließt aus, daß es erst einer förmlichen Verurteilung auf grund 
vorangegangener gerichtlicher Untersuchung bedurfte. Pt war von 
vornherein ein Verurteilter, ehe PI den Mund auftat. Durch sein 

♦•) xarä Tipöoconov „vor dem Angesicht", oder „vor das Angesicht 
hin", von Handlangen „so, daß die handelnde Person oder ihre Handlung 
und deren Ergebnis vor den Augen anderer ist" Lc 2, 31; AG 3, 13; 25, 16, 
oft in LXX z. B. Gen 25, 18; Jer 32, 12. 33^ mit ämaxTi^ai Deut 7, 24^ 
9, 2; 11, 25. 

**) Die Feinde des PI haben ihn besser verstanden (Clem. hom. 17, 19 
tili luov y.aiayi'ojad'ti'jos yn'i i/uov ddoxi/uov ofioi), als die Übersetzer und 
Ausleger, welche die klare Bedeutung von y.mnyn'djoy.tif „eine Verurteilung 
au8S|irechen'' (1 Jo3. 20f.) in mannigfaltiger Weise abzu.schwächen bemüht 
waren. S' „weil sie (die Leute) an ihm Anstoß genommen hatten"; Ephr. 
Chrys. u. a : weil er von anderen und zwar mit Unrecht getadelt worden 
war: die alten Lat. rrprehctisug. Hier. Vulg., wie auch schun Abstr in der 
Aaslegnng reprehensihilis. Die Essener begründeten nach Jos. bell. II, 8, 6 
ihre Verwerfung des Eides durch den Satz: ijSi yäo y.artyr&a&ru tbv 
iTTiorov/teior di/a O'toi). 



c. 2, 11-14. 115 

eigenes Handeln hatte er sich selbst das Urteil gesprochen _ '"' 
stand ihm an der Stirn geschrieben cf Jo 3, 18. Eben dies wird 
durch die nähere Beschreibung seines Verhaltens v. 13 f. begründet. 
Nach seiner Ankunft in Antiochien beteiligte sich Pt eine Zeit 
lang unbedenklich an Mahlzeiten, an welchen auch die geborenen 
Heiden der dortigen Gemeinde teilnahmen [v. 12]. Aus dieser ohne- 
hin durch den Zusammenhang gebotenen näheren Bestimmtheit der 
ei^t't] erklärt sich der Artikel bei lü-vwv. Das einigermaßen 
pleouastische fuza t. L aber, statt dessen ein von ovvr]OÜ^iev ab- 
hängiger Dativ genügen würde, drückt aus, daß es zu einer förm- 
lichen Tischgemeiuschaft zwischen Pt und den Heiden kam (oben 
S. 79 A 100), und dies nicht in vereinzelten Ausnahmefällen, sondern 
mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Es heißt nicht ovvirpayev 
(AGr 11, 3), sondern ovv)]od-uv. Daher kann dies v. 14 ein „heid- 
nisch leben" genannt werden, womit zugleich gesagt ist, was 
für die ersten Leser selbstverständlich war, daß diese Tisch- 
gemeinschaft nicht etwa durch eine regelmäßige oder im Bedarfs- 
fall geübte Anbequemung der Heidenchristen an die jüdische Sitte 
ermöglicht wurde , sondern dadurch , daß Pt sich über die 
mosaischen Speiseverbote und die durch Gesetz und Sitte dem 
Juden gezogenen Schranken in bezug auf den Verkehr mit Nicht- 
juden hinwegsetzte cf AG 10, 9—16. 28; 11, 3—12; Jo 18, 28. 
So hielten es die sämtlich dem Judentum entsprossenen Lehrer 
(AG 13, 1) und die übrigen jüdisch geborenen Glieder der dortigen 
Gemeinde ; und so zu handeln, wo ein höheres Interesse es forderte, 
hatte Pt nach AG 10, 1 — 11, 18 früher gelernt, ohne darum in 
Jerus., oder wo er sonst unter seinen Volksgenossen lebte, die 
jüdische Sitte abzulegen cf AG 21, 20 — 26. Nicht nur nach der 
AG, sondern auch nach dem Urteil des PI v. 13 entsprach das 
anfängliche Verhalten des Pt in Ant. den Einsichten und Grund- 
sätzen, welche dieser selbst damals, nach dem J. 44, bereits seit 
einiger Zeit sein eigen nennen konnte. Erst als gewisse Leute 
von Jk her nach Ant. kamen, *^) zog er sich scheu oder feige 
zurück und sonderte sich von dem vorher gepflogenen brüderlichen 
Verkehr mit allen Gliedern der gemischten Gemeinde ab.*"*) 

**) V. 12" ist J,).d-Ev statt r,).üor stark bezeugt durch n B D * G, d g, scheint 
auch von Orig. c. Cels. II, 1 vorausgesetzt, da er in freier Wiedergabe der 
Stelle schreibt: Ü.d'ömos 'laxcößov nods aiibv A(fü){)i'Ztv eavibv änb itüv 
id'vöiv. Hat Or. gleichwohl rwäs «.lö Uay.. gelesen, so maß er hierunter, 
als ob es = ol tiloX Uäy.ioßov cf AG 13, 13 wäre, den Jk mitinbcgiiffen 
haben. In Konsequenz der LA l])A)ev haben d g (wenn nämlich die beiden 
Punkte über und unter dem zweiten n in venirent dessen Tilgung fordern) 
und r (veniret mit michträglicb übergescliriebenem n) v. 12* übersetzt, als 
ob ihnen ttoö tov yäo i^.'hir Tiin 'statt rtia^) vorgelegen hätte. Dadurch 
war dem Tj.Oep v. 12'' erst die erforderliche Uuterlase geschnffen. Es wird 
■fl'/.Oev doch nur ein alter Schreibfeiiler sein, s^edaukeulose Assimilation an 
ovi'T^adier, vTxiajM.ev^ utfo'xii^tf oiler gar an das ijAhf v. 11. 

**) Da v.Toare/.leii' sowohl mit laviör, als auch intrans. = v:TO(niXleod'at 

8* 



I I fi 

Geschichtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

•3ab Jk jfno namenlose Leute nach Ant. geschickt habe, wäre 
/durch die Worte wodor ausgeschlo^sou (Mr 5, 35; Jo 13, 3), noch 
ausgesprochen, ist aber wenig wahracheinlich, weil der auch hier 
geniL'iiito Bruder des Herrn als Oberhaupt der Muttergemeiiide 
nicht nur selbst zeitlebens an Jerus. gebunden blieb, sondern auch 
mit seiiu-m Einfluß ganz anders wie die Apostel auf die Volks- 
genossen beschrjiukt war und blieb. Andrerseits erklärt sich das 
(&7tb 'Jax. statt eines 6;ib 'Jegnookufiioi' AG 11, 27 oder '/(jvöalag 
15, 1 doch nur daraus, daß diese Leute sich für ihre Betraciitung 
der Dinge auf Jk beriefen und ihn in seiner Lebenshaltung als 
ihr Vorbild betrachteten. Das stimmt zu der Überlieferung, daß 
Jk einer streng jüdischen Lebensweise sich befleißi^jte und selbst 
bei den ungliiuiiigen Juden den Elirentitel des Gerechten trug 
(Ueges. bei Eus. h. e. II, 23, 4 — 18). Wie er selbst zu den Fragen 
BtAud, welche damals in Ant., später in Jerus. bei Gelegenheit des 
Apobtelkonzils und wiederum iu Gal. zu beantworten waren, haben 
wir nach seinem Brief z. B. Jk 1, 25—27; nach Gl 2, 9 ; AG 15, 
13—21 zu beurteilen. Die Stellung der Leute aus seiner Um- 
gebung, welche hinter Pt her nach Ant. kamen, ist genügend da- 
durch gekennzeichnet, daß Pt aus Furcht vor ihnen seinen an- 
fänglichen ungcliemmten Tiscbverkehr mit den Heidenebristen ein- 
stellte. Sie hielten es also für unzulässig, daß ein jüdischer Christ 
80, wie es PI, Barn und die geborenen Juden in der Gemeinde 
von Ant. regelmäßig, bis dahin dort aber auch Pt taten, im Ver- 
kehr mit Ht-iden und Heidenebristen sich der Beobachtung des 
Gesetzes entscblnge. Eben sie bezeichnet PI durch zolg tx TtfQi- 
rour^g. Der Ausdruck, welcher seinem Wortsinn nach alle dem 
Volk der Beschneidung angehörigen Menschen bezeichnet, also auch 
die jüdisch geborenen Lehrer und Glieder der Gemeinde von Ant. 
einschließen könnte, vor welchen sich Pt jedoch keineswegs fürchtete, 
ist offenbar zu einer Bezeichnung derjenigen Judenchristen geworden, 
welchen die Beschneidung und die damit gegebene Unterordnung 
unter das Gesetz für ihr Denken, Urteilen und Handeln das llaß- 
gebeode war.*'') Daß Pt aus Furcht vor diesen Leuten sich vom 
Tischverkehr mit den Heiden zuiü"kzog, nennt PI eine Heuchelei 
(v. 13), nnd zwar darum nicht weniger bestimmt, weil er es nur in 

(Hb 10, '^S = Hab 2, 4) gebraucht wird cf Schweighäuser Lex. Pnlyb., ist 
wahrs-heiulich hivrot- zu beiden Verben zu ziehen. Hat PI 1, 15 mit 
ä>fopiXtiv auf den Namen der Püari-äer angespielt, s.» wohl auch hier. Pt 
verwandelte sich pititzlich in einen Pharisä-r. Der Übergang zu dem Vor- 
wurf der rrToy.otfH^ lag dann um so näher cf Mt 6, 2. 5. 18: 23, 13. 

*'') Auch A(t 11. 2 aU N:inie für die Partei d-r Beschneiiluiigslente, 
welche mit den Aposteln und Briideru in Jerus. 11. 1 nicht zusnminenfällt. 
Vergleichbar, wenn anrh uiiht ebenso zum Partfinamen gewoiden, ist der 
Gegensatz von ol ix Tiiaremg und öaoi ts inyojv vö/iov aloit/ Gl 3, 9 — 10 cf 
Em 4, 12. 14. 16. 



c. 2, 11-14. 117 

der indirekten Form sagt, daß auch die übrigen Juden*") nnttr den 
Christen in Ant. mit Pt lieiicheltin, indem sie gleichfulis von dem 
Tischverkehr mit den heidnischen Mitchristen sich zurückzogen. 
Eine Heuchelei des Pt Ing in der Tat vor, weil sein nunmehriges 
Benehmen nicht der wahre Aufdruck seiner vorher deutlich be- 
tätigten Erkenntnis und seiner Herzensneigung und an<h nicht die 
Folge einer bei ihm selhjt entstandenen Änderung der Ül)erzeugung, 
sondern nur ein Erzeugnis der Furcht vor dem sofoitigen MiL5- 
fallen und vor späteren Anklagen der Judaisten war. In ihren 
Augen wollte er scheinen, was er nicht war, ein Jude, welcher 
den vertrauteren Verkehr mit Heiden, auch wenn tie an Christus 
glaubten, für verunreinigend halte. Ein Heucheln war es auch, 
daß die jüdisch geborenen Gemeindeglieder zu Ant. dem Beispiel 
des Pt folgten ; denn einer durch j:ilirelangen Brauch befestigten 
Überzeugung und Gemeindesitte wurden sie untreu. Wenn ihre 
Abweichung von derselben durch die überragende Auktorität des 
Ersten unter den Aposteln einigermaßen entschuldigt war, so zeigte 
dies doch um so deutlicher, vie verdei blich die Schwachheitssünde 
des Pt wirkte. Das Schmerzlichste für PI mußte stin, daß auch 
Barn, der ihn zuerst bei der Muttergemeinde eingeführt, dann von 
Tarsus herübergeholt und seither einträchtig mit ihm in Atit. ge- 
arbeitet hatte, sich mit fortreißen ließ, so daß er sich der gleichen 
Heuchelei wie Pt und die übrigen Judenchiisten schuldig machte. 
Das Ziel, zu welchem er sich hintreiben ließ, kann aviwv rfj 
VTtoy.oioei allerdings nicht angeben, was iig t?^v vnoy.Qiüiv er- 
fordern wüi de (1 Pt 4, 4); aber ebensowenig das Mittel, wodurch 
das ovrartaytoO-ai bewirkt wurde; denn nicht die Heuchelei jener, 
iondern das hohe Ansehen des Pt und die Scheu, von dem ihm 
von Gebuit iiächststehenden Teil seiner eigenen Gemeinde verlassen 
tu sein, verleitete den Barn, schließlich auch ihrem Beispiel zu 
folgen. Es wird vielmehr das avv des Verbums mit dem Dativ 
zusammengehören; es ist nämlich nicht einzusehen, warum nicht 
statt der Personen (Rra 12, 16) das Verhalten derselben das sein 
Bollte, womit Barn in Gemeinschaft trat, indem er sich von seinem 
Standpunkt forttreiben ließ.*') Er wurde ein Genosse ihrer Heuchelei. 
PI, welcher damals noch nicht der preisgekrönte Heidenapostel, 

*") Die Tilgung dps x«/ vor ol XoinoL in B, ath.. Org. c. Cels. II, 1 
(8. Berl. Ausg. p. 127, 26 gegen Tschd. z. St.), Vulg Kopt G"th wird ein 
Ver.-«\ich sein, den Vorwurf der Heuchelei auf die loirmi "loilüairi. zn be- 
■cbränken niid von Pt ab<uwei)den, was dadiir« h sprachlich allenfiills mög- 
lich wird, da Komposita mit oi/- nicht selten so zeugmatisch gebraucht 
werden z. B. avy/nioeiv, avJ./.imiod-ai. Das y»i macht dies unmöglich. Nur 
«* fügt noch rrdmg hinter 'JovS. hinzu. Die LA B. avt'anu/ßrvui in P, 
tth. ist eine schulmeisterliche Korrektur. 

*') Cf Gen 19,15 ovpnno/.ioif^ni laii dfOftiaie ifji TzöXeofs, ähnliche Ver- 
bindungen von ovyaülelv Phl 1, 27, avftftopa^i^ead'ai Phl 3, 10, TxaoaxoXovdetv 
2 Tm 3, 10. 



118 Geschichtliche Selbstrechtfertigung des Apostels. 

sondern nur einer der Lehrer in Ant., vielleicht der letzte unter 
ihnen war (AG 13, 1), stand völlig vereinsamt da, nicht sowohl mit 
einer ihm eigentümlichen Überzeugung — denn die anderen handelten 
nicht uftch einer von der seinigen abweichenden tiberzeugung — , 
wohl aber mit dem unerschütterten Willen, die bis dahin in Ant. 
einhellig gepredigte Wahrheit des Ev und die darauf beruhende 
Freiheit sowohl der jüdischen als der heidnischen Glieder dieser 
Gemeinde (cf 2, 4. 5) gegen jede Verdunkelung zu verteidigen. 
„Aber da ich sah, daß sie nicht auf graden oder gleichen Füßen 
einhergehen im Verhältnis zu der Wahrheit des Ev, sprach ich zu 
Kephas im Beisein aller: ,Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch 
und nicht jüdisch lebst, wie nötigst du die Heiden, sich als Juden 
zu zeigen'" [v. 14]. Da das sonst in der Literatur nicht nachzuweisende 
dg&o/Todiiv in keinem der Teile, aus denen es zusammengesetzt ist, 
eine Bewegung ausdrückt oder andeutet,^*) sondern sich zu ögO-ö* 
Ttovg ebenso verhält wie sein Gegenteil txeQOTXodelv zu treQÖTtovg, 
also lediglich den Zustand oder da? Verhalten eines uqUonovg aus- 
drückt, eines Menschen mit geraden und gleichen Füßen, so läßt sich 
etymologisch nicht entscheiden, ob es heißt: mit geraden oder gleichen 
Füßen stehen (so Hofmann) oder gehen (so die alten "Übersetzer 
und die meisten Ausleger).^") Letzteres ist jedoch wahrscheinlicher, 
weil es sich hier um die Lebensführung handelt, welche als ein 
Wandeln {7tiQiTiatth\ &vaaiQi(peod^ai) vorgestellt zu werden pflegt, 
und weil sich erst bei der Bewegung deutlich zeigt, ob einer ein 
ÖQÜ^ö/toig oder ein tTiQÜrtovo. ist. Der letztere hinkt, wenn er 
geht, und geht überhaupt unsicher. Aber nicht ein Ziel, welchem 
jene sich hinkend und unsicher auftretend zubewegten, führt 7Cq6s 
ein; sie hatten dabei die Wahrheit, welche das Ev ist und enthält 
gar nicht als ihr Ziel im Auge. PI beurteilt vielmehr ihr charakter- 
loses und grundsatzloses Verhalten als ein Hinken und Schwanken 
im Verhältnis zu und gemessen an der AVahrheit des Ev.^'^J Wenn 
er unter anderen Umständen eine brüderliche Ermahnung unter 
vier Augen gewiß nicht unterlassen haben würde, zögerte er in 
diesem Fall nicht, sofort vor versammelter Gemeinde feierlichen Protest 
zu erheben. Pahlicuvi scandnhon non polerat privalim cnrari, sagt 
Pelagius. Da von der Absonderung des Pt in Imperfekten, von 
der Nachahmung seines Verhaltens durch die übrigen Juden und 
Barn in Aoristen geredet ist, so ist anzunehmen, daß PI die 

*') Cf dagegen doxJnßmeTv^ donoboofierv einerseits, o'jxvnobeii' andrer- 
seits and das in beiden Teilen eine Bewegung darstellende o/Kvipoufif. 

**) Tert. raehrmal-(, Hier, im K. rccto pcde incedere, Abstr recta via 
incedcre, d g Vict. Vulg rede in>jredi oder amhulare oder incedere (Thdr 
lat.); eben«o deutlich S'. — Nicht Hb 12, 13 (Prov 4, 26), eher schon 1 Reg 
18, 21 ist zu vergleichen. 

*°) An Stellen wie Mt 19, 8; Lc 12, 47; 2 Kr 5, 10 könnte yard statt 
TtQÖi Stehen. Cf Kühner-Gerth l, 520. 



c. 2, 11-14. 119 

Veränderung im Verhalten des Pt mehr als einmal beobachtet und 
Bchweigend hatte geschehen lassen, daß er aber dann, als eines 
Tages, etwa bei Gelegenheit eines Gemeindemahles (l Kr 11, 20 f.), 
die üi)rigen Judenchristen und Barn, dem Beispiel des Pt 
folgend, von der allgemeinen Tischgemeinschaft sich absonderten 
und mitgebrachte „koschere" Speisen genossen, in zornigem Ton 
protestirt hat. Die verderbliche Wirkung des Benehmens des Pt 
lag nun am Tage, und PI sah richtig voraus, daß diese, wenn kein 
Einhalt geschah, weiter auch auf den heidnischen Teil der Ge- 
meinde sich ausdehnen werde. Er wendet sich nur an den Ur- 
heber der Verwirrung, aber die durch ihn verführten Judenchristen 
wie die Heidenchristen, die dadurch in ihrem Stand der Gesetzes- 
freiheit bedroht waren, sollen hören, was er dem Kephas sagt. 
Als Anwalt der Heidenchristen tritt er auf; denn sein Vorwurf 
gegen Pt bezieht sich unmittelbar nur darauf, daß er die Heiden 
nötige, jüdische Sitte anzunehmen. Durch seine Absonderung von 
der Tischgeraeinschaft mit ihnen übte Pt, wenn er selbst dies auch 
nicht beabsichtigte, und die entsprechende Folge noch nicht zu 
Tage trat, einen moralischen Zwang auf die Heidenchristen aus, 
welcher schließlich dazu führen mußte, daß sie jüdische Sitte an- 
nahmen. Denn, wenn die jüdischen Christen, darunter die von 
Jesus erwiählten Apostel und die eigenen Lehrer der Antiochener, 
aufhörten sie als reine und ihnen ebenbürtige Glieder der Kirche 
Gottes und Christi anzusehen und zu behandeln, so blieb den 
Heidenchristen zuletzt kein anderes Mittel übrig, sich das volle 
Bürgerrecht in der Gemeinde und die Gewißheit ihres unverkürzten 
Anteils an allen von Christus seiner Gemeinde erworbenen Gütern 
zu sichern, als daß sie ihrerseits ablegten, was sie von dem Grund- 
stock und den Führern der Christenheit trennte, die heidnische 
Lebensform. Daß Pt, vielleicht ohne es zu wollen und zu wissen, 
auf dieses Ziel hinarbeitete, wird schon durch die Form der Frage 
als etwas schier unbegreifliches hingestellt,^^) mehr noch durch 
den Vordersatz. Das „heidnisch und nicht jüdisch Leben" des Pt 
wird als dessen regelmäßiges Verhalten durch das Präsens aus- 
gedrückt, weil nur so der Selbstwiderspruch klar wird, den PI auf- 
decken will.'^'^ Möglich ist auch, daß Pt nur in bezug auf das 

"**) Zu dem weit überwiegend bezeugten Tiöis (statt t/) c. ind. praes. 
cf Mt 16, 11; Lc 12, .06; Jo 4, 9. — Für die Stellung von Kii gleich hinter 
ed-i'ixcöi (DKL, S'Vulg) spricht, daß dies die ungezwungene, weniger 
regelrechte Stellung ist. Auch erklärt sich so leichter der Ausfall von xal 
otxi (oder ov/, oder ovx) lovSaCy.ü>s bei d Abstr Vict., auch einigen Min, 
und Ephr. 

^*) Dies verwischt Ephr. gentiliter heri vivebas, qiiomodo hodie cogis etc. 
[Nägeli, Wortschatz S. 51 hält B&fixwi für eine christliche, möglicherweise 
jüdische Bildung, obwohl es in den LXX nicht vorkommt. Er vergleicht 
Diog. Laert. 7, 56 edn-Adjg (ausländisch) -re xnl 'EÄkrifiwSs.] 



120 r>ie innere Freiheit der echten Judcnchristen vom Gesct«. 

Esern mit den Heiden sein Verhalten geändert hatte, im übrigen 
»bor fortfuhr, im Verkehr mit ihnen manclie jüdische An>^R<lichkeit 
bei Seite zu setzen. AVenn er wälirend eines vielleicht niclit ganz 
kurzen Aufenthalts in Ant. der jüdischen Lehcnsßitte regelmäßig 
sich entschlug, so erklärte er damit die eine wie die andere Lebens- 
form für religiös und sittlich gleichgiltig. Er widersprach sich 
also selbst, wenn er nun durch seine Absonderung vom Tisch- 
Terkehr mit den Heiden diese indirekt nötigte, jüdische Sitte an- 
zunehmen, als ob dies die vollkommenere, für alle Christen geziemende 
Lebensform wäre. Begreiflicher und auch verzeihlicher wäre sein 
Verhalten gewesen, wenn er sich überhaupt für seine Person stieng 
an das mosaische Gesetz oder die jüdische Sitte gehalten hätte 
und hielte. Von ihm als Juden war, wie 'lovöalog vndgxcüv zu 
verstehen gibt, gar nicht ohne weiteres zu verlangen, daß er die 
Sitte seines Volks fahren lasse. PI hat nie die Gesetzesbeobachtung 
der jüdischen Christinheit Palästinas als unchristlich beurteilt. Da 
Pt aber aus freien Stücken und grundsätzlich, also doch gewiß 
ebenso, wie PI, Barn und die anderen jüdischen Lehrer in Ant., 
um höherer Zwecke willen sich von der jüdischen Sitte emancipirt 
hatte, so trifft ihn ebensosehr der Vorwurf der unbegreilliclien 
Inkonsequenz, als der beklagenswerten Heuchelei. Von der "Wirkung 
seiner scharfen Rüge auf Pt und die ganze Versammlung sagt PI 
kein Wort. Höchstens angedeutet hat er v. 11, daß Pt nichts zu 
seiner Rechtfertigung zu sagen hatte. Von einem AVortwechsel 
verlautet nichts, und der Fortbestand der Gesetzesfreiheit der 
heidnischen wie der jüdischen Christen in Ant. und in allen nach- 
mals von PI und seinen Schülern gestifteten Gemeinden und die 
unbedingte Anerkennung, welche Pt einige Jahre später dem PI 
und seinem "Werk gezollt hat, beweisen, daß der kühne Wider- 
spruch des PI einen vollständigen Sieg über alle Auktorität und 
llajorität gewonnen hat. 



4. Die innere Freiheit der echten Judenchristen 
Ifi vom Gesetz c. 2, 15—21. 

Von jeher sind die Ausleger verschiedener Meinung darüber 
gewesen, ob in v. 15 — 21 die damals in Ant. an Pt gerichtete 
Ansprache sich fortsetze, oder ob PI, an die kurze Darstellung des 
Vorgangs in Antiochien anknüpfend, seine und aller aufrichtigen 
Judenchristen grundsätzliche Stellung zum Gesetz und zu Christus 
darlege.*^) Gegen erstere Annahme spricht 1) daß die Anführung 

*') Letzteres war die Meinung Thdr's, welcher hier nach einem Rück- 
blick auf den ersten historischen Hauptteil bemerkt: incijAt vcro hinc 
ipsa dogmata examinare, dabei aber den inneren Zusammenhang mit dem 



c. 2, 15-21. 121 

einer so langen eigenen und fremden, wirklich gehaltenen oder 
nur fingirten Hede in direkter Redeform ohne Beispiel in den 
Briefen des PI und überhaupt in einer nicht historischen Schrift 
befremdlich wäre.'^^J 2) Es fehlt in v. 15 — 21 jedes «du", was 
in einer nach v. 14 nur an Pt gerichteten und auf dessen Fehl- 
tritt bezüglichen Ansprache sehr unnatürlich wäre; und ebenso 
ein „ihr", welches an eine größere Versammlung gerichtet wäre. 
3) Der richtig verstandene v. 1 1 spricht dagegen, daß es einer 
langen principiellen Erörterung bedurfte, den Pt von seinem Un- 
recht zu überführen. Nur das kurze strafende "Wort v. 14 ent- 
spricht dem -/.catyriüG^Uvoi r^v v. 11. 4) Da die Stellung des PI 
damals in Ant. nicht angefochten worden war, würden die herr- 
lichen Selbstbekenntnisse, zu welchen PI mit v. 18 übergeht, in einer 
bei jener Gelegenheit gehaltenen Rede wenig veranlaßt und wenig 
taktvoll sich ausnehmen. 5) Auch die Unvei bundeuheit^**) von v. 15 
spricht dafür, daß PI hier in einen neuen Gedankengang eintritt, 
der allerdings mit dem besprochenen Vorgang innerlich zusammen- 
hängt, sofern es sich hier wie dort zunächst um das Verhältnis 
der geborenen Juden unter den Christen zum Gesetz und zu 
Cliristus handelt. Die "Worte, mit welchen er den neuen Ab- 
schnitt beginnt, können jedenfalls nicht so gegliedert werden, daß 
V. 15 — 16^ einen selbständigen Hanptsatz mit zwei der Kopula 
ermangelnden, zueinander gegensätzlichen Prädikaten bilden, hinter 
welchem xai iffitig v. 16^ einen zweiten selbständigen Hauptsatz 
einleitete. Denn wenn schon der llangel eines laiiev oder ijueO-a 
V. 15 befremdlich wäre, so ist jedenfalls 6iö(')i€g Ö€ ein unmög- 
licher Ersatz für ein oi'öafiev oder fjöiiusv öi. Auch würde, da 
xat vor TjUiig v. 16^ nur ein „auch" sein kann, die Unverbunden- 
heit dieses neuen Hauptsatzes eine häßliche Härte sein. Eher ginge 
es an, v. 15 als selbständigen Satz zu fassen und mit tlöureg öe 
eine neue, den ganzen v. IH umfassende Periode beginnen zu lassen. 
Aber abgesehen davon, daß man auch in diesem Fall die Kopula 
ungern vermißt, durch welche die Fassung erst deutlich angezeigt 
wäre, würde die Aussage über die jüdische Herkunft derer, mit 
welchen PI sich zusammenfaßt, eine zu ihrer Selbstverständlichkeit 
schlecht passende Selbständigkeit gewinnen, während sie doch nur 
Erinnerung an eine Eigenschaft des Subjekts ist, welche für das 
tu erwartende, erst v. 16^ folgende Prädikat eine nichts weniger 
als selbstverständliche Voraussetzung bildet. Daß das Subjekt vor 
dem Eintritt des Prädikats durch -/.ai fjuelg wieder aufgenommen 

Wort an Pt festhält. Fortsetzung der Rede an Pt behanpteten bestimmt 
Ephr. Cbrvs. Vict. Hier. (p. 416 beim Übergang zn c. 3, 1) und viele Neuere. 

") Abgesehen von l^ibelcitaten cf Rm ^, 15; 9, 19. 20»'; 11, 19; 1 Kr 
1, 12; 12 21; 15, 3ö; 2 Kr 10, lü; Gl 1, 23; 4. 6. 

") Nor S* und wenige Min. ^/^^^s Se, S* ei yäo fjfuis. 



'12 

22 Die innere Freiheit der echten Jadenchrislen vom Gesetz. 

wird, ist unanstößig, da die an das erste fjtet^ sich anschließenden 
Näherbestimmungen ausführlich und gewichtig genug sind, und da 
erst hier das steigernde xal am Platz war, daß nicht zu jenen 
Näherbestinimungon. sondern zum Subjekt nur in seinem Verhältnis 
Eura Prädikat gehört.'''') Es ist demnach zu übersetzen: „Wir, 
(die wir) von Natur Juden und nicht aus der Heidenwelt (her- 
gekommene) Sünder (sind), aber wissen (oder „wußten, erkannt 
hatten"), daß ein Mensch (man) nicht gereclit wird in folge von 
Gesetzeswerken, wenn nicht (d. h. „überhaupt nicht anders, als")**') 
durch Glauben an Jesus Christus,**) sind auch unsrerseits an 
Christus Jesus gläubig geworden, damit wir gerecht würden in 
folge von Glauben an Christus und nicht in folge von Gesetzes- 
werken, weil in folge von Gesetzeswerken niclit gerecht worden 
wird alles (irgend ein) Fleisch." Wenn hier die Anrede an Pt 
eich fortsetzte, würde PI in )'7<£?C zunächst den Pt, aber auch die 
koiTToi 'lovöaioi v. 13, welche dabei anwesend waren, mit sich zu- 
earamenfassen. Da er aber v. 15 — 21 nur im Anschluß an jenen 
Vorgang von seinem und anderer, die ihm gleichstehen, ehemaligem 
Gläubigwerden und gegenwärtigem religiösen Leben redet, so er- 
weitert sich das Subjekt zu einer Bezeichnung aller jüdisch ge- 
borenen Christen, mit Ausnahme jener falschen Brüder, welche 
nach dem Urteil des PI nie in die Gemeinde hätten aufgenommen 
werden sollen (v. 4), welche also auch niemals wirklich an Christus 
gläubig geworden sind. Daß er sein und der andern Judenchristen 
Judentum im Gegensatz zu der heidnischen Herkunft anderer 
Christen betont haben will, ergibt sich schon aus der Näher- 
bestimmung von 'Jovdaioi durch fpvoei, denn wenn dies auch keines- 
wegs immer „von Geburt" heißt (Rm 2, 14), so bezeichnet es doch 
stets das von vornherein Gegebene, von Haus aus Vorhandene im 
Gegensatz zu dem, was erst durch hiezu hinzukommende Umstände 
nnd Einflüsse entsteht. Es können Heiden durch Annahme der 
Beschneidung Juden werden, und es können auch Heidenchristen, 

") Wenn unmittelbar an 7;fi£ii yt'ati 'Joibaioi oder an den ganzen v. 15 
das Prädikat v. 16'' sich anschlösse, würde x«» avToi (auch wir unsrerseits) 
iTtiaTivonuiv der nächstlie^-ende Ausdruck sein cf Mt 27, 57 ; AG 8, 13; 15, 32; 
24, 15; Gl 2, Iß; aber auch die Wiederholung desselben Pronomens mit(Rm8, 
23) oder ohne nimi (Kl 2, 13) ist nicht ungriechisch cf Kühner-Gerth § 469, 4. 

") Da auch im Fall einer Rechtfertigung durch Glauben und am 
allergewissesten in diesem Fall die Regel Platz greift, von welcher dieser 
Fall eximirt wird, daß nämlich niemand in folge von Werken gerecht 
wird, so liegt auf der Hand, daß iüv ur, hier wie Jo 5, 19 nnd sl fit] Gl 
1, 7. 19; Ap 21, 27 (auch rr/.r;- AG 27, 22) sich der Bedeutung eines „sondern 
vielmehr" oder ,.8ondem nur" nähert s. oben S. 72 A 87 und ßd I*, 446 A 57. 
Es ist bemerkenswert, daß altkatholische Ausleger wie Vict. p. 18. 25. 26; 
Pel. noch viel häufisrer, wo es sich um den Glauben als Rechtfertigungs- 
mittel handelt, zu fide.» ein aola hinzufügen. 

**) An erster Stelle ist Iraov Xo., an zweiter Xq. 7,, an dritter Xq. 
ohne Zusatz überwiegend bezeugt. 



c. 2, 15-21. 123 

welche man zu jiidiecliera Leben verleitet oder nötigt (v. 14), in 
dem Maße als sie dem Druck nachgeben, hinterdrein zu halben 
oder ganzen Juden gemacht werden. Diesen, durch den Zu- 
Bammenl)ftng an die Hand gegebenen Gegensatz drückt noch deut- 
licher aus die beigefügte Verneinung dessen, was PI und seines- 
gleichen nicht sind: „aus den Heiden stammende, zu den Heiden 
gehörige Sünder", Daß äuaQTLoXoi von der Negation mitbeherrscht 
ißt, und daß PI nicht etwa unter den Christen, die ja freilich aus- 
nahmslos Sünder waren und sind (Rra 3, 23), zwei Klassen von 
Sündern unterscheidet, solche jüdischer und solche heidnischer Her- 
kunft, sagt der Wortlaut; es müßte dann heißen afiaQiw/.ol €^ 
*Iovöc(Uov y.ai ovy. t^ tO^vCov. Andrerseits ist auch durch den 
Gegensatz von Juden und Sündern aus den Heiden nicht verneint, 
daß auch Juden Sünder seien. Nannten doch selbst die Pharisäer 
die ihrem eigenen Volk angehörigen Zöllner und sonstigen herunter- 
gekommenen Leute Sünder Mt 9, 11; Lc 7, 39; 15, 2; 19, 7, Aber 
die Heiden, welche als solche ävouoL sind (1 Kr 9, 21; AG 2, 23), 
sind eben damit auch Sünder und werden, weil von ihnen nichts 
besseres zu erwarten ist, von den Juden auch ohne weiteres so 
genanut.^^) Ohne künstliche Versetzung in eine fremde Rolle kann 
auch der Jude PI hier einmal so jüdisch reden, weil ihm die 
unter den Heiden von Geschlecht zu (Teschlecht sich fortpflanzende 
Gestalt der menschlichen Sündhaftigkeit (cf 1 Kr 5, 1 ; 1 Pt 1, 18; 
4, 3) von Haus aus fremd war. Ohne ein auf das folgende, über- 
wiegend bezeugte de [v. 16] vorbereitendes (.lev hat diese Charakteristik 
des Subjekts um so größeres Gewicht, und hierauf vor allem greift 
das y.cu r^uslg v. 16^ zurück. Wie der Jude als solcher keinen 
Anlaß hat, heidnische Lebensweise anzunehmen (v. 14), so scheint 
er auch keine Nötigung zu haben, auf anderem als dem in seinem 
Volk herkömmlichen Wege nach Gerechtigkeit zu streben. Daß 
die wahren Judenchristen sich gleichwohl dazu entschlossen haben, 
erklärt sich nicht aus ihrem Judentum, sondern aus einer Er- 
kenntnis, die sie teils vor, teils bei ihrer Berührung mit Christus 
und dem Ev gewonnen haben. Juden sind sie, aber erkannt haben 
sie, daß jemand nicht, oder daß niemand *'°) in folge von Gesetzes- 

»») 1 Sam 15, 18 (von LXX abgeschwächt); Psalm. Salom. 2, 1. Im NT 
nicht so gebraucht; Mt 26, 45; Lc 24, 7 ist ebensosehr au Judas und die 
jüdischen Eatsdiener, als au Pilatus gedacht. 

""j Artikelloses ärfloojTTog wie hebr. u?'n, viel häufiger aber aram. t:-:« 
= jemand, mau Jk 2, 24; Mt 16, 26; 1 Kr 4, 1 ; 7. 1; Rm 8, 2S; mit Negation 
beim Prädikat = keiner Ps 49, 8; 105, 14. Dasselbe noch stärker aus- 
gedrückt durch TTütin otio^ mit negativem Präilikat Mt 24, 22; Rm 3, 20 
und hier, wodurch überdies deutlicher als durch das zu einem tjV abge- 
blaßte ufx'ypoiTTOi an die SchAvachheit des Menscheu eriuuert wird, welche 
bewirkt, daß er auf gesetzlichem Wege nicht zur üerechtigkeit gelangt 
cf Gl 3, 21. Letztere Stelle zeigt besonders deutlich, daß die Artikellosig- 
keit von rduo^ niemals, auch da nicht, wo das mosaische Gesetz tatsäch- 



124 r)ie innere Freiheit der echten Judenchristen vom Gesetz. 

werken, von Handlungen und Leistungen, welche durch ein Gesetz 
vorgeschrieben sind, gerecht wird, eine Erkenntnis, welche nur 
diejenigen, die unter einem Gesetz gelebt und durch Erfüllung des- 
Bell>en gerecht zu werden sich bemüht haben, erfuhrungsmäßig ge- 
winnen konnten. Dies gilt von den Juden insgemein (Rm 9, 31 f.), 
obwohl nicht alle Juden, wie PI und seines<;K'ichen, aus der Er« 
fahrung, wt-loho zu machen sie reichliche Gelegenheit hatten, die 
entsprechende negative Erkenntnis gewonnen haben, geschweige 
denn die positive, daß man nicht anders als durch Glauben an 
Jesus den Christ das auf dem Wege von Gesetzeswerken unerreich- 
bare Ziel, die Gerechtigkeit, erlange (A 57. 58). Diese kann erst 
der gewinnen, dem Jesus Christus nalietritt oder nahegebracht wird 
und zwar so, daß er ihm als der Inhaber und Spender der für 
den Menschen nicht nur auf gesetzlichem Wege, sondern überhaupt 
unerreichbaren Gerechtigkeit sich darstellt. Während jene negative 
Erkenntnis ebensogut zur Verzweiflung als zum Glauben an Christus 
treiben könnte, wird sie und wurde sie bei PI und den andern, in 
deren Namen er hier redet, in Verbindung niit der Anschauung 
Jesu als des Christs und als des allein Gerechten (AG 22, 14; 
Jo 16, 10) zu einem entscheidenden Motiv des Glaubens an Christus. 
Dadurch erliielt aber dieser Glaube auch von vornherein die Be« 
etimmtheit, daß er ein Trachten nach Rechtfei tigung in folge von 
Glauben und ein Verzicht auf Rechtfertigung durch Gesetzeswerke 
war. Auf letzterem liegt nach dem Zusammenhang der größere 
Nachdruck ; daher wird auch diese Verneinung einer Rechtfertigung 
in folge von Werken, welche schon einmal als Inhalt der Er- 
fahrung der aus dem Judentum herkommenden Chribten ausge- 
sprocben war, nun auch noch begründet durch den allgemeinen 
8atz: „weil in folge von Gesetzeswerken alles, was Fleisch heißt, 
nicht gerecht werden wird." "') Obwohl PI diesen Satz nicht durch 
ein yt-ygaTtiai yÖQ oder xa^a/g yiyqaTiTai als ein genaueres oder 
freieres Schriftcitat einführt, so erklärt sich doch die Zuversicht, 
mit welcher dieser grundlegende, selbst aber beweislos behauptete 
Satz ausgesprochen wird, am natürlichsten, wenn PI hier wie so 
oft seinen Gedanken oder vielmehr die für alle echten Juden- 



lich gemeint ist, bedentungslos ist. Der Gedanke wird dadurch veralN 
gemeinert. Was vom mos. Gesetz nnter den .Jnden erfalirnngpgemäß gilt, 
gilt von jedem anderen, gleichartigen Gesetz in jedem anderen Volk und 
würde, wenn man die l'mbe machte, sich bewähren cf Rm H, 20 f. — Unter 
ip-Mt vöuoi (cf Km 2, If); 3, 20. 28; Gl 3, 2. 5. 10) sind, da das Gesetz weder 
Werke tnt, noch durch seine Unterjrebenen gewirkt wird, noch auch das 
Ganze ist, als dessen Teile gewisse Handlungen betrachtet werden könnten, 
!(>;•« roui/.ri. zu Verstehen, wie t« lov röfiov Rm 2, 14 = tä ro/uyd, id 
vöfxtfia ist R. oben S. 101 A 2-> zn 2, 7 f. 

•*) Erinnerung: an Rm 3, 20 wird ätöri statt des besser bezeugten ün 
veranlaßt haben. Schwer zn entscheiden ist, ob ^1 i^yo)v v. an beiden 
Stellen vor oder hinter oi> Six. zu stellen ist. 



c. 2, 15-21. 125 

Christen bei ihrem Gläiibigwerden an Christus maßgebende Er- 
kenntnis in bekannte Scliriftworte kleidet, und zwar in dieselben 
Worte aus Ps 143, 2, welche er Rm 3, 20 noch volibtändiger, 
nämlich mit Einschluß des ebendort zu lesenden Ivwniöv aov 
(adtcü) sich angeeignet hat. Hier wie dort schreibt er statt 
^jeder Lebendige" näaa odg^, wir würden etwa sagen ^jeder 
Sterbliche", um an die Hinfälligkeit des Menschen zu erinnern, 
die eg ihm verwehrt, aus eigener Kraft und vermöge seiner 
Leistungen vor Gott zu bestehen (A 60). Daß er beidemale aus 
seinem eigenen Gedankenkreis t^ hgyiov rofiov zusetzt, war bei 
freier Benutzung des Psalmworts um so statthafter, da dies von 
einem frommen Israeliten stammt, für welchen das Gesetz die 
Norm des Verhaltens und der Selbstbeurteilung war. Der Psalmist 
bittet, daß Gott nicht mit ihm ins Gericht gebe, weil er weiß, 
daß es keinem Lebendigen, also auch ihm nicht, je gelingen wird, 
angesichts Gottes als ein Gerechter dazustehen. Dabei ist Gott 
nicht sowohl als der Richter, wie als eine ihr Recht fordernde 
Partei vorgestellt cf Job 9, 32; 14, 3; llicha 6, 1 — 8, eine Vor- 
stellung, welche auch da festgehalten wird, wo Gott gleichzeitig 
deutlich als der Recht sprechende Richter vorgestellt ist z. B. an 
der Rm 3, 4 angeführten Stelle Ps 51, 6 im Grundtext. An diesen 
beiden wie an vielen anderen Stellen entspricht das öiy.atoüoi}at 
des PI und der LXX dem Kai pi'i hat also nicht die passive Be- 
deutung ,,gerecht gemacht", oder, was die gewöhnlichste Anwendung 
des Wortes ist, „für gerecht erklärt, durch den Richter von Schuld 
und Strafe freigesprochen werden",^-) sondern ist wie so viele 
Passiva als Intransitivum gebraucht.^') Es fragt sich, ob PI über- 

•2) Siy.niovf ■=: p»:;i-n von dem freisprechenden Urteil des Richters {rbv 
Siy.atov) 1 Reg H, 82; (t^^^ äoaßrj) Ex 23. 7 ; Jes 5, 23; Sir. 42, 2 (auch hebr.), 

cf Clem. hom. XII, 27 ovs fiir cb^ diy.<ttovi diy.aicur^ ov^ i)e ojs ddixovi xma- 

Siy.d^oir. Von da ist der Übergang 1-icht gemacht zu der Bedeutung 
,.einem zu seinem Recht verhelfen" 2 Sara 15,4; Jes 5'), 8; Ps 82, 3. viel- 
leicht auch Jes 53, 11 (wo jedoch LXX unklar); Polyb. 3, 31. 9. Echtes 
Passivum ist ÖiymovoO-ai Sir 9, 12; 31, 5 = Xiphal .-:,?: (von LXX nie so 
tibersetztS im Sinn von „freigesprochen, für gerecht erklärt werden vom 
Richter-' Sir 23, 11 (hebr. fehlt); Mt 12, 37; Rm 2, 13; 1 Kr 4. 4; wohl auch 
Lc 18, 14; ohne deutliclie Vergegenwartigung eines Gerichtsverfahrenj; Mt 
11. 19; Lc 7. 3); Jk 2, 21. 24. 25, auch AG 13, 39; Rm 6, 7 losgesprochen 
werden von einer Verpflichtung. 

8') Öiy.ntoian-fu = pyi Gen 38, 26 gerecht sein; Jes 45, 15 gerecht 
werden, Gerechtia;keit erlangen; Jes 43. 9. 26 Recht bekommen. In diesem 
Sinne von Gott P.s 51, 6; Sir 18. 2, auch von den Geboten Gottes Ps 19, 10 
präiicirt. — Am weitesten von der ursprünglichen pas.«iven Bedeutung 
entfernt und daher in der Überlieferung zurückgedrängt erscheint li/xrti^'/iV?;^^ 
opp. ddtyrjiidKo A]) 22, 11 cf Eu*. h. e. V, 1, 58; Cypr. test. III, 23 jnstiora 
faciat. — Der intransitive Gebranch des Passivs winl wegen des Gleich- 
laut? der meisten Formen mit dem Medium meist erst im Aorist offenbar 
(z. ß. BXvjiridqi')^ cf jedoch i'f.ax-tovadui opp. av^dieif Jo 3, 3Ü, Trvoovad-cu 



126 r>ie innere Freiheit der echten Judenchristen vom Gesetz. 

haupt dn, wo er von dixaioCoO^at als einem diesseitigen Vorgang 
dos religiösen Lebens redet, diesen als einen gerichtlichen Akt und, 
sofern Gott dabei als hnndeludes Subjekt gedacht oder genannt ist 
(Rm 3, 26. 30; 4, 5; 8, 30. 33; Gl 3, 8), diesen als den, einen 
Menschen für gerecht erklärenden, von Schuld und Strafe frei- 
sprechenden, Richter vorstellt. Unanwendbar ist diese Vorstellung 
jedenfalls dn, wo Gott selbst als der genannt ist, welcher gerecht- 
fertigt wird oder werden soll Rra 3, 4 cf Sir 18, 2; Mt 11, 19. 
Zweifellos dagegen greift sie da Platz, wo öi/.aiOioO^UL das Schicksal 
des (Gerechten im Endgericht bezeichnet (Rm 2, 13); denn dabei 
ist keine andere Form denkbar, in welcher einer die Stellung 
eines Gerechten erlangen sollte, als das freisprechende Urteil des 
Richters, Dieser örAaiiooii haben nach PI auch die Christen noch 
hoffend entgegenzusehn (1 Kr 4, 5 f. ; Gl 5, 5). Wenn im Rm die 
Fassung von dixaioCoO^ai, wo es in bezug auf die diesseitige 
öiy.aiioaig gebraucht wird, im Sinn einer Gerechterkl.ärung oder 
Freisprechung durch den Richter dadurch nahegelegt ist, daß der 
Darlegung der Rechtfertigungslehre 3, 21 — 80 eine lebhafte und 
ausführliche Vergegenwärtigung des Endgerichts vorangeht 2, 2 — 3, 
19, so trifft das nicht auf den Gl zu. Und hier wie dort sind 
mit dieser Deutung mehrere der Verbindungen, in welchen PI 
öiy.aiOLoO^ai gebraucht, unverträglich. Unanstößig wäre ör/MioCr oder 
-ovoi>ui h. TtioTtiog Gl 2, 16*" ; 3, 8. 24 ; Rra 3, 30'' ; 5, 1 und t^ tQywv 
Gl 2, 1 6 (dreimal) : Rra 3, 20 ; 4, 2 ; denn Glaube oder Werke könnten 
als dasjenige Verhalten des Menschen gedacht werden, in folge 
wovon der Richter sein freisprechendes, den Menschen für gerecht 
erklärendes Urteil fällt (Mt 12, 37), obwohl es natürlicher und der 
Analogie entsprechender wäre, durch y.axä Tliotiv oder iQya das 
eine oder andere als das für den Richter Maßgebende zu bezeichnen 
cfRm2, 6; 1 Kr 3, 8; Mt 9, 29; 16, 27. Ganz unvollziehbar aber ist 
die Vorstellung, daß der freisprechende Urteilsspruch des Richters 
durch die in Christus vorhandene Erlösung als das Mittel Rm 
3, 24, oder im Blute Christi Rm 5, 9 oder vermittelst des 
Glaubens (dm /z^g) nioTHog G\ 2, 16«; Rra 3, 30"; cf Rm 3, 22; 
Phl 3, 9 ; TTiOTU Rm 3, 28) erfolgen sollte, während doch die 
Erlö^uiigstat Cljribti und der Glaube des Menschen vielmehr Vor- 
aussetzungen und Gründe sind, welche den Richter zu einem 
günstigen Urteil bestimmen könnten, also durch öid c. acc. mit 
dr/.aiOLOx}ui zu verbinden wären. Ebenso unvereinbar mit eigent- 
lich passiver Fassung und mit der Vorstellung einer Freisprechung 
seitens des göttlichen Richters ist der Ausdruck dixaioCoO-ai naget 
Tö) i>tö) Gl 3, 11 oder IvMTiiov ahov Rm 3, 20, statt dessen es 
vjxb oder jtaQCt xov i^tov heißen müßte. Es liegt auf der Hand, 

1 Kr 7, 9, wo weder an ein Medinm, noch an ein den Zustand oder die Ver- 
änderung desselben bewirkendes Subjekt zu denken ist. 



c. 2, 15-21. 127 

daß in solchen Verbindungen das im Diesseits denkbare oder wirk- 
lich stattfindende dixaioCoO^ai heißt: ein ör/Miog 7iaQU 0-tö) (Rra 
2, 13), ein Gerechter in (Jottes Augen werden. Sofern Gott dabei 
als der Handelnde bezeichnet wird (Rm 3, 26. 30; 4, 5; 8, 33, im 
Gl nur 3, 8), ist damit gesagt, daß Gott dem an eich sündigen und 
sogar gottlosen Menschen (Gl 2, 15; Rm 4, 5 ; 1 Tm 1, 13 — 16) 
zu der Stellung und Geltung eines Gerechten in seinen Augen 
verhilft, diese Stellung ihm als ein Geschenk verleiht (öioQtav ttj 
avTOÜ xö^QLTL Rm 3, 23). Damit ibt aber auch schon gesagt, daß die 
diesseitige ör/iaicüOig nicht tatsächliche Verwandlung eines 
Sünders in einen Gerechten, nicht Einflößung der Tugend ist, welche 
man dr/.aioovvr] nennt. Diese Auffassung ist, auch abgesehen von 
dem Zusammenhang der paulinischen Darlegungen der Recht- 
fertigungslehre, schon darum unannehmbar, weil sie sich nicht ver- 
trägt mit der Verbindung ör/.aioüoO-aL t^ egyiov, mag dies ver- 
neint oder behauptet werden (Gl 2, 16 dreimal, Rm 3, 20 ; 4, 2; 
Jk 2, 21—26 cf Eph 2, 8f. ; Tt 3, 5); denn die sittliche Eigen- 
schaft der Gerechtigkeit kann nicht als Folge von Handlungen des 
in Rede stehenden Menschen gedacht werden, sondern ist entweder, 
als Gesinnung und sittliche Kraft gedacht, Voraussetzung gesetz- 
mäßiger und überhaupt gerechter Handlungen, oder, als sittliches 
Verhalten gedacht, identisch mit solchen Handlungen. Es be- 
zeichnet also das diesseitige dixaioüO&aL bei PI eine Ver- 
änderung nicht der sittlichen Qualität und des 
sittlichen Verhaltens, sondern des Verhältnisses 
des Menschen zu Gott. Auch die Juden, welche nicht 
in dem Sinn und der Art wie die Heiden Sünder sind, ge- 
winnen die Stellung von Gerechten bei Gott und damit das nor- 
male Verhältnis zu Gott nicht in folge eigener Leistungen, insbe- 
sondere nicht durch Handlungen, welche den Geboten des mosai- 
schen Gesetzes entsprechen, sondern in folge des Glaubens an 
Jesus den Christ und zwar in unmittelbarer Folge desselben oder 
durch denselben, also in und mit dem Akt des Gläubigwerdens. 
Ein anderer Ausdruck dafür ist öi'/.auol}T]vaL kv XqiotCo v. 17, 
wozu den Gegensatz bildet Iv vdiiuj dr/MLOCoO^ai 3, 1 1 ; 5, 4. 
Indem die Juden, welche jetzt Christen sind, an Christus gläubig 
wurden, traten sie in eine so innige Beziehung zu Christus, daß 
man das Ergebnis dieser Stellungnahme ebensowohl ein Sein und Leben 
in Christo (Rra 6, 1 1 ; 8, 1 ; 2 Kr 5, 17 ; Gl 1, 22 ; 3, 26 — 28) als ein 
Sein und Leben Christi in den Glaubenden nennen kann (Gl 2, 20). 
Da aber das Gläubigwerden der geborenen Juden von vornherein 
darauf gerichtet war, durch den Glauben an Christus die Gerechtig- 
keit vor Gott zu erlangen (v. 16^ tVa xiA.), so kann ihr Gläubig- 
werden auch als ein CrjT€lv öix. sv Xq. bezeichnet werden. Eben 
damit aber wurden auch sie (xai avtoi), nämlich sie ebensogut wie 



128 D'C innere Freiheit der echten Judeuchristeu vom Gesetz. 

die Heiden ob sind, mögen diese gläubig werden oder nicht (v. 15), 
als Sünder erfunden. "*) Sie selbst haliou durch ihr Glnubigwerden 
an Clirisius, sofern dieses von dem Bewußtsein begleitet war, daß 
dies für sie der einzig mögliche Weg zur Gerechtigkeit sei, kou- 
stiitirt und belcHnnt, daß sie sogut wie die Heiden Sünder seien, 
und es bat sich dies für jedermann, der von ihrer Bekehrung zu 
Christus {.riOifCaai il^ A'().) samt den sie dabei leitenden Erkennt- 
nissen und Alisichten einige Kenntnis hat, hernusgestellt. Wenn 
sie es selbst vergessen sollten, brauchen sie sich nur auf ihr Gläubig- 
werden zu betiiinen, so finden sie wieder, daß sie nichts anderes 
waren und von sich aus nichts anderes sind, als Sünder, wilche 
unverdienter Weise vor Gott gerecht geworden sind. Da also das 
durch tr^JOivTfg xtA. näher bestimmte eigeD^r^iev y.al aitol ä^iag- 
tni).oi mit dem i/ctoitioautv v. 16 nicht nur zeitlich, sondern auch 
sachlich zusammenfällt, und da in der Frage, welche den Naclisata 
bildet, kein av steht, so wird hier nicht ein unwirklicher Fall ge- 
setzt, Rondern das, was den jüdischen Christen bei ihrer Bekehrung 
widerfahren ist , zur Voraussetzung einer Folgerung gemacht, •*) 
welche von anderer Seite daraus gezogen werden könnte und ge- 
zogen wurde, von PI aber als unberechtigt zurückgewiesen wird. 
Wie überall, wo PI derartige Folgerungen aus seinen vorangehenden 
Behauptungen oder auch längeren Ausführungen in Form von 
Fragen, die er mit einem entschiedenen (.iij yivoiro verneint, sich 
in den Weg wirft, redet er nicht seine eigene Sprache, sondern 
die Sprache derer, welche die Frage bejahen, d. h. aus seiner Dar- 
legung die törichte oder lästerliche Konsequenz ziehen, oder doch 
dazu geneigt sein möchten, um seine Darlegung zu widerlegen 
(Gl 3, 21; Rm 3, 5 ; 6, 1. 15; 7, 7. 13; 9, 14). Daraus, daß ge- 
borene Ju'len, die als solche nicht ohne einen Schein des Hechtes 
von ihrer Bekehrung zu Chribtus auf die Heiden als Sünder herab- 
blickten, nach der Behauptung des PI gerade in und mit ihrem 
Gläubigwerden an Christus als Sünder sich herausstellten, auf den 
Standpunkt von Sündern herabgedrückt wurden, die in dieser Be- 
ziehung nichts vor den Heiden voraushaben (l Tm 1, 15f. ; Phl 3, 7ff. ; 

•*) Hofmann, der in 1. Aufl. ein zweites einid-rjuev ergänzt wissen 
wollte, welches mit y-ai ftiirol äunproi/Mi verbunden den Nachsatz bilden 
füllte, bat dies zwar in 2. Aufl. S. 31 fallen lassen, dafür aber y.ni aiuoi 
äunoiaj).ui = „Und an uud für uns selbst Sünder"' neben Cr,Tovi^ei von 
evoiitr^utp abhängen lassen, wogegen die Stellung des Prädikats zwischen 
den beiden überdies formell so ungleichartigen Begriffen ^rj-ioiviee n-tX. und 
äfiaoiiiii.oi eiit'^cheideii dürfte. 

**) Es läCt sich kaum entscheiden, ob hier ?Lon als Fragwort oder wie 
2, 21; 3. 29; Mt 12. 2K hinter Bedingungssatz als Folgerun^^spartikel fion 
zu schreiben ist cf BUL* ij 440, 2: 4.')l, 2. Daß eine Frage vorliegt, welche 
in letzterem Fall nur durch den Ton als solche bezeichnet wäre, folgt aus 
ftri yitinxo^ und daü zugleich eine Folgerung vorliegt, ergibt sich auch 
«hne eine dies ausdrückende Partikel aus dem Verhältnis zum Vordersatz. 



c. 2, 16—21. 129 

Lc 18, 13. 14), glaubtun gewisse Leute, welche diese Behauptung 
des PI nicht gelten lassen wollten und den Unterschied zwischen 
gesetzestreuen Juden und Sündern aus den Heiden für nichts 
weniger als einen leeren Schein hielten, folgern zu dürfen, daß 
dann Christus ein Diener von Sünde sei. Jkxkovoc, mit einem 
(Jen. der Sache (2 Kr 3, 6; 11, 15; Eph 3, 7 ; Kl 1, 23) entspricht 
nicht einem öia'Aovtlv %ivi, sondern einem dLa/.ovtlv ti (1 Pt 1, 12; 
4, 10; 2 Kr 3, 3; 8, 19 f. cf diaMvia c. gen. 2 Kr 3, 7—9; 5, 18) 
d. h. als Diener etwas beschaffen oder für einen anderen etwas 
besorgen und es ihm vermitteln. Es fragt sich nicht darum, ob 
Christus in seinem Leben, Wirken und Sterben ein öidx.ovog äuag- 
Tit)Xii)V gewesen sei, was PI niemals in Abrede gestellt haben würde 
(Mt 20, 28; Lc 22, 27j. sondern darum, ob er den an ihn Glaubenden 
Sünde schafft und bringt. Wenn nach PI Christus diejenigen Juden, 
die auf seine Selbstbezeugung hin an ihn gläubig wurden, eben 
damit in die Stellung von armen Sündern versetzt, aus frommen 
Juden Sünder wie die Heiden gemacht hat, so erweist er sich als 
einer, welcher den Menschen zu einem sündigen Zustand verhilft, 
die Sünde fördert und vermehrt. So absurd und blasphemisch 
argumentirt aber nicht PI, sondern ein Gegner, dessen Einwendung 
gegen die voranstehende Beschreibung des Gläubigwerdens PI zu 
Worte kommen läßt, um sie abzuweisen. Es blickt deutlich genug 
die Verdächtigung durch, daß PI diese Theorie von der Recht- 
fertigung aus und durch Glauben an den Sünderheiland nur er- 
sonnen habe, um sich und andere von der Verpflichtung zu einem 
heiligen Lebenswandel zu entbinden cf Rm 6, 1. 15. Wer aber ist 
dieser Gegner? Jedenfalls nicht Pt in Antiochien. Denn dieser 
hat dort nicht eine der Darlegung v. 15 — 16 widersprechende 
Ansicht von den Beweggründen und Absichten vorgetragen, von 
welchen geleitet er und die Brüder aus Israel an Christus gläubig 
geworden sind, sondern hat, ebenso wie nach ihm Barn und die 
anderen Judenchristen in Antiochien, im AViderspruch mit seiner 
längst gewonnenen und anfangs auch in Antiochien von ihm be- 
tätigten Überzeugung, daß die pünktliche Beobachtung des Gesetzes 
für ihn und seinesgleichen unverbindlich sei, wo höhere Interessen 
die Nichtbeachtung fordern, in einer schwachen Stunde so ge- 
handelt, als ob ihm jene Überzeugung noch fehlte. Und weit ent- 
fernt, zu einer dialektischen Erörterung der letzten Gründe ihres 
gemeinsamen Christenstandes mit PI aufgelegt zu sein, hat er dessen 
herbe Rüge schweigend über sich ergehen lassen, wenn PI v. 11 — 14 
auch nur einigermaßen wahrheitsgemäß berichtet hat. Auch darum 
ist nicht daran zu denken, daß die Anrede an Pt in v. 15 f. sich fort- 
setze. Ausgeschlossen sind aber auf alle Fälle auch die sämtlichen 
rtufiichtigen Christen in Israel, deren Erfahrung PI, sich mit ihnen 
znsanimenfassend, vielleicht in idealem Licht, doch aber sicherlich bona 
Zshn, Oalatorbrief. 3. Aufl. 9 



130 IMe innere Freiheit der echten Judenchristen vom Gesetz. 

fide darstellt. Es bleiben nur die /raQeioaxzoi ip£vödöeX(pot übrige 
gegen welche der ganze Gl und besonders c. 1 — 2 gerichtet ist, 
die Partei der Judaisten, vor vtrelchen Pt in Antiocbien zurück- 
gewichen war, welche das Apostelkouzil notwendig gemacht hatten, 
uud welche jetzt durch ihre Sendlinge die gal. Gemeinden beun- 
ruhigten. Da diese Leute nach PI den Namen von Brüdern mit 
Unrecht tragen (2, 4), paßt auf sie die Beschreibung des Gläubig- 
werdens v. 15 — 16 natürlich nicht. Als (legner des PI und der 
durch ihn herbeigeführten kirchlichen Zustande bestreiten sie deren 
Voraussetzungen. Sie haben sich durch ihre angebliche Bekehrung 
zu Christus nicht als Sünder bekannt und haben nicht in der Er- 
kenntnis, daß auf gesetzlichem "Wege keine Gerechtigkeit zu er- 
langen sei, zu Christus ihre Zuflucht genommen, sondern behaupten, 
daß nicht nur sie selbst und alle geborenen Juden, sondern auch 
die Heiden das Gesetz beobachten müssen, um vor Gott gerecht 
dazustehen und des durch Christus erworbenen Heils teilhaftig zu 
werden. Von diesem Standpunkt aus konnten sie sagen, PI mache 
durch seine Theorie und Praxis Christus zu einem Handlanger und 
Förderer der Sünde statt zu einem Prediger und Verbreiter der 
Gerechtigkeit. — "Wenn hinter dem gewichtigen /.li] yevono ein Satz 
mit yÜQ [v. 18] folgt, kann dieser natürlich nicht eine Erläuterung 
oder Begründung der in Frageform ausgesprochenen unberechtigten 
Folgerung eines Gegners, sondern nur der entschiedenen Abweisung 
derselben durch den Apostel bringen cf ßm 9, 14; 11, 1; Gl 3,21. 
Aber nicht der Satz an sich, daß Christus ein Sündendiener sei, 
war durch /ny ylvoizo mit Entrüstung zurückgewiesen ; und nicht 
die Verneinung dieses Satzes für sich, den ja die Judaisten ebenso- 
wenig wie PI als Ausdruck ihrer eigenen Meinung aussprechen 
konnten, bedarf der Begründung. Verneint war vielmehr die Be- 
hauptung, daß PI durch seine Beschreibung des Gläubigwerdens 
der echten Christen aus Israel v. 15 — 16, welche in dem Be- 
dingungssatz V. IT'* nur auf einen anderen, zugespitzten Ausdruck 
gebracht war, Christus zu einem Sündendiener mache. Dem ent- 
spricht es, daß PI, der bisher sich mit allen wahren Judenchristen 
in ein wir zusammengefaßt hatte, nun v. 18 in der Rechtfertigung 
seines //»^ yeroiro in die erste Person des Singulars übergeht und 
bis V. 21 dabei beharrt. „Keineswegs mache ich Christus zu einem 
Sündeudiener ; denn wenn ich eben das, was ich niederriß, wieder 
aufbaue, stelle ich mich selbst als einen Übertreter dar." **) Schon 

*^) Von den hantigen Gegenüberstellungen von bauen und nieder- 
reißen (Ps 28, 5; Koh 3, 3; Sir 31 (al. 34), 23 (al. 28); 2 Kr 13, lOj könnte 
am ersten noch Jo 2, 19; Mr 14, 68 in einen inneren Zusammenhang mit 
Gl 2, 18 gebracht werden. [Lütg. S. 35 ff. sieht in v. 15—21 eine Selbst- 
verteidigung des PI gegenüber "Vorwürfen, die in den gal. Gemeinden gegen 
ihn erhoben wurden und deren Inhalt in v. 18 sicli widerspiegelt: PI baut 
wieder auf, was er eingerissen hat. Gegenwärtig tut er das (praes. olxoS.). 



c. 2,15-21. 131 

aus dieser nur formalen Skizze des Gedankenzusammenhangs ergibt 
sich, wie wenig das Wort vom Zerstören und Bauen auf das wider- 
tjprucbsvolle Verhalten des Pt in Antiochien paßt und in eine An- 
rede an Pt hineinpaßt. Ganz abgesehen davon, daß man das 
vorübergehende Schwanken des Pt billiger Weise nicht wohl ein 
Wiederaufbauen des vorher von ihm niedergerissenen Gebäudes 
nennen konnte, und daß Pt, wie gezeigt, nicht der Gegner sein 
kann, dessen Trugschluß PI v. 17 anführt und abweist, hätte PI, 
um so verstanden zu werden, schreiben müssen: „nicht ich mache 
Christus zu einem Sündendiener, sondern du stellst dich selbst als 
einen Übertreter dar". Vielmehr derselbe PI, welcher sich bisher 
mit den anderen, gleich ihm unter dem Gesetz großgewordenen 
Christen zusammengefaßt hatte, nun aber einen Einwand gegen 
seine individuelle Beschreibung der Voraussetzungen, Motive und 
Absichten ihrer Bekehrung zu Christus abgewiesen hat, spricht 
V. 18 von seinem eigenen gegenwärtigen A'erhalten und zwar, da 
er auch vorher von sich geredet hatte, ohne ein iycö. Nicht seine 
Person im Gegensatz zu andern, sondern die Identität dessen, was 
er früher zerstört hat, nun aber wieder aufbaut, ist durch das nach- 
trägliche zaCra betont. Diese Aussage ist aber eine hypothetische. 
Es fragt sich also, ob die Bedingung zutrifft, oder es lifgt viel- 
mehr am Tage, daß sie bei PI nicht zutrifft ; daß hier vielmehr 
einer der zahlreichen Fälle vorliegt, wo durch ein ti c. ind. praes. 
ein nicht Wirkliches als wirklich gesetzt wird (Bd I*, 238 A 7). 
Denn PI kann nicht zugeben, daß er in der Gegenwart wieder 
aufbaue, was er vorher zerstört hat ; und wenn er es zugeben 
müßte, würde er damit nicht seine Behauptung rechtfertigen, daß 
er Christus keineswegs zu einem Sündendiener mache. Ebenso- 
wenig kann er zugeben, daß er durch ein gegenwärtiges Tun sich 
selbst als einen TJbertreter darstelle. Ewiardvai oder awiardveiv 
(oiriOTarcü ist hier besser bezeugt als ouviorrui) heißt nicht, wie 
ivöei/.VLod'ai, eine ohnedies innerliche Eigenschaft oder Gesinnung, 
die man selbst hat, durch die Tat beweisen und erzeigen, sondern 
eine ohnedies zweifelhafte oder verborgene Sache oder Person ins 
Licht btellen (Rm 3, 5), daher oft empfehlen, herausstreichen (Rm 16, 
1; 2 Kr 3, 1; 4,2; 5, 12; 10, 12. 18), mit doppeltem Akk. eine 
Sache oder Person so beleuchten, daß sie als das, was der zweite 

Es sind die Pnenmatiker, die ihm das vorwerfen, weil er noch halb am 
Gesetz hänge. Aber wenn .-rä/ir oiy.o!^oiiti Aufnahme eines gegnerischen 
freigfcistigen Vorwurfs Aväre, müßte dann die Fortfiihrnng' des Gedankens 
nicht vielmehr lauten: vielmehr aber bin ich durchs Ges. dem Ges. ge- 
storben? Ni<ht ynn sondern bi wäre dann zu erwarten. Man könüte bei 
rr. oiy.oS. an ein Wort der Judaisten denken, welche auf die Beschneidang 
des Tit hinwiesen und nicht im Ton de-< Vorwurfs sondern des Triumphs 
erklärten: früher hat er nur niedergerissen; nun gibt er selbst zu, daß die 
Beschneidung etwas wertvolles ist, s. auch u. S. 137.] 



132 r>ie inuere Freiheit der echten Judenchristen vom Gesetz. 

Akk., daa Objektsprädikat angibt, deutlicb zu erkennen ist.") 
V\ sagt also nicbt, daß er in dem angenommenen Fall in und mit 
meinem Handeln, seinem nci/ur nixnöoueiv eine Übertretung be- 
gehe und in diesem Sinne sich als Übertreter darstelle, was auch 
keineswegs einleuchtet, da ein Wiederherstellen von etwas, was 
man törichter oder sündhafter "Weise zerstört hat, in sehr vielen 
Fällen ein pflicbtmäßiges und tugendhaftes Handeln ist, sondern daß 
er durch sein Wiederaufbauen des von ihm selbst Zerstörten sich 
selbst in die Beleuchtung eines Übertreters stelle. Er spricht 
■ lurch sein Wiederaufbauen über sich selbst das Urteil, daß er ein 
Übertreter sei oder vielmehr gewesen sei ; denn dasjenige Handeln, 
welches man durch ein Handeln als Übertretung kennzeichnet, 
kann nicht mit letzterem identisch sein. Also durch sein Wieder- 
aufbauen gibt er deutlich zu erkennen, daß sein früheres Ab- 
brechen eine Übertretung war. Weder das eine noch das andere 
tut PI oder hat er getan ; darum trifft ihn auch das Urteil nicht, 
daß er durch sein gegenwärtiges Handeln oder Lehren sein eigenes 
früheres Handeln oder Lehren als Übertretung charakterisire. Da 
er an Christus gläubig wurde, hat er allerdings mit seiner früheren 
Lebensrichtuug gebrochen, hat das Gebäude gesetzlicher und phari- 
säischer Gerechtigkeit abgebrochen cf Phl 3, 4 — 11. Wenn er 
dieses in der Gegenwart wiederaufbaute, würde er dadurch seine 
Bekehrung zu Christus als eine Übertretung des Gesetzes verurteilen 
und sich, sofern er den gesetzlichen Weg verlassen und auf dem 
Weg des Glaubens an Cliristus Gerechtigkeit gesucht und gefunden 
hat, als einen Übertreter brandmarken. Dann allerdings, aber auch 
nur dann "*) könnte man sagen, daß er durch seine Darlegung der 
Bekehrung zu Christus, als untrennbar verbunden mit dem Ver- 
zicht auf gesetzliche Gerechtigkeit, Christus zu einem Sündendiener 
mache ; denn, die Richtigkeit dieser Darstellung vorausgesetzt, trüge 
Christus in der Tat die Schuld daran, daß ein gesetzestreuer 
Israelit durch sein Gläubigwerden an ihn nicht nur ein Sünder 
80gut wie die Heiden, sondern ein bewußter Übertreter des Ge- 
setzes geworden wäre. Da nun jedermann weiß, daß PI das nicht 
wiederaufbaut, was er niedergerissen hat, als er an Christus gläubig 
warde, so trifft ihn und den Christus, welchen er predigt, der 

'■^) Cf Philo, quis rer. div. heres § 52: uicht nur die Erzählung von 
der Ekstase Abrahams Gen 15, 12, sondern auch die ausdrückliche Be- 
nennung als Prophet Geu 20, 7 avuiarijaii^ aixbv nffOf^Tqv. Cf 2 Kr 7, 11 
mit zat^esetztem *//««. 

*^) Ganz ähnlich wird Gl 3, 21 die Abweisung einer angeblichen 
Konsequenz in der Form begründet, daß ein notorisch unwirklicher Fall 
gesetzt und gesagt wird, dali in diesem Fall die abgewiesene Konsequenz 
berechtigt wäre. Auch dort würden wir das logische Verhältnis noch dent- 
lioher zu machen geneigt sein: „nur dann, wenn . . . .; da aber die Be- 
dingung nicht erfüllt ist, in der Tat nicht". Cf auch 2, 21. 



c. 2, 15—21. 133 

Vorwurf nicht, dessen er sich hier zu erwehren hat. Der Beweis 
ist kurz, aber treffend ; es befremdet jedoch die indirekte Art der 
Beweisfülirung sowie die sprachliche Form, welche an sich eben- 
sogut einen wirklich vorliegenden Fall bezeichnen könnte. PI 
würde nicht so reden, wenn es nicht Christen gäbe, von denen 
man sagen kann, daß sie eben das wiederaufbauen, was sie zer- 
stört haben. Es sind eben die, von deren Seite er den abge- 
wieseneu Einwand gegen seine Darlegung erwartet oder aucli ge- 
hört hat. Sofern ihre Bekehrung zum Glauben an Christus nicht 
reine Heuchelei war, müssen auch sie anerkennen, daß ihr Ver- 
hältnis zum Gesetz durch ihr Gläubigwerden ein anderes geworden 
ist. Die Judaisten jener wie der späteren Zeit haben nie be- 
stritten, daß die Erscheinung Christi für sie wie für die Heiden 
notwendig gewesen sei, damit sie der Seligkeit teilhaftig würden, 
insbesondere auch nicht, daß die christliche Taufe ihnen Sünden- 
vergebung vermittele. *"•) Sie konnten auch nicht leugnen, daß sie 
schon durch die Feindseligkeit der Juden vielfach gehindert waren, 
sehr wesentliche Stücke des Gesetzes zu beobachten (cf 5, 13), und 
daß sie in ihrer Zugehörigkeit zu Christus einen Ersatz für alles 
das zu haben meinen, was ihnen an gesetzlicher Gerechtigkeit ab- 
gehe. Durch ihr Bekenntnis zu Christus und durch ihre Predigt 
des Ev. wie sehr dasselbe von dem echten Ev Christi abweichen 
mag (1, 6 f.), haben sie aufgehört, reine Juden zu sein, die auf 
dem Wege der Gesetzeserfüllung gerecht zu werden trachten. Wenn 
sie daher hinterdrein die Beschneidung der Heiden und die Ge- 
setzesbeobachtung der Juden- und Heidenchristen als Bedingung 
der Gerechtigkeit und Seligkeit fordern, so bauen sie eben das 
wieder auf, was sie durch ihr Gläubigwerden an Christus zerstört 
haben. Es ist, als ob ihnen ihre Bekehrung zu Christus hinterdrein 
leid geworden wäre. Sie erklären durch ihre nachträgliche Wieder- 
aufrichtung des Gesetzes als eines wesentlichen Mittels zur Ge- 
rechtigkeit vor Gott ihre frühere Bekehrung zu Christus und die 
damit gegebene innere Loslösung vom Gesetz für einen Abfall vom 
Gesetz und sich selbst für Übertreter des Gesetzes. Der Vorwurf, 
welchen sie gegen PI erheben, daß er Christus zu einem Ver- 
anlasser der Sünde mache, trifft sie mit viel größerem Recht, wenn 
man ihre ehemalige Annahme des christlichen Bekenntnisses mit 
ihrem jetzigen Dringen auf die Herrschaft des mosaiechen Gesetzes 
im ganzen Umkreis der Christenheit zusammenstellt. Aus dem 
Gegensatz zu diesen Leuten erklärt es eich auch, daß PI v. 19 
mit einem betonten ich {iyw) dazu übergeht, zu erklären, wie er 
seinerseits zu seiner inneren Unabhängigkeit vom Gesetz gelangt 

•») Clem. hom. VIII, 22; XVII, 7 cf IV, 13; XI, 23-26; recogn. VI, 
7—9; I, 39. 48. 54. 63. 69; da besonders auch die Taufe als Ersatz für die 
aDgeblich von Christus verworfenen Opfer. 



134 r>ie iunere Freiheit der echteu Jinleuchristcn vom Gesetz. 

sei. Daß er nur iu dem unwirklichen Fall, der bei nudern Christen 
jüdischer Herkunft eher noch zutreffen möchte, also in Wirklich- 
keit nicht veranlaßt sei, seine Rekehrung als eine Übertretung des 
(lesetzes zu betrachten, erkliirt er durch den Satz: ,,denn ich bin 
durch Gesetz dem (besetz gestorben, damit ich Gott lebe". Artikel- 
los ist auch hier zweimal yotCoi; gelassen (oben S. 123 A 60), 
weil im (legensatz zu der gesetzwidrigen Art, in welcher PI nach 
Ansicht der Gegner seine Gesetzesfreiheit gewonnen hat, betont 
werden soll, daß es dabei gesetzmäßig zugegangen ist. Dieser 
Gegensatz erfordert aber auch, daß röitog beide ilale dasselbe, das 
mos. Gesetz bezeichne; denn abgesehen davon, daß eine Unter- 
scheidung zweier verschiedener Gesetze ausgesprochen sein müßte 
(cf Rm 3, 27; Gl 6, 2), würde Emancipation von diesem Gesetz 
vermöge eines anderen Gesetzes darum nicht weniger eine Über- 
tretung des ersteren sein, solange nicht nachgewiesen ist, daß das 
mos. Gesetz, dessen Übertretung in Praxis und Theorie (AG 21, 21) 
dem PI zum Vorwurf gemacht wurde, jenem andern Gesetz unter- 
geordnet sei und seinerseits auf dieses andere Gesetz als ein höheres 
hinweise und Gehorsam gegen dasselbe fordere, lauter Gedanken, 
■welche an sich richtig sein mögen, hier aber durch nichts auch 
nur angedeutet sind, also auch dem Leser fern bleiben mußten. 
Die Frage aber, inwiefern das mos. Gesetz dem PI ein Mittel ge- 
worden ist, von ihm loszukommen, läßt sich nicht dem folgenden 
V. 20* entnehmen ; denn selbst wenn dieser durch ein yccQ als Er- 
läuterung des dunkeln v. 19 angeknüpft wäre, würde man in v. 20* 
vergeblicli nach einem Gedanken suchen, welcher zeigte, daß das 
vöiKit ärcoO^avtlv des PI öia vöj.iov erfolgt sei. P^in solcher würde 
nur dann vorliegen, wenn gesagt wäre, daß Christus durch An- 
wendung des mos. Gesetzes in den Tod gebracht, damit zugleich 
aber aus der mit seiner Geburt begonnenen Unterordnung unter 
das Gesetz (4, 4) befreit worden sei, und daß darum das Gleiche 
von dem gelte, welcher in irgend welcher Weise nachträglich am 
Tode Christi beteiligt worden sei, was alles nicht gesagt ist und 
nicht aus anderen, jüngeren Briefen des PI (z. B. Rm 7, 4; 6, 2 f.) 
stillschweigend ergänzt werden kann. Dahingegen ergibt sich eine 
befriedigende Antwort aus v. 16 f. Ist die Erkenntnis, daß man 
nicht in folge von Gesetzerfüllung gerecht werde, und das Bewußt- 
sein, trotz Besitz und Kenntnis des Gesetzes ein strafwürdiger 
Sünder zu sein, für den echten Christen aus Israel der entschei- 
dende Beweggrund gewesen, den Weg der Gesetzesbeobachtung als 
iüttel zur Gerechtigkeit zu verlassen und den Weg des Glaubens 
an Christus zu beschreiten, so ist für einen solchen Christen das 
Gesetz auch ein llittel gewesen, vom Gesetz loszukommen. Denn 
wodurch anders als durch das Leben unter dem Gesetz und durch 
die vergebliche Bemühung, es zu erfüllen, also öia vötiov hat er 



c. 2, 15—21. 135 

die erfahrungsmäßige Erkenntnis gewonnen, die ihn zum Glauben 
an Christus trieb cf Rra 3, 20 ; 7,7? Da aber, was gleichfalls 
V. 16 gesagt war, das (iläubigwerden an Cliristus mit dem bewußten 
Verzicht auf ein zukünftiges Gerechtwerden in folge von Gesetzes- 
werkeu gepaart war, so hat eben damit auch das ^r]»' rCb v6(.uo 
aufgehört. Darum kann der in dem beschriebenen Sinn an Christus 
gläubig gewordene Jude sagen : vöiuo &7iid-avOY. Für das Gesetz, 
dem sein Leben bis dahin zugewendet und gewidmet war, '*^) und 
zwar mit dem Wunsch und der Hoffnung, durch seine Erfüllung 
gerecht zu werden ist er in demselben Sinn, in welchem er vorher 
ihm lebte, gestorben, da er an Christus gläubig wurde. Es ge- 
schah dies aber nicht zu dem Zweck, daß er fortan ein durch kein 
Gesetz eingeengtes Leben der IJngebundenheit führe oder sich 
selbst lebe, sondern daß er ein Gotte zugewandtes und geweihtes 
Leben führe. Wie das Mittel ein, wie gerade die Gegner aner- 
kennen müssen, heiliges war, so ist es auch der Zweck. Dies wird 
V. 20 noch deutlicher gemacht durch eine inhaltreichere Beschrei- 
bung sowohl des Sterbens, welches nun als ein vollendetes, in 
seiner Wirkung fortdauerndes Ereignis betrachtet wird (cf 6, 14, 
dagegen Aorist Rra 6, 6 ; 7, 4), als auch des Lebens, in welchem 
er seither steht. Der Tod, den er erlebt hat, ist ein Mitgekreuzigt- 
werden mit Christus gewesen, also eine derartige nachträgliche 
Beteiligung an dem Kreuzestod Christi, daß es zu einem Abbruch 
des früher geführten Lebens gekommen ist (Rm 6, 6). Wie das 
geschehen ist und inwiefern damit eine Lösung des Verhältnisses 
zum Gesetz gegeben ist, wird im Gl nicht entwickelt cf dagegen 
Rm 6, 1 — 14; 7, 1—6; 2 Kr 5, 14—17. Das Leben aber, dessen 
er sich seither erfreut, hat nicht mehr, wie es früher der Fall war, 
— denn nur im Gegensatz hiezu ist ov^iri zu verstehen cf Rm 
7, 17, 20 — sein Ich zum eigentlichen Subjekt, sondern Christus 
ist 68, der dieses Leben in ihm führt. '*'^) Der kühne Ausdruck und 



'"') Obwohl £!/>■, vivere mit persönlichem Dativ klassisch ist und auch 
die Verbindung mit sachlichem Dativobjekt sich in der Analogie des 
klassischen Sprachgebranchs hält, dürften doch moderne Wendungen wie 
„der Wissenschaft leben" nicht ohne den Vorgang der panlinischen Sprache 
sich eingebürgert haben. Vollends ä7to')rrjay.eir c. dat. der Person oder 
Sache, wie es PI gebraucht, um das Ende des einer Person oder Sache 
zugewendeten oder geweihten Lebens zu bezeichnen Km 6, 2. 10; 7, 4, ist 
ihm eigentümlich. In profaner Sprache würde dies heißen: zum besten 
oder zum Nachteil, Schmerz etc. einer Person oder Sache sterben. 

'•"') [Reitzenstein, Mysterienrel.*^ S. 60 sieht in unserm Vers einen 
besonders deutlichen Beleg dafür, wie PI ganz in der Weise der hellen. 
Mysterienrel. denke und empfinde. Er vergleicht Stellen, in denen der 
Myste zu Hermes spricht : iytb elui av, xal ab iy(ö. Aber wie der Ausdruck 
{iycj-mj = ei> ifioi) nicht derselbe ist, so ist auch der Gedanke verschieden, 
in der hellen. Mystik kommt es zu einer Verschmelzung der beiden Ich, 
während bei PI die geschichtliche Persönlichkeit des erhöhten Herrn die 



13t) I^ie innere Freiheit der echten Judenchristen vom Gesetz. 

Gedanke dieses Satzes findet schon in der starken Betonung de» 
beidemale vorangestellten ^ä> und Cj) eine gewisse Pirniäßigung. 
Was an wirklichem Leben in ihm vorhanden ist, ist nichts selbet- 
erzeugtes, von seinem autonomen Ich bestimmtes, sondern etwas 
von Christus gewirktes und geleitetes. Eingeschränkt wird jedoch 
der Gedanke ferner noch durch die Erinnerung an das, was bis 
dahin außer Betracht geblieben war, daß er nämlich nach wie vor 
seiner Bekehrung in der angeborenen leiblichen Natur, also unter 
Bedingungen, welchen der in ihm lebende Christus seit seiner Auf- 
erstehung entnommen ist, sein Leben zu führen hat. Das Cfjv Iv 
aagxi hat vorläufig nicht aufgeholt (Phl 1, 22), es ist auch jetzt, 
nach seiner Bekehrung, noch nicht nach allen Seiten ein Leben 
Christi in ihm; aber soweit sein Leben noch ein im Fleisch ver- 
laufendes, unter den Bedingungen des dermaligen leiblichen Lebens 
stehendes, also dem Leben Christi in ihm noch ungleichartiges ist, 
ist es doch zugleich ein Leben im Glauben und zwar in dem 
Glauben, welcher ein Glaube an Gott und an Christus zugleich ist. 
So nämlich wird nach gut bezeugter LA'') das Objekt des 
Glaubens hier angemessen bezeichnet, weil PI im Gege^ns-atz zu den 
Judaisten redet, die ihm vorwarfen, daß er vom Gesetz und damit 
zugleich vom Gott Israels abgefallen sei, und weil er andrerseits 
um desselben Gegensatzes willen das Unterscheidende des christ- 
lichen Gottesglaubens zu betonen hatte, was nicht zuläßt, daß er 
sein Verhältnis zu Gott fernerhin durch das Gesetz bestimmt sein 
lasse. Sein Gottesglaube ist auch ein Glaube an den Christus, 
welcher ihn geliebt und sich selbst ihm zu lieb dahingegeben hat. 
Weil Christus für alle gestorben ist, kann der Einzelne, der als 
Person zum Heil berufen wurde, die Liebe, welche Jesus während 
seines Erdenlebens zu den sündigen Menschen gehegt und in der 
Aufopferung seines Lebens bewiesen hat (Rni 8, 37), auf sich den 
Einzelnen beziehen. Besonders natürlich aber war diese Betrach- 
tungsweise für den, der sich dessen bewußt war, daß Christus 

führende Macht in seinem Innern wird. Vgl. zur Stelle Deißner, PI. u. die 
Mystik 8. Zt. S. 85 ff. 109. 119 ff.] 

") So 70V i%ov xa'i XoioTov BD*Ö dg Victor. (dreimal in der Ans- 
legnng deo et Christo, a Christo et a deo, dei et Christi, daher ist das 
p. 19 zuerst als Text gebotene filii dei et Christi mehr als verdächtig, eine 
sonst nur durch einige Hss des Komm, des Hier. Vall. p. 415 bezeugte, 
aber durch dessen Auslegung nicht bestätigte Mischlesart): alle anderen 
ToC vlov loC t'hov. So schon Marcion (der außerdem dyoodadv-ioi statt 
Aynnr^aainoi); Clem. strom. III § 106 etc. Die Änderung lag nahe, da die 
partizipialen Appositionen nur auf Christus paßten, Xpimov aber ohne 
eigenen Artikel unter den Artikel von lov ihov raitbefaßt zu sein schien, 
während es doch als Eigenname an dem folgenden mv (dyuTrtloftvTog) eine 
genügende Determination hat. Daß hier eine eigenartige Bezeichnung der 
Glanbensobjekte ursprünglich vorlag, wird auch durch das sonst entbehr- 
liche, aber textkritisch unangefochtene rft hinter TiioTti ^a bestätigt. 



c. 3, 1-5. 137 

selbst ihm sich enthüllt (1, 12) und ihn zum Heil wie zum Amt 
der Heilsverküiuligung berufen habe. Da aber die Selbethingabo 
Christi in den Toil die Sündhaftigkeit und AVeltverlorenheit derer, 
für welche er starb, zur V^oraussetzung hat (1, 4), so ist durch 
den Glauben an diesen Cliristus jeder Gedanke daran, durch eigenes 
Tun Gerechtigkeit und Leben erwerben zu sollen, ausgeschlossen. 
So zu denken, hieße die Gnade Gottes für ungiltig erklären 
und tatsächlich außer Geltung setzen. Wenn PI diesen Gedanken 
in die Form kleidet : „ich setze die Gnade Gottes nicht außer 
Geltung", so kann dies nicht dadurch veranlaßt sein, daß die 
Gegner, gegen weiche alles von v. 15 an gerichtet ist, ihm vor- 
warfen, was er hier von sich verneint; denn von ihrem Standpunkt 
aus wäre dieser Vorwurf völlig unbegreiflich. ''^'^) Vielmehr ähnlich 
wie V. 18, wenn auch nicht der Form, so doch der Sache nach, 
lehnt er hier von sich ab, was er eben damit den Gegnern nach- 
sagen will. Sie anuulliren die in der Selbstaufopferung Christi den 
Glaubenden dargebotene Gnade Gottes, indem sie trotz ihres Be- 
kenntnisses zu Christus das Gesetz als Weg und JUittel zur Ge- 
rechtigkeit anpreisen: „denn wenn, wie jene meinen, durch das 
Gesetz Gerechtigkeit (zu Stande kommt), so folgt, daß Christus 
umsonst '•^) starb". 



5. Überführung der Galater von der Grundlosigkeit und Ver- 
derblichi^eit ihres begonnenen Abfalls 3, 1—5, 12. 

Die 1,11 beginnende Selbstverteidigung des PI oder vielmehr 
Verteidigung des göttlichen Ursprungs und der Wahrheit des von 
ihm gepredigten Ev, welche in 1, 12 — 2, 14 durch Eichtigstelluiig 
der von den Judaisten in Gal. mißdeuteten und entstellten Tat- 
sachen seines Lebens geführt wurde, hat in 2, 15 — 21 einen er- 
gänzenden Abschluß gefunden in der Darlegung seines und aller 

"*) [Darum weist Lütg. S. 40 auch auf dies Wort hin als ein An- 
eeichen, dati der ganze Abschnitt eine Verteidigung gegenüber den Pncu- 
matikern sei. Nur aus ihrem Munde sei der Vorwurf gegen den halb- 
herzigen PI denkbar: er setzt die Gnade beiseite. Aber das Bestechende 
dieser Beobachtung verschwindet doch wieder, wenn mau den ganzen v. 21 
erwägt. Offenbar gipfelt die ganze Gedankenführung in 21'', das ist deut- 
lich ein Satz, der sich gegen judaist. Einwürfe wendet. So wird man, wie 
es oben der Text tut, auch 21* in diese Gedankenreihe einfügen müssen.] 

■'*) d'copeäi ursprünglich und gewöhnlich „geschenkweise, gratis" Mt 
10, 8; Rm 3, 24; geht in LXX als Übersetzung von c;n über in die Be- 
deutung „unverdientermaüen" „ohne Schuld des Betroftenen" 1 Sam 19, 5; 
Ps 69, 5 (=^ Jo 15, 25) cf 2 Th H, 8. aber auch „ohne Lohn" Gen 29, 15; 
Job 1, 9 cf 2 Kr 11, 7 und daher überhaupt ohne Gewinn und Erfolg, 
frusta, in cassion so hebr. c;n Prov 1, 17; D:n-hi^ Ez 6, 10 {eii Scu^edi) 
So hier. 



138 Gnindlosigkeit nnd Verderblichkeit des Abfalls. 

wahren Christen aus Israel Christenturas, dessen Charakter durch 
ihre unter dem Gesetz geraachten Erfahrungen und durch ihre Be- 
kohrung zu dem für sie gestorbenen Christus unverrückbar be- 
stimmt und der Verdrehung des Ev durch die Jiidaisten entgegen- 
gesetzt ist. Da es nun nur ein einziges Christentum wie ein 
einziges dieses Namens wertes Ev gibt (1, 6 — 9), so ist damit auch 
schon das Cliristentum der wahren Christen aus den Heiden den 
Grundzügen nach beschrieben. Da aber andrerseits doch das Ev, 
wie PI es den Heiden predigt, von dem Ev, wie es dem Volk der 
Beschneidung gepredigt wird, zu unterscheiden ist (2, 2. 7), weil 
die Voraussetzungen und Bedingungen, unter welchen es hier und 
dort zum Glauben und zum Christenstand kommt, verschiedene 
sind, so muß auch noch gezeigt werden — und dies ist, da die 
Gal. in ihrer überwiegenden Mehrheit geborene Heiden sind, das 
Wichtigste — , daß das verkehrte Ev der zu ihnen gekommenen 
judaistischen Lehrer mit ihrer eigenen Erfahrung und mit dem 
von dem Unterschied zwischen Juden und Heiden wesentlich un- 
abhängigen "Wesen des Christentums in unversöhnlichem Wider- 
spruch stehe. Dies geschieht 3, l — 5, 12. Eben damit kehrt PI 
zu der schon 1, 6 — 10 in "Worten der Verwunderung und Ent- 
rüstung zum Ausdruck gekommenen Beurteilung der damaligen 
Haltung der Leser und daher naturgemäß endlich auch wieder zur 
Anrede derselben [v. 1] zurück. '^j Daß er sie nicht wie 1, 11 mit 
döalrpol anredet, erklärt sich daraus, daß dieselbe Stimmung ihn 
wieder ergreift, in welcher er 1, 6 seinen Brief begonnen hatte. 
Zu dem unwilligen Staunen über ihr unbegreifliches Tun würde 
der Brudername wenig stimmen. Ebenso natürlich erscheint es 
aber auch, daß er sie hier nach dem Lande nennt, in welchem sie 
wohnen. Nachdem er seine Leser im Verlauf der geschichtlichen 
Rückblicke von 1, 12 an mit sich nach Damaskus, Jerusalem und 
Antiochien geführt hat, wendet sich sein Blick jetzt wieder dem 
Lande zu, in dessen Christengemeinden eben jetzt eine Entwick- 
lung sich vollzieht, welcher zu steuern der Brief bestimmt ist. In- 
dem er absieht von den mancherlei Unterschieden, welche in diesen 
Gemeinden wie in der Bevölkerung Galatiens vorhanden sind (oben 
S. 11 — 15), zwischen den Phrygiern, die schon beinah vollständig 
hellenisirt sind, den Lykaoniern oder auch Kelten, die zum Teil 
noch ihre eigenen Sprachen sprechen, den römischen Kolonisten 
und den mehr oder weniger hellenisirten Barbaren mit Einschluß 
nicht weniger Juden, nennt er sie Galater als den in der Provinz 
(ialatien wohnhaften Teil der Heidenkirche, ^*) welcher zur Zeit in 

") Von dem ^xavaare 1, 13, nodi luäs 2, 5 gilt das kaum. 

'*) Cf Phl 4, 15 „ihr Philipper" ira Gegensatz zu allen anrlereu Ge- 
meinden, 2 Kr 6, 11 die Christen der Stadt Korinth im Unterschied von 
den sämtlichen Christen in Achaja, an welche der Brief übrigens gerichtet 
ist cf 2 Kr 1, 1. Auch Rm 1, 15 ifiiy rois kv 'Piouri oppos. tä loiTtä iOvr, v. 13, 



c. 3, 1-5. 139 

Gefahr ist, von dem Ev, das er ihnen gebracht hat, abzufallen. 
Damit ist auch schon die Vermutung widerlegt, daß er sie mit 
Rücksicht auf ihren Nationalcharakter äi'örjoi nenne. ''') Die in 
bezug auf Nationalität und Kultur buntgemischten Gemeinden 
hatten gar keinen gemeinsamen Nationalcharakter. Überdies zeigt 
die Wiederkehr des dv6i]roi v. 3 vollends deutlich, daß die Unver- 
nunft, welche PI ihnen zum Vorwurf macht, in dem unvernünftigen 
Tun besteht welches er durch die Frage „wer hat euch bezaubert oder 
behext" ""^ als unbegreiflich darstellt. Diese Frage zielt noch 
weniger, wie die ähnliche 5, 7, direkt auf die fremden Lehrer, die 
sie zu ihrem verzerrten Ev verführen ; denn in bezug auf diese dem 
PI wie den Lesern wohlbekannten, wenn auch nie genannten Leute 
(1, 7; 4, 17; 5, 10. 12; 6, 12 f.) konnte nur etwa gefragt werden, 
wer sie seien oder was an ihnen sei, daß man ihnen einen so 
großen Einfluß gestatte (1 Kr 3, 5 ; 4, 7). Daß die Gal. diesen 
so urteilslos folgen, scheint vielmehr vorauszusetzen, daß ihnen ein 
ihre Sinne betäubender und ihren Willen lähmender Zauber an- 
gi^tan worden ist, nach dessen Urheber man vergeblich fragt. Auf 
dämonische Kräfte ist damit allerdings hingewiesen (1 Th 3, 5; 
2 Kr 11,3, 13 — 15), aber in einer rednerischen Form, welche zeigt, 
daß nicht die Irrlehrer es sind, die durch Anwendung von Zauber- 
künsten diese Kräfte auf die Gal. wirken lassen cf dagegen AG 
8, 1 1 ; 2 Th 2, 9. Nur die Unbegreiflichkeit der Verführbarkeit 
der Leser sollte ausgedrückt werden. Demselben Zweck dienen 
die Worte: oig y.ax' urp0^a)4iov<i 'Irjooüg XQiaiög und weiter in 
einem nicht mehr von olg abhängigen Satz 7VQoeyQd(prj ev v\ulv 

'*) Hier, in der etbnographiscbeu Einl. zu lib. II p. 427 : quum et 
Hilarius . . . Gallus ijise et Fictavls genifiis, in hymnorum cannine Gallos 
indociles vocet. Ähnlich z. St p 416. Daneben erinnert er p. 430 an die 
vielen Ketzereien und Spaltungen, die zu seiner Zeit in und um Ancyra 
sich tiuden. Ephr. „o insensati Qalatae", qui ad omnes docfrinas declinatis. 
Besomlers seit den Tagen des Marcellus von Anc3'ra nnd des Photinus war 
Galater beinah ein Ketzername cf meine Sehr, über Marc. S. 43. 190. 

'"^) ßaiiy.aiviir, von allen Lat. hier durch das stammverwandte fancinare 
tibersetzt, scheint ur.spr. zu bedeuten : durch Anwendung von Worten oder 
Blicken einen schädlichen Zauber auf einen Menschen ausüben. An die 
Vorstellung vom Besprechen und Beschreien lehnt sich die Bedeutung 
„Übles nachreden", an die Vorstellung vom bösen Blick die Bedeutung 
,.mißgönnen, beneiden", letztere klass. c. dat., aber auch c. acc. Sir 14, 6 
cf Lobeck ad Phryn. p. 462 f. Nur das Bedenken, daß PI sich hier zum 
Glauben an Hexerei bekannt zu haben scheine, welches Hier. u. a. dadurch 
zu beschwichtigen suchten, daß er sich der alltäglichen Anschauung nur 
im Ausdruck anbequemt habe, scheint es veranlaßt zu haben, daß alte 
Versionen wie S' Sah (dieser setzt ffOoteiv ein), auch Chrys. Vict. u. a. 
dem Wort die hier unpassende Bedeutung „beneiden" gaben. Der Zusatz 
rrj ä/.r^.%iq itr] TTti^todai hinter ißäux. ist offenbar aus 5, 7 eingetragen, 
gegen nABD*G67**, die alten, angeblich auf Orig. zurückgehenden codd. 
bei Hier. p. 418. 487 (trotzdem in manche Hss der Vulg. eingedrungen) und 
gegen die älteren Versionen auch Sah. 



140 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

iaiavgwfihog. Das früh getilgte, aber doch stark und mannig- 
faltig bezeugte Iv vfiiv '") wird vor allein durch eeine Schwierig- 
keit geschützt, welche eben die Tilgung veraulaßte. Las man 
oI»,* — loraiQioufiog als einen einzigen Kelativsatz, was gewiß daa 
Nächstliegende ist, und zog man tr vfiiv zu nqoiyQcupi], so ver- 
trug es sich grammatisch sehr schlecht mit o/c;, statt dessen kv olg 
ohne ein nachhinkendes und überhaupt überflüssiges iv vfilv zu 
schreiben war, und sachlich vertrug es sich nicht mit xar* öcpO^aX- 
/MOi'i,', mochte man es im Sinn von „unter euch" oder von „iu 
euch, in eurem Herzen" fassen. In ersterem Sinn ist es wiederum 
mehr als überflüssig ; denn was vielen vor Angen gestellt, öffent- 
lich angeschrieben oder hingemalt ist, muß ja freilich in ihrer Mitte 
so hingestellt sein, aber als überflüssige Verstärkung von xoz' 
öffif-al/iioig mußte iv vf.üv bei diesem stehen. In letzterem Sinn 
genommen, zerstört iv viiiv die durch xar^ öcpO-aXiiioig TrgoeyQäcpij 
gegebene sinnliche Anschauung durch nachträgliche Einmischung 
des zunächst ganz sinnlich dargestellten geistigen Vorgangs. Wie 
PI dies, wenn er es der Deutlichkeit wegen für nötig hielt, aus- 
gedrückt haben würde, zeigt Eph 1, 18. Zog man dagegen iv 
1'f.iiv zu ioxavQioi.ievog, so schien dies ein die Lebhaftigkeit der 
Vergegenwärtigung Christi für das Bewußtsein der Gal. veran- 
schaulichender Vergleich zu sein : vor Augen ward er ihnen hinge- 
malt, als ob er unter ihnen gekreuzigt worden sei, '^) was doch min- 
destens ein log, besser ein ojoiL (Rm 6, 13) oder u)odv vor iv vfüv 
erfordern würde. Nimmt man hinzu, daß man im Orient vielfach 
n(joe'/Qdffr^ nach Rm 1 5, 4 von der Vorausdarstellung der ev Ge- 
schichte in der hl Schrift meinte verstehen zu sollen (Ephr., Hier.), 
womit sich ein zu ioiaig. gehöriges iv vfilv nicht reimen wollte, 
80 ist kaum zu bezweifeln, daß letzteres wegen der unüberwind- 
lichen Schwierigkeiten, die es in der für notwendig gehaltenen 
Verbindung mit dem Relativsatz bereitete, in sehr früher Zeit ge- 
tilgt worden ist. Ist es aber echt, so muß auch diese Verbindung 
durch Interpunktion vor TiQoeyQÜcpt] gelöst und iv i(.iiv mit diesem 
verbunden werden. '") Dafür spricht auch, daß 7CQ0tyQd(pi], wenn 
er mit xar' 6fp0^a?.jJ0vg zu einer einzigen Vorstellung verbunden 
werden sollte, nur unmittelbar vor oder hinter dieser seiner Näher- 
bestimmung seine natürliche Stellung haben würde. Der Relativ- 
satz bedarf keiner anderen Ergänzung als eines ioriv oder besser, 

•') Durch die Occidentalen (DG, dg, Abstr, Vict., Hier., auch einige 
Hss der Vulg wie fuld., teilweise mit einem et vor m vohis) und die 
antioch. Recension (KLP, die Masse der Min., Chrjs., Thdr. Thdrt, S» Goth). 
Die Tilgung (kABC, 67»* u. a. Min., Sah Kop, S\ Aug. Vulg) scheint ägyp- 
tischen Urs^prangs. 

'*) So Thdf; Thdrt '"» nitöp rov XoiOTov rdr mai'oöf Otaodftevoi. 

"j So Hofmann, wahrscheinlich auch D durch seine die Interpunktion 
ersetzende Zeilenteilung hinter X^. und hinter vfizt' cf auch G. 



c. 3, 1—5. X41 

da wir durch Ißdoy.avev in einen Moment der Vergangenheit zu- 
rückversetzt sind, eines t^v. „Wer bezauberte euch, denen vor 
Augen stand Jesns Christus." ^°) Daß Christus ihnen so vor Augen 
stand, wird durch die unverbunden daneben tretende Erinnerung 
an die Predigt des Ev unter den Gal. erläutert und gerechtfertigt 
und zugleich dahin näherbestimrat, daß Christus von Anfang an 
als ein Gekreuzigter ihnen vor Augen stand. ^') „Öffentlich ward 
»r unter euch hingemalt als ein Gekreuzigter." Der gewöhnliche 
Gebrauch von rCQoyQdcpSLV im Sinn eines Anschreibens von Namen, 
Gesetzen u, dgl. an Tafeln und Säulen zum Zweck allgemeiner 
Bekanntmachung ^-) ist wohl vergleichbar, aber doch hier unan- 
wendbar ; denn die Folge eines so gemeinten TtQOiyodrfri wäre nur 
die, daß der Name des gekreuzigten Christus unter den Gal. all- 
gemein bekannt wurde, während doch erklärt werden soll, daß die 
Gestalt, das Bild des gekreuzigten Christus den Gal. beständig 
vor Augen stand. Ein solches Bild entsteht aber nicht durch 
Schreiben, sondern durch Malen oder Meißeln, und es wäre 7too- 
ygäcpeiv im Sinn eines Schreibens in diesem Fall, wo ja die Her- 
stellung des Bildes in Wirklichkeit durch mündliche Predigt erfolgt 
ist, Einschiebung einer fremdartigen Metapher zwischen die ge- 
meinte Wirklichkeit und die bereits ausgesprochene bildliche Vor- 
stellung. Es heißt also : so malen, daß das Bild für jedermann 
zu sehen ist. Die, welche die Predigt gläubig hörten, mußten die 
Gestalt des Gekreuzigten sehen und, solange sie im Glauben blieben, 
sie vor Augen haben. Man sollte meinen, der Aufblick zu diesem 
Bilde hätte sie gegen jede fascinirende Wirkung eines bösen Blicks 
oder eines Zauberspruchs fest machen müssen. Wie unverträglich 
gerade der Kreuzestod Christi mit allem gesetzlichen Christentum 
sei, war bereits 2, 19 — 21 gezeigt. Unverträglich damit sind aber 
auch die Erfahrungen, welche die Gal. in folge ihres gläubigen 
Hörens des Ev gemacht haben v. 2 — 5. Daraus, daß TtioTig 1, 23 
als Objekt von evayyeXl^ead-ai und noQd-elv vorkommt, ist nicht 

*") Daß y-ax d<fda).uovi wie y.arä txoöomtioi' 2, 11 sonst gewöhnlich mit 
Verbum verbanden vorkommt Deut 1, 30; 2 Sam 12, 11; 16, 22; Jer 28, 1: 
Aristoph. ran. 626; Xenoph. Hier. 1, 14, spricht um so weniger dagegen, als 
Synonyma wie hwrciov Gl 1, 2ü ; Gen 21, 51 ; kravriov Gen 34, 10; tV difüaluoti 
rivoi Job 21, 8 sich ohne Kopula gebraucht finden. 

*') In letzterer Beziehung besagt der Satz dasselbe, wie y.nl tovtov 
loTav^cofiirov 1 Kr 2, 2, Übrigens cf zur Form wie zur Sache das asynde- 

tiscbe Xoiaxcö avrEaravocofini Gl 2, 19. 

**) Durch das ihnen vorliegende proscriptus = „in die Acht erklärt" 
wurden Abstr, Vict., Aug., auch Pel , der aber daneben von den Griechen 
richtigeres sich aneignete, an Güterkonfiskation, Todesurteil, abermalige 
Kreuzigung Christi durch die Judaisten oder auch in den Herzen der Gal. 
erinnert. Daß sonst kein Beispiel für Trooyoncffti' bek;innt ist, worin y^äjetr 
die Bedeutung ..malen" hat, ist ziemlich gleiehtriltig. Für ertiyoätfm't-ni 
im Sinn von „daraufmalen" finde ich auch nur Xen. hell. VII. 5, 20. 



142 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

zn folgern, daß PI darunter anch den Glauben „in objektivem 
Sinne" oder die Lehre verstehe, die man glaubend sich aneignet; 
denn der Prediger des Ev bezeugt, indem er Christum predigt, 
seine subjektive Überzeugung (2 Kr 4, 5. 13), und wenn einer die 
Bekenner Jesu verfolgt, sucht er in ihnen deren persönliche Über- 
zeugung zu vernichten. Es ist aus 1, 23 auch nicht das Recht 
herzuleiten, nioido^ in V^erbindung mit äy.oij v. 2. 5 als Objekts- 
genitiv zu fassen. Denn mag man unter äy.oi] das Hören oder 
die gehörte Kunde oder, was gar keine Bedeutung dieses^ Wortos 
ist, die Predigt, die Verkündigung verstehen, ^^) immer würde sich 
der verkehrte Gedanke ergeben, daß jemand dadurch, daß er vom 
Glauben anderer Menschen hört (Eph 1, 15; Kl 1, 4), oder auch 
dadurch daß er eine den Inhalt des Christenglaubens verkündende 
Predigt hört, den Geist empfange. So gewiß das Hören des Ev die 
unerläßliche Voraussetzung des christlichen Glaubens ist (Rm 10, 14) 
und in diesem Sinn das Glauben aus dem Hören kommt (Rra 10, 17), 
so sieht man doch an den vielen, welche das Ev hören, ohne 
daran zu glauben, daß nicht das Hören oder die gehörte Kunde, 
sondern das zwar ohne diese Voraussetzung nicht mögliche, aber 
mit derselben keineswegs gegebene Glauben die Ursache aller heil- 
samen Wirkungen ist. Hier aber handelt es sich um die Frage, 
ob (Q'/cc y6f.iov oder dy.oi] 7rioTuog die causa (fjiticns et suffi- 
cicns der Begabung mit Geist sei. In der zweimaligen Gegenüber- 
stellung aber dieser zusammengesetzten Begriffe entsprechen ein- 
ander gegensätzlich fQ)'^ ""^ ä'^orj, röfiog und 7tioxig (letzteres 
auch 3, 23 — 25) und nicht, wie Hofmann mit seiner Fassung 
„Glaube an eine Kunde" fordert, (Jzo?) und vöjiiog. Abgesehen 
von der dabei angenommenen künstlichen Wortstellung, welche durch 
ganz unmißverständliche Chiasmen wie 1 Kr 6, 15 nicht gerecht- 
fertigt werden kann, ist es nichts für das Ev im Unterschied vom 
Gesetz charakteristisches, daß es als gehörte Kunde an den Men- 
schen gelangt cf Mt 5, 21 ; Jo 12, 34. Einleuchtend dagegen ist 
der Gegensatz des Hörens, welches ein lediglich receptives Ver- 
halten ist, zu den (Q'/ce, welche ein produktives Handeln sind. 
Die zur Näherbestimraung dieser beiden BegriflFe hinzutretenden 
Genitive TxiOTtojg und vöuov sind ebensowenig solche des Subjekts 
(so Lightfoot) als des Objekts; denn der Glaube hört nicht, und 
das Gesetz tut die Werke nicht. Der Glaube erzeugt auch nicht 

*ä) dy.oiq aktiv das Hören Rm 10, 17 (Substantivirung des i',y.ovaav 
V. 14. 18,; 2 Pt 2. 8 (neben /^/«Vv'«); Jes ß, 9 = Aü 28, 2fi für hebr. inf. 
absdl.; daher dann Horvernjügen, Gehör 1 Kr 12, 17 (neben darfor^ani)-^ 
passiv das Geliörte, was man zn hören bekommt, Kunde, Gerücht Mt 
4, 24; 14, 1; 24, 6, als Übersetzung von r^-y^-^v Jes 58. 1 = Jo 12, 38; Rm 
10, 16. l»a man nur das zu hören bekommt, was von anderen gesagt wird, 
80 kann f, äy.or, tatsächlich dasselbe sein wie t^ -Ar/nyun, aber vom Stand- 
punkt nicht des Redenden, sondern des Hörenden betrachtet. 



c. 3, 1-6. 143 

das Hören ; denn manche hören aus bloßer Neugier. Beide "Worte 
gehören zu der in der griech. Bibel so überaus zahlreichen Klasse 
von Genitiven, welche sich in die übliche Klassifikation der Ge- 
brauchsweisen des Genitivs bei den Griechen nicht wohl einreihen 
lassen und von uns nur entweder adjektivisch oder mit dem Haupt- 
begriff zusammen durch ein zusammengesetztes Substantiv wieder- 
gegeben werden können.**) Wie fj tvyj] rf^g Tiiazecog Jk 5, 15 das 
im Glauben gesprochene cf Jk 1, 6, das gläubige Gebet ist, so äxorj 
rtlareiog ein mit Glauben gepaartes, durch den Glauben von anderen 
Arten des Hörens sich unterscheidendes, ein gläubiges Hören 
cf zur Sache Hb 4, 2. Nur das Eine möchte PI in Erfahrung 
bringen, oder, wie wir sagen würden, er möchte nur das Eine 
wissen und zwar so, daß er sich von den Gal. her die Belehrung 
darüber holt*'^): ob sie in folge von Gesetzeswerken den Geist 
empfingen, oder in folge gläubigen Hörens. Wie in anderen Briefen 
setzt PI hier als eine selbstverständliche, auch den Lesern erfahrungs- 
gemäß gewisse Tatsache voraus, daß sämtliche Gemeindeglieder, 
auch die ihm persönlich unbekannten, bei Gelegenheit ihres Ein- 
tritts in die Gemeinde den Geist d. h. den der christlichen Ge- 
meinde innewohnenden, ihr eigentümlichen heiligen Geist empfangen 
haben (Em 8, 2—16; 1 Kr 12, 13; 2 Kr 1, 21 f.; Eph 1, 13; Gl 
4, 6). Er würde so nicht reden und könnte sich hierauf nicht als 
auf eine selbst für schwankende Christen handgreifliche Tatsache 
berufen, wenn die Überzeugung von dieser Tatsache nur auf einer 
Schlußfolgerung aus seiner Anschauung von der AVirkung der Taufe 
oder vom Wesen der Kirche beruhte. Man konnte so nur reden 
zu einer Zeit, in welcher der Geistbesitz der Gemeinde und ihrer 
Mitglieder sich überall in auffälligen Lebensäußerungen darstellte. 

") S. oben S. 101 A 28; S. 123 A 60 zu 2, 7 u. 2, 16, cf auch Wohlen- 
berg Bd XII, 20 f. zu 1 Th 1, 3. In den Grammatiken vermißt man eine 
erschöpfende Behandlung der nuter obige formale Beschreibung fallenden, 
rein adjektivischen Genitive, von 6 oiy.orö/noi Tfjs äSmiäf, ö Tiarijo iCji^ 

olitTi^iiän', d'ovXoi t'Trny.oijs bis ZU Siy.aioat'rr] TiiaTBCo?^ fj inouoi'f] Tfjg tlniSoi. 

Nicht ganz vergleichbar ist v.Tny.oi) TTÜneojg Em 1, 5; 16, 26; denn es kommt 
zwar dy.oveii' manchmal der Bedeutung von vnaxoieiv^ seltener auch äxot] 
der von v:ray.ori (1 Sam 1.Ö, 22) nahe genug, aber i'.iayors ist in dieser 
Verbindung offenbar ein Genitiv der Apposition: ein Gehorsam; welcher 
im Glauben besteht cf AG 6, 7 ; Km 10, 16. 

"'*) Die nur durch DG bezeugte Stellung fiud-ttv diho macht den Ein- 
druck unerfindlicher Ursprünglichkeit. Es bekommt dadurch '«y' vfiwv, 
statt dessen man ttuo vfiMv erwarten sollte, wenn es in unmittelbarer Ver- 
bindung mit uu!>eip das Subjekt einer erwarteten Mitteilung bezeichnen 
sollte (2 Tim 3, 14), den Charakter einer nicht von vornherein beabsichtigten 
NäherbestimmuDg und zwar in dem Sinn, welchen And rtfo-; bei imO-eiv 
regelmäßig hat Mt 11, 29; 24, 32; Hb 5, 8 (ob auch KI 1,7?), einem JV tat 
sich nähernd 1 Kr 4, 6; Phl 4, 9. An ihnen ist zu sehen, in folge wovon 
man den Geist bekommt, und insofern erwartet PI von ihnen her Belehrung 
hierüber, nicht sofern sie ihm eine Mitteilung darüber machen. 



144 Gnuidlosigkeit und Verderblidikeit des Abfalls. 

wolclio alle Christen als Äußerungen des von Jesus seiner Ge- 
nieindo verheißenen Geistes ftnerkiinnten. Auf dioso xaglo^iaia 
beruft PI sich daher auch v. 5 cf 1 Kr 1, 7. Vorher aber zieht 
er aus der selbstverständlichen Antwort auf die Frage von v. 2'' 
die Folgerung, um deretwilleu er die Frage gestellt hat, und zwar 
tut er dies in Form eines Ausrufs der Verwunderung. Nachdem 
er die Jjeser bereits v. 1 als ^tv6i]T0L angeredet hat, würde selbst 
ein 7rü)^ dv6i]xni tore nicht eine eigentliche Frage, sondern ein 
Ausruf sein, vollends aber ein ovnot; Str. k. [v. 3] Im vorigen findet 
dieses oviiog keine Unterlage; denn es war seit 1, 6 ff. noch nicht 
wieder das Verhalten der Gal. beschrieben, aus welchem die Größe 
ihres Unverstandes erhellt, sondern es war in v. 1 — 2 nur an Er- 
fahrungen der Leser erinnert, welche ihr gegenwärtiges Verhalten 
als unbegreiflich töricht erscheinen lassen. Es weist also ovicog auf 
den Satz IraQ^dueroi — tTtireltiad^e hin, M'elcher daher auch an 
dem Ton des Ausrufs teilnimmt. „Nachdem ihr im Geist den An- 
fang gemacht habt, führt ihr es jetzt im Fleisch zu Ende!" Als 
Objekt zu ivttQ^duEvoL und €7nT€?.eia0^e ^'') ergibt sich aus dem Zu- 
ßamraenhang das Christenleben. Dieses haben die Gal. Iv TCViVf.iaxi, 
was nicht gleichbedeutend ist mit tv rCo jirevi^iaii b JtaQeXdßeTS, 
angefangen, indem sie auf die unter ihnen öffentlich hingemalte 
Gestalt des Gekreuzigten ihren Blick hefteten oder, was dasselbe 
ist, der Predigt des Ev glaubend Gehör schenkten, was ihre Be- 
gabung mit dem hl Geiste Gottes und Christi zur unmittelbaren 
Folge hatte. Diese sind lauter Vorgänge des von allen Äußerlich- 
keiten wesentlich unabhängigen inneren Lebens, daher Iv 7tvev(.iaxi 
cf 5, 5. 16. 25; Rm 2, 29; Jo 4, 23. Dahingegen bewegt sich die 
Lebensführung, mit welcher sie jetzt ihren Cbristenstand zur Voll- 
endung zu führen meinen und im Begriff stehen, auf dem Gebiet 
des Fleisches ; denn die toya v6t.iov, zu deren Übernahme sie sich 
verleiten lassen , und welche sie bereits angefangen haben zum 
Zweck der Vollendung ihres Christenstandes auszuüben (4, 9 f.), 
sind äußere Handlungen, welche nicht nur die eigene leibliche 
Natur des Menschen in Anspruch nehmen, was ja auch von allem 
christlichen Handeln gilt, sondern von materiellen Dingen ab- 
hängen und in keinem notwendigen Zusammenhang mit dem 

"•») Auch Phl 1, 6; 2 Kr 8, lOf. (v. 1.) ^väoyeaiy-jn und emreXeiv, aber 
»nit ausgesprochenem Objekt cf 1 Sam 8, 12 (äo/toO-ai y.. e.) ohne solches, 
hier letzteres ira med. (cf Xenoph. memor. IV, 8, 8; Plato Phil. 27'"; Clem. I 
Cor. 55, 3) oin so natürlicher, da es sich um ein auf die eigene Person be- 
zügliches Verhalten handelt. Die passive Fassung (Chrys.) ist neben dem 
med. tväoytolhii mehr als nnwahrscheinlicb. Da träo/tolhu u. innshtv 
häußg von Eröffnung und Vollzug einer Opferbandlung gebraucht werden, 
und PI nicht selten vom Kultus, ohne äugstliclie Scheidung zwischen 
jüdischem nn'l heidnischem, Jiilder entlehnt, hat Lightfoot hier und Phl 1. 6 
die Möglichkeit dieser Bedeutung erwogen. Cf dagegen Ztschr. f. kirchJ. 
Wiss. 1885 S. 192. 



c. 3, 1-5. 146 

inneren Leben stehen ; auch der Niohtchrist, ja der Heuchler und 
der Gottlose kann sie vollziehen. Es ist eine Beobachtung von 
lauter diy.auui.iara oaQxog Hb 9, 10. Ein dritter Ausruf lautet: 
„So großes habt ihr umsonst erduldet, wenn denn doch wirklich 
vergeblich" [v. 4]. Das durch yi verstärkte el sagt, daß die voran- 
gehende Behauptung wenigstens in dem Falle, welchen der Be- 
dingungssatz nennt, und in diesem Fall ganz gewiß seine Geltung 
behält. Da nua aber der Bedingungssatz, welcher aus dem 
Hauptsatz durch roaaüra iTtdd-txB zu ergänzen ist, eben das als 
eine Bedingung, also als fraglich hinstellt, was der Hauptsatz be- 
hauptet, so dient er lediglich dazu, die Behauptung als nicht un- 
bedingt giltig hinzustellen und das in dem Ausruf des Staunens 
liegende scharfe Urteil zu mildern. Das xa/ kann weder mit bI 
zusammen ein concessives „wenngleich, obgleich" bilden, was sich 
mit Biye überhaupt nicht verträgt, ^') noch auch im Sinn eines 
steigernden „auch, sogar" oder eines „auch nur" auf eiy.f^ seinen 
Ton werfen ; denn dieses elyr] bezeichnet ja nichts größeres oder 
geringeres als das eiyf] im Hauptsatz, sondern ist lediglich dessen 
Wiederholung. Es ergäbe sich bei der z. B. von Wieseler ver- 
tretenen Fassung „auch nur" (Od. I, 58; Kühner-Gerth II, 254) der 
ebenso triviale als widersinnige Satz: „Ihr habt es vergeblich er- 
duldet, wenn ihr es auch nur vergeblich und nicht geradezu zu 
eurem Verderben erduldet habt". Das y.ai dient vielmehr wie bei 
PI so manchmal dazu, den im Bedingungssatz gesetzten Fall im 
Gegensatz zu einer entweder vorher ausgesprochenen oder, wie hier 
durch dieses xa/ selbst angedeuteten gegenteiligen Voraussetzung 
hervorzuheben.®^) „Wenn es, wie ich nicht glauben mag, doch 
wirklich sich so verhalt". Mit dem hiedurch gemilderten Urteil 
dts Hauptsatzes drückt PI hier wesentlich dieselbe Empfindung 
aus, wie 4, 11 durch cpoßovjuaL (.n^Ttcog. Durch das richtige Ver- 
ständnis des einschränkenden Bedingungssatzes ist, wie schon Hier, 
sah, die Deutung des roGavxa kTtddsre auf die lästigen Zumutungen 
der Judaisten, welche die Gal. sich gefallen lassen, ausgeschlossen, 
eine Fassung, welche überdies 7tdo%£TE erfordern würde, da diese 
Belästigungen in vollem Gange sind und ihren angestrebten Höhe- 
punkt noch nicht erreicht haben cf die Präsentia 1, 6. 7; 4, 9. 
17. 21; 6, 13. Auch würde der so gemeinte Ausruf jedes Ein- 



*') Dies zeigt z. B. der Gebrauch von y^ i™ Nachsatz und Gegensatz 
zu einem concessiven ei y.ai (Lc 11, 8; 18, 4). 

«*) lKr4, 7; 7,21; 2 Kr 5, 16; 7, 8; Phl2, 17; lPt3, 14; Lcll,18; 
so auch eäv y.ai 1 Kr 7, 11.28; Gl 6, 1. — Gut übersetzen alle Lat. hier 
fii tarnen sine causa, nur daß sie statt des letzteren wohl besser frustra, 
incassum geschrieben hätten; denn von den beidea Bedeutungen, welche 
ciyr'j ähnlich wie lioosui' (oben S. 137 A 72) in sich vereinigt: „ohne trif- 
tigen Gruud" und „ohne Zweck und Erfolg" erscheint die letztere hier 
passender cf 1 Kr 15, 2. 

Zahn, Galaterbrief 3. Aufl. 10 



146 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalle. 

dnicks auf die zum Abfall in gesetzliches Wesen geneigten GaL 
verfehlen ; denn diese empfanden die Zumutungen der Judaieten 
nicht als ein schweres Leiden, das sie zu tragen hätten, sondern 
als eine erwünschte Förderung ihres religiösen Lebens. Ebenso- 
wenig können die segensreichen Erfahrungen gemeint sein, welche 
die Leser nach v. 1 — 2 gemacht haben. Denn erstens wird Ttdaxeiy 
nicht nur in der Bibel niemals in diesem guten Sinn gebraucht, 
sondern auch sonst kaum, ohne daß ein beigefügtes ev, Scyad-d 
und dgl. oder der deutliche Zusammenhang dem "Wort diesen Sinn 
sichert.**) Zweitens ist das, was die Gal. Gutes erlebt haben, 
vorher teils als ein ihnen objektiv gegenüberstehendes Ereignis 
(rtQoeygccfpr^) , teils als ihr eigenes Verhalten (Scnoi] Tclarewg, 
ivilg^aoi^e) beschrieben und daher rrdox^v, welches stets ein Affi- 
cirtwerden bezeichnet, ein hiefür ungeeigneter Ausdruck. Die 
von den Alten fast einstimmig vertretene Deutung auf V"erfolgungs- 
leiden bereitet den Anhängern der nordgalatischen Hypothese aller- 
dings eine Schwierigkeit, sofern wir von Verfolgungen, welche die 
Neubekehrten im Galaterland zu erdulden hatten , ebensowenig 
wissen als von ihrer sonstigen Geschichte. Von den südgalatischen 
Gemeinden dagegen wissen wir aus AG 13, 50 f.; 14, 2 (xara twv 
idthfCüv) 5. 19. 22; 2 Tm 3, 11, daß sie nicht nur ihre Missionare 
schwere Verfolgungen haben erleiden sehen, sondern auch ihrer- 
seits in dieselben verwickelt worden sind. Auf diese also weist 
PI mit jooavTa tTtdO^STe hin, wie 2 Tm 3, 1 1 mit old f.iOL iyivsxo 
und o/'oi'g duoyuovg\ Die Größe dieser Leiden ist ein Beweis für 
den Wert des Glaubens, um dessetwillen sie dieselben erlitten 
haben, und eine Anwartschaft auf die gnädige Vergeltung Gottes 
ßm 8, 17; 2 Th 1, 6f. , aber auch eine Erinnerung peinlichster 
Art, wenn sie den anfänglichen Glauben fahren lassen und 
sich sagen müssen , daß sie für nichts und wieder nichts so 
großes erduldet haben. Nach dem dreifachen Ausruf schmerz- 
licher Verwunderung, welcher wie derartige Ausbrüche lebhafter 
Empfindung die Art von Interjektionen an sich hat, kehrt v. & 
mit einem ovv zu der kaum erst begonnenen ruhigeren Er- 
örterung zurück. Die Wiederaufnahme des Gedankens von v. 2 
in V. 5 zeigt sich nicht nur an der Wiederkehr der Alternative 
ob in folge von Gesetzeswerken oder von gläubigem Hören, wozu 
aus den vorangehenden Partizipien Prädikat und Objekt zu er- 
gänzen ist, sondern auch durch den unverkennbaren Zusammen- 
hang zwischen h iTtLyoQr^yCjv v/nlv %o 7tvEvf.ia und xo TtvBVfxoc 
iXdßtTt. Da nicht von Gaben die Rede ist, welche der Geist dar- 
bietet (Phl 1, 18 cf 1 Pt 4, 11 ; 1 Kr 12, 4— 11), sondern von dem 
Geist selbst, welchen Gott darreicht und zwar in unmittelbarer Folge 
des gläubigen Hörens, so kann die v. 2 erwähnte Geistesmitteilung nicht 

••) S. die von Raphel citirten Beispiele und Jos. ant. III, 15. 1. 



c. 3, 1-5. 147 

davon ausgeschlossen sein. Andrerseits kann auch nicht diese allein 
gemeint sein, was den Aorist i7Tr/,0Qr^yrioaii und auch wohl ein 
anderes Verb erfordert hätte; denn dem Xaßtlv xo Ttv, v. 2. 14; 
Rm 8, 15 entspricht auf selten Gottes ein öiöövaL Rra 5, 5 ; 1 Th 
4, 8; AG 15, 8. Dagegen gibt y^oqr^ytlv und vollends irrixoQrjyelv, 
auch ohne den Zusatz rcXaioicog (2 Pt 1, 5. 11) die Vorstellung 
freigibiger und reichlicher Darreichung aller Mittel zu irgend welcher 
Betätigung, cf tAX^iodai AG 10, 45 f.; 2, 16 f. Die Darbietung des 
Geistes ist also gedacht als Ausstattung mit den Gaben und Kräften, 
deren die Gemeinde bedarf cf 1 Kr 1, 4 — 7. Ist diese aber als 
unmittelbare Folge des gläubigen Hörens im Gegensatz zu den Ge- 
«etzeswerken geraeint, mit welchen die Gal. jetzt sich zu befassen 
anfangen, so blickt PI hier zurück in die erste Zeit glücklicher 
Entwicklung der gal. Gemeinden (5, 7). Das Partie, praes. ist 
entweder zeitlos, was zumal in der Subjektsbezeichnung sehr ge- 
wöhnlich ist, oder es ist, was noch natürlicher erscheint, Ersatz 
für das fehlende Partie, imperf. Das Gleiche gilt dann auch von 
kvegyiüv öivdi.teig iv vfilv. Da die övvdf.ieig hier nicht wie Mt 14, 2 
als wirkende, sondern als vom Geist gewirkte vorgestellt sind cf 1 Kr 

12, 11, so werden auch nicht wunderbare Kräfte, die im Inneren 
der Gal. wirksam wurden und waren, sondern wie Mt 7, 22 ; 11, 20 f. ; 

13, 54. 58 cfBdl*, 319 Krafttaten gemeint sein, welche der Geist unter 
ihnen wirkte. Ob und inwieweit sie selbst daran tätigen Anteil 
nahmen, oder ob sie nur von den Missionaren vollbracht wurden, 
was wir durch AG 14, 3. 10 belegen können, läßt sich den Worten 
nicht entnehmen. Auch in letzterem Fall waren sie in Yerbindung 
mit den bei den Neubekehrten sich einstellenden Äußerungen des 
Geistes im "Wort (AG 10, 44 — 47; 19, 6) ein kräftiges Zeugnis 
dafür, daß Gottes Geist bei ihrer Bekehrung zum Glauben sein 
Werk unter ihnen trieb. Und gerade das eindrucksvollste Wunder, 
das PI unter ihnen getan hat, war ein leuchtendes Beispiel dafür, 
daß die axor] niorsiog die Voraussetzung davon ist, daß man solche 
Wunder erlebt. Von dem Lahmen zu Lystra, ehe er geheilt 
wurde, heißt es AG 14, 9 ijxovoev rov Ilavlov XaXovvtog und von 
PI iöcüv oTi 'ixet niotLV tov aio&fjvai cf Mt 13, 58. Da die Antwort 
auf die Doppelfrage von v. 2 und 5 selbstverständlich lautet: „in 
folge gläubigen Hörens", kann an diese letzten Worte der Frage, 
als ob die Antwort ausgesprochen wäre, die Aussage sich anschließen, 
die Erfahrung, welche die Gal. gemacht haben, entspreche der Tat- 
sache, daß Abraham Gotte glaubte [v. 6] und dies ihm zur Gerechtig- 
keit gerechnet, als Gerechtigkeit von Gott angerechnet wurde. Ohne 
ausdrücklich zu sagen, daß dies der Schrift entnommen sei,^") und 

'"*) Die Einschiebung eines ysy^aTtrai hinter ynOmg ist durch G, Abstr 
und einige Hss der Vulg dürftig bezeugt. Anch die Voranstellung von 
iniaievaev vor 'Aß^. bei denselben Zeugen und außerdem vielleicht noch 

10* 



148 Qrandlosigkeit and Verderblicbkeit des Abfalls. 

daher auch ohne buchstählich genauen Ansclihiß an Geu 15, 6, eine 
Stelle, die schon vor PI dio besondere Aufmerksiimkeit chriatlicher 
Leser erregt hatte (Jk 2, 23), wird an diese den Lesern aus der 
Schrift bekannte Tatsache erinnert. Die durch xaOxüg ausgedrückte 
Kongruenz bedeutet nicht Gleicliheit, will albO auch nicht den 
törichten Gedanken ausdrücken, daß die Anrechnung dos Glaubens 
im Wert von (lerechtigkeit, welche dem Abraliam von Gott wider- 
fuhr, dasselbe sei, wie die Begabung der Gal. mit Geist und ihr 
Erlebon von Wundertaten in folge ihres gläubigen Hörens. Aber 
eine bedeutsame Übereinstimmung besteht doch zwischen den beiden 
Tatsachen, daß Abr. in folge des Glaubens, welchen er zu Gott 
und seiner Verheißung faßte und, wie der Zusammenhang an die 
Haud gibt, nicht in folge gesetzlicher Leistungen von Gott die 
Stellung und Geltung eines vor ihm gerechten Menschen erhielt, 
und daß die Gal., ohne daß sie etwas anderes als ein gläubiges 
Hören des Ev aufzuweisen hatten, die sichtbaren und handgreif- 
lichen Beweise des von Christus ausgegangenen Lebens an sich und 
in ihrem Kreise erlebten. Noch ehe diese Parallelisirung genauer 
ausgeführt wird, fordert PI die Leser v. 7 auf, aus der Tatsache, 
daß der Glaube Abr. 's der ausreichende und einzige Grund seiner 
Geltung vor Gott als eines Gerechten war, den Schluß zu ziehen 
und die Erkenntnis zu gewinnen, daß die vom Glauben ausgehenden 
Menschen, die Glaubensleute (s. oben S. 116 zu 2, 12 tovg £>t rceQi- 
tnufjg) und nur diese Söhne Abr.'s sind. "Wie das ovTOi zeigt, 
hinter welchem nach stark überwiegender Bezeugung sofort €iaiv 
folgt,"') soll nicht gesagt sein, eine wie hohe Stellung die Glaubenden 
einnehmen, sondern daß die Glaubeusleute und nicht die Gesetzes- 
leute (v. 10) Abrahamssöhne seien. Die Judaisten, welche den Gal. 
einreden, daß sie, um vor Gott gerecht zu werden und an allen 
Segnungen des Abrahamgeschlechtes vollen Anteil zu haben, das 

S^ (nicht 80 D dr, Iren. IV, 21, 1; V. 32, 2, Vict. Aug.) verdient keine Be- 
achtung, da sie durch LXX, Rm 4, 3; Jk 2, 23 nahegelegt war. Überall 
im NT wie auch Vulg Gen 15, 6 wird gegen den Grundtext nach LXX 
erstens der Name 'Aßo. zugesetzt, der bei selbständiger Anführung des 
Satzes unentbehrlich war, zweitens rtö Oeo» statt n:r,'2 geschrieben und 
drittens das Akt. „und er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an" in das 
Pass. ya\ iloyiad-r, y.r/., verwandelt. So Ps lOß, 31 auch im Grundtext. 
Über die Anknüpfung von tnioxtincr durch xa/ (LXX) oder Si (Jk 2, 2.3) 
B. zu Rm 4, 15. Die beiden Konstruktionen von 3»n, entweder mit Akk. der 
Sache und Dat. der Person (Ps 32, 1 einem etwas in Rechnung setzen), 
oder mit .\kk. der Sache oder Person und einem auf dieselbe Person oder 
Sache bezüglichen zweiten Akk. (Jes 53, 4, dafür auch \ 1 Sam 1, 13; Job 
13, 24 „einen oder etwas als etwas ansehn"), sind Gen 15, 6 kombinirt. 

") Nur h" B und einige Väter, die wohl durch Rm 8, 14 (s. dort) be- 
stimmt waren, bieten vloi tlotv. — Imperative Fassung von ynwaxeTe ist 
durch (ion geboten, denn aus der angeführten Tatsache folgt keineswegs, 
daß die dvöi^im In)., auch einsehen, was PI daraus gefolgert wissen will. 
Cf lKrl6, 18; Hb 13,23. 



c. 3, 6-14. 149 

jüdische Gesetz annelimen müssen, haben trotz ihrer jüdischen Her- 
kunft selbst kein Anrecht auf den Namen von Abrahamssöhnen; 
denn das, was das Fundament des von Gott anerkannten Verhält- 
nisses Abr.'s zu Gott war, fehlt ihnen. Nicht der Glaube, sondern 
das Gesetz ist der Angelpunkt ihres angeblichen Christentums wie 
ihres nur scheinbar echten Judentums. Zur genaueren und posi- 
tiven Beantwortung der Frage, wer nun in der Tat sich als Abr.'s 
Solin ansehen und fühlen dürfe, geht PI v. 8 über. Die Schrift 
wird wie eine Person vorgestellt, und anstatt des durch sie redenden 
Geistes (AG 1, 16; 1 Pt 1, 11 ; Hb 3, 7) oder des geisterfüllten 
Schriftstellers (AG 2, 31), von dem das einzelne Schriftwort stammt, 
wird die Schrift genannt, indem ihr ein Vorhersehen davon, daß 
Gott in der Gegenwart die Heiden in folge Glaubens rechtfertigt, 
und eine den Tatsachen vorangehende Verkündigung der frohen 
Botschaft, daß in Abr. alle Völker gesegnet werden sollen, nach- 
gesagt wird. Ist die alte LA ngoevrjyyeXiOTai, deren nachträg- 
liche Entstehung ganz unbegreiflich wäre, ursprünglich, ^^) so ist 
die Wahl dieses Tempus auch nicht bedeutungslos. Im Rückblick 
auf die Zeit, da die Geschichte Abr.'s in Schrift gefaßt wurde, 
ist der Aor. TtQO'idoüoa gebraucht, weil die Voraussicht dessen, 
was in der fernen Zukunft geschehen sollte und in der Gegenwart 
des Apostels wirklich geschieht, für die Aufzeichnung der alten 
Tatsachen nach Form und Inhalt maßgebend war. Dagegen ist die 
dem Abr. zu teil gewordene Verkündigung vom Standpunkt der 
Gegenwait, in welcher diese Verkündigung in hl Schrift vorliegt, 
als eine gegenwärtig vollendete Tatsache durch das Perf. ausgedrückt. 
Es verhält sich TtQoevr.yyilioiai zu TtQOldoöoct wie das häufige 
yByqarcTai zu dem selteneren iyQccfp)] (Em 4, 23; 15, 4) oder wie 
Xiyei (Em 4, 3 ; 9, 17) zu elTtev (2 Kr 6, 16; Jk 2, 11; Hb 1, 5). 
Das Mißverständnis, als ob er meine, die von Abr. handelnde 
Schrift habe bereits dem Abr. vorgelegen und habe ihm etwas 
gesagt, brauchte PI gerade auch darum nicht zu fürchten, weil er 
durch das Perf. den Leser in die Gegenwart versetzt hatte. ^'^) 
Vom Standpunkt der Gegenwart wird die dem Abr. gewordene Ver- 

®^) Zu D* und 67** ist neuerdings Orig. als Zeuge hinzugetreten 
nach dem Text und dem Schollen des ath. (Goltz S. 72. 95). Die Über- 
setzungen konnten den Unterschied der Tempora meist gar nicht aus- 
drücken. Die Einsetzung des Aor. mag auch dadurch sich empfohlen halien, 
daß ivr^yyt/.ttJTat leicht als Passiv gefaßt wurde (Gl 1, 11 ; Lc 16, 16 mit 
sachlichem, Mtll,5; Hb 4, 2. 6 mit persönlichem Subjekt), was doch mit 
der Anlage des Satzes unverträglich war. 

®^) Cf ßm 9, 17 ?Jyft i) yp(c<pj nö 'Pceofuö cf Em 4, 23 Si avrd)', Hb 
1, 7 TTodi roii uyyelovi:. S' hat hier noch kühner wie Em 9, 17 durch sehr 
freie Übersetzung nachgeholfen: „Weil Gott im voraus wußte, daß . . ., 
hat er dem Abr. im voraus verkündigt, wie die heilige Schrift sagt: in 
dir etc." 



150 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

kiindigung auch ftla eiu (layyeXtov statt als i.rayyeXia angeeehen, 
um die Verlu'iCung der damals noch zuküuftigcu Taten (irottes mit 
der gegenwärtigen Verkündigung der geschehenen und noch ge- 
schehenden Taten Gottes als inhaltlich wesentlich identisch darzu* 
stellen cf Hb 4, 2. Sie wird, ohne daß eiue einzelne Stelle citirt 
würde, in Worte gefaßt, welche teils aus Gen 12, 3, teils aus Gen 
18, 18; 22, 18 entnommen sind."*) Schon das an diesen und den 
ähnlichen Stellen beharrlich wiederkehrende Futurum sichert dem 
evXoyfir den Sinn einer tatsächlichen Segnung, einer wirklichen 
Mitteilung von Gütern. Für Abr. selbst bestanden die Güter, 
welche ihm damals verheißen wurden und in Zukunft ihm zu teil 
werden sollten, zunächst in einer zahlreichen Nachkommenschaft 
(Gen 12, 2; 15, 5; 17, 4—6. 16; 18, 18; 22, 17 cf ßm 4, 17) und 
im Besitz eines Landes, das er und seine Nachkommen ihr eigen 
nennen durften (Gen 12, 1. 7; 13, 14—17; 15, 7. 18; 17, 8 cf Em 
4, 13). Dies sind aber nur die materiellen Grundlagen für den 
eigentlichen Zweck des besonderen Verhältnisses, in welches Gott 
den von seinem Stamm und Land ausscheidenden Abr. und sein 
Geschlecht zu sich setzte. Gott will dieses neu entstehenden Volkes 
wie seines Stammvaters Gott sein, und sie sollen durch ihr Tun 
diesen Bund bestätigen Gen 17, 7 f. cf 17, 1. 9; 18, 19; 22, 1. 16 f., 
wie Gott ihn bestätigt, indem er sich durch fortgehende Segnung 
dieses Volks zu dem Bunde bekennt, den er mit seinem Stamm- 
vater geschlossen hat. Solleu nun in den tatsächlichen Segen, 
welchen Gott dem Abr, zuwendet und zuwenden wird, nicht nur 
seine Nachkommen, sondern alle Völker der Erde eingeschlossen 
sein, so ergibt sich aus der Natur der Sache, daß gerade das, was 
für Abr, im Vordergrund der Verheißung stand, das unverhoflFte 
Geschenk eines Sohnes und Erben im Greisenalter und der Besitz 
des Landes Kanaan, nicht auf alle Völker übertragen werden kann, 
sondern nur die Segnungen, in welchen sich darstellt, daß Gott 
der Gott des Abrahamsgeschlechtes ist, d. h. mit anderen Worten : 
an diesem Bundesverhältnis Gottes zu Abr. und seinem Geschlecht, 
an der Religion Israels und allen segensreichen Folgen derselben 

•*) Aurede an Abr. findet sich Geu 12, 3; 22, 18; letztere Stelle kommt 
aber wenij^er in Betracht, weil dort nicht tV ooi, sondern tV tw oTzipfiari 
oov steht. Dagegen stimmt PI mit 18, 18; 22, 18 überein in TiävTa xä 
iSyr Statt Tiäoai ni ifv't.ai Gcu 12, 3 cf das Wort an Jakob 28, 14. — LXX 
übersetzt das Hithpael 22, 18 ebenso wie das Niphal 12, 3; 18, 18; 28, 14 
dnrch itEv).oyr,9^aoi'rni. — Die Frage, ob Tidvia ja iifi% die Völkerwelt 
mit Ausschloß oder mit Ein.=;chluß Israels bezeichne, welche an anderen 
Stellen wie Mt 28, 19; Rm 1, 5 von großer Wichtigkeit ist, ist hier gegen- 
standslos: denn zur Zeit der angeführten Verheißung an Abr. existirte 
Israel noch nicht; alle Völker waren Heiden Völker. Deren Nachkommen 
aber, an welchen die Verheißung zur Erfüllung kommt, nennt PI v. 8* und 
V. 14 nach gewöhnlichem jüdischen Sprachgebrauch xä tO^urj, nicht Ttdvza 

rä tdtij. 



c. 3, 6-14. 151 

soUeu alle Völker teilhaben.*'^) Dabei insbesondere an die Recht- 
fertigung aus Glauben zu denken, empfiehlt eich nicht; denn die 
Imputation des Glaubens als Gerechtigkeit Gen 15, 6 ist nicht 
Mitteilung eines realen Gutes, wie das tatsächliche ev'koyüv und 
evXoyelod'CiL der in Rede stehenden Verheißungen an Abr., sondern 
eine Beurteilung des glaubenden Abr. seitens Gottes, und nach 
dieser Imputation wird die Verheißung des Segens ganz ebenso als 
■ein in die Zukunft weisendes Wort ausgesprochen, wie vor der- 
Bclben. Diese Eintragung kann auch nicht durch v. 8" begründet 
werden. Unter der Voraussetzung, daß die Heiden ebenso wie 
Abr. nicht als Sünder, sondern nur als solche, die für und vor 
Gott gerecht geworden sind, des göttlichen Segens teilhaftig werden 
können, war es nicht zu kühn zu sagen, daß in Voraussicht dieser 
Tatsache, die Schrift dem Abr. im voraus die frohe Botschaft ver- 
kündigt habe, daß in ihm alle Völker des ihm verheißenen Segens 
sollen teilhaftig werden. Wie v. 5 f. die Begabung der Heiden mit 
Geist, worin nach v. 14 vor allem ihre gegenwärtige Teilnahme 
an dem Segen Abr. 's besteht, mit der Rechtfertigung, welche ihnen 
wie dem Abr. in folge des Glaubens zu teil wurde, in Parallele 
gestellt, aber nicht mit dieser identificirt wird, so auch v. 8, nur 
mit dem Unterschied, daß dort die Geistbegabung voransteht, die 
Rechtfertigung folgt, hier umgekehrt die Rechtfertigung in folge 
Glaubens als Voraussetzung der Beteiligung am Segen dieser voran- 
gestellt ist. Dort lautete die Folgerung, daß nur die Glaubens- 
leute Abr. 's Söhne seien v. 7; hier, daß die Glaubensleute mitsamt 
dem gläubigen Abr. gesegnet werden v. 9. Weil der den Heiden 
verheißene Segen nur eine Ausdehnung des dem Abr. verheißenen 
Segens auf sie ist, dieser aber nur der Ausfluß des durch Abr.'s 
Glaubens menschlicherseits bedingten Verhältnisses Gottes zu Abr. 
und seinem Geschlecht ist, so folgt allerdings, daß die, welche ihr 
Verhältnis zu Gott wie Abr. vom Glauben bestimmt sein lassen, 
gleichviel welcher Nation sie angehören, Teilhaber des dem Abr. 
zunächst verheißenen Segens sind. Die beiden Folgerungen in v. 7 
und 9 verhalten sich zu einander wie tov ^y/ßgactf-i OTtSQfia zu 
ykr]QOVÖfioi 3, 29. Obwohl v. 9 nicht wieder wie v. 7 durch ein 
ovroi der Gegensatz zu denen, welche nicht vom Glauben ihren 
Ausgang nehmen, ausgedrückt ist, weil durch die angeführte Ver- 
heißung der positive Gedanke in den Vordergrund gerückt ist, daß 
alle Menschen, also auch die Heiden, wenn sie nur Glaubensleute 
sind, am Segen Abr.'s teilhaben, so liegt doch in der Charakteristik 
der Erben des Segens als oi £x Ttiarecog auch der negative Ge- 
danke, daß diejenigen, welche von etwas anderem als dem Glauben 
ihr Verhältnis zu Gott bestimmt sein lassen, gleichviel welcher 

•') So haben auch die Rabbinen die Verheißung verstanden cf Weber, 
Jüd. Theol. S. 266 f. 



162 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

Nationalität sie sind, nicht Erben des Segens sein können. Dies 
ergibt eich aber nicht nur aus der angeführten Verheißung, wenn 
man sie im Licht der Geschichte Abr.'s betrachtet, sondern auch 
aus der Erwägung des Zieles, zu welchem der einzige andere für 
die Gal. denkbare, ihnen von den Judaisten empfohlene Weg führt, 
derjenige nämlich, der am Gesetz seinen Ausgangspunkt hat. Nur 
die Glaubensleute sind Erben des Segens Abr.'s; „denn alle, die von 
Gesetzeswerken ausgehen, sind unter einem Fluch ; denn es steht 
geschrieben : Verflucht ist jeder, der nicht in allem, was im Gesetz- 
buch geschrieben ist, beharrt, so daß er es tut." [v. 10] 'i'jib xatdQav 
elvai heißt nicht von einem Fluch getrofi'en werden oder verflucht 
sein, sondern bezeichnet ein stetiges Verhältnis der Unterworfenheit 
unter eine höhere Macht, welches der ihr Unterworfene in jedem 
Augenblick zu erfahren bekommen kann."") Der Fluch, welcher 
wie das Schwert des Damokles über allen schwebt, die vom Gesetz 
ihren Ausgang nehmen, ist, wie das Citat aus Deut 27, 26 cf 26, 
15 — 18 zeigt, kein unbedingter, er gilt nicht ohne weiteres allen, 
die unter dem Gesetz stehen, sondern nur denen, welche die im 
Gesetzbuch verzeichneten Gebote nicht und zwar nicht voll- 
ständig erfüllen."') Neben dem bedingten Fluch steht, wie PI 
sofort V. 12 erinnert, die gleichfalls bedingte Verheißung des Lebens 
für den, welcher die Satzungen des Gesetzes beobachtet (Lev 18, 5; 
Deut 28, 1—14; 30, 1. 15—20). Daß letzteres keinem Menschen 
jemals gelingen werde, daß also der bedingte Fluch, unter welchem 
alle Untertanen des Gesetzes stehen, an ihnen zur Verwirklichung 
komme, ist v. 10 noch nicht ausgesprochen. Dadurch, daß das 
unter dem Fluch Stehen nicht von allen unter dem Gesetz Leben- 
den ausgesagt wird, sondern nur von denen, die ihr Verhältnis zu 
Gott durch das Gesetz bestimmt sein lassen (Rm 9, 32), ist auch 
schon gesagt oder vielmehr aufs neue in Erinnerung gebracht, 
daß es für die unter dem Gesetz Geborenen einen Weg gibt, auf 
welchem sie dem ihnen drohenden Fluch entrinnen können, daß 
dieser Weg aber nicht am Gesetz, sondern am Glauben seineu Aus- 
gangspunkt hat cf 2, 16 ; 3, 7 — 9. Die Voraussetzung dieser Lehre, 
daß es nämlich keinem Sterblichen je gelingen werde, in folge von 
Gesetzeswerken oder, wie es jetzt v. 11 heißt, innerhalb des Ge- 
setzes, vermöge eines Lebens in den Schranken des Gesetzes hei 
oder vor Gott gerecht zu werden, '*^) war 2, 16 als Inhalt einer 
Erfahrung ausgesprochen, welche alle aufrichtigen Juden im Ein- 
klang mit dem AT machen, und welche mehr als alles andere die 

»•) Cf V.TÖ vöfwp Gl 4, 4; 5, 18; Rm 6, 14; Itiö i^ovainp Mt 8, 9. 

"') Mit LXX und Samar., aber gegen den mas, Text von Deut 27, 26 
schiebt PI rtüaiv oder noch genauer nach h B 67** ^v ttüoiv hinter ififth'ei 
ein, wohl unter dem Einflnli einer Erinnerung an Stellen wie Deut 28, 58; 
30, 10, an welche auch das folgende lois ye/fufifievois Iv 7(3 ßißXicp lov 
vöftov mehr als an 27, 26 (LXX rot« Xöyote roü vöfiov loürov) sich anschließt. 



c. 3, 6-14. 153 

echten Christen aus Israel zum Glauben an Christue bestimmt habe. 
Dieselbe Voraussetzung wird auch hier v. 11 — 13 nicht als etwa» 
neues ausgesprochen und umständlich bewiesen, sondern, wie ähn- 
lich schon 2, 21 in kürzerer Fassung, als Grund des Kreuzestodes 
Christi bezeichnet. Für die, welche noch an den Gekreuzigten 
als ihren Erlöser glauben (1, 4; 2, 20 ; 3, 1), liegt in der Tutsache 
dieses seines Todes allerdings ein starker Beweis dafür, daß auf 
dem Gesetzeswege kein Mensch Gerechtigkeit bei Gott erlangt. 
Denn, wenn dies möglich wäre, brauchte Christus nicht zu sterben, 
zumal nicht dieses Todes. Diese Schlußfolgerung wird aber nicht 
ausgesprochen, sondern nur gesagt, daß das Werk der Erlösung 
die Unmöglichkeit der Rechtfertigung auf gesetzlichem Wege zur 
Voraussetzung habe. So nämlich gestaltet sich der Gedankenfort- 
Bchritt, wenn man den Nachsatz zu dem Vordersatz otl ök iv 
vöi-Kp Oideig dr/.aioüiaL rcaqa tm S-eM v. 11* in XQiotbg rjij.5g 
i^r^yoQaoev y.zl. v. 13 findet. Dies ist aber von vornherein schon 
darum das Wahrscheinliche, weil bei dem innigen Zusammenhang 
von V. 13 mit v. 10 und dem Gegensatz zwischen v. 11 — 12 und 
V. 13 der asyndetische Anfang eines neuen Satzes anstatt eines 
Xqioiog di oder aXlot Xqioiög ^®) äußerst unnatürlich wäre. Un- 
möglich ist jedenfalls zu übersetzen: „Weil im Gesetz niemand 
bei Gott gerecht wird, so ist klar, daß der Gerechte in folge 
von Glauben leben wird". Denn erstens würde aus dem ange- 
gebenen Grunde keineswegs folgen, was angeblich eine einleuch- 
tende Folgerung daraus ist. Es wäre ja sehr wohl denkbar, daß 
der Mensch weder iv v6/.up noch In Tiioreiog, ja daß er überhaupt 
nicht zu Gerechtigkeit und Leben gelangte. Zweitens wäre höchst 
befremdlich, daß der in Schriftworte aus Hab 2, 4 gekleidete und 
daher von seiten der Leser wie ihrer Verführer sofortiger An- 
erkennung sichere Gedanke aus dem zwischen PI und ihnen gerade 
strittigen Gedanken, welcher vorangeht, als aus seinem Grunde 
hergeleitet würde. ^) Drittens kommt man bei dieser Fassung nicht 
mit V. 12 zurecht; denn nachdem die Unmöglichkeit des Gerecht- 
werdens kv vöiiai) als ausgemachte Wahrheit und als ausreichender 
Grund für die Behauptung von IP geltend gemacht worden ist, 
fehlt jeder Anlaß, noch einmal auf die Unzulänglichkeit des Ge- 

®*) Zu tp röficp, welches nicht gegen die Schreibart des PI = (iiä 
vöfiov gefaßt werden darf cf Km 2,12; 3,19 und iviofios 1 Kr 9, 21. — 
Fraglich ist, ob rr«o« det~) ohne tw mit D G zu lesen ist, die auch Rm 
2, 11. 13 (hier auch ß); 9, 14; 1 Kr 3, 19 (mit vielen andern); 7, 24 (mit 
wenigen) so schreiben. 

*^) S' übersetzt: „Uns aber hat Christus erkauft". 

') Ganz anders liegt die Sache 2, 16, wo gerade der Gedanke, daß 
niemand durch Gesetzeswerke gerecht wird, in Schriftworte gekleidet und 
dadurch die aus der Erfahrung des PI geschöpfte Behauptung, daß der 
Jude nur durch Glauben an Christus gerecht werde, begründet wird. 



154 Grundlosigkeit nnd Verderblichkeit des Abfalls. 

aetzcB zurückzugreifen ; oino nachhüikeude BestiitigUDg aber von 
V. 11* würde durch yaQ, nicht durch ö^ angefügt sein. Ebenso 
unmöglich ist die seit ältesten Zeiten vorherrschende Fassung: 
„üaß aber innerhalb des Gesetzes niemand bei Gott gerecht wird, 
ist klar; denn der Gerechte wird in folge von Glauben leben, 
das Gesetz aber" etc. Sprachlich unmöglich ist dies, weil dos 
elliptische öf'kov (sc. ioiiv) zwar nicht selten auf voriges eich be- 
zieht und den wesentlichsten Bebtandteilen des von ihm abhängigen 
Satzes, niemals aber dem diesen Satz regireuden, also gleichfalls 
von Ör^kov abhängigen bii oder (o^ nacligestellt wird.^) Hier ist 
das um so unmöglicher, da auf öTp-ov eiti zweites ürt folgt, welches 
jedermann im Sinn eines „daß" zu öf^Xor zu ziehen genötigt ist. 
Um dies zu vermeiden, brauchte PI nur statt oti ein yccQ zu 
schreiben."'^) Aber auch sachlich empfiehlt sich diese Konstruktion 
nicht; denn wenn überhau2>t der Satz, daß niemand auf gesetz- 
lichem Wege gerecht wird, nach 2, 16. 21 noch eines förmlichen 
Beweises und zwar, was durch ein auf das Vorige bezügliches 
di]).oy ausgedrückt wäre, eines jeden Zweifel ausschließenden Be- 
weises bedurfte, so war der hinter öf^Xov folgende Satz, welcher 
gar nicht vom Gerechtwerden handelt, zu einem solchen Beweise 
sehr ungeeignet. Ganz anders liegt die Sache, wenn nach Aus- 
scheidung der parenthetischen Bemerkungen v. ll'' — 12, der Satz 
lautet: „Weil aber innerhalb des Gesetzes niemand bei Gott ge- 
recht wird, hat Christus uns von dem Fluch des Gesetzes los- 
gekauft, indem er für uns ein Fluch wurde". Nun enthält der 
Vordersatz nur eine Wiederaufnahme des bereits 2, 12 zweimal 
ausgesprochenen, auch 2, 21 ähnlich wie hier verwerteten Gedankens. 
Eine gewisse Begründung aus der Erfahrung der Leser und aus 
der Geschichte Abr.'s hat er 3, 2 — 6 insofern gefunden, als dort 
gezeigt wurde, daß die Gal. in den Besitz des Geistes und seiner 
Gaben wie Abr. zur Stellung eines Gerechten nicht in folge von 
Gesetzeswerken, sondern in folge von Glau])en gekommen sind. 
Das macht aber die hiesige parenthetisch eingefügte Erläuterung 
nicht überflüssig; denn erst diese macht gemeingiltige Wahrheiten 
geltend, mit welchen sich in Widerspruch setzen würde, wer be- 
haupten wollte, daß auf gesetzlichem Wege Gerechtigkeit zu er- 

*) Cf Kübner-Gerth II, 3ßH. lu LXX kommt die RA nicht vor. 1 Tm 
6, 7 (ohne grammatische Verbindung mit dem vorigen) ist äi}Xoi' von sehr 
zweifelhafter Echtheit: 1 Kr 15, 27 liegt wahrscheinlich das adverbielle 
liT}}jovözi videlicet vor. Cf noch Hb 7, 14 noöSr/'/.op yäp im. 

*) Thucyd. 1, 11. Ein starker Beweis fiir die Unmöglichkeit dieser 
KoDStraktiou liegt darin, daß, um diese Fassung zu erzwingen, D* S' hinter 
itf^'tMP ein yiyQUTTjai ydp einschoben. Wenn G außerdem das lästige Üijkop 
tilgte. 80 sollte dadurch alles zwischen y%(ö v. 11 und XotoTÖ^; v. 13 Stehende 
zur Parenthese gemacht werden, was richtig, aber auch ohne solche Text- 
änderungen zn erreichen ist. 



c. 3, 6—14. 155 

langen sei. Die Einleitung der Erläuterung durch das adverbielle 
öi]lovöri = ridelicef, sciliecl kennzeichnet sie einerseits als Paren- 
these *) und andrerseits als Hinweis auf etwas klar vorliegendes, 
selbstverständliches. Den letzteren Charakter haben die einge- 
schobenen Sätze dadurch, daß sie größtenteils aus Schriftworten 
gebildet sind. Wie 2, 16 a. E. und 3, 6 citirt PI die zum Aus- 
druck seines Gedankens verwerteten Schriftworte nicht als solche, 
setzt aber voraus, daß die Leser sie als Schriftworto kennen, sei 
es aus eigener Lesung (AG- 17, 11), sei es durch Veru)ittlung des 
Unterrichts, den sie von ihren Lehrern empfangen haben (Jo 12, 34). 
Die Anführung des Wortes aus Hab 2, 4 in Rm 1, 17, besonders 
aber Hb 10, 37 f., wo die Stelle in weiterem Umfang, aber gleich- 
falls ohne Citationsformel verwertet wird, zeigt, daß sie im christ- 
lichen Elementarunterricht benutzt zu werden pflegte. Im Gegen- 
satz zu dem Übermütigen und Unaufrichtigen, der trotz vorüber- 
gehender Erfolge zu Grunde gehen wird, sagt der Prophet nach 
dem hebr. Text: „Und der Gerechte wird durch seinen Glauben 
oder sein Vertrauen leben". Während LXX dies durch 6 öl 
dUaiog ex TcLareibg fiov Ci]<JeTai wiedergibt,^) als ob sie ^nJlON3 
statt des masor. inJiaSS vor sich gehabt hätte, läßt PI das Suffix un- 
ausgedrückt und stellt dadurch den Gedanken des Originals wieder 
her ; denn daß unter der eines Possessivs ermangelnden niOTig 
nicht, wie LXX wollte, die Treue Gottes, sondern das Vertrauen 
des Gerechten gemeint sei, war für jeden griechischen Leser selbst- 
verständlich. Ohne die ihm von Jugend auf geläufige Kenntnis des 
hebr. Originals hätte PI die Stelle so wie er es hier und Km 1, 17 
tat, gar nicht gebrauchen können ; aber die Rücksicht auf die ihm 
wie seinen Gemeinden gewohnte LXX wird es veranlaßt haben, 
daß er das f.ioü der LXX nicht durch ein dem Hebr. buchstäblich 
entsprechendes, aber für den Sinn gleichgiltiges avxoö ersetzte, 
sondern sich damit begnügte, das unrichtige f-ioC, welches die 
Stelle für seinen Zweck unbrauchbar gemacht hätte, fortzulassen. 
Eine Vergewaltigung des Schriftworts läge nur dann vor, wenn 
er, wie oft behauptet wurde, o öixaiog Ik Ttioxecog im Sinne von 
6 Bx 7iioT€iog di/.aiog verstanden, also die Lehre von der Recht- 
fertigung aus Glauben in Hab 2, 4 eingetragen haben wollte. Es 
ist aber nicht einzusehen, warum PI, welcher hier kein Citat an- 
gekündigt hatte, also auch nicht an den Wortlaut der benutzten 
Stelle gebunden war, diesen Gedanken nicht durch Umstellung der 
Worte in der grammatisch richtigen und allein verständlichen Form 
ausgedrückt haben sollte. Auch der Zusammenhang spricht da- 

*) Cf A 2. Das Fehlen eines ydo, welches sehr wohl beigefügt sein köaute 
(Andoc. de myst. 30), steigert den Eindruck einer Unterbrechung der Rede. 

*) Daß die LA des AI. Sixatös nov ix Tziarscoi aus Hb 10, 38 in LXX 
eingetragen ist, darf als sicher gelten. 



156 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalle. 

gegeu, daß er vom Leser erraten haben wollte, was er nicht ge- 
sagt hat. Er ist in v. *J — 14 in einer Beantwortung nicht der 
Frage begriffen, ob man durch (-Jesetzeswcrke oder durch Glauben 
gerecht werde, sondern der Frage, wer ein Erbe des Segens 
Abr.'s sei; und in der zu dem Wort des Habakuk gegensätzlichen 
Aussage über das Gesetz ist gleichfalls nicht davon die Rede, wie 
einer gerecht werde, j^onderu an welche Bedingung das Gesetz die 
Verheißung des Lebens binde. Also muß auch v. 1 1 gesagt sein, 
von welcher Bedingung der Prophet das Leben abhängig mache. 
An sich enthält das Wort des Habakuk den doppelten Gedanken: 
„nur der Gerechte wird zum Leben gelangen" und „in folge 
von Glauben wird der Gerechte zum Leben gelangen". Beide 
Gedanken entnimmt ihm PI Rm 1, 17 ff. und begründet sie aus- 
führlich. Hier dagegen war eine Betonung des ersteren Gedankens 
überflüssig, da zwischen PI und den Gegnern hierüber volles Ein- 
verständnis bestand. Der Ton fällt daher hier vielmehr auf ^x 
Tcloietog als die bedingende Voraussetzung das Lebens, des Ge- 
rettet- und Gesegnetwerdens des Gerechten. Auch diesem Satz 
würde kein Judaist geradezu zu widersprechen gewagt haben ; 
denn er ist der Schrift entnommen. Da aber das Subjekt 6 öixaiog 
eine Eigenschaft , die mau nach Meinung der Gegner nur 
durch Gesetzesbeobachtung erlangen kann, zur selbstverständlichen 
Voraussetzung des Lebens macht, so meinten sie gesetzliche Ge- 
rechtigkeit neben dem Glauben und vor dem Glauben als Be- 
dingung des Lebens fordern zu dürfen cf Ez 18, 9. Gegen diese 
Addition von Gesetzeswerken und Glauben protestirt PI durch v. 12. 
Wie sonst von Menschen geredet wird, die am Glauben ihren Aus- 
gangspunkt haben, ihn zum Princip ihres Lebens und ihres Ver- 
hältnisses zu Gott machen (v. 7, 9), so wird hier vom Gesetz ver- 
neint, daß es vom Glauben her sei, den Glauben zum Lebensprincip 
erhebe. So ist es nicht, sondern wer die darin entlialtenen 
Satzungen beobachtet hat, wird nach Lev 18, 5 in diesen Satzungen 
das Leben finden, vermöge ihrer Beobachtung das Leben erlangen,^) 
Ist somit die Verheißung, welche das Gesetz seinen Untertanen 
neben dem Fluch vorhält, wegen der Bedingung, an die sie ge- 
knüpft ist, unverträglich mit der Verheißung, welche das pro- 
phetische Wort dem Gerechten unter der Bedingung des Glaubens 
zuspricht, so kann auch die Gerechtigkeit, welche das letztere als 
Voraussetzung des Lebens gelten läßt, nicht eine auf gesetzlichem 
Wege erworbene sein. Im Zusammenhalt mit dem gegenteiligen 

*) Nur im Vertrauen auf die Schriftkenntnis der Leser konnte PI 
auch ohne Citationsformel die Worte (tird und et^ airozg beibehalten, die 
bei ihm nur an d vöuoi, in LXX = hebr. an t« nQoaiüyfxaxd fwv xnl 
tä y.oiumä fiov ihre Unterlage haben. Ein äi^dootTrog vor ^Tlaernt in LXX 
ist für Rm 10. 5 glänzend, für Gl 3, 12 nur schwach bezeugt. 



c. 3, 6—14. 167 

Princip des Gesetzes beweist das Wort aus Hab 2, 4, daß es eine 
auf gesetzlichem Wege zu erlangende Gerechtigkeit in Israel nicht 
gab und überhaupt nicht gibt. Nachdem so der Vordersatz v. 11' 
durch die zwischeneingeschobenen Sätze kurz gerechtfertigt und 
dadurch auch der Satz von v. 10 dahin erweitert ist, daß die Ge- 
BL-tzesleute nicht nur bedingter AVeise unter einem ihnen angedrohten 
Fluch stehen, sondern ihm tatsächlich anheimfallen, weil das Gesetz 
keinem seiner Untertanen die Fähigkeit gibt, die Bedingung zu 
erfüllen, an welche es seine Verheißung geknüpft hat, kann der 
Nachsatz v. 13 lauten: (darum) „hat Christus uns aus dem Fluch 
des Gesetzes losgekauft". Der starke bildliche Ausdruck t^a- 
yOQCcteiv ') gibt noch bestimmter als das einfache äyoQa^€iv die 
Vorstellung , daß die Losgekauften sich vorher in dem Fluch, 
welchen das Gesetz über seine Übertreter ausspricht, wie in einer 
Haft befanden. Durch ihre Übertretung des Gesetzes oder mit 
anderen Worten durch ihr vergebliches Bemühen, innerhalb des 
Gesetzes bei Gott gerecht zu werden (v. 11*), waren sämtliche 
Untertanen des Gesetzes in eine mit einer Gefangenschaft irgend 
welcher Art vergleichbare Lage geraten, aus welcher sie selbst 
sich ebensowenig befreien konnten, als sie im Stande gewesen 
waren, das Hineingeraten in diese Lage zu verhüten. Daß dies 
nur von Juden gesagt werden konnte (cf 4, 5), versteht sich von 
selbst, wird aber auch durch den Gegensatz von tö ed^vrj v. 14 zu 
^fiäg V. 13 vollends außer Frage gestellt. Also die dem Gesetz 
unterstellten und durch ihre Übertretung des Gesetzes dem Fluch 
des Gesetzes verfallenen Israeliten hat Christus aus dieser Ver- 
haftung befreit, indem er ihnen zu gut ein Fluch wurde. Während 
i^Tjyögaoev zunächst die Vorstellung bietet, daß Christus dies durch 
Hingabe eines wertvollen Gutes bewirkt habe (1 Kr 6, 20; 7, 23: 
1 Pt 1, 19), wird doch hier der Vorgang, in und mit welchem 
Christus dies bewirkt hat, vielmehr als Erdulden eines schlimmsten 
Übels dargestellt. Das Sterben Jesu ist eben beides zugleich, einer- 
seits seine eigene Tat, nämlich Hingabe seiner selbst oder seines 
Lebens (Gl 1, 4; Rm 5, 6 f. ; Eph 5, 1; Phl 2, 8), andrerseits ein 
Leiden, welches Gott über ihn hat ergehen lassen (E,ra 4, 25 ; 
8, 32; 2 Kr 5, 21), und zwar ein solches Leiden, welches ihn als 
Verkörperung eines Fluchs erscheinen ließ. Obwohl PI prägnante 
Ausdrücke von der Art des vorliegenden liebt,**) ist doch mehr als 

') So im NT nur noch 4, 5; dyood^en- 1 Kr 6, 20; 7,23; 2 Pt 2, 1; 
Ap 5, 9; 14, 3 f., von Marcion auch Gl 2, 20 ein2:etra?en. Die wesentlich 

fleiche Vorstellung., 1 Tm 2, 6; Tt 2, 14, weniger bestimmt ausgeprägt Gl 
, 4: 2 Tb 2, 13. Über die korrelate, aber nicht identische Bedeutung von 
dTToMWocoois s. zu Rm 3, 24 [zu sSnyopätetv Vgl. Zahu Rm S. 179 f. A. 51]. 
') Am meisten vergleichbar ist 2 Kr 5, 2i rör in) yrdira äunorim' Ittfq 
ijtKör äiinnrirtf e7Toir](iev. Cf aber auch Kl 1, 27 ; l Tm 1, 1 Christus unsere Hoff- 
nung, 1 Th 2, 19 f.; Phl 4, 1 die woblbestellten Gemeinden die Freude, der 



158 Grundlosigkeit und Verdorblichkeit des Abfalls. 

wahrscheinlich, daß er durch den hebr. Wortlaut der sogleich 
citirten Stelle Deut 21, 23 auf diesen geführt wurde. Denu dort 
wird das Gebot, den Leichnam eines hingerichteten Verbrochers, 
den man als abschreckendes Beispiel an einen Holzpfahl gehängt 
hat (cf Num 25, 4), nicht über Nacht hängen zu lassen, sondera 
zu begraben, durch den Satz begründet: „denn ein Fluch Gottes 
ist ein Gehängter (^"i^p C'h^X n^^i?"'3), und du sollst nicht den 
Erdboden, welchen Gott dir zum Erbe gibt, verunreinigen." Gegen 
die Herleitung des starken Ausdrucks yevoiuiog xaräga aus diesem 
hebr. Text spricht nicht, daß PI in der Anführung der Stelle nun 
doch nicht '/.aräga, sondern iTtixazagaiog schreibt. Gerade weil 
er xardga vorweggenommen hat, vermeidet er in seiner freien 
"Wiedergabe des Schriftworts die Wiederholung desselben Worts. 
Beachtet man ferner, daß er sich auch von LXX unabhängig hält, 
indem er ln:i/.ai(XQaxog TiSg 6 y.gfudutvog statt -/.exaTr^gafiivog vnb 
&tov näg y.gejuduerog schreibt,*') so mag dazu die Scheu beige- 

Ruhm und Kranz des Apostels. — Weniger läßt sich vergleichen Gen 12, 2 
,da sollst ein Segen sein" oder Sach 8, 13: „ihr wart ein Flach uuter den 
Völkern" und „ihr sollt ein Segen sein". Denn an ersterer Stelle ist nach 
Gen 22, 18 und erst recht Sach 8, 13 gemeint, daß die Völker den Namen 
Abr.'s oder Israels als ein Segens- oder Finch wort gebrauchen werden 
cf auch .Ter 2H, 6. 

") So LXX Tjüi ohne Unterlage im mas. Text. Hierin und anch in 
der Herübernabme des irrl ^ilov aus v. 22 folgt PI der LXX. Nach Hier. 
z. St. p. 436 ff., welcher hier wahrscheinlich nur Abschreiber des Orig. ist, 
haben Aquila und Theodotion (cf den griech. Wortlaut nach Prokop bei 
FieM, Hexapla I, 304) Sn xmäoa d-eov y.nenä/itioi, Symmachus: quia pro- 
pter bUisphemiam dei suspensus est (ähnlich Onkclos und die rahbinische 
Exegese cf Schöttgen I, 734); femer „der halbchristliche und halbjüdische 
Häresiarch Ebjon" ön i/ipn O'eov 6 yoiuduEto^. Sodann will Hier, in dem 
Dialog ..(des Ariston von Pella um 140) „Jason und Papiskus", natürlich in 
einer Äußerung des Juden Papiskus, die Übersetzung gefnnden haben 
)jyido<iia d-£o€ d xpeuäutios fcf Forsch IV, 316 f.). Endlich hat ihm ein 
christlicher Hebräer, wahrscheinlich ein Nazaräer (OK IT, 649) versichert, 
man könne Deut 21, 23 auch übersetzen: contiimeltose dem suspensus est. 
Zum Schluß bemerkt er: Haec idcirco congessimus , quia famosissima 
quarstio est et nobis soleat a Judaeis pro infamia objici, quod salvator 
nnster et dominus sub dei ftterit maledicto. Das hohe Alter der auf Dent 
21, 23 gestützten judischen Polemik wird außerdem noch durch Just. dial. 
32 n. 1; 89 n. 4: 9 n. 1; Tert. adv. Jud. 10; Altere. Sim. et Theoph. ed. 
Bratke p. 26 bestätigt. Es ist auch bemerkenswert, daß in der rabbini- 
8chen Literatur von der Kreuzigung Jesu regelmäCig nicht das diese ge- 
nauer bezeichnende zh-i, sondern das Deut 21, 23 vorliegende .-'^n gebraucht 
wird i'Sanhedr. 43». BT»), daß Jesus den Juden als der Gehenkte ('i'?n) 
schlechthin galt und selbst mit dem gehenkten Haman (Esther 7, 9 f.) in 
einen genealogischen Znsammenhang gebracht wurde (Laible, Jesus im 
Talmud S. 29. 83. die Belege im Anhang S. 17, 18 nr. XX. XXIIT). Wenn 
femer durchaus glaublich ist, daß das Sjnedrium mit bewußter Rücksicht 
auf Dent 21, 23 von Pilatus die Hinrichtung Je>n gerade durch Kreuzigung 
forderte (Dalman, Der Gottesname Adonai S. 47f.), so ist anch wahrschein- 
lich, daß schon PI in Disputationen mit Juden (AG 9, 22. 29j auf jene Ge- 
Heuesstelle gegründete Lästerungen Jesu gehört hatte, ehe er den Gl schrieb 



c. 3, 6-14. 169 

tragen haben, von dem gekreuzigten Christus auch nur indirekt zu 
sagen, was Deut 21, 23 von dem hingerichteten Verbrocher gesagt ist, 
daß er ein Fluch Gottes (hebr.) oder ein von Gott verfluchter (LXX) 
gewesen sei. Vor allem aber ist die Absicht unverkennbar, den 
Ausdruck der Gesetzesstelle dem STtixaTugaTog rrüg v. 10 gleich- 
zumachen. Damit ist gesagt, daß der v. 10 nach Deut 27, 26 an- 
geführte Fluch des Gesetzes über seine Übertreten den hingerichteten 
und hernach an einen Pfahl gehängten Verbrecher getroffen habe 
und an ihm in sonderlicher Weise zu sehen sei. Damit aber be- 
gründet PI, daß Christus ein Fluch geworden sei, und zwar nach 
tiberwiegender Bezeugung in der strafferen Form uxt yiyQaTtrai, 
nicht yiyQUTtTai yoQ. Das Gesetz, welches die Strafe der Kreuzigung 
überhaupt nicht kennt, spricht auch an der angeführten Stelle 
nicht von der Todesstrafe, die an Jesus vollstreckt worden ist. 
Aber indem das von der jüdischen Obrigkeit über Jesus gefällte 
Todesurteil „durch die Hand der gesetzlosen" Römer in der Form 
der Kreuzigung vollstreckt wurde (AG 2, 23; Mt 20, 19), war er 
schon in seinem Sterben, was nach dem Gesetz der schlimmste 
Verbrecher erst nach seiner Hinrichtung wurde, ein öffentlich aus- 
gestelltes Exempel der unerbittlichen Strenge des Gesetzes. "Während 
er den ungläubigen Juden eben darum als ein wirklicher, von 
Gottes Fluch getroffener Verbrecher galt und gerade als der Ge- 
kreuzigte ein axdi'öaXov war (1 Kr 1, 23), brauchte christlichen 
Lesern nicht erst gesagt zu werden, daß Jesus nur durch Miß- 
brauch des Gesetzes als ein Gotteslästerer und Übertreter des Ge- 
setzes in diese Lage gebracht worden sei, und daß er als ein un- 
schuldig Verurteilter auch nicht von dem Fluch getroffen worden 
sei, welchen Gott im Gesetz über die Übertreter des Gesetzes ver- 
hängt hat. Nicht nur überflüssig, sondern auch ganz unveranlaßt 
wäre es gewesen, den von einer ungesunden Dogmatik dem PI an- 
gedichteten Gedanken abzuwehren, daß Christus am Kreuz alle die 
Strafen erlitten habe, welche nach dem Gesetz (z. B. Deut 28, 
15 — 68) die Übertreter des Gesetzes treffen sollten. Die Vergleichung 
der Lage des gekreuzigten Christus mit der Lage der nach ihrer 
Hinrichtung aufgehängten Verbrecher konnte zu dieser Vorstellung 
nicht verleiten: denn auch von diesen gilt das ja nicht; und von 
solchen unter ihnen, die unschuldig zum Tode verurteilt wurden, 
gilt nicht einmal, daß sie im vollen Sinn ein G\"i^N n^^p (Deut 
21, 23) geworden seien. Die Strenge des Gesetzes kommt auch 
an ihnen zur Darstellung; aber der Fluch des Gesetzes, welcher 
den Übertretern des Gesetzes gut, kann diejenigen, welche wegen 
angeblicher Gesetzesübertretung von ungerechten Richtern ver- 
urteilt wurden, persönlich nicht treffen. Vollends Christum nicht, 
der das Gesetz überhaupt nicht übertreten hat. Wie er in seinem 
Sterben von Gott zu einer Verkörperung der Sünde gemacht 



160 Grnndlosijfkeit unil Verderblichkeit des Abfalls. 

wurde, obne ein Sünder zu sein (2 Kr 5, 21), so auch zu einem 
Fluch , ohne von Gott verflucht zu sein. Inwiefern diese nur 
durch den ärgsten Mißbrauch des Gesetzes möglich gewordene 
Unterstelluug Jesu unter den Fluch des Gesetzes das geeignete 
liittel war, die mit Recht diesem Fluch verfallenen Israeliten aus 
dieser heillosen Lage zu befreien, hat PI hier nicht dargelegt. Er 
sagt nur, daß Christus auf solche "Weise die Befreiung seines 
Volkes aus dem Fluch des Gesetzes bewirkt habe, und zwar darum, 
weil es nach v. 11' für die Untertanen des Gesetzes sonst kein 
Mittel gab, gerecht zu werden oder dem Fluch des Gesetzes zu 
entrinnen. Wenn so die Erlösertat Christi zunächst in ihrer Be- 
ziehung auf Israel dargestellt ist (Rm 15, 8; Mt 1, 21; Lc 24, 21), 
so war es, damit die Anwendung der angeführten Tatsachen und 
Wahrheiten auf die vorwiegend heidnischen Gal. und die vorliegende 
Streitfrage möglich sei, um so nötiger zu sagen, daß Christu? bei 
seiner Hingabe in den Kreuzestod auch die Heiden im Auge gehabt 
habe_ v. 14. Er hat Israel vom Fluch des Gesetzes losgekauft, 
„damit zu den Heiden der Segen Abr.'s komme in Christus 
Jesus". Inwiefern ersteres geschehen mußte, damit letzteres ge- 
schehen könne, bleibt dem Leser überlassen, dem Zusammenhang 
zu entnehmen. Soll der den Heiden zugesagte Segen durch Abr. 
und sein Geschlecht vermittelt sein, so muß zunächst Abr.'s Ge- 
schlecht Segen empfangen oder mit a. W. dem Fluch, dem Gegen- 
teil des Segens entnommen sein, ehe eine Segenswirkung von ihm 
auf andere übergehen kann. Es wäre aber auch eine Erlösung 
der Israeliten aus dem Fluch des Gesetzes, dem sie durch ihre 
Übertretung verfallen waren, des Namens nicht wert, wenn sie 
nicht zugleich eine Befreiung derselben von der Herrschaft des 
Gesetzes wäre; denn mit dem VTib v6f.iov eivai (4, 4 f.) wäre immer 
wieder ein vrto xardgav elvai (3, 10) gegeben, eine Lage, in 
welcher man zunächst jederzeit dessen gegenwärtig sein muß, dem 
Fluch zu verfallen , dann aber auch vermöge der menschlichen 
Sündhaftigkeit demselben wirklich verfällt. Ist aber die Erlösung der 
Israeliten durch den Gekreuzigten eine Befreiung nicht nur von dem 
Fluch, sondern auch von der Herrschaft des Gesetzes, so leuchtet 
erst recht ein, daß sie notwendig war, damit die Heiden den Segen 
Abr.'s als ein auch den Heiden zu gute kommendes und durch Abr. 
vermitteltes Gut (v. 8) empfingen. Nur die aus den Schranken 
des Gesetzes befreite Religion Israels konnte die Religion der 
Welt werden ; denn das Gesetz ist nicht der Menschheit, sondern 
diesem einen Volk gegeben und ist nicht bestimmt und geeignet, 
die besonderen Güter Israels zum Gemeingut der Menschheit zu 
machen, sondern vielmehr dazu, Israel in seiner Besonderheit zu 
erhalten und von den Völkern zu scheiden. Darum mußte der in 
Jesus erschienene Messiaa durch seinen Kreuzestod Israel aus den 



c. 3, 6-14. 161 

Banden des Gesetzes befreien, damit die seit Abr. diesem Volk 
verliehenen, aber von vornherein allen Völkern zugesprochenen 
Güter diesen wirklich zu teil werden. In Christus Jesus, welcher 
ein Fluch ward, geschieht das. Wenn nun dem Finalsatz v. 14* 
ein zweiter v. 14'* folgt, so ließe sich aus formellen Gründen nichts 
dagegen sagen, daß der zweite vom ersten abhänge, also einen 
Zweck des Zweckes angebe cf 4, 5 ; nur der Inhalt der beiden 
Sätze zeigt, daß vielmehr das zweite 'Iva dem ersten koordinirt 
ist cf Rm 7, 13. Denn in dem durch keine Näherbestimraung ein- 
geschränkten Segen Abr.'s sind alle Güter des Heils inbegriffen, 
und daß diese den Heiden zu teil werden, kann nicht zum Zweck 
haben, daß die Heiden oder alle Menschen den Geist empfangen. 
Neben dem erstgenannten Zweck der Erlösung Israels vom Fluch 
und Zwang des Gesetzes, welcher selbstverständlich nicht der einzige 
ist, hat der andere sehr wohl Raum, daß die, in deren Namen PI 
hier redet, den Geist vermittelst des Glaubens empfangen. Nachdem 
V. 13 und 14'^ durch i^,uög, \^lü)v und ra ed-vr^ Juden und Heiden 
einander scharf gegenübergestellt waren, kann das tonlose „wir" in 
'/.äßiouev nicht wieder die Israeliten bezeichnen, was ja auch sachlich 
unmöglich ist, da bereits 3, 2 — 5 nachdrücklich gesagt war, daß 
die heidenchristlicben Leser in folge ihres gläubigen Hörens den 
Geist empfangen haben, sogut wie die gläubigen Israeliten cf AG 
10, 47. PI faßt also hier die Israeliten und die Heiden, die er vorher 
nach ihrer verschiedenen Stellung zum Gesetz und zur Verheißung 
unterschieden und doch beide als Ziel des Erlösungswerkes Christi 
hingestellt hat, in ein „wir" zusammen cf Rm 9, 24. Nach der 
wahrscheinlich ursprünglichen LA bezeichnet er das Gut, welches alle 
Christgläubigen aus Israel und den Heiden empfangen sollten und 
durch ihr Gläubigwerden empfangen haben, als „den Segen des 
Geistes".^") Dies entspricht der Darlegung in 3, 2 — 9 (s. oben 
S. 150), wonach der Empfang des Geistes die Gestalt ist, in welcher 
die Heiden in der Gegenwart den Segen Abr.'s empfangen. Dies 
gilt aber auch von den jüdischen Christen; denn der Besitz des 
hl. Landes und die Herrschaft der "Welt (Rm 4, 13 cf Mt 5, 3) fehlt 
ihnen noch ; aber am Geist besitzen sie wie die Heidenchristen ein 
Angeld und eine Bürgschaft der zukünftigen Herrlichkeit, des 
vollen, dem Abr. und seinem Geschlecht, aber auch allen Völkern 
zugesagten Segens (Rm 8, 23 ; 2 Kr 1, 21 ; 5, 5 ; Eph 1, 13 f.). So 

'°) Statt des weiter verbreiteten sTtay/eUuf (so von den Lat. r, Aug. 
Hier. Vulg) haben tiloyiaf Marcion (dieser wahrscheinlich rr,v 7TiEi\uaTixfjv 

siiloyiav cf Eph 1, 3 Statt rr]r Eil)., r. npevuuTOi GK II, .500), D G d g. Abstr. 

wohl auch Pseudorig. tract. 150, 6 (Vict. ist hier zu flüchtig), ganz deutlich 
aber auch Ephr. p. 131. — Da.s in dieser Verbindung unerhörte, aber dem 
Zusammeuhaug vorzüglich entsprechende dJ.oyiay wurde in Erinnerung an 
Lc 24, 49; AG 1, 4; 2, 33. 38 f.; Eph 1, 13, vielleicht auch im Vorblick auf 
Gl 3, 16—29 leicht durch Bnayyekia^' verdrängt. 

Zahn, Galaterbrief. 3. Autl. 11 



162 Grundlosigkeit and Verderblichkeit des Abfalls. 

bringt der zweite Finalsatz nicht nur eine Erweiterung des ersten^ 
nämlich eine Ausdehnung desselhen auf die gesamte Christenheit, 
sondern auch eine Erläuterung desselben, indem er als die in der 
Gegenwart bereits zur "Wirklichkeit gewordene Seite des Segens 
Abr.'s den Empfang des Geistes bezeichnet, welchen alle Christen 
durch Glauben oder, wie es zu Anfang des hier zu einem vor- 
läufigen Ende gekommenen Abschnittes hieß (v. 2 — 5), nicht in 
folge von Gesetzeswerken, sondern in folge gläubigen Hörens 
empfangen haben. 

Sind die Leser ohne Unterschied in dem Subjekt von Ikdßofiiv 
inbegriffen und als Inhaber des auf grund der Erlösung durch 
Christus den Glaubenden geschenkten Geistes betrachtet, so kann es 
noch weniger wie 1,11 überraschen, daß PI nach einem abermaligen 
Ausbruch seiner Entrüstung über ihre unbegreifliche Verirrung 
(1, 6 — 10; 3, 1 — 4) sie zum zweiten Mal in diesem Brief als Brüder 
anredet, [v. 15] Noch sind sie es, und darauf gründet sich die 
Hoffnung einer Verständigung, welche PI 3, 15 — 4, 11 auf einem 
neuen Weg herbeizuführen sucht. ^') Er kennzeichnet diesen neuen 
Versuch im voraus durch xarot &vOqio7TOV )Jyco.^^) Wie in anderen 
Verbindungen (Gl 1, 11 ; 1 Kr 3, 3; 15, 32; 1 Pt 4, 6) bildet auch 
in dieser /.aict ar^gcoTTOV „nach Menschenart" den Gegensatz zu 
Gott und seiner Offenbarung als dem für ein Handeln, Sein oder 
Reden Maßgebenden. Nach Analogie vergleichbarer menschlicher 
Verhältnisse (cf besonders 1 Kr 9, 7) und mit Erwägungen, wie sie 
der Mensch, ohne durch die Offenbarung sich erleuchten zu lassen, 

*•) Zu den juristischen Fragen in diesem Abschnitt und zu 4, 1 — 7 
cf an neuerer Literatur Ball, Contemp. Rev. 1891 p. 278 ff.; Halmel, Das 
römische Recht im Gl 1895; Ramsay in seinem histor. Kommentar zu den 
Stellen; Sieffert, Das Recht im NT 1900 S. 16 ff.; Conrat (Cohn), Das Erb- 
recht im Gl. Ztschr. f. ntl. Wss. 1904 S. 204—227. [Eger, Rechtsgeschicht- 
liches im NT 1919, S. 31 ff.; ders. Z. f. nt. W. 1917/8 S. 84 ff. Rechtswörter 
u. Rechtsbilder in den pl Bfen ; über die Aufhebung eines Testaments vgl. 
Meyer, Scbömann-Lipsius, Der attische Prozeß II, 597 f. Eger glaubt nach 
besonderer Heranziehung der Papyri überwiegende Gründe dafür zu haben, 
daß PI an eine hellenist. diaifr,xr, denkt (Rechtsgesch. S. 31. Rechtswörter 
S. 86). Die Worte yiQoiv, d,%rezr, biutdootn' sind von ihm als übliche 
Rechtsworte nachgewiesen. Der Vergleichspunkt für PI, die Unangreifbar- 
keit des Test, durch dritte liegt gerade im hellen. Test. vor. Denn hier 
begegnen oft Strafklanseln, welche die Verfügungen des Sta^i/teros gegen 
Angriffe Dritter schützen. Die Formel dafür lautet häufig: /o; oi<a?js fjr^öei'i 

Tfö y.affiüi.ov iiotoiai Tiods d&tir^oir ri 70vio>v äyBiv (S. 90). Umgekehrt 

hat der Verftigende sich selbst das Recht Zusätze zu treffen, gelegentlich 

vorbehalten: zu hmUr^y.r^ y.iy.rooiuLrri Vgl. !iiu(^y.ri y.voiu (Mitteil. S. 178). 

Für tTtibtardoa. kann Eger keinen Beleg nachweisen, dagegen für das 

ähnliche nootbiardoatodai (S. 97).] 

'*) Ebenso das Folgende vorbereitend Rm 3, 5f. (cf 1 Tm 3, 1, wenn 
dort dv&ndiniiog h t^yoi ZU lesen ist), dagegen rückblickend 1 Kr 9, 8, in 
die 80 charakterisirte Rede eingeschaltet Rm 6, 19 diiy()<bnivov ).tya}. Der 
Ausdruck ist ebenso griechisch wie jüdisch cf Wettstein zu Rm 3, 5 und 
Schüttgen I, 518 zu Rm 6, 19. 



3, 16-18. 163 

verständiger Weise anstellt, will PI über die in Rede stehenden 
Gegenstände sich äußern, obwohl diese selbst einer höheren Ord- 
nung angehören. Er tut dies schon damit, daß er die dem Abr. 
gegebene Verheißung Gottes eine öiaO-rfATj nennt und mit einem 
menschlichen Testament vergleicht. Daß in LXX öiadr^/j: regel- 
mäßig und beinahe ausschließlich für r'"3 steht, und daß dieses, 
wenn nicht etymologisch, so doch tatsächlich oft von einem zwischen 
zwei Parteien geschlossenen Bündnis und Vertrag, insbesondere 
auch von dem zwischen Gott und Israel geschlossenen Bunde ge- 
braucht wird, muß hier außer Betracht bleiben. Denn erstens 
hat PI erklärt, daß er hier einmal von den durch die Offenbarung 
gegebenen Gesichtspunkten absehen und die Dinge -/MTCt ävO-QiOTtov 
behandeln wolle. Damit ist auch gegeben, daß er das die ganze 
folgende Ausführung beherrschende "Wort öia&r^xr] in dem land- 
läufigen Sinn „Testament, letztwillige Verfügung des Besitzers über 
sein Vermögen für den Fall seines Todes" gebraucht. Zweitens 
heißt diad^r^'Kr^ überhaupt nicht Bund, gegenseitiger Vertrag, sondern 
Verfügung, Anordnung. "Wenn LXX nn3 auch da, wo die Vor- 
stellung eines nicht nur den Verfügenden, sondern auch den, zu 
dessen Gunsten er verfügt, verpflichtenden Vertrags obwaltet, durch 
(Jm^rjx/j wiedergibt, so betrachtet sie diesen Vertrag eben unter dem 
Gesichtspunkt einer einseitigen Satzung und Verordnung des 
öiaTid^euevog.^^) In diesem Sinne und zwar regelmäßig mit der Be- 
deutung „freie Verfügung über das Eigentum zu Gunsten eines 
anderen", besonders aber „Urkunde über letztwillige Verfügung" 
dieser Art ist das griechische "Wort, wie so viele andere Begriffe 
des Rechtsleben in die Sprache der Juden jener Zeit als '•p\"!Xn 
übergegangen.^*) So hat es allem Anschein nach Jesus gebraucht,^") 

'3) Gen 17, 7—11; Ex 24, 7 f.; Jos 9, 6 f.; 1 Sam 18, 3 f. (wo trotz des 
doppelten Subjekts doch nur Jonathan als das handelnde Subjekt erscheint). 
Kicht in LXX, aber bei Sirach dient Siud^7']y.j] manchmal als Übersetzung 
von p'.n 16, 22 (al. 20); 42, 2; 45, 7. 17 (an der ähnlichen Stelle Nom 25, 13 
= Sir 45, 24 = 1 Makk 1, 54 nna); 47, 11. Andrerseits hat cod. AI. 2 ßeg 
17, 15 n«-i3 durch aw'h'^xr] wiedergegeben (Vat. om., Lncian öiad-rjxr], aber 
mit Umstellung der Satzglieder), ebenso Aquila hier und öfter (Gen 6, 18; 
Ps 25, 10. 14 etc.). Da arrd/^xr;, meist im Plural, im Sinne von Vertrag 
in der einschlägigen Literatur sehr gebräuchlich ist: Jes 28, 15 (im Par- 
allelismus mit dtad;ly.r,); 30, 1 LXX; Sap Sal 1. 16; 12, 21; 1 Mkk 10, 26: 
2 Mkk 12, 1 ; 13, 25; 14, 20. 26. 27; Dan 11, 6. 17 LXX u. Theodot), so ist 
die beharrliche Übersetzung von nna in LXX und Sir 41, 19; 44,20; 45, 
16. 24. 25 um so bezeichnender für die Auffassung beider Begriffe und be- 
sonders von Ötatl-rlxfj. Die Bedeutung „Vertrag"' kann man auf die oft 
citirte, aber dunkle Stelle Aristoph. av. 439 nicht gründen cf Ramsay 
p. 362 Note 2 [zu Sia&ryrj vgl. Riggenbach in der Festschrift für Zahn 
1908 S. 289 ff. auch dessen Komm. z. Hbr. S. 20f.; ferner Norton, A lexico- 
graphical and historical study of Siai)i]y.ri, Chicago, 1908]. 

'*) Krauß, Lehnwörter II, 197; Einl § 2 A 11. Testamentsurkunde 
z. ß. Mischna, Baba b. VIII, 6, auch Baba m. Ilf, 3. 

'») Mt 26, 28; Mr 14, 24; Lc 22, 20. Durch die geschichtliche Lage, 

11* 



104 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

und war es jedenfalls dem Hebräer PI seit den Jahren seines 
rabbinischen Studiums in Jerusalem geläufig. Drittens beweist 
jedes Wort seiner folgenden Ausführung, daß er nicht im ent- 
ferntesten an einen zwischen (lOtt und Abr. geschlossenen, beide 
Teile verpflichtenden Vertrag denkt, sondern an eine Verfügung 
Gottes über gewisse (iüter zu Gunsten Abr.'s und seines Ge- 
schlechts, welche er mit einem menschlichen Testament vergleicht.*') 
Daß Gott nicht stirbt, also nicht eine für den Fall seines Todes 
giltige Verfügung über seinen Besitz zu Gunsten eines anderen als 
seines Erben treffen kann, hält ihn hier so wenig wie anderwärts 
ab, in erster Linie Christum als den von Gott dazu eingesetzten 
Erben Gottes und die Christen als dessen Jlitcrben zu betrachten 
(Rm 8, 17), worin Jesus selbst ihm vorangegangen war (A 15). 
A nf die Bedenken ängstlicher Leser gegen diese Vergleichung und 
gleichnismäßige Darstellung hat PI durch sein -/.cna ixvi^QioTTOv 
/.f'yiü im voraus genügende Antwort gegeben. Durch das folgende 
oit(o^ drückt er überdies aus, daß er sich der Ungleichheit der 
verglichenen Verhältnisse wohl bewußt ist.*') Durch die Vor- 
bemerkung ist aber auch ausgeschlossen, daß er im folgenden irgend 
Mclche auf einen Teil der römisch - griechischen Kulturwelt oder 
einzelne Klassen der Bevölkerung beschränkte Rechtsordnungen und 
Gebräuche in bezug auf Testament und Erbschaft zu Grunde ge- 
legt habe. Als römischer Bürger, als Rabbinenschüler und als ge- 
borener Bürger der griechischen Stadt Tarsus mußte PI mit dem, 

in welcher Jesus diese Worte sprach, durch deil ansdrUcklichen Hinweis anf 
seinen nahen Tod und durch die Vergleichung dessen, was er seinen .Tüngem, 
seinen oixiay.ot (Mt 1<>, 2.')) in Aussicht stellt, mit dem, was Gott ihm selbst 
als sein Erbteil zuerkannt hat Lc 22, 29 = Mt 19, 28 f., ergibt sich deutlich 
die Vorstellung einer testamentarischen Verfügung. Wenn .Tesus als der 
Sohn Gottes der Erbe ist (Mt 21. 87 f.), ist er der Erbe Gottes (Rm 8, 17), 
welchem Gott seinen Besitz und seine Herrschaft vermacht hat. Erbe und 
Testament sind korrelate Begriffe. Cf Sir 4.5, 2.ö; IV Esra 7, 17 (cf 3, 15; 
4, 23; 5, 29 diapoHÜoncü, spnnsiones, tcstnmenia). Nor gestreift ist die 
Vorstellung der testamentarischen Zusage Eph 2, 13 cf 1, 18, am stärksten 
ausgeprägt Hb 9, 1.5—17 cf AG 3, 25. 

**) Dies beweist schon AiOncbnor^ statt dessen es mindestens Avd'QcbTTmr 
heilJen müßte, wenn die Vorstellung eines Vertrags obwaltete; ferner 
tTTu^iaräaiHTfu v. lö, wodurch die Aufrichtung der dia,'h';yr^ als eine ein- 
seitige Anordnung des i'^injix'h'itims charakterisirt ist; weiterhin die Be- 
zeichnung des gesamten Inhalts der (>iia'hly.i; durch ni inayyüini und i^ 

^:zay■/t/.lf^ SC toO &tov V. 16 — 18. 29, die BegriBe y.?.>;ooi'onia, yj.r^noröiioi 
V. 18. 29; 4, 1. 7. 

*^ Die Voranstellung von Hfuoi = „gleichwohl" vor das den Gegen- 
>atz dazu andeutende iyftnehTior (= ynirreo d.vdno'inov diTo; oder xät' «'■- 
•>//w.Tor cf 1 Kr 14. 7) schließt sich an den klass. Sprachgebrauch an, wonach 
es dem, solchen Gegensatz ausdrückenden Partizipialsatz oder Neben.satz 
beigefügt wird, während es logisch zur Hauptaassage gehört cf Kühner- 
GerthII,8öf. 280. Daß durch die Annahme eines Hereinspielens des alten 
öuofi = ,.gleichermaCen, gleichfalls, auch" (Blaß* § 450, 2) etwas gewonnen 
wird, bezweifele ich. 



c. 3, Ij— 18. 165 

was in dem einen oder anderen der Lobenskreise, in welche er ge 
gestellt war, in bezug auf Erbverfügungcn Hechtens war, mehr oder 
weniger vertraut sein. Unter den Lesern aber, von denen er ver- 
standen sein wollte, waren neben den mehr oder weniger hellenisirten 
Phrygiern, Lykaoniern oder auch Kelten viele römische Kolonisten 
und Bürger und, auch abgesehen von den dort eingedrungenen 
Judaisten aus Palästina, manche Juden (s. oben S. 11 — 15). Eine 
Bezugnahme auf die besonderen Rechte und Bräuche der einen oder 
anderen Gruppe hätte PI nicht unausgedrückt lassen können. Nur 
das Gemeiusanie und GemeingiUige durfte ein xara ävd^Qionov 
(iQitiivov berücksichtigen; dies aber war wesentlich durch die in 
stetem Fortschritt begriffene Herrschaft des römischen Rechts be- 
dingt.'^) Hiernach ist der Satz auf welchen das xaia ÜvO-o. A. 
zunächst abzielt, zu verstehen: ^.Selbst eines Menschen bestätigtes 
Testament setzt niemand außer Geltung oder fügt ihm neue Be- 
stimmungen hinzu''. Nach rabbinischem wie nach römischem Recht 
steht es dem Testator selbst jeder Zeit frei, ein von ihm errichtetes 
Test, zu widerrufen, was gewöhnlich durch Errichtung eines neuen 
Test, geschah,'*') oder auch durch nachträgliche Zusatzbestim- 
muDgen es zu ergänzen ; und es wird erst noch bewiesen werden 

'") Strabo X p. 484 sihlielit seine Schilderung der kretischen Eechts- 
orduuugeu mit den auf das ganze Reidi bezüglichen Worten: «i^ .^o/./.(t de 

t^iaiifrtt joi'ii'H' tiüi' lounnof, d/./.d xoli: ' l\'>ittinur Stitidyttaoi r«__ n/.slotn 
Stotxtiiai^ xuihitso xtti it- Tai» <f/'./(U» i.Tnv/iun oritpaiiei. Selbst ill Ägypten, 

welches in folge seiner Geschichte und des außerordentlich spröden Volks- 
oharakters unter römischer Verwaltung eine exceptioiielle Behandlung er- 
forderte und erfuhr, sind ijerade in Sachen der Testamente und dessen, was 
damit zusamuieuhäugt, römische Formen früh herrschend geworden. Nicht 
nur Veteranen und römische Bürger errichteten dort „römische Testamente"* 
iBerl. ägypt. Urk. ur. '621, 2 xaV /;*> ä:Tii,in£v Siaii^i;xtn- 'Pioftatxt^i; nr. 361 

col. II, 18 Mf/.Afwi' TtÄirrtJr Toy ßioi' 'Potiintoj tot' ötnih^xr^v yod\rai cf daS 

aus dem Lut. übersetzte Testament ur. H2(; mit ausdrücklichem Vorbehalt 
eigenhändiger späterer Erijänzung col. 11, 2 und augehängtiiu Codiiill col. 

II, lö, alles aus dem 2. .lahrh. p. Chr.V Pie Form des sogen, prätorischen 
Testaments mit 7 Siegeln jjalt dort als die allein rechtskräftige (ur. 861 
col. III, 12 sagt ein Khetor in einem ErbschaftsprozeL': if .iuir,u> Kti^ i^Kt- 
t'hlxntj tniu simi' otfoirunni cf als Beispiel ur. ^6) und dalJ diese Form 
um a. iT) in der Provinz Asien die allgemein übliche war. meine ich Einl 
vj 72 AS irezcigt zu haben. Der Versuch von Ktimsay p. ;>.H8 fr. ; 349 ff. und 
anderwärts, im ttegensatz zu eiuseitiirer und übertriebener Berücksichti- 
gung des römischen Hechts durch Ball und Halmel zu beweisen, daU PI 
im eil überall ein iu Gal. fortlebendes älteres hellenistisches Kecht berück- 
sichtige, hat nichts überzeugendes s. A 20. 

'") jer. Huba bathra 16'' = babl. ebeudort 1.V2'': „Diuthcke hebt Dia- 
theke auf**. Cf Hamburger EE 11, 1209. Dernburg. Pandekten 7. Autl. 

III. 121 If.; 178 fl". üer wiederholte Widerruf eines ersten und zweiten 
Testaments des Ilerodes durch ein zweites und drittes, welches letztere 
.Uis. nnt. 17, 9, 4; bell. I, 3"^, 8; II, 2, 8 im Gegensatz zu den früheren eine 
f'iiiV<(j,'^xr oder t.-Ttöiuih]Kni nennt, widersprach weder jüdischem noch 
römischem Recht. 



166 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

müssen, daß es irgendwo im römischen Reich ein Rocht gab, 
welches dem Testator das eine oder das andere verwehrte und ihn 
somit für Lebenszeit an sein einmal in rechtegiltiger Form errich- 
tetes Test, band.*") Hieraus ergibt sich sofort, daß PI nicht als 
allem Brauch wiedersprechend und niemals vorkommend bezeichnen 
will, was nach allem bekannten Brauch und Recht jedem Testator 

•"j Ich finde bei Eamsay keinen anderen Beweis hiefür, als den, daß 
nach priechisohem Recht die Adoption unwiderruflich gewesen sein soll, 
S. 351 ff. cf Mitteis, Reichsrecht n. Volksrecht S. 212 ff., der sich besonders 
auf Lucian, abdic. 12 beruft. Aber erstens gilt dies nach dem zur Ver- 
gleichuug herangezogenen Recht von Gortyn (Mitteis S. 214) und nach den 
verschiedenen Recensionen des syr.-römischen Rechtsbuchs (S. 218f. 587 f.) 
nicht allgemein und nicht unbedingt, und Mitteis selbst paraphrasirt S. 215 
die sophistische Beweisführung des Gerichtsredners bei Lucian so, daß der 
Adoptivsohn ,.ja wohl auch nicht willkürlich verstoßen werden könne". 
Zweitens bekenne ich nicht zu verstehen, wie die angebliche Uuwiderruf- 
lichkeit der Adoption. Avelche unter anderem auch Inhalt eines Testaments sein 
kann, das Gleiche für alle Testamente beweisen soll. Ramsay selbst citirt 
aus Greufell's Alexandr. erotic Pap. nr. 21 cf nr. 12 aus der Ptolemiierzeit 
ein Testament, wodurch ein früheres wesentlich modificirt wird. Die ein- 
seitige Auffassung der t)ia{h';yr; als Adoptionsurkuude ist unverträglich mit 
V. 16; denn der nächste und eigenthche Erbe ist Christas Dieser aber 
ist nach PI im Unterschied von den Chri-sten nicht Adoptivsohn, sondern 
eigentlicher Sohn Gottes (4, 4—7 cf Rm 8, '6. 15—17. 29. 32). Drittens 
setzt sich Ramsay mit dem klaren Wortlaut unserer Stelle in Widerspruch, 
wenn er einerseits 8. 351 die Deutung von ovSeia = „keine andere Person" 
verwirft und das oiSei^ geradezu auf den jedesmaligen Testator selbst be- 
zieht, und wenn er S. .352 leugnet, daß PI jede Ergänzung eines ersten 
Testaments durch eine spätere Verfügung des Testators für unmöglich er- 
kläre. PI unterscheidet ja deutlich das dOfTitp und das i7ii!)iuiäaoeadai 
und verneint die Zalässigkeit des letzteren ebensogut wie die des ersteren. 
Der Gegensatz ist darum nicht weniger deutlich, weil die Grenzen in con- 
neto einigermaßen fließende sind. Das d&eTaiy kann durch Vernichtung 
der Urkunde oder durch mündlichen Widerruf vor Zeugen, aber auch durch 
Errichtung eines ganz neuen Testaments geschehen; das kTtiHiarAoaeadai 
florch Codicill,. welches entweder im Testament vorgesehen und im voraus 
bestätigt ist (kg. Urk. 326 s. A 18) oder durch ausdrückliche Rückbeziehung 
des Cudicill-j auf das Testament zu einem Bestandteil des letzteren ge- 
macht wird (Dig. 29, 3 1. 11 codicilli pars intcUeguntur testamenti). Solche 
Rückbeziehung der späteren Verfügung auf ein früheres Testament findet 
sich aber bei Griechen und Römern auch in formell vollständigen, neuen 
Testamenten. So in dem erwähnten Pap. nr. 21 Grenfells 1. 5 in bezug auf 
das frühere Testament f, binna<fet rd t« ä/J.a, oder im dritten Testament des 

Herodes Jos. bell. 1, 3.3, 8 rä yt ur^r /.oina x«r« lui TiQorinns (^lad'rjy.ui qv/.direiv. 

Je nachdem eine spätere Erbverfügung den im früheren Testament enthaltenen 
wesentlichen Bestimmungen entweder mit aufhebender Wirkung wider- 
spricht, oder als eine Näherbestimmung widerspruchslos sich einfügt, ist das 
t.TidirtTciaaea&ni^ materiell angesehen, entweder ein <i>''eTe7r oder das Gegenteil 
davon. Die Unterscheidung beider Begriffe bei PI ist also vollkommen be- 
rechtigt. Gegen die Meinung von Conrat S. 214 ff., daß iTTiSiuTdooui'hu hier 
geradezu Errichtung eines neuen Testaments bezeichne, wodurch das frühere 
tatsächlich oder ausdrücklich für ungiltig erklärt werde, spricht erstens, daß 
/ tn<(V dem Relativsatz angehört, also din&r^y.r,v zeugmatisch auch zu imS. 
gehört oder mit anderen Worten aus jenem ein nirf; als Objekt zum zweiten 



c. 3, 15-18. 167 

unbenommen war; daß also ovöeig nicht den Testator raitbetiüfft, 
geschweige denn diesen allein betrifft (s. A 20). Aber auch stili- 
stisch unmöglich sind diese beiden Mißverständnisse. Ersteres würde 
hinter ovöeig ein oude adrog 6 öiaO-^/iUvog erfordern, letzteres 
einen ganz anderen Satz wie etwa: „Nicht einmal ein Mensch, der 
ein rechtsgiltiges Testament errichtet hat, erklärt es hinderdrein 
für ungiltig" etc. Es ist vielmehr ovöeig, wie so oft, wo von 
einer bestimmten Person eine Handlung oder Eigenschaft ausgesagt 
oder vorgestellt ist, soviel wie „kein anderer".'-^) Dabei ist vor- 
ausgesetzt, daß der Testator selbst nicht mehr in der Lage ist, 
sein Test, zu widerrufen oder durch nachträgliche Verfügungen zu 
ändern, d. h. daß er gestorben ist. Dies hat PI aber auch für jeder- 
mann deutlich genug gesagt, indem er nicht von dem Test, schlecht- 
weg, sondern von dem bestätigten, dem rechtskräftig gewordenen 
Test, spricht. Rechtskräftig aber wird das Test, durch den Tod 
des Erblassers.-") Daß und warum PI dies nicht mit dürren Worten 
sagt, sondern sich mit der allgemeinen Vorstellung eines rechts- 
kräftig gewordenen Test, begnügt, liegt auf der Hand; denn Gott 
als der Testator stirbt ja nicht, und nur in der allgemeinen Fas- 
sung, welche er v. 15 seiner Aussage über eines Menschen Test, 
gegeben hat, ist das Gleichnis auf die Erbverfügung Gottes an- 
wendbar. Zur Anwendung geht er y. 16 vielleicht ohne syntak- 
tische Anknüpfung über.-^) Die dem Abr. und seinem Geschlecht 

Verb zu ergänzen ist. Zweitens würde PI, wenn er an eine imSia&rixtj 
dächte (s. A 19), auch das diese Vorstellung näherlegeude emöcarid-erai ge- 
braucht haben. Drittens aber sind die Juden, deren Meinung angeblich 
hier verneint sein soll S. 215, ebensowenig wie die Judaisten, mit denen 
PI es im Gl zu tun hat, der Meinung fähig gewesen, daO das mos. Gesetz 
eine die patriarchalische Verheißung aufhebende neue Verfügung oder öia- 
ü'r'ixr] sei. Wenn PI dies verneinen wollte, mußte er, wo er auf das Gesetz 
zu reden kommt (v. 19), eben dies etwa durch ein d vduoi ow. tmiv y.unri 
äind^'jyq oder tmbiaO'qy.t] verneinen. Wo er vom Gesetz redet, vermeidet 
er den Ausdruck völlig, obwohl er in anderem Zusammenhang nicht in 
Abrede stellt, daß auch das Gesetz eine Öia&rjxq sei 4, 24 f. 

■^'1 Phl 2, 20; 1 Kr 2, 15; Ap 3, 7; Jo 1, 18; 7, 27; 10, 18. 29. 

*'*) C£ Hb 9, 16 f. Aug. Cum teslator mutat testamentiim, non con- 
finnatnm mutat: testatoris enim morte confirmatur. Es verträgt sich 
nicht mit dem Sinn von yexvpa>fterr]v und Ttttoxexvocoueprjv V. 17, darunter 
rechtsjjiltige Abfassung oder Errichtung des Testaments zu verstehen (so 
auch Conrat S. 211) im Gegensatz zu einem test. imperfectum (Dernburg 
III, 179 A 5). Im Unterschied von den Adj. xioio^, vöuiuoi, tyrouos weist 
das Part, auf einen Akt der Bestätigung. Besondere Formen aber, durch 
welche das rechtsgiltig abgefaßte Testament hinterdrein legalisirt worden 
wäre, gab es bei den Römern nicht, und die Niederlegung der Urkunde 
oder einer beglaubigten Abschrift im Archiv hellenistischer Städte, woran 
Ramsay S. 354 denkt, kann doch nicht eine Bestätigung des Test, genannt 
werden. Fernliegend wäre auch der Gedanke an ein richterliches Urteil 
im Fall eines Erbschaftsprozesses. 

") DG dgr, auch Vulg, Iren. lat. V, 32, 2; Tert. c. Marc. V, 4 und 
alle Lat., vielleicht auch Ephr. om. äe. — Nur schwach bezeugt ist das 



168 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

gegebenen Verheißungen Gottes werden mit einem menschlichen 
Test, verglichen und zunächst die Frage erörtert, wem diese Erb- 
verfügung gelte. Fraglich konnte aber nur sein, wer unter dem 
Geschlecht Abr.'s zu verstehen sei, und deshalb wird erst hier, 
im Unterschied von 3. 8, dieses Moment der Verheißung ausdrück- 
lich erwähnt nach Gen 12, 7; 13, 15, besonders aber nach (icn 17, 
7 — 21. wo erstens ausdrücklich und immer wieder von der öta- 
&i'xi] Gottes mit Abr. und seinem Geschlecht die Rede ist, und 
zweitens der Gedanke vorliegt, daß das Geschlecht Abr.'s nicht 
identisch sei mit der Gesamtheit seiner leiblichen Nachkommen, 
daß nämlich nicht Ismael, obwohl er sein Sohn und somit in ge- 
wissen Sinn sein yi' ist (Gen 21, 13), und auch nicht Ismael 
neben Isaak (Gen 21, 10 cf 17, 18), sondern nur Isaak und dessen 
Nachkommenschaft das Geschlecht Abr.'s sein und heißen solle, 
welches Gott in seinem Test, zum Erben einsetze Gen 17, 18 — 21 
cf 21, 9 — 13; Hm 9, 7. Von hier aus ist es zu verstehen, daß 
PI Gewicht darauf legt, daß in der göttlichen Erbverfügung nicht 
verschiedene Nachkommenschaften Abr.'s, sondern eine einzige von 
Gott als Erbe eingesetzt sei, woran er die weitere Behauptung 
anschließt, daß dieser Erbe Christus sei. Es erscheint überflüssig, 
den Apostel, welcher des AT's und der hebräischen Sprache jeden- 
falls kundiger war, als manche seiner Ausleger, und welcher die 
Gesamtheit der leiblichen oder geistlichen Nachkommen Abr.'s als 
OTT^Qfta 'Jßqaäu bezeichnet (Gl 3, 29; 4, 22—28; Rm 4, 1—16; 
9, 6 ff. ; 11, 1 ; 2 Kr 11, 22), gegen den lächerlichen Vorwurf zu 
verteidigen, daß er den gewöhnlichen kollektiven Sinn des Singu- 
lars y~' verkannt und aus dem Singular geschlossen habe, es müsse 
ein einzelnes Individuum und zwar Christus gemeint sein. Daß 
der Plural D^V"' ira AT nur einmal und zwar in der Bedeutung 
Saatfelder vorkommt,-*) verwehrte es ihm nicht, den Singular zu 
betonen ; denn in dem Zusammenbang der atl Stellen, auf welchen 
er fußt, ist allerdings von verschiedenen Nachkommenschaften Abr.'s 
die Rede; aber nur die eine derselben, welche durch Vermittlung 
Isaaks von Abr. abstammt, wird im Gegensatz zu Ismael und dessen 
Geschlecht als alleiniger Erbe eingesetzt. Sogut wie mit Rück- 
sicht auf die Nachkommen der Sara, der Kagar und der Ketura 
(Gen 17, 16; 25, 1—6. 12—16) Abr. ein Vater vieler Völker ge- 
nannt worden ist (Gen 17, 4 f.), konnte auch von mehreren Ge- 



naheliegende oo^ hinter am'ofianiv D*d, S* Kop, Ephr. gegen Iren. Tert. 
Orig. etc. — Schwer zu entscheiden ist, ob mit D* (aber nicht d) Iren. 
Tert. Abstr Anj^., r ö oder mit den übrigen 6i {ianv Xotaröe) zu lesen sei. 
Letzteres cf Kl 1, 27; Eph 1, 14; 1 Kr 3, 17 galt wohl für eleganter. 

'^*J 1 Sam 8. l.ö neben den Weinbergen, LXX oTTiQ/iara, Symmachus 
besser o:i6oiua cf Mt 12, 1. Seraim ist der Titel des ersten Seder dea 
Talmuds. 



c. 3, 15—18. 169 

schlechtem oder Nachkommenschaften (C'V"I ') Abr.'s geredet werden. 
Es ist nicht künstliche Eintragung eines dem AT fremden Ge- 
dankens in dessen Text, sondern Betonung eines dort nachdrück- 
lich und gegensätzlich in Worten und Tatsachen mannigfaltig aus- 
gesprochenen Gedankens, wenn PI hier wie Gl 4, 22 — 31 und Rm 
9, 6 — 13 es als einen Grundsatz der patriarchalischen Verheißung 
aufstellt, daß nicht der unbegrenzten Vielheit der leiblichen Nach- 
kommen und Nachkommenschaften Abr.'s, sondern einem einheit- 
lichen, von den übrigen OTTfQuaTa Abr.'s abgesonderten OTt^Qfta 
die Verheißungen gelten. Unter dem Gesichtspunkt der letzt- 
willigen Erbverfügungen betrachtet oder in Vergleichung mit einem 
menschlichen Testament, heißt dies : Gott hat in seinem Test, 
einen einzigen Sohn Abr.'s zum Erben eingesetzt, während die 
anderen Söhne mit Geschenken oder Legaten abgefunden werden.-^) 
Die Deutung aber auf Christus wird ebensowenig wie die formell 
vergleichbaren Sätze 1 Kr 3, 11. 17; 10, 4; Eph 6, 17; Em 5, 14 
cf 1 Tni 3, 15 aus der vorangehenden Aussage gefolgert, sondern ist 
eine selbständige Behauptung, welche, wie so mancher relativisch 
angehängte Satz des PI (z. B. Rm 2, 29 ; 3, 8) in unserer Sprache 
besser demonstrativisch wiederzugeben wäre; ,.und das (dieses 
anegfia, welchem die Verheißungen des göttlichen Test, gelten) ist 
Christus". Daß y~T auch von dem einzelnen Nachkommen ge- 
braucht wird (Gen 4, 25; 21, 13; 1 Sm 1, 11 cf 2 Sra 7, 12—15), 
mag diesen Ideengang erleichtert haben ; begründet aber ist er 
nicht hierin, sondern in der Sache. Vom Inhalt des Testaments 
oder der Verheißungen ist hier nichts gesagt und war bisher nur 
erst das eine Moment hervorgehoben, daß in Abr. alle Völker ge- 
segnet werden sollen 3, 8. Fragt man nach der Erfüllung, so 
konnte nicht geantwortet werden, daß das durch Isaaks Vermitt- 
lung von Abr. abstammende jüdische Volk in seiner Vielheit und 
Gesamtheit diesen Segen geerbt und den andern Völkern vermittelt 
habe, sondern der eine Christus, der Sohn Abr.'s, Isaaks und 
Jakobs (Mt 1, 1 f.), ist der Universalerbe, welche alle anderen, die 
an den verheißenen Gütern Anteil empfangen sollen, zu seinen 
Miterben macht. Sie werden es tv XqioxCo v. 14. Diesen also 
hat Gott in seinem Test, zum Erben eingesetzt. Dies ergibt sich 
aber nicht nur aus der Geschichte, in welcher die Christen die 
Erfüllung der dem Abr. und seinem Geschlecht gegebenen Ver- 
heißungen erblicken, und dies gilt nicht nur von dem einen 3, 8 
herausgehobenen Moment des göttlichen Test. 's Es gilt von dem 

")~GeVl6, 10; 17, 20; 21, 13. 18; 27, 38f. Besonders beachtenswert 
ist der Kontrast zwischen 25, 5 und 25, 6 cf 24, 36: Dem Isaak vermacht 
Abr. sein ganzes Eigentum, die Söhne der Kebsweiber entläßt er bei Leb- 
zeiten mit Geschenken. Das hier gebrauchte .-i^ns bildet in der jxiristischen 
Sprache des Talmuds einen Gegensatz zu »pTsn cf jer. Pea 11^, auch Midr. 
r. par. 61 zu Gen 25, 5 f. 



1 70 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

ganzen Test, und ist begründet in der gesamten Vorgescliichte 
der Testamentseröffuung und Testamentsvollstreckung. Das Princip, 
daß nicht die biiutgemischte Vielheit und Gesamtheit der leib- 
lichen Nachkommen Abr.'s, sondern in erster Linie Christus und 
durch seine Vermittlung eine in ihm einheitlich zusammengefaUte 
Gemeinde der Erbe und der Vermittler des der ganzen Mensch- 
heit zugedachten Segens sei, hat PI hier nicht, wie Rm 4 und 
9 — 10, einigermaßen auch Gl 4, 21 — 28 entwickelt, sondern voraus- 
gesetzt ; was er um so eher konnte, als den Lesern, auch abge- 
sehen von den Gruudzügen der Geschichte Jesu und der christ- 
lichen Predigt, die Tatsache nicht unbekannt gewesen nein wird, 
daß andeutend schon Johannes der Täufer und mit voller Deutlich- 
keit Jesus selbst dies Princip behauptet hatte.-*') Das llißverständnis 
des kurzen 6'^ lotiv Xgcoiög, als ob er durch diese Identifikation 
Christi mit der in dem Test. Gottes zum Erben eingesetzten 
Nachkommenschaft Abr.'s die Vielheit der durch ihn zu Miterben 
erhobenen Glieder seiner Gemeinde ausschließen wolle, brauchte er 
angesichts dessen, was er vorher v. 9 und nachher v. 26 — 2ü 
?agt, nicht zu fürchten.'-') "Widrigenfalls würde er ein solches Miß- 
verstündnis etwa so wie 1 Kr 14, 38 abgefertigt haben. Zu der 
Anwendung des Satzes von v. 15 auf die mit einem menschlichen 
Test, verglichene Verheißung au Abr. und sein Geschlecht gebt PJ 
mit einem tovxo 61 ).iyio [v. 17] über cf 1 Kr 1, 12, auch 1 Kr 
10, 29. n^^ ich aber meine oder sagen wollte, ist dies: Ein 
im voraus von Gott bestätigtes Testament ^^) macht das nach 430 
Jahren aufgekommene Gesetz nicht ungiltig, mit dem Zweck und 
Erfolg, die Verheißung wirkungslos zu macheu". Die gegnerische, 
schon v. 15 gemeinte und verneinte Ansicht ist hiernach die, daß 
die mosaische Gesetzgebung das ursprüngliche Test. Gottes d. h. 
die dem Abr. gegebene Verheißung nachträglich näher bestimmt, 
die Erfüllung der Verheißung hinterdrein au menschlicherseits zu 
erfüllende Bedingungen geknüpft habe, welche das Test, selbst 
noch nicht enthielt. Dies wäre ein L-ridiardooeaifai, dessen Un- 
statthaftigkeit in bezug auf ein rechtskräftig gewordenes Test, 
selbst eines Menschen PI behauptet hatte, womit auch gesagt war, 

"j Mt 3, 9 (Bd I*, 137); 8, 11, besonders aber Jo 8, 31—58. 

*') Daß darch die betonte Einzigkeit des Erben nicht jede Vielheit 
ausgeschlossen, sondern nur deren Zusammenfassung zu einer Einheit ge- 
fordert sein sollte, war ja schon damit gegeben, daß Abr. und sein Ge- 
schlecht als Erbe genannt, also mindestens eine successive Zweiheit, eine 
Mehrheit von rM-. (Gen 17, 7. 9) gegeben war. Cf übrigens in formeller 
Hinsicht 1 Kr 12, 12. 

'■'*; Hinter Otov haben DG KL, viele Min, S'S' und einige Lat. wie 
dg, Abstr eis Xoiazöy oder in Clirüto gegen «BACP 67**, Sah Kop, r 
Aug. Hier. Vulg, Aphraates p. 481, Ephr. p. 132, ein schon wegen der 
Artikellosigkeit von diad/^y.i, verdächtiger, weder bei den Lat., noch bei 
den Syrern ursprünglich heimischer Zusatz. 



c. 3, 15-18. 171 

"daß noch viel weniger Gottes rechtskräftig gewordenes Test, durch 
solche nachträgliche Zusatzbestimmuug verändert werden könne. 
PI nennt dabei das kjtidiaxäootad^ai, welches nach Ansicht der 
Gegner durch die Gesetzgebung stattgefunden hat, nicht so, sondern 
«in dLAVQoCv tijv dLad-}]/.riv, was mit ui^EXElv v. 15 wesentlich gleich- 
bedeutend ist ; und nennt als den beabsichtigten Erfolg desselben eine 
Vernichtung der im Test, enthaltenen Versprechungen. Dies beides 
natürlich nicht im Sinn der Gegner , welche niemals zugegeben 
haben würden, daß Gott im mos. Gesetz die Erbverfügung an Abr. 
annullirt und die diesem gegebene Verheißung widerrufen habe. 
Nur PI benennt seinerseits so das, was jene als eine zulässige Er- 
gänzung der dem Abr. gegebenen öiad^ty/.rj betrachten. Er tut 
es, um ihnen und den Gal., die sich durch sie beschwatzen lassen, 
zum Bewußtsein zu bringen, daß das nach ihrer Ansicht zulässige, 
nach seinem Urteil aber unstatthafte IrtLÖiatdooiod^OLL in der Tat 
ein bei Gott vollends unmögliches a&erslv oder dxuQOÜv seines 
eigenen rechtskräftig gewordenen Test, sein würde. Mit Rücksicht 
auf diesen Gegensatz seiner und der gegnerischen Beurteilung einer 
angeblich durch das Gesetz aufgestellten i7tidiadri7.r^ {s. A19) hatte 
er V. 15 die beiderlei Arten einer nachträglichen Änderung eines 
bestätigten Test, unterschieden und die Zalässigkeit beider ver- 
neint. Indem er nun das angebliche iTCiöiaräoötod-aL durch die 
Gesetzgebung als eine Nichtigerklärung des Test, beurteilt und 
dies durch v. 18 begründet, vollzieht er in aller Kürze eine zweite 
Schlußfolgerung vom Geringeren auf daß Größere. Was mit einem 
menschlichen Test, wegen seiner Unantastbarkeit nicht ge- 
schehen kann, kann ei-st recht nicht mit dem göttlichen ge- 
schehen; und wenn schon jede beliebige Zusatzbestimmung zu 
einem rechtskräftig gewordenen Test, unzulässig ist, so vollends 
eine solche, welche ihrer Art nach tatsächlich eine Auf- 
hebung des Test.'s wäre. Dies würde aber vom Gesetz gelten; 
„denn wenn das Erben, der Eintritt in den Besitz der dem Erben 
testamentarisch zugesprochenen Güter vom Gesetz abhängt, so hängt 
das Erben nicht mehr von Verheißung ab ; dem Abr, aber hat 
Gott das Erben durch Verheißung gnadenweise gegeben d. h. ge- 
schenkweise zugesprochen" v. 18 cf Em 4, 13 f. Weil das Gesetz, 
wie bereits v. 10 — 12 ausgeführt wurde, von einem ganz anderen 
Princip ausgeht, als die Verheißung und seine hypothetischen Zu- 
sagen an Bedingungen knüpft, welche den Voraussetzungen der 
unbedingten Zusagen der dem Abr. gegebenen diad-r^xr] geradezu 
entgegengesetzt sind, nämlich an die menschliche Leistung der vom 
Gesetz erforderten Werke, anstatt an den freien Gnadenwillen des 
göttlichen Testators, darum kann das Gesetz nicht als eine nach- 
trägliche Ergänzung des ursprünglichen Test, betrachtet werden, 
wodurch dieses zwar näher bestimmt und insofern geändert, aber 



172 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

im wesentlichen bestätigt würde, sondern, wenn es überhaupt an 
dem Test, etwas änderte, nur als eine völlige Umstoüung des Test. 
Selbst die Unähnlichkeit, welche zwischen der dem Abr. gegebeneu 
göttlichen öiad-i'/.r^ und einem menschlichen Test, besteht, weiß PI 
zu einer Verstärkung seiner Beweisführung zu benutzen. Sie be- 
ruht vor allem darauf, daß jedes menschliche Test, eine Erbver- 
fügung für den Fall und Zeitpunkt des Todes des Testators ist 
und durch dessen Tod Rechtskraft erlangt und unwiderruflich wird, 
was alles auf d^n unsterblichen Gott nicht paßt. Aber rechts- 
kräftig und unwiderruflich ist das Test. Gottes darum nicht minder. 
Vom Zeitpunkt der Gesetzgebung aus angesehen, ist es vorher be- 
stätigt worden ; es war bereits bestätigt, als das Gesetz gegeben 
wurde. "Worin diese Bestätigung bestand, setzt PI hier ebenso 
wie V. 15 in der Aussage über das Test, eines Menschen als be- 
kannt voraus. Gottes Test, ist eine öia&r^nr] Y.e/.i'Qiofxivri von 
vornherein dadurch, daß und wie Gott es errichtet hat, durch eid- 
liche Versicherung und als eine öiaO-i'yj] aiwnog (Gen 17, 7 cf 22, 
16 — 18, auch Hb 6, 13—18). Dazu kommt, daß Gott von da au 
430 Jahre hat verstreichen lassen,^") ehe er das Gesetz gab, eine 
80 lange Zeit, in welcher immer wieder an dieses Test, als die 
Grundlage des Verhältnisses der echten Abraharassöhne zu Gott er- 
innert wurde (Gen 24, 27. 34 f.; 28, 4. 13; 35, 12; 50, 24; Ex 2, 
24; 3, 6. 16\ ohne daß von einer dieses Verhältnis ändernden 
Verfügung die Rede war. "Während eines Menschen Test, in An- 
betracht der Veränderlichkeit menschlicher Entschlüsse um so 
glaubwürdiger ist, je jünger es ist, je kürzer vor seinem Ende er 
es errichtet hat, kann das Test, des in seinen Entschlüssen nicht 
schwankenden Gottes durch die Länge der Zeit, in welcher er es 
unverändert gelassen und oftmals wieder als seinen endgiltigeu 
"Willen in Erinnerung gebracht hat, für menschliches Bewußtsein 
nur an Festigkeit gewinnen. 

"Wenn aber das Gesetz gerade wegen seines gegensätzlichen 

«») Die Zahl 430 stammt aus Ex 12, 40f. (dafür r\ind 400 Gen 15,13; 
AG 7, 6). Ob PI nach LXX und einer bei Juden und Samaritern weitver- 
breiteten Tradition icf in Kürze Kühler, Atl. Gesch. I, 164, 244) den Auf- 
enthalt der Patriarchen in Kanaan in diese Jahreszahl eingerechnet, also 
den Aufenthalt in Ägypten auf die Hälfte der Jahre reducirt hat. oder ob 
er nach dem gewitJ ursprünglicheren hehr. Text, der. ihm ja nicht unbe- 
kannt war, die 430 Jahre von dt r Einwanderang in Ägypten an gerechnet 
hat (so z. B. Hofmann), läßt sich mit Sicherheit nicht entscheiden. Ersteres 
entspräche jedoch seiner Darlegung besser, als letzteres; denn PI redet im 
ganzen Zusammenbang nicht von den 3 Patriarchen, sondern von Abr. und 
dem ihm ..gegebenen Test., und er sagt nichts von der Dauer der Knecht- 
schaft in Ägypten, sondern von dem Zeitabstand zwischen der Errichtung 
des Test. fGen 17) und der Gesetzgebung. So verstanden ihn schon die 
Alten z. B. Aphraates hom. 2 p. 26: Euseb. Emes. bei Gramer 111, 107 zu 
AG 7, 6 cf die Glosse des ath. bei Goltz S. 172. 



c. 3, 19-22. 173 

Verhältnisses zur Verheißung nicht als ein ergänzender Zusatz zu 
dieser aufgefaßt werden kann, so drängt sich die Frage nach der 
Bedeutung des Gesetzes auf [v. 19]; und nur wenn PI sie im Ein- 
klang mit der bisherigen Ausführung befriedigend beantworten kann, 
bleibt seine vorige Beweisführung in Kraft ;^^) denn daß das Ge- 
setz von Gott gegeben und somit eine bedeutsame geschichtliche 
Erscheinung sei, ist eine von ihm nicht minder als von seinen 
Gegnern anerkannte Voraussetzung. Die erste Antwort, bei welcher 
es jedoch PI nicht bewenden läßt (vgl. v. 21 ff.), beginnt nach der 
zwar nicht einhelligen, aber doch sicheren Überlieferung mit den 
Worten ra»v rtagaßdoetov xdgiv TTgooered-t].^^) Indem PI im An- 
schluß an das solenne vöuov rid-ivai, voi-io&soia die Aufrichtung 
des Gesetzes ein ngooviO-evai nennt, besorgt er nicht, daß man, 
wie manche Leser seines Briefs in der alten Kirche, hierin einen 
"Widerspruch gegen v. 15 und v. 17 finden werde, als ob er jetzt 
doch die Gesetzgebung als ein zu dem ursprüngUchen diazid^eod-ai 
hinzutretendes e:möiaTdoaeo9^ai und das Gesetz als eine die an- 
fängliche ötad-iy/.i] ergänzende und abändernde l/rtÖLad-iyÄr^ auffasse. 
Gegen dieses Mißverständnis konnte er sich, abgesehen von der 
vorangehenden scharfen Verneinung dieser Betrachtung des Ge- 
setzes, gesichert glauben sowohl durch die nunmehrige positive 
Zweckangabe, als durch die Beschränkung der Bedeutung des Ge- 
setzes auf eine bestimmte Zeit. Nachträglich hinzugekommen zu 
der anfänglichen ÖLa&rf/.rj ist das Gesetz allerdings, aber nicht als 

*°j Daß nicht rl ovr eine Frage für sich bildet und mit ö vöfwi die 
Antwort beginnt (Rm 11, 7 cf 1 Kr 4, 15. 26; mit folgender zweiter Frage 
Rm 3, 9 ; 6, 15), wie Aug. z. St. annahm, später aber widerrief (retract. I, 
24; epist. 82, 20), sondern ri olv 6 louos die Frage ist, die durch das vorige 
veranlaßt ist und im folgenden beantwortet wird (cf Rm 3, 1 ; 1 Kr 9, 18), 
bedarf heute kaum noch eines Beweises [über t* o?*' als Einleitung einer 
fortführenden Frage, wie PI sie gern, ähnlich dem Stü der Diatribe ge- 
braucht s. ßultmann, Der Stil der pl Predigt n. die stoisch-kynische Dia- 
tribe S. 53. 101]. 

'') Am frühesteh scheint TipoasTsd'i] in sred'r] geändert worden zn 
sein: D*G, Clera. str. I, 167; Orig. Phüoc. ed. Robinson p. 55, Kop; die 
meisten Lat. (dg Iren. lat. III, 7, 2 cf V, 21, 1; Abstr, Hier, Aug. ep. 82, 20; 
Specul. ed. Weihrich p. 297, 8; Vulg) posita est; das proposita in r Aug. 
z. St. und retract. I, 24 (Vict. p. 23 iiiterposita) setzt noosTtd^i^ für TrooaETe&r^ 
voraus. Letzteres schien mit v. 15 unverträglich und schmeckte nach der 
Lehre Marcions oder doch Valentins, steht aber fest nach nABKLP und 
den Syrern von jeher (Aphr. p. 26, S\ daher mehr als verdächtig der 
arm. -lat. Ephr. mit seinem posita est). — Viel einseitiger als ireif-r] ist 
Ttou^EMi' (aus Rm 3, 27 lat. factorum) statt Tiaoußdaeojv bezeugt (ohne -/äoir 
G Iren. lat. III, 7, 2 <nach der Auslegung auch im Original so>, ferner g 
<mit der Doppelübersetzung daneben praevaricatiouumy, Abstr, Vict.; mit 
grotia d Spec), und vollends TzanaSöaecoy yäoiv nnr durch D*. Dagegen 
Ttaoaßdaecov alle anderen Griech. Lat. Äg. Syr. (nur Ephr. arm. propter 
transgressores), teilweise jedoch im Singular wie Aphr., S^ transgressionis 
T (dieser ohne gratia), Aug. z. St., derselbe praevaricationis ep. 82, 20 und 
anderwärts. 



174 Gruudlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

eine Ergänzung desselben, sondern zu ganz anderem Zweck, und 
nicht wie die ötad-Z^xi] ahoriog Abr.'s als eine für immer giltige 
Ordnung, sondern nur für dio Zeit, bis das orcigua, welches im 
Test, zum Erben eingesetzt war, komme. Das ttqoo- des Verbums 
nimmt nur den (ledankon von o utxcc xttQ. x. t^. eny yeyovwg vöfiog 
V. 17 wieder auf und drückt in Verbindung mit HxQiQ ov "KxX. 
einen ähnlichen Gedanken aus, wie Rm 5, 20 vü/.iog öh 7iaQ£i(ji]kd-€V. 
"Weit entfernt, einen AViderspruch mit v. 15 zu enthalten, dient 
V. 19 vielmehr dazu, zu zeigen, daß das so spät und für so kurze 
Zeit gegebene Gesetz mit dem in Verheißungen bestehenden 
ewigen Test, unmittelbar nichts zu schaffen habe. Sprachlich be- 
trachtet könnten die Übertretungen durch Tcöv naqaßaOEiov x<^P**' 
ebensowohl als die veranlassende Ursache (Lc 7, 47 ; I Jo 3, 12), 
wie als der Zweckgrund (Tit 1, 5. 11; Judä 16) der Gesetzgebung 
bezeichnet sein, und bei letzterer Fassung wäre ebenso möglich zu 
deuten: „um die Übertretungen zu verhüten" (1 Tm 5, 14), als 
„um sie hervorzurufen". Daß nur diese letzte Deutung die Mei- 
nung des PI trifft, ergibt sich schon aus dem Begriff der Ttagd- 
ßaaig. Darunter versteht PI nicht dasselbe wie unter afiagtla 
oder auch TragdcTtriüfia, sondern die Überschreitung der Schranken, 
welche durch ein Gesetz gezogen sind. In ähnlichem Zusammen- 
hang sagt er Em 4, 15: „"Wo kein Gesetz ist, gibt es keine Über- 
tretung". Er kann also hier, wo er die Zeit von Abr. bis Moses als die 
Zeit vor dem Gesetz betrachtet, wie ßm 5, 13 f. die Zeit von Adam 
bis Moses als eine Zeit ohne Gesetz, unter al nagaßdotig nicht die 
bereits vor der Gesetzgebung vorhandene Sünde und deren einzelne 
Betätigungen, die Fehltritte, als die veranlassende Ursache der Gesetz- 
gebung verstanden haben wollen. Auch würde die Frage xi (nicht 
dict xi) 6 vöuog; sehr unbefriedigend beantwortet durch einen Satz, 
der nur eine Veranlassung der Gesetzgebung aussagte. Die Be- 
deutung einer Institution besteht doch vor allem in dem Zweck, 
dem sie dient, und in dem Erfolg, den sie erzielt. Aber auch 
Verhütung oder Einschränkung der Übertretungen kann nicht der 
Grund, nämlich der Zweckgrund des Gesetzes sein ; denn auch 
dies würde erstens voraussetzen, daß sie vor der Gesetzgebung vor- 
handen waren und schrankenlos sich breit machten, und zweitens, 
daß das Gesetz ein geeignetes ^Mittel sei, die Herrschaft der Sünde 
zu brechen, was allem, was PI in diesem und anderen Briefen vom 
Gesetz lehrt, widersprechen würde (Gl 2, 16; 3, 10 — 13. 21; Rm 
3, 20; 4, 15; 5, 20; 7, 4—13; 8, 3; 1 Kr 15,56; 2 Kr 3, 6— 9). 
Es bleibt also nur der Gedanke übrig, daß das Gesetz gegeben sei, 
damit die Übertretungen, die bekanntlich eingetreten sind — daher 
der Artikel — zu Stande kommen, oder damit, wie Rm 5, 20 ; 
7, 13 gelehrt wird, die längst vorhandene Sünde, das von jeher 
fehlerhafte Handeln sich zur Übertretung des ausgesprochenen und 



c. 3, 19—22. 175 

erkannten Willens Tiottes steigere und wie der Plural nagußdoiojv 
zn verstehen gibt, an Zahl der Fehltritte zunehme. Mag man äxQiQ '/.tf.. 
von TigootiiOr^ oder, was durch die Satzanordnung weniger nahegelegt 
ist, mit Hofni. von öiatayeig abhängen lassen, jedenfalls bringt der 
Nebensatz eine Zeitangabe nicht für das in jenen beiden Verben 
vergegenwärtigte Moment der Gesetzgebung, sondern für die Giltig- 
keit des Gesetzes oder doch des angegebenen Zwecks desselben. 
Es sollte diesem Zweck dienen, „bis die Nachkommenschaft, welcher 
Verheißung gegeben ist, d. h. nach v. 16 Christus, käme".^^) Bl8 
dahin und nicht weiter. Damit scheint gesagt sein zu wollen, daß 
das Gesetz ebensowenig für die Vollstreckung, als für die Er- 
richtung des Testaments von Bedeutung sei. Eine förmliche Be- 
gründung gibt PI dieser weittragenden Behauptung nicht ; er mochte 
sie als dadurch gerechtfertigt ansehen, daß das Gesetz die Über- 
tretungen hervorruft, diese aber den Fluch nach sich ziehen v. 10 — 13, 
während die Verheißung nur von Segen als einem Gnadengeschenk 
Gottes sagte, ohne dieses von der Erfüllung des später erst ge- 
gebenen Gesetzes abhängig zu machen v. 8. 9. 14. 18. Die vorüber- 
gehende und im Verhältnis sowohl zur Errichtung als zur Voll- 
streckung des Testaments untergeordnete Bedeutung des Gesetzes 
will auch der Hinweis auf die Art, wie es dem Volk gegeben 
wurde, ins Licht setzen. Das Gesetz ist von Gott nicht unmittelbar, 
sondern durch Vermittlung von Engeln gegeben oder, wie es in 
bezug auf den gebietenden Charakter dieser Offenbarung heißt, 
verfügt worden ; und es ist dem Volk Israel nicht unmittelbar ge- 
geben, sondern in eines Mittlers Hand gelegt worden. So etwa 
wird der Unterschied zwischen der Konstruktion von öiazayeig 
mit Öl" ayy€).cüv und mit iv X^'^Q'- (^i^oLrov wiederzugeben sein. 
Es kann tv Xf-iqi nicht nach Art des hebr. "B T2 bloße Um- 
schreibung der präpositionalen Verbindung, gleich einem einfachen 
did c. gen. sein ; ^^) denn abgesehen davon, daß PI nirgends diesen 
Hebraismus anwendet, und daß man nach AG 1, 16 ; 3, 18 ; 4, 25 
eher ÖLct aröfiarog oder nach 2 Chr 18, 21 ev OTÖjiiaTi erwarten 
sollte, wäre kein Grund für den Wechsel einzusehen, wenn gesagt 
sein sollte, daß Gott durch Vermittlung zunächst der Engel, weiter- 
hin aber des Moses das Gesetz dem Volk gegeben habe. Es ist 

**) Da Gott weder bei nooaertO-q noch bei Sinrnysis als das handelnde 
Subjekt genannt ist, wird anch irtr^/yelxai mit den alten Versionen als 
Passiv zu verstehen sein (cf 2 Mkk 4, 27), nicht mit Hofm. nach Rm 4, 21 ; 
Hb 12. 26 als Medium. Die LA tn^y/dlaio ist nur durch ath., also wahr- 
scheinlich durch Crig. bezeugt (Goltz S. 104) cf dagegen Orig. in der Philoc. 
p. 55, auch Clem. str. I, 167. 

ä*) Cf LXX Gen 38, 20; Ex 26, 40; Num 9, 23; 17, 5 (16, 40); 1 Mkk 
1, 44; 4, 30. Im NT überhaupt nicht so; denn AG 7, 35 wahrscheinlich 
(tvv yeioi (cf 11, 21), sonst aber tV/« yeinös AG 2, 23 (v. 1.); 7, 25; 11, 30; 
15, 23, überdies mit der lebendigen Vorstellung der Hand als des Werkzeugs. 



17(1 Grundlosigkeit uud Verderblichkeit des Abfalls. 

also vielmehr das Geben in die Hand des Mittlers mit dem Er- 
gebnis desselben, daß der Mittler es in der Hand hält, zusammen- 
gefaßt.^*) "Wir sollen an die steinernen Tafeln des Gesetzes denken, 
welche Gott in Moses Hand gelegt hat (Ex 24, 12; 31, 18; 32, 19; 
34, 29 nr::"T2). PI wie der Vf des Hebräerbriefs 2, 2 und 
Stephanus nach AG 7, 53 (cf 7, 30. 35. 38) setzen eine alte und 
nicht jeder Anknüpfung im AT ermangelnde jüdische Tradition als 
bekannt voraus, wenn sie ohne Umschweife sagen, daß das Gesetz 
durch Engel verkündigt oder verordnet sei. Die Naturerscheinungen, 
unter welchen der grundlegende Anfang der Gesetzgebung erfolgte 
(Ex 19, 16—19; 20, 18; Deut 4, 11 f.; Hb 12, 18 f. 25f.), verstand 
man nach israelitischer Anschauung von den Engeln (Ps 104, 4 
cf Ps 103, 20 f. ; Hb 1, 7) als Wirkungen dieser. lu ihrer Begleitung 
ist Gott auf Sinai erschienen (Ps 68, 18; Deut 33, 2, unzweideutig 
nach LXX) und in dem durch Engel gewirkten posaunenartigen 
Schall hat (^ott zu Moses geredet (Ex 19, 19 cf 1 Th 4, 16; 1 Kr 
15, 52). Wenn Juden in der Beteiligung des ganzen Engelheeres 
an der Gesetzgebung vor allem eine Auszeichnung ihres Gesetzes 
vor den Gesetzen anderer Völker ^*) und eine Verherrlichung Israels 
erblickten, so war das kein Grund für PI und den Hb, wo sie von 
der Offenbarung des mosaischen Gesetzes nicht in diesem Gegen- 
satz, sondern im Gegensatz zu der durch den Sohn (Hb 1, 1 ; 2, 2 f.), 
durch den zum Erben eingesetzten „Samen" erfolgten Offenbarung 
Gottes reden, in der Vermittlung der Gesetzgebung durch Engel 
nicht vielmehr ein Zeichen dafür zu erkennen, daß das Gesetz eine 
unvollkommene und vor allem nicht die endgiltige Offenbarung 
Gottes sei. Dies zu zeigen, dient auch die Erinnerung, daß das 
Volk nicht selbst oder nicht unmittelbar das Gesetz empfing, sondern 
daß es in die Hand eines Mittlers gelegt wurde, welcher beauftragt 
wurde, es dem Volk weiterzugeben. Daß hierunter kein anderer 
als Moses und nicht etwa, wie manche Alte vermöge unzeitiger 
Erinnerung an 1 Tm 2, 5 meinten, Christus zu verstehen sei, be- 
darf heute keines Beweises mehr. Damit ist aber auch klar, in 
welchem Sinne er ein lAeahr^g heißt, nicht als Schiedsrichter 
oder Friedensstifter zwischen zwei streitenden oder einander ent- 
fremdeten Parteien,^") sondern als TJbermittler eines Gutes, ^^) hier 

»*) Jo3, 85; 1 Mkk 2, 7, mit v. 1. eis t«,- yaoas Jud 1, 4; 2, 14 etc. 
"j In diesem Gegensatz läßt Jos. ant. XV, 5, 3 (Niese 136) den Hero- 

des sagen: fj^töf Se rä y.d/J.tOTU tßp d'oy/udrcjy xa'i xä öanbraxa rojp kv 

xoii föftoti bi d.yyi}xov Ttaoü xov d'eov fia&dvrajp. Cf mehr bei Wettstein 
z. St.; auch Weber, Jüd. Theol. S. 269. Unter den heiligsten Stücken des 
Gesetzes versteht Josephus den Dekalog. Eine jüngere Tradition wird es 
sein, daß Israel nur den Anfang des Dekalogs aus Gottes eigenem Munde 
gehurt habe, das Folgende aus Engelmund, cf Biesenthal, Das Trost- 
schreibeu des PI an die Hebräer S. 92 A 1 nach Makk. 24v Dies würde 
iler Anschauung des PI und des Hb entsprechen. 

*") So Polyb. 28, 15, 8 (cf fiaanavEip 11, 34, 3), auch an der einzigen 



c. 3, 19—20. 177 

also des Gesetzes, dies aber wiederum nicht so, daß Moses der 
wäre, welchen Gott als seinen Vertreter bestellt hat und durch 
welchen er zum Volk redet, denn dies sind die Engel, sondern als 
der, welcher das Volk auf dessen Bitten Gott gegenüber vertritt 
und im Namen des Volks, welches sich selbst dazu unfähig be- 
kennt, mit Gott verhandelt (Ex 20, 19; Deut 5, 19—25; 18, 16) 
und im Namen des Volks das Gesetz in Empfang nimmt. Unter 
diesem Gesichtspunkt, nicht sowohl als Gesetzgeber, wie als Ge- 
setzempfänger betrachtet ihn Stephanus AG 7, 38 ; und so ist es 
gemeint, wenn er in der jüdischen Literatur ein niDHD ("IIDTD), ein 
Mittelsmann, Unterhändler genannt und mit dem 113^ ri'^B^, dem 
Mandatar der Gemeinde, insbesondere dem die Gemeinde vertretenden 
Vorbeter verglichen wird.^^) Dieser Sinn des Wortes an unserer 
Stelle, welcher auch griechischem Sprachgebrauch entspricht, ^^) 
wird durch v, 20 vollends sicher gestellt. "Wenn in diesem viel- 
umstrittenen Satz ein artikelloses (.leoixrig vor oder hinter evog 
stünde, würde damit gesagt sein: „Einen Mittler oder bevoll- 
mächtigten Vertreter eines Einzigen gibt es nicht", *^) eine sehr 

Stelle der LXX, wo das Wort sich findet ohne entsprechendes Substantiv 
im Hebr., Job 9, 33 und 1 Tm 2, 5 (cf Eph 2, 13 ff.). So meinte es wohl 
auch Philo vita Mos. III, 20, wenn er Moses in Rücksicht auf Ex 32, 30 ff, 
einen ueairt;g xa'i Siaf./.axzT^g nennt. Diese Bedeutnug wollte der Lateiner d 
Hb 9, 15 durch arbiter wiedergeben (derselbe daneben Hb 8, 6 interventor; 
12, 24 sponsw), und fordert Abstr auch Gl 3, 19, indem er wiederholt die 
ihm vorliegende und von jeher an allen Stellen des lat. NT's eingeführte 
Übersetzung niediator (Hb 6, 17 hat r sogar mediavit für eueoirevaev) durch 
arbiter deutet s. A 37. Cf corp. gloss. ed. Götz II, 368 ftEairr,s Sequester, 
arbitrator, medicator (1. mediator). Tert. carn. 15 mediator im Citat aus 
1 Tm 2, 5 neben Sequester res. 51. 63; Prax. 27 in freier Wiedergabe der 
Stelle. Wie das griech. Wort und seine Verwandten der spätklassischen 
und nachklassischen Zeit angehört (s. Lobeck ad Phryn. p. 121) so ist auch 
die etymologisch genaue Übersetzung niediator, welche wohl zuerst bei 
Apuleius metam. 9, 36 vorkommt, dem klass. Latein, insbesondere auch der 
Sprache der römischen Juristen älterer Zeit fremd. 

'■') Hb 8, 6; 9, 15; 12, 24 Siaü-i^xrjs fisairr,i, wobei ZU bedenken ist, daß 
im Hb Staüijy.r; nicht Bund, Vertrag heißt. Dafür Hb 7, 22 eyyvos. In 
der mit dem Gl etwa gleichzeitigen Himmelfahrt des Moses sagt dieser 
nach Gelas. Cyzic. II, 18: xal n^osd'eäaarö fte 6 &sdi nod xaraßo).fis y.öaiiov 
slvai US Tfji diat%])ct]g airov fceairrjv, in der alten lat. Vcrsion 1, 14 Fritzsche 
p. 703 ut sim arbiter testamenti illius. 

**) Cf Levy und Jastrow unter beiden Wörtern; Vitringa, De synag. 
vet. ed. n p. 890 f. 903—908. 

^^) Berl. äg. Urk. nr. 4 1. 16; nr. 419 1. 8, 18 bezeichnet fisairt;; im 
Sing, und Plur. den zum Empfang eines Depositums, eines Erbteils u. dgl. 
bevollmächtigten Vertreter, nr. 78, 9; 98, 23; 445, 9. 19 fieairsia räiv inaQ- 
yövrwv utI., wenn ich recht sehe, die Aushändigung des Erbteils an den 
oder die Erbberechtigten. 

*°) Ps 14, 1 ovx earir x'hög = a^rihn ]'h. Der Artikel bei fteohi^s ver- 
bietet es, oiix ioxif zu verstehen „er existirt nicht". Die auch mit deter- 
minirtem Subjekt verträgliche Bedeutung „er ist an einem bestimmten Ort 
oder zu einer bestimmten Zeit nicht vorhanden" ist in einem allgemeinen 

Zahn, Galaterbrief. 3. Aufl. 12 



178 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

anfechtbare Behauptung, da sehr wohl ein Einzelner, z. B. einer, 
der verhindert ist, an dem Ort der Handlung anwesend zu sein, 
seinerseits ohne Rücksprache mit dem anderen, mit dem er durch 
den fieaiTig verhandeln oder von dem er etwas empfangen will, 
jemanden als seinen Vertreter bevollmächtigen kann, welcher dann 
sein ueatTr^g ist. Nun kann zwar o f.isolxi]g ohne jede sonstige 
Näherbestimmung auch nicht den vorher erwähnten Mittler bei der 
Gesetzgebung, den Moses, und überhaupt nicht einen bestimmten 
fuairrg bezeichnen, sondern muß generell gemeint sein. Vom 
Mittler überhaupt gilt die Aussage ; aber doch von ihm nur in dem 
Sinn, in welchem das "Wort v. 19 gemeint und gebraucht war. 
Also der Mittler, wie Moses einer war, ist, was er ist, nicht für 
nur Einen. Durch die stsu-ke Betonung des tvög ist bereits das 
Gegenteil des verneinenden Satzes sogut wie ausgesprochen und 
kann fortbleiben, weil es selbstverständlich ist (s. A 40). Ein 
selbstverständlicher Gegensatz ist aber immer nur das gerade 
Gegenteil; die Verneinung der Einheit, des Singulars, schließt 
in sich die Behauptung der Vielheit, des Plurals, und keineswegs 
die der Zweiheit, des Duals. Letzterer an sich mögliche Gegen- 
satz müßte ausgesprochen sein, eben weil er nicht selbstverständlich 
und nicht bereits in der Verneinung der Einheit enthalten ist. 
Dazu kommt, daß der triviale Satz: „der Mittler ist immer Mittler 
zwischen zwei Personen oder Parteien" für den Gedankenzusammen- 
hang nichts austrägt. Er würde von Moses als dem sein Volk 
vor Gott vertretenden Empfänger und Überraittler des Gesetzes an 
Israel gelten, aber auch von Abr. als Empfänger und Übermittler 
der Verheißung Gottes an seine Nachkommenschaft, und von Christus 
als dem Erben Gottes und dem Überraittler des Erbes an die 
Menschheit. Es soll aber v. 20 eine Aussage über die mosaische 
Gesetzgebung in ihrem Unterschied von und in ihrem Gegensatz 
zu der dem Abr. gegebenen und in Christus erfüllten Verheißung 
erläutern. Da war es am Platz, das Iv x*'C^ fuoizov, welches 
einen specifischen Unterschied der Gesetzgebung von dem, was dem. 
Abr. und was Christo von Gott gegeben wurde, *^) darstellt, durch 

Satz unanwendbar. Ist aber iarif Kopula, so wird man auch aus dem 
Subjekt ein artikelloses ueahrg als Prädikativ zu ergänzen haben cf 1 Kr 
1.5, 39; Rm 2, 28 f.; .3, 29. — Die Voransteliung von tvöi vor die ihm geltende 
Negation dient nur dazu, dem iiöi stärkeren Nachdruck zu geben und da- 
durch das förmliche Aussprechen des Gegensatzes entbehrlich zu machen. 
Wie wir Deutschen durch starke Betonung des Zahlbegriffs in negativen 
Sätzen das positive Gegenteil mitausdrücken können („Einer bringt das 
nicht fertig", sondern nur mehrere; „viele haben das nicht getan", son- 
dern nur wenige), so auch der Grieche cf Nnm 23, 13; 1 Kr 1.5, 51 (v. 1.), 
auch 1 Jo 2, 19 mit nachgestelltem, aber betontem Tiurreg. Entfernter ver- 
gleichbar ist Mt 5, 18; 10, 29. 

*'j Daß auch Christus ein uaohri ist 1 Tm 2, .5: Hb 8, 6; 9, 1.5; 12, 24, 
konnte hier außer Betracht bleiben, weil er es in ganz anderem Sinne ist 



c. 3, 19-2U. 179 

die Erinnerung zu erläutern, daß der /.leotTrjg, wie Moses einer 
war, immer viele vertritt. Auf welcher Seite aber bei dem Vor- 
gang der Gesetzgebung diese Vielheit zu finden oder mit anderen 
Worten das Bedürfnis der Vertretung durch einen (.leoiTt^g vor- 
handen oder zu finden sei, zeigen die Worte 6 ök d^tbg elg iotiv. 
Da Gott einer ist, so lag auch nicht auf seiner Seite das Be- 
dürfnis, durch einen Vertreter dem Volk das Gesetz zu geben, 
sondern auf Seiten des Volks und zwar darum, weil es ein viel- 
köpfiger Haufe war. Moses war nicht des einen Gottes, sondern 
der vielen Israeliten ueoirr^g. Es ist nicht zu leugnen, daß PI 
durch gedrängte Kürze der Gedankenentwicklung, durch ein an 
rabbinische Diskussionsweise erinnerndes Fortlassen von Zwischen- 
gliedern und Schlußsätzen dem Leser das Verständnis von v. 15 — 20 
erschwert hat. Seine Meinung ist doch kaum zu verkennen. Das 
Gesetz ist wieder ein ergänzender Zusatz zu der dem Abr. und 
seinem Geschlecht von Gott nach Art eines rechtskräftig gewordenen 
Test.'s gegebenen Verheißung, noch eine mit der Erfüllung dieser 
^''e^heißung in Christus konkurrirende Offenbarung Gottes, sondern 
eine nur zeitweilig das Verhältnis Gottes zu Israel regelnde An- 
ordnung.*-) Während bei der Errichtung des Test.'s Gott selbst 
dem Abr. erschien (Gen 17, 1 — 21) und zum Zweck der Voll- 
streckung des Test.'s der Menschheit in seinem Sohne unmittelbar 
nahetrat (2 Kr 5, 18 f.; Em 5, 5—8; 8, 39), sind die Gebote des 
Gesetzes durch Engel verkündigt worden. Und während die Ver- 
heißung dem einen Abr. gegeben wurde und, der Verheißung 
entsprechend, das verheißene Erbe nicht allen beliebigen Nach- 
kommen Abr. 's, sondern einem einheitlichen Geschlecht Abr. 's, 
nämlich dem einen Christus gegeben worden ist, ward das Gesetz 
in eines Mittlers Hand gelegt, und eine vielköpfige, zu unmittel- 
barer Gemeinschaft mit Gott unfähige und darum eines mittlerischen 
Vertreters bedürftige Menge von leiblichen Nachkommen Abr. 's 
empfing aus Moses Hand das Gesetz. Wie könnte dieses Gesetz 
anstatt des verheißungsvollen Test.'s die ewig giltige Ordnung des 
Verhältnisses Gottes zum Geschlecht Abr. 's und zu allen Völkern 
sein ! Es kann nur eine vorläufige Ordnung für die Zeit bis zur 
Erscheinung des durch Gottes rechtskräftiges Test, eingesetzten 
Erben, des wahren, einheitlichen Geschlechts Abr.'s d. h. Christi sein. 

als Moses, nicht als der von der Gemeinde bestellte Vertreter derselben 
vor Gott, sondern als der von Gott gesandte Bringer des Heils, und nicht 
als ein Mittelsmann, durch dessen Hand die Gabe dem eigentlich gemeinten 
Empfänger gereicht wird, sondern als der Erbe und eigentliche Empfänger 
des Gutes, der dann andere an seinem Besitz teilnehmen läßt. Der Unter- 
schied ist Jo 1, 17 fein angedeutet. 

*^) Eine Übersicht über die glorificirenden Betrachtungen der Rabbinen 
über die Gesetzgebung, wie sie Weber § 57 gibt, genügt zum Verständnis 
der Antithesen des PI. 

12* 



180 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

Die Frage, was es um das Gesetz sei, hat v. 19 f. eine überaus 
kurze und, solange sie ohne Ergänzung bleibt, wonig befriedigende 
positive Beantwortung gefunden und daran augehängt eine negative 
Antwort, sofern aus der Art der Gesetzesoffenbarung und den Um- 
ständen, unter welchen pie stattfand, gezeigt wurde, daß das Ge- 
setz ebensowenig die Erfüllung als eine Ergänzung der Verheißung 
gebracht habe. Aus beiden Teilen der Antwort konnte der, 
welcher ihr nicht zustimmt, zum Zweck ihrer Widerlegung die 
Folgerung ziehen, daß das (lesetz nach dieser Darlegung des PI 
nicht nur eine Sache von untergeordneter Bedeutung, sondern auch 
von schädlicher und der Verheißung widersprechender Absicht und 
Wirkung sei. Indem PI sich selbst diese angebliche Konsequenz 
seiner vorstehenden Erörterung in den Weg wirft in Form der Frage: 
,.Da8 Gesetz ist demnach widor die Verheißungen"? [v. 21] und 
darauf diese Frage mit einem entschiedenen /n; yivoiTO verneint*') 
und diese Verneinung im folgenden begründet , leitet er eine 
weitere Beantwortung der Frage nach der Bedeutung des Gesetzes 
ein. Die Verneinung wird zunächst ähnlich wie 2, 18 begründet 
durch ein hypothetisches Urteil, welches nur dann, wenn es tat- 
sächlich begründet wäre, die abgewiesene Folgerung rechtfertigen 
würde. Wir dürfen übersetzen: „Nur, wenn gegeben wäre ein 
Gesetz, welches lebendig zu machen im Stande ist,**) kam in der 
Tat aus (dem) Gesetz die Gerechtigkeit." Das durch seine Stellung 
betonte lööd-i] hält uns in dem geschichtlichen Moment der Gesetz- 
gebung fest ; es wird also auch nicht der Fall gesetzt, daß irgend 
einmal ein Gesetz der angegebenen Art gegeben worden oder jetzt 
vorhanden sei, was ja in gewissem Sinn wirklich der Fall ist 
(Rm 8, 2), sondern es wird der unwirkliche Fall gesetzt, daß das, 

**) Diese form der Abweisung falscher, von gegnerischer Seite er- 
hobener oder zu erwartender Folgerungen und Einwände außer Gl 2, 17 
auch noch 1 Kr 6, 15, jedoch anders gemeint, häufig aber im Em, am ähn- 
lichgteu Rm 3. 31; 7, 13 fvgl. Bultmann, Stil der pl Predigt u. die stoisch- 
kynische Diatribe S. 33. Nägeli S. 13J. — Hinter enayyeh&r fehlt tov 0-eov 
in B d (trotz D, der es hat), Vict. wahrscheinlich auch Ephr., der dafür 
aus dem Zusammenhang A6ra/iac einsetzt. Es wurde nach Rm 4, 20; 2 Kr 
1, 20 leicht zugesetzt. — Noch verdächtiger ist ä^• am Schluß von v. 21 
(cm. D G, letzterer auch ohne i.v) wegen der schwankenden Stellung, die 
es bei seinen Zeugen hat : vor r,v ABC, hinter f,i' h ath., vor «x tö/nov 
K L P. Die Weglassung der hinter irrealem Konditionalsatz gebräuchlichen 
Partikel gibt der hypothetischen Hauptaussage nur größere Entschiedenheit, 
was zu oyjojs paßt. 

**) Der nicht in allen Fällen gleich zu beurteilende Unterschied 
zwischen Partie, mit und ohne Artikel als Apposition bei artikellosem 
.Subst. cf Blaß Gr.* § 412 ist hier wie manchmal deutsch kaum auszudrücken, 
etwa 80: „ein Gesetz, von dem man sagen könnte: das macht lebendig". 
Die Rabbinen lehrten, daß das mos. Gesetz alle Israeliten unsterbhch ge- 
macht haben würde, wenn sie nicht sofort wieder abgefallen wären. An 
sich und der Absicht Gottes nach galt ihnen die Gesetzgebung als eine 
vollständige restitutio in integrum. Cf Weber S. 270 ff. 



c. 3, 21—24. 181 

was am Sinai durch Moses dem Volk gegeben wurde, ein Gesetz 
der bezeichneten Art gewesen sei. Dem entsprechend ißt dann 
auch der Nachsatz nicht als eine in der Gegenwart geltende hypo- 
thetische Regel zu verstehen („dann ist oder wäre"), sondern als 
eine für die auf die Gesetzgebung folgende , vergangene Zeit 
eventuell giltige Aussage (,,dann war oder wäre gewesen"), eine 
sprachlich ebenso mögliche^'') und logisch auch durch v. 22 be- 
stätigte Fassung. PI ist hier nicht wieder mit der Frage be- 
schäftigt, ob überhaupt und zu allen Zeiten das Gesetz ein Mittel 
und Weg zur Gerechtigkeit sei, sondern mit der Frage nach dem 
Verhältnis des Gesetzes zur Verheißung in der Geschichte Israels. 
Da aber die Verheißung den Glaubenden ah den Gerechten alle 
Güter zuspricht (3, 6 — 9j, so kann an die Stelle der abzuweisenden 
These, daß das Gesetz im Widerspruch mit der Verheißung stehe, 
die hypothetische These treten, daß in der Zeit nach der Gesetz- 
gebung die Gerechtigkeit aus dem Gesetz herkam. Diese letztere 
These aber, mit deren Verneinung auch die Verneinung der 
ersteren gegeben ist, ist unhaltbar, weil die im voranstehenden 
Bedingungssatz genannte Voraussetzung, unter welcher allein die 
These des Nachsatzes in Wahrheit sich aufrecht erhalten ließe, 
notorisch unwirklich ist. Das durch Moses gegebene Gesetz war 
nicht der Art, daß es lebendig machen konnte. Unter dem Leben, 
welches das Gesetz nicht mitteilen konnte, kann nicht die schließ- 
liche Seligkeit verstanden werden (v. 11. 12) oder der Segen und 
das Erbe, welche Inhalt der Verheißung sind (v. 8 f. 14. 18). 
Denn erstens konnte PI die Unwirklichkeit der Voraussetzung, daß 
das Gesetz ein Mittel zur Erlangung dieser Güter sei, nicht als 
ausgemachte, auch für die Gegner ohne Beweis selbstverständliche 
Wahrheit hinstellen, da dies, wie zidetzt wieder v. 18 zeigte, 
gerade der Streitpunkt war. Zweitens sagt der Bedingungssatz 
nichts von einer beseligenden Wirkung des Gesetzes auf diejenigen, 
welche es beobachten, sondern von einer Fähigkeit, welche das 
Gesetz hätte haben müssen, damit man aus ihm Gerechtigkeit 
schöpfen oder mit andern Worten durch Erfüllung seiner Gebote 
gerecht werden konnte. Die in Rede stehende ^ojOTCoir^Oig ist also 
nicht Folge, sondern bedingende Voraussetzung der Gesetzeser- 
füllung ; sie ist eine Wirkung auf die von Haus aus zur Erfüllung 
des Gesetzes unfähigen Menschen, vermöge deren sie hiezu fähig 
werden, eine moralische Erneuerung, welche eine Belebung Toter 
genannt werden kann.*") Dafür, daß diese Fähigkeit dem Gesetz 

♦») Cf Blaß § 63, 4 „was im Qriech. nicht unterschieden werden kann" 
[in der 5. Aufl. § 358 weggelassen]; Kähner-Gerth II, 469 ff. 

") Abgesehen von der übertragenen Bedeutung von Leben und Tod 
in den Reden Jesu Mt 8, 22: Lclo, 24; Jo 5. 24 etc. cf bei PI Rra7, 5f. 
9-13; 8,2—11; 2Kr3, 6— 9; Eph2, 1.5; Kl 2, 13. 



182 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

nicht eigne , konnte PI allerdings ohne weiteres Anerkennung 
fordern, weil diese Erkenntnis im AT klar genug vorlag (2, 16 ; 
3, 10 — 12). Ist dem aber so, so folgt, daß, was in dem Israel 
der atl. Zeit an Gerechtigkeit vorhanden war, nicht aus dem Ge- 
setz stammte, daß also auch das Gesetz nicht im Widerspruch mit 
den Verheißungen stehe, was nur dann der Fall wäre, wenn das 
Gesetz mit der Forderung seiner Beobachtung zugleich auch die 
Fähigkeit dazu verliehen und somit einen anderen gangbaren AVeg 
zur Gerechtigkeit und zum Besitz des verheißenen Erbes geschaffen 
hätte, als die Verheißung. Der Beweis für das jf<?y yevono ist 
hiemit ebenso abgeschlossen, wie mit dem ähnlichen Satz 2, 18. 
Das folgende d.)Jxi [v. 22] kann, schon sprachlich betrachtet, nicht, 
als ob es gleich de oder vvvl öi wäre, einen Untersatz zu einem 
vorangehenden Obersatz einleiten ; aber auch nicht als ein „sondern" 
dem tii^ yivoLxo gegeuübertreten, als ob der dazwischenstehende 
gewichtige Satz in Parenthese stünde, sondern den hypothetischen 
Aussagen, daß das Gesetz lebendig zu machen die Fähigkeit gehabt 
habe, und daß die Gerechtigkeit aus dem Gesetz zu schöpfen ge- 
wesen sei, tritt eine Aussage gegenüber, aus welcher man erkennen 
muß, daß jene hypothetischen Aussagen nicht der Wirklichkeit 
entsprechen: „Aber es beschloß die Schrift alles unter die Sünde, 
damit die Verheißung in folge Glaubens an Jesus Christus den 
Glaubenden gegeben werde." Daraus, daß PI wie andere ge- 
legentlich das ganze AT 6 vöuog nennt (1 Kr 14, 21 cf Jo 10, 34), 
ist nicht zu folgern, daß er auch umgekehrt mit ?; yQa(pi] das 
Gesetz im engeren Sinne, nämlich das durch Moses gegebene be- 
zeichne, was hier um so undenkbarer ist, da das Gesetz v. 18 — 21 
nicht als geschriebenes oder als Bestandteil der hl. Schrift, sondern 
als eine durch Engel auf dem Sinai verkündigte und durch Aloses 
dem Volk übermittelte Oflfenbarung betrachtet war, wie die Ver- 
heißung an Abr. Unter fj ygarpi] versteht PI hier wie überall die 
hl. Schrift als geschlossene Einheit, dasselbe AT, welches er da, wo 
die Vielheit der zu verschiedenen Zeiten entstandenen und ver- 
schiedenartigen Teile in Betracht kam, auch al ygarpal Rm 15, 4; 
1 Kr 15, 3 f. oder in Rücksicht auf seine beiden Hauptteile „Ge- 
setz und Propheten" nennt (Rm 3, 21 cf Mt 5, 17; 11, 13). 
Während er aber sonst die Aussagen der Schrift vorwiegend durch 
ein Präsens wie liyti einführt,*') schreibt er hier aw^xleioev, weil 
seine Betrachtung ebenso wie v. 21 in der vorchristlichen Ver- 
gangenheit im Unterschied von der christlichen Gegenwart ver- 
weilt, ein Gegensatz, welchen der Satz mit 'Iva deutlich zu er- 
kennen gibt. In der ganzen vorchristlichen Zeit hat die Schrift, 
seitdem es eine solche gab, was bald nach der Gesetzgebung mit 
der Abfassung des Pentateuchs durch Moses (Rm 10, 5 ; 2 Kr 3, 15) 

") Rm4, 3; 9, 17; 10,11; 11,2; Gl 3, 8; 4, .30; 1 Tm 5, 18. 



c. 3, 21—24. 183 

seinen Anfang genommen, das getan, was er von ihr behauptet. 
Hiedurch ist auch bereits gesagt, daß dieses ovy/J.eUiv ra Ttüvra 
V710 a/iaoTiav nicht eine tatsächliche Unterwerfung der Menschen 
oder der Israeliten unter die Herrschaft der Sünde, eine Nötigung 
zum Sündigen sein kann, wie man unter vorzeitiger Rücksicht auf 
den Gebrauch desselben Verbs v. 23 und mit unstatthafter Ver- 
tauschung von fj yqucpri und 6 voixog vielfach angenommen hat. 
Sofern man sagen kann, daß Gott einen Menschen oder die Men- 
schen der Sünde überantwortet habe, ist jedenfalls nicht das Gesetz 
oder die hl. Schrift das Mittel, dessen er sich dazu bedient.*^) 
Es paßt zu dieser Fassung auch nicht ra. Ttdvra, was nach dem 
Sprachgebrauch des PI nicht mit xovg TtdvTag (Rm 11, 32; 1 Kr 
10, 17; 2 Kr 5, 14) gleichbedeutend zu nehmen ist, sondern mit 
den Personen deren Handlungen zusammenfaßt. Beides zusammen 
hat die Schrift durch ihr Urteil von der ausnahmslosen Sünd- 
haftigkeit aller Menschen und ihres gesamten inneren und äußeren 
Verhaltens unter die Sünde gestellt und zwar so, daß keiner und 
nichts diesem Urteil entrinnen kann.**) Wo und wie die Schrift 
dies getan hat, zeigt PI Rm 3, 9 — 18 durch einen Schriftbeweis 
zur Bestätigung seines eigenen Urteils, welches lautet: ^lovöalovg 
T£ y.ai ''E),h]vag Ttdvrag v(p auagriav eivai. Nicht der tatsäch- 
lichen Sündhaftigkeit aller Menschen oder einer Tat Gottes, welche 
diese bewirkt hätte, sondern dem auf der Erfahrung von Jahr- 
hunderten israelitischer Geschichte beruhenden Urteil der gesamten 
hl. Schrift schreibt PI den Zweck zu, daß die Verheißung in folge 
Glaubens an Christus den Glaubenden gegeben, d. h. die ver- 
heißenen Güter ihnen wirklich zu teil werden cf 3, 14 und •/.oul- 
Csad-ai rag inayyeHag Hb 11, 13. 39. Nicht bloß die vorbereitende 
Heilsgeschichte, sondern die Aufzeichnung des Tatsächlichen in hl. 
Schrift hat praktischen Zweck cf Rm 4, 23 f.; 15, 4 und zwar 
einen auf die Endzeit und die endgiltige Offenbarung abzielenden 
Zweck cf 1 Kr 10, 11. Zumal die Juden und Judenchristen, 
welchen die Schrift zunächst gegeben ist, sollten aus dem ein- 
stimmigen Urteil der Schrift über die Sündhaftigkeit aller Men- 

**) Seit alter Zeit (z. B. Thdr\.ist Rm 11,32 beigezogen worden, wo 
allerdings von einer tatsächlichen Überantwortung an den Unglauben ge- 
sagt ist, aber in bezug auf die dermalige Verhärtung der Juden Km 11, 
8. 25, welche doch gewiß keine Tat der hl. Schrift oder des Gesetzes ist 
cf Rm 1,24.26.28; 7, 14. 

*^) Da ovyyj.eieiy in der Bedeutung der allseitigen Einschließung und 
der unentrinnbaren Übergabe an eine fremde Macht auch singul. Objekt 
hat Ps 31, 9; Polyb. 11, 2, 10; 18, 36, 3; 24, 1, 2, so braucht sein <nV nicht 
auf die Zusammenfassung vieler bezogen zu werden; aber in Verbindung 
mit einem Objekt, dessen Benennung die Vielheit oder Ausuabmslosigkeit 
der darunter begriffenen Individuen hervorhebt (Lc 5, 6; Rm 11, 32), ergibt 
sich doch unvermeidlich der Gedanke, daß alle in den engen Raum zu- 
sammengedrängt sind und keiner der Eingeschlossenen entschlüpfen kann. 



184 Gruudlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

sehen und menschlichen Handlungen erkennen, daß es zu keiner 
Zeit der Geschichte ihres Volks eine aus dem Gesetz stammende 
Gerechtigkeit gegeben hat, und sollten dadurch willig gemacht 
werden, für sich selbst und die Heiden f,'elten zu lassen, was der 
Verheißung gemäß in der (legenwart geschieht (cf 3, 2 — 14), daß 
nämlich die an Christus Glaubenden in folge dieses Glaubens in 
den Besitz der dem Abr. und seinem Geschlecht verheißenen 
Güter gelangen. Da v. 22 vom (icsetz unmittelbar nichts sagt, 
imd V. 21 nur eine negative Aussage über das Gesetz enthält, 
so ist bis dahin abgesehen von dem kurzen tüjv Tiagaßdaeiov 
XOQiv V. 19 noch keine positive Antwort auf die Frage nach der 
Bedeutung und dem Zweck des Gesetzes gegeben. Zu einer 
solchen geht PI mit dem Satz über: „Ehe aber der Glaube kam^ 
wurden wir unter Gesetz in Gewahrsam gebalten.*' [v. 23] Ob- 
wohl von dem Glauben Abr.'s und der Frommen überhaupt im 
AT und nach demselben von PI nicht wenig gesagt wird (3, 6 — 9. 
11; Rm 4; Hb 11), wird doch hier und sofort wieder v. 25 
vom Eintritt des Glaubens als einem geschichtlichen Ereignis ge- 
sprochen , welches der Zeit der Unterstellung Israels unter dae 
Gesetz gefolgt ist und ihr ein Ende gemacht hat, ähnlich wie von 
der Zeit vor Moses als einer gesetzlosen geredet wird Rm 5, 13 f. 
cf Gl 3, 17 — 19, obwohl es seit Adam, Noab und Abr, nie völlig 
an jedem Gesetz gefehlt hat. Aber wie erst seit Moses das Gesetz 
das die Religion und die Religiosität maßgebend Bestimmende ge- 
worden ist, so seit Christus der Glaube. Unter einen anderen Ge- 
sichtspunkt stellt dieselbe Tatsache die Bezeichnung des Glaubens 
als desjenigen, dessen dereinstige Enthüllung zur Zeit des Gesetzes 
noch erst bevorstand. Er war also schon vorhanden und erwies 
sich auch bereits wirksam ; aber als die alles religiöse Leben be- 
stimmende Macht wurde er erst seit und durch Christus offenbar. '*°) 
Vorher standen die Christen aus Israel, mit welchen PI auch hier 
wieder wie 2, 15 — 19; 3, 13 sich zusammenfaßt, unter dem Gesetz 
cf 4, 4f. 21; Rm 6, 14f., eine Lage, welche hier verglichen wird 
mit der eines Gefangenen, der jeder Freiheit der Bewegung be- 
raubt ist und bewacht wird, damit er nicht entfliehe.*^ ^) "Während 
andere Leute den Gesetzen ihres Volkes und Staates sich z. B. 



*") Cf 2 Tb 2, 6 ff. von dem jetzt verborgenen, dereinst aber zu offen- 
barenden Antichrist. — Zu der inkorrekten Trennung des Part. ftiUovoai' 
von dem dazu gehörigen Inf. cf Rm 8, 18; 1 Kr 12, §2. 

"') Die Bedeutung „bewachen zum Zweck der ßeschützung vor feind- 
lichen Angriffen" (Phl 4, 7; 1 Pt 1, 5j, welclie aus dem häufigen Gebrauch 
von (ffiorotiv (rfoovgä^ tfnovonp/oi) für das Bcsetzthalteu und die Bewachung 
eines befestigten Platzes im Kriege hergeleitet ist, paßt hier nicht. Wer 
sollten die Feinde sein, gegen welche die Untertanen des Gesetzes ge- 
schützt werden sollten? Auch sollte man dann v.tö oder ^'« tov iöuov statt 
imb vöuoy erwarten. 



c. 3, 21-24. 185 

dnrch Auswanderung entziehen können, begleitet den Juden sein 
„unsterbliches" und allgegenwärtiges Gesetz, wohin er auch gehe, 
und schreibt ihm jeden Schritt vor, solange er lebt. '^'^) An die 
Vorstellung der Gefangenschaft schließt sich auch das oiyyJ.ti6i.uvoi 
einigermaßen an, jedoch nicht so enge, wie es die Urheber der 
viel zu schwach bezeugten LA ovy^eKkEiOfJ.ivoL meinten, als ob 
damit der Akt der Einschließung in ein Gefängnis bezeichnet wäre. 
Das präsentische Part, bedeutet vielmehr eine stetige, während der 
ganzen Zeit des elvca vno vöfiov den Untergebenen des Gesetzes 
widerfahrende Einengung, und besagt in der nicht ungewöhnlichen 
Konstruktion mit ug xt, daß ihnen dadurch jeder andere Ausweg 
als der zu dem genannten Ziele abgeschnitten war, sie also zu 
diesem hingedrängt wurden. '^^) Während in erpQovQOVfie&a die 
Vorstellung der Bewachung überwiegt, gibt ovyxXsiöfitvoL atX. 
mehr die Vorstellung einer zwangsweise geschehenden Hinleitung 
zu einem Ziel. Auf beiden beruht das neue Bild, in welches der 
Ertrag dieses mehr oder weniger gleichnismäßigen Satzes in v. 24 
gefaßt wird : „Und so ist das Gesetz unser Pädagog auf Christus 
hin geworden oder gewesen, damit wir in folge Glaubens gerecht 
würden".''*) Pädagog hieß der Sklave, welchem ixt dem wohl- 
habenden griechischen, dann auch dem römischen Hause die Auf- 
sicht über den Sohn seines H^rrn etwa vom 7. bis zum 17. Lebens- 
jahr oblag. Er hatte ihn auf Schritt und Tritt zu begleiten, be- 
sonders auf den "Wegen zur Schule und zu den Stätten der gymnasti- 
schen Übungen. Er sollte seinen Pflegebefohlenen zu einem seinem 
Alter und Stand entsprechenden äußeren Benehmen anleiten und 
vor allem bei dem Hinaustreten in die Öffentlichkeit vor schäd- 
lichen Einflüssen, vor Verführung zur Unsittlichkeit und vor eigenen 
leichtsinnigen Streichen bewahren. "Wenn der griechische Pädagog 
im römischen Hause gelegentlich als Sprachmeister fungirte, wie 
bei uns die französischen Bonnen, so war er doch wesentlich nicht 
Lehrer, auch nicht Erzieher im höheren Sinne dieses "Wortes und 
am allerwenigsten das, was wir einen Pädagogen heißen. '^'^) Auch 

»*) Cf Jos. c. Apion. II, 38, 2; Km 7, 1. 

*') Gate Beispiele namentlich aus Polybius gibt Raphel II, 440 f. 

^*) Das einen selbständigen Satz einleitende wore bewahrt noch mehr 
als das entsprechende itaque seine nrspr. Bedeutung cf Rm 7, 4 f. — Statt 
ysyotBv haben B Clem. str. I, 167 eyifEio (cf die Varianten zu Rm 7, 13), 
derselbe aber paed. I, 30 yh/ovEf (ebendort das richtige avyy.uioneioi. v. 23, 
statt dessen str. I, 167 avy-Ktyleiaiuvoi). Da nach v. 25 das Gesetz nicht 
mehr der Pädagog der christgläabigen Juden ist, schien yiyorsv weniger 
passend, solange man yiveadui = „werden" faßte; aber ykyova heißt ja 
auch oftmals ,.ich bin gewesen", wie iyevöur^v „ich war". 

'*'*) Als Bibelübersetzer würde ich in Ermanglnng von besserem das 
ein wenig veraltete „Hofmeister" dafür setzen, da dies (besonders „hof- 
meistern") einen auch dem 7nu8ayioy6i anhaftenden ungünstigen Nebensinn 
zuläßt and manchmal hat. 



186 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

der gewissenlose „Pädagog", deren es viele gab, bemühte sich um 
den Schein ehrbaren Ernstes, nnd der strenge vultus pacdagogi 
(Suet. Nero 37) war sprichwörtlich. Indem PI die Aufgabe oder 
eine Aufgabe des Gesetzes mit der eines Pädagogen verglich, wollte 
er es keineswegs verächtlich machen.^") Wie der heranwachsende 
Sohn aus gutem Hause des Pädagogen nicht enthehren kann, so 
auch Israel in seiner Jugend nicht des Gesetzes ; aber eine Be- 
schränkung seiner Bedeutung, sowohl was die Art seines Ein- 
flusses, als was die Dauer seiner Geltung anlangt, ist damit aus- 
gesprochen. Das Gesetz sollte für eine in voraus bemessene Zeit 
der Entwicklung die äußere Lebenshaltung Israels regeln, es davor 
bewahren, daß es durch Abirren auf selbsterwählte "Wege in das 
zügellose Heidentum sich verliere und für die Annahme künftiger 
höherer Unterweisung und damit für seinen wesentlichen Beruf 
unfähig werde. Dieser Zweck des Gesetzes, welchen man nie ohne 
Anführungszeichen den „pädagogischen" nennen sollte, hat mit dem 
^.elenchthischen" Zweck des Gesetzes, mit der Aufgabe, den Menschen 
von seiner Sündhaftigkeit zu überführen (Rm 3, 20; 7, 7 — 24) 
nichts zu schaffen. Er steht aber auch nicht in Widerspruch mit 
dem V. 19 genannten Zweck, die Übertretungen herbeizuführen. 
Denn wie wenig das Gesetz im Stande war, die Sünde im Menschen 
zu überwinden, ihm die sittliche Kraft, die ihm mangelt, einzuflößen 
und 80 zu einer auf seiner Erfüllung beruhenden Gerechtigkeit zu 
verhelfen, wie oft es vielmehr übertreten wurde, und obgleich es 
sogar eine Steigerung der Sünde bewirkte, so blieb es doch das 
unverbrüchliche Gesetz dieses Volks und das wesentliche Mittel, 
es in seiner Sonderart zu erhalten. Aber sowenig der Pädagog 
dazu berufen ist, der Lehrer des herangewachsenen Jünglings und 
der Gebieter des Mannes zu sein oder in seinem Zögling das Ver- 
langen nach künftiger freierer Bewegung zu ersticken, sowenig 
sollte und wollte das Gesetz für immer das religiöse Leben Israels 
beherrschen. „Seitdem aber der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht 
mehr unter dem Pädagogen" v. 25. Dies gilt natürlich nur von 
denen, welche unter dem Gesetz aufgewachsen, dann aber an Christus 
gläubig geworden sind, von den jüdischen Christen. Nur bei ihnen 
hat der Glaube als die ihr Leben bestimmende Macht das vordem 
sie beherrschende Gesetz abgelöst cf 2, 19 f. Hieran darf man sich 
nicht dadurch beirren lassen, daß PI in dem für diese Behauptung 
geführten Beweis v. 26 — 29 nicht in erster, sondern in zweiter 
Person, also nicht von sich und seinesgleichen (cf 2, 15; 3, 13 f.), 

"*) Auch 1 Kr 4, 15 liegt dies völlig fern. — Die Kabbinen Palästinas, 
welchen das griech. Fremdwort sehr geläufig war (Krauß, Lehnwörter II, 
421), nannten Moses, Aaron und Mirjam die drei von Gott bestellten Päda- 
gogen Israels Midr. r. zu Num 1, 1, wohl in Rücksicht auf Num 11, 12, 
wo Kloses sich mit einem le«, Kinderwärter vergleicht, was R. Hoschaja 
der Altere durch Tiaidaycjyö^ erklärte Midr. r. zu Gen 1, 1. 



c. 3, 25—29. 187 

sondern von den Gal. redet. Die Beweiskraft dieser Sätze leuchtet 
darum doch ein, sowie man beachtet, daß dreimal durch TtdvTeg 
V. 26, uaoi V. 27 und durch icdvzeg oder UTtavieg v. 27 mit großem 
Nachdruck betont wird, daß diese Aussagen ausnahmslos von allen 
Lesern gelten, und ferner, daß PI v. 28 nicht iu bezug auf die 
Christenheit auf Erden, sondern in bezug auf die gal. Gemeinden 
behauptet, daß der Unterschied von Juden und Heiden, wie der 
von Sklaven und Freien, von Mann und "Weib, bei ihnen ideell 
aufgehoben sei. Dies setzt voraus, daß der erste dieser Gegen- 
sätze ebenso wie die beiden anderen bei den Gal. tatsächlich vor- 
handen war. Es gab nicht ganz wenige geborene Juden unter 
ihnen (oben S. 3 f. 13 ff.), und nach dem Zusammenhang ist es gerade 
dieser zuerst genannte Gegensatz der gal. Juden zu den gal. 
Heiden, welchen das dreimalige „ihr alle" gleichsam auslöschen 
soll. „Denn allesamt seid ihr Söhne Gottes durch den Glauben 
(und seid es) in Christus Jesus ; denn alle, die ihr auf Christus 
getauft wurdet, zöget Christus an [v. 27]. Es ist kein Jude oder 
Hellene, es ist kein Knecht oder Freier, es ist kein männliches oder 
weibliches AVesen (unter euch vorhanden) ; denn allesamt seid ihr 
einer in Christus Jesus". Die Verbindung von ev Xq. I. mit irg 
Ttlotecog im Sinn von ,. Glaube an Christus" ist nicht nur darum 
unwahrscheinlich, weil man "Wiederholung des Artikels vor kv Xq. 
erwarten sollte, sondern vor allem darum, weil PI TtLoxLg regel- 
mäßig mit dem Gen. seines Objekts^') und wahrscheinlich niemals 
mit ev TLVi in diesem Sinn verbindet. ^^) Dazu kommt, daß v. 27 f. 
nicht von der Gottessohnschaft durch Glauben, sondern von Ein- 
verleibung in Christus die Rede ist. Somit wird auch v. 26, wie 
v. 28 Iv Xq. einen selbständigen, von niOTECog unabhängigen Ge- 
danken ausdrücken. Durch den Glauben sind sie Söhne Gottes 
geworden, und sie sind dies, sofern sie in Christus sind. Für 
letzteres aber ist neben dem Glauben die Taufe auf Christus grund- 
legend cf Rm 6, 3 ff. Durch ßarcritiLv ei'g riva oder xi ist die 
besondere Art der Beziehung zu einem anderen, welche die Taufe 
stiftet, noch nicht bestimmt ; diese ist vielmehr je nach der Be- 
deutung der Person oder Sache, zu welcher die Taufe in Be- 
ziehung setzt, eine sehr verschiedene.^*) Es ist daher auch nicht 

") Gl 2, 16 (zweimal); 2, 20; 3, 22; Rm 3, 22. 26; Eph 3, 12; Phl 1, 27 
(Tor ei'ayyslioi'); 3, 9; Kl 2, 12; 2 Th 2, 13. Daneben selten Tioöi 1 Th 1, 8; 
Phlm 5, sli Kl 2, 5. — Nur ath hat an unserer Stelle 'Ir^aov Xqiotov, und 
S^ übersetzt, als ob er so gelesen hätte. 

") Ganz außer Betracht bleibt Rm 3, 25, mindestens zweifelhaft ist 
Eph 1, 1. 15. In 1 Tm 3, 13; 2 Tm 1. 13; 3, 15 ist gemeint der Glaube, den 
man in Christus hat, wie ihn ein Christ hat. Auch zn TnoTeieif tritt bei 
PI das Objekt nie, auch Eph 1. 13 wohl nicht, mit tV wie Mr 1, 15 [vgl. 
Deißmann, Die utl Formel h- Xo. S. 103 f.] 

•^o) 1 Kr 1, 13. 15; 10, 2; 12, 3; Mt 3 11; 28, 19 (Bd I*, 724); AG 19, 3. 



188 Grundlosigkeit nud Verderblichkeit des Abfalls. 

anzunehmen, daß PI aus der Tatsache, daß die kirchliche Taufe 
eine Taufe auf Christus ist, oder gar aus der Anwendung einer 
entsprechenden Taufforiuel erschlossen habe, wer sie empfangen 
habe, habe damit Christus angezogen. Er spricht dies vielmehr 
als eine den Lesern bekannte und ihnen gegenüber keiner Be- 
gründung bedürftige Wahrheit aus. Wohl nicht ohne Anlehnung 
an den Gebrauch von iiöieoO-ai mit persönlichem Objekt in der 
Bedeutung „sich in die Rolle eines anderen hineindenken und darnach 
handeln, sich wie ein anderer geberden und darstellen",*"^) aber 
doch mit lebendiger Vergegenwärtigung der sinnlichen Anschauung, 
welche der bildliche Ausdruck bietet, pflegt PI denselben zu ge- 
brauchen.*^^) Als ein Gewand, welches alle Getauften wie einen 
einzigen Körper (cf 1 Kr 12, 13) umhüllt, oder, sofern sie als 
Individuen betrachtet werden, alle gleichgekleidet erscheinen läßt, 
sieht er Christus an. TJnverbunden tritt daneben, was nur eine 
Entfaltung des XQtozov Iveövoaod^B ist, das große Wort von der 
Aufhebung jedes nationalen, socialen und geschlechtlichen Unter- 
schiedes unter den Menschen, sofern es sich um sie als Glieder der 
Gemeinde, als Personen im Verhältnis zu Gott handelt. *^^) Dies 

^°) Griech. und lat. {induere) Beispiele gibt Wettstein zu Rm 13, 14, 
wie Dion. Hai. XI, 5 rbv Taoy.vviov iyszror eiSveodai „sich als einen Despoten 
wie Tarquinius zeigen" ; Luc. Somnium 19 allerdings unter Voraussetzung 
der Seelenwanderungslehre. Was Chrys. bom. 13 in ep. ad Rom. (Mont- 
faucon IX. 699 a. E.), abgekürzt auch zu Eph 4, 22 f. (vol. VI, 99) von der 
üblichen Redensart ö (feita -löu Sttva irsävoaro als Ausdruck inniger 
Freundschaft sagt, gehört vielleicht einem bereits christlich gefärbten 
Sprachgebrauch an [zu hSiaad-ai Xo. vgl. Winer-Scbm.* § 4, 2"; Heinrici, 
Hermes. Myst. S. 61 ; Deißner, PI u. die Mystik s. Zt. S. 121]. 

*') Rm 13, 14 rör Xo.j vorher v. 12 äTiodiad^ui und evSvea&fu, derselbe 
Gegensatz Eph 4, 22—24; Kl 3, 9 f. 

«*) Cf Kl 3, 11. — Hermippus hat nach Diog. Laert. I, 7 als ein Wort 
des Thaies überliefert, was andere gewiß mit Unrecht dem Sokrates zu- 
schrieben: „er sei dem Schicksal dankbar dafür, daß er erstens als Mensch 
und nicht als Tier geboren sei, zweitens als Mann und nicht als Weib, 
drittens als Hellene und nicht als Barbar". Wesentlich dasselbe berichtet 
Plutarch (vita Marii 46, 1) als glaubwürdige Überlieferung von Plato, der 
angesichts seines herannahenden Todes „seinen Dämon u. das Schicksal 
gepriesen habe {i/wet röv airov Saiuova ya'i tt]v ri'yjjv), daß er erstens als 
Mensch, ferner als Hellene, nicht als Barbar u. auch nicht als ein von 
Natur vernuuftloses Tier geboren sei u. außerdem noch, daß seine Geburt 
zu Lebzeiten des Sokrates sich ereignet habe". — Nach dem bah. Talmud 
(Menachot 43*' a. E.) pflegte R. Meir (um 130—160) zu sagen: „Der Mensch 
muß an jedem Tage die drei Daukgebete sprechen, daß Er (Gott) mich 
nicht zu einem Goj (Heiden), daß er mich nicht zu einem Weibe, und daß 
er mich nicht zu einem Ungebildeten (t.2 cf Aboth II, 5) gemacht bat". 
Dasselbe ist Tosefta, Berachoth VII, 18 Zuckerm. S. 16, 21 dem R. Juda 
zugeschrieben. Nach bab. Menachoth 1. 1. hat R. Acha (4. Jahrb.) das dritte 
Gebet so geändert : „und daß er mich nicht zu einem kananäischen Sklaven 
gemacht hat". Diese Dreiteilung, welche der des PI ziemlich genau ent- 
spricht, ist in die täglichen Gebete der jüdischen Gebetbücher übergegangen. 
Luther, der durch Hörensagen davon wußte, meinte, die Juden hätten dies 



c. 3, 25—29. 189 

wird aber hier nicht als eine allgemeine, seit Christus in der Welt 
oder doch in seiner "Welt giltige Wahrheit ausgesprochen, sondern, 
wie schon seine Stellung zwischen lauter die gal, Christen be- 
treffenden Aussagen v. 26 — 27 und v. 28*' — 29 zeigt, als eine in 
diesem Kreis vorliegende Tatsache. Obwohl evt [v. 28] hier wie so 
oft im Sinn von evsariv gebraucht ist,**^) darf doch nicht vergessen 
werden, daß es ein Ortsadverb ist und mit dem zu ergänzenden 
Yerbum (nicht Kopula) eOTiv zusammen heißt „ist darinnen", und 
in diesem Sinne „ist vorhanden", weshalb es auch nicht selten eine 
Bezeichnung des Raumes oder Kreises, von dem es gelten soll, 
bei sich hat.*'*) Es entsteht daher die Frage, ob wir Iv v\xlv 
(1 Kr 6, 6) oder kv XqigtCo in Gedanken ergänzen sollen. Wenn 
letzteres die Meinung wäre, würde es auch gleich hier, wie 5, 6 ; 
6, 15 cf 2 Kr 5, 17, geschrieben stehn und nicht erst in dem nach- 
folgenden begründenden Satz als ein neues Moment eingeführt 
werden. Nur die Scheu vor Anerkennung der ohnehin zweifel- 
losen Tatsache, daß alle drei genannten Gegensätze unter den 
Gal. vertreten waren, konnte dazu verleiten, v. 28* ein iv Xqigxij) 
statt des durch den Zusammenhang gebotenen kv v(.ilv zu ergänzen. 
Der Gegensatz von Jude und Grieche ist als der zunächst in Be- 
tracht kommende an die Spitze gestellt; aber die beiden anderen 
sind keineswegs ein an sich inhaltsloses Mittel, die Phrase voll- 
tönend zu machen. Es könnten auch noch die Gegensätze von 
Jung und Alt, Arm und Reich, Gebildet und Ungebildet hin- 
zugefügt werden ; denn es soll nicht bloß dem einen oder dem 
anderen vorhandenen Unterschied die Bedeutung abgesprochen, 
sondern die durch die Taufe geschehene Einigung der mannig- 
faltig verschiedenen Individuen zu einem einheitlichen Körper be- 

Gebet aus Plato geschöpft (Predigt von 1537, Erl. Ausg. Bd. 23 S. 243). — 
Ein parsisches Gebet, zuerst von Sachau, Neue Beitr. zur Kenntnis der 
zoroastr. Literatur (Sitzungsb. Wiener Ak. 1871) S. 828 — 831 herausgegeben 
und übersetzt, sodann von J. Darmesteter, Le Zend-Avesta, trad. nouveUe, 
vol. III (Paris 1893 p. 187 ff. cf p. CVII) neu übersetzt und kurz besprochen, 
enthält nach letzterer Übersetzung p. 139 folgende Sätze : Merci ä toi, ö 
crcateur, de ce que tu m'as fait de la race des ho mm es; de ce que 
tu m'as fait entendant, parlant, voyant; de ce que tu m'as cree libre et 
non pas esclave; de ce que tu m'as cree komme et non pas 
femme etc. Vorher p. 188 steht schon der Dank dafür, de ce que tu m'as 
fait Iranien et de la bonne religion. Eine Erörterung über die Zusammen- 
hänge dieser Formeln in der Zeitschr. The peculiar people, 1892 Nov. ist 
mir nicht zur Hand. 

®') evi ist formell nichts anderes als die verselbständigte, zum Adverb 
gemachte Präpos. «V« = Ip, wie nd^a^ äva neben naoä, ävd und bedarf 
wie diese nicht eines ausgesprochenen Verbs cf Kühner-Gerth, Formenl. I, 
535 n. 6; II, 322 vor AI: «V« = äväarrjdi, nä^a = TtäQEOTiv cf auch BtvQo 
sc. BQ/ov Ap 17, 1 und e^w sc. Id'i. Ap 22, 15. [Beispiel für Anaphora wie 
gern in der Diatribe s. Bultmann S. 77.] 

**) Kl 3, il bnov, 1 Kr 6, 5: Plato Phaedo 77 iv ifitv, Jk 1, 17 Tta^ c5 



190 Oniniilosigkeit nud Verderblichkeit des Abfalls. 

hiiuptot werdeu. Dies zeigt auch der positive Satz, womit die . 
Vorneinungeu von v. 28" schließlich noch erläutert und gerecht- 
fertigt werden: ..Denn ihr allesamt seid Einer in Christus Jesus".*"*) 
Die diesmal durch vueig stärker hervorgehobene Anrede der Leser 
macht vollends deutlich, daß die Gal. in v. 26 — 29 auf ihre eigene 
Erfahrung und Stellung hingewiesen werden sollten. Wenn sie 
nach V. 27 sich als einen einheitlichen Körper betrachten sollen, 
welchen Christus wie ein Gewand umhüllt, so nach v. 28'' als eine 
einzige Person, welche diese ihre Einheit durch die Vereinigung 
mit Christus als dem Einiguugspunkt der von Natur auseinander- 
strebendeu und sich befehdenden Individuen gewonnen hat. Hieraus 
aber, oder, wie es kurz zusammenfassend ausgedrückt wird, daraus, 
daß sie in dem vorher näher bestimmten Sinne Christi sind d. h. 
Christo angehören (Rm 8, 9 ; 1 Kr 3, 23), folgt auch unmittelbar 
(äga) [v. 29], daß sie Abr.'s Geschlecht, d. h., wie die unverbunden, 
als Apposition sich anschließenden "Worte sagen, daß sie verheißungs- 
mäßige Erben sind."") Nicht das Geschlecht Abr.'s nennt PI die 
Gal., freilich auch nicht ein Abrahamsgeschlecht, als ob es mehrere 
solche gäbe, sondern sagt von ihnen, welche einen Teil der aus 
Juden und Heiden gesammelten Christenheit ausmachen, daß sie 
an ihrem Teil sind, was von der Christenheit überhaupt gilt. Sie 
gehören zu dem orregua ^^ßQ., dem die Verheißung galt, und es 
entspricht nur dieser Verheißung, wenn man sie und wenn sie 
selbst sich als Erben ansehen d. h. nicht nur als inbegriffen und 
mitgemeint in dem Test., wodurch Gott das einheitliche Geschlecht 
Abr.'s zum Erben aller Güter eingesetzt hat, sondern auch als 
solche, die diesen Besitz angetreten haben cf 3, 14. 22. Es er- 
übrigt''"*) noch die Frage, inwiefern v. 26 — 29 den Satz zu be- 
gründen geeignet ist, daß die Juden, seit und sofern sie an Christus 

^'*) V. 28 wird ünavre?, bei PI sonst nur Eph 6, 13, eben deshalb trotz 
schwächerer Bezeugung (n AB*) statt Tzdp-ces zu lesen sein; ferner mit den 
meisten th statt iV, was G, alle Lat. und einzelne griech. Citate bezeugen; 
endlich fr Xp.V. (so, nur umgestellt 1. Xq., auch Aphr. p. 429, Ephr., S^), 
wofür An* (dieser mit Tilgung eines urspr. geschriebeneu tp davor) Xqio- 
Tov 'Ir^aov bieten, ofl'enbare Angleichung an Xoiarov v. 29. Umgekehrt 
haben D*G und die meisten Lat. (nicht r Vulg) v. 29 vutZi (mit oder ohne 
rrürrts) ih (oder ty) taie iv Xo. I., Angleichung an v. 28. 

**) Wie M/%. ist auch xar btt. durch Voranstellung vor den dadurch 
näherbestimmten Begriff betont. Auch die NichtJuden unter den Lesern 
sind keines geringeren Ahnherrn Nachkommenschaft als Abr.'s, und nicht 
alle Juden, sondern die Christen sind Erben y.ar trt. Letzteres ist nicht 
Adverb zu yj.r^poröiiot sc. i<7Tf , was den Artikel vor irr. und Wiederholung 
der Kopula erfordern würde, sondern Attribut zu y.).r,poi6noi, wie y-nö-' 
vTtepßo/.Tj)- dSöi> 1 Kr 12, 31, vldv Osov iv Sviäuti Rm 1, 4 und anderes mehr 
bei PI, — Ein y.ui vor y-atd konnte zwar leicht ausfallen, hat aber zu 
starke Zeugnisse gegen sich. 

*«•) Den Recensenten im Theol. Jahresber. 1906 S. 128 erlaube ich 
mir auf M. Heyne's Deutsches Wörterb. I, 825 zu verweisen. 



c. 3, 25—29. 191 

gläubig geworden sind, nicht mehr dem Gesetz als ihrem Päda- 
gogen unterstehen. Die Beweiskraft von v. 26 — 29 für v. 25 be- 
ruht jedenfalls nicht auf dem Gedanken, daß die jüdischen Christen 
durch Glauben und Taufe Gottes Söhne geworden sind. Denn 
erstens widerspricht die Eigenschaft als Sohn durchaus nicht 
der Unterstellung unter einen vom Vater bestellten Pädagogen ; im 
Gegenteil : nur seinem Sohn gibt der Vater einen Pädagogen. 
Höchstens von dem erwachsenen Sohn könnte man sagen, daß es 
sich mit dieser seiner Eigenschaft nicht vertrage, länger noch 
von einem Pädagogen gegängelt zu werden. Aber davon, daß 
die jüdischen Christen -durch Glauben oder Taufe zu Erwachsenen 
herangereift seien, ist hier keine Silbe zu lesen cf dagegen 4, 1 S. 
Zweitens wäre nicht einzusehen, was die Tatsache, daß die 
teilweise, ja vorwiegend aus dem Heidentum hergekommenen 
Gal. Gottes Söhne geworden sind, dafür beweisen soll, daß die 
jüdischen Christen ferner nicht mehr als Knaben dem Päda- 
gogen unterstellt werden können. Drittens ist das den Gal. zuge- 
sprochene Prädikat der Gottessohnschaft nur einmal v. 26 flüchtig 
berührt; es ist nur ein Hilfsbegriff für den Gedanken, daß sie 
sämtlich eine in Christus zusammengefaßte Einheit bilden ; und 
ebenso bildet ihre Bezeichnung als Abr.'s Geschlecht v. 29 nur die 
Brücke zu der Aussage, daß sie der Verheißung gemäß Erben 
Gottes geworden sind. Auf diesen Grundgedanken von v. 26 — 28 
beruht die Beweiskraft dieses Abschnitts für die Behauptung von 
V. 25. Daß die Funktion des Pädagogen von beschränkter Dauer 
sei, liegt im Begriff des als Gleichnis benutzten Verhältnisses, und 
dasselbe war ohne Bild v. 19 gesagt. Auch die Frage, bis wann 
dieses Verhältnis bestehen, wodurch und womit es sein Ende finden 
solle, ist bereits vorher in mannigfaltiger "Weise beantwortet. Die 
Verheißung oder das Test, setzte nicht alle beliebigen Nachkommen 
Abr.'s zum Erben ein, sondern ein einheitliches Geschlecht Abr.'s 
v. 16. Nicht eher, als dieses 07teQf.ia vorhanden ist, aber auch 
sofort, nachdem es vorhanden ist, konnte und sollte das Testament 
vollstreckt, dem Erben das Erbe eingehändigt werden v. 19. Der 
durch Gottes Test, ernannte Erbe ist Christus v. 16, aber nicht in 
dem Sinne, daß dieser die ihm als Erbschaft zufallenden Güter für 
eich behalte, sondern so, daß er die durch Glauben ihm ver- 
bundenen Menschen als Miterben daran teilhaben lasse v. 22. Ins- 
besondere war in dem Test, die Verheißung enthalten, daß alle 
Völker an den zunächst dem Abr., schließlich aber seinem Ge- 
schlecht zugedachten Gütern Anteil empfangen sollen und zwar 
durch Vermittlung Abr.'s und seines Geschlechtes v. 8. 14. Alles 
dies liegt jetzt als vollendete Tatsache vor und wird den Gal. aus 
ihrer eigenen Erfahrung v. 26 — 29 nachgewiesen. Der erste und 
eigentliche Erbe, Christus, ist da; er ist den Gal. gepredigt und 



192 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls, 

von ihnen im Glauben aufgenommen. Die durch den Glauben ihm 
verbundenen, durch die Taufe ihm einverleibten Gal. bilden einen 
einzigen Körper, eine einzige Person, eine in Christus geeinigte 
Gemeinde, in welcher alle trennenden Unterschiede und Gegensätze 
der Nationalitäten, der Stände und der Geschlechter ausgeglichen 
sind; der Stand der Gemeinde, wie er zur Zeit der Gesetzgebung 
war V. 19 f., ist überwunden. Damit ist aber auch schon gesagt, 
daß die Verheißung des durch Abr. und sein Geschlecht ver- 
mittelten Segens zu den Heiden gelangt und an ihnen erfüllt sei; 
denn die Gal. sind zum größeren Teil Heiden und haben ebenso 
wie die unter ihnen vorhandenen Juden und die vor ihnen zum 
Glauben gekommenen Christen aus Israel den Geist, den Anfang 
und das Angeld aller Güter Gottes empfangen v. 2 — 5. 14 und 
haben mit jenen zusammen die verheißene Erbschaft angetreten 
V. 28. So gewiß es unzulässig und undenkbar ist, daß ein Sohn, 
welcher fähig geworden und befunden ist, die väterliche Erbschaft 
anzutreten, noch unter der beengenden Obhut eines Pädagogen 
stehe, so gewiß folgt aus dem gegenwärtigen Bestand der Christen- 
heit, wie er beispielsweise an den gal. Gemeinden nachgewiesen 
ist, daß PI und die gleich ihm unter dem mos. Gesetz großge- 
wordenen jüdischen Christen nicht mehr diesem Pädagogen unter- 
geben sind, qriod erat demonstrandum. 

Hiemit sind bereits Gedanken hervorgerufen , welche nun 
4, 1 — 7 (oder — 11) zur Ausführung kommen. Der Begriff xlr]QO- 
vö^oi 3, 29 bietet die ungesuchte Veranlassung, noch einmal auf die 
3, 15 — 18 vollzogene Vergleichung der patriarchalischen Verheißung, 
welche in 3, 19 — 29 nicht weiter verfolgt, sondern durch andere 
Bilder und Gleichnisse verdrängt worden war, zurückzugreifen. 
[v. 1] Die aus Juden und Heiden gesammelte gal. Kirche besteht 
wie die gesamte Christenheit aus lauter Erben in dem Sinne, daß sie 
in den Besitz der ihnen zugedachten Güter eingetreten sind, deren 
grundlegenden Anfang sie empfangen haben (3, 2, 5. 14). Blickt 
man aber von dieser Gegenwart in die Zeit zurück „ehe der Glaube 
kam" (3, 23) oder ehe der eigentliche Erbe Christus kam (3, 16. 19), 
80 ergibt sich doch ein bedeutender Unterschied zwischen den ge- 
borenen Juden unter ihnen und in der übrigen Christenheit einer- 
seits und den Heidenchristen andrerseits. Abgesehen davon, daß 
jene unter dem Gesetz standen, diese nicht, hatten sie auch eine 
verschiedene Stellung zu den Erbgütern, die sie jetzt gemeinsam 
besitzen. Zu Erben designirt waren die Heiden schon durch das 
dem Abr. gegebene Testament (3, 8. 14, 29). Den Juden aber 
galt diese Verheißung nicht nur in erster Linie (AG 2, 39 ; 3, 25 ; 
Rm 15, 8), sondern sie hießen und waren auch bereits vor der 
Sendung Christi Söhne Gottes (Deut 32, 19 cf Bd 1*, 207) und 
waren als solche Besitzer sehr wesentlicher Güter, welche den 



c. 4, 1-7. 193 

Heiden fehlten, Güter, welche mindestens eine Vorausdarstellung 
der durch Christus zur vollen Wirklichkeit gebrachten Heilsgüter 
sind (Rra 9, 4; Eph 2, 12; Mt 8, 12). Waren sie nicht schon 
Erben in demselben Sinn, in welchem nach der vorigen Darlegung 
die Christen und besonders die heidnischen Christen erst durch 
Christus, durch den Glauben an ihn und die Taufe auf ihn Erben 
geworden sind? So werden die (lal. gefragt, und diese Frage 
werden ihre Verführer bejaht haben. Sie folgerten daraus, daß 
die Gottessohnschaft und der Besitz des Erbgutes sich sehr wohl 
mit der Gebundenheit an das Gesetz vertrage, ja untrennbar damit 
verbunden sei. Dieser Gegensatz veranlaßt den Apostel, das Ver- 
hältnis der Judenchristen zum Gesetz vor und nach ihrer Be- 
kehrung zum Christenglauben 4, 1 ff. unter einem neuen Gleichnis 
darzustellen, welches nicht mit dem in 3, 24 zusammengeworfen 
werden darf. Dort dient als Gleichnis der heranwachsende Knabe, 
welchen der lebende Vater der Obhut eines Pädagogen anvertraut ; 
hier der unmündige Sohn, welcher nach dem Tode des Vaters 
nicht sofort das Recht der freien Verfügung über sein ererbtes 
Vermögen besitzt. Der zu dieser neuen Vergleichung überleitende 
Begriff ist, wie gesagt, 7clr]QOvöiAog 3, 29 ; 4, 1 und zwar in dem 
vorher erörterten Sinn.*') Wer hiegegen geltend machen mag, 
daß Gott nicht stirbt und nicht gestorben ist, müßte gegen den 
ganzen, ja nicht erst von PI erfundenen Komplex bildlicher Vor- 
stellungen, welchen die Wörter Sohn, Erbe, Erbschaft, Testament 
Gottes uns darbieten, einen vergeblichen Protest erheben (s. oben 
S. 163 ff.). Und wenn man aus diesen und anderen Gründen das 
Gleichnis dahin versteht, daß es sich um den unmündigen Sohn eines 
noch lebenden Vaters handle, so setzt man sich nicht nur mit dem 
Zusammenhang der Gedanken von 3, 15 an, sondern auch mit dem 
klaren Wortlaut von 4, If. in Widerspruch. Mit einem Xiya) öi 
leitet PI nicht wie mit xovxo öe leyo) 3, 17 die Erklärung der 
Meinung eines bereits ausgesprochenen Satzes ein, fügt aber doch 
eine durch das Wort •/Xr^qovöf.iOL und seine Anwendung auf die 
gal. Christen 3, 29 veranlaßte Erläuterung hinzu, welche lautet: 
y, Solange als der Erbe ein Kind ist, unterscheidet er sich in nichts 

"', Die Meinung von Conrat S. 208, daß PI zwischen dem Erwerb der 
Erbschaft ex testamento (3, 15—29) und ex lege (4, 1 — 7) scharf unter- 
scheide, ja diese beiden Erwerbsarten sogar einander gegenüberstelle (!), 
leuchtet nicht ein. Schon 3, 15 — 29 finden wir den Gedanken „weil Sohn, 
darum Erbe", ex lege. Christus, der eigentliche Erbe, ist leiblicher Nach- 
komme Abr.'s (Rm 9, 5), und daß die Heidenchristeu oder die Gal. ohne 
Unterschied Sühne Gottes (3, 26) und Abr.'s Nachkommen und Erben (3, 29) 
durch Adoption geworden sind, ist gerade hier nicht gesagt. Andrerseits 
weist 4, 2 {&/.01 rrji Troo&eauias rov Ttaroöi) deutlich auf die freie testamen- 
tarische Verfügung des Vaters, also ex tesfamento. [Eger, Rechtsgeschichtl. 
S. 85 f. weist nach, daß derartige Angaben über den Endtermin der Vor- 
mundschaft gerade in hellenist. Testamenten häufig sind.] 

Zahn, Galaterbrief. 3. Aufl. 13 



194 Grundlosigkeit xind Verderblichkeit des Abfalls. 

von einem Sklaven, während (obwohl) er ein Herr aller (Güter) 
ist,*") sondern steht unter Vormündern und Verwaltern bis zu dem 
vom Vater vorher festgesetzten Terrain." Entscheidend für die 
hiemit beschriebene Lage des Erben ist y.vQtog TtävTiov d'jv. Mag 
der Vater bei Lebzeiten seinem zum Erben bestimmten Sohn einen 
Teil seiner Güter zum Geschenk machen oder ihm die Nutznießung 
und freie Verfügung darüber einräumen, so wird er erstens nicht einem 
nlTiiog diese Stellung zu seinem zukünftigen Erbbesitz geben, und 
zweitens würde dadurch der Sohn weder in der Theorie noch in 
der Praxis ein Herr aller Güter werden, sondern höchstens eines 
Teils des Familienbesitzes. Er selbst steht unter der jjülria polesta.s, 
falls er nicht förmlich emancipirt wird, und der Herr und Eigen- 
tümer des nicht an den Sohn überlassenen Vermögens, nach alt- 
römischem Recht des gesamten Vermögens mit Einschluß des et- 
waigen pcciilium des Kindes, bleibt der Vater. Der hier vorgestellte 
Erbe ist also ein solcher, dem nach dem Tode des Vaters die 
Erbschaft zugefallen ist, der aber bis zu einem bestimmten Zeit- 
punkt noch kein Recht freier Verfügung über sein Erbgut hat und 
daher, selbstverständlich nur was Freiheit der Verfügung über sein 
Eigentum und überhaupt Unabhängigkeit des Handelns anlangt, 
nicht anders wie ein Sklave gestellt ist. Die Personen, unter 
deren Verwaltung sein Vermögen steht und welchen er selbst in 
rechtlicher Beziehung unterstellt ist, sind ziemlich unbestimmt be- 
zeichnet. Ist unter iTtizQOTTog [v. 2] nach altem griechischen Recht 
und Sprachgebrauch der Vormund des l^Iinderjährigen zu ver- 
stehen,^") so entspricht es einigermaßen dem inioi' nach römischem 
Recht und diente später als regelmäßige Übersetzung dieses Worts ; 
doch entspricht es ihm nicht genau, da die Funktion des hdar mit 
dem Eintritt der Geschlechtsreife des Mündels ihr Ende erreichte. 
Nach diesem Zeitpunkt trat unter Umständen auf Verlangen des 
Mündels, erst seit Marc Aurel vorschriftsmäßig, in mancher Be- 
ziehung an Stelle des intor ein von der Obrigkeit bestellter 
cnrator.'^) Der Plural iTiitqOTioi, könnte mit Rücksicht darauf 

•*) Offenbar unrichtig S*: „ist nicht abgesondert von den Knechten, 
während er ein Herr ihrer aller ist". Da kein maskuliner Plural voran- 
geht, kann rzdvTMv nur Neutrum sein. 

«") Herodot IV, 147; IX, 10; Thuc. II, 80, 6. In diesem Sinn ist es in 
hebr. und aram. Zusammenbang bei den Juden ein sehr gebräuchliches 
Fremdwort gewesen cf Krauß, Lehnwörter II, 104, wie auch in der hier 
nicht in Betracht kommenden Bedeutung Finanzbeamter eines vornehmen 
Mannes iMt20, 8) oder Fürsten (Lc 8, 3) oder des Kaisers, gelegentlich in 
Verbindung mit Verwaltung einer kleineren Provinz, wie Palästina 
= lat. procnrator cf Schürer P, 45.5. Im Midrasch r. zu Deut 32, 1 cf 
mit 4, 26 werden Himmel und Erde mit zwei inirooTioi verglichen, die ein 
König seinem Sohn bestellte [iTrirpoTros als Bezeichnung für den Vormund 
sehr oft in den Papyri s. Eger, Rechtswörter S. 10.5]. 

'°j In der lat. Bibel ist tniTnoTtni hier durch cxiratores (d Abstr Vict.), 



e. 4, 1-7. 195 

gebraucht sein, daß nach römischem Recht der Vater durch Testa- 
ment mehrere lutoirs ernennen konnte. Wahrscheinlicher ist, daß 
PI, wenn er überhaupt die den Griechen von Haus aus fremde 
Unterscheidung zwischen tulor und curalor berücksichtigt hat, beide 
unter dem Namen von BTtixQonoi zusammengefaßt hat (s. A 69). 
Neben ihnen sind oiy.ov6f.iOL untergeordnete Angestellte, welche in 
Ausführung höherer Befehle die Verwaltung des Vermögens oder 
einzelner Zweige desselben zu führen haben, aclores, arjentes. Die 
Grenze der Zeit, für welche der negative Satz von v. 1 und der 
entsprechende positive Satz von v. 7 gilt, bildet einerseits der 
Zeitpunkt, in welchem der Erbe aufhört ein vr^niog zu sein, andrer- 
seits die 7rQoi^eo(.iia rov TCaxQog d. h. der vom Vater hiefür fest- 
gesetzte Termin.'^) Dies setzt voraus, daß die an sich dehnbare 
erste Zeitbestimmung durch den Vater im Testament, wenn er ein 
solches hinterläßt, genauer bestimmt werden kann oder auch ge- 
nauer bestimmt zu werden pflegt. Beides entspricht nicht dem 
römischen Recht, soweit man es kennt. Die ttitela erstreckt sich 
nur auf impuhcres, nach gemeiner Regel bis zum 14. Lebensjahr, 
die eventuell nachfolgende cura auf die Zeit bis zur Großjährig- 

procnratoves (r Aug. Pseudocypr. de aleat. 3) und wohl zuletzt erst durch 
iutores (g Hier. Volg) übersetzt worden, oixoiöuoi stets durch actores. 
Über den Unterschied von tutor und curator cf Dernburg, Pandekten 

I, 119f.; III, 75,. 81 f.; Windscheid-Kipp, Pandekten III, 111 ff.; über Ver- 
wirrung bei der Übertragung der römischen Rechtsbegriffe auf hellenistisches 
Gebiet s. Mitteis S. 154 ff., 217 ff., speziell in bezu^ auf die Nichtunter- 
scheidung von tutor und curator s. das syr.-röm. Rechtsbuch, bearbeitet 
von Bruns und Sachau I S. 6. 12 § 7. 8. 34, besonders die Anm. von Bruns 

II, 185. Der syr. Jurist hat sowohl das griech. iTiiroonos als das lat. cu- 
rator beibehalten. S* hat Gl 4, 2 nur das erstere, für oixoföuoc aber den 
gleichen syr. Ausdruck wie 1 Kr 4, 1 und sonst. [Eger glaubt auch des- 
halb auf hellenist. Recht schließen zu sollen, weil der röm. curator inijm- 
beris erst für die Zeit nach PI belegt ist. Auch erscheint er in röm. 
Quellen nur in Ausnahmefällen, während PI die oly.oiöuoi als regelmäEig 
vorhanden. .hinstellt. Nach Eger gibt es z. Zt. keinen Beleg dafür, daß 
oly.otötios Übersetzung für das röm. Rechtswort curator sei; er deutet sie 
wie oben im Text als unter Aufsicht der inirooTTog tätige Vermögensver- 
walter. S. 107 f.] 

■") Die Beispielsammlung bei Wettstein wäre namentlich aus den 
Papyri stark zu vermehren, in welchen noodeofiia meistens Zahlungs- oder 
Lieferungstermin heißt. Beachtenswert scheint Berl. äg. Urk. nr. 919, 13, 
wo es sich um Erbschaftssaehen handelt, leider aber TiooiK nur unsicher zu 
lesen ist. — In dem Testament eines ägyptischen Priesters vom J. 155 
p. Chr. (nr. 86), bei dessen Aufzeichnung der Testator wegen Unkunde der 
(griechischen) Schrift sich durch einen anderen, .der griech. Sprache und 
Rechtschreibung auch nicht sonderlich kundigen Ägypter vertreten lassen 
muß, bestimmt der Testator 1. 18 f. für seine beiden noch unmündigen 
{äfrihy.es) Söhne „seinen echten Freund" Pabus als ini-c^onov y.al innoo- 

7ievovT:a{i) avjiöv^ f'^'/oi iäv iv tf, pöiko (für «'■ T// evyöuco) fihxsin ydvorrnc 

(sie). Zxi ä(fii?.ii und der notwendigen Emendation cf Phryii. ed. Lobeck 
p. 84. Dieselbe Bezeichnung des Termins 1. 22, wo von der alsdann ab- 
zulegenden Rechenschaft des Epitropos die Rede ist. Es gibt also eine 

13* 



196 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

keit, bia zu vollendetem 25. Lebensjahr,''') Der Vater hat keine 
Möglichkeit, durch testamentarische Verfügung etwas daran zu 
ändern: den ournior kann er nicht einmal ernennen.'*') PI berück- 
eichtigt also hier Rechtsbräuchc, welche allem Anschein nach nicht 
dem römischen Recht entsprechen, welche aber den Gal. ebenso 
wie ihm selbst bekannt gewesen sein, bei ihnen gegolten haben 
müssen. Das darf um so weniger befremden, als gerade die erb- 
rechtlichen Gewohnheiten zu allen Zeiten der uniformirenden 
Tendenz eines Rcichsrechts besonders zähen Widerstand geleistet 
haben, und als nachweislich das römische Recht um jene Zeit 
noch lange nicht die nach Landschaften, Völkern und Städten 
mannigfaltig gestalteten Rechte in dieser Beziehung verdrängt 
hatte."*) — Das richtige Verständnis der Anwendung des Gleich- 
nisses in V. 3 — 5 hängt wesentlich davon ab, mit wem PI sich 
hier in i]filTQ. zusammenfaßt. Jedenfalls nicht das ganze Menschen- 
geschlecht (Hier.): denn von diesem gelten jedenfalls nicht die 
beiden Sätze v. 5. Aber auch nicht die als eine ununterbrochene 
Einheit vorgestellte (jemeinde aller Zeiten, welche vor Christus 
das Volk Israel war, seit Christus die aus Heiden und Juden 
gemischte Gemeinde ist (Hofm.); denn abgesehen von der Un- 
natürlichkeit und Unerhörtheit eines „wir" von so abstraktem In- 
halt, ist doch jedenfalls der Empfang der viod-eala v. 5 nicht Um- 
gestaltung einer Korporation, sondern Erlebnis einzelner Personen. 
Eher wäre denkbar, daß PI nach dem Hinweis auf die Erfahrung 

dnrch das Gesetz vorgeschriebene Altersgrenze für die Bevormundung; die 
zweimalige umständliche Erwähnung derselben scheint aber doch voraus- 
zusetzen, daü der Vater nicht unbedingt hieran gebunden war, sondern 
sie entweder verkürzen oder verlängern konnte. — Die Stelle des Gaius 
inst. I, f)5. aus welcher man im Zusammenhalt mit I, 189 hat schliefen 
wollen, daß bei den Galatern der Vater das Recht gehabt habe, nicht nur 
den Vormund im Testament zu bestimmen, sondern auch die Dauer der 
Vormundschaft zu bestimmen, sagt nur, daß bei den Gal. die patria po- 
tattas ähnlich ausa^edehnt sei, als bei den Römern; daß aber bei den Rö- 
mern damit das in Rede stehende Recht verbunden war, sagt weder Gaius, 
noch eine andere Rechtsqnelle. Um so entschiedener ist die an sich ge- 
wagte Frage von Conrat S. 22:^ zu verneinen, ob Gaius etwa „seine Notiz 
aus unserem ihm durch einen Christen bekannt gewordenen Text aus dem 
Gl ableite". 

■"j Obwohl irrrto; gelegentlich den Gegensatz zu dfijo 1 Kr 13, 11 
oder zu ri't.nm 1 Kr 2. 6; 3, 1 bildet, heißt es doch nicht minorenn, ent- 
spricht auch nicht genau dem römischen impubes. [Über Eintritt der 
Mündigkeit nach attischem Recht vgl. Hoeck, Hermes 30, 347 ff.] 

''*) Instit. I, 23, 1 airafor tefffamento non datur. 

") Mitteis S. 107 konstatirt aus Philostr. vita Apoll. I, 13, daß gegen 
Ende des 1. Jahrh. zu Tyana in Kappadocien der 20jährige noch unter 
iniTooTxiin stand, der 23 jährige nicht mehr, cf auch Ramsay p. 8910. — 
Ea ist bemerkenswert, daß kein Ausleger der alten Kirche über die juristi- 
schen Voran.ssetzungen der Stelle Erwägungen angestellt hat. Auch Hier, 
p. 447 erinnert nur flüchtig an die Romanae leges, welche mit dem 25. Jahr 
die Minderjährigkeit endigen laa.sen. 



c. 4, 1-7. 197 

der vorwiegend heidnisch geborenen Gal. in 3, 26 — 29 hier ähnlich 
wie 3, 14^ diu gesamte Christenheit abgesehen von dem Unter- 
schied zwischen Juden und Heiden verstanden haben wollte, und 
die Rückbeziehung auf unsere Stelle in v. 9, wo offenbar von den 
aus dem Heidentum hergekommenen Lesern die Rede ist, könnte 
diese Deutung zu begünstigen scheinen. Sie ist aber ebenso un- 
verträglich mit dem Gleichnis v. 1 f. wie mit der geschichtlichen 
Aussage v. 4 f. Erben in dem mehrfach erörterten Sinn, geborene 
Söhne Gottes, welche als solche bereits xvqiol aller von Gott seiner 
Gemeinde zugedachten Güter sind und nur ihres unmündigen 
Alters wegen noch unter Vormundschaft gehalten werden, noch 
nicht das Recht freier Verfügung über ihr Eigentum haben, waren 
die Heidenchristen keineswegs, ehe sie Christen wurden. Die 
xXrjQOvöi.iOL riJTrioi sind ebenso wie die unter dem Pädagogen 
stehenden Knaben in 3, 24 nur die jüdisch geborenen Christen, 
ehe sie gläubig wurden. Und nur auf sie paßt die Beschreibung 
des Zwecks und Erfolges der Sendung Christi, wodurch dem Stand 
der xXr^QOvöt.101 vr^TtiOi ein Ende gemacht wurde : die Loskaufuug 
derer, welche bis dabin unter dem Gesetz gestanden hatten v. 5, 
cf 3, 13. Ehe Christus und „ehe der Glaube kam", glichen sie, 
wie schon 3, 23 — 25 gesagt war, minderjährigen Söhnen, oder, 
wie es jetzt heißt, unreifen Kindern und waren als solche wie 
Sklaven gehalten (cf v. 1 und Rra 8, 15) ohne Freiheit in der Be- 
tätigung ihrer latenten Gotteskindschaft und in der Verfügung 
über die ihnen gehörigen Besitztümer. Sie „waren geknechtet 
unter die Stoffe oder Bestandteile der Welt".^^) Schon durch die 

'") Nur manche Lat. d r, Äbstr Vict. Hier, (nicht g Aug. Vnlg) haben 
huius mundi. — Zu aroi/tia cf die gelehrte Untersuchung von Diels, 
Elementnm, eine Vorarbeit zum griech. und lat. Thesaurus 1899, worin 
nur gerade das S. 50 ff. über den christlichen Gebrauch Gesagte am we- 
nigsten befriedigt. Cf dagegen Einl § 27 A 5 [vgl. Philo de vita cont. 1 

p. 472 M : die Heiden als t« orotyela TiuaJi'rSi, -^'f^i', iSofo, deoa, ttvo]. Erst 

in der Zeit nach PI ist t« oTDi/ein als Bezeichnung der Gestirne, besonders 
der Planeten, in der Literatur nachzuweisen, mit dem Attribut oiodvia Just, 
ap. II, 5, ohne dieses dial. 28 ; Theoph. ad Aut. II, 14 (cf I, 6 ovoäna ohne 
inor/Ein, I, 4 Sonne, Mond und Sterne sind otoi/eiu Gottes, I, 5 die Sonne 
ist ein kleinstes oroi/jior); Polykrates bei Eus. h. e. V, 24, 2; noch nicht 
deutlich nuterschieden von den gewöhnlich sogen. Elementen Epist. ad 
Diogn. 7. 2 cf 8, 2, ebenso Clem. hom. 10, 9. 25 cf 5, 10; 6, 3. 5. 13. Daß PI 
Gl 4, 3; Kl 2. 8. 20 und also auch Gl 4, 9 das Wort nicht in diesem Sinn ge- 
braucht, sondern die materiellen Bestandteile der Welt und diese selbst als 
materielle versteht, folgt 1) aus dem Zusatz tov y.öofiov. Es bedeutet in 
dieser Verbindung nichts anderes als t« ot. tov Ttamöi bei Philo de cari- 
tate 8 (woneben die beiden Hauptteile, Himmel und Erde, noch besonders 
genannt werden), ein aus Plato Tim. p. 48B entlehnter Ausdruck; 2) daraus, 
daß Kl 2, 20 ot. tov y. im Vordersatz ofienbar synonym mit y.öauoi im Nach- 
satz gebraucht und überdies die Befreiung von der ersteren ganz ähnlich 
wie Gl 6, 14 die Loslösung von der Welt beschrieben wird. Dasselbe ergibt 
sich 8) aas dem Zusammenhang beider Briefe. Im Kl waltet der Gegensatz 



198 Grundlosigkeit und Verderbliolikeit des Abfalls. 

Verbindung mit rov xöofiov ist gesichert, daß hierunter weder die 
Buchstaben, noch die clrmrutn und rudimoitn der Religion und 
Religionserkenntnis, noch auch speziell die sogen. Hiramolskörper, 
die Gestirne, oder gar die Engel als Geister, welche die Gestirne 
beseelen und regieren, zu verstehen sind, sondern die Stoffe und 
stofflichen Einzeldinge, aus welchen die Welt besteht, die AVeit 
selbst, sofern sie aus solchen besteht. So wenig man darum, weil 
im Gleichnis von einem einzigen Y.lr^QOvö/i{og und vv^ttioc, die Rede 
ist, fordern kann, daß in dem damit verglichenen Verhcältnis ein 
Einziger das dem vr^Ttiog entsprechende Subjekt sei, so wenig ist 
daraus, daß im Gleichnis die Vormünder und Verwalter Personen 
sind, zu folgern, daß dies auch von den OT0i%eTa gelten müsse, 
wogegen schon die Erinnerung genügt, daß doch auch das Gesetz 
trotz seiner Bezeichnung als Pädagog 3, 24 keine Person ist. Der 
Vergleichungspunkt liegt in dem ovökv öiarpegei öov).ov = ÖEÖOV' 
Xwod-ai, in der Abhängigkeit von Mächten, welche tiefer stehen 

ob zu einer naturphilosophisch asketischen Richtung, welche vor allem durch 
Enthaltung vom Genuß bestimmter Speisen und Getränke uud der Berüh- 
rung gewisser Stoffe und Gegenstände, daneben auch durch Beobachtung 
bestimmter Zeiten Heiligung anstrebte. Das am stärksten hervortretende 
Moment hat mit den Gestirnen und ihrem Lauf nichts zu schaffen. Ebenso 
verkehrt ist es, aus Gl 4, 9 f. zu schließen, daß es sich dort und 4, 3 aus- 
schließlich oder hauptsächhch um diese handele. Nur weil die Gal. mit 
der Beobachtuna: heiliger Zeiten den Anfang ihrer Unterwerfung unter 
das Gesetz gemacht hatten, nennt PI das einzelne Stück. Die das ganze 
jüdische und auch heidnische Kultusleben umfassende Beschreibung 4, 3. 9 
verträgt diese Verengerung nicht (s. oben im Text), also auch nicht die 
Bedeutung von rä oi. = Gestirne. 4) Daß PI vielmehr die ganze stoff- 
liche Welt meint (cf 2 Pt 3. 10. 12; Sap 7, 17 ovomoiv y.öanov y.a'i hnQyEinv 

axoi/tuoi., 19, 18 ff., auch Athenag. suppl. 16 in Anlehnung an Gl 4, 9 = 
b y.oauoi)^ ergibt sich auch aus dem Gegensatz, welchen die Befreiung 
durch den von Gott her in die Welt gesandten Sohn und vor allem durch 
den in die Herzen gesandten Geist (4, 4—6) zu der Knechtung unter die 
moi/Eja bildet. Der Geist als solcher bildet zu den oToiysia^ mit Einschluß 
der am Himmel sichtbaren als zu od>^inra, die aus odot. bestehen (1 Kr 15, 
39 ff.), einen ausschließenden Gegensatz cf oben S. 144 zu 3, 3. Ganz un- 
möglich aber ist für PI der Gedanke, daß er vor seiner Bekehrung mit 
allen frommen Israeliten unter die mit den Gestirnen mehr oder weniger 
identificirten Astralgeister geknechtet gewesen sei, oder gar, wie das alte 
..Kerygma des Petrus" behauptet, daß die Juden überhaupt Engel und 
Erzengel göttlich verehrt haben (bei Clem. str. VI, 41 Imoevovrss dyyüoig 
ya'i äo/ayyt'/Mi~^ ur;ii y.al oE/./p'r^ Diese Unwahre Behauptung ist keines- 
wegs,' wie auch Diels S. 51 f. wieder urteilt, ein Zeugnis dafür, daß man 
die aroiytra bei PI von jeher so verstanden habe, sondern beruht auf einem 
groben Mißverständnis der gewissen judenchristlichen Irrlehrern Kl 2, 18 
nachgesagten r'ior^oy.tia rö>i' dyy//.o>r. Es ist nicht einmal deutUch, ob der 
mit dem Judentum sehr unbekannte Verfasser dabei überhaupt an Kl 2, 
8. 20; Gl 4. 3. 9 mitgedacht hat cf Ein! § 27 A 6. Wenn PI an diesen 
Stellen Engeldienst gemeint hätte, würde er damit behaupten, daß der von 
Gott im Gesetz vorgeschriebene Kultus Götzendienst gewesen sei cf Bm 
1, 25 (Ap 19, 10). 



c. 4, 1—7. 199 

als der wie ein Sklave ihnen Unterworfene. Ebensowenig ist 
daraus, daß v. 5 cf 3, 24 f. das V7tb vöfiov elvat an die Stelle der 
knechtischen Abhängigkeit von den oiOLXBla r. x. tritt, zu folgern, 
daß diese mit jenem identisch seien. Es folgt nur, daß mit der 
Unterstellung unter das Gesetz auch die Unterwerfung unter die 
oroixtlcc gegeben sei.^^) Das mosaische Gesetz bindet die Religion 
oder doch alle Betätigung derselben im Leben an die Stoffe und 
stofflichen Dinge, aus welchen die "Welt besteht. Nicht nur die 
Festorduung ist durch den Mondlauf, die Sabbathfeier vom Abend 
bis zum Abend durch den Stand der Sonne bedingt, die sämt- 
lichen Speiseverbote und Reinigkeitsgebote, die Opfergesetze und 
sonstigen Kultusvorschriften bezogen sich auf materielle Gegen- 
stände, bestimmte Örtlichkeiten, Zeiten, körperliche Zustände und 
dergleichen, waren also öiKatwiiaTa oaQ/.ög Hb 9, 10 s. oben S. 144 
zu 3, 3. Damit war eine Unfreiheit des religiösen Lebens ge- 
geben, welche um so drückender werden mußte, je mehr man in 
Israel den Schwerpunkt der Religion in das Gesetz verlegte und 
durch immer genauere Bestimmung und pünktlichere Erfüllung 
seines Buchstabens den spezifischen Charakter der israelitischen 
Yolksgemeinde und Religion glaubte sichern zu müssen. Es 
ergab sich gerade für die Frommen ein Zustand der Be- 
lastung und Gedrücktheit, welchen allerdings nur der als höchst 
unbefriedigend erkannte , welcher sich die innere Freiheit von 
diesem Joch , wie Jesus , bewahrt oder sie , wie die an ihn 
Gläubigen, durch ihn gewonnen hatte.'') Den Offenbarungs- 
charakter des Gesetzes und die Pflichtmäßigkeit seiner Beobachtung 
seitens der Israeliten vor Christus hat PI hiemit keineswegs be- 
anstandet, was ja auch in dieser Auseinandersetzung mit dem ge- 
setzlichen Judenchristentum und mit Gemeinden, die dazu neigten, 
eine unglaubliche Unvorsichtigkeit gewesen wäre. Die Gebunden- 
heit Israels an die azoix- t. •/.. hütet er sich wohl, ein öovXsveiv 
TOlg aioi/. r. •/.. (4, 9), geschweige denn ein Xaxq^vEiv zu nennen, was 
ihm als ein verabscheuungs würdiger Götzendienst gilt cf Rm 1, 25. 
Er spricht nur von einem zeitweiligen Geknechtetsein der Söhne 
Gottes, einer ihrem idealen Verhältnis zu Gott noch unangemessenen 
Stellung im wirklichen Leben. Nicht sie haben in Verkennung 
Gottes sich in diese Lage gebracht, sondern Gott. Es ist ja der 
Vater, welcher seinen Sohn und Erben für die Zeit seiner Minder- 
jährigkeit unter Vormundschaft gestellt und in eine Lage gebracht 

'*) Sehr vergleichbar ist Rm 7, 1 — 8: die durch das Gesetz bewirkte 
lebenslängliche Gebundenheit der Frau an ihren Gatten ist zugleich eine 
Gebundenheit an das Gesetz, sofern es Ehegesetz ist. 

") Mt 11, 28—12, 12; 17, 24—27; 23, 4; AG 15, 10; Gl 5, 1. Andeu- 
tungen von dem Druck gerade auch der kleinen Gebote und der Unzu- 
länglichkeit aller Gesetzeserfüllung fehlen auch bei den gleichzeitigen 
Rabbinen nicht s. Schlatter, Jochanan S. 37. 41 f. 72—75. 



200 Gramllosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

hat, welche sich kaum von der eines Sklaven unterscheidet ; und 
in der Unreife des Kindes ist es begründet, daß es nach dem 
Willen des Vaters eine Zeit lang in dieser Lage verharren mußte. 
Anch die Dauer dieser Zeit hat der Vater im voraus bestimmt, 
selbstverständlich nach seinem Urteil darüber, wann das Kind die- 
jenige Reife erlangt haben werde, welche es in Stand setzt, der 
Bevormundung entnommen und in den Vollbesitz der Rechte und 
Güter des Sohnes und Erben versetzt zu werden. Dem äxQi x^g 
^rgo^ea/iiiag rov Tratgöt; entspricht das üts de i^XOtv xo jrh^Qiofjta 
Tov XQoyov. (v. 4) In dieser Verbindung cf Eph 1, 10 kann 7Th']QW^i(t 
nicht das sein, was etwas anderes wie ein leeres Gefäß füllt oder, 
sofern dieses ohnedies zwar nicht schlechthin leer, aber doch noch 
nicht voll und vollständig ist, bis zum Rande füllt und ergänzt,'^) 
sondern die Fülle, den vollen Bestand, das Vollraaß des im Genitiv 
damit verbundenen Begriffs.'^) Von dem damit bezeichneten Stand 
der Dinge kann man sagen, daß er gekommen, eingetreten sei. 
Daß dies nicht ein willkürlich bestimmtes, gleichsam in Jahres- 
zahlen ausgedrücktes Zeitmaß ist, sondern daß die Länge dieses 
Verlaufs und der Eintritt seines Endpunktes von der inneren Ent- 
wicklung abhängt, welche Israel durchmachen sollte, liegt in der 
Vergleichung — das Kind sollte einen bestimmten Grad der Reife 
erlangen — , wird aber hier nicht weiter verfolgt, sondern nur 
betont, daß Gott dem Zustand der Unterworfenheit Israels unter 
die Stoffe der Welt, welche mit seiner Unterstellung unter das 
Gesetz gegeben war, von vornherein ein Ziel gesteckt und eine 
Grenze gesetzt hatte, und daß er, als Ziel und Grenze erreicht 
waren, etwas getan hat, was die Lage des Erben, sein Verhältnis 
sowohl zu den vorher ihn beherrschenden llächten als zu Gott, 
seinem Vater von grund aus änderte. „Von sich aus sandte Gott 
seinen Sohn und zwar in der Art, daß dieser aus einem Weibe 
herkam und eben damit unter Gesetz kam". Das im NT nur hier 
von der Sendung Christi statt des so viel häufigeren &7t00TiXXtiv 
oder TiiUTtiiv (Rm 8, 3) gebrauchte l^anoOTiXXtLV gibt die leb- 
hafte Vorstellung einer Entsendung von dem Ort des Sendenden 
aus *") und setzte hier ebenso wie da, wo es von der Sendung des 

"" '») So Mt 9, 16; Mr 6, 43; 1 Kr 10, 26; Ps 50, 12; Plato republ. 379«; 
anch Rm 13, 10. Es liegt Ttlrj^ovv c. acc. zu Grunde Mt o, 17; 23, 32; 
Rm 13, 8. 

'») So Rm 11, 12. 25; 15, 29 (der volle, ganze Segen Christi); Kl 2, 9; 
Eph 4, 13; Herodot III, 22 (80 Lebensjahre das äußerste Vollmaß, das dem 
Menschen beschieden ist). Bei einem Zeitbegriff liegt diesem Gebrauch des 
Substantivs das passive, aber neutrale Tilr^oovoOai zu Grunde. Die Zeiten 
werden nicht von einem andern erfüllt, sondern erfüllen sich selbst, werden 
voll (Lc 21, 24; AG 7, 23. 30; 24, 27; Tob 8, 20, auch übertragen auf den 
erwarteten Endpunkt des bestimmten Zeitraums Lev 8, 33; Jo 7, 8; AG 2, 1), 
und das Ergebnis dieses Vorgangs ist ib -nXr^QOJna lov y^drov, rßv xai^eHv. 

«») Lc 20, lOf.; 24, 49 (nachher i| Owovs); AG 7, 12; 9, 30; 17, 24 ^ 



c. 4, 1—7. 201 

Geistes (v. 6) oder eines Engels (AG 12, 11) gebraucht wird, voraus, 
daß der Entsandte vor der Sendung in der Umgebung des Sendenden 
sich befunden habe. PI weiß es nicht anders, als daß Jesus vor 
seiner Sendung, d. h. wie das yev6/ii€vov ix yvvaixög '^agt, vor 
seiner Geburt 7caQa xCt) &£iö (Jo 17, 5) oder TTQog rbv d^eov (Jo 1, 1) 
war. Nach Analogie der gleichen Aussage über den Geist (v. 6 
cf 1 Kr 2, 11 £F.) darf man statt dessen vielleicht auch iv töj O-eCo 
sagen. Daß er dies aber in so ungewöhnlicher Weise ausdrückt, 
hat seinen Grund in dem Bedürfnis, die Eigenart der Gottessohn- 
schaft des von Gott gesandten Christus im Unterschied sowohl von 
der V. 1 — 3 vorausgesetzten vorchristlichen als von der v. 5 be- 
haupteten christlichen Gottessohnschaft der aus Israel stammenden 
Christen nicht unausgedrückt zu lassen.**^) Jesus war Gottes Sohn 
auf grund davon, daß er bei Gott war, ehe er gesandt wurde, und 
er war es im ganzen Umfang seines Lebens unter den Menschen; 
denn seine Sendung als Sohn Gottes fällt ebenso mit seiner Geburt 
von einem Weibe zusammen, wie mit dieser seine Unterstellung 
unter das Gesetz.®-) Warum aber hat PI den Eintritt Jesu in 

Gen 3, 23 (aus dem Paradies und von Gott hinweg); dasselbe sagt dno- 
aieXUif mit einer durch ex oder änö angeschlossenen Orts- oder Person- 
bezeichnung Jo 1, 19; AG 10, 17 (V. 1. bnö); 11, 11; 1 Pt 1, 12. 

*') Anderer, stärkerer Mittel zu diesem Zweck bedient er sich Km 8, S 

Tov iavTOv vlövy 8, 29 ttqojtötoxov^ 8, 32 tov iSiov viov. Cf Phl 2, 6f. ; 
KU, 13 ff. 

*'*) Daß die Part. Aor. hier nicht der Haupthandlung vorangehende, 
sondern mit ihr zusammenfallende Vorgänge bezeichnen (cf Blaß^ § 339; 
zu Mt 16, 5 Bd I*, 531 A48f.), folgt aus der Bedeutung von E^aTTtaredsv^ 
welche verbietet, darunter eine dem Eintritt in die Welt und der Unter- 
stellung unter das Gesetz erst nachfolgende Sendung oder Beauftragung 
zu verstehen. — Das sehr schwach bezeugte ysvrcbfiEvoi' (K, manche Lat. 
z. B. schon Cypr. test. II, 8 nattitn, bei Vict. mehrmals daneben editiim) 
statt des ersten ysvöuEvov ist schwerlich aus dogmatischer Ängstlichkeit 
zu erklären, da man 3It 1, 18 sogar umgekehrt statt des urspr. yeryr^on 
früh genug ein ytfsoti eingeführt hat (Bd I*, 71), sondern ergab sich leicht 
ans der naheliegenden Erwägung, daß das yeveadai ix )nn'aiy.öi eben nicht 
anders als durch ein yeinäoöcu sich vollziehe, vielleicht auch ans der Er- 
innerung au den 2. Artikel des Symbolums cf meine Sehr, über das apost. 
Symb. S. 54. Dies hätte aber auch yEmrj'Hv-ta statt des, wie Photius 
(s. bei Tischd.) bemerkte, hier ganz unpassenden yevvcb/itEi'ov an die Hand 
geben sollen. — Während Marcion die beiden für ihn unerträglichen Parti- 
zipialsätze strich (GK II, 431. 500 [Harnack, Marcion Beilagen 72]), scheinen 
die Valentinianer Sid statt ex ym'uiy.öi gelesen oder citirt zu haben cf Iren. 
I, 7, 2; Tert. de carne 20; Chrys. hom. 4, 3 in Matth.; Orig. fragm. apol. 
Pamph. (Migne 14, 1298); vollständiger erhalten, aber fälschlich auf Marcion 
mitbezogen durch seinen Abschreiber Hier. z. St. Zuviel wollte Pel. be- 
weisen, wenn er unter Vergleichnng von 1 Kr 11, 12 in iy. y. statt Siä y. 
ausgedrückt fand, daß die Geburt Jesu nicht dem Naturlauf entsprochen 
habe, sondern eine schöpferische Tat Gottes sei. [Vollmer, Die alttestl. 
Zitate bei PI S. 56 denkt zu v. 4 an eine mögliche Bezugnahme auf Je& 
9, 6, welche Stelle im Targiim des Jonathan (Schöttgen 745) durch suscepit 
legem in se, ut observaret eam wiedergegeben ist.] 



202 Grundlosigkeit un^ Verderblich keit des Abfalls. 

nieuschliches Leben, nachdem er ihn als Hinaussendung von Gott 
her bezeichnet hat, außerdem noch als ein Herkommen, ein Hervor- 
gehen aus einem Weibe beschrieben? Er kann das nicht in dem 
Sinn getan haben, in welchem der Mensch gelegentlich ein vom 
"Weib Geborener genannt wird (.Toi) 14, 1 ; Mt 11, 11), nämlich um 
an die Schwachheit menschlicher Natur zu erinnern ; denn, abge- 
sehen davon, daß mau dann yevvr^d-ivxa statt yevöfievov erwarten 
sollte, hat die befreiende Tat des Gottessohnes, welche als der 
Zweck seiner Sendung genannt wird, mit der Schwachheit mensch- 
licher Natur nichts zu schaflfen. Ebensowenig gilt das von seiner 
Unterwerfung unter das Gesetz. Nicht als schwacher Mensch, 
sondern als Israelit, als Abrahamssohn wurde er mit seiner Geburt 
dem Gesetz unterstellt. Es dient also yevö/tievov Ix yvvai-/.ög lediglich 
zur Vervollständigung des k^ajTioztiKev /.tX. Sendung von Gott 
her und menschliche Geburt zusammen begründen das irdische 
Leben des dem Gesetz unterstellten Gottessohnes. Daß aber PI 
die menschliche und israelitische Seite der Lebensentstehung Christi 
(cf Km 9, 5 XQLOiog to y.OLxh odgy.a) lediglich als Herkommen 
oder Abstammen von einem Weibe und nicht als Erzeugung durch 
einen israelitischen Mann und Geburt durch ein israelitisches Weib 
bezeichnet, erklärt sich nur daraus, daß er von einem Manne, der 
Jesum erzeugt hätte, nichts weiß. Für einen solchen ist kein 
Raum neben Gott, seinem Vater, der ihn als seinen Sohn von 
einem Weib hat geboren werden lassen. Die Mutter Jesu aus- 
drücklich als TtaQ^evog zu bezeichnen, hatte PI hier ebensowenig An- 
laß, wie sie mit Namen zu nennen ; aber er hat hierüber kein anderes 
Wissen oder Meinen gehabt, als sein Schüler Lukas und — mag 
man Jo 1, 13 lesen, wie man will — der vierte wie der erste 
Evangelist. Auch daß Jesus als ein Israelit geboren wurde, brauchte 
nicht eigens ausgesprochen, sondern nur an die Folge erinnert zu 
werden, daß er mit seinem Eintritt in menschliches Leben zugleich 
in ein ehai vjio vöuov eintrat, also in dieselbe Lage, in welcher 
sich vor ihrem Gläubigwerden an ihn die befanden, in deren Namen 
PI hier redet. Damit war auch gegeben, daß diesen zunächst 
sein Lebenswerk galt cf Hm 15, 8. Die gleich ihm dem Gesetz 
Unterstellten [v. 5] sollte er aus dieser Lage, die sie schließlich 
dem P'luch des Gesetzes überantwortete, loskaufen cf 3, 13; die 
Befreiung von der Knechtschaft, in welcher sie sich bis dahin be- 
fanden (v. 3), ist aber zugleich Erhebung zum Stande von Söhnen 
cf Jo 8, 35 f. So kann der zweite Finalsatz v. 5 als erläuternde 
und ergänzende Apposition neben den ersten treten. Aus dem 
klassischen viov ttva Ti&evai (dafür auch Ttoulv) gebildet, be- 
zeichnet vlo&eoia nie etwas anderes als die Versetzung in den 
Stand eines Sohnes, sei es als Handlung dessen gedacht, der einen 
Anderen in dieses Verhältnis zu sich setzt, sei es als Erlebnis des 



c. 4, 1—7. 203 

letzteren. Da nun ein Mensch einen anderen bereits existirenden 
Menschen nicht anders als durch eine rechtsgiltige Erklärung zu 
seinem Sohn machen kann, 80 entspricht lio&eoia dem Begriff der 
adoptio. Aber nichts kann verkehrter sein, als daraufhin zu be- 
haupten, PI betrachtete den manchmal so von ihm bezeichneten Vor- 
gang (E,m 8, 15. 23; 9, 4; Eph 1, 5) als eine juristische Handlung 
wie etwa die ör/.aiwoig, ein auf gröblicher Mißachtung des 07nne 
ftimile Claudicat beruhender Fehler, ähnlich wie wenn man unter 
Berufung auf die Unsterblichkeit Gottes den Begriff der öia&ij'/.rj 
verdunkelt (oben S. 163 f.). Der Yergleichungspunkt besteht nur 
darin, daß Gott einen, der vorher nicht sein Sohn war, zu seinem 
Sohn macht, was auch Menschen oftmals tun, aber nicht anders 
als durch eine Willenserklärung tun können. Daß aber PI die 
Handlung Gottes, die er viod-Eoia nennt, nicht als eine bloße 
Willenserklärung, sondern als eine tatsächliche Wirkung auf das 
Leben des Menschen, nicht als einen juristischen, sondern als einen 
in höherem Sinn physischen Vorgang vorstellt, zeigt sich sofort 
V. 6, indem er dort die Einwohnung des Geistes Christi in den 
Herzen der Gläubigen als untrügliches Kennzeichen der Sohnschaft 
geltend macht (s. unten); deutlicher noch ßm 8, 14f., wo er erstens 
das Getriebensein durch den hl Geist zur Voraussetzung der Gottes- 
sohnschaft macht und zweitens von einem Ttveüfia vlod'EOiag redet, 
was nach aller Analogie (Jes 11, 2; Rm 11, 8; 1 Kr 4, 21 ; 2 Kr 
4, 13; Gl 6, 1 : Eph 1, 17; 2 Tm 1, 7; Ap 19, 10) den Geist als 
die Kraft bezeichnet, durch welche die vlodsola und die damit 
gegebene Befreiung aus der Knechtschaft bewirkt wird.^^) Das 
a7to).a߀lv zr^v vlod-eolav ist nichts anderes, als das '/.aßelv xr]v 
evkoyiav rov 7ivevt.iaxog 3, 14. Daß die Judenchristen, schon ehe 
sie Christen wurden, an der dem Volk Israel zu teil gewordenen 
vlodsoia (Rm 9, 4) Anteil hatten, hindert den PI ebensowenig, die 
durch ihre Bekehrung zu Christus bedingte und durch den Empfang 
des Geistes bewirkte Veränderung vlod-eoia zu nennen, wie er 
Rm 8, 23 Bedenken trägt, von den Christen, welche durch den 
Geist bereits zu Söhnen Gottes gemacht sind (8, 15), zu sagen, 
daß sie während dieses ganzen Weltlaufs noch auf eine zukünftige 
viod-saia warten, welche in der Befreiung des Leibes bestehen wird. 

»») Cf Rm 8, 2. Dazu kommt, daß ßm 8, 23 die zukünftige Befreiung 
und Verklärung des Leibes, die doch nicht eine juristische Willenserklärung, 
sondern eine Wirkung auf die Natur des Menschen ist, gleichfalls vloO-eaia 
genannt wird. Ferner cf die vielen Aussagen über die Entstehung des 
neuen Lebens ßm 5, 5; 7, 4—6; 8, 2—11; 1 Kr 4, 15; 2 Kr 1, 21; 3, 3; 5, 17; 
Gl 3, 2—5. 14: 4, 19. 29; 5, 18. [Eger lehnt ab, daß man etwa aus der Ver- 
bindung des Bildes vor der Siad^y.t; mit dem von der vlodeaia schließe, 
daß es sich um ein sogen. Adoptionstest, handle, da gerade eine solche 
testamentarische Adoption z. Zt. des PI nicht bekannt gewesen zu sein 
scheint, ßechtsw. S. 94.1 



204 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

Stufenweise werden sie immer mehr und allseitiger, was sie sind : 
freie Söhne Gottes. Durch das Gleichnis v. 1 — 2 war diese Be- 
trachtungsweise besonders erleichtert. Der unmündige Erbe ist ja 
Sohn und ideell sogar Besitzer des Erbguts, aber es fehlt ihm 
noch die physische Fähigkeit und die rechtliche Möglichkeit, es 
ganz und völlig zu sein. Daher kann seine Enthebung aus dem 
sklavenähnlichen Lebensatand und seine Einsetzung in den tat- 
sächlichen Besitz seines ererbten Gutes und in die freie Ver- 
fügung über dasselbe eine vloO-eoia heißen. — Bis dahin hat 
nichts in der Erkenntnis irre machen können, daß PI v. 1 — 5 sich 
mit den anderen Christen aus Israel zusammenfasse. Das TOtg 
vjTO vöuov, welches nur auf sie paßt, erinnerte zuletzt wieder 
daran. Bei dem zweiten Finalsatz aber kann PI nicht vergessen, 
daß an dem Empfang der vioO^eoia auch die christusgläubigen Heiden 
beteiligt sind, cf 3, 14 im Verhältnis zu 3, 13 und 3, 26 — 29 im 
Verhältnis zu 3, 23 — 25. Daher kann er v. 6 beim Übergang zur 
Anrede an die Gal., welche größtenteils geborene Heiden waren, 
ebensowenig wie 3, 26 ein betontes lueig oder y.al v/nüg ge- 
brauchen, letzteres auch darum nicht, weil nicht ganz wenige .Juden 
unter ihnen waren, auf welche v. 3 — 5* ebensogut wie auf PI 
selbst paßte. Zu lesen ^*) und zu übersetzen ist v. 6 — 7: „Was aber 
das anlangt, daß ihr Söhne seid, so sandte Gott von sich heraus den 
Geist seines Sohnes in unsere Herzen, welcher laut ruft: Abba, Vater! 
So bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn ; wenn aber Sohn, dann 
auch Erbe durch Gott". Daß ori nicht ein „weil" ist, wodurch 
die Gottessohnschaft der Gal. als Grund und Ursache der Sendung 
des Geistes in ihre oder vielmehr in aller Christen Herzen bezeichnet 
wäre ; sondern nach einem sehr gewöhnlichen Gebrauch die Tatsache 
einführt, zu welcher sich die Hauptaussage beweisend, rechtfertigend 
oder erläuternd verhält,®^) ergibt sich erstens aus dem vorhin über 

**) Am Text von v. 6 f. ist früh und viel emendirt worden, teils in 
Erinnerung an die ähnliche Stelle Em 8, 14 f., teils wegen des auffäUigeu 
doppelten Personwechsels tare — fificöv — el (cf Rm 7, 25—8, 4 ich — die 
Christen — du — wir, auch Jo 9, 4). Marcion, DG, die meisten Lat. 
setzten rov iteov hinter vloi, dagegen tilgte Marcion mit B, ath. ö Oeös, 
was doch kaum zu entbehren und wegen der absichtlichen Kongruenz mit 
V. 4 und des hierauf fußenden Üiä d-tov v. 7 als echt gelten muß. Marcion 
assimilirte ioftii> . . 7)ttä>r^ LK, Kop Goth, S* Ephr., einige Lat. (nicht 

dgmr Vnlg) eare . . lutöv, S' auch V. 7 oix ime dov/.oi y.j?.. ohne ovxeTi. 

Das unbequeme ti om. G; viele Lat. (gr Abstr Aug., unklar Hier.) dafür 
ent. — Für öiä d-tov h* ABC* ath. (von jüngerer Hand Iv Xv, Goltz 73), 
Kop, die meisten Lat., auch g Vulg hat G (iiä i%ur, Hier, per Christum, 
rftov Siä (Ir^aov) Xpiarov DKLP. S', die antiochenischen Exegeten etc. 

''^} Kühner-Gerth II, 371 A 4 (zugleich über denselben Gebrauch von ws, in 
vielen Fällen zu ergänzen ein ha eiöai, tldcüfitr, eidfire cf Mt 9, 6); Bntt- 
raann S. 307; Blaß"* §456. Im NT die Hauptaussage meist in Frageform 
vorangestellt Mt 8, 27; Lc 4, .36: Jo 2, 18; 7, 35; 11, 47; 14, 22 (n yiyovtv 
in, sonst auch nur ri öt» AG 5, 4. 9), überall das der Erklärung oder 



c. 4, 1-7. 205 

das Verhältnis von Geistempfang und Gottessohnschaft Gesagten; 
zweitens aus der Absurdität des Gedankens, welcher sich bei der 
bestbezeugteu LA -/.agdlag fjficbi' ergibt, daß die Gottessohnschaft 
der Gal. der vorangehende Grund des Geistempfangs aller Christen, 
also auch der vor ihnen Bekehrten, wie PI, sei; drittens aber daraus, 
daß, wie v. 7 zeigt, die Gottessohnschaft der Leser nicht, wie es 
bei jener Fassung der Fall wäre, als anerkannte Tatsache voraus- 
gesetzt, sondern vielmehr aus der Hauptaussage von v. 6 gefolgert 
wird {üaie). Die zu beweisende These ist, daß die Gal. in der 
Tat Söhne sind, wie man wegen der betonten Voranstellung des 
lori übersetzen muß,^^) d. h. Söhne in dem vollen Sinn, welchen 
das entsprechende vlod-eoia v. 5 für sich beansprucht, also Söhne, 
die der Vormundschaft entwachsen und in den tatsächlichen Besitz 
der Erbgüter eingetreten sind. Die Behauptung der "Wirklichkeit 
ihrer Gottessohnschaft wird aber gerechtfertigt durch den Hinweis 
auf die Sendung des Geistes in ihre und aller Christen Herzen. 
"Wenn das hier vom Geist wie v. 4 vom Sohn gebrauchte e^aTtioxeikev 
zunächst an die einmalige Sendung des Geistes nach der Auferstehung 
Jesu denken läßt,^') so ist doch hiemit zusammengefaßt die Mit- 
teilung desselben an die Einzelnen; denn es ist hier von der 
Sendung des Geistes in die Herzen derer die Rede, in deren Namen 
PI hier redet, der vor wenig Jahren bekehrten Gal., um deren 
nicht ideelle , sondern wirkliche Gottessohnschaft es sich gerade 
handelt, wie der ältesten Christen, von deren Geistempfang AG 2 
berichtet ist. Trotz der Vermittlung des Geistempfangs der nach 
und nach hinzutretenden Personen durch die bereits existirende 
Gemeinde und die Aufnahme in diese (3, 27), ist es doch der eine, 
unmittelbar aus Gott stammende Geist, den sie alle zu verschiedenen 
Zeiten empfangen haben (1 Kr 2, 12; AG 10, 47). Es kann daher 
die successive Mitteilung desselben an die Einzelnen mit der ein- 
maligen Sendung des Geistes am Pfingstfest als deren Auswirkung 
zusammengefaßt werden. ^^) Der Geist, welcher in ähnlichem Zu- 
sammenhang 3, 2 — 5. 14 der Geist schlechthin genannt war, heißt 
hier der Geist des Sohnes Gottes, weil er als der Träger des dem 
eigentlichen Sohn Gottes eigentümlichen Lebens auch die, in deren 
Herzen er gesandt wird, mit gleichartigem Leben zu erfüllen und 
dadurch sie zu Söhnen Gottes zu machen die Kraft hat. Daß es 



Rechtfertigong Bedürftige durch on eingeleitet. So verstand schon S', von 
Ephr. richtig paraphrasirt. Hofm. hat in 2. Aufl. S. 115 seinen früheren 
"Versuch, 6ti de als Vordersatz, eare vloi als Nachsatz zu fassen, widerrufen. 

**) Anders 3, 26, wohl auch Rm 8, 14, wo betont ist, daß sie nicht 
weniger als Sühne sind. 

") Lc 24, 49 (da auch B^anoaTeXXco); Jo 15, 26; 16, 7; 1 Pt 1, 12 cf 
Ap 5, 6. 

**) Sogut wie Hb 1, 2 D.dlrjasv ijuiv er vho sich damit verträgst, daß 
dies kein Ohrenzeuge der Predigt Jesu geschrieben hat cf Hb 2, 3. 



206 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

sich hiebei Mie bei dem Begriff vloO'eoia v. 5 um Einflößung einer 
neuen Lebenskraft, einer höheren als der angeborenen Natur (2 Pt 

I, 4) handelt, zeigen die Worte ■/.qö.Zov ceßßä, u TTaxi^Q. Wenn 
hier der Geist selbst als ein solcher charakterisirt wird, welcher 
diesen Anruf an Gott richtet, obwohl nicht er, sondern der von 
ihm getriebene Beter Gott so als seineu Vater anruft (anders Rm 8, 15^ 
so dient dies dazu, stark auszudrücken, daß eine solche, das Kindes- 
bewußtsein aussprechende Anrede Gottes nicht auf verständiger 
menschlicher Erwägung beruht, sondern wie mit Naturgewalt aus 
dem Herzen emporsteigt.**") Dies wird noch dadurch verstärkt, 
daß die Stärke der Stimme, mit welcher das Gebet aus dem Herzen 
hervordringt, hervorgehoben wird. Von tiefer Erregung, welche 
alle ängstliche Rücksicht bei Seite setzen läßt, zeugt der laute Ruf 
oder Schrei des Einzelnen. *°) Als ein Naturlaut wird diese An- 
rufung Gottes endlich auch dadurch charakterisirt, daß der Vater- 
name zunächst in aramäischer, dann erst in griechischer Form ge- 
geben wird. Daß N3X jemals wie dinr^v, dc)J,i]lovia, dioavvcc und 
in beschränkterem Alaße auch {uagava^a von griechisch redenden 
Gemeinden im Gebet der Gemeinde oder der einzelnen Christen 
eine regelmäßige Anwendung gefunden haben sollte, ist nicht be- 
zeugt und durch nichts wahrscheinlich zu machen. Es würde ihm 
dann hier wie Rm 8, 15; Mr 14, 36 auch ebensowenig wie jenen 
anderen hebr. oder aram. Wörtern, wo ihr liturgischer Gebrauch 
bezeugt oder vorausgesetzt ist, das gleichbedeutende griech, Wort 
zur Seite gestellt sein. Es ist vielmehr zu beachten, daß PI aus 
der Anrede der Leser v. 6* mit v. Q^ in die ihn selbst mit allen 
Christen und auch den Lesern zusammenfassende erste Person über- 
gegangen ist. Schon im Vaterhaus und als Rabbinenschüler in 
Jerusalem hat er gelernt, Gott als den Vater im Himmel anzu- 
rufen, und als Hebräer (2 Kr 11, 22; Phl 3, 5) hat er dabei das 
aram. Abba gesprochen; er würde sich aber nicht in noch viel 

®^) Wie die Rede des Propheten sich als Rede des Geistes gibt AG 
21, 11 (AG 13, 2; 20. 23; 21, 4); 1 Tm 4, 1; Ap 2, 7. 11 etc. Unmittelbar 
hieher gehörig ist Rm 8, 26 f.; denn die Seufzer des Geistes sind Gebets- 
wünsche des Christen, die dieser nur nicht in klare Gedanken und ver- 
ständliche Worte fassen kann cf Orig. de orat. 2, 2. 

»0) Jo 1, 15; 7, 28. 37; 12, 44; Rra 8, 15; 9, 27; Ign. Phil. 7, 1. Gerade, 
daß dem Anruf nichts weiter, keine Bitte oder Lobpreisung folgt, hebt die 
Bedeutung desselben, cf das fünfmalige „mein Sohn" 2 Sm 19, 1. Trotzdem 
lag es nahe, wie Ephr. und Eier., an das Vaterunser zu denken, zumal in 
der Fassung von Lc 11, 2 Tcäreo ohne ^ucHv 6 h' toTs oiparois. Übrigens 
hat S' rtY^ter, unser Vater", letzteres als den eigentlich syr. Aasdruck 
und als Übersetzung von Ahba, daher auch Lc 11, 2, wie die syr. Über- 
setzer überhaupt zu dem Vokativ „Vater" regelmäßig das dem jedesmaligen 
Zusammenhang entsprechende Suffix zugesetzt haben s. Bd I*, 438 zu Mt 

II, 25, dort auch über <i naTjjp = Tidxso. Für den Gebrauch des Vater- 
namens in jüdischen Gebeten Bd I, 207. 272. 



c. 4, 1-7. 207 

späterer Zeit mit solchem Nachdruck einen Hebräer nennen, wenn 
er als Christ sich völlig hellenisirt hätte, wenn es ihm nicht immer 
noch eine Gewohnheit geblieben wäre, in seiner Muttersprache viel- 
fach zu denken und regelmäßig zu beten. "^) Erst recht gilt dies 
von der Mehrheit der Christen Palästinas AG 6, 1 ; und selbst in 
Gal. mag es, auch abgesehen von den eingedrungenen Judaisten, 
welche für Petrus Repha sagten (oben S. 70 f.), unter den dortigen 
jüdisch geborenen Christen einzelne Leute gegeben haben, welche 
nicht in höherem Grade als PI hellenisirt waren. Sie alle beteten 
aramäisch und sprachen Alba. Dagegen betete die heidenchrist- 
liche Mehrheit in Gal. und überall in der "Welt 6 TtaTTjQ. Daher 
ist auch letzteres hier und E.m 8, 15 nicht, wie Mr 14, 36 als 
eine zur Verdeutlichung für die Leser dienende Übersetzung des 
ersteren anzusehen, sondern als eine Nebeneinanderstellung der 
beiden Sprachformen, in welchen die damalige Christenheit Gott 
als den Vater anzurufen pflegte. Dies war sehr passend in einem 
Satz, welcher, wie der unvermutete Übergang aus dem „ihr" in 
das „wir" zeigt, eigens darauf ausgeht, zu sagen, daß die vor- 
wiegend heidnisch geborenen und fast sämtlich hellenischen oder 
hellenisirten Gal. in bezug auf den Besitz der Gottessohnschaft mit 
PI und der ganzen Kirche der Hebräer auf gleicher Linie stehen. 
Dies stellt sich dar in dem einmütig und trotz der vorhandenen 
Verschiedenheit der Sprache wie aus einem Munde (Rm 15, 6) aus 
aller Christen Herzen zu Gott aufsteigenden lauten Ruf: „Vater", 
Über diesem weitreichenden Ausblick vergißt PI aber nicht, daß 
er es mit den Gal. zu tun hat. Mit v. 7 kehrt er zu ihnen zu- 
rück. Jedem Einzelnen von ihnen, wie der Übergang in den Singular 
der Anrede zeigt, legt er es nahe, aus seiner Zugehörigkeit zu der 
von gleichem Geist beseelten und in gleich zuversichtlicher An- 
rufung Gottes als des Vaters einigen Christenheit den Schluß zu 
ziehen, daß er als Christ nicht mehr Sklave, sondern Sohn und 
folgerichtig auch Erbe sei, und zwar dies nicht, wie die Judaisten 
von den gesetzlos lebenden Heidenchristen behaupteten, vermöge 
einer dreisten Anmaßung, sondern durch Gott. "Wie PI in ähn- 
lichem Gegensatz von sich als Judenchristen versichert hatte, daß 
er durchs Gesetz, also auf vollkommen legitimem Wege vom Gesetz 
losgekommen sei (2, 19), so nun von den Gal., daß sie durch den 
Geist des Sohnes Gottes, der ihnen wie aller Christenheit von Gott 
geschenkt ist, also durch Gott selbst Söhne und Erben geworden 
sind. Daß auch sie, wie die dem Gesetz unterstellt gewesenen 
Judenchristen, Sklaven oder wie Sklaven (v. 1. 3) gewesen seien, 
ehe sie Christen wurden, kommt in dem ovy-STL el dovlog zum 
Vorschein. Es könnte als selbstverständlich gelten, daß sie vor 

»') Cf Ein! T, 34 f.; Prot. RE. XV, 68 f.; über die in die Kirchen- 
sprache übergegangenen hebr. und aram. Wörter u. dgl. Einl I, 8. 11 f. 216 f. 



208 Grandlosigkcit und Verderblichkeit des Abfalls. 

ihrer Bekehrung nicht besser und namentlich Gotte nicht näher 
gestanden haben, als die jüdischen Christen vor demselben Zeit- 
punkt. Da aber das, was dem religiösen Leben der noch un- 
bekehrten Juden den Stempel des Knechtischen aufdrückt, nämlich 
die Unterstellung unter das mos. Gesetz von der überwiegenden 
Mehrheit der Gal. als geborenen Heiden nicht gilt, so muß von 
ihnen noch gezeigt werden, was v. 3 von den Juden gezeigt worden 
war, daß auch sie in der Lage von Sklaven sich befanden, ehe sie 
Christen wurden. Im Gegensatz zu dem, was sie jetzt sind {&kXd), 
lenkt PI V. 8 ihren Blick zurück in ihre durch ovx€Tl v. 7 bereits 
vergegenwärtigte vorchristliche Vergangenheit (töts). Damals haben 
sie als solche, die Gott nicht kannten, in sklavischer Weise den 
Göttern gedient, welche ihrer Natur nach nicht Götter sind.*^) 
Die Voranstellung von tdov).tvoaze vor sein Objekt legt einen 
Nachdruck darauf, daß auch die Gal., ehe sie die den Heiden 
mangelnde Gotteserkenntnis besaßen, welche ihnen erst das Ev 
gebracht hat (1 Kr 1, 21 ; 1 Th 1, 9; AG 14, 15; 17, 23—30; Jo 
17, 3), in ihrem religiösen Leben und dessen Betätigung Knechte 
gewesen sind. Dadurch war ihre Lage bis zu einem gewissen 
Grade derjenigen der noch unbekehrten Juden gleichwertig. Aber 
schon bei diesem ersten, auf v. 1 — 3 zurückweisenden Wort springt 
der unterschied in die Augen, daß die Juden von Gott für eine 
bestimmte Zeit in die Lage von Knechten versetzt worden sind, 
indem er sie einem Gesetz unterstellte, welches sie von Stoffen und 
Dingen abhängig machte, wovon bei den Heiden keine Rede sein 
kann. Ein t^te dtöov).(x)f.ih'OL hütet PI sich wohl den Gal. nach- 
zusagen und schreibt statt dessen IdovkevoarE. Sie haben getan, 
was sie nie hätten tun sollen cf Rm 1, 18 ff. Sie haben nicht wie 
die dem Gesetz untergebenen Juden in knechtischer Weise dem 
allein wahren Gott gedient, sondern solchen Göttern, welche von 

**) Die Stellung von iSovhvaare hinter &e6u ist genügend bezeugt 
durch nABCKLP, Orig. (nach ath Goltz S. 73), die Masse der Min. (die 
alten Übersetzungen und die von ihnen abhängigen Schriftsteller haben 
hier kein Gewicht), wogegen die Stellung hinter ü'eots in DG. Marcion 
(GK I, 647; II, 501 Sovlsvexe), vielleicht auch Iren. III, 6,5 (in der auf- 
fallend mit Marcion [el oiv) zusammentreffenden Satzform sl yd^ statt 
d/j.ä TÖTE iiif) nur Herstellung der natürlicheren Wortfolge ist. — Noch 
stärker bezeugt ist die Stellung von fvaei vor n-q, da hiefür außer den 
Zeugen für ^höv ibov).. incl. Origenes noch D*, die griech. codd. bei Am- 
brosius (de incarnat. 8, 82), deutlich auch S^ Ephr., Abstr (ed. Ben.), Aug. 
{naturaliter non), Hier. Vulg und r hinzukommen, wodurch der Ausfall 
vieler Min. mehr als ausgeglichen ist. Ein indirektes Zeugnis für diese 
LA ist auch die Ausstoßung von r/vaei in K(?)dm, Iren. III, 6,5, Abstr 
(cod. Gas.) Vict. Denn, wenn man yiae« ^i] oiaiv so verstand, was ja mög- 
lich ist, „welche von Natur, in Wirklichkeit nicht existiren", so war ^vaei 
entbehrlich und seiner Zweideutigkeit wegen lästig. Eben diese Zwei- 
deutigkeit veranlaßte die Umstellung fiij fvati in GL Chrys., Min. — Sehr 
kühn änderte Marc, tl oiv roli Iv rrj fvaei oloiv d'eols Sovleijere. 



c. 4, 8-11. 209 

Natur nicht Götter sind. Die Auffassung der Worte tolg (pvoec 
fii] ovOiv ■if'eolg, als ob damit den Wesen, welchen die Gral, als 
Heiden gedient haben , jede Wirklichkeit abgesprochen werden 
sollte, ein Mißverständnis, welches fern zu halten die Umstellung 
fiT] rpvaei und weiterhin die Tilgung von (pvoei dienen sollte (s. A 92), 
ist zwar nicht dadurch ausgeschlossen, daß hiefiir ow. statt f.irj zu 
fordern wäre cf Blaß'^ § 430 , entspricht aber nicht den An- 
schauungen des PI vom polytheistischen Kultus. Während er mit 
aller Entschiedenheit die Existenz der etöwXa d. h. der Trug- 
gestalten der heidnischen Mythologie verneint, behauptet er ebenso 
bestimmt, daß es in der Tat viele leyöfievoc ^eoi gibt, Götter, die 
den Namen Gott zu Unrecht oder doch nicht mit vollem Recht 
führen, und daß solchen Ungöttern, sowohl Dämonen als Teilen 
der körperlichen Natur oder künstlichen Götterbildern der poly- 
theistische Kultus galt.^^) Diesen haben die Gal. vor ihrer Be- 
kehrung einen Kultus gewidmet, welcher als solcher ein XargeveLv 
zu nennen wäre (Rm 1, 25; AG 7, 42), hier aber ein dovleveiv 
genannt wird, weil mit ihm eine Knechtschaft noch ganz anderer 
Art als mit dem durch das mosaische Gesetz angeordneten Kultus 
verbunden war. Von der des Menschen wie der Gottheit un- 
würdigen Art manches heidnischen Kultus würde PI geredet haben, 
wenn er es mit Judenchristen zu tun gehabt hätte, die im Begriflf 
standen, heidnische Kultusbräuche anzunehmen, und es fehlt nicht 
an Äußerungen von ihm, die uns einen Begriff davon geben können, 
wie er das getan haben würde (1 Kr 10, 7; 12, 2; Rm 1, 24 ff. 
cf 1 Pt 4, 3). Heidenchristen gegenüber, die im Begriff standen, 
zur Annahme jüdischer Cerimonialgesetze sich verleiten zu lassen, 
hebt er nur die Gleichheit des heidnischen und des jüdischen Kultus 
gegenüber dem Christentum und der diesem entsprechenden Xoyiy.f] 
XaTQsia (Rm 12, 1) hervor, um ihnen fühlbar zu machen, daß der Weg, 
den sie bereits zu beschreiten angefangen haben, sie zu der vorchrist- 
lichen Religionsstufe zurückführe v. 9. Während das Unzulängliche 
ihres vormaligen heidnischen Götterdienstes an ihrer damaligen Un- 
kenntnis des wahren Gottes eine Entschuldigung findet, fehlt ihrem 
jetzigen Unterfangen eine ähnliche Entschuldigung. Sie haben ja 
seither Gott erkannt oder sind vielmehr von Gott erkannt worden. 
Was der Ausdrucksform nach wie eine Selbstberichtigung des zuerst 
gewählten Ausdrucks klingt, dient in der Tat dem Zweck, den 
falschen Gedanken abzuwehren, daß die Bekehrung der Gal. ihr 
■eigenes Werk oder eine Frucht natürlicher Fortentwicklung ihrer 

'*) Genauere Ausführung muß dem Kommentar zu 1 Kr 8, 5 ; 10, 19 
—22; Rm 1, 18-25; Kl 2, 15; AG 14, 15; 17, 16—31 vorbehalten bleiben. 
Stellen wie 2 Chron 13, 9; Deut 82, 17 mögen dem PI hier wie 1 Kr 10, 20 
im Sinn gelegen haben. Er verdeutlicht durch Einsetzung von fvaei den 
Sinn von bvtSn-nS „Nichtgötter, Ungötter". 

Zahn, Galaterbrief. 3. Aufl. 14 



210 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

Erkenntnis wäre. Nicht sie haben sich zur Erkenntnis Gottes "^*) 
aufgeschwungen, sondern Gott hat sie ergriffen (Phl 3, 12) und 
sich zu eigen gemacht, indem er sie zum Gegenstand seines liebe- 
vollen, aneignenden Erkennens machte. Mehr als Gott erkennen 
und die Voraussetzung hievon (1 Kr 8, 3; 13, 12) ist, daß man 
von Gott erkannt werde in dem Sinn, in welchem es von dem 
allwissenden Gott heißt, daß er die Seinigen erkenne (2 Tm 
2, 19 = Num 16, 5), und in welchem Jesus, dem auch die argen 
Gedanken und Werke der Menschen bekannt sind, zu den unge- 
treuen Bekennern seines Namens sagt: ich habe euch nie erkannt, 
ihr seid mir stets fremd geblieben (Mt 7, 23 Bd I*, 320). Nachdem 
den Gal. die Gnade widerfahren ist, so in das Licht des gött- 
lichen Erkennens gerückt worden zu sein und in diesem Licht 
die wahre Natur Gottes erkannt zu haben, wenden sie sich nun 
wieder den schwachen und ärmlichen materiellen Stoffen und 
Dingen zu, welchen sie wiederum von vorne als Knechte dienen 
wollen.'^*) Wie können sie das tun! Daß lä Otoixela, obwohl 

**») [Reitzenstein, Mysterienrel.^ 150 meint, daß PI in der Verwendung 
der technischen Worte yrwan und yv&vai &eöp völlig mit der hellenist. 
Mystik übereinstimmt. Wohl ist yp. nicht verstandesmäßige Erkenntnis 
(Preuschen), im übrigen aber ist dem Ap der Ausdruck ganz und gar aus 
der LXX (Jer 10, 25; 9, 29; 31, 34, Ps 79, 6, Jes 55, 5) geläufig mit deren 
Sprachgebrauch er auch völlig zusammentrifft. Es handelt sich um das 
Kennen des geschichtl. Gottes u. seiner Offenbarungen, nicht um eine 
mystische, geschichtslose Schau Gottes. Auch das pass., das Rtz. 150 mit 
den hermetischen Schriften zusammenbringt, ist PI aus der LXX geläufig.] 

"*) Cf 4,21 und die Präsentia 1,6; 3,3; 5,4. Liest man mit kB 
SovXevaai statt öovlevEir, so wird CS auch, wie so viele Aoriste der Verba 
auf -evoj, inchoative Bedeutung haben: „Knechte werden". Dazu stimmt 
änodsv, welches sonst neben TzäXiv müßig scheint, dagegen am Platz ist. 
wenn gesagt sein soll: „ihr zeigt Neigung, wieder von vorne anzufangen 
mit dem Dienst der ajor/Bia"'. Cf Sap 19, 6 und was Wettstein aus Galenus 
citirt: rxdliv üvcox)ev doidueros. — [Hier liegt einer der Angelpunkte für 
die Auffassung von Lütg. Wird von früheren Heiden Ttdhv imoT^sfeie 
gesagt, so kann es sich an.scheinend nur um Rückfall in früheres Heiden- 
tum, unmöglich um Abfall in jüdische Gesetzlichkeit handeln. Dem ent- 
sprechend deutet Lütg. S. 88 v. 8 — 20 als eine Mahnung gegen Abfall in 
heidnischen Enthusiasmus. Aber es ist in v. 8 nicht die mindeste An- 
deutung für den Leser, daß das Schreiben sich nun einer neuen Gruppe 
zuwendet. Vielmehr muß das Subjekt von kniaro. ungefähr dasselbe all- 
gemeine wie von töovkeiaare sein, d. h. die Gal. insgemein, dann muß es 
sich aber um die allgemeine Sache handeln, wegen deren PI überhaupt den 
Brief schreibt (1, 6j. Auch Lütg. behauptet ja nicht einmal, daß die Gesamt- 
heit der Gal. in Gefahr war, in heidnisch freigeistiges Wesen zurück- 
zufallen. 'Ade/.(foi V. 12 ist Anrede an alle. Es fehlt jede Andeutung, daß 
sie auf irgend eine Gruppe beschränkt sei. Auch die t.T]).ovprss v. 17 
scheinen Wiederaufnahme von 1, 7, also judaistische Treiber. Die von 
Lütg. aufgewiesene Schwierigkeit [ndXiv iTnorg.) findet ihre Lösung doch 
wohl darin, daß PI absichtlich nach einem Ausdruck gesucht hat, imter den 
er gleichermaßen das Wesen äußerlich gesetzlicher, jüdischer wie heidnischer 
Religion stellen konnte. Als solcher bot sich ihm der Ausdruck Knechtung 
bzw. Dienst unter den aror/^era.] 



c. 4, 8-11. 211 

es hier des seinen Sinn sicherstellenden Zusatzes TOü y.öüfiov er- 
mangelt, dieselben Dinge bezeichnet wie v. 3, liegt auf der Hand ; 
und daraus, daß hier die oroixüa, v. 8 aber die Ungötter als 
Dativobjekt des Dienstes genannt sind, folgt ebensowenig deren 
Identität als die Identität von vöuog und aror/eia aus dem durch 
das doppelte vrtö 4, 3 und 4, 5 hergestellten Parallelismus zwischen 
diesen beiden Größen zu folgern ist. Es würde sich die unge- 
rechteste und bei PI völlig unbegreifliche Beurteilung des mos. 
Kultus (nach Rm 9, 4 fj XarQiia schlechthin) ergeben, wenn er 
den dem Gott Abrahams und Jesu gewidmeten Kultus dort direkt 
und hier indirekt als einen Dienst der Ungötter mit dem heid- 
nischen Kultus auf gleiche Stufe gestellt hätte. Gemeinsam aber 
ist beiden Arten der Gottesverehrung, der israelitischen und der 
heidnischen, daß sie den die Gemeinschaft mit der Gottheit 
suchenden und betätigenden Menschen durch eine Menge gesetz- 
licher Vorschriften an Stoffe, Dinge und Verhältnisse der stoff- 
lichen "Welt ketten, über welche Gott und die, welche ihn in "Wahr- 
heit anbeten, erhaben sind (Jo 4, 20 — 24). Schwach sind diese 
aroixelct, weil sie nicht die Fähigkeit besitzen, den Menschen Gott 
nahezubringen (Hb 9, 9 f . ; 10, 1 ff.), und ärmlich im Vergleich zu 
dem Reichtum , welchen Christus der Menschheit gebracht hat 
(2 Kr 8, 9). Es erscheint daher unbegreiflich, daß Christen, welche 
Christus nach dem Willen seines Vaters von dieser Welt erlöst 
hat (Gl 1, 4), und welche in Christus Gott erkannt haben, sich 
diesen Weltdingen wieder zuwenden mögen, als ob sie ihnen Heil 
bringen könnten ; und es ist wohl kühn, aber nicht ungerecht, zu 
sagen, daß Heidenchristen, die sich dazu anschicken, damit in un- 
entschuldbarer Weise in ihr früheres heidnisches Wesen zurück- 
sinken. Daß aber die Gal. im Begriff sind, diesen verhängnis- 
vollen Schritt zu tun, zeigt der Hinweis auf das, was bereits bei 
ihnen stattfindet. Nachdem die Frage mit TtCbg in einen dem 
Frageton entnommenen Relativsatz ausgelaufen ist, empfiehlt es 
sich nicht, v. 10 als nachträgliche appositionelle Fortsetzung jener 
Frage aufzufassen. Dem Inhalt des Satzes und dem sichtlichen 
Affekt, in welchen PI nach der bis 4, 7 sich erstreckenden theo- 
retischen Erörterung geraten ist, entspricht es mehr, v. 10 wie 
V. 11 als asyndetische Behauptungen zu fassen, denen auch die 
Sätze von v. 12 in gleicher Unverbundenheit sich anschließen. 
Der heftige Pulsschlag des erregten Gemütes äußert sich in den 
kurzen Hammerschlägen der Rede. Der erste lautet: „Tage be- 
obachtet ihr und Monate und Zeiten und Jahre". ^*) Daß sich 

*') Da y.ai yniQovi in P Ephr. (nicht S') fehlt, sonst aber teils vor y.al 
ii'invrovs («Betc, auch Marc, Orig. c. Cels. VIII, 21; m Abstr Vict.), teils 
dahinter (DGdgrAug.) gestellt ist, könnte es verdächtig scheinen. Es 
erklärt sich aber die Verschiebung ans Ende aus dem Bedürfnis, Tage, 

14* 



21*2 liruudlosigkeit nud Verderblichkeit des AbfiiUs. 

dies auf die durch das mos. Gesetz ausgozoichueten Zeiten be- 
zieht, bedarf keiiH'S Beweises. "Wenn einigo alte Ausleger daneben 
oder ausschließlich an abergläubische Tagewählerei dachten, wie 
eie bei Heiden, aber auch noch bei Christen ihrer Zeit vorkam,"") 
bo können sie uns dadurch höchstens daran erinnern, daß PI auch 
in bezug auf die hier namhaft gemachten Beispiele von Beobachtung 
mosaischer Vorschriften zu seinem ttccXiv titiorQicp€xe und rcäXiv 
&vwd-iv öovXeCaai berechtigt war. Unter fj^iega^^, welches durch 
sofortige Beifügung von 7iaQan^Qeio&€ zu diesem ersten Objekt 
als ein wichtigstes von den folgenden abgesondert ist, werden als 
die am häufigsten wiederkehrenden und heiligsten Tage vor allem 
die Sabbathe zu verstehen sein,"") ohne daß andere, auf einen 
bestimmten Tag augesetzte Feiern, wie die des Passamahls am 
Abend des 14. Nisan, welche eine genaue Beobachtung, eine 
7raQaTr^Qi]at^ des ifoudlaufs erforderte, ausgeschlossen wären. Zu 
den hl. Tagen gehörte der Neumondstag. "Wenn daher neben den 
Tagen Monate genannt sind, so kann nicht wohl nur deren An- 
fangstag gemeint sein, sondern vor allem der 7. Monat, der Tischri, 
welchem durch auszeichnende Feier seines ersten Tages sabbath- 
1 icher Charakter aufgeprägt , außerdem durch die großen Feste 
des Versöhnungstages und des Laubhüttenfestes, vielleicht auch da- 
durch, daß er als Anfang des „bürgerlichen" Jahres galt, eine be- 
sondere AVeihe gegeben war. Daneben kam der Nisan als erster 
Monat des ,.Kirchenjahres" und wegen des Passafestes in Betracht. 
Zwischen Tagen und Monaten einerseits und Jahren andrerseits 
würde sich y.uiQOvg sonderbar ausnehmen (s. A 95), wenn Ttaga- 
TTiQtioO^at „feiern" hieße."**) Aber ein genaues Beachten und 
ängstliches Berücksichtigen von Zeiten ist auch die Innehaltung 
der täglichen Gebetsstunden und die Enthaltung von gesäuertem 
Brod während der dafür genau begrenzten i^(.iiQaL tCjv dUflOJV, 
und die Feier der TtiVTiy/.ooti] in dem schon durch diesen Namen 
ausgedrückten vorschriftsmäßigen Abstand vom Passa. Wenn nach 
diesem allen, was im Umkreis eines einzigen jüdischen Jahres sich 

Monate, Jahre beisammen zu haben, und die Tilgung aus der Unbestimmt- 
heit und anscheinenden Überflüssigkeit. 

"*) So besonders Abstr, der zu 4, 10 allerlei aus dem römischen Leben 
beibringt, of aber auch Vict. Aug. 

") Daneben Kl 2, 16 Neumonde. Die Judaisten in Gal. werden als 
ehemalige Pharisäer wenigstens für ihre Person auch die üblichen 2 Fast- 
tage der Woche. Montag und Donnerstag, beobachtet haben cf Lc 18, 12; 
Didache 8; Epiph. haer. Ifi, 1. 

"*) In hXX und im NT außer hier wird von Beobachtung der Gebote 
und der gebotenen hl. Zeiten nie Trnnmrpeir im act. oder med. gebraucht, 
sondern <fv'i.äTTBiv, -rr^geti', nyid^eii (Ex 20, 9), ypiveii' (Rm 14, h). Es be- 
zeichnet das genaue Aufpassen, daher auch ein feindseliges Auflauern Mr 
3,2; Lc 14, 1; 20,20, anch ein im Auge behalten, um sich vor Schaden 
zn hüten Polyb. .3, 77, 2; 16, 14, 10. 



c. 4, 8-11. 213 

abspielt, jährlich einmal oder oftmals vorkommt, schließlich noch 
«Fahre genannt werden, so kann sich dies allerdings nur auf das 
je 7. und je 50., das Sabhath- und das Jobeljahr beziehen. Es 
kann aber auch nicht damit gesagt sein, daß die Gai. bereits 
ebenso, wie viele .Sabbathe und Neumondstage, auch schon eine 
Mehrheit solcher Jahre nach dem Gesetz zu feiern Gelegenheit 
gehabt und genommen haben. Sind doch noch lauge nicht 7 Jahre 
seit ihrer Bekehrung zum gesetzesfreien Ev und erst wenige 
Monate seit dem Auftreten der Judaisten unter ihnen verstrichen 
cf 1,6. Ein sogen. Plural der Kategorie, welcher tatsächlich nur 
ein Individuum bezeichnet (cf Mt 2, 20, Bd !■*, 113), kann kviavTOvg 
neben den 3 wirklichen Pluralen vorher auch nicht sein. PI hat 
also solches, was die Judaisten den Gal. als Regel und Pflicht vor- 
schrieben und die Gal. angefangen hatten, theoretisch und prak- 
tisch als solche anzuerkennen, zusammengefaßt, ohne wenigstens 
bei dem letztgenannten Stück seinen Ausdruck ängstlich darnach 
zu bemessen, ob jedes einzelne der aufgezählten Stücke während 
der kurzen Zeit ihrer Hinwendung zu gesetzlichem Wesen schon 
zu praktischer Anwendung gekommen war.*") Wenn er gehört 
hatte, daß sie seit 2 — 3 Monaten die Sabbathe gefeiert, etwa auch 
am Abend eines in diese Zeit fallenden 14. Nisan mit den Juden 
ihres Ortes das Passa gehalten und 7 Tage lang Mazzoth gegessen 
hatten, war seine Aussage vor jedem verständigen Leser gerecht- 
fertigt. Diese Anfänge einer Annahme des Gesetzes erfüllen ihn 
mit Sorge um die Gal. und mit der Furcht,^) daß er umsonst in 
der Richtung auf sie seine anstrengende Berufsarbeit getan habe 
v. 11. Aus dem unfreien Dienst nichtiger Götter sie herauszu- 
reißen, bat er damals keine Mühe sich verdrießen lassen (AG 14, 15), 
und jetzt kehren sie sich zwar nicht wieder dem Dienst jener Un- 
götter zu, sinken aber doch auf die vorchristliche Religionsstufe 
zurück, indem sie sich mutwillig in eine mit dem Christenstand 
unverträgliche Knechtschaft begeben, welche dem im mos. Gesetz 

"") Um so weniger ist man berechtigt, hieraus zu schließen, daß der 
Gl während eines Sabbathjahres, etwa des J. 54/55 geschrieben sei. Gegen 
Wieseler u. a., die dies behaupten, cf Einl § 12 AI. 

') Da der eigentliche Akk. der Beziehung dem PI und dem NT fremd 
ist cf Blaß'^ § 160; § 196, wird von da aus nicht das seltsame ifoßovuai 
vuäi (=r(Bo\ tuMi), in'jTTcoi ZU erklären sein; eher ans der Vermischung 
eines anfänglich beabsichtigten Akk. c. inf., welcher allerdings bei (foSovuai^ 
wenngleich selten und vielleicht nur bei Dichtern, vorkommt cf Kühner-Gerth 
II, 3'J8 A 6, mit der hinterdrein bevorzugten Konstraktion cf Buttmann S. 209. 
Von den bei Winer !:; 66, 5 angeführten Beispielen ist höchstens Soph. Oed. 
r. 760 (767) einigermaßen vergleichbar. Das lästige inüi haben S\ einige 
Min. und Lat. getilgt. — Unaufgeklärt ist, wie Thdr, welcher hier vom 1. 
zum 2. Buch seines Kommentars übergeht, am Schluß des ersten v. 12» 
yiteoOe — viie/^ und dagegen v. 11 nnd in unmittelbarem Anschluß hieran 
V. 12'' (iSe/.^oi xr).. ZU Anfang des 2. Buchs behandelt und wiederholt diese 
Folge der Sätze bestätigt p. 65, 16; 66, 25. 



214 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

befaugeuen religiösen Leben mit dem der Heiden gemein ist. Wie 
sich mit diesem Urteil und den ähnlichen in v. 5, 1 — 4 die Aner- 
kennung der Berechtigung, welche PI dem gesetzmäßigen Leben 
der jüdischen Christenheit nie versagt hat (s. oben S. 120), seine 
eigene gelegentliche Bewegung in den Formen des Gesetzes (1 Kr 
9, 20) und Urteile wie das Rra 14, 5 f. vertragen, ist hier nicht 
zu erörtern. Das aber ist nachweislich stets die Überzeugung des 
PI geblieben, daß jede solche Beobachtung einzelner oder sämt- 
licher Vorschriften des mos. Gesetzes mit dem Christenstand un- 
verträglich sei, welche in der Meinung geschieht, daß das mos. 
Gesetz die für alle Völker und Zeiten geltende Lebensordnung der 
Gemeinde Gottes sei, und mit der Absicht, durch Beobachtung 
desselben Gerechtigkeit vor Gott, die Gott wohlgefällige Heiligung 
des Lebens und das ewige Leben zu gewinnen, und daß Heiden- 
christen, welche nach Annahme des echten, gesetzesfreien Ev zu 
einer solchen Beobachtung des mos. Gesetzes sich verleiten lassen 
damit ihren Gnadenstand aufs äußerste gefährden. 

PI fürchtet das Schlimmste, aber er greift nach immer neuen 
Mitteln, es zu verhüten. So jetzt v. 12 — 20 durch eine herz- 
bewegende Paraklese. Was er mit dem Zuruf yiveod-e o/g lyd), 
welcher durch das nachfolgende öeoiiiai vjliwv ausdrücklich als eine 
Bitte bezeichnet wird, von den Gal. fordert, ist nur aus der Be- 
gründung oTi y.&yiü wg v(.ielg und der darin enthaltenen Ver- 
gleichung des von ihnen geforderten Verhaltens mit seinem Ver- 
halten zu ihnen zu entnehmen. In der Gegenwart, da er den Brief 
schreibt, und seit der Zeit, da die Gal. sich dem gesetzlichen Christen- 
tum zuwenden, wird und zeigt sich PI keineswegs wie sie. Weit ent- 
fernt, sich ihnen anzubequemen, gibt er ihnen den Widerspruch, in 
welchem er ihnen gegenübertritt, in schroffster Weise zu hören 
und zu fühlen. Es ist daher im Nebensatz nicht ylvof.iaL, sondern 
tysvöi-ir^v zu ergänzen, und es bezieht sich dies auf die schon v. 11 
und ausführlicher v. 13 — 15 vergegenwärtigte Zeit, da PI unter 
den Gal. als Prediger des Ev tätig war. Damals „Avurde und war 
er, wie sie",^) natürlich nicht derart, daß er innerlich ein anderer 
wurde, sondern so, daß er sich den Hörern seiner Predigt in allen 

^) D&a yivEadai nicht nur „werden, ins Dasein treten, entstehen", 
sondern auch „sein" heißt, scheint den Theologen immer wieder in Er- 
innerung gebracht werden zu müssen, cf Link, Th. Stud. u. Krit. 1896 
S. 420 ff. >icht nur ytvöiifvos (z. B. AG 26, 4), yeyovfhi (Plnt. qu. adol. poet. 
aud. 2 p. 16'') vertreten die fehlenden Part Aor. und Perf. von tlvai', auch 
die andern Formen unterscheiden sich von den entsprechenden Formen von 
ttvai vielfach nur so, daß sie das Sein als ein in Bewegung begriffenes, 
vor sich gehendes darstellen, daher auch unendlich oft zur Bezeichnung 
des Benehmens, Gebahrens, sich Darstellens dienen Mt 10, 16; Lc 6, 36; 
1 Kr 14, 20, so daß sogar von Gott gesagt werden kann yivtad-ot d.Xr,d-rjs 
Km 3, 4 Unmittelbar vergleichbar ist 1 Th 2, 5. 7. 10 ; 1 Kr 2, 3; 9, 20—22; 
16, 10. 



c. 4, 12-20. 215 

Äußerungen seines Lebens gleichstelle, soweit sein Beruf und der 
Zweck seiner Arbeit unter ihnen es mit sich brachte, sich ihnen 
anbequemte, wie er es 1 Kr 9, 19 — 22 als sein grundsätzliches 
Verfahren beschreibt. Seine lange vor seinem Auftreten bei den 
Gal. gewonnene innere Freiheit vom Gesetz (2, 19) gestattete es 
ihm, je nach Umständen jüdisch oder heidnisch zu leben, seine 
Predigt bald so zu gestalten, wie sie den mit Gesetz und Pro- 
pheten vertrauten Juden, bald so, wie sie den Heiden am ehesten 
verständlich werden konnte, und überhaupt auf alle Eigenheiten 
und Schwachheiten der verschiedenen Nationalitäten, Landschaften 
und Bildungsgrade (Rm 1, 14; Kl 3, 11 ; 1 Kr 2, 6 ; 3, 1) in 
«elbstverleugnender Liebe einzugehen. So hat er es auch bei den 
Gal. gehalten; und weil er das getan hat, kann er sich nun von ihnen 
als eine Vergeltung der von ihm ihnen bewiesenen Liebe erbitten, 
daß sie sich ihm anbequemen. "Wenn er, der pharisäisch erzogene 
Jude, alle daraus erwachsenen Bedenklichkeiten bei Seite gesetzt 
hat, um sie, die ihrer Mehrheit nach den Ungöttern dienten, 
zu gewinnen, so sollen erst recht sie ihre angeborene und durch 
das Ev nur bestätigte Unabhängigkeit vom Gesetz, welche er trotz 
seines Judentums in Leben und Lehre ihnen vorbildlich darstellt, 
sich bewahren, und die Schritte wieder zurücktun, welche sie auf 
dem Abweg ins gesetzliche Wesen bereits getan haben. Als seine 
Brüder (cf 1, II ; 3, 15) bittet er sie darum und sagt ausdrücklich, 
daß dies eine Bitte sei. Der unverhohlene Ausdruck seiner Ent- 
rüstung 1, 6; 3, 1 konnte den Schein erwecken, als ob der Zorn 
über den im Werk begriffenen Abfall der Gal. und der Verdruß 
über die darin liegende Vereitelung seiner mühevollen Arbeit unter 
ihnen jede andere Empfindung gegen sie in ihm ersticke. Dem 
tritt der wiederum asyndetisch sich anschließende Satz entgegen : 
„nichts habt ihr mir zu leide getan ".^) Allerdings haben sie Un- 
recht getan, und PI empfindet es auch, daß sie es damit an dem 
schuldigen Dank fehlen lassen für das, was er ihnen gebracht und 
für sie getan hat. Aber als eine seiner Person zugefügte Schädigung, 
als eine Beeinträchtigung seines persönlichen Anrechts auf ihre 
Liebe und Treue will er ihr Verhalten nicht ansehen ; sie sollen 
nicht denken, daß das Gefühl einer ihm von den Gal. zugefügten 
Kränkung seine Stimmung beherrsche. Nicht um sich, sein Recht 
und seine Ehre, sondern um sie ist er in banger Sorge (cf v. 1 1 
vpLäg). Der rednerisch starke Ausdruck dieses Gedankens wurde 
ihm dadurch erleichtert, daß nach dem Ton des ganzen Briefs die 
Gal. trotz aller Einflüsterungen ihrer Verführer doch nicht so wie 
zeitweilig die Korinther feindselig und unehrerbietig gegen PI sich 
geäußert hatten. Aus der ganzen Vergangenheit, auf welche sich 

^) Über uSiy.Eiv, nicht beleidigen, sondern Unrecht tun oder zufügen, 
ausführüch Einl § 20 A 6. 



216 ürun(iK)8i|ifkeit uiul Verdeiblichkcit des Abfalls. 

T)dlx»-aoftf bezieht, hebt er v. 13 f. unter Berufung auf das eigene 
"Wissen der Gal. die Zeit seines erstmaligen Predigens unter ihnen 
hervor.*) Damals jedenfalls haben sie ihm kein Leid zugefügt, 
sondern nur rührende Liebe erzeigt. Da (vrjyt).iadf^i\v nicht einen 
dauernden Zustand bezeichnet und niclit ein andersartiges gegen- 
wärtiges Verhalten zum (Jegensatz hat, kann to itqöhqov auch 
nicht wie 1 Tm 1, 13; Jo 6, 62; 9, 8 die ganze von der Gegen- 
wart verschiedene Vergangenheit, auch niclit, wie artikelloses 71q6' 
liQOv Jo 7, 50 (v. 1.) ; Hb 4, 6 einen beliebigen früheren Moment 
bezeichnen oder gar das weite Zurückliegen hinter der (Gegen- 
wart ausdrücken,**) sondern stellt ein erstmaliges JVedigen des Ev 
unter den Gal. einem zweitmaligen oder mehrmaligen späteren 
gegenüber. PI hat also mindestens zweimal unter ihnen geweilt 
und auch das zweite Mal Missionspredigt unter ihnen getrieben; 
denn die Meinung, daß das zweitmalige evayyüJ^eaO^cti durch die 
Abfassung des Gl sich vollziehe, ist mit dem Begriff dieses "Wortes 
und mit dem Inhalt des Briefes unverträglich, in welchem PI nie- 
mals sich an Leute wendet, welche erst durch die Heilsbotschaft 
zum Glauben zu führen wären, und nirgends einen Ton anschlägt, 
welcher wie eine "Wiederholung der Missionspredigt klingt. Von 
den südgalatischen Gemeinden ist aber auch bezeugt, daß PI durch 
seinen zweiten Besuch derselben eine tägliche Steigerung ihrer 
Mitgliederzahl herbeiführte AG 16, 5, was ebenso, wie die Rück- 
sichtnahme auf die Juden jener Gegenden AG 16, ;*», fortgesetzte 

*) Das überwiegend bezeugt« Si liiuter oiSme ist verdächtig. Es 
fehlt in D*G d g r Abstr Vict. Äug. (also den Lat. vor Hier, und "V'nlg), 
auch in einigen Miu. und Ephr. (dieser scio cqo); S' hat oidnre yäo. 

*) So die Lat. mit Einschluß der Vulg jmn pridct», ähnlich S'. Die 
alten Ausleger ignorirten es durchweg; Chrys. läßt es zweimal weg. Die 
Meinung Weber's, Abf. des Gl vor d. Apostelkonzil S. 316 ff., daß das 76 
TTfjöTfnoi' auf da-s erstmalige Hinkommen des PI zu den Gl AG 13, 14—14, 20, 
das damit indirekt bezeugte tö t^evTtoor auf die Rückreise durch dieselben 
Städte AG 14, 21 — 24 zu beziehen sei, hat erstens gegen sich, daß an 
letzterer Stelle jede Andeutung von einer Wiederaufnahme des tvnyysXi- 
Cead^ai fehlt. Die Rückreise wird lediglich als eine kurze Durchreise ge- 
schildert, bei deren Gelegenheit die auf der Hinreise Bekehrten im Glauben 
be!*tärkt und amtlich organisirt wurden. Zweitens würde, wenn PI sich 
doch auch bei dieser Reise Zeit gelassen hätte, die Missionspredigt wieder- 
aufzunehmen, dies doch nicht von den gal. Gemeinden insgesamt gelten, 
an welche der Brief gerichtet ist, z. B. nicht von Derbe, wo er nur einmal 
verweilte, sondern nur etwa von Lystra, Ikonium und Antiochien. Drittens 
würde bei der Annahme einer so ungenauen Zusammenfassung aller gal. 
Gemeinden überhaupt niclit ein zweimaliges trayyt/.i^nj'ha unterschieden 
werden können. PI hätte während seines ,.nur einmaligen, länger dauern- 
den Aufenthaltes in Gal." (Weber S. 316 unter 5) sein txityy£'/.it,to')(u gar 
nicht unterbrochen. Es wäre also anch dieses ein nur einmaliges. Es liefe 
diese Deutung auf die andere hinaus, welche Weber zwar mit Unrecht und 
ohne Beweis als sprachlich zulässig bezeichnet, von der er aber sofort mit 
Eecht erklärt, daß sie gar nicht in Frage komme: ,,in der ersteren Zeit 
meines Evangelisirens bei euch" [vgl. Zahn, AG S. 494J. 



c. 4, 12-20. 217 

und erneute Missionfitiitigkeit zur Vorausat.tzung hat. Nicht ebenso 
deutlich ist aus onderweitigen Naclirichten zu bestätigen, daß sein 
erstmaliges Predigen in (lal. durch Schwachheit des Fleisches ver- 
anlaßt war. Darüber zunächst ist kein Wort zu verlieren, daß 
liier nicht, als ob dl' doO^tfiiag dastünde, Fleischesschwachheit als 
der das Predigen des Apostels begleitende und charakterisirendo 
Zustand des Predigers angegeben ist.**) Ebenso selbstverständlich 
ist, daß dies nicht die Ursache und der Beweggrund des Predigen« 
des PI überhaupt ist ; diese liegen in dem Auftrag Gottes und 
Christi, welchen er als Knecht (Gl 1, 10), Handlanger und oiy.ovü/J,o<^ 
Gottes und Christi (1 Kr 4, 1 ; 1), 17) in Gehorsam ausführt, und 
in dem Glauben und der Liebe, die ihn innerlich nötigen, seines 
Amtes zu warten (2 Kr 4, 13; 5, 14 fF.), Eine Schwachheit des 
Fleisches, die an sich ebensogut wie Unruhe des Geistes (2 Kr 7, 5 ; 
2, 13) eine Erschwerung für die Ausrichtung des Predigtberufs 
ist, kann nur Grund und Anlaß davon gewesen sein, daß PI da- 
mals, als er zuerst zu den Gal. kam, bei ihnen sich aufhielt und 
gerade ihnen predigte, anstatt wie durch eo manche Städte und 
Landschaften, die er auf seinen Reisen berührte, rasch hindurch- 
zueilen oder überhaupt ihr Gebiet zu meiden und andere Pläne 
zu verfolgen, welche er ausgeführt haben würde, wenn ihn nicht 
eine Schwachheit des Fleisches daran gehindert hätte. Damit ist 
schon gesagt, daß weder die jederzeit vorhandene, allen Menschen 
und Christen anhaftende Schwachheit der Natur (Mt 26, 41), noch 
eine vorübergehende, aber durch die angeborene Natur veranlaßte, 
also fleischliche "Willensschwäche gemeint ist,^) sondern eine Krank- 
heit des Leibes. Für die Beantwortung der Frage, welcher Art 
die Krankheit gewesen sei, auf welche PI hier und wohl auch 
2 Kr 12, 7 — 9 Bezug nimmt, ergibt sich aus dem durch xal eng 
angeschlossenen v. 14, daß sie geeignet war, den Eindruck seiner 
Person und seiner Predigt abzuschwächen, ja ihn zu einem Gegen- 

*) Cf 2 Kr 2, 4 <V*« Say.inoir unter Trauen, Rm 4, 11 ()'/' äx(io,'itaiia^ 
im Stand und Zustand der Unbeschuittenheit cf Rm 2, 2; 14, 20.; 2 Kr 3, 11 
(Jtä Öö^iji parallel mit dem synonymen iV «Wl.',). Die falsche Übersetzung 
aller Lat. per (statt propter) infirmitatem (so auch wohl Qoth) und die 
zweideutige des S' (n) entschuldigt die lat. und syr. (Ephr.), aber nicht die 
griech. Ausleger, welche durchweg verstehen „in Schwachheit", reicht aber 
nicht aus, die von Blati § 42, 1 als sicher vorgetragene Änderung Si 
äoihvtia^ ZU rechtfertigen. Griechisch ist nur dodfiaiav überliefert, so 
auch Kop. [Auf Grund der ältesten Übersetzungen stellt Zahn, AG 495 
die Korrektur <V*' daihteim als erwägenswert hin.] 

') In ersterem Fall würde schwerlich äuü. des Artikels entbehren cf 
Rm 6, 19, in letzterem aaoy.ö^ schwerlich den Art. haben cf 2 Kr 7, 1 ; 1 Pt 
3, 21; 2 Pt 2, 18. Dagegen wie hier 2 Kr 12, 7 oy.dhnf (ohne Art) 7/7 onoxi. 
— Die Deutung auf Verfolgungsleiden überwiegt bei den Alten. Nur Hier, 
erwägt wenigstens als dritte von vier MügUchkeiten eine eben damals sich 
einstellende leibliche Krankheit mit dem Zusatz: nam tradunt, cum gra- 
vissimum capitis dolorem saepe perpessuin, und hierauf beziehe sich 2 Kr 12, 7. 



218 (iriimllosigkeit uud Verderblichkeit des Abfalls. 

stuud des Absehens für die zu macheu, welche ihn in solchem 
Krankheitszustand sahen und hörten. Ist nämlich an der Ursprüng- 
lichkeit der LA tov TreiQaofiov vuioy tr ri, oagxl /iioi' [v. 14j nicht 
zu zweifeln,^) 80 ist die leibliche Krankheit des PI als eine Ver- 
suchunjj nicht für ihn selbst, sondern für seine Hörer betrachtet. 
Der auffallende Satz, daß die Gal. diese in der damaligen Krank- 
heit des PI für sie liegende Versuchung niclit verachtet oder ver- 
abscheut **•') haben, wird durch das mit Si)Jm eingeführte Gegenteil 
dahin erklärt, daß sie ihn, sofern sein Zustand sie dazu hätte ver- 
leiten können, nicht geringgeschätzt und nicht mit Abscheu von ihm 
sich abgewandt haben. Vielleicht ist auch die "Wiederholung des 
Artikels xdv '»«r Iv Tj/ öaQY.i fiov, die man allerdings erwarten 
sollte,") zu dem Zweck unterblieben, damit der Leser diese Worte 
nicht als Attribut zu rbv 7rti. vfx., sondern als Adverbiale zu den 
Verben ziehe. Indem die Gal. sich von der kläglichen, leiblichen Er- 
scheinung des PI mit Abscheu abwendeten, würden sie zugleich 
abgelehnt haben, die von Gott ihnen damit auferlegte Prüfung zu 
bestehen und zu überwinden. Das haben sie nicht getan, sondern 
sie nahmen ihn wie einen Engel Gottes auf, wie Christus Jesus. 
Die offenbar beabsichtigte Steigerung ist nur dann deutlich, wenn 
man ayyeLoi ^^ Sinn von Engel versteht (cf Mt 24, 36) ; denn ein 
Bote Gottes, ein Überbringer göttlicher Botschaft an die Menschen, 
ein evayydiGTijg ist auch Cbristus (s. oben S. 45 f. 48 zu 1, 6 f.), 
und für seine eigene und aller menschlichen Pi'ediger des Ev Auf- 
gabe gebraucht PI sonst nie äyyelog, sondern regelmäßig äTVÖOToXog, 
daneben y.i^Qv^ 1 Tm 2, 7 ; 2 Tm 1, 11 cf 1 Kr 9, 27; Öl 2, 2 ; er 

*} Nur die antioch. ßecension (KLP, die Masse der Min., Chrys., 
Thdr, Theodoret, Cram. Cat. VI, 65, S'j hat Tieioaauöv /nov mit folgendem 
Tö;', welches letztere grammatisch korrekter schien und auch von einem 
Korrektor in n und manchen Min. statt nov oder vtiü>i> eingesetzt wurde; 
so vielleicht auch S' (die Versuchung meines Fleisches). Zu den Zeugen 
für i'uä>^^ (n* A B D* G 67**, alle Lat., Kop) kommen Orig. ath. (Goltz 
S. 27) und Eus. Emes. (Gramer 1. 1.). diese jedoch mit zugesetztem röi>. 
Dieser Eus. paraphrasirt: „ich erduldete dies, und ihr wurdet versucht und 
auf die Probe gestellt, ob ihr nämlich mich und das durch mich gepredigte 
Wort annehmet, da ihr mich in diesen Gefahren sähet. Also meine Leiden 
und Gefahren waren eure Versuchung". Abgesehen von der falschen Deu- 
tung auf Verfolgungsleiden des PI (s. A 7), findet sich diese übrigens rich- 
tige Deutung, welche sich für die Lat. bei ihrem Text von selb.st verstand, 
doch auch neben dem falschen fiov z. B. bei Chrys. [ J. de Zwaan, Z. f. ntl. 
W. 1909 schlägt unter Zugrundlegung der LA tov tieio. ev ri] a. fi. vor 
Tieinua^öi nach neuerem -griech. Wortgebrauch (Nachweise bei Sophocles, 
Lex. B. V.) als „Teufel" (volkstüml. {grobes Wort) zu verstehen. Die gramm. 
Verbindung der Worte dient dem Vorschlag nicht zur Empfehlung.] 

"•) [iy.rtTi'tiv gehört nach Nägeli, Wortsch. S. .58 zur vulgären y.oivTj. 
Über das Ausspeien als Geste zum Femhalten von Übeln s. TibuU I, 2, 54 ; 
Varro, De re rust. I, 2, 27; Plin. Nat. hist. 26, 92 ff. Weitere Stellen 
Lietzmann HB zur Stelle.] 

»j 1 Kr 10, 18 liegt der Fall etwas anders. 



c. 4, 12—20. 219 

könnte nach 2 Kr 5, 20; 'Eph 6, 20 auch rrotoßevir^g sagen. 
Andrerseits will doch beachtet sein, dalj PI nur hier zu äyye)^og ein 
■d'EOV zusetzt, während es ihm sonst ohne jeden Zusatz als unmiß- 
verständliche Bezeichnung der Engel genügt Gl 3, 19; 1 Kr 4, 9; 
6, 3; II, 10; 13, 1 etc. Obwohl er auch hier einen Engel meint, 
will er den Namen doch nach seinem "Wortsinn verstanden haben, 
daß der Engel ein Bote Gottes sei. Daß die Gal. ihn, den 
kranken, unansehnlichen Mann,***) der ihnen wie ein von Gott ge- 
schlagener und gezeichneter Missetäter hätte erscheinen können (AG 
28, 4), wie einen Boten Gottes aufnahmen, genügt ihm aber noch 
nicht. Nein, wie den Sohn Gottes, wie den Heiland selbst haben 
sie ihn empfangen. Nimmt man v. 15 hinzu, so will PI die 
Stimmung, in welcher die Gal. ihn damals aufnahmen, als eine 
ganz außerordentliche Begeisterung, als einen alle Schranken durch- 
brechenden, überschwänglichen Enthusiasmus schildern. Vergleicht 
man, wie PI sonst von seinem und seiner Genossen erstem Auf- 
treten in den durch sie gestifteten Gemeinden und ihrer Aufnahme 
bei diesen redet (1 Kr 2, 1—5: 3, 6. 10; 4, 15 ; 2 Kr 1. 18 f.; 
1 Th 1, 9—2, 13; Kl 1, 5 — 7;'Phl 4, 1—3), so kann man sich 
nicht des Eindrucks erwehren, daß bei dem ersten Auftreten des 
PI unter den Gal. außerordentliches, und zwar mehr seine Person, 
als seine Predigt betreflFendes sich zugetragen haben muß, was er 
nur durch diese eigenartige Schilderung in die Erinnerung der 
Leser glaubte zurückrufen zu können. Blickt man von hier auf 
1, 8 zurück, wo er, wiederum ohne jede Analogie in seinen anderen 
Briefen, einen vom Himmel herabgestiegenen Engel als den Prediger 
des Ev vorstellt und neben sich stellt, welcher möglicher Weise 
den Gal. anderes predigen könnte, als er ihnen gepredigt hat, so 
muß ihm diese kaum denkbare Vorstellung durch dieselben Er- 
eignisse sich nahegelegt haben, wie die hiesige Schilderung. Die 
Erzählung dieser Ereignisse lesen wir AG 14, 11 — 18. Die durch 
die Heilung des Lahmen in Lystra aufgeregten Lykaonier rufen 
in ihrem noch nicht ausgestorbenen Dialekt und aus ihrem naiven 
Volksglauben heraus, die Götter seien in Menschengestalt vom 
Himmel zu ihnen heruiedergestiegeu (Gl 1, 8), und nennen den 
Barnabas Zeus, in PI aber finden sie Hermes, den Boten und Dol- 
metscher der Götter (GK I, 880), weil er, dessen Tat sie enthusias- 
mirt hat, der Wortführer war. Daß die Missionare die ihnen zu- 
gedachte Verehrung als Götter mit Entrüstung zurückweisen und 
als Anlaß zu einem neuen evayyekiueGd^ai, zu dringenderer Forde- 
rung der Bekehrung von den nichtigen Göttern zu dem lebendigen 
Gott benutzen (AG 14, 15), ändert nichts an der Kongruenz 

*") Cf 2 Kr 10, 10; dazu die Schilderung seines Äußeren Acta Theclae 
c. 3, Prot. RE. XV, 70, darin wohl nicht ohne bezug auf Gl 4, 14 TTore fiiv 



220 Gnuullosijfkeit nml Verderblichkeit des Abfalls. 

zwischen der Er/nhlung des Lukfts und ihrem Spiegelbild in Gl 
1, 8; 4, 14 cf auch S. 1 16 f. zu 3, 5: denn dadurch haben PI und 
Harn, den Enthusiasmus ihrer Hörer nicht gedämpft, sondern nur 
in die richtige Balin geleitet. Diejenigen, welche wie die Leser 
des Gl sich belehren und bekehren ließen, sind dadurch nicht ab- 
gekühlt worden, sondern haben erkannt, daß ihnen viel größeres 
Heil widerfahren sei, als sie in ihrem Unverstand wähnten: nicht 
ein angeblicher Bote der nichtigen Götter, sondern ein wirklicher 
Bote des lebendigen Gottes hat ihnen gute Botschaft gebracht, ja 
der dem Volk Israel verheißene, in Jesus erschienene Messias selbst, 
welchen PI predigte, hat sie besucht und durch seinen Boten zu 
ihnen geredet (2 Kr 5, 20; 13, 3). Die Schilderung der Aufnahme, 
welche PI damals bei den Gal. fand, setzt sich v. 15 fort in der 
Frage: „Was für eine Seligpreisung war doch die eurige" ? oder 
„was soll man nun von eurer damaligen Seligpreisung denken"?^') 
Unter ua/.aQiauög. (Rm 4, 6. 9) ist nach seiner Bildung von ftaxagi- 
Cftv und dem Sprachgebrauch nicht die Seligkeit zu verstehen, 
sondern die Beurteilung und Benennung eines Menschen als /jaza^toc,', 
nach dem hiesigen Zusammenhang aber nicht, wie Thdr meinte, eine 
solche, welche den Gal. von anderen Leuten widerfuhr (Lc 1, 48; 
.Ik 5, 11), sondern daß sie sich selbst glücklich schätzten und 
selig priesen, einen Boten Gottes bei sich empfangen zu dürfen. 
Wie sehr dies der Fall war, bestätigt PI, und erläutert damit den 
starken Ausdruck ua/xcgtoiiög, indem er ihnen bezeugt, daß sie, 
wenn es möglich gewesen wär(3, ihre Augen ausgerissen und ihm 
gegeben hätten.^'-) So begeisterte Hingebung an seine Person legten 
sie damals an den Tag. Und jetzt steht er ihnen als ein Feind 
gegenüber, indem er ihnen die Wahrheit sagt. Da yiyova, [v. 16] 
nicht lytYÖur^v dasteht, kann PI dies auch nicht von einer früher 
einmal erfolgten Veränderung seines Verhältnisses zu den Gal. 

") Trotz der starken Bezeugung von ttov olv (nABCP, 67**, S*, 
auch Rand von S', Vnlg, Kop) wird ^k ovv Iv (D K L, Masse der Min., 
alle Lat. vor Hier. <aach r>, S^) zu lesen sein. Indirekt zeugt hiefür auch 
G durch nov nlv 1] (d. h. li,v mit der Doppelübersetznng fxnt und es/) : denn 
nur zu t/.-, nicht zu rrof paßt y,v. Ein r^r zuzusetzen, konnte hinter ttov 
niemand einfallen, also ist /; = »]»■ der stehengebliebene Rest der nrspr. 
LA mit Tii. Dazu kommt die einstimmige Erklärung der antioch. Exe- 
geten, daß hier in im Sinn von nov zu verstehen sei. Wie nahe lag es 
dann, letzteres zu schreiben ! Vor allem aber paßt die folgende Erläute- 
rung urtoTvotü yvo y.r'L nicht ZU der Frage: wo ist eure Seligpreisung? 
d. h. sie ist jetzt spurlos verschwunden, sondern nur zu einer Frage nach 
der Bedeutung der damaligen Begeisterung der Gal. — Für den Gebrauch 
des konfirmativen, nicht folgernden oiV Kiihner-Gerth II, 1.^4ff., besonders 
S. 161 d. im NT besonders aufh hinter exklamatorischen Fragwörtern z. B. 
Mt 12. 12: Rm (!, 21; 10, 14; 1 Kr 3, b. 

") Die Augen kommen lediglich als carifmitua menibrn corporin (Pel) 
in Betracht. Klassische Beispiele genug gibt Wettstein. Im AT dafür Aug- 
apfel Dent 32, aO; Ps 17, 8; Sach 2, 12. 



c. 4, 12—20. 221 

verstanden haben wollen, sondern von der Stellung, die er jetzt 
ihnen gegenüber einnimmt, und zwar eine Stellung, in welche er 
dadurch geraten ist, daß er ihnen die "Wahrheit sagt. In diesem 
Brief sagt er ihnen oft in bitterem Ton die Wahrheit und stellt 
eich zu ihnen wie ein Feind, der sie angreift und in ilirer Stellung 
erschüttern will. Hat er nach ganz überwiegender Bezeugung 
i'uCby, nicht luiy hinter ix^Q^^ geschrieben, also auch nicht ge- 
sagt, daß er ihnen als Feind erscheine oder sie ihn so ansehen, so 
braucht man sich um so weniger Sorge darum zu machen, daß 
die dal. den Brief noch nicht vor Augen hatten, als PI diese 
"Worte schrieb, also ihn auch noch nicht auf grund desselben als 
ihren Feind ansehen konnten, eine Sorge, die angesichts der be- 
kannten Gewohnheit des Briefe schreibenden Griechen, sich in den 
lloment zu versetzen, da der Adressat den Brief empfangen haben 
wird, ohnehin nicht am Platze wäre. "Wie er schon 1, 10 auf den 
scharfen Ton seines ersten Angriffs als einen Beweis dafür hinwies, 
daß er nicht um Menschengunst buhle, so trägt er auch hier kein 
Bedenken auszusprechen, daß er sich wohl bewußt sei, mit dem 
unverhohlenen Zeugnis der bitteren Wahrheit als Feind der Gal. 
dazustehen. Er scheint die Worte aus Jes 63, 10 entlehnt zu 
haben, wo von Gott gesagt Avird, daß er sich den Israeliten, die 
eich empört und seinen heiligen Geist betrübt haben, trotz aller 
seiner väterlichen Liebe (Jes 63, 7 — 9) in einen Feind verwandeln 
und sie bestreiten mußte. ^^) Auch abgesehen von dieser Parallele 
kann v. 16 nicht, wie seit Aug. so viele wollten, als eine Frage 
gefaßt werden, die selbstverständlich zu verneinen wäre ; denn in 
dem Sinne, in welchem es überhaupt gesagt oder auch gefragt 
werden kann, ist PI wirklich mit seiner rückhaltlosen Bezeugung 
der unangenehmen Wahrheit ein Feind der Gal. geworden. Auch 
wird durch diese Fassung die auffällige Anknüpfung des Satzes 
durch üoTt nicht aufgeklärt. Daß PI jetzt mit seiner Bezeugung 
und "Verteidigung der Wahrheit des Ev (2, 5. 14) wie ein Feind 
den Gal. gegenübersteht, ist freilich keine Folge davon, daß sie 
damals sich so glücklich schätzten, ihn bei sich zu haben, oder 
daß sie in ihrer Begeisterung für ihn bereit gewesen wären, das 
Liebste für ihn hinzugeben. Das ist aber auch nicht der Inhalt 
von v. IS'"*, wozu V. 15'' nur eine Erläuterung des Wortes (.laxagiOfiög 
hinzufügt, sondern der fragende Ausruf, was jene stürmische 
Begeisterung der ersten Liebe zu ihm bedeutete, was man von ihr 
halten und sagen soll. Von der Gegenwart aus betrachtet, er- 
ficheint sie so völlig nichtig und wirkungslos, daß PI ihnen jetzt 
als ihr Feind gegenübersteht. Da die Frage v. 15'' ihrer Meinung 

'*) In LXX ist der Gedanke durch eaxQdft] airois el? f^^pav statt 
f/d-pör verwischt. Auch die Umgebung dieser Stelle scheint dem Apostel 
vorzuschweben, cf Jes 63, 8 mit Gl 4, 19 nnd 63, 9 mit 2 Kr 11, 29. 



222 Grnndlosigkeit and Verderb liebkeit des Abfalls. 

nach einem demonstrativen Ausruf gleichkommt, kann sich auf sie 
sehr wohl das folgernde waiE beziehen/*) und erst dieser Satz, 
der zeigt, welche Folge die anfängliche Begeisterung der Gal. für 
den zu ihnen gekommenen Boten Gottes hätte haben müssen^ wenn 
diese echt, oder wenn ihr seitheriges Verhalten eine entsprechende 
Fortsetzung des guten Anfangs gewesen wäre, vervollständigt den 
Sinn der Frage v. 15". Die Aufzeigung des schreienden AVider- 
spruchs zwischen damals und jetzt cf 3, 3, soll aber natürlich die 
Gal. nirht an dem guten Anfang, sondern an dem üblen Fortgang 
irremachen. PI schmeichelt ihnen nicht, und buhlt nicht um ihre 
Gunst ; er läßt es darauf ankommen, daß er als ihr Feind zu stehen 
kommt. Andere aber, die er nicht näher zu bezeichnen braucht 
[v. 17], obwohl er seit 1,7 — denn 3, 1 kann man kaum dahin 
rechnen — nicht mehr deutlich auf sie hingewiesen hat, tun das, 
wovon sein Verhalten das Gegenteil ist v. 18. Sie bemühen sich 
eifrig und eifersüchtig um die Gal., suchen sie für sich zu ge- 
winnen, aber nicht, wie es PI 2 Kr 11, 2 von sich rühmt, mit 
göttlichem Eifer, überhaupt nicht in löblicher Weise, sondern sie 
wünschen die Gal. auszuschließen d. h. von andern abzusperren, 
damit die Gal. wiederum um ihre Gunst sich eifrig bemühen. Aus 
dem Zusammenhang, in welchem es sich um persönliche Liebe und 
Feindschaft, Gunst und Abneigung handelt, ergibt sich als der 
Raum, aus welchem man die Gal. auszuschließen bemüht ist, der 
Kreis von Menschen, mit welchem die Gal. bisher verbunden sind, 
und welche auf die Liebe der Gal. einen Anspruch haben. Diesen 
Kreis bilden PI und seine Genossen und die durch deren Arbeit 
gesammelten heidenchristlichen Gemeinden cf 1, 2; Rm 16, 4; 1 Kr 
7, 17; 2 Kr 11, 28. Die unzeitige Erinnerung an Stellen, wo PI 
zu einem löblichen tr^),ovv ermahnt, hat nicht nur eine Literpolation 
aus 1 Kr 12, 31,^*^) sondern auch in v. 18 früh die Schreibung 
Cr//.OLO&e ***) statt Cr^).ovo&ai veranlaßt, was dann wenigstens von 

'*) Cf Kühner-Gerth II. 502 über den Gebrauch von wore hinter Sätzen, 
welche eine demonstrativ bestimmte Qualität oder Quantität nicht aus- 
sprechen, sondern nur zu denken geben. Wenn man für diese Fassung die 
Konstr. von ö/me c. inf. fordern möchte, so zeigt Gl 2, 13 (s. oben S. 117 
A 46), daß stutt dessen der Indikativ eintreten kann, wo eine wirklich ein- 
getretene Folge genannt wird cf Kühner Gerth II, 512. Wir würden den Ge- 
ianken etwa so ausdrücken: „Ist denn eure damalige Begeisterung so 
oberflächlich gewesen, daß ich jetzt als euer Feind dastehe? oder war sie 
80 wenig stichhaltig, daß es jetzt dahin hat kommen können"? — Zweifel- 
haft ist nur. ob hinter ("ore nicht iyoj zn lesen ist, mit DG und den alten 
Lat. Cypr. epist. 4. 5, d g ergo ego; wie in einigen H.«8 des Cypr. fiel ego 
hinter cryo auch in den Bibeln z. B. r leicht aas, aber auch fyo> vor 
hj*^pöi. — S' übersetzte: „Bin ich etwa euer Feind geworden"? Daher Ephr. 
frei: Ego quoque non sum inimicus vobis etc. 

"*) Dorther haben hinter v. 17 D*G, dg, Abstr Vict, (nicht r Aug. 

Hier. Vnlg) Kr/lovre de rä xpeirro) ■/npiauma. 

"j So nB aemulammi Abstr und in aller Breite, ohne auch nur eine 



c. 4, 12-20. 223 

Lateinern, welche ihrem honum (vielfach ohne est') nicht anmerken 
konnten, ob es xaAoV sc. loriv oder zö y.aXöv bedeute, als medialer 
Imperativ gefaßt wurde. Dies ist angesichts des griech. Textes 
unmöglich ; denn erstens kann das artikellose •/m).6v nur Prädikat 
zu dem Subjekt tr^XoCoi^aL sein, mag vor diesem ein rd ursprünglich, 
oder der Deutlichkeit wegen zugesetzt sein (A 16 cf E,m 14, 21 
einerseits, 1 Kr 7, 1 andrerseits) ; und zweitens ist ein medialer 
Gebrauch von ^r^koüoO-ai = ur^loCv in der Bibel jedenfalls, aber 
auch sonst, wie es scheint, ohne Beispiel, was bei einem so ge- 
wöhnlichen Verb als zwingender Beweis gelten kann. Ist aber 
Ci^XoCo&ai Passiv, so ist dies auch nicht als ein sogen, unpersön- 
liches zu fassen, so daß gesagt wäre: „es ist gut oder etwas 
schönes, daß geeifert werde" ; denn abgesehen davon, daß diese im 
Griechischen wenig entwickelte Redeweise ^') besser durch das viel 
deutlichere objektlose Aktiv ersetzt worden wäre, zeigt der weitere 
Verlauf von v. 18 daß hier ebenso wie v. 17 von tr^Xovv mit per- 
sönlichem Objekt die Rede ist. Im Gegensatz zu dem Schein, als 
ob er von eifriger Bemühung um die Liebe anderer Personen nichts 
wissen wolle, welchen nicht nur v. 17, sondern auch die bedenk- 
liche Frage v. 15^ erregen konnte, sagt PI: ,.Es ist aber etwas 
schönes oder geziemendes,^^) Gegenstand eifriger Liebeswerbung 
zu sein." Dies wird aber durch kv y.uXüj im Gegensatz zu dem 
Ol) xalwg v. 17 auf die Sphäre des Löblichen und Ziemlichen ein- 
geschränkt. Nur dann, wenn die eifrige Bemühung um die Liebe 
anderer sich in einem Handeln darstellt und Mittel anwendet, die 
an sich nicht tadelnswert sind, gilt das -/.albv CrjXoCoO'ai. Bis 
dahin ist der Satz ein gemeingiltiger ; das Ttccvrore aber, das durch 
seine Stellung als ein nicht von vornherein beabsichtiger Nachtrag 
gekennzeichnet ist, und der nachfolgende Gegensatz hiezu zeigen, 
daß PI den allgemeinen Satz nicht bloß auf die Gal. im Ver- 
hältnis zu den Judaisten, sondern auch auf sich selbst im Verhältnis 
zu den Gal. angewandt wissen will. Etwas gutes und schönes ist 
CS um das Uraworbenwerden, jedoch nur, wenn es jederzeit statt- 
findet und nicht nur dann, wenn ich bei euch anwesend bin 

andere Möglichkeit zu erwähnen, also wohl nicht ohne Vorgang griechischer 
Aasleger, sogar Hier., auch Viilg. Dagegen d g r Vict., Ambrosius, Aug. 
bonum aemnlnri (g zelare) mit oder ohne autem und est. — Das gut be- 
zeugte TÖ (D G K L P, Masse der Min.) dürfte doch Zusatz sein, um die 
Fassung als Imperativ auszuschließen, welche bei der jüngeren Aussprache, 
die ui und e nicht mehr unterschied, nahe lag. Verdächtig ist t6 auch 
darum, weil es in D G das noch viel besser bezeugte Si verdrängt hat. — 
Das ur,, statt dessen nur D G oi) haben, kann nicht aus der falschen im- 
perativischen Fassung des Satzes erklärt werden, da es sich auch in KLP 
findet, ist also echt. 

»') Kühner-Gerth 1, 125 A 2; Blaß» § 130, 1. 

'") Das bloße xnXrit^ cf Mt 15. 26; ßm 14. 21 ist nicht mit xnXöv c. dat. 
pers. Mt 18, 8 f.; 26, 24; 1 Kr 7, 1. 8. 16: 9, 15 (Bd P, 564. 578) zu verwechseln. 



224 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

und perEönlich mit euch verkehre.'") Mit fii TtQog vfiäg statt 
eines zu erwartenden ztva TTQog tbv eregov wird der allgemeine 
Satz in seinem Schluß so auf PI angewandt, daß er geradezu in 
eine Aussage über das unbeständige Verhalten der Gal. zu ihm 
umgebogen wird. Bei ihnen scheint die anfängliche begeisterte 
Liebe zu dem Boten Gottes, der ihm-n das Ev gebracht hat, sich 
sehr abgekühlt zu haben; er ist unverändert geblieben in seiner 
Liebe zu ihnen, als seinen Kindern.^**) So redet er sie zum 
Schluß des Satzes von v. 18 in v. 19 an und vergleicht sich mit 
der Mutter, die sie unter schmerzhaften "Wehen geboren hat.*') 
Auf die mühevolle Arbeit (v. 11) die es ihn gekostet hat, sie zu 
bekehren, und die Erschwerung dieser Arbeit durch sein körper- 
liches Ubelbefinden (v. 13) paßt dieses Bild, weil es galt, in ihnen 
ein neues Leben ans Licht zu bringen, neue Menschen, Kinder 
Gottes zur Welt zu bringen. Ahnliche Schmerzen überfallen ihn 
jetzt, und das Ziel, zu dem sie führen sollen, ist wesentlich das 
gleiche. PI würde nicht 7TdXn> lodirw geschrieben haben, wenn 
unter äxQig (oder /iiexQig) ov fiOQrpiod-fj XQioibg ev vulv etwas 
wesentlich anderes zu verstehen wäre, als was das Ziel und Er- 
gebnis schon der früheren Mühen und Schmerzen gewesen war. 
Christus wird nicht nur als das Gewand vorgestellt, welches die 
durch Glaube und Taufe erneuerten ilenschen umhüllt 3, 27, sondern 
auch als das Urbild, dessen Abbild der neue, der wiedergeborene 
Mensch ist (Kl 3, 10; Eph 4,24). Ein solcher trägt das Bild 
Christi an sich, wie der unwiedergeborene Mensch das Bild Adams 
(1 Kr 15, 49), oder was dasselbe sagen will, er trägt die f.iOQg)i], 
die greifbare und sichtbare Gestalt Christi an sich ; er ist ein 
ovi.if.iOQ(pog des Sohnes Gottes. "Wenn dies als ein Ziel gedacht 
wird, welches der Christ erst durch die Vollendung des Heils in 
der Verklärung auch des Leibes erreichen wird (E,m 8, 29 ; Phl 3, 21), 
und anderwärts als eine sittliche Aufgabe (1 Kr 15, 49 (poQ^OO}fJ.EV, 
Eph 4, 22 ff.; Kl 3, 9f. ; Rm 13, 14), so ist doch dies beides nur 
die Auswirkung dessen, was in der Geburt des neuen Menschen 
bereits gesetzt ist (Rm 8, 30 töö^aaev, 2 Kr 3, 18; 5, 17). An 

'») Zu na^atfai nobs t/uüs cf 1, 18; Mt 13, 56; 1 Kr 16, 10. 

*°) Das Tf xm (n* B D* G, Marc, d g, Vict. Abstr nach cod. Gas.) 
wurde früh in das dem PI fremde reyria korrigirt (A C K L P, die Korrek- 
toren von H D, die Masse der Min., Clem. str. III, 99; Thdr non filii, sed 
ßioU), weil die folgende Erinnerung an die Geburtswehen der Mutter an 
ganz kleine Kinder denken lieL'. 

*') Anderen von ihm gestifteten Gemeinden gegenüber vergleicht er 
sich einem Vater, der sie erzeugt 1 Kr 4, 15, oder abwechselnd einer Mutter, 
die ihre Kinder säugt und pflegt, und dem Vater, der sie ermahnt 1 Th 2, 
7. 11. Moses lehnt solche Vergleiche seines Verhältnisses zu Israel ab 
Num 11, 12. — Da der durch äe angeschlossene v. 20 nicht das mit der An- 
rede V. 19 Eingeleitete sein kann, so wird v. 19 als Abschluß von v. 18 zu 
fassen sein cf Lightf. und ausführlicher Hofm. 



c. 4, 12—20. 225 

unserer Stelle ist nicht der Mensch Objekt eines fiOQcpoüv oder 
fteta/.iOQ(povv (Rm 12, 2), sondern Christus.^-) Die Vorstellung 
ist also die, daß der unsichtbare Christus eine greifbare und sicht- 
bare Darstellung gewinnen sollte. Der bildliche Ausdruck fordert, 
daß ev vulv hier nicht heißt: in eurem Innern (2, 20) oder gar 
unter euch (3, 1), sondern an euch (cf Rm 2, 20; 1 Kr 4, 6 ; 9, 15; 
Gl 1, 24). Nur dies verträgt sich auch mit dem Bild von der 
Geburt. Was damals, als PI unter den Gal. arbeitete, geboren 
wurde, waren neue Menschen; aber eben damit, daß sie geboren 
wurden, gewann Christus eine sichtbare Erscheinung, eine Gestalt ; 
er fand eine solche an den Bekehrten, die sein Abbild tragen. 
Nun aber ist an den Gal. so wenig davon zu sehen, daß es dem, 
der ihnen einst durch Predigt und Taufe zu Glaube und Wieder- 
geburt verhelfen, sie zu Trägern des Bildes Christi gemacht hat, 
so zu Mute ist, als ob diese Arbeit noch einmal getan werden 
müsse, und als müsse er die Schmerzen, die ihr dermaliger Zu- 
stand seiner Liebe bereitet, als eine Wiederholung der damaligen 
Geburtswehen betrachten. Darin spricht sich wohl eine Hoffnung 
aus, daß es ihm gelingen werde, sie dahin zu bringen, daß das 
Bild und die Gestalt Christi wieder zu voller Erscheinung an ihnen 
komme. Aber es überwiegt der Schmerz, daß solche mühevolle 
Arbeit aufs neue zu tun ist, und dies um so mehr, als das wirk- 
samste Mittel, diesen Zweck zu erreichen, ihm versagt ist. „Ich 
wollte aber bei euch sein und zwar jetzt sofort nnd meine Stimme 
verändern; denn ich bin ratlos in bezug auf euch" [v. 20]. In 
Form eines sogen. Imperf. de conatu spricht PI einen Wunsch 
aus, der vielleicht schon früher einmal, nachdem er die schlimmen 
Nachrichten aus Gal. empfangen hatte, vor allem aber, wie das ccqti 
und das Praes. äTtOQOvuai zeigt, eben jetzt, während er schreibt, 
in ihm aufgestiegen ist, den er aber nicht festhalten kann, weil 
seine Verwirklichung unmöglich ist.^*^) Die Unmöglichkeit einer 
sofortigen oder auch nur einigermaßen baldigen Hinreise zu den 
Gal. muß in Verhältnissen, welche die Gal. gut genug kannten, 
offen zu Tage gelegen sein. Es war die weite Entfernung seines 
derraaligen Aufenthaltsortes und die keine größere Unterbrechung 
duldende Arbeit an demselben, was ihn hinderte, einen neuen, 

22) ^oQfovv sowohl den Stoff gestalten zu einem Gegenstand von be- 
stimmten Formen (Philo, de mundo 13) oder zu einem Bild (Aquila Jes. 
44, 13; „Predigt des Petrus" bei Clem. str. VI, 40), als anch dem an sich 
Unsichtbaren imd Ungreifbaren durch Abbildung und Nachbildung eine 
Gestalt geben (Poll. lex. 1, 13 deöv, Nilus in Anthol. Pal. I, 33 rbv äatöfia- 
rov. Just. apol. I, 5 von der Menschwerdung des Logos). In diesem Sinn 
besitzt der Jude am Gesetz eine udoacoais rijs ypcoaecoe ^al Tfjg iXrjd'eiae 
Rm 2, 20 

2») Cf Rm 9, 3; AG 25, 22 {ißoviöfir^r = ich möchte wohl) cf Kühner- 
Gerth 1,141; Winer § 41, a 2. 

Zahn, Galatorbrief. 3. Aufl. 15 



226 Grnndlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

dritten Besuch in Gal. für absehbare Zeit ins Auge zu fassen nnd 
in Aussicht zu stellen.''^) "Wenn er zu ihnen kommen und bei 
ihnen sein könnte, wollte er seine Stimme verändern. Das heißt 
nicht, den Ton seiner Rede moduliren, bald lauter oder rauher, 
bald leiser oder weicher seine Stimme hören lassen, etwa zu dem 
Zweck, seiner mannigfaltigen inneren Bewegung einen entsprechenden 
hörbaren Ausdruck zu geben. Es heißt auch nicht soviel wie 
unser ^einen andern Ton anschlagen"; denn erstens fehlt es an 
Beispielen für einen solchen metaphorischen Gebrauch von älXdooetv 
Tip' fpiovi']V bei den Griechen, Zweitens bedurfte es dazu nicht 
der persönlichen Anwesenheit ; wenn er es nötig fand, konnte PI 
an dieser Stelle seines Briefes einen anderen Ton anschlagen als 
bisher. "Wie verschiedene Töne hat er im Laufe des Briefes 
bereits angeschlagen ! Den Ton der zornigen Verwunderung und 
der scharfen Rüge 1, 6 — 10; 3, 1 — 5; 4, 8 — 11, den der geschicht- 
lichen Selbstrechtfertigung 1, 11 — 2, 14, des warmen Bekenntnisses 

2, 15 — 21, den Ton der lehrhaften Erörterung und Beweisführung 

3, 6 — 4, 7, zu welchem er auch 4, 21- wieder zurückkehrt, und 
zuletzt 4, 12 — 19 den herzandringenden Ton liebevollster Bitte und 
Klage. Aber das alles genügt ihm nicht. Gerade jetzt, wo sein 
Gemüt am tiefsten bewegt ist, erscheint ihm das Mittel brieflicher 
Mitteilung steif und hölzern (cf 2 Jo 1 2 ; 3 Jo 13 f.). Wenn er 
bei den Gal, wäre, könnte er, was er jetzt nicht kann, der tiefen 
Bewegung, die ihn eben jetzt ergriffen hat, hörbaren Ausdruck 
geben und dürfte hoffen, daß dies seine Wirkung nicht verfehlen 
würde. Er würde ganz von selbst seine Stimme verändern, natürlich 
nicht, indem er sie künstlich in die eines anderen Menschen ver- 
stellte, was zwecklos wäre ; auch nicht, indem er sie anders wie 
bis dahin klingen ließe ; denn die Gal. haben sie seit Jahr und 
Tag nicht gehört und hörten sie auch nicht, während der Brief 
bis zu dieser Stelle in ihren Versammlungen gelesen wurde. Es 
kann nur gemeint sein, daß seine Stimme einen anderen als den 
gewöhnlichen Ton annehmen würde, wenn er in diesem Augenblick 
zu ihnen sprechen und ihnen das mündlich sagen könnte, was er 
eben jetzt, vielleicht seufzend und mit Tränen im Auge (2 Kr 2, 4), 
nur durch das unvollkommene Mittel der Schrift ihnen sagen 
konnte. ''') Da seine Abwesenheit von Galatien, wie v. 18 an- 

**) Eu8. Emesen. (Gramer VI, 67) nahm an, daß PI sich zur Zeit des 
Briefs in Gefangenschaft befand, wovon nicht, nur jede Andeutung im Brief 
fehlt, wobei auch unbegreiflich bliebe, dalJ PI diese seine Lage nicht, wie 
80 oft in den aus einer Gefangenschaft stammenden Briefen, als rührendes 
Motiv verwendet haben sollte. 

**) Thdr, ein Schüler des beiühmten Rhetors Libanius, urteilt: Größte 
Rednerj welche den Schmerz einer um ihre Kinder weinenden Mutter (oder 
Vaters) nachahmen wollten, hätten das nicht erreicht, was PI hier v. 18—20, 
und bei PI sei alles echt. 



c. 4, 21-5, 1. 227 

deatete, die Entfremdung der Gal. von seiner Person begünstigt 
hatte, ist der Wunsch des Apostels, jetzt bei ihnen sein zu können, 
begreiflich, obwohl er nicht erfüllt werden kann. Er rechtfertigt 
ihn aber noch durch das Bekenntnis, daß er im Blick auf sie ia 
Verlegenheit sei, d. h. nicht wisse, welche Mittel er weiter noch 
anwenden solle, um sie wieder zu gewinnen.'-^") Während dies 
letzte Sätzchen den vergeblichen Wunsch, auf welchen der er- 
greifende Abschnitt v. 12 — 20 hinausgelaufen ist, begründet, zeigt 
es zugleich, daß PI, an einem Ruhepunkt angelangt, sich einen 
Augenblick besinnt, ob es nicht noch andere Mittel und Wege gebe, 
den Gal. nahezukommen ; und sofort zeigt 4, 21 — 5, 1, daß seine Mittel 
doch noch nicht völlig erschöpft sind. Seine erfinderische Liebe läßt 
ihn einen neuen Weg zur Überführung der Irregeleiteten finden. 

Da PI bis dahin den Lesern insgesamt ohne jede Andeutung 
vom Vorhandensein einer andersgesinnten Minderheit den bereits 
begonnenen Abfall zu gesetzlichem Wesen zum Vorwurf gemacht 
hat, so kann es auch nicht als Anrede nur eines Teils der Gal. 
sondern nur als eine Charakteristik der Richtung, welche die gal. 
Gemeinden eingeschlagen haben, verstanden werden, wenn er v. 21 
eine neue Auseinandersetzung mit den Worten beginnt: „Sagt mir, 
ihr, die ihr unter Gesetz sein wollt, ^*'*) hört ihr das Gesetz nicht"? 
[v. 21] Ist äy.ov£Z€ und nicht vielmehr drayivwaxere zu lesen, ■^^) so 
ist ersteres doch im Sinn des letzteren zu verstehen. Das Hören 
der in der gottesdienstlichen Versammlung durch den Anagnosten 

**) Der Gebrauch von if bei aTtopovfiai (statt rrtoi iit'Oi Lc 24, 4 oder 
Akk. AG 25, 20), welchem die Vorstellung des Haftens an einem Gegen- 
stand zu gründe liegt (Jo 15, 4), ist nicht so befremdlich (Herrn, sim. VIII, 
3, 1 ebenso, cf Ü-uoocö ir vtitf 2 Kr 7, 16), daß man deshalb mit Hofm. 
unter Annahme einer äußerst unuatürlichen Wortstellaug tv v^uiy mit 
dl/.d^ni verbinden und ön ä,-roo. als Zwischensatz fassen dürfte. 

*"") [Diese Anrede ist von Lütg. zum Ausgangspunkt seiner neneu 
Auffassung gewählt. Die Ausleger weisen darauf hin, daß v. 21 nicht eine 
glatte Fortsetzung von v. 20 ist. Lütgert verwendet diese Beobachtung 
als Stütze für seine Annahme, daß v. 21 sich überhaupt wieder an die 
andre Gruppe in der Gemeinde wendet. Stange gibt (Diktierpausen in 
den pl Briefen Z f n W 1917/8) zu bedenken, ob derartige Bruchstelleu nicht ge- 
legentlich ganz mechanisch durch Diktierpausen veranlaßt waren. Er nimmt 
für den Gl eine solche auch hier an. Bleibt dies natürlich auch eine völlig 
subjektive Behauptung, so ist doch die Sache, daß Diktierpausen eintraten, 
vorhanden und es wäre jeweils in den Briefen nach Stellen zu suchen, wo 
ein solcher deutlicher Neuansatz wie etwa hier statt bat.] 

") Die vereinzelt durch Orig. Geis. II, 1 ; IV. 44 (aber nicht de princ. 
IV, 14; Philoc. ed Eobinson p. 20 und zu Rm 7, 7 Philoc. p. 55) bezeugte, 
auch von Hil. zu Ps 118 ed. Vindob. p. 361 in freiem Citat einmal ange- 
eignete LA ol TÖr yduof dfayipwaxorrti Statt ol vttö v. de/., elrai mit fol- 
gendem 701' töiiof oiy. äxotete ist vielleicht ein indirektes Zeugnis für die 
Ursprünglichkeit von drayiiiöoy.ije D G d g (r hat hier Lücke) Vulg, Vict. 
Abstr, gelegentlich auch Ang (nicht z. St.), Sah statt dxovtre (nA BC KLP, 
S' etc.), zumal Orig. Sei. in Psalm. Delar. II, 799 ganz den Text von DG gibt. 

15* 



228 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

vorgelesenen Schrift ist die regelmäßige Form, in welcher die Ge- 
meinden mit ihrem Inhalt bekannt werden ; dieses Hören ist gleichsam 
ihr Bibellesen,-**) und nur als gelesenes kommt das Gesetz den Ge- 
meinden zu Ohren. Die Frage ist also auf alle Fälle wesentlich 
ebenso gemeint wie die Mt 12, 5. Obwohl das artikellose vöf^iov 
des Vordersatzes auf das mos. Gesetz als ein Gesetz hinweist, kann 
doch im Nachsatz, welcher vom Gesetz als Objekt der gemeind- 
lichen Lesung handelt, tov rofiov das Gesetzbuch, den von Moses 
verfaßten Peutateuch bezeichnen (Mr 12,19; 12,20; Em 10,5; 
2 Kr 3, 15), die Thora, welche PI, wie die Juden insgemein, als 
den einen Hauptteil des AT's neben den Propheten so nennt (Rm 
3, 21); denn das durch Moses gegebene Gesetz, welchem die Gal. 
eich zu unterwerfen geneigt sind, ist in dem fünfteiligen Gesetz- 
buch enthalten. In diesem Gesetzbuch sind aber auch Geschichts- 
tatsachen berichtet, welche für die christliche Gemeinde von lehr- 
hafter Bedeutung sind, weil sie Grundgedanken der göttlichen Ge- 
Bchichtsleistung darstellen, deren Bedeutung und Geltung nicht mit 
ihrer einmaligen und erstmaligen tatsächlichen Darstellung erschöpft 
ist cf Rm 4, 23 f.; 9, 6—13; 1 Kr 10, 1 — 11; Gl 3, 6—9. Eine 
solche Tatsache, welche trotz der allgemeinen Fassung des Hinweises 
auf das von den Lesern gelesene und gehörte Gesetzbuch schon 
V. 21 gemeint war, wird zum Zweck der Erläuterung und Näher- 
bestimmung dieses Hinweises, durch ein yccQ = nämlich eingeleitet, 
V. 22 — 23 vorgeführt. Es ist die, daß Abraham zwei Söhne hatte 
oder vielmehr bekam (sax^v, nicht tix^i'), den Ismael von Hagar, 
der ägyptischen Magd seines Weibes (Gen 16, 1), den laaak von 
seinem freien Eheweib Sara. Als Söhne Abr.'s schienen beide 
sich gleichzustehen ; aber der große Unterschied, welchen Gott im 
mündlichen Verkehr mit Abr. und im ferneren Verlauf der Ge- 
schichte zwischen ihnen machte, ist einerseits durch den Standes- 
uuterschied der Mütter, andrerseits durch die Art, wie Abr. Vater 
des einen und des anderen Sohnes wurde, begründet. Bei der Er- 
zeugung Ismaels ging alles nach dem Lauf menschlicher Natur zu. 
Statt des zu erwartenden y.aTCc Ttvsvf^ia als des gewöhnlichen Gegen- 
satzes zu y.uTct occQxa, welcher erst v. 29 eintritt, heißt es v. 23 
von Isaak zunächst, der Sohn der Freien sei vermittelst der Ver- 

**) Ap 1, 3; Jo 12, 34 [rjuels iixovaafiev tx rov vomo?); Mt 5, 21 ff, 

(Bd I*, 223). „So oft Moses gelesen wird, hängt die Decke über der Lesung 
der alten Diatheke" d. h. „über dem Herzen" der Hörer 2 Kr 3, 14 f. cf AG 
1.5, 21. Daß hiebei der eine Vorleser nicht, wie es nnr Ap 1, 3 geschieht, 
in seiner Sonderstellung berücksichtigt wird, spricht nicht gegen die Be- 
ziehung auf die gottesdienstliche Lesung, wie Hofm. meinte. Daß äxovetv 
hier nicht heißt verstehen (1 Kr 14, 2), noch auch beherzigen oder gehorchen, 
welches letztere wohl auch rov vöfiov erfordern würde cf Mt 17, 5, zeiget 
V. 22, welcher weder eine Erklärung von etwas Nichtverstandenem noch 
ein Gehorsam heischendes Schriftwort bringt. 



4, 21-5, 1. 229 

heißung erzeugt und geboren worden.-*') Die Erinnerung an 
die bekannte, schon 3, 8. 16. 22 berührte Verheißung an Abr. 
genügt, den das Gesetz lesenden Gal. die ganze Geschichte von 
Isaaks Erzeugung und Geburt zu vergegenwärtigen. Das aller 
natürlichen Erwartung beider Eltern AVidersprechende und an- 
scheinend physisch Unmögliche wurde durch Gottes Verheißung 
ins Werk gesetzt, als die von jeher unfruchtbare, nun aber 90- 
jährige Sara dem 100jährigen Abr. den Isaak gebar^"). Auf den 
in diesen gegensätzlichen Tatsachen zu Tage getretenen Willen 
Gottes, daß nicht alle leiblichen Nachkommen Abr. 's ohne Unter- 
schied, sondern ein von dieser i\Iasse durch gewisse, jenseits der 
Grenze des fleischlich Natürlichen liegende Eigenschaften abge- 
sondertes und einheitliches Geschlecht Träger und Erbe der dem 
Abr. zu teil gewordenen Verheißung sei, war schon 3, 9 flf. und noch 
bestimmter 3, 16 hingewiesen worden. Hier aber sind die gegen- 
sätzlichen Tatsachen selbst vorgeführt, um sie nach ihrer für die 
Gegenwart vorbildlichen Bedeutung darzulegen. Mit UTivd ioTiv 
&XhiyoQOvuevct [v. 24] geht PI hiezu über. \-l).lrjOQÜv heißt erstens, 
der Etymologie und dem vorwiegenden, zumal älteren Sprach- 
gebrauch gemäß: anders reden, als man es meint, d. h. seinem 
Gedanken einen Ausdruck geben, dessen buchstäblich verstandener 
Wortlaut nicht diesen, sondern einen ganz anderen Sinn ergibt oder 
ergeben würde ; zweitens aber auch eine vorliegende Tatsache oder 
Aussage unter der Voraussetzung, daß sie ein aÜ.rf/OQOviievov, eine 
äXXT]yoQia sei, demgemäß auffassen und deuten, für allegorisch er- 
klären.'*^) Daß das Wort hier den ersteren Sinn habe, ist schon 
darum wahrscheinlich, weil alle alten Übersetzer und Ausleger es 



**) Die Tilgung des durch B D G K L P bezeugten r^i vor stt. in 
N A C erklärt sich aus der Rücksicht auf das artikellose aäoxa oder auch 
aus der Erinnernng an 3, 18 cf 3, 29; 4, 28. 

»°) Gen 15, 2 f.; 16, 2; 17, 1. 17; 18, 9—15, 21, 2: Rm 4, 16-22. 

'^) Da d/j.ryooeiy etymologisch nichts anderes heißt, als „anders" d. h. 
„uneigentlich reden-*, so ist auch die oben zuerst genannte Bedeutung die 
ursprüngliche, häufig mit Objekt „einen Gedanken uneigentlich ausdrücken, 
eine Sache nneigentlich benennen" cf Jos. ant. I prooem, 4 {ahirjETai. neben 
ä)li]yoo£i vom Gesetzgeber Moses im Gegensatz zu «/jtäs tuffapi^eiv); 
Philo de .Jos. 6; Plut. de esu carn. I, 7 p. 996; Clem. paed. I, 15. 45. 47; 
II, 62; Porphyr, de antro Nymph. (bei Wettstein) ä/J.»yopsZf n. Si nirov 
rbv 7toir,ir;i\ Zu der Bedeutung „etwas als Allegorie auffassen, deuten" 
cf Philo de Cher. 8; Plut. de Is. et Osir. 32 p. 363; Clem. protr. 111. Daher 
ä}.).T]yoor,7i\s oder u)lr]yooiaxr,i der alles allegorisch deutende Exeget. Gegen 
solche ' schrieb schon Bischof Nepos (Eus. h. e. VIT, 24) und eiferte Thdr 
zu unserer Stelle. Auch d'/lrjooia geht, obgleich selten, in die zweite 
Bedeutung über z. B. Philo, plant. Noe 9 hiov oh' t.V u/J.r,yopiat: — Die 
Weitschichtigkeit des Begriffs uach seiner gewöhnlichen Fassung zeigt 
besonders Philodemus (1. Jahrh. vor Chr.) de rhetor. ed. Sudhaus 1, 181 : 

diatpowTUi ä' niiT/]!' e/'» etSr] rot' aii'iyfia, 7Tapoifiiat\ etpcoieinr^ WaS aber 

noch lange nicht erschöpfend sei. Cf Tert. Marc. III, 6 und folgende Anm. 



230 Grundlosigkeit und Yerderblichkeit des Abfalls. 

hier so verstanden haben. ^2) Nur so entspricht die hiesige Behand- 
lung von Geschichtstatsachen derjenigen in 1 Kr 10, 1 — 11. Ohne 
die Geschichtlichkeit des im AT Berichteten im geringsten in Frage 
zu stellen, aber auch ohne irgendwie über die richtige Methode der 
Auffassung solcher Ereignisse oder der Auslegung der von ihnen 
handelnden Schriftabschnitte zu reflektiren, findet PI in ihnen Typen 
dessen, was in seiner Gegenwart geschieht (1 Kr 10, 6. 11). Ge- 
wisse äußerliche Ähnlichkeiten dienen ihm als Fingerzeige zur 
Auffindung und Nachweisung der in jenen atl Vorgängen bereits 
zu einer vorläufigen Darstellung gekommenen Ideen und Regeln 
der göttlichen Geschichtsleitung. Nicht weniger, aber auch nicht 
mehr. Versteht man dagegen äXXr^yogelv in dem Sinn von allegorisch 
deuten, so würde gesagt sein : die v. 22 f. erwähnten Tatsachen ge- 
hören zu der Klasse derjenigen, welche Gegenstand allegorischer 
Deutung seien. Will man nicht annehmen, daß PI hiemit sagen 
wollte: diese Tatsachen erfordern eine solche Deutung, was im 
Griechischen schwerlich so ausgedrückt werden könnte, ^^) so müßte 
er sich auf eine herrschende exegetische Tradition berufen haben, 
nach welcher die angeführten Tatsachen allegorisch gedeutet wurden, 
und zwar, wie der Fortgang seiner Rede (alrat ydg eioiv xrA.) 
zeigt, so gedeutet zu werden pflegten, wie er sie im folgenden 
deutet. "Wo aber wäre diese exegetische Tradition zu finden? Es 
bleibt nur die älteste Deutung übrig, gegen welche nicht einge- 
wandt werden kann, daß sie ein Part. perf. oder aor. erfordern 
würde. Es sollte nicht gesagt werden, was Gott vor Zeiten einmal 

*'-) Tert. Marc. V, 4 ,,quae sunt allegoyica'\ id est aliud portendentia, 
gleich darauf: die zahlreiche Christenheit hat an Isaak, wie die jifdische 
Knechtschaft an Israel eine allegorische Vorausdarstellang {allegor iae ha- 
bere sacramentum) cf Marc. III, 5 duo argumenta filiorum Abrahae alle- 
gorice cucurrisse: die Tatsachen seien als Allegorie vor sich gegangen. 
Cf auch monog. 6. — d sunt significajitia, g su>it 2)er allegoriam dicta, so 
auch Abstr, Vict., Hier, (nach Vall. nnr eine Hs dafür quideni sunt alle- 
gorica, so ohne quidem auch Rufin als Übersetzer des Orig. Delarue III, 52), 
Vnlg; femer sunt in allegoria r, Aug. serm. 152, 7; enarr. in ps. 103, s. 1, 13 
mit dem Zusatz: allegoria dicitur, quum aliquid aliud videtiir sonnre in 
verbis et aliud in intellectu significare. Ziemlich ebenso definirt Vict. Ge- 
naueres gibt Aug. trin. Ib, 9, 16 und bemerkt richtig in bezug auf unsere 
Stelle apostolus 7ion in verbis eam reperit, sed in facto. Die Schwierigkeit, 
nriid L d).).. lateinisch wiederzugeben, habe einige Übersetzer zu der Um- 
schreibung veranlaßt: quae sunt aliud ex alio significantia. — S' v. 24 frei: 
„Dies aber sind Parabeln (NnM'rE) von zwei Testamenten, das eine vom 
Berge Sinai" etc. cf Ephr. — Sah. haec vero allegoriae sunt, testamenta 
enim duo sunt. — Von den griech. Auslegern cf Chrjs. i<araxo7]aTii<oje rdv 
rvTiov ixd).eaer dU.ryooiav, besonders aber Tbdr. 

*') In gemeinem Deutsch kann ein rauhes Befehlswort oder Verbot 
in die Form gekleidet werden: „Hier wird nicht gesprochen" oder noch 
kürzer: „stillgestanden"; im Griech. gibt es nichts ähnliches; denn der 
Imperativische Gebrauch des Ind. fut. läßt sich nicht vergleichen. PI hätte 

also schreiben müssen: d).).r,yoor,ria oder Öel dU.rjooeladai. 



c. 4, 21—5, 1. 231 

den Menschen damit gesagt bat, daß er die . erwähnten Ereignisse 
ßo geacheheu oder sie in der Schrift aufzeichnen ließ, Bondern 
welcher Art diese Tatsachen für die gegenwärtige Betrachtung 
sind, was sie uns sagen. Wie die Schrift und Gott durch die 
Schrift unendlich oft als gegenwärtig redend eingeführt wird,"*) 
oder von den zur Zeit des Hebräerbriefs nicht einmal mehr zur 
Anwendung kommenden Einrichtungen des mosaischen Kultus ge- 
sagt wird, daß der hl. Greist durch sie etwas kundtue (Hb 9, 8 
«f 10, 1 ff.), so kann auch von den hier angeführten Tatsachen ge- 
sagt werden, sie gehören zu der Klasse von Tatsachen, in welchen 
das, was sie meinen, einen uneigentlichen, parabolischen Ausdruck 
findet. Zumal in der hier, wo es galt, die für alle Zeiten geltende 
typische Natur der fraglichen Ereignisse zu charakterisiren, passend 
gewählten periphrastischen Konstruktion (cf Kl 2, 23 ; 1,6; 2 Kr 
1^, 12), ist das an sich zeitlose Part, praes. in Verbindung mit 
dem für alle Zeiten, somit auch für die Gegenwart giltigen kaxiv 
unanstößig. PI würde sich freilich nicht so ausdrücken, wenn die 
genannten Tatsachen nicht in Worte gefaßt und berichtet wären; 
aber er sagt doch nicht von den Schriftworten, sondern von den 
Dingen, daß sie noch etwas anderes bedeuten, als was die Worte, 
in welche die Schrift und er selbst so eben sie gefaßt hat, besagen. 
Daß die v. 22 — 23 vorgeführten Personen und Vorgänge eine 
tatsächliche äkkriyoQla oder ein solches alXi^yoQrjfia seien, erläutert 
und bestätigt der mit abrät beginnende, durch einen Zwischensatz 
v. 25 unterbrochene und v. 26 nicht ganz kongruent zu Ende 
geführte Satz. Von den beiden v. 23 erwähnten Frauen — denn 
nur auf diese kann avtac sich beziehen — von der Magd Hagar 
und der freien Sara heißt es „sie sind zwei öiad'ijKat^ . Sie sind 
es natürlich in dem Sinn, in welchem bei Deutung einer ge- 
sprochenen Parabel gesagt wird: „der Acker ist die Welt" 
Mt 13, 38. Der Anknüpfungspunkt für die Vergleichung liegt 
darin, daß, wie Hagar und Sara Mütter zweier Nachkommen- 
schaften Abrahams sind, welche entsprechend der verschiedenen 
Stellung ihrer Mütter und der Art ihrer Erzeugung eine ver- 
schiedene Bestimmung haben und eine verschiedene Stellung in 
der von Gott geleiteten Geschichte einnehmen, so auch die beiden 
Öia^f^xai zwei verschiedenen Gemeinschaften oder Völkern, welche 
ihnen ihre Entstehung verdanken, den Charakter aufprägen. Die 
Vergleichung einer öiaO-ifinrj mit einer Mutter lag dem Hebräer PI 
wie jedem Semiten näher als uns, weil sie das Verhältnis nicht 
nur des Gemeinwesens zu seinen Gliedern, sondern auch der die Ge- 
meinschaft begründenden und zusammenhaltenden Ordnung und ge- 
setzlichen Verfassung zu ihren Untergebenen als das der Mutter zu 

**) Gl 4, 30; Rm 4, 3; 9, 17, auch in raschem Wechsel mit dem Aor 
Gl 3, 16. 



232 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

ihren Kindern vorzustellen und zu benennen pflegten. ^^) Die eine der 
beiden öiaO-i'/Mi ist die vom Berge Sinai, die auf diesem Berge dem 
Moses mitgeteilte und von dorther dem Volke zugekommene. Wie PI 
da, wo er die dem Abr. gegebene Verheißung unter dem Gesichts- 
punkt einer letztwilligen Verfügung über die Güter des Testators 
betrachtete (3, 15 — 4, 7), gänzlich davon absah, daß auch das durch 
Moses dem Volk übermittelte Gesetz eine öia^ijxy] sei (Ex 24, 7 ß. ; 
2 Kr 3, 6 — 16), so sieht er hier von der dort benutzten Bedeutung 
desselben Wortes „Testament" ab. Er betrachtet die Diatheke 
vom Sinai hier lediglich als die Verfügung und Stiftung Gottes, 
wodurch der aus Ägypten ausgewanderte Haufe erst zu einem 
Volk und zwar zu einem Volk, einer Gemeinde Gottes ge- 
worden ist. Sie ist aber eine Mutter auch der nachgeborenen Ge- 
Bchlechter Israels und gibt allen, die unter ihr ins Leben treten, 
was das Verhältnis zu Gott betrifft, ein ihr, der Mutter ent- 
sprechendes Gepräge. Sie ist eine solche dia^i]y.i], welche die 
Kinder, die sie gebiert, eben damit in den Sklaveustand versetzt; 
und darum ist die Magd Hagar ihr Typus. So etwa dürfen wir 
unter Berücksichtigung des zusammengesetzten Eelativs ^*) und, 
was den Sinn von dvac anlangt, nach Analogie von avrai itoiv 
6. ö. das ijris ioilv '^Ayäq wiedergeben. Ehe nun der hiemit 
vollzogenen Vergleichung des einen Bundes mit Hagar die Ver- 
gleichung eines anderen noch nicht näher bezeichneten Bundes mit 
Sara, dem [da \.iiv ein (?') ixiqa 6i gegenübergestellt wird, schiebt 
sich eine weitere Erläuterung oder Bestätigung des ersten Teils 
der Vergleichung zwischenein, deren Verständnis wesentlich von dem 
mannigfaltig überlieferten Text abhängt. Nach der äußeren Be- 
zeugung (s. Exe. II) kann es sich nur fragen, ob hinter zo yciq (denn 
6i kann daneben kaum in Betracht kommen) noch einmal [v. 25] 
^Ayä^ zu lesen ist, oder nicht. Der Text ohne diesen Namen (I) 

»») AG 3, 25 Ol v\o\ .. .rfje Siad-^xrje cf Mt 8, 12; 13, 38 t»7s ßaadeia?. 
Gl 4, 28 tTtayye/.iai: liy.va, lauter echt jüdische Ausdrücke z. B. Tosefta, 
Baba k. Zuckermandel p. 318, 14. 17 f. „Söhne der Thora"; aber auch „des 
Bundes" cf Schlatter, Sprache u. Heimat des 4. Ev S. 123. Bei den Syrern 
HE'p ':: „Söhne des Bundes" = Ordensleute Aphraat. hom. 6. Zu v. 25 f. 
cf die bekannte Bezeichnung der Bewohner Jerusalems oder Zions als 
Söhne und Töchter dieses Orts Jes 3, 17; 4, 4; Ps 149, 2 und zusammen- 
gefaßt als die Tochter Zions. 

'*) Auch hier ist Viin im Unterschied von dem einfachen Relativ in 
den sonst ähnlichen Sätzen Gl 3, 16; 1 Kr 3, 11 zu beachten; denn PI unter- 
scheidet dies durchweg cf Blaß'^ § 293, 4. Es weist auf die Qualität des 
Subjekts, ist aber hier noch viel deutlicher wie oItives 2, 4 (oben S. 88) 
nicht ein quippe qui (quae), „als solche, welche", sondern „welche als solche"; 
denn nicht der Relativsatz enthält ein qualitatives Urteil, aus welchem 
sich die Richtigkeit der Hauptaussage ergibt, sondern umgekehrt die im 
Hauptsatz enthaltene Charakteristik des sinaitischen Bundes durch tk 
Sov'/.eiav yerröjaa rechtfertigt die formelle Identifikation dieser dtad-rjxTj mit 
Hagar d. h. die Deutung der Gestalt der Hagar auf diese biadi^y.rj. 



c. 4, 21—5, 1. 233 

hat an Orig., dessen Zeugnis heute nicht mehr zweifelhaft ist, an 
der ältesten ägyptischen, an allen Gestalten der lat. und an der 
goth. Übersetzung, nicht zum wenigsten auch an dem völligen 
Schweigen des Hier, von einer anderen LA, endlich an X C und 
dem griech.-lat. G Zeugen seines hoben Alters und seiner weiten 
Verbreitung spätestens vom Anfang des 3. Jahrh. an. Der Text 
mit '^-iyaQ (II), welcher in den jüngeren griech. Hss herrschend 
wurde, ist durch S^ S^ und die gesamte antiochenische Tradition, 
durch die jüngere ägyptische Version, aber auch durch ABD statt- 
lich genug bezeugt, steht jedoch hinter I zurück erstens durch 
die Teilung dieser Zeugenreihe in zwei geschichtlich bestimmbare 
Gruppen, deren eine ydo, die andere öe hat, wogegen ganz ver- 
einzelte ähnliche Varianten unter den Zeugen der LA I nicht in 
Betracht kommen; zweitens durch den Mangel an patristischen 
Zeugnissen abgesehen von den an den officiellen Text ihrer Kii'che 
gebundenen antiochenischen und syrischen Exegeten ; drittens da- 
durch, daß in Ägypten wie im Occident die LA II nachweislich 
später auftaucht als I. In Exe. II meine ich wahrscheinlich ge- 
macht zu haben, daß die LA II nach 250 in Ägypten und zwar 
in der Form rb ök '^r/yccg Iivct ogog x.rA. entstanden ist, welche 
ABD treu bewahrt haben, während die Griechen in Antiochien 
und die Nationalsyrer die alte Anknüpfung durch yäg beibehielten 
und nur den Namen '^Jydg sich aneigneten. Die Entscheidung 
hängt schließlich von den Gedanken ab , welche sich aus den 
beiden alten Traditionen ergeben. Da Hagar ein "Weib ist, so 
kann rb "L-Jydg nichts anderes heißen als „das "Wort Hagar" und 
nimmermehr „die Hagar", was die Ausleger der LA II teils gar 
nicht beachtet, teils nicht streng festgehalten haben. ^') Dies begreift 
sich leicht genug; denn, wenn man es mit rb '/Jydg genau nimmt, 
ergibt sich der auf den ersten Blick sinnlose Satz: „Denn das 
"Wort Hagar ist der Berg Sinai in Arabien." Der Erste, der dies 
geschrieben hat, muß sich freilich etwas dabei gedacht haben. Er 
wird iorlv in dem Sinne von „bedeutet" genommen haben und 
damit haben sagen wollen, daß das "Wort njn, welches im AT nur 
als Eigenname der ägyptischen Magd vorkommt, in irgend einer 
Sprache als Name des Berges Sinai bräuchlich sei,^^) Da bei 

'"') Den Syrern verbarg sich dieser Unterschied, weil S^ das rd vor 
'Aydo nicht ausdrückt. Es ist schon nicht mehr genau, wenn Abstr, auf 
den sich Lightf. p. 190 für einen laxeren Gebrauch beruft, bemerkt: causam 
Agar sißnificare dicit Hierusalem terrenam. Das rd hebt immer ein Stück 
der vorliegenden Rede, sei es einen Satz oder ein einzelnes Wort aus dem 
Zusammenhang heraus, ist Citationsformel cf Buttmann, S. 84; ßlaß"^ § 267, 1. 

"*) Einigermaßen vergleichbar wäre Mr 12, 42; 15, 16, sofern die von Mr 
gebrauchten griechischen Benennungen (Uro XeTträ, ailr^ mit den bei den 
Römern üblichen quadrans, praetorium gleichgesetzt werden, was man 
nicht wie Mr 7, 11 {Korhan = Süiooy) eine Übersetzung nennen kann c£ 
Ein! § 53 A 4. 



234 Gruadloäigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

dieser LA und Auffassung Iv t/] l:\qaßi(f nicht eiuD nachtriigücho 
Ortabestiiumung zu 2'o'a uQOi^ sein kann, was %u iv x. \-Jq. er- 
fordern würde, wird die lleiuung die gewesen sein, daß in Arabien, 
d. h. bei den Arabern das Wort Uagar ein Namo des Sinai sei. 
Wahrscheinlich haben Chrys.'*") und die Vielen, die nach ihm den 
Text II so verstanden haben, die ileiuuug dessen, der ihn ge- 
■chaffen hat, getroffen. Und wie irgend ein Gedanke, so muß auch 
irgend etwas tatsächliches diesem Text zu gründe liegen. Wie 
sollte er sonst entstanden sein? Es fehlt nun zwar jedes zuver- 
lässige Zeugnis dafür, daß die Araber den Sinai Hagar oder mit 
einem ähnlichen Namen nennen oder jemals genannt haben. Aber 
es muß doch einmal jemand Anlaß gehabt haben, dies wissen zu 
wollen oder sich einzubilden, l^as Einzige aber, was man bisher 
als denkbaren Anlaß gefunden hat, ist, daß es ein arabisches Wort 
gibt, welches hebräisch "l^n zu schreiben und etwa chndsvhar zu 
sprechen wäre, und welches Fels, Klippe bedeutet.*") Daß der 
Käme Hagar nicht "iJin sondern IJtn geschrieben wird, und nicht 
Fels, sondern wahrscheinlich Flucht bedeutet, ändert gewiß die 
Triftigkeit des Satzes, aber durchaus nicht die Wahrscheinlichkeit, 
daß ein Alexandriner oder ein Syrer, der von diesem arabischen 
Wort gehört und etwa noch sich hatte erzählen lassen, daß die 
Beduinen der Sinaihalbinsel einen der Berggipfel des dortigen Ge- 
birgsstocks den Fels schlechthin nannten, daraufhin der allegorischen 
Erörterung des PI glaubte nachhelfen zu müssen, indem er in v. 25 
noch einmal den Namen \-lyccQ einschob ! Undenkbar ist nur, daß 
PI oder irgend ein selbständig arbeitender Schriftsteller den Text II 
geschrieben haben sollte. Den einzigen Gedanken, den eine nach- 
sichtige Exegese ihm entlocken kann, würde ein solcher verständ- 
licher ausgedruckt haben. Wenn noch statt Iv rfi ^'Iqaßicf. dastünde 
naQo. toig ''Agaipiv oder vno tüjv ii/QäßoJv oder dc^aßioti, ob- 
wohl auch dies noch höchst wunderlich geredet wäre. Natürlich 
•wäre nur ein Ausdruck, wie %o yccQ l'iva Ügog %f] zwv TttQLOixovvTUJV 
(oder \lQdßojv) yluhaarj ''Ayaq y.altlvat, oder umgekehrt zb yag 
'yfyccQ -/.ctTa zijv züiv kjiLXwqiwv öidXf/.TOV to Iiva üqoq ornxaivev^^) 

*") Dieser schreibt nach Anführung des Textes II und der Bemerkung, 
daO Hagar der Name der Magd war: tö bi Eii>ä ovtoj fiei'hofirivtverai. rfj 
tTiiXojoiiif aixöjr ylutn;^. Bei gleichem Text haben Ephr., Thdr und Thdrt 
nichts davon. 

*") Cf besonders den Excurs von Lightf. p. 190 ff.; Gesen. thes. s. v. 
»■JH. Es bleibt sonderbar, daß beide Targume Gen 16, 7, Onkelos auch 
Ifi, 14 in der Geschichte Hagar's den Stadtnamen H-\in an Stelle anderer 
hehr. Namen setzen. 

*»j Cf Jo 5, 2; 19, 31; AG 1, 19; 1.3, 8 cf N. kirchl. Ztschr. 1904 S. 196. 
Mannigfaltigste Formen für derartige Bemerkungen bietet Josephos, ge- 
legentlich auch eine Entschuldigung wegen nicht genauer Ül»ereiu.-5timmung 
zwischen der etymologischen Deutung und der landesüblichca Ausüpracke 
eines Namens belL IV, 1. 1 



c. 4, 21— B, 1. 235 

Aber auch des bo unverständlich ausgedrückten Gedankens kann 
man den PI nicht für fähig lialten. Daß Hagar ein Typus des 
vom Sinai her verkündeten Bundes sei, hatte er behauptet und 
insofern bereits begründet, als er von diesem Bund gesagt hat, er 
gebäre in Knechtschaft hinein, er sei eine Mutter von Knechten, 
wie die Magd Hagar eine Mutter von Knechten war. Diese auf 
die geschichtliche Stellung Hagars einerseits und auf die bereits 
4, 1 — 9 entwickelte theologische Beurteilung des mos. Gesetzes 
andrerseits gegründete Aussage hätte PI hinterdrein durch eine ge- 
lehrt aussehende philologische Erklärung des Namens Hagar be- 
gründet, welche, wenn sie richtig wäre, ein Scheinbeweis für etwas 
ganz anderes sein würde, nämlich nicht dafür, daß Hagar ein 
Typus des sinaitischen Bundes sei, sondern dafür, daß sie ein 
Typus des Berges Sinai sei. Man kennt die albernen Etymologien 
hebräischer Namen, die von Philo zu den Kirchenvätern sich fort- 
geerbt haben, sucht aber bei PI vergeblich nach einer Andeutung 
von solchen. ^^) So wird ihm diese unfruchtbare Spielei'ei auch erst 
sehr nachträglich von einem alexandrinischen Gelehrten des 3, Jahr- 
hunderts aufgebürdet sein. PI selbst schrieb v. 25 zb yccQ Iivä 
OQOg eorlv Iv rf] l/oaßi(^:^^) „Der Berg Sinai liegt nämlich in 
Arabien." So ist zu übersetzen und nicht „der Sinai ist ein Berg 
in Arabien". Denn daß der Sinai ein Berg sei, würde der Leser, 
der es noch nicht wußte, schon aus v. 24 zur Genüge erfahren 
haben, obwohl auch dort nicht zum Zweck dieser Belehrung, 
sondern im Anschluß an den atl Ausdruck 'J'D "in, welcher in fast 
zu einem Teil des Namens macht, oQOvg Eivd geschrieben war.**) 
Daß diesmal Iivä vor OQOg gerückt ist, stellt diesen Berg in 

**) Auch Hagar deutet Philo leg. alleg. III. 87; sacrif. Ab. lü etymo- 
logisch = Ttaooiy.rjair., was Clem. str. I, 31 ans Philo sich aneignet; Hier, 
zu unserer Stelle p. 472. DaO in den Onoinastika Hagar und Sina in keine 
philologische Beziehung zu einander gesetzt werden, bestätigt, daß diese 
Kombination erst nach Orig. in den Gl eingedrungen ist. Die allegorischen 
Deutungen der Hagar bei Philo (s. Siegfried, Philo v. AI. Index und Lightf. 
p. 19.Tf.) haben mit der Geschichte und mit der Religion gfleich wenig zu 
schaffen und darum anch mit Gl 4, 22—26 kaum eine Berührung. 

*») So entschieden sich Bentley (EUies, Bentlei Grit, sacra p. 108 
anders früher in dem Sendschreiben an Mill 1. 1. p. 45); Bengel, Lachmann, 
Tiscbendorf, Westcott entschiedener als sein Mitarbeiter Hort, append. p. 121, 
von den Auslegern z. B. Lightf., Hofmann. 

") Ex 19, 11. 18. 20. 23; 24, 16; 31, 18 LXX rd dooi rb (dies öfter in 
A ausgelassen) Itvd, Ex 19, 16 (im hebr. nur inn); Neh 9, 13 ooo^ Eivd. 
Cf das häufige Berg Zion, bei Jos. von aut. Il'l2, 1 an regelmäßig tö 
l'ivatoi' uoo; cf tö IJip.tof ooo^ oder bei uns Kiesengebirge. Zum Wechsel 
der Wortfolge in v. 24 u. 25 cf Mt 2, 1 n. 3 Bd 1*, 89 und zur Betonung 
von ~iin durch die Voranstellang Hb 12, 22 l'itbv dpo^ im Gegensatz zu 
dem nur nicht mit Namen genannten Berg der Gesetzgebung 12, 20. Über 
Arabien oben S. 64 A:.75. Dali der .ludenfeiml Apion bei .Tos. c. Ap. II, 2 
den Sinai zwischen Ägypten und Arabien legt, also nicht zu Arabien 
rechnet, tut nichts zur Sache. 



236 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

Gegensatz zu anderen Bergen oder einem anderen Berg; und daß 
dabei an Zion zu denken ist, zeigt der Fortgang der Rede (A 44). 
Aus demselben Gegensatz wird dann auch das iv zf] y/gaßla zu 
verstehen sein. Daß Hagar nach Arabien geflohen sei, konnte PI 
um 80 weniger bei den Lesern stillschweigend als bekannt voraus- 
setzen, als es im AT Gen 16, 7 — 14 jedenfalls für den Ungelehrten 
nicht deutlich gesagt war; und ebensowenig, daß Hagar eine 
Stammmutter arabischer Stämme war (Gen 25, 12 fF.; Baruch 3, 23). 
Beides mußte ausgesprochen werden, wenn es dazu dienen sollte, 
das typische Verhältnis zwischen Hagar und dem Sinaibund zu 
bestätigen und konnte nicht durch eine Angabe über die Lage des 
Sinaiberges ersetzt werden. Dahingegen konnte PI bei den Gal. 
als Bibellesern (v. 21) Kenntnis davon voraussetzen, daß die dem 
Abr. und seinem Geschlecht gewordene Verheißung, von der er 
3, 8 — 4, 7 so mancherlei gesagt hatte, vor allem auch auf den 
Besitz Palästinas lautete. Daß nicht allen leiblichen Nachkommen 
Abr. 's diese Verheißung gelte, daß vielmehr ein in Christus zu- 
sammengefaßtes und durch besondere Charakterzüge von der Masse 
der Abrahamssöhne unterschiedenes Geschlecht der Erbe sei, war 
ausführlich dargelegt worden. Dieser Gegensatz ist 4, 22 — 23 
aufs neue zur Sprache gebracht. Auch die Vergleichung des nur 
durch fleischliche Abstammung mit Abr. verbundenen Sohnes der 
Hagar mit den Untertanen des mos. Gesetzes v. 24 ist Wiederauf- 
nahme der Gedanken von 3, 19 — 4, 7, wo gezeigt wurde, daß das 
Gesetz nicht die Erfüllung der Verheißung gebracht habe, weil 
der Erbe, der die verheißenen Güter empfangen sollte, in ge- 
wissem Sinn noch gar nicht vorhanden, in anderem Sinn für den 
Antritt der Erbschaft noch nicht reif war. In diesem Zusammen- 
hang konnten die Leser den Satz „der Sinai liegt in Arabien" 
nicht als eine belanglose geographische Belehrung verstehen, sondern 
nur als eine Charakteristik des Orts der Gesetzgebung im Gegen- 
satz zu dem Ort, auf welchen die Verheißung abzielt. Nicht im 
verheißenen Lande, sondern in der arabischen Wüste, welche Israel 
von Kanaan trennte, ist das Gesetz gegeben worden. Damit ist 
auch gegeben, daß die sinaitische Diatheke nicht die Erfüllung 
der Verheißung gebracht hat, die dem freien Sohn der Verheißung 
galt, daß sie vielmehr ihre Untertanen zu Knechten macht. So 
verstanden begründet v. 25=* das eig öovXelav yevvwoa von v. 24 
und rechtfertigt die auf diesen Charakter der sinaitischen Diatheke 
gegründete Gleichsetzung derselben mit der Magd Hagar d. h. die 
Worte r'jig laziv '^yocQ. Ist von der ungenügend bezeugten LA 
(fj) avvavoixovoa jf^ vCv '^leq. abzusehen (Exe. II) und ovvoxOL%el 
Ök xt/.. zu lesen, so kann man auch nicht, wie die Urheber jener 
LA es meinten, hierin eine Fortsetzung des Satzes j'^rig iarlv t^ydg 
finden und das Dazwischenstehende als Parenthese fassen. Denn 



c. 4, 21—5, 1. 237 

das Subjekt jenes Sätzchens ist ja nicht ^lyaQ, sondern das von 
(.lia fikv {öiaO-i^xij) abhängige ijrig. Es wäre also von der sinaitischen 
Diatheke gesagt, daß sie erstens Hagar sei, daß sie aber zweitens mit 
dem gegenwärtigen Jerusalem auf gleicher Linie liege, ein Satz, 
welchem man auch durch die unstatthaften Deutungen von GworoL^el 
durch consunat, comparatiir (Exe. II), ioodvvaf.iü (Thdr), „gleicht" 
(S^) nicht zu einem Sinn verhelfen kann. Denn wie sollte in 
einem einzigen Satz von der sinaitischen Diatheke gesagt sein, daß 
sie an Hagav ihren Typus habe und daß sie ein Gleichnis des 
gegenwärtigen Jerusalems sei , ganz abgesehen davon , daß die 
zweite Vergleichung nicht durch ein öi, höchstens durch ein de 
•Atti an die erste angeschlossen werden konnte. Da ovvoz. — '^leq. 
ebenso wie zo yctq I. — ^^Iq. von Ortlichkeiten und räumlichen 
Verhältnissen sagt, gleichviel wie uneigentlich sie gemeint sein 
mögen, so ist klar, daß der mit ro yaq iLvd begonnene Satz sich 
hier fortsetzt. Das wäre freilich unmögUch .bei der LA ro yaq 
(oder de) ^.-lydq, denn von dem "Wort oder Namen Hagar ließe 
sich ein räumlich vorzustellendes Verhältnis zu der Stadt Jerusalem 
allerdings nicht aussagen, was aber nur einen neuen Beweis gegen 
die LA II bildet. Nach dem richtigen Text ist vielmehr von dem 
Sinaiberg gesagt, daß er in Arabien liegt, andrerseits aber in einer 
Reihe steht, in gleicher Linie liegt mit dem gegenwärtigen 
Jerusalem. "Wer die Hauptstadt Palästinas f^ vvv %qovaakr^u *^) 
nennt, weiß von einem zukünftigen Jerusalem, von einem noch 
nicht in der sichtbaren "Welt erschienenen "Wohnsitz Gottes und 
Beiner Gemeinde.*") Im Anschluß an die Propheten und Psalmisten, 
welche den Abstand zwischen dem wirklichen Jerusalem und Zion 
von einer wahren Verwirklichung ihrer Idee vor wie nach der 
Zerstörung und dem "Wiederaufbau Jerusalems lebhaft empfanden 
und auf eine zukünftige Herstellung des idealen Zustandes hofften, 
ist dieser Gedanke in der apostolischen Christenheit gepflegt, zu- 
gleich aber dahin ergänzt worden, daß diese zukünftige "Wohnstätte 

**) Daß PI hier nicht wie 1, 17 f.; 2, 1 "leooaölvfia, sondern zweimal 
die hebr. Form 'Isoovauhiu gebraucht, die ihm überhaupt die geläufigere 
ist (Rm 15, 19. 25. 26. 31 ; 1 Kr 16, 3), vergleicht sich äußerlich mit dem 
Wechsel zwischen THtqos und Kr,(fäi (oben S. 70f.), erklärt sich aber daraus, 
daß es sich dort um prosaische Angabe eines Reiseziels, hier um eine theo- 
logische Betrachtang hohen Stils handelt, wofür dem Hebräer PI die „beilige 
Sprache" angemessener schien, als die hellenisirte Form cf Einl § 56 A 9. 

*«) Cf Hb 11, 10. 16; 12, 22 ff.; 13, U; Ap 3, 12; 20, 9; 21, 2—22, 7; 
Phl 3, 20 cf Einl § 3 A 9. Was bei Weber S. 374 ff. 404; Lightfoot, Opp. 
II, 133; Schoettgen I, 1205—1248 (de Hieros. caelesti), Wettstein z. St. an 
jüdischen Vorstellungen von einem himmlischen und zukünftigen Jerus. zu 
linden ist, bedürfte einer Sichtung und chronologischen Sonderung. Jeden- 
falls fehlt dort jedes Analogen zu den Grundlagen, auf welchen die ntl 
Anschauung von der Stadt im Himmel beruht. [Syr. Baruch 4, 1—6; 
Schürer, Gesch. d. jüd. V IP 536.] 



838 Grundlosigkeit uud Verderblicbkeit des Abfalls. 

der mit ihrem Gott geeinigten Gemeinde doch schon eine gegen- 
wärtige Wirklichkeit besitze im Himmel, wohin der auferstandene 
Christus erhöht ist, wohin ihm die vor der Vollendung des Heila 
dahinsterbenden Erlösten folgen , und von wo er mit diesen zu 
seiner Gemeinde auf Erden zurückkehren wird. Daher kann der 
Gegensatz zwischen dem gegenwärtigen und dem zukünftigen Jer. mit 
dem des oberen und des unteren Jer. wechseln, wie hier. [v. 26] 
Das obere Jer. ist auch das zukünftige ; denn mit dem wieder- 
kehrenden Christus wird es herniederkonimen. Die Stadt ist aber 
iu diesem symbolischen Gedankenkreis stets mit Einschluß ihrer 
Einwohner und Bürger gedacht, nicht als leere Örtlichkeit, sondern 
als örtlich begrenztes Gemeinwesen; Jer. und Zion sind geradezu 
symbolische Namen der Gemeinde selbst, eine Übertragung, welche 
auch den ungebildeten Heidenchristen griechischer Zunge ihr Ge- 
brauch von rro'Afg, Tcohixr^g, noXireia, ■rcoXirevf.ia leicht genug ver- 
ständlich machte. Damit ist aber auch gegeben, daß das obere 
Jer, ebensowenig schlechthin überirdisch , wie das zukünftige 
schlechthin noch nicht gegenwärtig ist. Die als Stadt vorgestellte 
Gemeinde hat ihren Schwerpunkt im Himmel, wo ihr Haupt und 
ihre aus diesem Leben geschiedenen Glieder sind. Aber zu diesem 
himmlischen Gemeinwesen gehören auch die auf Erden lebenden 
Gemeindeglieder; von oben her strömen die Kräfte, welche sie 
immer neu erzeugen und erhalten. Kehren wir nach diesem Vor- 
griff, welchen der formell ungenaue, sachlich wohlberechtigte 
Gegensatz von 7; vvv und fj ävco 'leg. v. 26 notwendig machte, 
zu V. 25 zurück, so bedarf es keines Beweises, daß avOTOixslif 
hier so wenig wie irgendwo „angrenzen" (Hier, conicrmmus, 
conßnis s. mehr Exe. 11) heißt, sondern in einer Reihe mit 
einem andern stehen oder schreiten, auf gleicher Linie liegen, 
stehen oder sich bewegen.*') Dies kann hier nur sinnlicher Aus- 
druck eines ideellen Verhältnisses sein. Der Ort der Gesetzgebung 
gehört derselben Stufe oder Schicht der Weltentwicklung an wie 

*■) oToT/os ist die Reihe, welche die hinter einander, aber auch die neben 
einander in Reih und Glied aufgestellten Soldaten oder Chortänzer bilden, 
die Linie, dann anch die ,.aus einzelnen Mauersteinen oder Ziegeln einer 
gewissen Dicke gebildete horizontale Schicht" (Diels S. 66, auch S. 62 s. 
oben S. 197 A 75). Daher aTot/s?v c. dat. in einer Reihe stehen hinter 
seinem Vordermann, aber auch mit seinem Nebenmann (Pollux 8, 105) und, 
übertragen, sich der Meinung eines andern anschließen (Polyb. 28, 5, 6). 
Wesentlich ebenso ovoTor/tiv. Die Grundbedeutung von atoi/oi, die auch 
auf den Gebrauch von axoi/^Bia = Buchstaben nach ihrer festen Ordnung im 
Alphabet, y-aia oToi/Eiov = „in alphabetischer Ordnung" zu Tage liegt, wird 
auch in aroToi/oi (Diels S. 58 rä. ovaxoi/a rovxois bei Aristoteles „die in 
dieselbe Reihe oder Kategorie gehörigen Dinge") und avaxoi./eip festgehalten. 
Eine bloße Ähnlichkeit oder typische Kongruenz ganz verschiedenen Gat- 
tungen angehöriger Dinge oder ein räumliches Aneinanderstoßen zweier 
Gegenstände, wodurch keine Reihe gebildet wird, bezeichnen die Worte nicht» 



c. 4, 21—5, 1. 230- 

dae gegenwärtige Jer., die Metropole des jüdischen Volks, und 
nicht der höheren Stufe, auf welcher das zukünftige und schon 
jetzt im Himmel befindliche Jer. steht. Diese Ergänzung des 
durch tö yuQ ^ivd begonnenen Satzes ist passend durch de ein- 
geleitet, weil sie zwar den Gedanken, daß der Sinai wegen seiner 
Lage in Arabien nicht der Ort der Erfüllung der Verheißung sein 
könne, verstärkt, aber doch formell und materiell sehr von diesem 
verschieden ist. Formell, weil der vorige Satz wirklich eine 
Ortslage angibt, ovoTOi%ü dagegen von vornherein bildlicher Aus- 
druck für ein ideelles Verhältnis ist; materiell aber, weil der 
dort nur angedeutete Gegensatz des in Arabien gelegenen Sinai zu 
einem andern Berge (oben S. 236) nicht etwa deutlicher ausgeführt, 
sondern in gewissem Sinne aufgehoben wird. Während man er- 
warten sollte, daß dem Berg in Arabien der im verheißnen Lande 
gelegene Zion als die Stätte gegenübertrete, wo die Verheißung 
sich erfüllen sollte und erfüllt bat, heißt es vielmehr, daß der 
Sinai auf der gleichen Stufe der TJnvoUkommenheit mit dem 
irdischen Jer. stehe, womit auch umgekehrt gesagt ist, daß das 
irdische Jer. und die jüdische Volksgemeinde, deren repräsentative 
Metropolis Jer. ist, auf der gleichen Stufe der Unvollkommenheifc 
steht, wie der Berg der Gesetzgebung. Und daß es dem Fl um 
diesen letzteren Gedanken vor allem zu tun war, zeigt das folgende 
öovXivu yctQ xtÄ. Da das durch avoror/el ausgedrückte Ver- 
hältnis nach dem Begriff dieses Wortes ein gegenseitiges ist, konnte 
PI sich erlauben, fortzufahren, als ob er geschrieben hätte avoroixsi 
ÖS ai-Tö) {tGj oqsi Iivä) fj vvv ^eg.*^) Denn daß zu öovlev€L yctQ 
f.iera rCov rsy.vwv aixr^g nichts anderes als das gegenwärtige Jer. 
Subjekt sein kann, liegt auf der Hand, gleichviel welche LA 
man annimmt. Denn avzf^g verbietet die Weitergeltung des neu- 
trischen Subjekts der beiden vorigen Verba lar/r und ovOTOiXSl, 
und selbst wenn man t6 yctQ 2". — rf] vvv 'l€Q. als Parenthese 
fassen, und aus rjrig ioxlv '^Aydq ein Subjekt zu ^ovXevel ergänzen 
wollte, ergäbe sich entweder der Satz, daß die sinaitische Diatheke, 
welche an Hagar ihren Typus hat, oder daß die längst ver- 
storbene Hagar selbst mit ihren Kindern sich im Knechtsstand 
befinde. Letzteres wäre absurd und, was Hagar und Ismaels 
Nachkommen betrifft, handgreiflich unwahr ; ersteres aber nicht 
minder absurd, da die Diatheke durch ihre strengen Satzungen 
wohl andere knechtet und Knechte gebiert, aber selbst keine 
Sklavin ist. Überdies beweist der gegensätzliche Übergang 17 Sk 

**) Wenn so geschrieben wäre, brauchte man sich nicht, wie jetzt, 
mit Recht, darüber zu wundem, daß nicht ein auf t/J vvv 'Isp. zurückweisen- 
des Tjris oder nirr] yäo Öovkevei den Übergang von dem Subjekt von ovi-- 
(Ttoi/ei zu dera neuen Subjekt von doi'/.avst markirt. Man muß dem id'io>- 
rr^s rrö ).öy<o^ dl).' oi rfj yv(basi 2 Kr 11, 6 in Solchen Dingen, zumal in 
diesem frühzeitigen Brief solche stilistische Mängel zn gut halten. 



240 (tnmdlosigkeit und Vorderblichkeit des Abfallb. 

äy(o '/(Q. V. 26, daß der unmittelbar vorangehoude Satz von dem 
niederen und gegenwärtigen .lor. gehandelt hat. Dieses d. h. die 
jüdische Volksgeraeinde mit ihren einzelneu, als deren Kinder vor- 
gestellten i^Iitgliedern befindet sich in Knechtschaft. Dabei ist 
nicht an die politische Al)hiint,ngkeit dos jüdischen Volks von den 
Römern und den von diesen aufgedrungenen Fürsten aus edo- 
mitischem Geschlecht zu denken, denn diese Knechtschaft hat 
nichts mit der mos. Diatheke zu schaffen und bildet keinen Gegen- 
satz zu der Freiheit der Kinder des oberen .Ter., sondern an die 
Knechtschaft, in welche die mos. Diatheke alle unter ihr Geborenen 
hineingeboren hat (v. 24), und an alle die Unfreiheit, welche die 
Abrahamssöhne, die nichts weiter als dies sind, mit den andern 
llenschen gemein haben und von welcher die sinaitische Diatheke 
sie nicht befreien konnte (3, 21 f., 4, 1 cf Jo 8, 31 — 36). Befreit 
von all dieser Knechtschaft sind nur diejenigen Abrahamssöhne, 
welche sich durch Christus aus der Knechtschaft unter dem Gesetz 
haben befreien und durch den Geist Christi zu freien Söhnen und 
Erben Gottes haben machen lassen cf 4, 4 — 7; 3, 13 f.; 2, 19 f. 
Ohne daß der Gedanke dadurch ernstlich verdunkelt würde, hat 
sich in dem den v. 24 begründenden und erläuternden v. 25 eine 
Verschiebung der begonnenen Vergleichuug vollzogen. Dort war 
die mos. Diatheke, welche an Hagar ihren Typus hat, als die 
Mutter vorgestellt, welche ihre Kinder, die Israeliten, als Knechte 
gebiert; hier ist es die der Diatheke unterstellte jüdische Volks- 
gemeinde, welche in wesentlich das gleiche Verhältnis zu ihren 
Mitgliedern gestellt wird. Diese letztere Vergleichuug ist insofern 
natürlicher, als die durch die Jahrhunderte fortlebende Gemeinde 
nicht nur früher da ist, als die einzelnen ins Leben tretenden und 
wieder aus demselben scheidenden Individuen, aus welchen sie je- 
weilen besteht, sondern diese auch wirklich aus sich hervorbringt, 
wie die Mutter ihre Kinder. Dazu kommt, daß die jüdische Ge- 
meinde vermöge ihrer Gebundenheit an die Diatheke auch selbst 
eine öovXrj ist, was von der Diatheke natürlich nicht gesagt werden 
konnte. Ohne daß nun die Gleichung Hagar = i] vvv 'leg. ausge- 
sprochen würde, wird doch durch diese Verschiebung der Gedanke 
von V. 24 nach einer Richtung ergänzt, welche bei der Gleichung 
Hagar = sinaitische Diatheke nicht eingeschlagen werden konnte : 
nicht nur die einzelnen Juden, sondern die ganze jüdische Volks- 
gemeinde samt allen ihren Gliedern und aufeinanderfolgenden 
Generationen befindet sich im Knechtszustand, Da einmal diese Ver- 
schiebung vollzogen ist, welche überdies durch den atl Gebrauch von 
Jer. und Zion (oben S. 232 A 35) nahegelegt war, beharrt PI auch 
V. 26 bei dem neuen Gleichnis, anstatt dem [j^la /.dv (sc. öia-O-^Tcrj) 
ärto oQOvg Iivd v. 24 nun ein entsprechendes iriga öl (sc. diadi]ycrj) 
<i/T* oigavoC folgen zu lassen cf Hb 12, 23, 25, welche durch Sara 



c. 4, 21-5, 1 241 

typisch dargestellt ist, wie jene darch Hagar. Statt deesen stellt 
er dem gegenwärtigen und irdischen Jer. mit seinen Kindern das 
droben befindliche Jer. gegenüber d. h., wie bereits oben S. 238 
ausgeführt wurde, die ntl Gemeinde, die ihr sie einigendes Haupt, 
il\re dahingeschiedenen Glieder, ihren Schwerpunkt und ihren Lebens- 
quell im Himmel hat. Eben dadurch ist verbürgt, daß sie von 
dieser Welt, ihren Stoffen und den in ihr geltenden Ordnungen unab- 
hängig, daß sie frei ist in demselben umfassenden Sinn, in welchem 
das irdische Jer. in Knechtschaft ist cf 1, 4; 4, 3 f. Ehe nun aus- 
gesprochen wird, daß sie diese Freiheit ebenso, wie die jüdische 
(lemeinde ihre Knechtschaft, ihren Kindern mitteilt, sagt PI mit 
i'^ttg tüTiv ii>J>]Q >]iuüv, daß es dem oberen Jer., welches frei ist, 
nicht an Kindern auf Erden fehlt und wer diese sind.*^) Vor 
\fxüjv ist TiävTLüv in so früher Zeit gelesen worden, daß man ge- 
neigt sein möchte, es für ursprünglich zu halten, wenn sich nur 
irgend erklären ließe, wie es aus den verschiedensten Zweigen 
ältester Tradition habe verschwinden können (s. Exe. II). Nie- 
mand konnte daran Anstoß nehmen ; denn nach den Ausführungen 
von 3, 5 an, angesichts von Stellen, wie 3, 26 — 29; 4, 6 und 
sofort wieder v. 28 konnte niemand bezweifeln, daß PI in diesem 
Satz, welcher nichts auf die jüdischen Christen allein Zutreffendes 
enthält, sich mit allen Christen in ein „wir" zusammenfasse. Das 
folgende Citat, welches von der Vielheit der Kinder des oberen 
Jer.'s sagt, und der Gegensatz der überweltlichen und internatio- 
nalen christlichen Gemeinde zu der national beschränkten jüdischen 
Gemeinde legte es nahe, das TtävTiov zuzusetzen, welches der 
Meinung des PI entspricht. Aber gerade, weil er die darin aus- 
gedrückte Wahrheit bereits eingehend entwickelt hat, braucht er 
sie hier nicht noch einmal auszusprechen. Es genügt ihm, der 
Gemeinde des Gesetzes und des irdischen Jer., aus welcher die 
jüdisch geborenen Christen innerlich ausgeschieden sind, die himm- 
lische Gemeinde gegenüberzustellen, welche mit den Christen aus 
Israel auch die christgläubigen Heiden umschließt, eine Mutter 
der einen wie der andern ist. Da v. 26'' nichts weiter gesagt ist, 
als daß das überweltliche und darum freie Jer. eine Mutter der 
Christen sei, so kann auch das v. 27 angeführte Wort aus Jes. 
54, 1 nur diesen Gedanken als schriftgemäß erweisen wollen.^*') 

*•) Auch hier behauptet im im Unterschied von /, seine Bedeutung 
(oben S. 232 A 36) und ebenso wie v. 24 weist es auf die vorher genannte 
Eigenschaft des oberen Jer.'s und nicht auf dessen Eigenschaft als Mutter 
der Christen, vollends nicht in dem Sinn, als ob die Freiheit des oberen 
Jer.'s, die sich aus ihrer Überweltlichkeit ergibt, durch die gar noch nicht 
ausgesagte Freiheit seiner Kinder begründet würde, welche vielmehr auf 
der Freiheit der Mutter beruht, wie die Knechtung der Kinder des niedern 
Jer.'s auf der Knechtung dieses. 

*") PI citirt genau nach LXX (cod. BA), welche hier das Objekt zu 

Zahn, Galaterbrief. 3. Aufl. 16 



242 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

Er bildet samt seinem Scliriftbeweis einen Gegensatz zu dorn für 
Judaisten naheliegenden Gedanken, daß eine Stadt in den "Wolken 
ein unwirkliches Phantom, eine bloße Idee ohne Wirkung auf die 
Menschen auf Erden, ohn^ Leben erzeugende Kraft sei. An das 
irdische .Ter., an das jüdische Volkstum klammerten sie sich an, 
wollten nur eine solche Ausbreitung des Ev gelten lassen, welche 
/Aigleich eine Ausbreitung des Judentums und eine, wenngleich 
künstliche, Vermehrung des jüdischen Volks Fei, wogegen sie die 
3Iissionsarbeit eines PI, der gleichfalls behauptete, dem Abr. 
gleichsam aus Steinen Kinder zu erwecken (Mt 3, 9), für eitel 
Blendwerk, für eine zu nichts führende Phantasterei erklärten (2, 2). 
Dem gegenüber war es am Platz, an Jes 54, 1 zu erinnern. Zion 
oder Jerusalem, die israelitische Gemeinde, die sich selbst wie ein 
von ihrem Eheherrn Jahve verstoßenes, der Hoffnung auf Kinder- 
segen beraubtes "Weib vorkam (Jes. 49, 14. 21 ; 50, 1; 54, 6), soll 
in der Endzeit wieder erleben, was Abraham und Sara erlebten 
(51, 2); wider alle natürliche Erwartung, durch ein Wunder der 
Gnade Gottes sollen ihr Kinder ohne Zahl geschenkt werden, daß 
Stadt und Land ihnen zu enf.'e werden (Jes 49, 19 fF.; 54, 2 — 5)» 
Im Blick auf diese wunderbare Wiederherstellung, aus welcher 
wie aus der Sintflut eine neue Welt (Jes 54, 9), eine erneuerte 
Gemeinde hervorgehen soll, an welcher auch die Heidenvölker einen 
Anteil haben (Jes 42, 6 ; 49, 6 ; 55, 5 ; 56, 3 ; 60, 3), wird Jerusalem 
zugerufen, ohne daß es einer Nennung ihres Namens bedürfte: 
„Jauchze, du Unfruchtbare, die nicht geboren hat, brich aus in 
Jauchzen und frohlocke, die nicht in Geburtswehen gelegen hat; 
denn zahlreicher sind die Kinder der Vereinsamten als die Kinder 
der Verehelichten." Mehr als dies entnimmt PI dem Zusammenhang 
der citirten AVeispagung hier nicht, wie manches dort zu lesen 
war, was seine Anschauung von dem Unterschied der jüdischen 
Volksgemeinde und der von Gott durch Christus hergestellten 
neuen Gemeinde ins Licht zu stellen, geeignet war.*^') Das Eine 
genügt ihm, daß nach der Weissagung die Gemeinde der Endzeit, 
wie Sara, in einer aller menschlichen Erwartung widersprechenden 
und sie überbietenden Weise eine kinderreiche Mutter werden 
sollte, reicher an Kindern als das Israel „nach dem Fleisch" (1 Kr 

()fi^ov (n:n, Jes 49, 13; 52, 9 tvtft)oavvT]v) unüberaetzt Läßt. Das klassische 
(tf,iai (foyin^r, seine Stimme hervorbrerhen, laut ertönen lassen, Job 6, 5 
vom Brüllen des Ochsen. Wahrscheinlich ist jedoch kein bestimmtes Ob- 
jekt zu ergänzen, sondern das Act., wie klass. besonders ^Qoo>yn und wie 
unser „ausbrechen", intrans. zu fassen. 

'^*) Besonders nahe geleirf-n hätte ein Hinweis auf Jes 55, 3, die Er- 
neuerung der „zuverlässigen Gnaden Davids" durch eine zukünftige, ewige 
Diatheke. Die alte Kirche (11 Clem. ad Cor. 2; Just. apol. 1. 53; Novat. 
<Pgeudoor.> tract. 3 p. 26 in gleichem Text und Umfang wie PI) bezog das 
Citat auf die Berufung der Heiden, [Wunsch, Biblioth. rabb. S. 254 f.] 



c. 4, 21—5, 1. 243 

10, 18). Daß dies aber in der Gegenwart zur Wahrheit zu werden 
wenigstens angefangen habe, zeigt der Hinweis auf die zumeist aus 
dem Heidentum hergekommenen Gal., welche jetzt Abr.'s Geschlecht 
sind (3, 29), aber offenbar nicht nach dem Modell Ismaels, eondern 
nach dem des Isaak, also Verheißungskinder [v. 28] cf v. 23; 
3, 29. PI hätte sich und die jüdischen Christen hier ebenso wie 
V. 26 und 31 miteinschließen können,^-) denn sie sind nicht ver- 
möge ihrer leiblichen Abstammung von Abr., sondern vermöge 
einer aus der himmlischen "Welt auf sie geschehenen, wunderbaren 
Wirkung Söhne des oberen Jer. geworden. Aber schlagender als 
ein Hinweis auf das kleine Häuflein von Christen aus Israel (Rm 
9, 29 ; 11, 4), war der auf die wunderbaren Erfolge der Predigt 
unter den Heiden (Gl 2, 7 — 8). Das hier sehr wirksam wieder 
eintretende äöelcpoL (cf 4, 12 und dagegen 4, 21) erinnert jedoch 
daran, daß die Gal. ohne Unterschied Brüder der christgläubigen 
Israeliten und beide Kinder einer Mutter sind. Der Unterschied 
ihrer Abstammung und Vorgeschichte kann daher im folgenden 
unberücksichtigt bleiben. Im Gegensatz zu dem Glück, dessen 
alle Christen sich freuen dürfen, daß sie auf der durch den Namen 
Isaaks bezeichneten Linie stehen, oder dem von der Verheißung 
gemeinten Geschlecht Abr.'s angehören (cf Gen 21, 12), wii'd v. 29 
mit einem &ll.d zu etwas unerfreulichem übergegangen, was mit 
dieser gesegneten Stellung verbunden ist: „aber wie damals der 
nach dem Fleisch Erzeugte den nach dem Geist (Erzeugten) ver- 
folgte, so auch jetzt". Der für die Art der Erzeugung Isaaks 
diesmal anders als v. 23 gewählte Ausdruck war nahegelegt durch 
die Absicht, damit zugleich, wie es der Nachsatz erfordert, auch 
die Erzeugung der Kinder Gottes und des oberen Jer. 's zu be- 
zeichnen, welche dies nicht nur in einer durch den Geist bestimmten 
Art und Weise, sondern geradezu durch den ihnen verliehenen 
Geist Gottes und Christi geworden sind. Aber auch auf die Er- 
zeugung Isaaks paßt das xora nvEv^ia, denn die Verheißung, durch 
die sie zu Staude kam (v. 23 dt ErcayytXLag), wäre nicht zur Er- 
füllung gekommen ohne eine belebende Wirkung Gottes auf die 
erstorbene leibliche Natur der Eltern (Rm 4, 17 — 20). Sie ist also 
nicht Y.aia odgxa, sondern aaxa. Tivtvjiia geschehen. Daß Ismael 
den Isaak verfolgt habe, ist im AT nicht erzählt, sondern nur, 
daß er am Tage der Entwöhnung Isaaks zum Verdruß Saras, also 

^^) Zwischen dem „wir" v. 26 nnd dem v. 31 lag es nahe, fjuai^ . . 
sofitv zu schreiben (so n A C K L P, die meisten Min., S^S*, Kop, Hier., Vulg); 
aber schon der Umstand, daß dies bei den Ägyptern (Kop gegen Sah) und 
den Lat. (Hier, gegen die älteren bis zu Ticonius) die spätere, auch in D 
erst durch einen Korrektor eingeführte LA ist, macht sie höchst verdächtig, 
zumal vfieii . . iare glänzend bezeugt ist durch BD* GH (Robinson, Euthal. 
p. 54), 67**, Sah., die alten Lat., Iren. V, 32, 2 (p. 332, nicht 382\ Orig. 
(nach Hier, und ath. Goltz 27, wo aber C falsch regiatrirt ist). 

16* 



244 GrnDdlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

wohl in höhnischem Sinn und spöttischem Ton, lachte oder scherzte. '^^) 
PI trägt kein Bedenken, hier M-ie anderwärts (2 Tm 2, 8), gleich 
anderen Schriftstellern des NT's (Mt 1,5; Hb 11,37) liarmlose 
Ausspinnungen, welche die atl Geschichte in jüdischer Tradition 
erfahren hatte, sich anzueignen. Der Ismael der Gegenwart ist 
nach V. 24 f. die jüdische Volksgemoinde, soweit ihre Glieder sich 
nicht in die ntl Gemeinde haben versetzen lassen. Zu 'jener ge- 
hören aber auch die gesetzlichen Judenchristen, welche ohne innere 
Berechtigung der christlichen Gemeinde beigetreten sind und den 
Namen von Brüdern zu Unrecht tragen cf 2, 4. Sie sind ihrer 
inneren Gesinnung nach Juden und zwar Juden der schlimmsten 
Art, nicht Christen, nicht freie Söhne des freien Jer. im Himmel. 
Mag PI an die offene Feindschaft mitgedacht haben, welche die 
Prediger des Ev und die jungen Christengemeinden überall von 
christusfeiudlichen Juden zu erfahren bekamen,^*) nach der Lage 
der Dinge in Gal. mußten die Leser vor allem an die bei ihnen 
eingedrungenen Judaisten denken. Diese buhlten wohl um die 
Gunst der gal. Gemeinden cf 4, 17 ; aber sie verfolgten mit hämischen 
Reden, Verdächtigungen und Verleumdungen deren Stifter, und 
auch die Beunruhigung, die sie in die gal. Gemeinden trugen 1, 7; 
5, 10, 12 cf 2, 4, war nach dem Urteil des Apostels, welches er 
den Gal. zu eigen machen will, in der Tat eine Befehdung, ein 
feindlicher Augriff auf alles, was sie zu freien Kindern der freien 
Mutter machte, auf den Geist, in dem sie ihr Christenleben be- 
gonnen (3, 3), auf die Wahrheit des Ev (2, 5. 14; 5, 7) und die 
darin begründete Freiheit (2, 4; 3, 31), Liegt nun darin, daß es 
von jeher den Erben der patriarchalischen Verheißungen so er- 
gangen ist, ein ge\\asser Trost für die Gegenwart (cf Mt 5, 12), 
so enthält andrerseits die Geschichte Israaels und Isaaks auch eine 
auf die Gegenwart anwendbare Anweisung. Dem Treiben des der- 

**) Gen 21, 9 hebr. nur pni-» dafür LXX nait^ovr-x fiera ^lanäx TofJ 

vloü nvTf,i. Dieser Znsatz, weichen Hier, auch in die Vulg aufgenommen 
und zu unserer Stelle berücksichtigt hat, sagt nicht einmal so andeutend 
wie der hebr. Text von einem feindseligen Verhalten Ismaels. Ebenso 
wenig das Buch der Jubiläen (ed. Rön.sch S. 20), welches nur die Freude 
Abr.'s an Ismael zudichtet, das Targum Onkelos, welches lediglich den 
hebr. Text wiedergibt, die beiden jüngeren Targame, welche von götzen- 
dienerischem Treiben Ismaels sagen, cf auch Hier, quaest. in Gen. ed. La- 
garde p. 31. Mindestens ebenso alt scheint aber auch die an Gen 21, 20 
angelehnte Sage. daC Ismael angeblich nur spielend, aber in mörderischer 
Absicht mit Pfeil und Bogen nach Isaak gezielt habe. Dabei vermittelt 
das mit ;;n* gleichbedeutende pni? den Übergang zu dem blutigen Spiel 
2 Sam 2, 14 ö., .so daß R. Ismael um a. 90 — 120 das Scherzen seines Namens- 
vetters geradezu als beab.'fichtigtes Blutvergießen deutete Tosefta, Sota 6 
ed. Zuckerm. p. .S04, 10 ff., Beresch. r. zu Gen 21, 8 cf Beer, Leben Abr.'s 
nach der jüd. Sage S. 49. 169 f. 

") Abgesehen von der AG cf 1 Tb 2, 14—16: 2 Kr 11, 26 iy. yivovs 
Rm 3, 8; 15, 31; Ap 2, 9. 



c. 4, 21-5, 1. 245 

zeitigen „Ismael" unter den Gal., welchem diese bisher keinen 
ernstlichen Widerstand entgegensetzen, tritt mit dX'/M gegenüber, 
was dio Schrift in dieser Beziehung sagt. Es wird also nicht 
einfach der einen geschichtlichen Tatsache der Patriarchenzeit eine 
andere derselben Zeit angehörige Tatsache gegenübergestellt, sondern 
dem, was jetzt in Gal. vor sich geht und was mit einer atl Tat- 
sache nur verglichen wurde, tritt gegenüber, was die Schrift in 
der Gegenwart den Lesern sagt (Rm 4, 3; 10, 11; 1 Kr 9, 8 f.). 
Dies ist aber nicht Erzählung von einem Ereignis, welches sie er- 
mutigen oder warnen könnte, sondern ein Befehlswort cf 1 Kr 6, 17. 
Ale solches sollen sie es sich also auch gesagt sein lassen. Es ist 
die Aufforderung der über den mutwilligen Hohn Ismaels erzürnten 
Sara an Abr., welches Gen 21, 10 nach dem Hebr. und mit ganz 
geringer Abweichung nach LXX lautet: „Wirf hinaus diese Magd 
und ihren Sohn ; denn nicht soll erben der Sohn dieser Magd mit 
meinem Sohn, mit Isaak". Da dieses den Abr. betrübende Wort 
nach Gen 21, 12 von Gott bestätigt und seine Befolgung ihm ein- 
geschärft wird, konnte PI es um so eher als ein Gebot der Schrift 
d. h. des durch die Schrift zur christlichen Gemeinde redenden 
Gottes geltend machen und diesem Zweck des Citats entsprechend 
leise umgestalten d. h. der individuellen Form entkleiden, welche 
nur in Saras Mund angemessen war.^*) Den Gal. ist Licinit ge- 
sagt, was sie tun sollen. Sie sollen den falschen Brüdern, die 
sich für Christen ausgeben (2, 4 f.), den auf ihr Judentum stolzen 
Judaisten , die nur in demselben äußerlichen Sinn wie Ismael 
Abrahamssöhne heißen können, die Türe weisen. Das ist die ge- 
rechte, nicht aus Rachsucht hervorgehende, sondern um der Wahr- 
heit und des Heils willen notwendige Vergeltung dessen, was die 
fremden Lehrer ihnen antun möchten 4, 17. — Hinter dieser unmiß- 
verständlichen Aufforderung kann nun freilich der Satz : „wir sind 
nicht der Magd Kinder, sondern der Freien^ [v. 31] nicht durch 
eine Folgerungspartikel eingeleitet werden. Denn diese Wahrheit 
ist nicht durch v. 29 — 30 zu begründen oder aus diesen Sätzen 
zu folgern. Durch ein öiö oder äga oder äga ovv konnte v. 31 
aber auch nicht, wenn das stilistisch überhaupt möglich wäre, an 
V. 28 angeschlossen werden, denn v. 28 enthält ja bereits den Ge- 
danken von V. 31 und dieser war dort als eine durch v. 22 — 27 
sowie durch frühere Ausführungen (3, 26 — 29; 4, 6 f.) ausreichend 
begründete Wahrheit aufgestellt. Die Anknüpfung von v. 31 durch 
eine Folgerungspartikel muß daher trotz des hohen Alters ihrer 
übrigens mannigfaltigen Überlieferung aufgegeben, und die LA f^fielg 

**) Hinter naiSioxr^v streicht PI Tnvrr^v und hinter 7TaiSiaxr;i das auch 
in LXX nicht sicher überlieferte lairr^e, am Schluß aber schreibt er (statt 
1 ioc ftov Voadx) viov ttjs i/.evd-epas. Die Assimiliruug an LXX in DG und 
den alten Lat. verdient keinen Glauben. 



246 Grundlosigkeit and Yerderblichkeit des Abfalls. 

öi, &dsX(poL xrA. als ursprünglich anerkannt werden.'*") Die Ähnlich- 
keit mit V. 28 und der Umstand, daß hier der Ausdruck des Ge- 
dankens zum letzten Mnl dem Gleichnis von Hagar und Sara ent- 
nommen wird, vorleitete früh zu dem Irrtum, daß hier der Ertrag 
der ganzen Ausführung von v. 21 — 30 in einem abschließenden 
Satz zusammengefaßt sei, und veranlaßte die mannigfaltigen Text- 
änderungen. Im Gegensatz zu den Judaisten, die sich in die 
Christenheit überhaupt und in die gal. Gemeinden unberechtigter 
Weise eingeschlichen haben, faßt PI, welchen diese Leute vor allen 
anderen mit ihrem Haß verfolgen, sich nicht sowohl mit allen echten 
Christen wie v. 26, sondern mit den Gal., die er deshalb auch 
wieder als Brüder anredet, in ein wir zusammen, und sagt nun 
von sich und ihnen noch einmal, w^as er v. 28 aus bestimmtem 
Anlaß nur von den Lesern gesagt hatte (s. oben S. 243 f.), daß sie 
Kinder nicht einer Magd, sondern der Freien seien. Er spricht 
dies aber nicht als Abschluß der bisherigen Erörterung aus, was 
höchstens hinter v. 27 am Platz gewesen wäre, wo in der Tat, 
nämlich in v. 28, wesentlich dasselbe zu lesen ist, sondern um zu 
etwas neuem überzugehen. Auch hier aber ist der Gedankengang 
durch die sehr mannigfaltige Überlieferung des Q^extes von 5, 1 
verdunkelt.**') Dieselbe irrige Auffassung, welche den Text von 

■**) Vor ASel^oi haben I a): (J/eJ nB D* 67** (ob auch ath.?) und Marcion 
(GK II, 502); Ib) äoa KL, Korrektor von D, Masse der Min., S^ Chrys. 
Thdr, wahrscheinlich die alteu Lat. mit itaque (d g, Abstr, Hier. Vulg) 
and crgoWxat); I c) äon oJ^G, Sah (?), Goth, Thdrt; IIa) f/nen Si A C P, 
einiffe Min, Kop, Aug., Hier gelegentlich; IIb) tuet^ orr S\ auch Ephr. 
— Solange nicbt erklärt werden kann, wie in der Gruppe I die sämtlich 
stark bezeugten Varianten Ütö, uua, äoa oiv aus einem dieser drei Syno- 
nyma entstanden sind, müssen sie als von einander unabhängige Versuche 
angesehen werden, an Stelle eines ursprünglichen Textes, der keins der- 
selben enthielt, einen Folgesatz zu schaffen. An den übrigen 27 paulini- 
schen Stelleu, welche äi6 bieten, ist es mit Ausnahme von 1 Kr 14, 13 
(v. I btörrto); 2 Kr 1, 20 (wo es den Wohlklang stört); Eph 3, 13 (v. 1. Siä 
rovTo) unangefochten geblieben und an keiner einzigen durch äoa oder äon 
ovr ersetzt worden. Dagegen ist es von teilweise denselben Zeugen wie 
hier (mB) wenig glaubwürdig zugesetzt 2 Kr 12, 7. Die Verbreitung der 
Neigung, hier eine Folgerung zu finden, bezeugt auch IIb, wo doch f],ueii 
festgehalten ist. Ein indirektes Zeugnis für ursprüngliches ^uti^ enthält 
Kop, welcher hier für uiiE/.qoi nicht wie 1, 11; 3, 15; 4, 12; 5, 11. 13; 
6, 1. 18 „meine Brüder", sondern wie 4, 28, wo er gleichfalls ein ?)//«?» Se 
davor hat, „unsere Brüder" schreibt. 

'') Statt if, t).Bv3aoia (LA 1) in der ganzen Masse der griecb. Hss (auch 
H ath.) finden wir l aevSapin (LA II) bei Marcion [GK II, 503), G und 
allen Lat. (d trotz D qua libertnte nosira [lies: nosj Christtca liberavit, 
ebenso g etc.), auch bei Rufin als Übersetzer des Orig. zu Gen. und Cant. 
Del. II, 78; III, 52. Letzteres Zeugnis wird dadurch bestätigt, dal] Orig. 
III. 52 qua liberfate liberavit nos Christus ebenso wie die lat. Ausleger 
zam vorigen zieht und das Citat hiemit schließt. Dies gilt auch von 
Ephr., welcher (mit Unterdrückung von li/./.ä r/jg i/.ev'f-tpas) schreibt: Non 
sumus itaque servi, ob Ubertatem, quam accepimus no8 per Christum. 



c. 4, 21-5, 1. 247 

4, 31 verderbt hat, wird es auch veranlaßt haben, daß mau in 
mannigfaltiger Weise eich bemühte, 5, 1* zu einem grammatisch 
selbBtäudigen, nur durch ein ovv oder yÜQ sich anschließenden 
8atz zu machen. Ist wahrscheinlich mit j^Jarcion, dem ältesten 
aller Textzeugeu zu lesen: j] eXtvd-egia i]iiäg XQiotbg i)keuO-€QioO€v, 
worauf dann ariyKere ovv einen neuen Satz beginnt, so ist der 
Relativsatz auch mit dem vorigen zu verknüi^fen. Das Substantiv 
T>] kktvd-tQicc, welches durch seine Einbeziehung in den von ihm 
abhängigen Relativsatz nach bekannter Regel seines Artikels ver- 
lustig gegangen ist, ist adverbielle Näherbestimmung zu der Aus- 
sage von 4, 31. Zweifelhaft könnte nur sein, ob außerdem eine 
Attraktion des Relativs anzunehmen und diese durch %fi IX. f^v 
ijfiäg Xq. i)X. aufzulösen ist, oder ob der Dativ des Relativs diesem 
logischer Weise zukommt. Durch die erstere Annahme ergibt sich 
ein gut griechischer Satz,^^) während im anderen Fall die Ver- 
bindung des Dativs mit Tjltvd-eQioae einigermaßen dunkel bleibt. 
Es ergibt sich also der Satz: „Wir aber, ihr Brüder, sind nicht 

Firmi stemus in Christo neque interna etc. Sein sjt. Text muß sehr 
anders gelautet haben als S': „Stehet also in der Freiheit, womit (zu 
welcher) Christus uns befreit hat und unterwerft euch nicht wieder" etc. 
Der Text I, welcher mit 5, 1 einen völlig 8elbständi2:eu Satz beginnen 
läßt, ist verdächtig 1) wegen der wahrscheinlichen Abhängigkeit von der 
falschen Auffassung und Textgestaltung von 4, 31 s. A.56, 2) wegen der 
Uneinigkeit der Vertreter dieser LA in bezug auf den Übergang zu 5, 1. 
Während die besten Zeugen «ABC* DP Sah, auch S^ ebenso wie die 
Zeugen von II e/.evd-eoia ohne Partikel vorher oder nachher geben, haben 
KL, viele Min., S' ein ouf, dagegen Kop, vielleicht auch Chrys. ydo. 
Außerdem aber haben K L S\ dazu auch S* hinter i/.evOeoiu ein /f, durch 
dessen Einschiebung das ovp hinter arrjxere mehr als überflüssig wurde. 
Aber gerade dieses zweite odi^ ist sehr mannigfaltig bezeugt durch 
mABCüH (ar^rfc oii) P, 67**, ath, viele Min, Sah Kop, die meisten Lat. 
(gr <der mit Uberavit wieder eintritt>, Abstr Vict. Aug., om. d. Hier. Vulg). 
Ist es aber echt, so muß das erste oZf unecht sein. Für eine enge Ver- 
bindung mit 4, 31 spricht auch die überwiegend bezeugte Stellung von 
fj/uäg vor XoioTÖ:; N* ABDGP (umgekehrt HLP ath). 

^*) Cf Eph 2, 4 ir^v ayd7Ti]v avzov, i]!^ i)yd7criaev fjfiäg cf Jo 17, 26; Mf 
10, 38; Epict. diss. IV, 1, ll3 S. tovto yd^ tatii' ?/ rali Ah^d'siaig i'/.evd'eoia' 
TaijTT]f rjXevd'egd}')'!] -Jioyevrjs nao' lAvriad'avovi. Ael. V. bist. 13, 2 ifjs y.arnOov- 

Ätüaetog, ^ä eSovla>aai>ro airovs ol MaxeSöves. Zur Einbeziehung des Sub- 
stantivs ekevd-eoia in dcu Relativsatz cf Mt 7, 2 iv cS xpiftaTt, Mt 24, 44 ^ 
öwa, Mt 24, 38 ä/oig ?,i 7)u€om, 1 Pt 1, 10; Hb 10, 10; Clem. AI. hypot. zu 

1 Tm 3, 16 ö ^ivon^oioy (Forsch III, 76, korrigirt S. 321) und hier imten S. 255 
A 72. — Zum Gebrauch von t/J iXevd-eoia in Verbindimg mit Tixia so/uev 
rfje iXevdioag cf (t/7) /äoiri Eph 2, 5. 8; 1 Kr 15, 10; t!] niarei Rm 11, 20; 

2 Kr 1, 24. Die Verbindung von r) oder t/j eX. nur mit t^s eleviHoag (so 
Lightf.) ist an sich weniger natürlich, da man doch noch ein Hilfsverb 
ovarjs ergänzen müßte, um hieran statt au das vorhandene eoiiiv den Dativ 
anknüpfen zu können, und erscheint sachlich unpassend, da wohl die ein- 
zelnen Glieder der Gemeinde der Befreiung durch Christus bedurften, das 
obere Jer. aber von vornherein als ein freies geschaffen ist. — [ait]y.eiv ist 
Wort der Vulgärsprache, Nägeli S. 58.] 



248 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

der ilagd Kinder, sondern der Freien vermöge der Freiheit, zu 
welcher uns Christus befreit (verhelfen) hat." Sie sind es nicht 
von Geburt, sondern durch die befreiende Tat Christi, sie sind 
ärteXev^fQOi xiqi'ov 1 Kr 7, 22. Hierauf fußend kann PI zu der 
Ermahnung fortschreiten: „Stehet nur fest und laßt euch nicht 
wiederum in ein Knechtschaftsjoch spannen". Das au^xiTe bedarf 
keiner Näherbestimmung cf 2 Th 2, 15; und wenn man es durch 
ovy vom vorigen abgetrennt sein läßt, wird man auch am sichersten 
die ungeeignete Verbindung mit rf] ikevd^egia Jj oder fj eXevd^egicc 
los, statt dessen es tv r/; «A. ijv oder Iv Jj iX. heißen müßte (cf 1 Kr 
16, 13 im Unterschied' von Rm 11, 20; 2 Kr 1, 24); denn nicht 
vermöge der Freiheit, die ihnen Christus gebracht hat, sondern in 
derselben sollen sie feststehen. Dies brauchte aber nach der gründ- 
lichen Darlegung des Standes der Leser als freier Kinder Gottes 
und des oberen Jerusalems nicht mehr noch einmal eigens aus- 
gesprochen zu werden. Als eine Rückkehr zu frülierer Knecht- 
schaft wird die den Gal. zugemutete Annahme des Gesetzes in 
demselben Sinn wie 4, 9 bezeichnet. Während aber dort von den 
bereits sichtbaren Anfängen solchen Rückfalls die Rede war, warnt 
PI hier vor der drohenden völligen Unterjochung unter das Gesetz. 
Wie nahe diese Gefahr gerückt war, zweigt v. 2 — 6. Aus einem 
Bedürfnis des Gemüts heraus, wie es 4, 20 zum Ausdruck kam, 
hier jedoch ohne den schmerzlichen Beigeschmack, welchen dem 
dort ausgesprochenen Wunsch seine Vergeblichkeit gab, stellt sich PI 
mit einem 'i'de eyco ITav'Aog [v. 2] den Lesern vor Augen. '^'') Seine 
leibhafte Person sollen sie im Geist gegenwärtig haben und als das 
hörbare Wort des Anwesenden sollen sie vernehmen, was er ihnen 
jetzt schriftlich sagt: „Wenn ihr euch beschneiden laßt, wird 
Christus euch nichts nützen". Sie vereiteln dadurch nicht nur dio 
Arbeit, die PI an sie gewandt hat 4, 11, sondern auch was Christus 
für sie getan und zu tun verheißen hat. Von dem PI, der 2, 21 
wesentlich denselben Gedanken, nur in allgemeinerer Fassung, vom 
Standpunkt seiner persönlichen Erfahrung ausgesprochen hatte, 

**) Obwohl iSe {Ide) wie auch iSsre einigerraaCen zu einer exklama- 
torischen Partikel erstarrt ist und daher den abhängigen Satz ohne Kon- 
junktion (so hier; Em 2, 17; Jo 3, 26; 5, 14; 18, 21; Mt 25, 20. 22. 26; 
anders Gl 6, 11; Mr 13, 1; 15, 4: Jo 7, 52) und das subst. Objekt oft im 
Nomiu. (Jo 1, 29. 36. 47; 19, 5. 14) statt im Akkus. (Rm 11, 22; Mt 28, 6; 
Lc 21, 29; .Jo 4, 29) zu sich nimmt ist es doch bei weitem nicht in dem 
Maße wie i^oi' (Gl 1, 20; 1 Kr 15, 51; 2 Kr 5, 17 etc.) seiner imperat. Be- 
deutung entkleidet, sondern enthält eine wirkliche Aufforderung, eine 
Sache oder Person ins Auge zu fassen oder, wo es objektlos steht, sich 
durch Augenschein von dem Tatbestand zu überzeugen (Jlr 6, 38; Jo 1, 46; 
11,34). Dieser Sinn wird auch durch die Nennung des Namens gesichert, 
welche sich hier nicht wie 1 Th 2, 18; 2 Kr 10, 1 durch den Gegensatz zu 
andern, die PI vorher mit sich zusammengefaßt hat, erklärt cf vielmehr 
Eph 3, 1; Kll, 23; Phlm 9. 19. 



c. 5, 2—6. 249 

sollen die Gal., welche ernstlich mit dem Gedanken umgehn, sich 
der Beschneidung zu unterziehen, sich gesagt sein lassen, daß sie 
damit aufhören würden, unter der segensreichen Wirkung des Er- 
lösers zu stehen. Andrerseits sollen sie bedenken, was ihnen ihre 
Verführer nicht unverhohlen gesagt haben werden,*^) daß sie durch 
Annahme der Beschneidung sich zur Beobachtung des ganzen Ge- 
setzes verpflichten würden. Daß diese Behauptung nicht wie die 
beiden, zwischen welchen sie in der Mitte steht (v. 2 u. 4), in An- 
rede an die Gal., sondern in einen allgemeinen, für jeden Menschen^ 
der sich beschneiden läßt, giltigen Satz gefaßt wird, wird damit 
zusammenhängen, daß PI sich mit einem (.laQtvgoi^iai dh TtdXiv 
[v. 3] darauf berufen kann, schon früher einmal dieselbe "Wahrheit 
bezeugt zu haben. Die Auslassung des 7tdXiv bei allen Lat. vor 
der Vulg"^) erklärt sich daraus, daß man meinte, im Gl selbst die 
erstmalige Bezeugung dieser Wahrheit suchen zu müssen, in diesem 
aber eine solche in der Tat nicht zu finden ist. Hieraus folgt 
jedoch nur, daß PI hier ebenso wie 1, 9 und 5, 21 auf frühere 
mündliche Äußerungen und zwar auf solche, die er bei einer 
früheren Anwesenheit unter den Gal. getan hatte, sich beruft. 
Die Erinnerung an die Form, in welcher er damals auf die Kon- 
sequenzen der Annahme der Beschneidung aufmerksam machte, be- 
stimmt auch den Ausdruck der hiesigen Rückbeziehung darauf. 
Die Gal. direkt vor dem verhängnisvollen Schritt zu warnen, war 
damals noch kein Anlaß; denn erst ganz neuerdings ist die Zu- 
mutung an sie herangetreten, sich beschneiden zu lassen. Wohl 
aber war die Forderung bereits in der Christenheit laut geworden, 
daß alle Heidenchristen um der Seligkeit willen sich beschneiden 
lassen müßten, und darum auch ein gemeingiltiger Hinweis auf die 
Konsequenzen jeder Nacbgibigkeit gegen solche Forderung am 
Platz. Daher das navrl ayd-QM-rtoj 7ieQitei.tvot.iivio. Wir werden 
aus denselben Gründen wie bei I, 9 (S. 51 f.) an den zweiten Be- 
such des PI zu denken haben. Die AG 15, 1—33; Gl 2, 1—10 
berichteten Ereignisse hatten die Situation geschaffen, welche damals 
die Bezeugung einer so allgemeinen Wahrheit zeitgemäß machte, 
und die Mitteilung des Beschlusses von Jerusalem an die Ge- 
meinden Südgalatiens AG 16, 4 bot den Anlaß dazu. Der Stand 

*°) Man erinnert sich an die mancherlei Koncessionen, welche die 
jüdische und die spätere judenchristliche Propaganda den zu gewinnenden 
Heiden zu machen sich je nach Umständen bereit zeigte, selbst in bezug 
auf die Beschneidung cf z. B. Jos. ant. XX, 2, 4. 

*^) Daß dies auch im Occident nicht nrsprünghch, beweist Marcion, 

welcher schrieb ^aoivooum öi nd/uv, ön äfifocoTTo^ Treonerurjufvoe df. e. 
ö. T. V. 7rXr,QO)oni KG II, 503. — Die Rückbeziehung von 7tü)av im Sinn von 
„weiterhin" auf v. 2, worin ein erstes Zeugnis verwandten Inhalts vorliege, 
welchem sich jetzt ein zweites anschließe (so Thdr, Hofmann u. a."), würde 
xrti TtäXiv itnoivoouni erfordern cf Rm 15, 10 — 12; Hb 1, 5; 2, 13; 1 Kr 3, 20; 
Mt 4, 7; 13, 45. 47 und hat die Analogie von Gl 1, 9 gegen sich 



250 (Jrandlosigkeit uud Veiderblichkeit des Abfalls. 

der Dinge in Gal. zur Zeit des Gl machte die AViedeiholung der- 
Bolbou Bozeiigung uütwendig. Ein Zeugnis bedarf keiner ander- 
weitigen Begründung, welche dieses Zeugnis übrigens Gl 2, 10 
cf Jk 2, 10 f. finden würde, sondern will als eine auf sich selbst 
ruhende Tatsache überzeugen. Daher kann PI sofort zu dem 
weiteren Urteil v. 4 übergehen. Es bezieht sich nicht wie v. 2 
auf einen möglichen zukünftigen Fall, sondern auf das, was in 
(ial. bereits geschieht ; es gilt aber auch nicht wie v. 2 den Gal. 
insgesamt und ohne Unterschied, sondern ihnen nur insofern, als 
man von ihnen sagen kann, daß sie im Gesetz Gerechtigkeit suchen. 
Dies sagen die Worte o^irivtg Iv vö(.i(i) dixaioüad-e, welche die mit 
xaTrjQyi]i^)]r€ äito roü Xqioiov Angeredeten charakterisiren, um 
das voranstehende Urteil zu begründen. Von den Gal. insgesamt 
ließ sich wohl sagen, daß sie Neigung zeigen uud anfangen in ge- 
setzliches AVeseu zurückzusinken (4, 9. 21). Hier aber werdeu 
solche angeredet, deren grundsätzliches und regelmäßiges Verhalten 
PI ein ev r6fi(^ ör/.aiovo0^ai nennt. Da ein wirkliches Gerecht- 
werden innerhalb der Schranken des Gesetzes und in folge von 
Beobachtung des Gesetzes nach 2, 16; 3, 11 für jeden Sterblichen 
«in Ding der Unmöglichkeit ist, so folgt, daß PI hier mit diesen 
Worten nicht einen tatsächlichen Erfolg der religiösen und morali- 
Bchen Bestrebungen der so charakterisirten Menschen beschreibt, 
sondern den Sinn, in welchem sie ihr Leben und Streben durch 
das Gesetz bestimmt sein lassen, vielleicht auch die Worte, womit 
sie davon redeten, wiedergibt. Damit ist zwar ebensowenig wie 
4, 21 eine scharfe Unterscheidung zwischen zwei Gruppen oder 
Richtungen innerhalb der gal. Gemeinden vollzogen, aber doch 
eine Tiefe des Abfalls vom Ev gezeichnet, welche bei weitem noch 
nicht von allen Gal. erreicht war; und es werden damit Urteile 
begründet, welche keineswegs von den Lesern insgesamt gelten. 
Dies wäre unverträglich mit dem immer noch brüderlichen und 
Täterlichen Ton des ganzen Briefes, mit Stellen wie 3,26 — 29; 
4, 6 f. 28, mit dem oiiy/.ETe 5, 1, welches voraussetzt, daß die Gal. 
noch aufrechtstehen, und mit dem Ausdruck vertrauensvoller Hoff- 
nung 5, 10. Nur insoweit, als die Gal. bereits im Gesetz Ge- 
rechtigkeit und Seligkeit zu suchen entschlossen sind und zu finden 
sich einbilden, gilt von ihnen : „ihr wurdet losgerissen aus dem 
lebendigen Zusammenhang mit Christus" ®^) und „der Gnade seid 

**j üftTaoyeii' urspr. müßig, untätig machen, zur Untätigkeit zwingen 
(so Esra 4, 21. 2;^; 5, 5; 6. 8 = aram. Vj;?), dann unwirksam machen, um 
seine Kraft und Geltung bringen (Rm 3, 31 ; 4, 14; Eph 2, 1.5), nähert sich, 
da alles Lebendige auch wirkt, leicht der Bedeutung „vernichten, töten" 
(Rm 6, 6; 1 Kor 2, 6; 13, 8. 10; 1.5, 24. 28; Hb 2, 14) und kann in dem- 
selben prägnanten Sinn wie vLnoifavti» (Kl 2, 20) mit «-to konstruirt werden 
Rm 7, 2. H: so der lebendigen Wirkung uud des wirksamen Lebens ver- 
lustig gehen, daß man von etwas anderem, zu dem man in Beziehung 



c. 5, 2-6. 251 

ihr entfallen". Beides ist eins und dasselbe; denn der Glaube, 
in welchem sie dem Gnadenruf Christi gefolgt sind, hat sie gleich- 
zeitig in innige Lebensverbindung mit Christus und in den Stand 
der Gnade bei Gott versetzt 1, fci ; 2, 21; 3, 26 f. Beides zugleich 
haben die verloren, welche jetzt wie manche Gal. innerlich und 
äußerlich in das Joch des Gesetzes sich haben spannen lassen. 
Ihnen stellt PI sich und die übiigen noch in der Gnade stehenden 
Christen in Gal. wie an anderen Orten mit einem betonten wir 
V. 5 gegenüber.®^) Dem Urteil über die Abgefallenen dient es 
zur Bestätigung, daß die Christen, die es nicht bloß dem Namen 
nach sind, „im Geist in folge Glaubens einen Hoffnungsgegenstand, 
welcher in Gerechtigkeit besteht, erwarten". Sicher dürfte zunächst 
sein, daß Ix Tcioieiog nicht ein als Attribut zu TTviviiari gehöriges 
Adverbiale ist,^*) obwohl dies au sich paulinischer Schreibweise 
nicht widerstreben würde. Aber es würde dadurch zu einer für 
den hiesigen Zusammenhang belanglosen Erinnerung an die Her- 
kunft des Geistes herabgedrückt cf 3, 2. 5, während v. 6 zeigt 
daß gerade der Glaube es ist, welcher im Gegensatz zum Gesetz 
(v. 4) als Ausgangspunkt und Quelle der Gerechtigkeit und der 
hoffnungsvollen Erwartung derselben vor allem betont werden sollte. 
Es wird also Ix Ttiarecog ebenso wie 7tvsv(.iaTL eine diesem koordinirte 
adverbiale Bestimmung des a7t6y.dex6i.ud-a sein. Schon der Geist 
bildet einen Gegensatz zu den fleischlichen Dingen, mit welchen 
es die egycc v6i.iov zu tun haben cf 3, 2 S. 144 ; aber wenn nur 
der Geist als die Kraft genannt wäre, vermöge deren, und als das 
Element, in welchem lebend die Christen die Erfüllung ihrer 
Hoff'nung und Gerechtigkeit erwarten, so wäre das Mißverständnis 
nicht ausgeschlossen, sondern geradezu nahegelegt, daß es die in 
Kraft des neuen Geistes, den sie empfangen haben 4, 6, von ihnen 
hervorgebrachten Lebensäußerungen, die Früchte und Werke des 
Geistes (5, 16 — 25) wären, auf welche sich ihre hoffnungsvolle Er- 
wartung gründet, dereinst Gerechtigkeit zu erlangen. Daher war 
die zweite Näherbestimmung sehr am Platze, welche sagt, daß 
diese Erwartung überhaupt nicht an AVerken, die sie tun oder zu 
tun gedenken, sondern am Glauben hänge, den sie haben, und aus 
diesem herfließe. Da elrtig als Objekt einer Erwartung nicht das 
Verhalten des Hoffenden, sondern nur ein erhofftes und erwartetes 
Gut sein kann (Rm 8, 24; Kl 1, 5; Hb 6, 18), so kann auch 
ÖLxaioovvi^g nur ein Gen. appos. hiezu sein. Angesichts der Aus- 
stand, loskommt. Cf Sty.aiovaO-ai, fdeioeoDcu dnö Rm 6, 7 ; 2 Kr 11, 3; AG 
13, 39, auch meinen Hirten des Hermas S. 490. In der Sache ist nicht 
wesentlich verschieden ä.:Tod'ui'eU', d-avatovad-ai, aravoovaV-ui Ti^'i ßm6, 10; 
7, 4; Gl 2,19; 6, 14. 

*^) Es fehlt ein solches >)fiezs bei dem Übergang von der dritten in 
die erste Person 3, 14. 22 f. ; 4, 5. 

"*] So S\ als ob er zip ex TxioTsco; xov sich gehabt; Ephr sph^itu fidei. 



252 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

fUhruDgen in 2, 16 ff. ; 3, 6. 1 1 überrascht es, hier (die) Gerechtig- 
keit als Inhalt einer HoiTnung und (legenstand der Erwartung, 
statt als einen in und mit dem (Glauben erlangten Besitz der 
(Glaubenden dargestellt zu finden. Ganz beiJnnlig und ohne daß 
dies im Gl unterbaut oder ausgeführt würde (cf dagegen Rm 2, 
1 — 5, 11), tritt hier zu Tage, daß die diesseitige, in und mit dem 
Glauben sich vollziehende Rechtfertigung in der Anschauung des 
PI nicht eine noch zu erwartende, zukünftige Rechtfertigung aus- 
schließt, daß vielmehr jene ein Vorspiel oder richtiger der grund- 
legende Anfang dieser ist. Der vermöge und in unmittelbarer 
Folge Peines (ilaubens gerecht Gewordene ist nicht in jedem Sinn 
dem zukünftigen allgemeinen Gericht entnommen (2 Kr 5, 10; 
Rm 14, 10). Was der Christ dann von dem göttlichen Richter 
zu empfangen wünscht und hofft, wird von PI mannigfaltig be- 
zeichnet : als lobende Anerkennung von Seiten Gottes (1 Kr 4, 5 
cf Rm 2, 29 ; 5, 2), als Gerettetwerden vor dem Zorn des Richters 
(Rm 5, l» f.), als Erfahrung des Erbarmens des Herrn (2 Tm 1, 18), 
als Lohn der Arbeit (1 Kr 3, 8. 14), als Siegespreis des sittlichen 
Kampfes (1 Kr 8. 24 f. ; Phl 3, lOff.), aber auch als Kranz der Ge- 
rechtigkeit (2 Tm 4, 8). Ohne Gerechtigkeit kein Leben (Gl 3, 11 ; 
Rm 1, 17). Im Endgericht hofft der im Glauben Gerechtfei tigte 
noch einmal aus der Hand des Richters Gerechtigkeit zu empfangen, 
was nicht anders geschehen kann als durch ein freisprechendes 
Urteil des Richters. Aber die zuversichtliche Erwartung dieser 
zukünftigen diy.altüOig und das hoffnungsvolle "Warten auf ein 
solches Kndurteil Gottes gründet sich auf den Glauben, welcher 
schon diesseits gerecht macht. Daß es auch im Hinblick auf das 
Endgericht bei dem 6x nlaxeioq bleibt, rechtfertigt v. 6: „denn 
in Christus Jesus vermag weder Beschneidung etwas, noch Un- 
beschnittenheit, sondern Glaube, der durch Liebe sich wirksam 
erzeigt". ^^) Im Unterschied von den ähnlichen Stellen 1 Kr 7, 19; 
Gl 6, 1.5 {ovdiv loxiv) wird hier von Beschneidung und Unbeschnitten- 
heit gesagt, daß sie nicht die Kraft besitzen, irgend etwas zu wirken, 
sei es gutes oder böses, also auch für irgend einen Zweck brauch- 
bare Dienste zu leisten."*) Hier handelt es sich um den Zweck, 
Gerechtigkeit vor Gott zu erlangen, und um das rechte Mittel zu 
diesem Zweck: Gesetz oder Glaube, und in bezug auf diese Streit- 
frage ist der Satz gemeint. Die Beschneidung nützt nicht und die 
Unbeschnittenheit schadet nicht dem, der nach wahrer Gerechtig- 

•*) So am besten wiederzugeben das med. heoyito,')(ii, welches we- 
nigstens im NT nie, wie heoytir so manchmal, c. acc. und 2 Th 2, 7 cf Jk 
5, 16 ohne jede Näherbestimmnng steht cf Blaß" §316,1; Wohlenberg zu 
Th 2. 13; 2 Th 2, 7. auch oben S. 102 A 29. 

•') Cf Mt 5, 13. Wenn das urspr. intransitive Verb einen Akk. bei 
sich hat Phl 4, 13, ergänzt sich leicht ein Infinitiv, hier etwa ive^yetv,. 

ymtpyuZtnf^ui^ loatl.tlv. 



c. 5, 7—12. 263 

keit strebt. Eino weitere EinschränkuDg trügt der Satz aber aucb 
in eich selbst vermöge des betont vorangestellten Iv Xq. Y. In 
Ohribtuä d. b, für den, welcher ein f!hrist ist (1, 16; 3, 2(3. 28 
s. oben S. 75), gilt der Satz. Mag die Bescbneidung oder die Zu- 
gehörigkeit zum Volk Israel dem Juden aucb für das Streben nach 
(Jerechtigkeit manchen Vorteil gewähren, dessen der Heide ent- 
behrt (Rm 2, 25; 3, 1 ; 9, 31), so gilt doch für den Christen, 
welcher der Aufsicht des Pädagogen entwachsen ist (3, 24), mag 
er von Geburt Jude oder Heide sein, daß ihm das Beschnitten- 
sein nicht förderlich und die Unbeschnittenheit nicht hinderlich ist 
in dem Streben nach der Gerechtigkeit. Die Kraft, die ihn zu 
diesem Ziele führt und trägt, ist derselbe Glaube, durch welchen 
er schon diesseits ein Gerechter geworden ist. Dieser wird aber 
hier als ein durch Liebe sich wirksam erweisender bezeichnet im 
(jegensatz zu der Kraftlosigkeit und Unwirksamkeit von Bescbneidung 
und Unbeschnittenheit. Auch der Glaube würde für die zukünftige 
öiy.aUoaig im Endgericht nichts austragen, wenn er sich in diesem 
Leben als ein unwirksamer erwiese. Denn so gewiß bei allem 
Streben des Christen nach dem letzten Ziel, wie beim Eintritt in 
den Gnadenstand, das tx TtiozEwg in Geltung bleibt, so gewiß auch 
die von Jesus im Einklang mit dem AT verkündigte und von PI 
überall anerkannte Grundregel des Endgerichts, daß der Fromme 
wie der Gottlose nach seinem Handeln bei Leibesleben sein Urteil 
empfangen wird.*'") 

Noch einmal, ehe PI den 3, 1 begonnenen, die Verirrung der 
Gal. unmittelbar bekämpfenden Hauptteil des Briefs schließt, um 
zu ruhigeren Ermahnungen überzugehen, welche den gewonnenen 
Sieg zur Voraussetzung haben, drängt sich ihm alles wieder auf, 
was ihn bei Abfassung dieses Briefs bewegt hat: der Schmerz 
über den üblen Fortgang des so schön begonnenen Werks in Gal., 
der Zorn über die Störer und Verführer der Gemeinden, das Ver- 
langen, die Gal. ihrem Einfluß zu entreißen, und die Hoffnung, 
daß ihm dies gelingen werde. In einer Reihe kurzer und dadurch 
teilweise dunkler Sätze v. 7 — 12, welche die Heftigkeit seiner Ge- 
mütsbewegung widerspiegeln, bringt er dies alles noch einmal stoß- 
weise zum Ausdruck. Mit den Worten : „Ihr liefet schön : wer 
hat euch gehemmt"? stellt er ähnlich wie 3, 1 — 3 cf 4, 14 f. der 
bis vor kurzem so glücklichen Entwicklung der gal. Gemeinden 
ihren jetzigen Stillstand als etwas unbegreifliches gegenüber. Da 
das, worin sie sich hemmen und woran sie sich hindern lassen, 
durch das Bild des unaufhaltsamen Laufes hinlänglich ausgedrückt 
ist cf 1 Th 2, 18, so erwartet man nicht, daß dies außerdem noch 

'") Mt 16, 27; 7, 21—23; Jo .5, 29. Die paulinischen Stellen oben im 
Text S. 252. Die Ausgleichung mit der Lehre von Glauben und Guade ist 
ßm 2, 7 durch y.ntf inofiovi^v xn/.ov tnyov wenigstens angedeutet 



254 Grundlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

in uubildlicher Weise ausgodrückfc werde, wie es bei der Ver- 
bindung von ScXr^O-ei'cc /ny yrfiO-eoO-ai mit der vorangehenden Frage 
der Fail wäre, ilit dieser Verbindung ist ferner //ry unverträglich 
(cf dagegen Rm 15, 22 toü lli^tiv ohne Negation). Der negative 
Infinitivsatz könnte nicht den Begriff des iyxu:rTeiv vervollständigen, 
sondern nur eine Folge des lyy.öjtttoO^ai ausdrücken, würde dann 
aber gewiß nicbt eines wäre ermangeln. Auch die durch wenige 
gute Hss (kAB) bezeugte und wegen ihrer Auffälligkeit zu be- 
vorzugende LA Sch.&elce ohne tTj paßt schlecht in ein Urteil über 
das Verhalten der öal., welche der einen und einzigen Wahrheit 
des Ev (2, 5, 14) den Rücken zu kehren im Begriff stehen, sondern 
besser in einen allgemeineren Satz (cf 4, 18), wie denn auch v. 8. 9 
allgemeine Sätze sind. Die Worte dlijO^ti^c jLii] TteiO^eoO^ai bilden 
den Anfang eines neuen Satzes, dessen Fortsetzung man gewinnt, 
wenn man sich entschließt, die nicht schlecht bezeugten Worte 
/^r]Ö€vi nti^tOxht hinter rrelO^ioO^ai in den Text aufzunehmen.^^) 
„Solchem, was Wahrheit ist, nicht zu gehorchen, (darin) gehorchet 
niemandem." Die Ausstoßung des /iir^dtvl rcelO^toO^e, welche ver- 
möge des Homöoteleuton hinter Tttid-kaO^ai mechanisch entstanden 
sein wird, wirkte verderblich auch auf den Text und die Auf- 
fassung von v. "8. Da v. 7 ohne jene Worte leiclit als eine in- 
direkte Aufforderung, der "Wahrheit zu gehorchen, aufgefaßt werden 
konnten, schien manchen die Negation in v. 8 unerträglich. Die 
geforderte Folgsamkeit stammt doch gewiß von dem zum Heil be- 
rufenden Gott her. Das o^x wurde daher getilgt.^") Andere, die 
den ihnen vorliegenden Text mit der Negation nicht zu ändern 
wagten, fanden hier den Gedanken, daß der Gehorsam gegen die 
gepredigte Wahrheit vom freien Willen des Menschen, und nicht 
von der Gnade und Wirkung des berufenden Gottes abhänge.'^) 
Sowohl diese mit der Denkweise des PI unverträgliche Auslegung 
von v. 8 als die Ausstoßung der Negation ist durch den voll- 
ständigen Text von v. 7 ausgeschlossen ; denn dieser läßt keinen 
Zweifel darüber daß v. 8 sich auf das verbotene TreiO-eaO^t samt 
dem dazu gehörigen Infinitivsatz bezieht. Allerdings kann ?' TteiOj-iovi] 
nicht im Sinne von avirj fj rc. oder r; 7t. v/liöjv verstanden werden.'^) 

••) So Blaß Gr.» § 488,1" nach G und den alten Lat. G's zweites 
rttid'ea&ai hat g richtig als 7Tei,%n,% verstanden nnd nemini consenseritis 
übersetzt, ebenso die lat. Hss des Hier., welcher nur die griech. Hks und 
Ausleger dagegen geltend macht, auch einige Hss derVulg, ferner Lucifer 
ed. Vindob. p. 81, 2; Vict. (nicht Abstr, Aug ). 

"*) So D* d, mehrere lat. Hss nach Hier., Lucifer p. 31, 2, Ephr., 
vielleicht auch Orig. gelegentlich (Philoc. ed Kobinson p. 158, 5 cf dagegen 
c. Cels. VI, 57 1. 

''*') So schon Orig, c. Cels. VI, 57; wahrscheinlich ebenso im Komm, 
zum Gl und daher von Hier, unter den möglichen Auslegungen vorangestellt, 
ausschließlich diese gibt Thdr. 

"j g haec persuasio, einige Hss des Vulg pers. haec oder ista. Auch 



c. o, 7-12. 255 

Alan braucht aber nur mit Hofraann j] Tteiafiovr] zu schreiben,'') 
nm einen epmchlicli nicht gerade gewöhnlichen, a])er sachlich un- 
anstößigen Anschluß an v. 7 zu gewinnen: „Solchem, was Wahr- 
heit ist, nicht zu gehorclien, (darin) folget niemandem", (oder „dazu 
laßt euch von niemand überreden"), „eine Folgsamkeit, welche nicht 
von dem herstammt, der euch beruft". Wie 1 Th 5, 24 cf 1 Th 
2, 12; Rm 9, 11 wird die göttliche Berufung, welche den Gal. 
bereits durcb die erste Predigt des Ev unter ihnen widerfahren ißt 
(ßl 1, 6; 5, 13), als eine in der Gegenwart andauernde vorgestellt. 
Solange die Wahrheit des Ev noch keinen völligen Gehorsam in 
den Gemeinden der Gläubigen gefunden hat, ist jede Erinnerung 
an diese Wahrheit, welche solchen Glaubensgehorsam zu wirken 
beabsichtigt, zwar nicht ein zweites svayyeXiCto&ai,'^'^) wohl aber 
eine Fortsetzung der ev Predigt, und auch hinter solcher Bezeugung, 
gleichviel durcli wen sie ausgesprochen wird, steht als der letzlich 
und eigentlich Redende Gott oder Christus; denn es gilt die un- 
gehemmte Fortwirkung des einen Ev Gottes und Christi. Ob an 
Gott oder Christus als den Berufenden zu denken sei, bleibt hier 
wie 1, 6; 1 Th 5, 24 dem Leser zu entscheiden überlassen.'*) 

Die Frage tig v/.iäg ivezoipev erheischte als Antwort ebenso- 
wenig wie die ähnliche 3, 1 eine namentliche Kennzeichnung der 
Verführer, sondern forderte die Leser auf, jene Leute darauf an- 
zusehen, ob sie es verdienen, im Gegensatz zu dem Gott und 
Herrn, der sie zum Heil und zur Freiheit beruft, gehört zu werden. 
Auch wenn irgend wer viel mehr für sich aufzuweisen hätte, als 

noch Blafj glaubt dem Artikel hier durch starke Betonung demonstrativen 
ijinn geben zu können. — pe^-s. oder siiasio vesira Abstr, Vict , Lucifer, 
Hier., Aug., S^; Eplir. scheint zwischen haec und vestra wenigstens aU 
Ausleger zu schwanken. 

'■^) Die Apposition zu Treix^ade ist in den Relativsatz hineingezogen, 
cf fi fXei'fhoiq 5, 1 (oben S. 247 A 58); 1 Pt 1, 10 ^re-^i 7%- aojznoia;, AG 26, 7; 
Sap Sal 16, 2; Ign. Philad. 1 im Anschluß an das aiiv tTnaxömo der Gruß- 
überschrift: or i-Tiiny.oTToi' %yv(ov v.il. heißt: „einen Bischof, von dem ich 
erkannte, daß er" etc. Ob in dieser wie in anderen Relativkonstruktionen 
„römischer EinfluC" zu erkennen sei ^Buttmann S. 243), mögen andere ent- 
scheiden. — Tiftotiorj], ein seltenes Wort: Ign. Rm 3, 3; Just. apol. I, 53 
in.; Iren. IV, 33, 7 {.liazii; t)).6y.lt;()0i y.al . . . ßtß<da Tztiofioi'rj) scheint nie, 
wie 7rfu%ö gewöhnlich, die Tätigkeit oder Kunst des TieiOsw, des Überredens 
oder Überzeugeus zu bezeichnen, sondern stets das TTsid-soihu, das Über- 
redetwerdeu oder Cberzeugtsem, die Folgsamkeit. So haben es die giiech. 
Ausleger verstanden. Cf die passiven resp. intrans. Bildungen ■nh]OfiopT] 
Kl 2, 23; fSTÜ.i-ouotT} Jk 1, 25; ifley^iorrj u. dgl. 

•^) Hiegegen s. oben S. 216 zu 4, 13. Auch das Tidhi- 4, 19 gibt kein 
Recht zu der Eintragung des Pel, welcher im Anschluß an das auch von 
ihm anerkannte n«"»//?« co?iSf?isen7ts schreibt: nee Ulis nee mihi sine verbis 
(lei consentire dehetis, qui von iterum ad poenitentiam voeat. Cf 
vielmehr 2 Kr 6, 1 f.; Hb 3, 7 ff.; 4, 2, nuch 2 Pt 1, 10. 

'*) S. oben S. 45 f. zu 1, 6. — Die bei den Lat ziemlich verbreitete 
LA ex deo ist, wie schon Hier, sah, aus urspr. ex eo entstanden. 



256 Grundlosigkeit and Verderblichkeit des Abfalls. 

die Judaisten in Qal., dürfte man ihm nicht folgen, wenn er zum 
Ungehorsam gegen das, was wahr ist, auffordert, weil man da- 
durch in "Widerspruch mit dem berufenden Herrn geraten würde. 
Daß die Gal. sich einerseits von jenen iniponiren lassen, und andrer- 
seits die (Tefrthr unterschätzen, welche ihnen von jenen droht, er- 
scheint um so befremdlicher, als ihre Verführer im Vergleich mit 
den großen Gemeinden Galatiens eine unbedeutende Minderheit 
bilden, was nicht ausschließt, daß sie die Gesamtheit ins Verderben 
stürzen können. Auf beides zugleich weist der Spruch v. 9, 
welcher auch 1 Kr 5, 6, dort durch ov'/. o)'daTe noch deutlicher als 
ein bekanntes Sprichwort eingeführt wird. Der Spruch kann nicht 
sagen wollen, daß die judaistische Lehre im Verhältnis zu dem 
echten Ev und Christentum, welches die Gal. bis dahin besessen 
haben , einer kleinen Menge von Sauerteig gleiche , welche den 
ganzen Teig, dem sie beigemischt wird, durchsäuere.^*^) Denn die 
Lehre der Judaisten war nichts weniger als ein geringfügiger Zu- 
satz zu der anfänglich von den Gal. angenommenen Wahrheit. 
Nach dem Urteil der Judaisten war es ein zweites und erst das 
wahre Ev Christi, welches sie den durch PI zu einem verstümmelten 
und gefälschten Ev bekehrten Gal. brachten, und nach dem Urteil 
des PI war jene Lehre eine völlige Umkehrung des einzigen Ev 
Christi. Dazu kommt, daß v. 7 — 8 überhaupt nicht von der Lehre 
der Judaisten als einer sei es geringfügigen, sei es gefährlichen 
Sache die Rede war, sondern von den Personen der Verführer 
(jlg, f-ir^ÖEvL). Auf sie also wird sich auch v. 9 beziehen. Es sind 
einige wenige Leute (1, 7 xLveg), von denen ganze Gemeinden sich 
beirren und verwirren lassen. Aber der ganzen gal. Christenheit 
können sie ihr gesetzliches Wesen mitteilen und dadurch das Ver- 
derben bringen, und sie werden es tun, wenn man ihnen nicht 
radikalen Widerspruch entgegensetzt. Wie 1 Kr 5, 6 (cf 5, 7. 12) 
liegt auch hier in dem Spruch eine indirekte Aufforderung, das 
fremde Element, die mit dem Wesen der christlichen Gemeinde 
unverträglichen Personen hinauszutun cf oben S. 245 zu 4, 30. 
Demgemäß wird dann aber auch der Ausdruck der auf die Gal. 
gerichteten, aber in dem Herrn begründeten Zuversicht des Apostels 
zu verstehen sein, daß sie nichts anderes im Sinn haben und an- 
streben werden (v. 10^), nämlich nichts anderes, als was er ihnen 

'"j So schon Hier, mit Bezugnahme auf Mt 16, 6. 12. — Die LA SoJ^i 
statt ^yuoi, welche hier schon Marcion (GK II, 503; zu 1 Kr 5, 6 fehlt ein 
Zeugnis über seinen Text) und an beiden Stellen D* und fast alle Lat 
haben (auch.Vulg corrumpit, obwohl Hier, fermentat fordert, uni G dies 
als zweite Übersetzung bietet), mischt in das Gleichnis den eigentlichen 
Ausdruck; denn der unter den Brotteig gemengte Sauerteig hat ja weder 
den Zweck noch den Erfolg, den Teig zu fälschen oder .zu verderben, der 
Fäulnis zuzuführen. Es ist daher ^v/wi festzuhalten. Über Schädlichkeit 
oder Nützlichkeit der Wirkung ist damit nichts gesagt cf ßd I*, 497. 



c. 6, 7—12. 257 

durch V. 9 angedeutet hat, die Beseitigung des ansteckenden Sauer- 
teigs, die Abweisung der fremden Lehrer. Nur aus dem Gegen- 
satz zu diesen I^euten, welche sich mit der Hoffnung trugen, Gal. 
für ihre geträumte Gesetzeskirche zu erobern, erklärt sich das be- 
toute eycü. Sofort stellt PI jene in v. 10'' sich gegenüber,'^) und 
ebenso noch einmal v. 11 und 12. Daß er sie durch 6 TUQdaacjy 
vuäg singularisch bezeichnet, gibt angesichts der sonst konstanten 
Anwendung des Plurals 1, 7; 4, 17; 5, 12; 6, 12 f. kein Recht 
an eine einzelne hervorragende Persönlichkeit zu denken, sei es 
einen Führer der nach Gal. gekommenen judaistischen Sendlinge 
sei es einen aus der Ferne wirkenden Anstifter der dortigen 
Agitation.'') Das nachträglich angefügte ÖOTig eav (oder fiv) ^, 
welches nicht mit OTtolög Ttovi Iotlv (2, 6) gleichbedeutend ist, 
sondern heißt „wer immer es sei", weist auf eine unbestimmte 
Mehrheit (Mt 10, 33; 12, 50; Jo 2, 5; 15, 16) und ergibt in Ver- 
bindung mit dem generellen 6 ragdoocov (Eph 4, 28 6 y.XijtTUJv) 
den Sinn: „ohne Unterschied und Ausnahme jeder, der euch beun- 
ruhigt, wird das Urteil tragen" d. h. wird das solcher Untat ge- 
bührende Strafurteil Gottes zu tragen haben ; es wird an ihm voll- 
streckt werden.'^) Jeder beschönigenden oder entschuldigenden 
Beurteilung der Unruhstifter oder einzelner unter ihnen, zu welcher 
die Gal. geneigt sein mochten, tritt PI hiemit aufs schärfste ent- 
gegen. Einen besonderen Grund zu dieser neuen Erregung seines 
Zorns gibt ihm die Erinnerung an die unredlichen Mittel, welche 
jene Leute anwandten, um die Gal. von PI und seinem gesetzes- 
freien Ev abwendig zu machen, insbesondere an ihre Entstellung 
der geschichtlichen Tatsachen. Eine solche von besonderer Albern- 
heit berührt er kurz v. 11. Durch Voranstellung des kyu) de vor 
den Bedingungssatz, dessen Subjekt es ist, und durch Einschiebung 
der Anrede ScdtXrpoi zwischen das Subjekt und das den Satz, wozu 
es gehört, eröffnende ei, stellt er sich mit noch viel stärkerem 
Nachdruck als v. 10 den fremden Lehrern gegenüber. Jene predigen 
allerdings Beschneidung; denn laut fordern sie in den Gemeinden, 
daß aile Heiden und Heidenchristen sich beschneiden lassen, um 
gerecht und Erben der Verheißung zu werden. Dazu im Gegen- 
satz schreibt PI: „Ich aber, ihr Brüder, wenn ich (noch)'') 

'•) Die schlechter bezeugte LA eydj Si (C* G P, Ephr.) suchte den 
Gegensatz zu e/w im vorigen. 

"j Ersteres war die Meinung des Hier., letzteres diejenige Marcions 
und seiner Schüler, von welchen Hier. p. 490 sagt: Occulte, inquiunt, Fe- 
trum lacerat cf GK I, 592. 648; II, .503. 

") Cf 2 Pt 2, 3; Rm 3, 8. Zu dem Artikel ohne sonstige Näher- 
bestimmnng cf auch ») öo;v; Rm 3, 5; 13, 5; 1 Th 2, 16 und unser: „er trägt 
die Verantwortung, ich trage den Schaden". 

") Das erste It« ist schwerlich echt, sondern nach 1, 10 zugesetzt; 
es fehlt nicht nur in D G und bei den alten Lat (auch noch Hier. z. St., 
znerst in Vulg und nach den Drucken bei Aug. z. St. doppeltes adhuc), 
Zahn, Galaterbrief. 3. Aufl. 17 



258 Grundlosigkeit nnd Verderblichkeit des Abfalls. 

Besohneidung predige, warum werde ich noch verfolgt? so ist j& 
das Ärgernis des Kreuzes beseitigt". Das stark betonte lyco öi 
verbietet es, hierin einen geraeingiltigen Satz wie 2, 18 zu finden, 
dessen Anwendung auf bestimmte Personen fraglich sein könnte. 
Der darin ausgedrückte schürfe Gegensatz zu den durch v. 4 — 7 
wieder lebhaft vergegenwärtigten Predigern der Beschneiduug zeigt 
aber auch, daß PI hier in bezug auf seine eigene Predigt einen 
schlechthin unwirklichen Fall als wirklich setzt. Dasselbe beweist 
auch der in Frageform gekleidete Nachsatz und die weitere hieraus 
gezogene Folgerung. Denn PI wird ja noch immer wie seit seiner 
Bekehrung verfolgt, wo er auch predigen mag, besonders von den 
Juden (AG 9, 23. 29 ; 1 Th 2, 15 ; 2 Kr 11, 24. 26), aber, wenn 
gleich in anderer Weise, auch von Judenchristen (Gl 4, 29) ; und 
das Kreuz, welches er predigt und wie er es predigt, ist noch 
immer ein Ärgernis, besonders für die Juden (1 Kr 1, 17 — 23). 
Also kann auch der Fall, unter dessen Voraussetzung allein dio 
Folgerungen zutreffen würden, in Wirklichkeit nicht vorliegen. Es 
fragt sich nur, ob PI von sich aus den unwirklichen Fall, daß er 
Beschneidung predige, gleichwohl als wirklich setzt, oder ob er 
damit eine unwahre Behauptung der Gegner wiedergibt, um sie als 
absurd abzuweisen. Sprachlich läßt sich das nicht entscheiden; 
nur soviel wird man sagen dürfen, daß die Anwendung der hier 
vorliegenden Form des Konditionalsatzgefüges, welche das Un- 
wirkliche als wirklich setzt, anstatt der für die irrealen hypo- 
thetischen Sätze gebräuchlicheren Form (Gl 1, 10), da natürlicher 
erscheint und wohl auch häufiger vorkommt, wo das Unwirkliche 



sondern auch bei Ephr. Arm. Goth (in S* fehlt das zweite ?t<). Wenn 
echt, könnte es jedenfalls nicht wie 1, 10 die ununterbrochene Fortdauer 
des von PI als Pharisäer innegehaltenen Verhaltens auch noch während 
seiner christlichen Lebensperiode bezeichnen; denn daß er als Missionar 
regelmäüig nicht Beschneidung predige, war eine zu offenkundige und von 
den Gegnern am wenigsten geleugnete Tatsache (AG 21, 21) und war vor 
allem der Grnnd, aus welchem sie ihn verfolgten. Es konnte daher die 
Frage, warum er dann nocli, da die Voraussetzung hinfällig geworden sei, 
verfolgt werde, gar nicht gestellt werden, da die Verfolgung vielmehr erst 
in folge des Nichtvorhandenseins der Voraussetzung sich gegen ihn erhoben 
hatte. Daran ändert es nichts, wenn man das zweite in als ein sogen, 
logisches faßt (cf Rm 3, 7; 9, 19 cf oiy.iti Rm 11, 6j. Es könnte auch dann 
das erste fr« nur aus dem Gegensatz zu den Judaisten, welche auch als 
Christen fortfuhren, Beschneidnng zu predigen, notdürftig erklärt werden. 
[Lütg. S. 22ff. sieht in v. 11 einen Vorwurf der Gegner durchblicken. Aber 
weil 7ttoniuiT,i> in xrin'ooft unmöglich als Vorwurf in den Mund der Judaisten 
paßt, folgert er, daß der ganze Abschnitt v. 7 ff. sich gegen die Pneumatiker 
wende, welche dem PI Stehenbleiben auf halbem Wege vorwarfen. Aber 
nach dem v. 2 ff. deutlich judaist. Gedanken abgewehrt sind, kann kein 
Leser ahnen, daß v. 7 zu einer neuen Front übergeht. — Vgl. auch Euth. 
Zig. zu 5, 7 : t6 ,T/e' oi'x ifion&vröi iaiiv^ Au.' 6f.o(fv()0fih'ov T^öei yoft roi/s 
iyx&tfiavrae.^ 



c. 5, 7—12. 259 

von anderer Seite als der des Redenden als wirklich behauptet 
wird.*") "Wenn das hier nicht der Fall wäre, PI vielmehr aus 
eigenem Antrieb bo redete, so könnte das doch nur ein äußerst 
dunkler Ausdruck des Gedankens sein: „Wenn ich nichts von der 
gesetzlichen Predigt der Ruhestörer wissen oder sie nicht zu der 
meinigen machen will, so tue ich das gewiß nicht aus Laune oder 
Bequemlichkeit, sondern aus aufopfernder Liebe zur Wahrheit; 
denn gerade meine Predigt vom Kreuz trägt mir nur Verfolgungs- 
leiden ein und erschwert mir den äußeren Erfolg bei den Hörern" 
cf 1, 10; 6, 2. Und wie wunderlich zwischen die beiden scharfen 
Worte gegen die Ruhestörer v. 10 und 12 wäre dieser Satz ge- 
stellt! Wenn PI die Leser dadurch auffordern wollte, ihn mit 
jenen zu vergleichen und für ihn als den aufopferungsvollen Zeugen 
der Wahrheit und gegen jene müßigen und bequemen Schwätzer 
sich zu entscheiden, wäre der richtige Platz dafür hinter v. 12. 
Seine richtige Stelle hat der Satz nur, wenn er durch Erinnerung an 
eine ebenso boshafte als törichte Rede der Gegner die Steigerung 
der zornigen Rede über sie von v. 10 zu v. 12 motivirt. So töricht 
werden die Judaisten freilich nicht gewesen sein, zu behaupten, 
daß PI die Beschneidung zum hauptsächlichen oder regelmäßigen 
Gegenstand seiner Predigt mache, wohl aber, daß er im Interesse 
seiner Missionspredigt gelegentlich doch auch Beschneidung TJn- 
beschnittener empfehle oder auch fordere. Die zwei Worte, durch 
welche PI diese Behauptung wiedergibt, sind selbstverständlich von 
ihm selbst geschaffen. Wie er ein Predigen, bei welchem der 
Prediger seine eigene Person in ungebührlicher Weise geltend 
macht, ein iavrbv xr^gvooeiv nennt 2 Kr 4, 5, so hier vom Stand- 
punkt der Gegner ein Predigen, mit welchem gelegentlich ein 
Anempfehlen der Beschneidung sich verbindet, ein TceQLXOfxr^v' 
xr^Qvoaeiv. Liegt in diesem Gebrauch von -ArjQvaaeiv hier wie dort 
eine absichtliche Übertreibung, so ist doch durch die Artikellosig- 
keit von Tttgirour^v der Gedanke ferngehalten, daß nach der 
gegnerischen Behauptung die Beschneidung den wesentlichen Inhalt 
seiner Predigt bilde. Die Kürze, mit welcher PI auf dieses Gerede 
hinweist, setzt aber voraus, daß die Tatsachen, auf welche damit 
abgezielt war, und der wahre Sachverhalt den Gal. ebenso bekannt 
waren, als ihm selbst. Sie bedurften keiner weitläufigen Richtig- 
stellung und Widerlegung der gegnerischen Darstellung, wie die 
1, 11 — 2, 14 besprochenen Tatsachen. Nicht im fernen Jerusalem 
oder in der syrischen Hauptstadt, sondern im Kreise der gal. Ge- 
meinden selbst, wenn anders diese in Südgalatien zu suchen sind, 
war das geschehen, was die Judaisten als ein gelegentliches Ttsqi- 

«") An Stellen wie Mt 4, 3; 5, 29 (Bd I, 237 f.); Jo 8, 39 (cf v. 33); AG 
5, 39; Gl 2, 21 ist tl c. ind. praes. = „wenn wirklich, wie man (ihr, dn) 
sagt, ich aber nicht gelten lasse". 

17* 



960 Gnindlosigkeit und Verderblichkeit des Abfalls. 

tOftrv yci]Qvaoeiv darstellten: die Beschneidung des Timotheus,**) 
eine Tatsache, deren Geschichtlichkeit aucli durch Phl 3, 3 sicher- 
gestellt ist (Einl § 50 A 7). Wir wissen nicht, oh dieser Fall der 
einzige gobliehen ist. Auch Urteile über die Verträglichkeit des 
Boschnittenseins mit dem Ciiristcnstand wie 1 Kr 7, 18 und die Be- 
scbneiduug von Kiudern jüdischer Eltern inmitten heidenchristlicher 
Gemeinden, welche PI nicht hinderte (AG 21, 21 — 24), mögen mit- 
benutzt worden sein, um dem unwahren Gerede einen Schein der 
Berechtigung zu geben. Die Kürze, in welcher PI es abweist, ent- 
spricht dem gedrängten Stil des Abschnittes v. 7 — 12 und hat 
ihresgleichen l Kr 9, 1 — 4. Nach allem, was er bis dahin im Gl 
dargelegt hat, kann er sich in dem Vertrauen auf die wiederher- 
gestellte Einsicht der ,, Brüder", welches er v. 10 bezeugt hat, an 
der kurzen, aber schlagenden Widerlegung genügen lassen. Der 
Zorn aber über die Gegner, welchen die Erinnerung an eine einzelne 
arglistige Verdrehung der Wahrheit durch sie neu angefacht hat, 
bricht schließlich noch in dem bitteren Wunsch hervor: „Möchten 
sich doch vollends (xai) kastriren lassen ^-) die, welche euch in 
Verwirrung und Aufruhr versetzen". ^^) [v. 12] Obwohl der Apostel 
weiß, daß sie das nicht tun werden, sein Wunsch also unerfüllt 
bleiben wird, ist es ihm doch bitterer Ernst mit dem in diesem 
Wunsch zu so schroöem Ausdruck kommenden Urteil über sie. Es 
wäre wirklich besser,**) wenn sie ihre abergläubische Meinung, daß 
Beschneidung persönliche Heiligkeit verleihe, bis zu dem Gipfel des 

*') AG 16, 3. So Chrys, p. 3. 81; Hier., im wesentlichen auch Äug. 
Pel. u. a., femer Bengel (nur nicht bestinamt genug), Rückert, Wieseler u. a, 

***) Da änoxötttif ohne wie mit Angabe des abgeschnittenen Teiles 
kastriren" heißt (cf Deut 23, 2; Epict. diss. II, 20, 19; JuHt. apol. I, 27; 
Luc. Eunuchus c. 8. daher dnoxorroi), und da y-ai eine Steigerung über 
etwas bereits vorhandenes ausdrückt, was hier nur die Beschnittenheit oder 
die Hochschätzung und Empfehlung derselben sein kann (cf auch nsoirofirj 
und y.ar<tjoiii] Phi 3, 2f.\ so sind alle Umdeutungen auf Ausschließung 
oder Ausrottung aus der Gemeinde, Abtrennung von Sünde oder Irrtum 
oder auch von der Wahrheit oder der Barmherzigkeit Gottes, wie sie neben 
der einfach richtigen Deutung, welche Hier. Cbrys. Pel. Thdr ausschließ- 
lich vertreten, schon von Abstr, Vict., Ang. versucht wurden, abzuweisen, 
zumal sie durchweg eine nicht nachweisbare passive Bedeutung des Fut. 
med. voraussetzen. Andrerseits empfiehlt es sich auch nicht, das Medium 
::= lavrdr ATtoy.ÜTTret) zu fassen (Hofmann); denn das Gewöhnliche war 
doch, daß einer diese Operation durch einen Arzt an sich vollziehen ließ 
cf Just apol. I, 29. Der seltene Fall einer eigenhändigen Selbstentraannung 
würde unzweideutig ausgedrückt sein cf Mt 19, 12; Eus. h. e. VI, 8, 2. Also 
wie ßnrTTinnodui ZU fassen cf Winer § 38, 4^ Blaß* § 317. Der Ind. fut. 
(wofür D G ärtoyöyoft'jat) hinter öjelov ist emfach hinzunehmen cf Blaß*^ 
S 360 384. 

") Zn rfr«<7T«rofr cf AG 17, 26; 21, 38; Dan 7, 23 (LXX, nicht Theod.); 
Oiyrhvnchus Papvri I, 185 nr. 119. 

""*) Vielleicht sogar für sie selbst cf Mt 18, 6—9; 26, 24, sofern diese 
ättfierste Verirrung sie zur Besinnung bringen und zur Buße führen könnte. 



y, l-ö. 261 

Aberwitzes trieben, daß sie sich wie die Priester der Kybele ent- 
mannen ließen, um noch heiliger zu werden. Denn dann wären sie 
für die Christenheit ungefährlich ; es wäre der ISchein geschwunden, 
daß sie die Wächter von Gottes heiligem Gesetz seien, welches sie 
dadurch gröblich übertreten würden (Deut 23, 2). 



6. Der rechte Gebrauch der christlichen Freiheit 
5, 13-6, 10. 

Dem scharfen Urteil über die, welche die Gal. durch ihre 
gesetzliche Lehre im Lauf hemmen, verwirren und in Aufruhr ver- 
setzen, dient es zur Rechtfertigung, daß eben die, welche sie da- 
durch zu Knechten zu machen suchen, vielmehr zur Freiheit, mit 
dem Absehen auf einen Zustand der Freiheit berufen wurden.^') 
Zugleich aber vermittelt dieser Satz den Übergang zu einer aus- 
führlichen Mahnung an die Gal., die Freiheit, welche ihnen Christus 
erworben hat (5, 1), und zu deren Besitz und Betätigung sie durch 
das Ev berufen sind, richtig zu gebrauchen. Der positiven Er- 
mahnung wird aber die Warnung voraufgeschickt, diese Freiheit 
nicht zu einem Anknüpfungspunkt für das Fleisch werden zu lassen,®*) 
und dies wird als das Einzige bezeichnet, was hier zu beachten sei. 
Für den Freien ist es selbstverständlich, daß er seine Freiheit als 
ein teures Gut sich bewahre, in allen Beziehungen des Lebens 
sie betätige und jede Einschränkung derselben nach Kräften ab- 
wehre. Eine Ausnahme aber von dieser sittlichen Regel besteht 
für den Christen, weil er noch im Fleisch, in der angeborenen 
und unverklärten menschlichen Natur lebt (2, 20), in welcher 
mächtige Triebe walten, die dem Geist der Gotteskindschaft ent- 
gegenstreben (3, 3; 5, 16 f.) und jederzeit bereit sind, das Ver- 
halten des Ich zu bestimmen. Das Gefühl der Freiheit kann dazu 
beitragen, das Bewußtsein um die sittliche Pflicht des Widerstands 
gegen diese Triebe zu verdunkeln, und so dem Fleisch Anlaß 
geben, den Menschen sich dienstbar zu machen, was dann aber 
nicht mehr Betätigung, sondern Preisgebung der Freiheit wäre 
cf 1 Kr 6, 12; Jo 8, 34. Aus dieser Einführung der folgenden 
Mahnungen erhellt auch ihr Zusammenhang mit dem Anlaß und 

") Zu irrt c. dat. cf 1 Th 4, 7; Eph 2, 10. [in f/.tvdeoia ist stehender 
Ausdmck bei der sakralen Sklavenbefreiaug. Vgl. Deißinann, Licht v. 0. 
S. 235. Dittenberger, Sylloge* Nr. 845.] — Das durch G, einige Lat, S' 
Ephr. Chrys. bezeugte ISi statt ydo beruht auf Nichtversteheu des Zu- 
sammenhangs, welcher auch durch die unmittelbare Folge der Worte: tfiäü 
(v. 12 cf 7. 10), i'ueii (v. 13) angedeutet ist. 

*') Die Ellipse (cf 1 Kr 7, 39) wurde ergänzt durch Sa7e G, detis, 
7irtpfxo»fitv in freier Wiedergabe Clem. ström. III. 41, besser l^/,tTs Blaß* 
§ 481. 



2t) 2 Per rechte Gebrauch der christlichen Freiheit. 

Hauptinhalt des Briefs. Qegenüber den Judaisten, welche das 
Gesetz als notwendiges Mittel nicht nur zur Rechtfertigung, sondern 
auch zur Heiligung anpriesen, galt es zu zeigen, daß es des Ge- 
setzes hiezu nicht bedürfe, aber auch dafür zu sorgen, daß die 
Heidenchristen die christliche Freiheit nicht mit natürlicher Zügel- 
losigkeit verwechseln. Nicht das Gesetz hilft zu sittlichem AV^ohl- 
verhalten, sondern die christliche Freiheit grenzt sich selber ab 
gegen fleischliche Ungebundenheit ; denn der Glaube, welcher frei 
macht, betätigt sich in der Liebe, welche den Christen zum Knecht 
Beines Bruders macht.*'') Dem einzigen Verbot tritt als einziges 
Gebot das der Liebe gegenüber. Schwierig zu entscheiden ist, ob 
rfj äyaTti] tov TtvBv^iaxog ^^) oder öia xT^g ScyccTtr^g das Ursprüng- 
liche ist. Dem Verdacht, daß rov nv. ein aus Rra 15, 30 ge- 
Bchöpfter Zusatz sei, widerspricht, daß die Zeugen für diese LA 
dann nicht das von den übrigen Zeugen gebotene öia r. &y., 
welches ja auch Rm 15, 30 zu lesen ist, in rf] dy. geändert haben 
würden. Dagegen konnte öia r. dy. leicht aus Gl 5, 6 sich ein- 
schleichen. Daß die Liebe hier als eine vom Geist gewirkte, in 
und mit dem Geist gegebene ^^) bezeichnet wird, entspricht nicht 
nur dem Grundgedanken des hier beginnenden Abschnitts (v. 16 — 18. 
22. 25 ; 6, 1. 8), sondern auch dem wahrscheinlichsten Text von v. 14. 
Ist nämlich dort mit ilarcion uud unseren 4 ältesten griech. Hss 
7te7T).TqQioraL statt des offenbar erleichternden 7tkr]Q0ÜTaL zu lesen, 
80 findet es auch nur dann seine befriedigende Erklärung, wenn 
man mit Marcion, welcher hier keinen Grund zu gewaltsamer 
Änderung hatte und die ähnliche Stelle Rm 13, 8 f. unangetastet 
ließ, zwischen röuog und TteTt/.riQOJzai nichts anderes als ev v(.ilv 
und zwischen tietcX. und d^yaTCr^otig gar nichts liest.'"') Die Origi- 
nalität des Gedankens wie des Ausdrucks und die Erinnerung an 
Rm 13, 9, woneben man auch Rm 13, 8 hätte bedenken sollen, 

*^ Cf Luthers Schrift „von der Freiheit eines Christenmenschen" 1520. 

") So D G, die alten Lat vor Aug. Hier. Vulg {per caritatem oder 
dilectionem Spiritus ebensogut für ri] dy. als öiä t. dy.), Kop Goth (nicht 
S' Ephr.). Daß dies roc m'. bei einigen dieser Zeugen (D, aber nicht G) 
ein fehlerhaftes rfjs aapxöe statt t/J a. hervorrief, macht rov nv. nicht ver- 
dächtig. 

^) Ttvexua hat sehr häufig das von ihm Gewirkte im Genitiv bei 
sich, steht aber auch nicht selten im Genitiv neben dem, was seine Frucht 
und Wirkung ist Rm 7, 6: 8. 2; 15, 13. 19. 30; 1 Kr 2, 13; Gl 5, 22; Eph 4, 3; 
1 Th 1, 6; 2 Th 2. 13; Tt 3, o. 

»0) GK II, 503 nach Tert. teilweise gegen Epiph., cf zn Em 13, 8 f.; 
GK II, 519. Das av iuir haben bewahrt, aber mit nachfolgendem ii^ ivi 
i.öyo} rt/.r^povrat, DG, alle Lat (mho d Vict. Abstr nach cod. Gas., in uno 
g wie Hier. Vnlg), Goth (dieser außerdem noch mit iv rcO hinter 7ilr]povTai^, 
Statt fV iii }.6y(a haben Ephr. S' in paucis; das iv lol hat von den Occi- 
dentalen zuerst Aug , noch nicht Hier. Vulg. Letzteres ist müßig neben 
ersterem und beides unverträglich mit tv v/ntv TieTzlr^owrai. Cf übrigens 
Hofm. z. St. 



c. 5, 13—15. 268 

erklären ea völlig , daß nur Bruchstücke dieses ältestbezeugten 
Textes bis in spätere Zeiten eine stattliche Vertretung für sich 
aufzuweisen haben. Wenn PI die Gal. ermahnte, vermöge der 
Liebe, welche der Geist wirkt, einander zu dienen, so sprach er 
die Voraussetzung aus, daß sie die Liebe in und mit dem Geist, 
also ebensogewiß wie diesen besitzen.®^) Dieser Voraussetzung 
dient der Satz zur Bestätigung, daß das Gesamtgesetz in ihnen 
zur Erfüllung gekommen sei."^) Auch abgesehen von der Betätigung 
ihrer Liebe im äußeren Dienst, ist die Liebe selbst, die sie im 
Herzen hegen, Erfüllung von ö TtSg vö^iog. Dies ist nicht ganz 
gleichbedeutend mit liXog (oder nag) 6 vöf.iog;^^) es verneint nicht 
sowohl, wie dieses, das Vorhandensein von Ausnahmen oder das 
Fehlen einzelner Stücke, als es die Zusammenfassung der Teile zu 
einer Einheit, die Gesamtheit bezeichnet. An den Begriff des Ge- 
samtgesetzes schließt sich nachträglich als eine denselben ex- 
ponirende Apposition das aus Lev 19, 18 genommene Gebot an, 
und zwar ohne ein den Spruch als Citat kennzeichnendes to (Rm 
13, 9) oder dergleichen, ganz so wie Jk 2, 8 das gleiche Gebot an 
vöuov ßaoiXiKOV über die dazwischenstehenden Worte hinweg sich 
anschließt. Die Gleichsetzung aber der Forderung einer der Selbst- 
liebe entsprechenden Nächstenliebe mit dem als ein einheitliches 
Ganzes betrachteten Gesetz ist eine nur im Ausdruck gemilderte 
Wiederholung des Wortes Jesu Mt 7, 12 (Bd I*, 310f.). Im Innern 
der Leser ist dieses Gebot und damit das Gesetz in seiner Ge- 
samtheit erfüllt durch die vom Geist gewirkte Liebe, die in ihrem 
Herzen wohnt. Aber wie viel fehlt daran, daß sie in ihrem äußeren 
Verhalten gegen einander herrschte ! Nicht als einen möglichen 
Fall stellt v. 15 es hin, daß sie einander beißen und auffressen, 
um eine für solchen Fall geltende Regel aufzustellen, sondern, wie 
schon die Satzform zeigt (st c. ind. praes., nicht edv oder bxay), 
was wirklich bei ihnen stattfindet, wird als wirklich gesetzt, um 
darauf die Mahnung zu gründen: „Sehet zu, daß ihr nicht von 
einander aufgezehrt werdet." Die starken Ausdrücke, wodurch die 
Gal. mit Hunden oder Raubtieren verglichen werden, die einander 

»1) Cf 3, 2—5; 4, 6. Zu dem Artikel bei dyäTir; s. oben S. 93 A 16. 

'*) Cf das Perf. ne7ih]otDHBv Rm 13, 8 und zu ev vfiiv Rm 8, 4, wo iv 
vfiiv auch nicht = StA (oder vrtö oder na^d) f}uä>p ist und auch nicht un- 
mittelbar von dem äußeren Verhalten, sondern von dem ^oörrjfta roo 
7Tt'et\uaTos V. 5 ff. und der Immanenz des vöfio^ rov TtyevfiaTog v. 2 die 
Rede ist. 

") Gl 5, 3; Jk 2, 10; Mt 22, 40 cf Mt 5, 18; Gl 3, 10. Dagegen d näg, 
oi Ttdvreg mit folgendem Substantiv oder Pronomen AG 20, 17; 2 Kr 5, 10; 
1 Tm 1, 16. Bei Eigennamen, die keines Artikels bedürfen, kaum zu unter- 
scheiden, aber z. B. Rm 11, 26 deutlich: nicht alle Juden ohne Ausnahme, 
soudern Gesamtisrael, die Nation als solche. Cf auch t« TräyTu = das 
Weltall 1 Kr 8, 6; Eph 1, 10; 3, 9 im Unterschied von .-rärr« = alles ohne 
irgend eine Ausnahme Jo 1, 3. Cf Kühner-Gerth I, S. 632 f. 



864 Der rechte Gebrauch der christlietien Freiheit. 

anfallen, beißen und zerfleischen, weisen auf heftige Streitigkeiten 
unter ihnen hin, und dies um so mehr, als dies die einzige Stelle 
des Gl ist, von welcher auf das gegenseitige sittliche Verhalten 
der Leser ein ungünstiges Licht fällt. Nimmt man v. 20 hinzu, 
80 ist wohl nicht zu bezweifeln, daß die von außen in die gal. 
Gemeinden gebrachte Bewegung zu innergemeiudlichen Streitig- 
keiten geführt hatte, und Separationen zu befürchten waren, wenn 
nicht gar eine Auflösung der ganzen gal. Kirche."^) Wie er seine 
auffällige Gegenüberstellung der innerlichen Erfüllung des Gesetzes 
der Liebe und des sehr lieblosen gegenseitigen Verhaltens ver- 
standen haben wolle, erklärt PI durch die mit einem Xiyu) di 
(cf 1 Kr 1, 12; Gl 3, 17;. 4, 1) eingeleiteten Sätzen v. 16—18. Bei 
dem Zwiespalt zwischen innerer Gesinnung und äußerem Verhalten 
(Rm 7, 25) darf es nicht bleiben. Es ist sittliche Aufgabe der 
Christen, an seiner Überwindung zu arbeiten. "Wenn sie im Geist 
wandeln d. h. den Geist, welcher ihnen die Liebe ins Herz ge- 
geben hat (v. 13), die bestimmende Macht ihres Wandels unter den 
Menschen sein lassen — und dazu ruft der Apostel sie auf — , 
so werden sie sicherlich nicht Fleischesgelüste ins Werk setzen.®*) 
Der hiedurch mehr vorausgesetzte als ausgesprochene Gedanke, daß 
der Christ zwischen den Geist, welcher sein Handeln bestimmen 
soll, und das Fleisch, welches sein Begehren dem Ich mitzuteilen 
weiß, gestellt sei, wird dadurch bestätigt und erläutert, daß das 
Begehren des Fleisches ein dem Geist entgegengesetztes ist und 
umgekehrt. Da das Neue, was hiezu v. 17^ hinzubringt, vor allem in 
dem Absichtssatz liegt, dieser aber nicht eine Bestätigung, sondern 
eher eine Folge der Aussage von v. 16 enthält, so begreift es sich, 
daß man das vorzüglich bezeugte ydg [v. 17] teils durch öi (so die 
jüngeren Korrektoren von sD), teils durch ovv (so vielleicht schon 
Clemens str. IV, 61; Goth), teils durch xa/ (S^ Orig. ?) ersetzte. 
Da die Verschiedenheit von Geist und Fleisch an sich auch als 
Ursache einer harmonischen Mannigfaltigkeit des Lebens gedacht 
werden könnte, und da aus dem bloßen Vorhandensein des Gegen- 

•*) Da zwischen xaTeadieir, welches als tatsächlich geschehend ans- 
gesagt ist, und (hn/.ioy.eadm, womit die zu vermeidende Folge bezeichnet 
wird, notwendig ein Unterschied besteben muli, so ist ersteres inchoativ 
tu. verstehen (sie sind dabei, sich gegenseitig zn verschlingen), letzteres 
aber von dem Ergebnis, zu dem es scblielilicb kommen muß, wenn sie so 
fortfahren. Die gegenseitige Anfeindung zielt aber ebensowenig auf Ver- 
nichtung des christlichen als des leiblirh menschlichen Lebens der Brüder, 
ist vielmehr ein Angriff auf ihre gemeindliche Einheit. Das zu befürch- 
tende Ende kann also auch nur die völlige Auflösung des Gemeinde- 
bestandes sein. 

•*) oi> fit^ c. coni. „bestimmteste Form der verneinenden Aussage über 
Zukünftiges" (Blaß* § 365). Zu y.ai als Einleitung eines Folgesatzes nach 
Imperativ cf Mt 7, 7; Lc 10, 28; Jo 1, 39, auch klassisch Winer § 53, 3; 
Kühner-Gerth II, 248 u. 521, 5. 



c. 5, 16-18. 265- 

Satzes von Geist und Fleisch ebensowenig als ans dem Gegensatz 
von Groß und Klein, Stark und Schwach oder Süß und Sauer sofort 
folgen würde, daß das Begehren und Streben des Einen dem des 
Andern feindlich und ausschließend entgegentrete, so wird letztere 
Behauptung begründet durch den Satz, daß Geist und Fleisch über- 
haupt Widersacher von einander seien, ein empirischer Satz, welcher 
von der leiblichen Menschennatur nur in ihrer dermaligen Entartung 
und Verderbtheit und nicht von allem, was Geist heißt, sondern 
nur von dem Geist Gottes und Christi, wie er den Christen zu teil 
geworden, gilt. Nicht das durcL die Schöpfung gesetzte (Gen 2, 
7. 23 f.), sondern das durch den Eintritt der Sünde einerseits (Gen 
6, 3) und die Erlösung andrerseits (Gl 4, 6) so gewordene Ver- 
hältnis von Fleisch und Geist ist damit ausgesagt. Dann kann der 
nachfolgende Finalsatz *^) auch nicht an diese nur beiläufige und 
einigermaßen parenthetische Rechtfertigung der Hauptaussage, sondern 
nur an diese selbst sich anschließen.^') Jener beständige "Widerstreit 
zwischen Strebungen und Antrieben des Fleisches und Strebungen 
und Antrieben des Geistes ist so geordnet, damit die Christen nicht, 
was immer sie wollen, eben dieses tun. Da Gott es ist, der durch 
Sendung des Geistes in die Herzen der Christen, welche er gleich- 
wohl noch im Fleisch, wie sie es von Geburt an haben, leben läßt, 
seine Kinder zwischen die beiden Mächte gestellt hat, welche ihr 
Leben zu bestimmen trachten, so kann und muß auch von einem 
Zweck dieses freilich noch unvollkommenen Zustandes geredet werden. 
So unvermeidlich die Erinnerung an Em 7, 15. 19 f. ist, so hand- 
greiflich ist auch der Unterschied, welcher durch die Verschieden- 
heit der Form des Relativsatzes hier und dort ausgedrückt ist. 
Nicht von einem bestimmten "Wollen, welches entweder ein gutes 
oder ein böses ist, sondern von allem beliebigen, was die Leser 
zum Gegenstand ihres "WoUens machen und haben, gleichviel ob 
es gut oder böse sei, wird verneint, daß dies es sei, was sie durch 
ihr Handeln ins "Werk setzen. Ihr Tun ist vielmehr auf alle Fälle 
gemäß dem von Gott geordneten Zustand, in welchem sie sich der- 
malen befinden, Verwirklichung des "Willens einer höheren in ihnen 
wohnenden Macht, durch welche sie sich bestimmen lassen, sei es 
des Fleisches, sei es des Geistes. Das raCia legt auf den Relativ- 
satz, der an sich schon durch seine Voranstellung vor TTOifje betont 
ist, noch stärkeren, und zwar gegensätzlichen Nachdruck. Nicht 
dies, sondern ganz etwas anderes sollte Gegenstand des Handelns 
der Christen sein, und ist es in der Tat. Nach dem Zusammen- 

") Die Fassung von ir« = öjore (so z. B. noch Lightfoot und Blaß' 
§ 391) läßt sich weder hier noch sonst bei PI d Th 5, 4: 2 Kr 1, 17) nach- 
weisen. Ob überhaupt im NT cf Fritzsche, Comm. in Matth. p. 836 — 842; 
Winer Gr. § 53. 6. 

» ") Cf Rm 7, 8 ; 8, 7 (oiSe yäp Si-rarm); 8, 24"; die große Parenthese Gl 2, 8. 



S66 Der rechte Gebrauch der christlichen Freiheit. 

hau^ uud AülaG des ganzen Briefes, an welchen der Leser durch 
V. 18 sofort wieder sehr deutlich erinnert wird, ist damit vor allem 
gesagt, daß das Qutbandeln nicht das selbsteigene Erzeugnis des 
luenschlicben AVillens sei cf oben S. 134f. Während die Kabbinen 
von der Macht des „bösen Triebes'' in oft übertriebener Weise 
redeten, sprachen sie und die Judaisteu von dem Quthandelu im 
einzelneu, von der Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften als von 
Tugendleistungen des Älenschen, welchen der Lohn nicht vorent- 
halten werden kann. AVas sie unter Gerechtigkeit verstanden, galt 
ihnen überwiegend als ihr eigenes Werk (Rm 10, 3; Phl 3, 9). 
Dem gegenüber sa>?t PI, daß der Mensch oder vielmehr der Uhrist 
in allem seinem Handeln nicht seinen autonomen Willen zu be- 
tätigen habe und wirklich betätige, sondern ein Werkzeug einer 
der beiden entgegengesetzten Mächte sei, zwischen die er sich ge- 
stellt finde, entweder des (ieistes oder des Fleisches. Damit soll 
die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun nicht aufgehoben, 
und noch weniger der Ernst der sittlichen Forderung (v. 1. 13. 
16, 25; 6, 7) abgeschwächt werden; aber die Forderung lautet nun 
nicht auf Leistung einzelner Handlungen, auf Erfüllung einer Menge 
von Geboten, die man zu zählen versucht und doch nicht zählen 
kann, sondern dahin, dem Geist treu zu bleiben, den man empfangen 
hat, ihm zu vertrauen, von ihm sich leiten zu lassen, in seiner 
Kraft zu wandeln und zu handelp. Wenn die Gal. dies tun, so 
gilt ihnen nicht nur die Verheißung, daß sie dann nicht mehr 
ohnmächtige Werkzeuge der Fleischesbegierden sein werden (v. 16), 
eondern auch, daß sie dann nicht unter Gesetz stehen v. 18. 
Durch TivtvfiaiL äyeoifai (cf Hm 8, 14; Lc 4, 1) ist wie v. 17 der 
Geist als eine bestimmende Macht vorgestellt, ohne daß darum die 
T. 16 und 25 geforderte Selbstbestimmung des Menschen verneint 
würde; denn der Geist bestimmt den Christen vor allem anderen 
dazu, sich von ihm treiben d. h. in seiner Bewegung bestimmen zu 
lassen. Ist unter vduoi,' wie in der gleichen Verbindung mit VTtö 

3, 23; 4, 4. 5. 21; Km 6, 14 f. das mosaische zu verstehen, so ist 
doch auch hier ebensowohl die Artikellosigkeit des Worts als das 
durch VTcb v. ausgedrückte Verhältnis zu demselben zu beachten. 
Wer sich vom Geist treiben läßt, hat nicht mehr wie die, welche 
unter dem mosaischen Gesetz lebten, ein Gesetz über sich und 
somit auch außer sich, welches dann unvermeidlich zu einem be- 
engenden und knechtenden Joch werden müßte (3, 10 — 13. 23 f.; 

4, 1 — 7; 5, 1); denn in der vom Geist gewirkten Liebe, welche 
der Christ im Herzen trägt, hat er die Summe des Gesetzes er- 
füllt, und wenn er sich von demselben Geist in seinem Handeln 
bestimmen läßt, fährt er fort, das ihm innerlich gewordene Gesetz 
von innen heraus zu ei füllen. Wenn hieran mit einem durch seine 
Stellung stark betouten Prädikat der Satz (paveqa öi eaiiv %a egya 



c. 5, 19—24. 267 

zf.g aaQy.6g [v. 19] und weiterhin eine Aufzählung aller möglichen 
Fleischeswerke "**) sich anschließt, so gibt sich dies freilich nicht, als 
ob es durch yäg (so nur S^) statt de angeknüpft wäre, als eine 
Begründung von v. 18, ist aber doch eine solche Weiterführung 
des Gedankens, welche zugleich eine Erläuterung des Vorigen ist. 
Von den allgemeinen, die tiefsten Triebfedern alles Handelns dar- 
stellenden Sätzen V. 16 — 18 zu den einzelnen Betätigungen sich 
wendend, betont PI zunächst, daß alles das, was das Fleisch tut, 
offenkundig sei. Der Christ steht nicht in jedem Augenblick 
vor der Frage, ob dies oder jenes, was ihm als eine mögliche 
Handlung in den Sinn kommt, gut oder böse, erlaubt oder ver- 
boten sei. Die christliche Ethik bedarf keiner Kasuistik, weil am 
Tage liegt, was aus der verderbten menschlichen Natur als Gelüste 
aufsteigt und in Tat umgesetzt zu werden begehrt ; ebenso aber 
auch, was die Frucht des Geistes ist (v. 22). Unter den Werken 
des Fleisches stehen als die 3 ersten die im engereu Sinn so- 
genannten Fleischessünden voran ; denn auch cacad-agola und äoeAyeia, 
die an sich auch andere Unreinheit und Ausschweifung bezeichnen 
können (1 Th 2, 3 ; Eph 4, 19), werden in Verbindung mit TtOQveia 
auf das geschlechtliche Leben zu beziehen sein (Rra 1, 24; Kl 3, 5 ; 
Eph 5, 3. 5), zumal die Schwelgerei v. 21 ihren besonderen Platz 
findet. Es folgt der Götzendienst [v. 20] und die mit demselben 
zusammenhängende Anwendung von Zaubermitteln ; denn diese, nicht 
die Giftmischerei, wird eben wegen der Zusammenstellung mit dem 
Götzendienst gemeint sein (Ap 21, 8; aber auch 9, 20f. ; 18, 23; 
Ex 7, 11; Deut 18, 10). Die 5 folgenden Worte bezeichnen Ge- 
sinnungen, Verhaltungsweisen und Gemütsbewegungen, welche das 
Gegenteil selbstloser Liebe darstellen. Wo sie sich dauernd geltend 
machen können, kommt es zu Spaltungen {ÖLyßOraoLai ßm 16, 17, 
wesentlich gleichbedeutend mit axiOf.iaTa 1 Kr 11, 18 f.) und schließ- 
lich zur Bildung geschlossener, sich gegenseitig bekämpfender und 
ausschließender Parteien (cf v. 15 oben S. 264 A 94). Hiemit scheint 
ein Schluß erreicht zu sein, und mehr dem Bedürfnis, noch andere 
Arten zu nennen, damit es nicht scheine, als solle hiemit eine voll- 
ständige Aufzählung abgeschlossen sein, als einem notwendigen Fort- 
schritt des Gedankens ist es zuzuschreiben, daß nun noch cpO-övoc 
[v. 21], welches neben ^fjAog, ■d-vfioL seine sachlich angemessenere 
Stelle hatte, und Trinkgelage und Schmausereien genannt werden. 
Mit y.al ra b/xoia rovroig wird auf eine weitere Aufzählung ver- 

*'*) Daß noi/kia vor nooi-eiu trotz seiner großen Verbreitung und 
ebenso das noch weiter verbreitete ifövoi hinter (fMioi unechte Zusätze 
aus Mt 15, 19; Mr 7, 21; Rm 1, 29; 1 Kr 6, 9 sind, ist schon darum äußerst 
wahrscheinlich, weil ersteres in n u. ath. (gegen Orig. s. Goltz S. 74) erst 
nachträglich eingefügt ist und beides dem Marcion noch fremd war. Hier, 
wollte mit Recht nur 15 Laster als echt gelten lassen. [Harnack, Marcion 
Beilagen 76 gibt als Marcions Text: eoets, Cij^.oi.] 



268 Der rechte Gebrauch der christlichen Freiheit. 

ziehtet und zugleich ein Ausdruck gebraucht, woran sich bequemer 
als an die bunte Reihe sehr verschiedener Substantiva die Be- 
merkung anschließt: „wovon ich euch (jetzt) vorhersage, wie ich 
es euch (früher) vorhersagte,^'*) daß die, welche solche Dinge tun, 
Gottes Königreich nicht ererben werden". Die den Sünden und 
Lastern entgegengesetzten guten Gesinnungen und Verhaltungs- 
weiseu werden v. 22 f. nicht wie jene als eine Vielheit von Werken 
und auch nicht als ein einziges "Werk sei es des Christen, sei es 
des Geistes, sondern als das naturwüchsige Erzeugnis des Geistes 
und trotz der Vielheit der Beziehungen, welche die Reihe von 
oder 10 Worten ^) andeutet, als eine einzige Frucht darstellt. Schon 
darum ist nicht wahrscheinlich, daß y.aza töjv toiovtcüv neutral zu 
fassen und auf die Reihe der Tugenden von der Liebe bis zur 
Eotbaltsarakeit zu beziehen sei. Es wäre in der Tat „mehr als 
überflüssig" zu versichern, daß kein Gesetz die Liebe, die Herzens- 
güte, die Treue verbiete oder verurteile. Es wird also vermöge 
einer verzeihlichen Nachlässigkeit des Ausdrucks *) von den Menschen, 
welche die genannten Eigenschaften besitzen, gesagt sein, daß gegen 
sie kein Gesetz, auch das mosaische nicht als Widersacher oder 
Ankläger sich richte (Rm 8, 81 — 34; Kl 2, 14). Auch wenn sie 
vieles Einzelne und Äußerliche nicht beobachten, was das örtlich 
wie zeitlich auf einen bestimmten Bezirk beschränkte Gesetz vor- 
Bchreibt, haben sie doch das Gesetz nicht gegen sich, sondern für 
sich ; denn in der Liebe und in den Gütern und Tugenden, an 
deren Spitze sie steht, tragen sie die Erfüllung des Gesamtgesetzes, 
des ewiggiltigen Inhalts aller Gebote in sich cf v. 14. Da v. 19 — 23 
nicht unmittelbar von den Christen, sondern von den Werken des 
Fleisches und der Frucht des Geistes die Rede war, kann mit einem 
Ö€ der Übergang zu dem Satz gemacht werden: „die, welche Christo 
angehören,^) haben das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Be- 

*'') Selbstverständlich bezieht sich 7T(w- in TTposiTtof sogut wie in 7i(>o- 
Uya) auf den Gegensatz der Zukunft, in welcher die drohende Weissagung 
sich erfüllen wird, was S' Ephr. in unzeitiger Erinnerung an 1, 9 ver- 
dunkelt haben. — Daß der Satz in der Tat zu dem mit der Missionspredigt 
verbundenen Elementarunterricht gehörte, bestätigt 1 Kr 6, 9f. ; Km 6, 17; 
1 Th 4, 1 ff. 

') Letzteres, wenn hinter iyxodreia mit D G Iren. Cypr. etc. noch 
dyrtia zu lesen ist. 

*) Rm 1, 32 bezieht sich t« Toiavra auf lauter Personbeschreibungen 
V. 29—31, welche zum Teil wie ,%o<rrvyerf, dam-iiorg nicht einmal Tätig- 
keiten angeben, die als Objekt eines noäooEiv gedacht werden konnten cf 
1 Kr 6, 11; ferner den mannigfaltig inkongruenten Gebrauch von oi'to» Mt 
13, 19f.; nixov Jo 8, 44 etc. PI hätte hier wie v. 21 ; Rm 1, 32; 2, 2f. auch 
■xibv T« -loiuvra ^Tfjuaaövriov schreiben können, wenn Begriffe wie z«?«, 
elpr^ir, äya&ojot'i^r; das zugelassen hätten. — Als Mascul. faßten ^oiomtov 
schon dem. (Forsch III, 70) und Orig. (nach Hier. z. St.) und kamen auf 
den sonderbaren Gedanken, hiervon v, 25 als Relativsatz abhängig zu 
machen, als ob ol dt = olities wäre. 

») Mit Marcion, D G, fast allen Lat incl. Vulg., den Antioch., S' Arm 



c. 5, 25-6, 5. 269 

giorden gekreuzigt" [v. 24]. Vermöge ihrer Beteiligung am Kreuzes- 
tod Christi, den sie erlebten, als sie Ciiristen wurden (2, 19 f.; 
6, 14), haben sie einen Abl^ruch ihres früheren Lebens unter der 
Herrschaft des Fleisches erlebt, sie stehen also nicht, wie es nach 
V. 17 und auch noch nach v. 19 — 23 scheinen könnte, unentschieden 
vor der Wahl, ob sie dem Fleisch seinen "Willen tun, oder den 
Geist in sich wirken lassen wollen, sondern haben ebensogewiß mit 
dem Fleisch gebrochen, als sie den Geist empfangen haben. 

Nicht zum Abschluß der mit v. 13 oder v. 16 begonnenen 
Ermahnungen, was durch ein ovv ausgedrückt sein würde, sondern 
als Ausgangspunkt einer neuen Reihe von Ermahnungen dient v. 25. 
Der Satz unterscheidet sich von dem 7tvtvi.iatL TcegiTTanixe v. 16 
erstens dadurch, daß die Voraussetzung des "Wandels im Geist, 
welche dort nur durch das vorangehende rfi äyditfi tov 7rv£v/.iaT0g 
v. 13 angedeutet war, hier durch ei ^cüjuev rtv. oder besser ei itv. 
^ü)uev^) eigens ausgesprochen und als eine erfüllte Bedingung der 
folgenden Ermahnung zu gründe gelegt wird : das ist das Leben 
der Christen in der Sphäre und Kraft des ihnen zu teil gewordenen 
Geistes (3, 2 — 5; 4, 6). Zweitens aber ist auch die Ermahnung 
selbst, welche hier die Form einer den Fl mit allen im Geist 
lebenden Christen zusammenfassenden Selbstaufforderung hat, zu- 
gleich inhaltlich eine verschiedene. Das neqiTtuxelv ist Sache jedes 
Einzelnen ; auch der einsam "Wandernde wandelt, geht hierhin oder 
dorthin ; dagegen ist OT0i%elv immer nur Sache mehrerer, oder 
doch des Einzelnen im Verhältnis zu andern ; denn es heißt eine 
Reihe bilden, in Reih und Glied hinter einander oder neben einander 
stehen oder einherschreiten.^) Dem entsprechend beziehen sich auch 
die folgenden Ermahnungen durchweg auf das gegenseitige Ver- 
halten und das gemeindliche Leben. Zunächst im Ton der Selbst- 
aufforderung verharrend, fährt PI fort: „Laßt uns nicht ehrgeizig 
sein und uns zeigen,") gegenseitig uns herausfordernd, gegenseitig 

Goth ist hinter Xomrov kein 'Iijaov zu lesen. Das nur in G zugesetzte 
erxas = öires ist sachlich richtig (cf Mr 9, 41 ; Rm 8, 9; 1 Kr 1, 12; 3, 28), 
aber entbehrlich cf 1 Kr 15, 23. 

*) So DG, manche Lat, Orig. c. Cels. VII, 52. — Gerade in solchen 
kleinen Varianten der Wortstellung verdient die occid. Tradition besonderes 
Vertrauen z. B. 1, 24, auch wohl 5, 15 in bezug d/J.^Xovg u. vn dü^Xcov 
hinter den Verben. 

'') Oben S. 238 A 47. In Erinnerung an aroixeiv c. dat. pers. hat S* 
mit dem 4, 25 für ovaTor/eip gebrauchten Verb übersetzt: „laßt uns dem 
Geist uns anschließen" (auch Ephr. seqnanmr eum), eine Auffassung von 
Tifeviiari, welche weder mit der Artikellosigkeit noch mit dem Gebrauch 
des Worts im Vordersatz sich verträgt. S' auch vorher willkürlich: „Laßt 
uns also lebeu im Geist". Fast scheint es, als ob Thdr einen solchen Text 
vor sich gehabt habe. 

•) Obgleich xeW; Sö^a ebensowohl die leere, auf bloßer Einbildung 
beiTihende Vorstellung bezeichnen kaun, die jemand von sich selbst hat, 
als das der nötigen Grundlage entbehrende Ansehen unter den Leuten, 



270 Der rechte Gebranch der christlichen Freiheit. 

uns beneidend, [v. 26] ihr Brüder." Als Schluß zu dieser Ermahnung 
aÖflfpni (i, 1 zu ziehen (Hofmann cf 5, 13), empfiehlt sich vor 
allem darum, weil die 6, 1 folgende neue Ermahnung eine andere 
Anrede in sich schließt. Auch paßt die Anrede sämtlicher Leser 
als Brüder besonders gut zu 5, 26, weil das Sichvordrängen des 
Ehrgeizigen, welcher den andern entweder dazu reizt, es ihm gleich- 
zutun, oder ihn zu beneiden, ebensosehr die christliche Brüderlich- 
keit als die durch nr. aroixtüuev geforderte Gleichheit der Ge- 
meindeglieder gefährdet. Für den Fall, daß aber doch ein Mensch 
über irgend einem Fehltritt betroffen werden sollte,") fordert PI die- 
jenigen unter den Lesern, welche er durch vfttig ol TTvevfiaTixol '") 
aus der Menge heraushebt, auf, einem solchen in sanftmütigem 
Geist zurechtzuhelfen, was den Gegensatz bildet zu sofortiger An- 
wendung strenger Strafmittel (1 Kr 4, 21 ; 2 Kr 13, 10) und zur 
Behandlung des sündigenden Bruders als eines Feindes (2 Th 3, 15). 
Wie die Zungenredner, weil sie ganz vom Geiste hingenommen 
in Entzückung redeten, TcrevfiaTiy.ol genannt wurden (1 Kr 14, 37), 
so hier und anderwärts (1 Kr 2, 15) diejenigen Christen, in welchen 

den eitlen Ruhm, scheint doch nur letzteres dem Gebrauch von y.BvöSo^oe 
xevoifo^in Phl 2, 3, xfiocioieiy zu gründe zu liegen. Galen, bei Wettstein: 
irrd ifi'/Mriiiiag i]v orö/uä^ovaip oi rvi' "Jü/J.Tjves xet'odo^inr. Vulg. inanis glo- 
riae cupidi; Polyb. 3, 81, 9; Epict. III, 24, 43. — yueod-at heilit auch hier 
nicht werden, sondern bezeichnet das Sein in der Bewegung, Betätigung, 
Erscheinung cf Je 20, 27; Rm 3, 4; 11, 6; 12, 16; 1 Kr 11, 1 ; 2 Kr 6, 14; 
Gl 4, 12: Eph 5, 17. 

') Zu frt»' y.ai cf oben S. 145 A 88. — Das vielfach beinah zu einem 
T/'ff abgeschwächte üyflgojTTos ist doch hier mit Bedacht gewählt, um daran 
zu erinnern, daß die Christen doch auch Menschen sind und als solche der 
Möglichkeit des TraonTTinrnv stets ausgesetzt sind. — Luther's „von einem 
Fehler übereilf und jede ähnliche Deutung ist durch die Konstruktion 
mit fr Till TTfto. ausgeschlossen cf Lightf., Hofm. Es ist zurückzugehen 
auf die Bedeutung von Infißdvetv^ y.aja'/.aftßdr£iv (Jo 8, 6; Just. dial. 47 
iv oh av ttarfü.dfiüj viiäg cf Resch, Agrapha S. 112; daher vereinzelt an 
unserer Stelle auch 7Tooy.arn?.rifd-i' überliefert) ^einen auf einer Tat ertappen, 
ergreifen". Die schon mit diesen Verben vielfach verbundene Vorstellung 
der Überraschung wird durch das ttoö noch bestimmter ausgedrückt (Sap 
Sal 17, 17 al. v. 16): betroffen werden, ehe einer sich darauf vorbereiten 
oder dagegen f=chützen kann, M'as bei einem sündhaften Verhalten am 
sichersten durch Änderung oder Wiedergutmachung desselben geschieht. — 
Zu ^,/"'^• Ol Ttr. cf Rm 11, 13; l.ö, 1. 

'') [Ltitg. sieht hier gegenüber 4, 21 die 2. Gruppe in der Gemeinde 
angeredet, die freien Christen, die sieh über das Gesetz erhaben dünken 
und mit Stolz selbst pneumatische nannten. Aber wäre es wohl recht 
wahrscheinlich, daß PI gerade diesen Antinomisten das Zurechthelfen der 
Gefallenen zugewiesen hätte? — Eine Auseinandersetzung mit Reitzen- 
fitein, Mysterienrel.* 48 ff. 135 ff., der nveviiuTiy.öi ganz aus dem hellenist. 
Sprachgebrauch, insbes. dem der Mysterienreligion erklären will, s. bei 
Deißner, PI u. die Mystik s. Zt. 8. 38 ff. Wie sehr das sittliche Moment in 
den Begriff des christl. 7ivtruarty.6s hereinspielt, zeigt gerade unsere Stelle, 
Denn an die religiös-sittlichen Eigenschaften in demselben appelliert PI. 
Das Wort selbst ist vor PI nicht nachgewiesen s. Rtzst. S. 51.] 



c. 5, 25-6, 5. 271 

der Geist, den alle Christen empfangen haben, die ihr religiÖseB 
und sittliches Leben beherrschende Macht ist, und bei welchen ein 
Denken, AVollen, Handeln /.cah nviv^a. zur Regel, zum beharrenden 
Charakter geworden ist, im Unterschied von anderen Christen, bei 
welchen das Fleisch noch zu mächtig ist, als daß man so von 
ihnen reden könnte (1 Kr 3, 1 — 3). Es sind dieselben, welche PI 
auch Ol ti'Keioi nennt 1 Kr 2, 6; Phl 3, 15, auch wohl oi övvaxoL 
im Gegensatz zu oi äövvaroi oder äod^evelg Rm 15, 1, Aus diesem 
Kreise den Einzelnen herausgreifend, der im einzelnen Fall den 
Bruder einen Fehltritt tun sieht, wendet sich PI an diesen mit der 
Mahnung, bei seiner Bemühung, dem Bruder zurechtzuhelfen, auf 
sich selbst ein wachsames Auge zu haben, daß nicht auch er zur 
Sünde versucht werde.") Der Fehltritt des Bruders soll also dem, 
welcher als 7Tvevf.iaTiy.6g die Fähigkeit besitzt, ihm wieder auf- 
zuhelfen, eine Erinnerung an seine eigene Schwäche sein,^) und 
dieser Gedanke wird ihn, wenn anders seine Bruderliebe der Selbst- 
liebe gleichkommt (5, 14), zu sanftmütiger und liebevoller Be- 
handlung des Verirrten stimmen. Wenn v. 2 die Unterscheidung 
der Tcvtvuariv.oi und des Bruders, der in Schwachheit sich ver- 
sündigt hat, fallen gelassen ist und mit einem durch seine Stellung 
betonten a)J.r^).iov eine Ermahnung der Leser insgesamt zu gegen- 
seitigem Wohlverhalten eintritt, so wird diese auch nicht auf den 
in V. 1 gesetzten Fall zu beschränken, sondern allgemeinerer Xatur 
sein. Nicht bloß den Fehltritt, über dem einer betroffen ist, die 
Sünde und Schuld samt ihren Folgen, dem Schuldgefühl vor Gott 
und der Beschämung vor den Mitchristen, sondern alles, was al« 
eine drückende Last auf dem Leben des Einzelnen liegt, ^°) sollen 
die Brüder als ihre Last ansehn, mit daran tragen und dadurch 
dem zunächst B lasteten es tragen helfen. Dazu gehört alles Übel, 
das die Kraft lähmt und zur Versuchung gereicht, alle Ungunst der 
Verhältnisse, alle Sorge und Angst, deren man nicht Herr zu werden 
vermag, auch alle Schwäche des Glaubens, der Willenskraft und der 
Erkenntnis. Zu so weiter Fassung des Begriffs uLLrJMV xa ßcigr^ nötigt 
auch, was als Folge der Erfüllung der Mahnung genannt wird, mag man 
&va7tXr^Q(üOaTt oder, was den Vorzug verdienen dürfte, ava7T).r^Q(006Zf 
lesen. '^) Denn auch der Imperativ könnte und müßte wegen des 
ovTCog den "Wert eines Folgesatzes haben. Nur deutlicher und 
besser griechisch ist dies durch avaTT/.rjQcöoers ausgedrückt.^^) 

*) Der inkorrekte Übergang aus dem Plural der Anrede, in den Singular 
(cf jedoch Gl 4, 6f. ; Rm 8, 1 — 2) veranlatite früh allerlei Änderungen, die 
keine Beachtung verdienen. 

») et Mt 26. 41 und den Übergang von Mt 6, 12 zu 6, 13. 

'*') Epict. diss. II, 16, 24 rd ßnoonTu xal iitardtTa ^//ä» cf I, 1, 15; 

9, 14; 25, 17. Ans dem NT wäre nur etwa Mt 20, 12 (nicht Ap 2, 24) zu 
vergleichen. Zur Sache cf Rm 15, 1: 2 Kr 11, 29. 

'M So Marcion, BG, alle Lat, S' („daß ihr so") Kop Goth. 

") Jo 1, 46 = 1, 89: Mt 11, 29 Bd I*, 444 A 53: Buitmann S. 249f.: 



S72 Per rechte Gebrauch der christlichen Freiheit. 

Wenn die Gal. der Mahnunn^ von v. 2" nachkommen, werden sie 
eben damit das Gesetz Christi ganz erfüllen. Dasselbe, was 5, 14 
o Trag vöiio^ genannt und durch den Spruch Lev 19, 18 seinem 
Inhalt nach beschrieben war, heißt hier das Gesetz Christi als das 
von Christus seiner Gemeinde gegebene, weil Christus den wesent- 
lichen Willen Gottes in das Gebot der Liebe gefaßt hat (Mt 22, 37 ff. ; 
Jo 13, 34). Daß sie in diesem Gesetz leben (cf 1 Kr 9, 21) und 
es nicht bloß im Herzen erfüllt haben (5, 14), sondern auch in 
ihrem nach aaßen gerichteten Handeln zu erfüllen beflissen sind, 
wird bei den Lesern vorausgesetzt, wenn anders dcrarrXr^QOvy im 
Unterschied von /rA/^pofv seine Bedeutung behalt: das halb erfüllte 
vollends erfüllen cf Mt 13, 14 Bd I*, 476. Zu ganzer Erfüllung des 
Gesetzes wird nur der es bringen, welcher alles, was seines Bruders 
Last ist, mit ihm trägt. Das Gewicht dieses Satzes gestattet es 
nicht, in v. 3 eine über v. 2 hinwegsehende Begründung von v. 1 
zu finden, und der Inhalt von v. 3 nötigt nicht dazu. Schon Hier, 
fragte, ob f^ir^dtv ür dem Vordersatz oder dem Nachsatz angehöre, 
und bevorzugte letz! eres, wohl mit Recht; denn abgesehen davon, 
daß in ersterem Fall ovöev korrekter w.äre („während er tatsäch- 
lich nichts isf) als iir^öev („weil er nichts ist"), bedarf do'/.Bl tig 
livai TL keiner Näherbestimmung, um den Sinn zu ergeben: „wenn 
einer sich dessen in eitlem Sinne bewußt ist oder geradezu sich 
einbildet, etwas (Großes) zu sein".^'^) Der Nachsatz lautet dann: 
,80 täuscht er, weil er (dann) nichts ist, sich selbst in einem seinen 
Verstand verdunkelnden Maße".^*) Dabei ist das Urteil, daß der 
doy.iüv llvaL tc als solcher nichts sei, nicht erst wie in analogen 
Fällen (1 Kr 8, 2 ; Rm 1, 22) eigens ausgesprochen, sondern voraus- 
gesetzt und zum Grunde des weiteren Urteils gemacht, daß er 
durch seine dünkelhafte Selbstbeurteilung seinen Verstand über- 
haupt schwäche, sein eigenes Organ des Denkens, AVollens und 
Empfindens schädige. Der kausale Zusammenhang mit v. 2 beruht 
darauf, daß der in Selbstgefälligkeit sich Überschätzende abgeneigt 
ist, nicht nur des in Sünde geratenen, sondern auch des schwachen, 
des zurückgesetzten oder zurückgebliebenen, kurz des in irgend 
einer Beziehung bedrückten Bruders ^^) hilfreich sich anzunehmen, 

Winer § 43, 2. Für y.ai mit Fut. hinter Imperativ 6, 4 cf oben S. 264 
A 95 zu 5, 16. 

"; Cf 1 Kr 3, 18; 10, 12: 14, 37; Jk 1, 26, besonders aber 1 Kr 8, 2. 
Daß der Ausdruck hier nicht wie 2, 6 das Ansehn bezeichnet, in dem einer 
bei andern steht, bedarf keines Beweises. Zu firidiv wf zahlreiche Bei- 
spiele bei Wettstein, darunter nicht wenige für die Voranstellung vor die 
Hauptauesage. 

**) Weniger kann qQtvaTiajäy, vor PI in der Literatur nicht nach- 
gewiesen (Tit 1, 10 (f ntiandxTji cf (joEvoß'l.aßr^f^ (f ntvonXr^Yr^f^ fQev6nh]XT:oe), 
kaum bedeuten, da alles Artancüv den Verstand irreleitet. Die Steigerung 
kann nur darin bestehen, daß der Verstand leidet, betört und verdunkelt wird. 

'*) Die in Glauben und Erkenntnis Fortgeschrittenen der Schwachen 



c. 5, 25—6, 5. 273 

in Liebe ihm zu dienen (5, 13), Darum dient das Urteil, daß 
eines solchen Herz und Sinn durch seine eigene Schidd sich über- 
haupt in einem Zustand der Verblendung befinde, dem Satz zur 
Bestätigung, daß nur die, welche in demütiger Liebe alle Last de, 
Bedrückten als ihre eigene ansehen und mittragen, Aussicht habenr 
das Gesetz Christi immer völliger zu erfüllen. Anstatt sich in 
eitler Selbstbespiegelung zu gefallen, soll der Christ vielmehr sein 
Handeln prüfen. Daß dies der Hauptgegensatz ist, zeigt die 
auffallige Voranstellung von tu tQyov, [v, 4J aber auch lavroC statt 
avTOV ist zu beachten. Daß es nicht auf die nach Laune und Ge- 
schmack gestaltete Meinung über eine Person, sondern auf Prüfung 
ihres Verhaltens ankommt, wenn man ein richtiges Urteil über sie 
gewinnen will, gibt mancher zu, der solche Prüfung doch nur 
anderen, nicht sich selbst angedeihen läßt. Wenn einer das Tun 
und zwar sein eigenes Tun prüft, dann wird er den Ruhm oder, 
wie wir sagen würden, seinen liuhm, vorausgesetzt also, daß er 
bei der Prüfung Rühmliches bei sich findet, in der Richtung auf 
sich allein und nicht auf den Anderen haben. Der Sinn des sig 
iavTOV f^iovov bestimmt sich nach dem jedenfalls ebenso gemeinten 
eig tov €Z€QOv. Letzteres aber sagt nicht, daß einer seine guten 
Werke anderen mit Worten anpreise ; denn abgesehen davon, daß 
dann y.avyjjOig statt v.avx^ua zu erwarten wäre, war dies dem sich 
selbst Überschätzenden v. 3 nicht nachgesagt. Wohl aber gewinnt 
jener sein eitles Urteil über sich selbst durch Vergleichung mit 
anderen und er läßt es sie fühlen durch Nichtachtung oder gering- 
schätzige Behandlung. An dies beides wird also auch bei tig iavTÖv 
zu denken sein. Anstatt seine Person an andern zu messen, soll 
jeder sein Tun mit seinem eigenen Tun zusammenhalten und ver- 
gleichen. Dann wird das Rühmliche, das er etwa unter seinem 
Tun findet uud dessen er sich auch fi'euen mag, das Nichtrühmliche 
an ihm um so greller beleuchten. Und anstatt andere im Gefühl 
seiner Vortrefflichkeit geringzuschätzen, wird er sich durch solche 
Selbstvergleichung zum Dank gegen Gott für alles Gute, was er 
ihm gelingen ließ, aber auch zur Erkenntnis seiner Schwachheit 
und zur Demut vor Gott und Menschen anleiten lassen. Nicht 
diese Folge der Prüfung des eigenen Tuns, sondern nur die Auf- 
forderung zu solcher Prüfung kann der Satz begründen, daß ein 
jeder seine eigene Bürde tragen wird. Im Unterschied von ra ßdgr^ 
v. 2, worunter alles Bedrückende zu verstehen war, gleichviel woher 
es kommt und wie lange es einen belastet, ist (poQxiov [v. 5] die 
Last, die einer sich auflädt oder aufladen läßt, um sie zu einem 
bestimmten Ziel zu tragen.^*) Die Handlungen, die ein Mensch tut 

Rm 14. 10—15, 3 ; 1 Kr 8. 1—12 (9. 22). die Heidenchristen der ungläubigen Juden 

Rill 11 , 17—25, die Wohlhabenden der Armen Jk 2, 1—9 ; 1 Kr 1 1, 22 ; Rm 12, 16. 

'") Ladung des Schiffs, Frachtwagens, Lasttiers, aber auch Gepäck 

Zahn, Galatcrbrief. 3. AaÜ. 18 



274 i^er rechte Gebrftuch der christlichen Freiheit. 

und cetan hat. Bind ein solches Gepäck, das er nicht nach Belieben 
abschütteln kann, sondern durchs Leben und über dessen Grenze hinaus 
zu tragen hat. Die guten wie die bösen begleiten ihn als seine Taten 
in die andere Welt und vor den Stuhl des Richters. ' ") Mit Rücksicht 
auf das vor jedem Lebenden liegende Stück des Weges zu diesem 
Ziel heißt es ßaordon, nicht ßaatdZfi cf 6, 10. Der Gedanke hieran 
ist der stärkste Beweggrund zur Prüfung des eigenen Handelns. 

Auf eine bis dahin noch nicht berührte Betätigung der Bruder- 
liebe, auf die Verwendung des Besitzes im Dienst derselben beziehen 
eich die letzten Ermahnungen des Briefs v. 6 — 10. Da sie selbst- 
verständlich wie der ganze Brief an die christlichen Gemeinden 
Gal.'s, also an Kreise Getaufter (3, 27) gerichtet sind, so kann 
6 xaTi'XOVf^ievog zhv ).6yov **) nicht von der Missionspredigt oder 
nach dem kirchlichen Sprachgebrauch des 2. Jahrhunderts von einem 
Unterricht verstanden werden, welcher für den Empfang der Taufe 
und die Aufnahme in die Gemeinde vorzubereiten diente, sondern 
nur von innergemeindlicher Unterweisung der Gläubiggewordenen, 
welche das Wort schlechthin, nämlich das Wort Gottes und Christi 
zum Gegenstand hat.*^) Obwohl sie noch in späterer Zeit nicht an 
ein bestimmtes kirchliches Amt gebunden war, sehen wir doch auch 
aus dieser Stelle, daß es von Anfang an Männer in den Gemeinden 
gab, welche sich regelmäßig diesem Geschäft unterzogen, Lehrer der 
minder Kundigen AG 13, 1 ; 1 Kr 12, 28; Eph 4, 11 ; 2 Tm 2, 2. 
Der, welcher im Wort unterrichtet wird, soll dem, welcher den 
Unterricht erteilt, in allerlei Gutem Anteil gewähren. Koivwvetv Zivi 
%lvog — denn dies ist die regelmäßige, nur zufällig im NT nie voll- 
ständig vorliegende Ausstattung des AVortes — bezeichnet nicht un- 
mittelbar ein Verhältnis von Personen zu einander, sondern zunächst 
eine Beziehung mehrerer Personen zu einem ihnen gemeinsamen 
Gegenstand, welcher allerdings eine Gemeinschaft der Personen unter- 
einander zur Folge hat. Es heißt aber entweder : zugleich mit 
anderen an einem Gegenstand, gewöhnlich an einem Gut, Anteil 
empfangen, nehmen und haben, oder: anderen einen Anteil 
an dem Gegenstand, den man besitzt, gewähren, sie daran 
teilnehmen lassen und daher häufig genug: ihnen davon 
mitteilen.^") Nur letztere Bedeutung ist hier anwendbar ; denn 

des Soldaten, Reisenden, Packträgers. [ifOQriov bildlich auch bei Epikt. 
II, 9. 22. IV. 13, 16.] 

'7) Cf Ap 14, 13; 2 Kr 5, 10; Mt o, 2.5f.; Jo 5, 29. 

"") xaTr//tloOnt c. aCC. cf AG 18, 2.5 setzt wie <)it)äaxea'ffei ri 2 Th 2, 15; 

Gl 1, 12 den Gebrauch des Act. uiit doppeltem Akk. voraus Jo 14, 26; AG 
26, 26. Der technische Gebrauch des Worts zuerst bei Marcion s. A 21. 

»•) AG 6, 2 (die <)«)«x»J 2, 42 einschließend); 20, 32; Kl 2, 25—28; 3, 16; 
2 Tm 2, 15; 4, 2. 

*°) Eine grundliche Darlegung des Sprachgebrauchs kann ich hier 
noch wenifrer als in Ztschr. f. kirchl. Wiss. 1885 S. 189 f. geben. Nur für 
die zweite Bedeutung führe ich an: Herakleon bei Orig. in Jo. tom. XIII, 32; 



c. 6, 6-10. 275 

Anteil zu empfangen, kann niemandem geboten werden; die all- 
gemeine Regel aber, daß es in den Gemeinden so gehalten werden 
solle, würde mitten in die Reihe der Ermahnungen nicht passen, 
oder sie hätte wenigstens in die Form einer Aufforderung an die 
Gemeinden oder an die Unterrichtenden gekleidet sein müssen.^') 
Daß das Gut, woran der Unterrichtete seinem Lehrer Anteil geben 
soll, nicht im Genitiv daneben genannt ist, braucht nicht mehr zu 
befremden, als daß Y.oivwvia ohne jede Naherbestimmung Rm 15, 26 
eine Geldunterstützung, Hb 13, 16 jede Darreichung milder Gaben 
bezeichnet. Ein solcher Genitiv ist ersetzt durch die Angabe des 
Gebiets, auf welchem der Unterrichtete sich gegen seinen Lehrer 
mitteilsam erweisen soll: kv rcüoiv äyad-oig,^-) Hierunter können 
dann natürlich nicht geistige und sittliche Güter verstanden werden, 
sondern irdisclie Gaben, durch deren Mitteilung der dankbare Schüler 
seinem Lehrer die Mitteilung geistlicher Gaben vergelten soll cf 
1 Kr 9, 11 ; Rm 15, 27 ; 1 Tm 5, 17 ; Didache 13, 2 ; 15, 1 f. So 
verstanden ist dieser Anfang des letzten paränetischen Abschnitts 
seinem Schluß in v. 9 f. gleichartig, und es ist im voraus anzu- 
nehmen, daß V. 7 — 8 nicht aus diesem Rahmen herausfalle, was 
freilich nicht mit Hier, so zu erweisen ist, daß die v. 6 genannte 
Pflicht des Unterrichteten auch für den Fall einer Mißernte ein- 
geschärft würde. Aber zur Einschärfung der v. 6 erwähnten Pflicht 
und anderer auf demselben Gebiet liegender Pflichten werden die 
an eich edlgemein lautenden Sätze allerdings dienen sollen, und 
zwar im Gegensatz zu anderer Beurteilung dieser Verhältnisse und 
irreführender Anleitung zu deren Behandlung. Der Mangel einer 
syntaktischen Anknüpfung des firj ixKciväad^e spricht ebensowenig 
wie 1 Kr 6,9; 15, 33; Jk 1, 16f. ; 1 Jo 3, 7 gegen das Vor- 
handensein des engsten Zusammenhangs mit v. 6. In bezug auf 
die materielle Versorgung der Lehrer seitens derer, denen ihr 
Unterricht zu gute kommt, sollen die Gal. sich nicht irreführen 
lassen.'^*) Es müssen also Leute vorhanden gewesen sein, welche 

Clem. Str. VII, 80; Sextus sent. 266; Eus. h. e. IV, 23, 1; Const. ap. II, 25, 
dazu MiriDt'iu Em 15, 26; Hb 13, 16; y.oironuxös 1 Tm 6, 18; Lucian, Timon56. 
Obwohl der Grieche das Verb nie transitiv gebraucht, hat doch der Lateiner 
volles Recht, wo er es in der zweiten Bedeutung gebraucht findet, es 
durch commimicare aliquid cum aliquo (später auch alicui) zu übersetzen. 
So auch wir [vgl. Barn. 19, 8]. 

*M Dies gilt namentlich auch gegen Marcion. welcher hier den Grund- 
satz aufgestellt fand, daß die Katechumenen nicht vom Gebet der Ge- 
meinde und ihrer Lehrer ausgeschlossen sein sollen cf Hier. z. St.; Epiph. 
haer. 42, 3. 4; Tert. praescr. 41 cf GK I, 594, auch IIP, 58 A 44. 

**) Cf Herakleon zu Jo 4, 31 (s. A 20) t,Soi/.oiTo y.oiicovtit^ «itöT i^ t^ f 

ciyopdaapTeg anö iTJs l'aua^eiag y.sxouiy.eioar. Hofm. verglich Rm 15, 27 
i v TOle aapyixoZg Xeirovoyrjoai ninolg. 

") Wenn die Gal. von sich aus zu einer Unterschätzung dieser Pflicht 
neigten und an der rechten Verwendung ihres Besitzes für kirchliche 
Zwecke es fehlen ließen, würde PI seine Forderung positiv begründen cf 

18* 



276 i)n rechte Gebrauch der christlichen Freiheit. 

sie zu einer Vernachlässigung dieser Pflicht verleiten möchten. 
Welcher Art diese Verführung war, deutet der Satz an ^eoj,' ov 
fivXTV^gi^erai. Im Gegensatz zu Menschen, die es sich etwa ge- 
fallen lassen müssen, daß einer, der anderer Meinung ist, mit 
Naserümpfen die ihrige abweist, wird von Gott verneint, daß er 
.sich so behandeln lasse.-*) AVahrlich ein sonderbarer Gedanke, 
wenn es galt zu sagen, daß es sich bei v. 6 um eine heilige Pflicht, 
um ein Gebot Gottes handle, das mau nicht leicht nehmen dürfe. 
Natürlich erscheint der Satz nur dann, wenn es in Gal. Leute gab, 
welche mit Naserümpfen von den materiellen Opfern sprachen, 
welche man den Gemeindegliedern für ihre Lehrer abforderte. Nur 
mittelbar ist damit gesagt, daß hinter der kirchlichen Anordnung 
der Wille Gottes stehe. Gott ist es auch, der dafür sorgt, daß 
der Mensch, was immer er sein mag, eben dies auch erntet oder, 
da vom Standpunkt der Aussaat betrachtet die Ernte immer in 
der Zukunft liegt, ernten wird. Je durchsichtiger das parabolische 
Gewand ist, in welches hier der Gedanke gekleidet ist, daß dem 
diesseitigen Tun des Menschen der Ertrag seines Erdenlebens, den 
er in der andern Welt in Empfang nehmen wird, entspreche, um 
so leichter erklärt sich die Verschiebung des Bildes und die Ver- 
mischung des bildlichen und eigentlichen Ausdrucks in v. 8. Während 
v. 7 die Kongruenz der Aussaat und der Ernte durch die Gleich- 
artigkeit des Saatkorns und des geernteten Korns ausgedrückt war, 
wird V. 8 die gegensätzliche Verschiedenheit dessen, was der Eine 
oder der Andere je nach seiner Aussaat ei'ntet, durch die Ver- 
schiedenheit des Ackerbodens veranschaulicht und erklärt, zugleich 
aber durch Einführung der unbildlichen Worte odcQ^ und 7CVtvf.ia 
das Bild gesprengt. Und eben hieraus erklärt es sich, daß dieser 
Satz durch ort angeschlossen werden konnte. Weil der, welcher 
auf sein eigenes Fleisch als den Acker seinen Samen ausstreut, von 
dem Fleisch Verwesung, und dagegen der, welcher auf den Geist 

1 Kr 9, 7—14; 2 Kr 9, 6—15; 1 Tm 5, 17 f. Auch die Gedanken von v. 7^—8 
würden dazu geeignet sein, wenn sie durch ein ^ oiy. o'iömt oder v ayvoeire, 
•>ri unmittelbar an v. 6 angeschlossen wären. Es ist auch nicht einzasehen, 
warum n/.aiüuft-ai in der Redensart //'; TT/.aiüot'h seine ursprüngliche passive 
Bedeutung verloren haben sollte, welche Lc 21, 8; Jo 7. 47 (cf 7, 12); Ap 
18, 23, aber auch 1 Kr 1.3, S'6 durch den Zusammenhang deutlich angezeigt 
ist. Die Berufung auf den nicht mehr eigentlich passiven Sinn von 
:zi(U'äu<')ai Mt 18, 12 f.; Jk 5. 19: Hb 5, 2 könnte nur die Übersetzung 
rechtfertigen: „irret nicht, ijeht nicht in die Irre", nicht aber die andere: 
„gebt euch nicht einem seelengefährlichen Irrtum hin" (Hofm.). 

^*l Es liegt nahe zu vermuten, dali die Judaisten es waren, welche 
diese von PI eingeführte Ordnung zum Gegenstand einer höhnischen Kritik 
machten. Sehr merkwürdig ist, daß Lc 16, 14 die Aufnahme, welche eine 
Hede Jesu über den rechten Gebrauch des irdischen Besitzes bei den Phari- 
säern fand, durch tieimy.trjoitoi- uvroi' beschreibt. Die iivy.TtMit^ovTes Gl 6, 7 
waren auch Pharisäer AG 15, 5. — Übrigens ist die Artikellosigkeit von ii-eds 
zu beachten:. Gott, weil er nicht ein Mensch ist So wohl auch 2, 6. 



6, 6-10. 277 

sät, vom Geist ewiges Leben ernten wird, darum gilt auch in bezug 
auf die Verwendung des Besitzes die allgemeine Regel von v. 7'\ 
Beachtet man, daß €ig xtjV odqy.a nicht ohne lavtov dem nicht 
näher bestimmten et$ tu nvivf.ia gegenübersteht, so ergibt sich als 
Meinung dieses Satzes : Wer seinen Besitz nur auf die Pflege seines 
eigenen irdischen, leiblichen Wohlseins verwendet (Rm 13, 14) und 
sich den Pflichten der Liebe zu den Brüdern und den Opfern für 
das Gemeinwesen entzieht, der wird als Ertrag eir'^s so gearteten 
Lebens auch nichts Besseres einheimsen, als was au. diesem Boden 
gedeiht, die Verwesung, welche das Schicksal des sich selbst über- 
lassenen Fleisches und alles nur zu dessen Pflege verwendeten 
Erdengutes ist (Kl 2, 22; 2 Pt 1, 4; 2, 12. 19). Wer dagegen 
seinen irdischen Besitz zur Förderung des allen Gliedern der Ge- 
meinde gemeinsamen Geisteslebens verwendet, der wird zwar nicht 
von seinem Geld und Gut, aber doch von dem Geist, in dessen 
Dienst er es gestellt hat, ewiges Leben ernten cf Mt 6, 19 — 24; 
19, 29. Sich selbst in die Ermahnung einbegreifend fährt PI fort: 
„Indem (wenn) wir aber das Gute tun, laßt uns darin nicht nach- 
lassen ;-•'') denn zu der dafür bestimmten Zeit werden wir ernten, 
wenn wir (nämlich) nicht erlahmen", [v. 9] Jedenfalls kann (.ii] 
ly.Xvöueroi nicht heißen: „ohne bei dieser Erntearbeit, wie der 
Ackerbauer bei der seinigen, zu ermüden" ; ^^) denn dieser Gegen- 
satz müßte wenigstens angedeutet sein, während er vielmehr aus- 
geschlossen ist, da die Ernte hier nicht als eine mühevolle Arbeit 
(Mt 9, 37 ; Jk 5, 4), sondern als der von selbst sich ergebende 
Ertrag der Aussaat vorgestellt ist. Überdies würde der Gegensatz 
zu dem y.önog des Erntearbeiters nur die Mühelosigkeit bilden, 
welche f.nj lyj.. ebensowenig als die TJnaufhörlichkeit (Luther) be- 

^^) Ohne die Anknüpfung ans Vorige könnte man auch übersetzen 
„Laßt uns im Gutestun nicht nachlassen" cf Blaß^ § 414, 2. — ^'Hier wie an 
der verwandten Stelle 2 Th 3, 13 (cf auch 2 Kr 4, 1. 16; Eph 3, 13; Lc 18, 1) 
scheint e>y.nxEit> oder ty/.ny.av durch «AB*D* gegen ty.y.ay.co^n)' gesichert. 
Ein bloßer Schreibfehler kann letzteres nicht sein, da die Korrektoren von 
B D und die jüngeren Hss einen solchen nicht überall eingesetzt haben 
würden, sondern vielmehr eine willkürliche, auf unrichtiger Volksetymologie 
beruhende Veränderung. Ob PI so oder so geschrieben hat, möchte ich 
nicht entscheiden s. Hofm. einerseits, Wohlenberg andrerseits zu 2 Th 3, 13. 
Der Gebrauch im NT, auch 2 Clem. ad Corinth. 2, 2; Herrn, mand. 9, 8 
entspricht überall nicht der Bedeiatung von iyxax. „in etwas schlecht sein, 
sich lässig zeigen" (Polyb. 4, 19, 10), sondern ,.in einer begonnenen guten 
Tätigkeit lässig werden, nachlassen, erlahmen'. 

'^") So etwa Thdr, auch wohl die alten Lat (7ion fatigati, non de- 
ficie7ites, infatiqahilefi). — iyJ.reoif-ai von völliger Erschöpfung der Kraft, 
ohnmächtig werden Mtl5, 32; Hb 12, 3; Jos. bell. J, U, 8. — Hofm.'s Ver- 
bindung von iir) ty).. mit dem folgenden toya^cöutlkt ist unmöglich, A& äon 
stets nur durch kleine Wörter wie d, tinto^ oiy, ils von der ersten Stelle 
verdrängt vorkommt, und üua ovt> bei PI stets die erste Stelle einnimmt, 
80 auch in Ermahnungen Rm 14, 19; 1 Th 5, 6; 2 Th 2, 15. 



278 Der rechte Gebraach der christlichen Freiheit. 

zeichnet. Es ist nur ein stärkerer Ausdruck für iii] ixxax(x)/i€V 
(A 26), wird also auch nur ein diese Ermahnung als Bedingung 
der Verheißung wiederaufnehmender Participialsatz sein. Im Gegen- 
satz zu dem zukünftigen Tag der Ernte weist das log xaigbv txoi.uv 
V. 10 auf die Gegenwart als die Zeit hin, in welcher die Christen 
Gelegenheit und Möglichkeit haben, -^ das Gute zu tun, und fordert 
dazu auf, diese Gegenwart dazu zu benutzen: ,,Also laßt uns (jetzt), 
da (und so lange) wir gelegene Zeit (dazu) haben, das Gute in der 
Richtung auf alle tun, besonders aber in der Richtung auf die 
Glaubensverwandten". ■-^) Daß To dya&bv rroiüv hier wie v. 9 th 
xa/Lov TTOteiv nicht sittlich gut handeln, sondern Gutes erweisen, 
wohltun heißt, -^) ergibt sich nicht nur aus dem Zusammenhang, 
sondern auch aus dem doppelten TtQog ziva, zumal aus der Hervor- 
hebung der besonderen Pflicht, so gegen die Glaubensverwandten 
sich zu erzeigen ; denn die Pflicht des sittlichen Wohlverhaltens 
überhaupt ist in jedem menschlichen Verhältnis die gleiche. Die 
Pflicht der "Wohltätigkeit besteht zwar auch allen Menschen gegen- 
über, die auf unsere Unterstützung angewiesen und dadurch unsere 
Nächsten geworden sind (Lc 10, 29 f.), hat aber doch ihre Ab- 
stufungen je nach dem ferneren oder näheren Verhältnis, in welchem 
wir zu den Menschen stehen, denen wir Gutes zu erweisen Ver- 
anlassung haben. Wie sie gegenüber den Blutsverwandten in er- 
höhtem Maße besteht (1 Tm 5, 8; Eph 5, 33—6, 3), so erst recht 
gegenüber denen, welche uns durch den Glauben verwandt geworden 
sind ; denn eine innigere Gemeinschaft als diese gibt es nicht. So 
biegt diese letzte Reihe von Ermahnungen wieder zu ihrem Anfang 
zurück ; denn zu den Glaubensverwandten gehören auch die Lehrer 
des Worts (v. 6), nur daß diesen gegenüber zu der brüderlichen 
Liebe noch die kindliche Pietät hinzukommt.'" 



*') ä)i x. eyouBv (denn e/o)fier ist nur Schreibfehler in n B*) ist nicht 
mit <w» är X. i/üuev (Rm 15. 24; 1 Kr 11, 34; Pbl 2, 23) zu verwechseln, 
was hettlen würde „wann immer" oder „in dem zukünftigen Moment, wann". 
Cf dagegen Jo 12, 35 f.; 2 Clem. 9, 7; Ign. Smym. 9, 1, auch Blaß» ^ 455, 2; 
Hofm. z. St. S* frei, aber sachlich richtig : „Jetzt also, solange wir Zeit haben". 

^^) Da oly.atoi Eph 2, 19 die häusliche, 1 Tm 5, 8 die verwandtschaft- 
liche Zugehörigkeit bezeichnet, und da der Zusammenhang verlangt, daß 
ein besonders nahes Verhältnis der Personen ausgedrückt sei, so wird ifji 
Ttimaoji nicht nach einem sonst häufigen Gebrauch (s. Wettstein z. St.) die 
Sache bezeichnen, mit welcher vertraut, in welcher heimisch die Menschen 
sind. Es ist vielmehr auch hier jener weitschichtige Gebrauch des Genitivs 
anzuerkennen, worüber oben S. 101 A 28; S. 148 A 84 cf auch naiijo ttboi- 
iofjij;i Rm 4, 12 „Vater in einem durch Beschneidung näher bestimmten Sinn". 

") Cf äya'fo:ioi.tii> c. acc. pers. Lc 6, 33; c. dat. 6, 27; ohne Objekt 
Lc 6, 35, ebenso AG 14, 17 (v. 1. äya^ovQyav)^ loyov dyadöi' AG 9, 36; 2 Kr 
y, 8; auch Phil 1, 6, so auch klassisch. 



c. 6, 11-18. 279 



7. Der Briefschluß 6, ! I — 18. 

Am Schluß aller Ermahnungen und Unterweisungen angelangt, 
auf die er hinter v. 10 nicht mehr zurückgreift, lenkt PI die Auf- 
merksamkeit der Leser auf die äußere Foi'm seines nun zu Ende 
gehenden Brief Schreibens mit den Worten : „Sehet, mit wie großen 
Buchstaben ich euch mit meiner eigenen Hand geschrieben habe." 
Die schon im Altertum vereinzelt auftauchende Meinung, daß sich 
dies nur auf die folgenden Schlußsätze beziehe, '''^) findet gerade an 
den Stellen, durch deren Vergleichung man zu dieser Meinung 
kam, ihre Widerlegung. Wo PI einem übrigens diktirten Brief 
einen eigenhändigen Schlußgruß beifügt und eigens hierauf auf- 
merksam macht 2 Th 3, 17 ; 1 Kr 16, 21 ; Kl 4, 18, grenzt er auch 
das eigenhändig Geschriebene deutlich als seinen Gruß ab, was um 
so weniger überflüssig war, als die an Gemeinden gerichteten Briefe 
zunächst durch Verlesung in der Versammlung zu Gehör ge- 
bracht wurden, ehe sie vielen oder allen Adressaten zu Gesicht 
kamen. An der einzigen Stelle, wo dies unterbleibt (Phlm 19), 
bezieht sich die Bemerkung auch nicht auf das Folgende, ins- 
besondere nicht auf den Gruß, der erst v. 25 folgt, sondern auf 
das unmittelbar vorher Geschriebene v. 18 und auf den ganzen, 
seinem Ende sich zuneigenden Brief, Ferner würde der Aorist 
i'ygaipa anstatt yQd<fco in bezug auf das, was PI eben hierait zu 
schreiben erst anfängt, seiner Schreibweise durchaus widersprechen.^^) 
Daß er aber den ganzen vorstehenden Brief eigenhändig geschrieben 
habe, würde er nicht sagen, wenn es nicht seine Gewohnheit ge- 
wesen wäre, größere Schriftstücke zu diktiren, was durch die nicht 
viel später geschriebenen Worte 2 Th 3, 17 f., ferner durch Rm 
16, 22; 1 Kr 16, 21 ; Kl 4, 18 bestätigt wird. Für den, der sich 
an diese Bequemlichkeit gewöhnt hat, kostet es allemal ein Opfer, 

*°) So Hier, und Theodor. [Als Beispiel eines Briefes mit zweierlei 
Handschrift ist das Facsimile lehrreich, das Deißmann, Licht v. 0. S. 112 
abdruckt. Hier ist der Brief selbst von dem ägypt. Bauern in Uncialschrift 
geschrieben, während am Schluß die Unterschriften der Beamten in flüch- 
tiger Kursivschrift folgen.] Dagegen auf den ganzen Brief bezogen es 
Eus. Emes. und ein Anonymus bei Gramer p. 90, Abstr, Vict., Pel. (litteras 
mea mamt perscripsi), Aug., Chrys., Thdrt. 

") In bezug auf unmittelbar vorher Geschriebenes ycd^u) 1 Kr 4, 14; 
14, 37; Gl 1, 20; ebenso in bezog auf das begonnene und weiterhin sich 
fortsetzende Schreiben 1 Tm 3, 14 und sogar auf den beinah vollendeten 
Brief 2 Kr 13, 10 cf 2 Pt 3, 1. Ebenso überall /e;.w und seine Synonyma 
Gl 1, 9; 5, 2. .3. 21 cf Einl § 20 A 5. Dagegen ey^a^ia entweder in bezug 
auf einen früheren Brief 1 Kr 5, 9. 11; 2 Kr 2, 3—9; 7, 12, oder in bezug 
auf den ganzen zu Ende gehenden Brief Rm 15, 15 (cf 16, 22); Phlm 21 
(über V. 19 s. oben im Text) cf 1 Pt 5, 12; Hb 13, 22 oder eine vorangehende 
Emzelausführung 1 Kr 9, 15, niemals aber von dem, was erst folgt oder 
2ben jetzt beginnt. 



280 r)er Briefschlufi. 

ein längeres Schreiben eigenhändig abzufassen. Hierauf muß sich 
auch Tii^Xixoig yqäuuaaiv beziehen ; freilich nicht so, als ob dies 
mit k'/QO^ia zueammen heißen könnte: „einen wie großen Brief 
ich euch geschrieben habe"/-) wohl aber in dem Sinn, daß die 
Größe der Schriftzüge auf die Unbeiiuemlichkeit hinweist, welche 
die eigenhändige Abfassung dieses Briefes dem Vf bereitet hat. 
Ob PI in folge seiner fortgesetzten Handwerksarbeit seit langem im 
Schreiben unbehilflich und daher lungeren Schreibens ungewohnt ge- 
worden war,"'-') oder ob einer der Liktorenstöcke in Philippi (AG 
1»>, 22 f. 33 s. unten zu v. 17) seine Hand verletzt hatte, so daß er 
einige Monate lang mit besonderer Beschwerlichkeit schrieb, wissen 
wir nicht. Die Gal. werden es gewußt oder durch ihre Abgesandten 
erfahren haben. Sehr begreiflich und gewöhnlich aber ist, daß 
einer, dem aus irgend welchem Grund das Schreiben schlecht von 
der Hand geht, wenn er doch leserlich und deutlich schreiben will, 
nicht der zierlichen Schrift des geübten Schreibers, sondern großer 
Schriftzüge sich bedient. Daß sie ihm auch unförmlich geraten 
waren, sagt iri^Xixoig an sich nicht, versteht sich aber von selbst. 
PI entschuldigt sich nicht wegen seiner unschönen Handschrift, 
sondern macht darauf aufmerksam, wie große Mühe er es sich hat 
kosten lassen. Daß er sich derselben unterzogen hat, kann nicht 
daraus erklärt werden, daß unter den vielen Christen seiner Um- 
gebung (1, 2) keiner ihm diese Mühe hätte abnehmen können oder 
wollen, sondern nur aus dem schon 4, 20 zu rührendem Ausdruck 
gebrachten Verlangen, den ihm fast entfremdeten Gal. so persönlich 
und leibhaftig nahe zu treten, wie möglich.^'') Wie er durch die 
vorigen Versuche, seine Person wie eine unter ihnen anwesende 
den Gal. zu vergegenwärtigen, sofort auch an die fremden Lehrer 
erinnert wurde, welche jetzt wirklich dort weilen und gegen ihn 

'*) So nach mehrfachem Vorgang besonders Hofm. Abgesehen davon 
(laß PI den Brief 17 mal imoroh], nie yiidiiftura nennt (so im NT nur AG 
28, 21), sind Redensarten wie biauaoivniu liKtuaoTioto'int Gen 43, 2; dnet- 
i.tiaif^ai dTin/.i' AG 4, 17 (v. 1.) in LXX Wiedergabe eines durch seinen Inf. 
absei, verstärkten Verb, fin., und wo sich solches im NT findet (Jk 5, 17; 
Lc 22, 15; Jo 3. 29: AG 2. 17; 5, 28; 23, 12; ähnlich AG 2, 30; Mt H, 8 Bd I*. 
339 A 21) ein aus der Sprache der LXX herübergenommener Hebraismus 
(Blaß'^ § 198) ohne jedes Beispiel bei PI. Wie ein Hinweis auf die Länge 
oder Kürze des Briefs auszudrücken gewesen wäre, zeigt 1 Pt 5, 12 oi' 
duyutv^ ebenso Ign. Rom. 8, 2; ad Pol. 7, 3 mit zugesetztem yoaufiätwv, Hb 

13, 22 biä .it)ii./io>%\ Eph 3, 3 h' ö/.iyo), EuS. h. e. I, 7, l ()«' iTlWTolfje y^dftoi' 

cf auch 1 Kr 16. 3; 2 Kr 10, 11 ; 2 Tb 2, 2. 15; 3, 14. 

»*») Vgl. U. Wilcken, Griech. Ostraka II, Nr. 1027: iy^axpiv imh(j 

ai(iov) K. /:'., Aiiotifti^, Üiä jö ßontivitoa ainnv yod(<ftit').'\ 

") Cf auch 5, 2 oben 8. 248 f. und das Citat aus Ambro», ep. 1, 3 Einl 
§ 10 A 4. Ganz ausznschlielien ist auch nicht die Rücksicht auf mögliche 
Anfechtung der Echtheit des Briefs seitens der ränkesüchtigen Judaisten 
cf 2 Th 2, 2; 3, 17. Abstr: uhi enim holoyrapha matms est, falaum dici 
tion polest, ähnliches auch Aug. 



c. 6, 11-18. 281 

wühlen (4, 12 — 20; 5,2 — 12), so auch hier. Die hringen keine 
Opfer, sondern suchen ihre Bequemlichkeit. „Alle, die sich auf 
fleischlichem Gebiete ein schönes Aussehn zu geben lieben,"*) die 
sind es, die euch nötigen euch beschneiden zu lassen, und zwar nur 
zu dem Zweck, daß sie vermöge und wegen des Kreuzes Christi 
nicht verfolgt werden." [v. 12] Wenn schon das O^^XoiOiv das an 
sich sittlich neutrale evTtqooiojttlv als Gegenstand einer selbst- 
süchtigen Liebhaberei erscheinen läßt (s. A 34), so sagt Iv oaQXi^ 
was weder mit -Aaza oäg-Ka zu verwechseln, noch durch ovreg zu 
ergänzen ist, daß die Vorzüge, durch welche jene einen guten 
Eindruck zu machen suchen, in dem Bereich des Fleisches liegen 
(Rm 2, 28; Eph 2, 11; Phl 3, 3 f.; Phlm 16), also einen Wert für 
das sittliche und religiöse Leben, dessen Sphäre der Geist ist, 
nicht haben. Daß diese Leute sich noch zu dem gekreuzigten 
Christus bekennen, ist hier wie überall (2, 21 ; 5, 2) vorausgesetzt 
und, wie die Stellung des f.ii] vor öuo'AWVTat statt vor rCo OT. zeigt, 
als der einzige negative Zwec': ihres Dringens auf Beschneidung 
nur das bezeichnet, daß sie als Bekenner Christi nicht mehr ver- 
folgt werden wollen, nämlich nicht mehr von den Juden, welchen 
das Kreuz Christi ein Ärgernis ist (5, 11 ; 1 Kr 1,23). Daß 
nur dies, und nicht etwa die Erfüllung des im Gesetz nieder- 
gelegten Willens Gottes in der Heidenwelt der eigentliche Zweck 
ihrer Missionstätigkeit sei, begründet v. 13: „denn auch die, welche 
den Brauch der Beschneidung haben, beobachten selber das Gesetz 
nicht, sondern wollen, daß ihr euch beschneiden laßt, um sich 
eures Fleisches zu rühmen". Die zweite Hälfte dieses Satzes und 
das durch ydg ausgedrückte Verhältnis zu v. 13 stellen außer 
Zweifel, daß hier von denselben Leuten wie vorher die Rede ist; 
nicht von Heidenchristen, welche Neigung zeigen, sich der Be- 
schneidung zu unterziehen, aber ebensowenig von den Juden ins- 
gesamt oder gar von den die Christen verfolgenden Juden (Hofm.). 
Denn mochten diese sonst eifrig sein, Heiden durch Beschneidung 
zu Proselyten zu machen (Mt 23, 15), so doch nicht die gal. 
Christen, auf welche sich das d^eXovoiv vfiäg Ttegn. ebenso aus- 
schließlich bezieht, wie das &vayy.dtovoiv vfiäg Ttegn. vorher. Die 
Stellung des avToi hinter statt vor oi TiegiT. legt nur stärkeren 
Ton auf diese Charakteristik der fremden Lehrer. 2^) Ist die früher 

**) einQoeojTteiv, wie cvTrpooMTti^ead'at (so ein Übersetzer Ps 141, 6 
für c*;:, für dasselbe Aquila Prov 3, 10 eiTipeTisZi'), von klass. EiTTpöoniTTos 
schön und freundlich von Angesicht (aach Gen 12, 11). [The Tebtunis 
Papyri Nr 19, 12 f. (114 v. Chr.): ÖTtcm evnooson&uEi,, damit wir ein gutes 
Aussehen haben.] — Zu dileiv cf Mr 12, 38 = >fih:u- Mt 23, 6: Kl 2, 18; 
zur Sache Mt 23. 27. — Zu tw omvfur, als Grundangabe cf Rm 11, 20, 
BlaC* § 196. — Die starke Bezeugung des Indic. Suby.onat (cf 4, 17 ^t]).ovTs) 
macht das Sioiy.tiiinai (n B D, ath) als grammatische Korrektur verdächtig 
cf jedoch Blaß"^ § 369, 6 a. E. 

**) Der Unterschied zwischen ainbs d ßaoiXeve und ö ßao. aiiöe, den 



282 Dar Briefsehluli. 

und mannigfaltiger bezeugte, überdies schwierigere LA 7TeQiTe(.iv6' 
uftoi ^'') ursprunglich, so kann das Präsens freilich nicht sagen 
wollen, daß die fremden Lehrer noch erst im Begriff stehen, sich 
der Beschneidung zu unterziehen, so daß auch ihnen wie den Gal. 
ein Satz wie 5, 3 gelten würde, während ihnen als von Haus aus 
Beschnittenen vielmehr 5, 12 gilt. Nur Beschnittene konnten 
Prediger der Beschneidung unter den Heidenchriaten sein. Noch 
nicht Beschnittenen konnte niemand die Nichtbeobachtung des Ge- 
setzes als einen Selbstwiderspruch vorwerfen. Das Part. Präs. ist 
also ein zeitloses, sie nach ihrem Brauch charakterisirendes.^^) 
Sie halten an der Beschneidung fest und zwar nicht bloß äußerlich, 
wie es die Christengemeinden Judäas (1, 22) insgesamt taten, 
sondern auch in ihrem religiösen Denken. Sie waren Beschneidungs- 
leute (2, 12). Aber GesetzeserfüUuiig sucht man bei ihnen ver- 
geblich. Dabei kann PI nicht diejenigen Teile des Gesetzes im 
Auge gehabt haben, welche an den Tempel gebunden waren und 
daher von dem gesetzeseifrigsten Juden in der Diaspora nicht 
beobachtet werden konnten ; auch nicht gelegentliche Anbequemungen 
an heidnische Sitte, welche PI, wo ein höherer Zweck dazu veran- 
laßte, nicht tadeln konnte, sondern den Mangel an ernstem Streben, 
das "Wesentliche des Gesetzes zu erfüllen (Mt 23, 23; Gl 5, 14). 
Sie sind keine echten Juden (Rm 2, 17 — 29), sondern um Menschen- 
gunst buhlende, leidensscheue Weltmenschen. Daß PI mit dieser 
Beschreibung und Beurteilung der Judaisten ein Gegenbild seiner 
selbst zeichnen wollte, zeigt auch die Art, wie er sie einleitet. 
Nicht von jenen sagt er, daß sie sich ein schönes Ausselm zu 
geben beflissen sind, sondern umgekehrt, daß alle, denen es hierum 
zu tun ist, daß diese und nur solche Leute es sind, welche die 
Gal. zur Beschneidung drängen. Man hört heraus, daß er, welcher 
den Gal. das gesetzesfreie Ev gebracht hat (5, 11), nicht zu jener 
Klasse der Weltmenschen gehöre. ^^) Dies spricht er nun auch v. 14 
unzweideutiger aus, zunächst in dem echt hebräischen Wunschsatz : 
,,mir aber möge es nicht widerfahren •'^") d. h. Gott bewahre mich 
davor, daß ich mich rühme, es sei denn des Kreuzes unsers Herrn 

wir durch „er selbst, der König" nud „der König selbst" w'iedergeben 
können, ist nicht größer als der zwischen txetvoe vor oder hinter deterra. 
Sahst., den wir gar nicht mehr deutsch ausdrücken können. 

»*) So Marcion, nAGDKP Vulg: Tteoirtxftrjiivoi BG (verscbrieben) L. 
Die Versionen sind hier durchweg unbrauchbare Zeugen. 

''j In bezug auf je und dann oder gewohnheitsmäßig Geschehendes 
Eph 4, 28: Hb 7, 8; Zukünftiges oder Beabsichtigtes Jo 1, 29; Mt 26, 25; 
27, 40; 1 Kr 2, 6; aber auch Vergangenes Jo 6, 33. 50. 

") Cf die negative Charakteristik des Johannes Mt 11, 8 durch eine 
Aussage über die fein gekleideten Leute. 

») //ij not yiroiro c. inf. = '=? -"j'Tn Gen 44, 7. 17; Jos 24, 16 (1 Mkk 
13, 5), das anderwärts durch iuojs fioi. wiedergegeben ist s. Bd I*, 558 zu 
Mt 16, 22. 



c. 6, 11—18. 283 

Jesus Christus". Während jene nach einem Selbstruhm streben, 
der ihnen aus dem Erfolg ihrer Bemühungen um die Bekehrung 
der Heidenchristen zum gesetzlichen Judentum und um die Ver- 
mehrung des Volks der Beschneidung erwachsen soll, wünscht und 
hofft er, daß der einzige Gegenstand seines Rühmens die Tat der 
Hingabe Jesu in den Kreuzestod sei und bleibe. Auch das Kreuz 
ist wie Gott und der Erlöser (1 Kr 1, 31) dem Christen ein Y.a.v'/^r](.ict, 
ein Gegenstand und Grund stolzer Freude ; denn es ist nicht eine 
geschichtliche Tatsache, die ihm äußerlich geblieben wäre, sondern 
ist ein Element seines eigenen Lebens geworden. Er weiß sich 
nicht nur berechtigt, die Selbstaufopferung Christi als eine Tat der 
Liebe Christi zu ihm, dem einzelnen Menschen anzusehen (2, 20 ; 
Rm 5, 1 — 11), sondern er hat auch, da er an den Gekreuzigten 
durch Glaube und Wiedergeburt sich anschloß, den Kreuzestod 
seines Erlösers miterlebt und nacherlebt (2, 19). Wie für Christus 
dasjenige Verhältnis zur Welt und zu allem, was ihr angehört, in 
welches er durch seine Geburt vom Weibe eingetreten war (4, 4), 
durch seinen Tod abgebrochen wurde, so auch für den Christen, 
der au diesem Tode beteiligt worden ist. Durch den gekreuzigten 
Jesus ist es geschehen, daß die AVeit für ihn und er für die Welt 
tot ist. Zu dem, was für Christus und die Christen aufgehört hat, 
eine das Leben bestimmende Macht zu sein, gehört die Sünde 
(Rm 6, 6. 10; Gl 5, 24), aber auch das Gesetz (Gl 2, 19; 3, 13 ; 
4, 4f. ; Rm 7, 4). Daß an dieses in erster Linie zu denken sei, 
zeigt der Zusammenhang mit v. 12 — 13 und der Fortschritt zu 
V. 15: „Denn weder Beschneidung ist etwas noch Unbeschnitten- 
heit, sondern neue Schöpfung." ■*^) Es ist nicht geblieben bei der 
Lösung der Bande, welche Chinstum, solange er im Fleisch lebte, 
und in noch ganz anderem Sinn und Grad die Menschen, solange 
sie nicht mit ihm Eins geworden waren (3, 26 — 28), an die gegen- 
wärtige böse Welt fesselten (1, 4), sondern es ist auch auf grund 
seines uns von der alten Welt erlösenden Todes eine neue Welt 
geschaffen worden. Daß dies durch die Auferstehung Jesu (1, 1), 
durch die Sendung des Geistes (4, 6), durch die AViedergeburt 
sündiger und sterblicher Menschen zu neuem und ewigem Leben 

*o) Cf 1 Kr 7, 18. AVie Gl 5, 6 aus 6, 15 vereinzelt (S>) lariv statt 
laxvei eingedrungen ist, so haben die Korrektoren von n D und die Anti- 
ochener hier aus 5, 6 loyvei .statt taiLi' eingesetzt. Trotz der viel stärkeren 
Bezeugung wird dasselbe auch gelten von der LA fV yäo Xuionö '/rjaov 
ovTs statt ovre yäo- denn es sohien dieser kürzeren LA (BS 'S', Sah?, Goth, 
auch ath, also wohl Orig.) etwas wesenthches zu fehleu. — Nach Euth. 
ed Zacagni p. 561 soll v. 15 nach dem kürzeren Text, nur ohne yäo wört- 
liches Citat aus einem mosaischen Apokryphen sein (Maivono^ fi;Toyovfov). 
An die Himmelfahrt des Moses zu denken (cf Einl. IP, 108 u. ob. S. 177 
A. 37) liegt fern. Ob der Spruch aus dem Gl in ein jüngeres christliches 
Apocryphon unter dem Namen des Moses Aufnahme gefunden hat (Schürer, 
Gesch. d. jüd. Volkes 111*, 302) ist ungewiß. 



284 Der Briefschluß. 

geschehen sei, ja daß es überlmupt geschehen Bei, brauchte nicht 
erst fjesagt zu werden. Denn die, welchen der Geist Jesu Christi 
im Herzen wohnt (4, 6) und die in diesem Geist leben (5, 25), 
wissen es, daß sie neue Geschöpfe, Teile der neuen und ewigen 
Welt sind. Diesen konkreten und individuellen Sinn hat -Aatvi] 
xr/aig hier wie 2 Kr 5, 17 cf Jk 1, 18 im Gegensatz zu dem der 
alten Welt angehörigen Unterschied beschnittener und unbeschnittener 
Menschen. Denn auch 7itQnntn'^ und cr/.onßioria bezeichnet ja 
nicht wie 5, 6, wo es darum auch iayvii heißt, die Handlung und 
den Zustand der Beschneidung oder ITnbeschnittenheit, sondern wie 
2, 7 f. die beschnittenen und unbeschnittenen Menschen cf 3,28. 
Sofern sie das Eine oder das Andere sind, sind und bedeuten sie 
nichts (cf 6, 3); sie sind und bedeuten etwas nur, sofern sie als 
Angehörige der neuen "Welt neu geschaffen sind. Daß dieser Satz 
nicht V. 14'', sondern die Hau2)taussage v. 14" in ihrem Gegensatz 
zu dem Rühmen der .Tudaisten zu begründen geeignet und be- 
stimmt ist, würde auf der Hand liegen, auch wenn hieran sofort 
V. 18 sich anschlösse. Es wird aber auch dadurch bestätigt, daß 
V. 16 mit xa/ sich ein Segenswunsch anschließt, welcher nicht den 
gal. Gemeinden insgesamt oder allen Trägern des Christennamens 
ohne Unterschied, sondern bestimmten Christen in scharfem Gegensatz 
zu andern gilt. AVeil nämlich v. 16, auch abgesehen von der allein 
glaubwürdigen LA otoiyir^aovoiv ,*^) einen wie alle Wünsche in die 
Zukunft weisenden Segenswunsch bringt, kann er nur an den 
gleichfalls einen Wunsch ausdrückenden v. 14* sich anschließen, 
■w'elcher in v. 15 eine parenthetische Erläuterung gefunden hat. 
Über alle die, welche in Zukunft der in v. 14* enthaltenen Richt- 
schnur und Regel sich anschließen, nach Maßgabe derselben in 
Reih und Glied sich halten werden, fleht PI Friede herab und 
Erbarmen. Während die gewöhnliche V^erbindung ü.tog Y.a.1 €iQi]vrj*^) 
das Erbarmen Gottes als den Grund des Friedenszustandes der 
Menschen erkennen läßt, zeigt die umgekehrte Folge und die 
Trennung beider Worte durch €7t' avzovg, daß hier zwei von 
einander zu unterscheidende Güter gemeint sind : der Friede im 
Diesseits und das Erbarmen an dem Tage, wo der Mensch wie nie 
zuvor auf das Erbarmen des Richters angewiesen ist.*'') Das Fu- 

*') So «B (in C erst durch Korrektur) KLP and die Antiochener, 
Volg und schon Hil., vielleicht auch Orig. (fioltz S. 74). Die Änderung 
aroi/ovoir lag ZU nahe, um Glauben zu verdienen. — Zu ■>iai(j>i' cf 2 Kr 10, 18 
(wo es sich auch um Richtnchnur und MaCstab für Av,?, v-av/üaihu handelt); 
Phl 3, 16 (v. \.) mit moiytiu verbunden cf Grun'lriß S. 3 A 8. Der Dativ 
dabei bezeichnet nicht an sich wie AG 15, 1 die Norm, ein Begriff, der viel- 
mehr in y.uio'jv liegt, sondern ist der bei ator/tiv (nicht schreiten, sondern eine 
Reihe bilden) gewöhnliehe, die Person oder Sache, zu welcher man diese 
Stellung einnimmt, bezeichnende cf ßm 4, 12 und oben zu 4, 2.5; 5, 25. 

"j 1 Tm 1, 2; 2 Tm 1. 2; 2 Jo 8; Jud 2; Tob 7, 11 Sin. 

*») 2 Tm 1, 18; Jk 2, 13; Jud 21; Mt 5, 7. 



c. 6, 11-18. 285 

turum ototyj'joovaiv aber erklärt sich nur daraus, daß PI hier die 
gehoffte Wirkung seines Briefes auf die Gal. im Auge hat (5, 10; 
Phl 3, 15) und allen Christen in Gal., welche wie er fortan jedes 
anderen Rühmens als eines solchen, welches das Kreuz Christi zum 
Gegenstand hat, sich entschlugen, Friede und Erbarmen anwünscht. 
Um so bequemer schließt sich dann hieran y.al Ircl xbv ^loqar^k 
rov &€0i'. Nur ohne das xa/, welches, um diesen Sinn zu ge- 
winnen, gelegentlich gestrichen wurde,**) könnte dies zur Not eine 
Apposition zu ijr' avTOvg sein, obwohl eine Anknüpfung durch 
o'iziveg tiOLV oder zovieaiiv natürlicher und das Nachhinken der 
Apposition ganz unveranlaßt wäre,*"'^) Es lassen sich auch nicht 
die zahlreichen Fälle vergleichen, wo entweder neben einer um- 
fassenden Bezeichnung des Subjekts oder Objekts noch ein darin 
bereits inbegriffener Teil genannt wird, weil dieser besonders in 
Betracht kommt, oder umgekehrt neben Erwähnung einzelner In- 
dividuen oder Teile auch noch eine Bezeichnung des Ganzen, der 
Gesamtheit steht, wozu die Teile oder Individuen gehören.***) In 
letzterem Falle könnte Ttäg (TtävTsg) oder o?.og hinter xa/ nicht 
fehlen, wenn nicht ein pluralischer Ausdruck mit ol /.oiitoi bevor- 
zugt wurde. Der erstere Fall aber könnte nur bei der LA oroiyiovoiv 
angenommen werden, wonach der Relativsatz alle wahren Christen 
bezeichnen würde, unter welchen der Israel Gottes eine besondere 
Gruppe bilden würde. Ist aber oror/j^GOiaiv zu lesen und auf die 
Gal. zu beziehen, von welchen PI hofft, daß sie dem erwähnten 
Kanon sich anpassen werden, so dehnt er nachträglich den unter 
dieser Voraussetzung über sie ausgesprochenen Segenswunsch auf 
einen zweiten Kreis aus, auf dasjenige Israel, welches im Gegen- 
satz zu dem Israel nach dem Fleisch, welches als Volk sich von 
Gott abgewandt und seinen Messias verworfen hat (1 Kr 10, 18; 
Rm 2, 28 f. ; 9, 6), Gotte angehört. Dies ist dann aber nicht die 
gesamte Christenheit, das geistliche Abrahamsgeschlecht, zu welchem 
die gal. Heidenchristen gehören (3, 29 ; 4, 28 ; Rm 4) ; denn dieses 
müßte als das ganze bezeichnet sein, dessen Teil die gal. Ge- 

**) So D, welcher wie auch G xvpiov statt S-eov hat. 

**) Gar nicht vergleichbar ist Jo 1, 16, wo man y<ti wohl mit „und 
zwar" oder „uämlich" übersetzen kann, dies aber nicht die Erläuterung eines 
bereits genannten Objektes bringt, sondern mit einem aus dem vorigen zu 
ergänzenden i).äßouer einen neuen Satz einleitet, welcher erst das Objekt 
bringt, oder 1 Kr 3, 5 (15, 88), wo das von zweien ausgesagte Prädikat in 
einem abgekürzten Satz auf jeden einzelnen mit der dadurch bedingten 
Unterscheidung augewandt wird; oder Hb 11, 17, wo ja y.di tö»' /uoioyeii} 
nicht eine erläuternde Apposition zu töi^ 'laaax bringt, sondern einen voll- 
ständigen Satz einleitet, welcher nach Art des hebr. ParaUclismns mem- 
brorum den Inhalt des vorigen Satzes in neuer Beleuchtung wiederholt. 

") Für ersteres cf Mr 1, 5; 16, 7; 1 Kr 9, 5, für letzteres Mr 7, 3; Mt 
26, 59 (die yonauureif, die hier nicht wie 16, 21 mitgenannt waren, ge- 
hören auch zum Synedrium). 



286 Der Briefschlnß. 

meinden bilden, sondern die christgläubige Judenschaft, in welcher 
auch nach PI Israel als Gottes Volk noch fortlebt.''*) Für sie ist 
Platz neben den vorwiegend heidenchristlichen Gemeinden Galatiens; 
und dieser jüdischen Christengemeinden (1,22) noch einmal am 
Schluß des Briefes in Liebe zu gedenken, lag ihm um so niiher, 
als er den von ihnen hergekommenen Judaisten eben hier wieder 
V. 12£E. schroff entgegengetreten ist. Er ist kein Feind seiner Nation 
geworden. Das alte „Friede über Israel" kann auch er noch 
sprechen ; denn er kennt ein Israel Gottes, welchem er dies auf- 
richtigen Herzens zurufen kann.'"') Aber er kennt auch ein un- 
göttliches Israel, mit dem nicht behelligt zu werden sein Wunsch 
ist. In V. 17 spricht er ihn aus, allerdings nicht, wenn die alte 
und noch immer vorherrschende Deutung von lov koiTioD im Sinn 
entweder eines ^übrigens" oder eines ,,fernerhin, fortan" haltbar wäre. 
PI würde dann in gebieterischem Ton den Wunsch aussprechen, 
daß ihm überhaupt niemand ermüdende und lästige Arbeit oder 
Mühe und Verdruß bereite. Gewiß ein sonderbarer Wunsch im 
Munde eines Mannes, dessen Berufsleben eine Kette von y.ÖTioi 
jeder Art war (2 Kr 6, 5 ; 11, 23—30 ; 1 Th 2, 9 ; 2 Th 3, 8 ; 1 Kr 
4, 12; 15, 10; Gl 4, 11; Phl 2, 16; Kl 1, 29), welche nur mit 
seinem Leben zugleich ein Ende finden wird (Phl 2, 22 — 25 ; 2 Tm 
4, 7f. ; Ap 14, 13). Daß sein Erdenleben fortan mit Mühe und 
Belästig^gen, welche Menschen ihm bereiten, verschont bleiben 
werde, konnte er nicht erwarten und also auch vernünftiger Weise 
weder wünschen noch gebieten. Ebenso unverständlich bliebe aber 
auch, daß er nach der anderen Bedeutung des adverbiellen (to) 
).017t6v diesen Wunsch von den beiden voranstehenden Wünschen 
V. 14. 16 abgesondert und als ein Letztes bezeichnet hätte, was er 
weiter noch in diesem Brief zu sagen habe**) Es wird daher 
zov ÄoiTtov, wie schon Marcion erkannte,"^") im Gegensatz zu den 

*') Em 11. 1—8; 9, 27—29; Phl 3, 3; Einl § 3 A 9 a. E. So verstanden 
das T. Vöp. T. ^hov schon Ephr., Abstr, Vict., Pel. 

««) Ps 125, 5; 128, 6. Das letzte der 18 Gebete, welche schon PI 
täglich gebetet haben mag, beginnt nach paläst Recension (Dalman, Worte 
Jesu I, 301): „Lege deinen Frieden auf Israel, dein Volk". Ob PI an Ps 
73, 1 gedacht und. wie Hofm. trotz der Abweichung vom hebr. Sprach- 
gebrauch nicht nur für möglich (so auch Delitzsch, Komm, zu d. Psalmen 
I, 544), sondern auch für richtig hielt, hn^iV" als stat. constr. mit c-iSn ver- 
bunden hat, bleibt fraglich, cf Delitzsch. 

*<') So 2 Kr 13, 11 ; 1 Th 4, 1 ; 2 Th 3, 1 ; Phl 3, 1; 4, 8. Ob PI rov 
/.otTTov überhaupt gebraucht hat (Kph 6, 10 v. 1.) ist ebenso zweifelhaft, als 
ob dies jemals anders als im zeitlichen Sinn (fortan, während der noch 
übrigen Zeit) gebraucht worden ist. So auch in der christlichen Literatur 
<z. B. Epist. Clem. ad Jac. 10; hom. I, 11), während (rd) '/mitiöv in diese 
Bedeutung von tov '/.oinov übergreift Mt 26,45; 1 Kr 7, 2S; 2 Tim 4,8; 
Hb 10, LS; Ign. Eph. 11, 1 ; Smym. 9, 1. 

wj GK 11,504. Er schrieb (Adam. dial. berl. Ausg. 222, 15) xcüi' Si 
ÜiXiiiv tivcfi xöTiovi fioi, fxrßtli -naQE/Loiyo) y.iK. Der Ersatz für lov /.omov 



6, 11-18. 287 

Menschen, welchen vorher Friede und Erbarmen angewünscht war, 
persönlich zu verstehen sein. Also im Gegensatz zu dem Israel 
Gottes schreibt PI : „Von dem übrigen (Israel) soll mir niemand 
Mühe und Belästigung bereiten ; denn ich trage die Wuudenmale 
Jesu an meinem Leibe."' Das ist nicht sowohl ein "Wunsch als 
eine entschiedene "Willenserklärung. Von dem gottentfremdeten, 
dem Gericht der Verhärtung anheimgefallenen Israel (Rm 11, 7), 
zu welchem PI nicht zum wenigsten die in Gal. eingedrungenen 
Judaisten rechnet (1, 9; 5, 10. 12), will er sich nicht belästigen 
und in seinem Werk hindern lassen. Die Zuversicht aber, daß 
keiner, der zu diesem Israel gehört, ihm etwas werde anhaben 
können, begründet v. 17'\ Unter den aiiyuaTO, eigentlich mit 
einem spitzigen Instrument oder einem glühenden Eisen der Haut 
eingeritzte oder eingebrannte Zeichen, welche PI an seinem Leibe 
trägt, hat man von jeher mit Recht die sichtbar gebliebenen Spuren 
erlittener Mißhandlungen, Narben und Striemen verstanden. Nur 
hätte man daraus, daß von allen den Stellen, wo PI seiner Be- 
rufsleiden gedenkt, er an dieser allein solche sichtbar gebliebenen 
Folgen derselben erwähnt, schließen sollen, daß er vor nicht langer 
Zeit eine Mißhandlung erfahren hatte, deren Spuren eine Zeit lang 
sichtbar blieben. Hat er den Brief in Korinth geschrieben (oben 
S. 19 f.), so waren nur wenige Monate verstrichen, seit sein ent- 
blößter Körper von den Stöcken der Polizeidiener von Philippi 
blutig geschlagen und seine Füße in den Block gespannt worden 
waren (AG 16, 22 f. 24. 33. 37 ; 1 Th 2, 2). Daß er durch die Be- 
nennung der sichtbaren Zeichen dieser Mißhandlung als ra ox. 
TOv ^Ir^oov sagen wollte, er sei durch sie als ein Knecht Christi 
gezeichnet, ist kaum denkbar. Denn erstens würde er dann Xqlotov 
statt TOV 'lT]aov geschrieben haben. ^^) Zweitens waren die Sklaven 
doch nicht insgemein gebrandmarkt, sondern der Flucht verdächtige 
oder entlaufene Sldaven, wie andere Verbrecher,^-) welche daher 
OTty/naTiai hießen, mit denen aber PI in seinem Verhältnis zu Christus 
sich doch nicht vergleichen konnte. Drittens läßt sich keine Ana- 
logie dafür anführen, daß man solche Brandmale nach dem Herrn 

wird dadnrch veranlaßt sein, daß Marc, wahrscheinlich und aus begreif- 
lichen Gründen vorher y.al iVri t. 7. t. ^eov gestrichen hat, so daß nur der 
Gegensatz öcoi — oiiuyrjoovoiv übrig blieb. Hofm., der im wesentlichen 
richtig auslegt, hat ohne Not und Wahrscheinlichkeit tov '/.oittov sc. 'looa^'/. 
als Objektsgenitiv zu y.önov:; gefaßt: ,,mit dem übrigen Israel soll mich 
niemand belästigen". Warum nicht „niemand von dem übrigen Israel" "r 
Cf gleichartige Verbindungen von roü ).aov Lc 6,17; 23,27; &y&o{ö:tü)i> 
Mr 11, 2; 1 Tm 6, 16; Tütv ärSoüv ixetvcov Lc 14, 24; riöv Xoittüjv oiSeis 
AG 5, 13. 

'") Cf Gl 1. 10; 1 Kr 7, 22; Eph 6, 6. — Das bloße rot 'Ir,oov ist durch 
Marcion, ABC*Vulg gegen die mannigfaltigen Erweiterungen ausreichend 
geschützt. 

'*) Cf besonders die reiche Sammlung von Wettstein. 



288 Der Briefschluß. 

sjenannt hätte, welcher sie hatte einbrennen lassen. Der erste und 
letzte dieser Gründe verbietet es auch, an die Narben zu denken, 
die er als ein Soldat Christi in manchem Streit sich erworben hatte. 
Jesu, des im Fleisch lebenden und leidenden Heilands Wund- 
male nennt PI seine Narben, weil Jesus vor ihm gegeißelt, mit 
Fäusten und Stäben geschlagen, seine Hände von Nägeln, seine 
Seite von einer Lanze durchbohrt worden sind (Mt 27,26.30; 
Je 18, 22; 19, 1. 8; 34; 20, 20. 25, 27), und weil er sein eigenes 
Leiden als eine Beteiligung an dem Leiden Jesu betrachtet (Phl 
3, 10; Kl 1, 24; 2 Kr 4. lOf.; Rm 8, 17; 2 Tm 2, 11). Den 
Elreuzestod Jesu hat er wie alle Christen nur in einem Vorgang des 
inneren Lebens miterlebt und nacherlebt (Gl 2, 19; 6, 14). Aber 
die Spuren der um Christi willen erlittenen Mißhandlungen, die er 
an seinem Leibe aufweisen kann, gemahnen ihn an das, was Jesus 
ähnliches erlitten hat und stellen sich ihm als eine Fortsetzung 
davon dar. So erst wird das Verhältnis zu v. 17" verständlich. Der 
Märtyrertod mag ihm noch in Aussicht stehen ; aber seit er so sicht- 
bar in ,.die Gemeinachaft der Leiden" Jesu eingetreten, fühlt er sich 
geschützt und gleichsam gefeit gegen alles, was Menschen, was ins- 
besondere die getauften und ungetauften Juden ihm antun mögen. 
Ohne zu befürchten, daß man ihn darum als einen Anhänger heid- 
nischen Aberglaubens ausehn werde (cf 3, 1 ; 4, 14 f.; 5, 20 oben 
S. 138. 218 f. 267), lehnt er sich hier wahrscheinlich an Ausdrucks- 
weisen an, welche auf diesem Gebiet üblich waren. ''^) Nachdem aber 
das letzte Aufflammen seines Zornes gegen die Friedensstörer und 
Verführer der Gal. v. 12 — 18 in der siegesgewissen Absage an diese 
ausgeklungen ist, schließt er den Brief mit dem so oder ähnlich 
in fast allen Briefen zu lesenden Abschiedsgruß an die Leser,*^*) 
die er noch einmal als Brüder anredet, ehe er mit einem Scj^'^v wie 
den Eingangsgruß (1, 5) auch den Abschiedsgruß besiegelt. 

»») Cf Deißmann, Bibelstudien S. 262 ff., [Licht v. 0. 218] wo ein 
leydener Papyrus citirt wird, worin es in bezug auf eine als Amulet dienende 
Abbildung des Sarges des Osiris heißt: ßaardi,«) rrjv xnji^r rov 'Üai^ecoe . . . 

idp ftoi 6 delfa y.önovi Ttaodoyr^, Ttfioorotifoj aiirijv aiirö), Zu itönovi 7ia(ji'/(,tiv 

cf Mt 26, 10; Mr 14, 6; Lc 11, 7; 18,' 5; Sir 29, 4 (v". 1. txövov)', Herrn, vis. 
III, 3, 2. [Zu der Formel vgl. auch De Zwaan, The Journal of Theol. 
Studi'-, 1905, 418 ff.] 

f"») Statt des gewöhnlichen ntd' vfi&v (1 Th 5,28; 1 Kr 16,23; Kl 
4. 18; 1 Tm 6, 21) oder utra ndvnov vuöiv (2 Th 3, 18; 2 Kr 13, 13; Rm 
16, 24; Tt 3, 15) hier wie Phl 4, 23; Phlm 25 fierä rov nrev/naios vfi&v. 

Beides neben einander 2 Tm 4, 22. 



Excura I. 

Zur Geschichte des Textes uud der Auffassung you 2, 5. 

Es dürfte nicht überflüssig sein, die im Altertum bezeugten 
Textformen samt ihren Zeugen noch einmal übersichtlich zusammen- 
zustellen. Zu den griechischen Zeugen gehört als der älteste 
Marcion um 150, dessen Apostolikon wahrscheinlich nie in lat. 
Übersetzung existirt hat und jedenfalls dem Tertullian ebenso wie 
einem Epiphanius und anderen Griechen im griech. Original vorlag. 
Es folgt Irenaeus um 185 ; daß uns sein Citat nur in lat. Über- 
setzung vorliegt, ist in diesem Fall ohne Belang. Zu den griech. 
Zeugen gehört auch Tertullian ; denn wie Marcions NT lag auch 
das kirchliche NT ihm im Original vor cf GK I, 51 £E. Es sind 
folgende Textformen zu unterscheiden : 

I. TtQog wqav (ohne olg ovöe). So griech. D*, Iren. Tert., 
lat. d, Vict. Ambstr, nach Vict. aber sehr viele lat. und griech. 
Hss, darunter vielleicht auch die Vorlage von G. 

Tu D (ed. Tischend, p. 261. 568) war ursprünglich, wie auch d und 
dessen Kopie e beweist, nur Ti^bi ü^au geschrieben. Die von jüngerer 
Hand eingefügten Worte oh ovöi sind nicht der erste Verbesserungsversuch ; 
denn oiWf, nicht ebenso oh, steht über Rasur. Wahrscheinlich hat also ein 
erster Korrektor ein einziges Wort eingefügt, welches nachträglich wieder 
getilgt wurde und vielleicht schon getilgt war, als der jüngere Korrektor 
den vulgären Text (IV) einsetzte. Auch der merkwürdige Text von G 
geht wahrscheinlich auf eine Vorlage zurück, in welcher sich LA I fand 
(s. oben S. 87 A 8). Denn die dieser Hs eigentümliche Einschiebung 
eines /<?; in v. 4 (ir« «^ r/,««» xaiaSovlwocoaiv) fordert unbedingt die Ver- 
bindung dieses Absichtssatzes mit einer folgenden Hauptaussage, und diese 
Verbindung macht die Rückbeziehung eines folgenden oh auf die falschen 
Brüder, deren Charakteristik vor ua abgeschlossen ist, unmöglich. Der 
Urheber des ///; in v. 4 hat also in v. 5 jedenfalls kein oh gelesen. Man 
kann nur zweifeln, ob er LA I oder LA II (mit oiSi ohne ol^;) hatte. 
Ersteres ist aber wahrscheinlicher, weil LA I im Oecident viel verbreiteter 
war, als II. Der Schreiber von G hat in v. 5 die zu seiner Zeit seit Jahr- 
hunderten auch im Oecident herrschend gewordene LA IV eingesetzt, ohne 
die auf LA I (oder II) beruhende eigentümliche LA seiner Vorlage in v. 4 
zu kurrigiren. — Iren. III, 13, 4 citirt Gl 2, 1—2 und fährt dann fort: Et 
ihrum ait: „ad horam cesshmis snbiectioni, %iti veritas evangelii perseveret 

Zahn Ualaterbrlef. 3. Aufl. 19 



S90 Excnrs I. 

apud V08 (v. 1. fios). — Über Tert., Yict, Ab?tr, welche ohne Frnge ebenso 
lasen s. nnter II. — Die Freif-inger Fragmente der altlat. Version (r) be- 
ginnen erst in der Mitte von v. 5. Auch einzelne Hss der Viilg haben 
La 1 8. Corssen p. 25 im Apparat und die Bemerkung dos Lucas Brug. bei 
Sabatier 111, lb!\ 

II. oide ngo^ ägav (ohne olc). So griecb. Marcion, nach der 
Andeutung, Tertullians und nach Vict. {quiilani) auch kirchliche 
Hse, darunter nach Abetr Fowohl griech als lat ; ferner S*. 

Tert. c. Marc. V, 3 citirt aus Marcions Apostolikou: (ergo) „propttr 
superitiducttfios, inqitit, fahos fraires, qui snbintravcrant ad speculanaam 
Ubertotem 7wstrani, quam habcntus in Cfn-isto, ut no8 suligerct servituti, 
nrc ad horam cetsimus mbiectioni". Intendamus enim et Sfnsui ipsi et 
cauftae ejus, et npparebit vitiatio scrijdurae. Cum ]irnemittit „fied nee 
Titus qui mcaini erat, cum esset Graecus, cnactus est circumcidv* dihinc 
Siibjungit ^propter superituluctitios falsos fraires" et reliqua; contrarii 
utiqtie facti incijnt reddcre rationem, ostendens, projdtr quid f'ecerii, quod 
nee fecisset nee ostendiaset, «i illud, jjropter quod ficit, non accidisset. 
Denique dicas velim, si von subivtt-oissevt fahi Uli fraires ad speculan- 
aam libertatem eorum, cessissent snbiectioni? non opiuor. Ergo cesserunt, 
quia fuerunt, propter qxios cederetur. Hieraus folgt (GK II, 498) 1) daß 
Marcinn v. 4 äiä loi'g ohne Se dazwischen, 2) v. 5 oit)t ohne oh davor ge- 
schrieben hat, 3) daß Tert. dieses ofUi für eine Textfälschung hielt. Da 
er nicht, wie .sonst manchmal, den Ketzer selbst dieser Fälschung bezich- 
tigt (GK 1, 603), muß man annehmen, daß er auch kirchliche Texte mit 
oioe kannte. Er würde aber nicht so bestimmt oidi für unecht erklärt 
haben, wenn er es in allen kirchlichen Texten gefunden hätte. Wir 
wenigstens ist kein Beispiel dafür bekannt, daß Tert. im Widerspruch mit 
aller ihm bekannten Überlieferung eine bloße Konjektur seiner Ertindang 
für den allein echten Text erklärt hätte. Es folgt also, 4) daß Tert. die 
LA I als überlieferten Text kannte und für echt hielt. Ob er auch einen 
Text mit ols otdi kannte, muß dahingestellt bleiben; jedenfalls fehlt bei 
ihm jede Spnr davon. — S' übersetzt v. 4—5: „Wegen der Lügenbrüder 
aber, welche zu uns gekommeti waren, dafi sie die Freiheit erforschten, di« 
wir iti Jesus Christus haben, damit sie uns (v. 1. mirh) knechteten, unter- 
tcarfen wir uns auch nicht eine Stunde lang ihrer Knechtschaft, damit 
die Wahrheit des Ev bei euch bleibe". Es i.st dies einer der vielen, von 
den Revisoren, welchen S' seine endgiltige Gestalt verdankt, unangetastet 
gelassenen Reste der ältesten sjt. Version der Paulusbriefe, welche sich 
durch volkstümlich freie Wiedergabe abheben, hier z. B. in bezug auf 
7ia(ifiad-xioii . . oiines Tinnetoi'/.itot' cf GK II, 55G ff. ; Robinson, Euthalinna 
p. 83 — 92. Leider hat Aphraat die Stelle nicht citirt, und der vulgäre 
Text in Ephr. wird auf Rechnung des armenischen, wenn nicht gar des 
lateinischen Übersetzers kommen. S' las also v. 4 Siä de tovg xzL und 
V. 6 o{'de ohne ole, in letzterem Punkt und somit in der Auffassung des 
Satzgefüges mit Marcion übereinkommend, ein neuer Beleg für den Zn- 
sammenhang der ältesten .«yr. Übersetzung der Briefe mit Marcion s. auch 
hier unten Exe. II und Grundriß der Gesch. des Kan.'' S. 50ff. — Vict. 
p. 12 führt V. 4 — 5' so an: Sed propter subinductos fahos fratres, qui . . . ., 
ut nos in servitutem redigerent, ad horam cessimus snbiectioni. Sowohl 
dieses Citat. als die nachfolgend^ Verteidigung dieses Textes, als auch die 
materielle Behanfllnng der Sache (schon p. 7 und wieder p. 12 f.) beweist, 
daß Vict. von der Echtheit der LA I völlig überzeugt war. Er kannte aber 
auch die LA II. Hinter dem Citat fährt er nämlich fort: Quidam haec 
sie legunt „nee ad horam cessimus subicctioni" , et est sensus integer cum 
»uperiori, ut neque Graecus Titus compulsus sii circwncidi, nee tarnen noa 



1 
i 



Text und Auffassung von c. 2, 5. 291 

cessunua vel ad horani siibiectioni, id est ut in aliquibiia cedercmus. Quo- 
iiiam tarnen in pluriiuis codicibus et latinis et graecis inta aentcntia est 
„ad horaiH cessinma subiediuni" i. e. ferimus (1. fec'unus) quae illia fa' 
cienda videba)itiir, sed non ut semper sequereniiir, mullis viodis probatur 
legenduin Ha esse „ad horam cessivins subiectioni^. Friinum qiiia vcre 
cessif, fiam et Timotheum circumcidit propter Judaeos, ut ait in actibu» 
apoHtolonun. Ergo mentiri non debuit apostolus. Dtinde nee „ad horam" 
(Mai falsch „nee ad horam") quis diceret, si negare opus fucrat omyiino 
factnm. Die LA, welche Vict. bestreitet und die einzige, welche er über- 
haupt neben der von ihm verteidigten LA I erwähnt, ist die LA II, mit 
oiöe ohue o'ii und nicht, wie seit Mai so oft behauptet worden ist, die 
LA IV oh oiSs, quibus ncc. Wo so deutlich wie hier zwei abweichende 
Texte einander gegenübergestellt werden, und zwar von einem berühmten 
Lehrer der Rhetorik und Grammatik, ist es ein Äußerstes von Mißhandlung 
eines wichtigen geschichtlichen Zeugnisses, wenn man Vict.'s nee in eia 
quibus nee verwandelt, zumal wir wissen, daß 20Ü Jahre vor Vict. Marcion 
in Rom und etwas später der älteste syr. Übersetzer die LA II, also genau 
das geschrieben haben, was Vict. als eine falsche LA bestreitet, während 
die L.\ IV, die er angeblich abgelehnt haben soll, bis zu seiner Zeit im 
Abendland bisher nicht nachgewiesen worden ist. Wie hätte auch Vict. 
von der LA IV sagen können, was er billiger Weise einräumt, daß nach der 
von ihm bestritteneu LA allerdings das neque Titus etc. v. 6 und das nee 
ad horam etc. v. 5 zu einem einheitlichen Satz sich zusammenschließen. 
Die Vertreter der LA II bezeichnet er durch quidani, für seine eigene LA I 
führt er plurimi Codices et latini et graeci als Zeugen an. In seinem Ge- 
sichtskreis überwog also I, und während er ungesagt läßt, ob die Zeugen 
für II Griechen oder Lateiner seien, behauptet er ausdrücklich, daß für I 
sowohl lat. als griech. Zeugen vorhanden seien. Es gab also um 370, zu 
der Zeit, da unsere ältesten griech. Gesamtbibeln (nB) geschrieben wurden, 
in Rom griech. Hss, welche ebenso wie die Bibel des Irenäus und des 
TertuUian ttoö^ woat^ ohue ovö'e und ohue oh davor darboten. — Abstr 
p. 215 citirt v. 5 zweimal im Zusammenhang mit v. 4 ohne quibus nee; 
später noch einmal „ad horam eessimus subiectioni" hoc est, ad horam nos 
subiecimus servif uti, humiliantes nos legi. An das zweite voll.-.tändige 
Citat aber schließt er die Bemerkung an: Graeci econtra dicimt: „7iec ad 
horam cessinius", et hoc aiunt eonvenire causae, quia qui fieri prohibebat 
(d. h. die Beschneidunj^ des Titus) non oportebat, inquiunt, dicere se fecisse. 
ne probaret esse faciendum. Auch Abstr ist also ebenso wie Vict. ein 
Verfechter der LA I gegenüber der L.\ II und scheint ebensowenig wie 
jener von der LA IV zu wissen. Er bestätigt nicht ausdrücklich, was 
Vict. sagt, daß I auch in griech. Hss zu lesen sei: aber er bestreitet dies 
auch nicht, indem er die Griechen insgemein, auf die er auch sonst in 
textkiitischen Fragen schlecht zu sprechen ist (cf p. 56 zu Rm 5, 14; p. 214 f. 
zu Gl 2, 2; GK I, 84), als Erfinder von II angibt. Im großen und ganzen 
ist es richtig, daß die Texte mit oisSs vorwiegend bei den Griechen, solche 
ohne ovSe vorwiegend bei den Lateinern zu finden waren. Genaueres als 
Abstr gibt Vict. 

III. olg TtQog üqav (ohne ovöi). 

Ob dieser Text jemals eine weitere Verbreitung gehabt hat, ist min- 
destens zweifelhaft, und nach dem, was zu I und II bemerkt wurde, wenig 
wahrscheinlich. Die Annahme, daß dieser Text am Ausgang des 4. Jahrh" 
bei deu Lat. geherrscht habe, gründet eich lediglich auf drei Angaben de.s 
Hier, im Kommentar zu Gl 2, 1—5. Er bemerkt 1) p. H99 zu 2, 1—2; 
Einige urteilten, die dort erwähnte Reise sei identisch mit derjenigen in 
AG 15 und behaupteten weiter: et hoc esse quod in codicibus legatur 

19* 



29S Kxcurs I. 

Latinii „quibus ad horam cessimus subiectioui, ut veritas evancfelii per- 
frreraret apud vos." — 2) Nach Vorletjmip: des Textes von 2, 3—5 mit 
(l\iibus jtrquc und im Gegensatz zu der von ilim stark betouten Nicht- 
besohneidung des Titns tragt er p. 4: qtiomodo qn'ulam putant legenduni 
esse r.'i»ibus ad horam ccssinnis Hubiectioni, ut veritas evangclii pcrnianeat 
apud ros" (t intcUujcndum, quod Tifus ipsc, qui cowpelli ante non potuit, 
P'istea cirrnmcisuH sit afque aubjcctun? Nachdem er diese Auffassung aus- 
fuhrlich ad absurdum geführt hat, fährt er 3) p. 4U1 fort: Jtaque aut jnxta 
Graecos Codices est legendum „quibus ncque ad horaut cessunns subicc- 
tioni", itt cousequentcr possit intclligi „ut i'eritas cvatigeliipermaneat apud 
vos"; aut si Latini excuiplaris alicul fides placct, secundum superioretn 
snisum accipere debemus, ut ad horam cessio non circmucidendi Tili sed 
euttdi Jerosolymam fucrit ; quo scUicet idcirco subieciio7n ccsscr int Paulus 
et Barnabas eundi Jerosolymam, seditione ob legem Antiochiac concitala, 
ut per epistolam apostolorum (AG 15, 23 — 29) sua scntentin firmaretur et 
mancret apud Gafatas cvangelii vcritas etc. — Was das Verhältnis dieser 
drei Anjj^aben zu einander anlangt, so kann jedenfalls die dritte nicht mit 
der zweiten wesentlich gleichbedeutend sein. In der zweiten sagt Hier, 
nichts von lat. oder griech. Hss, in welchen der Text quibus ad homm 
sich tinde, sondern von der Meinung einiger Leute, daß man so lesen 
6ollt€ oder müsse. Man scheint an einen der Exegeten denken zu müssen, 
auf deren Arbeiten der Komm, des Hier, beruht (oben S. 22. 24). In der 
dritten Bemerkung dagegen spricht er vom Text des Latinum exemplar, 
wie anderwärts vom interpres Latinns (z. B. p. 398) d. h. von der als kon- 
stante Grüße betrachteten altlat. Version. Jenen Verbesserungsvorschlag 
weist er als völlig unannehmbar zurück, das Latinum exemplar dagegen 
läßt er als eine Auktorität gelten, welcher zu folgen er niemandem ver- 
wehrt, und läßt dem Leser die Wahl zwischen dem damals bei den Griechen 
alleinherrschenden Text und dem ebenso einheitlich vorgestellten Text der 
lat. Version {aut— out), ohne jedoch letzteren im Wortlaut anzuführen. 
Die Auslegung, in deren Dienst jene Konjektur gemacht worden war, 
widerlegt er umständlich aus dem Zusammenhang des Briefs und der Natur 
der Dinge. Dem Text des Latinum exemplar dagegen läßt er eine an- 
sprechende und mit sichtlicher Anerkennung ihrer Möglichkeit vorgetragene 
Auslegung angedeihen. Dazu kommt, daß diese Auslegung für die Ver- 
treter des Textes I möglich war und tatsächlich bei solchen zu finden ist, 
wohingegen die von Hier, rücksichtslos verworfene Auslegung des conji- 
(irten Textes III nicht bei jenen, wohl dagegen bei Vertretern des ge- 
wöhnlichen griech. Textes IV sich findet (s. unten). Wie könnte dann der 
Text des Latinum exemplar mit jener Konjektur {quibus ad horam) iden- 
tisch sein? Es würde schwerlich jemand auf diesen Gedanken gekommen 
sein, wenn bei Hier, nicht die erste Angabe vorher stände. Wenn auch 
Codices Latini an sich nicht notwendig sämtliche Hss der lat. Version be- 
zeichnet, 60 müßte doch in die.sem Zusammenhang, wo Hier, die lat. Version 
als einheitliche Größe behandelt, gesagt sein, daß es sich um eine eigen- 
tümliche LA vereinzelter Hss handle. Dazu kommt, daß die Deutung, 
welche Hier, in seiner dritten Bemerkung dem nicht im Wortlaut ange- 
führten Text des exemplar Latinum gibt, vorzüglich zu der Einleitung 
paßt, womit er in seiner ersten Bemerkung die LA der Codices Latini ein- 
leitet. Nach beiden bezieht sich v. 5 auf die Reise nach Jerusalem. Hier, 
behauptet also in seiner ersten Bemerkung, ohne einen dieser Ausdrücke 
zu gebrauchen, doch wirklich, daß der interpres Latinus, das exemplar 
Latinum den Text quibus ad horam biete. Dies ist aber falsch, nicht nur 
aus den vorhin angeführten Gründen, die nicht leicht zu widerlegen sein 
dürften, sondern vor allem darum, weil wir wissen, daß das exemplar 
Latinum bis um 380 nicht diesen Text III, sondern den Text I hatte. So 



Text und Auffassung von c. 2, 5. 293 

fanden es Abstr und Vict, welche eigens über die in ihrem Gesichtskreis 
liegenden Varianten sich geäußert haben. Der erstere scheint von einer 
anderen LA mit einem quibus (oL) nichts zu wissen, Vict. aber sagt aus- 
drücklich, daß LA I in sehr vielen oder den meisten lat. wie griech. Hss 
sich vortinde. Diese LA ohne Relativ kann auch nicht auf Rom und 
dessen nähere Umgegend beschränkt gewesen sein. Da sie übereinstimmt 
mit dem griech. Text, welcher zur Zeit des Irenäus und des Tertullian 
in den Kirchen von Lyon und Karthago herrschte, so kann doch kaum be- 
zweifelt werden, daß sie in der lat. Bibel von deren Ur.^iprung an sich 
gefunden hat. Im Abendland ist außerdem bis um 380 keine andere Ab- 
weichung von demselben nachzuweisen, als die Einschiebnng einer Negation 
ohne Relativ davor (bei Marcion und den quidani bei Vict). Ob sie da- 
mals in lat. Bibeln eingedrungen war, ranß zweifelhaft bleiben (oben S. 291). 
Ambrosius könnte diese LA II vor sich gehabt haben, als er um 387 
(epist. 37, 21 ed. Ben. II, 935) schrieb: adeo über (erat Paulus), ut cum 
subintrassent qiddam toitare libertatcm eius, nee ad fwram. ut ipse ait, 
cederet subiectioni, ut veritaa evangelü praedicaretur. Viel wahrschein- 
licher ist jedoch, daß er ebenso wie die anderen Lateiner, welche damals 
oder wenig später die alte abendländische LA I aufgegeben haben, von 
dieser sofort zu der damals bei den Griechen herrschenden LA IV (quibus 
neque) übergegangen ist. So Ang. um 394 im Komm, wie später in der 
Korrespondenz mit Hier. (Aug. epist. 82. 12), und Pel. um 400—410 (gegen 
Tischendorfs gegenteilige Angabe cf Hier. Vall. XI, 327; G. Zimmer Pel. 
in Irland S. 139. 351). Die Behauptung des Hier, in seiner ersten Be- 
merkung kann auch nicht durch die wirren Angaben jüngerer Kompila- 
toren gerechtfertigt werden, wie jenes Psendoprimasins, welcher hinter 
einer aus Pel. abgeschriebenen Bemerkung über v. 4 und Anführung des 
Textes von v. 5 mit quibus neque fortfährt: Latinus habet ^quibus ad ho- 
ram cessimus subiedioni'', ut pericuhim vitaremus et essent, qui in vobis 
veritatem evangelü confirmarent (Migne 68 col. 587), oder des Sedulius 
Scotus (Migne 103 col. 184 cf Haußleiter, Forsch IV, 32): „quibus \neque 
fehlt in den Drucken] ad horam cessimus"; qui nee Tiium circumeidimus. 
Male in Latinis eodicibus legitur ^quibus ad horam cessimus". Wie in 
der Anführung des nach Sedulius richtigen Textes offenbar durch Versehen 
der Schreiber oder Drucker nequt ausgefallen ist, so fehlt es auch iu 
einzelnen Hss der Viüg. : Corssen p. 25 citirt dafür A d. h. Cod. Casin. 552. 
Es wird noch mehrere solche geben, da Lucas Brug. (bei Sabatier III, 785) 
von der Negation neque sa.gt: a tnultis olim libris solebat omitti. Daneben 
nennt er als einen zu vermeidenden Fehler die Auslassung des quibus. 
Beides sind jüngere Textmischungen aus I und IV. Die Behauptung des 
Hier., daß die lat. Bibel seiner Zeit quibus ad horam habe, ist wohl einigemale 
nachgesprochen worden, widerspricht aber den sichersten Tatsachen. Die 
falsche Angabe ist nicht schlimmer als diejenige desselben Hier, zu Mt 
13, 35 Bd I* 480. Sie ei klärt sich einigermaßen daraus, daß Hier, uach 
seiner zweiten Bemerkung bei irgend einem der von ihm ausgebeuteten 
Kommentatoren (S. 22. 24) den Vorschlag gelesen hatte, deu Text IV {oh 
ovdi) durch Tilgung der Negation verständlicher zu machen, und daher 
bei einseitiger Berücksichtigung des Gegensatzes zwischen Texten mit und 
ohne oidi, diesen nur conjicirten Text mit dem altlat. Text konfundirte. 
in welchem gleichfalls die Negation, aber auch das Relativpronomen fehlte. 
Die LA III ist nichts als eine jedes Halts in der Textüberlieferung er- 
mangelnde Konjektur, wahrscheinlich eines griech. Exegeten aus der Zeit 
vor Hier. 

rV. oIs' ovöe TTQog ojqav xtA. So alle auf uns gekommene 
griech. Hss außer D'^, auch der griech. -lat, G (dieser jedoch erst 



S94 Excurs I. 

in folge nachträglicher Textmischung s. oben S. 289) und die meisten 
Versionen (Sah, Kop, Goth, 8'), nur nicht S* und die nltlateinische 
(». unter I und II). 

Die LA ist daher zweifellos alt. Daß Orig. so las, folgt zwar nicht 
aus c. Gels. VII, 21, wo erst eine luinilestens llbertlüssige Konjektur von 
Bouh^reau eine Anspielung auf Gl 2, ö in den Text gebracht hat, welche 
e« überdies zweifelhaft lassen würde, ob Orig. LA II oder IV vor sich 
hatte, wohl aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit daraus, daß aus ath, 
nichts über eine Abweichung von Text IV berichtet ist. Bei den Lateinern 
■wurde IV, wie man aus Ambrosius und Aug. sieht, nicht erst durch die 
Bibelrevision des Hier, bekannt, wurde aber doch erst durch diese auch im 
Occidcnt vorherrschend. 



Außer dem, was oben S, 85 A 3, 89. 94 f. aus der Geschichte der 
Auslegung bericlitet wurde, möge hier besonders über die Auffassung 
von V. 4 — 6 bei den Vertretern der LA I noch einiges mitgeteilt 
werden. Iren. (s. oben 8. 289) zeigt schon dadurch, daß er an 
Gl 2, 1 — 2 mit Übergebung von v. 3 — 4 sofort v. 5 anschließt, 
wie wenig es ihm in den Sinn kommt, letzteren Satz mit der Be- 
echneidung oder Nichtbeschneiduug des Titas in Zusammenhang zu 
bringen. Da er ferner hinter dem zweiten Citat nochmals auf das 
asccndi HicrosoJtjtiiom von v. 1 zurückgreift und noch einmal, wie 
schon vor dem ersten Citat, die Identität dieser Reise mit der in 
AG 15, 3 behauptet, ist klar, daß er die Nachgibigkeit des PI 
eben darin erblickt, daß er damals mit Barnabas nach Jerusalem 
reiste. In diesem Sinn hatte er schon an der Spitze von III, 13, 3 
gesagt: his, tjui ad opostolos rocavrnoit enm de qunrstionc, ncqidevit 
P'iulus et asc^ndit ad eoff cnm Barnaha cf den Text von AG 16, 
1 — 5 nach cod. D. — Diese Auffassung ist lange weiter tradirt 
worden. Hier, deutet schon in seiner ersten Bemerkung auf sie 
hin, indem er sagt, gewisse Leute (>iuida7n) identificirten die Reise 
Gl 2, 1 mit derjenigen in AG 15 und benutzten hiefür den lat. 
Text von Gl 2, 5, und er läßt in seiner dritten Bemerkung die 
Deutung des Iren, als eine mögliche und unter Voraussetzung der 
Echtheit des rxcmplrir Latiman berechtigte gelten (s. oben S. 291 f.). 
Weniger deutlich haben andere Vertreter der LA I sich über deren 
Sinn geäußert. Einig sind sie darin, daß Titus nicht beschnitten 
worden sei, und daß die v. 5 auegesagte Nachgibigkeit sich nicht 
auf den Va\\ des Titus beziehe. Am deutlichsten sagt dies Abatr. 
Zu V. 3 bemerkt er: eo ipso trmporr, quo fin, inquit, Hierosolyynis, 
Tuns, qui mccuyn erat, compuls~us non est circumcidi. Cum utique 
inter apostolo.9 el eos, qui ex Judaeis rrediderant, cssemus, nemo 
fum de his i. c. Tituin comptüit circumcidi. Niemand hat damals 
dem TituB auch ntir die Zumutung gemacht, sich be.schneiden zu 
lassen, sed suscfpius est inHrcumcisxis. In der Polemik gegen die 
LA der Griechen zu 2, 5 wiederholt er dies noch mehrmals. 



Text nnd Aaffassang von c. 2, 6.J 296 

Weniger klar drückt er sieh darüber aus, worin eigentlich das ad 
horam cessimti.'i auhi^clinni bestanden habe. Da er schon zu 2, 1 — 2 
einen längeren Escurs über das Aposteldekret einflicht, könnte 
man an dieses denken. Aber zu 2, 4 f. bemerkt er: lioc eat : ad 
horam nos subiecimus serviluti, humiliantes nos legi, ut circumciso 
Ttmotkeo cessarel dolus et scandalinn Judarorum, und verweilt aus- 
führlich bei diesem Beispiel der Akkomodation, ohne irgend ein 
anderes daneben zu stellen. Erst zu 2, 14 p. 227, wo er noch- 
mals die Beschneidung des Timotheus (AG 16, 3) bespricht, ver- 
gleicht er sie mit dem Fall AG 21, 26, aber nur ebenso wie mit 
dem Verhalten des Petrus in Antiochien. Er muß O'l horam im 
Binne von „seiner Zeit, gelegentlich einmal, in einem andern Fall" 
genommen haben. Er bezieht v. 4 f. ausschließlich auf die Be- 
BchneiduDg des Timotheus und beseitigt den Unterschied zwischen 
den falschen Brüdern Gl 2, 4 und den Juden AG 16, 3 dadurch, 
daß er letztere für Judenchristen erklärt. — Auch Vict. faßt 
V. 4 f. in scharfem Gegensatz zu v. 3. Aus v. 3 erkennt er p. 12, 
daß die pseudaposloli bei jener Versammlung in Jerusalem nichts 
gegen PI erreicht haben, neqjis persuasum esse Tito, qui utique, 
itiquit, Graeciis erat i. e. ])aganus, ut compelleretur circumcidi, ac 
jrropterea ywn tarnen Uli persuasum est, tieque ipsi quidem aiisi 
S7int illum compellere. Obwohl hiernach PI nicht einmal nötig ge- 
habt hat, sich und den Titus gegen eine derartige Zumutung zu 
verteidigen, wird doch p. 13 in. neben dem tapferen Widerstand, 
den PI in Antiochien dem Petrus leistete, die Xichtbeschneidung 
des Titus als ein Beispiel seiner [Jnnachgibigkeit angeführt. Die 
Nachgibigkeit aber, von welcher v. 4 f. handelt, findet Vict. nicht 
in einer einzelnen späteren Handlung des PI, sondern in einem 
«war häufig ähnlich wiederkehrenden, aber gleich damals in Jeru- 
salem bewiesenen Verhalten des Apostels, Damals hat er in einigen 
Stücken nachgegeben, hat getan, was jene (die Judaisten) forderten 
(s. den Wortlaut oben S. 290 f.). Schon an einer früheren Stelle p. 7 
tagt er in bezug auf 2, 1 ff. ubi et quantum per dissimulationem 
fecerit, ut cvangelium oblineret, si quidem Judaismi particulam ac- 
ceperit ex necessitate, ut veritas evangelii pei-vianeret, quod loco suo 
quid sit docehimu^. Dies Versprechen hat Vict. nicht mit wün- 
schenswerter Klarheit erfüllt. Er begnügt sich p. 13 zu sagen: 
tum ergo illorum consilium videremus, ut nos inducerent in servi- 
iulem, ad horam quidem cessirnus subiectioni, i. e. ad breve teynpus 
ut aliqua faceremus. Weiterhin : et id inultis in locis probatum 
et a Paulo geslum ostendetnus (-imus?), uli cedat non verac (einer 
anwahren) rcgulae, exinde corrigat atque inducat ad veram regulam 
inultos. Als Beispiele führt er an die Stellung des PI in Sachen 
der zweiten Ehe und der Götzenopfer. Schon vorher p. 12 (s. oben 
S. 291) war beiläufig auch die Beschneidung des Timotheus erwähnt. 



296 Excnrs I. 

Dies alles Bind aber nur Beispiele des manchmal arp^ewandten 
Grundsatzes. Worin aber bestehen die nJiijun, welche IM damals 
in Jerusalem nach diesem Grundsatz getan hat, welches ist die 
)>artiriilo Jiidai'stni, welche er damals angenommen hat? Es kann 
nur die Annahme des Aposteldekrets gemeint sein. — Auch Ter- 
tullian dachte nicht daran, daß Titus sich der Beschneidung unter- 
zogen habe. Penn wo er zum ersten Mal den Inhalt von v. 3 
reproducirt, faßt er ihn in die Worte : cutn rcro ncr Titum dicit 
circvmcisuvi, iavi iurijnt oslcndcre etc. Was er hier verneint, ver- 
neint er ohne jede Einschränkung auf einen vorübergehenden Mo- 
ment. Er versteht also den bald darauf (s. oben S. 290) wörtlich 
nach dem übereinstimmenden Text Marcions und der Kirche ange- 
führten V. 3 dahin, daß Titus überhaupt nicht beschnitten worden 
sei, geschweige denn daß dies damals in Jerusalem geschehen sei. 
Dies können die weiter folgenden, oben S. 290 abgedruckten Worte 
nur bestätigen. Darin, daß Titus weder damals noch später be- 
schnitten worden sei, war Tert. mit Marc, einig, und er schreibt 
kein Wort, welches auf eine zwischen ihnen bestehende Meinungs- 
verschiedenheit hierüber gedeutet werden könnte. Aber im Gegensatz 
zu Marc, welcher das dt v. 4 gestrichen hatte, um v. 4 — 5 auf die 
Nichtbeschneidung des Titus beziehen zu können, behauptet er, 
daß PI mit dem aus einer Grundangabe bestehenden v. 4 coiitrnrii 
ntiqjic facti öirijiii rcddrrr rationem. Ohne mit dem Ketzer über 
das von diesem gestrichene öe v. 4 zu streiten, aber auch ohne die 
Unechtheit des von Marc, aufgenommenen ovdtw 5 vorauszusetzen, 
vielmehr um dessen Unechtheit zu beweisen, sucht er auf grund 
des marcionistischen Textes durch rein dialektisches Verfahren zu 
beweisen, daß v. 4 — 5 nicht mehr von der Beschneidung oder Nicht- 
beschneidung des Titus handle, sondern daß PI mit v. 4 den Über- 
gang zu einem neuen Gegenstand mache und zwar zur Recht- 
fertigung eines Factums, welches zu dem in v. 3 negativ be- 
schriebenen Factum einen Gegensatz bilde, daß also v. 4 — 5 nicht 
abermals von einer TJnnachgibigkeit des PI, sondern nur von einer 
Xachgibigkeit desselben die Rede sei, mit anderen Worten, daß das 
oide eine Textfälschung sei. Worin nun dieses rontrarhmi factum 
oder die damals bewiesene Nachgibigkeit des PI bestehe, ist den 
folgenden Sätzen zu entnehmen, was nur darum Schwierigkeiten 
macht, weil Tert. es als selbstverständlich ansieht und mehr an- 
deutet als ausspricht. In unmittelbarem Anschluß an die oben 
S. 290 angeführten Sätze, also in bezug auf die in v. 5 bezeugte 
Nachgibigkeit und Selbstunterordnung des PI, sagt er: „Denn dies 
paßte sich für den unentwickelten und in bezug auf die Beobach- 
tung des Gesetzes noch unentschiedenen Glauben, da auch der 
Apostel selbst argwöhnte, er möchte vergeblich gelaufen sein und 
laufen. Daher mußten die Bestrebungen der falschen Brüder, 



Text und Auffassung Ton c. 2, 5. 297 

welche die christliche Freiheit belauerten, vereitelt werden (Jrustratidi 
crmil filsi fralrcs), damit sie dieselbe (die libcrtus rhriMiann.) nicht 
in die Knechtschaft des .Judentums wegführten, ehe PI wußte, daß 
er nicht verc^eblich gelaufen sei, und ehe seine Amtsvorgänger ihm 
die rechte Hand reichten, und ehe er nach deren Urteil das Amt 
der Predigt unter den Heiden übernahm. Notgedrungener Weise 
also hat er zeitweilig nachgegeben*'. Die Nachgibigkeit bestand 
also nicht in einer Koncession an die falschen Brüder, sondern 
vielmehr in einer Handlung, die dazu diente, ihre Bemühungen zu 
vereiteln. Am allerwenigsten kann dies die Beschneidung des Titus 
gewesen sein ; denn diese könnte doch nur nach dem durch v. 2 — 3 
vergegenwärtigten Moment stattgefunden haben. Durch sie konnte 
also nicht verhütet werden, daß die Judaisten vor der Erledigung 
der nach v. 2 aufgeworfenen Frage und vor Anerkennung des PI 
seitens der Urapostel die christliche Freiheit unterdrückten. Statt 
ante . . . qurnn hätte Tertullian wohl eher pontquam schreiben 
müssen. AVorin Tert. die Nachgibigkeit des PI erblickt, sagt er, 
indem er den wesentlichen Inhalt von v. 2 und von v. 6 — 9 kurz 
reproducirt. Sie bestand darin, daß er nach Jerusalem reiste, den 
älteren Aposteln, deren Glaube noch ein unentwickelterer war, als 
der seinige, sein £v zur Begutachtung vorlegte, daß er sich so 
eifrig und demütig darum bemühte, von ihnen Billigung und Be- 
stätigung zu empfangen (Tert. zu Anfang des c. 3 adeo ab Ulis 
prohari et constahiliri desiderarat), und daß er sich von ihrer 
Auktorität das Amt der Heidenmission gleichsam neu übertragen 
ließ. Tert. hat keine andere Auffassung von v. 4 — 5 als Irenäus. 
Darin darf uns auch nicht irre machen, was er weiterhin im Gegen- 
satz zu der marcionistischen Verwerfung der AG sagt: „Und so 
bleibt ihm auch das Recht gewahrt, den Timotheus zu beschneiden 
und die geschorenen (Nasiräer) in den Tempel einzuführen, Tat- 
sachen, welche in der AG berichtet werden, und so völlig wahre 
Tatsachen, daß sie mit dem Bekenntnis des Apostels überein- 
stimmen, er sei den Juden ein Jude geworden, um die Juden zu 
gewinnen, und ein unter dem Gesetz lebender um derer willen, 
die unter dem Gesetz leben, so auch um jener Eingeschlichenen 
willen, und er sei schließlich allen alles geworden, um alle zu ge- 
winnen." Das Gemeinsame zwischen dem Gl 2, 1 — 5 dargestellten 
Verhalten des PI und den AG 16, 3; 21, 23—26 berichteten Tat- 
sachen und dem 1 Kr 9, 19—22 beschriebenen grundsätzlichen Ver- 
fahren des PI ist die Zurückstellung der eigenen Überzeugung und 
die Akkomodation an die Anschauungen anderer aus Rücksicht auf 
Juden, .Tudenchristen und Judaisten. Eben hievon wollte Marc, 
seinen Apostel frei gehalten wissen, indem er die Glaubwürdigkeit 
der AG verneinte und Gl 2, 5 die LA mit ovde befolgte. Auch 
monog. 14 hat Tertullian die gleichen Beispiele angeführt; aber 



298 Excara II. 

mehr als Analogien Bind pie ihm nicht, ouch nicht die Beschneidiing 
des Timotheus, obwohl er von dieser mit Anspielung auf Gl 2, 4 
Bagt, sie sei propter superiuduclUios fahos fratrcs geschehen. Das 
ist nicht anders zu verstehen, als wenn er c. Marc. V, 3 in die 
freie "Wiedergabe von 1 Kr 9, 20 die gleichfalls aus Gl 2, 4 stam- 
menden Worte sie et proplcr sujtcrindurlos HIok einflicht. Die 
direkte und ausschließliche Beziehung von Gl 2, 4 f. auf die Be- 
■chneidung des Timotheus findet sich erst bei Abstr, der vielleicht 
durch unachtsame Lesung von Tertullians Ausführungen zu seiner 
«nhaltbaren Deutung gekommen ist. 



Ex cur 8 II. 

Über den Text yon Gl 4, 24-26. 

A. Der kirchliche Text. 

Zu V. 25 dürfte folgende Übersicht der Bezeugung nicht über- 
flüssig sein : 

I. C/;'a(».) Tb yccQ (Iira ooo^) «CG, Orig. nicht nur lat. z\i 
Cant. Delaruc I, 52, sondern auch griech. nach dem ausdriicklicheu Zeugais 
von ath. (Goltz S. 73, zu berichtigen nach S. 105; es fehlt nicht o^of. sondern 
nur iarit), Sah (dieser jedoch mit «V« s. Weide p. 187), alle Lat. (abgesehen 
von d 8. unter II): g r, Abstr (dieser wie auch wenige Hss der Vulg autem), 
"Vict., Aug. überall, Hier, und Vulg. Von einer anderen LA scheint Hier, 
p. .394; 472 f. nichts zu wissen. Hieher gehört auch Goth, obwohl er weder 
ydp noch Öi ausdrückt; ferner Epiph. haer. 66, 74; Cyrill. AI. etc. 

IIa. C-^ydQ.) Tb de 'Jyag (I. b.) ABD, einige Min., Kop, Rand- 
Icsart von S*. Daß der übrigens von D abhängige d Shia fortläßt, bedeutet 
nichts, und daß Abstr ebenso las, läßt sich aus seiner Auslegung nicht be- 
weisen. 

IIb. CJydQ.) Tb yag l/yag (I. b.) KLP, die meisten Min., S'S*. 
die syr. und die griech. antiochenischen Excgeten. 

Trotz seiner in späteren Zeiten sehr großen Verbreitung ist II'' in 
alterer Zeit von allen drei LAen auf den engsten Kreis beschränkt, auf 
Antiocbien und die syrisch redende Kirche. Sie ist auch nicht erst durch 
den letzten Redaktor von S' in diesen hineingekommen. Bei Aphraat findet 
eich kein Citat. Aber Ephr. p. 135 schreibt in wesentlicher Übereinstimmung 
mit S' (die paraphrasirenden Zutaten des Auslegers in Klammem): Hae 
vero fuerunt symbola duormn testamentorum, utia(j>opnU Judaeorura) secun- 
dum legem in Servitute ^enerans ad similituditiem eiusdem Agar. Agar 
enim ipna est mons Sina tn Arahia; est autem Uta similitudo huius Jeru- 
salem, quia in subiectione est et una cum filiis suis servit (Romanis). 
Trotzdem ist nicht mit Sicherheit zu behaupten, daß dieser Text von jeher 



Text von c. 4, 24—26. 299 

seit der Existenz einer syr. Übersetzunp; der Pftulinen, bei den Syrern ein- 
heimisch gewesen ist. Denn es lüüt sich nicht wohl bestreiten, daU das 
ursprüngliche Apostolikon der Syrer im Verlauf des dritten Jahrh. wesent- 
liche Veränderungen erlitten hat, welche teilweise auf einen Einfluli von 
Alexandrien her zurückzuführen sind cf Grundriß d. (ios(;h. d. K. S. 51 f. 
Sind die oben S. 232 ff. gegen die Ursprünglichkeit von IIa und IIb geltend 
gemachten Gründe durchschlagend, so ist auch wenig wahrscheinlich, daC 
schon der erste syr. Übersetzer IIb geschrieben habe. Es könnte auch an 
diesem Punkt von Alexandrien eine Einwirkung auf Syrien stattgefunden 
haben. Die LA IIa ist zunäch.st durch Kop für Ägypten bezeugt, und 
ewar, da Sah und Ürig. sie noch nicht kennen, für die Zeit etwa nach 250. 
Aus einem Kloster in Alexandrien stammen die Eandlesarten von S^; mit 
ägyptischer Trailition hängt jedenfalls der Vaticanus (B) zusammen. Schon 
die eigentümliche Stellung des Hb in der Vorlage des Vat. hinter dem Gl, 
welche sich ebenso bei den Syrern des 4. Jahrh. und beinah ebenso (Hb, Gl) 
in der sah. Bibel findet (cf Grundriß S. 49; Athanasius u. der Bibelkanon 
S. Ulf.), ist hiefür und zugleich für eine Einwirkung Alexaudriens auf die 
Gentalt des syr. Apostolikons vor 350 beweisend. Andrerseits beweist die 
völlig vereinsamte Stellung von D unter seinen occidentalischen Verwandten, 
daß IIa nicht im Occident einheimisch, sondern in verhältnismäßig später 
Zeit von auswärts importirt worden ist, nach dem Gesagten wahrscheinlich 
aus Ägypten. Gegen die Entstehung von IIa und IIb in Ägypten kann 
nicht die Abweichung zwischen IIa und IIb geltend gemacht werden. Der 
Erste, welcher den Namen 'Aydn in v. 25 einschob, wird aus Gründen des 
Wohllauts das ursprüngliche ydo in Se verändert haben; denn 'Aydo. rd yäQ 
^AydQ klingt abscheulich. So entstand IIa und ging unverändert in D über. 
Den Syrern dagegen war nur die Bereicherung des Textes durch den Namen 
Hagar angelegen. Sie behielten die ursprüngliche Partikel bei, welche durch 
ihre Vokalisation {ger) auch nicht so häßlich mit Hägär zusammentraf. 

Neben den unter I und II angemerkten kleinen und vereinzelten Ab- 
weichungen sind noch folgende zu erwähnen, die keine größere Bedeutung 
haben: 1) Vor ev tij 'A. hat nur n ein uv. Dies ergibt den Satz: „denn der 
Sinai ist ein Berg, (und zwar einer) welcher sich in Arabien befindet", ein 
Satz, dessen erster Teil auch den unwissendsten Leser, der aus v. 24 bereits 
gelernt hat, daß der Sinai ein Berg und nicht etwa ein Fluß ist, beleidigen 
muß, und desser zweiter Teil barbarisch stilisirt ist [iorlv or). Als ein in- 
direktes Zeugnis für die LA II könnte dies nur dann gelten, wenn es ein 
stehen gebliebener Rest von II oder eine Kontamination von I durch II 
wäre. Wie aber kann öV als das eine oder andere angesehn werden, so- 
lange bei keinem einzigen Zeugen für II* oder IP ein solches öV nach- 
gewiesen ist? Der Ursprung des «*' wird vielmehr in einem mechanischen 
Schreibfehler zu suchen sein. Sehr leicht konnte oi> aus sv verschrieben 
werden, und die an den Rand gesetzte Korrektur sv neben dem fehlerhaften 
o%' in den Text geraten. Da dies ov am Ende einer nicht ganz ausgefüllten 
Zeile in Abkürzung geschrieben ist (ö), kann es auch eine fehlerhafte Aus- 
führung der anfänglichen Absicht sein, das folgende Wort noch in diese 
Zeile zu bringen; der Schreiber, der vielfache Ansätze zur Sinnzeilen- 
Bchreibung zeigt, zog es dann vor, fv mit t/7 Wo. in die folgende Zeile zu 
oetzen, unterließ aber die Streichung des fehlerhaften ersten Versuchs. Daß 
auch die späteren Korrektoren den Unsinn nicht ausmerzten, ist an vielen 
Stellen des n mit Verwunderung zu konstatiren. — 2) Statt avarotxei (oder 
nwoToi^ei) Se (so auch Orig. nach ath. s. oben unter I) haben nur die 
Occidentalen cn<t<noi/ovaa (D*) oder fj awaTotxovaa (G). Dadurch wird v. 25' 
«ur Parenthese gemacht, so daß der mit ^«s- iarif Aydo begonnene Satz in 
diesem Part, seine Fortsetzung findet. Der erste lat. Übersetzer kann nicht 
anders übersetzt haben als quae consonat (dg) oder coniuncta est (r); erst 



300 Excnrs II. 

eine naolitriigliche, ohne Rücksicht auf dns Griechische g:cwap:te Ver- 
schlechterunp: war qui (sc. mons) roniunt/ititr (Abstr cd. Ken.) oder con- 
iunctus est (Vict, Aug., Vulg) oder ronterminus est (Hier., daneben confintH) 
oder rom})nratur (Cassian. coli. 14, 8). Am weitesten trieb es Vict., der nun 
weiter im Masciilinum furtfährt: qui conjunctio^ est ei (sc. raonti), qui 7}unc 
est juxta Hienisalem, daneben jedoch in der Anslegung coniunctus ei 
ciiütati. qunc Hientsnlem est. — Ü) 8tatt Aoi/ti-e/ yiit> n ABCD*GP, Orig. 
(ath.). Sah Kop, S\ dgr haben die Antioch. (auch L K, Goth, Rand von S^) 
t^ov/.ein <V/, S' Aug. Hier. Vulg et sercit, Abstr servietis, beruht auf Miß- 
verständnis (s. oben im Text). 

Zu V. 26 entsteht nur die Frage, ob ttüijoiv vor v/icöf zu lesen sei. 
Sie ist aber zu verneinen. Denn 1) ein für die Abschreiber nialigebender 
Grund, rrdinoy zn tilgen, ist nicht zu ersinnen, dagegen wohl begreiflich, 
daß mau in Erinnerung am Rm 4, 16, auch etwa in Rücksicht auf Gl B, 26—28 
es zusetzte. In der Tat aber ist es hier, wo es sich nicht um die Gleichheit 
iler jüdisch und heidnisch geborenen Christen, sondern um den Gegensatz 
des Israel nach dem Fleisch und des Israel nach dem Geist handelt, un- 
passend. 2) Das Zeugnis von n*BC*DG67**, Marcion's, des griech. Orig. 
z. B. hom. V, 12 in .Terem. und aller alten Versionen überwiegt weit das 
von AKLP, der Masse der Min. und des von der antioch. Recension ab- 
hängigen S*. 3) Vereinzeltes Vorkommen von ttc'ujidk bei Schriftstellern, 
die nicht von dieser Recension abhängen, will nicht viel sagen z. B. 
Iren. V, 30,2 (griech. nicht vorhanden); Hier, im Komm, Vict. [omnium) 
nostrornm. daneben auch omn. nostrnni i. e. Christianor%im). Wenn Poly- 
karp Phil. 3, 3 von dem christlichen Glauben sagt: (TrinTir] i'jin iml u-nirjo 
rrdtiiof i]ut7>f^ SO mag eine dunkle Erinnerung au Gl 4, 26 den Ausdruck 
beeinflußt haben : aber nicht in dieser Reminiscenz, sondern im Gedanken- 
gang Polykarps ist der Zusatz Tidfiwv begründet. 



B. Marcions Text, 

Der Versuch, denselben zu reconstruiren, den ich GK TT, 501 f. 
machte, ist jetzt auf grund seither bekannt gewordener Texte in 
verbesserter Gestalt zu wiederholen : 

(Gl 4, 24) alrai yäg doiv ovo dia&Tf/.ai, inia /^uv &7to 
oQOvg Iivä dg ri^v avvayw/rjv tCbv ^lovöanov y.aia. töv v6(äov 
yevrwoa dg öov'/.tiar, Lrfqa öl (Eph 1, 21) vnfQavui rcdor^g 
ciQxr^g, övvciiitcüc. IBovoiag (oder y.vQiÖTr^Tog) xai jravzog ovo- 
f-iatog ovo^atouirov ov (.lörov Iv rü) aiwvi tovto) &)j.a xai iv 
T^ ItÜ.XovTi, (Gl 4, 26) i[iig loilv l^ir]Tr^Q hf^^^i ytvvwaa dg r]v 
awonioKoyrf/.af^iEV ayiav i/.Y.Xr^oLav. 

Zu Grunde liegt das zusammenhängende Citat bei Tert. c. Marc. V, 4, 
über dessen Dunkelheiten s. GK II, 502. ..Dazu kommt aber der von Ephr. 
kommentirte, also in der ältesten syr. Übersetzung der Paulusbriefe ent- 
haltene Text von 4, 26. Er lautet nach der Übersetzung der Mekitharisten 
p. 135: 

Snperior antem Jerusalem libera est (sicut Sara), et eminct 'super 
omnes pofentatcs ac principatus. Jjjsa est niaier nostra, ecclesia sancta, 
quam conf'fssi sumus. 

Der handgreifliche Znsammenhang dieser Worte mit Marc.'s Text 
verbürgt, daß alles dies mit Ausnahme der eingeklammerten Worte nicht 
freie Expektoration des Auglegers, sondern eine mehr oder weniger genaue 



Text von c. 4, 24—26. 301 

Reproduktion seiues syr. Paulnstextes ist. Bestätigt wird dies auch durch 
eine Stelle in Ephraiius Küniinentar zum Diatessarun ed. Moesinger p. 84 
zu Mt 2, 18, ein in bezufj nuf die gemordeten Kinder Bethlehems an Kabel 
gerichtetes Trostwort: \'i<lc quomodo isli filii tui locum principakm ac- 
ceperunt in Jerusalem qnae suramn est, viatre nostra, quam 
laudamus. Das griech. Verbum, welches dem con/'essi suimis oder 
laudamus dieser Afterübersetzungen aus dem Armenischen und dem in 
qimm rcjn-omisimus Tert.'s zu Grunde liegt, bietet uns der Ägypter 
Makarius (Mac. homil. ed. Pritius, Lips. 1698 p. 98 hom. 6, 7): Ti /.iyti. 6 

d.-töoTO/.oä ITavlo-: neoi -r;;»- ^JtnovoaÄ/ju ri]^ errovoaviov^ ori a-öit] toxi /mjrrjo 

Tcdtncor T)fic!)i', // o v fo fio /.oyov u e v. Cf Th. Ltrtrbl. 1893 S. 475; R.Harris, 
Four lect. ou the western text, 1894 p. 96. Es ist demnach statt des früher 
von mir vorgeschlagenen inayyi/J.eaOai vielmehr auyo/uo/.oyiii' zu recipiren. 
Übrigens ist aus Marcious Text auch xazä {rdr) vöuov vor yei'pAaa th 
Sovhinr v. 24 in den ältesten syr. Text übergegangen s. oben S. 300 a. E. 
Beiläutig sei auch daran wieder erinnert, daß Marcion das Bekenntnis „zu 
einer heiligen Kirche" als ein Stück des allgemeinen Taufbekenntnisses 
kannte, cf meine Schrift über das apostol. Symbolum S. 33. [Harnack, 
Marcion, 1921, Beilagen S. 74 reproduziert 4, 24 ävo tmSei^eig {ii'del^ets), 
indem er aus dem Text Tert.s folgert, daß sicher ostensiones (wofür Zahn 
ein sponsiones vorschlug) bei Marciou stand. Seine weitere Wiedergabe 
schließt sich nur an den Text Tert.s an, ohne die oben angegebenen 
weiteren Belege beizuziehen.] 



G. Pätz'scbc Buchdr. Lipport * Co. G. m. b. U., Naumburg a. d. S. 



2t $)ci(|^crtfd)c 23crlag8burf>f). Dr. SBcrncv Qd^oll, Scipjig 

Äönlgftraftc 25 



Kommentar zum Heuen Cestament. 

Unter lUitirirfutioi pon j^O- JSadimon«, ^. Pfifjncr, f ??• ^wofb, 

Ijerausgegcben von ®l|. ^a^n* 

I. JRattpdtt» Don (Elj. 5ol?n. 4. Jlufl, 1?22. VIII, 730 5. 

160.—, 3cb. 210.— 

n. jSIarlltts Don <S. IDofjlenberg. 1. u. 2. 2lufl. 1910. X, 
4U2 5. 90.— geb. 125.— 

m. S-^UsvonZi\.^al\n. S. u. 4. 2IufI. 1920. VI, 774 5. 

170.-, cjcb. 220.— 

IV. ^oöantt« von (EIj. galjn. 5. n. C. 2lufl. 1921. VI, 
733 5. 160.—, geb. 210.— 

V. 1. Apoßefflcf(§i($le Kap. 1—12 pon (EI?, galjn. 1. u. 
2. Jlufl. 1919. IV, 394 5. (Heuauflage im Drurf.) 

V. 2. — Kap. 13— 5c^Iu§Don(Efi.§a!jn. 1. u. 2. 2InfI. 1921. 
494 5. 110—, geb. 152.— 

VI. laömerßtUf con (EIj. §al|n. 1. u. 2. 2lüfl. 1910. III, 
622 5. 136.—, geb. 180.— 

Vn. 1. ^orinlDtrßrlrf Don pl). Bad?mann. 3. 2Iufl. 1921. 
493 5. 110.—, geb. 155.— 

Vni. 2. itoriwfOaßrUf Pon plj. Sa 4 mann. 3. 2IufI. 1918. 
VIII, 435 5. etroa 100.—, geb. ettua 145.— 

IX. prr (Safoterßrfrf con (Lit.^ai^n. 3. llnfl. öurd?gefct|en 
ron Lic.^r. fjaucf. 1922. IV, 301 5. 76.-, geb. 110.- 

X. (^pß^fer-, «Äofoffet- «. "^^iUmonixitf pon p. (Hioalb. 
2. 21ufl. 1910. m, 443 5. 100.—, geb. 145.— 

XI. "S^ßiftppftßrUf pon p. fitpalb. 3. burdjgcf. 2IufI. pon 
Prof, a") 1) l c n b e r g. 1917. VUI, 237 S. 55.— geb. 90.— 

Xn. 1. n. 2. ^tttffatoniditxixief Pon <ß. rr>oI]Ienberg. 
2. 2iufl. 19Ü8. II, 221 5. 55.-, geb. 90.— 

Xin. ^ttflorafßrlffe (6fr 1. "^Imclßeits-, J)<t '^ttus- unb 6«r 
2. Simot^rnsßrieO "o" (S. IDoljIcnbcrg. IHit einem 
2Inffang: Uncd?te paulusbricfe. 3. reo. Tlufl. 

(3m Drud.) 

XIV. J»f ßrrterßrlef pon €. H i g g c n b a dj. 2. u. 3. pielf. erg. u. 
beridjt. 2iufl. 1922. LIV, 464 £. 130.-, geb. 175.- 

XV. 1. tt. 2. ■jä'ftrusßricf nnb 5u6asßrief Pon <S. rDol)Ien. 
berg. 1. u.2. Slufl. 1915. 390 5. 85.—, geb. 120.— 



^« S>ctci)crtfc^e Sctlagskud^f). Dr. ^Dcrttcr Qdfollf Scipjtg 

Ji'önlgftraßc 25 



^Al|tt, dl]., 0>run6t{rj itcr(Ai'f(f)id)tc Dfs nfufcrtamenJf. -Kanons. 

(;fine Ifrqnii.^unci 511 bor (linlcitunfl in baä ^Ji. 2. 2. ocrm. u. 
öielf. Dcrl'cf). ■üütfl. 1904. 92 S! 15.— 

Sirformation; SPcr iiirtjt bie ^fif. ^C" iöeritf aiib aixd) bie *ÜJittfl 
Ijat, Habin» tirPiie (*U'fd)i(t)tc bca iicutcitantcnritcbiMi «aiioii4 biirtti,\iiarbeiteii, 
bat an bidcm Wniiibni) einen milltonimeiicii (Snaü, ber iiii gleicher iJeit eine 
(SiijftMuuii) Ml ber (iinleitnng in ba* *Jieiie leftament biibei. 

^abiftQe 3>farri>(rrin«6rättrr: Sie ntd)t tebr nmfaiioreid)e €(t)r{ft \\t 
eine iveitUfUc (JrganMing .Mir ISiiilcitnng in ^ai yieue leftanicnt Dorn söcr« 
fiificr unb perbinbet bei aller Jlfiv.^c mit crftaniilicöer Welcbiianileit (ad)(ict)e>j 
niittjterneiS Uvtcil ba-J fidj auf ben Stanb ber aeacniuärtigen jonctjung gtünbct. 

— (^tnfflc ?3cmerllunöfu ju Aboff jiiarnadls !j?rüfmt(jcn ber 
^ffd)i(^Jc bfö mwUft. /unons. (I. 1.) 1889. 37 ©. 4.20 

— ^ßi^cn ÖU5 bcm ^eßew b. ^ffctt ^lirt^e. 3. burdicjcfe^ene 
5liiilnae. 19ÜH. VI, 392 6. (,Vt)lt j. g.) 

3n fl«>It: Jl. IPeliDcrfclir u. Kirrf;c tpäl^renb Ö.SetOen Jalitl). 2. niif» 
fionsmcttJo^cn im Zeitalter b. 2If>ofte[. 3. Die fo3ialc Staqe u. b. innere 
miffion naci^ b. öricf b. 31'obus. 4. Sflaoerci u. Cbtificniuin in ö. alten 
lüelf. 5. (Scfd?id)te b. Sonntags Dornctimlid? in ber alten Kirdje. 6. Kon« 
flantin b. (Projje unb bie JCirdje. 1. (Slaubensrcgcl u. (Cnufbcfenntnis in 
b. alten Kird^e. 8. Die 2Inbetung Jcfu im Zeitalter ber ypoflel öci» 
gaben: I iljrifll. (Scbcte aus b. J^I^ren 90 — ;^?0 II. €inc gciftl. Hebe, 
t»af)rfd!cinlid7 a.b. 1. Jabrl^., üb b 21rbeitsrubc am Sonntag llnmcrfgn. 

JDo« yoUt : 3"""gc'"^'" flareru. lebenbiger Sptactie geben 
bie Sfi33cn ein reid'bclebtes Silb ber Urfird-e unb finb für tocite Krcife, 
Caien wie (Ebeologen, oon großem IDcrt. 

— Acta Joaunis unter 'öeniiljumi üon CS. üon Xifc{)enborf§ 92acfilQJ5 
bearbeitet öon Zi). 3af)n. 1880. CLXXII, 263 S. 70.— 

— Vas apoflotifd^e $t)möofum. (Sine 6fi,^je feiner ®cfc^icf)te 
itnb eine ^i^rüfiinii feines 3n(}altg. 2. ?lufl. 189.1 IV, 103 S. 9.50 

— Per iüoillcr (fpißfct «nb fein ^crljnftnis jum (^fjtiflentnm. 
2. ^^luf(. 1895. 47 6. 5.25 

— Pas ^oattflcftum bes "g^drus. 1893. VI, 82 ©. 8 40 

— 53rot unb pcin im jVOenbmo^f ber aften <^lr($e. 1892. 
32 S. 3.50 

— (Inptiati von Jlttflor^len uub bie beuffcQe ^anflfaae, 
1882. IV, 153 (S. 21.— 

— pie OreiBenbe ^ebeufung bes neuteflamtnltid}en ^onons 
für bie /lirdjc. $8ortrag. 1898. 61 ©. 6.30 

— ple Dorniitio Sanetae Virginis «nb bas ^au9 bes 
Johannes parßus. 1899. 55 ©. 560 

— 2.irot nnb S>a(\ ans ^oitcs 2Sorf in swansfg ^rebiqten. 
1901. IV, 236 S. (gjcuaufiage in «orbereitiing.) 

— 3>ie Jlnßdung Jeftt iw ^ellofler ber ^noflcf. 5. 9tuff. 
1910. 46 ©. 5.60 

cfutft. ^irtöftijtg.: 3u einfndjen SIBorten, aber mit getralftger SKndjt 
bernicbtet iVibn bae üiigengemebe nnb j(eigt, baft J^eiu-S njabrbaftig üon 'iltu 
fang an bcn leinen ^ungern unb ©laubigen angebetet rourbe, augebetet fein 
»ccUte unb mufete. ©ein iBortrng ift icbr üu empfehlen. 

— j ^oQann ^^r. ^. von Siofmann. Kebe j. Seier feineS :^unbert= 
ften ©eburtStagcy in ber 5lula ber (yriberico-Sliejanbrina am 
16. 'Dezember i910 gcfjalten. 1911. 26©. 2 80 

— pas (ftjonaofiutn bes iof^anna nnfer 1>en ^änben feiner 
neueren /iritiller. 1911. 65 6. 7.— 

— ^t^anadus unb ber ?5lßemanon. 1901. 36 @. 7.— 

iill|tt-$iblio0rit))l|{r* ücrseidjnts b. litcrar. Deröffentlldjunacn 
^t^eobor i>.^al)ns 311 feinem 80. (Scburtstaijc am lo. (Dft. (9(8 
3ufammenije[t.u.bar9ebr.p.^^reunbcnu.KoIIcijen. 1918. 325.21. — 



A. Deichertsche Verlagsbuchh. Dr. Werner Scholl, Leipzig, Königstr. 25 

on i^of. Dr. ö^l|. ^olin. l'.Uil öö S. 7.50 

Oiiliiilt; ificrbfmrrriiiij. {rtaatvMimivai.vnitl iiatb ^fr L'cbif bf* 'J^allIu8 — »aä) bcr ilcljrc bc» 
tJftru* — iiacb bfr Vfbrr unb bfiii VS>crbilb ,lciii. — Hii|ai"n<fiifaniiiifl bcr (SruiibUiUo bf» yf. j.«. — 3c|it 
i'f Ijrc über bfii *iib. — Xcr bf m ,>ürflfn flcloiflf tf ISib. - ij>atcilaiib«licbc. — Dao »iJcbct f iir bic Cbrifltcit. 

Forschungen zur Geschichte des neutestamentlichen Kanons und 

der altkirchlichen Literatur herausgegeben von Theodor Zahn. 

1. Tatians Diatessaron. iSSi. IV, 3S6 S. (Fehlt z, Z.| 

II. DerEvangelicnkommentardesTheophilus von Antiochien. 1S83. IV,302S. (Fehltz.Z.) 

III. Supplementum Clementinum. 1SS4. IV, 329 S. 50. — 

IV. I. Die lateinische Apokalypse der alten afrikanischen Kirche. II. Der Text des von 
A. Ciasca herausgegebenen arabischen Diatessaron. III. Analecta zur Geschichte 
und Literatur aus dem 2. Jahrhundert. XVIll, 329 S. 56. — 

V. I. Paralipomena. II. Die Apologie des Aristides. IV, 438 S. 95. — 

VI. I. Apostel und ApostelschUler in der Provinz Asien. II. Brüder und Vettern Jesu. 

1900. IV, 372 S. 70. — 

VII. I. Die altsyrische Evangeiienijbersetzung u. Tatians Diatessaron besonders in ihrem 
gegenseitigen Verhältnis untersucht von .\rihur Hjelt. 1903. VIII, 166 S. 42. — 

VIII. Historische Studien zum Hebräerbrief. I. Die ältesten latein. Kommentare z. Hebräer- 
brief voD D. K d. Kippe nbacii. 1907. X, 213 S. 48, — 

IX. Die Urausgabe der Apostelgeschichte des Lucas. 1916. V, 401 S. 105. — 



^(il|n, XI)., ^inrettuna in bas ^Icue ^cflamcnt. 3., bielfac^ 

bend)tigte u. ücrüoüft. Vlufl. I. 33b. 19Ü6. VI, 495 ©. (gefjlt 3. 3.) 

II. 3)b. 1907. IV, 667 ©. (g-e^It 5. 3.) 

— (öcfc^ldite bfs ntuUnameaitidfcn Sianons. I./II. S3b. 368.— 

I.'iöb. 2q^ neue lenament nov Cvtgeneä. 2 Xcile. 1888/89. 

V, 492; III, 516 ®. ä 84.— 

nnbalt: I. «. X. um b. SBenbe b. 2. u. 3. ^Q^r^. W. u. 9J. Xeft. 
S). bicrfaltifle CStanacl. Sonftifle gdjriffen b. (SDaiiflcIiften Üucaä,u. 3ol>anne8. 
SBiberiprud) fli'aen 0. jpbanii. 6d)riflcn. süriefc b. l^auliij 11 b. ^ebräerbrief. 
Sdjrifteu b. "ictru«, 3iiba4 u. 3alcbiie. 9iactninl« vom *'(. I. aii^geidjloffene 
Sdjriften. 2a« uricrünfli. 9f. I. b. forücljeii Htrdjc. iHürfblicTe u. Seeluft' 
folaerunaen. — II. ©fbraud) u. ßliiicbeii b. av'oftol. Sdjrifteii b. b. 
ftirdjeiilctjrern u. Reöcrn um bic SDittte bc« a. 3abrb. Warcion« 
^L X. Scbriftgebraud) in b. edjule !«aleuting. ibafilibeä u. b. firdji. iöibel. 
(iraanjuiiaen u. l^afbuifie. — III. Uriprung b. erftcn Sammlungen, 
gjacbapcftol. Üiteratur u. b. aiBcftcI. Sammluna b. fflricfe b. <J5aului(. S)aS 
Icbriftl. tSDangelium u. b. münbl. Xrabition. ©cbraut^ b. cinjelnen (Sbangelien. 
Urlprung b. liDangelienfammlung. !Bie übrigen Siürfe beä lucrbenben 9J. X. 

II. 53b. Urtunben unb Sclege jum 1. u. 3. Söanbe. 

1. öälfte. 1890. IV, 408 ©. 73.50 

2. öälfte. 1. 'ilbt. 1891. 216 (5. 40.— 
2. .t)älfte. 2. 2lbt. 1892. VI, 397 ©. 73.50 

1. Xie nji(6tiaften iBeriiei(f)nifie b. neutcflamentl. Sdjriften. Canon Mu- 
ratorianus. Canon Moiiimsenianus. CataloRus Claromontanus. tionon 
b. ftorilluä ö. 3erufalem. ^tpcffol. ißcrorbnunaen üb. b. ftanon. Jöeldjlü^e 
b. Sbnobe b. Ijaobicca. Cfterfeftbrief b. Wtbanafiu« b. 3abr W7. SWetriidje 
iöerj^cidinifie b. ©reaonu« ». ^ia/iianj u. b. 9Imrl?ilDd}iu8 b. 3fonium. Wuä 
<iD\vbainai. Gonopfi^ b. CSbrbfoftomue m. einer iBeiaabe aue jnoimai. 8lu8 
l*bilafter bon iörescia. SHufmus in b. Sluelegung b. s. Wlaubengartifel«. ©in 
»lefcribt 3nnocenV I. bcn Wem. Xer löibeltancn n. b. iöeicftlünen b. ISoncllien 
bon ^ippD a. 393 u. b. ftartba^o a. 397 u. 419 m. e. SBeigabe aus* Slufluftiuuä. 
lieber b. feg. Decretnm Gela.sii. ©in Stüd aus ber Insfitutio Uivinarum 
littcrarum be« 9JJ. 2lureUuÄ (SaHioboriu«. (Sin latein. ftanon bes 6. ober 7. 
3abrb- 3nbalteberjeid)iiiä e. bibl. Gobej Sllejanbrinu?. !»eräeicl)ni8 ber 60 
fancn. Söütber. Wu8 teontiuS 'iJö.^antiue. Was 3D^annf* XamaScenu«. Xaä 
b. «Batnarcben 9iiretboru§ jugeidiriebene (tidjometrifcbe !Kcrjeid)niS. Sogen. 
Soncrfiä b. atbanafiu«. — II. Bäblungen ber bibl. Süüttjer. — III Crbnung 
b. iicuteffamentl. ibücber, Crbnung b. paulin. Briefe. Crbnung b. öbangclten. 
Crbnung b. fat^ol. Sriefe. Ulnorbnung b. aan«en yi. X. — IV. Hur bibl. 
Stidjoinetrie. — V. «WarcionS W. X. — VI. m XatianS Xiateilaron. — 
VII. Ueber b. Xejt b. baulin. «riefe b. 9Ipbraat im iBeraleicf) m. b. l'efA'ttba. 
— VIII. Unedjte «Eauluebriefe. IX. Ueber apofrDfbe (soangcltcn. X. Ueber 
apofropbe apcfalDpfen u. aipoftelgeidj. (XI— XIII. j XlV.ftleine Stüde u. Säße. 



!mMijmi''m:^^rh. 







43 


fH 




M c 


0) 




,Q (U 


•H 




*H S 


^t 




cq g 


CT) 




OC^ 







.- Der 




c» 


CT» 




00 






10 


» 




rH 


r-4 




to 


r<3 




C\J 


uen Testament, V 
an die Galater. 




u 


Q) 







S CO 




Ti 


CJ 







a H 




0) 


3 3 




XJ 


bQ CO 




E-i 






^ 


cd to 




Ö 


hj a> 




^ 






LNj 


S cd 








W 




JZ 


'j 




** 






3 


.t; 




< 


H 





üüiversity of Toronta 
Library 



DO NOT 

REMOVE 

THE 

CARD 

FROM 

THIS 

POCKET 



Acme Library Card Pocket 

Under Pat. "Ref. Index File" 

Made by LIBRARY BUREAU