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Full text of "Die Kriegschirurgen und Feldärzte Preussens und anderer deutscher Staaten in Zeit- und Lebensbildern"

COLUMBIA LIBRARIES OFFSITE 

HEALTH SCIENCES STANDARD 



HX00054526 



RECAP 



RD531 

P95 

v-2 



Prussia. Kriegsministerium. 
Medizinal-abteilung . 



Die kr iegs Chirurgen und feldarzte Preussens 
und anderer deutscher Staaten. 




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Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

Open Knowledge Commons 



http://www.archive.org/details/diekriegschirurg02prus 



Veröffentlichungen 

aus dem Gebiete des 

Militär-Sanitätswesens, 

Herausgegeben 
von der 

Medizinal - Abth eilung 

des 

.Königlich Preussischen Kriegsministermms. 



Heft 18. 

Kriegschirurgen und Feldärzte der ersten Hälfte des 
19. Jahrhunderts (1795—1848). 

Von 



Dr. 


Bock, 




und Dr. Hasenknopf, 


Stabsarzt. 




Stabsarzt. 






Mit 


einer Einleitung 




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>f. Di 


von 

. Albert Koehler, 

Oberstabsarzt. 



Berlin 1901. 

Verlag von August Hirschwal.d. 

N.W. Unter den Linden 68. 




Friedrich Wilhelm III. besucht das Lazareth der verwundeten Krieger in Bautzen. 
1813. 

i-i-!ii nlivmiillii he Monaiih stellt yenihrt an (k-m Bette eines Gardisten, 'lern das Brin abgenomm 

ser: „aber das macht nichts: für einen König, wie Sie, stirbt man gern", — und sich zu dei 

König noch einmal von Herzen ein Lebe hoch! bri 



Veröffentlichungen 



aus dem Gebiete des 



Militär-Sanitätswesens. 



Herausgegeben 
von der 



Medizinal - Abth eilung 



des 



Königlich Preussischen Kriegsministeriums. 



Heft 18. 

Kriegschirurgen und Feldärzte der ersten Hälfte des 

19. Jahrhunderts (1795—1848). 



Dr. Bock, und Dr. Hasenknopf, 

Stabsarzt. Stabsarzt. 

Mit einer Einleitung 

von 

Prof. Dr. Albert Koehler, 

Oberstabsarzt. 



Berlin 1901. 

Verlag von August Hirschwald. 

NW. Unter den Linden 68, 



Die 

Kriegschimrgen und Feldärzte 

Preussens und anderer deutscher Staaten 

in Zeit- und Lebensbildern. 
Herausgegeben 



der Medizinal-Abtheiluiig des Königl. Preuss. Kriegsministeriums. 



IL Theil. 



Kriegschirurgen und Feldärzte 

der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1795 — 1848) 



Dr. Bock, und Dr. Hasenknopf, 

Stabsarzt. Stabsarzt. 

Mit einer Einleitung 

von 

Prof. Dr. Albert Koehler, 

Oberstabsarzt. 



Mit 17 Portraits, 8 Abbildungen und 7 Tafeln. 



Berlin 1901. 

Verlag von August Hirschwald. 

N.W. Unter den Linden 68. 



— 4±t- — — 



Alle Rechte vorbehalten. 



Der 



Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 



gewidmet. 



Inhalts-Verzeichniss. 



A. Einleitung. 

I. Die Kriegsereignisse nach dem Tode Friedrichs des Grossen; 
Bekleidung, Behandlung, Verpflegung der Soldaten bis zur 

Katastrophe 1806 . 1—23 

IL Die ärztliche Wissenschaft am Ende des 18. Jahrhunderts 23 — 44 

B. Waffen, Wunden und Wundbehandlung'. 

I. Die Waffen. 

Nahwaffen — Fernwaffen : Tragbare Feuergewehre, schweres 

Geschütz, Geschosse, Treibmittel. — Litteratur .... 45—54 
IL Die Wunden und ihre Behandlung. 

1. Allgemeines über Schusswunden und ihre Behandlung. 
Theorien der Schusswunden. Wunderbarer Verlauf von 
Kugeln. Luftstreifschüsse. Untersuchung der Schuss- 
wunden. Kugelextraktion. Einheilen von Kugeln. Be- 
handlung der Schusswunden (Debridement preventif). 
Blutstillung. Wundbehandlung und Verbandtechnik. All- 
gemeinbehandlung (Diätetik) 55—82 

2. Allgemeines über Wunden durch scharfe Waffen. 
Theorien der Wunden durch scharfe Waffen. — Eigen- 
schaften der Hieb- und Schnittwunden und ihre Behand- 
lung. Eigenschaften der Stichwunden u. ihre Behandlung 82 — 87 

3. Die accidentellen Wundkrankheiten. 
Wundstarrkrampf. Hospitalbrand. Septisches Wundfieber. 
Wundrose. Wundschmarotzer (Fliegenlarven in Wunden) 87—107 

4. Die Verletzungen der einzelnen Körpertheile und ihre spe- 
zielle Behandlung. 

Die Verletzungen des Kopfes. — Basisfrakturen. 
Schädelwunden. Trepanation. Technik der Trepanation. 
Gesichtswunden 107—118 

Die Verletzungen des Halses. — Wunden der Be- 
deckungen und Muskeln. Verletzungen der Wirbelsäule 
und des Markes. Verletzungen der Cervikalnerven. Ver- 
letzungen der grossen Halsgefässe. Verletzungen des 
Kehlkopfs und der Luftröhre. Verletzungen der Speise- 
röhre, Wunderbarer Verlauf von Kugeln 118 — 122 



— VIII — 

Seite 

Die Verletzungen der Brust. — Nicht perforirende 
Brustwunden. Frakturen der Rippen und des Brust- 
beins. Perforirende Brustwunden. Verwundungen des 
Herzens und des Herzbeutels 122 — 129 

Die Verletzungen des Bauches. — Nicht penetrirende 
Bauchwunden. Quetschung des Bauches. Penetrirende 
Bauchwunden ohne Verletzung der Eingeweide. Pene- 
trirende Bauchwunden mit Verletzung der Eingeweide: 
Verletzungen des Magens, des Darms, der Leber, der 
Milz, der Nieren, der Blase. Verletzungen des Beckens. 
Wandern von Fremdkörpern 129—139 

Die Verletzungen der Extremitäten. — Die 'Schussfrak- 
turen. Die Gelenkwunden. Fälle, in denen die Amputation 
bei Schusswunden dringend nothwendig ist. Die primäre 
und sekundäre Amputation. Technik der Amputation. 
Die Exartikulation. Die Gelenkresektion. Die Technik 
der Gelenkresektion. — Litteratur 139 — 155 

C. Militär-Sanitätswesen. 

Organisation und Feldlazarethwesen 156 — 178 

Baracken. Zelte 178—179 

Transportwesen 179—186 

Freiwillige Krankenpflege 186 — 189 

Erfolge. Statistisches 189—200 

Litteratur 200 

Do Lebensbeschreibungen. 

I. Christian Ludwig Mursinna . (1744- -1823) 201—219 

IL Johannes Goercke (1750-1822) 219—260 

HI. Carl Ferdinand von Graefe (1787— 1840) 260—301 

IV. Johann Nepomuk Rust (1775— 1840) 301—334 

Litteratur . . . 334-336 



A. Einleitung. 



I. Die Kriegsereignisse nach dem Tode Friedrichs des 

Grossen; Bekleidung, Behandlung, Verpflegung der 

Soldaten bis zur Katastrophe 1806. 

Der erste Theil dieser Beiträge zur Geschichte der Kriegschirurgie, 
in dem die Leistungen der Deutschen, besonders der Preussischen 
Kriegschirurgen und Feldärzte des 17. und 18. Jahrhunderts in Zeit- 
und Lebensbildern geschildert wurden, hatte mit einem der wichtigsten 
Ereignisse in der Ent Wickelung unseres Militärsanitätswesens, mit der 
Gründung der medizinisch-chirurgischen Pepiniere im Jahre 1795 
abgeschlossen. Eine scharfe Trennung konnte dabei nicht durch- 
geführt werden; bei der Besprechung des medizinischen Unterrichts, 
bei der Aufzählung der vielen medizinischen „Systeme", bei der Be- 
schreibung des Charite-Krankenhauses und seiner weiteren Entwicklung 
u. s. w. musste Manches aus einer späteren Zeit erwähnt werden, 
während eine Reihe von Ereignissen vor 1795, wie die Feldzüge seit 
dem Tode Friedrichs des Grossen, der sogen. Feldzug in Holland, 
die Kriege mit der französischen Republik — mit den „Neufranzosen", 
wie Baidinger sie nennt, — und der Feldzug in Polen fast unberück- 
sichtigt blieben, weil dabei die Arbeit von Männern hätte besprochen 
werden müssen, deren grosse Bedeutung für die Kriegschirurgie 
und für das Militärsanitätswesen erst später, hauptsächlich am An- 
fange des 19. Jahrhunderts und in den Befreiungskriegen hervortrat — 
diese Männer sind: Mursinna und Goercke. 

Bei der Schilderung des Lebens und der Leistungen dieser 
Beiden, die im Anfange ihrer Laufbahn noch mit dem Dreigestirn 
Schmucker, Bilguer, Theden zusammen wirkten, muss natur- 
gemäss auf die Zeit vor 1795, auf die kriegerischen Ereignisse unter 
Friedrich Wilhelm IL, soweit sie für die Kriegsheilkunde von Interesse 
sind, zurückgegangen werden. 

Veröffeutl. aus dem Gebiete des Milit.-.Siinitätsw. 18. Heft. i 



Es ist bekannt, dass diese Zeit für den Patrioten wenig Erfreu- 
liches bietet. Wenn wir uns vorher an den Thaten des Grossen 
Kurfürsten, an den strengen, aber gerechten und umsichtigen Re- 
gierungsmassregeln Friedrich Wilhelm's I., an dem Aufschwünge 
Preussens unter Friedrich dem Grossen begeistern und eine grosse 
Reihe von Kriegschirurgen und Feldärzten nennen konnten, die trotz 
des niederen Standes der Wissenschaft und ihrer Vertreter in jenen 
Zeiten Grossartiges leisteten, so ändern sich diese Verhältnisse doch 
mit dem Tode des grossen Preussenkönigs. Der „Spaziergang" nach 
Holland i. J. 1787 bot bei dem Fehlen eines ernsten Widerstandes 
keine Gelegenheit zu besonderen Anstrengungen und Kämpfen; der 
Marsch • ging ausserdem durch wohlhabende, fruchtbare, reichliche 
Verpflegung bietende Gegenden — alles Umstände, die es auch un- 
möglich machten, die Sanitätseinrichtungen des Heeres auf die Probe 
zu stellen. Viel Aufhebens machte man davon, dass eine Preussische 
Schwadron ein Holländisches Kriegsschiff erobert habe — es war 
aber auf den Sand gerathen. Damals besprach man dieses Ereigniss ganz 
anders. Der Leibarzt Zimmermann sagt in seinem Werke: „Ueber 
Friedrich den Grossen und meine Unterredungen mit ihm" (p. 203): 

„Ach, wie würde Er sich itzt freuen, wenn er wüsste, dass der Herzog von 
Braunschweig in Holland Batterien und Festungen sogar durch eine Hand voll 
Cürassiere wegnahm und mit Kanonen bewafnete Schiffe durch Husaren". 

Einen sehr ausführlichen, aber auch sehr überschwänglichen 
Bericht hat der Generalmajor v. Pfau über diesen Feldzug geschrieben 
(Berlin 1790). Mit Karten und Plänen, Listen, Tabellen unnd Doku- 
menten reichlich ausgestattet, enthält das dem Könige gewidmete 
Werk auch zahlreiche und ausführliche Mittheilungen darüber, wie 
Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, der Oberfeldherr, 
die sanitären Einrichtungen vorbereitet hatte. Für die Armee von 
23 Bataillons, 25 Schwadronen, Kanonieren und Fussjägern (über 
26 000 Mann) war 1 Oberstabsmedikus (Dr. Hermann) mit 2 Feld- 
medicis, 1 Feldapotheke und 6 Apothekergesellen, ferner 1 General- 
chirurgus (Bilguer) mit 3 Stabschirurgen, 6 Oberchirurgen, 4 Pen- 
sionairs und 80 Lazareth-Feldscheerern (aber auch 1 Feldscharfrichter) 
kommandirt. In Wesel war schon vorher ein grosses Haus und eine 
sehr grosse und breite Remise mit Bettstellen, Matratzen, Decken 
u. s. w. versehen und zu einem grossen Feldlazareth (d. h. Reserve- 
lazareth) unter dem Kommando des Hauptmanns von Berg einge- 
richtet. Die Stelle der Feldlaza-rethe, der ambulanten Lazarethe, 
vertraten 8 grosse Rheinschiffe, von denen jedes bequem 60 Kranke 
oder Verwundete in dem besonders hergerichteten Oberdeck aufnehmen 



— 3 — 

konnte. Jedes Schiff hatte ausserdem 2 Kammern für den Feld- 
scheerer und den Krankenwärter. Ein neuntes und zehntes Rheinschiff 
führte die Oberchirurgen, Lazarethinspektoren und das ganze Material 
für Verpflegung und Behandlung mit sich. Diese den örtlichen Ver- 
hältnissen angepasste schwimmende Lazaretheinrichtung, die nach 
Pfau. 's Aussage Erfindung des Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand war, 
hat sich ausserordentlich gut bewährt. Sie konnte leicht nachfolgen, aber 
auch leicht Kranke weiter zurücktransportiren, war trotz aller Orts- 
wechsel immer etablirt und bot den Kranken so günstige Bedingungen 
in Verpflegung und Behandlung, dass sehr viele sich schon hier 
erholten und gesund zu ihren Regimentern zurückkehrten. Die 
nöthigen Instruktionen bekam Bilguer direkt vom Herzog: er hatte 
auch die Herbeischaffung des Personals und Materials für das Haupt- 
lazareth Wesel und für die 8 schwimmenden Hospitäler zu besorgen. 
Diese schwammen aber nicht allein; zuerst kamen 42 Brückenschiffe, 
dann Schiffe mit Brennholz und Lagerstroh für das Corps; dann die 
8 Lazareth schiffe und die 2 grossen Schiffe mit den nöthigen Aerzten, 
Arzneien u. s. w. und zum Schluss 20 mit Brot und Fourage beladene 
Schiffe. Ob sich diese Einrichtung ebenso gut bewährt haben würde, 
wenn man ernstlichem Widerstand begegnet, wenn vielleicht hier 
und da ein Misserfolg eingetreten wäre, ist schwer zu bestimmen; 
jedenfalls war der Gesundheitszustand der Truppen ausgezeichnet; 
v. Pfau meint, er sei besser gewesen, als in manchen Garnisonen in 
den Herbstmonaten. In den Lazarethen starben 140, vor dem Feinde 
blieben 71; also im Ganzen 211 (von 26 000). Die vom Stabs- 
Chirurgen Schwechten unterschriebene Liste der Kranken und 
Blessirten in den Feldlazarethen ergiebt die Zahl 170; in Wesel 
waren vom 16. Sept. bis 16. Dezember, dem Tag der Aufhebung des Laza- 
reths, 1134 Kranke und Verwundete verpflegt, wie Hauptmann von Berg 
berichtet. 32 waren am 15. Dez. noch nicht wieder hergestellt. In 
der zuerst genannten Feldlararethliste ist auch das Lebensalter von 65 
Kranken angegeben; da liest man, dass unter ihnen 40 älter als 30 
Jahre und 5 älter als 50, darunter je einer 60 resp. 71 Jahre alt war! 
Hätten die Verhältnisse nicht- so ausserordentlich günstig gelegen, 
dann würde man wahrscheinlich schon damals erfahren haben, dass es 
nicht mehr Friedrichs Soldaten unter Friedrichs Führung waren. 
Die Spuren des Niederganges zeigten sich; ein Holländer berichtet 1 ), 
die Preussische Miliz stelle das Bild der entsetzlichsten Dürftigkeit dar. 



x ) Menzel, Zwanzig Jahre Preussischer Geschichte 1786—1806, Berlin 1849, 
102, 

1* 



__ 4 — 

Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass diese Zustände 
sich schon in den letzen Regierungsjahren Friedrichs des Grossen 
bemerkbar gemacht hatten; an Verpflegung und Kleidung des 
Soldaten war wenig oder nichts geändert; Beides war 1786' noch 
ungefähr ebenso, wie 1740. Der König hatte mit diesen Truppen 
seine grossartigen Erfolge errungen und hielt wohl deshalb eine 
Veränderung für überflüssig. Die bösen Erfahrungen, die 1778 
im Bayerischen Erbfolgekriege gemacht wurden, und die, wie bei 
der Besprechung des neuen Feldlazarethreglements mitgetheilt 
wurde, zu der Berufung des Dr. Fritze aus Halberstadt geführt 
hatten, waren wohl zum Theil schon auf dieses ängstliche Festhalten 
am Alten zurückzuführen. Interessant ist es, wie Zimmermann 
den Hergang dieser Berufung erzählt: 

„Nachdem Friedrich der Grosse sich beklagt hatte, wie schlecht man seine 
Befehle und Anordnungen für Kranke und Verwundete befolgt habe, sagte Z. (um 
eine Art von menschenfreundlicher Revolution zum Besten der Preussischen Armee 
zu veranlassen), der König wisse bei Weitem noch nicht genung, wie man im letz- 
ten Kriege in den Kriegshospitälern und Lazarethen hauste. Der König (mit gros- 
sen Augen und einem Adlerblick): Woher wissen Sie das? Z. : Dies weiss ich, 
wie ganz Deutschland, aus gedruckten Schriften, deren A T erfasser als Feldarzt bei 
Sr. Königl. Hohheit dem Prinzen Heinrich in Sachsen und Böhmer, treu und in 
Ehren gedient hat, und dem Nichts für alle seine Treue geworden ist, als die 
Geissei des Verfolgungsgeistes, die uuwürdigste Begegnung, Hass und Unter- 
drückung von einigen seiner Kunstverwandten in Berlin. Z. empfahl den Dr. Fritze 
sehr warm, da er von allen bei den Armeen verübten Schelmereien und Spitz- 
bübereien bestimmte Nachrichten geben könne. Dem Könige kam Alles darauf an, 
ob Dr. F. auch wirklich ein ehrlicher Mann sei. Dieser musste einen Bericht ein- 
reichen, und darauf einen Plan, wie alle jene Missbräuche zu vermeiden wären. 
Der König fand Alles praktikabel, nur die Auswahl guter Lazarethfeldscheerer hielt 
er für unmöglich. Fritze wurde laut Kabinets-Ordre vom 19. Febr. 1786 mit der 
Oberaufsicht über die Lazarethe in Kriegszeiten beauftragt.. Er ging nach Halber- 
stadt zurück, um seine Pläne ausführlicher zu bearbeiten — seine Funktion hat 
er nie angetreten. (Z. nennt ihn im Personenverzeichniss zu der Schrift: Fritze 
(Doctor), anitzt Preussischer Geheimrath, aber nicht Oberaufseher der Laza- 
rethe.)" 1 ). 



x ) Zimmermann fährt fort: „Eine bescheidene Freiheit wollte der König, 
und Alles artete in Ungebundenheit aus; die Aufklärer des Glaubens und der 
Sitten trieben Alles bis zur zügellosen Frechheit". Aehnlich sagt er: Itzt, da 
Aufklärerei, d. h. verbessert sein sollende Freimäurerey, oder das Illuminatenwesen, 
endlich auch in Niedersachsen zu grassiren anfängt, sind alle unsre Knaben Auf- 
klärer! — Von dem Leibarzt Seile spricht Z. immer mit der grössten Hochach- 
tung; der König wollte ihn nicht mehr, weil S. seine Krankheit als sehr ge- 
fährlich geschildert hatte. Z. glaubt, dass Friedrich der Grosse sehr gute Kennt- 
nisse in der Heilkunde gehabt habe; er wurde von ihm gefragt, nach welchem 
System er seine Kranken behandle, und antwortete: „nach keinem"! Uebrigens ist 



— 5 — 

Aus diesen Aeusserungen Zimmermanns hat man bisher immer 
geschlossen, class dem Dr. Fritze bitter Unrecht geschehen sei, dass 
die in Berlin massgebenden Persönlichkeiten — damit können nur 
Oothenius und Theden gemeint sein — den unbequemen Aufpasser 
aus Neid und Missgunst auf die Seite geschoben hätten, obgleich 
Fritze der richtige Mann gewesen wäre, eine gründliche Besserung 
des Preussischen Feldsanitätswesens herbeizuführen. 

Das ist nun doch etwas anders zugegangen, wie aus einem Briefe 
Cothenius' an Baidinger, den dieser in einer Vorrede zu J. C. Jä- 
ger's Beiträgen zur Kriegswissenschaft (Frankfurt a./M. 1795, IL Bd.) 
veröffentlicht, hervorgeht. Der Geheime Rath Baidinger in Marburg, 
der sich hier als „vormaligen Arzt bey den Armeen Friedrichs des 
Zweyten, Königs von Preussen" bezeichnet, hat nicht den ganzen 
Brief veröffentlicht; er hat verschiedene starke Stellen wider Herrn 
Fritze in honorem defuneti unterdrückt. Der Brief ist vom 14. Jan. 
1788; Cothenius nimmt darin erst Bezug auf die grösste Lüge des 
Jahrhunderts, die bekannten Verläumdungen Warnery's und fährt 
dann fort: 

„Mit einer ebenso giftigen Feder hat Herr Hofrath Fritze ein ganzes Buch 
gegen die Preussischen Feldlazarethe geschrieben." 

Dieses Buch wird als Racheakt bezeichnet, weil Fr. noch vor Ablauf des 
einjährigen Krieges (1778) wegen „gemachter Unordnungen" seiner Dienste ent- 
lassen war. Er hatte Zwistigkeit und Verwirrung in das sonst so ruhige medi- 
zinische und chirurgische Corps gebracht, sich gegen die Lazarethdirektion und 
den Oberstabs-Medicus (Hofrath Hell mich) aufgelehnt und wollte von den durch 
Cothenius eingeführten Bestimmungen Nichts wissen. Er hatte ein grösseres 
Feldlazareth überhaupt nicht gesehen, hatte in Sachsen nur etliche hundert Kranke 
zu besorgen und konnte desshalb nach C.'s Meinung, in einer so wichtigen Sache 
wohl kein entscheidender Richter sein. Trotzdem wurde er auf Zimmermanns 
Empfehlung mit 500 Reichsthalern Gehalt zum Oberaufseher der Feldlazarethe er- 
nannt und mit dem Entwurf eines Planes zur Verbesserung derselben beauftragt. 
Dieser Plan wurde von Friedrich Wilhelm IL eingefordert und Cothenius 
und Theden, die noch Riemer, Bilguer und Mursinna zuzogen, übergeben, 
um ihr Gutachten darüber an S. Majestät unmittelbar einzureichen. Bei der 
Durchsicht des Planes ergab sich, dass Fr. wohl „fähig war, überall Exclamationen 
zumachen, dass er aber gar nicht die Fähigkeit besass, eine Lazareth Ordnung 
einzurichten. Von der Mobilmachung eines Feldlazareths wusste er gar Nichts, 
hatte auch in seinem Plan über diesen wichtigen Punkt Nichts zu Papier gebracht". 
Das Resultat von Allem war, dass Cothenius und Theden mit der Aufstellung 
einer neuen Lazarethordnung beauftragt wurden. — Einige von Fritze's Vorschlägen 
werden aber doch wohl angenommen sein, da ihm „aus Gnaden und Vorsprache" 



Z. von Berlin, wo er seine Gesundheit (durch Schmucker) wieder erlangt hatte, 
und wo man ihn auf Händen trug, sehr eingenommen. In Potsdam war es 
ebenso. (In Hannover nicht.) 



200 Rthlr. Pension gewährt wurden: 300Rth.fr. aber wurden unter 2 Feldstabs- 
ärzte getheilt und „Herr Hofrath Fritze hatte den Verdruss, dass seine grosse 
Gelehrsamkeit und seine besonders kleinen Verdienste um das preussische Lazareth- 
wesen nicht erkannt wurden". 

Auf die von Fritze in seinem Buche gebrachten Zahlen, auf die 
grosse Differenz in den Verlusten an Krankheiten bei Preussen und 
Sachsen geht Cothenius nicht ein; er will nur beweisen, dass Schelten 
und Schmähen leichter sind, als Bessermachen. Ein Gutes aber hatte 
die ganze durch Zimmermann herbeigeführte „menschenfreundliche 
Revolution" : die allgemeine Aufmerksamkeit war auf diesen Theil des 
Feldsanitätswesens gelenkt und damit der Boden für künftige Ver- 
besserungen vorbereitet. 

Fritze starb 5 Jahre nach Cothenius, im Jahre 1794. Nach 
der Vorrede in Jäger' s Beiträgen zur Kriegswissenschaft hatte er 
seit Jahren ein Handbuch der Kriegsheilkunde angekündigt, das aber 
nie erschienen ist. 

Baidinger erzählt weiter, dass er während des Feldzugs gegen die „toll 
gewordenen Franken" im Januar 1793 ein Preussisches Feldlazareth in Giessen 
besucht habe — gerade 30 Jahre nach seiner eigenen feldärztlichen Thätigkeit in 
"Wittenberg und Torgau — und dass er dort vom Generalfeld-Staabs-Arzt Riemer 
(Cothenius war 1789 gestorben) umhergeführt sei. Er rühmt die hellen geräum- 
lichen Zimmer, die grosse Sauberkeit in Allem, die reine Luft, die Güte der Kran- 
kenlager und Decken und die Güte des Brots im Hospital, wovon er selbst ge- 
gessen habe, die übrige Beköstigung, den Vorrath von Lagerdecken, Bandagen, 
Cliarpie und Arzneyen in der Feldapotheke. Das müsse man gesehen haben, um 
zu beurtheilen, wie sehr fein pre'ussi sehe Feldchirurgie sei und wie grosse 
Verdienste ein Theden, Schmucker, Bilguer, Voitus, Mursinna und jetzt 
Goercke in diesem Feldzuge, als erster Wundarzt einer respektablen Armee, sich 
erworben haben. 

Dass die Vorschläge Fritze's nicht sofort und so, wie er ge-~ 
dacht hatte, ausgeführt w T urden, lag also viel weniger an dem Neid 
seiner Berliner „Kunstverwandten", wie Zimmermann meint, sondern 
daran, dass die unumgänglich nothwendigen Ausgaben gescheut wurden 
— für diese Zwecke waren keine Mittel da. Die Sanitätseinrichtungen 
bedurften damals der Auffrischung und Erneuerung ebenso, wie die 
Einrichtungen des Armeewesens überhaupt; auch hierbei wurden der 
Kosten wegen die nöthigsten Verbesserungen aufgeschoben, bis — es 
zu spät war. Uns interessirt dabei hauptsächlich die Frage der Be- 
kleidung und Verpflegung. Wie lange hat es gedauert, bis darin Wan- 
del geschaffen wurde! 

Der unglückliche und verkannte H. v. Bülow nannte diese Ein- 
richtungen vergebens alt und unbeholfen im Vergleich mit den fran- 



— 7 — 

zösischcn; vergebens wünschte er, dass die Soldaten eine bequemere 
und wärmere Kleidung bekämen, dass sie nicht so dünne florartig be- 
kleidet wären, um nicht auf dem Marsch sogleich zu purgiren und zu 
vomiren. Man solle sich nicht falsche Begriffe vom Schönen machen; 
nur das Nützliche könne schön sein 1 ). 

Die Preussischen Soldaten waren wirklich sehr unzweckmässig 
bekleidet; noch im November 1805 trugen sie enge Beinkleider, die 
bei heftigen Bewegungen platzten, Gamaschenschuhe, die leicht stecken 
blieben, kleine Hüte, die keinen Schutz gewährten, und lange Zöpfe. 
Mäntel hatten sie nicht, ebensowenig Westen ; in die prall anliegenden 
Halbröcke waren Westentaschen eingenäht. 

Erst 1 Jahr später, beim Ausrücken zu dem unglücklichen Herbst- 
feldzug des Jahres 1806 wurden laut Verordnung vom 2. Oktober im 
ganzen Lande Sammlungen veranstaltet, um für die Armee Tuch 
zu Mänteln und Uebcrziehhosen für den Winter anzuschaffen. Das ge- 
schah; aber bei der Umständlichkeit der Verwaltung blieb Vieles in 
den grossen Magazinen liegen und kam nachher dem Sieger zu Gute. 
Aehnlich stand es mit der Verpflegung; in Folge mangelhafter Vor- 
bereitungen war oft ein schnelles Vorrücken zur rechten Zeit un- 
möglich. 

Bei den Oesterreichern war es ähnlich; natürlich kam ausser- 
dem die alte Eifersucht zwischen Oesterreich und Preussen wieder 
ebenso zur Geltung, wie zur Zeit des Grossen Kurfürsten in den 
Kämpfen gegen Frankreich; statt gemeinsam zu handeln und gemein- 
sam jeden Vortheil zu benutzen, war der eine Bundesgenosse über 
jede Schlappe, die der andere erlitt, gar nicht böse. Später verhan- 
delten sie sogar heimlich, jeder für sich, mit dem Feinde. 

Trotz alledem zog man im Jahre 1792 mit grosser Zuversicht 
den ungeübten Schaaren der „Neufranzosen" entgegen in die Cham- 
pagne hinein. Kein Geringerer, als Goethe hat diesen Feldzug, den 
er im Gefolge seines Herzogs mitmachte, beschrieben. Der Dichter- 
fürst war freilich auf Preussen und sein Zopfregiment nicht gut zu 
sprechen; in seinen Briefen an Frau von Stein meint er, keine Zote 
und Eselei der Hanswurstiaden sei so ekelhaft wie in Berlin das 
Wesen der Grossen, Mittleren und Kleinen durcheinander 2 ). Der erste 
Feldzug gegen die Heere der Revolution, diese wüste und schlecht 
vorbereitete Irrfahrt hatte, wie Goethe betont, nur Anfangs Erfolg, 



x ) Förster, Preussens Helden in Krieg und Frieden. 1854. III. Abthei- 
lung. 1. Band. 

2 ) Förster, 1. c. S. 54. 



als noch wenig Widerstand geleistet wurde. Die Emigranten hatten 
eine allgemeine Erhebung in Frankreich zu Gunsten der Verbündeten 
prophezeit; davon geschah Nichts! 

Wetter und Wege und bald auch Krankheiten thaten das ihrige, 
um die dürftig bekleideten P.reussischen Soldaten kampfunfähig zu 
machen. 

Schon in Koblenz war die Verpflegung schlecht; die Soldaten 
waren gewissenlosen Händlern preisgegeben, und wenn sie ihre 
Löhnung ausgegeben hatten, mussten sie hungern oder — plündern. 
Bei unerträglicher Hitze wurde viel Wasser aus der Mosel getrunken, 
die durch Pferde und Menschen in der entsetzlichsten Weise ver- 
unreinigt war. Schon damals, also vor dem Einmarsch in Frankreich, 
fing infolgedessen die Ruhr an sich auszubreiten. Uebrigens war auch 
später in der Champagne das Wasser sehr schlecht. Das Kriegs- 
lazareth in Longwy soll (nach Lauckhard. der freilich fast alles 
Deutsche tadelt und alles Französisch-Republikanische überschwäng- 
lich lobt) in furchtbarem Zustande gewesen sein, Schmutz, Gestank, 
Unordnung überall, schlechte Verpflegung, schlechte, unzuverlässige 
Chirurgen; die Verbände waren so schlecht angelegt, dass nach L.'s 
Meinung die Mehrzahl der Verwundeten dadurch zu Grunde ging. 
„Wir haben die schönsten Bestimmungen, aber sie werden nicht be- 
folgt." L. giebt den selbstverständlichen Rath, nur recht gute Lazareth- 
chirurgen anzunehmen. — Diese jämmerlichen Zustände werden auch 
von Renouard in seiner „Geschichte des französischen Revolutions- 
krieges im Jahre 1792" (Cassel 1865) beschrieben; die Aerpflegung 
war von Anfang an schlecht: die leichten Truppen erhielten den 
„Brotgroschen", für den sie sich verpflegen sollten, auch in Gegenden, 
in denen nichts zu kaufen war. — In der Schlacht bei Valmy war 
kein einziger Medizinwagen bei der Armee, so dass die Verwundeten 
ohne Verband geblieben wären, wenn nicht zufällig französische Wagen 
mit Verbandzeug und Medikamenten erbeutet wären. Viele Kranke 
mussten zu Fuss gehen, weil es an Pferden und Wagen fehlte. Kleidung, 
Ausrüstung, Waffen — alles war durchweicht, zerrissen, verrostet und 
unbrauchbar! 

Mit unerhörter Wuth herrschte die Ruhr später in Verdun und 
raffte nicht nur eine grosse Menge von Soldaten, von denen trotz 
grausamer Massregeln oft viele Hunderte auf den Märschen zurück- 
blieben, sondern auch unzählige Einwohner hin. Nach Verdun war 
kaum noch der 8. Theil der Armee auf den Beinen. 

Harm and de Montgarny beschrieb diese Krankheit (Verdun 1793) 



als „Pr.eussischen Durchfall" 1 ). Schuhe und Gamaschen blieben 
im Kothe stecken; Zelte waren nicht vorhanden oder von so schlechtem 
Stoff, dass sie gegen Regen, Kälte und Wind nicht schützten; die 
Verpflegung war sehr schlecht. Bei der Unsicherheit der Führung 
zeigte sich bald Unordnung, Bestürzung und Verwirrung in den 
Armeen. Nach Valmy waren die Verwundeten in Scheunen dicht 
zusammengelegt, ohne Decken; viele starben in kurzer Zeit. Die 
Furcht vor den Preussen war verschwunden, und diese dachten nur 
noch an den Rückzug, der am 30. September angetreten wurde. Die 
Bedeutung dieser Thatsache kennzeichnet Goethe mit den Worten: 
„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, 
und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen." — Die Wege waren 
grundlos, denn es hatte in der Champagne einen ganzen Monat hin- 
durch unaufhörlich geregnet; natürlich wurde dadurch die Herbei- 
schaffung der Vorräthe bei den weiten Entfernungen enorm erschwert. 
Jammer und Elend überall; für Proviantirung war auch jetzt fast gar 
nicht gesorgt. Mit Bejammern liess man, wie Goethe weiter berichtet, 
zurückbleibende Kranke hülflos. Viele Soldaten waren barfuss in 
Reihe und Glied, alles war abgerissen, vieles von der beständigen 
Nässe abgefault und — verlaust. Merkwürdigerweise ist dabei von 
Scabies, die doch im siebenjährigen Kriege so furchtbar verbreitet 
gewesen war, weniger die Rede; Ackermann erzählt aber 1799 in 
seinem Handbuche (S. 260), dass oft halbe Regimenter von der Krätze 
angesteckt im Lazareth lagen. — Ruhr und Typhus hatten in kurzer 
Zeit so gewüthet, dass mehr als der dritte Theil des Heeres gestorben 
war, ohne nur im Gefecht gewesen zu sein. Beim Rückzug mussten 
viele Kranke und Verwundete in Verdun und Longwy zurück- 
gelassen werden; dass sie z. Th. sehr schlecht behandelt wurden, 
muss auch Lauckhard, der Schwärmer für die französische Revolu- 
tion, zugeben. 60, 80 bis 100 Pferde fielen täglich während dieses 
Rückzuges; das ganze Material war ruinirt; die Hälfte der Kavalle- 
risten ging zu Fuss, die Kleider der Soldaten waren nur noch Lappen, 



!) Kurt Sprengel, Kritische Uebersicht des Zustandes der Arzneykunde 
in dem letzten Jahrzehnt. Halle 1801. — Die Seuche hörte erst im November auf, 
als der Rest des Heeres wieder in Deutschland angekommen war. 

Diese „bösartige Lagerruhr" und'Montgarny's Vorschläge zu ihrer Besei- 
tigung hat auch Ackermann in seinem Handbuch der Kriegsarzneykunde, Wien 
1799, ausführlich beschrieben (S. 208). Schon nach wenigen Wochen lag die 
Hälfte der Mannschaften im Hospital. Vergl. auch: Campagne du duc de Bruns- 
wick contre les Francais. Paris. A. III. 



— 10 — 

Schuhzeng hatte fast keiner mehr an. — Und das alles nur deshalb, 
weil man in Folge der Prahlereien der Emigranten den ganzen Feld- 
zug und besonders den Feind unterschätzt hatte; sonst würde man 
vorsichtiger in der Kleidung und Verpflegung der Truppen gewesen sein. 
Nach Lauckhard soll übrigens schon damals, also vor Napoleon, 
die französische Artillerie der preussischen weit überlegen gewesen 
sein. Von 6000 Todten hätten 5500 nach L.'s Meinung gerettet 
werden können, wenn die Einrichtungen besser gewesen Avären. Uebri- 
gens hatte auch die französische Armee grosse Verluste durch Krank- 
heiten. Dumouriez weigerte sich, nach Grand-Pre zu marschiren, 
weil dies „ein Kirchhof voll von pestilenzialischen Ausdünstungen" 
geworden sei. 

Trotzdem schien es im Jahre 1793 anfangs wieder günstig für die 
Verbündeten zu gehen; aber trotz ihrer 280 000 Mann wurde nichts 
erreicht. Jetzt zögerte die preussische Armee; sie blieb nach der Ein- 
nahme von Mainz fast 2 Monate unthätig — die Mittel gingen aus, und 
ausserdem schien die Besetzung Polens jetzt wichtiger. Friedrich Wil- 
helm IL reiste nach Schlesien und liess nur einen kleinen Theil der Armee 
am Rhein zurück. Auch in Polen war so ziemlich alles schlecht: 
Wege, Wetter, Unterkunft, Kleidung und Verpflegung. Igelström 1 ) 
berichtete nach Petersburg, dass auf Preussen und Oesterreicher nicht 
zu rechnen sei; die ersteren wären nicht mehr, was sie unter Friedrich 
dem Grossen gewesen; sie schienen sich nur auf die Defensive zu 
beschränken; sie wollten methodisch zu Werke gehen und scheuten 
sich vor allem, und, was noch schlimmer sei, ein Bataillon zähle bei 
ihnen nicht mehr als 200 Mann und eine Escadron 50 Pferde. Die 
Zahl der Dienstfähigen verminderte sich bald bis auf die Hälfte ; denn 
die Märsche mussten im Sommer in Gegenden gemacht werden, wo 
oft meilenweit kein Baum oder Strauch zu sehen war, bei Staub und 
unerträglicher Hitze; dabei kein oder nur schlechtes Wasser! Die 
Belagerung von Warschau musste aufgegeben werden; Friedrich 
Wilhelm IL kehrte krank nach Berlin zurück. Jetzt erst hieben die 
Russen ein und schlugen den Aufstand nieder. — Dass unter diesen 
Umständen die Unterbringung, Verpflegung und Behandlung Ver- 
wundeter und Kranker sowohl in den Rheinfeldzügen, als auch in 
Polen mit den grössten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, ist ohne 
Weiteres klar. Trotzdem wurde der Eifer und die Leistungen be- 
sonders der oberen Militärchirurgen allgemein, von Hoch und Niedrig, 
anerkannt. Goercke hatte 1792 in Coblenz, später in Trier, 

*) Menzel, 1. c. 



— 11 — 

Luxemburg, Longwy und Verdun nach Ueberwindung grosser 
Schwierigkeiten Lazarethe eingerichtet und setzte es auch durch, dass 
auf dem Rückzuge aus der Champagne ein bewegliches Lazareth der 
Armee folgte. Er war überall, wo Hülfe nöthig war, im Lazareth 
und auf dem Schlachtfelde, immer unermüdlich thätig und hiess bald 
in der ganzen Armee der „Soldatenpfleger". (Goercke's Thätigkeit 
ist am besten in der zu seiner 50jährigen Dienstjubelfeier [am 
16. Oktober 1817] auf Veranlassung der königl. preuss. Militärärzte 
verfassten Schrift: „Johann Goercke's Leben und Wirken" geschildert.) 
— In einer Beschreibung der 1794 und 1795 in Polen, namentlich 
in Petrikau, Posen und in den Feldlazarethen zu Czirkoschin 
herrschenden sehr bösartigen Kriegsseuchen (Typhus und Ruhr) be- 
richtet der Feldmedicus F. W. Voss (Medizinische Beobachtungen und 
Erfahrungen aus den süclpreussischen königlichen Feldlazarethen, 
Berlin 1796): Die Sterblichkeit war so hoch, dass viele „seynwollende 
Sachverständige" glaubten, es sei die Pest in den Feldlazarethen aus- 
gebrochen und habe sich über Stadt und Land verbreitet. Uebrigens 
traten 12 Jahre später, als Marschall Ney f806 in Polen einmarschirte, 
dieselben Seuchen in derselben Heftigkeit auf. 1 ) 

In Preussen hatte inzwischen, vielleicht in Folge des Geldmangels, 
eine Partei die Oberhand gewonnen, die es mit Keinem verderben,, 
aber auch mit Keinem fest zusammenstehen wollte, und die es in 
Folge dessen mit Allen verdarb. So meinte Tempelhof 2 ), Preussen 
müsse zusehen, wie die anderen Mächte durch ihr Kriegführen sich 
abschwächten, und wenn es zu einem Friedenskongresse komme, was 
doch endlich geschehen müsse (!), die glänzende Rolle eines Ver- 
mittlers übernehmen und seinen Einfluss in allen politischen An- 
gelegenheiten befestigen. Das war die traurige Richtung, die den 
Baseler Frieden (1795) und damit die Siege Frankreichs zur Folge 
hatte, und die erst verlassen wurde, als es zu spät war. Als Preussen 
1806 wieder zu Felde zog, da schlugen die Oesterreicher nicht mit 



x ) Gilbert, Ueber die Krankheiten, welche während des Preussisch-Pol- 
nischen Feldzuges bey der grossen französischen Armee herrschten. Uebers. von 
Bock, mit einer Vorrede und mit Anmerkungen von Formey. Erfurt 1808. 

2 ) Wie sehr diese Meinung damals auch bei sonst verständigen und pa- 
triotischen Männern galt, sehen wir aus der Lebensbeschreibung Karl Moritz 
Ferd. von Bardeleben's (Landfermann, Coblenz 1869), der noch 1805 den 
langen Frieden für ehrenvoll und glücklich hielt: „Wir haben das Glück des 
Friedens ohne, die geringste Verletzung unserer Ehre, vielmehr mit grossem 
wahrem Ruhme herbeigeführt", v. Bardeleben hatte bei dem Rückzug 1792 
selbst stark an der Ruhr gelitten; es dauerte mehrere Jahre, bis er sich wieder 
erholte. 



— 12 — 

und die Russen kamen zu spät. Ja, nach der Gründung des Rhein- 
bundes fochten sogar deutsche Truppen in Napoleon's Armee gegen 
Preussen!' Trotz der 8 Friedensjahre fehlte es 1803, als Napoleon, 
um die Engländer zu schädigen. Hannover besetzte, dem preussischen 
Staate an Mitteln., ihm zuvorzukommen; und als 1805 diese Besetzung 
durch Preussen dennoch geschah, da war auch der Krieg mit Eng- 
land. Schweden und Dänemark da. 

Alle die schlimmen Erfahrungen, die man seit dem Tode 
Friedrichs des Grossen gemacht hatte, und die hier dargestellt werden 
mussten, weil man nur so die kolossalen Schwierigkeiten erkennen 
kann, mit denen das Kriegsheilwesen jener Zeit zu kämpfen hatte, 
schienen wenig genutzt zu haben. An warnenden Stimmen fehlte es 
nicht: aber sie wurden, wie die des Freiherrn von Stein, der schon 
damals in einem energischen Briefe an den König die zahlreichen 
Mängel in der Verwaltung klarlegte, nicht berücksichtigt — es musste 
erst noch schlimmer kommen. Die Offiziere waren übermüthig, den 
Feind verspottend, prahlend; die Soldaten schlecht behandelt, schlecht 
bekleidet und bewaffnet, schlecht besoldet und genährt (Clausewitz). 
Förster nennt die Jahre vor 1805: „Jahre der Montirungsbeschnei- 
dungstheorie". Dabei bestand die Hälfte der Armee von 250000 Mann 
aus Ausländern, Abenteurern, die sich zum Theil rühmten. 10 Poten- 
taten auf einem Paar Sohlen zu dienen — so oft desertirten sie. 

Seit 1788 wurden die Rekruten bei der Einstellung von Regi- 
ments- bezw. Bataillonschirurgen untersucht 1 ). Eine Art allgemeiner 
Wehrpflicht existirte schon 1792; jeder Preusse war „kantonpflichtig" 
(daher spricht man heute noch von ..unsicheren Kantonisten"), aber 
ausgenommen waren: Adel, Beamte, Professoren, Prediger, Kaufleute 
von 5000 Rthlr. jährlichem Umsatz oder mit einem Vermögen von 
10000 Rthlr. und — die Bürger von Berlin, Breslau, die Bewohner des 
schlesischen Gebirges und von Ostfriesland und Kleve. Die Werbungen 
im Auslande hörten erst 1807 auf; dann kam ein verändertes Kan- 
tonsystem mit Beurlaubung nach kurzer Ausbildungszeit, dadurch sehr 
grosser Reserve und Erleichterung der Armeevermehrung im Jahre 1813. 
Die allgemeine AVehrpflicht wurde erst 1814 durchgeführt. Die erste 
Instruktion über die Brauchbarkeit zum Feld- oder Garnisondienst er- 
schien 1813, eine zweite 1817, eine dritte 1825, eine vierte 1831 
und eine fünfte 1860 (die aus der Xeuzeit sind bekannt). Da unter 

1 ) Was der brave Feldmedicus Gehenia schon über 100 Jahre vorher ver- 
langt hatte, wie im ersten Theil dieser „Zeit- und Lebensbilder" zu lesen ist. Noch 
viel früher war, z. B. in den Heeren der Römer, eine Untersuchung bei der Ein- 
stellung üblich, wie aus Galen's Lebensbeschreibung hervorgeht. 



— 13 — 

dem Werbe- und Kantonsystem die Dienstzeit eine sehr lange war 
(20 Jahre!), befanden sich viele alte Leute bei der Truppe; diese 
suchten nach einer verlorenen Schlacht, z. B. nach Jena, wo Alles 
auseinanderlief, möglichst schnell die Heimat zu erreichen. Mit dieser 
Schlacht war über Preussen die Katastrophe hereingebrochen, wie es 
der Freiherr von Stein, v. Bülow, E. M. Arndt u. A. vorhergesagt 
hatten. Schon Tage lang vorher versagte die Verpflegung; die Sol- 
daten hatten in den engen Lagern und Kantonnirungen nichts als ihr 
mitgenommenes Brot, das noch dazu schlecht ausgebacken und z. Th. 
verschimmelt war. Da es an Feldbäckereien fehlte, konnte auch 
nicht für rechtzeitigen Ersatz des Brotes gesorgt werden. Der Hunger 
trieb zum Plündern und die Leute assen rohe Kartoffeln und Rüben 
auf den Feldern. Nach der Schlacht hatte Friedrich Wilhelm III., 
damit man für die Verwundeten sorgen und die Todten begraben könne, 
einen 12 ständigen Waffenstillstand vorgeschlagen; der Vorschlag wurde 
nicht angenommen und so lagen viele Tausende von Verwundeten 
(Mitte Oktober!) auf dem Schlachtfelde und fliehende und verfolgende 
Reiterscharen sprengten darüber hin (Förster). Die preussische Ver- 
waltungsmaschine hatte ausserdem so langsam gearbeitet, dass ein 
Feldlazareth in der Schlacht bei Jena nicht zugegen war. Das von 
Fritze (? s. o.) und Theden ausgearbeitete Feldlazarethreglement vom 
Jahre 1787 war noch in Kraft; wären seine Bestimmungen richtig be- 
folgt, dann würde es um die Kriegskrankenpflege besser gestanden haben, 
da Goercke dafür gesorgt hatte, dass die alte Schwerfälligkeit der 
stehenden und beweglichen Lazarethe, die sich 1792 sehr fühlbar ge- 
macht hatte, wenigstens zum Theil beseitigt war. Nach den Be- 
stimmungen sollte der dritte Theil der Utensilien für 10000 Kranke 
und Verbandgegenstände für 30000 Verwundete schon im Frieden vor- 
räthig gehalten werden. Die Regimenter sollten Krankenzelte und 
jedes einen Krankenwagen für 8 Mann haben; für Leichtverwundete 
— wohl auch für Kranke — benutzte man nach wie vor trotz der 
bösen Erfahrungen im Bayerischen Erbfolgekriege die leer zurück- 
gehenden Proviantwagen. Die Aerzte hatten dabei nichts zu sagen; 
in den Lazarethen und noch mehr bei diesen Transporten komman- 
dirten Offiziere und Unteroffiziere. Im Jahre 1806 richtete Mursinna 
in Halle, Erfurt, Kölleda und Magdeburg Lazarathe ein, die 
aber alle erst verhältnissmässig spät in Wirksamkeit treten konnten 
und bald wieder verlassen werden mussten. Nach der Schlacht bei 
Eylau waren 18000 Verwundete zu besorgen; erst nach 3 Tagen 
konnte Goercke Hülfe schaffen und die überlasteten Truppenärzte 
unterstützen. Die Feldlazarethe waren immer noch zu gross, zu 



— 14 — 

schwer beweglich und zu gering an Zahl, besassen auch zu wenig 
Transportwagen. Im Jahre 1809 wurde das ganze Lazarethwesen 
Goercke und Ribbentrop unterstellt, die schweren Hauptfeld- 
lazarethe abgeschafft und im Jahre 1810 als Dirigenten der Feld- 
lazarethe Aerzte angestellt: das sollte aber nicht lange dauern, denn 
schon 1813 wurden ihnen die militärischen und administrativen Ge- 
schäfte wieder abgenommen. In demselben Jahre wurden die Pro- 
vinzialbehörden angewiesen, Lazarethe zu errichten und für die Be- 
handlung der Kranken durch Zivilärzte, für die Wartung und Pflege 
durch Zivilpersonen zu sorgen — eine Art organisirter freiwilliger 
Krankenpflege 1 ). So berichtet Hofrath Schultz 1814 über „die 
beiden Provinzial-Lazarethe in der 3. Artillerie-Kaserne und in der 
Garde-Kaserne zu Berlin-'; und rühmt die grossartigen Zuwendungen, 
die die Umwandlung der grossen, an der Ecke der Jakob- und Hirten- 
strasse gelegenen Kasernen in Lazarethe sehr erleichterten. Besonders 
Frauenvereine waren für Küche, Pflege, Wartung und Kleidung der 
Kranken unermüdlich und erfolgreich thätig. Die erste Hülfe war 
und blieb unzureichend; der Vorschlag des Prinzen August von Preussen, 
12 Transportkompagnien, jede zu 120 (nach Knorr 200) Mann im 
Frieden auszubilden (181-4), kam nicht mehr zur Ausführung. 

Auch die Bestimmungen für die Ausbildung des ärztlichen Hülfs- 
person als müssen hier noch einmal erwähnt werden. In dem Regle- 
ment für die Infanterie vom Jahre 1788 waren schärfere hygienische 
Vorschriften für Beaufsichtigung und Behandlung des Soldaten ent- 
halten; regelmässige Listen und Krankenbücher und jährliche General- 
rapporte an den Generalchirurgus wurden eingeführt. Wenn sich die 
Kompagniefeldscheerer, die von ihren Regiraentsfeldscheerern tüchtig 
zu unterrichten waren, bewährten, dann sollten sie von der Fuchtel 
und von der Pflicht des Rasirens befreit werden (s. Theil I bei Theden). 
Der Name Feldscheerer wurde 1796 durch den Namen Regiments- 
bezw. Kompagniechirurg ersetzt. Die bösen Erfahrungen, die man 
trotzdem in den Feldzügen 1792—1795 mit dem unteren ärztlichen 
Personal machte, hatten wenigstens das Gute, dass sie massgebende 
Persönlichkeiten, wie M ollen dorf u. A. veranlassten, die von allen 
Generalchirurgen und jetzt mit besonderer Energie von Goercke ge- 
machten Vorschläge zur Besserung zu unterstützen, und dass so endlich 



x ) Für die Geschichte der transportablen Lazarethe ist es interessant, dass, 
wie Dr. Chr. Gottfr. Grüner im „Almanach für Aerzte und Nichtärzte il be- 
richtet, der Kaiser in Wien 1789 ein bewegliches, d. i. ans Holz gebautes und 
zusammenzulegendes militärisches Krankenspital zum Gebrauch der Armee in 
Ungarn bei dem bevorstehenden Türkenkriege erbauen liess. 



— 15 — 

der längst empfohlene Plan zur Errichtung der chirurgischen, bald 
auch medizinisch-chirurgischen Pepiniere zur Ausführung kam 1 ). Nach 
Gründung der Berliner Universität (1810) kam noch die medizinisch- 
chirurgische Akademie für das Militär dazu; aber trotzdem waren 
beide Anstalten nicht im Stande, bei der schnellen Vermehrung der 
Armee eine ausreichende Zahl von Aerzten zu liefern. Obgleich 
z.B. im Jahre 1812 aus ihnen 173 ausgebildete Chirurgen und sechs 
Stabs- und Oberchirufgen hervorgingen, war man gezwungen, viele 
anzustellen, die noch nicht die nöthige Vorbildung besassen. Die 
Schicksale der Pepiniere in den ersten Jahren und besonders in den 
Zeiten der tiefsten Erniedrigung Preussens; der Eifer und die Opfer- 
freudigkeit, mit der die Aerzte der Anstalt im Interesse, ja für die 
Existenz derselben thätig waren, die hohe Anerkennung, die ihrem 
Streben auch vom Feinde zu Theil wurde, werden immer zu den 
wenigen erfreulichen Blättern der Geschichte jener bösen Jahre ge- 
hören 2 ). Goercke kam darauf noch im Jahre 1816 in seiner An- 
rede bei der Feier des 22. Stift ungstages der Anstalt zurück; er hob 
rühmend hervor, dass der Unterricht auch in den schwersten Kriegs- 
zeiten nicht gehemmt gewesen sei; „wie immer ein Werk, das die 
Liebe zum allgemeinen Besten gestiftet hat, auch wunderbar erhalten 
wird und die treuen Menschen auch' im Unglück noch inniger ver- 
einigt". 

Man würde die Leistungen der Militärärzte in den Kriegsjahren 
von 1787 bis 1800, für Preussen besonders von 1792 bis 1795, 
vielleicht doch etwas höher einschätzen, als es gewöhnlich geschieht, 
wenn man genauer wüsste, welchen enormen Aufgaben sie gegenüber- 
standen, d. h. wenn man zuverlässige Nachrichten über die Erkran- 
kungsziffer und über die Zahl der Verwundeten nach den einzelnen 
Schlachten besässe. Diese scheinen aber nicht vorhanden zu sein; 
auch in der sehr ausführlichen Tabelle von E. Richter über die Ver- 
luste in den Hauptschlachten aus den letzten 130 Jahren 3 ) findet sich 



x ) Zu den im 1. Theile dieser Arbeit bei der Lebensgeschichte Theden's 
erwähnten früheren Vorschlägen zur besseren Ausbildung der Feldscheerer, müssen 
wir auch die gut gemeinten, aber im Einzelnen kaum durchführbaren „Patriotischen 
Vorschläge zur Verbesserung der chirurgischen Anstalten und Verhütung des Ein- 
reissens der Epidemien bei den Armeen" von Dr. J. P. Brinkmann, Düsseldorf 
1790, hinzufügen. 

2 ) Vergl. Schickert, Geschichte des med.-chir. Friedrioh-Wilhelms-Insti- 
tutes, Berlin 1895 und die übrigen darauf bezüglichen im 1. Theile dieser Arbeit 
genannten Werke, besonders die bekannte Festschrift von Preuss, Berlin 1819. 

3 ) E.Richter, Allgemeine Chirurgie der Schussverletzungen im Kriege, 
Breslau 1877. 



— 16 — 

eine Lücke zwischen der Schlacht bei Torgau (1760) und der von 
Matengo (1800). Renouard (s. unten) theilt mit, dass in den 
Kämpfen bei Valmy (1792) die Preussen 184, die Franzosen 3- bis 
400 Todte und Verwundete gehabt hätten. Bei Jemappes verloren 
die Oesterreicher 6 — 7000, die Franzosen 2000 (nach anderer An- 
gabe 15000!) Mann. Einen sehr werth vollen Beitrag zu der Erkran- 
kungsziffer der Armeen in den Jahren 1792 — 1815 liefert Wilbrand 
in seinem Werke: Die Kriegslazarethe und der Kriegstyphus zu 
Frankfurt a. M. (1884). Er berichtet, dass die Preussen, um die 
Stadt zu entlasten, auf dem Stadtwalle eine grosse hölzerne Laza- 
rethbaracke (für 900 Kranke) gebaut hätten. Im Mai 1793 lagen 
in Frankfurt 1408 Kranke; die Zustände in den kleineren Hospitälern 
in der Stadt (z. B. im "Werbehaus zum Rothen Ochsen) müssen nach 
der Beschreibung des Physikus ür. Altenfelder und des Ober- 
chirurgus Kloss fürchterlich gewesen sein; überall lagen gesunde 
Kriegsgefangene mit Blessirten und Kranken eng zusammengepackt, 
so dass der Kriegstyphus hier eine schnelle Verbreitung fand. Im 
Jahre 1794 wurde eine zweite Hospital baracke ausserhalb der Stadt 
für 600 Mann gebaut. Zu einer allgemeinen furchtbaren Epidemie 
der Kriegspest kam es auch in Frankfurt, aber erst in den Befreiungs- 
kriegen. Der Entstehungsherd lag in Polen; die Krankheit wurde 
durch die fliehenden Ueberreste der „Grossen Armee" 1812 in Deutsch- 
land eingeschleppt; man nannte sie deshalb das russisch-polnische 
Fieber. In welchem Grade auch die Zivilbevölkerung davon befallen 
wurde, geht z. B. daraus hervor, dass in Königsberg allein im Monate 
Februar 1813 von den Bewohnern 649 daran starben; in Erfurt 
wurden vom 1. bis 17. November 400 Einwohner begraben. In dem 
1842 erschienenen Werke von E. 0. Schmidt: „Deutschlands Schlacht- 
felder", das übrigens, soweit Napoleon's Kriege dabei in Frage 
kommen, oft wörtliche Uebersetzungen französischer Schlachtenberichte 
zu enthalten scheint, finden sich aus der genannten Zeit nur Berichte 
über Aldenhoven (Oesterreicher gegen Franzosen) und Kaisers- 
lautern (Preussen unter Ferdinand von Braunschweig gegen Franzosen); 
beide aus dem Jahre 1793. Nur in der zuletzt genannten Schlacht sind 
dabei Verluste angegeben: die Verbündeten hatten 829, die Franzosen 
3000 Mann an Todten und Verwundeten. — Von der französischen 
Armee, die damals 50 — 60000 Mann stark war, lagen im Jahre 1800 
nicht weniger als 18000 in den Hospitälern 1 ). 



x ) Michaelis, Ueber die zweckmässigste Einrichtung der Feld-Hospitäler. 
Göttinnen 1801. 



— 17 — 

Die grosse Mehrzahl, der- Kompagnie- und auch der Regimen ts- 
feldscheerer hatten 1792 noch nicht ira Felde gestanden; sie raussten 
erst, wie Goercke in der oben erwähnten Rede sagt, Erfahrungen 
in der praktischen Ausübung der Kunst und Wissenschaft in den 
Feldspitälern machen, die nur da zu lernen sind. Wenn da auch 
Unvollkommenheiten vorkommen, sagt G. weiter, und von Manchem 
getadelt worden sind, so kann das nur in der Unbekanntschaft des- 
jenigen liegen, der nie den grässliehen Tumult auf einem Schlacht- 
fclde und nach demselben gesehen oder erfahren hat. — Uebrigens 
müssen auch manche alte, erfahrene Chirurgen in der Armee gewesen 
sein; Baidinger traf, als er im Jahre 1793 das Giessener Lazareth 
besuchte, hier noch Männer thätig, mit denen er vor 30 Jahren, am 
Ende des 7jährigen Krieges, zusammengearbeitet hatte, und die er 
in seinem bekannten Werke schon damals rühmend erwähnte (z. B. 
Philip pi, s. d. I. Theil). 

Einige nicht unbedeutende Verbesserungen hat in der hier in 
Betracht kommenden Zeit das Invalidenwesen erfahren. Während 
bis dahin nur die Invalidenhäuser auf der Jnsel Werder (1730) und 
in Berlin (1748) existirten, kam 1790 noch das in Rybnik hinzu; 
ausserdem wurden Invalidenversorgungshäuser im Anschluss an die 
Landarmenanstalten eingerichtet. Seit 1787 wurden von den Aerzten 
der Feldlazarethe Atteste auf Ganz- und Hai bin Validität ausgestellt, 
und es wurde bestimmt ausgesprochen, dass jeder Soldat, der in Sr. 
Kgl. Majestät Diensten invalide werde, eine lebenslängliche Versorgung zu 
gewärtigen habe (Art. 19 des Reglements für die ausländische Werbung). 

1788 wurde bei jedem Regiment eine Invalidencompagnie von 50 Mann, 
die solange blieben, bis sie versorgt waren, und ausserdem 17 Pro- 
vinzial-Invalidencompagnien zu 150 Mann eingerichtet. Im Jahre 

1789 erschien das erste Patent wegen Versorgung und Pensionirung 
invalider Offiziere (Anhang dazu i. J. 1796) 1 ). Aus besonderer Be- 
willigung des Königs bekamen die Offiziere Pensionen (Gnadengehalt). 
Dann erschien 1790 ein Reglement für die Invalidenpensionskasse 
sämmtlicher Regiments- und Bataillonschirurgen der Königl. Preussi- 
schen Armee; diese Kasse und die unter 1796 gleich zu erwähnende 
wurden 1801 in die Generalinvalidenkasse einverleibt und die Pen- 
sionen der Militärchirurgen dabei festgesetzt. 1792 war ein Reglement 
für die Kgl. Preussische Offizier-Wittwenkasse erschienen und 1796 
ein solches für die Invalidenpensionskasse sämmtlicher Battaillons- 



l ) Siehe Schjerning in den Erinnerungsblättern zur 100jährigen Stif- 
tungsfeier. Berlin 1895. 

Vexöffentl. aus dein Gebiete des Milit.-Sanitiitsw. 18. Heft. 9 



— 18 — 

Chirurgen der 3 Musketier-Bataillons in der Kg]. Prcussischen Armee. 
1809 wurden in den Bestimmungen wegen Anerkennung der zur 
Versorgung berechtigten invaliden Soldaten die Invalidencompagnien 
vermehrt, das Invalidenwesen neu organisirt und 1811 und 1816 
neue Bestimmungen über Invaliditätsatteste erlassen. — 

Von anderen offiziellen Anweisungen nach 1790 sind noch 2 Arznei- 
bücher für das Heer zu nennen: Die Pharmacopoea castrensis borussica 
von Dr. Riemer, dem Nachfolger von Cothenius; im Jahre 1805 
erschien sie unter demselben Titel, neu bearbeitet von Goercke und 
Hermbstädt, In seinem, Goercke gewidmeten „Medizinisch-prakti- 
schen Taschenbuch für Feldärzte und Wundärzte deutscher Armeen" 
(Berlin 1806), lobt Aug. Friedr. Hecker dieses damals neueste Arznei- 
buch für das Heer; es erfülle seine Bestimmung in einem Grade von 
Vollkommenheit und Zweckmässigkeit, wie es von den beiden Verfassern 
zu erwarten gewesen 1 ). Hecker schrieb auch sofort eine Anleitung zum 
zAveckmässigen Gebrauche des Buches. Ein anderes i. J. 1800 er- 
schienenes, denselben Titel führendes Werk „vom Verfasser des Hand- 
buchs der Kriegsarzneikunde" (Ackermann) berücksichtigt sow T ohl 
die Preussische, als auch die Oesterreichische Pharmakopoe (Ph. Au- 
striaco-castrensis) und nennt sie berühmte, vortreffliche, über alles Lob 
weit „erhobene" Bücher. — Eine Preisfrage des Kaisers über die 
zweckmässigste Verbesserung der Feldapotheken wurde unter 41 Com- 
petenten am besten vom Regimentschirurgus Willi. Schmitt beant- 
wortet 2 ). Dabei ist auch zu erwähnen, dass i. J. 1789 vom Könige 
zum Besten des Berliner Feldartilleriecorps eine eigene „Profession" 
der Ghymie errichtet und dem hiesigen Assessor des Colleg. med. und 
Apotheker Herrn M. H. Klaproth aufgetragen wurde 3 ). — 

Der ausgezeichnete Gesundheitszustand der Truppen in Holland 
(1787) war durch die oben erwähnten, günstigen Verhältnisse erklärt. 
Man stand deshalb den jämmerlichen Zuständen in den folgenden 



*) Aug. Friedr. Heck er, Hofrath und Professor am Colleg. med. chirurg., 
war ein fieissiger Schriftsteller und hat mehrere Werke über Feldkrankheiten 
u. a. m. verfasst. Er steht auf dem Brown 'sehen Standpunkt der Sthenie und 
Asthenie, obgleich er die Mängel dieses Systems nicht verkennt, wie aus seiner 
Schrift über „die Heilkunst auf ihrem Wege zur Gewissheit, oder die Theorien, 
Systeme und Heilmethoden der Aerzte seit Hippokrates bis auf unsere Zeiten", 
2. Aufl., Wien 1805, einem sehr interessanten Buche, hervorgeht. — Auch über 
„die Nervenfieber, die in Berlin im Jahre 1807 herrschten, nebst Bemerkungen 
über reizende, stärkende, schwächende Kurmethode" schrieb er in ähnlichem Sinn. 

2 ) Sprengel, Krit. Uebersicht. 

3 ) Chr. Gottfr. Grüner. Almanach für Aerzte und Nichtärzte auf das 
Jahr 1789. 






— 19 — 

Kriegen (1792 — 95) fassungslos gegenüber. Ein gewaltiges Hülls- 
mittel, die private Hilfsbereitschaft und Thätigkeit, war damals für 
grössere Leistungen noch nicht organisirt. Warum gerade diese Hülfe 
so wenig zur Geltung kam, das erkennt man z. Th. aus den zahl- 
losen, oft wenig geistreichen Schriften, in denen sich der Geist jener 
Zeit zu erkennen giebt. Um hier Besserung zu schaffen, musstc erst 
die höchste Noth kommen. Unter der Amtsführung von Wöllner, 
Hermes u. A., wurde auf die Frage: „Wer ist ein freier Mann?" 
geantwortet: „Wem seinen hellen Glauben kein frecher Richter rauben, 
kein Priester meistern kann; das ist ein freier Mann!" 1 ). 

Es würde hier zu weit führen, die im ganzen Volke, besonders 
in den gebildeten Kreisen verbreitete Missstimmung näher zu begründen. 
Man braucht nur an das oben von Friedrich d. Gr. Gesagte 2 ) und 
dem gegenüber an die zahlreichen, jede freie Geistesentwickelung und 
Richtung hemmenden und erstickenden Regulative, Censurvorschriften, 
Massregelungen zu denken, um den Umschwung der öffentlichen 
Meinung zu begreifen. Und dabei war es eine Zeit, in der man von 
Nebendingen absehen und alle Kräfte zum Wohle des Vaterlandes 
hätte in Anspruch nehmen müssen. Noch am Schlüsse des Jahr- 
hunderts sagt Schiller: 

„Wo öffnet sich dem Frieden, 
Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort? 
Das Jahrhundert ist geschieden 
Und das neue öffnet sich mit Mord". 
In Preussen lebte man allerdings seit 1795 unter dem segens- 
reichen (?) Frieden von Basel; aber die Unzufriedenheit war da, sie 
bestand schon seit dem Tode Friedrichs des Grossen. Wäre das 
nicht der Fall gewesen, dann würden die Ideen der französischen 
Revolution und später die imponirenden Erfolge Napoleon 's niemals 
diesen hypnotisirenden Einfluss auf viele sonst vortreffliche Deutsche 



1 ) Ruinen aus einer Büsten-Gallerie Berlinischer Gelehrten und Künstler. 
London 1792. 

2 ) Gedicke sagt in einer Trauerrede (15. Sept. 1786): „Der philosophische 
Geist, der unser Zeitalter auszeichnet, der freiere, von den Fesseln verjährter Vor- 
urtheile entbundene Flug der Vernunft ist sein Werk; und wenn in unserem 
Zeitalter das edelste Geschenk der Gottheit, die Religion von den Schlacken 
dunkler Jahrhunderte gereinigt und zu ihrem ursprünglichen Glänze zurückgeführt 
wird — so war dies eine Folge jener schon allein sein Andenken auf immer ver- 
ewigenden Freiheit im Denken, Untersuchen und Schreiben, die er seinen Unter- 
thanen gewährte und die aus seinen glücklichen Staaten auch in so viele andere 
Staaten Deutschlands und des ganzen Europa Licht verbreitete". — Das war 
später allerdings alles anders! 

2* 



— 20 — 

und Preussen ausgeübt haben, wie es thatsächlich der Fall war. Es 
kam Mancherlei zusammen, um diese betrübenden Erscheinungen her- 
vorzurufen. Friedrich Wilhelm IL war krank aus Polen zurück- 
gekommen und hatte sich seitdem nicht wieder erholt. Die Behandlung 
des Königs ist bezeichnend dafür, wie wenig er von der Medizin seiner 
Zeit hielt; sie beweist uns aber auch die Unsicherheit der immer 
noch nach Systemen kurirenden Aerzte und die edle Dreistigkeit der- 
jenigen Menschen, denen die göttliche Gabe der Kunst zu heilen 
ohne eigenes Zuthun vom Himmel herab in den Schooss gefallen war. 
Zuerst kamen in jener Zeit des Mystieismus die Geisterbeschwörungen 
und die geheimnissvollen Zaubermittel der Rosenkreuzer, die bei der 
allgemeinen Schwärmerei auch eine Anzahl der Freimaurer damals 
anerkannte, und schliesslich auch der dunkle „Lebensbalsara" des 
gründlichsten Phantasten v. ßischofswerder an die Reihe. Die 
deutschen Aerzte wurden durch den berühmten Engländer Brown 
■ersetzt; 1 ) ausserdem strömten aber aus allen Ländern Aerzte und 
Kurpfuscher in Berlin und Potsdam zusammen, um ihre Dienste an- 
zubieten. Clemens liess den König auf Säcken liegen, die mit einer 
„besonderen" Luftart angefüllt waren; Hermbstedt wurde berufen, 
um „Lebensluft" zu fabriziren, die der Kranke einathmen sollte. 
Der „Obersanitätsrath und Professor" hat darüber einen Beitrag zur 
Geschichte der Krankheit und der letzten Lebenstage König Friedrich 
Wilhelms IL (Berlin 1798) geschrieben. Leutnant von Randel, 
dieser würdige Greis, wie ihn H. nennt, hatte, auf eigene Erfahrung 
gestützt, dem Könige den Gebrauch der Lebensluft angerathen. Das 
Einathmen der reinen Lebensluft hielt man für schädlich, 2 ) der Arzt 
des Königs, der Herr Leibchirurg Rhode (ein böser Emporkömmling) 
war derselben Meinung. Desshalb wurden vom 4. Okt. 1797 an 
jeden Abend Ballons, die mit aus Braunstein hergestelltem Sauerstoff 
gefüllt waren, in der Nähe des Bettes auf einen Stuhl gelegt, und 
das Gas durch eine kleine Oeffnung langsam zum Austreten gebracht. 
Am Tage wurde es nur dann gemacht, wenn die Fenster wegen 
schlechten Wetters nicht geöffnet werden durften. Die Luft schien 
Wunder zu thun ; der Schlaf wurde besser, die Athemnoth liess nach — 
aber nur vorübergehend; nach ca. 6 Tagen verdarb eine „Indigestion" 



!) Es war nicht der Erfinder des bekannten Systems (s. u.) ; dieser war, erst 
53 Jahre alt, im Jahre 1788 gestorben. 

2 ) Dass es das nicht ist, weiss man erst seit kurzer Zeit; Fr. Förster 
sagt noch in dem 1854 erschienenen Werke: „Preusseos Helden in Krieg und 
Frieden" (III. Abth. I. Bd.): „H. liess Lebensluft einathmen, ein Experiment, über 
dessen Schädlichkeit schon damals die gelehrten Aerzte einig waren". 



— 21 — 

Alles. Seile und Brown wurden wieder berufen und stellten eine 
sehr ernste Prognose. Der Gebrauch der Lebensluft wurde aber bis 
zum letzten Augenblick fortgesetzt. Am 5. Nov. bildete sich ein 
Furunkel am Kreuzbein (Decubitus?), und am 8. Nov. wurde der 
„wegen seines liebenswürdigen Charakters und als grosser Wundarzt 
geehrte Königl. Generalchirurgus Herr Dr. Goercke" nach Potsdam 
berufen, welcher nun den Monarchen als Arzt behandelte. — Vor der 
Lebensluft war der mystischen Richtung der Zeit entsprechend auch 
ein Pariser Magnetiseur, Monsieur Beaunoir zugezogen. Er gab eine 
ganze Reihe von Verhaltungsmassregeln, von denen hier nur die täglich 
zweimal wiederholten, je 1 Stunde dauernden elektrischen Bäder mit Auf- 
legen einer magnetischen Hand auf den Unterleib genannt werden sollen. 

Des allgemeinen Interesses wegen und weil diese kurze Kranken- 
geschichte eine Musterkarte der damals üblichen natürlichen und „un- 
natürlichen" Heilmittel enthält, schliesslich weil Männer wie Brown, 
Seile und Goercke, wenn auch z. Th. nur zeitweise, dabei bet heiligt 
waren, musste etwas näher darauf eingegangen werden. — 

Bezeichnend für die Denkweise der „Deutschen" in jener Zeit 
ist, wie schon erwähnt, die weit verbreitete Schwärmerei für franzö- 
sische Einrichtungen, für die Ideale der französischen Revolution — 
wobei man die durch diese Ideale verursachten brutalen Blutopfer 
vergass — und für Napoleon L, bis auch dem Blödesten über diesen 
aus der Revolution hervorgegangenen Tyrannen die Augen aufgingen. 
Im Jahre 1801 schrieb Kurt Sprengel seine „kritische Uebersicht 
des Zustandes der Arzneykunde in dem letzten Jahrzehend"; er be- 
tont mit Recht, dass die Geschichte dieser 10 Jahre eigentlich eine 
Geschichte von Jahrtausenden sei, so gewaltig folgenreich und denk- 
würdig seien die Begebenheiten, die in diesem kurzen Zeitraum in 
der Regierungsform und in den Verhältnissen der Staaten, wie auf 
dem Gebiete der Wissenschaften zu verzeichnen wären. Freilich 
würde die weisere Nachwelt über die Apathie erstaunen, mit der das 
itzige Zeitalter den Schein für Wahrheit nahm. Spr. fährt dann fort: 
„Die letzte Regierungsform in Frankreich scheint von einem der 
grössten Menschen geleitet, am ehesten wieder den beleidigten Genius 
der Menschheit versöhnen und Ordnung, Ruhe und Frieden wieder- 
herstellen zu können." (!) Auch der Verfasser der „Campagne du 
duc de Brunswick contre les Francais en 1792", der preussischer 
Offizier war (Lauckhard), ist von den Einrichtungen der Neu-Franzosen 
sehr begeistert; er spricht wohl von deutschem Patriotismus — aber 
in der Schrift findet sich nicht viel davon. Auch Georg Wede- 
kind, der seine Schrift: „Heilungsverfahren im Kriegslazareth zu 



— 22 — 

Mainz" (Berlin 1802) dem Citoyen Coste, Generalinspektor im Ge- 
sundheitsrath der Armee der französischen Republik, im Wiesenmonath 
des 9. Jahres (1801) widmete, und der sein Lazareth im ehemaligen 
kurfürstlichen Residenzschlosse hatte, war ein Schwärmer für fran- 
zösische Einrichtungen. Am traurigsten ist in dieser Beziehung ein 
anscheinend weit verbreitetes populäres Geschichtswerk Ernst Born- 
schein's, des Fürstl. Reuss-Greizischen Hofkommissars: „Geschichte 
der merkwürdigsten Ereignisse in den Jahren 1806, 1807, 1808, 1809 
und 1810, oder Kaiser Napoleon an der Weichsel, am Tajo und Inn. 
Ein Lesebuch für den Bürger und Landmann." Man sieht aus diesem 
Buche, dass die in Deutschland weit verbreitete, absolut undeutsche 
Schwärmerei für Frankreich und seinen Kaiser noch zu einer Zeit 
herrschte, in der die Pläne Napoleons längst vollkommen klar waren. 
Das kann alles dazu beigetragen haben, die in den Befreiungskriegen 
so glänzend bewährte Kraft der freiwilligen Hülfe in jener früheren 
Zeit, besonders während der Rheinfeldzüge und während des Krieges 
in Polen, lahm zu legen, nicht zu nennenswerther Leistung kommen 
zu lassen. Die Schwärmerei für alles Französische war ja von jeher 
eine weit verbreitete deutsche Eigenthümlichkeit; was soll man aber 
dazu sagen, dass noch nach der Schlaoht bei Leipzig einige deutsche 
Staaten sich weigerten, die Centralverwaltung für Deutschland (Freiherr 
von Stein) anzuerkennen, Beiträge in die Centralhospitalkasse zu 
zahlen, irgend einen „fremden" Kranken aufzunehmen und zu ver- 
pflegen. In Preussen und Sachsen fanden dagegen Freund und Feind, 
wenn sie krank oder verwundet waren, sowohl in den militärischen, 
als auch in den Provinziallazarethen die gleiche Pflege und Behand- 
lung. ■ — Einen gesunden praktischen Lokalpatriotismus vertrat in 
anderer Beziehung Goercke; er hatte wohl zu oft die Beobachtung 
gemacht, dass in der höheren Verwaltung . die besten, angesehensten 
Stellungen an Ausländer, namentlich an Franzosen verliehen wurden, 
und äussert sich darüber als Direktor der Pepiniere in einer Rand- 
bemerkung zur Geschichte derselben [Preuss 1 )]: 

„0 Vaterland! Seit Stiftung des Königl. Instituts itzt 27 Jahre, 
vom 2. August 1795, ist kein Ausländer als Königlicher Eleve 
aufgenommen. Ich ehre mein Vaterland zu sehr. — Mein 



x ) Es handelt sich um ein Exemplar dieses Werkes aus der Büchersammlung 
der Kaiser Wilhelms-Akademie, das offenbar zu Goercke's Büchern gehört hat; 
es ist durchschossen und mit einer grossen Zahl handschriftlicher Bemerkungen 
und Zusätze, die bis zum Jahre 1821 reichen, von ihm versehen. Das Exemplar 
ist 1845 von dem Sohne des Verfassers der Bibliothek geschenkt, was der damalige 
Bibliothekar Löffler bescheinigt. 



— 23 — 

Grundsatz ist dieser: Da unsere Ur-Eltern, Eltern, Geschwister 
und Verwandte an den König oder den Staat schwere Abgaben 
geben müssen ; so ist es auch Recht und Gerecht, dass unsere 
Kinder in Amt, Ehre und Brod in dem Vaterlande angestellt 
werden. Kränkend ist es, wenn ein Ausländer unter ähnlichen 
Kenntnissen, die hohen einträglichen Aemter erhalten und das 
Landeskind traurig nachstehen und sich regieren lassen muss." 



IL Die ärztliche Wissenschaft am Ende des 
18. Jahrhunderts. 

Bei der Schilderung der alten Medici puri, bei der Beschreibung 
des Ursprungs und der weiteren Entwicklung der medicinischen Lehr- 
anstalten und des Charite-Krankenhauses wurde auch der Stand der 
Heilkunde und ihrer Vertreter im 18. Jahrhundert besprochen (s. Bd. I). 
Trotzdem verdienen die letzten 10— 15 Jahre desselben eine besondere 
Würdigung, weil in ihnen eine grosse Zahl von Leistungen und Er- 
findungen zu verzeichnen ist, die grundlegend für die wissenschaft- 
liche Lehre und für die praktische Heilkunst gewirkt haben. 

Freilich war der medizinische Unterricht immer noch recht 
mangelhaft; Sprengel klagt darüber, dass das handwerksmässige 
Erlernen der nothdürftigsten Brotkenntnisse immer mehr um sich 
greife; die Mehrzahl der medizinischen Lehrlinge seien gewesene 
Wundärzte und Apotheker, die weder Erziehung noch Vorkenntnisse 
mitbrächten; aber auch die anderen taugten nicht viel, weil auf den 
Gymnasien der Unterricht recht minderwerthig war. Nach wenigen 
Jahren reinen Fachstudiums meldeten sich die Studenten zum Examen 
bei der Fakultät, die ihnen oft trotz unzureichender Kenntnisse die 
höchste Würde in einer Kunst ertheilte, die über Leben und Tod un- 
zähliger Menschen gebietet. Freilich waren in allen grösseren Staaten 
Deutschlands strengere Prüfungsvorschriften erlassen und mancher 
Missbrauch bei dem anatomischen Kursus beseitigt; das konnte aber 
nichts helfen, so lange man nicht in der Wahl der Mitglieder des 
obersten Medizinal-Kollegii vorsichtiger und bei den Prüfungen selbst 
unparteiischer vorging. Die stärkste Reform erfuhr die äussere Lage 
der Arzneikunst, wie Sprengel sagt, in dem „wiedergeborenen" 
Frankreich (!). Der Unterschied zwischen Arzt und Wundarzt und 
alle die besonderen akademischen Einrichtungen hörten auf; man er- 
liess zweckmässige Studienpläne; aber — der praktische Unterricht 



— 24 — 

hatte keine festen Grundsätze, er war noch derselbe wie vor 50 Jahren. 

Sprengel vergisst ausserdem mitzuth eilen, dass bei diesen Fort- 
schritten immer nur an Paris gedacht, dass die Fakultäten in den 
Provinzen auf Jahre hinaus lahm gelegt wurden. Man findet darüber 
sehr wichtige Mittheilungen in Wieger's Geschichte der Medizin und 
ihrer Lehranstalten in Strassburg (1885). Ein Dekret vom 
18. August 1792 löste alle Universitäten, Fakultäten und gelehrten 
Gesellschaften auf, Diplome galten nicht mehr; es konnte praktiziren 
wer da wollte. Als 1803 die Diplome wieder eingeführt wurden, da 
stellte sich heraus, dass inzwischen eine grosse Zahl ganz ungebildeter 
Leute sich provisorische Zertifikate verschafft hatte, die z. Th. von 
ad hoc durch den Präfekten ernannten Kommissionen ausgestellt waren. 
Die grosse Mehrzahl war zur Armee gegangen; sie hiessen seitdem 
officiers de sante und waren später, als sie auf einer ecole secondaire 
ausgebildet waren, Aerzte 2. Klasse. Der Reorganisator des Unter- 
richts in den ersten Jahren der französischen Republik, Fourcroy, 
wollte nur eine Ecole de sante in Paris für 300 Schüler; schliesslich 
bekam aber doch ausserdem Montpellier eine Anstalt mit 8 Pro- 
fessoren und 150 Schülern, und Strassburg eine mit 6 Professoren 
und 100 Schülern. Diese 3 Anstalten sollten den ganzen Bedarf an 
Aerz^en decken. Am 18. Februar 1797 waren die Kassen leer; nach 
einer geheimen Resolution sollten keine neuen Schüler mehr aufge- 
nommen, die noch vorhandenen auf 25 Frank Wartegeld pro Monat 
gesetzt werden. In Strassburg bekamen die Professoren 1 Jahr lang 
nur werthloses Papiergeld; im Wintersemester 1796/97 konnte keine 
Anatomie getrieben werden, weil kein Geld in der Kasse war, um 
den Transport eines Kadavers zu bezahlen. Diese jämmerlichen Zu- 
stände, die nicht gerade für eine segensreiche Einwirkung der Revo- 
lution auf die ärztliche Wissenschaft sprechen, blieben bis zum Jahre 
1808, wo allmählich wieder eine Besserung eintrat. In einem Memoire 
der Strassburger Professoren aus jener Zeit heisst es: 

„La Chirurgie est tombee en une decadence presque absolue clans 
tout.es les parties de la Republique — eile ä ete presqu' entierement 
oubliee clans l'organisation de l'ecole de Strasbourg". 

Die Ausbildung der Militärärzte war so geregelt, dass in den 
3 Ecoles de sante die Aerzte für die Hospitäler, und in diesen 
(Hopitaux d'instruction) die Aerzte für die Truppentheile ausgebildet 
wurden. Im Jahre 1796 kam dazu noch als 4. das Val-de-Gräce- 
Paris, das später zum Hopital de perfectionnement erhoben wurde. 

Auch in Deutschland liess der Unterricht an den Universitäten 
manches zu wünschen übrig. Der allerdings etwas bissige Medikus 



— 25 — 

Dr. Grüner, der auch über die Vorschläge spricht, den grossen und 
den kleinen Kurs (Aerzte 1. u. 2. Klasse) einzuführen, meint, in 
den Vorlesungsverzeichnissen sei zu viel Wind und zu viel Geschrei. 
Der Eine lese Jahre lang über den nämlichen Theil, fange nie recht 
an oder komme nie zu Ende; der Andere kündige immer Operationen 
an, mache aber keine aus Mangel an Leichen oder — Kraft. Andere 
leben und weben in ausgedienten Heften, die der sei. Verfasser aus 
10 Werken mühsam plünderte u. s. w. Auf die Anatomie ist dieser 
Medikus aus dem Jahre 1789 schlecht zu sprechen; der Praktiker 
kann das Meiste von diesem Namen- und Gedächtnisskram ohne 
Nachtheil entbehren: ein schmutziges Handwerk, ein Sammelplatz 
modernder Leichen, der nach abgesonderten, vor den Thoren gelegenen 
Orten verlegt werden muss (!). Auf vielen Universitäten und medi- 
zinischen Fakultäten in Deutschland stehen die Professoren nur zur 
Parade im Lektionsverzeichniss, können oder wollen nicht lesen oder 
dehnen die Vorlesungen ins Unendliche aus. Ferien und Vergnügungen 
häufen sich so, dass der Jüngling in die A^ersuchung geräth, so be- 
quem und flüchtig wie seine Lehrer zu werden. Mit Recht tadelt 
Grüner die geringe Berücksichtigung des Unterrichts in der medi- 
zinischen Polizei, die entweder gar nicht oder nur gelegentlich im 
Vorbeigehen mitgenommen werde; auch seine Vorschläge über den 
Unterricht in der Hygiene sind im Ganzen sehr verständig. 

Mit dem Unterricht, den Prüfungen, der Rolle der Fakultäten 
im engsten Zusammenhange steht die Frage der Promotion. Unter 
den akademischen Würdenträgern, die noch immer als Medici puri 
mit grossem und, wie wir gesehen haben, unberechtigtem Stolz auf 
die Chirurgen herabsahen und dabei ängstlich für die Aufrechthaltung 
ihrer wohlerworbenen Privilegien, Fakultätsgerechtsame, Fakultätsbe- 
fugnisse besorgt waren, erhob sich ein Sturm der Entrüstung, als 
Joseph II. der von ihm gegründeten Josephs-Akademie das Recht ver- 
lieh, Doktoren resp. Magistri der Wundarznei zu ernennen, und Bram- 
billa nicht zögerte, von diesem Privilegium ausgedehnten Gebrauch 
zu machen. Grüner hofft, dass dieses Unrecht durch Einspruch der 
Wiener Fakultät wieder beseitigt werde. Die chirurgische Akademie in 
Kopenhagen, die das nämliche Recht für sich erbeten hatte, wurde 
auf Grund des Widerstandes der Kopenhagener und Kieler Fakultäten 
mit ihrem Gesuch abgewiesen. Dieses Monopolium stammt aus einer 
Zeit, in der die Chirurgie noch ein Theil der ganzen Medizin (Physica) 
War; der Magister in physica war gleichzeitig Magister in chirurgia; 
die Fakultäten konnten auch Doppeldoktoren, Doktoren derChemie u.s.w. 
machen; natürlich musste man vorsichtig sein und nur würdigen, 



— 26 — 

regelrecht geprüften Kandidaten diese Auszeichnung zu Theil werden 
lassen. Dem Streite mit der Fakultät ging man in Berlin ans dem 
Wege; nach Gründung der Universität (1810) schuf man die medi- 
zinisch-chirurgische Akademie für das Militär, bei welcher die Stu- 
direnden der Pepiniere immatrikulirt, examinirt und promovirt wurden, 
und deren Mitglieder zugleich Mitglieder der medizinischen Fakultät 
waren. Dass diese im Allgemeinen der militärärztlichen Pflanzschule 
schon damals nicht sehr freundlich gesonnen waren, geht unter anderem 
aus einer handschriftlichen Notiz Goercke's in dem oben erwähnten 
Exemplare der Geschichte des Friedrich Wilhelms-Institutes hervor. 
Auf Seite 199 wird eine Kabinetsordre zitirt, in der in Aussicht ge- 
stellt war, für die Zöglinge ein grösseres Wohngebäude zu errichten 
(1816); Goercke schreibt daneben: „Hufeland verhinderte". 

Interessant sind die in mehreren Schriften jenei Zeit sich findenden Hin- 
weise auf die historische Entwickelung unsrer ärztlichen Titulatur. Der Arzt, der 
Medikus, der Physikus, der Magister in physica war Arzt und Chirurg (heute 
noch physician in England). Im 13. Jahrhundert kamen neue Titel auf: Doktor, 
Licentiat, Baccalaureus, ursprünglich alle Clerici. Eine Zeit lang wurden nur die 
Lehrer an den Universitäten Doktoren genannt; aber schon im 14. Jahrhundert 
finden sich artium oder philosophiae et medicinaeDoctores, dann wieder Magistri in 
artibus et chirurgia, Doctores medicinae et chirurgiae, medicinae utriusque oder 
Doct. medicinarum, s. in medicinis (ungefähr 1450 — 1650). Im 16. Jahrhundert 
findet man zuweilen den Titel Medicus physicus schon als Bezeichnung für den 
Verwalter eines Physikatsamtes. Nach den Verordnungen des Kaisers Friedrich II. 
verlieh die Fakultät der berühmten Universität zu Salerno auch Titel und Frei- 
brief für Magistri in chirurgia, auch wohl Chirurgi physici genannt, die Leib- 
und "Wundärzte zugleich waren. Wollten diese ihr Fach an der Universität lehren 
und ausüben, dann mussteu sie erst Magistri in physica werden. Der Doktortitel 
löste den Titel Magister ab ; vielleicht ist es als Uebergangserscheinung zu be- 
trachten, wenn damals einige Aerzte z. B. Bertaplagia und Vigo zugleich 
Doktor und Magister genannt werden. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war 
der „Doktor" dem Medicus reservirt, der natürlich auch Doctor med. et chir. sein 
konnte. Seitdem wurden immer häufiger Doktoren der Chirurgie ernannt, sodass, 
wie Grüner sagt, dieser Titel beinahe zu gemein und verächtlich wurde. Und 
dazu kam nun noch die Konkurrenz der Josephs-Akademie, die unter lateinischen 
Disputationen und grossen Feierlichkeiten den Titel Magister der Wundarznei ver- 
lieh. Da erwachte die Eifersucht der Medici und die Fakultäten fingen an, ihr 
altes Recht auszuüben und selbst Doktoren der Chirurgie zu ernennen. Nach 
Wieger (s. o.) erklärte die Strassburger Fakultät, in einem Streite mit Lob- 
st ein, dass es ihr Recht sei,, das Diplom eines Doctor chirurgiae auszustellen; 
sie stützt sich dabei auf 2 Fälle, von denen der eine vom 21. Februar 1709 einen 
Dr. Holtzendorff, höchst wahrscheinlich den späteren Generalchirurgus be- 
trifft. (Auch über Bilguer finden sich in diesen Akten interessante Nachrichten.) 

Als Friedrich Wilhelm III. zur Regierung kam, wurden mehrere 
Verbesserungen des Medicinalwesens eingeführt; so ein für jene Zeit 



— 27 — 

mustergültiges Dispensatorium und ein neues Reglement für die Prü- 
fung der Aerzte, Wundärzte und Apotheker. Das Obercollegium me- 
dicum gab einen eingehenden Bericht über die neueren Vorschläge 
zur Ausrottung der Blattern ab; die "Weihnachtsgeschenke der Apo- 
theker an die Aerzte wurden verboten (Form ey 's Ephem.). 

Kurze Zeit darauf (1805) erschienen anonym „Briefe über das 
Studium der Medicin für Jünglinge, die sich ihr widmen wollen" (Verf. 
G. H. Schubert) und im Jahre 1811, ebenfalls anonym, die „Erfah- 
rungen und Bemerkungen aus dem Felde der medizinischen Praxis". 
Beide Schriften sind maassgebencl über die Anschauungen der besseren 
Medici jener Zeit über ihre Ausbildung und über ihre Leistungen. Die 
„Briefe", sehr gut gemeint, sehr ideal gehalten, sind nach unseren 
Begriffen phantastisch und unpraktisch; dass wahres Verständniss der 
Alten der Schlüssel zum Heiligthume der Medizin sei, werden Viele 
gerade in unseren Tagen gerne bestätigen; dass wir aber Chemie und 
Physik dabei nahezu ganz entbehren können, wohl nicht. Die Natur 
sei kein Mechanismus, sondern göttliches Gesetz; keine todte Materie, 
sondern lebendiger Geist; Physik und Mathematik haben Nichts damit 
zu schaffen. Licht, Magnetismus, Electrizität, Wärme sind nur ver- 
schiedene Erscheinungen des Lebensgeistes — Sonne und Planeten 
sind wie Seele und Leib; sie sind in Geist und Wahrheit Eins. — 
Die Luft ist nicht, wie die gewöhnliche Chemie angiebt, aus und N 
mechanisch gemengt, sondern sie ist und N nur mit Beziehung auf 
den Körper, der sie athmet; sie ist gleichsam die Seele des grossen 
Thieres, Erde genannt. Lebenskraft, Lebensprincip sind widersinnige 
Hypothesen, die ganze Natur ist Geist. Für das Studium ist es von 
Wichtigkeit, nicht gleich mit der Logik anzufangen; das kann den 
Lernenden für immer zu Grunde richten. Zuerst kommen die Natur- 
wissenschaften: Botanik, Chemie, Physik, Mineralogie, Geologie und 
dann erst Philosophie (dabei warnt Verf. vor Kant), xlnatomie (auch 
vergleichende) soll gründlich getrieben werden, ebenso Physiologie; 
aber diese nicht nach den herrschenden mechanischen Vorstel- 
lungen. 

Trotz seiner hochidealen Ansichten empfiehlt der Verf. das 
Brown 'sehe System wegen seiner Einfachheit und Klarheit; ebenso 
lebhaft empfiehlt er das Studium des Paracelsus, allerdings erst 
nach gehöriger Vorbildung; geradezu begeistert wird er bei der Er- 
wähnung von Goethe 's Faust, diesem „Feuerquell von Leben und 
Liebe, wie deren wenige fliessen in allen Landen und Zungen". 

Offenbar ist der Verf. ein richtiger, auf sein Wissen stolzer Me- 
dicus purus; er giebt noch eine Reihe guter, noch heute gültiger 



— 28 — 

ethischer Vorschriften für den Arzt und sucht die eigene Ueberzeugung 
von der idealen Bestimmung seines Berufes auch dem jungen Freunde, 
an den die Briefe gerichtet sind, mitzuth eilen. Den Nutzen exacter 
Wissenschaften für die .Medizin scheint er viel zu gering, den der 
Philosophie viel zu hoch anzuschlagen. 

Ganz anders ist das in den „Erfahrungen und Bemerkungen"; 
sie sind von einem alten Arzte niedergeschrieben y als er schon 50 Jahre 
in Thätigkeit war. und sind voll von grossartiger Selbstverherrlichung. 
Er rühmt wiederholt seine Art zu arbeiten, zu forschen, zu beob- 
achten und zu behandeln. Studien über Physik, Physiologie, Natur- 
geschichte, Chemie, Pharmazie und Mat. med. trieb er, als er schon 
Arzt war. noch 15 Jahre lang; erst dann fing er an, zu praktiziren. 
Seit 1774 ward seine medizinische Praxis eine der stärksten und ge- 
schäftsvollsten. Unzählige Male heilte er Kranke, an denen die Aerzte 
alle ihre Kunst fruchtlos verschwendet hatten. Nur solche Kranke 
wurden nicht von ihm geheilt, die er nicht in der Behandlung be- 
halten konnte (!). Seine Vorbilder waren Zimmermann, Boerhave 
und Sydenham. — Im 6. Decennium seines Alters wurde er Ge- 
heimrath und Leibarzt. — Er machte oder erniedrigte die Heilkunst 
nie zu einem Gewerbe; er liebte und übte sie nicht um des Gewinn- 
stes willen, sondern um ihrer selbst willen und als eine treffliche Ge- 
legenheit, Wohlthaten zu erweisen, Glück und Freude zu schaffen, 
sich Liebe und Freundschaft seiner Mitmenschen zu erwerben — — 
(goldne Worte; nur schade, dass er sie von sich selbst rühmend sagt!) 
— Mit der Zunahme der Erfahrungen verminderte sich sein Ver- 
gnügen an Theorien und Systemen; er sah ein, dass der goldne Mittel- 
weg, der zwischen Theorie und Erfahrung hindurchführt, allein der 
wahre Weg des echten Praktikus sei. Die Anwendung der trans- 
cendentalen Philosophie auf die Medizin bringt mehr Schaden, als 
Nutzen: die Brown'sche Lehre ist unhaltbar und bedeutet einen 
Rückschritt in die Zeit des Paracelsus, Helmont, Sylvias, trotz 
der Empfehlung von J. Frank u. A. — Die ganze Spekulation und 
Systemsucht ist Papageien Weisheit! 

Diese beiden Schriften beweisen zur Genüge, wie verschieden 
unter den Aerzten selbst die x^nsichten über die beste Art des Stu- 
diums und der Ausübung der ärztlichen Thätigkeit waren 1 ); das ist 
auch heute noch nicht besser; damals waren aber die Gegensätze 
schärfer, die Parteien heftiger und bei dem häufigen Wechsel der 



1 ) Vergl. auch Plouquet, DerArzt, oder über die Ausbildung, das Studium, 
die Pflichten und Klugheit des Arztes, Tübingen 1797. 



— 29 — 

Systeme auch viel zahlreicher; sie mussten dcmgcmäss auch mehr 
Verwirrung in Wissenschaft und Praxis hineintragen. 

Von den Hülfswissenschaften der Medizin wurden am Ende 
des 18. Jahrhunderts Chemie und Naturgeschichte, besonders Botanik, 
eifrig getrieben und gefördert. Die Entdeckungen Lavoisicr's u. A. 
führten zu einer Wiederbelebung der alten chemischen Theorien und 
Systeme; doch war diese Richtung nur von kurzer Dauer. Die Phi- 
losophie bemächtigte sich der Medizin; die Lehre vom menschlichen 
Körper, speciell die Physiologie, wurde ein Tummelplatz metaphy- 
sischer Spekulationen; sie war nach Schelling ein Theil der trans- 
cendentalen Philosophie; Naturlehre und Medizin hatten gar keinen 
wissenschaftlichen Werth, wenn nicht alle ihre Begriffe a priori de- 
ducirt und die Möglichkeit der ganzen Erfahrungswelt aus Prinzipien 
hergeleitet wurde. 

Die absolute Identität des Geistes in uns und der Materie ausser 
uns galt als sicher; der Geist wurde über die Lebenskraft gestellt. 
Von Anderen wurden Reizbarkeit, Empfindlichkeit, Nervenkraft als 
Lebensprinzip angenommen. Nach Blumenbach lag die Lebenskraft 
nicht im Blute, sondern jeder Theil hat sein eigentümliches Leben. 
Ein Buch über die Lebenskraft schrieb damals A. G. Rose (Göttingen 
und Braunschweig 1797). Dieser philosophischen, aus Begriffen ent- 
wickelten Naturlehre des menschlichen Körpers gegenüber blieb Acker- 
mann auf dem Standpunkte der Chemiatrie: „Die thierischen Ver- 
richtungen werden erklärt durch den beständigen W r echsel der uns itzt 
bekannten chronischen Urstoffe, des Kohlen-, Sauer- und Wärmestoffes". 
Im Jahre 1796 trat auch Hahnemann mit seiner Theorie „Similia 
similibus" auf. Eckartshausen veröffentlichte 1800 den Entwurf 
einer ganz neuen Chemie durch die Entdeckung eines allgemeinen 
Naturprinzips: Es giebt 2 Stoffe in der Natur, 1. den aktiven Sonnen- 
stoff oder Naturschwefel und 2. den passiven Erdstoff; durch ihr 
Missverhältniss wird die Entstehung der Krankheiten erläutert. 

Auf diesem unfruchtbaren Gewühl immer neuer Spekulationen erhob 
sich schliesslich die „Missgestalt des thierischen Magnetismus" 
(Virchow) 1 ). Schon vorher hatte man den lange vergessenen Ein- 



1 ) S. Bd. L, S. 17. — Eine ausführliche Darstellung dieser zu unserer Zeit 
in ähnlicher Weise unter anderen Namen wiederholten Dummheiten und Schwin- 
deleien giebt Ave-Lallement, Leipzig 1881: Der Magnetismus mit seinen my- 
stischen VeriiTungen. Kulturhistorische Beiträge zur Geschichte des deutschen 
Gaunerthums. — Ferner H. R. P. Schroeder, Leipzig 1899: Geschichte des 
Lebensmagnetismus und Hypnotismus von den Uranfängen bis auf den heu- 
tigen Tag. 



— 30 — 

fluss der Gestirne auf den menschlichen Organismus wieder „ent- 
deckt"; nicht als Vorausbestimmung von Glück und Unglück, von 
besonderen guten und schlechten Eigenschaften wurde dieser geheim- 
nissvolle Einfluss aufgefasst; wohl aber sollte eine ganze Reihe perio- 
discher Zustände, wie die .Menstruation, manche Fälle von Epilepsie, 
ja nach Balfour die kritischen Veränderungen in den hitzigen Fiebern 
ihre Ursache — im lieben Monde haben (Grüner 1. c). Sogar 
Sprengel kann es nicht begreifen, dass Gren in seiner Materia 
medica die Ochsengalle, die Badeschwämme, die Krähenaugen etc. 
als unwirksam verwirft; Gerbi in Florenz empfahl 1794 zerriebene 
Käfer gegen Zahnschmerz. 1 ) Und wenn Hufeland in seinen Ideen 
über Pathogenie und Einfluss der Lebenskraft auf Entstehung und 
Form der Krankheiten (Jena 1795) folgende Erklärung des Fiebers 
giebt: 

„Das Fieber besteht in der spezifischen Reizung der thieri- 
schen Sensibilität mit vermehrter Reaktion des arteriösen Systems 
und aufgehobenem Gleichgewicht der Kräfte" — 
dann war der Boden w T ohl reif für den Mesmerismus, der nun mit 
kurzen Unterbrechungen Jahrzehnte lang die Köpfe der Zeitgenossen 
schwindelig machte (Grüner), und der wie eine im Finsteren schleichende 
Seuche auch Personen der besten Denkart und von gutem Prüfungs- 
geist ansteckte. Der Streit darüber war bis in die höchsten Gesell- 
schaftsklassen hinauf so heftig, dass dauernde bittere Feindschaft 
unter Freunden und nahen Verwandten dadurch entstand. Man wusste, 
dass an den Erscheinungen des Magnetismus damals nichts Neues 
entdeckt war; man wusste, dass sie bei Nervenkranken ganz von 
selbst, ohne Manipulationen, z. Th. durch allerlei Einbildungen, wie 
bei Besessenen, sogen. Hexen u. s. w. entstanden; dass man sie durch 
Ansehen, durch Reibungen „an kitzlichen Orten" bei diesen Personen 
hervorrufen kann, und dass sie bei Anderen, z. B. bei Nachtwandlern, 
sich auf vorhergegangene Empfindungen und Vorstellungen gründen. 
Freilich wurde hier und dort auch schon damals nachgewiesen 
(Braun schweig), dass das Ganze eine verabredete Betrügerei war. 
Grüner befürchtet mit Recht schon 1789, dass diese Dinge bei der 
Nachwelt einen starken Schatten auf die vermeintliche Aufklärung 
ihrer Zeit werfen würden, und wünscht, dass ein sachverständiger 
Arzt eine psychologisch-physiologisch-praktische Abhandlung schreiben 
möchte, die von Thatsachen ausgeht und mit der positiven Erklärung 



x ) Kornkäfer, Sonnenkäfer, Blattkäfer: zwischen Leder zerrieben. (Spren- 
gel 1. c. S. 210 u. 417.) 



— 31 — 

schliesst, ob und wie weit diese Manipulationen zur Erregung oder 
Stillung der Nervenkrankheiten beitragen, ob der Arzt dieselben mit 
Würde und Anstand in die Klasse der Hülfsraittel aufnehmen 
könne, und in welchen Fällen sie angewendet und nicht angewendet 
werden dürfen. „Kurz, man wünscht einen medizinischen Beweis, ob 
die ganze Sache eine blosse Täuschung oder Wahrheit sei." — Dieser 
medizinische Beweis sollte nicht lange ausbleiben; der vortreffliche 
Seile gab schon 1790 auf Grund sorgfältiger, unter seiner Aufsicht 
vom Wundarzt (Pensionär) Lohmeyer in der Charite angestellter 
Experimente ein sehr abfälliges Urtheil über den thierischen Magne- 
tismus, ein Urtheil, das für diese und ähnliche Fragen noch 
heute als massgebend betrachtet werden kann. Es hatte auch 
denselben Erfolg, den es heute haben würde; nach wenigen Jahren 
herrschte derselbe wilde Zauber wieder überall und, unter Bischofs- 
werder und Wöllner, leider auch bis in die höchsten Kreise 
hinein, die freilich von jeher, auch in dem sogenannten Jahr- 
hundert der Aufklärung mit wenigen Ausnahmen für diese ge- 
heimnissvollen, unbegreiflichen, überirdischen Dinge eine besondere 
Neigung gezeigt hatten. Dass auch Männer wie Kiesewetter und 
Gmelin den thierischen Magnetismus vertheidigten, dass noch im 
19. Jahrhundert manche ihn empfehlende Schrift erschien 1 ), liegt 
vielleicht daran, dass bei empfindlichen und unempfindlichen Individuen, 
namentlich bei nervösen Frauen zweifellos schon damals Hypnose und 
Suggestion, ohne dass man diese aus der trüben allgemeinen Sammlung 
herauslöste, angewendet sind. Streit und Verwirrung wurden aber 
noch ärger, als die grossen Entdeckungen Volta's, Davy's u. A. 
über Garvanismus und Magnetismus bekannt und von interessirter 
Seite sofort für den Mesmerismus in Anspruch genommen wurden. 
Da musste es als eine wahre Erlösung erscheinen, als zuerst i. J. 1790 
eine einfache, leicht verständliche Lehre von den Krankheiten und 
ihrer Behandlung mitgetheilt wurde, die alle die bekannten, ver- 
wickelten bisherigen Systeme völlig zu beseitigen schien. Sie stammte 
von einem der zahllosen Brown's, hatte ihre Vorläufer an Fr. Hoff- 
mann und Cullen, und wurde, nachdem J. Brown sich schon 
10 Jahre lang damit beschäftigt hatte, in Deutschland 1790 bekannt, 
und zwar durch Girtanner, der sie zuerst als eigenes Erzeugniss 



x ) K. Kiesewetter, F. A. Mesmer's Leben und Lehre. Berlin 1814. — 
K. Wolfart, Erläuterungen zum Mesmerismus. Berlin 1815. — F. A. Mesmer, 
Mesmerismus. System der Wechselwirkungen. Theorie und Anwendung des 
thierischen Magnetismus. Herausgegeben von Wolfart, Berlin 1815 und 1816. 



— 32 — 

hinstellte, später aber 1 ) Brown anerkannte und viel zur Verbreitung 
der Lehre in Deutschland beitrug. Dasselbe gilt von Weikard, der 
1795 eine ausführliche Arbeit darüber schrieb. Es gab überhaupt, 
nachdem man die örtlichen Krankheiten abgetrennt hatte, nur 2 Haupt- 
formen, die aus Anhäufung von Reizen und die aus Erschöpfung durch 
Reize, durch vermehrte oder verminderte Erregung, Sthenie und As- 
thenie entstehenden Krankheiten. Mit der Beobachtung der Symptome 
brauchte man sich nicht viel abzugeben; es kam nur darauf an, den 
Grad der Erregung, die Heftigkeit oder die Schwäche der Reize zu 
bestimmen. Das System war, wie Gilbert 2 ) sagt, zu einfach, um 
auf Wahrheit Anspruch machen zu können. Auch Sprengel 3 ) und 
A. F. Hecker 4 ), Hörn, Himly u. A., sind bei aller Anerkennung 
nicht blind gegen seine Fehler und Lücken. Sie loben, wie P. Frank 
(1797) die Einfachheit und tadeln doch die Einseitigkeit und Allein- 
herrschaft der Sthenie und Asthenie. Ein heftigerer, aber damals in 
seiner Beweisführung nicht überzeugender Gegner war Hufeland. — 
Von der Direktion des Oesterreichischen Militär-Medizinal- 
wesens wurde 1796 ein Regulativ an die Feldärzte in Italien erlassen, 
worin die Ursache der bisherigen grossen Sterblichkeit in den Armeen 
der ausleerenden und schwächenden Methode zugeschrieben und — 
wie Sprengel meint — sehr vorläufig, sehr einseitig und sehr un- 
weise auf die Brown'sche Eintheilung der Schwäche aufmerksam 
gemacht wurde. Die Aerzte waren danach verpflichtet, die reizende 
und stärkende Behandlungsart anzuwenden 5 ). Es gab sogar eine 
Pharmakologie, in der nur sthenische und asthenische Arzneimittel 
unterschieden wurden. Die Hauptmittel waren Alkohol und Opium. 
Ein eifriger Anhänger Brown 's, wenn auch mit manchen spitzfindigen 
philosophischen Floskeln, war Röschlaub. Er schrieb ein besonderes 
Werk über „den Einfluss der Brown 'sehen Lehre auf die praktische 
Heilkunde" (Würzburg 1798) und ein besonderes „Magazin zur Ver- 
vollkommnung der theoretischen und praktischen Heilkunde in der 
Medizin" (Frankfurt 1799—1807, 10 Bände); auch in seinen Unter- 



!) Göttingen 1797 und 98. 2 Bde. 

2 ) Les theories med. mod. Paris, an VII (1799). 

3 ) In der „Kritischen Uebersicht" (s. o.) S. 304. 

4 ) Die Heilkunst auf ihrem Wege zur Gewissheit (s. o.), Wien 1805. S. 159. 

5 ) Regulativ zur besseren Heilart der Krankheiten überhaupt, besonders der 
Nervenfieber für die K. K. Militärärzte in Italien. Heilbronn 1796. — Auch 
Becker' s „Peldscheerer in Kriegs- und Friedenszeiten", Leipzig 1806, dem Erz- 
herzog Karl gewidmet, eine einfache Lazaretligehülfeninstruktion, betrachtet die 
inneren Krankheiten noch nach Brown' sehen Principien, 




C. W. Hufeland. 



— 33 — 

suchungen über Pathogenie, oder Einleitung in die menschliche Theorie 
zeigt er sich als Anhänger Brown's; uns klingt es freilich furchtbar, 
wenn er sagt: „Die Krankheit ist die Bedingniss, die in der Beschaffen- 
heit des Organismus liegt, von der jedes Uebelbefinden der orga- 
nischen Verrichtungen abhängt." Nach Clark war übrigens das gelbe 
Fieber eine Krankheit von höchster Erregung bei angehäufter Erreg- 
barkeit. — H. W. Lindemann steht in seinem „Entwurf, die ver- 
züglichsten Krankheiten der Soldaten im Felde schneller und glücklicher 
zu heilen" (Berlin 1799) noch fast ganz auf dem Standpunkte 
Brown's. Knebel erklärte, wie Sprengel berichtet, das Wesen des 
Tetanus als „Asthenie der Organe für die Verrichtungen des Willens", 
während Wedekind in den „Nachrichten über das französische 
Kriegsspitalwesen" (Leipzig 1797) von Laurent berichtet, dass er 
gegen den Tetanus den äusseren Gebrauch der Oele mit innerer An- 
wendung wurmtreibender Mittel empfahl, weil er diese Krankheit z. Th. 
von Würmern herleitet. 

Gilbert (1. c.) weist auf den grossen Nachtheil der System- und 
Hypothesensucht hin; der wahre Arzt bekennt sich zu keinem System, 
er zieht aus jedem den Vortheil, den es allezeit gewähren wird, wenn 
man es auf den Prüfstein der Beobachtung bringt. Die Chemiater 
führen wieder in die Irrgänge der Humoralpathologie. Als Chemiater 
wäre Peart zu bezeichnen, der in seiner Physiologie (1798) die Er- 
scheinungen des Lebens auf die Wirkung des Acidum und Alkali 
zurückführt, jenes aus der Luft, dieses aus den Nahrungsmitteln 
stammend, jenes mit ätherischer, dieses mit phlogistischer Kraft ver- 
sehen. 

Immerhin gab es noch viele Aerzte, die ohne viele Theorien und 
Spekulationen ruhig ihrer Erfahrung folgten und nur solche allgemeine 
Grundsätze aufzustellen suchten, die auf Beobachtungen beruhten und 
für den ausübenden Arzt als Richtschnur seines Handelns dienen 
konnten. Einer der Besten darunter war A. G. Richter in Göttingen, 
„zu dessen Werken wir zurückkommen werden, wenn man zur Natur 
und Wahrheit zurückkehrt" (Sprengel). 

In der Physiologie waren trotz der Verschleierung durch die 
Philosophie in jenen Jahren mehrere ausgezeichnete Fortschritte ge- 
macht 1 ). So die Theorie der Athmung von Lavoisier, Crawford und 
Priestley (1790), die 1799 durch Humphrey Davy dahin bestimmt 

!) Massgebend war damals Haller' s Grundriss der Physiologie, aus dem 
Lateinischen von Soem ine ring, mit Anmerkungen herausgegeben von P. F. Me ekel, 
Berlin 1788; für die Chirurgie vor Allem A. G. Richter 's Anfangsgründe der 
Wundarznei. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitiitsw. IS. Heil. « 



— 34 — 

wurde, dass Sauerstoff ins venöse Blut. Kohlensäure und Wasser 
aus den Lungen in die Ausathmungsluft übertrete (Äbidgaerd in 
Bristol erklärte sich dagegen). Dazu kouimen Galvani's Beobach- 
tungen am Froschschenkel (1786 u. erweitert 1791), Spallanzani's 
Untersuchungen (Muskelzuckung durch Reizung des Nerven), die Ent- 
deckungen Yolta's (1793), die Volta'sche Säule (1800), die Beob- 
achtung Carlisle's, dass am Zink sich Sauerstoff, an der anderen 
Platte " sich "Wasserstoff entwickle; die Arbeiten AI. v. Humboldt's 
über die gereizte Muskel- und Nervenfaser (Posen und Berlin 1797). 
Dazu kam Cuvier's vergleichende Anatomie und Bichat's Gewebe- 
lehre (1799). Bemerkenswerth ist auch, dass im Jahre 1792 vier 
"Werke über die Geschichte der Medizin erschienen, von Ackermann, 
Metzger, Hecker und K. Sprengel.- 

Wie schon bei der Beschreibung der letzten Krankheit Friedrich 
Wilhelms II. erwähnt wurde, hatte seit den Entdeckungen Lavoisier's 
u. A. die Verwendung der sogen. Lebensluft, des Sauerstoffs, eine 
grosse Verbreitung gewonnen. Ihn rein und unvermischt einathmen 
zu lassen, wagte man nicht; bis vor wenigen Jahren hat man das 
noch für gefährlich gehalten: jetzt lässt man bekanntlich durch be- 
sondere Apparate (z. B. den Sauerstofftornister bei der Feuerwehr und 
in Bergwerken) den Sauerstoff längere Zeit rein einathmen und sorgt 
nur dafür, dass die ausgeathmete Kohlensäure sofort gebunden wird. 
Es scheint freilich, als ob man damals die verschiedenen Gasarten 
noch nicht so streng auseinandergehalten habe; sonst könnte z. B. 
Beddoes nicht das Einathmen ..künstlicher Luftarten, besonders des 
kohlensauren Gases" so warm empfohlen haben. Er gründete sogar 
ein besonderes Institut für diese Therapie und hatte auch in Deutsch- 
land viele Anhänger; Hufeland wollte sich freilich zu einer unbe- 
dingten Empfehlung nicht verstehen. Später betonte er den Nutzen 
der Lebensluft, also des Sauerstoffs bei Wassersucht und Asthma. 
Bei der Schwindsucht, die W. May für den höchsten Grad der 
Skropheln ansah (und mit Brechmitteln behandelte), hatten ihn Beddoes 
und Fourcroy auch versucht; sie beobachteten zuerst Erleichterung, 
später aber Verschlimmerung des Zustandes, während Baumes darauf 
hinwies, dass es darauf ankomme, die Lebensluft im richtigen Stadium 
der Schwindsucht anzuwenden. Ziemlich einig war man über den 
Nutzen dieser Inhalationen bei Bleichsucht, Skropheln, Rhachitis und 
dem feuchten Asthma, wozu Baumes noch den Scheintod fügt.. 
Bei hitzigen Fiebern wirkten sie schädlich, und Sprengel erklärt 
damit die Thatsache (?), dass bei diesen Krankheiten die verdorbene 
Luft nützlich sei. eine Ansicht, die auch Marcus Herz in Hufe- 



— 35 — 

1 and 's Journal der praktischen Arzneikunde vertritt; gerade die Pa- 
tienten kämen beim Faulfieber durch, die in der schlechtesten Luft 
gelebt hätten. — Für die Verwendung der Lebensluft erklärte sich 
auch Ferro (Wien 1793); Marum, Goodwyn und Gorcy schlugen 
vor, sie bei Ertrunkenen anzuwenden, und gaben dafür Methoden und 
Apparate an. — Aus jener Zeit stammen auch die ersten Versuche 
mit der Einathmung von Stickoxydul; Beddoes und Da vy fanden, 
dass es „uicht nur ohne Beschwerden, sondern sogar mit dem grössten 
Vergnügen und Wohlbehagen" eingeathmet werde. 

Die pathologische Anatomie gewann immer mehr an Bedeutung; 
dafür zeugen die Arbeiten Merkel's (1791), Sandifort's, Baillie's 
und Hunter's, der 1794 seine bekannten Untersuchungen über die 
Entzündung herausgab; er hatte 1785 seine erste „Unterbindung in 
der Continuität" ausgeführt. Ueber das Wesen und die Behandlung 
einzelner Krankheiten handeln z. B. die Arbeiten Fodere's über den 
Kropf; als Ursache sah er die feuchte Luft in den Alpenthälern an. 
Gegen den Krebs im Antlitze empfehlen Theden und Weineck in 
Loder's Journal für die Chirurgie (Bd. I. S. 248) von Neuem das 
Cosme'sche Mittel. Die Kaltwasserbehandlung des Typhus, die (nach 
Wilbrand) J. G. Hahn in Breslau schon 1737 empfohlen hatte, 
wurde von Jackson (1791) und Currie (1798) wieder bekannt ge- 
macht. Sie bestand hauptsächlich in kalten Uebergiessungen im lau- 
warmen Bade, die täglich sehr häufig wiederholt wurden. Wilbrand 1 ) 
erwähnt auch, dass man (1813) zuerst Thermometer zum Messen 
der Körpertemperatur gebraucht habe. Reich besass ein Geheiin- 
mittel gegen das Fieber; 1799 soll es (nach Sprengel) in der Charite 
geprüft sein. Ueber das Resultat dieser Prüfung verlautet nichts. 
Biermann schrieb (Würzburg 1796) über Gelenkkörper, Clossius 
(Tübingen 1796) eine Dissertation: De perforatione ossis pectoralis 
(bei Empyema mediastini und Fractura sterni). Erwähnenswerth ist, 
dass aus jener Zeit der Heftpflasterverband Baynton's (Bristol 1797) 
stammt. Hörne unterschied in derselben Zeit die Ulcera nach dem 
verschiedenen Zustande der festen Theile; bei Geschwüren mit krank- 
hafter Reizbarkeit empfahl er Rhabarber, bei unempfindlichen Ge- 
schwüren Salpetersäure und die Baynton'schen Einwickelungen, bei 
solchen mit „spezifischer krankhafter Stimmung" Quecksilber, Koch- 
salz, das Cosme'sche Mittel und Höllenstein. Whately empfahl 
methodische Einwickelung, um die Gefässe zu komprimiren (Theden). 



*) „Die Kriegslazarethe von 1792—1815 und der Kriegstyphus in Frank- 
furt a. M., Frankfurt a, M. 1884. 

3* 



— 36 — 

Der spätere Generalstabsarzt Wie bei schrieb 1795 seine Dissertation: 
Analecta quaedam de ulceribus peduro vetustis (Erlangen). — Die 
von J asser (s. Bd. I. S. 223) empfohlene Anbohrung des Warzen- 
fortsatzes wurde von Arnemann (Göttingen 1792) in den „Be- 
merkungen über die Durchbohrung des Warzenfortsatzes in gewissen 
Fällen von Taubheit" besprochen; die Operation war in Misskredit 
gekommen, weil der dänische Leibarzt Berger, bei dem sie von 
Kölpin (1791) vorgenommen war, bald nachher an den Folgen eines 
Nervenfiebers starb (Sprengel). — Unter den Verbandlehren nahm 
neben Arnemann's und Henckel's Werken das von Joh. Val. Heinr. 
Köhler (1796): „Eine Anleitung zum Verbände und zur Kenntniss 
der nöthigen Instrumente in der Wundarzneykunst" nach Sprengel 
eine geachtete Stellung ein. In einer modernen Zeitschrift (Deutsche 
med. Presse. 1900. No. 1) befindet sich die Nachricht, dass Girault 
1800 eine Maschine erfunden habe, die die Erschütterung des Reitens 
nachahmte; wir wissen (Bd. I. S. 223), dass dasselbe schon 1783 der 
Regimentswundarzt Kühn in Brandenburg erfunden hatte. 

Interessant sind die weiteren Streitigkeiten über Aetiologie und 
Behandlung der Krätze. Die Wichmann 'sehe Idee der Krätzmilbe 
hält Ackermann in seinem Taschenbuch für Feldärzte (1800) für 
sehr gut; es sei aber noch nicht bewiesen, ob die Milben Ursache 
oder Folge der Krankheit seien. Zu Anfang eines Feldzuges sei sie 
selten, werde aber später immer häufiger. Den Schwefel empfiehlt 
er sowohl hier, wie auch in seinem Handbuch der Kriegsarzneikunde 
(S. 260). Lindemann 1 ) erwähnt die Insekta, die in den Pusteln 
sitzen, spricht aber nicht über ihre ätiologische Rolle; Jäger 2 ) hält 
nach Colombier die Würmer für die Folge, nicht für die Ursache 



1 ) Lindemann, Entwurf, die vorzüglichsten Krankheiten der Soldaten im 
Felde schneller und glücklicher zu heilen, Berlin 1799 (hauptsächlich nach 
Brown 'sehen Principien). 

2 ) J. C. Jäger, Beyträge zur Kriegsarzneywissenschafi. Frankfurt a. M. 
1794—96 (Goercke gewidmet). ■ — Guldener von Lobes und Joh. E. Wich- 
mann hatten 1791 (W. schon 1786) die Krätze sehr ausführlich beschrieben. 
Sprengel sagt aber selbst in seiner „Kritischen Uebersicht" (S. 88), dass die 
Theorie "Wichmann's keineswegs über allem Zweifel erhaben sei. — Der Nutzen 
der Schwefelpräparate (Gehema, Jasser) wird jedoch überall anerkannt. — Uebri- 
gens hat Napoleon selbst mehrere Jahre an der Krätze zu leiden gehabt. Nach 
einer Notiz in dem New York med. Journ. (5. Aug. 1899, p. 204), die aus der Gaz. 
med. de Paris stammt, hat er dem General Gourgaud erzählt: „Die Krätze ist 
eine schreckliche Krankheit; ich bekam sie vor Toulon, wo zwei daran leidende 
Kanoniere dicht vor mir von Geschossen getroffen wurden, so dass ihr Blut 
mich bespritzte. Seitdem hatte ich das Leideu und behielt es bei mangelhafter 
Behandlung auch in den Feldzügen in Italien und Aegypten. Von hier zurück- 



— 37 — 

der Krätze. In den Briefen über das Studium der Medizin (s. o.) 
findet sich die Bemerkung, dass einzelne erleuchtete Geister schon 
vor 100 Jahren gewusst hätten, dass die Krätze eine parasitäre Haut- 
krankheit sei. 

Ueber Schusswunden erschien 1792 Percy's „Manuel du 
chirgnrgien de l'armee" und Massot r s „Essai sur les plaies des 
armes ä feu"; ferner von Dom. Joh. Larrey: „Memoires sur les 
amputations des membres ä la suite des coups de feu" (Paris, an V) 
und Mehee: „Traite des plaies d'armes ä feu" (Paris, an VIII). Man 
ging am Ende des Jahrhunderts über die Bilguer'schen konservirenden 
Vorschriften (s. Bd. I) wieder weit hinaus. Larrey erklärte sich da- 
mals für die primäre Amputation bei schweren Schussverletzungen 
und komplizirten Knochenbrüchen, auch bei herabgekommenen Leuten. 
Mehee freilich wollte nur amputiren, wenn sich Merkmale des heissen 
Brandes eingestellt haben, aber nicht, wenn mit Handfeuerwaffen 
Schusswunden, selbst in den Gelenken, hervorgebracht sind. J. 
L. Augustin 1 ) spricht sich energisch gegen die Möglichkeit der noch 
lange (auch heute noch!) angenommenen Luftstreifschüsse aus; das 
seien alles Prellschüsse; „eine Kugel kann nur verletzen, wenn sie 
trifft" (vgl. unten S. 59 ff). 

In der Hygiene finden wir wieder neben einigen verständigen 
Vorschlägen manches nach unseren Begriffen Widersinnige. Ein Fort- 
schritt war die durch Hufeland betriebene, 1790 erfolgte Einrichtung 
von Leichenhäusern 2 ) (Metzger und Tilius waren freilich 1793 
noch dagegen). Vaughan, der (London 1792) eine Abhandlung über 
den Einfluss der Kleider auf die Gesundheit schrieb, empfahl wollene 
Stoffe dazu. Reimarus vermuthete, class die Erreger der Pest 
vielleicht „belebt oder Thiere" seien; Sprengel (1. c. S. 216) spricht 
sich dagegen aus. Mitchili nahm an, dass die Ansteckung bei 
vielen Krankheiten durch oxydirten Stickstoff, den er „Septon" 
nannte und durch Alkalien bekämpfte, entstehe. B. C. Faust 
(Braunschweig 1791) schrieb einen grossen Theil des menschlichen 
Elends, speziell die häufigen Brüche und die frühe Entwickelung des 
Geschlechtstriebes, dem Tragen von Hosen zu. 



gekehrt, wurde ich endlich von Corvisart durch 3 auf die Brust gelegte Pflaster 
geheilt, die eine günstige Krisis hervorriefen. Bis dahin war ich schlaff und ab- 
gemagert, seitdem bin ich stets wohlauf". 

!) Augustin, Medizinisch-chirurgisches Taschenbuch für Feldwundärzte, 
oder Anweisung, die im Kriege vorkommenden Verletzungen und plötzlichen Zu- 
fälle zweckmässig zu behandeln. Berlin 1807. (Schönes Titelbild.) 

2 ) Neuer Deutscher Merkur 1790. Stück 5. 



— 38 — 

Auch der Versuch einer medizinisch en Geographie (Finke, 
Leipzig 179-2 95' ist zu erwähnen. Ride sehrieb (London 1793) über 
Feldkrankheiten und Krankheiten in tropischen Gegenden. — 

Die wichtigste Entdeckung und eine der wohlthätigsten, die das 
18. Jahrhundert gebracht hat. ist die Verpflanzung der Kuhpoeken 
auf den menschlichen Körper. Die Pocken, bei Hoch und Xiedrig 
gefürchtet, haben nach Faust und Juncker alljährlich in Europa 
400 000 Menschen umgebracht: im Jahre 1791 noch waren sie sehr 
häufig und so bösartig, dass jeder 5. Pockenkranke starb. Die Noth 
waT allgemein: zahlreiche Untersuchungen. Arbeiten und Vorschläge 
zur Verhütung und Behandlung waren mitgetheilt: sogar ein poetischer 
..Aufruf an den Genius des scheidenden Jahrhunderts zur Ausrottung 
der Blattern- erschien in Thorn (1797). Faust und Juncker, die 
auch den Vorschlag einer allgemeinen Impfung 'Inoculation) gemacht 
hatten, sandten 1797 an den Kongress in Piastatt ein „Memoire über 
die Pockennoth" : die Diplomaten werden damals nicht viel daran ge- 
arbeitet haben. Die Inoculation, 1721 von der Lady Montagu in 
England eingeführt, später von Maria Theresia. Friedrich dem Grossen 
und der Kaiserin von Russland empfohlen, hatte viele Gefahren und 
Uebelstände, die Beddoes (Sammlung für praktische Aerzte. Bd. XVII 
zum Theil dadurch verringern wollte, dass er den Pockeneiter zur 
Hälfte mit Wasser verdünnte, um eine mildere Form hervorzurufen; 
sie war und blieb das einzige Hülfsmittel gegen die verheerende 
Seuche, bis Edward Jenner in Berkeley die Schutzkraft der 
Kuhpocken gegen Ansteckung mit Menschenpocken erkannte. Dass 
er die Kuhpocken für identisch hielt mit der Mauke der Pferde, ist 
dabei ohne Belang. Es thut auch seinem Verdienste keinen Abbruch. 
dass hier und da diese Schutzkraft schon früher bekannt und benutzt 
war. Die Impfungen des Schullehrers Plett in Holstein '1791 und 
die Mittheilungen über die Kuhpocken von den englischen Aerzten 
Sutton und Fewster 1765j und Xosh '1781) waren unbekannt 
geblieben. Jenner's erste Arbeit darüber erschien 1798 'in deutscher 
Lebersetzung von Balihorn, Hannover 1799). 2 Jahre später sagt 
Sprengel darüber: „Es ist schon itzt vorauszusehen, dass die Fach- 
welt den Mann einst segnen wird, der die erste Impfung mit Kuh- 
pockeneiter versuchte." Wenige Entdeckungen erregten so schnell ein 
so allgemeines Interesse. In Deutschland wurden die Impfungen im 
Jahre 1799 zugleich in Hannover Balihorn und Stromeyer der 
A ater), in Holstein und Wien vorgenommen: in Frankreich und Eng- 
land bildeten sich Gesellschaften zu ihrer Verbreitung. Dass die 
Impfung nur für eine gewisse Zeit Schutz gewähre, war auch schon 




Dr. Edward Jenner. 



— 39 — 

damals bekannt (Vaume, Sprengel 1. c. S. 522). Dass der Mensch 
dadurch zum Vieh werde, dass das Impfen gegen göttliches Gebot 
sei u. s. w., waren einzelne von den schwachen und haltlosen Vor- 
würfen, die man der Methode machte. 1 ) Jedenfalls hat Sprengel 
Recht behalten, wenn er am Schluss seiner „Kritischen Uebersicht" 
sagt: „Es scheint sich itzt der Zeitpunkt zu nähern, wo man mit 
mehr Wahrscheinlichkeit als jemals die gänzliche Vertilgung der 
Blattern hoffen kann, und Segen der Nachwelt wird der Lohn der 
Männer sein, die zur Erreichung dieses Zweckes auf dem itzt er- 
öffneten Wege das Ihrige beigetragen." — Es sind ganz besonders 
die bei der Armee im Frieden und im Kriege mit der Kuhpocken- 
impfung gemachten günstigen Erfahrungen, die ihren Werth klar und 
unwiderlegbar bewiesen haben. — 





Impfmedaille mit dem Bildniss Jenner' s. 



Im Jahre 1790 wurde die Chinarinde mit Opium gegen — 
Syphilis, die neu eingeführte Angosturarinde gegen Malaria empfohlen 
(Sprengel). Wolstein (Wien 1791, Anmerkungen über das Ader- 
lassen der Menschen und Thiere) griff den damals ungemein ver- 
breiteten Ad erlas s heftig an; er bezog sich dabei viel auf van 
Helmont, einen der berühmtesten „Haematophoben" , der wegen 
seines Wirkens gegen den Aderlass besser als Haematophile zu be- 



x ) In der ausgezeichneten Denkschrift des Kaiserlichen Gesundheitsamtes: 
Blattern und Schutzpockenimpfung, Berlin 1896, sind auch diese historischen 
Nachrichten ausgiebig benutzt. — Von den zahllosen früheren Arbeiten sei hier 
noch genannt: Klesius, Abhandlung über die Kuhpocken und deren natürliche 
und wirksamere Einimpfung, Koblenz 1806 und C. G. Kühn, De necessitate legis, 
qua omnes terrae incolae, qui variolis nondum laborant, vaccinationi subjici debent. 
Lipsiae 1826. — Vgl. auch Kubier, Geschichte der Pocken und der Impfung, 
Bd. I der Bibliothek v. Coler (herausgegeben von Schjerning), Berlin 1901. 



— 40 — 

zeichnen wäre. Derselbe Streit hatte schon 100 Jahre vorher bestanden, 
wie bei der Lebensgeschichte Abraham ä Gehema's gezeigt wurde. 

Manche gute, aber auch manche sonderbare Idee findet sich in 
J. Chr. Wo 1 ff 's Entwurf zur Verminderung der Lagerfieber bey den 
Armeen (Frankfurt a. M. 1791). Bei der Kleidung spielt ein wasser- 
dichter Cancvas, mit dem die Uniformen gefüttert sein sollen, eine 
grosse Rolle. Mit bestem Erfolg könnte in einem Feldlager das Luft- 
bad des berühmten Dr. Franklin angewendet werden; völlig ent- 
kleidet den nackten Körper y 4 Stunde mit Spazierengehen der freien 
Luft aussetzen kann in gewissem Betracht denselben Nutzen gewähren, 
wie das Baden im fliessenden Wasser. Wer sich genirt, der kann 
im Hemde eine Zeit lang im Lager umhergehen. Zur Verbesserung 
der Luft im Feldlager soll wöchentlich einmal oder öfter eine be- 
trächtliche Menge Schiesspulver mit Rauchtoback vermischt hin und 
wieder durch das ganze Lager zu gleicher Zeit auf ein gegebenes 
Signal angezündet, eine gewisse Zahl Stücke gelöst und die Windma- 
schinen in Bewegung gesetzt werden. 

Interessant sind die Praktischen Annalen vom Militari azareth zu 
Cassel über die Zeit von 1787 bis 1793 von Ph. J. Piderit, Hof- 
rath und Garnisonsarzt, dem Nachfolger von Baidinger, als dieser 
nach Marburg ging. P. hatte in den ersten 5 Jahren ca. 1500, in den 
zwei letzten, den Kriegsjahren ca. 1300 Kranke. Er giebt ganz nach 
Art unserer heutigen Berichte die Zahl der Geheilten, der als dienst- 
unbrauchbar Entlassenen und der Gestorbenen — Invalide werden nicht 
besonders erwähnt — und beschreibt eine grosse Zahl von besonderen 
Krankheitsfällen nach Symptomen, Verlauf und Ausgang. 



Der Stand der Kriegschirurgie im Allgemeinen war natürlich am 
Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Freiheitskriege hinein der von 
Schmucker, Bilguer und Theden vertretene. Leider sind, wie 
schon im I. Bande betont wurde, die kriegschirurgischen Mittheilungen 
deutscher Schriftsteller aus dieser Zeit im Gegensatz zu der reichen 
allgemeinen kriegsgeschichtlichen Litteratur und den über innere Krank- 
heiten gegebenen Mittheilungen so spärlich, dass sie allein bei Weitem 
nicht hinreichen würden, uns einen Einblick in die Leistungen der 
Kriegschirurgie am Ende des 18. und in den ersten Jahrzehnten des 
19. Jahrhunderts zu gestatten. 

Unter dem Wenigen, das uns die deutsche Litteratur aus der 
Zeit der Freiheitskriege gebracht hat, ist in erster Linie zu nennen 
C. M. L an gen b eck 's Nosologie und Therapie der chirurgischen 



— 41 — 

Kranheiten, Göttingen 1825, in welcher eine ziemlich umfassende 
Darstellung der Schusswunden enthalten ist. Langenbeck war Ana- 
tom und Chirurg in Göttingen, und nach der Schlacht bei Waterloo 
in den Lazarethen auch militärärztlich thätig. 

Rust, Preussischer Generalstabsarzt und Wirklicher Geheimer 
Obermedizinalrath, widmet in seinen chirurgischen Aufsätzen und Ab- 
handlungen der Kriegschirurgie nur wenige Kapitel. Von hohem 
Werthe ist jedoch ein im ersten Bande seines Handbuches der Chi- 
rurgie erschienener, sehr eingehender Artikel über Amputationen und 
Exartikulationen. 

C. E. von Graefe, Generalstabsarzt in der Preussischen Armee, 
hat nur eine kriegschirurgische Abhandlung über Amputationen 
hinterlassen, „Normen für die Ablösung grösserer Gliedmaassen nach 
Erfahrungsgrundsätzen entworfen", Berlin 1812. 

Von F. Benedict endlich, Professor der Chirurgie in Breslau, 
besitzen wir ebenfalls einen Beitrag zur Amputationsfrage, („Einige 
Worte über die Amputation in den Kriegsspitälern. Ein Sendschreiben 
an Herrn Dr. Gräfe", Breslau 1814). Der Aufsatz ist das Re- 
sultat der von ihm in dem Lazareth zu Breslau gemachten Er- 
fahrungen. 

Wir sind daher nicht zum geringsten Theil auf die Ueberliefernngen 
französischer und englischer Chirurgen angewiesen, von denen 
die ersteren in den siegreichen Kämpfen Napoleons gegen Oesterreich, 
Preussen, Russland und Spanien und während der ägyptischen Expe- 
ditionen, die letzteren ebenfalls in den Napoleonischen Feldzügen 
ihre zahlreichen Erfahrungen gemacht und auch schriftlich niederge- 
legt haben. 

In der Auswahl dieser Schriftsteller folgen wir im Wesentlichen 
den „historischen Studien Billroth 's über die Beurtheilung und Be- 
handlung der Schusswunden vom 15. Jahrhundert bis auf die neueste 
Zeit", Berlin, 1859. 

Da sind zunächst zu nennen die zu Anfang des 19. Jahrhunderts 
erschienenen Werke zweier Franzosen, Dufouart und Lombard. 
Dieselben enthalten für die Kriegschirurgie unserer Epoche wenig 
Charakteristisches; sie folgen in ihren Ausführungen noch ganz den 
Anschauungen des 18. Jahrhunderts (Dufouart, „Theorie der Schuss- 
wunden und ihre Behandlung", übersetzt von Kortum, Jena 1806, 
und Lombard, „Chirurgische Klinik in Bezug auf die Wunden". Frey- 
ber-g 1800.) 

Ferner Johann Mehee, Abhandlung über Schusswunden, deutsch 
von Wiedemann, Braunschweig 1801. Auch Percy's Werke kommen 



— 42 — 

noch in Betracht, da er. n le Goercke de i'armee franoaise", damals 
noch in voller Thätigkeit war; so sein Buch „vom Ausziehen fremder 
Körper aus Schusswunden", übersetzt von Lauth, Strassburg 1789. 
und sein „Manuel du Chirurgien d'armee", Paris 1792 (s. o.). Dahin 
gehört auch das in der Büchersammlung der Kaiser Wilhelms Akademie 
befindliche Manuskript Aclock's: „Abhandlungen über Schusswunden", 
ein Geschenk an Goercke vom Jahre 1801. — Alle diese Autoren 
haben wenig Originelles; sie vertreten mit Ausnahme Percy's, der 
mehr auf eigenen Füssen steht, die Ansichten ihrer Vorgänger, be- 
sonders Ravaton's. wobei die Erfahrungen der Feklchirurgen Friedrichs 
des Grossen auffallend wenig zur Geltung kommen, (s. A. Köhler, 
Historische Untersuchungen, Berlin 1892.) 

Viel Xeues und Originelles enthalten aber die zahlreichen Werke 
von J. D. Larrey, dem Leibarzt und ständigen Begleiter Napoleons I. 
Den ersten Platz nimmt seine „Clinique chirurgicale" ein („Chirurgische 
Klinik oder Ergebnisse der von ihm vorzüglich im Felde und in den 
Miütärlazarethen seit 1792 bis 1829 gesammelten wundärztlichen Er- 
fahrungen-. Lebersetzt von A. Sachs, Berlin 1831). In seinen 
.. Meinoires de Chirurgie militaire et campagnes") (deutsche Ueber- 
setzung Leipzig 1813 und 1819) giebt er neben ausgedehnten kriegs- 
ohirurgischen Erfahrungen eine chronologische Uebersicht der einzelnen 
Kriege und schildert namentlich bei Besprechung der Feldzüge in 
Aegvpten und Russland auch die allgemeinen Leiden und Krankheiten, 
denen das grosse Heer durch Strapazen und ungünstige klimatische 
Verhältnisse ausgesetzt war. Zu erwähnen sind ferner noch seine 
„Relations historiques et chirurgicales de Texpedition de I'armee en 
Egypte". 1803. 

Wichtigen Einblick in den damaligen Stand der Kriegschirurgie 
liefern uns ferner die englischen Schriftsteller dieser Zeit, Hennen, 
Thomson und Guthrie. (J. Hennen, „Bemerkungen über einige 
wichtige Gegenstände der Feldwundarzney", aus dem Englischen über- 
setzt von W. Sprengel, Halle 1820: J. Thomson, „Beobachtungen 
aus den brittischen Militärhospitälern in Belgien nach der Schlacht 
von Waterloo", aus dem Englischen übersetzt von H. W. Buek, 
Halle 1820; G. J. Guthrie, „Leber Schusswunden in den Extre- 
mitäten und die dadurch bedingten verschiedenen Operationen der 
Amputation nebst deren Nachbehandlung", aus dem Englischen von G. 
Spangenberg, Berlin 1821.) Die Erfahrungen Hennen's sind 
theils aus dem spanischen, theils aus dem belgischen Feldzug gegen 
Xapoleon in den Soldatenspitälern geschöpft, welchen er als Deputy- 
Inspector vorstand. Sein Werk bezeichnet Billroth als das gründ- 







Larrey. 



— 43 — 

lichste und gediegenste aus der ganzen englischen Militärchirurgie und 
räth, es solle kein Arzt ins Feld gehen, ohne es gelesen zu haben. 
Das Buch Thomson's ist werthvoll durch die geschichtliche Dar- 
stellung und ausführliche Bearbeitung der Amputationsfrage in^der 
Militärpraxis; von gleicher Bedeutung ist auch das Werk Guthrie 's, 
der seine Erfahrungen in den spanischen Feldzügen 1812 und 1813 
sammelte, welche er bei der englischen Armee unter Wellington 
mitmachte. 

Die Julirevolution 1830 in Frankreich gab W. Dupuytren durch 
die Behandlung der im Hötol-Dieu aufgehäuften Verwundeten reich- 
liche Gelegenheit, neue Erfahrungen seinen in den Jahren 1814 und 
1815 gesammelten hinzuzufügen. Er hielt eine Keine von Vorträgen 
theils als „Klinisch-chirurgische Vorträge im Hötel-Dieu zu Paris, 
gesammelt und herausgegeben von einem ärztlichen Verein" (für 
Deutschland bearbeitet von Emil Bech und Rudolf Jjeonhardi, 
Leipzig 1832), theils von seinen Assistenten Paillard und Marx 
systematisch geordnet und zu einem Lehrbuche verarbeitet („Voll- 
ständiges Lehrbach über die Verwundungen mit besonderer Rücksicht 
auf Militärchirurgie", nach Dupuytren 's Vorlesungen unter Mitwir- 
kung des Dr. 0. F. von Graefe aus dem Französischen bearbeitet 
von Dr. M. Kaiisch, Berlin 1836). 

Schliesslich mögen auch noch die bei den Kämpfen in Algier und 
in der Februar-Revolution in Frankreich vom Jahre 1848 gemachten 
Beobachtungen von Blandin, Baudens, Velpeau, Jobert de Lam- 
balle etc. (gesammelt in den neuesten Vorträgen der Professoren zu 
Paris von Dr. Wierrer. Sulzbach 1849) und die Arbeiten von 
Charteaux und Serrier (s. A. Köhler, 1. c.) in den Kreis unserer 
Betrachtung gezogen werden zur Vervollständigung des Bildes, welches 
wir von der Feldwundbehandlung in der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts zu entwerfen haben. 

Wenn es uns nach dem eben Gesagten nur mit Hilfe der fran- 
zösischen und englischen Autoren gelingen wird, einen Einblick in den 
Stand der Kriegschirurgie der damaligen Zeit zu gewinnen, so sind 
wir bei Beschreibung der Organisation des Feldsanitätswesens ungleich 
besser daran. Hier stehen uns ausser werthvollen Aufzeichnungen 
Goercke's, des verdienstvollen Preussischen Generalstabsarztes und 
ruhmreichen Begründers der chirurgischen Pepiniere, zahlreiche Cabinets- 
Ordres und vor Allem das Preussische Feldlazareth-Reglement vom 
16. September 1787 und die Vorschriften über den Dienst der Kranken- 
pflege im Kriege bei der Preussischen Armee vom Jahre 1834 zur 
Verfügung, Werke von grundlegender Bedeutung, welche schon damals 



— 44 — 

Grosses geleistet und als Vorläufer unserer heut zu Recht bestehenden 
Kriegssanitätsordnung noch Grösseres angebahnt haben. 



In den nunmehr folgenden drei Theilen sollen zunächst die Waffen, 
die Schusswunden im Allgemeinen und ihre allgemeine Behandlung, 
die accidentellen Wundkrankheiten und die Verletzungen der einzelnen 
Körpertheile mit ihrer speziellen Behandlung, sodann die Organisation 
des Feldmedizinalwesens der Königlich Preussischen Armee, die frei- 
willige Krankenpflege und Statistisches aus dem Ende des 18. und 
dem Anfange des 19. Jahrhunderts und zum Schluss die Lebensbilder 
von Mursinna, Goercke, Rust und Graefe zur Darstellung ge- 
bracht werden. 



B. Waffen, Wunden und Wund- 
behandlung. 

I. Die Waffen. 

Nahwaffen — Kernwaffen. Tragbare Feuergewehre. Schweres Geschütz. Geschosse, 
Treibmittel. — Litteratur. 

Die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Verwendung 
gekommenen Waffen theilen wir in Nah- und Fernwaffen. 

Die Nahwaffen 

wurden unmittelbar durch die menschliche Hand in Bewegung gesetzt, 
mit deren Kraft ihre Wirkungen demnach im geraden Verhältniss 
standen. Es gehören dahin die schneidenden Waffen, wie Kavallerie- 
säbel, Infanteriedegen, die Sapeurhacke und die Sense, welch' letztere 
besonders häufig im polnischen Aufstand gegen Russland gebraucht 
wurde, das Jagdmesser, die Sichel und die Axt. Das Material, aus 
dem diese Waffen bestanden, war Eisen oder Stahl. 

Als stechende Waffen fanden Verwendung der einfache Pfeil, 
das knopflose Rapier, der Nagel der Kosakenlanze, bei Volksaufständen 
die Gabel, die eisenbeschlagenen oder einfach verspitzten Stöcke, in 
den Händen von Schülern oder Handwerkern sogar die Zirkelarme. 
Zu erwähnen sind ferner die Spitzpalisaden, spitzige Barikaden, sowie 
die spitzen Fallgatter zur Vertheidigung von Plätzen und Städten. 

Ebenso verschiedenartig wie die Waffen selbst war auch ihr 
Material: Stein, Knochen, Holz, Elfenbein, Eisen und andere Metalle. 

Eine Kombination der genannten Arten bildeten die schneidend- 
stechenden Waffen, die Bajonette, Dolche, Lanzen und die mit 
Schneiden versehenen Pfeile. Das Material war hier wiederum Eisen 
oder Stahl. 



— 46 — 
Grösseres Interesse beanspruchen 

die Ferirwaffen 

oder Feuergewehre, nach der Definition Kortums (in der Vorrede zu 
Dufouarts Theorie der Schusswunden, 1806) „hohle Cylinder, welche 
durch Hilfe des Schiesspulvers in sie geladene Körper fern hin schleudern 
und wo sie hindringen, Tod und Verwüstung anrichten." 

Man unterschied tragbare Feuergewehre oder kleines Gewehr und 
Feuerschlünde oder Artillerie-Stücke. 

Tragbare Fenerge wehre. 

Lange Zeit hindurch waren die Feuerwaffen fast nur im Festungs- 
krieg in Anwendung gekommen. Ihrer Aufnahme in den Feldgebrauch 
war namentlich die Anwendung der Lunte auch hei dem Handgewehr 
und seine plumpe und mangelhafte Arbeit, die unendliche Schwere 
der artilleristischen Geschütze und Geschosse, deren Ladung mehrere 
Stunden in Anspruch nahm, die Unsicherheit der Richtung und der 
Berechnung des Treffpunktes hinderlich. Auch wusste man neu ge- 
wonnene theoretische Kenntnisse zur Verbesserung der Feuerwaffen 
noch nicht praktisch zu verwerthen. So liess man sich z. B., obwohl 
man schon im Beginn des 16. Jahrhunderts den Werth der gezogenen 
Läufe kannte, doch durch die Schwierigkeiten, die sie dem Laden ent- 
gegenstellten, von ihrer Einführung zurückschrecken, gab die damit ver- 
bundenen Yortheile auf und begnügte sich noch Jahrhunderte lang 
mit den geringeren Yvirkungen der glatten Rohre [E. Richter 1 )]. 

Daher haben wir es auch in unserem Zeitabschnitt bei den trag- 
baren Feuergewehren, zu denen die Flinte der Infanterie, die Büchse 
einiger Infanterieabtheilungen und die Karabiner und Pistolen der 
Kavallerie gehörten, fast ausnahmslos mit glatten Rohren zu thun. 
Aber trotzdem war die Flinte, die wahrscheinlich in Deutschland oder 
Frankreich in den Jahren 1630 — 40 erfunden worden war (Demmin), 
schliesslich bis zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit ge- 
diehen. Sie bestand in ihren Haupttheilen aus dem Lauf, an welchem 
der hintere Theil Zündkammer, der vordere Mündung, der innere Raum 
Seele und der Durchmesser Kaliber genannt wurde. Weiter fand sich 
das Schloss und der Schaft. Die Zündvorrichtung bestand aus Hahn 
und Pfanne ; auf letztere wurde das Pulver geschüttet. Der Hahn 
trug den Feuerstein, welcher auf den Pfanndeckel schlug, zunächst 

x ) Yergl. auch Theil I, S. 41, „Schusswaffen und Wundbehandlung" und 
die Lebensbeschreibung Purmanns, z. B. S. 96, wo von „gezogenen Pvohren" die 

Rede ist. 



— 47 — 

das Pulver, alsdann durch das Zündloch die Ladung in Brand setzte 
und das Losgehen des Schusses bewirkte. Das Gewicht der Flinte 
betrug ungefähr 14 Pfund. Die wirksame Schussweite dieser soge- 
nannten Steinschlosszündung rechnete man nur bis 160 ra. Diese 
Art der Gewehre verschwindet mit dem Jahre 1830. 

Die Büchsen und Karabiner der Kavallerie bilden keine besondere 
Klasse. Sie waren allerdings mit gezogenem Lauf versehen (Dem min), 
im Uebrigen aber nach denselben Grundsätzen gebaut, wie die Flinte, 
nur kürzer und leichter. 

Auch die Pistole war auf ähnliche Weise eingerichtet, der Lauf 
jedoch wieder glatt. Der Pistolen-Revolver oder die Repetitionspistole, 
auch Drehpuffer genannt, kam 1815 aufs Neue in Gebrauch durch 
den Waffenschmied L enorm and in Paris. 

Der Uebelstand, welchen die Zündpfanne der alten Flinte mit 
sich brachte, auf welcher das Pulver leicht Feuchtigkeit anzog und 
dadurch häufig sich schwer oder gar nicht entzündete, führte 1807 
durch den schottischen Waffenschmied Forsyth zur Erfindung des 
Perkussions-, Piston- oder Schlagrohrgewehres, welches, durch den 
Waffenschmied Pauly umgeändert, in Frankreich im Jahre 1808, all- 
gemein jedoch erst in den dreissiger Jahren zur Einführung gelangte. 

Bei dem Perkussionsschloss bestand die Anfeuerung aus Knall- 
quecksilber, welches in dem Zündhütchen, einer feinen kupfernen 
Kapsel eingeschlossen, durch den Hahn entzündet wurde. Das Feuer 
wurde durch einen kleinen Kanal (Piston) zur Ladung fortgeleitet. 
Die eigentliche Herrschaft dieser Gewehre dauerte von 1838 — 1850. 

Verbesserungen weitgehendster Bedeutung erfuhren die Schuss- 
waffen schliesslich durch die Einführung der gezogenen Rohre (Mi- 
nie- Gewehr 1849) und der Hinterlader (Dreyse's Zündnadelgewehr, 
1836 erfunden und 1841 in Preussen eingeführt). Sie mögen an 
dieser Stelle jedoch nur kurz erwähnt sein, da ihre praktische Ver- 
wendung bereits einem späteren, als dem von uns zu betrachtenden 
Zeitabschnitt angehört. 

Schweres Geschütz. 

Die Artillerie bediente sich der schweren Geschütze. Hierher 
gehören die Kanonen, Mörser, Steinmörser, Haubitzen und Bomben- 
kanonen oder Karonaden. Sie waren von verschiedenartigem Kaliber 
und verschiedener Länge, und wurden aus Metall, Bronze, Eisen oder 
Kupfer gegossen. 

Welche Bedeutung ihnen schon in den Kriegen unserer Epoche 
zukam, geht aus der Thatsache hervor, dass in den grossen Schlachten 



— 48 — 

Napoleons 1500 Feuerschlünde und darüber gebraucht wurden. In 
den drei Tagen der Leipziger Völkerschlacht feuerte die französische 
Artillerie 250000 Kanonenschüsse ab. 

Was das Stärkeverhältniss der Artillerie zu den anderen Waffen 
anbelangt, so rechnete man nach R. Köhler in den napoleonischen 
Kriegen auf 1000 Mann Infanterie 1 Geschütz und auf 1000 Mann 
Kavallerie 2 Geschütze. 

Die Ladung der Kanonen wurde von der Mündung aus mit dem 
Ansatzkolben in die Pulverkammer gedrückt, hier durch das Zündloch 
mittelst einer Nadel durchstochen und die Anfeuerung eingesetzt; 
wurde diese durch die Lunte angezündet, so ging der Schuss los. 
Dieser war zumeist ein sogenannter Rollschuss, d. h. die Kugel rollte 
bei parallel dem Erdboden gestellter Seelenachse glatt über den 
Boden dahin, alles zertrümmernd, was sich ihr in den Weg stellte. 
Das Kaliber der Kanonen war in jedem Lande verschieden. Bei den 
Franzosen wird von 24, 16, 12, 8 und 4-Pfündigen berichtet, während 
bei anderen Völkern die ungerade Eintheilung in 9, 5, 3-Pfündige 
zu finden ist. Die Tragweite der Kugeln wird von 2150 Toisen 
(Toise [Klafter] = 6 Fuss)_ beim '24-Pfünder und bis 1520 Toisen 
beim 4-Pfünder angegeben. 

Der Mörser war eine kurze und weite Kanone, deren Kaliber 
von 8 — 12 Zoll und darüber variirte. Ihre mittlere Tragweite be- 
trug ungefähr 1100 Toisen. 

Die Steinmörser waren dazu bestimmt, bei Belagerungen auf ge- 
ringere Entfernungen einen Hagel von Steinen zu werfen. 

Die Haubitzen, ebenfalls von verschiedenem Kaliber, wirkten 
hauptsächlich durch die Masse ihrer Geschosse. 

Die Geschosse. 

Die Geschosse der tragbaren Feuerwaffen bestanden 
zumeist aus Blei und waren von runder Form. Ihr Gewicht va- 
riirte ausserordentlich, von Bruchtheilen eines Grans (1 Gran = 
0,06 g) bis zur Unze (1 Unze = 30 g). Zu den Kugeln geringsten 
Umfanges ist das Schrot zu rechnen, dessen man sich aus Mangel 
an Kugeln oft bediente, während das grösste Kaliber durch die aus 
Eisen hergestellte biskaische Kugel vertreten wurde. Aber auch 
das Kaliber der eigentlichen Flintenkugeln war nicht immer ein gleiches, 
obwohl eine gewisse Uebereinstimmung bereits bei den Nationen be- 
stand. Während die Flintenkugel der Preussen 1814 nur 5 Quent- 
chen 44 Gran (6 Quentchen = 10 g) und die der Franzosen 
6 Quentchen 20 Gran wog, hatten die Engländer und Russen bei 



/ 




Larrey. 



— 49 — 

ihren grösseren Flinten Kugeln im Gewicht von 2 Loth 12 Gran 
(6 Loth =■ 100 g), mithin Kugeln im Gewicht von 33—34 g. 

Für die Karabiner und Pistolen der Cavallerie war das Kaliber 
der Kugeln im Wesentlichen dasselbe wie das der Flintenkugeln. 

Die bleiernen Rundgeschosse der Perkussionsgewehre hatten ein 
Gewicht von V-/ 2 Loth, und drangen nach R. Köhlers Angaben 
auf 10 Schritt 3y 2 Zoll tief in einen Eichenblock, durchbohrten auf 
300 Schritt 2 einzöllige Fichten bretter und setzten bis auf 400 Schritt 
den Gegner ausser Gefecht, — vorausgesetzt, dass sie auf diese Entfer- 
nung trafen, was jedoch selten geschah. 

Beim Laden wurden die Kugeln mit einem Pflaster oder Tuch 
umwickelt, um das Verbleien des Rohres zu verhindern, und zwischen 
zwei Pfropfen eingeführt, um dem Entweichen der Pulvergase neben 
dem Geschosse vorzubeugen. Die Pfropfen bestanden aus Papier, 
Lumpen, Kuhhaaren und ähnlichem Material. 

Als von der gewöhnlichen runden Form abweichend sind zunächst 
allerhand improvisirte Geschosse zu nennen, deren man sich bei Mangel 
an Munition bediente, wie Nägel, Knöpfe und verschiedenartig geformte 
Metallstücke. Selbst marmorne und gläserne Kugeln sind in Anwen- 
dung gekommen, wie Beispiele ausserordentlich schwerer Verletzungen 
durch solche Geschosse aus den Julitagen 1830 beweisen. 

Von einer besonderen Art der Kugeln berichtet Larrey, wie er 
sie bei den Mamelucken und Arabern gefunden hat. Hier war ein 
mehr oder weniger dicker Eisendraht durch die Mitte der Kugel hin- 
durchgezogen, oder es war der Gusshals, welcher sich beim Guss 
bildet, daran sitzen geblieben. Auch fand er das Blei mit fremden 
Körpern, wie Steinen, Eisen und Kupfer durchsetzt, wahrscheinlich 
um Metall zu sparen oder die Kugeln verderblicher zu machen. 

Bei den Türken fand Larrey Kugeln mit einem eisernen oder 
kupfernen Stiel, ca. 2 Linien dick und 1 Zoll lang; zuweilen waren 
auch 2 Kugeln durch einen solchen Stiel miteinander verbunden, was 
sie den später beim groben Geschütz zu erwähnenden Stangenkugeln 
ähnlich machte. 

Bei den Arabern fand er ferner Kugeln, welche mit einer kleb- 
rigen Masse überzogen waren; etwaige darunter gemengte ätzende 
Stoffe hat Larrey jedoch nicht erkennen können. Andererseits aber 
hat er festgestellt, dass solche Stoffe durch den Schuss augenblicklich 
vernichtet wurden und die Wirkung der Kugel in keiner Weise zu 
ändern vermochten. 

Widersprechend sind die Angaben über die Verwendung des ge- 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Heft. 1 



— 50 — 

hackten Bleies als offiziellen Geschosses. Larrey selbst erwähnt 
davon nichts; wohl aber behaupten Kortum in der Vorrede zu I)u- 
fouart's Theorie der Schusswunden und Albert Sachs in einer An- 
merkung zu Larrey's Clinique chirurgicale, dass die Franzosen 
es in ihren Kriegen häufiger benutzten: Auf die der Form eben 
entnommene, noch weiche Kugel führten sie mit der Schneide eines 
Seitengewehres einen oder mehrere Hiebe, welche Einkerbungen be- 
wirkten, in welche sich „die Fleischfasern hineinlegten, was dann 
die Ausziehung solcher Kugeln aus dem Körper der Verwundeten sehr 
erschwerte". 

Demgegenüber steht die Ansicht Dupuytren's (in Wierrer's 
Neuesten Vorträgen der Professoren in Paris über Schusswunden), 
welcher die angeblich gehackten Kugeln nur für deformirte hält; je- 
doch giebt er zu, dass in den Wohnungen der Insurgenten mehrfach 
unregelmässige und anormale Kugeln gefunden worden seien. 

Die Geschosse der schweren Geschütze waren eiserne 
Vollkugeln, Hohlkugeln (Granaten) und Kartätschen. 

Die Voll- oder Stückkugeln waren entweder einfach oder zu 
zweien durch eine eiserne Stange verbunden; man nannte sie dann 
Stangenkugeln. Ihr Gewicht war verschieden, man hatte deren von 
y 2 bis 48 Pfund und darüber. Im glühenden Zustande sollten sie 
auch als Brandgeschosse dienen. 

Die Bomben, Haubitzgranaten und Granaten, welche sich von 
einander nur durch Abweichungen in ihrer Grösse unterscheiden, waren 
Sprenggeschosse, d. h. hohle, mit Pulver gefüllte eiserne Kugeln, 
welche mit einem einfachen Säulen- (Brenn-) Zünder versehen waren. 
Derselbe war jedoch nur für eine und zwar die grösste Entfernung 
tempirt (Zeitzünder), da die Geschosse fertig gemacht ins Feld mit- 
genommen werden mussten, und es somit nicht möglich war, den 
Zünder erst im Momente des Gebrauchs für eine bestimmte Entfernung 
zu tempiren. Die Sprengwirkung kam daher beim flachen Bogenwurf 
für gewöhnlich nicht am Ziele selber, sondern erst dahinter zur 
Geltung, und ihre Trefffähigkeit war eine sprichwörtlich schlechte. 
Die langgesuchte Ursache für diesen Mangel wurde endlich in dem 
Nichtzusammenfallen des Schwer- und Mittelpunktes ■ — in der so- 
genannten Excentricität der Geschosse — gefunden. 

Dass die Granate aber schon damals, vorausgesetzt dass sie zur 
richtigen Zeit krepirte und zu voller Wirkung kam, ein höchst mörde- 
risches Geschoss sein konnte, lehrt uns eine von E. Richter mit- 
getheilte Tabelle aus dem „Handbuch für Offiziere, bearbeitet und 
herausgegeben von einer Gesellschaft preussischer Offiziere, unter 



51 



Leitung der Redaktion der Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und 
Geschichte des Krieges", Berlin 1837: 





7-Pfünder 


10-Pfünder 


25-Pfünder 


50-Pfündcr 


Sprengladung 
(Pfund Pulver) . 


/4 


1 


2— 2V 2 


3—4—5 


Zahl der Spreng- 
stücke 


14—16 


16—19 


14—16 


12—14 
10-11 
14—15 


Gewicht des klein- 
sten undgrössten 
Sprengstücks . . 


31/2 L - 2 Pfd. 


10 L— 27 2 PM. 


26 L — 9 Pfd. 


21 L — 19 Pfd. 


Eindringen in 
S 1 ^" starkes Holz 


2'/ 2 " 


2 3 A" 


schlagen durch 


Flugweite der 
Sprengstücke in 
Schritt 


400 


500 


600 


900 



Dupuytren erwähnt 12 zöllige Bomben von 150 Pfund Gewicht, 
18 Linien Dicke (1 Linie = 2 18 /ioo njm) und 5 — 6 Pfund Pulver- 
Inhalt. 

Zu den genannten Geschossen traten nun zu Anfang des 19. Jahr- 
hunderts noch die Shrapnels. Schon im 16. und 17. Jahrhundert 
waren Granaten mit Bleikugeln und einer Sprengladung gefüllt worden. 
Da sie erst nach dem Aufschlagen am Boden krepiren sollten und 
der Zündereinrichtung nach auch dort krepirten, so war ihre Wirkung 
keine eigenthümliche, sondern nur die der gewöhnlichen Granaten. 

Da ergriff im Jahre 1803 der englische Oberst Shrapnel die 
Idee, Geschosse der vorstehend erwähnten Art herzustellen, aber sie 
mit einem derartig bemessenen (tempirten) Zünder zu verschliessen, 
dass sie in geringer Entfernung vor dem Ziele in gewisser Höhe über 
dem Erdboden krepiren und die Bleikugeln von oben herab auf das 
Ziel werfen könnten. Nach H. Müller gebrauchten die Engländer 
diese Shrapnels schon vielfach in dem spanischen Kriege auf Ent- 
fernungen von 450 — 1275 m (Schlacht bei Vimiera 1808, von Tala- 
vera 1809; bei den Belagerungen von Badajoz 1812, von San Sebastian 
1813). Bei letzterer Belagerung sollen 4500 Shrapnels mit sehr 
gutem Erfolge verfeuert worden sein. Der Herzog von Wellington 
und die englischen Generale waren in Folge dessen sehr für diese 
Geschosse eingenommen. Die Franzosen indess leugneten die gute 
Wirkung der Shrapnels oder sprachen wenigstens garnicht davon. 
Erst Beimas, der die Geschichte der Belagerungen in Spanien schrieb, 
hob auf Grund der Akten hervor, die Shrapnels hätten bei den oben 



— 52 — 

erwähnten Belagerungen sehr grosse Verluste verursacht. Dafür 
spricht auch indirekt der Umstand, dass die Franzosen in Spanien 
schon die Shrapnels nachzuahmen suchten. 

In Folge weiterer, mit den Shrapnels in England seit 1819 an- 
gestellter Versuche traten bald als Hauptübelstände hervor: Dass die 
schwierige Distanzschätzung das Bestimmen der richtigen Tempirung 
sehr erschwerte, und dass die Shrapnels in Folge dessen nur sehr 
selten richtig und mit gutem Erfolge wirksam wurden. Der Schwer- 
punkt der ganzen Frage lag offenbar in der Konstruktion des Zünders. 

Auf dem Schiessplatz, wo die Entfernung des Zieles genau be- 
kannt war, erreichte man mit dem 6-Pfünder-Shrapnel in Preussen 
nach dem „Handbuch für Offiziere" 

auf 800 Schritt 14,5 pCt. Kugeltreffer, wovon 7 

„ 1000 „ 15,7 „ „ „ 9 

v 12 00 „ 13,6 „ „ „ 8 

„ 1400 „ 13,6 „ „ „ 6,3 

„ 1600 „ 5,8 „ „ „ 3,5 

„ 1800 „ 10,1 „ „ „ 5,7 
das Ziel durchschlugen (E. Richter). 

Die mit etwa 13 Loth Sprengladung und 130 Bleikugeln geladene 
Granate, aus einer langen 24-Pfünder-Haubitze geschossen, gab 
krepirend 17 Stücke, mit Kugeln und dem einfallenden Zünder also 
148 Geschosse, wovon auf 

Schritte Treffer 





gegen eine Infanterie- 


geg- 


en eine Kavallerie' 




front von 


90' 




front von 90' 


1200 
1000 


45 
57 






60 
70 


800 


60 






75—80 


600 


100 






120 


400 


150 






200 



Die Geschosse wurden dabei so oft gerechnet, als sie ein oder 
mehrere AVände durchschlugen (E. Richter). 

Konnte somit schon das damalige Shrapnel in der That recht 
wirksam sein, wenn man die Entfernungen genau kannte, so war seine 
Wirkung im Gefecht doch nur gering, weil es eben selten gelang, die 
Entzündung der Sprengladung gerade in den richtigen Moment zu 
verlegen. Erst sehr viel später, nach den 70 er Jahren gelang es, 
diesen Uebelstand zu beseitigen und den Zünder so zu konstruiren, 



— 53 — 

dass er je nach der muthmasslichen Entfernung des Gegners die 
Explosion hervorrufen konnte. 

Unter der dritten Art der in unserem Zeitabschnitt gebräuchlichen 
Artillerie-Geschosse, den Kartätschen, versteht man eine Anzahl 
schmiede- oder gusseiserner Kugeln verschiedenen Kalibers von einigen 
Loth bis zu 2 Pfund, welche in einer Büchse von Zinkblech zu einem 
Schuss verbunden waren. An beiden Enden war die Büchse durch 
die Treibspiegel oder -Scheiben von Zink verschlossen, die durch das 
umgebogene Blech der Büchse gehalten wurden. Sie sollten den 
Stoss der Gase gleichmässig auf die einzelnen Geschosse übertragen. 
Die Kartätschen waren Streugeschosse und wirkten nur auf nächste 
Entfernungen, da die Büchse schon in der Mündung des Geschütz- 
rohres zerplatzte, und die Kugeln unmittelbar vor der letzteren ausein- 
ander gingen. Durch Aufschlagen und Abprallen der Kugeln von 
einem harten und ebenen Boden wurde ihre Wirkung nicht unbe- 
trächtlich erhöht, und Rouvroy 1 ) sagt, dass unter diesen Umständen 
die 1 pfundige Kartätschkugel noch auf 1400 Schritt, 

i. i, !200 „ 
v n 100 ° v 
ii ii ii "^0 -n 

ii ii ii 80 ° » 

ii ii ii vOU „ 

einen Menschen ausser Gefecht setzten. Preussischerseits schrieb man 
der einpfündigen Kartätsche nur noch in der Entfernung von höchstens 
1000 Schritt ausreichende Kraft zur Tödtung eines Menschen zu; eine 
6 lothige konnte auf 600 Schritt noch zwei Mann ausser Gefecht 
setzen (E. Richter). 

Endlich bediente man sich noch aus Noth oder vorsätzlich als 
Wurfgeschoss des Hagels , der aus Kugeln, Eisenstücken, Ketten, Nägeln 
u. s. w. bestand und in das Geschütz über die Kartusche gesteckt 
wurde. Die starke Zerstreuung solcher Geschosse richtete in der 
Nähe grosse Verheerungen an. 

Die Treibmittel. 

Als treibende Kraft für die Geschosse wurde durchweg das 
Pulver benutzt. Dupuytren giebt 3 Arten an, das Kriegspulver, 
das Minen- oder Handelspulver und das Jagdpulver, welche sich von 
einander nur durch die Gewichtsmengen der sie zusammensetzenden 
Bestandtheile unterschieden. 



3 A 

14- 


ii 
-16 lothige 


8 lothige 


6 
4 


ii 



Rouvroy, Vorlesungen über die Artillerie. Dresden 1814. 



— 54 — 

( Salpeter 75,00 

1. Das Kriegspulver Schwefel 12,50 

( Kohle 12,50 

( Salpeter 62.00 

2. Das Minen- oder ) Schwefel 20 ,00 
Handelspulver | Kohle 18)00 

( Salpeter 78,00 

3. Das Jagdpulver Schwefel 10,00 

( Kohle 12,00 

Nach Dupuytrens Angabe bildet sich bei der Verbrennung des 
Kriegspulvers das 450 fache Volumen in Gas, auch soll die im Augen- 
blicke der Explosion freiwerdende Wärme die elastische Kraft des 
Gases, welche er auf 40 000 Atmosphären schätzt, beträchtlich er- 
höhen. 

Von noch stärkerer Wirkung war das Knallpulver, welches wegen 
seiner Gefährlichkeit jedoch bald wieder aufgegeben wurde. Es 
bestand aus 

Chlorkali 1,00 

Salpeter 35,00 

Schwefel 30,00 

Geraspeltes Faulbaumholz 17,00 

Lykopodienholz .... 17,00 



Litteratur. 

(Ausser der im Text angegebeneu.) 

Dufouart, Theorie der Schusswunden. 1806. 

Larrey, Chirurgische Klinik. 1831. 

Dupuytren, Die Verletzungen durch Kriegswaffen. 1836. 

E. Richter, Chirurgie der Schussverletzungen im Kriege. 1877. 

Müller, Die Entwickelung der Feldartiilerie. 1873. 

Schott, Grundriss der Waffenlehre. 

Demmin, Die Kriegswaffen in ihren geschichtlichen Entwickelungen. 

R. Köhler, Die modernen Kriegswaffen, ihre Entwickelung und ihr gegenwärtiger 

Stand. Band I. 1897. 
Baudens, Clinique des plaies d'armes ä feu. Paris 1836. 
Sern er, Traite des plaies d'armes ä feu. Paris 1844. 



— 55 



IL Die Wunden und ihre Behandlung. 

1. Allgemeines über Schusswunden und ihre Behandlung. 

Theorien der Schusswunden. Wunderbarer Verlauf von Kugeln. Luftstreifschüsse. 

Untersuchung der Schusswunden. Kugelextraktion. Einheilen von Kugeln. 
Behandlung der Schusswunden (Debridenrent preventif). Blutstillung. Wund- 
behandlung und Verbandtechnik. Allgemeinbehandlung (Diätetik). 

Theorien der Schusswunden. 

Massgebend war die Anschauung, dass die Schusswunden zu 
den gequetschten Wunden mit Substanzverlust gehören, nachdem -die 
alte Ansicht, es handle sich um vergiftete Brandwunden, fallen ge- 
lassen war. In Deutschland hatten schon am Anfange des 16. Jahr- 
hunderts Braunschweig, Gersdorf und Lange, ja noch früher 
Pfohlspeundt eine milde Behandlung der Schusswunden empfohlen 
und nur die Möglichkeit, eine Schusswunde zu einer vergifteten 
(inficirten?) zu machen, angenommen (s. A. Köhler, 1. c. und dessen 
„Weitere Beiträge zur Geschichte des Schiesspulvers und der Geschütze", 
Berlin 1895). In der Mitte des 16. Jahrhunderts waren es weiter 
Pare, Maggi und Gale, welche die von Zeit zu Zeit immer wieder 
auftauchende Anschauung von der Giftigkeit der Schusswunden end- 
gültig widerlegten. 

Dufouart, der sich in seinem Werke: Analyse des blessures 
d'armes ä feu et de leur traitement (Paris 1801) noch eng an die 
Anschauungen und Schriftsteller des 18. Jahrhunderts anlehnt, definirt 
die Schusswunden als Zerreissungen, verbunden mit Quetschung und 
Zermalmung der getroffenen weichen Theile. Als charakteristisches 
Merkmal hebt er den Brandschorf hervor, welcher durch die in ihrer 
Wirkung der Oauterisation durch das Glüheisen ähnliche Zermalmung 
der weichen Theile entsteht. Der Druck der Kugel sei so gewaltsam, 
dass die getroffene Stelle erstickt, die Säfte vertrocknet und das Ganze 
in eine geschrumpfte Borke umgewandelt werde. Anders sei die Wir- 
kung der Kugel auf die harten Theile; diese würden gebrochen, wo- 
durch der durch sie verursachte Knochenbruch aber gleich sei dem, 
der von irgend einer anderen Veranlassung herrühre. 

Nach Thomson (Betrachtungen aus den britischen Militärhospi- 
tälern nach der Schlacht bei Waterloo. Uebersetzung aus dem Jahre 
1820) vereinigen die Schusswunden die Beschaffenheit der ge- 
quetschten und der Stichwunden in sich.. Gleich den Stich- 



— 56 — 

wunden haben sie eine nur enge Oeffnung, gleich den Quetschwunden 
sind die Gewebe, durch welche die Kugel ihren Lauf genominen hat, 
mehr oder weniger ihrer Vitalität beraubt, was besonders die Heilung 
durch Adhäsion unmöglich zu machen scheint. 

Hennen (Bemerkungen über einige wichtige Gegenstände aus 
der Feldwundarznei. Uebersetzung aus dem Jahre 1820) definirt die 
Schussverletzung als eine Quetschung mit oder ohne Trennung 
des Zusammenhangs, während C. M. Langenbeck (Nosologie 
und Therapie der chirurgischen Krankheiten, 1825) neben der Aehn- 
lichkeit mit den Quetschwunden auch wieder ihre Aehnlichkeit mit 
den Riss wunden hervorhebt. 

Dupuytren, dem die drei in der Geschichte Frankreichs merk- 
würdigen Epochen, die Jahre 1814 und 1815, die Julirevolution 1830 
und die Junivorfälle 1832 Gelegenheit zu seinen Beobachtungen gaben, 
hat eingehende Aufschlüsse über die physikalischen Wirkungen des 
Projektils nach Schnelligkeit und "Widerstand gegeben: Jede abge- 
schossene Kugel erleidet Veränderungen in ihrem Laufe, und zwar 
rücksichtlich ihrer Geschwindigkeit, ihrer Richtung und Schussweite. 
Die Geschwindigkeit der Kugel nimmt stetig ab. Die Luft, welche 
sie durchschneidet, setzt ihr einen gewissen Widerstand entgegen, so- 
dass sie von der geraden Linie abweicht und an Geschwindigkeit 
verliert. Trifft die Kugel auf ihrem Laufe einen Körper, so durch- 
bohrt sie ihn und wird dadurch ebenfalls in ihrer Schnelligkeit ge- 
mindert, oder sie wird sogar vollkommen aufgehalten, wenn die 
Dichtigkeit und Festigkeit des Körpers die Kraft der Kugel übertrifft. 
Jedoch kann dieses Anhalten nur dann stattfinden, wenn die Kugel 
in senkrechter Richtung auf den Körper trifft, beim Auftreffen in 
schiefer Richtung wird sie abgelenkt. - 

Die Wirkung, welche die Kugel auf den menschlichen Körper 
hervorbringt, hängt von ihrer Kraft, d. h. der grösseren oder gerin- 
geren Entfernung des Schusses ab. 

Durchbohrt die Kugel den Körper, so wird ihre Bahn durch zwei 
Oeffnungen bezeichnet: Die Eingangsöffnung ist beständig- 
kleiner als die Ausgangsöffnung, und letztere ist zugleich uneben 
und zerrissen, erstere rund, glatt wie mit dem Messer ausgeschnitten 
und von demselben Durchmesser wie der eingedrungene Körper. 

Dieses Verhalten erklärt Dupuytren dadurch, dass die Haut 
bei dem Eingange der Kugel auf den unterliegenden Theilen einen 
Stützpunkt findet, wodurch die Trennung erleichtert, aber die Zer- 
reissung der Wundränder verhütet wird, während die zerfetzte grössere 
Ausgangsöffnung hervorgebracht wird durch den Verlust an Geschwin- 




Dupuytren. 



— 57 — 

digkeit, welchen die Kugel bei ihrem Durchgang durch den Körper 
erleidet. Denn die Geschosse machen, wie er weiter ausführt, um so 
kleinere Oeffnungen und um so engere Kanäle, mit je grösserer Kraft 
sie geschleudert werden, und um so weitere, je mehr die Kraft nachlässt, 
was, wenn es auch auf den ersten Blick widersprechend erscheint, sich 
doch dadurch recht gut erklären lässt, dass eine mit grösster Schnellig- 
keit fortgetriebene Kugel die ihr im Wege stehenden Gegenstände ohne 
Erschütterung, Zerreissung und Splitterung durchbohrt, während sie bei 
nachlassender Geschwindigkeit durch starke Erschütterung einen immer 
weiter werdenden Kanal erzeugt und zuletzt, wenn ihre Kraft ganz er- 
lischt, in der Mitte des Körpers, in den sie eingedrungen ist, anhält, 
zuvor aber noch Veränderungen hervorbringt, die den von ihr einge- 
nommenen Raum vergrössern. Als Stütze für seine Behauptung sieht 
Dupuytren besonders auch die Thatsache an, dass er bei Schüssen, 
die durch hintereinander fixirte Bretter gingen, die Löcher in den 
folgenden grösser und die Splitterungen immer bedeutender fand, als 
im ersten. 

Die Angabe, dass die Eingangsöffnung kleiner, die Ausgangs- 
öffnung grösser sei, finden wir ebenfalls bei Dufouart, Hennen, 
Larrey und Baudens. Langenbeck bezeichnet das Eingangsloch 
sogar als sehr klein und mit dem Umfange der Kugel in keinem Ver- 
hältniss stehend. Diese erzeugt auch hier, wo sie von den ganzen 
Weichtheilen den meisten Widerstand findet „bei vorwärts gedrückter 
Haut und glatten Wundrändern, die stärkste Quetschung und Gewebs- 
blutung." Beim Ausgange dagegen, wo jeder Widerstand fehlt, wirkt die 
Kugel mehr dehnend und zerrend, die Wundränder sind zerfetzt und 
nach aussen gedrückt, die Contusion und das Extravasat jedoch geringer. 

Entgegengesetzter Ansicht ist allein Blandin (in Wierrer's 
Neuesten Vorträgen der Professoren in Paris 1849): er behauptet, dass 
die Ausgangs Öffnung immer kleiner sei, als die Eingangsöffnung, was 
Dupuytren einzig und allein nur für den Fall gelten lässt, wenn die 
Kugel aus unmittelbarer Nähe abgeschossen worden ist. Hier kommt 
ausser der grössten Kraftäusserung der Kugel auch noch die Ex- 
plosionswirkung des Pulvers hinzu. Die Austrittsöffnung ist zwar 
auch hier wieder ungleich und zerrissen, die Eintrittsöffnung' jedoch, 
trichterförmig erweitert, schwarz, verbrannt und mit Kohle und Pulver- 
körnern bedeckt. 

Abweichend von den bisher über die Geschosswirkung aufge- 
stellten Theorien ist diejenige von Baudens, welcher seine Erfahrungen 
in dem französischen Feldzug in Algier (Clinique des plaies d'armes 
ä feu, Paris 1836) und während der Februarrevolution in Paris 1848 



— 58 — 

gesammelt hat (Wiener, 1. c). Nach ihm wirken die Projektile 
vollkommen nach Art der Keile, indem sie sich gewaltsam mit Zer- 
reissung und Splitterung der Gewebe in diese eintreiben. Infolge- 
dessen hat der Wundkanal, wie schon Percy beobachtet hat, die 
Gestalt eines Kegels, dessen Spitze der Eintritt und dessen Basis 
der Austritt der Kugel bildet, ßaudens erklärt das dadurch, dass 
die Schwingungen der Kugel mit verminderter Schnelligkeit grösser 
werden. Deshalb, behauptet er, seien auch nicht immer, wie man 
allgemein angenommen hatte, die Verletzungen aus der Nähe die ge- 
fährlicheren, denn ausser von der Schnelligkeit des Projektils hinge 
die Wirkung auch von dem Widerstand des Ziels und der Natur seiner 
Stoffe ab. Die Zerstörung im Knochen wird zum Beispiel beim Schuss 
aus geringerer Entfernung um so bedeutender sein, als die Kugel durch 
grössere Schnelligkeit belebt, einen grösseren Widerstand gefunden. 
Ist aber die Kugel auf ihrer Bahn nur Weichtheilen begegnet, so 
wird deren Verletzung um so weniger gefährlich sein und der 
Wundkanal um so enger, als die Kugel durch grosse Stosskraft an- 
getrieben war, also beim Nahschuss; weil ja die Ausbreitung 
der Schwingungen der Kugel im geraden Verhältniss zur Ver- 
minderung ihrer Geschwindigkeit steht. Ferner hält Bau den s 
den Substanzverlust, den das Geschoss erzeugt, nur für 
einen scheinbaren und schreibt ihn der Elasticität und dem augen- 
blicklichen Zerfetztwerden des getroffenen Hautgewebes zu; denn wenn 
eine Kugel leblose Gewebe durchbohrt, so veranlasst sie einen Riss, 
dessen vorspringende Winkel vollkommen die Schliessung der Durch- 
gangsöffnung wieder gestatten. 

Wunderbarer Verlauf von Kugeln. 
Der Schusskanal selbst verläuft nach der Verschiedenheit des 
Falles entweder in gerader Richtung oder mehr oder weniger krumm. 
Letzteren Verlauf erklärt Dupuytren aus der ungleichen Kontraktilität 
der getrennten Gewebe, der Veränderung in der Stellung des Ver- 
wundeten und besonders aus der Abweichung der Kugel in ihrer Bahn, 
bedingt durch die verschiedene Dichtigkeit der Gewebe. In der Litte- 
ratur findet sich eine grosse Menge Beispiele von wunderbarem Ver- 
lauf der Kugeln angegeben. Besonders interessante Beispiele führt 
Hennen 1 ) an: Eine Kugel war neben dem Adamsapfel eingedrungen, 



!) Hennen, Beobachtungen S. 27. Siehe auch Dupuytren, Klinisch- 
chirurgische Vorlesungen, I, S. 507. 



— 59 — 

hatte unter der Haut den ganzen Hals umlaufen und war dann neben 
der Eingangsstelle dicht unter der Haut sitzen geblieben. 

Auch an einer konkaven Fläche, z. B. am gebogenen Arm im 
Augenblicke des Gewehranschlagens sah Hennen eine Kugel am 
Handgelenke aufschlagen, ohne gerade einzudringen zwischen Haut 
und Hemde hinauflaufen, erstere nur oberflächlich verletzend, und an 
der Schulter wieder herausfahren. In zwei weniger glücklich ver- 
laufenden Fällen fand er, dass die Kugel rechts neben dem Brustbein 
eingedrungen, zwischen Lungen und Rippenfell entlang gegangen und 
an der gegenüberliegenden Seite, nicht weit von der Wirbelsäule, 
wieder herausgefahren war; ebenso war sie in einem anderen Falle 
neben dem Nabel eingedrungen, zwischen der Bauchmuskulatur ent- 
lang gelaufen und am Rücken wieder herausgedrungen, ohne die 
Gedärme zu verletzen. 

Luftstreifschüsse. 
Hier sei noch einer besonderen Art von Schussverletzungen ge- 
dacht, nämlich der sogenannten Luftstreifschüsse, über deren 
Existenzberechtigung namentlich in der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts unendlich viel gestritten worden ist. Man ging von der 
Thatsache aus, dass Soldaten durch Geschosse getödtet worden waren, 
ohne dass man an ihnen die geringste Verletzung entdeckt hatte. 
Dufouart, der diesem Umstände grosse Aufmerksamkeit widmete, 
sezirte mehrere Soldaten, an denen äusserlich keine Verletzung sichtbar 
war, und fand auch im Innern oft kein einziges Zeichen ihres Todes, 
in anderen Fällen Blutansammlungen in den Blutleitern der Dura 
mater und Extravasate unter dem Schädel, wieder in anderen Fällen 
Blutüberfüllung der Lungen und Risse in den Höhlen des Körpers. 
Pare hatte in seinem „Discours sur le livre des plaies d'arquebusade" 
gesagt, die Kugel jage oft einen so feinen Luftstrom vor sich her, 
dass der Körper wie von einer Kugel berührt erscheine, obwohl der 
Luftstrom dies bewirke. Dufouart schliesst sich dem im Prinzip 
an, sucht aber in seiner Erklärung weiter zu kommen und geht dabei 
von der Druckwirkung der Luft bei der Explosion des Pulvers aus. 
Er nimmt an, dass die Kugel in ihrem raschen Fluge die Luft mit solcher 
Gewalt vor sich herstosse, dass sie dadurch die genannten Wirkungen 
hervorbringen könne. Aber nicht immer sei das der Fall. Von einer 
Kugel, die einmal angeschlagen oder schon eine Verwundung hervor- 
gebracht habe, könne man keine solche Wirkung auf die Luft mehr 
erwarten, dass diese noch als verletzender Körper wirken könnte. 



— 60 — 

Jedesmal, wenn von ungefähr ein Luftstreifschuss stattfindet, könne 
man mit Gewissheit behaupten, dass die Kugel die Luft mit Gewalt 
vor sich her presse und dadurch ermattet nicht weit von dem Gegen- 
stande ihres Zieles zur Erde falle. 

Umgekehrt nicht den positiven, sondern den negativen Luftdruck 
nehmen Rust (Magazin für die gesammte Heilkunde) und Busch 
(Rust's Magazin) als die Ursache der Luftstreifschüsse an. In dem 
Augenblicke, wo eine Kugel vorbeifliegt und eine Luftschicht vor sich 
her treibt, entsteht hinter der Kugel ein luftleerer Raum, wodurch 
ein Turgesciren der Gewebe nach aussen, nach diesem luftleeren 
Raum hin erfolge, so dass die Hautgefässe platzen, die Extravasa- 
tionen und die Verwüstungen der Weichgebilde erfolgen, die man ur- 
sprünglich dem Drucke der Luft von aussen zuschrieb. Busch ver- 
gleicht dabei die Wirkung seines luftleeren Raumes mit der Wirkung 
eines trockenen Schröpf kopfes im Grossen; das Blut ströme nämlich, 
wenn der Widerstand der Luftsäule aufgehört habe, nach aussen, wo- 
durch dann Geschwulst und Blutergiessungen ins Zellgewebe zu Stande 
kämen. 

Ritter (Graefe's und von Walther's Journal) zieht zur Er- 
klärung der Luftstreifschüsse die Elektricität heran, indem er fand, 
dass diese Verletzungen sehr viel Aehnlichkeit hätten mit solchen, die 
vom Blitzstrahl hervorgerufen waren, wo die wenig Widerstand leisten- 
den Theile keine sichtbare Verletzung erlitten hatten, härtere dagegen 
zerbrochen waren. Die Elektricität sollte dann durch Friktion der 
Kugel im Laufe der Kanone entstehen. Ellis (Edinburgh medical 
and surgical Journal, 1812) geht dabei noch weiter und lässt die 
Kugel nicht allein durch Reibung im Laufe, sondern auch durch die 
Luft elektrisch werden. 

Hennen nimmt diesen Theorien gegenüber schon einen ablehnen- 
den Standpunkt ein. Er sagt: Mögen diese Verletzungen nun durch 
elektrische Einwirkung entstehen oder nicht, die zusammengedrückte 
Luft allein kann solche Verletzungen nicht hervorbringen; denn das 
beweisen Fälle, wo Leute, die man, wie in einigen Ländern als höchste 
Soldatenstrafe zu geschehen pflegte, vor die Mündung einer Kanone 
gebunden hatte, um sie so mit fortzuschiessen, durch eine schnelle 
Krümmung ihres Körpers unmittelbar vor dem Abfeuern dem Tode und 
jeder tieferen Verletzung glücklich entgangen waren. 

Levacher (Memoires de l'Academie Royale de Chirurgie. T. IV; 
in Richter's Chirurgischer Bibl. Band I, St. I, S. 22) und Larrey 
waren die ersten, welche die ganze Theorie der Luftstreifschüsse 
widerlegten und eine Berührung der Kugel mit dem verletzten Theile 



— 61 — 

selbst annahmen. Beide Autoren stützen sich auf eine Reihe von Be- 
obachtungen, aus denen hervorging, dass die an einem Körper vor- 
beifliegenden Kugeln solche Verletzungen überhaupt garnicht zu Stande 
brächten und führen Beispiele an, wo einem Reiter von der Kanonen- 
kugel der Schenkel abgerissen worden und das Pferd unverletzt ge- 
blieben, oder einem im gedrängten Gliede stehenden Soldaten der 
Arm abgerissen und seinem Nebenmann nichts geschah u. s. w. 

Richerand (Nosograph. chirurg. Tome I, pag. 73) und Boyer 
(Sur les maladies chirurg. Tome I, pag. 417) nehmen ein schiefes. 
Auftreffen der Kugel am Ende ihres Laufes an, wo sie nur durch 
ihre Schwerkraft wirke, Larrey eine rollende Bewegung, vermöge 
deren sie um die runden Körpertheile herumfahre, ohne deren elasti- 
sche häutige Hüllen, welche ihrem Andrang weichen, zu verletzen, 
während die unterliegenden spröden und festen Theile bersten, zer- 
rissen und zerbrochen werden, Dubar (in Kluyskens Annales de 
Litterature medicale etrangere, Tom. XVIII) und Spangenberg (in 
der Anmerkung zu Guthrie Ueber Schusswunden, S. 272) die Cen- 
trifugalkraft, d. h. das Bestreben jedes Punktes der rollenden Kugel, 
sich vom Centrum zu entfernen. 

Wohl am meisten geklärt sind die Anschauungen von CM. Lan- 
gen b eck und Dupuytren, welche diese Verletzungen als Contusi- 
onen bezeichnen, und ihren Grad von der Grösse und dem Gewicht 
der Kugel und dem Widerstand der getroffenen Theile abhängig 
machen; eine Anschauung, die, wie in der Einleitung erwähnt ist 
(S. 37), auch von Augustin in seinem „Medizinisch- chirurgischen 
Taschenbuch für Feldwundärzte", 1807) vertreten wurde. 

Untersuchung der Schusswunden. 
Ueber die eigentliche Untersuchung der Schusswunden finden wir 
in der Litteratur verhältnissmässig nur wenig Angaben. Die Frage 
zu entscheiden, ob es sich wirklich um eine Schussverletzung handelt 
oder nicht, hält Blandin in manchen Fällen für ausserordentlich 
schwer, und namentlich dann, wenn blos Quetschung ohne Trennung 
des Zusammenhanges stattgefunden hat. Sind Schussöffnungen vor- 
handen, so wird die gehörige Betrachtung der verschiedenen Theile, die 
die Kugel berührte, in Verbindung mit den allgemeinen Gesetzen der 
Bewegung fester Körper in den meisten Fällen den wahrscheinlichen 
Verlauf der Kugel erkennen lassen. (Hennen.) Man untersucht genau 
die Umgebung der Wunde und drückt sie nach allen Richtungen hin, 
besonders aber in derjenigen, wo man die Kugel vermuthet (Du- 
puytren); manchmal findet man die Kugel an der entgegengesetzten 



— 62 — 

Seite des Eingangsloches unter der Haut. Wenn sie auch tiefer steckt, 
kann man sie doch zuweilen fühlen, auch kündigt sich der Sitz der 
Kugel durch einen fixen, hervorstechenden Schmerz bei der Berührung 
an, oder man kann durch eine Geschwulst, welche von Blutextra- 
vasat gebildet wird, oder durch ein Knistern bei der Berührung einer 
Stelle darauf geleitet werden (Langenbeck). 

In den Fällen, wo nur die Einschussöffnung vorhanden ist, ist es 
unumgänglich nöthig, um festzustellen, ob die Kugel noch in der 
Wunde sitzt, die Kleider des Verwundeten genau zu untersuchen, 
ob sie durch den Schuss zerrissen sind oder nicht; denn es kommen 
oft Fälle vor, wo die Kugel die Kleidung vor sich her in die Wunde 
hineinstülpt und darin steckt wie der Finger in dem Handschuh. Sie 
kann dabei sogar soweit eindringen, dass sie Knochen trifft und zer- 
bricht. Durch Bewegung des Verwundeten oder Entfernen der Klei- 
dung wird die Kugel meistens wieder herausgeschleudert, bei der Be- 
trachtung findet sich dann aber an der Stelle, welche der Kugel als 
Sack diente, ein umschriebener herzförmiger Eindruck (Dupuytren, 
Blandin, Baudens). 

Finden sich nun Aus- und Eingangsöffnung, so ist das auch nicht 
immer ein Beweis, dass keine fremden Körper mehr in der Wunde 
zurückgeblieben seien. Denn oft findet man darin noch solche von 
der verschiedensten Beschaffenheit; bald die Kugel selbst, allein oder 
mit einem Propf, Tuch- oder Leinwandstücke, Knöpfe oder andere 
Dinge, welche die Kugel mit sich fortgerissen hat. Zu befürchten ist 
dies da, wo die Kleider des Verwundeten nicht einfach zerrissen, 
sondern mit Substanzverlust durchlöchert sind. Auch kann sich die 
Kugel theilen und nur zur Hälfte den Körper verlassen. (Dupuytren, 
Blandin). 

Eine Verletzung der Nerven und Arterien zu erkennen ist oft 
schwer. Erstere macht sich wohl durch die Störung der Bewegung 
und Empfindung kund, und hat man eine arterielle Blutung, so kann 
man gleichfalls, geleitet von den anatomischen Kenntnissen, erfahren, 
woher sie stammt. Aber oft ist es schwer zu entscheiden, ob 
die Blutung arteriell oder venös ist. Andererseits kann auch über- 
haupt keine Blutung da sein, während die Arterie verletzt oder sogar 
vollkommen getrennt ist, oder es kann auch Blutung stattfinden, ohne 
dass sich das Blut nach aussen ergiesst. (Blandin, Velpeau in 
Wierrer's Vorträgen). 

Der Knochenbruch als solcher ist leichter zu erkennen (Vel- 
peau). Hat die Betrachtung und Betastung allein nicht zum Ziele 
geführt, so schreitet man, um den Sitz der Kugel oder den Grad der 




Blandin. 



— 63 — 

Zersplitterung eines Knochens festzustellen, zur Untersuchung des 
Wundkanales selbst. Und hier ist in den ersten Dezennien des 
19. Jahrhunderts hauptsächlich die digitale Untersuchung im Gebrauch, 
indem „der Finger die beste Sonde und jedem Instrument vorzuziehen 
ist" (Dufouatt, Hennen, Langenbeck, Dupuytren). 

Die uralte, von Pare wiederholte und von den alten Wundärzten 
heilig gehaltene Weisung, man solle dabei das Glied in die Lage 
bringen, in welcher es verletzt worden sei, wird von einzelnen 
Autoren möglichst befolgt (Langenbeck, Dupuytren), von anderen 
dagegen bespöttelt. Hennen bedauert den Verletzten, wenn der Un- 
glückliche zufällig ein Reiter war und nun wieder auf ein Pferd ge- 
setzt würde, damit man bei ihm den Sitz der Kugel feststellen könnte. 
Wollte man so verfahren, so müsste man dann auch den Feind 
kommen und die Stellung annehmen lassen, die er hatte, als er den 
Kranken verwundete! Nach ihm genügt es, wenn das Glied erschlafft 
und, soweit das ohne grosse Schmerzen geschehen kann, in eine Lage 
gebracht wird, welche dem Senken der Kugel nach der Oberfläche 
hin günstig ist. 

Kann indessen der Grund der Wunde mit den Fingern nicht er- 
reicht werden, so ist man genöthigt, Zuflucht zur Sonde zu nehmen, 
die, um keine falschen Kanäle zu machen und auch bei gekrümmten 
Kanälen gebraucht werden zu können, dick und biegsam sein muss 
und am zweckmässigsten aus Blei, Zinn oder Silber bestehen soll, 
weil sie dann den fremden Körper besser dem Gehör vernehmlich 
macht. (Langenbeck, Dupuytren). 

Kugelextraktion. 
An das Suchen und Auffinden schliesst sich naturgemäss das 
Ausziehen der Kugel. Zunächst sind auch hier wieder die Finger 
jedem Instrument vorzuziehen, welche uns zugleich auch genauer von 
dem Zustand und der Beschaffenheit derWunde unterrichten. (Dufouart.) 
Dies wird in allen den Fällen möglich sein, wo die Kugel nicht zu 
tief liegt (Dupuytren). Fühlt man die Kugel im Grunde eines 
Schusskanals unter der Haut, so ist es besser, einzuschneiden und sie 
so auf dem kürzesten Wege herauszunehmen, als zu versuchen, sie 
aus dem Eingangsloche herauszuziehen; man erspart dem Verwundeten 
die Schmerzen und reizt die Wunde weniger (Langenbeck). Ist die 
Kugel auf eine dieser Arten nicht zu entfernen, so muss man zu den 
Instrumenten seine Zuflucht nehmen. Da die alten Chirurgen die 
Kugelextraktion von jeher als die bei weitem wichtigste Aufgabe der 
Kriegschirurgie angesehen hatten, existirten zu diesem Zwecke bereits 



— 64 — 

zu Beginn dos lü. Jahrhunderts eine Unsumme von Instrumenten 
(s. Percy). Sie mögen hier jedoch nur insoweit Erwähnung rinden, 
als sie in unserem Zeitabschnitte noch in Gebrauch waren. Die 
Ausziehung geschieht nun mit oder ohne vorherige Wunderweiterung 
oder durch Gegenöffnungen. Letztere sind dann nothwendig, wenn 
das Geschoss der entgegengesetzten Seite näher liegt, die Einführung 
des Instruments durch die geschwollene Wunde nicht mehr möglich 
ist, oder die Erweiterung der letzteren die Verletzung wichtiger Theile 
befürchten lässt. (Dupuytren.) 

Für die Lage des verwundeten Körpertheils gilt auch hier, wie 
bei der Untersuchung, dass sie möglichst dieselbe sein solle, wie im 
Augenblicke der Verwundung. Sitzt die Kugel locker in den Weich- 
theilen, so kann man sie, wenn sie nicht allzu tief sitzt, mit der Ring- 
pincette (Pinces ä anneaux) entfernen, sonst nimmt man sie unter 
Führung des Fingers mit dem Steinlöffel heraus, dessen man sich beim 
Steinschnitt zur Entfernung der Fragmente des zertrümmerten Steins be- 
dient (s. Taf. I, Fig. 1). Man führt den Löffel schreibfederartig ein, 
schiebt ihn sanft in die Wunde vor, schlägt damit an die Kugel an, um 
sich nochmals über ihre Gegenwart zu vergewissern, neigt ihn, um die 
Kugel darin aufzunehmen, und zieht ihn dann in derselben Weise zurück. 

Modificirt und verbessert war dieser Löffel als die Cerrette tire- 
balle von Thomas sin (Dissertation sur l'extraction des corps etran- 
gers des plaies) in Gebrauch. Wohl am häufigsten bediente man sich 
zur Entfernung der Fremdkörper der Zangen, unter denen, neben der 
einfachen Verband- (Korn-) oder Polypenzange, das Percy 'sehe Tri- 
bulcon am meisten zur Anwendung kam (s. Taf. I, Fig. 2 a, b, c). In 
diesem Instrument waren Löffel, Bohrer und Zange, deren Arme man 
bei einem engen Wundkanale auch einzeln einbringen konnte, so ver- 
einigt, dass es bald als Zange, bald als Löffel und bald auch als 
Bohrer einzeln zu gebrauchen war. Die Anwendnng der Zange geschah 
in der Weise, dass man sie unter der Leitung des Fingers geschlossen 
einführte, sie erst öffnete, wenn man den fremden Körper fühlte, ihn 
ergriff und das Instrument unter gelinden Seiten bewegungen, welche die 
Extraktion erleichtern sollten, hervorzog. 

Die übrigen zahlreich angegebenen Instrumente, besonders die 
vielarmigen Kugelzieher und der Tirefond waren für diese Zwecke 
gar nicht zu gebrauchen (Langen beck, Dupuytren). 

Die in einem Knochen eingekeilte Kugel wurde unter allen Umständen 
entfernt, da sie in der Regel eine Krankheit des Knochens, Caries, Nekrose 
und bei flachen Knochen auch sinuöse Abscesse herbeiführt (Guthrie). 
Man nahm zu ihrer Entfernung die Kugelschraube, welche leicht 



— 65 — 

eindringt, weil die Kugel fest und unbeweglich liegt (s. Taf. I. Fig. 3. 
a, b. c). In anderen Fällen erweiterte man die Wunde, legte den 
Knochen durch V-, T- oder kreuzförmige Schnitte bloss, setzte eine 
Trepankrone auf. um das Loch zu vergrössern und entfernte dann die 
Kugel mitsammt dem Knochenstücke, von welchem sie wie von einem 
Ringe umgeben ist (Dupuytren). 

Nun hat man auch den Rath gegeben, in besonders schwierigen 
Fällen, wo die Kugel beim Sondiren gar nicht entdeckt werden konnte, 
den Schusskanal bis zum Sitze der Kugel zu spalten. Allein dieser 
Vorschlag stammt wohl aus der Zeit, wo die Kugelextraktion unter 
allen Umständen zu Ende geführt werden musste, und Petit die 
grössten und wichtigsten Muskeln quer durchschnitt, um an das Ge- 
schoss zu gelangen. 

In unserem Zeitabschnitte steht man der Frage schon gemässigter 
gegenüber. Langen b eck giebt den Rath, in dem Falle, wo man 
die Kugel gar nicht entdecken könne, oder wo es unmöglich sei, sie 
ohne zu grosse Gewaltthätigkeit herauszunehmen, sie ruhig sitzen 
zu lassen, da die forcirte Extraktion oft mehr schade als das Ver- 
weilen der Kugel in der Wunde, und Dupuytren glaubt, dass häufig- 
Wunden in Brand übergegangen und Kranke von Tetanus befallen 
worden seien, weil der Wundarzt von der Extraktion nicht abstehen 
wollte, ein Verfahren, das gewiss ebenso schädlich sei, als zu grosse 
Nachlässigkeit im Aufsuchen der fremden Körper. Larrey ist noch 
zurückhaltender und nimmt schon eine mehr vermittelnde Stellung ein: 
Er entfernt nur diejenigen Fremdkörper, welche sich im ersten Augen- 
blick und mit der grössten Leichtigkeit erfassen lassen, und gebraucht 
dazu die einfache Korn- oder Polypenzange. Dieselbe auch viel früher 
schon befolgte Regel gilt ebenso bei Hennen, Thomson, Guthrie. 
Die extremste Ansicht vertreten Bland in und Jobert de Lam- 
balle und kommen darin schon der modernen Anschauung um A ieles 
näher. Beide Autoren verwerfen die Sondirung der Schusswunde über- 
haupt, denn sie reize die Wunde und könne in tiefen Kanälen nütz- 
liche Verklebungen zerstören, Blutgerinnsel loslösen und Blutungen 
erzeugen, welche man vielleicht nur mit Mühe wieder stillen 
könnte. Sie stellen die Regel auf. dass man die fremden Körper, 
deren Vorhandensein inmitten der weichen Theile keinen zu grossen 
Nachtheil habe, unmittelbar weder aufsuchen noch ausziehen solle. 

Diesen Wandel in der Anschauung hat wohl eine Reihe von 
Fällen herbeigeführt, bei welchen die zurückgebliebene Kugel später 
zur Bildung eines Abscesses führte und dann mit Leichtigkeit ent- 
fernt werden konnte (Larrey, Langenbeck, Jobert) oder über- 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Heft. q 



— 66 — 

haupt vollkommen einheilte, ohne Störungen irgend welcher Art zu 
hinterlassen. 

Einheilen von Kugeln. 
Beobachtungen über das Einheilen von Gewehrkugeln finden 
sich in der Litteratur schon vor Ambroise Pare bei Gersdorf 
und Braunschweig (A. Koehler, 1. c); mehrfach auch bei den 
Autoren unseres Zeitabschnittes (Thomson, Hennen), zugleich aber 
auch die Wahrnehmung, dass solche Kugeln nicht liegen geblieben 
waren, sondern meistens die Wanderschaft angetreten hatten. Hennen 
sah Fälle, in denen die Kugeln Wege nahmen, die man durchaus 
nicht vermuthen konnte, und allen Gesetzen der Schwere entgegen 
an Orten zum Vorschein gekommen waren, wohin sie nur durch die 
Wirkung der Muskeln gebracht sein konnten. Er lässt die eingeheilten 
Kugeln ruhig liegen, wenn sie, wie das glatte Bleikugeln meistens zu 
thun pflegen, keine Schmerzen verursachen; kommen sie aber aus 
ihrem Versteck hervor, so kann man sie leicht entfernen. Aber nur 
wenn der Fremdkörper durchaus in unserer Gewalt ist, dürfen wir 
zum Messer greifen; denn so ermuthigend es für den Kranken ist, 
wenn man ihm die ausgezogene Kugel zeigt, so sehr pflegen miss- 
lungene Versuche dieser Art ihn niederzuschlagen und ihm das V er- 
trauen zu seinem Arzt zu rauben. Dupuytren hat bei Jägern 
beobachtet, dass Schrotkörner oft von ihnen das ganze Leben 
hindurch, ohne irgend ein Ungemach zu erzeugen, im Körper getragen 
wurden, und hat auch Aufschlüsse über das weitere Schicksal der 
eingeheilten Fremdkörper gegeben. Seine Untersuchungen über diesen 
Punkt beziehen sich allerdings nur auf das Einheilen von spitzigen, 
stechenden Körpern und sind in dem Kapitel über Stichwunden nieder- 
gelegt. Er fand die Körper von einem Balg umschlossen, der in 
seinem Bau dem der serösen Häute ganz ähnlich war und ausser- 
. dem beständig eine klare Flüssigkeit enthielt, eine für die 
Praxis äusserst wichtige Thatsache. "Denn beschränkte man sich 
darauf, den Fremdkörper einfach herauszuschneiden und die Wunde 
zu schliessen, so entstand fast immer durch Ansammlung der von 
den Hüllen secernirten Flüssigkeit eine neue Geschwulst, weshalb man 
entweder den Balg entfernen oder mit Charpie ausfüllen musste, um 
Entzündung, Eiterung und dadurch Verklebung seiner Wandungen zu 
veranlassen. Dieselben Verhältnisse hat Baudens für eingeheilte 
Gewehrkugeln gefunden, ähnliche Jobert, nach dessen Angabe sich 
die Kugel mit plastischer Lymphe bedeckt und danach einen Sack 
um sich herum organisirt, welcher das normale Gewebe vor ihrer Ein- 



— 67 — 

Wirkung schützt. Auch Dieffenbach macht in seiner Operativen 
Chirurgie (Leipzig 1845. I. S. 45) besonders darauf aufmerksam, dass 
die dichte Kapsel von festem Zellgewebe, welche die viele Jahre im 
Organismus eingeheilte Kugel umgiebt, nach Entfernung der letzteren, 
durch neue Absonderung leicht den Wiederaufbruch der Wunde ver- 
anlassen könnte. Er räth deshalb, die hintere Wand der Kapsel zu 
durchschneiden und ihre Seiten zu skarificiren, um sie durch 
Entzündung zur Verödung zu bringen. — Bei A. Koehler (1. c.) 
sind noch die sehr ähnlichen Ansichten von Oharteaux im Journ. 
de med. et chir. pratique, 1831. IL p. 268: „Du sejour des corps 
etrangers dans nos tissus, de leur sortie et des accidents, qu'ils peu- 
vent procluire" und Bauclens (1. c.) über diese Vorgänge mitgetheilt. 

Behandlung der Schusswunden. Debridement preventif. 

Ueber die Behandlung der einfachen Schusswunden variiren die 
Ansichten vielfach. Die primären Incisionen (Debridement preventif), 
welche, von Pare (1517 — 1590) zuerst angegeben, im vorigen Jahr- 
hundert von Bilguer und Schmidt in Deutschland, Le Dran in 
Frankreich und Wisemann in England in ausgiebigster Weise auch 
bei ganz einfachen Schusswunden ausgeübt worden waren, sind zwar 
im Prinzip von Allen aufgegeben, werden aber hin und wieder immer 
noch in ziemlich ausgiebiger Weise empfohlen. Dufouart, der sie 
zunächst auch ohne Unterschied anwendete, kam bald zu der Ein- 
sicht, behutsam damit zu sein, und stellte den Grundsatz auf, keine 
Wunde, die in den ersten 24 Stunden nicht aufschwillt, durch Ein- 
schnitt zu erweitern. Die englischen Chirurgen Thomson, Guthrie 
und Hennen sind von dem Debridement preventif schon vollkommen 
zurückgekommen. Thomson warnt jedoch davor, nun nicht in das 
andere Extrem zu verfallen und nie zu dilatiren. Denn dieses Ver- 
fahren ist unerlässlich in solchen Fällen, wo es darauf ankommt, 
eine blutende Arterie freizulegen und zu unterbinden, sehr nützlich 
jedenfalls, wenn es die Auffindung und Entfernung irgend eines Fremd- 
körpers erleichtert. 

Larrey, wieder mehr den Prinzipien Le Dran 's huldigend, 
räumt der frühzeitigen Entspannung ein grösseres Feld ein. Ausser 
den Fällen, wo es sich um das Auffinden einer blutenden Arterie oder 
eines Fremdkörpers handelt, erweitert er jedesmal, wenn sich die 
Verwundung auf fleischige und aponeurotische Gebilde erstreckt, und 
in der Tiefe der Wunde Stränge von Muskel- oder Sehnenfasern- Ein- 
schnürungen hervorbringen" können. Sind die Wunden mit Bruch oder 
Zerschmetterung der Knochen komplizirt, so entspannt er ebenfalls, 



— 68 — 

um die losen Knochensplitter entfernen, andere reponiren, in anderen 
Fällen um reseciren zu können. 

Dupuytren wendet das Debridement preventif wieder in seinem 
weitesten Umfange an, Baudens dagegen verwirft es. Für ihn giebt 
es weder eine consecutive noch eine präventive Erweiterung. Sie 
schadet, weil sie grössere Wundflächen schafft und damit die 
Gefahr der Eiterresorption und Erschöpfung vermehrt. Handelt es sich 
jedoch um komplizirte Verletzungen, wo durch eine Gegenöffnung 
Splitter entfernt, Gefässe unterbunden ■ oder Resektionen gemacht 
werden müssen, so steht auch er nicht an, sich des Bistouris zu be- 
dienen. Dies Verfahren verdient jedoch nicht den Namen Debri- 
dement, sondern es heisst da nur, einer chirurgischen Indikation ge- 
recht werden. 

Auf demselben Standpunkte stehen auch unsere deutschen Chir- 
urgen Langenbeck und Rust (Abhandlungen IL Berlin 1836), und 
er ist daher wohl als der für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts 
massgebende zu betrachten. 

Arterielle Blutung. 
Was nun die Blutstillung anbelangt, welche in einer Reihe von 
Fällen zweifelsohne eine selbstständige Operation darstellt, so soll sie 
doch an dieser Stelle kurz besprochen werden, da sie meist dem An- 
legen des eigentlichen Verbandes vorausgeht und somit als zur all- 
gemeinen Wundbehandlung gehörig betrachtet werden kann. Hier gilt 
als allgemein feststehend, die Arterien zu unterbinden, und zwar am 
Orte der Noth, in der Wunde selbst, Von einer völlig zertrennten 
Schlagader werden beide Enden unterbunden, eine Massregel, auf 
welche besonders Guthrie aufmerksam gemacht hat. Auch momentan 
nicht blutende verletzte Schlagadern sind zu unterbinden (Hennen). 
Dies ist zum Beispiel da der Fall, wo ein Glied durch schweres Ge- 
schütz ganz abgerissen ist, und die Gefässe wie Stricke aus der Wunde 
heraushängeu, ohne jedoch die mindeste Blutung zu zeigen. Lang- 
sam und immer nur stufenweise vorwärtsgehend ist man auch schon 
dahingekommen, die unmässige Dicke der Unterbindungsfäden abzu- 
schaffen (Hennen), indem man die einzelnen Stränge, aus denen sie 
bestehen, von einander absondert und nach geschürztem Knoten das 
eine Ende des Unterbindungsfadens dicht am Knoten abschneidet. 
Von Hennen finden wir sogar schon den Vorschlag gemacht, die 
beiden Enden der Unterbindungsfäden dicht am Knoten abzuschneiden, 
wodurch auch einer grösseren Wunde Gelegenheit zur frischen Ver- 
einigung gegeben wird. Praktisch wurde dieses Verfahren unter den 



— 69 — 

englischen Feld Wundärzten ebenfalls von Hennen zuerst geübt und 
als Unterbindungsmaterial von ihm Seide benutzt. Zugleich erkannte 
er, dass diese, obwohl ein thierischer Stoff, nicht wie Dr. Maxwell 
von Dumfries glaubte, vom Körper resorbirt wurde, sondern er fand 
sie später an den unterbundenen und geschrumpften Enden der 
Schlagadern wieder vor, wo sie jedesmal in einer kleinen, aus ver- 
dicktem Zellgewebe gebildeten Kapsel lag. Guthrie steht diesem 
Verfahren Hennen's noch misstrauisch gegenüber. Er will doch zwei- 
oder dreimal schlimm aussehende Eitergeschwüre danach entstehen 
gesehen haben und meint, „dass, wenn man das Verfahren fortsetzt, 
sich wohl noch mehr unangenehme Folgen unterweilen einstellen 
werden." 

Larrey legt die verletzte Arterie frei, unterbindet sie an beiden 
Enden und schneidet die Unterbindungsfäden ebenfalls so weit als 
möglich weg, weil er namentlich bei Amputationsstümpfen oft ge- 
funden hatte, dass die Schlagadern durch Zurückziehen der Ligatur 
leicht entschlüpften, oder diese durch unvorsichtiges Ziehen an den 
Unterbindungsfäden wieder gelöst wurde. Ist eine x\rterie verletzt, 
ohne gänzlich durchtrennt zu sein, so legt Larrey sowohl oberhalb 
wie unterhalb der Oeffnung eine Ligatur an und durchschneidet dann 
das Gefäss zwischen beiden Schlingen vollends. (Ein Verfahren, das 
bei Arterienverletzungen schon von Oelsus und Galen beschrieben wird.) 

Handelt es sich um grosse Arterien, besonders wenn in ihnen 
die Entzündung bereits begonnen hat, so legt Larrey, um das Durch- 
schneiden der Arterienwand durch den Faden zu verhüten, ehe Ver- 
klebung eingetreten ist, zu ihrem Schutze zwischen Schlinge und 
Gefäss einen Zwischenkörper, meistens ein Streifchen auf Leinwand 
gestrichenen erweichenden Pflasters. 

L an gen b eck hält es für nothwendig, wenn es sich um Blutungen 
in Gegenden, wo grosse Arterien liegen, handelt, sogleich die Rich- 
tung des Schusskanals mit dem Finger zu untersuchen, und wenn der 
Eingang zu klein, diesen nöthigen falls mit dem Bistouri zu erweitern. 
Die verletzte Arterie ist alsdann bioszulegen und ober- und unter- 
halb der verletzten Stelle zu unterbinden. Dupuytren unterscheidet 
neben der gewöhnlichen, welche er „unmittelbare" Ligatur nennt, noch 
die „mittelbare", bei welcher ausser dem Gefässe noch ein Theil der 
anderen Gewebe mit unterbunden wird. Das Instrumentarium zur 
ersteren besteht in Ligaturpincetten, mit denen das Gefäss hervor- 
gezogen wird, oder nach dem Vorbild der Engländer aus spitzen, polirten 
Haken, den sogenannten Tenacula, während zur mittelbaren Ligatur, 
zur Umstechung des Gefässes nur eine krumme Nadel nöthig ist. 



— 70 — 

Die Unterbindung am Orte der Wahl, und somit ein Abweichen 
von der Regel, die Arterie in der Wunde selbst zu unterbinden, tritt nur 
dann ein, wenn die eigentliche Verletzung des Gefässes nicht ausfindig 
gemacht werden kann, oder wenn man beim Aufsuchen auf eine 
Menge vergrösserter , neugebildetcr oder blutender Seitengefässe 
trifft. Es wird alsdann der Stamm des Gefässes selbst, oberhalb 
seines zunächst der Wunde abgegebenen Astes oder sonst am nächsten 
und schicklichsten Orte unterbunden (Hennen nach Hunter). 

Ist aber die Arterie klein und tief gelegen und macht ihre Unter- 
bindung Schwierigkeiten, so greift man zu anderen Blutstillungsmitteln. 

Dufouart empfiehlt die Tamponade, die vor ihm schon Theden 
angewandt hatte 1 ), das Auflegen eines Stückchens Schwamm, oder 
die Anwendung von Aetzmitteln, Thomson ausserdem die Charpie 
zum komprimirenden Verband. Larrey führt in die Wunde eine dünne 
Charpiewieke, welche mit einer balsamischen, mit Schwefelsäure 
gesättigten Substanz überzogen ist, mittelst des Fingers so tief ein, 
bis er das pulsirende Gefäss fühlt, und legt darüber einen fest ange- 
zogenen, zusammenhaltenden Verband. Bei Blutungen aus sehr kleinen 
Gelassen genügt es in der Regel schon, wenn man sie von der kalten 
Luft bestreichen lässt oder mit Oxykrat und kaltem Wasser abwäscht, 
ein Verfahren, welches Rust auch bei stark blutenden Wunden an- 
wendet. Nach seiner Ansicht ist die Einwirkung der Luft auf völlig 
durchtrennte Gefässe das beste Mittel, deren Zurückziehung zu be- 
wirken und somit die heftige Blutung zu stillen. Der tamponirende 
Verband ist schwierig anzulegen, erfordert grosse Geschicklichkeit 
und schadet oft mehr als er nützt. 

Es ist daher in jedem Falle, wo die Luft nicht die gewünschte 
Wirkung herbeiführt, gerathen zu überlegen, ob der zu starken Blutung 
nicht besser durch Unterbindung oder Anwendung pharmazeutischer 
Mittel beizukommen ist. Langeubeck empfiehlt Pflaster und einen 
vereinigenden Verband, und Dupuytren eine Reihe von blutstillend-en 
Mitteln, welche aber alle die Ligatur nicht zu ersetzen vermögen. 
Dazu gehören die styptischen und adstringirenden Flüssigkeiten, wie 
die Aqua Rabelia, aluminosa, Auflösungen von schwefelsaurem Zink, 
Kupfer, Eisen u. s. w., mit denen man die Wunden befeuchtet, wäscht 
oder mittelst Charpie, Schwamm und dergleichen bedeckt, die Escha- 
rotica, z. B. manche Metalloxyde, Alaun, schwefelsaures Eisen, Kupfer, 
Zink, verdünnte Säuren, welche als ziemlich starke hämostatische 



!) Siehe Theil I, S. 213. 



— 71 — 

Mittel anzuseilen sind, und schliesslich das Oauterium acfuale, das 
glühende Eisen. 

Neben der Ligatur hatte sich dann noch eine andere Blutstillungs- 
methode herausgebildet, die weniger schmerzhaft und zur Erzielung 
einer schnelleren Vereinigung der Wunde geeigneter erschien, näm- 
lich die Torsion der Arterien. Dupuytren hält Amussat (1829) 
für ihren eigentlichen Erfinder. Man bedarf dazu eigenthümlich ge- 
formter Pincetten — nach Thierry genügt jede gut schliessende 
Pincette — , und ergreift mit der einen Pincette das Ende des zu tor- 
quirenden Gefässes, sodass seine Wandungen fest aufeinander gedrückt 
werden. Hierauf zieht man das Gefäss etwas hervor, isolirt es, indem 
man mit einer zweiten Pincette in entgegengesetzter Richtung alle um- 
gebenden Gefäss- und Nerventheilchen loslöst, fasst den isolirten Theil 
der Arterie mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand, nimmt 
die Pincette in die rechte und macht damit etwa drei ganze Umdrehungen, 
öffnet die Pincette und überlässt das Gefäss, welches man mit dem 
Finger wieder leicht in die Wunde hineindrückt, sich selbst. Will 
man die Torsion bei nicht zertrennten Gefässen machen, so muss man 
sie zuvor durchschneiden. Dupuytren stehen über die Anwendung 
der Torsion beim Menschen grössere Erfahrungen noch nicht zu Ge- 
bote, bei Thieren dagegen hat er viele gelungene Versuche ausführen 
gesehen. 

Was nun schliesslich die Anwendung des von Morell 1674 bei 
der Belagerung von Besan^on zuerst gebrauchten Tourniquets 
(s. Taf. 1 u. II, Fig. 4, a — f) betrifft, so sind die Ansichten über 
seinen Werth sehr getheilt und vielfach absprechend. Hennen 
räth die Anlegung des Tourniquets, man mag noch so viel Yer- 
trauen in Gehülfen und Umstehende setzen, immer nur selbst 
vorzunehmen. Weitmehr tritt er für die Anwendung der Digi- 
talkompression ein, welche auch von Gehülfen gut ausgeführt 
werden könne. So hat er durch Zusammendrücken der Schlüsselbein- 
Arterie bei Ablösung des Armes aus dem Schultergelenk vielfach den 
Operirten nur ein Weinglas (!) voll Blut verlieren sehen und führt 
Fälle an, wo in Bilbao ein junger Unterwundarzt nur mit Hülfe einer 
Ordonnanz diese Operation verrichtete; — ja einer der stärksten 
Eiferer für die Wirksamkeit des Druckes löste mit der einen Hand 
den Arm ab, während er mit der anderen die Schlagader zusammen- 
drückte! Ebenso hält Thomson den Druck mit dem Finger für ein 
weit besseres Mittel und behauptet, dass der anhaltende Gebrauch 
des Tourniquets nur noch von furchtsamen und unwissenden Wund- 



— 72 — 

ärzten empfohlen würde. Hutchison (Praktische Beobachtungen in 
der Chirurgie, Weimar 1828) dagegen war nicht so ängstlich in der 
Anlegung des Tourniquets. Er vertheilte solche in grosser Zahl unter 
die Soldaten, machte sie mit deren Anlegung bekannt und behauptet, 
dadurch in mörderischen Seeschlachten Viele gerettet zu haben, denen 
furchtbare Blutungen aus verletzten Gefässen, die sich nicht zurück- 
ziehen konnten, sonst binnen wenigen Minuten den Tod gebracht 
hätten. Dupuytren stellt den Werth der Finger- und Tourniquet- 
kompression als momentaner Blutstillungsmittel einander gleich, und 
Langen beck bevorzugt sogar das Tourniquet, welches er, um auch 
die Hemmung des Collateralkreislaufes zu bewirken, so fest anziehen 
lässt, bis man es nur mit grosser Anstrengung noch weiter schrauben 
kann. 

Venöse Blutung. 
Während alle diese vorstehenden Erörterungen sich nur auf 
die Stillung arterieller Blutungen beziehen, sollen nunmehr kurz die 
Massnahmen bei venösen Blutungen erwähnt werden. Bei der Ver- 
letzung dieser Gefässe ist nach Larrey schon ein gelinder Druck, 
der ihre Wandungen unterstützt, und das Durchströmen des Blutes 
für den Augenblick verhindert, hinreichend, die Schliessung der 
Oeffnung zu befördern und den Blutfluss zu hemmen. Bei Hennen 
finden wir den Bath, die Venen ebenfalls zu unterbinden. Du- 
puytren bedient sich allgemein der Compression, in seltenen Fällen 
der Ligatur und macht noch besonders darauf aufmerksam, dass 
beide Mittel hier anders als bei Verletzung der Arterien angewandt 
werden müssen, nämlich zwischen der Wunde und den Anfängen der 
Venen, eine einfache Regel, gegen die er aber viel Verstösse ge- 
sehen hat. 

Sekundäre Blutung. 
Hinsichtlich der sekundären Blutungen nach Schusswunden theilt 
Thomson interessante Beobachtungen mit und giebt eine Bestätigung 
derjenigen sekundären Blutung, welche Langenbeck als eine Blut- 
sekretion (Reil's Blutung mit dem Charakter der Synocha) ge- 
schildert hat. Indem Thomson anführt, dass einer Gattung von se- 
kundären Blutungen immer Hitze, Schmerz und Pochen in der Wunde, 
grösstentheils bei sanguinischen, vollblütigen Subjekten, nach einer 
zu nahrhaften reizenden Diät vorangegangen wären, fügt er hinzu, 
dass diese mit den spontanen Blutungen aus den Capillargefässen der 
Schleimrlächen grosse Aehnlichkeit hätten. Die Behandlung ist 




Johann Christian Reil. 



— 73 — 

antiphlogistisch. Deshalb ist jeder Druck zu vermeiden, der blu- 
tende Theil kühl zu halten, der Verband abzunehmen und kaltes 
Wasser anzuwenden. Diese Blutung sah Thomson öfter aus den 
Stümpfen amputirter Gliedmassen und aus den Kanälen von Schuss- 
wunden in der .Regel zwischen dem 20. und 35. Tage eintreten, in 
einzelnen Fällen auch wohl früher oder später. Es ist wichtig, sich 
immer auf solche Blutungen gefasst zu machen, wenn die Sympto- 
mata inflammationis heftig werden, und dann gleich prophylaktisch 
zu verfahren. Nach Langenbeck l s und Thomson's Ansicht kommt 
bei dieser Hämorrhagie das Blut aus den Haargefässen, und Thomson 
sagt, bei der Untersuchung der Wunden und Stümpfe der an dieser 
Blutung Verstorbenen habe er selbst durch Einspritzungen die Gefässe 
nicht auffinden können, aus denen kurz vor dem Tode das Blut so 
profus geflossen war. 

Blutungen zwischen dem 1. und 5. Tage rühren nach Thom- 
son von dem vermehrten Blutandrang zu dem verwundeten Theile 
her, und sind identisch mit Langenbeck's Blutung durch Congestion. 
Die kaum verschlossene Oeffnung der Arterie kann so wieder geöff- 
net werden. Blutungen per diabrosin oder auch durch Brand der Ar- 
terienhäute treten nach Thomson zwischen dem 5. und 10. Tage 
nach der Schussverletzung ein. Bei Vereiterung der Arterienwände 
dagegen kann die Blutung in jeder Periode eintreten. Die Behand- 
lung der sekundären Blutungen deckt sich im Wesentlichen mit den 
vorher erwähnten Blutstillungsmethoden. Da jedoch im entzündlichen 
Zustand die Gefässe nach Dupuytren 's Ansicht durch die Unter- 
bindung viel zu leicht durchschnitten würden, unterbindet er in einiger 
Entfernung von der Wunde, wo man diesen Uebelstand nicht zu 
fürchten hat; ebenso Langenbeck, wenn die Gefässe per diabrosin 
schon zu sehr zerstört sind. In einer Anzahl von Fällen jedoch, 
wo die Gefässe unter der Ligatur immer wieder bersten oder in 
Verschwärung übergehen, bleibt als einziges Hülfsmittel nur die Am- 
putation, auf welches man aber auch nicht immer mit Sicherheit rechnen 
darf (Hennen). 

Allgemeine Wundbehandlung. Verbandtechnik. 
Die Wundbehandlung der Schussverletzungen im Allgemeinen ist 
in der ersten Hälfte vorigen Jahrhunderts mit Ausnahme derjenigen 
Larrey's bestrebt, möglichst reizlos oder reizmildernd zu verfahren, 
wenn man auch namentlich im ersten Jahrzehnt (Lombard, Du- 
fouart) nicht verschmäht, hin und wieder örtlich reizende Mittel 
anzuwenden. Die Verbände selbst sind sehr verschieden. 



— 74 — 

Nach Lombard verdienen zuerst erweichende Mittel, unter 
welchen das laue Wasser soviele V ortheile gewährt, das grösste Ver- 
trauen; örtlich reizende, welche, wenn sie zweckmässig angewendet, 
allezeit „von herrlicher Wirkung gewesen sind", kommen uur dann 
zur Verwendung, wenn die Wundränder erschlaffen und einsinken. Um 
welche Mittel es sich jedoch handelt, hat Lombard nicht verrathen. 
D-ufouart wäscht und befeuchtet den verwundeten Körpertheil mit 
Wasser und Salz, Weinessig, Campherspiritus in passender Menge, auf 
die Wunde selbst tröpfelt er etwas lauen Wein, um sie zu reinigen 
und leicht zu reizen. Dann bedeckt er sie mit mehreren Stückchen 
feiner Leinewand, die nach der Beschaffenheit der Wunde geformt ist 
und an mehreren Stellen Fenster hat, befeuchtet sie mit Oxykrat oder 
einem Spiritus, legt oben viereckige, breite Compressen auf und dann 
die Binde an. Bei eingetretener Entzündung kommen ausser wieder- 
holten Aderlässen Bähungen von Gerstenwasser und Honig oder Hol- 
lunderblüthen mit Weinessig in Anwendung; zur Anregung der Eiter- 
bildung wird die Wunde mit Oataplasmen aus Brotkrumen, Farin. semin. 
lin. etc. bedeckt. Jedoch stopft Dufouart die Wunde weder mit 
W'ieken 1 ), noch Charpie, noch Bourdonnets 2 ) aus, denn diese alle wirken 
wie fremde Körper, verstopfen die Oeffnung, und üben einen ausser- 
ordentlichen Reiz aus. In die Winkel der Wunde legt er einige Lon- 
guetten 3 ) von gezupfter Leinewand, welche heberartig wirken und die 
Absonderungsprodukte nach aussen leiten sollen. Die Wunde wird mit 
feiner, gefensterter und rundgeschnittener Leinewand bedeckt, und 
das Ganze durch eine vielköpfige 4 ) Binde befestigt. Der Verband 
wird möglichst häufig gewechselt und auf Sitz und Aeusseres grosser 
Werth gelegt. Denn „ein Verband, der sich nicht nach dem Gliede 
und seiner Beschaffenheit richtet und nicht nett angelegt ist, ist kein 
Verband." 

Larrey kehrt wieder zu den reizenden Verbandmitteln, wie sie 
im Mittelalter gebraucht wurden, zurück, in der Absicht, den Verband 



x ) Die Wieke wurde aus Charpie bereitet und gehörte zu den Erweiterungs- 
mitteln. Sie war von kegelförmiger Gestalt, bald kürzer oder länger, breiter oder 
schmäler. Schon von den Alten angewandt als Motos spheniscos ((frpti'iGzoc)^ 
figura solida, cuius spatia ubique sunt disparia, conus (Benedict). 

2 ) Die Charpiewickel oder Bourdonnets, auch Zapfenmeissel genannt (pul- 
villus rotundus, turunda) zur Ausfüllung tiefer, offener Wunden (Benedict). 

3 ) Die Longuetten sind eine Abart der gewöhnlichen Kompressen und unter- 
scheiden sich von diesen durch ihre lange schmale Form (Benedict). 

4 ) Eine aus einzelnen, über einander liegenden Streifen bestehende Binde, 
bei welcher der folgende Streifen den ersten zur Hälfte deckt, wobei aber doch 
alle in der Mitte durch eine Naht vereinigt sind (Benedict). 



— 75 - 

zuerst tonisirend wirken zu lassen, um die geschwächte Thätigkeit 
der unter dem Quetschungsschorf liegenden Gefässe wieder herzu- 
stellen, und dadurch dessen Abstossung, sowie eine schnelle Reinigung 
der Wunde zu bewirken .; zugleich müsse er auch komprimirencl wirken, 
um der allzu bedeutenden Anschwellung der verletzten Theile vorzu- 
beugen, die Wundränder einander zu nähern und sie in dieser Lage 
zu erhalten. Um beiden Heilanzeigen zu genügen, bedeckt er die 
Wunde nach Zusammenbringen der Wundränder mit gefensterten 
Linnenstücken, welche in Campherwein, warmen Wein, oder in mit 
Bleiessig versetztes Salzwasser getaucht oder mit balsamischen Sub- 
stanzen bestrichen sind; darüber werden weiche Charpie oder Hanf 
und Kompressen zur Aufsaugung der Wundflüssigkeiten gelegt, und 
der Verband durch Applikation einer geeigneten Binde beendigt. 
Wenn nicht nöthig, soll der Verband nicht vor dem 8. oder 9. Tage 
abgenommen werden. 

Larrey übte also schon schulgerecht die Okklusion, 
zweifelsohne ein Resultat seiner grossen Erfahrung. Er sah nämlich 
Individuen, denen der Arm amputirt oder exartikulirt worden war, 
die weitesten Reisen vom Schlachtfelde bis an den Ort ihrer Be- 
stimmung machen und, ohne dass sie ein einziges Mal verbunden 
wurden, geheilt dort ankommen. Als Beispiel führt er einen Ba- 
taillonschef, der an der Schulter amputirt worden war, an, der sich 
vom Schlachtfelde an der Moskwa nach Paris begeben und, ohne ein 
einziges Mal verbunden worden zu sein, bei seiner Ankunft in letzterer 
Stadt seinen Stumpf vollkommen vernarbt gefunden hatte. Mittelst 
eines Schwammes hatte er täglich blos den Eiter aufgesogen, welcher 
durch den nach der Operation angelegten Verband beständig durch- 
sickerte. — Gegen die Emollientia ist Larrey sehr eingenommen, zum 
mindesten aber räth er, bei ihrer Anwendung ausserordentlich behutsam 
zu sein. — 

Eingereiht werden möge an dieser Stelle eine kleine Episode aus den Denk- 
würdigkeiten Larrey' s, worin er von einer sehr originellen Improvisation von 
Verbandstoffen spricht. Als nämlich die Franzosen nach der Eroberung von 
Smolensk aller Verbandmittel baar waren, bediente sich Larrey anstatt der Lein- 
wand, welche schon, ungerechnet die Hemden der Verwundeten, in den ersten 
Tagen verbraucht worden war, der Akten, die er in dem Archiv fand, dessen Ge- 
bäude zu einem Hospital verwandelt worden war. Das Pergament diente zum 
Pesthalten der Verbandstücke und zu Schienen, die Zasern und die Kätzchen der 
Birken statt der Charpie, und das Papier war recht willkommen, die Kranken 
daraufzulegen. — 

Die englischen Kriegschirurgen dieser Zeit wenden in ihrer Wund- 
behandlung kalte Umschläge und Kataplasmen an. Hennen lässt den 



— 76 — 

im Felde angelegten Verband zunächst 2 — 3 Tage liegen, feuchtet 
ihn nur hin und wieder mit kaltem Wasser an, oder mit einem Ge- 
misch von diesem und etwas Branntwein, Essig oder Wein. Alsdann 
ersetzt er ihn durch massig warme, erweichende Breiumschläge von 
Brot, Mehl, Kleien, Kürbismark oder Mohrrüben, welche zweimal 
am Tage erneuert werden müssen. Tritt Eiterung ein und lösen sich 
die Schorfe allmählich, so ist ein Bäuschchen, mit milder Salbe be- 
strichen oder mit Oel befeuchtet und mit einigen in gesäuertes Wasser 
getauchten Kompressen bedeckt, Alles, was man örtlich anzuwenden 
hat. Thomson bedient sich zur ersten Wundbehandlung des Heft- 
pflasters, Guthrie verwendet ebenfalls kalte Umschläge und dann, 
um die Eiterung zu befördern, Kataplasmen. Hat sich nun die ge- 
hörige Eiterung eingefunden, so sucht Hennen durch regelmässig 
angewandten Druck und Verband sorgfältige Reinigung der Wunde zu 
erzielen. Aetzmittel verwirft er und hält ein wenig geschabte Charpie, 
durch Kompressen stark angedrückt, in den meisten Fällen für hin- 
reichend, die zu üppig hervorschiessende Fleischbildung zurück zu 
halten und die Vernarbung zu beschleunigen. Auch in der Wund- 
behandlung Langenbeck 's, wie schon früher bei The den und 
Schmucker (Vergl. Theill), spielen die kalten Umschläge, welche 
solange angewandt wurden, bis Eiterung sich zeigte, eine Hauptrolle. 
Den Verband bewerkstelligt Langenbeck so, dass er auf die Schuss- 
öffnungen ein Plumasseau 1 ) oder ein kleines Deckpflaster legt, längs 
des ganzen Schusskanals eine Longuette, diese durch Zirkeltouren 
befestigt und den Verband stets mit kaltem Wasser befeuchtet. Unter 
diesem Verbände sah er manchmal überhaupt keine Entzündung auf- 
treten, sodass er mit ihm bis zur Heilung ungestört fortfahren konnte. 
Treten aber ausgesprochene Entzündungserscheinungen auf, so fällt der 
Verband zweckmässig weg und macht warmen Umschlägen Platz. 
Diese sind jedoch mit dem Eintritt der Eiterung wieder zu beseitigen, 
weil sie sonst die Theile so sehr erschlaffen würden, dass die Eite- 
rung fortdauert und sich Abscesse und ausgebreitete fistulöse Ka- 
näle bilden. Sobald die Symptomata inflammationis sich verloren 
haben, legt er den Vereinigungsverband wieder an und die Wunde 
schliesst sich meistens sehr schnell. Wenn nach starker Eiterung 
geschwürige Schusskanäle mit fistulösem Charakter zurückgeblieben 
sind, so zieht Langenbeck Ligaturen durch sie hindurch, um eine 



x ) Plurnasseau's (plumaceolum, pulvillus) sind Charpiebäuschchen, welche 
aus langer, gleichmässig gekämmter oder gelegter Charpie bereitet wurden und 
zur unmittelbaren Bedeckung der Wundflächen dienten (Benedict). 



— 77 — 

Inflamraatio adhaesiva und eine Exsudatio plastica zu erzielen, und 
sah auf diese Weise oft bis zur Erschöpfung eiternde Schusskanäle 
zur Verheilung gelangen. 

Eine nach solchen Grundsätzen aufgestellte und bestimmt aus- 
gesprochene Wundbehandlung war in Deutschland zur Zeit der Frei- 
heitskriege jedoch nicht Allgemeingut der Wundärzte. Obwohl 
Vincenz Kern in seiner Brochüre: „Anleitung für Wundärzte zur 
Einführung einer einfacheren, natürlicheren und minder kostspieligen 
Methode, die Verwundeten zu heilen", 1810, sich bestrebt, Alles, was 
die Wunde reizt und den Verband komplizirt, fortzulassen, und nur 
räth, die Wunde mit lauem Wasser auszuwaschen, sie alsdann mit 
einem in reinem, lauem Wasser angefeuchteten Stückchen Leinwand 
zu bedecken, und nachher, wenn es die Umstände erlauben, ein er- 
weichendes Kataplasma darauf zu legen, so herrschte hier vielmehr 
eine äusserst unsaubere und vielgeschäftige Wundpflege, in der die 
Wunden tüchtig mit Pflastern und Salben beschmiert und nach Willkür 
an ihnen herum gepresst und gedrückt wurde (Fischer). 

Von der Erkenntniss, dass durch dieses Verfahren meistens mehr 
geschadet als genützt wurde, ging wahrscheinlich Rust aus, indem 
er den Verband bei frischen Wunden für entbehrlich, in der Mehrzahl 
der Fälle sogar für nachtheilig und die Heilung der Wunde ver- 
zögernd hielt (Abhandlungen, Berlin 1836). Zunächst spricht er be- 
stimmt aus, dass es in der That keine Heilsalben und keine Wund- 
balsame gebe, durch welche die Heilung der Wunden vermittelt werden 
könne, eine Lehre, die viele Jahre früher schon Purmann ausge- 
sprochen hatte (Theil I. S. 103); alsdann bezeichnet er jeden Ver- 
band, der drückt, als eine absolute Schädlichkeit. Und das sind nach 
seiner Ansicht schliesslich alle unmittelbar nach einer Verletzung an- 
gelegten Verbände, da durch Anschwellen und Entzündung des ver- 
wundeten Theiles innerhalb weniger als 24 Stunden auch der lockerste 
Verband zu fest, drückend und schmerzhaft werde. Ebenso gehöre 
ein zu oft und zu frühzeitig erneuerter Verband zu den nachtheiligsten 
Einwirkungen, denen eine Wunde ausgesetzt werde könne. Hören 
wir ihn selbst: „Möchten doch alle Verwundete und namentlich die 
Kämpfer auf dem Schlachtfelde, von der Wahrheit dieses Satzes zu 
ihrem eigenen Besten sich überzeugen und von dem Wahne zurück- 
kommen, dass es ein grosses Unglück sei, 24 Stunden oder noch 
länger unverbunden bleiben zu müssen! Nur zu ihrem Heile ist dies 
in den letzten Kampfzügen, wo es — ich spreche es laut aus — 
häufig zum Glück der Verwundeten an Verbandchirurgen oftmals 
fehlte, geschehen. Möchten demnach aber auch die älteren Feldärzte 



— 78 — 

sich die Ueberzeugung verschaffen, dass die richtige und dem Ver- 
letzten allein zum Heile gereichende Behandlung der Wunden auf viel 
einfacheren Prinzipien und Behandlungsmaximen beruhe, als die bisher 
meist beobachteten, und in wiefern sie diese Ueberzeugung bereits 
gewonnen haben, auch dazu beitragen, das Vorurtheil der Krieger, 
„dass ihr wahres Heil nur von einem schnellen und sogenannten 
kunstmässig bestellten Verbände abhängig sei" — zu bekämpfen, nicht 
aber dasselbe durch eine, dem Arzte in jeder Stellung unwürdige 
Augendicnerei dadurch noch mehr verstärken, da sie gegen ihre bessere 
Ueberzeugung nicht allein selbst handeln, sondern auch soviel als 
möglich es niemals an zum \ 7 erbande bestellten Individuen in einer 
Armee fehlen lassen, um nur Jedermann seiner Ansicht nach zu- 
frieden zu stellen." — Die Rust'schen Maximen sind in Kurzem fol- 
gende: Umschläge von kaltem, womöglich Eiswasser erfüllen bei allen 
Wunden fast ohne Ausnahme die wichtigste Heilanzeige. Sie stillen 
die Blutung, vermindern den Wundschmerz und beugen zugleich der 
Entwicklung einer zu heftigen Entzündung vor. Der Gebrauch der 
Charpie ist ganz zu vermeiden und wirkt bei frischen Wunden sogar 
schädlich; denn die anfänglich weiche, die Wunde vor äusseren Ein- 
wirkungen schützende Decke wird bald zum drückenden und schwer 
entfernbaren fremden Körper. Bei schon eiternden Wunden wirkt die 
Charpie nicht so sehr als absolute Schädlichkeit, obgleich ihr Ge- 
brauch sehr leicht den Träger für miasmatische und kontagiöse Stoffe 
abgiebt und dadurch in Feldlazarethen höchst gefährlich werden kann. 
Ebenso wenig wie der Charpie bedarf es zur Behandlung der Schuss- 
wunden besonderer Heil- und Verbandmittel, des Schusswassers etc. 
Im Gegentheil sind diese Mittel durch ihre reizenden Eigenschaften 
geradezu schädlich. Kaltes und warmes Wasser, jedes zur gehörigen 
Zeit und in der erforderlichen Form angewandt, machen besonders 
im Beginne der Behandlung der Schusswunden jedes weitere örtliche 
Mittel überflüssig. 

Dupuytren verwirft ebenfalls das Einführen von Charpie in die 
Wunden, besonders in enge Schusswunden, und verlangt in erster 
Linie vom Verband, dass er mild und reizlos sei. Er legt unmittel- 
bar auf die Wunde feine, mit vielen Löchern versehene und mit Cerat 
bestrichene Leinwand, darüber eine bald dünnere, bald stärkere 
Schicht von Charpie, je nachdem die Wunde stärker oder schwächer 
eitert. Die Zirkelbinde verwirft er, weil man beim Anlegen das 
Glied stets hochheben und in seiner Lage stören muss. Er nimmt 
vielmehr lange Compressen, welche sich kreuzen und mit Stecknadeln 
befestigt werden. Auch die Kataplasmen werden von ihm benutzt. 



— 79 — 

Der erste Verband bleibt 5 — 6 Tage liegen und wird erst, wenn die 
Eiterung in Gang ist, 1 — 2 mal täglich gewechselt. Bei jedem Ver- 
band lässt Dupuytren die Wunde sorgfältig durch Einspritzungen 
reinigen, bei atonischem Charakter der Wunden räth er, Chlorwasser 
zu verwenden und bei Entzündung in der Umgebung Blutegel zu 
setzen, was von allen Anderen als den Reiz vermehrend ver- 
worfen wird. 

In der französischen Februar- und Juni-Revolution 1848 endlich 
beschränkte man sich meistens darauf, die Schusswunden mit kalten 
Umschlägen zu behandeln. Baudens und Jobert hielten mit Eis 
und kaltem Wasser die entzündlichen Erscheinungen meistens ganz 
zurück. In den Fällen, wo solche dennoch eintraten, wurde die Kalt- 
wasserbehandlung durch Fomentationen von Inf. flor. sambuc. und 
Decoct. capit. papaver. nebst Beifügung einiger Gramme Opium (Bau- 
dens) oder durch Umschläge von lauwarmer, mit 5—6 Tropfen Lau- 
danum versetzter Malvenabkochung (Jobert) ersetzt. Ein nicht so 
ausgesprochener Verehrer der kalten Umschläge ist Velpeau. Ob- 
wohl er ihnen die Fähigkeit, bis zu einem gewissen Grade die Ent- 
zündung zu bekämpfen, nicht abspricht, schreibt er doch besonders 
der feuchten Kälte manche schweren Zufälle, Entzündungen, Pneu- 
monien, Rheumatismen u. s. w., zu und redet hauptsächlich den Kata- 
plasmen das Wort, welche er aus Leinsamenmehl mit einfachem 
Wasser bereitet, für am wirksamsten hält und zweimal täglich er- 
neuert. 

Allgemeinbehandlung (Diätetik). 
Die Allgemeinbehandlung ist sehr streng antiphlogistisch. Ader- 
lässe werden fast durchgängig schon vor Auftreten der entzündlichen 
Erscheinungen angewendet (Dupuytren, Baudens). Nach Hennen 
vertragen nur wenige Menschen starke Blutausleerungen so gut als 
Soldaten, und zwar diese viel besser als die niederen Klassen des 
bürgerlichen Volkes. Sie würden durch ihre abhärtende Lebensweise 
dahin geführt, dass sie schon nach wenigen Monaten Dienstzeit bei 
schweren Entzündungen mit Nutzen Blutmassen entbehrten, „von denen 
ein Dritttheil hingereicht hätte, dieselben Leute vorher, als sie noch 
Tagelöhner oder Handwerker waren, gänzlich hinzurichten". Bei ein- 
tretender oder bestehender Entzündung machen die Aderlässe den 
Hauptbestandtheil der Allgemeinbehandlung aus und werden von allen 
Chirurgen jener Zeit ausgiebig gehandhabt. Vorzüglich kopiöse und 
häufigere Aderlässe verlangen die Wunden wichtiger Organe, wie der 
Lunge, des Gehirns, der Leber u. s. w. (Dupuytren). 



— 80 — 

Zar Blutentziehung dienen ferner Sehröpfköpfe und Blutegel. 
Erstere wendet auch Larrey an: letztere verwirft er. weil sie die 
„Säftestockungen in den Gefässen der kranken Theile vermehren, welche 
dann anschwellen und brandig würden". Langen b eck dagegen em- 
pfiehlt wieder die Anwendung der Blutegel. Blanchet nimmt Blut- 
entziehungen nur während der ersten 2 Tage vor, und Velpeau ver- 
wirft die Aderlässe bei Eiterbildung ganz, indem er behauptet, dass 
das Muskelsystem, vom Blute entlastet, eine grössere Aufsaugungs- 
fähigkeit besitze und so durch Blutentziehung der Eiterresorption Vor- 
schub geleistet würde. 

Neben den Blutentziehungen finden zugleich die Darin aussleer un- 
gen die ausgiebigste xVnwendung. Nach flennen vertragen auch hierin 
wieder die Soldaten Ausserordentliches. Dufouart und Dupuytren 
gebrauchen neben Ab führ- auch Brechmittel, um den Inhalt des Magens 
und der Därme auszuleeren, da diese bei den Soldaten im Felde durch 
Ueberfüllung mit schlecht beschaffenen Nahrungsmitteln oft so gereizt 
und geschwächt würden, dass schon allein daraus oft die bösartigsten 
Fieber entständen (vergl. Gehern a, Theil I). Ein weiterer wichtiger 
Punkt in der Allgemeinbehandlung ist die Diätbeschränkung, wobei 
man die Verwundeten in der ersten Zeit von Kalbfleisch brühe sich 
nähren lässt (Dufouartj. Dupuytren entzieht in der ersten Zeit 
überhaupt alles Nahrhafte und reicht erst später Bouillon und leichte 
Suppen. Jedoch warnt er vor einer strengen, systematisch betriebenen 
Kostentziehung, da die Krauken dadurch zu sehr geschwächt und 
widerstandsunfähig würden und der Magen sein Verdauungsvermögen 
fast ganz verlöre. Die Diät muss sich vielmehr nach Constitution. Ge- 
wohnheit und Lokalität richten; eine solche, die in einem kalten Lande 
tödtlieh sein würde, ist in einem heissen oder gemässigten durchaus 
nothwendig. So reichte man im Jahre 181"4 den Russen in Paris 
während der entzündlichen Stadien ihrer V erwund ungen ohne Nach- 
theil schwer verdauliche Nahrungsmittel. Wein und Branntwein: wo- 
gegen sie durch eine französische Diät schnell von Kräften kamen 
und bald unterlagen. 

Malgaigne Hess während der Julirevolution seine Kranken gleich 
vom ersten Tage an essen. Er ging gleichfalls von Erfahrungen des 
Jahres 1814 aus, wo in den Spitälern von Paris mehr französische 
Soldaten als Preussen und Oesterreicher zu Grunde gingen, was zum 
Theil vielleicht daher kam, dass die ausländischen Wundärzte ihren 
Kranken gleich vom ersten Tage an Speisen zukommen Hessen. Sein 
Speisezettel bestand in l / 2 Pfd. Brot, 240 g Fleisch, ebensoviel Reis, 
oder Gemüse, J / 2 Liter Wein und Vio Liter Branntwein. 



— 81 — 

Die Getränke sollen hauptsächlich erfrischend und nach Dupuy- 
tren in den verschiedenen Stadien der Wunden von verschiedener 
Beschaffenheit sein. Während des Stupors sollen sie aus tonischen und 
Spirituosen, in der entzündlichen Periode aus verdünnten und er- 
weichenden Flüssigkeiten, im Stadium der Eiterung, Schwäche und 
Atonie aus Wein, aus China- und anderen stärkenden Abkochungen 
bestehen. 

Langenbeck ist ganz gegen den Genuss der Spirituosen Ge- 
tränke, während, wie aus obigem Speisezettel ersichtlich, die französi- 
schen Aerzte der Julirevolution sich ihrer in reichlichem Masse be- 
dienten. 

Weiter allgemein anerkannte Gesichtspunkte sind körperliche und 
geistige Ruhe. Von der besonders nachtheiligen Einwirkung des Heim- 
wehs ist Larrey durchdrungen und widmet diesem in seiner Clinique 
chirurgicale ein besonderes Kapitel. Er fasst es, von einem unter 
den Symptomen eines fieberhaften Hirnleidens letal endigenden Falle 
ausgehend, als eine besondere Krankheit auf, und giebt als Ursache 
eine lymphatische Konstitution an, ungewohnten Aufenthalt in 
feuchten und kalten Himmelsstrichen und geistige und nervöse Zer- 
rüttung. Bei raschem Steigen des Barometers soll sich diese Krank- 
heit am leichtesten entwickeln. Er empfiehlt vor allen Dingen, den 
Geist der Soldaten zu erheitern und die traurigen und bösen Be- 
trachtungen, welche die oben erwähnten Ursachen hervorrufen, zu 
verscheuchen. 

Ebenso schädliche Einwirkungen, wie hier ein Zuwenig, bringt 
nach Dupuytren wieder ein Zuviel hervor. Die Besuche, welche 
im Jahre 1830 im Hötel-Dieu vom Präfekten der Seine, Alexander 
Delaborde, der Herzogin von Orleans, späteren Königin der Fran- 
zosen, u. x\. in der sehr löblichen Absicht gemacht wurden, die Lei- 
denden zu trösten, brachten die Kranken in einen exaltirten Zustand 
und hatten Entzündungen, Delirien, Blutungen und bei manchen sogar 
den Tod zur Folge. 

Von grosser Bedeutung für die AUgemeinbehandlung ist ferner 
die Reinheit der Luft. Dupuytren räth deshalb, die Blessirten wo- 
möglich lieber unter grosse Zelte zu bringen, als in Spitäler zu schaffen, 
wo sich Brand-, Faul- und Nervenfieber so leicht bilden und ver- 
heerend am sich greifen. 

Als antiphlogistische Arzneimittel schliesslich erwähnt Langen- 
beck in der ersten Zeit der Wundbehandlung die säuerlichen Ge- 
tränke; mit Brechmitteln räth er jedoch vorsichtig zu sein, weil 

Veiöffentl. aus dem Gebiete des Milit.-.Sanitätsw. 18. Heft. n 



— 82 — 

gastrische Erscheinungen oft zu den Symptomen des Fiebers gehören 
und nicht immer durch Krankheiten des Darmes hervorgerufen zu 
werden brauchen. — 



2. Allgemeines über Wunden durch scharfe Waffen. 

Theorien und Behandlung. 

Theorien der Wunden durch scharfe Waffen. 
Die von Larrey ganz allgemein gehaltene Definition von den 
Wunden durch scharfe Waffen, dass sie „frische Trennungen des 
Zusammenhanges der Körpertheile seien, bewirkt durch irgend eine 
Ursache, welche dessen Unversehrtheit vernichtet hat", ist recht un- 
vollkommen. Eine weit bessere Charakteristik dieser Wunden haben 
Langenbeck und Dupuytren gegeben. Nach der allgemeinen De- 
finition der Wunde „als Trennung der eine Kontinuität ausmachenden 
organischen Masse, durch mechanischen Eingriff verursacht", unter- 
scheidet Langenbeck Wunden, die allein durch Zug mit einem 
schneidenden Werkzeuge entstanden sind, und nennt sie Schnitt- 
wunden. Wunden, welche mit einem schneidenden Werkzeuge durch 
Zug und Druck zugleich hervorgebracht werden, sind Hiebwunden. 
Hier wird das Werkzeug schnell und mit Kraft zuerst auf die Ober- 
fläche aufgesetzt, ein Schlag ausgeübt und dann durch die welchen 
Theile gezogen. Die Stichwunde, bei welcher das Eindringen durch 
Druck und das Fortschieben des mit zwei scharfen Rändern ver- 
sehenen Instrumentes durch Zug geschieht, zählt er ebenfalls zu den 
Schnittwunden. Hat das Werkzeug aber einen stumpfen und einen 
schneidenden Rand, so wirkt ersterer durch Zug und letzterer durch 
Druck. Die Wunde ist daher theils eine Schnitt-, theils eine ge- 
quetschte Wunde. Wunden endlich, welche mit einer nur an der 
Spitze scharfen, im Uebrigen stumpfen Waffe durch Druck oder Stoss 
hervorgebracht werden, gehören zu den gequetschten. 

Aehnlich defmirt Dupuytren die durch schneidende Waffen ver- 
anlassten Wunden als „solche, bei welchen die verletzten Theile mehr 
oder weniger glatt durch die Schärfe des Instruments getrennt werden, 
mag dies nun durch Druck allein oder durch Zug und Druck zu- 
gleich geschehen." Die Wirkung der stechenden Waffen dagegen be- 
steht nach ihm mehr in einer Auseinanderschiebung als in einer 
Spaltung der Gewebe, eine Theorie, welche sehr bald durch Baudens 
ihre Widerlegung fand. Denn würde durch eine Stich Verletzung nur 
eine Trennung der Muskelfasern bewirkt, so ginge die Verwundung 



— 83 — 

unbemerkt und ohne Schaden vorüber, was aber nicht der Fall sei. 
Vielmehr zerreisse die scharfe Spitze die Gewebe und bewirke in 
jedem Fall Aufgehobensein des Zusammenhangs, was schon allein aus 
der der Verletzung jedesmal folgenden, sehr lebhaften entzündlichen 
Reaktion hervorginge. 

Eigenschaften der Hieb- und Schnittwunden. 

Charakteristisch sind nach Dupuytren für die Hieb- und Schnitt- 
wunden ausser der mehr oder weniger glatten Trennung der Gewebe 
der stärkere oder geringere Bluterguss aus den durchschnittenen Ge- 
fässen und das Klaffen der Wundränder. Dieses ist abhängig von der 
Dicke des verwundenden Instruments und von der Spannung, in 
welcher sich die Theile im Augenblick der Verwundung befanden, 
wobei Erschlaffung und Spannung gerade entgegengesetzte Wirkungen 
herbeiführen. Die organische Contractilität ist ebenfalls eine Ursache 
zur Entfernung der Wundränder, eine Eigenschaft, welche der Haut 
in hohem Grade zukommt, und anderen Geweben, wie z. B. den Nerven 
fast ganz fehlt. 

Letztere erfahren in manchen Fällen sogar eine Art von Ver- 
längerung. Dupuytren sah sie aus der Oberfläche der Wunde hervor- 
hängen und in anderen Fällen ihre Enden sich derartig aneinander- 
legen, dass sie sich vereinigten und wirkliche Anastomosen im Gewebe 
der Narbe entstanden. Dass die Verlängerung jedoch nur eine schein- 
bare ist, erklärt Dupuytren aus der im Vergleich zu den Nerven 
unverhältnissraässig grösseren Contractilität des umgebenden Gewebes. 

Die Heilung geschieht entweder unmittelbar, durch Exsudation einer 
vereinigenden und plastischen Lymphe, oder nach einer mehr oder 
weniger reichlichen und anhaltenden Eiterung durch Bildung zell- 
gewebiger und vasculöser Wärzchen. 

Behandlung der Hieb- und Schnittwunden. 
Die Behandlung der Hieb- und Schnittwunden bemüht sich schon 
zu Anfang des Jahrhunderts wie zeitweise schon viel früher, durch 
Zusammenhalten der Wundränder die Heilung durch unmittelbare Ver- 
einigung zu Stande zu bringen. Lombard wendet Heftpflaster, ver- 
einigende Bandagen und Ruhigstellung an. Auch solche Hiebwunden, 
welche Weichtheile und Knochen zum Theil durchtrennen, heilen bei 
beständiger Ruhigstellung des verletzten Gliedes und „einer weisen 
Schonung, den Verband nicht zu oft zu erneuern." Als das Ideal 
der Vereinigung der Wundränder erscheint Lombard die Naht, doch 
soll man dabei vorsichtig verfahren. Die Nadel soll „unterhalb der 

6* 



— 84 — 

Tiefe der Wunde durchgeführt werden, um die Trennung der weichen 
Theile vollkommen zu fassen. Die Knoten sollen an der Seite ge- 
macht werden, und zwar an der rechten, damit sie dem Wundarzt 
besser zur Hand seien". Die englischen Wundärzte (Thomson) ver- 
suchen die Heilung durch Adhäsion mittels Heftpflasters und haben 
die Naht bei Schnittwunden fast gänzlich verlassen. Thomson 
leugnet nicht, dass sie zuweilen schädlich gewesen sei, ist anderer- 
seits aber auch wieder überzeugt, dass sie in manchen Fällen be- 
deutende Vortheile verschafft hat. Larrey wendet die Naht an, 
wenn die verletzten Theile der vereinigenden Binde keine Stützpunkte 
darbieten, die Ausdehnung der Wunde zu bedeutend ist, ihre Ränder 
durch keine anderen Mittel an einander gehalten werden können und 
sich beständig zurückziehen, wie dies z. B. von den grossen Längs- 
wunden des Unterleibes, von denen der Weichgebilde des Mundes 
und anderer Theile des Kopfes, Halses und Stammes und selbst 
in einigen Fällen von denen der Gliedmassen gilt. Larrey benutzt 
dazu von ihm selbst angegebene, halbkreisförmig gebogene Nadeln 
aus gut gehärtetem Stahle, und zwar grosse, mittlere, kleine und 
sehr kleine, je nachdem er Wunden des Unterleibes, des Halses, 
des Gesichts, der Ohren oder der Augenlider nähen will. Die Spitze 
hat die Gestalt einer kleinen, leicht gekrümmten Lanze oder Pike, 
ist sehr scharf und an den Rändern schneidend. Diese Schneiden 
laufen gegen den Körper der Nadel hin in zwei abgerundete Winkel 
aus, welche, nach der Grösse des Instruments, mehr oder minder 
grosse Vorsprünge auf jenem Körper bilden. Dieser ist in seiner 
ganzen Länge gleich breit und dick, seine Ränder sind abgerundet 
und etwas dünner als seine Mitte. Durch das Griffende der Nadel 
ist eine quadratische Oeffnung gebohrt, und von dieser bis zu dem 
Ende der Nadel verläuft auf jeder Fläche eine Furche, welche zur Auf- 
nahme des aus gewichsten Fäden bestehenden Schnürchens bestimmt ist 
(s. Taf. II, Fig. 5). Der Verband bleibt nach der Naht so lange als mög- 
lich liegen. Die deutschen Aerzte Langenbeck und Rust wenden 
ebenfalls die Naht und das Heftpflaster an, letzteres in der Form 
der sogenannten Pflaster bin de: zwei Heftpflasterstreifen von hinreichender 
Länge, von denen der eine etwas schmäler als der andere ist, werden 
in ansehnlicher Entfernung von den beiden Wundrändern zu beiden 
Seiten der letzteren angelegt; an der Stelle des breiteren Pflasterstreifens, 
welche unmittelbar über der Wunde zu liegen kommt, wird ein Längen- 
schnitt, ein sogen. Knopfloch, gemacht und das Ende des schmäleren 
Streifens durch diese Oeffnung gezogen, hierauf beide Enden nach Zu- 
sammenziehen der Wundränder über der Wunde gekreuzt und be- 



— 85 — 

festigt. Ebenso werden auch die oberen Pflasterenden auf den den 
unteren entgegengesetzten Seiten befestigt. Den Vortheil dieses speziell 
von Rust angegebenen Verbandes sieht dieser darin, dass er unver- 
rückbar liegt, die theilweise Einsicht in die vereinigte Wunde und die 
Anwendung von Longuetten zu beiden Seiten der Wundränder ge- 
stattet, um zugleich auf den Grund der Wunde vereinigend mit ein- 
zuwirken, so dass nicht bloss oberflächliche, sondern auch tief ein- 
dringende Wunden dadurch vereinigt werden können. Besonders darauf 
wird von Langenbeck und Rust noch hingewiesen, dass die Ver- 
einigung erst nach geschehener Blutstillung bewerkstelligt werden 
darf; Rust wartet sogar solange, bis das Stadium lymphaticum bereits 
eingetreten ist. Das Verfahren Dupuytren's schliesst sich den 
soeben besprochenen im Prinzip vollkommen an. Für die verschie- 
denen Wunden zählt er eine Reihe der verschiedensten Methoden der 
Naht auf (Knopfnaht, Schlingennaht, umwundene 'Naht, Zapfennaht 
u. s. w.), auf welche einzugehen hier aber zu weit führen würde. 

Eigenschaften der Stichwunden. 

Die Stichwunden gelten von Anfang an als gefährliche und pro- 
gnostisch üble Verletzungen. Sie haben weit schwerere Begleiter- 
scheinungen, als die durch schneidende Waffen hervorgebrachten 
Wunden (Lombard), und ziehen jedesmal eine mehr oder weniger 
starke örtliche Reizung und Entzündung nach sich (Hennen, Larrey, 
Dupuytren), mit Vorliebe sogar Tetanus und Trismus (Thomson, 
Langenbeck, Dupuytren). Der Schmerz ist heftiger, als bei einer 
Schnittwunde, besonders wenn das verletzende Werkzeug die weichen 
Theile sehr gequetscht und zerrissen hat (Langenbeck). Die Blutung 
ist der Grösse der verletzten Gefässe entsprechend (Langenbeck), 
und bei Verletzungen mit der Lanze, welche beim Eindringen in den 
Körper mehr schneidet, stärker und in ihren ersten Folgen gefährlicher, 
als bei Verletzungen mit dem Bajonett, wenngleich auch Lanzen- 
wunden gewöhnlich schneller heilen, als Bajonettstiche (Thomson). 
Dupuytren hat durch \ r ersuche an der Leiche die Form und Richtung 
der durch stechende und runde Werkzeuge verursachten Wunden näher 
zu bestimmen gesucht und kam unter anderem zu dem Ergebniss, 
dass die Stichwunden in den einzelnen Körpergegenden stets dieselbe 
Richtung hätten und zwar liefen sie: 

am Halse und vorderen Theil der Achsel gerade von oben nach 
unten ; 

am Thorax parallel der Rippen- und Rippenzwischenraumrichtung; 

am oberen und unteren Theil des Bauches schief, dem Anscheine 



— 86 — 

nach der Kichtung der Muskelfasern folgend, am mittleren Theile 
gerade von oben nach unten ; 

in den Extremitäten parallel mit deren Achse. 

Ferner weist er auf die häufige Komplikation der Stichverletzungen 
mit fremden Körpern hin, welche besonders leicht entstehen, wenn 
die stechenden Waffen, wie Rapier, Dolch, Pfeil, Nadel, Glas etc. 
zerbrechlich sind. Dass solche abgebrochenen und im Körper zurück- 
gebliebenen Theile auch einheilen können, ohne schwerere Zufälle zu 
veranlassen, ist ebenfalls eine häufig gemachte Beobachtung von 
Dupuytren. (Siehe unter Einheilen von Gewehrkugeln S. 66). 

Die Behandlung der Stichwunden. 

Als Behandlung der Stichwunden wird zunächst allgemein schon 
vor Beginn der Entzündung die Erweiterung geübt, erst recht 
aber, wenn Fremdkörper in der Wunde zurückgeblieben sind (Lom- 
bard, Larrey). Ferner ist die Aufsaugung der ergossenen Flüssig- 
keiten und eine methodische Compression zu bewirken, und ein anti- 
phlogistisches Verfahren einzuleiten. Nach gemachter Entspannung 
applicirt Larrey Schröpfköpfe auf die Wunde, macht nöthi gen falls vor- 
her mehr oder weniger tiefe Skariflkationen mit der Lanzette, und 
bedeckt die Wunde mit Compressen und Verbandstücken, die er mit 
einer schmerzstillenden und zertheilenden Flüssigkeit benetzt. L äu- 
gen b eck erweitert die Wunden nur, um blutende Gefässe zu unter- 
binden. 

Rust sucht in derselben Weise wie die Hieb-, auch die Stich- 
wunden nur durch einen komprimirenden Verband zu vereinigen. Ge- 
lingt dies nicht und geht die Stichwunde in Eiterung über, so räth er 
vor Allem für einen freien Abfluss des Eiters zu sorgen und die Stich- 
wunde so viel als möglich in eine offene Wunde umzuwandeln. 

Dupuytren stellt einen sehr umfassenden Heilplan auf und richtet 
seinVerfahren nach der Schwere und dem Sitz der Verwundung. Einfache, 
nicht komplicirte Stichwunden heilen nach ihm sozusagen von selbst 
und verlangen nur die Anwendung erweichender Infuse und Dekokte 
und kühlender Mittel. Sind harte Theile getroffen, so ist ein stark 
antiphlogistisches Verfahren am Platze, Aderlässe, Blutegel, kühlende 
Getränke, krampfstillende Mittel und Diätbeschränkung; bei Gelenk- 
verletzungen räth er sogar, ein Vesikator über das ganze verwundete 
Gelenk zu legen und die Eiterung einige Tage zu unterhalten. Ob- 
wohl bei Schussverletzungen ein begeisterter Anhänger des Debridements 
scheint Dupuytren es bei der Behandlung der Stichverletzungen 
im Allgemeinen nicht anzuwenden, mit Ausnahme derjenigen Fälle, 



— 87 — 

wo es sich um das Entfernen von Fremdkörpern handelt. Offen da- 
gegen spricht sich Baudens aus, der gleich vom Anfange an nur 
für allgemeine Blutentziehungen, Umschläge von kaltem Wasser oder 
Eis, für gelinde Abführmittel und für eine abhängige Lage des Gliedes 
zur Erleichterung (?) des Blutlaufes eintritt. Bei Complication mit 
Tetanus und Trismus empfiehlt Thomson als letztes Mittel nach dem 
Vorgange Larrey 's das Oauterium actuale, worüber Näheres sich bei 
der nunmehr folgenden Besprechung der accidentellen Wundkrank- 
heiten findet. 



3. Die accidentellen Wundkrankheiten. 

Wundstarrkrampf. Hospitalbrand. Septisches Wundfieber. Wundrose. 
Wundschmarotzer (Fliegenlarven in Wunden). 

Wundstarrkrampf. 
Ueber die Entstehung des Wundstarrkrampfes herrscht zu 
Beginn des 19. Jahrhunderts noch immer grosses Dunkel. Die 
Autoren weichen bei ihren meistentheils eingehenden Beschreibungen 
in der Angabe der Ursachen erheblich von einander ab; allgemein 
anerkannt jedoch wird die gänzliche Ohnmacht und Unzulänglichkeit 
der Behandlung. Dufouart behauptet, dass die Trockenheit der 
Sehnen den Tetanus veranlasse, und erklärt die bisher vielfach ge- 
äusserte Anschauung, dass die Reizung der Nerven die eigentliche 
Ursache der gewaltsamen Zuckungen und Oonvulsionen sei, als ein 
„unverständliches, nichtssagendes Geschwätz". Nach der Verletzung 
der Sehnen seien die Bildung von Geschwülsten, Entzündung und 
Abscessen nur erwünschte Krisen; stellen sich diese aber nicht ein, 
so entwickle sich beim Abfallen des Brandschorfes die Krankheit auf 
eine ganz unerwartete Weise in Starrkrampf, hervorgerufen durch den 
in der inneren Substanz der Sehnen zurückgehaltenen Eiter. Auf 
Rechnung der in den zermalmten Theilen befindlichen Nerven sei nur 
allein der Umstand zu setzen, dass das Glied erstarrt, unempfindlich 
und schwer wird, und in Atonie verfällt. Sehr interessant schildert 
Dufouart die Symptome des Tetanus 1 ): 

Die Sehnen werden trocken, hart, schrumpfen zusammen und zucken. Der 
Verwundete klagt über reissende und krampfhafte Schmerzen; sein Puls ist klein, 
die Athmung häufig und tief. Die Phänomene stellen sich gegen den elften Tag 
ein und nehmen schnell bis zum vierzehnten zu. Das Hüpfen der Sehnen theilt 
sich ihrer ganzen Länge mit, der Verwundete wird blass, zehrt ab, leidet an 

1) S. 112. 



— 88 — 

heftigen, schmerzhaften Krämpfen. Im Anfange zucken nur einzelne Muskelpar- 
thien; doch nicht lange währt es, so wird das ganze Muskelsystem irritirt und 
bekommt häufige Convulsionen. Der Verwundete leidet jetzt immer mehr, er ver- 
liert die Esslust und den Muth; beim Nachlass der Zufälle gewinnt er wieder neue 
Hoffnung. Doch nach jeder Ruhe werden alle Zufälle heftiger, Sehnen, Muskeln, 
das Zellgewebe, die Bauchmuskeln, das Zwerchfell, die Brust, kurz alles leidet. 
Der Verwundete weiss sich vor Angst und Schmerzen nicht zu lassen, er athmet 
beschwerlich und ist in Gefahr zu ersticken; er schreit laut auf und wimmert; 
die Muskeln des Halses, des Gesichts und des Kopfes verdrehen sich; alle 
Sehnen des Körpers sind gespannt und ziehen sich unter der Haut zusammen. 
Er knirscht mit den Zähnen. Die Kinnladen sind nicht von einander zu bringen. 
Unter den heftigsten Konvulsionen und den entsetzlichsten Verdrehungen ver- 
liert er den Verstand, die Sprache. Das Athemholen bleibt aus und mit ihm 
das Leben. — 

Thomson führt an, dass besonders die Stichwunden gern Teta- 
nus und Trismus nach sich ziehen. Larrey sieht auf Grund seiner 
Erfahrung als Hauptursache dieser Krankheit den plötzlichen Wechsel 
der Temperatur an, welche von einem Extrem zum andern überspringt. 
Die Verwundeten, welche sich während der Nacht dem unmittelbaren 
Einfluss der kalten und feuchten Luft, die stets der Nord-Nord-West- 
wind hervorbringt, vorzüglich im Frühling aussetzen, werden leicht 
vom Tetanus ergriffen; dagegen erscheint bei ziemlich gleichmässiger 
Temperatur, sowohl im Winter als im Sommer, der Zufall selten. 
Als Beweis führt Larrey die Thatsache an, dass die Krankheit in 
Aegypten sehr häufig in Folge von Feuchtigkeit und schnellem Tem- 
peraturwechsel zu den leichtesten Verletzungen hinzutrat, und dass 
fast alle Verwundete, welche in dem österreichischen Feldzuge 1809 am 
meisten dem Einfluss der kalten und feuchten Luft während der eisigen 
Frühlingsnächte ausgesetzt waren, nachdem sie verschiedene sehr be- 
deutende Grade von Hitze den Tag über ausgehalten hatten, vom Tetanus 
ergriffen wurden, — jedoch nur während dieser Jahreszeit, wo das 
Reaumur'sche Thermometer beständig von 19 bis 23 Grad am Tage 
auf 13 bis 8 Grad des Nachts sank. Als weitere Veranlassung zum 
Starrkrampf führt Larrey das Einschnüren von Nerven, vorzüglich be- 
deutender Stränge, bei Unterbindung von Gefässen an. Eine gewisse 
Prädisposition zum Tetanus haben jedoch die Schussverletzungen der 
Charniergelenke und Nervenstränge; ferner die Knochenzerschmette- 
rungen; die Gegenwart fremder Körper, welche stechen oder die Ge- 
webe zerreissen; Ausreissungen der Sehnen, Bänder, Nerven und Ge- 
fässe, mehr oder minder bedeutende Substanzverluste in den Weich- 
gebilden oder in der ganzen Dicke des Gliedes, wobei eine grosse 
Anzahl von Nervenfäden zerrissen oder entblösst sind, wie dies bei 
den Verwundeten durch grobes Geschütz, Biskaiens, Haubitzenstücke 



— 89 — 

oder Kanonenkugeln erfolgt. Als einen ziemlich häufigen Befund bei 
Autopsien an Tetanus Verstorbener erwähnt Larrey das gleichzeitige 
Vorhandensein eines Wurmleidens (Spulwürmer), und glaubt auch 
diesem eine gewisse Rolle beim Zustandekommen der Krankheit zu- 
schreiben zu müssen. (Vgl. Laurent-Wedekind, oben S. 33.) 

Langenbeck und Dupuytren bestätigen im Wesentlichen die 
von Larrey angegebene Aetiologie des Tetanus. 

Dupuytren beschuldigt jedoch auch gewisse psychische Momente: 
Ein plötzlich eintretendes, heftiges, unangenehmes oder stark auf- 
regendes Geräusch, ein schneller Aufruf zu den Waffen, Flinten- und 
noch mehr Kanonenschüsse, Glockengeläute u. s. w T ., und die hier- 
durch erzeugte Erschütterung sei oft allein schon hinreichend, die 
Krankheit zu veranlassen, welche fast unausbleiblich entstehe, wenn 
noch moralische Einflüsse mitwirken. Beide Autoren weichen jedoch 
schon erheblich von der Ansicht Dufouarts ab, den Sitz des Starr- 
krampfs vornehmlich in den Sehnen zu suchen, sondern glauben aus 
ihren Erfahrungen den Schluss ziehen zu dürfen, dass er ein wesent- 
lich nervöses Leiden ist, dessen Wirkungen sich hauptsächlich im 
Muskelsystem äussern. 

Die von den verschiedenen Chirurgen vorgeschlagene Behand- 
lungsweise des Tetanus ist naturgemäss eine verschiedene, je nach 
ihrer Auffassung von dem Sitze und Wesen dieser Krankheit. Dufouart 
lenkt seine ganze Aufmerksamkeit auf die Sehnen und die sehnigen 
Membranen, und hält es für durchaus nöthig, die Eiterung dieser Or- 
gane zu befördern und zu unterhalten. Hört gegen den elften Tag 
das Sehnenhüpfen nicht auf, so räth er, sie sogleich in die Quere zu 
durchschneiden, und nötigenfalls sogar die Muskeln, wenn die Zuckungen 
fortdauern. — Die unerwartet glückliche Heilung eines Starrkrampfs, 
von dem ein Offizier in Aegypten ergriffen war, durch Amputation des 
verletzten Gliedes, lenkte Larreys Aufmerksamkeit zuerst auf dies 
Verfahren. Er stellt den Satz auf, dass bei allen schweren Ver- 
letzungen der Gliedmassen die Amputation das sicherste Mittel sei, 
den Starrkrampf zu verhüten, und hält es auch für gerathen, bei einer 
Verletzung, welche an sich nicht bedeutend genug ist, die Amputation 
zu erfordern, das Glied in dem Augenblicke zu entfernen, wo die Zu- 
fälle ausbrechen. In 5 Fällen, wo ein Nerv in die Ligatur einer 
Schlagader mit eingeschlossen war, hat Larrey die Durchschneidung 
dieser Ligatur mit glücklichem Erfolge ausgeführt. Wo Einklemmungen 
und Verwachsungen von Nerven zu befürchten sind, räth er die aus- 
giebige Anwendung des Ferrum candens. Ueber die Wirkung des 



— 90 — 

letzteren berichtet er in einem sehr prägnanten Fall (Memoiren I, 

5. 516): 

Ein Grenadier, •welchem durch eine Kanonenkugel ein Theil des Rückgrats, 
des rechten Schulterblatts und der hier liegenden Muskeln weggenommen war. 
erkrankte, nachdem die ersten Perioden der Eiterung ruhig vorüber gegangen 
waren und die "Wunde schon anfing, im Umkreise zu vernarben, plötzlich an 
Tetanus, der sich wie ein elektrischer Funke von der Wunde über das ganze 
Nervensystem verbreitete. Nach vergeblichen Versuchen, dem Kranken zu helfen, 
liess Larrey vier breite, dicke Eisen ganz weissglühend machen und wandte 
hintereinander eins nach dem andern in dem ganzen Umfange der Wunde an. so, 
dass er auf die Punkte der Narbe, wo er Zweige des Nervus accessorius Willisii 
gereizt und geschwollen vermuthete, stärker aufdrückte. Kaum war die allerdings 
äusserst schmerzhafte Operation fertig, als eine fast allgemeine Abspannung ein- 
trat, der ein reichlicher Schweiss vorausging. Der Kranke genas allmählich und 
konnte am 60. Tage gesund in seine Heimath entlassen werden ; gewiss eine der 
merkwürdigsten Kuren in der Feldarzneikunde, wie Larrey selbst bemerkt. 

Zuweilen reichen schon Incisionen, die Anwendung von Yesikan- 
tien und Blutentziehungen (Schröpfköpfe zu beiden Seiten der Wirbel- 
säule) hin. um die Krankheit aufzuhalten oder selbst zu heilen. Die 
inneren Mittel hält Larrey fast mmer für unnütz bei der Behand- 
lung des Tetanus . weil bald nach dessen Ausbruch eine Zusammen- 
schnürung des Schlundes eintritt. Empfohlen sind Gummi, Campher, 
Bibergeil. Moschus and die modificirten Alcalina und zwar in steigen- 
den Gaben. Hennen sah in einem Falle die Heilung durch Queck- 
silbereinreibungen erfolgen, verlor den Kranken aber später an Mer- 
curialismus. In einem anderen Falle erleichterte die Absetzung des 
verwundeten Gliedes alle Zufälle: aber der Kranke starb an einem 
Fieber, welches die ganze Zeit seiner Krankheit fortdauerte und in der 

6. Woche tödtlich ward. Aderlässe und Tabaksklystiere erleichterten 
in einem Falle die schon 5 Tage dauernden Zufälle, in einem anderen 
Falle Aether mit Mohnsafttinktur in kleinen Gaben. Im Uebrigen aber 
hebt Hennen die vollkommene Machtlosigkeit der Therapie hervor. 
Langenbeck empfiehlt hauptsächlich die Aderlässe und giebt Opium 
und Merkur. Der Amputation legt er nur in prophylaktischer Be- 
ziehung Werth bei; Dupuytren hält sie sogar für ganz erfolglos. 
Er zählt zu den besten Mitteln gegen Tetanus neben reichlichen Blut- 
entleerungen den Aufenthalt in feuchter, darnpf haltiger Luft, deren 
Wirkungsweise sich derjenigen eines Misthaufens sehr nähert, in 
welchen Ambrosius Pare einen von "Wundstarrkrampf befallenen 
Soldaten setzen liess und ihn angeblich geheilt hat 1 ). 



r ) Oeuvres d'Ambroise Pare. Liv. XII. Chap. 27. 



— 91 — 

Hospitalbrand. 

Obgleich der Hospitalbrand schon von A. Pare und Paracelsus 
im Verlaufe der Kriegsverletzungen beobachtet und im 18. Jahrhun- 
dert durch die Arbeiten Quesnay's 1 ) über die verschiedenen Arten des 
Brandes schon genauer ergründet und, wie De la Motte 1771 erzählt, 
aus Rücksicht auf die Kranken nicht Gangrene, sondern Pourriture 
d'höpital genannt wurde, so wurden doch die ersten grossen Epi- 
demien in den Jahren 1813 — 1815 in Spanien von Hennen, Blak- 
kader und Guthrie beobachtet, und damit erst die Krankheit in 
vollem Umfange als epidemische und kontagiöse Wundkrankheit er- 
kannt und gewürdigt. (Fischer, Billroth.) Vom 26. 6. bis 
zum 24. 12. 1813 behandelte Guthrie 1614 Fälle von Hospital brand 
daselbst, von denen .512 tödtlich endeten. Die Seuche herrschte zu der 
Zeit auch in allen französischen Lazarethen ; im Hospital St. Louis zu 
Paris starben von 1900 Verwundeten 500 am Hospitalbrand. Nach 
der Schlacht bei Waterloo trat er besonders schwer und zahlreich in 
den Lazarethen zu Antwerpen und Brüssel auf (Fischer). 

In einem gut und hoch am südlichen Ufer des Ibaicabal in der 
Nähe von Bilbao am Biskayischen Meerbusen gelegenen Spital (Corde- 
leria oder Seilerbahnspital) beobachtete Hennen nach der Schlacht 
von Vittoria 1813 eine rapid fortschreitende Form des Hospitalbrandes. 
Er fand, als er in der letzten Woche des Augusts von Vittoria an- 
kam, 1000 Verwundete, deren Mehrzahl von eben daher in allmählich 
nachrückenden Abtheilungen auf Wagen und Karren in das Spital ge- 
bracht war, von denen einzelne Leichtverwundete jedoch die 12 Lieues 
weite Strecke zu Fuss zurückgelegt hatten, sehr zusammengedrängt 
auf dürftigen Lagerstätten, zumeist nur auf dem am Boden ausge- 
breiteten Stroh liegend vor. Binnen wenigen Tagen war das ganze 
Lazareth vom Brande ergriffen. Es handelte sich hier offenbar um die 
ulceröse Form des Hospitalbrandes: Die Wunde, ihre ursprüngliche 
Gestalt mochte nun gewesen sein, welche sie wollte, nahm bald eine 
kreisrunde Form an; ihre harten, hervorragenden, zackigen Ränder 
gaben ihr ein becherförmiges Aussehen; einzelne Stellen dieser Ränder 
wurden schmutziggelb, während der Grund der Wunde mit einem 
zähen schwärzlichen Schmutz durchzogen war. Ungemein lebhaft 
schildert Hennen den weiteren Verlauf dieser fürchterlichen Krank- 
heit: „Das schnelle Fortschreiten und die kreisrunde Gestalt des Ge- 
schwürs behaupteten sich standhaft, die Wunde mochte sein, wo sie 



x ) M. Quesnay, Traite de la Gangrene. Paris MDCCXLIX. 



— 92 — 

wollte. So wurden die Ohrmuschel und das Augenlid durch konzen- 
trisch um sich greifende Kreise zerstört, und sogar über benachbarte 
Flächen, die eigentlich gar nicht unter sich zusammenhängen, wie die 
Gesammtflächen der Finger oder Zehen, schritt die Krankheit in 
gleicher Weise fort, so dass zum Beispiel eine Wunde, die am Morgen 
blos den Mittelfinger betraf, am Abend sich schon auf die benach- 
barten gesunden Finger erstreckte und binnen weniger als 12 Stunden 
die ganze Hand einnahm: und dabei blieb die ursprüngliche Wunde 
immer der Mittelpunkt jenes ausgebreiteten Kreisgeschwüres, während 
der Grund nnregelmässig oder eckig war: die abgesonderte Jauche 
war dunkelfarbig und stinkend, und der Schmerz im höchsten Grade 
stechend. 

Indem nun der Brand noch weiter um sich griff, sonderten sich 
sehr rasch grosse faule Stücke ab, welche die becherförmige Vertiefung 
ausfüllten und überragten; die rosenartige Färbung und Blasenerzeugung 
der umliegenden Haut nahm überhand und Streifen entzündeter Lymph- 
gefässe erstreckten sich von den Wunden zu den benachbarten Drüsen, 
welche dann ebenfalls sich entzündeten, eiterten und oft ein neues 
Nest für den Brand bildeten. Das Gesicht des Leidenden bekam ein 
gespenstiges, angstvolles Aussehen, seine Augen wurden hohl und 
hochgelb gefärbt, die Zunge mit braunem und schwarzem Schmutz 
belegt, die Esslust fehlte gänzlich, und der Puls sank immer mehr 
an Kraft und stieg an Schnelligkeit. Die Schwäche und Reizbarkeit. 
des Kranken waren in diesem Zeitraum so gross, dass schon die ge- 
ringste Veränderung seiner Lage oder die zarteste Untersuchung der 
Wunde ihm wahre Qual verursachte, die dadurch noch grösser ward, 
dass er selbst das Glied nicht still halten konnte uud, sobald es nur 
vom Lager entfernt ward, Zittern und krampfartige Zuckungen darin 
bekam. [Diese sah Hennen jedoch sich nie bis zum Starrkrämpfe 
steigern und leugnet daher das gleichzeitige Vorkommen beider Krank- 
heiten, während Guthrie Hospitalbrand und Tetanus mit einander 
verbunden gesehen und durch Aderlassen geheilt haben will. 1 )] Schnell 
näherte sich nun der dritte und letzte Zeitraum. Die Oberfläche der 
Wunde war beständig mit einer blutigen Ausschwitzung bedeckt, und 
hob man einen Rand der schlaffen Wunde mit der Sonde auf, so 
blieb an dieser ein dunkles Blutgerinnsel hängen, welches auch so- 
gleich die entstandene Lücke ausfüllte: wiederholt eintretende starke 
venöse Blutungen brachten den Kranken schnell immer mehr herunter: 



!) Siehe den Aufsatz von Sir James M.' Gregor: Ueber die Krankheiten 
des Heeres in den Medico-chirurgical Transactions. Vol. VI. p. 435. 



— 93 — 

die abgestorbenen Theile, entweder von selbst abgefallen oder ab- 
sichtlich entfernt, wurden schnell durch neue ersetzt, und unter ihnen 
fand man kleine, dicht an einander stehende Flecken von arteriellem 
Blute. Endlich barst eine Arterie, welche, wenn man sie unterband, 
gewöhnlich unter der Ligatur von Neuem zerriss. Man wandte die 
Aderpresse oder sonstigen Druck ebenso vergebens an, denn wenn 
dadurch das Bluten gestillt war, so wurde auch der Tod des Gliedes 
beschleunigt, welches furchtbar anschwoll und einen entsetzlichen Ge- 
ruch verbreitete. Ein unaufhörliches Aufstossen kam dazu, und der 
traurige Auftritt pflegte dann mit Schlafsucht, unwillkürlichem Ab- 
gang des Unraths und Schluchzen zu schliessen." 

Hennen hält die unmittelbare Berührung, obwohl höchst gefähr- 
lich, zur Fortpflanzung dieser tückischen Seuche durchaus nicht immer 
für erforderlich. Er sah Gliederstümpfe, welche schon fast vernarbt 
waren, davon ergriffen werden und schon lange zugeheilte Wunden 
wieder aufbrechen und in faulige Eiterung übergehen. Die von ihm 
erwähnte, von Brugmanns dargestellte Analyse der Luft ergab darin 
einen eigenthümlichen, zur Fäulniss höchst geneigten Stoff und eine 
Verminderung des Sauerstoffs, während Stick- und Kohlenstoff über- 
wogen. Versuche mit salpetersaurem Silber, essigsaurem Blei oder 
übersaurem salzsaurem Gas wiesen die Gegenwart von schwefligem 
Wasserstoffgas nach 1 ). 

Die wenigen Fälle von Hospitalbrand, welche Hennen im Jesuiten- 
Hospital zu Brüssel vorkommen sah, dem höchsten und luftigsten 
Gebäude der ganzen Stadt, endeten alle glücklich. In einem anderen 
Brüsseler Lazarethe der Gensdarmerie, welches sehr niedrig lag und 
eigentlich eine Art von Häscheraufenthalt war, und wo bis zu seiner 
Belegung als Spital der grösste Schmutz geherrscht hatte, zeigte sich 
der Brand bald in einem raschen und verderblichen Abfaulen der 
Gliederstümpfe, mit kreisrunder Form, hochrothem Rande, heftigen 
Schmerzen und starkem Fieber. Hier waren Kriegsgefangene und zer- 
streute Ueberbleibsel der verschiedenen Schlachten, im Ganzen 300 Mann, 
untergebracht worden, welche zusammengehäuft, unvermögend sich 
selbst zu helfen und fast wahnsinnig durch Mangel, auf dem Fussboden 
liegen mussten. Unter diesen befanden sich 140 mit offenen Knochen- 
brüchen, nämlich 86 des Oberschenkels, 48 des Unterschenkels und 
6 am Arm. Die Bauern hatten diese Leute im ganzen Lande zu- 
sammengesucht und von Scheune zu Scheune geschleppt, wobei es oft 



1 ) Siehe: De l'etat et de la composition de l'atmosphere in den Annales de 
Litterature par M. M. Kluyskens et Kesteloot. Vol. XIX. 



— 94 — 

an Nahrung und Verbandmitteln gefehlt hatte. Sie kamen in ver- 
schiedenen Zeiten vom 8. bis 13. Tage nach der Verwundung in 
Brüssel an. 

Im Elisabeth-Spitale in ebengenannter Stadt, einem niedrig ge- 
legenen, aber reinlichen und luftigen Gebäude, zeigten sich nur wenige 
Fälle von Brand, und zwar besonders in den unteren Zimmern. 

In einem Gebäude in der Nachbarschaft von Brüssel, etwa 
2 Meilen von der Stadt entfernt und auf einer sumpfigen, mit Bäumen 
bedeckten Ebene gelegen, durch welche der Antwerpener Kanal, die 
Dyle und verschiedene kleinere Gewässer langsam dahinflössen, hatten 
die Braunschweiger ihr Lazareth; ihre Verwundeten lagen auf dem 
Fussboden und waren sehr gehäuft: hier herrschte der Brand furcht- 
bar. Er ergriff einen Stumpf oft drei Stunden nach der Amputation, 
und als Hennen dieses Lazareth 28 Tage nach der Schlacht be- 
suchte, war nur einer übrig geblieben, der von einer glücklichen Am- 
putation zeugte! 

Der niedrigen Lage von Antwerpen giebt Thomson Schuld, dass 
hier die Wunden schlechter aussahen, und verhältnissmässig mehr 
Hospitalbrand vorkam, als in dem höher gelegenen Brüssel. In 
dieser Stadt wiederum ereigneten sich die meisten Fälle in der tiefer 
gelegenen Altstadt. Er hält den Hospitalbrand in Belgien nicht in 
dem Grade für kontagiös und von Einem auf den Anderen übertrag- 
bar, wie in England, sondern mehr für endemisch und durch die- 
selben Ursachen erzeugt wie die endemischen Fieber. 

Larrey beschreibt nur die sogenannte pulpöse Form ; er machte 
schon die Beobachtung, dass die Schlagadern und Nerven längere Zeit 
von dem Processe verschont bleiben, wegen der „thatkräftigen Lebens- 
urstoffe, welche hauptsächlich in ihnen enthalten sind, nämlich des 
Sauerstoffs im Schlagaderblute und der die Nervenstränge durch- 
strömenden Elektricität." 

Als Ursachen führt er neben einer schwächlichen Constitution des 
Kranken die Feuchtigkeit der Atmosphäre 1 ) und die Miasmen an, mit 
welchen die Luft geschwängert ist, vorzüglich durch solche, die be- 



l ) Schon A. Pare ist der Meinung, dass ein warmer feuchter Wind leicht den 
Brand der Wunden hervorbringt und äussert sich in folgenden gaulischen Versen: 

Quand auster vente la partie 

Qui est navree est tot pourrie. 
Unter auster ist der Südwind zu verstehen, welcher der wärmste von allen ist, und 
wenn er Feuchtigkeit mit sich führt, sehr zur Fäulniss geneigt macht (Mehee, 
Schusswunden, 1801. p. 62). 



— 95 — 

reits durch Hospitalbrand entwickelt wurden, oder von den fauligen 
Ausströmungen thierischer Stoffe herrühren; ferner die Anwendung zu 
stark reizender Salben und kalter adstringirender Waschungen, un- 
zweckmässiges und zu häufiges Verbinden. 

C. M. Langenbeck hat sich mit der Aetiologie des Hospital- 
brandes eingehend beschäftigt und glaubt, soviel mit Bestimmtheit 
sagen zu können, dass die Luft in den Spitälern mit einem gewissen 
ansteckenden Stoff imprägnirt sein muss, der die Veränderung der 
Wunden hervorbringt, bald Exulceration, bald Brand. Neben dieser 
miasmatischen Ansteckung erwähnt er noch die kontagiöse von Wunde 
zu Wunde. Der Ansteckungsstoff ist thierischer Art und entwickelt 
sich in der Luft (generatio originaria) bei Anhäufung von Kranken 
mit vorzüglich krebsartigen, skorbutischen und syphilitischen Ge- 
schwüren, welche durch ihre Ausdünstung einen üblen Geruch ver- 
breiten- und stark secerniren; ferner, wenn viele Verwundete zusammen 
liegen mit stark eiternden Wunden. Am gefährlichsten ist es, wenn 
Verwundete neben Sterbenden liegen, wo man schon einen kadaverösen 
Geruch bemerkt. Obwohl das Miasma des Lazarethfiebers mit dem 
des Hospital brandes nicht identisch ist, so kann doch die Atmosphäre 
durch viele mit Lazarethfieber behaftete so verpestet werden, dass 
sich in ihr das Miasma des Hospitalbrandes entwickelt. Dieses kann 
sogar allein schon durch die Ausdünstungen von vielen Menschen, 
vorzüglich Kranken erzeugt werden, die sich in einer nicht hinlänglich 
erneuerten Luft befinden. Auf diese Weise kann die Krankheit in Zucht- 
häusern und Kerkern ausbrechen. Brugmanns fand im Bicetre zu 
Paris Wunden vom Hospitalbrande ergriffen. Im Zuchthause zu Arnheim 
fand er acht Menschen in einem kleinen Gemache, dessen Luft sehr 
verdorben war; sieben von diesen waren gesund, der achte hatte ein 
altes Geschwür am Beine, welches vom Hospital brande ergriffen war. 

Auch kann der Krankheitsstoff entwickelt werden, wenn die Ver- 
wundeten zu niedrig, bezw\ auf dem Fussboden des Saales selbst 
liegen. Brugmanns suchte den Grund darin, dass am Fussboden das 
Verhältniss des kohlensauren Gases 20 / 100 und darüber sei, die Flam- 
men einer Kerze merklich verringert, und das Kalkwasser in einem 
offenen Glase augenblicklich milchig getrübt wird. 

Das Miasma wird besonders erzeugt durch alles, was die Fäul- 
niss thierischer Substanzen befördert, z. B. durch Wärme und Feuch- 
tigkeit. Daher bricht die Krankheit in niedrigen, dumpfigen, feuchten, 
und schlecht gelüfteten Gemächern, in welche keine Sonnenstrahlen 
dringen, leicht aus, Desault beobachtete, dass im Hötel-Dieu in 



— 96 — 

den über dem Fluss gelegenen Sälen der Hospitalbrand häufiger war, 
als in den von der Seine entfernt liegenden. Richerand 1 ) schreibt 
die Entstehung des Hospitalbrandes ganz vorzüglich feuchten und 
wenig gelüfteten Sälen, der kalten und regnerischen Witterung zu. 
Brugmanns dagegen will Richerand's Behauptung, schlechtes 
Wetter könne diese Krankheit befördern, nicht bestätigt gefunden 
haben. 

Hat sich das Miasma nun einmal entwickelt, — führt Langen- 
beck weiter aus — so erfolgt die Ansteckung 1) durch Luftüber- 
tragung, er nennt diese die miasmatische, und 2) durch das mit dem 
Ansteckungsstoff behaftete Sekret einer vom Hospitalbrand ergriffenen 
Wunde, gleichsam durch Impfung per contactum. Diese kann bewirkt 
werden durch die Finger der Wundärzte, welche mit dem Hospital- 
brande Behaftete verbunden haben, und dann andere Vewundete ver- 
binden; ferner durch verunreinigte Instrumente und durch Verband- 
stoffe, Kleider, Bettlaken, wenn sie mit dem Eiter eines am Hospital- 
brande Leidenden verunreinigt waren. Die Erfahrung hat gelehrt, dass 
es sogar gefährlich ist, auch lange Zeit nachher, solche Gegenstände 
wieder zu gebrauchen. 

Die Krankheit durchläuft nach Langenbeck schnell folgende 
Stadien: Inflammatio nosocomialis, Exulceratio nosocomialis, Gan- 
graena nosocomialis und Sphacelus nosocomialis, und hat das Cha- 
rakteristische, dass sie, sich selbst überlassen, niemals heilt. Da bald 
die eine, bald die andere wesentliche Erscheinung vorhanden sein 
kann, so sieht Langenbeck darin den Grund, dass die Krankheit in 
so verschiedenen Graden und Formen beschrieben worden ist. 

Dupuytren fügt dem bisher über den Hospitalbrand Erforschten 
nichts wesentlich Neues hinzu. Er schildert fast nur die vorhin er- 
wähnte pulpöse Form. — 

Was nun die Behandlung dieser Krankheit anbetrifft, so entfernt 
Larrey zunächst durch Aetzmittel den fauligen Ueberzug und wendet 
alsdann angeblich mit grossem Vortheile das Glüheisen an; dies 
rauss w r eissglühend sein und auf allen eiternden Stellen recht in die 
Tiefe wirken. Oft räth er sogar, die Ustion zu wiederholen, welche 
nicht als grausam zu erachten sei, im Gegentheil den Schmerz hebe 
und den Kranken unbeschreiblich beruhige. 

Hennen betrachtet die äusseren Mittel nur als Nebendinge und 



x ) Richerand, Grundriss der neueren Wundarzneikunde, übersetzt von 
Roblei. 2. Theil. S. 99. 



— 97 — 

legt grösseren Werth auf die Allgeineinbehandlung. In jedem Falle, 
mochte die Krankheit zum ersten Male oder als Recidiv auftreten, 
wurden starke ßrech- und Abführmittel gegeben, überhaupt während 
der ganzen Behandlung auf Darmkanal und Haut die grösste Auf- 
merksamkeit verwendet. Traten typhöse Zufälle hinzu, was besonders 
im August und September sehr häufig und früh zu geschehen pflegte, 
so verfuhr er ganz nach denselben Grundsätzen, wie beim reinen 
Typhus, indem er späterhin starke Gaben von Mohnsaft, eine nährende 
Kost und viel Wein von bestmöglicher Güte verabfolgte. Von der 
Darreichung grosser Gaben Chinarinde sah Hennen, wenn noch nicht 
die vollen Ausleerungen vorgenommen waren, und die Absonderung 
des Toten vom Lebendigen sich noch nicht eingestellt hatte, nur 
Nachtheil. Zu Beginn der Krankheit fand auch der Aderlass ziemlich 
umfangreiche Verwendung. Von der Anwendung des glühenden Eisens 
hatte Hennen aus Frankreich viel Rühmenswerthes gehört, konnte 
sich aber zu seinem Gebrauch nicht entschliessen („die englischen 
Chirurgen sind alle bis auf den heutigen Tag noch sehr feuerscheu!" 
sagt Billroth 1859). 

Er bedeckte die Wunden mit einem grossen gährenden 'Brei- 
umschlage, oder wenn Spannung und Entzündung sehr stark waren, 
mit Tüchern in Bleiwasser getaucht; die schmerzhaften W T unden ver- 
band er mit Charpie, die -mit Mohnsafttinktur oder Campheröl be- 
feuchtet war, oder trug einen Brei von Campher und Opium auf; 
war der Gestank sehr arg, so fand gereinigte Holzasche, allenfalls 
mit China oder Campher gemischt, Verwendung; auch von der ver- 
dünnten Salpeter- und Citronensäure sah er einigen Nutzen. 

Zweifelsohne verdienstvoll sind die auf hygienischem Gebiet 
geübten Massnahmen Hennen 's zur Bekämpfung des Hospital- 
brandes. Neben grösstmöglicher Reinlichkeit wurden die Wunden 
während des Verbindens salpetersauren Dämpfen ausgesetzt und diese 
beständig in den Zimmern verbreitet. Wände, Fussböden und Decken 
der letzteren wurden täglich abgewaschen und dasselbe Verbandstück 
nie zum zweiten Male gebraucht, ohne ausgewaschen zu sein. Die 
Schwämme oder das (zu diesem Gebrauch bei weitem vorzuziehende) 
Werg, deren man sich zum Reinigen der Wunden bedient hatte, wur- 
den sogleich vernichtet, um allen Fortpflanzungen des Giftes vorzu- 
beugen. Die Lazarethe wurden in besondere Abtheilungen getheilt 
und mit Luftzügen versehen, um sie von inneren und äusseren Schäd- 
lichkeiten zu reinigen. Fanden sich besonders lufthaltige und schwach 
belegte Zimmer, so genügte es oft schon, den Kranken in ein anderes 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 18, Heft, y 



— 98 — 

Zimmer oder, wo dies nicht möglich war, nur auf eine andere Stelle 
zu legen. Vorzüglich aber musste das Lager über dem Fussboden 
erhöht sein und durfte nicht in einem "Winkel stehen. Unter Um- 
ständen wurden die Kranken auch in luftigen Zelten untergebracht. 

Auch in prophylaktischer Beziehung war Hennen thätig. So 
berichtet er, dass 1812 in dem Hauptlazarethe zu Elvas von 2500 
Verwundeten, die dort behandelt wurden, kein einziger Hospitalbrand 
oder Nervenfieber bekam, obwohl beide Krankheiten in den beiden 
vorhergehenden Jahren mit beispielloser Wuth dort geherrscht hatten. 
Er schrieb diesen glücklichen Erfolg lediglich der eingeführten Rein- 
lichkeit und Lüftung zu und der Entfernung eines ungeheuren Mist- 
haufens, dessen untere Lage aus halbfaulem Werg und blutigen Ver- 
bandstücken bestand, welche die Schlacht von Talavera hier hinter- 
lassen hatte, und die sich beim Umkehren alle mit jenem Schwamm 
bedeckt fanden, den schon die älteren französischen Wundärzte auf den 
Verbandstücken im Hntel-Dieu wachsen sahen. Gleichzeitig liess er 
zwei stagnirende Teiche ab, welche mit ihren Ausdünstungen die 
ganze Nachbarschaft verpestet hatten. — 

Bei Langenbeck macht sich in der Behandlung des Hospital- 
brandes insofern ein weiterer bedeutender Fortschritt geltend, als er der 
Prophylaxe, der Verhütung der generatio originaria ein besonderes 
Kapitel einräumt und dieses an die Spitze der ganzen Therapie stellt. 
Hier gilt in erster Linie die Anlegung eines Spitals in luftiger, freier 
Gegend, so weit als möglich entfernt von stehenden Wässern, Morästen 
und der Anhäufung faulender Stoffe. Die Krankensäle mit Morgen- 
oder Mittagssonne müssen geräumig sein.. Mit Brugmanns fordert 
er für jeden Verwundeten einen Raum von 500 Kubikfuss Luft. Die 
Betten sollen 2 — 2y 2 Fuss von einander entfernt, 14 — 16 Zoll über 
dem Boden erhaben sein und 1 Fuss von der W T and entfernt stehen. 
Beständige Erneuerung, Reinlichkeit sowohl im Raum als auch bei 
den Verwundeten selbst, zweckmässige Auswahl der jedesmal zu- 
sammenliegenden Kranken, gute und kräftige Nahrung sind die wich- 
tigsten seiner weiteren Postulate. 

Die bereits mit dem Miasma infizirte Luft räth Langenbeck, 
nach dem Vorgange von Guyton Morveau 1 ), durch Räucherungen 
mit dem aus Küchensalz und Braunstein durch Schwefelsäure ent- 
wickelten oxydinen salzsauren Gas (Halogengas) zu reinigen. Die an 
Hospitalbrand Erkrankten sind zu isoliren und in Zelten oder anderen 
Sälen unterzubringen. Ferner ist das Wechseln der Kleidungsstücke, 



!) Traite des moyens de desinfecter l'air. 



— 99 — 

Wäsche und Bettgeräthe, welche in der miasmatischen Atmosphäre 
waren, unumgänglich nöthig, um eine Uebertragung per contactum zu 
vermeiden. Inficirte Verbandstoffe sind zu vernichten und für die 
Erkrankten besondere Instrumente zu halten. 

Bei der eigentlichen Behandlung des Hospitalbrandes unterscheidet 
Langen beck eine allgemeine und eine örtliche. Für letztere nennt 
er eine grosse Anzahl von Mitteln, welche dynamisch, desinficirend 
und schliesslich zerstörend auf die Sekretionsorgane wirken sollen. 
Als die differentesten sind wohl salpetersaures Silber, Aetzkali, das 
glühende Eisen, Salzsäure und Arsenik zu nennen. 

Was nun endlich die Amputation beim Hospitalbrande anbelangt, 
so hält er sie dann für indicirt, wenn solche Zerstörungen angerichtet 
sind, dass die Wiederherstellung nicht möglich ist. Die Operation 
darf nicht eher unternommen werden, als bis die zerstörte Gegend 
durch Salzsäure oder das Ferrum candens desinficirt worden ist. 
Dabei ist es dann auch unumgänglich nothwendig, jeden Amputirten 
aus der inficirten Atmosphäre zu entfernen. 

Dupuytren empfiehlt nach Dussaussoy als bestes Mittel, China- 
pulver mit Terpentingeist alle 24 Stunden auf die brandigen Wunden 
zu appliciren. Es sollte darnach eine gehörige Entzündung sich ent- 
wickeln, die Brandschorfe abfallen und die Wunde vernarben. In 
schwereren Fällen haben ihm auch die von Langen beck empfohlenen 
Caustica die besten Dienste geleistet. 

Das septische Wundfieber. 

Das ausserordentlich komplicirte Bild des septischen Wundfiebers 
beginnt im 19. Jahrhundert erst sich zu entwirren und zu klären. Die 
Ansicht, es sei auf Eiterverhaltung und Eiterresorption zurückzu- 
führen, tritt allmählich immer mehr hervor; für die inneren meta- 
statischen Abscesse werden jedoch die merkwürdigsten Erklärungen 
aufgestellt. 

Dufouart, ausgehend von einem von ihm beobachteten Fall 
(S. 121), sieht die inneren Metastasen sogar als eine günstige Er- 
scheinung an und glaubt, dass durch Ausscheidung „häufiger und ge- 
kochter Sputa" die Krisis bewirkt werde. Für ebenso heilsam hält 
er auch die nach Schussverletzungen plötzlich entstehenden Entzün- 
dungen und Abscessbildungen anderer Theile und glaubt die Beobach- 
tung gemacht zu haben, dass die Heilung zerschmetterter Gelenke 
nur dann glücklich von Statten gehe, wenn recht viel Abscesse ent- 
standen wären. Wenn er diese auch nicht für absolut nothwendig 
halte, so seien sie doch wenigstens ein äusserst gutes Symptom. Sie 

7* 



-- 100 — 

beweisen die Kraft des Verwundeten und die Thätigkeit des Gliedes. 
Sie verringern den überflüssigen Eiter in der Wunde und verhindern, 
dass er nicht so leicht verdirbt; und endlich, anstatt den Zustand zu 
verschlimmern, befördern und beschleunigen sie die Heilung: Sie 
schaffen dem Eiter, der einen anderen Ort, als er sollte, einnahm, 
einen Ausflnss und treiben die Knochensplitter, die Kugeln und andere 
fremde Körper nach aussen, die sonst, da sie vom Wundarzt nicht 
immer erkannt und herausgezogen werden können, die Heilung ver- 
zögert oder gar verhindert hätten. — 

In den Werken Larrey 's sind die Beobachtungen über septi- 
cämische und pyämische Wundkrankheiten recht zerstreut. In seiner 
Clinique chirurgicale spricht er sich bei Abhandlung der Kopfver- 
letzungen über die von ihm und anderen Autoren mehrfach beobachteten 
Leberabscesse aus und erklärt die Auffassung Rieh er and 's, der das 
Entstehen dieser Abscesse einem direkten oder indirekten Stoss zu- 
schreibt, der die Leber in demselben Augenblick betroffen hat, wo 
die Kopfwunden gebildet wurden, für unrichtig. Larrey hatte nicht 
allein nach Kopf-, sondern auch nach Gelenkverletzungen der oberen 
und unteren Gliedmassen Verwundete an Leberabscessen sterben sehen 
und erklärt das Zustandekommen der letzteren durch Fortpflanzung 
einer sympathischen Reizung von der Wunde aus, zu welcher die 
Leber als das Organ, in welchem der Blutumlauf in den Haargefässen 
am trägsten ist, die Nervenfäden des Sympathicus aber in grösster 
Anzahl vorhanden sind, ihm am meisten disponirt erscheint. Anderer- 
seits wieder ist die Leber aber auch nicht das einzige Eingeweide, 
welches in Folge von Verwundungen des Kopfes oder eines anderen 
Körpertheils erkranken kann; vielmehr kann jedes andere Eingeweide 
der Brust- oder Bauchhöhle ebensowohl die von den Wunden aus 
mitgetheilte Reizung aufnehmen und allein für sich in ähnliche Krank- 
heitszustände gerathen. 

Auch hält er es nicht für unmöglich, dass die mehr oder minder 
heterogenen, aus der Wunde abgesonderten Flüssigkeiten durch das 
Zellgewebe gegen die Leber hin übertragen werden, vorzüglich wenn 
man die Wunde durch zu häufig und ohne Sorgsamkeit vollzogene 
Verbände reizt und diesen verletzenden Einwirkungen sich noch die 
plötzliche Unterdrückung der Hautausdünstung, einer Diarrhoe und 
eine krankhafte Disposition der Leber zugesellt. 

Eine im Anschluss an phlegmonöse Prozesse im Verlaufe von 
Schusswunden entstandene septieämische Endemie hat Larrey im 
April und Mai 1800 in Aegypten beobachtet. Von ungefähr 
600 Blessirtcn aller Art, welche die Franzosen bei der Einnahme von 



— 101 — 

Boulacq und der Belagerung Kairos gehabt hatten, starben daran 
200. Larrey bezeichnet die Krankheit als Febris biliosa remittens, 
mit Schusswunden komplizirt, und schildert in seinen Denkwürdigkeiten 
den Verlauf folgendermassen *) : 

Die Blessirten hatten kaum die erste Unterstützung bekommen oder die 
Operation überstanden, als sie in Unruhe und Entkräftung fielen, leichte Schauder 
über den ganzen Körper und besonders an den Extremitäten bekamen. Mit dem 
Eintritt des Fiebers wurden die Augen traurig, die Conjunktiva färbte sich gelb, 
das Gesicht kupferbraun, der Puls ward langsam und zusammengezogen. Der 
Kranke hatte Schmerzen im rechten Hypochondrium, die Wunden blieben trocken 
und gaben nur eine röthliche Feuchtigkeit von sich. Auf diese Zufälle folgte nun 
eine allgemeine, bedeutende Wärme, heftiger Durst und Schmerz in den Ein- 
geweiden, im Kopfe, wozu bei Einigen Irrereden, Raserei, Beklemmung, häufiges 
Seufzen kam. Die letzteren Symptome wurden manchmal durch ein dazukommendes 
Nasenbluten gelindert, das auch ein galliges Erbrechen begünstigte, welches 
ausserdem nur mit Mühe in Gang kam. Bisweilen wurde durch diesen Blutverlust, 
häufiges Erbrechen und Durchfall die Krankheit gleich in der Geburt erstickt, aber 
oft ward auch das Fieber, das sich zu gleicher Zeit zeigte, stärker, es exacerbirte 
gegen Abend, der Durst nahm zu, die Zunge war trocken und brannte, die Augen 
wurden roth, der Urin feurig und sparsam, manchmal ganz unterdrückt oder in 
der Blase zurückgehalten, die Haut nahm eine gelbe Farbe an und der Unterleib 
schwoll an. 

Wenn die Zufälle diesen Gang beobachteten, so nahmen sie meistens ein 
trauriges Ende. Nach dem zweiten Tage, manchmal schon nach dem ersten kam 
der Brand zur Wunde, alle Symptome des Todes zeigten sich dann in den ersten 
12 Stunden darauf und die Kranken starben schon den ersten, zweiten oder 
dritten Tag. 

Eben dieser schnelle Eintritt des Todes und diese schnellen Fortschritte 
hatten mehrere, besonders die Soldaten, überredet, dass die Kugeln vergiftet wären. 

Larrey hält die Ansteckungsfähigkeit dieser Krankheit lür er- 
wiesen aus dem Grunde, dass Leute mit sehr einfachen Verwun- 
dungen von ihr befallen wurden, weil man sie neben bereits Erkrankte 
gelegt oder in die Betten der Verstorbenen gebracht hatte, deren 
Ueberzüge nicht gewechselt werden konnten. Jedoch scheint sie ihm 
nicht so gross, wie die der Pest und des ansteckenden Typhus, was 
daraus hervorgehe, dass sie nicht in die anderen, im 1. und 2. Stock 
gelegenen Säle des Hospitals überging. 

Als Entstehungsursachen führt Larrey zuerst die Ueberfüliung 
des Hospitals an, dann den Umstand, dass die Blessirten im Erd- 
geschosse lagen, wo die Feuchtigkeit die Entwickelung des Uebels be- 
günstigte, während in den höheren und sehr luftigen Sälen der Fieber- 
kranken sich nichts davon zeigte. Ferner kampirten die Truppen, 
von denen die Blessirten kamen, im Osten von Kairo zwischen der 

!) I. p. 141. 



— 102 — 

Stadt und ßoulacq auf einem Boden, der niedrig und feucht war. be- 
sonders wenn sich das Nilwassser zurückgezogen hatte, das sich nun 
obendrein im Verhältniss der Hitze und des Stehens zersetzte. Der 
schnelle Uebergang von brennender Hitze zur feuchten Kühle, welche 
die Truppen in der Nacht erfuhren, musste sie nothwendig schwächen 
und zu Krankheiten disponiren. Zu diesen Ursachen glaubt Larrey 
noch die übertriebenen Strapazen der Soldaten rechnen zu dürfen, 
den Mangel an guter, besonders erfrischender Nahrung, an säuerlichen 
Getränken und an genügender Kleidung, sich in der Nacht gehörig 
zu bedecken. — 

Guthrie will nach primären Amputationen niemals metastatische 
Eiterungen gesehen haben, wohl aber beobachtete er nach sekundären 
Amputationen „heftiges Fieber und plötzliche Versetzung des Eiters 
auf besondere Theile, welche in kurzer Zeit tödtlich endete". Nach 
seiner Meinung hängt diese ab 1 ) von der Reizung des Gefässsystems 
in Folge der Amputation und von der plötzlichen durch die Abnahme 
des Gliedes bedingten Unterdrückung der Eiterung. Ausserdem schreibt 
er den von Metastasen befallenen Organen eine schon vorher be- 
stehende, besondere Krankheitsanlage zu. Besonders tückisch, führt 
er weiter aus, schleicht sich die Lungenentzündung ein, oft so un- 
deutlich, dass sie selbst kaum eine andere Behandlung zu erfordern 
scheint, als die eines Fiebers, und wird sie endlich bei grösserer Aus- 
bildung der Symptome erkannt, so ist der Zeitpunkt für alleinige 
Hülfe schon verstrichen, und sie endet in Kurzem mit dem Tode, in 
manchen Fällen anscheinend durch Erstickung. Bei der Sektion findet 
man die Lungen sehr blutreich, hepatisirt und kompakter als gewöhn- 
lich, oft mit Eiterherden erfüllt, oder Erguss in die Brusthöhle. 

Ist das leidende Organ kein unbedingt lebenswichtiges, so ist der 
Verlauf nicht so rasch; die Entzündung geht in Eiterung über und 
es bilden sich Abscesse. Die voraufgehenden Entzündungssymptome 
sind oft unmerklich. 

Guthrie waren die inneren Abscesse als Todesursache nach 
sekundären Amputationen bis zur eigenen Beobachtung nicht bekannt 
gewesen, und er wünscht, dass „die Militär-Wundärzte diesen Gegen- 
stand mehr ihrer Nachforschung würdig finden und in der Folge mehr 
Belehrungen mittheilen möchten, da unleugbar auf diese Art viel 
Amputirte ums Leben kämen". — 

Hennen führt, gestützt auf die Befunde bei Leichenöffnungen, 



*) Guthrie, p. 87. — Siehe auch Arnott, Pathologische Untersuchung 
der sekundären Wirkungen der Venenentzündung. 1830. 



— 103 — 

unter den häufigsten Todesursachen nach Amputationen zuerst die 
Entzündung der Gefässe an. In einigen Fällen wurden die Venen, 
in anderen die Arterien und wieder in anderen beide entzündet ge- 
funden, und zwar vom Stumpfe an bis zu den Vorhöfen oder Kammern 
des Herzens selbst, wobei sie an vielen Stellen entweder mit gerinn- 
barer Lymphe belegt oder mit eitrigen Stoffen erfüllt waren. Nach 
der Schlacht von Belle- Alliance kamen 12 Fälle dieser Art zur Zer- 
gliederung. In einem Falle fand Hennen die Oberarmschlagader 
allein ergriffen und bis drei Zoll über dem Schnittende sehr verdickt 
und mit Eiter angefüllt. In einem anderen Falle, wo der Ober- 
schenkel ziemlich tief abgenommen und der Kranke am 17. Tage ge- 
storben war, erschien die Arterie gesund, die Vene aber von dem 
■ Stumpfe an bis zum Herzohr entzündet und hochroth, was sich be- 
sonders deutlich zeigte, als man beide Weichenvenen herausnahm und 
mit einander verglich; das natürliche Aussehen der gesunden Seite 
endete an der Zusammenmündung beider Gefässe plötzlich, wie durch 
eine regelmässige Linie abgeschnitten. Als weitere Todesursachen 
führt Hennen neben den Eitermetastasen der grossen Höhlen und Or- 
gane auch die der Gelenke an. Dreimal sah er Vereiterung des Hüft- 
gelenks nach Amputation des Oberschenkeis und zweimal eine solche 
des Schultergelenks, nachdem der Arm durch einen Kanonenschuss 
abgerissen war. Auch erwähnt er bei dieser Gelegenheit als eine der 
häufigsten Nachkrankheiten nach Amputationen die Nekrose und Se- 
questrirung der Knochen. 

Langen b eck glaubt bei den metastatischen Entzündungen, wie 
bei allen Krankheiten, die metastatische genannt werden, den wichtigen 
Einfluss der Nerven nicht unberücksichtigt lassen zu dürfen, und ist 
der Ansicht, dass eine metastische Entzündung davon herrühre, dass 
die krankhafte Stimmung, die organische Sensibilitäts-Umänderung in 
dem zuerst ergriffenen Theile auf irgend einen anderen Theil fort- 
gepflanzt werde und dort einen ähnlichen krankhaften Prozess er- 
rege. — 

Dupuytren nimmt für die Entstehung der entfernteren Eiterungen 
und Visceral-Abscesse hauptsächlich eine Art von phlogistischer und 
purulenter Diathese an, die er den skrophulösen , tuberkulösen und 
carcinomatösen Allgemeinerkrankungen an die Seite stellt. Ferner 
können Schmerzen verschiedener Art, besonders rheumatische, welche 
durch irgend eine Unvorsichtigkeit der Kranken,, oder durch Tem- 
peraturwechsel herbeigeführt worden sind, dazu Gelegenheit geben, 
und selbst abgesehen von aller organischen materiellen Prädisposition, 
reichen oft plötzliche Erkältungen, der Genuss kalter Substanzen, 



— 104 — 

kalte Luftzüge, welche den geschwächten oder trau sspiriren den Körper 
treffen, Diätfehler. Gemüthsbewegungen u. s. w. allein schon hin, 
jene schlimme Komplikation zu Wege zu bringen. Zu den genannten 
Ursachen rechnet er ferner plötzliche Unterdrückung ergiebiger, schon 
lange vorhandener äusserer Eiterungen. Auch glaubt er die plötzliche 
Veränderung in der Cirkulation in Anschlag bringen zu müssen, welche 
durch Entfernung eines grösseren Gliedes entsteht, indem das Blut 
den noch vorhandenen Theilen in grösserer Menge zugeführt wird und, 
besonders bei plethorischen und sanguinischen Individuen, jene inneren 
Störungen verursacht. Dupuytren erwähnt das Auftreten der Me- 
tastasenbildung nach Amputationen und anderen grossen Operationen 
nicht nur in den inneren Organen, sondern auch im Zellgewebe, in 
den Waden, Kniekehlen. Schenkeln, Achselgruben, ja im Gewebe der 
Muskeln selbst, wie im Psoas, liiacus. den Glutaeen u. s, w. 

Der von Dance, Blandin und Cruveilhier vertretenen An- 
sicht, dass die Entzündung der Venen im verwundeten Theile als die 
Hauptursache der Metastaseu anzusehen sei, dass also der von der 
inneren Venenhaut kommende Eiter sich dem Blute beimischt, mit 
diesem cirkulirt und dann in den Organen abgesetzt wird, kann 
Dupuytren nicht unbedingt beipflichten, da nach seinen Erfahrungen 
die Erscheinungen der Eiterresorption auch oft auftreten, ohne dass 
man Gefässenrzündungen bei der Sektion nachweisen könne. Dass in 
manchen Fällen eine Aufsaugung des auf der Wundfläche vorhandenen 
Eiters durch die Lymphgefässe stattfinden kann, stellt Dupuytren 
nicht in Abrede: er hat aber niemals die Verbreitung des Eiters über 
die Lymphdrüsen hinaus gesehen. 

Von einer eigentlichen Behandlung des bösartigen Wundfiebers 
ist kaum die Rede. Dufouart sagt, dass der Arzt in der Zeit, wo 
die Eiterung sich an der Wunde ausbildet, sich jeder chirurgischen 
Hilfsleistung enthalten müsse, selbst Incisionen nur in höchstem Noth- 
iall machen dürfe: die Amputation sei bei diesen Eiterfiebern ein 
Mittel von sehr zweifelhaftem Erfolg. Larrey, der von einer Keihe 
bei Leberabscessen angewandter symptomatischer Mittel, wie Can- 
thariden- und Campher-haltiges Blasenpflaster auf die Lebergegend 
gelegt, keinen Nutzen sah, behauptet, bei der in Aegypten beobachteten 
Endemie von Febris biliosa remittens durch blutige Schröpfköpfe im 
Nacken und in den Hypochondrien gute Erfolge erzielt zu haben. 
Mit Aderlässen räth er vorsichtiger zu sein, da diese leicht tödtlich 
werden könnten. China schien ihm weniger zu nützen, als guter Wein. 
mit süsser Limonade und Aether gemischt. Hennen gesteht offen 



— 105 — 

ein, über die Behandlung der metastatischen Eiterungen „Nichts hin- 
längliches" sagen zu können; glaubt aber, dass kräftige Kost und 
Verlegen in eine reinere Luft, womöglich in ein entferntes Lazareth, 
unumgänglich nöthig seien . um nach der Operation die Genesung zu 
sichern. L an gen b eck glaubt, dass man den inneren Eiterungen am 
besten durch Blutentziehungen, Ableitungen und dann durch Ampu- 
tation vorbeugen könne und spricht sich darüber folgendermassen 
aus 1 ): „Man versuche der Natur erst, ehe man nimmt, einen Tausch 
anzubieten, lege nämlich, weil bei gleicher Blutbereitung, aber bei 
beschränkterer Vertheilung das Blut vorzugsweise nach der Brust 
schiesst, auf jede Seite des Thorax ein Fontanell und dann noch eins 
auf die Extremität, oberhalb wo amputirt werden soll. Das ist ein 
wahrer Blitzableiter. Das unterlasse ich niemals und bis jetzt hat's 
noch immer gut gethan. Gerade in den Fällen und unter gleichen 
Verhältnissen, wo sonst die gedachten ßrustafiektionen erfolgten, 
kamen sie nicht. — Wer nur das „post hoc" gelten lässt, und nicht 
das „propter hoc", dem kann ich nichts weiter entgegnen und sage 
„concedo"." — 

Rust sagt in seiner Abhandlung über die Amputation grösserer 
Gliedmassen 2 ), wo er davon spricht, dass man viel zu allgemein die 
Amputationswunden durch schnelle Vereinigung zu heilen suche: „Einige 
Kranke konnte ich in der letzten Periode der Behandlung, der Periode 
der Vernarbung, nur noch dadurch retten, dass ich die grösstentheils 
schon ganz vernarbte Wunde wieder aufriss oder neue Entzündung 
und Eiterung durch Einbrennung des vernarbten Stumpfs mit einem 
glühenden Eisen wieder hervorrief, und so den Aufruhr, der im all- 
gemeinen Gefäss- und Nervensystem in Form eines perniciösen Wechsel- 
fiebers sich aussprach, zu dämpfen suchte, was mir bei weitem nicht 
immer durch ein milderes Verfahren, z. B. durch Setzung einiger Fon- 
tanellen am Amputationsstumpf gelingen wollte. Dieses Fieber, 
gegen welches weder China noch Arsenik, weder Aderlässe noch 
Opium, noch ein sonstiges therapeutisches Verfahren hilft, und das 
ich darum das Todtenfieber zu nennen pflege, weil der dritte, höchstens 
der vierte Paroxysmus die vor wenigen Tagen noch ausser Gefahr 
geglaubten Patienten unaufhaltsam dem Grabe zuführt, ist aber ledig- 
lich die Folge einer durch die schnelle Vereinigung der Amputations- 
wunde unterbrochenen Ausbildung der durch die Amputation selbst 
gesetzten Entzündung und eines durch die schnelle Vernarbung des 



!) Nosol. u. Therap. IV. p. 269. 
2 ) Rust's Magazin.. VII. 3. p. 376. 



— 106 — 

Stumpfes gerade unterdrückten Vicairleidens. Darum lässt sich das 
Fieber nur dadurch verhüten , dass man die Amputationswunde nicht 
durch schnelle Vereinigung, sondern lediglich durch den Prozess 
der Eiterung zu heilen sucht". — Dupuytren hält eine milde anti- 
phlogistische Behandlung für das rationellste Verfahren, welches, wenn 
auch meistens erfolglos, so doch am wenigsten Nachtheile mit sich 
führe. Er erkennt die Aussichtslosigkeit der Therapie mit folgenden 
Worten an: „Der Arzt steht dabei als blosser Beobachter da und ist 
höchstens im Stande, die traurigen Folgen einer Krankheit zu würdigen, 
die er weder zu verhüten noch zu heilen, oder selbst nur zu massigen 
vermochte". 

Wundrose. 
Ausführlichere Abhandlungen über die Wundrose finden wir bei 
Larrey und 0. M. Langenbeck. Ersterer führt als die wesent- 
liche Ursache des Erysipels eine übermässige Reizung des Nerven- 
und Gefässsystems der Ränder und Wandungen tiefer Wunden an, 
welche für gewöhnlich durch zu unmittelbare Vereinigung erzeugt 
werde, ausserdem aber auch durch den Gebrauch der Wieken und 
anderer in die Wunden eingeführter fremder Körper hervorgerufen 
werden könne. Der nähere A 7 organg dabei sei der, dass die erwei- 
terten Kapillarvenen der Haut die in die Wunde ergossenen Flüssig- 
keiten aufsaugten und sie vermöge peristaltischer Bewegungen zur 
Oberfläche hinführten. Langenbeck führt örtliche Gelegenheits- 
ursachen und allgemeine, konstitutionelle, innere Ursachen zur Ent- 
stehung der Wundrose an — zu ersteren zählt er unter anderen 
schnellen Temperaturwechsel, Nässe, Kälte, fremde Körper, Splitter, 
zu letzteren Zorn, Aerger, Idiosynkrasien, Krankheiten der Leber, 
des Pfortadersystems u. s. w. — , und definirt sie als eine Entzün- 
dung des unmittelbar unter der Haut gelegenen Rate vasculosum, 
jedoch ohne Betheiligung des Zellgewebes selbst. Neben dem ober- 
flächlichen erwähnt Langenbeck noch das Erysipelas profundum, 
phlegmonodes, das Erysipelas pustulosum und oedematodes. Ihre 
Schilderung entspricht dem bekannten Krankheitsbilde so, dass von 
einer Wiedergabe abgesehen werden kann. — 

Larrey empfiehlt für die Behandlung der Wundrose, als einziges 
Mittel das rasch und leicht aufgesetzte rothglühende Eisen, und 
will ausser anderen Wunderwirkungen sogar die „gasförmige Aus- 
strömung eines animalischen Dunstes, in Gestalt eines feinen, das 
Auge umhüllenden Rauchs" wahrgenommen haben. Langenbeck 



— 107 — 

wendet örtlich trockene Wärme ■ an und verwirft nachdrücklich die 
nassen Umschläge, weil diese oft die Entzündung in Verjauchung 
überführten. Geht das Erysipel in Eiterung über, so legt er Kata- 
plasmen auf und ineidirt die fluetuirenden Stellen. Besonderen Werth 
legt er auf die Allgemeinbehandlung. 

Wundschmarotzer (Fliegenlarven in Wunden). 
Schliesslich seien an dieser Stelle noch die von Larrey während 
des ägyptischen Feldzuges in den Wunden beobachteten Larven der 
blauen Fliege erwähnt. Diese legte ihre Eier ohne Unterlass in 
die Wunde oder den Verband, und die warme Jahreszeit und die 
feuchte Atmosphäre begünstigten sie darin ungemein. Die Ent- 
wicklung dieser Insekten ging binnen zweier Stunden so schnell 
vor sich, class sie von Tagesanbruch bis zum Morgen schon die Dicke 
eines jungen Hühnerfederkiels hatten. Larrey liess bei jedem Ver- 
band Bähungen mit einem starken Dekokt von Raute und Salbei an- 
wenden, die wohl tödteten; aber es erzeugten sich immer bald 
andere, da es an Mitteln fehlte, die Fliegen abzuhalten. Aber so 
unbequem sie auch waren, so schrieb er ihnen dennoch sogar eine 
gewisse Heilkraft zu, indem sie die Vernarbung der Wunden beschleu- 
nigen und den Abfall der Krusten, die sie verzehrten, vom Zellgewebe 
erleichtern sollten. — 



4, Die Verletzungen der einzelnen Körpertheile und ihre 
spezielle Behandlung-. 

Die Verletzungen des Kopfes. 

Basisfrakturen. Schädelwunden. Trepanation. Technik der Trepanation. 

Gesichts wunden. 

Unter den Schädelverletzungen haben ein vorwiegend kriegs- 
chirurgisches Interesse die Schussverletzungen, indem Hieb-, Quetsch- 
und Stichwunden, sobald sie nicht die Schädelhöhle eröffnen, be- 
züglich der Diagnose und der Behandlung sich von den gleichen 
Verletzungen anderer Körpertheile nicht wesentlich unterscheiden. 
Dies erklärt, dass sich hierüber in der Litteratur des in Frage ste- 
henden Zeitabschnittes nichts Wesentliches erwähnt findet. 

Basisfrakturen. 
Bezüglich der Basis frakturen, soweit sie durch direkt ein- 
wirkende Gewalten zu Stande gekommen sind, führt Larrey eine 



— 108 — 

Anzahl von Fällen an 1 ). Die Möglichkeit des Entstehens der Basis- 
fraktur durch Contrecoup erwähnt schon C. M. Langenbeck 2 ), wäh- 
rend nach Demme der erste wirkliche Fall dieser Art der von 
Huguier in der Sitzung der Akademie vom 26. September 1848 
mitgetheilte ist (?). 

Schädelwunden. Trepanation. 

Am eingehendsten sind aus oben angeführten Gründen die Schuss- 
verletzungen des Schädels behandelt und die damit eng verknüpfte 
Frage der Trepanation. Diese hatte im 18. Jahrhundert nach den 
Lehren Le Dran 's. Pott's und ßilguer's die breiteste Indikation 
gewonnen — auch Theden und Schmucker waren ihre eifrigen 
Anhänger gewesen (vergl. Theil I) — und es gab fast keine Schädel- 
Verletzung, wo die Trepanation nicht Anwendung gefunden hätte. 

Marechal setzte bei einer Fraktur des Scheitel- und Schläfen- 
beins binnen einigen Tagen 12 Kronen auf, und Mehee trepanirte im 
Laufe von 2 Monaten bei einem Individuum 52 mal. Auch Mur- 
sinna vertritt den Standpunkt, dass die Trepanation bei allen Brüchen 
der Hirnschale, besonders aber bei Schusswunden des Schädels, so- 
gleich und unbedingt angewandt werden müsse: selbst wenn die An- 
wendung der Operation mit dem Ausgange in einem ungleichen Ver- 
hältniss stehe und der Erfolg ungewiss sei. Denn die Operation 
würde nie schaden, und in solchen Fällen nicht einmal den Sinnlosen 
belästigen, wohl aber könne sie — wenigstens sei kein Mensch im 
Stande, das Gegentheil zu beweisen — nützen und dennoch in ein- 
zelnen Fällen heilsam werden (Mursinna, Beantwortung der Preis- 
frage, ist die Durchbohrung derj Hirnschale bei Kopfverletzungen 
nothwendig oder nicht? Wien 1800) 3 ). 

In diesen Anschauungen erfolgte mit der Wende des 19. Jahr- 
hunderts ein gewaltiger Umschwung. Man fing an, die Indikationen 
für die Trepanation einzuschränken und sie in einer grossen An- 
zahl von Fällen als schädlich zu verwerfen. Und zwar war dies im 
Wesentlichen das Verdienst Desault's, Oberwundarztes am Hötel- 
Dieu zu Paris. Er behielt anfangs die Trepanation bei Depressions- 
frakturen und Druckerscheinungen bei, gab sie später aber vollständig 
auf und liess nur noch die Elevation der Fragmente zu. Die Militär- 
chirurgen folgten mit der Einschränkung des Trepans bald nach. 



r ) Clinique chirurgicale. I. p. 158 — 179. 

2 ) Nosologie und Therapie. IV. p. 13. 

3 ) Vergl. auch unten bei Mursinna' s Lebensbeschreibung. 



— 109 -i 

Dufouart räth, nur zur Trepanation zu schreiten, wenn die Ver- 
letzung der inneren Theile es erfordert, und Lombard geisselt mit 
Nachdruck die Ansicht derer, welche in dem Glauben, Knochenwunde 
und -Bruch seien gleichbedeutend, bei Verletzung der Schädelknochen 
jeder Art als dem vermeintlich einzigen Mittel zum Trepan greifen. 

Larrey, der seine Ansicht an zwei Stellen seiner Werke, in 
seiner Clinique chirurgicale und in seinen Denkwürdigkeiten niederge- 
legt hat, hält die Trepanation für unumgänglich nothwendig: 

1) wenn bei einer Verwundung mit Bruch und Zersplitterung der 
Schädelknochen die Bruchstücke dergestalt aus ihrer Lage gebracht, 
und nach innen getrieben sind , dass sie die harte Hirnhaut und das 
Gehirn verletzen; 

2) wenn der fremde Körper, welcher die Verwundung bewirkt 
hat, zwischen den Bruchstücken eingekeilt oder in die Schädelhöhle 
eingedrungen ist, ohne sich jedoch von dem Schädelgewölbe entfernt 
zu haben; 

3) wenn man sich von dem Vorhandensein eines umschrie- 
benen Extravasats an den nämlichen Stellen hat vergewissern können. 

Unter Umständen hat man auch mit dem Trepan eine Gegen- 
öffnung zu machen, da, wo man von der Wunde aus mittelst Sonde 
die Lage des Fremdkörpers festgestellt hat. 

Dies ist Larrey auch einmal mit glücklichem Erfolge gelungen: 

Ein Soldat in Aegypten hatte eine Schusswunde am Kopf bekommen. Die 
Kugel hatte den Mitteltheil des Stirnbeins, nahe der Stirnhöhle, durchbohrt, und 
war dann schief nach hinten, zwischen dem Schädel und der harten Hirnhaut 
längs dem Sinus longitudinalis und an dessen linker Seite bis zur lambd aförmigen 
Naht eingedrungen , wo sie stecken blieb. Sie hatte schon alle Zufälle der Com- 
pression hervorgerufen, ohne dass man ihren Sitz hatte ermitteln können. Doch 
gab der Kranke immer die der Wunde gegenüber liegende Schädelstelle als den 
Sitz des Schmerzes an, und alle übrigen Zeichen machten auch das Vorhanden- 
sein der Kugel in der Schädelhöhle unzweifelhaft. 

Larrey brachte eine Sonde von Gummi elasticum in die Stirnwunde ein, 
und konnte sie ohne Mühe bis zur Kugel führen, welche er an ihrem Widerstände 
und ihren Unebenheiten erkannte. Er legte darauf die ihrem Sitze entsprechende 
Schädelstelle blos, und machte mit einer grossen Trepankrone eine Gegenöffnung; 
es entleerte sich eine mit kleinen geronnenen Blutklumpen vermischte eitrige 
Materie in ziemlicher Menge, und mit Leichtigkeit konnte die Kugel, welche die 
harte Hirnhaut hinab- und die Gehirnmasse zusammendrückte, gefasst und aus- 
gezogen werden. Die Heilung ging alsdann, wie schon gesagt, glücklich von Statten. 

Niemals darf die Trepanation in der Entzündungsperiode vorge- 
nommen werden und ist auch in den meisten anderen Fällen entweder 
nutzlos oder direkt schädlich. Als eins der wichtigsten kontrain diciren- 
den Momente bezeichnet Larrey jenen Fall, wo fremde Körper in 



— 110 — 

den Schädel eingedrungen sind, sich aber in der Hirnmasse verloren 
haben. Im nämlichen Verhältnisse stehen die extravasirten Flüssig- 
keiten, welche fern von dem Schädelgewölbe beharren, vorzüglich 
dann, wenn man ihren Sitz nicht kennt. Auch soll man den Trepan 
nicht anwenden bei denjenigen mit Schädelbrüchen vergesellschafteten 
Kopfverletzungen, — mag die Fraktur noch so ausgedehnt sein und 
noch so viele Strahlen absenden, — wo die Knochenstücke nicht 
einwärts getrieben, weder fremde Körper, noch recht offenbare Sym- 
ptome von Compression zugegen sind. 

Das erste, was Hennen bei Schuss Verletzungen des Schädels zu 
thun räth, so weit dies ohne Gewalttätigkeit geschehen kann, ist die 
Entfernung der fremden Körper, die Ausziehung der losen Bruchstücke, 
und die Aufhebung der niedergedrückten Theile. Im Anschluss an 
den glücklichen Ausgang eines Falles, wo man auf dem Schlachtfelde 
die Ausziehung einer Kugel wegen der Enge des Schusskanals und der 
Tiefe, bis zu welcher das Bruchstück des Knochens ins Gehirn ge- 
trieben war, unterliess und auch im Lazareth ausser einer Allgemein- 
behandlung nichts weiter unternahm, stellt Hennen den Satz auf, 
dass es nicht immer durchaus nothwendig sei, wegen eingedrückter 
Schädelknochen bei Schusswunden zu trepaniren. Absolut indicirt da- 
gegen ist die Trepanation bei offenbaren Zeichen von Eiterbildung oder 
Blutergiessung und dem daraus entstehenden Druck auf das Gehirn. 
Planloses Suchen nach Fremdkörpern ist zu vermeiden, denn es fehlt 
nicht an Beispielen, wo metallische und andere Körper lange zwischen 
dem Schädel und der harten Hirnhaut gelegen haben, ohne zu schaden. 
Im Uebrigen räth Hennen, vor Allem sich ein klares Bild von dem 
Umfange der A'erletzung durch grosse Oeffnungen und Kahlscheeren 
grosser Stellen zu verschaffen. Das würde ausserdem das Ansetzen 
der Blutegel, wo diese nöthig sind, erleichtern und den vortrefflichen 
kalten Umschlägen mehr Wirksamkeit verschaffen, welche dem Kran- 
ken immer Buhe geben und oft wesentlich zur Genesung beitragen. 
Wichtig ist ferner der Gebrauch der bis zum Ekel gegebenen Spiess- 
glanzmittel. der Gebrauch der blauen Pillen und leichter Salzabfüh- 
rungen, Ruhe und Enthaltsamkeit. Nicht genug zu empfehlen sind 
ferner wiederholt vorzunehmende Aderlässe, deren Anwendung aber 
nicht kritiklos zu geschehen hat, was besonders für die oft mit 
Schussverletzungen des Schädels verbundene Gehirnerschütterung gilt. 
Ist diese so heftig, dass die Lebenskräfte offenbar im Schwinden 
sind, so würde ein augenblicklicher Aderlass den Kranken vernichten, 
und ein Glas Wein oder Branntwein, den man ihm einflösst, ist dann 
das angemessenste Mittel Ist aber die Wunde nicht mit dem oft 



— 111 — 

tödtlichen Kräfteverlust verbunden, so müssen Aderlässe und starke 
Abführungen angewandt werden, wir mögen das Leiden Erschütterung 
nennen oder nicht. Der inneren Reizmittel enthält sich Hennen im 
Allgemeinen ganz. Nur wo die allgemeine körperliche Niedergeschlagen- 
heit, welche immer auf heftige Hirnerschütterungen folgt, über ihre 
gewöhnliche Zeit hinaus dauert, und besonders wo der Puls bei einem 
vorsichtigen Versuchsaderlass sinkt, sah er grossen Nutzen von Blasen- 
pflastern, warmen Bädern und vorsichtigen Gaben des Dower'schen 
Pulvers. 

Neben Hennen waren in England Abernethy, J. Bell und 
A. Cooper ebenfalls mehr oder weniger Gegner der Trepanation. 

In Deutschland und Oesterreich wirkte der Gegensatz zwischen 
Pott und Desault noch lange nach. Ueberall gab es Anhänger der 
Pott 'sehen, und der Desault'schen Lehre. So übte in Wien Zang 
die Trepanation fast unbeschränkt, während Vincenz von Kern 
(Abhandlung über die Verletzungen am Kopfe und die Durchbohrung 
der Hirnschale, Wien 1829) sie nur insoweit zu Recht bestehen lässt, 
als es sich um die Beseitigung eines mit dem Gehirn in schäd- 
licher Berührung stehenden fremden Körpers handelt, gleichviel, sei 
er von aussen hineingedrungen, oder Produkt des Organismus selbst. 
In Deutschland sprachen sich gewichtige Stimmen gegen die Trepa- 
nation aus. Textor schrieb ein Buch über ihre Unnöthigkeit, und 
Dieffenbach erklärte sich am Ende seines Lebens ebenfalls da- 
gegen. Graefe hebt besonders hervor, dass die Trepanation immer 
als eine sehr schwere Verletzung anzusehen sei, nnd widerräth ihren 
zu häufigen Gebrauch. 

Langenbeck warnt vor den zu voreiligen Einschnitten bei ein- 
facheren Quetschungen, selbst solchen mit Fissuren, und verfährt zu- 
nächst bei jeder Art von Schädelverletzung antiphlogistisch, um der Ent- 
zündung, welche leicht der Hirnerschütterung folgt — mag der Knochen 
zerbrochen sein oder nicht — entgegenzuarbeiten. Ist die Kugel im 
Knochen stecken geblieben, und ist zu befürchten, dass der Knochen 
gesplittert oder ein Knochenstück einwärts getrieben sei, so ist die Ent- 
fernung der Kugel wohl das Erste, was Berücksichtigung verdient. Steckt 
die Kugel nicht tief zwischen den Knochen, so kann man sie manch- 
mal mit einer vorne gezackten Zange (siehe Taf. II, Fig. 6) heraus- 
nehmen, oder auch mit einem seitwärts angesetzten Perforativhand- 
trepan herausgraben. Geht das nicht, so trepanire man — ungeachtet 
der Abwesenheit der Zufälle — sogleich; denn die Erfahrung hat ge- 
lehrt, dass häufig die fremden Körper ■ — ■ Kugeln, einwärts getriebene 
Knochen, Haare, Stücke der Kopfbedeckung — spät Entzündung- 



— 112 — 

und Eiterung bewirken, wo das Trepaniren dann freilich nichts mehr 
helfen kann. 

Die Trepanation ist um so mehr angezeigt, wenn die Kugel durch- 
gedrungen und nicht zu sehen ist, weil man dadurch die Kugel sammt 
den hineingedrückten Knochenstücken am sichersten herausnehmen 
kann, und der Entzündung und Abscessbildung vorbeugt. Ist trepa- 
nirt worden, sondire man, und fühlt man die Kugel, suche man sie 
mit der Kugelzange herauszuziehen, aber mit der grössten Schonung. 
Kann man sie nicht entdecken, so darf man sich auf langes Suchen 
nicht einlassen, sondern muss sich mit einer entzündungswidrigen Be- 
handlung begnügen und warten, ob sich die Kugel zeigen werde. 
Fälle von Einheilen der Kugeln im Gehirn sind Langenbeck auch be- 
kannt. Keinen Augenblick jedoch räth er die Operation aufzuschieben, 
sobald Zufälle von den niedergedrückten Knochen, den Splittern, oder 
einem Blutextravasat sich äussern, und auch selbst dann noch zu 
trepaniren, wenn schon Entzündung oder Eiterung zu erwarten stehen. 
— Hieb- und Stichwunden des Schädels erfordern ebenfalls in vielen 
Fällen die Trepanation. 

Während die Indikationen Langenbeck 's zur Trepanation, wie 
aus dem eben Gesagten ersichtlich, wieder auf ziemlich breiter Basis 
stehen, erreichen diejenigen Rust's beinahe wieder den Standpunkt 
des 18. Jahrhunderts. Er lehrt: Alle Schädelknochenbrüche und 
-Fissuren, desgleichen alle durch stumpfe Instrumente herbeigeführte 
Schädelknochenverletzungen, sie mögen einen Namen haben, wie sie 
wollen, den Knochen durchdringen oder nicht, ebenso alle durch 
scharfe Instrumente beigebrachte ein- und durchdringende Hieb- und 
Stichwunden erfordern in der Regel die Trepanation auf der Stelle. 
Eine Ausnahme besteht nur da, wo die Bruch- und Wundränder so- 
weit auseinander stehen, dass das W 7 undsekret leicht abfliessen kann. 
xMit der Operation ist auch nicht zu zaudern. Sie erst dann vor- 
zunehmen, wenn die allgemeinen Zufälle beweisen, dass Eiterung 
oder Extravasat in der Schädelhöhle bestehen, heisst warten, bis die 
Ursache die Krankheit wirklich zu stände gebracht, das örtliche 
Leiden sich zum allgemeinen ausgebildet hat und in der Regel sich 
nun nicht mehr durch ein rein örtliches Einwirken, durch blosse Ent- 
fernung des ursprünglichen, ursächlichen Moments zugleich mit ent- 
fernen lässt. 

In Frankreich nahm Dupuytren in der Trepanationsfrage eine 
mehr vermittelnde Stellung ein, während Velpeau (Ueber die An- 
wendung der Trepanation bei Kopfverletzungen. Aus dem Französi- 
schen von Schwalbe, Weimar 1836) wieder als ein enthusiastischer 




Velpeau. 



— 113 — 

Anhänger dieser Operation auftrat. Er ging in seiner lebhaften Be- 
geisterung sogar so weit, die Trepanation als ein Mittel zur Verhütung 
der Gehirnentzündung in Folge von Kontusionen und Kommotionen 
des Gehirns anzusehen. Baudens unterzog sämmtliche 12 für die 
Trepanation aufgestellten Indikationen Velpeau's einer scharfen Kritik 
und bewies zum grössten Theil ihre Unhaltbarkeit. Seinen Stand- 
punkt in der Anwendung des Trepans kennzeichnet er mit den wenigen 
Worten: „Je crois qu'il faut se garder d'en faire abus et de le re- 
garder comme un moyen innocent." — 

Technik der Trepanation. 
Was nun die technische Seite der Operation anbetrifft, so warnt 
Larrey vor dem übermässigen Abschaben der Knochen, wodurch 
die Membranen weit über die Stelle hinaus, wo die Krone aufgesetzt 
werden soll, zerrissen und gereizt werden, und wobei durch Zer- 
störung der Knochengefässe die Nekrose des ganzen entblössten 
Knochenstücks und gewöhnlich mehr oder minder gefährliche sym- 
pathische Zufälle, wie z. B. Leberabscesse, verursacht werden. Ehe 
man das Schabeisen anwendet, muss man kreisförmig das Peri- 
kranium und seine Verbindungen mit den Hautdecken mit dem Messer 
durchschneiden, worauf sich dann das auf diese Weise isolirte Faser- 
hautstück leicht ablösen lässt. Der Durchmesser der alsdann auf- 
zusetzenden Trepankrone soll dem Umfange der Wunde gleich sein, 
ihre Grenzen jedoch keineswegs übersteigen. Nach beendeter Ope- 
ration legt Larrey in die durch den Trepan bewirkte Oeffnung ein 
Stück feinen Badeschwamms, über die Wundränder deckt er ein ge- 
fenstertes, mit Cerat bestrichenes Linnenläppchen, darüber applicirt 
er weiche Charpie und alsdann einen Kontentivverband. Der Verband 
soll nicht eher gewechselt werden, als bis alle Theile vom Eiter 
durchdrungen sind. Der Entzündung ist durch blutige Schröpfköpfe 
im Nacken, am Rücken und an der Oberbauchgegend, sowie durch 
Darmentleerungen vorzubeugen. 

Besonders genaue Angaben über die Technik der Trepanation 
finden wir bei C. M. Langenbeck. Seine Methode möge daher 
als Typus dieser Operation hier kurz beschrieben werden. An In- 
strumenten gebraucht er: 

1. Ein konvexes Skalpell nach Savigny mit Radireisen am Ende 
des Stiels, von einem solchen umfange, dass es in den Kreisschnitt 
eingebracht werden kann. (S. Taf. II, Fig. 7.) 

Veröffentl. aiis dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Heft. ,S 



— 114 — 

2. Eine Trephine mit 3 Kronen, deren grösste 1 Zoll und deren 
kleinste 9 Linien Pariser Mass im Durchmesser hat. (S. Taf. II, Fig. 8.) 

3. Ein gewöhnliches Eievatorium. 

4. Das linsenförmige Messer. (S. Taf. II, Fig. 9). 

5. Die Serra versatilis. (S. Taf. II, Fig. 10). 

Der Kopf des Verwundeten ist so niedrig zu legen, dass die 
Trephine mit massig ausgestrecktem Arm dirigirt werden kann, wo- 
durch eine sichere und gleichmässige Führung der Krone bewirkt wird. 
Ein Gehülfe ist ausreichend, den Kopf zu halten. Der Hautschnitt 
darf nicht unnöthig gross gemacht werden, bei intakter Haut in Form 
eines Kreuzes, so dass die vier Lappen umgeschlagen werden können. 
Alsdann ist das Perikranium im Umfange der aufzusetzenden Krone 
mit dem Radireisen des konvexen Skalpells abzulösen. Die unter 
Führung des Zeigefingers fest und bestimmt angesetzte Krone greift 
durch halbkreisförmige Bewegungen — abwechselnd von der Linken 
zur Rechten — sanft, nicht stossweise ein. Beim Bohren ist als 
wichtigste Regel so zu verfahren wie beim Sägen überhaupt, nämlich 
nur wenig Kraft anzuwenden, und vor allem nicht auf die Trephine 
zu drücken. So lange mau noch gegen die Tabula externa wirkt, 
bohre man rasch und mache durch starke Pro- und Supinationen 
grosse "Wendungen. Je tiefer man kommt, desto vorsichtiger verfahre 
man und hebe nach jeder Wendung die Krone etwas in die Höhe. 
Auf ein Zeichen ist besonders zu achten, nämlich auf das Knistern, 
welches dann eintritt, wenn man bis zur Tabula vitrea gekommen ist. 
Zur Herausnahme des Kreisstückes bedient sich Langenbeck des 
Radireisens am Skalpellstiele, von anderen wird dazu auch der Tire- 
fond oder eine Zange empfohlen. Xach Entfernung des Knochen- 
stückes glättet Langenbeck die Ränder mit dem linsenförmigen 
Messer. Flüssiges Blut auf der Dura mater fliesst dann ab, ge- 
ronnenes kann man mit Charpie oder mit der Pincette herausnehmen. 
Liegt es unter der Dura mater, so muss diese mit einem Skalpell 
geöffnet werden. Sind mehrere Kronen aufgesetzt und dadurch 
Knochenbrücken entstanden, so werden diese mit der Serra versatilis 
abgesägt, oder wenn sie abgezwickt werden können, bedient man sich 
der Knochenzange mit dem, an der Spitze des einen Blattes befindlichen 
Linsenkopfe. (S. Taf. IL Fig. 11). Xach der Trepanation sehe man den 
Kranken als einen Verwundeten an und suche durch Antiphlogose Entzün- 
dung zu verhüten. Der Verband ist so einzurichten, dass die entblössten 
Theilc gar nicht beleidigt werden, und nur bei Eiterung ist die Trepan- 
öffnung gelinde mit Charpie auszufüllen und diese gelinde anzudrücken, 
um durch mechanischen Reiz eine bildende Entzündung anzuregen. Die 



— 115 — 

bei der Heilung aus der Dura mater und der Diploe hervorschiessen- 
den Granulationen sind mit einem Plumasseau, einer Kompresse und 
einer leicht drückenden Binde zu bedecken. 

Erwähnt werden mag an dieser Stelle noch, dass Langen b eck 
zur Hebung deprimirter Knochenstücke sich des Elevatoriums bedient 
und den Tire fand zu diesem Zwecke als unbrauchbar verwirft. — 

Gesichtswunden. 

Für die Gesichtswunden gilt ebenso wie für die Hautwunden 
im Allgemeinen und die des Schädels im Besonderen die Regel, sie 
durch die blutige Naht zu vereinigen (Hennen, Thomson, Larrey, 
C. M. Langenbeck, Rust), und wenn es gequetschte, zur Vereini- 
gung nicht geeignete Wunden sind, sie zu diesem Zwecke vorher in 
reine Schnittwunden zu verwandeln (Larrey, Rust). 

Die Naht, welche später durch geeignete Verbandstücke unter- 
stützt wird, ist nach Larrey verschieden. Bei einfachen, frischen, 
durch schneidende Werkzeuge verursachten Verletzungen an Ohren, 
Augenlidern, Nase, Kinn etc. ist die geknüpfte Naht die allein passende. 
Bei klaffenden Wundrändern und Substanzverlust ist die umwundene 
Naht nothwendig, wenn man mit der erforderlichen gradweise ab- 
nehmenden Kraft (Gradation) auf die Wundränder ihrer ganzen Dicke 
nach einwirken und dem Ausplatzen der Hefte vorbeugen will. Für 
alle Gesichtswunden lassen sich jedoch keine festen Regeln aufstellen, 
indem das Verfahren stets je nach der Gattung der Wunde verschiedent- 
lich abgeändert werden muss. Bei Vereinigung der Wunden ist immer 
für Abfluss der Wundflüssigkeiten zu sorgen. 

Als gefährlich gelten die Gesichtswand en im Allgemeinen nicht 
— mit Ausnahme derjenigen, wo die das Gesicht bildenden Knochen 
verletzt (Dupuytren) oder die Kugel ihren Lauf gegen das Gehirn 
oder den Hals hin nahm (Thomson). Man hat durch Schusswunden 
die Weich theile des Gesichts fast vollkommen hinweggenommen 
gefunden, und danach die Heilung doch schnell erfolgen sehen 
(Thomson, Dupuytren). Besondere Aufmerksamkeit erfordern die 
Gesichtswunden wegen der jedesmal durch sie bedingten Entstellung 
(Hennen, Dupuytren). Um diese zu vermeiden, giebt Hennen bei 
Flintenschüssen in die Nasenknochen oder Kinnbackenhöhlen den 
Rath, die Ausziehung der Kugel stets von innen her zu versuchen, 
und bei Langenbeck finden wir genaue Angaben zur Ausführung 
der Blepharoplastik und Rhinoplastik [von Graefe 1 ) 1817 zuerst 



*) Yergl. unten; „Lebensbilder 1 



— 116 — 

wieder angewandt und aus der alt-indischen und alt-italienischen von 
ihm modifizirt als deutsche Methode ausgebildet], der Meloplastik 
— Wangenbildung — und Cheiloplastik — Lippenbildung (ebenfalls 
von Graefe wieder angegeben). Als schärfster Gegner der Rhino- 
plastik tritt Larrey auf. Sie erscheint ihm durchaus nutzlos 
und nicht frei von gewichtigen Uebelständen. Denn bei Verlust der 
Nase durch Hieb oder Schuss bieten die Ränder des so entstandenen 
Loches immer Hülfsmittel genug, um durch Zusammenziehen der Haut 
eine Vereinigung zu bewirken. Die Nasenbildung ist daher unter 
diesen Umständen unnütz, würde vielmehr dadurch, dass sie die Stirn 
eines Theiles ihrer Bedeckungen beraubt, eher schaden; zumal diese 
neu gebildete Wunde um so schmerzhafter ist, als' hier eine grosse 
Anzahl von Zweigen des fünften Nervenpaares verläuft, welches nach 
vielfachen Untersuchungen einen bedeutenden Einfluss auf die Sinnes- 
organe ausübt. Ausserdem tritt zuweilen Starrkrampf im Gefolge 
auf, und die neue Nase wird oft brandig. 

Die Zerschmetterung des Oberkiefers und damit fast immer der 
Wände der Highmors höhle gilt, trotzdem sie zu Entzündungen, reich- 
lichen Eiterungen und Fisteln Veranlassung geben kann, bei weitem 
nicht für so gefährlich, als die des Unterkiefers. Diese Verletzungen 
erfordern nur eine genaue Untersuchung und Sondirung, um sitzen ge- 
bliebene Fremdkörper entdecken und entfernen zu können (Dupuytren). 
Recht zahlreiche Methoden haben sich zur Behandlung der Unter- 
kieferfraktur herausgebildet. Hennen bringt den Unterkiefer, falls 
er in zwei Stücke gebrochen, mit dem oberen in genaue Berührung, 
erhält ihn in dieser Lage durch gehörige Binden und ermahnt den 
Kranken auf das Strengste zum beständigen Geschlossenhalten des 
Mundes. Er darf nur flüssige Nahrungsmittel nehmen und seine Ge- 
danken nur schriftlich mittheilen. Thomson fürchtet die nach solchen 
Brüchen eintretenden langwierigen Exfoliationen der Knochen und hat 
die Beobachtung gemacht, dass die Bruchenden häufig keine Neigung 
zeigen, sich durch Callusbildung zu vereinigen. Larrey dagegen sah 
die Fragmente, wenn man sie in vollkommener Berührung mit einander 
hatte erhalten können, besonders bei jungen Personen äusserst leicht 
und rasch verheilen. Er bringt nach Entfernung der Splitter die der 
Verheilung noch fähigen Bruchstücke des Kiefers in ihre Lage zurück 
und erhält sie mittels eines um die Zähne gelegten Platindrahtes 
vereinigt. Die Wunde heftet er mittels der blutigen Naht und legt 
alsdann einen unterstützenden Verband an, den er womöglich bis zur 
Narbenbildung liegen lässt. Das Verfahren Dupuytren 's ist ähnlich. Er 
macht als auf eine nicht selten vorkommende Komplikation auf die aus 



— 117 — 

den Verzweigungen der Carotis interna kommende primitive oder kon- 
sekutive Blutung aufmerksam, die, wenn das blutende Gefäss sich 
nicht leicht und sicher unterbinden lässt, die Ligatur der Carotis 
interna nöthig macht. Diese wurde bei einem Unterkieferbruche 
einmal von ihm, sowie auch 1814 von Marjolin in der Salpetriere 
mit glücklichem Erfolge ausgeführt. — 

Bei Verletzungen des Auges und seiner Umgebung wird 
in erster Linie antiphlogistisch verfahren, um die Entzündung der 
wichtigen in der Orbita enthaltenen Organe und ihr Weiter fort- 
schreiten auf das Gehirn zu verhüten. Verletzungen des Augapfels 
selbst mit nachfolgender heftiger Entzündung aller Theile des Auges 
erfordern unter Umständen Abtragung des vorderen Theiles und Ent- 
leerung des Augapfels, wodurch dieser in einen für die Anwendung 
eines künstlichen Auges geeigneten Stumpf verwandelt wird (Du- 
puytren). In den Augapfel ergossenes Blut wird durch Einschnitt 
am Rande der Cornea entleert (Larrey). Hennen hebt hervor, dass 
Verletzungen der knöchernen Umgebung des Auges im Allgemeinen 
nicht so gefährlich und nachtheilig seien, als die der übrigen Schädel- 
knochen. Denn erfahrungsgemäss könne hier jeder Theil mit Sicher- 
heit und Leichtigkeit trepanirt werden, auch die Stirnhöhlen, in 
welchen Kugeln mit Eindrückung der inneren Tafel oft so vergraben 
liegen, dass sie nur durch diese Operation entfernt werden können. 

Abtrennungen der Lider erfordern die unmittelbare Vereinigung 
(Larrey, C. M. Langenbeck, Dupuytren). 

Was schliesslich die Verletzungen des Ohres anbetrifft, so hält 
Larrey die gänzlich abgetrennte Ohrmuschel der Anheilung nicht 
mehr für fähig. Wenn aber nur die allergeringste Brücke stehen ge- 
blieben ist, so ist die unmittelbare Vereinigung durch die Naht an- 
gezeigt. 

Thomson und Hennen sahen verschiedene Fälle, wo Kugeln 
die Knochen des äusseren Gehörgangs und den Processus mastoideus 
zerschmettert hatten, ohne dass das Gehör gelitten zu haben schien. 
Meist wurden jedoch nachträglich die Knochenwände und die Gehör- 
knöchelchen von Eiterung und Beinfrass angegriffen. Zur Ausziehung 
eingekeilter Kugeln räth Dupuytren die Anwendung des Tirefonds 
oder besser noch die Trepanation des Warzenfortsatzes. In prophy- 
laktischer Beziehung empfiehlt Hennen die Beobachtung der strengsten 
Reinlichkeit durch laue Ausspritzungen und einen massigen Gebrauch 
des Quecksilbers (a mild course of mercurial physic), sowohl „um die 
Aufsaugung ergossener Flüssigkeiten und eingedrückter Knochentheile, 
welche, vielleicht in der Schädelhöhle liegend, künftiges Unglück ver- 



— 118 — 

anlassen könnten, zu unterstützen, als um die mitleidenden Eingeweide, 
besonders die Leber, zu erleichtern, von deren Verrichtung die Ge- 
sundheit der Verwundeten so sehr abhängt." — 

Die Verletzungen des Halses. 

Wunden der Bedeckungen und Muskeln. Verletzungen der Wirbelsäule und des 

Markes. Verletzungen der Cervikalnerven. Verletzungen der grossen Halsgefässe. 

Verletzungen des Kehlkopfs und der Luftröhre. Verletzungen der Speiseröhre. 

Wunderbarer Verlauf von Kugeln. 

Die relative Seltenheit der Verwundungen des Halses, welche 
sich in fast allen Feldzügen herausgestellt hat, erklärt sich in den 
geregelten Armeen durch den Bekleidungsschutz der Soldaten. Sie 
wurden daher in der französischen Julirevolution 1830 auf Seiten der 
Bürger und kämpfenden Arbeiter, von denen die meisten theils aus 
Gewohnheit, theils wegen der grossen Hitze ohne Halsbedeckung 
kämpften, ungleich häufiger angetroffen (Dupuytren, Demme). 

Die Wunden der Bedeckungen und Muskeln. 

Die Wunden der Bedeckungen und Muskeln des Halses, seien 
sie durch Schuss oder scharfe Waffen entstanden, erfordern, auch 
wenn sie tief eindringen und selbst die Wirbelarterien biossiegen, 
nach sorgfältiger Entspannung nur die Vereinigung durch Pflaster- 
streifen und Nähte, einen einfachen Verband (Larrey, Hennen) und 
die Vorbeugung der Entzündung durch Emollientia und Aderlässe 
(Dupuytren). Bei Wunden mit Substanzverlust ist es wächtig, den 
Kopf durch eine passende Bandage in einer solchen Stellung zu halten, 
dass bei dem Sichnähern der Wundränder während des Heilens kein 
Caput obstipum entsteht (C. M. Langenbeck). 

Durchdringende Verwundungen jedoch bringen gefährliche Zufälle, 
besonders starke Entzündungen hervor, deren unmittelbare oder 
nachträgliche Folgen, abgesehen von der Verletzung selbst, alle 
umliegenden Theile in Mitleidenschaft ziehen können (Larrey, Hen- 
nen). Im Jahre 1814 kamen Fälle vor, wo der Hals von einer Seite 
zur anderen und an seiner Basis durchbohrt war, w 7 as primitive und 
konsekutive Blutungen und Zungenentzündungen zur Folge hatte, 
welche sich bis zum Larynx erstreckten und den Tod herbeiführten 
(Dupuytren). 

Die Verletzungen der Wirbelsäule und des Markes. 
Den Verletzungen der Wirbelsäule, des verlängerten Markes und 
Rückenmarkes, welche Paraplegien und augenblicklichen oder baldigen 



— 119 — 

Tod nach sich ziehen, steht die Therapie machtlos gegenüber. Bei 
Frakturen der Wirbel ist es jedoch durch gehörige Vergrösserung 
der Wunde, durch Ausziehung der gänzlich losgetrennten Splitter, 
durch Erleichterung des Ausfliessens der abgesonderten Flüssigkeiten 
mittelst Erweiterung der Wunde und Anlegung von Gegenöffnungen, 
sowie durch eine energische antiphlogistische Behandlung häufiger ge- 
lungen, Verwundete dieser Art zu retten (Dupuytren). Da die 
Verletzungen der Brust- und Lendenwirbelsäule mit oder ohne Be- 
theiligung des Rückenmarks ein durchaus ähnliches Verhalten zeigen, 
erscheint es nicht nöthig, in den späteren Abschnitten noch einmal 
darauf einzugehen, sie seien hiermit an dieser Stelle erledigt. 

Die Verletzungen der Cervikalnerven. 
Paralytische Zustände, welche sich nach Verwundung der Cer- 
vikalnerven in dem Arme derselben Seite auszubilden pflegen, will 
Larrey durch Applikation der Brenncylinder auf die Narben und 
längs des Verlaufs der Hauptzweige dieser Nerven in der Regel ge- 
hoben haben. Bei den nach Vagus Verletzungen auftretenden heftigen 
Respirations- und Erstickungszufällen räth er die Laryngo- oder 
Tracheotomie zu machen (Dem nie). 

Die Verletzungen der grossen Halsgefässe. 
Die Wunden der grossen Halsgefässe und ihre Zerreissungen 
durch Schüsse gelten für so allgemein tödtlich, dass die wenigen 
glücklichen Ausnahmen nicht in Betracht kommen (Hennen). Es 
gilt jedoch als Regel, die Gefässe so schnell als möglich aufzusuchen 
und zu unterbinden, und zwar wegen ihrer zahlreichen Anastomosen 
nicht allein unterhalb, sondern auch oberhalb der Wunde (Larrey, 
C. M. Langenbeck, Dupuytren). Die Kompression kann zuweilen 
helfen — Larrey theilt einen Fall mit, wo ein komprimirender Ver- 
band, den er angelegt hatte, den Kranken rettete (Clinique IL p. 109) — , 
gilt jedoch immerhin als ein unsicheres Mittel (Larrey, C. M. Lan- 
genbeck). Ein besonders zu diesem Zweck von Blackett kon- 
struirtes Kompressorium 1 ) hält Langenbeck daher, wenn auch zur 
momentanen Hemmung der Blutung brauchbar, jedoch als Ersatz für 
die Unterbindung zur permanenten Blutstillung durchaus nicht für 
genügend. 



x ) Beschreibung s. Langenbeck's Nosologie und Therapie. IV. p. 472. 



— 120 — 

Die Verletzungen des Kehlkopfs und der Luftröhre. 

Einfache, durch scharfe "Waffen bewirkte "Wunden des Kehlkopfs 
und der Luftröhre sind, wenn die benachbarten Theile nicht zugleich 
verletzt wurden und keine heftigen Blutungen dabei eintraten, an sich 
nicht besonders gefährlich (Hennen). Die "Wundränder werden sorg- 
fältig aneinander gebracht und vermöge geeigneter Bandagen und 
der entsprechenden Körperlage vereinigt erhalten. Der erste Verband 
wird womöglich erst nach vollendeter Narbenbildung abgenommen 
(Larrey). 

Ausserordentlich gefürchtet dagegen sinddieSchussverletzungen 
mit Quetschung und Zerschmetterung der Knorpel wegen der Er- 
stickungsgefahr, welche das in die Bronchien strömende Blut, sowie 
die Entzündung und die dadurch bedingte Schwellung herbeiführen 
(Thomson, Langenbeck, Dupuytren). Dem Blut ist in erster 
Linie durch Erweitern der "Wunde ein freier Ausgang zu verschaffen 
(Larrey, Dupuytren) und bei Erstickungsgefahr in die Trachea 
des Verwundeten eine Röhre einzuführen, am besten durch die 
Wunde selbst oder eine künstlich zu diesem Zwecke gemachte 
Oeffnung (Langenbeck, Dupuytren). Ausgedehnt scheinen die 
Erfahrungen dieser Autoren über die Tracheotomie noch nicht 
gewesen zu sein. Langenbeck beruft sich auf einen in Boyer's 1 ) 
Abhandlungen befindlichen, Dupuytren auf einen von Habicot 2 ) 
mitgetheilten Fall. Im Uebrigen besteht die Behandlung in vorsich- 
tiger Extraktion der etwa vorhandenen fremden Körper und in kräf- 
tiger Anwendung des antiphlogistischen Apparates zur Verhütung von 
Entzündung der Luftwege (Langenbeck, Dupuytren). 

Zurückbleibende Fisteln des Kehlkopfs oder der Trachea werden 



x ) Boyer's Abhandlungen der chir. Kranich, übers, von Textor. Bd. 7. 
p. 28. (Langenbeck, Nosologie u. Therapie. IV. p. 460.) Durch einen Schuss 
ward die linke Seite der Cart. thyreoid. zerbrochen. Der Verwundete würde bei 
einer stark entstandenen Entzündungsgeschwulst erstickt sein, wenn nicht eine 
bleierne Röhre in die Luftröhre gebracht worden wäre, welche 3 Wochen liegen 
blieb. Heilung. 

2 ) (Dupuytren, Verletzungen durch JKriegswaffen, p. 491.) Habicot be- 
diente sich dieses Mittels bei einein Mädchen, welches durch eine Kugel verletzt 
war, die nach Zerbrechung des Larynx und besonders des Schildknorpels zur ent- 
gegengesetzten Seite gegangen, und nach Zerschmetterung des unteren Winkels 
des rechten Schulterblatts, unter der Haut des Rückens liegen geblieben war. 
Die eingeführte Röhre wurde wegen der die Respiration beeinträchtigenden ent- 
zündlichen Anschwellung drei Wochen lang in der Trachea der Kranken, welche 
vollständig hergestellt ward, zurückgelassen. 



— 121 — 

durch Hautüberpflanzung bedeckt (Velpeau, Dupuytren) oder, wo 
das nicht angeht, mit einem Obturator verschlossen [Langenbeck, 
Dupuytren] 1 ). 

Als einen häufigen, aber nicht gefährlichen Zufall erwähnt Hennen 
die Luftgesch wulst, welche er öfter nach Kehlkopf- und Luftröhren- 
wunden, als nach Verletzungen der Lunge auftreten sah. 

Die Verletzungen der Speiseröhre. 

Bei den Verletzungen der Speiseröhre, welche aus dem Unver- 
mögen des Kranken, zu schlucken, nicht zu löschendem Durstgefühl 
und heftigen Schmerzen erkannt werden, die sich längs der Wunde 
bis gegen die Oberbauchgegend hin erstrecken, wird fast allgemein 
vor der Einführung der Schlundsonde gewarnt, aus Furcht, deren 
Ende durch die Wunde in das Mittelfell hineinzutreiben (Larrey, 
Hennen, C. M. Langenbeck). Nur Dupuytren bedient sich 
ihrer in jedem Falle, wo die Wunde nur einigermassen bedeutend 
ist. Im Uebrigen ist die Behandlung dieselbe wie die der Darm- 
wunden: häufiges Auswaschen des Mundes, Verabreichung von Bädern — 
Hennen hat einen derartig Verletzten mehrmals des Tages in warme 
Milchbäder gesetzt (pag. 389) — und nahrhaften Klystieren, endlich 
Blutentziehungen durch Applikation blutiger Schröpfköpfe am Thorax 
in möglichster Nähe der Wunde (Larrey, Hennen, Langenbeck, 
Dupuytren). 

Von den Autoren wird das seltene Vorkommen der Verwundungen 
der Speiseröhre hervorgehoben. Larrey hat in seiner mehr als 
30jährigen Praxis nur einen solchen Fall gesehen und beschreibt 
ihn in seiner Clinique chirurgicale II, pag. 133. Hennen erwähnt 
einen Fall von Percy, wo eine in die Speiseröhre geschossene Kugel 
nach 16 Tagen durch den After abging, und einen zweiten, wo die 
einem Matrosen in Algier durch das eine Schulterblatt geschossene 
Kugel später auf demselben Wege entleert wurde (pag. 389). 

Wunderbarer Verlauf von Kugeln. 
Sehr merkwürdig sind die perforirenden Schusswunden des 
Halses, bei denen durchaus kein wichtiges Organ verletzt wurde. Thom- 



x ) (Dupuytren, Verletzungen durch Kriegswaffen, p. 491.) Van Swieten 
erwähnt eines Kranken, der eine, durch Schusswunde erzeugte Fistel der Trachea 
durch ein Schwammstück verschluss und alsdann auch mit Leichtigkeit sprechen 
konnte, während er die Stimme verlor, sobald er den Obturator entfernte. — 
S. auch Langenbeck's Nosologie und Therapie. IV. p. 460, der wieder Boy er, 
Bd. 7, p. 29, citirt. 



— 122 — 

son 1 ) versichert sogar, bei keiner Art von Wunden so wunderbar glück- 
liche Ausgänge gesehen zu haben, wie bei denen in der Gegend des 
Halses. Einige Male war die Kugel, wie man aus ihrem Ein- und Austritte 
schliessen konnte, ganz in der Nähe der grösseren Ge fasse vorüber- 
gegangen; in keinem dieser Fälle aber war die Carotis oder Jugular- 
vene geöffnet. In anderen Fällen war die Kugel an der Seite des 
Gesichts eingedrungen, an der inneren Fläche oder durch den Körper 
der unteren Kinnlade gegangen und an der Seite des Halses oder 
dem oberen Theile des Rückens hervorgekommen (vgl. oben S. 58 f.). 
Auch Demme 2 } berichtet einen sehr merkwürdigen Fall, den sein 
Vater während des polnischen Krieges 1831 beobachtet hat. Einem 
polnischen Verwundeten entfernte dieser nach der Schlacht bei 
Ostrolenka eine Kartätschenkugel, welche auf der linken Seite des 
Halses hinter dem Rande des Muse, sternocleidomastoideus einge- 
drungen und zwischen der Sternal- und Clavicularportion des Muskels 
auf der rechten Seite stecken geblieben war. Durch den eingeführten 
Finger konnte er sich deutlich überzeugen, dass das Geschoss seinen 
AVeg gegen die Wirbelsäule hin genommen hatte, hier aber abgelenkt 
und zwischen der Wirbelsäule und der Speiseröhre hindurchgegangen 
war. Die Heilung erfolgte in der 4. oder 5. Woche. 



Die Verletzungen der Brust. 

Nicht penetrirende Brustwunden. Frakturen der Rippen und des Brustbeins. 
Penetrirende Brustwunden. Verwundungen des Herzens und des Herzbeutels. 

Die Verletzungen der Brust haben hinsichtlich ihrer Behandlung 
nicht soviel Kontroversen und Differenzen wie die Schädelverletzungen 
gezeitigt. Sie haben sogar „mehr Beruhigendes als die in anderen 
Körperhöhlen vorkommenden" (Dufouart), und „vor allem findet bei 
den Brustwunden die Dunkelheit, welche in Hinsicht der Kopfver- 
letzungen herrscht und ihre Erkenntniss so schwierig macht, auch 
nicht in annähernd so hohem Grade statt. Dieselben sind vielmehr 
für die Sinnesorgane leichter wahrnehmbar, die dabei erforderlichen 
Operationen haben an sich nichts gefährliches, und die Nothwendig- 
keit ihrer Verrichtung wird oft auf das Deutlichste durch die Zufälle 
angezeigt" (Hennen). Natürlich wird auch die unter Umständen 
grosse Gefährlichkeit der Brustwunden nicht abgeleugnet (Hennen). 



i) P . 61. 
2 ) p. 79. 



— 123 — 

Nicht penetrirende Brustwunden. 

Alle Schriftsteller stimmen darin überein, dass die nicht per- 
forirenden Wunden ohne Rippenfrakturen meistentheils belanglos sind 
(Billroth). Die Wunden der Brust- und Intercostalmuskeln schwellen 
am ersten Tage an und werden durch die beständige Bewegung der 
Brust bei der Respiration gespannt und schmerzhaft (Dufouart). 

Ihre Behandlung besteht nach ihm in Entspannung. Hennen 
und Thomson rathen jedoch, trotz ihres meistentheils günstigen Ver- 
laufs auch den anscheinend leichtesten Verletzungen dieser Art Auf- 
merksamkeit zu Theil werden zu lassen, weil einerseits die Entzün- 
dung sich leicht dem Brustfelle, den Lungen und dem Herzen mit- 
theilen kann, andererseits oft sehr schwierige Eitergeschwüre danach 
entstehen. L an gen b eck behandelt die nicht penetrirenden Brust- 
wunden, wie andere äussere Wunden. Lange, quer durch den 
Pectoralis major dringende Hiebwunden vereinigt er durch die Sutura 
nodosa und fixirt den Arm durch eine Binde an den Thorax. Du- 
puytren weist auf den gewöhnlich gekrümmten Verlauf der Schuss- 
kanäle hin, welche übrigens selten eine grosse Strecke durchlaufen, 
sich vielmehr gewöhnlich nur auf den vierten bis sechsten Theil der 
Brustwandungen erstrecken. Mitunter dehnen sie sich allerdings viel 
weiter aus, sodass in manchen Fällen die Ein- und die Austritts Öffnung 
der Kugel am vorderen und hinteren Theile der Brust sich diametral 
entgegengesetzt finden, und man kaum begreifen kann, dass die Brust- 
höhle nicht vollkommen durchbohrt ist. Zuweilen sind auch drei und 
noch mehr Oeffnungen vorhanden, welche sämmtlich von einer, die 
Brust umkreisenden Kugel erzeugt wurden. Nach Entfernung der 
Fremdkörper hält Dupuytren, um der durch Einschnürung ent- 
stehenden Entzündung und der Eiteransammlung zuvorzukommen, wieder- 
holte Dilatationen und nach Umständen partielle oder totale Spaltung 
der Wundkanäle oft für unvermeidlich. 

Wichtiger sind die Verletzungen der Brustwandungen, wenn gleich- 
zeitig die knöchernen Theile mit getroffen sind. 

Frakturen der Rippen und des Brustbeins. 
Die Frakturen der Rippen sind besonders zu beachten wegen der 
gewöhnlich gleichzeitigen Verletzung des "Rippenfelles und der Lungen 
und wegen der nachfolgenden Entzündung dieser Organe (Dupuytren). 
Es ist daher eine energische antiphlogistische Behandlung dringend 
indicirt (Langen beck, Dupuytren); zudem gilt als allgemein fest- 
stehend, die Wunde zu dilatiren, die Knochensplitter möglichst früh- 



— 124 — 

zeitig zu entfernen, die Frakturenden zu glätten (Dufouart, Du- 
puytren) und die Fremdkörper und eingekeilten Kugeln mit Haken 
und Elevatorien zu entfernen (Dupuytren). 

Der Bruch der Rippenknorpel gilt für weniger gefährlich als 
vielmehr in der Heilung äusserst langwierig wegen der Neigung zu 
langdauernder und stark eiternder Fistelbildung (Dupuytren). 

Verletzungen des Brustbeins veranlassen oft Caries dieses 
Knochens und Abscessbildung hinter ihm. Letztere ist deswegen gefähr- 
lich, weil sie schwer zu erkennen ist und zuweilen lange im Media- 
stinum besteht, ohne ihre Gegenwart zu verrathen, bis der Eiter durch 
Senkung neben dem Schwertfortsatz sich in die Bauchhöhle ergiesst, 
wo grosse Verheerungen erfolgen, deren Heilung oft schwer oder un- 
möglich ist (Dupuytren';. Die in der Substanz des Sternums sitzen 
gebliebenen Kugeln extrahirt man mit Pinzetten, Elevatorien, Spateln, 
Tirefond (Dupuytren), oder man versucht sie mit einem Perforativ- 
trepan herauszugraben (Langenbeck) oder setzt, was noch 
besser ist, eine Trepankrone an (Dufouart, Langenbeck, Du- 
puytren). 

Dufouart will die Verletzungen des Brustbeins überhaupt wie 
Schädelverletzungen behandelt wissen, und Dupuytren räth, selbst in 
dem Falle, wo es sich nur um Bruch des Sternums handelt, ohne dass 
die Kugel darin sitzen geblieben ist, eine oder mehrere Trepankronen 
zu appliciren, um Eiteransammlung im Mediastinum zu verhüten, zum 
mindesten hält er aber grosse Kreuzschnitte bei solchen Verletzungen 
für unerlässlich. 

Wie bei jeder Verletzung der Brust, so gilt besonders bei solcher 
mit Betheiligung der Knochen ein fester, aber elastischer Ver- 
band als ein Haupthülfsmittel zur Heilung. Er muss sich soweit er- 
strecken und so fest anliegen, dass er den Kranken nöthigt, das 
Athemholen so viel als möglich nur mit dem Zwerchfell und den 
Unterleibsmuskeln zu verrichten. Ist eine Wunde zugegen, so muss 
diese derart frei gelassen werden, dass sie ohne jedesmalige Abnahme 
des ganzen Verbandes behandelt werden kann (Hennen). 

Penetrirende Brustwunden. 

Die Bestimmung, ob es sich um penetrirende Brustwunden handelt 

oder nicht, und deren Symptome sind in den ersten Dezennien des 

19. Jahrhunderts ebenfalls schon genauer erkannt und festgestellt: 

Blutiger Auswurf unmittelbar nach der Verwundung, Erstickungszufälle, 



— 125 — 

Druck, Angst und Ohnmächten (Hennen, Langenbeck, Du- 
puytren), Herausdringen von Luft aus der Wunde beim Husten 
(Thomson), schneidender, stechender Schmerz in der Brust, krampf- 
hafter Husten (Langenbeck) und schliesslich Emphysem, welches 
sich über den ganzen Körper ausbreiten kann, so dass dieser bis- 
weilen einen entsetzlichen Umfang und ein fürchterliches Aussehen 
bekommt (Dufouart, Hennen, Thomson, Langenbeck, Du- 
puytren). Da bei einer penetrirenden Brustwunde das Blut auch 
aus der Mammaria interna oder einer Intercostalis kommen kann, ohne 
dass die Lunge verletzt zu sein braucht, so führt Langenbeck als 
differentialdiagn ostisch wichtig für eine Lungenblutung den Umstand 
an, dass bei dieser das Blut meist schaumig und zischend heraus- 
stürzt und auch dadurch nicht gehemmt werden kann, dass man mit 
dem Finger gegen den unteren Rand der Rippe drückt. 

Während die Franzosen Lombard und Dufouart vorzüglich 
das Beharren des extravasirten Blutes in den Brustfellsäcken fürchten 
und bei der Behandlung der penetrirenden Brustwunden in erster 
Linie auf dessen Entfernung bedacht sind - — Ersterer durch Aus- 
spritzen mit lauem Wasser mit Hülfe einer in die Wunde einge- 
führten Röhre, Letzterer durch Tieflagern der Brust nach gehöriger 
Erweiterung der Wunde — , legen die Engländer Hennen und Thom- 
son das Hauptgewicht auf die Entlastung des Herzens durch aus- 
giebige Aderlässe. Liegt der Verwundete in Ohnmacht, oder hat der 
Aderlass diese nach sich gezogen, so giebt Hennen keine Herz- 
stärkung, sondern bringt den Finger in die Wunde und entfernt da- 
mit alles, was sich etwa von Blutgerinnseln, Knochenstücken oder 
fremden Körpern vorfindet. Ist die Wundöffnung nicht weit genug, so 
räth er, sie mit dem Knopfbistouri oder einem gewöhnlichen Messer, 
dessen Spitze mit einem Wachsknöpfchen bedeckt ist, vorsichtig, aber 
hinlänglich zu erweitern; hierdurch gelingt es gewöhnlich, nicht nur 
die fremden Körper zu entdecken und auszuziehen, sondern auch die 
Oeffnung einer etwa zerrissenen Rippenschlagader aufzufinden, welche 
indessen keineswegs so oft verletzt werden, wie man bisher gelehrt 
hatte. Auch Thomson sah kein Beispiel, dass die Mammaria interna 
oder die Intercostalarterien durch einen Lanzenstich oder eine Kugel 
verletzt worden wären. Alsdann schreitet Hennen zum Verband der 
Wunde, der bei Schusswunden höchst einfach und leicht sein muss, 
bei Wunden von blanken Waffen vereinigt er aber sogleich die Wund- 
ränder auf das Genaueste, wodurch er am besten Luftgeschwülsten, 
Blutungen und Eiteransammlungen vorzubeugen glaubt. Ein abermals 



— 126 — 

eintretender Blutauswurf und Erstickungsanfall erfordert erneuten 
Aderlass. 

Eine neue Richtung wird der Behandlung der penetrirenden Brust- 
schüsse durch Larrey gegeben, welcher die unmittelbare Vereini- 
gung der Wunden übt, ein, wie schon Hennen betont, keineswegs neues 
Verfahren. Schon Johann de Vigo und Pare schrieben es vor, und 
vielleicht erwähnt Mauquest de la Motte die Luftgeschwulst darum 
garnicht, weil er alle Brustwunden auf das Genaueste mit einer Wieke 
verstopfte. Larrey vereinigt nach vorausgegangener zweckmässiger 
Entspannung die äussere Wunde mit Heftpflaster und Kontentivver- 
band. Die verletzte Mammaria oder Intercostalis sucht er nicht auf, 
weil ihre Unterbindung zu schwierig und daher die Stillung der aus 
diesen Arterien stattfindenden Blutung besser den Heilbestrebungen 
der Natur allein zu überlassen ist. (Theden [s. Theil I] hatte dabei 
Erfolge mit der Tamponade gehabt.) Bei Emphysem ist die Inter- 
costalwunde aufzusuchen und der Hautwunde gegenüber zu stellen, 
damit zunächst die Luft statt in das Zellgewebe nach aussen ent- 
weichen kann. Beide Wunden werden alsdann auf das Genaueste 
vereinigt. Im Uebrigen beseitigen Schröpfköpfe und Skarifikationen 
das vorhandene Emphysem schnell. Bei nicht zu grossen Blutextra- 
vasaten in den Pleuraraum überlässt er die Aufsaugung der Natur; 
grosse, direkt das Leben bedrohende Blutergüsse dagegen entleert 
er durch Gegenöffnung oder Empyemoperation. 

Beim Ausziehen fremder Körper räth Larrey immer darauf 
bedacht zu sein, dass die vorgenommene Operation nicht grössere 
Nachtheile als das Beharren des Körpers im Innern der Brusthöhle 
hervorbringe. Zwischen den Rippen stecken gebliebene Kugeln sah 
er reaktionslos einheilen, solche dagegen, welche in der Brusthöhle 
lagen, beständig Eiterung und Empyem nach sich ziehen. Zur 
Entfernung dieser empfiehlt Larrey die Empyemoperation und 
nimmt mit dem Linsenmesser vom oberen Rand der Rippe ein 
so grosses Stück fort, als es ohne Verletzung der Intercostalarterie 
möglich ist. Durch diese Oeffnung gelingt es leicht, die Kugel her- 
auszuziehen. 

Die Behandlungsmethoden der späteren Autoren decken sich in 
den wesentlichsten Punkten mit denen Larrey's. Langenbeck 
und Rust treten ebenfalls für unmittelbares Schliessen der Brust- 
wunden "ein, mögen sie penetriren oder nicht, und zwar unmittelbar 
nach dem Momente des Ausathmens des Kranken. 

Dupuytren bezweifelt den Werth dieses Verfahrens bei pene- 
trirenden Brustschüssen, die meistens doch nicht ohne Bildung von 



- 127 — 

Eiter heilen, dem man den Austritt gestatten müsse, empfiehlt es aber 
sehr bei den penetrirenden Stich- und Schnittwunden. Langenbeck 
und Rust empfehlen als Indicatio vitalis ausser zur Entfernung nicht 
resorbirbarer Blutextravasate die Paracentese zwischen 6. und 7. Rippe 
auch bei Pneumatothorax mit Erstickungsgefahr. Dupuytren räth, 
bei Blutergüssen sich nicht so wie Larrey auf die Resorption zu 
verlassen, denn diese finde nur bei sehr geringen Quantitäten Blutes 
statt. Besonders schlecht sind die Erfahrungen Dupuytren's bei 
purulenten Empyemen. Unter mindestens 50 Operirten sah er nur 
3 — 4 Heilungen. Er räth in solchen Fällen nur mit dem Trokart zu 
punktiren und erwähnt eines Kranken, welchem er das Empyem in 
einem Jahre mehr als 73 mal geöffnet hatte. 

Für die Verletzung der Intercostalarterien , deren Seltenheit Du- 
puytren und Langenbeck ebenfalls zugeben, findet sich bei beiden 
Autoren eine grosse Reihe von Blutstillungsmethoden angegeben, 
wie die von Gerard, Goulard, Lotteri, Quesnay, Bellocq, 
Desault, Boyer u. A. Unter den verschiedenen Verfahren, welche 
theils die Unterbindung und Umstechung, theils die Compression be- 
zwecken, ist am einfachsten die Methode Desault 's, welcher in die 
Wunde eine Kompresse so einführt, dass sie in der Brust eine finger- 
hutartige Höhle bildet, die mit Charpie angefüllt, beim Anziehen 
gleichsam als Pelotte auf die Arterie drückt, durch die Wundöffnung 
aber nicht heraustreten kann. 

Mit der Untersuchung der Brustwunden sind Langenbeck und 
Dupuytren vorsichtig und verwerfen namentlich bei Verletzung der 
Lungen die Sonden vollständig, wogegen merkwürdiger Weise Bau- 
dens in diesem Falle sich sogar einer besonderen Sonde mit scharfem 
Stilet bedient -(Fischer). 

Zur Aus ziehung von Kugeln und Fremdkörpern gebrauchen 
Langenbeck und Dupuytren Zangen, Hebel, stumpfe Haken und 
Pincetten, forciren die Extraktion aber nicht. Fälle von Einheilen der 
Kugeln in der Brusthöhle finden sich bei allen Autoren 1 ). 

Verwundungen des Herzens und Herzbeutels. 
Die Verwundungen des Herzens und Herzbeutels gelten zu An- 
fang des 19. Jahrhunderts als absolut tödtlich und finden daher in 
den zu dieser Zeit erschienenen Werken überhaupt kein Wort der 

!) Hennen, Beobachtungen, p. 393, ebenda Percy, p. 125 und Mauget, 
Bibliotheca chirurgica, Genev. 1721, Thomson, Beobachtungen, p. 74, Larrey, 
Denkwürdigkeiten, II, p. 183, Langenbeck, Nosologie, IV, p. 549, Dupuytren, 
Verletzungen, p. 538, 



— 128 — 

Erwähnung. Erst Hennen beschreibt Präparate von geheilten Fällen 
dieser Art und citirt von Ploucquet angeführte Beispiele, wo Kugeln 
im Herzen eines Hirsches, eines gesunden Hundes, ja in der vorderen 
Kammer eines menschlichen Herzens eingeheilt waren und dort 
mehrere Jahre gesessen haben mussten. Indessen erschienen ihm 
alle diese Fälle mehr als Curiosa und als Beispiele, wie viel die Natur 
zu ertragen vermag, als dass er daraus praktische Schlüsse irgend 
welcher Art ziehen zu können glaubte. 

Larrey ist wohl der erste, welcher die Symptomatologie der 
Verletzungen des Herzbeutels und Herzens genauer feststellt und die 
Heilung der Herzwunden sehr wohl für möglich hält, wegen der 
enormen, bei jeder, auch der geringsten Verletzung eintretenden Kon- 
traktion dieses Muskels. Er empfiehlt dringend, solchen Verwundeten 
die entsprechenden Hülfeleistungen möglichst vollständig zu spenden, 
und stellt für sie dieselben Normen auf wie für die Behandlung der 
durchdringenden Brustwunden, d. h. möglichst baldigen und voll- 
kommenen Verschluss der äusseren Wunde. Bei Langenbeck rindet 
sich nicht viel Neues über diesen Gegenstand; er macht auf die Ge- 
fahren einer nachfolgenden Herzentzündung bei oberflächlichen Herz- 
wunden aufmerksam und räth bei der Behandlung nach Valsalva's 
Weise bei inneren Blutungen zu verfahren, nämlich zur Ader zu 
lassen, und dann Digitalis purpurea zu geben, um die Bewegungen 
des verwundeten Theiles zu vermindern. Dupuytren kombinirt 
Larrey 's Behandlung mit der Langenbeck's, und macht ausserdem 
auf die Wichtigkeit der Verordnung strengster Ruhe und Diät auf- 
merksam. Für die einfachen Stichwunden des Herzens stellt er die 
Prognose besser als für die Schnittwunden, welch' letztere er je nach 
ihrer Grösse in einigen Minuten oder Tagen immer für tödtlich hält. 
Als bemerkenswerthen Fall der Heilung von Schussverletzungen des 
Herzens erwähnt Dupuytren den von Latour angeführten 1 ), wo 
man im rechten Ventrikel eines Soldaten an dem Septum ventri- 
culorum und in der Nähe der Spitze des Herzens sechs Jahre nach 
der Genesung von dieser Verwundung eine zum Theil vom Pericardium 
bedeckte Kugel fand. 

Einen genau beobachteten, allerdings tödtlich verlaufenen Fall 
finden wir im Lancet vom 2. April 1887 beschrieben 2 ). Ein Soldat 
wurde in der Schlacht bei Coruna 1809 durch eine Gewehrkugel 



!) Histoire philosophique et medicale des causes essentielles et prochaines 
des hemorrhagies, Tome I, p. 75. 

2 ) Brentano, Zur Casuistik der Herzverletzungen. Diss. 1890. 



— 129 -- 

zwischen 2. und 3. Rippe links vom Sternum verwundet. Die Wunde, 
vorläufig durch ein Pflaster verschlossen, wurde später sondirt. Der 
Tod erfolgte vier Tage nach der Verwundung unter zunehmender 
Schwäche und Unruhe. Bei der Sektion fand sich in der vorderen 
Wand des rechten Herzens na,he dem Ursprung der Pulmonalarterie 
eine quere, l j 2 Zoll lange Wunde und in der Tricuspidalklappe eine 
kreisrunde Oeffnung. Die Kugel wurde im Pericard lose liegend auf- 
gefunden, und es schien, als ob sie beim Aufschneiden des Herzens 
dahin gelangt sei. — 

Als „neue Eröffnungsweise des Herzbeutels bei Ergüssen inner- 
halb desselben" führt Larrey ein Verfahren an, bei welchem er in 
dem dreieckigen Raum zwischen der Basis des Schwertknorpels und 
den vereinigten Knorpelenden der 7. und 8. linken Rippe einen schief 
verlaufenden Einschnitt macht, welcher, beginnend von dem Vereini- 
gungspunkte des 7. Rippenknorpels mit dem Brustbein, längs dem 
unteren Rande des ersteren, bis zum Costalende des 8. Rippenknorpels 
reicht. Von hier aus eröffnet er mit der Spitze des vorsichtig in der 
Richtung nach oben und links eingestossenen Messers den Herzbeutel, 
wobei alle wichtigen Organe verschont bleiben, und nur ein Stückchen 
vom vorderen Rande des Zwerchfells durchschnitten wird. Hin- 
gewiesen wurde Larrey auf dieses von ihm an Leichnamen mehrfach 
versuchte Verfahren durch eine Beobachtung, wo der Kranke zufällig 
eine Verwundung an der nämlichen Körperstelle erlitten hatte. 

Die Verletzungen des Bauches. 

Nicht penetrirende Bauchwunden. Quetschung des Bauches. Penetrirende Bauch- 
wunden ohne Verletzung der Eingeweide. Penetrirende Bauchwunden mit Ver- 
letzung der Eingeweide. Verletzungen des Magens, des Darms, der Leber, der 
Milz, der Nieren, der Blase. Verletzungen des Beckens. Wandern \ r on Fremd- 
körpern. 

Wenn Eingangs des Abschnitts über Brustverletzungen gesagt worden 
ist, dass diese in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinsichtlich ihrer 
Behandlung weit weniger Differenzen als die Schädelverletzungen her- 
vorgerufen hätten, so gilt dies in noch höherem Masse von den Ver- 
letzungen des Bauches. Alle Autoren stimmen darin überein, dass 
die nicht perforirenden Wunden ohne Becken fraktur meist belanglos 
seien, dass bei perforirenden Wunden mit Verletzung der Eingeweide 
nicht viel vom Arzte, das meiste aber von der Natur erwartet w r erden 
müsse. Obwohl die Prognose in diesen Fällen durchaus ungünstig, so 
„trifft doch die Natur wunderbare Anstalten, um jede ihr zugefügte 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Heft. () 



— 130 — 

Beleidigung wieder gut zu machen, und oft sind diese, wenn sie nur 
nicht durch unzeitige Einmischung gestört werden, von auffallend 
glücklichem Erfolg." (Hennen.) 

Nicht penetrirende Bauchwunden. 

Einfache, nicht penetrirende Wunden der Bauchmuskulatur ver- 
dienen rücksichtlich ihrer Behandlung keine weitere Aufmerksamkeit 
als die gewöhnlichen Fleischwunden überhaupt. (Mehee, Dufou- 
art, Dupuytren.) 

Einer Verletzung der Sehnen und Aponeurosen werden dagegen 
unangenehme Zufälle zugeschrieben. Es werden daher hier ausgiebige 
Einschnitte und Erweiterungen vorgeschlagen, um die gefürchteten Ein- 
schnürungen zu vermeiden (Mehee, Dufouart, Larrey). Auch soll 
in den zerrissenen Aponeurosen die Eiterung langsamer und schwieriger 
von Statten gehen, als in den zerrissenen Muskeln (Dufouart). 

Quetschung des Bauches. 
Langenbeck und Dupuytren machen besonders auf die ausser- 
ordentlich grosse Gefährlichkeit der Streifschüsse und Quetschungen 
der Bauch Wandungen aufmerksam, bei denen an der Haut oft nicht 
die geringste Spur zu sehen ist, welche aber durch die Verletzung 
innerer Organe und die davon abhängenden Folgen meistentheils 
tödtlich sind. Im Jahre 1814 beobachtete Dupuytren einen 
solchen Fall: 

Man brachte einen unter den Mauern von Paris blessirten Franzosen zu ihm, 
welcher von einem Artilleriegeschoss schief in die linke Seite ohne äussere Wund- 
verletzung getroffen war. Seine Kameraden machten sich über ihn lustig, weil 
sie keine Wunde an ihm bemerkten, und glaubten, er habe bloss einen Vorwand 
gesucht, um das Schlachtfeld verlassen zu können. Dupuytren untersuchte nun 
die getroffene Stelle und fand sie bläulich, fiuktuirend und tief hinein desorgani- 
sirt. Man schaffte den Blessirten sogleich in das Hotel-Dieu, und schon gegen 
Abend hatte die Haut eine braune Schattirung angenommen; zugleich hatte der 
Kranke Unempfmdlichkeit und Unbewegiichkeit des linken Fusses, Erbrechen, 
schweren und schmerzhaften Athem, Blutharnen und überdies noch eine allge- 
meine Betäubung. Trotz der besten Hülfe starb er wenige Tage darauf. Bei 
der Sektion fand man das Zellgewebe unter der Haut, den Musculus psoas und 
iliacus, die Bauchwände und die linke Niere in eine breiartige Masse verwandelt, 
die Lumbalneiven zerrissen, die Querfortsätze der Lendenwirbel und die letzten 
Kippen zerschmettert, die Unterleibshöhle und die linke Brusthöhle mit schwarzem 
Blut angefüllt : die Haut allein hatte der AA T irkung der Kanonenkugel wider- 
standen. 

Am meisten sind der Zerreissung nach Langenbeck Milz und 
Leber ausgesetzt; der Tod erfolgt dabei augenblicklich durch Ver- 



— 131 — 

blutung. Auch starke mechanische Eingriffe, welche entweder das 
Ganglion coeliacum paralysiren oder sein Gefüge zerstören, können 
nach L. den Tod herbeiführen. Waren sie nicht zu heftig, so können 
sich die Kranken trotz Schinerzen, Ohnmächten, Erbrechen und ähn- 
lichen Zufällen, wie die nach Rupturen eintretenden, wieder erholen. 
Da nach solchen Kontusionen Entzündungen mit Eiterung folgen 
können, so empfehlen Langenbeck und Dupuytren wie bei der 
Ruptur ein streng antiphlogistisches Verfahren mit starken Blutent- 
ziehungen; gegebenenfalls bei eintretender Abscessbildung Kataplasmen 
und Eröffnung des Abscesses. 

Penetrirende Bauchwunden ohne Verletzung der 
Eingeweide. 

Mehee entscheidet, ob eine Bauchwunde penetrire, also das 
Bauchfell verletzt sei, durch sorgfältige Untersuchung, ob die Menge 
einer eingespritzten Flüssigkeit aus der Wunde wieder herauskommt 
oder nicht, Langenbeck durch Einführen des Fingers. Im Uebrigen 
erfahren aber die penetrirenden Bauchwunden ohne Verletzung der 
Eingeweide fast die nämliche Behandlungsweise, wie die nicht ein- 
dringenden (Dufouart). Die meisten Autoren entscheiden sich für 
die Vereinigung durch Heftpflasterstreifen (Lombard, Hennen, 
Larrey, Dupuytren). Larrey macht noch besonders auf die 
zweckmässige Lagerung des Kranken aufmerksam, welche hier am 
kräftigsten wirke. 

Langenbeck tritt für die blutige Naht ein und durchsticht auch 
das verletzte Peritoneum. Er glaubt auf diese Weise leichter Bauch- 
brüche zu vermeiden und legt auf die dadurch bewirkte Reizung des 
Bauchfelles kein besonderes Gewicht, weil schon durch die Verwun- 
dung allein Grund genug zur entzündlichen Reaktion gegeben sei. 
Die Schliessung der Bauchwand dürfe aber nicht eher erfolgen, als 
bis es ausgemacht sei, dass die Art. epigastrica nicht verletzt worden, 
welche sonst vorher unterbunden werden müsse. Rust wendet beide 
Vereinigungsmethoden an. 

Vorgefallene unverletzte Eingeweide werden behutsam in die 
Bauchhöhle zurückgeführt und alsdann die äussere Wunde ver- 
schlossen. Auch in diesem Falle hält Larrey die Naht für zwecklos, 
sogar für schädlich; denn mag man die Stichpunkte auch noch so 
nahe aneinander bringen, so werden jene Eingeweide, die meistenstheils 
stark aufgewulstet sind, doch immer durch ihre Zwischenräume her- 
vordringen und lauter kleine Hernien bilden, welche sich einklemmen 
und die durch die Bauchnaht an und für sich bedingte Entzündung 

9* 



— 132 — 

nothwendig steigern müssen. Hennen andererseits giebt zu, dass bei 
Wunden durch Granaten, welche manchmal so ungeheuer sind, dass 
Magen, Därme oder Blase dadurch vorfallen, die blutigen Nähte ausser 
Binden und Heftpflastern unentbehrlich seien. Man habe dann auch 
die Einbringung von Sindons 1 ) und Bleiplatten versucht; und Des- 
port habe für diese Fälle eine eigene Art von Bauchnaht vorge- 
schlagen, wobei die Fäden hinlänglich die Theile unterstützten, und 
nach Willkür nachgelassen werden könnten. 

Das häufige Unverletztsein der Eingeweide bei penetrirenden 
Bauchwunden sucht Dufouart dadurch zu erklären, dass er sie für 
weit mehr gegen die Verletzungen des Schusses gesichert hält, als 
die Lungen und das Gehirn. Schon die Biegsamkeit der Haut, die 
Muskeln und Membranen allein rauben der Kugel einen Theil der be- 
wegenden Kraft und vermindern ihre schädliche und tödtliche Wirkung. 
Vermittelst der schlüpfrigen und glatten Struktur der Membranen 
verliert die Kugel sehr oft ihre Richtung und wird gezwungen, eine 
entgegengesetzte zu nehmen. Hierzu kommt noch, dass die Bauch- 
höhle, die zu drei Viertheilen ihres Umfanges ohne Knochen ist, nicht 
so sehr den Gefahren und Nachtheilen der Erschütterung ausgesetzt 
ist, und somit die Eingeweide nur leicht getroffen werden. 

Allgemein anerkannt und gefürchtet werden aber die grossen 
Gefahren der Bauchwunden — mögen sie nun durchdringen oder 
nicht — durch den Uebergang der Entzündung auf das Peritoneum 
und alle Autoren nehmen daher ihre Zuflucht zum Aderlass mit seinen 
mächtigen Begleiterinnen, Enthaltsamkeit und Ruhe, besonders in der 
Rückenlage. Heftige Schmerzen und Spannung, welche gewöhnlich 
bei diesen Wunden vorhanden sind, erfordern Blutegel, warme Um- 
schläge und warme Bäder. Abführungen und sonstige Mittel, die man 
zu geben für gut findet, müssen von der mildesten Beschaffenheit sein. 
Larrey erzählt von der Wirkung einer allerdings in diesem Fall 
unbeabsichtigt grossen Dosis Opium ein interessantes Beispiel: 

Ein 22jähriger kräftiger Soldat wurde im Jahre 1793 vor Mainz von einer 
Kanonenkugel an der linken Seite des Unterleibes getroffen. Das vollkräftige Ge- 
schoss durchschnitt die Muskelgebikle bis auf das Bauchfell, so dass eine Wunde 
von 6 — 7 Zoll Umfang entstand, durch welche man mehrere Darmwindungen 
hinter dem nicht eröffneten Bauchfell erblickte. Sie waren zum Glück nicht 
weiter verletzt, sondern bloss aufgetrieben und von Gasen ausgedehnt. Ein 
Splitterbruch bestand ausserdem an dem linken Darmbeinkamme. 



1 ) Der Sindon oder das Blättchen ist ein meistentheils aus Charpie be- 
reitetes Verbandstück, welches gewöhnlich nur bei Trepanationswunden im Ge- 
brauch war, indessen aber auch bei Geschwüren von runder Form benutzt wurde 
(Benedict). 



— 133 — 

Larrey entspannte die Wundwinkel, schnitt die entbildeten Theile weg, 
unterband die eröffneten Schlagadern, zog mehrere ins Fleisch hineingetriebene 
Knochensplitter aus, brachte die Wundränder aneinander, bedeckte diese mit 
einem gefensterten, mit Oel und Laudanum benetzten Linnenlappen. Durch einige 
Charpiekuchen, Kompressen und eine leicht zusammenhaltende Bandage wurde 
der Verband vervollständigt. Zugleich verordnete er dem Verwundeten schleimige 
Getränke in sehr kleinen Quantitäten. 

Jener Verband schien dem Kranken eine bedeutende Linderung zu gewähren; 
nach wenigen Stunden stellten sich jedoch wiederum wüthende Schmerzen ein, 
welche ihm ein durchdringendes Jammergeschrei erpressten. Ein beruhigender 
Trank vermochte sie nicht zu beschwichtigen, sondern sie steigerten sich noch 
immer mehr. Larrey glaubte jetzt Laudanum in stärkerer Gabe anwenden zu 
müssen und verordnete, 2 Skrupel mit 4 Unzen Zuckerwasser verdünnt esslöffel- 
weis zu geben. 

Der Verwundete, vom äussersten Schmerze angeregt, trank nicht nur diese 
Mischung mit einem einzigen Zuge aus, sondern überredete auch noch einen der 
anwesenden Soldaten, aus dem Medizinkasten das Fläschchen mit Laudanum, 
welches ungefähr noch 2—3 Quentchen dieses Mittels enthielt, zu entwenden, und 
leerte auch dieses, ohne das Medikament irgend zu verdünnen. 

Als Larrey ihn am Abend wieder besuchte, fand er ihn zu seiner grossen 
Verwunderung in einen tiefen und ruhigen Schlaf versenkt; er athmete frei, sein 
Puls war ruhig und regelmässig. Als er am folgenden Morgen erwachte, waren 
die Schmerzen bereits gewichen, und von da ab schritt nun die Besserung un- 
gestört weiter. 

Larrey schliesst daraus, dass der Verwundete seine Heilung grösstenteils 
dem begangenen Excess verdankte und dass hier die starke Opiumgabe nöthig 
gewesen war. Er fügt hinzu: „Vielleicht sind wir in solchen Fällen zu behutsam 
und kärglich in der Verabreichung dieses Mittels, welches ja auch beim Starr- 
krämpfe in ziemlich starken Gaben so vorteilhaft wirkt. 1 ' 

Penetrirende Bauchwunden mit Verletzung der Eingeweide. 

Was soeben von den Gefahren der Bauchfellentzündung und 
ihrer Verhütung gesagt worden ist, gilt von den mit Verletzung 
der Eingeweide verbundenen Bauchwunden in noch viel höherem 
Masse. Reichliche Blutentziehungen und ein streng antiphlogistisches 
Verfahren sind hier die besten Mittel, die dem Wundarzt zu Gebote 
stehen. Dass .der Ausgang im Uebrigen ein desto glücklicherer sein 
wird, je mehr man den Reunionsprozess der Natur überlässt und je 
weniger man diese in ihren Wirkungen stört, ist der von Thomson 
ausgesprochene und von den Autoren jener Zeit fast allgemein ver- 
tretene Standpunkt. — 

Was für die einzelnen Organe ausser etwaiger Blutstillung durch 
Unterbindung grösserer Gefässe an besonderen Massnahmen vorge- 
schlagen worden ist, soll nunmehr im Folgenden kurz angegeben werden. 



134 



Die Verletzungen des Magens. 

Die Verletzungen des Magens gelten nicht in jedem Falle für 
tödtlich 'Lombard. Thomson, Larrey. Langenbeek, Du- 
puytren). Dass es unter Umständen nöthig werden kann, grosse 
in den Magen gelangte Fremdkörper durch die Gastrotomie zu ent- 
fernen, betont Larrey. Die bisherige Seltenheit der Ausführung dieser 
Operation erklärt er dadurch, dass man die Wunden des Magens für 
absolut tödtlich zu halten pflegte. Dennoch ist die Operation ver- 
einzelt und mit Geschick schon lange vor jener Zeit vollzogen worden. 
So wurde Larrey 1 ) im Jahre 1807 zu Königsberg unter anderen 
Seltenheiten ein kleines Messer gezeigt, welches von einem Bauer. 
Andreas Guenheid aus Altpreussen, im Jahre 1613 verschluckt 
und von dem polnischen Wundarzt üoetor Gruger, vermittelst 
des Magenschnitts am 29. Mai desselben Jahres hervorgezogen worden 
war. Der vollkommene Erfolg hatte diese Operation gekrönt und 
der Geheilte noch 10 Jahre nachher gelebt. Larrey erinnert sich 
ferner, dass einer seiner Lehrer, der Professor Frizac, der zu den 
geschicktesten Wundärzten in Toulouse gehörte, einem Lastträger ein 
ungeführ 2 Zoll langes Stück von einer Messerklinge mittelst der 
Gastrotomie entfernt hatte. Er hatte in der Oberbauchgegend einen 
Einschnitt parallel der weissen Linie gemacht, die Spitze des Messers, 
welches bereits die Magenhäute durchbohrt hatte, mittelst einer starken 
Zange gefasst und nun die Oeffnung mit einem gekrümmten Bistouri 
erweitert, worauf die Ausziehung des Klingenstückes sogleich gelang. 
Alsdann hatte er die Ränder der Magenwunde genäht und die Wunde 
der Bauchdecken durch Heftpflasterstreifen und eine Kontentivbinde 
vereinigt. Nach 5 Tagen schien die Verwachsung erfolgt zu sein, 
die Fadenschnürchen wurden ausgezogen, und der Geheilte konnte 
bald wieder seiner früheren Beschäftigung obliegen. — 

Was nun die Behandlung der nicht durch Fremdkörper kom- 
plicirten Magenwunden anbelangt, so wird allgemein die Ansicht ver- 
treten, sie nicht zu nähen. Man beschränkte sich darauf, den 
Magen stets ganz leer zu halten, damit seine Wandungen sich 
einander nähern könnten. Xährklystiere zu verabfolgen und die äussere 
Wunde durch einen einfachen Verband zu verschliessen. Langen- 
beek lässt den Kranken auf der verwundeten Seite liegen, um das 
Verwachsen des Magens mit dem Bauchfell zu begünstigen. Bei 
diesem Verfahren haben alle Autoren Fälle von Heilung beobachtet. 



1 ) J. D. Larrey" s Chirurgische Klinik. II. Theil. S. 297 



— 135 — 

nur Dufouart bei einer äusserst vielgeschäftigen Behandlung — Er- 
weiterung der Wunde, Einträufeln von Oleum hypericum mit Wein 
vermischt, Bedecken mit Oelkom pressen, Salben der Brust und des 
Bauches mit Rosenöl, Aderlass von 4 zu 4 Stunden, Klystiere, Dekokt 
von Gerste und andere Mittel, welche die heftigen Kontraktionen der 
Eingeweide vermindern sollten — hat niemals das Glück gehabt, auch 
nur einen Fall zu retten. 

Die Verletzungen des Darms. 

Die Erfolge der von Zeit zu Zeit und auch von Lombard 1 ) 
versuchten Darmnaht waren zu Anfang des vorigen Jahrhunderts 
so wenig ermuthigend, dass die meisten Autoren dieser Zeit sie 
überhaupt gar nicht in Anwendung zogen. Die Prognose der Darm- 
verletzungen galt als ausserordentlich schlecht, und man beschränkte 
sich nur darauf, die allgemeinen Mittel, wie Aderlässe, Regelung der 
Diät, mildesten Verband u. s. w., anzuwenden (Mehee, Thomson 
Hennen). Fälle von Heilungen wurden hin und wieder von den 
Autoren beobachtet (Thomson, Hennen). Die Verletzungen des 
unteren und vorderen Theils des Darmkanals, besonders des Dick- 
darms, galten nicht für so gefährlich als die des oberen Theils (Du- 
fouart, Thomson), und als besonders günstig würde es angesehen, 
wenn die verletzte Stelle des Darms nicht zu weit von den Inte- 
gumenten entfernt liegt, so dass sich leicht Verwachsungen bilden 
können und die austretende Materie ungehindert nach aussen dringen 
kann (Dufouart). Liegt die Verletzung dagegen entfernt, so er- 
weitert Dufouart die äussere Wunde, entfaltet den Darm und durch- 
läuft ihn mit den Fingern, die er vorher in warmen Wein getaucht 
hat, bis er an die verletzte Stelle gekommen ist. Diese befestigt er 
dann mit einem Faden, den er um den Darm herumlegt, an die 
äussere Wunde. Zeigt der Darm aber mehrfache Verletzungen, so ist 
er mit seiner Kunst zu Ende und stellt die Prognose dann durchaus 
schlecht. 

Larrey hat in seinen Denkwürdigkeiten mehrere Heilungen nach 
Schussverletzungen des Darms mitgetheilt. Er tritt für die Darm- 
naht jedoch nur bei den durch scharfe Waffen bewirkten Wunden ein 
und wendet hier die doppelte Kürschnernaht mit sehr kleinen runden 
und gekrümmten Nadeln an, so dass die Fäden lauter Rhomben 

*) Lombard giebt der Knopfnalit (a pointes passees) gegenüber der 
Kürschner- oder runden Naht (ä surget) den Vorzug. Man kann bei ersterer den 
Faden herausziehen, ohne die Verwachsungen der Ränder der Darm wunde im 
mindesten zu erschüttern. 



— 136 — 

bilden und ähnlich wie die Schnüre eines Schnürstiefels zu liegen 
kommen. Nach Zurückbringung des Darmstücks leitet er die Enden 
der Fäden durch die Bauchwunde hervor und entfernt sie am 7. 
oder 9. Tage durch sanftes Hervorziehen. Bei Schussverletzungen 
der Därme begnügt sich Larrey damit, nach Entspannung der Bauch- 
wunde ein mit einer balsamischen Salbe bestrichenes Linnenläppchen 
darauf zu legen und einen entsprechenden Verband zu appliciren. 
Wenn sich beide AA'unden gereinigt haben, sucht er ihre Ränder 
durch Klebpflasterstreifen und koncentriseh wirkende Druckverbände 
einander zu nähern, um so schliesslich die Vernarbung herbeizu- 
führen. 

Längenbeck und Rust wenden die Naht nur bei grossen quer- 
verlaufenden Darmwunden an, und auch dann nur, wenn der Darm 
ausserhalb der Bauchhöhle liegt. Gebraucht wird dann fast aus- 
schliesslich die um das Jahr 1826 von Lernbert angegebene Methode, 
welcher, ausgehend von der Erkenntniss und Verwerthung der enor- 
men Tendenz des Bauchfells zu adhäsiver Entzündung, die Verklebung 
der Darmwunde von der Serosa aus anstrebt. Die Seh uss wunden 
hält Langenbeck jedoch wegen ihrer runden Oeffnung und ihres 
zerquetschten, Randes zur Darmnaht für durchaus ungeeignet. Ebenso, 
wenn nicht noch vorsichtiger, spricht sich Dupuytren aus. Geleitet 
werden alle drei Autoren durch die Erkenntniss, dass die Natur durch 
Vorquellen und Umstülpen der Schleimhaut den besten Verschluss 
herbeiführe und in wenigen Stunden die Verklebung der Wunde be- 
wirken könne, eine zuerst von Jobert aufgestellte Theorie, zu welcher 
dieser durch vielfache Versuche bei Thieren und zahlreiche Beobach- 
tungen am Menschen gelangt ist. 

Die Verletzungen der Leber. 
AYunden der Leberoberfläche gelten in der Regel nicht als tödt- 
lich (Hennen, Langenbeck), tiefe AYunden dagegen meistentheils 
(Hennen, Larrey, Dupuytren). Dass die Schusswunden der Leber 
dagegen immer tödtlich seien, war eine nur von J ober t 1 ) vertretene 
Ansicht, Geheilte Fälle dieser Art werden von Thomson, Larrey 
und Dupuytren 2 ) mitgetheilt. Als unbedingt tödtlich gilt der Er- 
guss von Galle in die Bauchhöhle wegen der sofort folgenden schweren 
Peritonitis (Hennen, Larrey, Dupuytren). Oberflächlich in die 
Leber eingedrungene Fremdkörper werden von Dufouart, Larrey 



x ) Jobert, Sur les plaies par armes ä feu. 1833. pag. 216. 
2 ) Auch schon viel früher, z. B. von Purmann, siehe Theil I. 



— 187 — 

und Langenbeck nach vorausgegangener Erweiterung der Wunde zu 
extrahiren versucht. Mebee und Dufouart entleeren in die Bauchhöhle 
ergossenes Blut durch Einstich, und zwar ersterer an der Stelle des 
Bauchringes, weil dieser am abhängigsten gelegen ist und dieFlüssigkeit 
selbst durch den Druck auf das Bauchfell dieses bis zur gemachten 
Oeffnung hin abtreibt, wo es sich gegen die Schenkel des Bauchringes 
anlegt. Für das Herauslassen des ergossenen Blutes treten auch 
Larrey, Langenbeck und Dupuytren ein. Letzterer sucht noch 
den dauernden Abfluss durch das Anlegen eines dünnen, an den 
Rändern ausgefaserten Leinwandstreifens, der zugleich das Verkleben 
der Wundränder hindert, zu befördern. Reichliche Aderlässe und 
Purganzen gelten namentlich bei eintretender Leberentzündung als die 
Hauptmittel der Therapie. Larrey jedoch räth, mit dem Aderlass 
vorsichtig zu sein, weil er allzu sehr schwächt, und bevorzugt das 
Setzen von Schröpf köpfen. 

Die Verletzungen der Milz. 

Die von den Autoren beobachteten Schussverletzungen der Milz 
verliefen alle tödtlich. Nur Langenbeck führt einen von Fielitz 
mitgetheilten Fall an, wo Heilung eintrat, trotzdem die Kugel beim 
Herausgehen die Milz verletzt hatte. Als der in dem Organ sitzen 
gebliebene Schusspfropf herausgezogen worden war, wurde mit dem 
Finger gefühlt, dass die Kugel durch die Milz gedrungen war. Es 
entstand hiernach eine starke Blutung, die durch die Tampon ade ge- 
stillt wurde. 

Larrey theilt einige Fälle von Heilung mit, wo die Milz durch 
scharte Waffen verwundet worden war. — Die Therapie beschränkt sich 
nur auf allgemeine Mittel, allenfalls Anwendung der Tamponade. 

Ein Beispiel von glücklicher Ausrottung der durch eine Hieb- 
wunde vorgefallenen Milz an einem Menschen von O'Brien, einem 
Schiffswundarzte, findet sich im ersten Theile des Medico-chirurgical 
Journal von 1816 (Hennen). 

Die Verletzungen der Nieren. 
Schuss Verletzungen der Nieren sind nur selten zur Beobachtung 
gekommen. Dupuytren sah in den Julitagen im Hötel-Dieu einen Fall, 
und auch Langenbeck berichtet von einem solchen. Beide gingen in 
Heilung über. Bei der Behandlung wird zunächst darauf Bedacht 
genommen, dass der Urin nach Erweiterung der Wunde frei nach 
aussen abfliessen kann (Dufouart, Langenbeck, Dupuytren). 
Ersterer macht noch besonders darauf aufmerksam, die Wunde beim 



— 138 — 

Aussickern des Urins zu schützen. Er wäscht sie wiederholt mit 
einem Gersten- oder Reisdekokt aus und legt um den Rand der AYunde 
Ungt. rosat. 

Tief in die Substanz der Nieren eindringende Schusswunden gelten 
als absolut tödtlich. 

Die Verletzungen der Blase. 

Die Harnblase ist am leichtesten in gefülltem Zustande einer 
Verletzung ausgesetzt (Larrey, Langenbeck). Erfolgt diese am 
oberen, vom Bauchfell bedeckten Theil, so tritt meist rasch der Tod 
durch Peritonitis ein, Verletzungen des unteren Abschnitts sind pro- 
gnostisch günstiger (Larrey, Dupuytren). Um der gefürchteten 
Urininfiltration vorzubeugen, gilt allgemein als erste therapeutische 
Indikation die Einführung eines Verweilkatheters. Versuche zur Auf- 
suchung der Kugel werden in den ersten 24 Stunden gemacht und 
sind dann bis nach Ablauf der Entzündungserscheinungen zu ver- 
schieben (Dufouart). 

Beispiele, dass kleinere in der Blase zurückgebliebene Kugeln, 
welche später immer zur Bildung eines Blasensteins Veranlassung 
geben, durch die Harnröhre abgegangen sind, finden sich meist bei 
allen Autoren. Zur Entfernung" grösserer Kugeln wird der Stein- 
schnitt vorgeschlagen (Larrey, Langenbeck. Dupuytren). 

Dem Vorschlage LeDran's 1 ), in der Blase zurückgebliebene Blei- 
kugeln durch eingespritztes Quecksilber aufzulösen, stehen Alle miss- 
trauisch gegenüber. Larrey zweifelt an der Genauigkeit und Wahr- 
heit der Le Dramschen Versuche, welche sich nur aui die Entfernung 
eines kleinen Stückes von einer Bleisonde, das ungefähr 2 Quentchen 
wog, erstreckt hatten, sodass daraus noch keine Regel für die Auf- 
lösung einer mindestens 1 Unze schweren Flintenkugel abgeleitet 
werden können, zumal da es gewiss sei, dass sich diese innerhalb der 
ersten 24 Stunden schon mit einer Schicht geronnenen Blutes oder 
mit Schleimhaut überzogen habe. Man hatte das Mittel zur Auflösung 
von Kugeln an anderen Stellen des Körpers ebenfalls ohne Erfolg ver- 
sucht und gefunden, dass in dergleichen Fällen das Quecksilber sich 
nur zwischen die Knochen, Muskelfasern und Sehnenscheiden gesenkt 
und heftige Reizung hervorgerufen hatte. 

Die Verletzungen des Beckens. 
Grosse Verletzungen des Beckens führen fast immer einen 
schnellen Tod herbei (Hennen, Dupuytren), leichtere ziehen in der 

x ) Siehe den XIV. Theil der Bibliotheque de Planque, pag. 589. 



— 1 39 — 

Regel Abscessbildungen und Eitersenkungen nach sich (Thomson, 
Dupuytren). 

Die Therapie beschränkt sich auf Ausziehen von Splittern und 
anderen Reizung verursachenden Gegenständen (Mehee, Hennen). 
Die Heilung der verletzten Beckenknochen erfolgt immer nur sehr 
langsam, denn die nekrotischen Knochentheile unterhalten, besonders 
wenn Splitter in die Substanz des Knochens hineingetrieben worden 
sind, immer langwierige Fisteln, indem die platte Form der Becken- 
knochen die Loslösung und Ausstossung der abgestorbenen Knochen- 
stücke erschwert. Dupuytren sah bei einigen in den Juli tagen ver- 
wundeten Individuen noch 4 Monate nach dieser Zeit stark eiternde 
Fisteln. 

Wandern von Fremdkörpern. 

Was das Wandern von Fremdkörpern in der Bauchhöhle an- 
betrifft, so hält Serrier 1 ) es nur bei anorganischen, glatten, nicht 
zu grossen und nicht zu leichten Fremdkörpern für möglich; so 
führt er einen Fall an, in welchem die Kugel 21 Tage nach einem 
Bauchschusse beim Stuhlgang entleert worden war. Holz, Knochen- 
stücke und andere organische Körper werden nach seiner 
Ansicht kaum ihren Ort verändern. Demgegenüber steht ein 
äusserst interessanter Fall, den Hennen (S. 453) mittheilt. Hier 
war der Fremdkörper ein Stück Tuch, welches von der Einschuss- 
öffnung aus (zwischen 9. und 10. rechter Rippe, ziemlich in der Mitte 
zwischen Brust und Rückgrat) in die Brust, quer durch den Leib, 
durch den Harnleiter in die Blase und von da m die Harnröhre ge- 
langt war und unter den unsäglichsten Qualen des Kranken voll- 
kommen inkrustirt mit dem Urin entleert wurde. Die Kugel war 
bereits am Tage nach der Verletzung neben dem Querfortsatze des 
letzten Rückenwirbels herausgeschnitten worden. 

(Weitere Beispiele vom Wandern und Einheilen der Gewehrkugeln 
auch aus jener Zeit enthält die oben citirte Arbeit von A. Koehler.) 

Die Verletzungen der Extremitäten. 

Die Schussfrakturen. Die Gelenkwunden. Fälle, in denen die Amputation bei 
Schusswunden dringend nothwendig ist. Die primäre und sekundäre Ampu- 
tation. Technik der Amputation. Die Exartikulation. Die Technik der Exarti- 
kulation. Die Gelenkresektion. Die Technik der Gelenkresektion. 

Die Schussfrakturen. 
Im Verlaufe der Entwickelung der Kriegschirurgie war die Be- 
handlung der Schussfrakturen wohl den grössten Schwankungen unter- 

x ) Traite des plaies d'armes ä feu. Paris 1844. 



— 140 — 

worfen, und Amputation und conservirende Methoden wechselten 
häufig mit einander ab. 

Bilguer hatte 1763 die Amputation sehr eingeschränkt; dann 
kam die Zeit, in der z. B. Percy bei Schussfrakturen vie'J ampu- 
tirte und besonders in der primären Splitterextraktion soweit ging, 
dass er die Knochen bis auf die unverletzte Partie freilegte, um zu 
sehen, welche Splitter noch anheilen könnten. 

Larrey folgte wieder den erhaltenden Principien. Die Heilanzeigen 
sind nach ihm bei den Brüchen der verschiedenen Gliedmassen fast 
ganz die nämlichen. Die erste Indikation besteht darin, die Ver- 
letzung soviel als möglich zu vereinfachen. Die sehnenhäutigen Winkel 
in den Wunden der Weichgebilde müssen entspannt, die blutenden 
Pulsadern unterbunden und alle etwa vorhandenen fremden Körper 
ausgezogen werden. Alsdann legt er die Bruchenden genau anein- 
ander, verbindet die Wunden mittelst gefensterter, mit balsamischen 
klebrigen Stoffen (Styrax) bestrichener Linnenstücke und überlagert 
diese mit einer Schicht weicher Charpie. Darauf folgt das Anlegen 
des eigentlichen Stütz Verbandes. Zur Fixation der Bruchenden dienen 
Strohladen, welche aus zwei Strohbündeln bestehen, zwischen deneu 
ein Stück Leinewand straff ausgespannt ist, so dass auf diese Weise 
ein elastisches Lager mit erhabenen, abgerundeten und weichen Seiten- 
wänden gebildet wird, auf welchem das gebrochene Glied ruht. Die 
über die Charpie gelegten Kompressen tränkt Larrey mit einer 
Mischung von Campherspiritus oder Bleiwasser und Eiweiss, welche 
in kurzer Zeit erstarrt. Der A 7 erband, gleichviel wie der Bruch be- 
schaffen ist, bleibt ungewechselt so lange liegen, bis die Knochenenden 
vollständig mit einander verschmolzen und die etwa vorhandenen 
Wunden gänzlich vernarbt sind. So wurde Larrey Erfinder 
des ersten inamoviblen Verbandes in der Kriegschirurgie. 
Bei Beinbrüchen, besonders denen des Schenkelhalses spricht sich 
Larrey gegen die von vielen Schriftstellern empfohlene Extension 
aus. Er hält sie für nachtheilig und nutzlos, weil man die 
Muskelkraft sehr vollkommen durch einen gleichmässigen Kreisdruck 
lähmen könne, den man mitteist Kompressen und einer 18-köpfigen 
Binde bewirkt. Ueberdies wirken die Strohladen, in welche er das 
so verbundene Glied legt, auch in diesem Sinne. Anfangs durch 
Anschwellung des Gliedes excentrisch gebogen, suchen sie vermöge 
ihrer Elasticität entgegen dem Bestreben der Bruchenden, sich von 
einander zu entfernen, fortwährend sich wieder gerade zu richten, so 
dass hierdurch eine andauernde Dehnung ganz überflüssig wird. 

Die Engländer treten ebenfalls nach Möglichkeit für die konser- 



— 141 — 

virende Methode ein. Denn „die Erhaltung des Gliedes, wo nur einige 
Hoffnung zur Heilung noch stattfindet, muss dem Kranken sehr wich- 
tig und dem Wundarzte höchst wünschenswert!! sein" (Hennen). 
Lose Knochensplitter werden extrahirt, nekrotische jedoch erst, wenn 
sie ganz gelöst sind. In vielen Fällen sind Gegenöffnungen nöthig 
und von grossem Nutzen, indem auf diese Weise Eiter und fremde 
Knochenstücke entfernt werden können, welche zuweilen Jose und frei 
liegen, in anderen Fällen aber einen grösseren oder kleineren Theil 
der gebrochenen Knochenenden ausmachen und den Reunionsprozess 
verzögern oder überhaupt nicht zu Stande kommen lassen. (Hennen, 
Thomson). Grosses Gewicht wird auf die Lagerung gelegt, und bei 
Oberschenkelfrakturen während des entzündlichen Stadiums, das ge- 
wöhnlich 15 — 20 Tage dauert, die Pott 'sehe Lage 1 ) angewandt 
(Hennen, Thomson). 

Statt der 18 köpfigen Binde gebraucht Hennen dabei die Scultet'- 
sche, die aus vielen einzelnen, unter sich nicht verbundenen Binden- 
Enden besteht und 6—8 Zoll über und unter den Bruch reichen muss. 
Hierüber legt er zwei Schienen von Fischbein, die er massig fest in der 
Weise anbindet, dass man die Oeffnung, oder, falls die Kugel durch- 
ging, beide Oeffnungen des Schusskanales verbinden kann, ohne den 
übrigen Verband abzunehmen. Die Lücken werden mit Werg, Lappen, 
oder Spreusäcken ausgefüllt, und das Ganze durch Besprengen mit 
einer kalten Blei-Auflösung nebst einigem Camphergeist, feucht er- 
halten. 

Erst nach Beseitigung der entzündlichen Erscheinungen ist die 
gestreckte Lage und die Anwendung von Schienen und Binden von 
Nutzen. (Hennen, Thomson). Hennen bedient sich wieder der 

x ) Der Patient wird auf die äussere Seite der verletzten Extremität gelagert, 
sodass der Körper auf dem Trochanter major dieser Seite ruht, die verletzte Ex- 
tremität ist im Hüft- und Kniegelenk flektirt, und wenn es geht, durch Kissen ge- 
stützt. Durch diese Lage werden die Muskeln erschlafft und jede Dislokation durch 
Muskelzug verhütet. Lange wird sie von den Kranken nicht vertragen und ist 
leicht vom Druckbrande gefolgt. Ein grosser Vorzug ist der, dass die Lage überall 
und ohne Vorbereitungen bewirkt werden kann (Fischer). — Die Pott' sehe 
Lage war schon lange von den britischen Wundärzten als die beste angenommen, 
während man in Frankreich einen gerade entgegengesetzten Weg eingeschlagen 
hat, der schon von Pare, in den ersten Zeiten des Aufblühens der Wundarznei 
in jenem Lande, festgestellt worden war. Ein merkwürdiges Zusammentreffen ist 
es, dass beide grossen Männer, Pott und Pare, Beispiele zu ihren Lehren an 
ihrem eigenen Körper lieferten, indem beide schwierige und zusammengesetzte 
Knochenbrüche erlitten, und jeder nach seiner eigenen Weise behandelt ward. 
Pott bestätigte seine Lehre dadurch vollkommen, während die des Pare bis auf 
Desault und Boy er mehrfach verbessert ward (Hennen). 



— 142 — 

Scultet'schen Binde und gewöhnlicher langer Schienen, deren eine von 
oberhalb der Hüfte oder des Knies (je nachdem der Fall ist) bis zum 
Knöchel, die andere von verhältnissmässiger Länge auf der Innenseite zu 
liegen kommt. Macht das Uebereinanderstehen der Knochenenden eine 
stärkere Dehnung nöthig, so befestigt er das Becken durch eine nach 
dem Haupte des Lagers geführte Binde und erhält den Schenkel in einer 
gestreckten Lage, indem er ihn mit einem Leinenband an dem Fuss des 
Bettes befestigt. Noch geeigneter hierzu erscheint ihm das gewöhnliche 
Tourniquet, dessen Riemen man mit der Mitte fest um das Knie oder 
die Knöchel legt, und dann um den Bettpfosten zusammenschnallt, 
so dass durch das Drehen der Schraube die Ausdehnung allmählich 
vermehrt werden kann. 

Thomson sah in unzähligen Fällen einen guten Erfolg von den 
Einwickelungen (roilers) des Fusses und Unterschenkels, während die 
weichen Theile, die den Bruch unmittelbar umgaben, auf eine sanftere 
Weise durch die 18-köpfige oder Scultet'sche Binde komprimirt wurden, 
damit sie den Abfluss des Eiters aus den Abscessen und Gängen in 
der Nachbarschaft des Bruches zuliess und erleichterte. 

Dem Extensionsapparat steht Thomson ebenfalls misstrauisch 
gegenüber, und giebt der Ausdehnung, die man von Zeit zu Zeit mit 
der Hand macht und durch Schienen und passliche Binden unterstützt, 
den Vorzug: „Erst die Erfahrung zukünftiger Zeiten wird es ent- 
scheiden, ob dieser Apparat selbst in seiner einfachsten Form nicht 
mehr dazu gemacht ist, den Reichen eine Ergötzung, als den Armen 
einen wirklichen Nutzen zu schaffen." 

Bei den Schussfrakturen der übrigen Gliedmassen wenden die 
Engländer gepolsterte Schienen und vielköpfige Binden, jedoch keine 
erstarrenden Verbände an. Als Regel gilt es, wenigstens einmal täg- 
lich die Wunden eines komplicirten Knochenbruchs zu verbinden und 
die beschmutzten Verbandstücke durch neue zu ersetzen. 

Die deutschen Aerzte der Freiheitskriege — Mursinna vielleicht 
ausgenommen 1 ) — scheinen nicht mehr der von Bilguer während 
des 7 jährigen Krieges in Anregung gebrachten konservirenden Be- 
handlung der Schussfrakturen gehuldigt zu haben. Graefe vor Allen 
ist kein Freund davon. Er bezweifelt zwar nicht, dass eine mit 
Zerschmetterung des Knochens verbundene Schasswunde, bei sorg- 
fältiger Behandlung, bei der Anwendung aller Mittel, die die Kunst 
in ihrem ganzen Umfange darbietet, ohne Verlust des Gliedes zuweilen 
geheilt werden könne. Aber eben jene Bedingungen fehlen zu oft 



l ) Vergl. unter D. Lebensbeschreibung Mursinna's, 



— 143 — 

im Felde; der Verband raubt dem Wundarzte täglich mehrere Stunden, 
während welcher er seine hülfreiche Hand von den übrigen Leidenden 
abziehen müss. Zudem hält er eine beständige, durch Maschinen be- 
wirkte Extension, die das verletzte Glied solange ausgedehnt erhalten 
soll, bis das verlorene Knochenstück regenerirt ist, bei den damaligen 
Hülfsmitteln für unausführbar 1 ). 

In ähnlichem Sinne äussert sich Benedict. Nach ihm bestimmt 
nicht der Grad der Verletzung die anzuwendende Hülfe, wohl aber 
der individuelle Stand der Vitalität des Blessirten im Allgemeinen be- 
trachtet, seine Lage und seine Verhältnisse, unter welchen er 
die Heilung seiner Verletzung abzuwarten vermag, die Lage des Heeres, 
dessen Vorrücken die Lazarethe sichert, dessen Rückzug einen 
schnellen und für einzelne Verwundete oft höchst schmerzhaften und 
gefahrvollen Transport der Kranken erheischt, und das Verhältniss 
des Arztes selbst zu der grösseren oder geringeren Zahl seiner 
Kranken. 

Auch in Frankreich machte sich bald wieder ein Umschwung zu 
Gunsten der amputirenden Methode geltend. Dupuytren kennzeichnet 
seinen Standpunkt in einer seiner Vorlesungen nach den Julitagen 
1830 mit folgenden Worten: „Ich habe es oft wiederholt, und ich 
wiederhole es hier zum letzten Male, denn nach den von mir 1814, 
1815 und 1830 gemachten Erfahrungen steht meine Meinung uner- 
schütterlich fest, dass man bei den komplicirten Frakturen, besonders 
den von Schusswaffen erzeugten, durch Unterlassung der Amputation 
mehr Individuen verliert, als man Glieder rettet." 

In den wenigen Fällen, in denen er konservirend verfahrt, macht 
er grosse und tiefe Einschnitte, um die lockeren Knochensplitter leicht 
ausziehen zu können, den Eintritt entzündlicher Einschnürung zu ver- 
hüten, und dem sich bildenden Eiter einen gehörigen Ausweg zu ver- 
schaffen. Den Verband erneuert er alle 24 Stunden, das Glied selbst 
wird, nachdem die Reduktion so vollständig, als möglich ausgeführt 
ist, auf einen „Apparat für komplicirte Frakturen" gelagert. 

Nachdem Malgaigne als entschiedenster Gegner der Amputation 
mit einer überraschenden Statistik zu Gunsten der erhaltenden Methode 
aufgetreten war, bricht sich diese wieder Bahn, so durch Jobertund 
Velpeau, und in manchen Punkten auch durch Baudens. Aber 
trotzdem fordert letzterer ohne Unterschied für jede Schussfraktur 
des Oberschenkels die primäre Amputation. Bei den konservirend 
behandelten Brüchen der anderen Knochen entfernt er alle, auch 



Vergl. Abschnitt D, Lebensbeschreibuno- Graefe's, 



— 144 — 

die festsitzenden Knochensplitter und fixirt die Knochenenden durch 
mit Gummi gefestigte Bandagen. Hierdurch ersetzte er das Eiweiss, 
welches besonders in heissen Ländern leicht verdirbt und in stinkende 
Fäulniss übergeht. 

Begin und Roux vertheidigten wieder die amputirende Methode 
und auch Pirogoff amputirte noch im Kaukasus 1847 fast bei allen 
Schussfrakturen, obwohl er bei den Tscherkessen sah. dass sie sich 
der Amputationen ganz enthielten, die zerschmetterten Glieder viel- 
mehr in feste Verbände legten, welche sie aus den Fellen frisch ge- 
schlachteter Hammel bereiteten (Fischer). 

Die Gelenkwunden. 

Aehnlich wie bei den Schussfrakturen liegen die Verhältnisse bei 
der Behandlung der Gelenkschusswunden, wo ebenfalls konservirende 
Methode und Amputation oder Resektion einander gegenüber stehen. 
Auch hier ist es wieder Larrey, der für die von Bilguer in An- 
regung gebrachte erhaltende exspektative Behandlung eintritt. Zu- 
nächst sorgt er für Entspannung der Wunde durch parallel mit der 
Achse des Gliedes verlaufende Schnitte, alsdann entfernt er abge- 
trennte Knochentheile und entleert die in die Gelenkhöhle ergossenen 
Flüssigkeiten, indem er dem Gliede eine günstige Lage giebt und auf 
den ganzen Umfang des Gelenkes einen gelinden Druck ausübt. Die 
Fixation bewirkt er wieder durch den Eiweisskontentivverband und 
versucht, das Glied so zu lagern, dass es noch möglichst brauchbar 
bleibt, wenn die Wunde nicht ohne ankylotische Verwachsung des Ge- 
lenks zu Stande kommen sollte. Der Verband darf niemals vor- 
dem 21. Tage gelöst werden, falls nicht ein unvorhergesehener 
Zufall, wie z. B. eine Blutung eintritt. Aderlässe, Schröpfköpfe und 
passende Diät sollen der Entzündung vorbeugen. In den schlimmsten 
Fällen amputirt Larrey, ebenso wenn sich unter starker Zunahme 
der Eiterung ein Resorptionsfieber ausbildet. 

Die Engländer Hennen und Guthrie amputiren in den schwersten 
Fällen, versuchen im Uebrigen aber nach Möglichkeit exspektativ zu 
verfahren. Hennen erwähnt zwei Fälle seiner Praxis, wo das Glied 
bei starker Verletzung des Kniegelenks erhalten und bei einem sogar 
die Gebrauchsfähigkeit wieder ganz hergestellt wurde. Niemals sah 
er aber das Knöchel- und Ellenbogengelenk nach bedeutender Ver- 
letzung wieder vollkommen brauchbar werden, obw'ohl in vielen dieser 
Fälle das Glied erhalten wurde. Häutiger sind nach ihm gute 
Heilungen von Wunden des Schultergelenks in Folge seiner minder 
komplizirten Bauart. 



— 145 — 

Nach Rust erfordern ein- oder durchdringende Schusswunden 
grösserer Gelenke in der Regel die Absetzung des Gliedes oberhalb 
des verwundeten Gelenkes; und zwar muss sie, wenn sie wirklich 
heilbringend oder lebenserhaltend wirken soll, noch vor dem Ein- 
tritt der Gelenkentzündung und Eiterung vorgenommen werden. 
„Einzelne Beispiele von Heilungen selbst solcher Gelenkverletzungen 
durch konservirende Methode beweisen gegen den aufgestellten Satz 
nichts, da sich Hunderte von gegenseitigen Erfahrungen gegenüber 
aufstellen lassen." 

Auch die Franzosen vergassen bald wieder die Prinzipien Larrey's. 
Sie amputirten mit Dupuytren an der Spitze bei der Belagerung 
von Antwerpen und während der Revolutionskämpfe fast alle Gelenk- 
schussverletzungen und behandelten nur hin und wieder die durch 
scharfe Waffen bewirkten Verletzungen exspektativ, welche allgemein 
für weniger gefährlich als die Schusswunden galten. — 

Fälle, in denen die Amputation bei Schusswunden dringend 

nothwendig ist. 
Während, wie aus dem bisher Gesagten schon zur Genüge er- 
sichtlich, die Indikationsstellung zur Amputation bei den einzelnen 
Autoren in den weitesten Grenzen schwankte, haben sich doch die 
meisten Militärchirurgen über die Fälle geeinigt, in welchen die Am- 
putation bei Schusswunden dringend nothwendig ist. Nach 
den von Thomson zusammengestellten Indikationen hält man sie in 
folgenden Fällen für unerlässlich : 

1. wenn ein Glied abgeschossen ist; 

2. wenn Knochen oder Gelenke gebrochen oder durch Kanonen- 
kugeln in einem bedeutenden Grade zerschmettert sind; 

3. wenn grosse Partien der weichen Theile weggenommen und 
zugleich Hauptgefässe und Nerven zerrissen oder Knochen entblösst 
und zerschmettert sind; 

4. wenn ohne Verletzung derHaut dieKnochen durch eine matte Kugel 
gebrochen und die weichen Theile heftig gequetscht und zerstört sind ; 

5. wenn eine Flintenkugel die Hauptarterie eines Gliedes zer- 
rissen und den Knochen zugleich gebrochen hat, und 

6. wenn Flintenkugeln durch die grösseren Gelenke gegangen 
sind und nicht nur die Bänder zerrissen, sondern auch die Geienk- 
flächen der Knochen zerschmettert haben. 

Jedoch können alle diese Indikationen nur einen ungefähren 
Massstab abgeben, und. nur eine genaue Untersuchung der verletzten 
Theile und die gewissenhafteste Erwägung der für die Heilung ohne 

Veröffentl. aus dem C4ebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Heft. JQ 



— 146 — 

Operation mehr oder weniger günstigen Umstände können den er- 
fahrenen Wundarzt zum Ziele führen. Zudem gilt als allgemein fest- 
stehend, dass die Verletzungen der oberen Gliedmassen immer eine 
bessere Prognose geben als die der unteren. Geschossene Brüche des 
Obersehenkels erfordern fast immer die Amputation, solche des Unter- 
schenkels meistentheils, während Brüche des Ober- und Unterarms 
oft ohne diese Operation heilen, jedenfalls eine abwartende Behand- 
lung rechtfertigen. 

Die primäre und sekundäre Amputation. 
Eine zweite Frage von fundamentaler Bedeutung war die, zu 
entscheiden, wann der geeignete Zeitpunkt für die Amputation sei, ob 
also die primäre oder die sekundäre Amputation den Vorzug 
verdiene. Die vielfachen Erörterungen und die Verschiedenheit der 
Meinungen über diesen Gegenstand bereits im 18. Jahrhundert hatte 
die Academie Royale de Chirurgie bewogen, für das Jahr 1756 folgende 
Preisaufgabe zu stellen: „L'amputation etant absolument necessaire 
dans les plaies compliquees des fracas des os. et principalement Celles 
qui sont faites par armes h feu, determiner les cas oü il faut faire 
l'operation sur le champ, et ceux oü il convient de la differer, et en 
donner les raisons." Faure 1 ), dessen Abhandlung über diesen Gegen- 
stand von der Akademie gekrönt wurde, entschied sich für die späte 
Amputation, gab aber dennoch zu. dass die primäre bei gewissen Ver- 



l ) Memoire par M. Faure. Prix de 1' Academie Pvoyale de Chirurgie. Nach- 
dem Faure von den üblen Folgen der augenblicklichen Amputation weitläufig ge- 
handelt, setzt er hinzu: Es kann sich indessen zuweilen ereignen, dass eine Wunde 
so sehr komplizirt ist, dass man die Operation nur mit offenbarer Lebensgefahr 
aufschieben würde, z. B. : 

1. Wenn ein Glied bis auf einen kleinen Stumpf weggerissen wäre: 

2. Wenn grössere Gelenke durch Kugeln . Bomben , Haubitzen , Granaten 
u. s. w. zerschmettert wären; 

3. Wenn eine Extremität fast zerstört, die Knochen zersplittert und die 
weichen Theile in einem beträchtlichen Umfange weggerissen wären; 

4. Wenn die Knochen in einem grossen Umfange gleichsam zermalmt und 
die benachbarten Theile bedeutend zerquetscht, die Flechsen und Aponeurosen 
zerrissen wären: 

5. Wenn irgend ein Gelenk gebrochen und die Ligamente desselben zugleich 
bedeutend verletzt wären; 

6. Wenn ein Arterienstamm geöffnet wäre, und man die erfolgende heftige 
Blutung nicht stillen könnte. 

In allen diesen Fällen ist die schleunige Abnahme des verletzten Gliedes das 
einzige bekannte Hülfemittel, weil die Zufälle, die unvermeidlich aus dem Auf- 
schübe der Amputation erfolgen würden, noch viel trauriger sind. 



— 147 — 

letzungen der Extremitäten unvermeidlich sei und unverzüglich er- 
fordert würde. Wunderbar ist, dass Faure, obwohl er in einer ganzen 
Reihe von Fällen für die sofortige Amputation eintritt, von den 
meisten späteren Schriftstellern als ein Feind der Amputation fast bei 
allen Verletzungen der Gliedmassen dargestellt wird. 

Le Conte 1 ), dessen Arbeit 1756 von der Akademie der Be- 
kanntmachung werth, aber nicht des Preises würdig erklärt ward, 
theilte die Fälle ein in solche, wo die Amputation aufgeschoben 
werden muss, weil es zu gefährlich wäre, sie sogleich zu machen, 
und in solche, wo die Amputation aufzuschieben ist, weil dies ohne 
Gefahr geschehen kann. 

Boucher 2 ) bemühte sich bald darauf, die V ortheile der früh- 
zeitigen Amputation festzustellen, und hielt die Zeit unmittelbar nach 
der Verwundung, vor dem Eintritt der Entzündungszufälle für die 
geeignetste. 

Nachdem so längere Zeit hindurch die Ansichten getheilt gewesen 
waren, tritt Larrey 3 ) mit seiner ganzen grossen Erfahrung für die 
primäre Amputation innerhalb der ersten 24 Stunden ein , hebt aber 
ausdrücklich hervor, dass der Verwundete sich erst von dem ersten 
Shock der Verletzung erholen müsse, was bei den einzelnen Verletzungen 
und Individuen verschieden lange dauere. Weitere Indikationen zur 
sofortigen Amputation geben nach ihm ab: langer, beschwerlicher 
Transport, die Gefahr eines langen Aufenthalts in den Spitälern und 
der Umstand, dass der Arzt den Blessirten verlassen muss. 

Für die sekundäre Amputation stellt er als Regel auf, sie nur 
dann vorzunehmen, wenn alle Mühe, welche man für die Erhaltung des 
Gliedes anwandte, gänzlich vergeblich gewesen ist. Ausserdem fordern 
dazu auf: Brand ohne Begrenzung, Konvulsion im blessirten Gliede, 
fehlerhafte Eiterung und schlechte Beschaffenheit des Stumpfes. Seine 
Aufzählung der Fälle, die entweder sogleich oder später die Ampu- 
tation nöthig machen, reicht hin, um zu zeigen, dass Larrey, ob- 
gleich im Allgemeinen von den grossen Wohlthaten dieser Operation 



- 1 ) Memoire par Le Conte. 

2 ) Memoires de l'Academie. Tome VI. 

3 ) Larrey, Denkwürdigkeiten, I, p. 359. sagt: „Zwanzig Jahre unaufhör- 
licher Kriege haben unsere Kunst auf den höchsten Gipfel der Vollkommenheit 
gebracht. Nachdem ich ohne Unterlass seit so langer Zeit als General-Inspektor 
des Gesundheitswesens der Armeen, als erster Wundarzt dirigirt habe, kann ich 
gewiss die damals verschiedenen Meinungen untersuchen und entkräften, um ein 
entscheidendes Urtheil über die grosse Frage zu fällen, die ich für die wichtigste 
in der ganzen Kriegswundarzneikunst halte". 

10* 



— 148 — 

überzeugt, doch keineswegs ein Vertheidiger ihrer zu rücksichtslosen 
Anwendung war 1 ). 

Fast ganz dieselben Ansichten über die Vorzüge der primären 
Amputation haben sich bei den Engländern Hennen, Thomson und 
Guthrie ausgebildet. Guthrie präzisirt den Moment der vorzu- 
nehmenden Operation noch genauer und Mail gefunden haben, dass 
nach Aufhören des Shocks, etwa 4 — 6 Stunden nach der Verletzung, 
dieser Zeitpunkt bezeichnet wird durch das Eintreten von „Schmerzen, 
Steifheit und Schwere" in dem verwundeten Theile. Seine statistischen 
Erhebungen, welche unbedingt zu Gunsten der primären Amputation 
sprechen, bezeichnen das Verhältniss des Verlustes nach der sekun- 
dären zu dem nach der primären Amputation bei solchen der oberen 
Extremität wie 12 zu 1 und der unteren wie 3 zu 1. 

Auch Langenbeck, Graefe, Benedict, Dupuytren und 
Baudens halten, ohne wesentlich neue Gesichtspunkte beizubringen, 
an der Larrey'schen Lehre von der primären und sekundären Am- 
putation fest. — 

Technik der Amputation. 
In Frankreich war die Hauptmethode zur Absetzung grösserer 
Gliedmassen der Zirkelschnitt nach Desault's und Mynor's 
Angaben. Larrey wendet ihn in der Weise an, dass er die 
Haut tiefer als die oberflächliche Muskelschicht, und diese wieder 
tiefer als die innere, am Knochen festhaftende Muskelschicht durch- 
schneidet. Den Schnitt selbst macht er in verschiedenen Absätzen 
und löst, bevor er den Knochen durchsägt, die Beinhaut ab. Die 
Höhle im Stumpf hat dann eine kegelförmige Gestalt. Die Unter- 
bindungsfäden müssen lang genug sein, um der Schwellung des 
Stumpfes nachzugeben. Sind die durchschnittenen Theile gesund, so 
sucht Larrey die Wundränder per primam intentionem mit Hülfe von 
Heftpflasterstreifen, zuweilen auch mittelst der geknüpften Naht zu 
vereinigen; anderenfalls müssen durch eine eingelegte Charpiemesche 2 ) 

!) Ueber die Erfolge, welche Larrey mit seiner primären Amputation zu 
verzeichnen hatte, siehe Denkwürdigkeiten, I, S. 547; II, p. 17. In den Schlachten 
von Esslingen und Wagram und im Feldzuge 1812—1814 nach der Schlacht von 
Witepsk zeigten alle diejenigen, die in den fliegenden Feldlazarethen während der 
ersten 24 Stunden amputirt worden waren, den glücklichsten Erfolg, wogegen alle 
am dritten bis fünften Tage vorgenommenen Amputationen unglücklich abliefen. 

2 ) Meschen oder Dochte (ellechnion, motos ellechniotes) sind eine Abart der 
Bourdonnets. Sie wurden aus feinsten Charpiefäden geformt, welche wie bei den 
Bourdonnets in der Mitte gebunden, umgeschlagen' und noch mit einer zweiten 
Umschlingung zum Ansetzen der Sonde versehen wurden. Das ganze Gebilde er- 



— 149 — 

die Wundränder ein wenig auseinandergehalten werden, um ihr zu 
frühzeitiges Aneinanderwachsen zu verhüten. Mittelst weicher Charpie, 
kreuzweis überlagerter Kompressen und einer massig fest angezogenen 
Zirkelbinde wird der Verband vervollständigt. 

Bei der Oberschenkelamputation macht Larrey zuweilen auch 
den Lappenschnitt, wobei er die unversehrt gebliebenen Theile so 
gut als möglich zu benutzen sucht, selbst auf die Gefahr hin, von 
den Regeln der Schule abweichen zu müssen. Den Unterschenkel 
räth er lieber zu hoch als zu tief zu amputiren. 

Von diesem Verfahren weicht Dupuytren insofern ab, als er die 
gesammten Bedeckungen des Knochens bis auf diesen selbst mit einem 
Zuge durchschneidet und dann die Durchsägung des Knochens soweit 
oben als möglich macht, nachdem er mittelst eines kleinen Messers 
nach Bell's Angaben um den Knochen herum die noch haftenden 
weichen Theile abgetrennt hat. Das eine Ende der Ligaturfäden 
schneidet er ab, um dann die übrigen mit einander vereinigt in einen 
Wundwinkel zu legen. Zum Zurückhalten der Weichtheile bei Durch- 
sägung des Knochens bedient, er sich der gespaltenen Kompressen 
(bandes ä chefs). 

Die Engländer machen den Zirkelschnitt vorzüglich bei dickeren 
fleischigeren Theilen und die Lappenöperation mit Bildung zweier glatter 
halbmondförmiger Lappen allemal da, wo Haut und Muskeln nicht 
hinreichend erspart werden können, um bei dem gewöhnlichen Zirkel- 
schnitt ein gutes Polster für die Knochen zu bilden. 

In Deutschland ist bei der Absetzung der zwei Knochen ent- 
haltenden Extremitäten fast allein die Lappenamputation in Gebrauch 
(Langenbeck, Graefe, Benedict). 

Bei einem Gliede mit einem Knochen befolgt Langenbeck ein 
Verfahren, welches er selbst mit der Scoutetten'schen Methode 
ovalaire (Metz 1827) vergleicht, und bei dem es hauptsächlich darauf 
ankommt, unter Bildung zweier keilförmiger Lappen, die Wunde so 
gut als möglich auszuhöhlen. Der abgesägte Knochen steckt alsdann 
so hoch und so verborgen, dass man ihn suchen muss, und die 
Muskelflächen legen sich so gegeneinander, dass der Stumpf das Aus- 
sehen eines gewölbten Körpers mit einer länglichen Wunde darbietet. 
Bei dem Amputiren in der Kontinuität des Oberschenkels, Oberarms, 
Unterschenkels, Unterarms, wie auch bei der Excision aus dem Hüft- 
und Schultergelenke und der Excisio pedis wählt Langenbeck ein 

scheint viel länger und schmäler, .als der gewöhnliche Zapfenmeissel und wurde 
auch gewöhnlich nur bei sehr engen und tiefen Wunden und Fisteln gebraucht 
(Benedict). 



— 1 50 — 

und dasselbe Messer (s. Taf. III. Fig. 12). Es ist 9 L / 2 Zoll lang, wovon 
± Zoll auf den Stiel und 4 ] /o Zoll auf die Klinge entfallen. Der Stiel 
hat zwei Flächen. Die Klinge ist am breitesten Ende 8 Linien breit. 
Die Schneide ist nahe am Ansätze abgerundet scharf und läuft konvex 
zur Spitze über. Der Rücken ist von der Mitte abgeschrägt. Um 
die Muskeln und die Membrana interossea zwischen zwei Knochen zu 
durchschneiden, nimmt er ein schmales zweischneidiges Messer (Ca- 
teline) und verrichtet die Durchsägung mit der Bogensäge. 

Graefe und Benedict dagegen wenden den Trichterschnitt an. 
indem sie nach gemachtem Hautschnitt die Muskulatur nicht senk- 
recht durchschneiden, sondern in möglichst schräger Richtung das 
Messer, den Rücken gegen den abfallenden Theil des Gliedes gesenkt, 
um den Knochen herumführen und auf diese Weise eine trichter- 
oder kegelförmige, möglichst tief ausgehöhlte Wunde erhalten (vergl. 
Taf. III, Fig. 13). Die Durchsägung des Knochens geschieht alsdann 
möglichst hoch in den Muskeln. 

Statt des üblichen spitz zulaufenden Messers bedient sich Graefe 
eines solchen mit einem bauchigen Blatte (s. Taf. III, Fig. 14, a u. b), 
hinter welchem die Klinge nach dem Hefte hin immer schmäler und 
schmäler wird. Das Blatt muss vom Rücken nach der Schneide hin 
schnell an Stärke abnehmen und sehr dünn gearbeitet sein, damit es 
desto leichter in die Muskelmasse eingesenkt werden kann. Der geradere 
Theil der Schneide wird nur zum Hautschnitt gebraucht und zum 
eigentlichen Muskelschnitt das Blatt selbst. 

Um unter möglichster Herabsetzung der Schmerzempfindung zu 
operiren, giebt Graefe drei Stunden vorher innerlich Mohnsaft und 
äusserlich Lavements, denen er Opium oder Bilsenkrautextrakt beifügt. 

Operirt wird allgemein unter der Anwendung des Tourniquets oder 
der digitalen Kompression der grossen Gefässe. 

Die Exartikulation. 

Die Exartikulationen, seit der ersten wahrscheinlich von Pare 
im Jahre 1536 gemachten Exarticulatio cubiti schon mehrfach geübt, 
kamen zu besonderer Entwickelung durch Larrey, Kern, Textor, 
Malgaigne, Roux und fanden von der Zeit ab namentlich bei den 
Franzosen dieselbe A er breitung wie die Amputation. 

Besonders gross ist das A^erdientt Larrey 's um die Exarti- 
kulation aus dem Hüftgelenk. Nachdem diese zum ersten Male 
im Jahre 1779 von Ken in Northampton mit unglücklichem Aus- 
gange ausgeführt worden war, war Larrey der zweite Wundarzt, der 
die gefährliche Operation wagte und trotz der unglücklich verlau- 



151 — 

fenen 5 ersten Fälle sie in die Militärpraxis einführte und be- 
harrlich zu verbessern suchte. Im russischen Feldzuge gelang es 
ihm, diese Exartikulation zweimal mit glücklichem Erfolge zu voll- 
führen 1 ), einmal an einem russischen Soldaten zu Witepsk, welcher 
noch 35 Tage lebte und an der Ruhr starb, als die Wunde beinahe 
zugeheilt war, das andere Mal an einem Franzosen, welcher 3 Monate 
nachher völlig geheilt auf dem Wege von Witepsk nach Frankreich 
gesehen wurde. 

Die Operation wurde weiterhin auch von Guthrie an einem 
Soldaten ausgeführt, der 20 Tage zuvor durch eine Flintenkugel ver- 
wundet worden war, welche in den grossen Troch anter eingedrungen, 
durch den Hals des Schenkelkopfes gegangen und vorn ungefähr 
4 Zoll unter der Leistengegend herausgekommen war. Obwohl schon 
vor der Operation die Kräfte des Kranken sehr erschöpft, die Wunde 
brandig und Decubitus vorhanden war, endete der Fall mit voll- 
kommener Heilung. 

Die Exartikulation aus dem Schultergelenk wird noch am häufig- 
sten ausgeführt, die verschiedenen Fussexartikulationen kommen seltener 
vor, da weniger Gelegenheit dazu ist. 

Die Frage: Haben die Exartikulation en auch einen wirklichen 
Vorzug vor den Amputationen in der Kontinuität der Gliedmassen, 
kann Dupuytren nicht unbedingt bejahen, obwohl er für manche 
Fälle den unbestreitbaren Vortheil der Exartikulation en anerkennt. 
So hat die Erfahrung seit langer Zeit die Vorzüge der Ablösung der 
Finger in dem Gelenk vor der in der Kontinuität der Phalangen be- 
stätigt, und die Amputation in dem Handgelenk gelingt weit eher and 
schneller als die, welche man weiter oben macht. Ebenso lässt sich 
nicht läugnen, dass die Heilung nach der Exartikulation des Armes 
aus dem Schultergelenk weniger lange ausbleibt und mit weniger ge- 
fährlichen Zufällen verbunden ist, als nach der Amputation des Oberarms 
in seiner Kontinuität, wenn sie auch eine weit grössere Wundfläche als 
diese hinterlässt. Die Exartikulation des Oberschenkels dagegen lässt 
der Erfahrung zufolge viel seltener eine Heilung hoffen als die Am- 
putation des Schenkels in seiner Kontinuität, was ohne Zweifel an 
der Grösse der Wundfläche liegt, welche man bilden muss. 

Technik der Exartikulation. 
Die bei der Exartikulation der einzelnen Glieder in Betracht 
kommenden Methoden unterscheiden sich durch die Bildung mehr oder 



x ) Denkwürdigkeiten, II, S. 17 u. 35. 



— 152 — 

weniger von einander abweichender Lappen (Larrey, Guthrie, 
Hennen, Dupuytren). Larrey unterbindet bei der Oberscbenkel- 
exartikulation vor, Guthrie nach Beendigung der Operation. Für 
den Trichterschnitt bei der Oberarm- und Oberschenkelexartikulation 
tritt Graefe ein und Langen beck macht die Auslösung dieser 
Glieder nach denselben Prinzipien, nach welchen er die Amputation 
in der Kontinuität einer Extremität mit einem Knochen macht. Das 
Verfahren gleicht wie die Amputatio femoris und humeri einer Exstir- 
pation, und die Gefässe werden auch wie dort erst nach der gänz- 
lichen Beendigung der Operation unterbunden. 

Die Gelenkresektion. 

Nachdem im Jahre 1792 von Percy nach dem Vorbilde Mo- 
reau's des Vaters in der Militärpraxis die erste Gelenkresektion und 
zwar im Schultergelenk ausgeführt worden war 1 ), machte 1793 Goercke 
wegen Schussverletzung die erste Ellenbogengelenkresektion. Percy, 
der keine methodische Schnittrichtung verfolgte, sondern sich jedes- 
mal an den Verlauf der Wunde hielt, konnte bereits im Jahre 1795 
dem berühmten Chefarzt des Pariser Invalidenhotels Sabatier 9 von 
ihm in der Schulter resecirte Soldaten vorstellen, denen er einen zwar 
im Schultergelenk steifen, doch sonst funktionsfähigen Arm erhalten 
hatte. Auch 3 Ellenbogengelenkresektionen hatte er bald nach der 
ersten von Goercke ausgeführten mit glücklichem Erfolge gemacht 
(Gurlt, Fischer). Bei Larrey, der die Gelenkverletzungen mög- 
lichst erhaltend zu behandeln suchte, fanden die Resektionen nur sehr 
beschränkte Anwendung und erstreckten sich ausschliesslich auf den 
Oberarmkopf. 

Die Engländer Hennen, Thomson und Guthrie erkennen die 
Vortheile, welche die Operation für die Zukunft gewähren müsse, an, 
sind aber selbst in der Ausführung sehr zurückhaltend. So verrichtete 
Hennen nur eine Resektion im Schultergelenk (Fischer). In ver- 
einzelten weiteren Fällen wurden Gelenkresektionen bei Schussver- 
letzungen ausgeführt von Morel 1815 zu Ohelsea bei London an 
einem bei Waterloo Verwundeten und von Bryce 1827 im griechischen 
Freiheitskriege (Gurlt). 

Die erste Resektion im Hüftgelenk machte Oppenheim 1829 



x ) Das Operationsverfahren ist überhaupt zuerst von White in Manchester 
1768 bei entzündlicher Epiphysenlösung, von James Bent in New-Castle 1771 
wegen Caries des Oberarmkopfes ausgeführt worden (Gurlt). 



— 153 — 

im russisch-türkischen Kriege und nach ihm Seutin 1832 bei der 
Belagerung der Citadelle von Antwerpen. Von Bau den s 1833 — 36 
in Algerien wurde nur 3 mal im Schultergelenk, von Pirogoff 1847 
im Kaukasus 4 mal im Schulter- und 4 mal im Ellenbogengelenk re- 
secirt (Fischer). 

Technik der Resektion. 

Was die Technik anbelangt, so nahm Larrey das Ausschälen 
des Oberarmkopfes auf eine ganz „eigentümliche und neue Art" vor 
(Denkwürdigkeiten I, S. 230): Nach gemachtem Einschnitt durch 
die Mitte des Deltamuskels suchte er das Gelenk zu entblössen, zer- 
schnitt die das Gelenk umgebenden Muskeln und Sehnen, liess den 
gelösten Kopf des Oberarms ans der frischen Wunde des Deltamuskels 
hervortreten , näherte den Arm der Schulter und befestigte ihn dort 
mit schicklichen Bandagen. Der gebrochene Knochen musste sich ab- 
blättern. Sobald dies geschehen war, verband er den Oberarmknochen 
wieder mit der verwischten und angefüllten Gelenkhöhle und liess 
beide mit einander verwachsen. Als bemerkenswerth erwähnt Larrey 
zwei auf diese Weise operirte Fälle (Denkwürdigkeiten I, S. 236), 
bei denen sich statt der erwarteten Ankylose eine Art von neuem 
Gelenk gebildet hatte, das leichte Bewegungen jeder Art zuliess; 
jedoch behielten diese beide Soldaten in Hand und Vorderarm weniger 
Kraft als die Kameraden, bei denen es zur Ankylosirung des Gelenks 
gekommen war. 

Von den anderen Autoren wird allgemein die Aussägung der 
betreffenden Gelenkenden vorgenommen und bei Anlegung der Haut- 
schnitte darauf geachtet, dass noch immer die Amputation oder Ex- 
artikulation , wenn sie erforderlich sein sollte, mit Vortheil gemacht 
werden könne. Eingehendere Besprechungen dieser Operation finden 
sich bei Guthrie und C. M. Langenbeck. 



Litteratur. 

(Siehe auch die im Text angeführten Werke.) 

M. Quesnay, Traite de la Gangrene a Paris MDCCXLIX. 
Mursinna, Neue medicinisch-chirurgische Beobachtungen. Berlin 1796. 
Lombard, Chirurgische Klinik in Bezug auf die Wunden. 1800. 
J. Mehee, Abhandlung über Schusswunden. Uebersetzt von Wiedemann. 1801. 
J. D. Larrey, Relations historiques et chirurgicales de l'expedition de l'armee 
en Egypte. 1803. 



— 154 — 

Mursinna. Die Geschichte der Chirurgie, insbesondere der Militärchirurgie vom 
Anfang des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Rede. 1804. 

Sprengel, Geschichte der Chirurgie. Halle 1805. 2 Bände. 

Dufouart, Theorie der Schusswunden. Uebersetzt von Kortum. 1806. 

Abernethy, Medicinisch-chirurgische Beobachtungen. Uebersetzt von Meckel. 
Halle 1809. 

V. v. Kern. Anleitung für Wundärzte zur Einführung einer einfachen, natür- 
lichen und minder kostspieligen Methode, die Verwundeten zu heilen. 
Uebersetzt von Seh aal. 1810. 

Mursinna, Ueber alte und neue Chirurgie. 1811. 

C. F. von Graefe, Nonnen für die Ablösung grösserer Gliedmassen nach Er- 
fahrungsgrundsätzen entworfen. Berlin 1812. 

J. D. Larrey. Medicinisch-chirurgische Denkwürdigkeiten aus seinen Feldzügen. 
1813. 

Benedict, Einige Worte über die Amputation in den Kriegsspitälern. Ein Send- 
schreiben an Dr. Graefe. 1814. 

J. Hennen, Bemerkungen über einige wichtige Gegenstände aus der Feldwund- 
arznei. Uebersetzt von Sprengel. 1820. 

J. Thomson, Beobachtungen aus den britischen Militärhospitälern in Belgien 
nach der Schlacht bei Waterloo. Uebersetzt von Bueck. Halle 1820. 

G. J. Guthrie, Ueber Schusswunden in den Extremitäten und die dadurch be- 
dingten, verschiedenen Operationen der Amputation. Uebersetzt von 
Spangenberg. 1821. 

Amnion, Parallele zwischen französischer und deutscher Chirurgie. 1823. 

Bernstein, Geschichte der Chirurgie. 1823. 

C. M. Langenbeck, Nosologie und Therapie der chirurgischen Krankheiten. 
1825. 

Benedict, Kritische Darstellung der Lehre von den Verbänden und Werkzeugen 
der Wundärzte. Leipzig 1827. 

V. von Kern, Abhandlung über die Verletzungen am Kopfe und die Durch- 
bohrung der Hirnschale. Wien 1829. 

Dance und Arnott. Ueber Venenentzündung und deren Folgen. Aus dem Fran- 
zösischen und Englischen von Himly. 1830. 

J. D. Larrey, Chirurgische Klinik oder Ergebnisse der von ihm, vorzüglich im 
Felde und in den Militärlazarethen seit 1792 bis 1829 gesammelten wund- 
ärztlichen Erfahrungen. Uebersetzt von Sachs. 1831. 

Dupuytren' s klinisch-chirurgische Vorträge. Deutsch von Bech und Leon- 
hardi. 1834. 

Rust, Aufsätze und Abhandlungen. 1836. 

Velpeau, Ueber die Anwendung der Trepanation bei Kopfverletzungen. Aus 
dem Französischen von Schwalbe. Weimar 1836. 

Dupuytren, Die Verletzungen durch Kriegswaffen, unter Mitwirkung von 
C. F. von Graefe, aus dem Französischen bearbeitet von Kalis eh. 
Berlin 1836. 

Baudens, Clinicpie des plaies d'armes a feu. Paris 1836. 

J. Dieffenbach, Die operative Chirurgie. Leipzig 1845. 

Wierrer, Neuste Vorträge der Professoren zu Paris über Schusswunden. Sulz- 
bach 1849. 



— 155 — 

Th. Billroth, Historische Studien über die Beurtheilung und Behandlung der 
Schusswunden vom 15. Jahrhundert bis auf die neueste Zeit. Berlin 1859. 

H. Demme, Specielle Chirurgie der Schusswunden nach Erfahrungen in den 
norditalienischen Hospitälern von 1859. Würzburg 1861. 

Gurlt, Die Kriegschirurgie der letzten 150 Jahre in Preussen. Stiftungsfest- 
rede 1875. 

Haeser, Grundriss der Geschichte der Medizin. 

Fischer, Lehrbuch der Kriegschirurgie. 

Rohlfs, Die chirurgischen Klassiker Deutschlands. 

A. Köhler, Historisches über Einheilen und Wandern von Gewehrkugeln. 1892. 

A. Köhler, Weitere Beiträge zur Geschichte des Schiesspulvers und der Geschütze. 
Festschrift 1895. 



C. Militär -Sanitäts -Wesen. 



Organisation und Feldlazauethwesen. 

Der Nachfolger des grossen Königs Friedrich IL, der König 
Friedrich Wilhelm IL (1786 — 1797) war es, der das Lazarethwesen 
seines Heeres zuerst einer Reorganisation unterwarf. Dem Monarchen, 
welcher als Kronprinz an dem bayerischen Erbfolge-Kriege persönlich 
Theil genommen hatte, war der schlechte Zustand der Feld-Lazareth- 
Anstalten und die in diesem Kriege besonders hervorgetretenen Mängel 
ihrer inneren Verfassung nicht entgangen. Es entsprach dem Charakter 
und der Gemüthsrichtung des Königs, in diesem Fache vieles zur Ab- 
hülfe des Elends seiner erkrankten und verwundeten Soldaten zu 
schaffen. 

Aus diesem Bestreben heraus vollzog er selbst die allerdings 
schon von seinem Vorgänger Friedrich dem Grossen angeregte und 
vorbereitete erste, alle Theile des Feldlazarethwesens umfassende In- 
struktion, „das Königlich Preussische Feldlazareth- Reglement vom 
16. September 1787", nach dessen Erscheinen alle bisher ergangenen 
Lazareth-Verordnungen aufgehoben wurden. Das z. Th. auf den Vor- 
schlägen des Dr. Fritze 1 ) basirende Reglement zerfällt in zwei Ab- 
theilungen. Die erste handelt von den Haupteigenschaften, Pflichten 
und Verhältnissen sämmtlicher bei den Lazarethen angestellter Offi- 
ziere, Aerzte und Beamten und die zweite Abtheilung von der An- 
legung, inneren Einrichtung und Besorgung der Feldlazarethe. 

Die obere Leitung der Feld-Lazareth-Anstalten war hiernach einem Stabs- 
offizier als Lazareth-Oelconomie-Direktor, einem General- und Oberstabs-Medikus 
und dem ersten und zweiten General-Chirurgus übertragen, welche zusammen 
unter der Benennung „Haupt-Feld-Lazareth-Direktion" ein Collegium bildeten, in 
welchem alle auf das Heil- und Lazarethwesen bezüglichen Angelegenheiten ge- 



L ) Yergl. die Einleitung. 



— 157 — 

meinschaftlich berathen und beschlossen werden sollten. Obgleich dem Lazareth- 
Direktor hauptsächlich die Leitung der ökonomischen und polizeilichen Angelegen- 
heiten und die Anstellung und Beaufsichtigung des Militär- und Oekonomie-Per- 
sonals oblag, der General-Stabs-Medikus dieMedizinal-Angelegenheiten einschliess- 
lich der Feldapotheke und dieAnstellung des medizinischen und pharmazeutischen 
Personals zu besorgen, der General-Chirurgus hingegen den chirurgischen Theil 
der Krankenpflege zu leiten hatte, so sollte doch keines der einzelnen Mitglieder 
dieses Collegiums selbständig handeln, sondern die Befehle und Anordnungen, 
insofern sie auf das Ganze Bezug hatten, mussten mit Uebereinstimmung sämmt- 
1 ich er Mitglieder in täglichen oder ausserordentlichen Konferenzen gegeben werden, 
in welchen auch die Meldungen der übrigen Aerzte, Wundärzte, Apotheker und 
Inspektoren entgegengenommen und erledigt wurden. 

Analog der Hauptfeldlazareth-Direktion war auch die dieser unterstellte Di- 
rektion der ' detachirten Feldlazarctho zusammengesetzt. Hier übernahmen die ärzt- 
liche Leitung Stabsmedici, deren Zahl im Mobilmachungsfall auf 4, oder Feld- 
ärzte, deren Zahl auf 18 festgesetzt worden war. Wo diese nicht ausreichten, 
sollten die geschicktesten Stabspensionäie und Oberwundärzte, im Nothfall auch 
Civilärzte die innere Behandlung der Kranken mit übernehmen. Gewöhnlich 
rechnete man auf 300 Kranke 1 Feldarzt und 6 bis 8 Unterwundärzte. Die Unter- 
suchung der Kranken fand täglich zweimal statt, Journale und Rapporte wurden 
nach genauer Vorschrift abgefasst. 

Die Feldärzte hatten indess nur die innerlichen Krankheiten zu behandeln, 
die damals von den äusserlichen noch streng geschieden wurden. Es war daher 
gegebenenfalls der Feldmedikus verpflichtet, einen Stabs- oder Oberwundarzt zu- 
zuziehen, oder umgekehrt. Die etatsmässige Zahl der Stabswundärzte war auf 30, 
die der Oberwundärzte auf 40 (estgesetzt. Die Geschäfte und Verpflichtungen dieser 
oberen Wundärzte waren denen der Feldärzte analog. An Unterwundärzten waren 
für die ganze Armee 600 vorgesehen. 

Das pharmazeutische Personal bei der Armee sollte aus 2 Oberfeldapothe- 
kern, 4 Provisoren oder Reise-Feldapothekern, 40 Unterapothekern und 40 Hand- 
arbeitern bestehen. Die Ober- und Reise-Feldapotheker sollten schon in Friedenszeiten 
gewählt und angenommen werden, während die Annahme des Unterpersonals im Be- 
darfs falle von dem ersten Feldarzt auf Vorschlag der Oberfeldapotheker geschah. 

Jedem Oekonomie-Direktor waren zur besseren Ausführung seiner Geschäfte 
drei Lazareth-Leutnants als Adjutanten beigegeben, welche aber, ausser von 
dem Oekonomie-Direktor, auch noch von dem Hauptfeldlazareth-Direktqrium Befehle 
anzunehmen hatten. Diesen Lazareth-Leutnants, auch Oberinspektoren genannt, 
waren untergeordnet die Lazareth-lnspektoren , welche aus halbinvaliden Feld- 
webeln oder Wachtmeistern gewählt wurden, und deren Zahl auf 24 angenommen 
war. Mit 3 oder 4 diesen wiederum unterstellten Aufsehern sollten sie 800, auch 
wohl 1000 Kranke und Verwundete besorgen können. 

Zudem niederen Lazarethpersonal gehörten schliesslich noch Krankenwärter, 
auf 100 innerlich Kranke 5, auf 100 äusserlich Kranke 10 gerechnet, Köchinnen 
und Waschweiber. Auch Kassenbeamte und Lazarethprediger waren vorgesehen. 

Die zweite A btheil ung des Reglements handelt zunächst von den stehen- 
den, schliesslich von den beweglichen Feldlazarethen. Zur Einrichtung der 
ersteren sollten möglichst isolirte Gebäudegewählt, davon die oberen Stockwerke den 
unteren vorgezogen und die Fenster mit Ventilatoren nach einer von dem General- 
chirurgen Theden erfundenen Methode versehen werden. Die Eintheilung und 



— 158 — 

gesonderte Unterbringung" von inneren und äusseren Kranken sollte möglichst 
streng durchgeführt werden. 

Bettstellen waren mir für die Schwerverwundeten, für die übrigen hingegen 
gewöhnliche Lagerstätten bestimmt. Diese bestanden aus einem Strohsack zum 
Unterbett, einem anderen zum Kopfkissen. 2 Bettlaken und einer Friesdecke. 
Diese Lager sollten auf Bretter gelegt werden, die unten und oben auf Mauersteinen 
ruhten. Für jedes Lager war ein Raum von 6 bis 8 Quadratfuss vorgesehen. An- 
statt der gewöhnlichen Nachtstühle und Abtritte sollten feste, wohleingerichtete, 
4 Fuss lange und l 1 /^ Fuss breite Kasten, auf welchen 2 Personen sitzen könnten, 
verfertigt, oben mit 2 Deckeln und seitwärts mit 4 Handhaben versehen und zwei- 
mal täglich, Morgens und Abends entleert werden. Von den übrigen Utensilien, 
als Leuchter, Lichtputzer, Kohlenpfannen, Töpfen, Dreifüssen, Nachtlampen, 
Klystirspritzen, Steckbecken, Waschfässer u. s. w. war für den Bedarf von je 
30 Kranken eine Normalzahl festgesetzt worden. Der Bestand an Bandagen sollte 
immer auf 30000 Mann eingerichtet sein, weil angenommen wurde, dass nach der 
Schlacht jeder zweite oder dritte Verband verloren gehen werde. Jeder Soldat sollte 
bei Beginn des Krieges mit 1 / i Pfund Charpie und 2 Binden ausgerüstet werden. 

Für den Krankentransport waren besondere Vorsichtsmassregeln erlassen. 
Als Transportmittel stand der Regiments-Krankenwagen, welcher für 8 Mann ein- 
gerichtet war, zur Verfügung. 

Der tägliche Verpflegungssatz bestand für jeden Kranken aus V-j^ Pfund 
Brot und l / Pfund Fleisch (Rind, Hammel, Kalb). Des Weiteren war für Gemüse, 
Obst und Milch gesorgt. DasWasser sollte als allgemeines Getränk in allen Feld- 
lazarethen. und daher immer in frischer und reiner Qualität vorräthig sein. Die 
Anwendung des Weines als Stärkungsmittel, sowie in gewissen Fällen des Bieres 
war erlaubt. Hingegen sollte Branntwein nur au starke Trinker verabreicht werden. 
Die Darreichung von Kaffee, Milch und Tabak war unter gewissen Beschränkungen 
ebenfalls gestattet. 

Die Rekonvalescenten wurden in besonderen Räumlichkeiten unter- 
gebracht. L'ebei die Todten, deren Begräbniss aus eigenen Mitteln oder aus 
der Oekonomiekasse bestritten werden sollte, wurden besondere Register geführt 
und auf Grund dieser alsdann die Todtenscheine ausgestellt. 

Das bewegliche Feldlazareth endlich sollte die Armee begleiten und von 
dieser die Kranken und Verwundeten nur so lange aufnehmen, bis sie zu einem 
stehenden gebracht werden könnten. Den Ort zur Etablirung dieses Feldlazarette 
sollte jederzeit der Oberbefehlshaber der Armee bestimmen. Der Generalchirurgus 
hatte, als Mitglied der Hauptfeldlazareth-Direktion. die ganz besondere Aufsicht 
über das bewegliche Feldlazareth zu führen: ausser ihm sollte das Personal noch 
aus 1 Reise-Feldarzte, 6 Stabswundärzten, den deutschen oder französischen 
Pensionärwundärzten, 6 Oberwundärzten, 80 Unterwundärzten, Apotheker, Laza- 
rethleutnant, Inspektoren, Aufsehern, Krankenwärtern u. s. w. bestehen. 

An Material führte das bewegliche Feldlazareth mit sich eine grosse sechs- 
spännige Feldapotheke, ferner eine kleinere für ein detachirtes Korps, zwei vier- 
spännige Wagen mit Bandagen, Charpie und chirurgischen Gerätschaften, einen 
Wagen mit Decken, einen Wagen mit Victualien, desgl. mit Koch-, Küchen- und 
Speisegeschirren, Geräthschaften der Aerzte etc. 

Schwer Kranke und Verwundete sollten solange als möglich zurückbehalten 
werden, die Abzusendenden aber nach äusserlich und innerlich Kranken, Kom- 
pagnien, Regimentern u. s. w. getrennt, auf Stroh und Decken möglichst schonend 



— 159 — 

transportirt werden. Hierzu sollten in der Regel die zurückgehenden Mehl- und 
Proviantwagen, welche bei feuchter Witterung mit einem künstlichen Dache, bei 
grosser Hitze mit grünen Zweigen bedeckt wurden, benutzt werden. Die höheren 
Offiziere sollten, wenn sie schwer verwundet waren, in Feldbetten oder in einem 
„besonderen Tragezeuge", welches nach Beschaffenheit der Wege durch Riemen 
erhöht und erniedrigt werden konnte, durch Hülfe der Pferde getragen werden. 
Die Transporte sollte nmöglichst nicht in zu grosser Anzahl geschehen; einen 
solchen von 4 — 500 Mann begleiteten 1 Stabswundarzt, 2 Oberwundärzte und 
20 Unterwundärzte. Die Vertheilung der Kranken erfolgte alsdann auf die stehenden 
Lazarethe. — 

Es ist nicht zu läugnen, dass durch die Einführung dieses Regle- 
ments wenigstens Etwas geschehen und die gröbsten Mängel der bis- 
herigen Feldlazarethanstalten, so viel sich dies nach dem Geiste jener 
Zeit hatte thun lassen, beseitigt worden waren. Das Reglement, das 
natürlich nur nach den Erfahrungen seiner Zeit zusammengestellt 
und auf die bisherige Art des Kriegführens berechnet sein konnte, 
würde daher wohl genügt haben, wenn nicht zwei Haupthindernisse 
dem entgegengetreten wären. Zunächst war dies die Unzulänglich- 
keit und mit wenigen Ausnahmen die grobe Unwissenheit des ärzt- 
lichen Personals, welches der Ansicht war, dass ihr Wirken mehr 
in der Ausübung eines gewöhnlichen Handwerks, als in einer wissen- 
schaftlichen Thätigkeit bestehe; dazu kam noch die gänzliche Nicht- 
achtung des militärärztlichen Standes. Gerade dieser letzte Uebel- 
stand machte sich um so mehr bemerkbar, als es nothwendig war, 
bei ausbrechendem Kriege auf das civilärztliche Personal zurückzu- 
greifen, da die permanenten Militärchirurgen der Regimenter bei 
Weitem nicht ausreichten, um den Etat der Feldlazarethe nach Mass- 
gabe des Reglements zu decken. Die Civilärzte aber mussten sich von 
einer derartigen Stellung möglichst zurückziehen, da, abgesehen von 
der unwürdigen Behandlung, auch die Besoldung zu gering war und die 
spätere Versorgung so gut wie ganz fehlte. Es gaben sich vielmehr 
nur solche Personen her, die in der civilärztlichen oder civilchirurgi- 
schen Laufbahn eine günstigere Stellung nicht hatten erreichen können, 
mithin die eigentliche Hefe und der Bodensatz des ärztlichen und 
wundärztlichen Personals waren, und man musste sich daher mit dem 
zufrieden geben, was das Ungefähr aus den Barbierstuben der Bader 
zuführte. Diese unglücklichen Verhältnisse, vermöge deren jeder 
Fähige von einer derartigen Anstellung zurückgeschreckt wurde, hatten 
nicht wenig daran Schuld, dass die ganze Klasse der Militärärzte im 
höchsten Grade als untauglich verschrieen war, und somit auch selbst 
der einzelne Fähige sich in seinem Verhältnisse gedrückt fühlen und 
sich baldmöglichst in eine andere gesellschaftlich und pekuniär besser 



— 160 — 

gestellte Lage zu versetzen nach Kräften bemüht sein musste 1 ). Das 
zweite Hinderniss, welches einem segensreichen Wirken des Feld- 
lazarethregleinents entgegentrat, war der Umstand, dass in der Art 
der Kriegführung nach und nach bedeutende Veränderungen vor sich 
gingen. Die Kriegskunst gewann einen anderen Standpunkt, und statt 
der abgemessenen Bedächtigkeit, womit bisher die Kriege geführt 
wurden, statt der regelmässigen Beziehung von Winterquartieren und 
der beschränkten Heeresmassen trat, durch die französische Revolution 
hervorgerufen, eine ganz neue einfache Taktik auf, welche alle bisherigen 
Systeme über den Haufen warf und in ihrer jugendlichen Kraft und 
Beweglichkeit keine Schranken der Jahreszeit, des Klimas und sonsti- 
ger bisheriger Hindernisse kannte. Für diese neuen A'erhältnisse 
reichte dalier das preussische Feldlazarethreglement vom Jahre 1787 
bei weitem nicht aus. es war zu beschränkt und dürftig. Gross waren 
die Schwierigkeiten, die sich unter diesen neuen Verhältnissen bei der 
Mobilmachung und Einrichtung der Feldlazarethe in der Rhein-Kam- 
pagne im Jahre 1792 und den folgenden Jahren auch dem redlichsten 
AVillen entgegenstellen mussten. Nicht nur, dass die schwerfälligen 
Feldlazarethe zur Versorgung der Verwundeten keineswegs genügten: 
es brachen auch noch Krankheiten aus. und Tausende wurden ein Opfer 
der mangelhaften Priese, so dass der alte Erfahrungssatz wieder be- 
stätigt wurde, dass die Verluste in Folge schlechter Lazarethanstalten 
viel grösser werden können, als die durch. Geschoss und "Waffen bei- 
gebrachten. 

In dieser Verlegenheit nahm Goercke die Angelegenheit allein 
in die Hand. Zunächst suchte er in Coblenz ein Hauptlazareth zu 
errichten, das er dann auf Befehl des Herzogs von Braunschweig, als 
des komm an dir enden Generals, dem Heere nachführte. Nur unter 
Beseitigung sehr erschwerender Umstände gelang es ferner, in Trier 
und Luxemburg Feldlazarethe auzulegen; in Longwy und Verdun 
waren diese Schwierigkeiten noch grösser. 

Goercke aber war überall, bald im Lazareth, bald auf dem 
Schlachtfelde, und je grösser die Schwierigkeiten waren, die sich ihm 
entgegenstellten, desto grösser wurde seine Kraft, sie zu besiegen. 
So gelang es ihm. den damaligen Kronprinzen und die Generalität 
von der grossen Unzulänglichkeit und mangelhaften Verfassung der 
bisherigen Lazarethanstalten zu überzeugen, und mit Allerhöchster 
Genehmigung schuf er beim Rückzug aus der Champagne ein wan- 



*) Vergl. die Aeusserungen von Voitus, Tscheggey und anderen Militär- 
ärzten jener Zeit im I. Theil. 



— 161 — 

deindes Lazareth (Feldlazareth-Ambulant) für 1000 Verwundete und 
Kranke, das der Armee wirklich zu folgen im Stande war. 

Am 16. Februar 1793 erhielt er in Frankfurt a. M. dazu die 
Genehmigung und die zur Mobilmachung erforderlichen Geldmittel. 
Das Personal wurde aus der Nähe und Ferne herangezogen, und in 
6 Wochen war alles fertig. Der Nutzen dieser Anstalt trat bald zu 
Tage und Goercke, dessen Name fortan mit der Geschichte der 
Ausbildung des preussischen Militärmedizinalwesens innig verflochten 
ist, wurde durch solche Leistungen der Mann des Tages; von Allen 
verehrt und mit reichen Erfahrungen ausgestattet, kehrte er nach dem 
Baseler Frieden am 10. Juni 1795 nach Berlin zurück. 

Auch auf der Seite der Franzosen war man in der Organisation der Feld- 
lazarethanstalten nicht unthätig gewesen. Hier war es Larrey, der als Chirurg, 
aide-major den Rheinfeldzug mitmachte und auf französischer Seite der Schöpfer 
der Ambulances volantes wurde. Er schreibt darüber in seinen Denkwürdigkeiten: 
„Jetzt (Pvheinkampagne 1792) sah ich zum ersten Male die grossen Nachtheile, die 
mit der Einrichtung und Marschdirektion unserer Lazareth e verbunden waren. Dem 
Reglement zufolge sollten sie sich eine Stunde hinter der Armee befinden. Die 
Verwundeten blieben nun auf dem Kampfplatz bis zum Ende des Gefechts. Dann 
trug man sie an einem schicklichen Ort zusammen, auf welchem sich die Kranken- 
wagen so schnell als möglich einfanden. Das viele Fuhrwesen aber, das oft 
zwischen ihnen und der Armee war, und andere Hindernisse verzögerten meist 
ihre Ankunft bis auf 24 bis 30 Stunden und noch länger, so dass die meisten 
Blessirten aus Mangel an Hülfe umkamen. 

Dies brachte mich auf die Idee, ein „fliegendes Feld lazareth" zuorgani- 
siren, das gleich auf dem Schlachtfelde selbst Hülfe zu leisten im Stande war: aber 
freilich konnte ich meinen Plan erst einige Zeit nachher durchsetzen. Anfangs 
glaubte ich dies durch Pferde zu bewerkstelligen, die auf Saumsätteln oder in 
Körben die Verwundeten wegbringen könnten. Die Erfahrung belehrte mich aber 
bald von der Unzulänglichkeit und von dem Unzweckmässigen dieser Einrichtung. 
Ich konstruirte nun die in der Schwebe hängenden "Wagen, die Sicherheit, Leich- 
tigkeit und Schnelligkeit vereinigen. In der Kampagne 1797 kamen sie zu dem 
gegenwartigen Grad der Vollkommenheit." 

Ueber seinen Entwurf des fliegenden Lazarethwesens berichtet Larrey 
Folgendes: „Das ganze Personal bestand aus 340 Individuen und zerfiel in 3 Di- 
visionen. Jede Division hatte 1 Oberwundarzt, 2 Oberhülfschirurgen und 12 Unter- 
hülfschirurgen, wovon 2 zugleich Apotheker waren, 1 Leutnant, der das Oeko- 
nomische des Lazareths besorgte, 1 Unterleutnant, für gleichen Zweck bestimmt, 
1 Quartiermeister, 2 Brigadiers, 1 Trompeter, der die Instrumente bei sich führte, 
12 Krankenwärter zu Pferde, worunter je 1 Schmied, Böttcher und Sattler waren, 
1 Sergeant, 2 Fouriere, 3 Unteroffiziere, 1 Tambour, zugleich Lehrling der 
Chirurgie, 25 Krankenwärter zu Fuss, 12 leichte und 4 schwere Wagen, wobei 
1 Ober- und 1 Unterquartiermeister, 2 Brigadiers, 1 Trompeter und 20 Train- 
soldaten angestellt waren. 

Die Kleidung der Wundärzte war wie bei denen der Armee. In einer kleinen 
schwarzen Marocpuintasche hatten sie die nöthigsten Instrumente und einige- 



Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Heft. 



11 



— 162 — 

Arzneimittel, um sogleicn auf dem Schlachtfelde Hülfe leisten zu können. Die 
Krankenwärter hatten einen rothen wollenen Gürtel um den Leib, um im Noth- 
fall damit den Transport der Blessirten bewirken zu können; jeder zu Pferde 
führte in einer schwarzen ledernen Tasche ein oder zwei Schüsseln, einen eiser- 
nen verzinnten Becher und den notwendigsten Apparat zum Verband eines 
Pferdes bei sich. Die Krankenwärter zu Puss führten in einem ledernen Sacke, 
der mehrere Abtheilungen hatte, Verbandstücke bei sich, um den Wundärzten im 
Nothfall aushelfen zu können." — 

Verfolgen wir nach dieser kurzen Abschweifung die Weiter- 
entwickelung des preussischen Militärmedizinalwesens, so müssen wir 
leider feststellen, dass mit Beendigung des Krieges 1795 die Thätig- 
keit zur weiteren Vervollkommnung des Feldlazarethwesens gänzlich 
aufhörte. Man fühlte sich noch nicht bewogen, neue dem Bedürfnisse 
der .Zeit entsprechende Anstalten zu schaffen. Das mit Mühe ge- 
sammelte, wenigstens praktisch geübte und dienstgewandte Personal 
sollte sich nun in alle Winde zerstreuen wie sonst und bei einem 
künftigen Kriege die alte Noth sich erneuern. Da durchdrang den 
damaligen General-Chirnrgus Goercke die Idee zur Gründung einer 
Anstalt, wie sie ähnlich seit 1781 in Oesterreich (Josephs-Akademie) 
und in Frankreich schon früher seit 1731 (Academie de Chirurgie) 
bestanden 1 ), einer Anstalt, welche der Armee wenigstens einen Stamm 
nicht nur wissenschaftlich gebildeter und im Kranken- und Lazareth- 
dienst geübter, sondern auch an militärische Ordnung und Erfüllung 
der Dienstpflicht gewöhnter Chirurgen ebenso sichern sollte, wie durch 
die Kadettenhäuser für die Armee gesorgt war 2 ). 

Es erfolgte am 2. August 1795 die Gründung der „chirurgischen 
Pepiniere". Das Personal war zunächst nur klein und bestand aus 
3 Stabs-, 4 Ober- und 50 Lazarethchirurgen. In wenigen Jahren 
vermehrte sich die Zahl jedoch schon auf 90. 

Als am 16. November 1797 König Friedrich Wilhelm III. zur 
Regierung gelangte, war es eine seiner ersten Regierungshandkmgen, 
den Geist zu bezeichnen, nach welchem er wünschte, dass das Me- 
dizinalwesen der Armee in Zukunft geleitet werden sollte. Der in- 
zwischen ebenfalls erfolgte Tod des General-Chirurgus Theden, 
welcher dem Militär-Medizinalwesen bis dahin vorgestanden hatte, 
machte die Wahl eines anderen Vorgesetzten nöthig, und diese fiel 
auf den General-Chirurgus Goercke. Die entsprechende Allerhöchste 
Kabinetsordre, welche der König unter dem 22. November 1797, also 
am 4. Tage seiner Regierung, an den General-Chirurgus Goercke 



!) Vergl. Theill, S. 13. 

2 ) Vergl. unter D, Lebensbeschreibung Goercke' s. 



— 163 — 

erliess, spricht die innigste Theilnahme an dein Schicksal und der 
Pflege des kranken Soldaten aus und bezeichnet auf eine wahrhaft 
erhebende Weise die Hauptbedürfnisse der damaligen Militär-Medizinal- 
Anstalten. (Näheres siehe unter D. Lebensbeschreibung Goercke's.) 

Zur Verbesserung der Feld-Lazarethanstalten aber geschah bis 
zu den unglücklichen Jahren 1806 — 7 Nichts. Das Feld-Lazareth- 
Reglement von 1787 blieb noch unverändert in Kraft, und eine am 
28. November 1805 herausgegebene Instruktion bezog sich nur auf 
die Feststellung des Personals. Die Pepiniere selbst war, zu so 
günstigen Hoffnungen für die Erlangung eines tüchtigen militärärzt- 
lichen Personals sie auch berechtigte, doch noch zu neu, als dass 
sie schon jetzt eine grosse Wirkung hätte entfalten können. Und 
trotzdem hatte sie bei dem schnellen Ausmarsche ein verhältniss- 
mässig grosses Personal zum Felcllazareth geliefert, nämlich 2 Ober- 
stabschirurgen, 16 Stabschirurgen incl. Pensionären, 20 Ober- und 
42 Unterchirurgen. 

Die verhängnissvollen Jahre 1806 und 1807 waren auch für 
die Anstalt Jahre der Prüfung. Hier erwarb sich die Organisation 
des Instituts des Feindes Achtung, so dass selbst Napoleons Auge 
durch seine höheren Medizinalbeamten darauf gelenkt wurde. 

Bei der Armee in Sachsen machte Mursinn a, der als General- 
Chirurgus zur Hauptarmee des Königs kommandirt war und unter 
dem Befehle des Herzogs von Bra.unschweig stand, durch seine Thätig- 
keit Vieles gut und schuf Lazarethe in Magdeburg, Halle u. s. w. Im 
Uebrigen geht aber aus seinen Berichten hervor, dass es oft an dem 
Nöthigsten gefehlt hat, und bei dem Regimentsarzt Dr. Baltz (Er- 
innerungen zur rechten Zeit. Berlin 1847) kann man lesen, dass in 
der Schlacht bei Jena am 14. Oktober 1806 den ganzen Tag hin- 
durch kein preussisches Feldlazareth zu sehen war. Während die 
Leichtverwundeten zurückeilten, fielen die Schwerverwundeten in die 
Hände der Franzosen. 

Wie die Verhältnisse auf Seiten der Franzosen lagen, schildert Larrey in 
seinen Denkwürdigkeiten: „Die Schlacht bei Jena gab eine Menge Blessirte. Die 
meisten Schweren konnten aber erst einige Zeit nachher verbunden werden, weil 
noch das Lazareth grösstenteils zurück war und eine Menge Wundärzte an den 
Leichtblessirten, die noch marschiren konnten, gänzlich während des ersten Tages 
beschäftigt wurden. Die beste Methode, der Unannehmlichkeit auszuweichen, die 
Schwerblessirten zu versäumen, ist daher immer, das fliegende Lazareth so nahe 
als möglich hinter die Schlachtlinie zu verlegen und ein Hauptdepot für alle zu 
errichten, welche mehr oder weniger künstliche Operationen erfordern, die dann 
vom Oberwundarzt oder durch geschickte Wundärzte unter seinen Augen gemacht 
werden. Ohne Rücksicht auf Rang und Stand fängt man dann mit den Schwersten 

11* 



— 164 — 

an. Die Leichten können warten oder auch wohl ins Hospital der ersten oder 
zweiten Linie gebracht werden, besonders aber der Offizier, der gewöhnlich nicht 
wegen eines Transportmittels in Verlegenheit ist." (Larrey giebt hier in breiter 
und ausführlicher Y\"eise allerhand Rathschläge, von einer wirklichen Thätigkeit 
der Atnbulances volantes berichtet er jedoch nichts. Die erste Hülfe scheint also 
auch auf französischer Seite versagt zu haben.) 

Auf dem Marsche des Bruch ersehen Armeekorps nach Lübeck 

im November 1806 war anch kein Feldlazareth zu sehen. 

Nach der Schlacht bei Eylau am 8. Februar 1807 wurden unter 
allgemeiner Verworrenheit alle verwundeten Preussen, Franzosen und 
Russen nach Königsberg geschafft, ihre Anzahl häufte sich am 3. Tage 
auf 18 000 Mann und darüber an. Auch hier wurden wiederum 
Goercke und neben ihm Aoeltzke bei schlechten Lazarethanstalten 
und sorglosen Vorkehrungen durch ihre organisatorische Thätigkeit 
Lebensretter von Tausenden und brachten Hülfe, wo sie kaum mög- 
lich schien, und alle Anderen den Kopf verloren hatten. — 

Hatte somit die Zeit seit dem Inkrafttreten des Feldiazaretk- 
Reglements vom Jahre 1787 bis zum Jahre 1807 nur dazu gedient, 
die Mängel der bisherigen Einrichtungen an das Tageslicht zu fördern 
und eine Reorganisation des Ganzen langsam anzubahnen, so erfolgte 
eine solche bei der vaterländischen Armee nach dem Tilsiter Frieden 
1807. Damit trat das alte Feldlazareth -Reglement wenn auch nicht 
de jure, so doch de facto ausser Kraft, und ohne dass eine förm- 
liche Aufhebung erfolgte, schien es sich von selbst zu \ erstehen. 
dass von einer Anwendung jenes Lazarethgesetzes, als zu dem ver- 
alteten und verhasst gewordenen bisherigen Militärsystem gehörig, 
keine Rede weiter sein könne; es erfolgte auch kein neues Feld- 
lazareth-Reo'lement. sondern die Bestimmungen des alten wurden nur. 
ohne weitere Beziehung auf ihren früheren Zustand, durch einzelne 
von Goercke und dem General-Kriegs-Kommissär von Ribbentrop 
entworfene Kabinetsordres ausser Kraft gesetzt. Dass man kein neues 
Reglement schuf, lag lediglich an der Eigenthümliehkeit des Charakters 
der Kriege dieser Zeit, welche nichts Stabiles und Abgeschlossenes 
mehr in sich hatten, wie es früher bei beschränkteren Truppenmassen, 
Konzentrirung des Schauplatzes und regelmässiger Beziehung der Winter- 
quartiere der Fall gewesen war. Man wollte von jetzt ab vielmehr 
besondere Umstände, die örtlichen Verhältnisse und das augenblick- 
liche Bedürfniss entscheiden lassen. 

So dürfte es auch einleuchten, dass es für die Organisation der 
Krankenpflege im Felde, z. B. in dem Zuge gegen Russland im Jahre 
1812, anderer Einrichtungen bedurfte, als späterhin, wo der Kriegs- 
schauplatz auf vaterländischem Boden war und die Nation die Kranken- 



— 165 — 

pflege der im Nationalkampf Verwundeten als eine heilige Pflicht an- 
sah und selbst nach Kräften dazu beitrug, das Loos der Kranken zu 
erleichtern und ihre Pflege zu übernehmen. Andere Einrichtungen 
wiederum waren nöthig, als der Kriegsschauplatz in Feindes Land 
verlegt wurde und dort nicht immer der preussische verwundete Krieger 
eine liebevolle Pflege finden mochte, ganz gewiss wenigstens nicht die 
Theilnahme der Gleichgesinnten. 

Daher beschränkte man sich darauf, für die bei dem Feldlazareth- 
wesen beschäftigten Aerzte und Offizianten eigene Dienstinstruktionen 
zu entwerfen, welche den jedesmaligen Verhältnissen des Kriegsheeres 
entsprechend schienen. Nur für die Regulirung des Kassenwesens 
und die Handhabung der inneren Oekonomie wurden Reglements er- 
theilt, die aber auch wieder durch die Lokalität und andere ein- 
wirkende Verhältnisse in einzelnen speziellen Fällen modifizirt wurden. 

Die hauptsächlichste Veränderung aber bestand darin, dass durch 
Allerhöchste Kabinets-Ordre vom 8. August 1809, um eine Einheit 
des Ganzen zu bewirken, statt der früheren Feldlazareth-Direktion 
die oberste Leitung aller Feidlazarethe dem Generalstabschirurgus 
Goercke als Chef des Militär-Medizinalwesens übertragen und ihm 
ein aus einem Oberstabschirurgus, einem Oberlazareth-Inspektor und 
einem Oberfeldapotheker bestehender Stab zugeordnet wurde, welcher 
die Aufsicht und Anschaffung der Ausrüstungsbedürfnisse der Feid- 
lazarethe besorgen sollte. 

Des Weiteren wurde in jedem Felcllazareth alle Vollmacht und 
Verantwortlichkeit dem ersten Arzt, „Dirigent" genannt, übertragen, 
entschieden einer der wesentlichsten Fortschritte, indem man hierdurch 
anerkannte, dass über Kranke nur der Arzt befehlen müsse (v. Ribben- 
trop's Vorschriften über die Verwaltung der Lazarethe der Königl. 
Preussischen Armee). 

Als Regel galt fortan, dass bei Einrichtung eines Lazareths die 
Anstellung des chirurgischen und pharmaceutischen Personals der 
Generalstabschirurgus, die des ökonomischen und Kassen-Personals 
der General-Kriegs-Kommissär, die der militärischen Lazareth-Komman- 
danten aber der betreffende Brigade-General zu besorgen hatte. 

üemgemäss handelten fortan in allen Angelegenheiten der Militär- 
krankenpflege der General-Kriegs-Kommissär und nachmalige General- 
Intendant, Staatsrath von Ribbentrop und der General-Chirurgus 
Dr. Goercke in steter Uebereinstimmung, und ihren zweckmässigen 
und sorgfältigen Anordnungen ist das im Ganzen glückliche Resultat 
zu verdanken, welches die Feldlazarethanstalten in denKriegenl812 — 15 
aufzuweisen hatten. 



— 166 — 

Nicht unerwähnt mag an dieser Stelle bleiben, class damals auch 
jener erste und wichtigste Schritt gethan wurde zur Erhebung der 
Chirurgie. Nachdem schon im Jahre 1788 auf Theden's Vorschlag 
der Feldscheer bei Fleiss und guter Führung im Frieden vom Bart- 
scheeren befreit und im Jahre 1790 der Name „Feldscheer" in „Re- 
giments- bzw. Kompagnie-Chirurgus" umgewandelt worden war 1 ), durfte 
nach der Kabinets-Ordre vom 8. November 1809 das Bartscheeren 
von Jedermann und an jedem Orte betrieben werden und durch den 
Erlass vom 7. September 1811 wurde gesetzlich die gänzliche Trennung 
der Chirurgie von dem Gewerbe der Barbiere ausgesprochen. Hier- 
durch wurde in Preussen die Chirurgie endlich von den Fesseln ge- 
löst, die sie zu ihrer Schmach Jahrhunderte lang hatte tragen müssen. 

Bei der Ermittelung des Bedarfs an Feld-Lazarethen im Jahre 
1809 nahm man den 10. Mann als Gegenstand der Krankenpflege an, 
und liess danach die Inventare in den Train-Depots zusammenbringen. 
Die Armee war damals -12,000 Mann stark, zerfiel in 6 Brigaden und 
sollte zur Zeit des Krieges aus 3 Hauptabtheilungen, jede zu 2 Bri- 
gaden, bestehen. Auf Grund dieser Formation wurden 6 fliegende 
Lazarethe, jedes zur Versorgung von 200 Kranken und 3 Haupt- 
lazarethe für je 1200 Kranke als Etat bestimmt. Es konnten dem- 
nach in diesen Anstalten 4800 Verwundete, also 600 mehr, als der 
angenommenene Grundsatz erforderte, behandelt werden. 

Ueber die Organisation und innere Verwaltung dieser Lazarethe 
ergingen auch alsbald seitens des General-Kriegs-Commissärs und 
des Generalstabschirurgus der Armee eine Instruktion für die den 
Feldlazarethen als Dirigenten vorgesetzten ersten Militärchirurgen (d. d. 
Königsberg den 2. Oktober 1809) und eine Instruktion vom 3. Ok- 
tober 1809, nach welcher bei den Feldlazarethen der preussischen 
Armee sämmtliche Bedürfnisse angeschafft und berechnet werden 
sollten. 

Da hierdurch die bisherige Verfassung besonders hinsichts der 
Direktion der Feldlazarethe ganz geändert wurde, so haben diese In- 
struktionen eine gewisse Wichtigkeit, weshalb von ihnen wenigstens 
die erste hier mitgetheilt werden soll: 

Instruktion für die den Feldlazarethen als Dirigenten vorgesetzten 
ersten Militärchirurgen. 

§ 1. Es ist bestimmt, class bei künftigen Kriegen jeder Brigade ein fliegendes 
Lazareth von dem Umfange, dass es 200 Kranke aufnehmen kann, gegeben wird, 
und dass also bei der Mobilmachung der ganzen Armee sechs solcher Anstalten 



!) Yergl. Theil I, S. 38. 



— 167 — 

bestehen, welche dadurch, dass sie sich mit den aktiven Truppen nach allen 
Punkten bewegen müssen, als eigene Anstalt nie kombinirt werden können. 

§ 2. Ausserdem bedürfen zwei Brigaden oder eine Division ein Hauptlazareth, 
welches 1200 Kranke aufnehmen kann, und die nöthigen Detachements giebt; 
mithin fordert die ganze Armee drei solcher Anstalten. 

§ 3. In den Ambülants erhält der vom Schlachtfelde kommende Kranke den 
ersten Verband, in den stehenden Lazarethen wird seine Pflege und Heilung- 
fortgesetzt. 

§ 4. Die gesammten Heilungsanstalten müssen von einer oberen Behörde ge- 
leitet werden, welche aus allen Fächern Beamte erhält. 

§ 5. Man begreift diese obere Behörde unter der Benennung des medicinisch- 
chirurgischen Stabes, wogegen die untergeordneten Behörden den Namen der Feld- 
lazareth-Dirigenten führen und sich unter einander nur durch die ihnen bei der 
Beorderung zum Marsche zu gebenden Nummern unterscheiden. 

§ 6. Für die ganze Armee bestehen drei Haupt- und sechs fliegende Feld- 
lazarette, über welche drei Divisions-General-Chirurgen die Inspektion führen. 

§ 1. Die Lazareth- Anstalten einer Armee haben zum Zweck, die Blessirten 
und Kranken zu heilen und die Mittel, welche dahin führen, kann nur der Militär- 
Chirurgus feststellen. Folgende Ansicht liegt bei der Einrichtung zu Grunde: Der 
erste chirurgische Beamte dirigirt und bedient sich als Vorgesetzter: des chirurgi- 
schen Personals für die ärztlichen und chirurgischen Behandlungen, des pharma- 
ceutischen Personals für die Besorgung der Medikamente, des ökonomischen Per- 
sonals für die Pflege und Wartung, der Commandirten für die Behauptung der 
Mannszucht, der Kassenbeamten für die Zahlung und Rechnungsführung und des 
Sekretärs für die Expeditionen und Reinschriften. 

§8. Die Kriegskommissarien , welche bei einzelnen Corps detachirt sind, 
treten in die nämlichen Verhältnisse zu den Dirigenten der Feldlazarette, worin 
der General-Kriegskommissär zum General-Stabs-Chirurgus steht, d.h. der Dirigent 
des Lazareths macht die die Oekonomie betreffenden Angelegenheiten mit dem 
Kriegskommissär ab, und der letztere nimmt von der ganzen Verwaltung eine mög- 
lichst genaue Kenntniss, um die Lazarethe mit Umsicht und Nachdruck unter- 
stützen und vertreten zu können. 

§ 9. In jedem Orte, wo sich ein Feldlazareth etablirt, wird eine Militär- 
kommandantur vom kommandirenden Generale bestellt. Diese übt die Rechte eines 
Platzkommandanten über alle Gewalten des Orts und also auch über die Feld- 
lazarethe aus, auf welche sie solche noch dahin auszudehnen hat, dass sie 
fleissige Visitationen anstellt und die Ordnung bei den kranken Ofncieren behauptet. 

§ 10. Die Kriegskommissarien leiten nach den Etats die Mobilmachung der 
Lazarethe gemeinschaftlich mit dem ersten chirurgischen Beamten, welcher sich 
gleich nach der ersten Ordre dahin begiebt, wo die betreffenden Lazarethe ihre 
Bedürfnisse empfangen. 

§ 11. Die Anstellung des chirurgischen und pharmaceutischen Personals 
besorgt der Generalstabschirurgus, die des ökonomischen und Kassenpersonals der 
General-Kriegs-Kommissär, die der Kommandirten die Brigade-Generale. Die Ge- 
haltssätze für die Officianten werden den Lazarethen bei der Mobilmachung be- 
kannt gemacht werden, wobei angenommen werden muss, dass die Officianten 
während ihrer Anstellung im Kriege ohne Friedensgehalt sind. — Der Officiant 
erhält seine Knechte geliefert und diese werden aus der Königlichen Kasse be- 



— 168 — 

soliiet. — Die Krankenwärter. Koch- und "Waschweiber erhalten, solange noch 
keine Lazarethe etablirt sind, zu ihrem Gehalte eine Brot- und eine Victualien- 
portion, wenn letztere für die Armee gegeben werden : sobald aber die Feldlaza- 
rette wirklich etablirt sind, erhalten sie eine ganze Krankenportion und verlieren 
dagegen ihre Brot- und Victualienportion. 

§ 12. Das Kassenwesen der Lazarethe steht unter der speciellen Kuratel des 
Dirigenten. Der Dirigent hat die Kasse in seinem Hause, und der Kasten, worin 
die Gelder und Beläge asservirt werden, ist mit drei verschiedenen Schlössern 
versehen, wozu der Dirigent den ersten, der zweite chirurgische Beamte den zweiten, 
und der Kassenbeamte den dritten Schlüssel hat. und woraus der Dirigent dem 
Kassenbeamten im Beisein des zweiten chirurgischen Beamten zu kleinen Ausgaben 
einen Vorschuss reicht, alle grösseren Ausgaben aber in seiner und des zweiten 
chirurgischen Beamten Gegenwart machen lässt. 

§ 13. Alle Zahlungen geschehen auf Anweisung des Dirigenten. Sie werden 
bloss in ein Journal eingetragen, und dieses schliesst der Kassenbeamte von acht 
zu acht Tagen ab. Xach dem Abschlüsse werden die Gelder und Beläge nachge- 
sehen, und ist dieses geschehen, so schickt der Dirigent die Anweisungen nebst 
den Belägen mit einer in triplo beizufügenden Designation dem Kriegscommissär 
ein, welcher eine Revision veranlasst, die Beläge der Feld-Kriegskasse zustellt, 
dem Dirigenten darüber quittirt, und dadurch den letzteren über die Richtigkeit 
des Geschäfts beruhigt. — Alle Zahlungen, die der General-Kriegskommissär oder 
die Kriegskommissarien direkte leisten können, sollen übrigens nicht durch die 
Lazarethlcasse. sondern gleich durch die Generalkasse der Armee oder durch die 
Kriegskasse geschehen. Dagegen ist der Dirigent für die Kasse des Lazareths mit 
verantwortlich, und dies bleibt um so zulässiger, als sich nach jener Einrich- 
tung der Zustand der Kasse täglich übersehen und revidiren lässt, der Kassen- 
beamte dem Dirigenten untergeordnet ist, und alle Verfügungen des General- 
Kriegskommissärs nur an letzteren gerichtet werden. 

§ 14. Ueber die Verpflegung der Kranken ist eine besondere Anweisung 
ertheilt. 

§ 15. Die Behandlung der Kranken in ärztlicher Hinsicht ist Sache der 
Kunst, und der Dirigent wird hier auf seine und seiner Untergebenen Kenntnisse 
und Erfahrungen, sowie auf diejenigen Vorschriften verwiesen, welche in einzelnen 
Fällen gegeben sein möchten, oder ihm von den vorgesetzten Behörden noch zu 
gehen. Der Dirigent ist übrigens verpflichtet, über die Krankheiten in ihrem Ent- 
stehen und Fortgehen, sowie in ihrem Charakter und ihrer Behandlung einen all- 
gemeinen, monatlichen Bericht an den Generalstabschirurgus der Armee und an 
den vorgesetzten Divisions-General-Chirurgus zu erstatten. 

§ 16. In Hinsicht der pharmaceutischen Bedürfnisse hat der Dirigent die 
Pflicht auf sich, den Bedarf an Medikarneuten zeitig dem Divisions-General- 
Chirurgus zu melden und über die Lieferung und Anwendung guter Arzeneien 
zu wachen. Er muss die Feldapotheke der strengsten Kontrolle unterziehen, 
ihren Bestandes-Xachweis gleich prüfen, und monatlich immer Revisionen des ge- 
sammtenVorraths der Arzneien anordnen, von deren Resultat aber bei Erstattung 
des Berichts ad § 15 Meldung geschieht. 

§ 17. Die Handhabung der strengsten Mannszucht auf Märschen und im 
Standquartiere ist Pflicht des Dirigenten, und ebenso wird von ihm gefordert, dass 
er für eine zuvorkommende, menschenfreundliche Behandlung der Kranken und 



— 169 — 

Verwundeten durch seine sämmtlichen Untergebenen sorgt und selbst mit einem 
guten Beispiele ihnen vorgeht. 

Königsberg in Preussen, den 2 ten Oktober 1809. 

(gez.) Ribbentrop, (gez.) Goercke, 

General-Kriegskommissär. Generalstabschirurgus. 

Die Etats waren folgende: 

Für ein fliegendes Lazareth für 200 Kranke: 1 Oberstabschirurg, 1 Stabs- 
chirurg, 2 Oberchirurgen, 11 Chirurgen, 1 Reisefeldapotheker, 1 Unterfeld-Apo- 
theker, 12 Krankenwärter, 1 Lazareth-Inspektor, 2 Revier-Inspektoren und anderes 
Personal. 

Für ein Hauptlazareth für 1200 Kranke: 1 Divisions-General-Chirurg, 1 Ober- 
stabschirurgus, 4 Stabschirurgen, 9 Oberchirurgen, 60 Lazareth-Chirurgen, 1 In- 
strumentenmacher, 1 Reisefeldapotheker, 1 detachirter Felclapotheker, 3 Unterfeld- 
Apotheker, 1 Oberlazareth-Inspektor, 4 Lazareth-Inspektoren , 18 Revier-Inspek- 
toren, 80 Krankenwärter u. s. w. 

Fahrzeuge für ein fliegendes Lazareth für 200 Kranke: 4 vierspännige Bett-, 
Küchen- und Utensilienwagen, 1 sechsspänniger Medizinwagen, 1 zweispänniger 
Beiwagen , 1 vierspänniger chirurgischer Bandagenwagen , 1 zweispänniger chir- 
urgischer Bandagen-Beiwagen. 

Für ein Hauptlazareth für 1200 Kranke: 2 vierspännige Bettwagen, 2 vier- 
spännige Küchenwagen, 1 vierspänniger Utensilienwagen, 2 vierspännige Ban- 
dagenwagen, 1 vierspänniger Bandagen-Beiwagen, 2 sechsspännige Medizinwagen, 
1 vierspänniger Medizin-Beiwagen, 1 vierspänniger Krankentransportwagen. 

Diese Einrichtungen bestanden, als Preussen 1812 gezwungen 
wurde, zur französischen Armee nach Russland ein Hülfskorps von 
20000 Mann zu stellen, denen 3 fliegende und iy 2 Hauptlazarethe 
zur Aufnahme von 2400 Kranken beigegeben wurden. An der Spitze 
standen wiederum tüchtige Männer in den Divisions-General-Chirurgen 
Voeltzke und Büttner und in dem schon mehrfach genannten Ge- 
neral-Kriegs-Commissär von Ribbentrop, welche durch Befehle nach- 
halfen, wenn es Noth that. 

So lange es möglich war, wurden die Kranken über Memel in 
das Garnisonlazareth zu Königsberg geschickt. Aber auch die preussi- 
schen Feldlazarethe bewährten sich, so viel zu erfahren war, voll- 
kommen, da ihr etatsmässiger Bestand zureichte, ein Dritttheil 
mehr an Kranken, nämlich diejenigen der zu dem preussischen 
Hülfskorps gehörigen Franzosen, Baiern, Polen und Westphalen voll- 
ständig zu verpflegen, ohne dass zu öffentlichen Klagen Veranlassung 
gegeben worden wäre. 

Die Erhebung Preussens beim Beginne des Jahres 1813 und die 
Entwickelung einer Heeresmacht von 80000 xMann machte die Er- 
greifung viel ausgedehnterer Massregeln nothwendig. Die mit dem 
York 'sehen Korps aus Russland heimkehrenden und in den Provinzen 



— 170 — 

des Reichs vorhandenen Lazareth-Anstalten and Militärärzte konnten 
nur als ein Stamm für das neu zu Schaffende betrachtet werden. 
Der Bestand an Lazarethen liess nur eine Behandlung von 4800 bis 
höchstens 6400 Mann zu, und es musste daher, wenn auch nur der 
10. Mann als krank oder verwundet angenommen wurde, noch für 
1600 Kranke mehr gesorgt werden. 

Hier half wieder Goercke, indem er an ärztlichem Personal 
3000 zusammenbrachte. Auch fand er an den Divisions-General- 
Chirurgen Yoeltzke und Büttner wiederum kräftige Stützen, wäh- 
rend der Greneral-Chirurgus Wie bei seinem Könige als Leibarzt in 
den Krieg folgte. 

Um den gesteigerten Anforderungen der Krankenversorgung zu 
genügen, wurden von Goercke und Ribbentrop die sogenannten 
„Provinzial-Lazarethe" errichtet, welche nach einer am 18. März 
1813 getroffenen Vereinbarung beider Männer im Rücken der aktiven 
Armee angelegt und durch die Militär-Gouvernements der Provinzen 
ausgestattet wurden. Die Leitung der Provinzial-Lazarethe wurde 
von des Königs Majestät dem General-Intendanten Grafen von Lot- 
tum übertragen, welcher die von Ribbentrop und Goercke schon 
unter dem 16. April entworfene und dem Militärgouvernement ro.it- 
gefheilte Organisation unter dem 9. August- von ReichenbaGh aus ver- 
veröffentlichte. Centraipunkt für das gesammte Provinzial-Lazareth- 
wesen war der oberste chirurgische Stab unter dem Vorsitze 
Goercke 's. Jedes Militär-Gouvernement erhielt einen besonderen 
chirurgischen Stab, aus einem Oberstabs-Chirurgus als Dirigenten. 
einem Oberlazareth - Inspektor und einem Oberfeldapotheker be- 
stehend. 

In diese Provinzial-Lazarethe nun, welche nach und nach in 
allen von den preussischen Truppen besetzten Ländern errichtet wurden, 
und in denen auch AVohlthätigkeitsvereine. angeregt durch einen Auf- 
ruf der Prinzessinnen vom 23. März 1813. zumeist von Frauen ge- 
stiftet, mit der Unterstützung der Krankenpflege eine erspriessliche 
Thätigkeit entfalteten, wurde aus den Feldlazarethen evakuirt. 

Mit der Anlage der Provinzial-Lazarethe selbst ging man nach 
bestimmten Plänen vor. So ordnete man solche 1813 im Rücken 
der schlesischen Armee folgendermassen an: Eine erste Linie kleiner 
Lazarethe für je 200 Betten hatten in der Xähe des Heeres einzu- 
richten Bunzlau. Naumburg, Löwenberg und andere diesen benach- 
barte Orte. Zur Aufnahme der aus ihnen evakuirten Kranken fand 
sich eine zweite Linie grösserer auf je 600 Mann berechneter Laza- 
rethe in Liegnitz, lauer. Striegau und Hirschberg. Als Hauptlazarethe 



— 171 — 

Schlesiens aber galten die durch die Wasserstrasse der Oder in Ver- 
bindung stehenden und im Ganzen für eine Belegungsziffer von 7800 
Mann eingerichteten Lazarethe dritter Linie, Breslau, Brieg und Oppeln 
(E. Richter). 

Die Vergrösserung der Armee durch die Detachements freiwilliger 
Jäger hatte die Einrichtung von noch einem 7. fliegenden Lazareth 
zur Folge, welches bei Rötha und Borna bereits in Wirksamkeit trat. 

Ausserdem wurden während des ganzen 'Ffcldzuges 1813 — 15 eine 
grosse Reihe von Anordnungen für die den Armeen folgenden Feld- 
lazarethe und die den Verwundeten zu leistende erste Hilfe gegeben. 
Diese bezogen sich unter Anderem auf die Evakuation, den Transport 
der Verwundeten, die Mitnahme der Medizinwagen und -Karren ins 
Gefecht und die Anweisung von Verbandplätzen, nach denen sich 
nicht allein die Aerzte, sondern auch die. Beamten des Kriegs-Com- 
missariats zu begeben hatten, um für -die Zurückbringung der Ver- 
bundenen nach den fliegenden Lazarethen zu sorgen u. s. w. 

Als im Juli 1813 die Landwehren eingezogen wurden und der 
Bestand an mobilen Truppen bis auf 180000 Mann anwuchs, trat 
wieder, ein fühlbarer Mangel ein. Die Regimenter und. Kompagnien 
konnten nicht hinreichend mitAerzten versehen werden, und an eine 
augenblickliche Vermehrung der Feldlazarethe war sowohl desshalb 
als wegen des Mangels aller Mittel gar nicht zu denken. 

Dessenungeachtet entstand aus dem bisher der Leitung des da- 
maligen Divisions- General- Chirurgus, Hofraths Dr. Graefe unter- 
stellen chirurgischen Personal die Einrichtung eines Haupt-Reserve- 
Feldlazareths, dessen Formation Se. Majestät, der König mittelst 
Kabinetsordre vom 4. August 1813 genehmigt hatte. 

Obgleich nun dieses Haupt-Feldlazareth ursprünglich für die ganze 
Armee bestimmt war, wurde es zunächst wegen der grossen Ent- 
fernung der einzelnen Korps von einander zwischen Oder und Elbe 
aufgestellt, um dem 3. Bülow'schen, und unter Umständen auch dem 
4. Tauenzien'schen Armee-Korps nützlich sein zu können. Es war 
zur Aufnahme von 3000 Kranken eingerichtet, liess aber eine Ver- 
grösserung zu und zählte mehr als 100 Aerzte verschiedener Kate- 
gorien. Um dieses neu formirte Reserve-Feld-Lazareth mit den 
Provinzial-Lazarethen, in welche es seine Kranken evakuirte, in nähere 
Verbindung zu bringen, wurde seinem Dirigenten Graefe zugleich die 
Aufsicht über das gesammte Provinzial-Lazarethwesen zwischen Elbe 
und Weichsel übertragen. 

An fliegenden Feld-Lazarethen wurden weiterhin noch 2 neue errich- 
tet, sodass also die Armee in der zweiten Hälfte des Monats August 1813 



— 172 — 

9 fliegende Feld-Lazarethe für 1800 Kranke 
3 Haupt-Lazarethe „ 3600 „ 

1 Haupt-Reserve-Feldlazareth ., 3000 ,, 

also Anstalten für 8400 Kranke 

besass. 

Die Zahl der Provinzial-Lazarethe aber war auch gestiegen, so- 
dass bereits im Oktober 1813 51, und wenige Monate später, im März 
1814 sogar 124 solcher Anstalten vorhanden waren. Alle diese Pro- 
vinzial-Lazarethe standen unter dem Oberbefehl Graefe's. 

Neben diesen wurden zur Aushülfe hier und da noch Einquartie- 
rungs-Lazarethe in der Art errichtet, dass da, wo die Kranken in den 
gewöhnlichen Lazarethen nicht Platz hatten, in einem bestimmten 
Stadttheil eine Anzahl Häuser mit Kranken, wie sonst mit gewöhn- 
licher Einquartierung belegt wurden, die man unter genaue ärztliche 
und militärische Aufsicht stellte. 

Die Schwierigkeit in der Einrichtung dieser sämmtlichen Heil- 
anstalten lag hauptsächlich in der Unzulänglichkeit des ärztlichen 
Personals. Seine Vermehrung hatte mit der Vergrösserung und 
dem beständigen Anwachsen der Armee nicht gleichen Schritt halten 
können. Nichtsdestoweniger war doch das Möglichste zur Herbei- 
schaffung eines zureichenden militärärztlichen Personals geschehen, 
indem es im März 1814 allmählich bis auf 2170 obere und 
untere Militärärzte angewachsen war, ungeachtet der grossen Anzahl 
von Civil-Aerzten, die in den zahlreichen Provinzial-Lazarethen thätig 
waren. 

Der Fürsorge des Ministers von Stein, der unmittelbar nach 
der Schlacht von Leipzig (16., 18. und 19. Oktober 1813) eine all- 
gemeine Hospital Verwaltung errichtete, sowie der Thätigkeit der Pro- 
vinzial-Lazarethe fiel die Behandlung der Verwundeten nach dieser 
Völkerschlacht anheim, deren Zahl durch die vor Dresden, Torgau 
und Wittenberg lagernden und die durchziehenden Korps bald auf 
40000 gestiegen war, denn die Feldlazarethe folgten den Truppen 
nach dem Rheine. 

Nach dem Einzüge der Alliirten in Paris am 31. März 1814 
schliesslich wurde die Ausleerung und Aufhebung der temporär er- 
richteten Lazarethe durch Rücksendung der Transportfähigen und all- 
mähliches Vorschieben der Kranken von Hospital zu Hospital bewirkt. 
Auch wurde eine Lazarethdirektion für ganz Frankreich in Paris ein- 
gesetzt. Diese bestand aus dem Obersten vonRödlich, dem Divisions- 
General-Chirurgus Dr. Voeltzke und dem Intendanten Steltzer, 
und ihr wurden die auf den Linien, auf denen die Truppen nach 



— 173 — 

Paris gezogen waren, gebildeten Lazareth-Kommissio-nen untergeordnet. 
Und damit die Kranken und Verwundeten in den von Frankreich ab- 
getretenen Ländern unter eine allgemeine Aufsicht und Leitung kamen, 
wurde dem General-Dinsions-Chirurgus Schack die Direktion über 
die Lazarethe in den vier deutschen Departements, und dem Divisions- 
General- Chirurgus Büttner diejenige in den Niederlanden über- 
tragen. 

Der glorreich erkämpfte Frieden Hess es zu, dass die im Strudel 
der Kriegsereignisse angelegten Felcl-Lazarethe, die wegen ihrer Be- 
weglichkeit notwendigerweise auch unvollkommener, als die stehenden 
Lazarethe waren, theils nach und nach in solche verwandelt und ver- 
bessert, theils, soweit es die Evakuations-Massregeln und die all- 
mähliche Heilung der Kranken ermöglichten, ganz aufgelöst wurden. 

Indess der Friede war nicht von Dauer. Napoleon kehrte 
(1. März 1815) von der Insel Elba zurück und der Kampf begann 
von Neuem. Dieses Ereigniss traf die preussische Armee in Rücksicht 
der Organisation ihrer Feldlazarethanstalten vollkommen unvorbereitet. 
Die meisten Feldlazarette waren bereits aufgelöst und das ärztliche 
Personal entlassen. Ehe noch die Unterhandlungen zwischen den Mi- 
litär- und Civilbehörden, ob an diesem oder jenem Orte ein Feld- 
lazarett angelegt werden könne, beendigt waren, und ehe man noch 
die Wiedererrichtung und Mobilmachung der aufgelösten Feldlazarette 
beendigen konnte, fanden die grossen Schlachten am 16. und 18. Juni 
bei Ligny und Belle-Alliance statt. Fliegende Feldlazarette scheinen 
daher bei allen Schlachten dieses Feldzuges aus diesem Grunde nicht 
anwesend gewesen zu sein. Der damalige Stabsarzt Wasserfuhr 
versichert dagegen, dass er aus authentischer Quelle wisse, es seien 
bei der Preussischen Armee bei Belle-Alliance bei dem ersten Armee- 
Korps die fliegenden Lazarethe No. 5 und 12, beim zweiten Armee- 
Korps No. 1, 4 und 11, beim dritten No. 2 und 3, beim vierten 
No. 9 und 10 zugegen gewesen und hätten in vollem Masse ihre 
Pflicht gethan. Dies ist jedoch nach Richter mehr als zweifelhaft; 
sicher ist nur, dass das fliegende Feldlazarett No. 11 bei der Flucht 
der Franzosen nach der Schlacht bei Belle-xAlliance bis Gemappes 
vordrang und gegen 1000 bei Ligny Verwundete sammelte und nach 
rückwärts führte. 

Die erste Hülfe blieb daher wohl lediglich auf die Truppenärzte 
beschränkt, deren Thätigkeit eine ausserordentlich umfassende ge- 
wesen sein muss. Rust berichtet, dass er am 17. Juni, am 
Tage nach der Schlacht bei Ligny, im Rücken der Armee, 
wo er nach erfolgter Anstellung als Divisions-General-Chirurg eben 



— 174 — 

erst ankam, keine andere Spur von dieser mörderischen Schlacht 
wahrgenommen habe, als auf der Strasse zwischen Lüttich und Huy 
mehrere Hunderte von Blessirten, die aber sämmtlich verbunden und 
mit den nöthigen Transportmitteln versehen gewesen seien, um sich 
nach dem in Lüttich etablirten Hauptlazareth No. 3 zu begeben. 

Von dem Schlachtfelde aus hatte man die Blessirten hauptsäch- 
lich zunächst nach Brüssel gebracht, wo man bereits am zweiten Tage 
nach der Schlacht bei Belle-Alliance beschäftigt war, sie, bei- 
läufig eine Anzahl von 14 OOO Mann und aus Preussen, Alliirten und 
Franzosen bestehend, zweckmässig unterzubringen oder nach Louvain 
zurückzuschaffen, wohin nach Anordnung des dirigirenden General- 
Chirurgus Dr. Voeltzke das Hauptlazareth zu ihrem Empfange be- 
ordert worden war. 

Am 21. Juni, also 3 Tage nach der Schlacht, befand sich bereits 
kein Verwundeter oder Hülfloser mehr auf dem Schlachtfelde, sondern 
eine genaue Inspizirung 1 ) ergab, dass an diesem Tage auf der ganzen 
Ausdehnung des Terrains, auf welchem die blutige Schlacht statt- 
gefunden hatte, nicht ein einziger lebender, die ärztliche Hilfe in An- 
spruch nehmender Mensch mehr zu finden war. 

Der in beispiellosen Eilmärschen vordringenden siegreichen Armee 
konnten die einmal zurückgebliebenen und überall zur Dienstleistung 
angehaltenen Lazarethe unmöglich folgen, und so war es nicht zu 
verwundern, dass in den Gefechten bei le Bourget, St. Denis, Auber- 
villier, St. Germain, bei Versailles und Paris keine Anstalt vorhanden 
war, welcher die Fürsorge der Verwundeten vorzugsweise hätte an- 
vertraut werden können. 

Nichtsdestoweniger versichert Rust, dass nicht ein Mann auch 
nur eine Stunde, viel weniger Tage lang auf dem Kampfplatze liegen 
geblieben war. Die thätige Verwendung des in der Front stehenden 
ärztlichen Personals und die Noth, die beste Rathgeberin in dringenden 
Fällen, hatte jeden Mangel eines fliegenden Detachements, jeden 
Mangel an Bandagen-, Erfrischungs-, Nahrungs- und Transportmitteln 
ersetzt. Zehn gewandte Kompagnie-Chirurgen, die aus verschiedenen 
Regimentern ausgehoben, durch den General-Divisions-Arzt Dr. Rust 
mittelst aufgegriffener Bauernwagen und Pferde mobil und beritten 
gemacht und unter die unmittelbare Direktion eines disponiblen Re- 
gimentsarztes gestellt waren, hatten einstweilen die Stelle eines 
fliegenden Lazareths vertreten, sowohl auf dem Kampfplatze, als auch 
in Vereinigung mit den vorhandenen Stadtärzten, in den Spitälern 



1) Rust, Magazin der Heilkunde. 4. Bd. S. 12, 



— 175 — 

von Versailles und St. Germain, wo mehr als 1500 Kranke und 
Blessirte gesammelt worden waren, bis endlich die Ankunft der orga- 
nisirten Feldlazarethe No. 5, 9 und 10 dieses interimistisch auf- 
gestellte Lazarethpersonal entbehrlich machte. Fürwahr ein schöner 
Beweis der Leistungsfähigkeit unserer Militärärzte der damaligen Zeit, 
welche auch Blücher durch eine der Nachwelt aufbewahrte Lob- 
rede gelegentlich einer Feier des medizinisch-chirurgischen Friedrich 
Wilhelms-Instituts anerkannte. x ) 

Zwischen Weser und Rhein und in den Niederlanden hatten, 
sich inzwischen wiederum Reservelazarethe gebildet unter Leitung 
des General-Chirurgus Dr. Graefe, welcher aus diesen Anstalten 
allmählich 85 630 Genesene den Fahnen seines Königs zurückgegeben 
haben soll. 

Die Verwaltung der Lazarethe war dieselbe geblieben, wie im 
Feldzuge 1813/14. Tagesbefehle des General-Intendanten von Ribben- 
trop hatten noch manche spezielle Fragen geregelt, wie die Kompe- 
tenzen der Lazareth-Kommandanten und Offiziere, Anstellung des 
Wärterpersonals u. s. w. 

Nach dem Friedensschluss 1815 und der Demobilisirung der 
Feldlazareth-Anstalten begann nunmehr eine längere Zeit des Friedens, 
in der die gemachten Erfahrungen geprüft und zum Nutzen einer 
künftigen Zeit erweitert und ausgebaut werden konnten. — 

Werfen wir nun noch einen Blick auf das französische Lazarethwesen, so 
sah es dort allerdings recht traurig aus. So erfahrene Kriegschirurgen die Fran- 
zosen auch besassen und so trefflich ihre Einrichtungen für die erste Hülfe auf 
dem Schlachtfelde waren (siehe darüber den folgenden Abschnitt ,,Transport- 
wesen"), so wenig wurde für die weitere Pflege und Behandlung der Verwundeten 
gethan. Die Feldlazarethe, an und für sich gar nicht einmal so schlecht ausge- 
rüstet, waren bei dem Betrug und Leichtsinn, wie er damals unter dem grössten 
Theil der französischen Beamten im Auslande herrschte, verwahrlost und ver- 
schmutzt. Das Krankenwartepersonal war gewissenlos, die Zahl der Aerzte bei 
Weitem zu gering. Lieblos und gleichgültig wurde nicht nur der verwundete 
Gegner, sondern auch der verwundete Franzose von seinen eigenen Landsleuten 
behandelt. 

Und so ist es denn auch nicht zu verwundern, wenn der Kriegstyphus der 
französischen Armee überall hin folgte und sie decimirte, wie kaum jemals ein 
Heer decimirt worden ist (E. Richter). 

Wir finden hei Gurlt (Zur Geschichte der freiwilligen und internationalen 
Krankenpflege im Kriege, S. 838) die wörtliche Wiedergabe eines Auszuges ans 
einer in Paris erschienenen, wahrscheinlich von einem Franzosen selbst verfassten 
Schrift 2 ), worin, wenn auch mit etwas grellen Farben aufgetragen, so doch wahr- 

!) Vergl. auch den I. Theil, S. 207. 

2 ) Les sepulcres de la grande armee, ou tableau des höpitaux pendant la 
derniere campagne de Bonaparte. Paris chez Eymery 1814. Auszug in: Die Zeiten, 



— 176 — 

heitsgetreu der traurige Zustand des französischen Lazarethwesens geschildert 
wird. Es heisst dort: 

„Es war System, immer vorwärts zu gehen, ohne sich um den Rüchzug zu 
bekümmern, Milliarden anzuwenden, um stets neue Soldaten für die Armee herbei- 
zuschaffen, aber niemals einen Thaler, um die zu erhalten, welche durch Krank- 
heit oder Wunden ausser Dienst gesetzt waren. Bei den Hospitälern wusste man 
niemals, oder wenigstens immer zu spät, wohin dieses oder jenes Korps seinen 
Marsch richten sollte; die Truppen waren in steter Bewegung; die an einem Tage 
getroffenen Einrichtungen wurden für den. folgenden Tag unnütz. Der General- 
Regisseur Bourdin that sein Möglichstes, die letzten Hülfsmittel Deutschlands 
erschöpfend, um allenthalben Spitäler und Ambulancen auf der deutschen Militär- 
strasse zu errichten; allein seine Hülfsmittel blieben mit den Bedürfnissen in dem 
grössten und stets zunehmenden Missverhältniss. Im August 1813 zählte man 
bereits, vom Rhein bis nach Dresden, 35000 Kranke und Verwundete in den Spi- 
tälern. Diese Zahl wurde durch die Ankunft der Knaben-Soldaten (enfants- 
soldats) ungeheuer vermehrt. Es wurden darauf die blutigen Schlachten nach 
Aufhebung des Waffenstillstandes geliefert; man kann sich denken, mit wie vielen 
Schlachtopfern die Hospitäler bevölkert wurden. Endlich erreichte das Uebel 
durch den Rückzug nach der Leipziger Schlacht die höchste Stufe. Allenthalben 
Schrecken. Verzweiflung, Insubordination, Plünderung. Zu Erfurt befanden sich 
7 Spitäler; nach 24 Stunden konnte man in keinem irgend eine Brühe, 
ein Glas Wein, einen Bissen Brod. ein wenig Charpie, eine Bandage erhalten. 
Unzählige Kranke starben aus Mangel an Hülfe und Nahrung. Als Bonaparte 
auf seinem Rückzuge nach Erfurt kam, stattete man ihm von dem erbärmlichen 
Zustande der Hospitäler Bericht ab. „Ich gebe ihnen täglich 6000 Franken aus 
meiner Privatkasse", sagte er und sprengte im Galopp davon. Seine Kasse kam 
kurz darauf an: allein man konnte keinen schriftlichen Befehl vorweisen, und die 
Kasse wurde weiter gebracht, ohne dass die unglücklichen Verwundeten einen 
Liard daraus erhalten hätten. — 

In den ersten Tagen des November kamen die Trümmer der Armee nach 
und nach an den Grenzen Frankreichs an. Nichts war vorbereitet, um die vielen 
Tausende von Unglücklichen aufzunehmen, die Gespenstern glichen und 14 Tage 
lang, ohne Unterbrechung, anlangten. Der Zustand von Mainz war schrecklich. 
Bald waren Hospitäler, Kirchen, das Lyceum, die Douane unzureichend, um die 
Kranken und Verwundeten zu fassen; man quartierte sie in den Privathäusern 
ein. 15000 fanden daselbst ihr Obdach und wurden von den wackeren Einwoh- 
nern gut verpflegt. Allein noch immer kamen neue Schiffe mit Unglücklichen an; 
es war unmöglich, diese unterzubringen. Man sah 96 Stunden lang die Strasse 
mit Sterbenden angefüllt, sie gaben auf den Stufen vor den Hausthüren ihren 
Geist auf oder lagen an den Strassenpfeilern, in Erwartung, dass ein Leichnam 
aus dem Hause getragen würde und sie dessen Stelle einnehmen könnten. Der 
Tod schwang seine Sichel überall, die Ruhr entkräftete jeden; bald war die Stadt 
ein grosser Kothhaufen; die Luft war verpestet. Die fürchterlichste Epidemie 
nahm in den Spitälern und den Privathäusern immer mehr überhand: die Ein- 
wohner wurden davon ergriffen; täglich starb eine ungeheure Menschenzahl. Sie 
theilte sich den ganzen Regimentern mit, die auf dem Paradeplatze und anderen 



herausgegeben von Dr. Christ. Dan. Voss. Bd. 39. 1814. Politisch -litterarischer 
Anzeiger. V. S. LXIX. 



— 177 — 

öffentlichen Plätzen im Kothe biwalrirten. Vom 7. bis 20. November starben täg- 
lich 500 Personen, 1 / s Einwohner und 7 / 8 Militärs. Es befanden sich unter den 
letzteren viele Verwundete, die seit ihrer Abreise von Leipzig nicht verbunden 
waren. Der Brand hatte ihre Wunden ergriffen, die von AVürmern wimmelten. 
Bald waren überall Leichname zu sehen ; die Einwohner warfen sie auf die Strasse, 
Niemand brachte sie weg; sie blieben oft 4 Tage auf dem Pflaster liegen. Ausser- 
halb der Stadt sah man auf einem Kirchhofe eine solche Menge aufeinander ge- 
thürmter Leichen, dass sie über die Umfassungsmauer hervorragten. Man zahlte 
jedem Todtengräber 60 Franken; alle wurden von der Seuche weggerafft. Man 
sah sich genöthigt, die Leichname in den Rhein zu werfen, um sie von den 
Strassen wegzubringen. Endlich kam der neue General-Intendant, Baron Mar- 
chand, an. Dieser zeigte sogleich, von Bourdin unterstützt, eine rühmlich 
helfende Thätigkeit. Die Räumung der Stadt war einer dei vorzüglichsten Gegen- 
stände seiner Sorgfalt. Das Unternehmen war schwierig, denn die Intendanz 
hatte keine Fonds zu diesem Dienst erhalten. Man musste die Räumung der trans- 
portablen Kranken zugleich auf verschiedenen Strassen bewerkstelligen. Die noth- 
wendige und nicht zu vermeidende Folge davon war die Verbreitung der Epidemie 
über einen beträchtlichen Theil von Frankreich. Sie brach mit fürchterlicher 
Wuth in Landau, Speyer, Weissenburg, Lauterburg, Hagenau, Zabern, Pfalzburg, 
Nancy, Metz und anderen Städten aus. Die Flecken und Dörfer, die als Zwischen- 
orte zu Räumungs-Nachtlagern (gites d'evacuation) dienten, blieben nicht ver- 
schont; auch hier richtete die herrschende Krankheit viele Verheerungen an. In 
diesen Zwischenorten fehlte es ebenfalls für die Ankommenden an vielen unent- 
behrlichen Bedürfnissen. Der kaum bedeckte Soldat, der auf einem offenen Karren 
8 — 10 Stunden in der strengsten Jahreszeit zurückgelegt hatte, hoffte wenigstens 
bei seiner Ankunft im Nachtlager warme Speisen und ein geheiztes Zimmer zu 
finden; allein er traf nichts von allem diesen an. Sobald ein Transport von 
Kranken und Verwundeten angekommen war, wurden die Einwohner durch ein 
mit der Glocke gegebenes Zeichen davon benachrichtigt. Sie brachten nun, nach 
Wohlgefallen, irgend einige Speisen und vertheilten diese selbst unter die Un- 
glücklichen ebenso nach Gutdünken. Man sah denen, die an der Ruhr litten, 
Milchsuppen geben, Fieberkranke erhielten Aepfel, Skorbutische Wein etc. Ge- 
wöhnlich waren bis zum folgenden Tage 8, 12 — 15 von einem Transporte ge- 
storben. Erfolgte die Ankunft bei Nacht, so war es noch ärger. Es dauerte einige 
Stunden, bis der Maire die zur Besorgung der Kranken nothwendigen Personen 
zusammengebracht hatte; denn es ging der Reihe nach, und bald war dieser, bald 
jener nicht zu finden. Endlich erschienen einige; allein diese Bauern verstanden 
nichts von dem Geschäft eines Krankenwärters, sie trugen ohne Schonung die vor 
Kälte erstarrten Unglücklichen von ihren Karren herab, die Amputirten, die- 
jenigen, die zerbrochene Glieder hatten, stiessen ein fürchterliches Geheul aus. 
Bandagen öffneten sich, Wunden gingen auf; an Wundärzte, an Betten war nicht 
zu denken. Man häufte die Elenden in niederen, oft feuchten Zimmern auf Stroh 
aufeinander, man gab ihnen kein Licht, man machte kein Feuer, damit kein 
Brand entstehe. Niemand blieb bei den Kranken, sie wurden ihrem Schicksal 
überlassen. Zur einzigen Tröstung versprach man ihnen auf den folgenden Mor- 
gen Suppe. Abererst mit Anbruch des Tages wurde durch Trommelschlag die 
Wohlthätigkeit der Einwohner in Anspruch genommen; um 9 oder 10 Uhr erfolgte 
endlich eine willkürliche Austheilung von Lebensmitteln auf die bereits erwähnte 
Weise. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitütsw. 18. Heft. ]0 



— 178 — 

Die Hauptschuld an der stattgehabten Desorganisation war dem General- 
Intendanten Grafen Daru zuzumessen, der aus einem übel verstandenen Spar- 
samkeitssystem wenigstens den dritten Theil einer Armee zerstörte, die ungefähr 
800 Millionen gekostet hatte". 

„Wäre man", sagt der Verfasser weiter, „nicht von seiner Ehrlichkeit sonst 
überzeugt, so müsste man ihn im Verdacht haben, mit dem Feinde im Einverständ- 
niss gewesen zu sein. Zu keiner Zeit hat irgend ein General der verbündeten Mächte 
in so wenigen Monaten eine so grosse Anzahl von Franzosen ausser Dienst ge- 
setzt, als Daru." — „Man sieht daraus, wie selbst die treuesten Helfershelfer 
Bonaparte's, nach des Schicksals Schlüsse, mit dahin wirken mussten, seine 
Macht und sein Reich zu vernichten." 

Bei weitem besser scheint bei den Franzosen die Einrichtung und Verwal- 
tung einiger stehenden Lazarethe gewesen zu sein. Was Heck er über die Organi- 
sation des Düsseldorfer Militärspitals unter französischer Verwaltung im Jahre 
1808 berichtet 1 ) auf Grund besonderer seiner Zeit erlassener diesbezüglicher Or- 
ganisation- und Einzelvorschriften, kann nur unsere Anerkennung und Bewun- 
derung erregen. Wie viel aber auch hiervon nur auf dem Papier gestanden hat, 
und wie viel wirklich zur Ausführung gekommen ist, muss dahingestellt bleiben. 



Baracken. 

Schon 1788 bauten die Oesterreicher in Wien zerlegbare Holz- 
baracken und sandten sie auf Schiffen die Donau hinab, um sie zur 
Militärkrankenpflege in der Türkei zu verwenden (s. Einleitung). 

In den Zeiten der Napoleonischen Kriege 1805 und 1806 er- 
richtete man in Göppingen und Cannstadt Holzbaracken zur Isolirung 
infektiöser Kranker. 1807 hatte man in Königsberg vor dem Ross- 
gärt'schen Thore zur Unterbringung der französischen Verwundeten 
und Kranken ein Lazareth aus mehreren Reihen zweistöckiger Baracken 
erbaut, welche grosse, auch zur Ventilation dienende Thore an den 
nach Osten und Westen gerichteten Wänden und 700 in 4 Reihen ge- 
stellte Betten hatten (s. Taf. IV). Aehnliche, mit transportablen Latrinen 
versehene, sehr saubere Unterkunftsräume waren auch für die Russen 
und Preussen errichtet. Für die letzteren bestanden 4 zweistöckige, 
nebeneinander liegende Baracken ä 120 Betten, durch grosse Kachel- 
öfen, deren Rauchröhren auch die oberen Etagen erwärmten, heizbar. 
In Altenburg wurde 1806, in Frankfurt a. M. 1812 auf der Pfingst- 
wiese ein solches Barackenlazareth erbaut. Iu letzterem waren die 
Baracken mit Fenstern versehen, hatten mit Moos ausgefüllte Doppel- 



*) Heck er, Organisation des Düsseldorfer Militärspitals unter französischer 
Verwaltung im Jahre 1808. Vortrag, gehalten auf der 70. Versammlung deutscher 
Naturforscher undAerzte. Deutsche militärärztliche Zeitschrift. XXVIII. Jahrgang. 
1899. Heft 8 und 9. 



— 179 — 

wände und gusseiserne Oefen. Die ganze Anlage brannte in der 
Nacht vom 13. zum 14. Februar 1814 ab. Wie es scheint, wurden 
aber durch die Hülfe der Bürgerschaft fast alle Insassen des Spitals, 
1009 österreichische Kranke und Verwundete, den Flammen entrissen. 
Die 1813 auf der Schiesswiese bei Zittau erbauten langen Lazareth- 
baracken hatten 8 Hauptabtheilungen, Küche, Speise- und Wasch- 
kammern; die in Naumburg auf dem Markte stehende Baracke war 
70 Ellen lang. Auch in Meiningen, Saalfeld, Darmstadt und Aschaffen- 
burg bestanden 1813 Barackenlazarethe, und in Brüssel wurde 1815 
ein solches für 2500 Verwundete aufgestellt (Fischer). 



Zelte. 

Zelte sind seit langer Zeit im Felde zur Behandlung Verwundeter 
und Kranker in Anwendung gekommen, theils nothgedrungen, weil 
andere Unterkunftsräume fehlten, theils gewohnheitsmässig bei Ge- 
legenheiten, wo auch die gesunde Mannschaft unter Zelten kampirte 
(E. Richter). Schon zu Abraham ä Gehema's Zeiten (1647 — 1715) 
trug jeder vierte Mann ein Zelt bei sich, in dem 4 Kranke untergebracht 
Werden konnten (s. Theil I S. 72 und die Abbildung S. 113 unter 
Purmann). Nach weiteren Abbildungen zu schliessen (s. The den 's 
Jubelfeier, Bild von Chodowiecky) waren höchstwahrscheinlich am 
Ende des 18. Jahrhunderts ebenfalls Zelte für die Krankenbehand- 
lung in Gebrauch, vielleicht eine alte, selbstverständliche Einrichtung, 
sodass ihrer in der preussischen Kriegslitteratur unserer Epoche nicht 
erst besonders Erwähnung gethan wird. (Vgl. auch auf Taf. IV die 
Zeichnung eines Zeltes aus dem Jahre 1786, deren Original sich als 
Handzeichnung in der Büchersammlung der Kaiser Wilhelms-Akademie 
befindet.) 

Im spanischen Feldzuge 1812 bedienten sich die Engländer Bell 
und Hennen kleiner Zelte zur Wundbehandlung und ebenso Brug- 
ia an ns 1815 zur Isolirung Hospitalbrandiger. Die Franzosen in 
Algier, die Engländer in Indien, die Russen in ihren verschiedenen 
Kriegen brauchten die Zelte ebenfalls mit bestem Erfolge zu Lazareth- 
zwecken (Fischer). 



Transportwesen. 

Was die Transportmittel bei der preussischen Armee anbetrifft, 
so wurden, wie schon erwähnt, nach dem Fcldlazareth-Reglement vom 

12* 



— 180 — 

16. September 1787 die Leichtverwundeten und die weniger gefährlich 
Kranken, welche ohne fremde Hülfe von den Wagen steigen konnten, 
durch die Mehl- und Proviantwagen fortgeschafit, welche bei feuchter 
Witterung mit einem künstlichen Dache und bei grosser Hitze mit 
grünen Zweigen bedeckt werden sollten. Zum Transport der Schwer- 
verwundeten aber hatte jedes Regiment einen für 8 Mann eingerichteten 
bedeckten Krankenwagen, über welchen nur allein der Regiments- 
wundarzt disponiren durfte. 

Die höheren Offiziere sollten, wenn sie schwer verwundet waren, 
in Feldbetten oder in einem ..besonderen Tragezeuge", welches man 
nach Beschaffenheit der Wege und Berge durch Riemen erhöhen und 
erniedrigen konnte, durch Hülfe der Pferde getragen werden. 

Diese in kurzen Zügen beschriebene Art des Transportes ist im 
letzten Viertel des 18. Jahrhunderts bei der preussischenArm.ee wohl 
die fast allein übliche gewesen und auch im Beginne des 19. Jahr- 
hunderts beibehalten worden; allmählich jedoch verschwanden diese 
Transportmittel, und es traten besonders nach der Reorganisation der 
Armee im Jahre 1809 einfache Bauernwagen an ihre Stelle. Letztere 
wurden von dem kommandirenden General oder anderen dazu auto- 
risirten Behörden vor der Schlacht jedesmal in der voraussichtlich 
nöthigen Zahl requirirt und zur Empfangnahme der Verwundeten zu 
deren schleuniger Fortschaffung in die fliegenden Feldlazarethe be- 
nutzt. Diese einfachen Wagen blieben auch in den Kriegen 1813/15 
fast die alleinigen Krankentransportmittel, denn in den Etats für die 
Feldlazarethe jener Zeit findet sich nur für jedes Haupt-Feldlazareth 
für 1200 Kranke ein besonderer Transportwagen angegeben (vergl. 
S. 169). für die fliegenden Lazarethe aber keiner. 

Da war es wiederum Goercke, der schon früh für den Bau 
und die Ausrüstung der Armee mit besonderen elastischen Kranken- 
wagen eintrat. Ihre Verwendung bei der Armee überhaupt stammt 
von den Engländern her. Im Jahre 1795 war es Goercke gelungen, 
einen solchen englischen Originalwagen in Rinteln aufzufinden und 
für 250 preussische Reichsthaler an sich zu bringen. Er liess ihn 
nach Berlin schaffen und zeigte ihn dem Ober-Kriegs-Kollegium vor, 
worauf auf Befehl Sr. Majestät des Königs Friedrich Wilhelm II. 
zwölf solche Wagen erbaut wurden, jedoch mit den Abänderungen, 
dass die Spur gegen die englischen Wagen verschmälert und mit 
der Spur der preussischen Kanonen in Uebereinstimmung gesetzt, 
ferner ein Behältniss sowohl für die Waffen als auch für die Fourage 
auf dem Langbaume angelegt, dann am Kasten sowohl vorn als hinten 
ein Sitz- und Fussbrett für Leichtverwundete und endlich im Innern 




Verwundeten -Transport durch Kameraden. 

(Links ein prenssischer Regimentsavzt.) 



— 181 — 

eine Anzahl einzelner Pritschen angebracht wurden. Diese letzteren 
waren von leichtem Holze gearbeitet, mit einem Polster versehen 
und zum Fortnehmen eingerichtet, sodass, wenn sie für breite Körper 
zu schmal wären, sie entfernt und die Verwundeten dann auf dem 
Fussboden des Kastens, welcher zuvor mit Stroh oder Decken be- 
legt wurde, gelagert werden konnten. Die Wagen fassten 6 sitzende 
und 6 liegende Verwundete; der Raum für die liegenden A^erwundeten 
war an den Seiten und oben verdeckt und vorn und hinten mit Thüren 
versehen zum Hineinschieben der Pritschen. Da der Wagenkasten 
12 Fuss (also zwei Menschenlängen) hatte, so waren zur Verkürzung 
des Wagens die elastischen Federn auf den Achsen unter dem Kasten 
angebracht worden, wodurch zugleich der V ortheil bewirkt wurde, 
dass der Kasten über die Räder hinaus zu stehen kam und nach allen 
Seiten hin schwingen konnte, ohne die den zerschmetterten Gliedern 
in höchstem Grade nachtheiligen Stösse zu erleiden. (Vergl. Goercke, 
Kurze Beschreibung der bei der K. Preuss. Armee stattfindenden 
Transportmittel, und die diesem Werke entnommenen Abbildungen auf 
Taf. V und VI.) 

Aber ganz abgesehen davon, dass die Zahl der erbauten Kranken- 
wagen bei Weitem nicht ausreichte, so waren im Feldzuge 1813 nur noch 
3 von ihnen übrig, die allerdings ausserordentliche Dienste geleistet 
haben sollen; der übrige Bedarf an Wagen musste wieder requirirt 
werden. 

Ein geschultes und für diesen Zweck bestimmtes Krankenträger- 
personal existirte bisher in der Preussischen Armee noch nicht. In 
der Regel waren es die im Treffen fechtenden Soldaten selbst, welche 
ihre schwer verwundeten Kameraden, nachdem diese von den Militär- 
chirurgen den ersten Verband unmittelbar auf dem Schlachtfelde er- 
halten hatten, aus dem Kampfgewühle trugen. Zu diesem Zwecke 
hatte Goercke Tragbahren eingeführt, auch grosse und kleine Trans- 
portsessel (S. Goercke, 1. c. und die übrigen Abbildungen auf 
Tafel VI.) 

Die Tragbahre bestand aus einem von gutem Zwillich verfertigten 
Sacke, der durch zwei seitwärts eingeschobene leichte hölzerne Trage- 
balken, sowie durch zwei an letzteren befestigte und eingehakte Eisen- 
stäbe ausgespannt werden konnte. Ferner waren jeder Tragbahre 
zwei Tragegurte beigefügt. 

Der grosse Transportsessel war ebenfalls von gutem Zwillich 
bereitet, an den Enden mit zwei runden Tragehölzern versehen, in 
deren Mitte zwei mit einem Knebel endende Traggurte, über die eine 
Schulter zu legen, angebracht waren. Die beiden an jedem Trage- 



— 182 — 

holz befindlichen Nebenöffnungen waren bei weiten Wegen und kor- 
pulenten Verwundeten für das Eingreifen der Träger und deren Ge- 
hülfen bestimmt. 

Der kleine Transportsessel war von Leder, schmaler als der vor- 
hergehende und für nicht korpulente leicht Verwundete bestimmt, 
welche nicht weit, sondern nur zu dem nächsten Verbandplatz ge- 
bracht werden sollten. 

Vervollständigt wurde diese Transportmittel- Ausrüstung noch 
durch eine leichte hölzerne Krücke, welche nur solchen Verwundeten 
gereicht wurde, welche noch auf einem Fusse gehen und sich in Er- 
mangelung anderer Hülfe allein aus dem Kugelregen wegbegeben 
konnten. 

Es mag an dieser Stelle auch noch die von Graefe angegebene 
Waffenbahre erwähnt werden (Dr. C. F. Graefe, die Waffenbahre und 
Graefe's und Walther's Journal, B. 6, H. 2, pag. 190, Tab. II, III). 
Sie bestand statt der Tragebalken aus zwei Gewehren und statt des 
Zwillichs aus einem Mantel, der mit Gurten an den Gewehren befestigt 
wurde (s. Taf. VII, Fig. 2 und 3) 1 ). 

Diese Transportmittel erwiesen sich aber im Jahre 1813 nicht als 
hinreichend, besonders der Transport durch die eigenen Kameraden 
hatte den Nachtheil, dass er einmal durchaus nicht sachgemäss aus- 
geführt werden konnte, andererseits in dem Masse, als er in An- 
wendung kam, sich die Reihen der Kämpfer lichteten. Es kann daher 
nicht verwundern, dass die blessirten Krieger in den meisten Fällen 
fast einzig und allein den in der Schlacht vorhandenen Militärwund- 
ärzten überlassen blieben, die sie zwar verbanden, ihre Fortschaffung 
wegen Mangels an Transportmitteln aber nicht gehörig bewerkstelligen 
konnten, sodass die Verwundeten dann oft lange der erstarrenden 
Kälte oder den durchnässenden Regengüssen ausgesetzt bleiben mussten. 

Diese grossen Mängel, welche im Feldzuge 1813 Niemandem ent- 
gangen waren, wurden die Veranlassung, dass Friedrich Wilhelm III. 
auf Antrag des Prinzen August von Preussen durch Kabinets-Ordre 
vom 5. Januar 1814 befahl, für jede Brigade in der Armee eine 
besondere Kompagnie aus 120 Köpfen, 2 Offizieren und 1 Chirurgen 
zum Fortbringen der schwer verwundeten Soldaten aus den fechtenden 
Reihen nach den Verbandplätzen zu errichten, und ihnen nebst 
passender Bekleidung und Armirung eine Anzahl von Tragbahren 
und andere dieser Bestimmung entsprechende Geräthe zuzutheilen. 
Um aber der aktiven Armee keine Streitkräfte zu entziehen, sollten 



l ) Genaueres darüber siehe unter D. Lebensbilder (Graefe). 



— 183 - 

diese Krankenträger-Kompagnien stets ausser dem für die aktive Armee 
bestimmten Etat komplett erhalten werden. Für jede Kompagnie 
wurde wenigstens ein Krankentransportwagen in Aussicht gestellt, bis 
zu deren Beschaffung die Kompagnie zum Transport sich der requi- 
rirten Vorspannwagen bedienen sollte, ferner wurden ihr 15 Tragbahren, 
30 Tragsessel von Zwillich und 50 Paar Krücken zugetheilt, sowie an 
die Hälfte der Mannschaften Bandagenbeutel. 

Leider wurde die ganze Einrichtung nicht ausgeführt. Dass sie 
aber als ein dringendes Bedürfniss der Zeit erschien, beweist der Um- 
stand, dass sie an massgebender Stelle immer wieder angeregt wurde, 
so im Jahre 1818 durch Büttner und 1823 durch Graefe. Auch 
an anderen Vorschlägen hat es nicht gefehlt, von welchen derjenige 
von Rödlich an dieser Stelle noch erwähnt werden mag (Entwurf 
zu einer Transportirungs-Anstalt für Kranke und Verwundete von 
dem Königl. Preussischen General-Major Rödlich, Aachen 1815). 
Dieser hatte mit besonderen Vorrichtungen versehene Tragbahren 
konstruirt und wollte den Ochsen oder die Kuh als Tragc-Thier be- 
nutzt wissen. Das aus Wen dt' s Abhandlung über Transportmittel 
der verwundeten und kranken Krieger, Kopenhagen 1816, entnommene 
Bild (s. Taf. VII, Fig. 1) zeigt, in welcher Weise die Tragbahre an 
den Thieren, von denen eins vorne, eins hinten geht, befestigt werden 
sollte. Sowohl am Kopf- wie am Fassende der Bahre waren Körbe 
angebracht, zur Aufnahme von Instrumenten und Bandagen, Waffen und 
Monturstücken. Wen dt hat das Verfahren mit Recht einer abfälligen 
Kritik unterzogen. Es war viel zu schwerfällig und hat schon aus 
diesem Grunde bei keiner Armee Eingang gefunden. 

Der Krankentransport zu Wasser war schon lange bekannt; 
im 7 jährigen Kriege wurde er oft benutzt, im Feldzuge in Holland (1787) 
war er vorbereitet (s. die Einleitung). — Nach den Berichten von 
Gurlt wurden auch in den Kriegen von 1813 — 1815 und schon früher 
die Wasserstrassen zu Evakuations-Transporten benutzt: 1807 von 
Königsberg nach Berlin über das frische Haff und die Weichsel, 
ferner die Oder, Havel und Spree z. B. aus der Gegend des Schlacht- 
feldes an der Katzbach (1813) nach Berlin, von dort nach der Neu- 
mark und Oberschlesien. Ueberall verwendete man offene Kähne. 
Ebenso wurde vielfach die Elbe stromabwärts und -aufwärts, die obere 
Donau nach Regensburg, Straubing, Passau und weiter abwärts, der 
Neckar nach Mannheim, die Mur von Leoben nach Gratz in der Rich- 
tung zu Thal, auch in Belgien und Holland nach der Schlacht bei 
Belle-Alliance das dortige Fluss- und Kanalsystem in ausgiebigster 



— 184 — 

Weise für den Verwundeten-Transport und die Evakuation befahren 
(Fischer). — In Frankreich benutzte man 1813 — 15 die Seine und 
die Marne zum Verwundeten-Transport. (Gurlt.) 

Bei der französischen Armee war vor Einführung der Tragen das Fort- 
schaffen der Verwundeten auf dem Rücken (en cheval) vom Schlachtfelde bis zum 
Verbandplatz das allgemein übliche Verfahren. Percy berichtet, dass er selbst 
einen schwer verwundeten Officier so getragen habe (Fischer). 

Bei der von Larrey 1792 gegründeten Ambulance waren 12 kleine zwei- 
spännige und 3 grössere vierspännige, mit Labe- und Verbandmitteln und mit 
Matratzen ausgerüstete Transportwagen vorhanden. Die 12 leichten Wagen, 
welche in der Schwebe hingen, hatten theils 2, theils 4 Räder. Die ersteren waren 
für flache, die letzteren für gebirgige Gegenden bestimmt. Der Kasten der ersteren 
bildete einen länglichen, oben gewölbten Würfel, hatte auf den Seiten zwei kleine 
Fenster und vorn und hinten zwei zu einander passende Thürflügel. Auf dem 
Fussboden war ein beweglicher Rahmen mit pferdehaaruer Matratze und Pfühl, 
über beiden ein lederner Ueberzug. Auf den zwei Lagerbäumen des Kastens glitt 
dieser Rahmen mittelst vier kleiner Räder sehr leicht heraus. Vier eiserne Hand- 
haben daran dienten dazu, die Riemen oder Stricke der Soldaten darein zu schlingen 
und nun die Blessirten wie auf einer Tragbahre zu tragen. Die kleinen Wagen 
waren mit zwei Pferden bespannt. Zwei Blessirte konnten in ihnen bequem neben 
einander lang ausgestreckt liegen. 

Die vierräderigen Wagen waren etwas länger, aber schmäler und von ähn- 
licher Gestalt, in vier Federn hängend. Der Fussboden hatte eine festgemachte 
Matratze und die Kissen waren einen Fuss hoch ausgestopft. Die linke Seite konnte 
fast in der ganzen Länge mittelst zweier Yorsehicbethüren so geöffnet werden, 
dass es möglich war, die Verwundeten ganz horizontal hineinzulegen. Zwei 
Fensterchen erneuerten die Luft. Vier Pferde mit zwei Führern zogen den Wagen, 
in welchem vier Blessirte der Länge nach lagen, deren Füsse sich ein wenig 
kreuzten. Die Bestimmung aller Wagen war, die Verwundeten auf dem Schlacht- 
felde aufzunehmen und sie nach dem ersten Verband in die Hospitäler der ersten 
Linie zu führen. Auch sollten sie die Toten fortschaffen. 

Percy konstruirte zu demselben Zwecke einen eigenen Wagen, auf welchem 
8 Aerzte, 8 Krankenwärter und hinreichendes Verbandmaterial mitgeführt werden 
konnten, welcher sich zwar beim Verbände der Verwundeten auf dem Schlacht- 
felde trotz seiner grossen Schwerfälligkeit leidlich bewährte, nicht aber zum Trans- 
port der Verwundeten verwendet werden konnte. Das Modell war den damals ge- 
bräuchlichen Artillerie-Munitionswagen entnommen, und der Wagen selbst wurde 
allgemein „la Wurst" genannt, weil in der Mitte auf dem Boden eine lange 
schmale, mit einem an der Aussenseite gepolsterten Deckel versehene Kiste — die 
Wurst — angebracht war. In sie hinein packte man die Verbandutensilien, auf 
ihrem Deckel sassen während des Vormarsches die 8 Chirurgen, rittlings immer 
einer hinter dem anderen , neben ihnen auf kleinen Kisten 4 Krankenwärter, 4 
weitere aber auf den Pferden, deren 6 zum Fortschaffen des Wagens erforderlich 
waren (Fischer, E. Richter). 

Musste diese „Wurst" aber bald der Larrey' sehen Einrichtung weichen und 
wieder aus der französischen Armee verschwinden, so hat Percy doch das grosseVer- 
clienst, die Krankenträgertruppen, welche mit zerlegbaren Tragen ausgerüstet 
waren, organisirt und geschaffen zu haben. Diese Blessirtenträger. Brancardiers 



— 185 — 

genannt und zuerst bei dem Feldzug der Franzosen in Spanien 1808 in Thätigkeit, 
wurden nunmehr von Larrey auch allen bei der französischen Armee eingeführten 
Ambulances volantes beigegeben. Diese Ramasseurs des blesses, von denen je 
zwei das Material zu einer sogleich zu bildenden Lanzenbahre mit sich führten, 
mussten auch als Krankenwärter funktioniren und Wachtdienst in den Lazarethen 
thun. Später ist diese Einrichtung in der französischen Armee wieder eingegangen, 
und man gab jeder Division Infanterie 3 Infirmiers-majors und 17 Ordinaires, jeder 
Kavallerie-Division je 2 und 8. 

Larrey erzählt, dass sämmtliche Verwundete nach der Schlacht bei Bautzen 
(1813) von den Bewohnern Sachsens auf die daselbst üblichen Schiebkarren ge- 
laden und so nach Dresden geschoben seien. Er will niemals einen „schnelleren 
und bequemeren Krankentransport" gesehen haben. Ausserdem wurden die Schieb- 
karren benutzt zum Verwundetentransport nach der Schlacht bei Dresden über 
Lützen (Fischer). 

Beim Feldzug in Aegypten (1798) benutzte Larrey das Kameel als Trans- 
portthier und brachte Tragkörbe in Form einer Wiege auf jeder Seite des Thieres 
an. Ihre Einrichtung war so, dass sie weder Gang noch Bewegung des Thieres 
störten und doch mittelst einer Verlängerung nach aussen, worauf der Fuss ruhte, 
einem Verwundeten in seiner ganzen Länge zu liegen erlaubten. 

Baudens legte 1835 Sänften auf die Kameele. 

Die Kämpfe in Algier hatten in dem französischen Transportwesen weitere 
Umänderungen eintreten lassen, die später nicht nur in der übrigen französischen 
Armee, sondern auch in manchen anderen Ländern Eingang fanden. Die Fran- 
zosen bedienten sich dort nach dem Vorbilde der Spanier zum Verwundetentrans- 
port der Maulthiere. Ein jedes dieser Thiere trug einen Packsattel , an welchem 
rechts und links ein Tragapparat hing, je nach Bedarf ein solcher, in welchem 
der Verwundete sitzen (Cacolet) oder liegen konnte (Litiere). Die Cacolets be- 
standen aus einem Sitzbrett, einer Scütze für die Füsse, einer solchen für den 
Rücken und einem Gurt, welcher vor dem Kranken fortgeführt, ihn am Herab- 
stürzen hindern sollte. Der Verwundete sass so, dass er nach vorwärts sah, um- 
gekehrt schaute er nach rückwärts, wenn er in der Litiere lag. Diese war im 
Wesentlichen eine zweimal geknickte Tragbahre mit einem Fussbrett, das sich 
etwa in der Schwanzhöhe des Thieres befand, während der Kopftheil bis gegen 
den Kopf des Thieres nach vorn reichte. Die Bahre selbst bestand aus einem 
eisernen, mit festem Segeltuch überzogenen Pvahmen und einem am Kopfe aufstell- 
baren Dach zum Schutze gegen die Sonne. Eine dünne Matratze und eine Leinen- 
decke für den ganzen Körper vervollständigten die Einrichtung. Ein Paar solcher 
etatsmässiger französischer Litieres wog 68 kg (E. Richter). — 

Die Engländer besassen bis über 1815 hinausweder ein besonderes Kranken- 
trägercorps, noch militärische Krankenwärter, weder ein ausreichend organisirtes 
Feldspital- und Transportwesen, noch besonders konstruirte Wagen für chirurgische 
Apparate oder Medikamente. Nur nach und nach schaffte man wenigstens Trag- 
bahren an und bediente sich daneben in den Pyrenäen zum Verwundetentransport 
der Maulthiere, aber ohne besondere Sitz- und Liegevorrichtungen, sondern placirte 
die Kranken auf einfache Packsättel, so gut es eben ging. Weil es aber an einem 
wirklichen Krankenträgerkorps fehlte, so dauerte es nach der Schlacht von Belle- 
Alliance Tage lang, bis alle Blessirten vom Schlachtfelde aufgehoben waren; 
140 Mann mit komplicirten Schussfrakturen, meist der unteren Extremitäten, von 
Bauern überallher zusammengesucht, mit den mangelhaftesten Verbänden von 



— 186 — 

Scheune zu Scheune geschleppt, gingen erst in der zweiten Woche der ärztlichen 
Behandlung zu (E. Richter; vergl. dazu Rust). 

Eine von dem Engländer Cricton (Edinb. med. and surg. Journ. No. 2. 
April 1805. p. 252. ß. v. Siebold's Chiron. B. 2. St. 1. p. 147. Tab. 1. Fig. 9) 
erfundene Schwungtrage beschreibt Langenbeck in seiner Nosologie, IV, 1830, 
S. 265: Das untere Gestell besteht aus 7 Fuss langen und 4 Zoll breiten Stäben 
mit Handgriffen, die vorn und hinten durch Querstäbe vereinigt sind. Das obere 
Gestell besteht wieder aus Längsstäben, die durch Querstäbe verbunden sind und 
wird in der Mitte von starken hölzernen Pfeilern getragen. Zur Befestigung der 
oberen Längsstäbe sind noch 4 bogenförmig gestaltete Eisen angebracht. Ein Trag- 
bett oder eine Hängematte hängt an 4 Haken an dem oberen Gestell. Die Schwung- 
trage wird auf einen Karren oder Wagen gesetzt. 



Freiwillige Krankenpflege. 

Die ersten genauen Berichte über die freiwillige Krankenpflege 
haben wir seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Forschungen 
Gurlt's (Zur Geschichte der internationalen freiwilligen Krankenpflege 
im Kriege, 1873) lassen erkennen, dass es schon während der 
Kriege 1800 — 1811 auf keinem Kriegsschauplatze in Deutschland an 
einer freiwilligen Hülfsthätigkeit gefehlt hat. 

Freilich fanden die Aeusserungen dieser Thätigkeit fast immer 
erst dann statt, wenn die bitterste Noth und das ganze Elend des 
Krieges sie gebieterisch forderten. Besonders betheiligten sich die 
Frauen, hoher und niedriger Geburt, nicht ohne eigene Lebensgefahr 
— denn der Typhus herrschte, wie in fast allen früheren und späteren, 
so auch in dieser Kriegsepoche mit grosser Heftigkeit — an dem 
Rettungswerk der meist in grossem Elende schmachtenden verwun- 
deten und kranken Krieger. Sammlungen aller Art an Geld, Labe- 
mitteln, Kleidungsstücken, Lazareth-Utensilien, Verbandzeug u. s. w. 
wurden ebenfalls zur Verbesserung der Lage der Verwundeten aller- 
orts veranstaltet. Vielfach suchten die Behörden, schon ehe die Feind- 
seligkeiten begonnen hatten, Verbandgegenstände auf dem Wege der 
freiwilligen Sammlung für die ungenügend damit versehenen Feld- 
Sanitäts-AnstaLten zusammenzubringen; noch dringlicher wurden die 
Aufrufe, wenn es sich darum handelte, die plötzlich mit Verwun- 
deten und Kranken überfüllten Lazarethe mit dem unumgänglich 
Erforderlichen zu versehen. Geld wurde sowohl zur Unterstützung 
der Verwundeten, der Invaliden, der Wittwen und Waisen der Ge- 
fallenen, als auch zum Besten der in der Heimath zurückgebliebenen 
Familien der ins Feld gerückten Soldaten, endlich auch zur Unter- 



— 187 — 

Stützung der von der Schwere des Krieges hart mitgenommenen Be- 
wohner der Schlachtengebiete gesammelt. 

Grossartigeres wurde aber in der zweiten Epoche 1812 — 1815 
von der freiwilligen Hülfe durch eine organisirte Vereinsthätigkeit in 
Deutschland und den anderen an den Kriegen betheiligten Staaten ge- 
leistet. Hierzu ging von der Hauptstadt Preussens der erste Anlass 
aus, und die Seele des Ganzen war eine dem Throne nahe stehende 
erlauchte Frau: die Prinzessin Marianne oder Prinzessin Wilhelm 
von Preussen, die Schwägerin des Königs. Sie war es, die den 
„Aufruf an die Frauen im Preussischen Staate vom 23. März 1813" 
erliess, und der daraufhin zum Wohle des Vaterlandes gebildete 
Frauenverein, auch der erste oder grosse Frauenverein genannt, konnte 
in der That als der oberste Verein des Staates angesehen werden, 
theils weil von ihm, der seinen Sitz in der Landeshauptstadt hatte, 
die hauptsächlichste Anregung zu Vereinsbildungen in allen Provinzen 
ausging, theils weil er unter der speziellen Leitung derjenigen 
hohen Frau stand, welche die Seele aller damaligen patriotischen 
Bestrebungen auf dem Gebiete der W T ohlthätigkeit und Aufopferung 
bildete und darin die Stelle der wenige Jahre zuvor aus dem Leben 
geschiedenen unvergesslichen Landesmutter zu ersetzen berufen war. 
Wenn nun auch der genannte Verein an der Spitze der äusserst zahl- 
reich im ganzen Lande gebildeten Frauen- und Jungfrauen- Vereine 
stand und von den meisten für die von ihm verfolgten Zwecke 
Beiträge erhielt, so ist damit aber keineswegs gesagt, dass er die 
alleinige und centrale Leitung aller übrigen im Staate vorhandenen 
Vereine gehabt habe. Vielmehr fand eine Centralisation, wie sie heut- 
zutage möglich geworden ist, noch nicht statt, war auch nach der 
damaligen Lage des Tjandes, der Kriegs- und Verkehrs- Verhältnisse 
wohl kaum denkbar; vielmehr suchten diejenigen Vereine, an welche 
die Kriegsnoth aus nächster Nähe herantrat, ihr soweit sie dazu im 
Stande waren, selbstständig und mit eigenen Mitteln und Kräften ab- 
zuhelfen. Hierzu aber hatten die meisten Vereine, in Berlin sowohl 
als in den Provinzen, eine nur zu reichliche Gelegenheit, da nur 
wenige der damaligen Provinzen des Staates im Jahre 1813 von 
kriegerischen Ereignissen innerhalb ihrer Grenzen ganz verschont 
blieben, vielmehr alle von der Last des neubegonnenen Krieges 
gleichmässig bedrückt wurden. Allerorts übten die Vereine, theils 
unmittelbar und selbstthätig ihr Unterstützungswerk aus, theils be- 
schränkten sie sich, wenn ihr Sitz vom Kriegsschauplatz zu weit 
entfernt war, auf Sendungen dorthin. 

Die Hülfsbestrebungen, wie sie nun in den Kriegen 1812 — 15 zu 



— 188 — 

verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten in mannigfaltigster 
Weise zum Ausdruck gelangten, waren folgende: 

1. Man leistete eifrig Hülfe beim Transport Kranker und Ver- 
wundeter vom Schlachtfelde in die Lazarethe und von diesen in das 
Land hinein. Man suchte durch die schon damals in Gebrauch ge- 
zogene systematische Kranken- und Verwundeten -Zerstreuung die 
Ueberfüllung einzelner Orte zu verhüten und durch die Vertheilung 
der Patienten über grössere Landstriche sowohl jene unter günsti- 
gere Verhältnisse zu bringen, als den Bewohnern der Lazareth-Orte 
die Last zu erleichtern. Auch Beispiele von Hülfsleistung auf dem 
Schlachtfelde selbst liegen vor, wenn freilich auch nur sehr wenige; 
sie betreffen Ausfalls-Gefechte bei der Belagerung von Kolberg, die 
Schlachten bei Gross-Görschen, Gross-Beeren, Leipzig, Belle-Alliance, 
wo durch Aufsuchen, Laben, Verbinden, Unterstützen und Transpor- 
tiren der Hülflosen nach benachbarten Unterkunftsorten durch Aerzte 
und Chirurgen sowohl, als durch andere Personen den leidenden 
Kriegern die grösste Wohlthat erwiesen wurde. 

2. Die Beihülfe bei der Einrichtung von Noth- und dauernden 
Lazarethen; Unterstützung der eingerichteten Lazarethe mit ärzt- 
lichem und Pflege-Personal, Geld und Naturalien, Sammlung der 
letztgenannten Gegenstände und ihre Versendung nach entfernten Laza- 
rethen . 

Besonders thätig war die freiwillige Hülfe in den verschiedenen 
Provinzial-Lazarethen, in denen die Civilärzte und Professoren der 
Universitäten freiwillig die Behandlung der Verwundeten, und die 
Frauen und Jungfrauen die Pflege übernahmen. 

Besonders gesorgt wurde für die Beköstigung und Bekleidung 
der Kranken und für die Einrichtung und Ausstattung der Lazarethe. 
Von der Pietät gegen die Verstorbenen legt die Errichtung eines ge- 
meinsamen Denkmals für Alle, die in den Lazarethen eines Orts 
(Potsdam) gestorben waren, ein schönes Zeugniss ab. 

3. Die Aufnahme Kranker und Verwundeter in Privathäuser, die 
Umwandlung solcher in Lazarethe, die Errichtung von Privat- (Ver- 
eins)-lazarethen. Endlich kam es auch vor, dass kranke oder ver- 
wundete Soldaten in schon bestehende Civil-Krankenhäuser , nament- 
lich solche, die geistlichen Genossenschaften angehörten, von den 
Vorständen freiwillig aufgenommen und von ihnen verpflegt wurden. 

4. Die Unterstützung der zurückgebliebenen Familien der ins 
Feld gerückten Soldaten und Landwehrmänner. 

5. Die Unterstützung der ins Feld rückenden oder im Felde 
stehenden Truppen. 



— 189 — 

6. Die Versorgung der Invaliden und der Wittwen und Waisen 
der Gefallenen. 

7. Die Unterstützung der Kriegsgefangenen und endlich 

8. Die Unterstützung der durch den Krieg verarmten oder in 
Noth gerathenen Landcs-Bewohner theils mit Geld, theils mit Natu- 
ralien, namentlich aber mit Getreide und Nahrungsmitteln. — 

Die Vereine wurden fast durchweg von Frauen gebildet; meistens 
aber standen ihnen männliche Berather und Geschäftsführer, in 
einigen Fällen auch Männer- Vereine zur Seite; viel seltener waren 
die lediglich aus Männern bestehenden Vereine. Die Ausrüstung und 
Ausstattung unbemittelter freiwilliger Krieger und die freiwillige 
Krankenpflege war ja auch in vorwiegendem Masse eine Thätigkeit 
der Frauen, während ein grosser Theil der Männer, selbst solcher in 
reiferem Alter, in der Landwehr und im Landsturm die Waffen er- 
griffen hatte. — 

Diese kurze Uebersicht mag über die Organisation der freiwilligen 
Krankenpflege in den Freiheitskriegen orientiren. Mit hoher Bewun- 
derung muss es uns erfüllen, wenn wir erwägen, dass in diesen 
'Kriegsjahren mehr als 5y 2 Millionen Thaler an freiwilligen Beiträgen 
aus dem Lande eingegangen waren, von denen 1978177 Thaler zu 
Wohlthätigkeitsz wecken, darunter 1169787 Thaler für die Kranken- 
pflege im strengsten Sinne des Wortes verwendet wurden, dass über 
49000 Freiwillige, darunter über 19000, die sich selbst ausgerüstet 
hatten, zu den Fahnen eilten, und dass ausserdem 180000 Mann 
Landwehr gestellt und mit einem Kostenaufwande von 4780000 Tbalern 
ausgerüstet und unterhalten werden mussten. Zudem erscheint neben 
der Menge der gestellten Streiter die Gesammtsumme aller frei- 
willigen und ausgeschriebenen Leistungen und Beiträge im Belaufe 
von 10292310 Thalern für die damalige Zeit und die kleine Be- 
völkerung des Staates so hoch bedeutend, dass wir bekennen müssen, 
wie die damals gebrachten Opfer hoch über denen späterer Zeit stehen, 
um so mehr, als doch auch ungeheure Summen als Kriegskontributionen 
von den französischen Generalen erpresst wurden. Es giebt Provinzen 
und Städte, die heute, nach fast 100 Jahren, noch an den Kriegs- 
lasten aus jener Zeit zu tragen haben. 



Erfolge. Statistisches. 

Ueber das Resultat der Krankenpflege in den preussischen Laza- 
rethen ist aus den Kriegsjahren 1813/14, um von den vorhergehenden 



— 190 — 

ganz zu schweigen, nur Einzelnes offiziell bekannt geworden, durch 
Preussische Militärärzte aber leider gar nichts veröffentlicht worden. 

Nach dem Wenigen, das zur öffentlichen Kenntniss gekommen 
ist, fallt A. L. Richter (Geschichte des Medizinalwesens der Königl. 
Preussischen Armee, 1860) folgendes (Jrtheil: 

Die erste Hülfe, welche den Verwundeten geleistet werden konnte, 
war eine höchst mangelhafte, da sie oft ganz ausblieb, weil die 
fliegenden Lazarethe zunächst nicht in genügender Anzahl vorhanden, 
dann aber viel zu schwerfällig waren, um den Truppen überall hin 
folgen zu können; schliesslich fehlte es noch an Transportmitteln für 
die Verwundeten. Neun fliegende Feldlazarette konnten den Anfor- 
derungen der Preussischen und Russischen Armee, welch' letztere 
überhaupt keine Feldlazarethe mit sich führte, nicht genügen. Es 
war auf 10000 Mann ursprünglich eben nur 1 leichtes Feldlazareth 
berechnet, die Preussische Armee wuchs aber nach dem Waffenstill- 
stände auf 180— 200000 Mann und hätte allein 18—20 solcher An- 
stalten haben müssen. 

Wegen der Schwerfälligkeit der fliegenden Lazarethe war die 
erste Hülfe auf die kärgliche Zahl der Truppenärzte beschränkt, wobei- 
es noch häufig an den Medizinkarren fehlte, welche auf Befehl der 
Kommandeure zurückgelassen werden mussten oder abgeschnitten 
worden waren. 

An Transportmitteln befanden sich (s. oben S. 180 f.) bei der 
Armee von den 12 unter Friedrich Wilhelm H. angeschafften elasti- 
schen Krankentransportwagen nach englischem Muster nur noch 3. An 
requirirten Wagen wird es wohl in der Regel gefehlt haben. 

Aus diesen Gründen können die haarsträubenden Schilderungen 
von der Hülflosigkeit, in der sich die Verwundeten und die Militär- 
spitäler so mancher grossen Armee während der Napoleonischen Kriege 
befanden, nicht befremden. Sie mögen hier übergangen werden; nicht 
unerwähnt aber soll der Bericht bleiben, den der berühmte Dr. Reil 
wenige Tage nach der Schlacht bei Leipzig an den Freiherrn von Stein 
gerichtet hat. Der Bericht lautete: 

Leipzig, den 26. Oktober 1813. 
„Ew. Excellenz haben mich beauftragt, Ihnen einen Bericht über 
meinen Befund der Lazarethe der verbündeten Armeen am diesseitigen 
Eibufer einzureichen. Ich thue dies um so williger, als in dieser 
thatenreichen Zeit auch die Unthaten nicht für die Geschichte ver- 
loren gehen dürfen. Ich kam am 22. Oktober früh in Halle an, fand 
diesen von allen Seiten gepressten Ort mit mehr als 7000 Kranken 



— 191 — 

überladen, und noch strömten immer neue vom Schlachtfelde bei 
Leipzig zu. Ich ordnete für die Verwundeten an, was im Augen- 
blicke das Dringendste war, fand jeden Einwohner bereit, meine Vor- 
schläge zur Hülfe der Unglücklichen ins Werk zu richten, und eilte 
nach Leipzig zu, um dessen Lazarethen, die wie ein Vulkan ihre 
Kranken nach allen Seiten hin ausspieen und alle guten Anordnungen 
in ihren Umgebungen wieder vernichteten, eine zweckmässigere Ab- 
leitung zu verschaffen. 

Auf dem Wege dahin begegnete mir ein ununterbrochener Zug 
von Verwundeten, die wie die Kälber auf Schubkarren ohne Stroh- 
polster zusammengeschichtet lagen und einzeln ihre zerschossenen 
Glieder, die nicht Raum genug auf diesem engen Fuhrwerke hatten, 
neben sich herschleppten. Noch an diesem Tage, also 7 Tage nach 
der ewig denkwürdigen Völkerschlacht, wurden Menschen vom Schlacht- 
felde eingebracht, deren unverwüstliches Leben nicht durch Verwun- 
dungen, noch durch Nachtfröste und Hunger zerstörbar gewesen war. 

In Leipzig fand ich ungefähr 20000 Verwundete und kranke 
Krieger aller Nationen. Sie liegen entweder in dumpfen Spelunken, 
in welchen selbst das Amphibienleben nicht Sauerstoffgas genug finden 
würde, oder in scheibenleeren Schulen und wölbischen Kirchen, wo 
die Kälte der Atmosphäre in dem Masse wächst, als ihre Verderb- 
niss abnimmt, bis endlich einzelne Franzosen noch ganz ins Freie 
hinausgeschoben sind, wo der Himmel das Dach macht und Heulen 
und Zähneklappen herrscht. An dem einen Pol tödtet die Stickluft, 
an dem anderen reibt der Frost die Kranken auf. Bei dem Mangel 
öffentlicher Gebäude hat man dennoch auch nicht ein einziges Bürger- 
haus den gemeinen Soldaten zum Spitale eingeräumt. An jenen Orten 
liegen sie geschichtet wie die Häringe in ihrer Tonne, alle noch in 
den blutigen Gewändern, in welchen sie aus der heissen Schlacht 
herbeigetragen sind. 

Unter 20000 Kranken hat auch nicht ein einziger ein Hemd, 
Betttuch, Decke, Strohsack oder Bettstelle erhalten." 

Von den Verwundeten sagt Reil: „Ihre Glieder sind wie nach 
Vergiftungen furchtbar aufgelaufen, brandig und liegen in allen Rich- 
tungen neben den Stümpfen. Daher der Kinnbackenkrampf in allen 
Ecken und Winkeln, welcher um so mehr wuchert, als Hunger und 
Kälte seiner Hauptursache zu Hülfe kommen. 

Viele sind noch gar nicht, andere wieder nicht alle Tage ver- 
bunden. Die Binden sind zum Theil aus grauer Leinwand, aus Dürren- 
berger Salzsäcken geschnitten, die die Haut mitnehmen, wo sie noch 
ganz ist, In einer Stube stand ein Korb mit rohen Dachschindeln 



— 192 — 

zum Schienen der zerbrochenen Glieder. Viele Amputationen wurden 
versäumt, andere von Unberufenen gemacht. 

An Wärtern fehlte es ganz. Verwundete, die nicht aufstehen 
können, müssen Koth und Urin unter sich gehen lassen und faulen 
in ihrem eigenen Unrathe an. 

Dazu kommt unzureichende Kost. Die Fleischportion wog für 
den Tag 2 — 4, das Brot ungefähr 8 — 12 Loth u. s. w." 

Die in dieser Schlacht gemachten trüben Erfahrungen führten zu 
der schon erwähnten Kabinetsordre vom 5. Januar 1814, durch welche 
die Errichtung der 12 Transportkompagnien befohlen wurde. Bevor 
aber noch alle diesbezüglichen Anordnungen durchgeführt waren, wurde 
unter dem 22. Juli desselben Jahres der ministerielle Befehl ertheilt, 
die Transportkompagnien aufzulösen, „weil die Umstände sich geändert 
hätten und die Formation nicht genug vorgeschritten sei". — 

Ueber die Wirksamkeit der Lazarethe im Kriege entscheidet die 
Zahl der Todten nur ganz im Allgemeinen, denn die Art der Ver- 
wundungen, die Bösartigkeit der Epidemien, die Beschaffenheit der 
Anstalten selbst und viele andere ausser der Macht der xAerzte liegende 
und mit einem Kriege unzertrennliche Einflüsse lassen das Ziehen 
einer Parallele mit den Leistungen in den Friedenslazarethen in Betreff 
der Genesung und Sterblichkeit nicht zu. 

Es fanden sich Ende Juli 1813 in sämmtlichen Feld-, Reserve- 
und Provinziallazarethen : 

2103 Verwundete 
und 4183 Kranke, 



in Summa 


6286 Kranke 


und Verwundete. 


Dazu kamen : 












im August 1813 


5 996 


Kr 


anke 


und 


Verwundete, 


,, September „ 


. 17513 




ii 


55 


55 


„ Oktober „ 


. 18930 




55 


55 


55 


„ November „ 


. 15121 




55 


55 


55 


„ Dezember „ 


. 16104 




55 


55 


55 


„ Januar 1814 


. 20004 




55 


55 


55 


„ Februar „ 


. 14840 




55 


55 


55 


„ März „ 


. 19171 




55 


55 


55 


in Summa: 127 679 


Kranke 


und 


Verwundete. 



Totalsumme: 133965 Kranke und Verwundete. 



11 


11 


ii 


11 


n 


ii 


11 


ii 


n 



— 193 — 

Es sind in dieser Periode abgegangen: 

1. als geheilt . . 84805 Kranke und Verwundete, 

2. „ gestorben . . 15 748 

3. „ vermisst . . 394 

4. „ invalide . . 3177 

In Summa: 104124 Kranke und Verwundete. 

Bestand blieben im März 1814: 29841 Kranke und Verwundete, 
davon waren krank 6422, 
und verwundet 23419, 
29841. 

Es sind hiernach von den obigen in die preussisehen Lazarethe 
gebrachten 133965 Kranken und Verwundeten dem Dienste zurück- 
gegeben 84 805, aus den dienstthuenden Reihen ausgeschieden 19319 
und der 9. Mann gestorben. 

Graefe berichtet, dass in den seiner Obhut übergebenen Laza- 
rethen nur 8 pCt. gestorben und 3 pCt. invalidisirt worden seien. — 

Bei Weitem ungünstiger war das Resultat der Behandlung in den 
Zivilhospitälern einiger anderen deutschen. Staaten, welche sich jeden- 
falls zu ihrem Nachtheile jeglicher Einmischung der Zentralverwaltung 
entzogen hatten, indem sie nicht nur jedes Eintreten in ein gemein- 
sames deutsches Verhältniss als einen Einbruch in die Würde ihrer 
Souveränität erachteten, sondern zum Theil auch Verwundete und 
Kranke der deutschen Armeen, welche nicht ihrem eigenen Gebiete 
angehörten, auf das Grausamste zurückwiesen. Dabei unterhielten 
sie auch die für ihre eigenen Landeskinder bestimmten Lazarethe 
in so jämmerlichem Zustande, dass die Sterblichkeit darin eine er- 
schreckende Höhe erreichte (E. Richter). Soll man Dorow's Mit- 
theilungen Glauben beimessen, so starben in einigen derartigen Spi- 
tälern im Herbste 1813 der 2., in den meisten aber der 3. und 
4. Verwundete und Kranke, und gingen, wie Dorow wörtlich anführt, 
somit von 100 Soldaten nur 50, QQ — 75 wieder zur Armee und 25, 
34—50 ins Grab. 

Anderen Mittheilungen zufolge starben in einem Lazarethe bei 
der Plassenburg, sechs Stunden vor Bayreuth, von 1151 Kranken 
492, in Bamberg von 2412 Kranken 702, in Mannheim von 13 000 
Kranken 3347, welche Nachricht von Dr. Jung daselbst jedoch als 
unrichtig nachgewiesen ist. 

Dagegen findet man von den stehenden Spitälern Norddeutschlands 
angegeben, dass z. B. in Berlin in den Jahren 1813/15 in den Laza- 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sauitätsw. 18. Heft. i o 



— 194 — 

rethen am Sohlesischen Thore nur 5 5 /; pCt., im Provinziallazareth da- 
selbst ß 3 /^, in ßernburg 7 pCt., in Bremen 5 pCt. starben. 

Diese wenigen Notizen werden hinreichen, wenigstens im All- 
gemeinen ein Bild von der Sanitätspflege im Feldzuge 1813/14 zu geben. 

Interessant dürfte es sein, im Anschluss hieran einen Blick auf die fran- 
zösische Statistik zu werfen, welche nach den Schlachten bei Lützen und 
Bautzen (1813) am 30. Juni 1813 angeordnet und am 2. August desselben Jahres 
dem Kaiser von Larrey überreicht wurde. 

Der berühmte Chirurg hatte, wie er in seinen Denkwürdigheiten mittheilt, 
in Erfahrung gebracht, dass von ungefähr 22000 Verwundeten, welche die Schlachten 
und Gefechte der verschiedenen Korps der grossen Armee mit Einschluss der Garde 
seit dem 1. Mai 1813 bis zum folgenden 1. Juni geliefert hatten, ungerechnet die 
den feindlichen Armeen zugehörigen und in die französischen Lazarethe aufge- 
nommenen Verwundeten, 14084 Mann am 30. Juni 1813 untersucht worden waren. 

Es hat sich daraus ergeben, dass 6703 Offiziere und Soldaten geheilt zur 
Truppe zurückgekehrt, dass 4027 in einem verschiedenen Zustande der Dienst- 
unfähigkeit begriffen, an das Artillerie-, Train- und Krankenwärterpersonal bereits 
abgegeben waren oder es nächstens werden sollten; dass endlich 3354 für durchaus 
dienstunfähig oder vollkommen invalide erklärt worden waren. Von diesen 3354 
waren 761 an einem oder zwei Gliedern amputirt worden, bei 220 war der Arm 
im Gelenke abgenommen worden. 

Von den von der obigen Hauptsumme von 22000 fehlenden 7916, deren Pflege 
aufgehört hatte, ehe die allgemeine unter dem 30. Juni angeordnete Untersuchung 
stattfand, waren wahrscheinlich 3000 geheilt. 2500 völlig oder theilweise dienst- 
fähig entlassen worden und 2400 gestorben. 

(Jeber die Behandlungsresultate der deutschen Verwundeten und 
Kranken in dem Feldzuge 1815 ist amtlich nichts veröffentlicht worden, 
lieber die Grösse der Sterblichkeit in den preussischen Spitälern 
Frankreichs, der Niederlande und am Rhein sind jedoch von Graefe 
und Kieser Mittheilungen erschienen, die einen Einblick in ärztlicher 
Hinsicht in diese Zeit gestatten. 

Dem Professor Graefe war die Formation der gesammten Re- 
servelazarethe und die Leitung des Lazarethwesens im Gouvernement 
zwischen der Weser und dem Rhein, in Holland und den Niederlanden 
bis zum 8. Dezember 1815 übertragen gewesen, worauf der Divisions- 
General-Chirurg Peter söhn sie am Rhein übernahm. Das Resultat 
der Behandlung in diesen Lazarethen unter Graefe 's Leitung fiel 
natürlich noch günstiger aus, als in dem anderen Feldzuge, da in die 
unter seiner Direktion stehenden Lazarethe die gefährlichsten Ver- 
letzungen und Erkrankungen, wie damals, nicht kommen konnten. 
Es wurden vom 10. Juli bis 31. Oktober 1815 unter seiner Leitung 
16 954 Individuen behandelt, von denen nur 621, also 3 pCt. starben 
und 11 871 mit Einschluss von 1480 Invalidisirten genasen, 4462 
aber an den Nachfolger zur Behandlung übergingen. 



— 195 — 

Es wurden in sämmtlichen preussischen Militär] azarethen von 
Memel bis Evreux, gegen 60 an der Zahl, im Juni, Juli und August 
1815 an Verwundeten und Kranken verpflegt 42 092. 
Bestand am 1. Juni 1815 3 410 
Zugang 13 226 



Summe 


16 636 


Bestand am 1. Juli 1815 


10 137 


Zugang 


15 613 


Summe 


25 750 


stand am 1. August 1815 


12 998 


Zugang 


9 843 


Summe 


22 841 


Genesen sind 29 165 


Invalide 


626 


Gestorben 


948 


Vermisst 


60 


Summa 30 799 



Diese Summe von 42 092 in Abgang gebracht, bleiben am 
1. September 1815 Bestand 11293 Mann. 

Es sind somit gestorben 1 Mann von 44,40 Verpflegten, und 
das Verhältniss der Gestorbenen zu den Genesenen beträgt 1 : 30,76. 

Ausser den 42 092 Mann waren aus Mangel an Lazarethlokalen 
noch 4—5000 Leichtverwundete, sowie die meisten bei den Bürgern 
einquartiert. Von diesen sind nur sehr wenige gestorben, so dass das 
Verhältniss der Gestorbenen zu den Verpflegten wie 1 : 48 und zu 
den Genesenen wie 1 : 34 sich herausstellt. 

Als Ursache dieser geringen Sterblichkeit wird besonders ange- 
führt die Zerstreuung der Verwundeten nach den Schlachten vom 
16. und 18. Juni 1815, welche sich auf 15—20 000 belaufen haben 
mögen, in die Lazarethe von Namur bis Münster. 

Ueber die Verluste in den Hauptschlachten unserer Epoche mag 
umstehende, dem Werke von E. Richter entnommene Tabelle Auf- 
schluss geben. — 



ö v 



Nach Beendigung der Freiheitskriege wurde, fussend auf eine 
reiche Erfahrung, an der Entwicklung des Königlich Preussischen 
Heeres-Medizinalwesens rastlos weiter gearbeitet, ebenso aber auch 
an der Ausbildung und Vervollkommnung des ärztlichen 
Standes überhaupt. 

Ein grosser Gewinn erwuchs der Armee durch Zulassung der 
Aerzte und Wundärzte zur Ableistung ihrer allgemeinen Dienstpflicht 

13* 



— 196 — 



Name und Datum der 
Schlacht 


Zahl der Streiter 


A'erlust an 
Todten und 
Verwundeten 


%-Verhält- 
niss der Ver- 
lustmenge zur 
Zahl der 

Kämpfenden 


Ver- 

misst 


einschl. 
Ver- 

misste 

pCt. 


Märengo, 14. 6. 1800 






Total 25 






Austerlitz, 2. 12. 1805 


Verbündete 83 000 


30 000 


36 


— 


— 


Erlau. 8. 2, 1807 


Russen 60 000 


20 000 


33 


— 


— 


Aspern, 21. u. 22. 5. 1809 


Oesterreicher 75 000 


20 500 


27.3 


— 


— 


Smolensk. 17. 8. 1812 


Franzosen 180 000 


20 000 


11 


— 


— 


Borodino, 7. 9. 1812 


Total 250 000 


83 000 


Total 33 


— 


— 


Gross-Görsehen. 2. 5. 1813 


Verbündete 54 000 


10 000 


18,5 


— 


— 


Bautzen. 20. u. 21. 5. 1813 


Franzosen 120 000 


25 000 


20.8 


— 


— 


Dresden, 26. u. 27. 8. 1813 


Verbündete 150 000 


15 000 


10 


— _ 


— 


Katzbach. 26. 8. 1813 


Franzosen 75 000 


12 000 


16 


18 000 


40 


Denncwitz. 6. 9. 1813 


Verbündete 50 000 


9 000 


18 


— 


— 


Leipzig, 16.— 19. 10. 1813 


^Verbündete 290 000 
\Franzosen 145 000 


52 000 
30 000 


17.9 
20,7 


~ 


— 


Ligny. 16. 6. 1815 


/Preussen 83 000 
\Franzosen 60 000 


12—18 000 
8—11000 


14.4—21.7 
13.3—18.3 


— 


— 




(Briten 24 000 


7 000 


29.1 


— 


— 


Belle- Allianee, 18. 6. 1815 


l Deutsche 30 000 


4 800 


16 


— ■ 


— 




(Franzosen — 


— 


über 33 




— 



durch ein- und dreijährigen Dienst in ihrer Eigenschaft als Arzt in 
Folge Kabinets-Ordre vom 7. August 1820. 

Der fühlbare Mangel an Chirurgen sowohl für das Militär als das 
Civil gab die Veranlassung zur allmählichen Einrichtung von medizinisch- 
chirurgischen Lehranstalten (Schulen) in den Provinzen vom Jahre 
1822 an, und zwar zu Breslau, Magdeburg, Königsberg, Münster und 
Greifswald, auf welchen junge Leuten mit den Vorkenntnissen eines 
Tertianers Vorlesungen und Unterstützungen während eines Lehrkursus 
von 2 — 3 Jahren erhielten. Speziell konnten sich junge Leute dem 
Studium der Chirurgie allein widmen. 

Durch ministerielle Bestimmung vom 23. Juli 1825 wurde von 
den Medizin und Chirurgie Studirenden das Zeugniss der Reife ver- 
langt und nun nahm das Studium der Chirurgie in Verbindung mit 
der Medizin auf den Universitäten einen nie geahnten xiufschwung, 
und jene suchte als Schwester der Medizin ihre Ebenbürtigkeit immer 
mehr geltend zu machen. Der Staat beförderte diese Richtung durch 
Anstellung von tüchtigen Lehrern für die Chirurgie, Errichtung von 
chirurgischen Kliniken und durch Verleihung von Vorrechten bei An- 
stellungen und Beförderungen im ärztlichen Civildienste an die pro- 
niovirten Mediko-Chirurgen gegenüber den medicis puris. Sehr 
förderlich waren ferner in dieser Hinsicht die Einführung des Quadri- 
enniums durch Kabinets-Ordre vom 26. November 1825, die mittelst 
Kabinets-Ordre vom 26. Juni 1825 sanktionirte Klassifikation des 



— 197 — 

ärztlichen Personals und das damit in Verbindung stehende Prüfungs- 
reglement vom 1. Dezember 1825, das grössere Ansprüche an die 
Wissenschaftlichkeit des Heilpersonals stellte, und dies ohne Rück- 
sicht darauf, ob es seine Dienste beim Militär oder Civil nehmen 
wollte, wodurch somit auch der „Kursus auf die Armee" und jeder 
Unterschied zwischen Militär- und Civilarzt in der Wissenschaft für 
alle Zeiten aufgehoben wurde. — 

Nachfolger Goercke's waren nach seinem Ausscheiden (1822) 
Wiebel als erster und Büttner als zweiter Generalstabsarzt geworden. 
Die General-Chirurgen Graefe, der nach dem Feldzuge in sein Verhält- 
niss als Professor der Universität zurückgetreten war, und Rust, 
jetzt dem 3. Armeekorps als Divisions-General-Chirurg angehörig, 
wurden, nachdem sie ihre Ansprüche für die Verdienste im Felde 
geltend gemacht hatten, ebenfalls, und zwar zum 3. und 4. General- 
stabsarzt ernannt; Chef dagegen blieb Wiebel. 

Von der Wichtigkeit der Sache überzeugt, machte bei der Aus- 
arbeitung eines Mobilmachungsplanes für die Jahre 1830 — 31 die hier- 
zu eingesetzte Kommission wiederum den Vorschlag zur Errichtung 
von 27 besonderen „Krankenträger-Kompagnien", je drei für 
ein Armeekorps, aber auch jetzt wieder wurde er „bei den grossen 
anderen Leistungen als schwer thunlich" fallen gelassen. 

Einen grossen Fortschritt für das Militär-Sanitätswesen bedeutete 
die auf Vorschlag Wie bei 's und des kommandirenden Generals 
von Grolmann am 17. März 1832 gegebene Kabinets-Ordre, welche 
befahl, dass von jeder Kompagnie und Eskadron eine geeignete Person 
in der Ausübung niederer ärztlicher Verrichtungen zur Unterstützung 
der Aerzte behufs Behandlung einer grösseren Zahl von Kranken und 
Verwundeten in den Garnisonlazarethen unterrichtet werden sollte, 
eine Einrichtung, die in Russiand längst bestand und durch welche 
nunmehr das Institut der Chirurgengehülfen und späteren Lazareth- 
gehülfen bezw. Sanitätsmannschaften begründet wurde. 

Die Mängel aber, die sich in den Freiheitskriegen überall fühlbar 
gemacht hatten, und vor Allem die Thatsache, dass trotz der Umsicht 
eines Ribbentrop und Goercke die Feldlazarethe ihren Aufgaben 
nicht völlig gewachsen und besonders die fliegenden Lazarethe nicht da 
gewesen waren, wo sie hätten sein müssen, um die erste Hülfe zu 
gewähren, drängten mit aller Macht auf die Umgestaltung des Feld- 
lazarethwesens hin. Man untertiess daher auch nicht, im Ministerium 
eine Reorganisation des Feldlazarethwesens und ein Lazarethreglement 
für den Krieg vorzubereiten, wobei von Ribbentrop als Mitglied 
des Kriegsministeriums thätig war, und Wiebel als nunmehriger Nach- 



— 198 — 

folger Goercke's mitwirkte. Die Julirevolution im Jahre 1830 in 
Frankreich forcierte zu grösserem Ernste auf und beschleunigte die 
Arbeiten. So erfolgte im Jahre 1834 die Herausgabe eines neuen 
Feldlazareth-Regleuients in zwei starken Bänden unter dem 
Titel „Vorschriften über den Dienst der Krankenpflege im Felde bei 
der Königlich Preussischen Armee". 

Danach waren für jedes Armeekorps drei leichte für je 200, 
und drei schwere Feldlazarethe für je 600 Kranke bestimmt. Erstere 
sollten sich an die erste und zweite Infanterie- und an die Kavallerie- 
Division anschliessen, das erste schwere Lazareth aber dem Korps so 
folgen, dass es nur einen Tagemarsch von dem ihm attachirten leichten 
entfernt blieb, worauf auch die beiden anderen schweren sobald als 
möglich folgen sollten. 

Der Zweck der leichten Feldlazarethe war nur die Leistung der 
ersten Hülfe, theils unmittelbar auf dem Schlachtfelde, theils in 
dessen Nähe, und zwar für die Zeit, bis entweder ein schweres 
Lazareth herangekommen oder der Transport der Verwundeten in ein 
solches möglich sei. Zu diesem doppelten Zweck zerfiel ein leichtes 
Lazareth nunmehr in die „fahrende Abtheilung" und in das „Depot". 
Nur bei längerer Waffenruhe sollten sie den Dienst eines schweren 
Lazareths übernehmen, zu welchem Zweck ihnen dann noch der er- 
forderliche Bedarf an Arzneien und Utensilien für 2 — 300 Kranke zu 
überweisen sei. In dem Etat der leichten Lazarethe befand sich 
schon ein Verbindezelt; für den Transport waren zwei vierspännige 
Kranken-Transportwagen vorgesehen . 

Vorgesetzte Behörde der Lazarethe eines jeden Korps war je 
ein „Feldlazareth-Stab", welcher die Verwaltung nach den be- 
stehenden Regulativen, Verordnungen und Dienstanweisungen, sowie 
nach den Vorschriften und Instruktionen des Intendanten und des 
Generalarztes des Korps anzuordnen, zu leiten und zu beaufsichtigen 
hatte. Der Stab bestand aus 3 Mitgliedern, deren jedem ein be- 
sonderer Wirkungskreis angewiesen wurde, worin er als Vorsteher 
seines Ressorts unter eigener Verantwortlichkeit die Geschäfte führte. 

Es bildeten den Feldlazareth-Stab: 1. ein Oberstabsarzt, dem die 
Leitung sämmtlicher ärztlichen, chirurgischen und pharmaceutischen 
Angelegenheiten zufiel; 2. ein Kapitän, der den gesammten Feld- 
lazareth-Train, die militärische Polizei und die Sicherheit der Feld- 
lazarethe, die Disziplin der darin befindlichen Kranken und Ver- 
wundeten, die Anordnungen wegen Aufnahme und Transport der 
Kranken und die Kontrolle über das von ihnen in die Feldlazarethe 
mitgebrachte königliche und private Eigenthum zu leiten und zu be- 



— 199 — 

aufsichtigen hatte, und 3. ein Ober-Feldlazareth-Inspektor, dem die 
Leitung und Kontrolle über säramtliche Oekonomie-, Kassen- und 
Rechnungs- Angelegenheiten zufiel. Ausserdem waren jedem Mitgliede 
des Feldlazareth-Stabes die Beamten seines speziellen Wirkungskreises 
untergeordnet. 

Zur Verwaltung eines jeden schweren und leichten Feldlazareths 
unter dem Feldlazareth-Stabe war eine Behörde unter der Benennung 
„Feldlazareth-Verwaltung" bestimmt, die aus einem Stabsarzte, 
einem Offizier und einem Inspektor zusammengesetzt war. Wie beim Stabe 
wurde auch jedem Mitgliede dieser Verwaltung sein Geschäftskreis 
unter eigener Verantwortlichkeit übertragen. Neben dem ersten war 
in jedem Lazareth ein zweiter Stabsarzt thätig, ausserdem waren für 
jedes leichte 4 und jedes schwere Lazareth 3 Oberärzte und 4 bezw. 
18 Lazareth-Chirurgen bestimmt, welche dem ersten Stabsarzt unter- 
geordnet waren und seinen Befehlen unbedingt Folge zu leisten hatten. 

Besondere Bestimmungen betrafen den Bedarf an Lebensmitteln, 
mit denen sich ein leichtes Feldlazarett] zur Verpflegung von 200 
Kranken auf drei Tage versehen sollte, sobald es in den Bereich der 
Operationen der Truppen kam. Die Lebensmittel bestanden in ver- 
schiedenen Sorten Brotes und trockener Gemüse, in Mehl, Salz, Butter, 
Wein, Branntwein, Essig und 300 Pfund Fleisch, möglichst in leben- 
den Stücken mitzuführen, in Summa von 1570 Pfund Gewicht. Zur 
Fortschaffung stand ein vierspänniger Proviantwagen zur A 7 erfügung. 

Reichhaltig war in diesem Feldlazareth-Reglement die Nach- 
weisung von Verbandgegenständen, chirurgischen Instrumenten 
und Utensilien, unter denen jedoch mancher entbehrliche Gegenstand 
sich befand, und wiederum Mangel an anderen notwendigeren herrschte. 

Zum Fortbringen eines schweren Lazareths waren 9 Wagen, 
theils sechs-, theils vier-, theils zweispännig, bestimmt, während das 
leichte Feldlazareth ausschliesslich des für die Lebensmittel bestimmten, 
7 Wagen mit sich führte. 

Dieses Feldlazareth-Reglement, dem hinsichtlich seiner Abfassung 
die in den Kriegen 1812 — 15 gemachten schwerwiegenden Erfah- 
rungen zu Grunde lagen, war in Betreff der Organisation des 
Dienstes für das gesammte Personal als ein wesentlicher Fort- 
schritt zu bezeichnen.. Es überbürdete weder den Verpflegungs- 
beamten noch den Arzt, indem es die Pflichten auf ein grösseres 
Personal vertheilte, und stellte den Arzt, wenngleich nicht mehr 
Dirigent genannt, doch als die Hauptperson dar, welche für die Ver- 
pflegung der Verwundeten und Kranken verantwortlich blieb und 
daher die entscheidende Stimme hatte. 



— 200 — 

Der Feldlazareth-Stab. der sich in der Folge als eine zu schwer- 
fällige Behörde, ja als ein Hinderniss in der Verwaltung des Ganzen 
herausgestellt hatte, wurde im Mobilisirungsplan vom 10. April 1844 
wieder beseitigt und eine Zahl der Aerzte festgesetzt, wie sie un- 
gefähr der Etat für die Kriegsjahre 1812 — 15 enthalten hatte. 
Statt der drei schweren Lazarethe wurde für ein Armeekorps „ein 
Haupt-Feldlazareth" mit drei Abth eilungen bestimmt; die Zahl der 
leichten Feldlazarethe blieb dieselbe. Das Hauptlazareth sollte einen 
Oberstabsarzt als „ärztlichen Vorstand", 3 Stabsärzte, 9 Oberärzte und 
60 Lazareth-Chirurgen, das leichte 2 Stabsärzte, von denen der erste der 
ärztliche Vorstand war, 2 Oberärzte und 9 Lazareth-Chirurgen erhalten. 

Die Zahl der "Wagen blieb für ein leichtes, wie früher, 7 ; für 
das Haupt-Feldlazareth wurde noch ein Registraturwagen und statt 
3 zweispänniger Bandagenwagen deren 4 bewilligt. 

Mit dieser Abänderung kam das Feldlazareth-Reglement vom 
Jahre 1834 schon in den nächsten Feldzügen in Schleswig und Baden 
in Anwendung; es wurde jedoch kein Haupt-Feldlazareth, sondern 
nur zwei leichte Feldlazarethe mobil gemacht, welche als in sich ab- 
geschlossene Anstalten allein dastanden. 



Litteratur. 

(Vergl. auch die im Text angeführten Werke.) 

Derblich, W., Die Feldsanität, 1876. 

Fischer, H., Handbuch der Kriegschirurgie. 1882. 

Goercke, J., Kurze Beschreibung der bei der Preussischen Armee stattfindenden 
Krankentransportmittel für die auf dem Schlachtfelde Schwerverwundeten. 
1814. 

Graefe, C. F., Die Waffenbahre. 1824. 

Gurlt. E. . Geschichte der internationalen und freiwilligen Krankenpflege im 
Kriege. 1873. 

Königlich Preussisches Feldlazareth-Reglement vom 16. 9. 1787. 

Langenbeck, C. M., Nosologie und Therapie der chirurgischen Krankh. 1830. 

Larrey, J. D.. Denkwürdigkeiten. 1819. 

Richter, E., Chirurgie der Schussverletzungen im Kriege, 1877. 

Richter, A. L., Ueber Organisation des Feldlazareth-Wesens und von Transport- 
kompagnien für Verwundete. 1854. 

Richter, A. L., Geschichte des Medizinal-Wesens der Kgl. Preuss. Armee. 1860. 

vonRichthofen, Frhr., DieMedizinal-Einrichtungen d. Kgl. Preuss. Heeres. 1836. 

Schiffmann, J. G., Verhältnisse des Militärarztes. 1814. 

Vorschriften über den Dienst der Krankenpflege im Felde bei der Königlich 
Preussischen Armee. 1834. 

Wendt. J. C. Ueber Transportmittel der verwundeten und kranken Krieger. 1816. 




Christian Ludwig Mursinna. 



D B Lebensbeschreibungen. 



I. Christian Ludwig Mursiiina. 

(1744—1823.) 

Unter den hervorragenden preussischen Militär-Chirurgen, welche 
in der letzten Hälfte des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts 
eine überaus segensreiche Thätigkeit entfaltet haben, welche sich nicht 
nur um die Hebung und Entwickelung der preussischen Kriegschirurgie, 
sondern überhaupt auf sämmtlichen Gebieten der Chirurgie dauernde 
grosse Verdienste erworben haben, ist auch Mursinna zu nennen. Er 
bietet uns das klassische Beispiel eines Mannes, welcher, aus den 
dürftigsten Verhältnissen hervorgehend, mit mangelhafter Vorbildung 
und lange Zeit in stetem schwersten Kampfe ums Dasein stehend, 
jedoch erfüllt von einem geradezu bewunderungswürdigen Streben und 
einer innigen Liebe zu seiner Wissenschaft und zu seinem Berufe 
sich allmählich emporringt und sein hohes Ziel erreicht. — 
Christian Ludwig Mursinna wurde — wir folgen hier im Wesent- 
lichen einer von ihm selbst im Jahre 1811 aus Anlass seines 50jährigen 
Dienstjubiläums herausgegebenen Lebensbeschreibung — am 17. De- 
zember 1744 zu Stolp in Hinterpommern als Sohn eines armen Tuch- 
machers geboren. Nachdem er anfangs nur die „kleinen Schulen" 
besucht hatte, wurde er, da sein Talent und seine Neigung zu den 
Wissenschaften erkannt worden war, durch Vermittelung des Magistrats 
in die lateinische Schule geschickt, aus welcher er jedoch im 12. Jahre 
von seinem Vater behufs Erlernung des Tuchmacherhandwerkes heraus- 
genommen wurde. Mursinna setzte jedoch nebenbei seine Studien 
weiter fort, widmete sich auch der Poesie und wusste es von Neuem 
beim Magistrat — durch ein Gedicht auf diesen — durchzusetzen, dass 
er die Chirurgie erlernte. Er wuide zu diesem Zwecke zuerst bei dem 
Bader Einsiedel in Stolp in die Lehre gegeben, von welchem er nach 
einem Jahre, und nachdem er alle Unannehmlichkeiten der Stellung eines 
Barbierlehrlings in reichstem Masse gekostet hatte, zu dem berühmten 



— 202 — 

Stadtchirurgus Krugschenk in Kolberg kam. Hier machte er die 
drei Belagerungen (1758 — 1760) mit durch und wurde, als ihm 
sein zweiter Lehrherr 1759 durch eine Bombe getödtet worden war, 
einem dritten. Hein, übergeben, welcher „der dümmste von allen" 
war. Das Ende der dritten Belagerung Kolbergs war auch zugleich 
die Beendigung seiner Lehrzeit, worauf er — ohne Gehalt — in den 
preussischen und russischen Lazarethen bis zum Frieden beschäftigt 
wurde. 

Am 5. März 1761 wurde Mursinn a dann durch den damals in 
Stettin stehenden General-Chirurgus Theden zum förmlichen Lazareth- 
Chirurgus ernannt. Nach kurzer Kommandirung zu einem Feldlazareth 
in Stettin wurde er im Mai desselben Jahres in das Feldlazareth 
Berlin versetzt. Hier besuchte er fleissig die chirurgischen Lehr- 
anstalten und schwur am Altar der Domkirche, nicht eher zu rasten, 
als bis er Professor würde. Bereits nach kurzer Zeit wurde er je- 
doch wieder abkommandirt, und zwar zuerst nach Torgau, darauf zu 
der ßelagerungsarmee von Schweidnitz. Es gelang ihm während 
dieser Zeit, den vollsten Beifall von Cothenius. Theden und 
Schmucker zu erringen, so dass ihm stets die am schwersten Ver- 
wundeten — von Schmucker speziell die Kopfverletzungen — 
zur Pflege übergeben wurden. Die übermässigen Anstrengungen, 
denen er sich bei seinem grossen Pflichteifer in der Yerwundetenpflege 
unterzog, und die mangelhafte Ernährung — er lebte die ganze Zeit 
fast nur von Wasser und Brot — warfen ihn aufs Krankenlager, sodass 
er nach Breslau ins Lazareth übergeführt werden musste, in welchem 
er 3 Monate behandelt wurde. 

„Glücklicher Weise entwickelte sich auf dem Transporte nach Breslau eine 
ausserordentliche Krätze, die mein Nervensystem befreite und zugleich meine 
Assimilations-Kraft und meinen Geist wieder hob". 

Nach seiner Entlassung aus dem Lazareth wurde Mursinna 
Famulus bei Dr. Wolf, welcher die Lazareth-Chirurgen in der Ana- 
tomie unterrichtete und auch mit ihnen Präparirübungen am Kadaver 
abhielt. 

Xaeh dem Friedensschlüsse 1763 erhielt Mursinna seinen Ab- 
schied und gerieth dadurch in die grösste Xoth, so dass er nur müh- 
sam — bei Wasser und Brot — sein Leben erhalten konnte und 
schliesslich doch wieder zum Barbierhandwerk zurückkehren musste. 
Trotzdem erlahmten sein Eifer und seine Liebe zu den Wissenschaften 
nicht. Er hörte nicht nur nebenbei die öffentlichen und privaten Vor- 
lesungen des Geheimraths Gerlach über Physik. Physiologie und 
Chirurgie, sondern er wusste es auch durchzusetzen, dass er wieder 



— 203 — 

Famulus bei Dr. Wolf — welcher später als Professor in Petersburg 
starb — wurde, dessen Vorlesungen über Logik er so in sich auf- 
nahm, dass er letztere armen Studirenden — für einen Thaler — 
selbst lesen konnte. 

Erst 1765 lächelte ihm wieder das Glück, indem er als Kom- 
pagnie-Chirurg beim Regiment von Lottum angestellt wurde. Nach- 
dem er dann 1767 nach Potsdam zur Garde versetzt worden war, 
wurde er 1772 auf Sehmucker's Vorschlag mit Ueberspringung 
zweier Vorderleute zum Pensionär-Chirurgen in Berlin ernannt. Hier 
hatte Mursinna vollauf Gelegenheit, seine Studien fortzusetzen und 
sich weiter auszubilden, besonders als er 1775 vorstehender Wundarzt 
in der Charite wurde, wo er unter Muzelius auf der inneren und 
unter Henkel auf der äusseren Station seine ersten praktischen 
Kenntnisse als Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer begründete. In das 
Jahr 1776 fiel dann seine Beförderung zum Regiments-Chirurgen im 
Regiment von Petersdorf, welches in Bielefeld garnisonirte, und seine 
Verheirathung mit einem Mädchen aus Potsdam, „der Zierde der 
Stadt", aus welcher sehr glücklichen Ehe 7 Kinder hervorgingen. 

Mit seinem neuen Regimente machte er 1778 den bayerischen 
Erbfolgekrieg in Sachsen und Böhmen mit, in dessen Verlaufe seine 
Thätigkeit besonders in der Behandlung der zahlreichen Ruhr- und 
Faulfieberkranken bestand. 

1786 erfolgte seine Zurückversetzung nach Berlin zum Regiment 
von Möllendorf und im Jahre darauf seine Ernennung zum dritten 
Generalchirurgen und zum ersten Professor der Chirurgie bei dem 
medizinisch-chirurgischen Kollegium, als welcher er zugleich Leiter 
der geburtshülflichen Klinik in der Charite wurde. So hatte er im 
Alter von 43 Jahren das ersehnte Ziel erreicht und damit zu- 
gleich seinen in jungen Jahren an geweihter Stätte geleisteten Schwur 
erfüllt. 

Als zweiter Generalchirurg — welche Beförderung 1789 stattgefunden 
hatte — machte er dann 1790 die Unternehmung gegen Oesterreich 
und 1795 den Feldzug in Polen mit. Als Theden im Jahre 1797 
starb, hoffte Mursinna als ältester Generalchirurg zu dessen Nach- 
folger ernannt zu werden und sprach dies in einem Schreiben an den 
König Friedrich Wilhelm IL auch offen aus. Jedoch konnte seine 
Bitte, wie ihm in einem gnädigen Königlichen Handschreiben mitge- 
theilt wurde, nicht erfüllt werden, da bereits Goercke, Mursinna 's 
früherer Zögling und Hintermann, durch Kabinetsordre vom 18. Februar 
1789 zum Stellvertreter und dereinstigen Nachfolger designirt worden 
war. Mursinna erhielt statt dessen das jährliche Gehalt Theden's 



— 204 — 

zu seinem Gehalte hinzu, fühlte sich aber gekränkt und zurückgesetzt. 
Jedoch war er selbstlos genug, die hervorragenden Verdienste Goercke's 
und seine Berechtigung für die Stellung als erster Generalchirurgus 
anzuerkennen. 

1798 wurde er von der medizinischen Akademie zu Jena zum 
Doktor und ein Jahr darauf zum Mitgliede der Gesellschaft der 
Freunde der Geburtshülfe in Göttingen ernannt. In demselben Jahre 
wurde er Mitglied der Josephs- Akademie in Wien, von der er zugleich 
für eine Arbeit über „Kopfwunden und die dabei zu unternehmende 
Trepanation" den zweiten Preis mit einer goldenen Medaille erhielt. 

Bei der preussischen Mobilmachung gegen Frankreich 1805 ging 
Mursinna mit der Hauptarmee des Herzogs von Braunschweig 
nach Westfalen und war dort mit grossem Erfolge in den Laza- 
rethen thätig, was ihm die besondere Anerkennung des Herzogs 
eintrug. Nach erfolgtem Friedensschluss machte er eine Reise von 
Hannover über Göttingen nach Thüringen und besuchte noch zuletzt 
die Universitäten Halle und Leipzig. In Weimar machte er die nähere 
Bekanntschaft Goethe 's und Wieland 's. 

Als 1806 der für Preussen so unglücklich endende Krieg mit 
Frankreich ausbrach, wurde Mursinna zur Hauptarmee des Königs 
kommandirt, wo er wieder unter den besonderen Befehl des Herzogs 
von Braunschweig trat. Da sich die Armee bei Halle konzentrirte, 
begab er sich sofort dorthin, wo seine erste Aufgabe darin bestand, 
mit möglichster Schnelligkeit ein allgemeines Feldlazareth für die 
Kranken aller Regimenter einzurichten. Obwohl das Feldlazareth der 
Armee noch auf dem Marsch nach Halle war, und es demgemäss an 
Wundärzten, Verwaltungsbeamten und Wärtern völlig mangelte, gelang 
es ihm doch, binnen 48 Stunden 600 Kranke und Verwundete unter- 
zubringen und in sachgemässe Lazarethpflege zu nehmen. Es stellten 
sich ihm freilich fast alle Hallenser Aerzte und Chirurgen zur Ver- 
fügung, und die A 7 erpflegung wurde von dem Magistrate der Stadt 
übernommen. Wie gross die Schwierigkeiten stets waren, die sich 
ihm bei der Einrichtung solcher improvisirter Feldlazarethe entgegen- 
stellten, darüber spricht sich Mursinna in seiner Selbstbiographie 
mit folgenden für ihn charakteristischen Worten aus: 

„Es ist unbeschreiblich, welche Mühe, Einsicht und Entschlossenheit dazu 
gehört, schnell ein beträchtliches Feldlazareth an Oertern anzulegen, wo durchaus 
keine Lazarethanstalten sind, und äusserst schwer ein hinlänglicher Raum ausge- 
mittelt werden kann. Dies habe ich besonders in meinen letzten 4 Feldzügen sehr 
oft empfunden. Dies sind aber auch in der That die bittersten Tage meines Lebens 
gewesen, die mich oft zur Verzweifelung führten. Und doch rettete mich immer 
mein guter Genius und entflammte meinen Geist, dass ich durch Eifer und Rast- 



— 205 — 

losigkeit endlich alle Schwierigkeiten überwand und zum Erstaunen der Oberen 
in einem Tage mehrere Tausend Verwundete placirte und verpflegte". 

Am 8. Oktober erhielt Mursinna durch Estaffette den Befehl, 
sofort nach Erfurt zu kommen und dort ein Hauptfeldlazareth anzu- 
legen. Obgleich das Feldlazareth noch nicht in Erfurt angelangt war, 
und Mursinna nur einen Verwaltungsbeamten bei sich hatte, machte er 
es dennoch durch Unterstützung des Magistrates möglich, in 12 Stunden 
Lazareth räume für 10000 Mann einzurichten, und zwar nahm er dazu 
speziell die vielen in Erfurt befindlichen Nonnenklöster bis auf eins, 
in welches sich sämmtliche Nonnen zurückziehen mussten, in Anspruch. 

„Dass dies nicht, schreibt er, ohne einige Gewalt und manche Kränkung 
vieler würdiger Personen geschehen konnte, ist begreiflich, und hat mir viele 
Seufzer ausgepresst". 

Bereits 2 Tage später, am 10. Oktober, wurde das Lazareth mit 
mehreren 100 Verwundeten aus dem Gefechte bei Saalfeld belegt. 
Am 13. Oktober Mittags erhielt Mursinna vom Herzoge den schleunigen 
Befehl, mit dem soeben erst in Erfurt angelangten Feldlazareth nach 
Kölde in Sachsen unweit Auerstädt aufzubrechen. Als nach einem an- 
strengenden Nachtmarsche am anderen Vormittage das Schlachtfeld von 
Auerstädt erreicht war, kam es in Folge der Niederlage der preussi- 
schen Armee zu keiner Etablirung des Lazareths, sondern Mursinna 
schloss sich mit letzterem sofort der nach Magdeburg zurückgehenden 
Armee an, die am 18. Oktober dorthin gelangte. Auch hier trat 
sogleich an ihn die schwierige Aufgabe heran, für die ankommenden 
Verwundeten Lazarethe einzurichten. Er nahm als Unterkunftsräume 
ausser vielen öffentlichen Gebäuden und Vergnügungslokalen auch das 
schöne Palais des Prinzen Louis Ferdinand in Anspruch. Nach der Ein- 
nahme Magdeburgs wurden noch sämmtliche während der Belagerung 
erkrankte und verwundete Franzosen daselbst untergebracht und der 
Obhut Mursinna 's anvertraut. Im Verlauf von 2 Monaten gelang 
es letzterem, sowohl den grössten Theil der verwundeten Preussen, 
wie auch die meisten Franzosen wiederherzustellen, sodass er endlich 
die Erlaubniss erhielt, nach Berlin reisen zu dürfen. 

Wenn ihm auch hier seine Bitte, der Armee nach Ostpreussen 
nachfolgen zu dürfen, vom französischen Gouvernement abgeschlagen 
wurde, so fand er doch hinreichend Gelegenheit, sein chirurgisches 
Können im Interesse der preussischen Armee zu verwerthen, indem 
er nicht nur in der Charite, in welcher er wieder sein Lehramt auf- 
nahm, eine grosse Anzahl von Verwundeten der Garde zu versorgen 
hatte, sondern auch in einem speziell noch für die Verwundeten der 
verschiedensten Regimenter etablirten Lazareth. 



— 206 — 

Als nach Beendigung des Krieges die Armee verringert wurde, 
erhielt Mursinna als General- Chi rurgus seinen Abschied; jedoch 
blieb er noch Professor und dirigirender Arzt in der Charite. Im 
Januar 1810 wurde er zum Mitgliede der wissenschaftlichen Depu- 
tation für das Medizinalwesen ernannt. 1811 feierte er unter viel- 
fachen Ehrungen sein 50jähriges Dienstjubiläum. Er starb am 18. Mai 
1823 in dem hohen Alter von 79 Jahren, welches ihm bei einer 
ständigen Gesundheit und Staunens werthen geistigen Frische zu er- 
reichen beschieden war. — 

"Was nun seine litterarische Thätigkeit anbelangt, so hat Mur- 
sinna eine ganze Eeihe von Schriften herausgegeben, deren nähere 
Besprechung von grösserem Interesse sein dürfte, da durch sie nicht 
nur sein umfangreiches Wirken als Arzt und Wundarzt, sondern auch 
seine schönen menschlichen Eigenschaften auf das Trefflichste illustrirt 
werden. Seine sämmtlichen Werke sind in gutem, reinem Deutsch ohne 
die damals so beliebte Beimengung ausländischer, speziell französischer 
Ausdrücke und Phrasen geschrieben, seine Ausdrucksweise ist stets 
klar und anschaulich, nur dass bisweilen die Disposition durch eine 
gewisse epische Breite der Schilderung an Schärfe verliert. Die mit 
fesselnder Frische gebrachten Beschreibungen von Krankheitszuständen 
und besonders von Operationen zeugen von einer ausserordentlich feinen 
Beobachtungsgabe und Klarheit des Denkens. 

Im Jahre 1780 gab Mursinna sein erstes Buch ,.Beobachtungen 
über die Ruhr und die Faulfieber" heraus, dessen 2. Auflage 1787 
folgte. Den Anlass und die Grundlagen zu dieser Veröffentlichung gab 
eine im Sommer 1779 in Westfalen, und zwar besonders in Herford und 
Bielefeld, in welchen Städten das Regiment von Petersdorf garnisonirte, 
grassirende schwere Ruhrepidemie, sowie eine Faulfieber- (Typhus-) 
Epidemie, welche im Winter 1778 — 79 unter demselben Regiment im 
Lager bei Döbeln in Sachsen — während des bayerischen Erbfolge- 
krieges ■ — in ausgedehnter Weise herrschte. Allein in Herford er- 
krankten von 3000 Einwohnern 666 an der Ruhr, von welchen 178 
starben, während sämmtliche ruhrkranken Soldaten sowohl in Herford 
wie in Bielefeld — einige 80 — genasen. 

Die Ursache der Epidemie sucht Mursinna in der damals 
herrschenden grossen Hitze, in Sorglosigkeit, Unreinlichkeit und in 
Diätfehlern der Leute. Als Beweis führt er die auffallende Im- 
munität der höheren Stände gegen die Krankheit an, welche fast aus- 
nahmslos ihre Opfer aus den niederen Volksklassen wählte. So er- 
krankte von den Offizieren des Regiments nur ein einziger ganz leicht 
an der Ruhr. 



— 207 — 

Die Mittel, welche Mursinna, der auch eine ausgedehnte Privat- 
praxis in Bielefeld hatte, anwandte, waren vornehmlich Brech- und 
Abführmittel; vom Mohnsaft, den er in einigen Fällen gab, sah er 
keinen Erfolg. Als Stärkungsmittel rühmt er besonders den Rhein- 
wein, den er esslöffelweise geben Hess. Mursinna's Heilerfolge 
müssen sehr günstige gewesen sein, da er sich selbst rühmt, viele 
von der Garnison und der Bürgerschaft „mit vorzüglichem Geschick" 
geheilt zu haben 1 ). 

Dieser in den Städten Herford und Bielefeld herrschenden Epi- 
demie stellt dann Mursinna eine Ruhrepidemie gegenüber, von welcher 
sein Regiment, sowie auch die ganze übrige Armee ein Jahr vorher, 
1778, als es sich im Feldlager zu Nimes in Böhmen befand, er- 
griffen wurde. Es erkrankten an schwerer „faulender Ruhr" über 
100 Mann des Regiments, von welchen keiner starb, so lange sich 
letzteres im Lager befand. Dagegen starben von 17 Ruhrkranken, 
die beim Verlassen des Lagers in ein Feldlazareth übergeführt werden 
mussten, 6, und zwar wahrscheinlich, wie Mursinna meint, in Folge 
des langen, enorm beschwerlichen Transportes. Interessant ist seine 
Angabe, dass die Ruhrerkrankungen im Allgemeinen im Lager, in 
der freieren, besseren Luft, viel schneller heilten, als in den engen, 
meist stark belegten Lazarethen. „Man sieht auch hierdurch, sagt 
er, den allgemeinen Erfahrungssatz bestätigt, dass alle Krankheiten 
durch Zusammenpressen in den Zimmern bösartiger und durch den 
Zugang der freien Luft, selbst in Zelten, wie auch schon Brocklesby 
bemerkt, heilbarer werden" 2 ). 

Im zweiten Abschnitt des Buches bespricht Mursinna die be- 
reits erwähnten Faulfieberepidemien in Döbeln, wo sein Regiment 
während des Krieges 1778/79 Winterquartiere bezogen hatte. Von 
175 Kranken starben nur 3. Die Epidemie war nicht besonders 
bösartig, wenn auch die Uebertragung der Krankheit auf Gesunde 
sehr häufig erfolgte. So wurden sämmtliche Wärter und von 10 
Feldscheerern 7 inficirt. Als Ursache der Epidemie wird von Mur- 
sinna die warme, feuchte Witterung angeführt. 

Die Therapie unterschied sich nicht wesentlich von derjenigen 
bei Ruhrerkrankungen. Besondere Aufmerksamkeit widmete er seinen 
Typhuskranken in Bezug auf ihre Reinlichkeit und auf stete Zuführung- 
frischer, guter Luft. 

In der zweiten Auflage des Buches, die 1787 erschien, fügt 



x ) Mursinna, der Jubelgreis. S. 17. 
2 ) 2. Auflage. S. 95—100. 



— 208 — 

er noch seine Beobachtungen über eine Fanlfieberepidemie hinzu, die 
1786 ebenfalls in den Garnisonen Bielefeld und Herford herrschte. 
Von dem Bataillon in Herford erkrankten 46 Mann, von welchen 6 
starben, während in Bielefeld, wo etwa die gleiche Anzahl erkrankt 
war, nur 2 starben. Mursinn a führt dies auf die Malignität der 
Herforder Fälle zurück. Seine Definition vom Faulfieber ist folgende: 
..Ein anhaltendes Fieber, das schnell die Kräfte verzehrt und besonders das 
Nervensystem angreift und die Säfte zur Fäulniss neigt: ein solches Faulfieher 
wird nun zuerst durch eine faulende Unreinlichkeit in den ersten "Wegen, und die 
erschlaffte Muskelfiber überhaupt erregt, und durch den Uebergang dieser Un- 
reinlichkeit in die zweiten Wege und durch die Fortdauer der geschwächten festen 
Theile und endlich durch eine Auflösung oder Fäulung aller Säfte bösartig und 
höchst gefährlich 1 ). 

Während dieser Epidemie erkrankte M ursin na selbst an einer 
abortiven Form des Fauliiebers, und zwar erfolgte nach seiner Schil- 
derung die Ansteckung bei der Behandlung eines an einem schweren 
Faulfieber erkrankten, ihm nahestehenden schönen jungen Mädchens. 
Der Tod des letzteren bewirkte bei ihm eine starke psychische De- 
pression, welche sich seinem Körper mittheilte und ihn sogar das 
Nahen seines Endes glauben liess. Nach 4 Tagen erfolgte jedoch 
bereits wieder Besserung und in der Folge schnelle Genesung. 

Höchst interessant sind seine Auslassungen über den Gebrauch 
der Chinarinde bei der Behandlung des Faulfiebers. Er will sie 
nicht, wie Alexander und Bilguer empfahlen, in warmen, sondern 
in kalten oder höchstens lauen Bädern angewandt wissen, indem er 
glaubt, dass die günstigen Erfolge mehr auf der Wirkung des „mit 
der Chinarinde geschwängerten- Wassers auf den Körper, als „auf 
dem, was davon etwa in das Blut übergegangen ist", beruhen. Auch 
tritt er lebhaft für die Anwendung des kalten Wassers als Getränk 
und in Form von kalten Umschlägen auf den Kopf ein, wie er auch 
die Anwendung von Blasenpflastern auf das Wärmste empfiehlt, von 
denen er stets eine besonders vortheilliafte Einwirkung auf das alterirte 
Nervensystem gesehen haben will. 

Geradezu rührend ist die Freude Mursinna's, die er stets 
empfunden, wenn es ihm gelungen war, einen schweren Fall durch- 
zubringen. So schildert er seine Gefühle beim Anblick eines seiner 
schwer typhuskranken Soldaten, den er bereits aufgegeben hatte, und 
welchen er nun bei der Morgenvisite im Lazareth wieder auf dem 
Wege der Besserung antraf. 

..Ich fand ihn gleich beim ersten Blick munter und empfindlicher: er ver- 
stand mich wieder, nickte mir zu mit dem Kopfe und bemühte sich, mir seine 



L ) 2. Auflage. S. 201. 



— 209 — 

warme Fand zu reichen. Ich ergriff sie freudig und hiess ihn willkommen unter 
den Lebenden. Es war mir in der That, als wenn ich einen verlorenen Freund 
wiedergefunden hätte; ich fühlte es, so schwach er auch noch war, und so wenig 
er durch die Sprache ausdrücken konnte, und ist bis auf diesen Tag dankbar 
sowie ich ihn noch vorzüglich lieb habe" 1 ). (Das entspricht übrigens dem Tone, 
der sich auch in Theden's und Schmucker's Schriften findet.) 

Im Jahre 1784 gab Mursinna den ersten Theil seiner „Medi- 
zinisch-chirurgischen Beobachtungen" heraus, dem er im Jahre 
darauf den zweiten Theil folgen Hess. Die zweite, um zwei Beobach- 
tungen vermehrte Auflage dieser dann zu einem Bande vereinigten Be- 
obachtungen erschien 1796, in demselben Jahre, in welchem er auch 
seine „Neuen medizinisch-chirurgischen Beobachtungen" der Oeffent- 
lichkeit übergab. 

An der Spitze der 22 „Medizinisch-chirurgischen Beobachtungen" 
befinden sich 5 Kopfverletzungen, welche Mursinna in der Zeit 
von 1774 — 1779 theils beim Truppentheil, theils in der Charite zu beob- 
achten Gelegenheit gehabt hatte. Da eine nähere Beschreibung der 
einzelnen Fälle zu weit führen würde, mögen hier nur die Schluss- 
folgerungen, welche er aus seinen Beobachtungen und aus den 
Behandlungsresultaten dieser Kopfverletzungen zieht, Platz finden: 
Er räth in allen Fällen von Kopfwunden, in welchen nur eine Gehirn- 
erschütterung bezw. geringere Blutergüsse wahrscheinlich sind, grosse 
und häufige Aderlässe, starke Abführmittel und kalte Umschläge auf 
den Kopf anzuwenden. Er folgt hierin ganz den Erfahrungen und 
Vorschlägen Pott's und Schmucker's, dieses „Fürsten der Wund- 
arznei", wie er ihn nennt. Er weist dabei noch besonders auf die 
Wichtigkeit des Auftretens des intermittirenden Pulses hin, als eines 
Hauptsymptoms bei Erschütterungen des Gehirns und Blutergüssen ins 
Gehirn. Ergiebt jedoch die Besichtigung der Kopfwunde das gleich- 
zeitige Vorhandensein von Rissen, Brüchen oder Eindrücken des 
knöchernen Schädeldaches, so muss sofort zum Trepan gegriffen 
werden, als dem einzigen, souveränen Rettungsmittel. Doch soll auch 
in solchen Fällen stets vorher und nachher noch ausgiebig zur Ader 
gelassen — wenigstens dann, wenn die Indikation dazu vorliegt 
— und auch, so lange noch die geringste Gefahr besteht, mit 
der Applikation der kalten Umschläge fortgefahren werden. Interessant 
ist noch seine Angabe, dass nicht immer der Sitz der Lähmung in 
den Gliedmassen dem Vorhandensein von Blut oder Eiter in der ent- 
gegengesetzten Hälfte des Gehirns entspricht. Er selbst hat ver- 
schiedentlich die Beobachtung gemacht, dass die Lähmung des Körpers 



] ) S. 251 der 2. Auflage. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. IS. Heft. i j. 



— 210 — 

auf derselben Seite erfolgte, auf welcher Blut oder Eiter im Gehirn 
befindlich war 1 ). 

Eine höcht lebendige und anschauliche Schilderung seiner Staar- 
operationsmethode, sowie der ersten von ihm ausgeführten Staar- 
extraktionen giebt er in der 13. Beobachtung. Durch die Ab- 
handlung Rieht er 's in Göttingen über die Ausziehung des grauen 
Staares war er auf diese Operation aufmerksam geworden. Die 
Richter'sche Schrift hatte ihm „Muth eingeflösst" und ihn „ange- 
spornt", die Operation, welche er bis dahin immer nur am todten 
Körper ausgeführt hatte, auch am lebenden zu verrichten. Die Staar- 
extraktion, welche allmählich eine seiner Lieblingsoperationen wurde, 
hat Mursinna im Laufe von 40 Jahren bei nicht weniger als 908 
Kranken vollzogen, von welchen 867 geheilt worden sind 2 ). Gewiss 
eine staunenswerthe Leistung! 

In der 14. Beobachtung bespricht der Verfasser die Verrenkungen 
des Oberarms und des Oberschenkels, ihr Zustandekommen, ihre Kenn- 
zeichen und die verschiedenen Einrenkungsmethoden. Er verwirft 
energisch alle künstlichen Mittel (Flaschenzüge) und will die Ein- 
renkung nur mit den Händen ausgeführt wissen. 

Die 15. Beobachtung behandelt die im Jahre 1782 fast in ganz 
Europa herrschende Epidemie des russischen Pipses, welche völlig 
mit den Erscheinungen der heutigen Influenzaepidemien einherging. 
Vom Regiment Mursinna's allein erkrankten in Bielefeld und Herford 
gegen 800 Mann, von denen jedoch keiner starb, dagegen kamen 
unter der Zivilbevölkerung einige Todesfälle vor. Im Allgemeinen 
scheint daher die Epidemie eine gutartige gewesen zu sein. Auch 
Mursinna räth schon als gutes Vorbeugungsmittel gegen eine der- 
artige Erkrankung den massigen Genuss guten Rheinweines, durch 
welchen er selbst einen Anfall des Leidens schnell und glücklich über- 
standen habe. Im Uebrigen bestanden seine Mittel in Aderlässen, 
Brech- und Abführmitteln. — Die übrigen Beobachtungen beanspruchen 
kein besonderes Interesse. 

Die, wie bereits oben erwähnt, 1796 von Mursinna veröffent- 
lichten „Neuen medizinisch-chirurgischen Beobachtungen" 3 ) 
enthalten die wichtigsten der von ihm während des polnischen Feldzuges 
1794/95 behandelten Verletzungen des Kopfes, des Rumpfes und der 
Gliedmassen, sowie eine Reihe von Fällen. w T elche er bereits früher in 



!) S. 8. der 2, Auflage 1796. 

2 ) Mursinna. der Jubelgreis. S. 34. 

3 ) Mursinna, Xeue medizinisch-chirurgische Beobachtungen. 1796. 



— 211 — 

Friedenszeiten beobachtet hatte, und unter denen besonders die Fälle 
von Kopfverletzungen und eingeklemmten Brüchen, sowie einige Fälle 
von Amputationen der unteren Gliedmassen von Interesse sind. 

Es sind im Ganzen 9 Fälle von Kopfwunden, bei denen fast 
jedesmal die Trepanation gemacht worden ist. Mursinna's Stand- 
punkt in der Trepanationsfrage fst folgender 1 ): Er hält zunächst 
die Trepanation für eine „vorzügliche" und gänzlich unschädliche Ope- 
ration, die „in allen äusseren Kopfverletzungen, wo nur irgend eine 
Anzeige zur Durchbohrung des Schädels und die kleinste Hoffnung zu 
ihrer Wirksamkeit vorhanden ist, sogleich dreist angewendet werden 
kann." Als Indikation für die Operation gilt ihm nicht nur das Vor- 
handensein einer Depression, einer Fissur oder eines Bruches des 
knöchernen Schädels; sondern sogar eine einfache Geschwulst in den 
Weich theilen des Schädels, wenn sie nur durch eine sehr starke Ge- 
walt hervorgebracht ist und eine Verletzung des Knochens auch nur 
wahrscheinlich macht, soll den Chirurgen zum Trepan greifen lassen. 
Und zwar soll in beiden Fällen die Operation sofort stattfinden, noch 
ehe sich Erscheinungen von Druck oder Reiz auf das Gehirn ein- 
stellen, da es nach deren Eintritt meist schon zu spät ist. 
Er kommt daher zu dem Schlüsse, dass bei Weitem mehr Kopfver- 
letzungen einen günstigen Ausgang nehmen würden, wenn rechtzeitig, 
d.h. so bald als möglich, trepanirt worden wäre. Den ziemlich häufig 
eingetretenen Tod der von ihm trepanirten Verwundeten bezieht er 
daher zum Theil auf die meist zu spät vollzogene Operation, zum 
Theil auch auf die Schwere der Verletzungen selbst 

Interessant ist noch eine Bemerkung Mursinna's, die er anläss- 
lich seiner Besprechung der Trepanationsfrage über das Vorkommen 
von Contrefissuren am Schädel macht. Er selbst will nämlich, trotz- 
dem er sehr viel Kopfwunden gesehen hat, niemals eine Contrefissur 
beobachtet haben, wenn er auch ihr Vorkommen nicht bestreitet. 

In der 9. und 10. Beobachtung 2 ), welche 2 Offiziere mit 14 Wunden 
bezw. einer Schusswunde durch die Brust betrifft, kommt er näher 
auf die Methode seiner Wundbehandlung und speziell diejenige der 
Schu ss wunden zu sprechen. Sämmtliche Weichtheilschusswunden 
will er nur durch einfaches Bedecken mit Verbandstoffen, nöthigen- 
falls auch verbunden mit lockerer Tamponade der Wundöffnungen, 
sowie durch einen nicht zu festen Verband behandelt wissen. Für 
gewöhnlich genüge ein trockener Verband, den er nur bei stärkerer 



!) Seite 40 u. f. d. „n. m. B." 1796. 
2 ) S. 89, 102 u. f. a. a. 0. 

14< 



— 212 — 

Entzündung der Umgebung der Wunde durch einen mit seinem — 
aus 2 Theilen Wasser, je 1 Theil Weinessig und Kochsalz zusammen- 
gesetzten — Schusswasser angefeuchteten Verband ersetzt haben will. 
Er verwirft bei diesen einfachen Wunden durchaus das damals übliche 
Ein- und Aufschneiden der Wundöffnungen, das er nur bei kom- 
plizirten Wunden, d. h. solchen, bei denen schwere Knochenverletzungen 
stattgefunden haben, anwendet, Er ist der Ansicht, dass die in den 
Schusskanälen noch befindlichen Geschosse so bald als möglich ent- 
fernt werden müssen, da sie als Fremdkörper gefährlich werden 
könnten. Das Gleiche gilt bei ihm von etwaigen durch die Kugel zer- 
schmetterten und aus ihrem Zusammenhang losgelösten Knochen- 
theilen. Die Untersuchung der Schusswunden nimmt er stets mit der 
Sonde oder mit dem Finger vor. Stärkere Schlagadernachblutungen 
aus Schusswunden stillt er nicht, wie es damals meist geschah, durch 
Anlegen dicker, schnürender Verbände, sondern durch einfaches Durch- 
schneiden der gewöhnlich nur eingerissenen und in Folge dessen 
weiter blutenden Schlagadern. Unterbindungen der Gefässe hat er 
damals in solchen Fällen anscheinend noch nicht vorgenommen. Ein 
grosses Gewicht legt er bei der Behandlung sämmtlicher Verwundungen 
auf die Einhaltung einer strengen Diät, welche er für das wesent- 
lichste Genesungsmittel dabei hält. — Die 11. Beobachtung — eine 
komplizirte Oberschenkelfraktur mit günstigem i\usgange — giebt ihm 
A f eranlassung, im Allgemeinen über Frakturen der unteren Glied- 
massen und zwar über einfache und komplizirte zu sprechen. 1 ) Auch 
nach ihm sind die komplizirten Oberschenkelfrakturen die gefähr- 
lichsten und am schwersten zu behandeln. „Sie kosten Vielen das 
Leben, besonders wenn solche Verletzten transportirt werden müssen." 
Seine ßehandlungsweise der genannten Knochenbrüche ist kurz 
folgende: Nach kunstmässiger Einrichtung der Knochenenden und An- 
legung eines Verbandes bei komplizirten Frakturen wird ein Schienen- 
verband angelegt, und zwar nimmt er dazu ausschliesslich Papp- 
schienen', weil sie sich dem Gliede gut anschmiegen und nicht 
drücken. Die Lagerung des Gliedes geschieht bei Oberschenkelbrüchen 
auf einem Kissen derartig, dass nur der Oberschenkel darauf 
ruht, der Unterschenkel dagegen herabhängt. Das Kissen wird dann 
noch durch Binden am Oberschenkel befestigt. In gleicher Weise 
wird der gebrochene Unterschenkel gelagert und festgelegt. Mur- 
sinn a hat nach seiner Angabe bei dieser Behandlung stets vorzüg- 
liche Resultate erzielt. 

!) S. 125 a. a. 0. 



— 213 — 

Im Anschluss an die 12. Beobachtung, eine ebenfalls glücklich 
verlaufende Oberschenkelschussfraktur, legt er seinen damaligen Stand- 
punkt in Bezug auf die Amputation der Gliedmassen nach Zer- 
schmetterungen dar 1 ). Er tritt wie sein Vorgänger Bilgu er energisch 
für eine möglichst ausgedehnte Erhaltung der Glieder ein, wenn 
er auch nicht so weit wie dieser geht, die Absetzung nur in 
wenigen Ausnahmefällen überhaupt vorzunehmen. Jedoch verwirft aucli 
er die sofortige Amputation nach der Verwundung, räth vielmehr, wenn 
irgend möglich, noch bis zum nächsten Tage zu warten, um sich 
dann entweder für die Operation oder für die abwartende Behandlung 
zu entscheiden. Sind jedoch mehrere Glieder abgeschossen bezw. 
zerschmettert oder noch andere schwere Schussverletzungen, z. B. 
Schusswunden des Kopfes, vorhanden, oder bestehen zugleich Nerven- 
zufälle — er meint damit wohl die Shockerscheinungen — oder eine 
Neigung der Wunde zum Brande, Erscheinungen, welche an und für 
sich schon den baldigen Eintritt des Todes wahrscheinlich machen, 
so darf nach ihm auch am folgenden Tage nicht amputirt werden. 
Bei Abreissungen von Gliedern mit relativ glatter Wundfläche hält er 
eine Amputation im Allgemeinen für nicht angezeigt, sondern zieht 
die gewöhnliche Wundbehandlung vor, die dann freilich „immer sehr 
langsam, schmerzhaft, mühsam und gefährlich ist." 

Seine Operationsmethode war damals die modifizirte Alanson'sche 
— künstliche Blutleere, zweizeitiger Zirkel-, nicht Trichterschnitt, 
Unterbindung der Schlagadern, Vereinigung der Wundränder — , nach 
welcher er bis 1796 in Berlin 23 Kranke amputirt hat, von welchen 
3 gestorben sind. Während des Feldzuges 1794/95 hat er nur einen 
Amputirten verloren, ohne dass er jedoch die Gesammtzahl der von 
ihm damals vorgenommenen Gliedabsetzungen angiebt. Was die Zeitdauer 
einer von ihm ausgeführten Amputation anbelangt, so giebt er an einer 
anderen Stelle in seinen „Neuen medizinisch-chirurgischen Beobachtungen", 
und zwar S. 515 (Anmerkung) an, dass er z. ß. eine Oberschenkel- 
absetzung in 2, höchstens 3 Minuten vollziehe, und dass die Heilung dann 
meist „unter 6 Wochen vollkommen und nach Wunsch" erfolge. 

Die 38. Beobachtung enthält eine Schilderung der einge- 
klemmten Brüche und ihrer Behandlungsweisen. Mursinna hat 
in der grössten Mehrzahl der von ihm beobachteten Fälle von Bruch- 
einklemmungen die Herniotomie, und zwar bis 1796 46 mal, gemacht. 
Von diesen Operirten sind 5, bei denen der eingeklemmte Darmtheil 
bereits brandig bezw. zerrissen war, gestorben, die übrigen genesen. 

v ) S. 143 u. f. a. a. 0. 



— 214 — 

Die Operation ist nach ihm unverzüglich dann auszuführen, wenn die 
gewöhnlichen Mittel, wie Repositionsversuche, Aderlässe, kalte Um- 
schläge. Eingiessungen ohne Erfolg gewesen sind, und die Einklernmungs- 
ersch einungen, statt sich zu vermindern, einen gefährlichen Charakter 
annehmen. Der bestimmte Zeitpunkt der Operation lässt sich niemals 
festsetzen, hängt vielmehr ganz von den Zufällen der Einklemmung 
ab. Mursinna steht hierin ganz auf dem Standpunkte Richter's, 
der in seinem Buche von den Brüchen bemerkt, dass die Operation 
„6 Stunden nach der Einklemmung nothwendig und nach dem 14. Tage 
heilsam sein kann". Besonders sind es nach Mursinna die kleinen 
Brüche, bei denen nur wenig Darm herausgetreten und eingeklemmt 
ist, welche fast ausnahmslos nur auf operativem Wege zu heilen sind, 
während bei grösseren, älteren Brüchen, die gewöhnlich mit weiteren 
Leistenringen verbunden sind, bisweilen noch die manuelle Reposition 
gelingt. So hat er nach vielen vorangegangenen vergeblichen Ver- 
suchen in einem Falle erst am 12. Tage die Taxis mit Erfolg vor- 
genommen. Er zieht die Trennung des Bauchringes, und zwar seines 
inneren Schenkels, durch den Schnitt einer unblutigen Erweiterung in 
jedem Falle vor, da die erstere bei einiger Vorsicht — ein etwaiger 
anormaler Verlauf der Art. epigastrica inferior lässt sich unschwer durch 
den palpirenden Finger erkennen — schnell und gefahrlos auszuführen 
ist. Den vorgefallenen, mehr oder weniger entzündeten Darmtheil 
bringt er dann stets einfach in die Bauchhöhle zurück, während er 
bereits brandig gewordene oder eingerissene Därme hinter dem Bauch- 
ringe vermittelst eines ihn umschlingenden Fadens zurückhält. — Die 
folgenden 9 Beobachtungen betreffen 9, meist mit glücklichem Aus- 
gange vollzogene Operationen von eingeklemmten Brüchen. 

Auf eine nähere Besprechung der noch übrig bleibenden Beobach- 
tungen, welche meist Fälle von Kastrationen und Hydrocelenopera- 
tioneu behandeln, kann des geringen chirurgischen Interesses wegen, 
welches diese Fälle bieten, verzichtet werden, ebenso ist die als 49. Be- 
obachtung figurirende Beschreibung der inneren Krankheiten, die in 
der Armee während des polnischen Feldzuges geherrscht haben, im 
Wesentlichen nur eine kürzere Wiederholung der von ihm in seinem 
Buche „über die Ruhr und die Faulfieber" gemachten Ausführungen. 

Im Jahre 1787 gab Mursinna seine „Abhandlung von den 
Krankheiten der Schwangeren, Gebärenden, Wöchnerinnen 
und Säuglingen" in 2 Bänden heraus, deren 2. Auflage 1792 
folgte 1 ). 



!) Mursinna, Abh. pp. 1782 und 2. Aufl. 1792. 



— 215 — 

Es ist ein ziemlich umfangreiches Werk, welches in anschaulicher, 
man könnte fast sagen populärer Weise die wesentlichsten Gebiete 
der Geburtshülfe darstellt und gewiss zur damaligen Zeit nicht nur 
für die Studirenden, sondern auch für den praktischen Arzt als ein 
sehr brauchbares Lehrbuch gelten konnte. Ein nicht unwesentlicher 
Vorzug des Buches liegt darin, dass die einzelnen Abschnitte noch 
durch zahlreiche, von Mursinna theils in der Praxis, theils in der 
Charite, in welcher er ja seit 1787 dirigirender Chirurg und Leiter 
der geburtshülflichen Klinik war, beobachtete wichtige gynäkologische 
Fälle in anregender Weise erläutert werden. 

Seine späteren kleineren Schriften sind folgende: 

1. „Berichtigung des Sendschreibens des Herrn Hofrath Hagen 
in Berlin an den Herrn Hofrath Stark in Jena über 2 schwere Ge- 
burtsfälle. Zur Erforschung der Wahrheit. Berlin 1791." Mursinna 
wendet sich hierbei in äusserst scharfer Weise gegen die ihm von 
dem Hofrath Hagen gemachten Vorwürfe einer falschen Behandlung 
mehrerer schwerer Geburtsfälle, indem er ausführt, dass die Schuld 
an dem unglücklichen Ausgange zweier Fälle allein dem Verfasser 
des Sendsehreibens, dem Hofrath Hagen selbst, zuzuschreiben sei. 

2. „Beobachtung eines sehr schweren Geburtsfalles", erschienen 
im Stark 'sehen Archiv. 

3. „Vom Steinschnitt über dem Schambein", herausgegeben in 
Arnemann's Magazin. 

Ferner sind von ihm in Loder's Journal für Chirurgie u. s. w. 
von 1797 — 99 eine Reihe von Beiträgen veröffentlicht worden. Die 
Titel sind folgende: „Geschichte der Ausrottung eines äusserst 
verdorbenen Hodens als ein Beitrag zur Kenntniss dieser Krankheit" 1 ), 
„Versuch der Vereinigung des nach der Geburt zerrissenen Mittel- 
fleisches vermittelst der blutigen Nath" 2 ), „Von der Ausschälung einer 
sehr grossen lymphartigen Geschwulst über dem Bauchringe" 3 ), „Ge- 
schichte einer widernatürlichen Zwillingsgeburt und der dabei erfolgten 
heftigen Blutung nebst einigen Bemerkungen über ähnliche. Fälle und 
das Nachgeburtsgeschäft" 4 ), „Beitrag zur Operation der Hasen- 
scharte" 5 ). 

Die einzelnen Fälle bieten im Uebrigen nichts besonders Be- 
merkenswerthes dar, ausgenommen vielleicht der Fall von Kastration, 

1. Bd. 1. Stück. Jena 1797. S. 132. 

1. Bd. 4. Stück. Jena 1797. S. 658. 

2. Bd. 3. Stück. 1799. S. 485. 
2. Bd. 1. Stück. 1798. S. 65. 
2. Bd. 2. Stück. 1788. S. 270. 



x ) 


L. 


J. 


2 ) 


L. 


J. 


3 ) 


L. 


J. 


4 ) 


L. 


J. 


5 ) 


L. 


J. 



— 216 — 

bei welchem 3 Wochen nach glücklich ausgeführter Operation und 
scheinbar günstigem Heilungsverlauf plötzlich ohne nachweisbare Ver- 
anlassung ein 6 "Wochen andauernder Trismus auftrat. Der Operirte 
genas trotzdem. 

Dass Mursinna ferner 1799 eine Schrift über „Kopfwunden 
und die dabei zu unternehmende Trepanation" verfasst hat 
und dafür von der Josephs-Akademie in Wien mit einem Preise aus- 
gezeichnet wurde, ist schon oben (S. 204) kurz erwähnt worden. Der 
Inhalt der Schrift deckt sich im wesentlichen mit den von ihm in 
seinen „Neuen medizinisch-chirurgischen Beobachtungen" Seite 40 über 
die Trepanationsfrage gemachten und von uns bereits wiedergegebenen 
Ausführungen. 

Im Jahre 1800 erschien der erste Band einer von Mursinna redi- 
girten Zeitschrift im Druck, welche er „Journal für die Chirurgie, 
Arzneikunde und Geburtshülfe" nannte. Er hatte eigentlich die 
Absicht, in der Folge jedes Jahr einen Band erscheinen zu lassen, 
ein Gedanke, der jedoch besonders in Folge der zahlreichen Feldzüge 
nicht verwirklicht werden konnte. Es sind daher im Ganzen nur 
5 Bände herausgegeben worden, von welchen der 3. Band in Folge 
Wechsels des Verlegers den Titel „Neues Journal für die Chirurgie 
ii. s. w. 1803 — 1805", der 5. Band den Namen „Neuestes Journal für 
die Chirurgie u. s. w. 1815—1820" führt. 

Wie Mursinna in der Vorrede zum ersten Bande hervorhebt, 
war die neue Zeitschrift eigentlich nur für die Militärchirurgen be- 
stimmt, indem sie speziell von diesen Beiträge aufnehmen sollte, 
welche dann von der Hand des Herausgebers mit kritischen bezw. 
ergänzenden Bemerkungen versehen wurden. Es sind jedoch auch 
mehrfach Civilärzte und Civil Chirurgen Mitarbeiter an dem Journal 
gewesen, wie auch der Herausgeber selbst durch zahlreiche per- 
sönliche Beiträge sich darum sehr verdient gemacht hat. Gerade 
die preussischen Regiments-Chirurgen sind, wie er weiter in seiner 
Vorrede ausführt, in hervorragender Weise befähigt und auch ver- 
pflichtet, wissenschaftlich bemerkenswerthe Beobachtungen anzustellen 
und aufzuzeichnen, da sie nicht nur bei der Truppe, sondern auch in 
ihren „gut eingerichteten" Regimentslazarethen, deren Besichtigung 
„für den Laien eine Lust und für jeden Arzt bewunderungswürdig 
und lehrreich" ist, hinreichend Gelegenheit dazu haben. Dieser Auf- 
forderung Mursinna's sind denn auch die preussischen Regiments- 
Chirurgen, und zwar nicht nur sie allein, sondern noch eine Reihe 
von General-, Stabs- und Pensionär-Chirurgen in anerkennenswerther 



— 217 — 

Weise nachgekommen, indem zahlreiche, zum Theil sehr interessante 
Aufsätze aus ihren Federn geflossen sind. 

Die einzelnen, entweder von anderen oder von ihm selbst ge- 
schilderten Fälle gaben ihm mehrfach Gelegenheit, sich über seinen 
damaligen Standpunkt in der Frage der Wundbehandlung, der Kopf- 
verletzungen, sowie über verschiedene wichtigere Operationen näher 
auszulassen. So bespricht er im Anschluss an die Beschreibung einer 
Oberschenkelamputation (4. Band, 1. Stück, 5. Beobachtung, 1810) 
die von ihm damals geübte Behandlung der Schusswunden, sowie die 
Indikationen zur Amputation. Im Wesentlichen ist jedoch seine Me- 
thode der Schusswundenbehandlung dieselbe geblieben, wie er sie 
bereits in seinen „Neuen medizinisch-chirurgischen Beobachtungen" (siehe 
oben Seite 211 f.) geschildert hat. Er bedeckt wie früher die Weich- 
th eil wunden mit Charpie, tamponirt nöthigenfalls, nur dass er jetzt mehr 
Gewicht auf einen guten Abfluss des Eiters legt und in Folge dessen 
bei stark eiternden Wunden mit krummlinigen Schusskanälen Lein- 
wandstreifen hindurchzieht, legt einen nicht drückenden Verband an und 
bringt den verletzten Theil in eine möglichst bequeme und ruhige 
Lage. Bei Schusswunden mit Knochenverletzung entspricht seine Be- 
handlungsweise ebenfalls der bereits früher von ihm angewandten, so 
dass darauf nicht näher eingegangen zu werden braucht. 

Auch seine die primäre Amputation vertretende Ansicht ist die 
gleiche geblieben, wenn er auch die Operation, wie dies damals von 
den englischen und französischen Chirurgen als Grundsatz aufgestellt 
wurde, nicht unmittelbar, sondern erst 12 — 24 Stunden nach der 
Verletzung ausgeführt haben will. Er warnt wie früher dringend 
davor, die Operation auf dem Schlachtfelde oder gar bei Vorhanden- 
sein von Shockerscheinungen zu verrichten. Die abwartende Behand- 
lung ist nach ihm die Regel, die Amputation immer nur eine Aus- 
nahme. 

An einer anderen Stelle seines Journals 1 ) beschreibt Mursinna 
die Methode einer Oberschenkelamputation, die er gegen früher insofern 
abgeändert hat, als er nicht mehr den zwei-, sondern den dreizeitigen 
einfachen Zirkelschnitt macht. Den Alanson'schen Trichterschnitt, 
den er anfangs nicht angewandt — er bezeichnet ihn sogar als Gri- 
masse — , später aber doch eingeführt hat (4. Band, 1. Stück, 1810, 
Seite 51), scheint er demnach wieder aufgegeben zu haben. 

Die Zahl der von ihm in den Jahren 1796 — 1804 amputirten 



!) Neuestes Journal. 5. Bd. 1820. S. 375. 



— 218 — 

Kranken betrug 42, von welchen 3 gestorben, die übrigen alle ge- 
heilt sind. 

Während sich in seiner Meinung über die Trepanationsfrage, die 
Indikationen zu dieser Operation und ihre Ausführung nichts geändert 
hat, hat seine Therapie derGehirnerschütterungen einen anderen Weg 
eingeschlagen, wie dies aus seinen zu „einer Beobachtung einer schwe- 
ren Gehirnerschütterung" Bd. 1, 1800, Seite 6 u. f. gemachten Be- 
merkungen hervorgeht. Während er früher nach demRatheSchraucker's 
ohne Unterschied bei Verletzungen, welche entweder mit reinen Er- 
schütterungen oder mit Blutergüssen und schweren Verletzungen des 
Gehirns verbunden waren, kalte Umschläge während der ganzen 
Dauer der schweren Krankheitserscheinungen anwandte, will er sie 
jetzt, falls es sich um Gehirnerschütterungen allein handelt, nur noch 
unmittelbar nach der Verletzung und ganz kurze Zeit gebraucht heil- 
sam finden. Dann müssten sofort warme bezw. reizende Umschläge 
an ihre Stelle treten; auch wären innerlich reizende Mittel, sowie 
erregende Klystiere indicirt. „Die Erschütterung des Gehirns ist 
asthenisch und erfordert die reizende, erregende Methode, die Ver- 
letzung ist sthenisch und erfordert eine entzündungswidrige Behand- 
lung" 1 ). xVlso auch hier die Brown'sche Lehre! 

Im 5. Bande seines Journals, IV, Seite 34 u. f. bringt Mursinna 
eine Verteidigung der von ihm verrichteten Operation der einge- 
klemmten Brüche durch den Schnitt entgegen einer Abhandlung 
eines Oberarztes Trüstedt „über die Vorzüge der Ausdehnung vor dem 
Schnitt bei der Operation des eingeklemmten Schenkelbruches". Er 
steht nach wie vor auf dem Standpunkt, dass die blutige Trennung 
des Bauchringes als bei einiger Vorsicht völlig ungefährlich in jedem 
Falle der unblutigen Erweiterung vorzuziehen sei, und führt ausser 
anderen Gründen auch die Zahl der von ihm auf diese Weise meist 
mit günstigem Erfolge operirten Fälle an. Er hat in 50 Jahren 
226 Bruchoperationen selbst ausgeführt, und zwar bei 178 einge- 
klemmten Leisten- und 48 Schenkelbrüchen. Von diesen Operirten 
sind 34 gestorben, und zwar niemals in Folge einer Blutung, sondern 
stets in Folge zu starker Entzündung, bezw. schon eingetretenen 
Brandes des eingeklemmten Darmtheils. 

Zum Schlüsse möchten wir noch kurz mehrere Reden erwähnen, 
welche Mursinna bei verschiedenen feierlichen Gelegenheiten gehalten 
hat, und welche gedruckt worden sind. Seine erste grössere oratorische 
Leistung war eine bei seiner Einführung ins Lehramt 1787 gehaltene 



!) 1. Bd. 2. Stück. S. 185. Anm. 



— 219 — 

Rede, „die Schilderung des Wundarztes". Ferner sprach er dreimal 
am Stiftungstage der damaligen medizinisch-chirurgischen Pepiniere, 
und zwar 1804 über die „Geschichte der preussischen Chirurgie im 
18. Jahrhundert", 1809 über „die Vereinigung der Medizin mit der 
Chirurgie" und zum letzten Male 1812 über „die alte und neue 
Chirurgie". Seine Sprache ist einfach "und klar, jeder Uebertreibung 
abhold, doch stets von einem edlen Feuer der Begeisterung getragen, 
wenn sie sich an die studirende Jugend richtet, deren geistiges Wohl 
ihm immer besonders am Herzen lag, und der er nicht nur Lehrer, 
sondern auch Freund sein wollte. 



IL Johannes Goercke. 

(1750—1822.) 

Es giebt wohl keinen Namen in den Annalen des preussischen 
Militär-Medizinalwesens, welcher so innig mit dessen Hebung und 
Entwickelung verknüpft wäre, keinen Namen, dessen Klang in 
der Brust eines jeden preussischen Sanitätsoffiziers so rein und 
laut wiedertönte, als der Name Goercke. Ist es doch nur 
Goercke's unermüdlicher Arbeit und unbeugsamer Energie während 
seines ganzen rühm- und mühereichen Lebens zu verdanken, dass 
gleichsam eine neue Aera im preussischen Militär - Sanitätswesen 
begann, dass der militärärztliche Stand, bis dahin untergeordnet und 
wenig beachtet, anfing, eine seinem besser ausgebildeten Nachwüchse 
und seinen in Krieg und Frieden gesteigerten Leistungen entsprechende 
angemessenere Stellung nicht nur der Armee, sondern auch dem Volke 
gegenüber zu erringen. Diese mehr als 100 Jahre vorher von dem 
polnischen Edelmann, Rittmeister und Feldmedikus Gehema be- 
gonnenen, unter Friedrich Wiihelm I. mit für jene Zeit grossem Erfolge 
von Holtzendorff fortgeführten Bestrebungen: Bessere Stellung auf 
Grund besserer Vorbildung und erhöhter Leistungen (s. I. Theil, 
S. 71), wurden trotz aller Hindernisse, trotz aller voraufgegangenen 
vergeblichen Versuche eines Schmucker, Thedenu. A. von Goercke 
mit grosser Energie wieder aufgenommen und durchgeführt. Die 
unmittelbare Folge hiervon war eine schnellere fortschrittliche Ent- 
wickelung der medizinischen Wissenschaften, und zwar speziell der 
Kriegschirurgie, in ganz Deutschland. Doch die beste Illustration 
hierzu giebt eineBeschreibung des Lebens undWirkensGoercke's selbst. 



— 220 — 

Johann Goercke wurde am 3. Mai 1750 in Sorquitten, einem 
Dorfe bei Sensburg in Ostpreussen, wo sein Vater evangelischer Pre- 
diger war, geboren. Bereits mit 6 Jahren durch den Tod seines 
Vaters zugleich mit 6 Geschwistern Waise, besuchte er von seinem 
10. Jahre an die Schulen von Angerburg und Sensburg. 

1763 kam er zu einem Bruder seiner frommen und feingebildeten 
Mutter, dem Regimentschirurgen Apfelbaum beim Dragoner-Regiment 
von Plettenburg in Tilsit, der wie ein Vater für ihn sorgte, ihn 
weiter wissenschaftlich ausbilden liess und ihn auch theoretisch und 
praktisch in den Anfangsgründen der Chirurgie, für welche der junge 
Goercke schon damals viel Interesse zeigte, unterwies. 

Doch schon nach 3 Jahren durch den Tod auch dieses Wohl- 
thäters und Erziehers beraubt stand er wiederum allein da, bis ihn 
1766 ein glücklicher Zufall in das Haus des damaligen Regiments- 
und späteren General Chirurgen Gerlach nach Königsberg i/Pr. führte. 
Dieser, sowie seine äusserst liebenswürdige, hochgebildete Gattin 
sorgten in jeder Beziehung für die weitere Ausbildung Goercke's, der 
sich auch seinerseits schnell durch sein sanftes und bescheidenes Wesen 
ihre Herzen gewann. 

Am 1. Oktober 1767 wurde Goercke als Kompagniechirurg bei 
dem damaligen Regiment von Kanitz in Königsberg angestellt, wo- 
selbst er 7 Jahre blieb und sich durch den Besuch der Vorlesungen 
auf der Universität fortbildete. 

1774 wurde er auf seine dem damaligen Kronprinzen von Preussen 
bei Gelegenheit einer Truppenbesichtigung persönlich vorgetragene 
Bitte hin zum Regiment Kronprinz nach Potsdam versetzt, welches da- 
mals als einziges Regiment den Vorzug genoss, dass mehrere seiner 
Kompagnie-Chirurgen die Vorlesungen bei dem Collegium medico- 
chirurgicum in Berlin hören konnten und auch freien Zutritt zum Prä- 
pariren im anatomischen Theater hatten. 

In Potsdam, wo er bald an dem General von Winning einen 
einflussreichen Gönner fand, setzte er seine wissenschaftlichen Studien 
mit grösstem Eifer fort. Er trieb nicht nur die Sprachstudien 
weiter, las nicht nur die in lateinischer und französischer Sprache 
geschriebenen medizinisch - chirurgischen Werke, sondern beschäf- 
tigte sich auch eingehend mit der deutschen und fremden Litte- 
ratur, deren Hauptrepräsentanten Geliert, Kant, Ew. von Kleist, 
Klopstock, Haller, Lavater, ihm reichlich Stoff zum Nach- 
denken und Bilden seines Geistes gaben. Auch fand er nebenbei 
Zeit, seiner Passion für die Musik — er spielte die Flöte meister- 
haft — treu zu bleiben. 



— 221 — 

Als Erholung und zur weiteren Anregung machte er im Juli 1776 
seine erste kleine wissenschaftliche Reise oder besser Wanderung, 
da er aus Mangel an genügenden Geldmitteln meist zu Fuss ging. 
Die Reise erstreckte sich über Magdeburg, Halberstadt durch den 
Harz bis Göttingen, wo er von den dortigen Universitätslehrern Rich- 
ter, Wrisberg, Murray u. A. aufs freundlichste aufgenommen und 
mit den Sehenswürdigkeiten der Universität bekannt gemacht wurde. 
Alle seine Reiseerlebnisse und Eindrücke wurden von ihm aufs Sorg- 
fältigste in ein Tagebuch aufgezeichnet, wie überhaupt Goercke stets 
die Gewohnheit hatte, von allem für ihn Bedeutenden und Interessanten 
sich sofort Notizen zu machen. 

Nachdem er im Winter 1776/77 eifrig seinen Studien in Berlin 
obgelegen hatte, machte er es im Sommer darauf trotz seiner be- 
schränkten Mittel doch wieder möglich, eine Reise, und zwar unter 
anderem nach Halle und Leipzig, deren Universitätseinrichtungen er 
gerne kennen lernen wollte, zu unternehmen. Mit einer ganz geringen, 
nothdürftig für Brot reichenden Baarschaft, aber heiter und voll Gott- 
vertrauen, seinen Wahlspruch „der alte Gott lebt noch" vor Augen 
und. im Herzen, gelang es ihm, sich durchzuschlagen und sein Reise- 
ziel zu erreichen. Besonders tiefgehende Eindrücke nahm er von 
dem Grabe Geliert's in Leipzig mit, an dem er sich von Neuem 
gelobte, aus eigener Kraft, mit Gottes Hülfe, etwas Tüchtiges zu 
werden zum Wohle seines von ihm über Alles geliebten Vaterlandes 
und zum Segen der ganzen Menschheit. 

Am 24. März 1778 wurde Goercke zum Kompagniechirurgus 
bei der Leibkompagnie Friedrichs IT. in der Königlichen Leibgarde 
befördert, als welcher er während des bayerischen Erbfolgekrieges zu 
einem Lazareth in Breslau, welches die Kranken vom ersten Bataillon 
Garde aufnahm, kommandirt wurde. Den Winter 1778/79 in Breslau 
benutzte er dazu, Vorlesungen an der dortigen Universität zu hören 
und eifrig Anatomie zu treiben. Ferner entwarf er hier bereits die 
ersten Pläne zur späteren Umgestaltung des preussischen Feldlazareth- 
wesens. 

Nach Abschluss des Teschener Friedens nach Potsdam zurück- 
gekehrt, ging Goercke daran, mehrere alte traditionelle Gebräuche 
unter den Chirurgen des ersten Bataillons Garde abzuschaffen oder doch 
zu modifiziren und an ihre Stelle neue zweckmässigere Einrichtungen 
zu setzen. So erreichte er mit Unterstützung seines Regimentschirurgen, 
dass von dem etwa 15 Thaler betragenden Eintrittsgelde jedes in das 
Bataillon Garde neu versetzten Kompagniechirurgen, welches bisher 
nur zu einem Schmause verwendet worden war, 6 Thaler abgezogen 



— 222 — 

wurden, wozu noch ein monatlicher Beitrag jedes Treunehmers von 
8 Groschen kam. Aus diesen Mitteln wurde eine medizinisch-chirur- 
gische Bibliothek gegründet, Bandagen, Instrumente u. s. w. angeschafft, 
so dass die regelmässigen chirurgischen Uebungen, welche Goercke 
ebenfalls bei seinen Kollegen einführte, mit gutem Erfolge abgehalten 
werden konnten. Wenn ihm auch diese Neuerungen viele Freunde 
erwarben, so fehlte es ihm doch nicht an Neidern, die seine 
Stellung durch geheime Verläumdungen bei Schmucker, dem da- 
maligen Chef des Militär-Sanitätswesens, und bei Theden, dem zweiten 
Generalchirurgus, zu untergraben suchten. Jedoch gelang es der ein- 
dringlichen Fürsprache des Königlichen Leibarztes Baylie, eines 
Engländers, welcher Goercke in häufigem Verkehr — letzterer hatte 
bei ihm englischen Unterricht — lieb gewonnen und schätzen gelernt 
hatte, die genannten Vorgesetzten in ihrer unbegründeten schlechten 
Meinung über ihn völlig aufzuklären und ihm ihre Gunst wieder zu 
gewinnen. 

Das beste Zeichen hierfür war seine, auf Schmucker 's Vorschlag 
am 15. Februar 1784 erfolgte Beförderung zum Pensionärchirurgus 
in Berlin. Jetzt endlich wurde ihm die schon so lange heiss ersehnte 
Gelegenheit, sich aufs Eingehendste den Studien zu widmen und ganz 
in den Geist der medizinischen Wissenschaft einzudringen. Eifrig be- 
suchte er daher die Vorlesungen der Professoren am Collegium me- 
dico-chirurgicum, von welchen wir nur Gleditsch, Walter, Henkel 
und Voitus nennen wollen. Besonders zu letzterem trat er in ein sehr 
freundschaftliches Verhältniss, welches bis zu dessen 1787 erfolgendem 
Tode anhielt. 

Als er 1786 den König zur Huldigung nach Königsberg be- 
gleiten musste, konnte er sein Verlangen nach einem Wiedersehen 
mit seiner kranken Mutter, die er seit 15 Jahren nicht gesehen, jedoch 
stets mit Geld unterstützt hatte, stillen, indem er von Königsberg 
aus zur 20 Meilen entfernten Heimath in einem Tag und Nacht fort- 
gesetzten Ritte eilte. Es sollte das erste und letzte Wiedersehen 
sein, da bereits ein Jahr später der Tod die edle, von ihm über Alles 
geliebte Frau dahinraffte. In Königsberg selbst besuchte er eifrig 
die dortigen, in sehr schlechter Verfassung befindlichen Spitäler und 
das gerade in Umgestaltung begriffene Irrenhaus und veranlasste 
Theden, beim König eine Gabe von 8000 Thalern für Verbesserungen 
besonders im Bau der Irrenanstalt auszuwirken. 

Nach dem Tode von Voitus, 1787, erhielt Goercke den Befehl, 
sofort auf die Armee zu kursiren, welchen Kursus er am 4. Mai zur 
vollsten Zufriedenheit seiner Lehrer absolvirte, so dass ihm Theden 



— 223 — 

öffentlich seinen Beifall ausdrückte und ihm auch versprach, ihn beim 
Könige deswegen besonders empfehlen und zu einer Reiseunterstützung 
eingeben zu wollen. 

Theden löste sein Versprechen ein, Goercke wurde von seinem 
damaligen Kommando als Pensionärchirurg des Invalidenhauses abge- 
löst und trat am 5. November 1787 mit den ihm vom Könige be- 
willigten 100 Friedrichsd'or seine grosse wissenschaftliche Reise, die 
ihn fast 2 Jahre von Berlin fern halten sollte, an. Zunächst ging er 
über Breslau nach Wien, wo er von Brambilla, dem Direktor der 
medizinisch-chirurgischen Josephs-Akademie, sehr freundlich aufge- 
nommen und mit allem ihn Interessirenden bekannt gemacht wurde. 
Besondere Bewunderung gewann ihm die Akademie selbst mit dem 
dazu gehörigen Garnisonlazareth ab, auch die Zweckmässigkeit des 
Unterrichts der Studirenden, die Behandlung der Kranken entzückten 
ihn. Er hörte nicht nur eifrig die Vorlesungen in der Akademie mit 
an, deren Professoren ihm mit Rath und That zur Seite standen, 
sondern auch in den übrigen Wiener Krankenhäusern, unter anderen 
auch im allgemeinen Krankenhause, suchte und fand er Belehrung. 
Alles Neue und Wichtige, was ihm aufstiess, zeichnete er auf, um es 
dann auszugsweise Theden zu übersenden. Nachdem er noch die 
Krankenhäuser in Prag und anderen Städten der österreichischen 
Monarchie kennen gelernt hatte, auch durch seinen Gönner Bram- 
billa dem Kaiser Joseph persönlich vorgestellt worden war, veiiiess 
er nach 7 monatigem arbeitsreichem Aufenthalte Wien, um nach Italien 
weiter zu gehen. 

Er berührte daselbst Venedig, Padua, Vicenza, Verona, Mantua, 
Bologna, Florenz, Rom und Neapel, um sich überall über diejenigen 
Anstalten und Einrichtungen zu informiren, aus welchen er Belehrung 
für seinen Beruf schöpfen konnte. Er besuchte nicht nur die Spitäler, 
sondern ging auch in die Findel-, Waisen- und Zuchthäuser. Mit 
Brambilla's vielgeltenden Empfehlungen versehen, erhielt er überall 
leicht Zutritt. In Padua traf er mit dem berühmten Frank aus 
Pavia zusammen, der mit seinem Sohne und dem Professor Volta in 
Italien reiste; auch von ihnen erhielt er werth volle Empfehlungen. 
In Florenz besichtigte er unter anderem das unter der Leitung des 
Abbe Fontana stehende Naturalienkabinet, sowie dessen Fabrik ana- 
tomischer Wachspräparate; eine besondere Anziehungskraft übte auf 
ihn auch das dortige für 1500 Kranke vorzüglich eingerichtete, be- 
rühmte Spital della Santa Maria nuova aus. In Neapel, seiner süd- 
lichsten Station, hatte er das Glück, zwei Landsleute, die Brüder 
Hakkert aus Prenzlau, kennen zu lernen, von denen der eine, 



— 224 — 

Philipp Hakkert, erster Maler und Günstling des Königs von 
Neapel, ihm die weitgehendste Gastfreundschaft zu Theil werden 
liess. Dass Goercke es nirgends versäumte, sich aucli mit den 
Kunstschätzen Italiens, sowie den dortigen Künstlern bekannt zu 
machen, dass er die Naturschönheiten des Landes in reichem Masse 
genoss, ist bei seinem für alles Edle so leicht empfänglichen Geiste 
selbstverständlich. 

Von Neapel, welches er Mitte August 1788 verliess, führte seine 
Reise über Livorno, Pisa. Genua. Mailand. Turin, den Mont Cenis, 
Genf. Lyon nach Paris, wo er Anfang Oktober anlangte. 

An dieser Stelle mögen einige Bruchstücke aus dem Tagebuche 
Goercke 's, welches er während seiner Reise von Xeapel nach Paris 
geführt hat. ihren Platz finden, da sie ihren A'erfasser am besten 
charakterisiren : 

Sonntag, den 21. September 1788 in Laneburg am Fusse 
des Berges Cenis in Savoyen. an einem mir wichtigen Jahrestage. 

..'Wunderbare "Wege bin ich schon gegangen, manche Torfallenheiten habe ich 
schon erlebt und immer hat die Vorsicht mich gut geleitet, worüber ich oft mit 
gerührtem Herzen erstaunen muss, und das von Jugend auf bis jetzt". 

,.0 mochte ich doch die Allgegenwart Gottes nie aus dem Gedächtnisse 
lassen, nie die unendlichen Wohlthaten vergessen, die mir von dem Wesen aller 
Wesen, von Hohen und Xiedern. von Freunden und Feinden, von Bekannten und 
Fremden, in meinem Yaterlande und jetzt in so vielen fremden Ländern — unter 
rohen und gesitteten Menschen — , in Gefahren und frohen Stunden zu Theil ge- 
worden sind-. 

..Immer war ich schwach und kühn, auch sanft, etwas eigensinnig, unter- 
nehmend, zuweilen in ausnehmendem Grade, ohne in schweren Fällen lange hin 
und her zu denken, welchen Ausgang es nehmen werde. Doch war allemal meine 
Absicht gut". 

..Jedermann recht und gerecht sein, keine Seele zu beleidigen oder ihr unrecht 
zu thun, war daher immer mein Bestreben, das ich auch gern bis ans Ende des 
Lebens beobachten möchte". 

Im September 1788. 

„Seit meiner Reise von Berlin habe ich Manches erfahren, gesehen, gelitten: 
Manche gute und minder gute Menschen kennen lernen, vortreffliche Anstalten für 
die arme, unglückliche Menschheit gefunden." 

..Von dem ersten Augenblicke der Reise an glaubte ich mich im Dienst des 
Königs, der mir dies Glück widerfahren liess. Ich versäumte keinen Tag, keine 
Stunde und Gelegenheit, worin ich etwas Lehrreiches, Nützliches sehen konnte, 
das ich mir merkte". ..Mit Hintansetzung meiner Bequemlichkeit, Ruhe, Freude und 
allen Eigennutzes hielt ich es für meine grösste Pflicht: von Allem, was ich nütz- 
lich fand, mich zu unterrichten, weil mir zu dem eigentlichen Zweck meiner Reise 
kein Plan gegeben ward, sondern mit allzuviel Güte meinem eignen Gutdünken 
Alles überlassen blieb. Dies Zutrauen feuerte mich um so mehr an, so dass ich, 
nur zu oft, meine liebsten, meine besten Freunde hintenan setzte, mir nicht die 



— 225 — 

Zeit nahm, an sie zu schreiben, oder nur höchst selten. Vergessen habe ich sie 
keinen Tag, das weiss der Allwissende; dies würde mich erniedrigen, wenn ichs 
je fähig sein könnte". 

In Paris war es besonders Desault, der Leiter der chirurgischen 
Station im Hotel-Dieu, dessen Sicherheit und Feinheit im Operiren, 
dessen Kenntnisse in der Anatomie seine höchste Bewunderung er- 
regten. Er wohnte daher täglich seinen Operationen in der Klinik 
bei, hörte auch seine Vorlesungen wie diejenigen der übrigen Pro- 
fessoren der chirurgischen Akademie, Louis, Sabatier, Pelletan; 
ferner nahm er bei Lauverjat an den Uebungen im Accouchement 
theil. Es entging ihm nicht, dass die Chirurgie in Prankreich, aus- 
geübt von einer Reihe gelehrter und geschickter Männer, auf einer 
ganz besonders hohen Stufe stand. 

Hier in Paris ging Goercke durch Theden die Nachricht zu, 
dass er durch Königliche Kabinetsordre vom 5. November zum Regi- 
mentschirurgus bei dem Kürassier-Regiment von Ilow in Salzwedel 
und zwar wider die Erwartung Aller, die ihn kannten, in der Reihe 
als Pensionärchirurgus ernannt worden sei. Die Folge lehrte jedoch, 
dass es sich nur um eine Ernennung auf dem Papier handelte, indem 
er schon kurze Zeit darauf, im Februar 1789, zum 3. Generalchirurgus 
und zum Stellvertreter Theden 's befördert wurde. 

Goercke brauchte jedoch seine Reise nicht zu unterbrechen, 
sondern er ging, obwohl seine Reisegelder fast aufgezehrt waren, noch 
nach England, wo er in London ausser anderen wissenschaftlichen 
Grössen John und William Hunter, Baylie, Cooper und Blizard 
kennen lernte. Auch die Krankenhäuser, besonders das St. Thomas- 
und Guy's-PIospital, besichtigte er mit regem Interesse, wobei er dann, 
sie mit den bereits gesehenen Anstalten vergleichend, zu dem Ergeb- 
nisse kam, dass die Hospitäler in Wien, Paris und theilweise auch in 
Italien doch bedeutend höher standen. 

Eine plötzliche, wenn auch für Goercke nicht unangenehme 
Unterbrechung seiner Reise trat im März durch die bereits erwähnte 
Ernennung zum 3. Generalchirurgus und zugleich zum Stellvertreter 
und künftigen Nachfolger Theden 's ein. Die unter dem 18. Februar 
1789 vollzogene Allerhöchste Kabinetsordre enthielt nämlich noch die 
ausdrückliche Versicherung, „dass derselbe (Goercke) nach künftig 
erfolgendem Ableben des Generalchirurgus Theden, ohne weitere An- 
und Rückfrage, in dessen sämmtliche Posten und in das jährliche 
Traktement von fünf Hundert Thalern, so der Theden als erster 
General-Chirurgus geniesset, ungleichen in alle übrigen etwaigen 

Veröffentl. aus dem C4ebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Heft. 15 



— 226 — 

Rechte und Nutzungen, hinwiederum rücken, und derselben überall 
theilhaftig werden soll." 

Goercke ging nur noch von London auf kurze Zeit nach Edin- 
burgh, wo er in Beziehungen zu Bell und Hamilton trat, um dann 
auf The den 's Befehl schnell über Holland nach Berlin zurückzu- 
kehren, wo er gleich nach seiner Ankunft The den adjungirt und 
auch zugleich bei der Artillerie angestellt wurde. 

Mit letzterer machte er dann an The den 's Stelle 1790 den 
kurzen schlesischen Feldzug mit, in welchem er regen Antheil an 
der Einrichtung der Feldlazarethe nahm. 

Am 10. Juni 1792 ging er auf Königlichen Befehl als dirigirender 
Generalchirurgus des Feldlazareths und Mitdirektor des gesammten 
Feldlazarethwesens mit der Armee gegen Frankreich in den Rhein- 
Feldzug, aus welchem er am 10. Juli 1895 nach Berlin zurückkehrte. 

Während dieses Feldzuges legte Goercke den Grund zu seinem 
ersten grossen Werke, der Umgestaltung und Verbesserung des preussi- 
schen Lazarethwesens. 

Die Armee marschirte zunächst nach Coblenz, wo Goercke 
ein ILauptlazareth errichtete. Dann wurden auf dem Weitermarsche 
unter den grössten Schwierigkeiten Feldlazarethe in Trier, Luxem- 
burg, Longwy und Verdun etablirt, auch das Schloss Grandpre zur 
Aufnahme der zahlreichen Ruhrkranken eingerichtet. 

Trotz dieser seiner aufopfernden Thätigkeit bei der Organisation 
der Lazarethe machte es Goercke doch möglich, stets noch bei der 
Spitze des Heeres in nächster Nähe des Königs Friedrich Wilhelm IL 
und der Prinzen zu sein, wie er auch alle Strapazen des Feldzuges 
mit seinen Untergebenen getreulich, stets heiter und zufrieden, theilte. 
Wie sehr er aber auch dafür von diesen verehrt und geliebt wurde, 
zeigt folgende Episode, welche auch zugleich von Goercke' s un- 
ermüdlichem Eifer Zeugniss ablegt: Er war eines Nachmittags und 
zwar am 20. September 1792 zur Parole geritten, jedoch von dieser 
weder des Abends noch in 4er Nacht zurückgekehrt. Als sich daher 
Wiebel sowie mehrere Lazarethchirurgen , über sein langes Aus- 
bleiben sehr besorgt, auf den Weg gemacht hatten, um ihn zu suchen, 
trafen sie ihn am folgenden Tage in voller ärztlicher Thätigkeit auf 
dem Schlachtfelde von La Lune bei Valmy, auf welches er zufällig 
während seines Rittes gerathen war. 

Der traurige Zustand in den beim Vorrücken der Armee von 
Goercke detachirten Lazarethen, welcher von Neuem die Unzuläng- 
lichkeit und mangelhafte Verfassung des damaligen Feldlazarethwesens 
dokumentirte, gab Goercke Veranlassung, den König und die Ge- 



— 227 — 

neralität persönlich auf diese Missstände aufmerksam zu machen und 
energisch auf eine Verbesserung der Feldlazaretheinrichtungen zu 
dringen. Seine Bemühungen sollten von Erfolg gekrönt, endlich sein 
langjähriger heisser Wunsch erfüllt, sein grosser und genialer längst 
vorbereiteter Plan, welcher eine völlige Umwälzung des preussischen 
Feldsanitätswesens bedeutete, zur Ausführung gebracht werden. 

Am 16. Februar 1793 wurde vom Könige zu Frankfurt a/M. auf 
Vorschlag des Oberkriegskollegiums, welches damals aus den General- 
adjutanten des Königs, dem Oberst von Man st ein, den Majoren 
von Guionneau und von Beizig bestand, die Einrichtung von flie- 
genden Feldlazarethen (Feldlazarethambulants) für je 1000 Ver- 
wundete an Stelle der bisherigen stehenden Lazarethe für die mobile 
Armee genehmigt und zugleich die nöthigen Mittel zu ihrer Ein- 
richtung angewiesen. Wie sorgfältig bereits alle Vorbereitungen hierfür 
getroffen worden waren, geht aus der Thatsache hervor, dass die neuen 
Feldlazarethe schon nach 6 Wochen in Thätigkeit treten konnten. 

Auch die Armee selbst hatte bald Gelegenheit, sich von der 
Vortrefflich keit der neuen Organisation zu überzeugen. Während die 
Verwundeten früher, nur mit unzureichenden Nothverbänden versehen 
und meist jeglicher geordneten Verpflegung entbehrend, längere Zeit, 
bisweilen Tage lang, sich gedulden mussten, ehe sie nach erschöpfen- 
den Transporten in die entfernt gelegenen stehenden Lazarethe über- 
geführt wurden, war es jetzt möglich, sie in relativ kurzer Zeit in eine 
regelrechte Lazaretbpflege zu nehmen. Die fliegenden Feldlazarethe 
waren eben im Stande, der Armee bei allen ihren Bewegungen so 
nahe als möglich zu folgen, die Verwundeten daher schnell aufzu- 
nehmen, um sie erst späterhin an die Haupt-Feldlazarethe abzugeben. 
Während vordem der Aufenthalt in den arg vernachlässigten preussi- 
schen Feldlazarethen geradezu gefürchtet war, empfand man jetzt die 
Segnungen einer Behandlung in den in jeder Beziehung gut eingerich- 
teten, mit Aerzten und Wärterpersonal wohl versehenen neuen Laza- 
rethen um so angenehmer und dankbarer. Der gute Ruf und das 
gesteigerte Ansehen der Feldlazarethe bewirkte es auch, dass wäh- 
rend der Belagerung von Mainz auf Bitte des österreichischen Höchst- 
kommandirenden über 600 österreichische Verwundete und Kranke in 
den Feldlazarethen, welche in Orten um Mainz herum etabiirt waren, 
Aufnahme und Behandlung fanden. 

Dass diese eine zufriedenstellende gewesen war, bewies der 
warme Dank, der seitens der Oesterreicher durch den Hauptmann 
von Sadlow dem Könige abgestattet wurde, welcher es seinerseits 
dann nicht an ehrenden Gnadenbezeugungen für Goercke, dem • ja 

15* 



— 228 — 

das Hauptverdierist gebührte, fehlen Hess. So besichtigte er unter 
des letzteren Führung das auf dem „Walle" etablirte Feldlazarett] 
und übergab ihm beim Abschiede 85 Friedrichsd'or zur Verthei- 
lung unter die im Lazareth befindlichen Verwundeten. Auch der 
Kaiser von Oesterreich, Franz IL, hatte die Absicht, Goercke auf 
Vortrag des genannten Hauptmanns von Sadlow hin durch die Ver- 
leihung des Adels zu ehren. Durch einen Zufall jedoch wurde der 
Adelsbrief nicht für Goercke, sondern für Bilguer 1 ) ausgefertigt 
und_ diesem auch zugeschickt, welcher, damals gerade heftig an der 
Gicht leidend, gar nicht an dem Feldzuge Theil genommen hatte. 

Goercke selbst war, während er sich noch 1794 in Ehrenbreit- 
stein befand, in Folge der enormen Anstrengungen und Strapazen, 
denen er sich fortwährend ohne Rücksicht auf seine nicht sehr starke 
Konstitution ausgesetzt hatte, heftig erkrankt, sodass bereits an 
seinem Aufkommen gezweifelt wurde. Treue und unermüdliche Pflege 
seitens seiner Untergebenen stellte ihn aber bald wieder her, sodass 
er nach der Einnahme von Frankfurt wieder auf seinen Posten eilen 
konnte, welchen unterdessen Wiebel in seinem Geiste weiter ver- 
sehen hatte. 

Nach der Eroberung von Mainz durch die verbündeten Truppen 
fand Goercke Gelegenheit, Beziehungen mit den französischen Feld- 
ärzten anzuknüpfen und mit ihnen ein Abkommen zu treffen, wo- 
nach die Aerzte beider Heere alle Verwundeten und Kranken ohne 
Rücksicht auf ihre Nationalität in Zukunft behandeln sollten. Eine 
ähnliche Konvention hatte er übrigens schon 1792 von Verdun aus 
schriftlich mit dem französischen Chirurgien-General en chef, Baron 
Percy, abgeschlossen. So sorgte Goercke in jeder Hinsicht als 
ein echter Arzt nicht nur für die seiner Obhut anvertrauten Ange- 
hörigen der preussischen und alliirten Armee, sondern eben so sehr 
lag ihm auch das Schicksal des verwundeten und kranken Feindes 
stets am Herzen. 

Bevor er aus der Rheinkampagne nach Berlin zurückkehrte, be- 
sichtigte er noch die Lazarethe der verbündeten Truppen in .Mann- 
heim, Heidelberg, Würzburg, Erlangen und an anderen Orten, um sich 
zu überzeugen, wie sich die von ihm eingeführten Neueinrichtungen 
bewährten, und ob sie vielleicht noch durch andere zu ergänzen und 
zu verbessern wären, xluch in die österreichischen, holländischen und 
englischen Lazarethe schickte er, zum Theil auf eigene Kosten, 



1 ) Preuss, Goercke's Leben und Wirken. S. 46. 



— 229 — 

preussische Militärärzte, um sich über alles Interessante und Wissens- 
werthe berichten zu lassen. 

Goercke selbst brachte als greifbares und für das preussische 
Feldsanitätswesen in der Folge höchst bedeutungsvolles Resultat von 
dieser Besichtigungsreise einen englischen federnden Krankenwagen 
mit, welchen er in Rinteln von einem hessischen Obersten gekauft hatte, 
der den Wagen seinerseits in Holland, wo ihn die englische Armee 
bei ihrem Rückzuge im Stich gelassen, an sich gebracht hatte. Nach 
diesem Modell wurden dann nach dem Feldzuge auf Befehl des Königs 
in Potsdam 12 Wagen gebaut, die somit als die ersten etats- 
mässigen Krankentransportwagen in der preussischen Armee gelten 
müssen 1 ). 

Am 10. Juli 1795 langte Goercke in einem Zustande fast 
totaler körperlicher Erschöpfung in Folge der rastlosen Anstrengungen 
wieder in Berlin an, und zwar nicht nur im Besitz einer reichen Fülle 
von Erfahrungen, sondern auch mit einer grossen Sammlung von Mo- 
dellen, Maschinen, zerhauenen Knochen und Schädeln. 

Jedoch gab es für ihn auch jetzt noch keine Ruhe. Im Gegen- 
theil! Sah er doch nunmehr mit richtigem Blick den Zeitpunkt ge- 
kommen, wo er endlich seinen längst gehegten und sorgfältig vor- 
bereiteten Lieblingsplan, die Reform in der Ausbildung des militär- 
ärztlichen Personals, welche er auf Grund seiner reichen, während 
der Feldzüge und auf seinen Studienreisen im Auslande gemachten 
Erfahrungen als eine absolut nothwendige erkannt hatte,, zur Aus- 
führung bringen konnte. 

Schon während seiner Rückreise aus dem Felde, und zwar in 
Minden , hatte er auf den Rath des ihm sehr wohlgesinnten General- 
Feldmarschalls von Möllendorf eine ausführliche Denkschrift an 
das Ober-Kriegskollegium eingereicht. Darin brachte er eine sta- 
tistische Zusammenstellung des im Kriegsfall für die preussische 
Armee notwendigen Personals, indem er zugleich betonte, dass es 
dem Staate an Anstalten fehle, die erforderliche Zahl von Chirurgen 
zu beschaffen und sie bereits im Frieden für ihre Thätigkeit im 
Felde auszubilden. Er schlüge daher die Einrichtung einer „chirurgi- 
schen Pepiniere" vor, auf welcher zunächst 50 auserlesene Lazareth- 
Chirurgen unter Aufsicht von 3 Stabs- und 4 Oberchirurgen eine in 
jeder Beziehung genügende wissenschaftliche Ausbildung erhalten 
sollten. 



Vergl. unter Abschnitt C. „Transportwesen". S. 180 f. 



— 230 — 

„Noch nie, so schloss die Denkschrift, habe ich etwas für mich gebeten, 
auch jetzt bitte ich nicht für mich, ich bitte für die unglücklichen Blessirten und 
Kranken, denen noch niemand seine Theilnahme, sein Mitleid, seine Unterstützung 
versagte, so bald er ihre Noth kannte, ich bitte für das Vaterland, für die Armee, 
für den Vortheil des Königs selbst." 

Das Ober- Kriegskollegium billigte den Goercke 'sehen Plan und 
legte ihn dem Könige vor, welcher, nachdem es gelungen war, die 
von Goercke für die jährliche Unterhaltung der Anstalt veranschlagte 
Summe von 6000 Thalern anszumitteln, am 2. August 1795 die 
Kabinetsordre erliess, in welcher die Errichtung der Pepiniere nach 
dem Vorschlage Goercke's genehmigt und letzterer zu ihrem Direktor 
ernannt wurde. 

Dass Goercke nun seine ganze schöpferische Kraft daransetzte, 
die neue Anstalt zweckmässig zu organisiren, sie allmählich zu ver- 
bessern und zu erweitern, ist selbstverständlich. Galt es doch vor 
Allem, auf bescheidener und schwacher Grundlage emsig weiter zu 
bauen, damit der anfängliche Hauptzweck der Anstalt, neue tüchtige 
Militärchirurgen zu erziehen und die schon vorhandenen besser aus- 
zubilden, in möglichst vollkommener Weise erreicht wurde. 

Ein von Goercke und seinen treuen Mitarbeitern Wie bei und 
Voeltzke, damals Stabschirurgen der Pepiniere, aufs sorgfältigste aus- 
gearbeiteter Organisationsplan wurde durch Allerhöchste Kabinetsordre 
vom 18. August 1797 genehmigt und damit eine Grundlage gewonnen, 
welche für die ganze Weiterentwickelung der Anstalt bis zur Jetztzeit 
massgebend geworden ist. 

Mit welchen Schwierigkeiten die junge Anstalt gerade in den 
ersten Jahrzehnten ihrer Schöpfung zu kämpfen hatte, wie sie beson- 
ders durch die Kriegsjahre 1806 und 1807 und durch die Gründung 
der Berliner Universität im Jahre 1809 in ihrer Existenz aufs schwerste 
bedroht wurde, wie es jedoch der eisernen Energie Goercke's gelang, 
nicht nur alle Gefahren von seiner Lieblingsschöpfung, seinem „Juwel" 
glücklich abzuwenden, sondern sie noch weiter zu heben und aus- 
zubauen, wird weiter unten näher erörtert werden. — 

Nach dem Tode Theden's wurde Goercke durch Königliche 
Kabinetsordre vom 22. November 1797 zum General-Stabs-Chirurgus 
der Armee und zum Mitgliede des Ober-Collegii-medici als Ober- 
Medizinal-Rath ernannt. 

Die bezügliche Kabinetsordre lautete: 

Hochgelahrter, lieber Getreuer! 
Der Tod des General-Stabs-Chirurgi Theden giebt mir die längst er- 
wünschte Veranlassung, Euch für die ausgezeichneten Dienste, so Ihr der Armee 



— 231 — 

geleistet habt, zu belohnen, und Euch einen öffentlichen Beweis des vorzüglichen 
Vertrauens zu geben, welches ich in Eure Geschicklichkeit, Eifer und Recht- 
schaffenheit setze. Ich bestätige Euch demnach in allen Posten des Theden, 
auf welche Euch von des hochseligen Königs Majestät mittelst Patent vom 18. Fe- 
bruar 1789 die Adjunction ertheilt worden und ernenne Euch hiermit u. s. w. 
Berlin, den 22. November 1797. gez _ priedrich WilMm> 

Am 31. Oktober 1798 wurde Goercke Ehrenmitglied der Aka- 
demie der Chirurgie zu Kopenhagen, nachdem er bereits 1795 während 
des Rheinfeldzuges von der Universität Erlangen durch die Verleihung 
der medizinisch-chirurgischen Doktorwürde geehrt worden war. 

Im Jahre 1799 konnte er endlich daran denken, sich einen eigenen 
Herd zu gründen, und so fand am 13. Oktober genannten Jahres seine 
Trauung mit Wilhelmine Lehmann, einer Predigertochter aus Schöne- 
berg bei Berlin, statt, mit welcher er in langjähriger, glücklichster, 
wenn auch kinderloser Ehe gelebt hat. — Dass ihm bei seiner rast- 
losen Thätigkeit nicht viel Zeit zur Erholung und zur Theilnahme an 
weltlichen Vergnügungen blieb, ist nicht zu verwundern. Er war 
jedoch ein eifriges Mitglied des damaligen Montagsklubs, dem die 
angesehensten Männer Berlins, besonders aus den litterarischen Kreisen 
angehörten. Auch seiner Vorliebe für die Musik blieb er treu, welche 
ihm nicht nur im Hause, sondern auch in der Singakademie, deren 
häufiger Besucher er war, eine reiche Quelle der Erholung war. 

Wie Goercke unablässig für die Heranbildung eines guten 
militärärztlichen Nachwuchses bemüht war, vergass er auch die alten 
in ihrer Existenz schwer bedrohten, invalide gewordenen Militärärzte, 
und zwar speziell die Regiments- und Bataillonschirurgen nicht, in- 
dem es ihm gelang, eine bestimmte feste Pension für die genannten 
Chargen durchzusetzen. Bis dahin hatte unter diesen nämlich nur 
eine gewissermassen private Pensionskasse bestanden, die aber nur 
8 Mitgliedern eine Pension gewähren konnte. Auf Goercke 's An- 
trag wurde daher am 5. Februar 1801 vom Könige befohlen, dass 
diese Privatpensionskasse zur General-Invalidenkasse geschlagen und 
nunmehr allen invalide gewordenen Regiments- und Bataillonschirurgen 
ein Gnaclengehalt gezahlt würde. 

Eine zweite, sehr wichtige Neuerung wurde von Goercke in 
demselben Jahre eingeführt, uud zwar handelte es sich um die regel- 
mässige jährliche Einsendung von Konduitenlisten der Kompagnie- 
chirurgen seitens der vorgesetzten Regiments- bezw. Bataillonschirurgen. 
Man war auf diese Weise höheren Ortes stets genau über die Quali- 
fikation jedes einzelnen Unterchirurgen unterrichtet und daher im Stande, 
die geeignetsten Leute zu aussergewöhnlichen Beförderungen und Ver- 



— 232 — 

Setzungen, z. B. zur Garde und zur Pepiniere, zu Reisekommandos ins 
Ausland u. dgl. auszuwählen. 

Im Jahre 1802 wurde Goercke von der Josephs-Akademie in 
Wien zum Ehrenmitgliede ernannt. 

Auch seitens der Pepiniere wurde ihm am Stiftungstage im Jahre 
1805 eine besondere Huldigung durch die Schenkung seiner Büste 
und einer goldenen und silbernen Medaille seitens der Studirenden zu 
theil. Als er seinen Dank hierfür mit den Worten schloss : 

„Lassen Sie uns schon jetzt bei dem holden Frieden zu allen möglichen Er- 
eignissen uns vorbereiten, um die kranken und blessirten Offiziere und Soldaten 
mit Sanftmuth und Treue zu heilen", 

sah er wohl schon ahnenden Geistes den baldigen Eintritt der Er- 
eignisse voraus, die sich zu den schwersten und traurigsten ge- 
stalten sollten, die Preussen je betroffen haben. 

Bereits ein Jahr darauf, 1806, kam es zu dem für Preussen so 
unglücklichen Kriege mit Frankreich, den Goercke im Gefolge 
des Königs mitmachte, ausserdem jedoch unausgesetzt mit der Einrich- 
tung von Lazarethen auf dem Kriegsschauplatze beschäftigt. 

x^ls nach der Doppelniederlage von Jena und Auerstädt die 
Königliche Familie sich über Westpreussen nach Ostpreussen in Sicher- 
heit bringen musste, folgte ihr Goercke ebenfalls, nachdem er bereits 
den General-Chirurgen Voeltzke nach Königsberg vorausgeschickt 
hatte, um daselbst die nöthigen Lazarethe vorzubereiten. Unterwegs 
machte er noch von Orteisburg aus einen Abstecher nach seinem 
Heimathsorte Sorquitten, um an den Gräbern seiner Eltern neue Kraft 
und Stärkung für seine zukünftigen schweren Aufgaben zu sammeln. 

Im Februar 1807 begab sich Goercke von Memel aus nach 
Königsberg, um selbst für die nach der Schlacht bei Preuss.-Eylau 
in Massen dort eingetroffenen Verwundeten und Kranken geeignete 
Unterkunft und Behandlung zu beschaffen. Seiner rastlosen Thätigkeit 
und seinem hervorragenden organisatorischen Talent war es dann 
auch zu verdanken, dass in kürzester Zeit Lazarethe entstanden, die 
das uneingeschränkte Lob Aller hervorriefen. Mit welcher Sparsamkeit 
Goercke dabei zu Werke ging, wird aufs Beste dadurch illustrirt, 
dass er in seiner eigenen Wohnung nach seinen Angaben von einem 
Tischler aus alten Brettern, Fassreifen u. dgl. Bettstellen, Pantoffeln 
und andere für Kranke nothwendige Gegenstände anfertigen Hess. 

„Sauberkeit, schreibt Preuss 1 ), zeichnete die Lazarethe, wo er waltete, 
ganz herrlich aus, so dass es eine Freude war, sie zu sehen; daher allein auch 



1 ) Preuss, Goercke's 50jährige Dienstjubiläumsfeier S. 97. 



— 233 — 

sein Hass gegen das Tabackrauchen, sowie gegen jedes Schmutzige an allen Äerzten 
besonders, daher seine stete, unablässige Sorge für frische gesunde Luft, der er 
ebensoviel zutraute, als er, ein Feind der zusammengesetzten Heilformen, auf die 
durch gute Nahrung unterstützte Kraft der Natur baute". 

Ausser den preussischen fanden auch noch die russischen Ver- 
wundeten in den Lazarethen Aufnahme, wofür Gocrcke im Mai 1807 
vom Kaiser von Russland den St. Annenorden IL Klasse erhielt, 
welchen ihm die Königin Luise eigenhändig umhängte. Der König selbst 
hatte bereits durch eine Kabinetsordre vom 18. Februar 1807 seiner 
Zufriedenheit mit der Behandlung der Verwundeten in den Feldlaza- 
rethen zu Königsberg Ausdruck gegeben und auch auf Goercke's 
Vortrag vom 10. März 1807 ab das Gehalt der Lazarethchirurgen von 
4 und 6 auf 10 Thaler monatlich erhöht. 

Auch die Lage der Obermilitärärzte wurde im Jahre darauf, bei 
der Heeresorganisation vom 31. August 1808, durch Erhöhung des 
Gehaltes und durch Kabinetsordre vom 26. November 1808 dnrch die 
Zulage der Medizingelder, ebenfalls durch Goercke's Einfluss, erheb- 
lich aufgebessert, wie es auch Letzterer durchsetzte, dass durch Ka- 
binetsordre vom 9. November 1808 den oberen militärärztlichen Dienst- 
graden bis zum Stabschirurgen einschliesslich Offizierrang und bis 
zum Regimentschirurgus auch die Offizierabzeichen bewilligt wurden. 
Goercke selbst hatte bereits am 24. September 1807 durch folgendes 
Königliches Handschreiben Obersten -Rang und die Erlaubniss zum 
Tragen des Offizier-Portepees und Cordons erhalten: 

Mein lieber General-Chirurgus Goercke! 

„Ihr habt Euch durch Eure Bemühungen um die Verbesserung der Preussi- 
schen Militärchirurgie, welche in neueren Zeiten, besonders in dem jetzt beendig- 
ten Kriege, unter Eurer Leitung soviel geleistet hat, ein bleibendes Verdienst um 
das allgemeine Beste erworben, und Ich nehme die Veranlassung, welche mir Euer 
Schreiben vom 18. d. Mts. giebt, mit Vergnügen wahr, Euch hierüber meine Er- 
kenntlichkeit aufs neue zu bezeugen. Wenn Ihr, um den höheren Mitgliedern 
dieser Branche auch öffentlich noch mehr Ansehen zu geben, nun noch wünscht, 
dass Euch, den General- und Regimentschirurgen ein angemessener Rang in 
meiner Armee bestimmt und die Erlaubniss, das Offizier-Porte-Epee und Cordon zu 
tragen, ertheilt werden möge, so finde ich solches nicht unzweckmässig, in An- 
sehung der General- und Regimentschirurgen muss Ich Mir jedoch Meine Entschei- 
dung bis zur Reorganisation der Armee noch vorbehalten und habe Euer Schreiben 
der Militär-Reorganisations-Kommission zugefertigt, um diese Angelegenheit eben- 
falls in Erwägung zu ziehen und über die nöthigen Modalitäten inüebereinstimmung 
mit dem Ganzen gutachtliche Vorschläge zu seiner Zeit zu machen. Euch indessen 
will Ich gern sogleich einen Beweis einer Werth Schätzung dadurch geben, dass 
ich Euch als General-Staabs-Chirurgus der Armee den Rang eines Obersten bei- 
lege und das Offizier-Porte-Epee und Cordon bewillige, es würde Mich freuen, 



— 234 — 

wenn Ihr in dieser Auszeichnung eine neue Aufmunterung in Eurem Dienst finden 
werdet. 

Ich bin Euer wohl affehtionirter König 

gez. Friedrich Wilhelm" - 
Memel. den 24. September 1807. 

An 
den General-Staabs-Chirurgus Goercke. 

Eine weitere wichtige Veränderung im Sanitätskorps, welche am 
8. August 1809 in Kraft trat, war ebenfalls Goercke's Werk. Es 
wurde nämlich die Charge der Provinzialgeneralchirurgen aufgehoben 
und statt ihrer Divisionsgeneralchirurgen ernannt. Diese waren 
fortan nicht mehr, wie früher, zugleich Regimentsärzte, sondern sie 
erhielten unter der Leitung des jedesmaligen Generals-Stabs-Chirurgns 
der Armee die Oberaufsicht über das Militär-Sanitätswesen der zu 
ihrem Divisionsverbande gehörigen Truppen theile. Goercke selbst 
opferte auf diese Weise die Einkünfte von den 3 Artillerie-Regimentern, 
deren Regimentsarzt er bis dahin zugleich gewesen war und war so- 
mit nur auf sein Gehalt als Generalstabsarzt angewiesen. 

Dasselbe Jahr (1809) brachte ausserdem, dank Goercke's un- 
ermüdlichem Weiterarbeiten, einen für die gesammte spätere Entwicke- 
lung des Militär-Sanitätswesens höchst bedeutsamenFortschritt. Während 
bisher zwei ärztliche Zentralbehörden in der Person des General- 
stabsfeldmedikus und des ersten Generalchirurgus nebeneinander be- 
standen hatten, wurde die ganze Oberleitung durch die Kabinetsordres 
vom 19. April und 18. August 1809 in der Hand eines und zwar 
des ersten Generalstabschirurgus vereinigt und somit erst eine einheit- 
liche Organisation des Ganzen möglich gemacht. — 

Während Goercke's mehr als dreijähriger Abwesenheit von Berlin 
hatte daselbst die junge Pepiniere einen verzweifelten Kampf ums 
Dasein geführt. In der von Napoleons Garden besetzten Stadt ein 
ganzes Jahr lang ohne jeden staatlichen Zuschuss, war die Anstalt 
mehrmals ihrer Auflösung nahe gewesen. Dass es nicht dazu kam, 
war im Wesentlichen Goercke's und der damaligen stellvertretenden 
Leiter der Anstalt Verdienst. Sie gaben nicht nur ihre eigenen 
disponiblen Geldmittel hin, sondern wussten es sogar durchzusetzen, 
dass Napoleon auf Verwendung des Baron Percy, des damaligen 
Chefs des französischen Militärmedizinalwesens im Januar 1805 eine 
verhältnissmässig grosse Summe zur Unterhaltung der Pepiniere an- 
weisen Hess. Percy selbst war ein grosser Verehrer Goercke's, 
dessen Verdienste er rückhaltlos anerkannte. So liess er sich dem 
Könige Friedrich Wilhelm III. 1807 in Tilsit mit den Worten melden: 



— 235 — 

je suis le Goercke de l'armee francaise" (vgl. S. 42) und rühmte ihm 
gegenüber mit lebhaften Worten besonders Goercke 's reiche Verdienste 
um die Hebung des preussischen Feldlazarethwesens und die Einrich- 
tung der Pepiniere. Auch bewies er der diesem gegenüber dadurch 
eine grosse Aufmerksamkeit, dass er seiner Gattin einen Besuch abstattete. 
Ferner verhinderte er, aus besonderer Achtung für Goercke, dass das 
bereits zum Einpacken bestimmte Walter'scbe Museum, welches den 
Zöglingen der Pepiniere zu Unterrichtszwecken diente, aus Berlin fort 
und nach Paris geschafft wurde. Ein anderer Wohlthäter, der Apo- 
theker und Medizinalassessor Flitner in Berlin war im Augenblick 
der höchsten Noth, im Januar 1808, für die schwer bedrängte An- 
stalt eingetreten, indem er ihr eine bestimmte monatliche Unter- 
stützung gewährte, so dass dadurch allein ihr Weiterbestehen er- 
möglicht wurde. 

Um dieselbe Zeit war Goercke in Königsberg an einer Lungen- 
entzündung, welche er sich in den zugigen Räumen des dortigen 
anatomischen Theaters zugezogen hatte, dessen Wiederherstellung sein 
Hauptwerk gewesen war, ernstlich erkrankt. Er war daher nicht im 
Stande, die Reise der Königlichen Familie nach Petersburg mitzumachen, 
zu der er schon alle Vorbereitungen getroffen hatte. An seiner Stelle 
befand sich Wie bei im Königlichen Gefolge, welcher später die in 
Russiand gesammelten Erfahrungen zur Einrichtung des Garde-Laza- 
reths in Potsdam verwerthete, das dann allgemein als Musterlaza- 
reth galt. 

Am 23. Dezember 1809 kehrte Goercke mit dem Königspaare 
nach Berlin zurück, wo er besonders von der Pepiniere, die ihren 
geliebten Direktor so lange hatte schmerzlich entbehren müssen, auf 
das Herzlichste empfangen wurde. Zum bleibenden Ausdruck ihrer 
Dankbarkeit für alle die zahlreichen von Goercke im Interesse der 
Militärärzte bewirkten Neuorganisationen und aus Freude über seine 
glückliche Heimkehr wurde von den Militärärzten der Branden- 
burger Garnisonen, denen sich später auch die übrigen anschlössen, 
die Gründung eines Prämieniegats beschlossen, aus welchem jedesmal 
an seinem Geburtstage den würdigsten Zöglingen der Pepiniere Prämien 
verliehen werden sollten. Das Legat erhielt am 2. August 1810, dem 
Tage, von welchem die Stiftungsurkunde datirte, den Namen Goercke 's. 
Seine Freude über diese sinnige Ehrung war jedoch nur allzusehr 
getrübt durch die schon in demselben Monate vollzogene Auf- 
hebung des alten, bewährten Collegium medico-chirurgicum, das 
neben der im August 1809 gegründeten Berliner Universität entbehr- 
lich erschien. War doch hierdurch die Weiterexistenz der Pepiniere 



— 236 — 

völlig in Frage gestellt, da nicht nur der frei gewordene Lehrkörper 
des Collegiums, welcher eigens für die Anstalt geschaffen worden war, 
sondern auch die Rechte der letzteren auf die Anatomie, den bo- 
tanischen Garten und andere wissenschaftliche Institute auf die neue 
Universität übergegangen waren. Vergeblich waren anfangs die Be- 
mühungen Goercke's bei den Ministem von Altenstein und von 
Dohna um Ueberweisung eines Zuschusses zur Bestreitung der Kolleg- 
honorare. — Die neuen Universitätsprofessoren und die auf geringe 
Wartegelder gesetzten ehemaligen Mitglieder des Collegium medico- 
chirurgicum weigerten sich, für die früheren niedrigen Honorare zu 
lesen, vergeblich war auch sein Gesuch an Humboldt, den damaligen 
Leiter des Unterrichts wesens, die in Betracht- kommenden Professoren 
für die früher festgesetzten Honorare zur freien Zulassung von 21 Zög- 
lingen zu . ihren Privatvorlesungen zu verpflichten. Die Antwort 
Humboldt's bestand nur in dem Vorschlage, an Stelle der Pepiniere 
eine praktische Medizinschule für niedere Militärärzte und ländliche 
Zivilärzte zu schaffen, also eine Schule für „Routiniers" und ärztliche 
Handlanger, deren Einrichtung auch von dem der Pepiniere von jeher 
nicht wohl gesinnt gewesenen Oberbergrath Beil in einem an das 
Ministerium eingereichten Antrage befürwortet wurde. 

Endlich, als bereits alles vergeblich schien, gelang es Goercke, 
den Geheimen Staatsrath. Obersten von Hake für die Angelegenheit 
zu interessiren, und es wurde von beiden nach eingehenden Konferenzen 
ein Plan aufgestellt, welcher vom König durch Kabinetsordre vom 
27. Juli 1811 im vollsten Umfange genehmigt wurde. Es handelte 
sich in dem Plan um nichts weniger als die Gründung einer be- 
sonderen Lehranstalt auf der Grundlage der Pepiniere an Stelle des 
vormaligen medizinisch-chirurgischen Kollegiums. Die neue Anstalt 
erhielt den Namen „medizinisch-chirurgische Akademie für das Militär", 
und fast sämmtliche Professoren des früheren Kollegiums, sowie 
eine Anzahl von Universitätsprofessoren wurden für sie verpflichtet. 
Durch die Akademie, welche, unabhängig von der Universität, eine 
sämmtliche Gebiete der Medizin und Chirurgie umfassende Ausbildung 
gewähren sollte, wurde die Vereinigung der Medizin mit der Chirurgie 
aufs Festeste begründet. Der Staatsrath Hufeland wurde der erste 
und Goercke der zweite Direktor der Anstalt, während als Kurator 
der jedesmalige Chef des Kriegsdepartements fungirte, welch' letzterem 
auch die Akademie sowohl wie die Pepiniere direkt unterstellt 
wurden. 

So war es nur Goercke's eiserner Energie zu danken, dass 
die Pepiniere nicht nur auf ihrem Standpunkte erhalten wurde, sondern 



— 237 — 

vielmehr aus den ihre wissenschaftliche Existenz aufs Ernsteste ge- 
fährdenden Ereignissen gestärkt und erweitert hervorging. 

Fast genau ein Jahr vorher, im Juli 1810, hatte Goercke seinen 
in diesem Falle doppelt schweren Beruf als Arzt in Hohen-Zieritz 
ausgeübt, wohin er an das Krankenlager der von ihm so hochver- 
ehrten, unvergesslichen Königin Luise auf ihren besonderen Wunsch 
gerufen worden war. Wenn auch seine Hülfe den schmerzlichen 
Verlust nicht abwenden konnte, so war es doch der hohen Kranken 
ein grosser Trost, sich von der liebevollen, unermüdlichen Sorgfalt 
Goercke 's, welche diesem als Arzt und Mensch ja in hervorragendstem 
Masse eigen war, umgeben zu wissen. — 

Kaum hatte Goercke die inneren Stürme, die seine Pepiniere 
bei der Aufhebung des medizinisch-chirurgischen Kollegiums zu ver- 
nichten gedroht hatten, glücklich überstanden, als es für ihn galt, 
wieder alle seine Kraft im äusseren Kampfe gegen den Erbfeind an- 
zuspannen. Bereits während des Feldzuges in Kurland hatte er 
als Chef des Kriegsheilwesens alle Anordnungen in meisterhafter Weise 
getroffen und für ihre sachgemässe Ausführung Sorge getragen. 

Viel grössere Anforderungen traten jedoch an ihn heran, als im 
Sommer 1813 ganz Preussen sich erhob, das fremde Joch abzuschütteln, 
als es darauf ankam, für das durch die Bildung der Landwehr vier- 
fach vergrösserte preussische Heer den nöthigen Mehrbedarf von 2000 
Chirurgen zu schaffen. Goercke, der glühende Patriot, von jugend- 
lichem Feuer erfüllt, that hier Wunder. Hatten auch die von ihm 
und Hake erlassenen Aufrufe, .sowie seine sonstigen persönlichen und 
schriftlichen Aufforderungen ein fast hinreichendes Sanitätspersonal 
versammelt, so galt es doch jetzt vor Allem, dieses Personal, welches 
nur zum kleinsten Theile aus erfahrenen Chirurgen, sondern meist 
aus Civilärzten, angehenden Medizin- und Chirurgie-Studierenden, 
Wundärzten und Pharmazeuten bestand, in richtiger Weise anzustellen, 
damit dem Heere durch seine Aerzte nicht etwa mehr Schaden als 
Nutzen bereitet würde. Dass sich die Pepiniere sowie die Akademie 
in hervorragender Weise an der Bildung eines festen und geschulten 
Stammes unter diesen Chirurgen betheiligten, braucht wohl nicht 
näher erörtert zu werden. 

Nachdem Goercke die Versorgung der Regimenter und Feld- 
lazarethe mit dem zur Verfügung stehenden Personal geregelt, auch 
die erforderlichen Provinzialmilitärlazarethe gebildet hatte, begab er sich 
zur Besichtigung der bereits mit Verwundeten belegten Feldlazarethe 
zunächst nach Schlesien und von dort in die Mark, wo die Schlachten 
von Grossbeeren, Dennewitz und Leipzig eine enorme Zahl von Ver- 



— 238 — 

wundeten in die Lazarethe geliefert hatten. So sehr es ihn auch 
drängte, den Siegeslauf der Armee nach Frankreich mitzumachen, 
blieb er doch, als Seele der gesammten Organisation im Mittelpunkte 
des Ganzen stehend und alles mit Feldherrnblick leitend und über- 
wachend, in Preussen zurück, um erst im April 1814 nach einer 
Musterung der westelbischen Lazareth an stalten dem Heere nach Paris 
zu folgen. Nach einem vierwöchigen Aufenthalte daselbst, kehrte er, 
die Besichtigung der Feldlazarethe weiter fortsetzend, durch die 
Rheinprovinzen über Westphalen nach Berlin (am 2. Juli 1814) zurück. 

Doch nur kurze Zeit sollte er sich der wohlverdienten Erholung 
erfreuen, wenn es überhaupt für ihn bei seinem Feuereifer einen 
Augenblick der Ruhe gab. Denn schon im Frühjar 1815 brach der 
Krieg nach der Rückkehr Napoleons von Elba von Neuem aus. 
Schnell mussten die meist eben erst aufgelösten Lazarethe wieder 
eingerichtet, das ärztliche Personal für die Lazarethe wie auch für 
das Heer gestellt werden. In kürzester Frist waren durch Goercke 
alle Vorbereitungen getroffen. Er selbst verliess am 23. Mai 1815 
Berlin, um sich über Magdeburg, Hannover, Elberfeld nach Düsseldorf, 
dem Mittelpunkt für die Bildung der erforderlichen Lazarethanstalten, 
zu begeben. Unterwegs hatte er nicht nur die bereits eingerichteten 
Lazarethe besichtigt, sondern auch die Thätigkeit der an vielen Orten 
zusammen getretenen vaterländischen Frauenvereine durch seine er- 
probten Rathschläge geregelt. Nach der Schlacht bei Belle-Alliance 
eilte er vorwärts zur Armee, mit welcher er am 7. Juli in Paris 
einzog. 

Während seines viermonatigen Aufenthaltes daselbst wurde er 
vom Könige durch die Verleihung des eisernen Kreuzes zweiter Klasse 
am weissen Bande ausgezeichnet; auch von den Kaisern von Russ- 
land und Oesterreich sowie vom Könige von Frankreich erhielt er 
hohe Ordensdekorationen. Dass auch seine treuen Mitarbeiter, die 
preussischen Militärchirurgen, nicht leer ausgingen, beweist die That- 
sache, dass 113 Eiserne Kreuze erster und zweiter Klasse am schwarzen, 
21 am weissen Bande den Militärärzten in den Freiheitskriegen ver- 
liehen worden sind. Auch wurden ihre Verdienste durch folgende 
Königliche Ordre gewürdigt: 

,.üas gute Benehmen und die Verdienstlichkeit der Militärchirurgen meiner 
Armee, wird von Mir wohlwollend und dankbar anerkannt, und Ich habe dieses 
Anerkenntniss in Beziehung auf mehrere, welche sich vorzüglich ausgezeichnet 
haben, auch bereits durch Ertheilung von öffentlichen Beweisen ihrer Verdienst- 
lichkeit auf eine thätige Weise an den Tag gelegt, so w T ie Ich Ihnen dasselbe auf 




t m 5 







Büttner. 



— 239 — 

Veranlassung Ihres Berichtes vom 14. d. Mts. hierdurch gern von Neuem be- 
zeuge, u. s. w." 

Wien, den 27. April 1815. gez. Friedrich-Wilhelm. 

An 
den Generalstabs-Chirurgus Dr. Goercke. 

Auch eine Reihe von Lazarethbeamten und Frauen vereinen, deren 
verdienstvolle Thätigkeit ihm theils persönlich theils aus Berichten 
bekannt geworden war, wurde auf Goercke 's Vorschlag ausgezeichnet. 

Dieser selbst benutzte seinen Pariser Aufenthalt dazu, den 
König persönlich um einen Nachfolger in seiner Stellung zu bitten; 
indem er als Grund ausser seinem herannahenden Alter die Noth- 
wendigkeit anführte, seinen Schöpfungen und Verbesserungen im Mili- 
tär-Medizinalwesen für die Zukunft eine feste und zuverlässige Stütze 
zu geben. Durch Königliche Kabinetsordre vom 9. August 1815 
wurde daraufhin die Ernennung der von ihm vorgeschlagenen Personen, 
der Divisions-General-Chirurgen Wiebel und Büttner als des ersten 
bezw. zweiten dereinstigen Generalstabs-Chirurgus genehmigt, jedoch 
mit folgendem für Goercke höchst ehrenvollen Zusätze: 

„So lange es Ihre Kräfte erlauben werden, erwarte ich es von Ihrem durch 
eine lange Reihe von Jahren rühmlich bewährten Eifer, dass Sie sich den Ge- 
schäften nicht ganz entziehen werden." 

Goercke selbst theilte diesen Königlichen Befehl den beiden 
Männern, welche später sein Werk forsetzen sollten, am 12. August 
1815 in Gegenwart sämmtlicher damals in Paris anwesenden preussi- 
schen Militärärzte mit. Es war ein weihevoller, alle tief ergreifender 
Moment, als er, Wiebel und Büttner an den Händen fassend, sie 
gleichsam in ihr zukünftiges Amt einweihte und sie dringend 
bat, nicht nur in seinem Geiste weiterzuführen, sondern ihn darin 
noch zu übertreffen und zu verdunkeln. Nur auf diese Weise, fügte 
er hinzu, würden alle seine Bestrebungen und Mühen einzig und aufs 
Beste fortleben und unendlichen Segen bringen. 

Von Frankreich nach Berlin wieder zurückgekehrt, richtete 
Goercke nunmehr im Wesentlichen sein Hauptinteresse auf die Ver- 
grösserung seiner Lieblingsschöpfung, der Pepiniere. Schon im März 
1814 hatte er dem Könige, welcher sich bereits vorher mit einer 
Erweiterung der Anstalt einverstanden erklärt und auch für letztere 
den Namen „Friedrich- Wilhelms Institut" in Aussicht gestellt hatte, 
einen Plan vorgelegt, in welchem er als wesentliche Punkte die Er- 
höhung der Zahl der Eleven und die Gewährung eines eignen, grösseren 
Wohngebäudes gefordert hatte. Dieser Antrag war jedoch damals 



— 240 — 

abgelehnt und auch die weiteren Bemühungen Goercke's in dieser 
Angelegenheit durch das Kriegsjahr 1815 unterbrochen worden. 

Nach Ablauf des letzteren erneuerte er im Februar 1816 sein Ge- 
such um die Bewilligung eines Wohngebäudes, jedoch wiederum ohne 
Erfolg. Er suchte daher auf jede Weise wenigstens den inneren 
Geist der Anstalten zu beleben und zu stärken. So eröffnete er am 
2. August 1816, dem 22. Stiftungstage, die Festfeier mit folgender 
Anrede : 

„Hochzuverehrende Anwesende ! 

Zum 22. Male sind wir so glücklich, den Stiftungstag dieses Instituts 
und den 6ten der medizinisch-chirurgischen Akademie für das Militär zu feiern. 

Das heutige Pest wird dadurch noch erhöht, dass wir es nach einem so 
ehrenvollen, bestehenden Frieden begehen, wo mit erneuter Heiterkeit und Kraft 
die Künste und Wissenschaften wieder blühen. Dank sei daher der Vorsehung, 
Dank den Kaisern, Königen, den tapferen Feldherrn und den braven Armeen, die 
uns diesen ruhmvollen Frieden errungen haben, dessen ganzer Inbegriff von un- 
endlich guten Folgen ist. 

Das Unglück des Krieges hat uns indessen auch Gelegenheit gegeben, Er- 
fahrungen in der praktischen Ausübung der Kunst und Wissenschaft in den Feld- 
spitälern zu machen, die nur da zu lernen sind. Wenn da auch Unvollkommen- 
heiten vorkommen und von Manchem getadelt worden sind, so kann dies nur in 
der Unbekanntschaft desjenigen liegen, der nie den grässlichen Tumult auf einem 
Schlachtfelde und nach demselben gesehen oder erfahren hat: Darum ist ja jeder 
Krieg so schrecklich, weil die schwierigen Übeln Folgen desselben so unabsehbar 
sind. Viele Mitglieder des Instituts haben dabei mit anderen die schöne Gelegen- 
heit gehabt, fremde Gegenden, in Deutschland und in Frankreich zu sehen und 
besonders die Krankenanstalten und anderen Einrichtungen in Paris. Der Unter- 
richt ist bei uns auch in den schweren Kriegszeiten nicht gehemmt gewesen; wie 
immer ein Werk, das die Liebe zum allgemeinen Besten gestiftet hat, auch wunder- 
bar erhalten wird, und die treuen Menschen auch im Unglück noch inniger ver- 
einigt. 

Diesen holden Frieden wollen wir auch ferner nutzen zu angestrengtem 
Fleisse, zur Bescheidenheit und zur beharrlichen Ausbildung unserer beschwer- 
lichen Dienstpflicht; wir wollen uns üben in Genügsamkeit und in Entbehrung, 
dagegen den Müssiggang und die Trägheit, so viel an uns ist, meiden. 

Mögen die vortrefflichen Lehrer, Vorgesetzten und Mitarbeiter an dieser An- 
stalt Hand in Hand in eine Kette vereinigt mit männlichem Muthe und mit Stärke 
das Beste wirken. Lassen sie uns fest zusammenhalten, damit das Vaterland, die 
Armee, besonders unser König und Erhalter Freude daran haben, dessen frohen 
Geburtstag wir morgen feiern werden: Dann wird Gott mit uns sein!" 

Einen würdigen Abschluss fand die Feier noch durch die schönen 
Worte, die der etwas verspätet eingetroffene Fürst Blücher an die Stu- 
direnden richtete: 

„Es thut mir sehr leid, meine Herren, Ihre Feier heute versäumt zu haben. 
Es ist mir lieb, dass ich Sie noch beisammen treffe, um ein paar Worte, herzlich 
uud wahrhaftig gemeint, zu Ihnen zu reden. 




Goercke 1819. 



— 241 — 

Fahren Sie fort in Ihrem emsigen Streben, indem Sie die Bahn Ihrer würdigen 
Vorgänger wandeln. Durch deren Wirken ist auch in dem vorigen Jahre wieder 
viel Gutes geschehen, manchem braven Soldaten das Leben, manch tapferer Arm 
dem Staate erhalten worden. Ich bin zufrieden mit dem Wirken der Militärärzte 
im verflossenen Kriege. Behalten auch Sie, jungen Freunde, vor allem im Auge 
den Dienst für's Vaterland. Wie jeder seinem Könige und Vaterlande dienen kann, 
giebt ihm sein Beruf an die Hand, und der ist der Achtung und der Auszeichnung 
werth, der diesen in seinem ganzen Umfange erfüllt. Ihr Beruf ist zum Besten 
der Menschheit zu wirken, deren Leiden zu mildern und wem von Ihnen sein 
Inneres dereinst das Zeugniss giebt, dieser Bestimmung nach allen Kräften genügt 
zu haben, der wird auch froh sein am Abend seines Lebens. — Es ist ein schöner 
Beruf, dem Sie sich gewidmet, aber — auch ein schwieriger Beruf. Der Anblick 
vielfältiger Leiden ergreift hier das Herz und nimmt Ihre ganze Seelenstärke in 
Anspruch. Doch Heil dem Arzte mit dem fühlenden Herzen, Wohl auch dem 
Kranken, der einen solchen zu seiner Pflege erhält." 

Zum Schlüsse umarmte Blücher Goercke wiederholt mit den 
Worten: „Bleiben Sie mein Freund, Goercke", und er schied mit der 
Versicherimg dauernden Wohlwollens für die Anstalt. 

Wie hoch ihr Direktor in der Werthschätzung des Marschall 
Vorwärts stand, bewies unter Anderem auch des Letzteren Rede am 
20. Stiftungsfest der Pepiniere: 

„Ich danke Ihnen für die zweckmässigen Einrichtungen, die Sie bei dem 
Militärlazareth gemacht haben, für die weisen Vorschriften, die so vortrefflich sind, 
dass jeder Ihrer Untergebenen denselben nur folgen darf, um die ihm anvertrauten 
Kranken auf das Zweckmässigste zu versorgen. Ich und die ganze Armee kennen 
und schätzen Sie als einen echten Patrioten. Gott schütze Sie und schenke Ihnen 
noch recht langes Leben, damit Sie immer mehr die Früchte ihrer Bemühungen 
sehen mögen." *) 

Am 16. Oktober 1817 hatte Goercke das seltene Glück, sein 
50j ähriges Dienstjubiläum in völliger körperlicher und geistiger 
Frische zu feiern. Zahlreich waren die Zeichen der Achtung und An- 
erkennung, die ihm seitens seiner Vorgesetzten wie der ganzen gebil- 
deten Welt zu Theil wurden; ebenso werth voll waren ihm aber auch 
die Beweise der Liebe und Verehrung, welche ihm seine Untergebenen 
und seine Freunde darbrachten. Von seinem Könige wurde er durch 
die Verleihung des rothen Adlerordens zweiter Klasse mit Eichenlaub 
und durch folgendes Handschreiben ausgezeichnet: 

„An der heutigen Feier Ihres fünfzigjährigen Dienst] ubiläums nehme auch 
Ich in der dankbaren Erinnerung an Ihre guten Dienste lebhaften Antheil. Ich 
wünsche Ihnen von Herzen Glück zu dieser seltenen Feier und zu der inneren 
Beruhigung, womit Sie auf Ihre vieljährige Dienstlaufbahn zurückblicken können. 
Mit wahrer Erkenntlichkeit achte Ich Ihr durch Ihre ganze Dienstzeit fortgesetztes 
Streben, durch zweckmässige Einrichtungen, wozu besonders das sich als nützlich 



x ) Preuss, Geschichte des Friedrich-Wilhelms-Instituts. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. IS. Heft. ig 



— 242 — 

bewährte Institut der medizinisch-chirurgischen Pepiniere gehört, das Heilwesen 
der Armee zu vervollkommnen, und bezeuge Ihnen am Tage ihrer Jubelfeier gern 
Meinen Dank dafür durch Uebersendung Meines Rothen-Adlerordens zweiter Klasse 
mit Eichenlaub. Ich vereinige damit den aufrichtigen Wunsch, dass Sie den Rest 
Ihres thätigen Lebens in stetem Wohlsein und ungestörter Zufriedenheit vollbringen 
mögen. 

Berlin, den 16. October 1817. gez. Friedrich- Wilhelm." 

An 
den General-Stabs-Chirurgus der Armee Dr. Goercke. 

Die preussischen Militärärzte gaben ihrer Dankbarkeit gegen 
ihren Chef durch die Ueberreichung einer auf den Jubeltag geprägten 
goldenen Medaille, eines silbernen Pokals und einer Blumenschale 
Ausdruck, wahrend ihm seine Freunde aus dem Montagsklub eine 
goldene Medaille 1 ) verehrten; die militärärztlichen Bildungs-Anstalten, 
die Intendantur und die Berliner Stadt-Wundärzte widmeten ihm 
künstlerisch ausgeführte, poetische Adressen. 

Das grosse Festmahl, welches zu Ehren des Jubilars in der Börse 
stattfand, wurde durch die Gegenwart des Prinzen "Wilhelm von 
Preussen, des späteren Kaisers "Wilhelm L, verherrlicht. Ein wohl- 
gelungener, von den Zöglingen der Pepiniere und der Akademie, sowie 
von den Berliner und den dorthin kommandirten Kompagnie- und 
Eskadronchirurgen veranstalteter Fackelzug beschloss das zweitägige 
seltene und schöne Fest. 

Im Jahre daraufhatte Goercke die Freude, dass durch Kabinets- 
ordre vom 8. August 1818 der Pepiniere der bereits in Aussicht ge- 
stellt gewesene Namen „Medizinisch-chirurgisches Friedrich- 
AYilhelms-Institut" beigelegt wurde. Sein Hauptwunsch jedoch, die 
Bewilligung eines eigenen, grossen Heims für das Institut, blieb ihm, 
trotz aller seiner fortgesetzten Bemühungen, versagt; kaum dass es ihm 
gelang einen Bauplatz für die Anstalt sicher zu stellen. Als aber 
auch dieser im April 1822 genommen und zu anderen Zwecken benutzt 
werden sollte, kam er. da sich auch allmälig bei ihm eine bedeutende 
Abnahme seiner Körperkräfte bemerkbar machte, am 29. April des 
genannten Jahres beim Könige um seinen Abschied ein. Sein Ab- 
schiedsgesuch ist nicht nur wegen seiner Länge denkwürdig ■ — es 
umfasst 34 engbeschriebene Seiten — sondern es ist auch deshalb 
so hochinteressant, weil es seinen Verfasser in seinem, nur auf den 
einen Punkt, eine glückliche Zukunft seiner Lieblingsschöpfung, ge- 
richteten Denken und Handeln auf das Treffendste charakterisirt. Es 
lautet folgendermassen: 



r ) S. die Abbildungen. 





Goercke-Medaille der preussischen Militärärzte zum ÖOjähr. Dienstjubiläum. 





Denkmünze des Montagsklubs zu Goercke's Dienstjubiläum. 





Denkmünzen der preussischen Militärärzte zum 50 jähr. Dienstjubiläum 
der Generalstabsärzte v. Wie bei und Büttner 





Denkmünze auf Christian Wilhelm Hufeland. 



- 243 — 

„Ev. Königlichen Majestaet haben mich von Jugend auf, bis diesen Augen- 
blick, mit so ausgezeichneter Gnade und Vertrauen beehrt, dass ich dies bis an 
das Ende meines Lebens nicht aus dem Gedächtniss lassen werde. 

Izt aber übersteigt es meine Kräfte, und bei der so zunehmenden Schwäche 
bin ich nicht mehr im Stande, mit aller Anstrengung meiner Leibes- und Seelen- 
kräfte, fernerhin, mein schwieriges Amt zu verwalten, während ich es vorher, unter 
meiner Würde hielt, meine Königliche Pension, in Bequemlichkeit, hinter den Gar- 
dinen zu verzehren. 

Darum bitte ich nun, Ev. Königlichen Majestaet, um allergnädigste Ein- 
willigung, dass ich meine sämmtlichen Aemter und Würden in die Hände meines,, 
von Ew. Majestaet allergnädigst bestätigten, vürdigen und alleinigen Nachfolger, 
p. Wiebel, übergeben und ihm jedoch meine Erfahrungen gern mittheilen dürfe. 
Er ist seit 1792 stets mein treuer Gefährte gewesen, in der ganzen Campagne gegen 
Frankreich vonValmy an bis Frankfurt a./M., und bis Berlin zurück, 1795. Er hat 
also in denFeld-Hospithälern Alles gelernt und Treu ausgeübt, und von mir unver- 
drossen Unterricht in Allem genommen. Er ist ein geschickter Arzt und Wundarzt, 
ist zuletzt bei der reorganisation des med. chirurgischen Friedrich Wilhelms In- 
stituts seher thätig gewesen, verdient also gänzliches Vertrauen, das er längst 
schon in hohem Grade besitzt und mit höchstem Danke, rühmt. Ich darf ihn also 
nicht weiter Ev. Königlichen Majestaet Gnade empfehlen. 

Venn ich nun bei dieser Gelegenheit Ev. Königl. Majestaet einen langen 
Brief schreibe, so gründet sich dies auf das unerschütterliche Vertrauen, velches 
ich zu Allerhöchst Denenselben hege und da es höchst wahrscheinlich ist, das 
dies, der letzte allerunterthänigste Bericht sevn wird. Daher bitte ich Ev. König- 
lichen Majestaet diesen Brief nicht wegzulegen oder zum Vortrag zu geben, weil 
der Inhalt desselben vichtig ist. 

Ich bin so glücklich, unter dreyen Königen gedient zu haben, immer mit 
Achtung und Glück. Durch meine ununterbrochne Anstrengungen, Fleiss und treue 
Erfüllung habe ich auch in meinen 55 Dienstjahren [darunter. 32 als General- 
Staabs-Arzt der Armee] die höchste Stuffe im Königlich Preussischen Müitair- 
Medicinal-Wesen als General-Staabs-Arzt und Chef erreicht und mit Ehren, aus- 
geführt. 

Bei der unglücklichen Canonade bei Valmy habe ich Sr. Maj. den höchst 
verstorbenen Herrn Vater, und Ev. Königlichen Maj. als Kronprinz in den grössten 
Gefahren nicht aus den Augen gelassen. 

In der ferme — Megne — hatte ich die armen Blessirten versammelt. Ev. 
Königlichen Maj. kamen um ein Glas Wasser zu erhalten; da aber nur ein einziger 
Brunnen für die ganze Armee da war, das Seil vom Eimer zerriss, war ich nicht 
im Stande, Ev. Königl. Maj. zu geniigen. 

Bei dem Rückzuge von Hans und Grandprez hatte über tausend blessirte, 
die der Oberste von Wintzingerode nach Luxenburg transportiren, und die halb 
Todten mit der Ruhr behafteten, über geschimmeltes Brod legen musste, so dass 
die noch Lebenden, die schlecht Kranken aus dem Wagen warfen und so der Weg 
schauerlich mit Leichnamen bedepkt war. In Luxenburg hatte ich viel Schwierig- 
keit, die Kranken und Blessirten unter zu bringen: Der Oesterreichse Comman- 
dant von Schroeder sagte zu mir: „Herr, sie vollen mir wohl die faulen Fieber in 
die Vestung bringen!" ich antwortete mit vestem Ton: Herr Commandant Sie 
fürchten sich vohl vor den Tod! — dafür werden vir von unsern Monarchen be- 

16* 



— 244 — 

zahlt. Er schämte sich und ich etablirte ein Hospithal auf Credit, da die König- 
lichen Kassen, so wie Lebens-Mittel gar nicht zu erhalten waren. 

Bei der einfältigen Gegenwehr desCustine, kam die Preussische armee krank 
von der herrschenden Ruhr und Kraftlos nach Frankfurt a./M. Ich sah das Elend, 
der Hospital-Feldscherer, mit welchen gar nichts auszurichten war. 

Ich errichtete mit Unterstützung des braven Generals v. Guionnau auf Tausend 
Kranke und Blessirte ein complettes ambulant, das bis auf den heutigen Tag die 
Basis ist, wonach alle Königl. Preussischen Feld-Hospithäler eingerichtet sind. 
Der Intendant Ribbentrop und p. Vuebel als Dirigent dürfen also nur fortfahren, 
sie in Ordnung zu erhalten. 

Unterdessen reiste ich express nach Darmstadt zu der schönsten, Königlichen 
Braut, ward von Ihrer Königlichen Hoheit und der Prinzessin Schwester mit vieler 
Gnaden-Bezeugung empfangen, erhielt alle "Woche, die feinste Charpie für die Ver- 
wundeten, und die Königliche Braut, vie eine Grazie gevannen gleich Zutrauen zu 
mir und äusserten: 

„venn Ich nach Berlin komme, so müssen sie mein Arzt seyn". 
Nach der Einnahme von Mainz hatte ich an dem Kayserl. oesterreichischen Capi- 
taine von Sadlow, Lieut, v. Stiller, Junker Lecomte und 600 Blessirten und 
Kranken grosse und glückliche Kuren gemacht, da das Kayserl. Oesterreichische 
Hospithal weit bis Heidelberg zurük gelegen var. 

von Sadlow ging in "Wisbaden zu der Kayserlichen Maj. und der Kayserl. 
Leibarzt Goepfert musste die von ihren Blessuren, ohne Amputation glücklich 
geheilten [wie General von Menü, dem der Arm ohne amputation kurirt war] be- 
sichtigen , worauf Sr. Kayserlichen Mayestaet befahlen , mir einen Adelsbrief aus- 
zufertigen. Dies geschah wirklich.; allein durch eine Verwechslung der Namen 
bekam ihn Bilguer, der am Podagra litt und nicht einen Fus aus Berlin gesetzt 
hatte. Ich war hierüber ganz gleichmüthig, weil mir schon die Ehre, meine 
Dienstpflicht, überall uneigennützig, verrichtet zu haben über alles Aeussere, hin- 
vegsehen liess. 

von Sadlow liess sich durch Herr von Lucchesini und vom Bischof s - 
wer der bei des Höchstseeligen Königs Mayestät anmelden, rühmte und dankte für 
die überaus liebreiche Behandlung, und Sr. Maj. Hessen mir Gerechtigkeit vieder- 
fahren, besuchten auf mein Bitten auf dem Wall in Frankfurt a/M. die luftigen, 
zweckmässig von Brettern gebauten Hospithäler, schenkte den Kranken 80 Friedr. 
d'or, velche ich an Preussen, Oesterreicher und Franzosen gleichmässig austheilte. 

Ich wurde leider bei diesen beschverlichen Feld-Hospithal durch Erfahrung 
überzeugt: dass die damaligen gemeinen Hospithal-Feldscherer, höchst unwissend 
varen und dem Ganzen mehr schadeteten als halfen. Dies brachte mich gleich 
zu dem festen Entschlüsse, unter den 300 fünfzig, der Besten heraus zu ziehen, 
und sie zu einer Stiftung für die Ausbildung fernerer jungen Leute für die Feld- 
Hospithäler und die armee zu vereinigen. 

Ich entvarf einen Plaan und fuhr von Minden nach Osnabrück zu dem Vater 
der armee, General-Feldmarschal von Moellendorf; legte ihm den Plaan vor, 
den er sehr zu unterstützen, und demOber-Kriegs-Collegio in Berlin dringend zu 
empfehlen versprach, und es auch treulich gethan hat. Der ganze Etat machte 
6000rttl. Indessen schlug das Ober-Kriegs-Collegium dieses Project. vegen Mangel 
an Gelde, aus. Da fuhr ich bei der Rückreise nach Berlin auf das Landguth des 
General-Lieut. von Bischofswerder [in der Nähe bei Parez] uud bath diesen 
dringend: diesen so nüzlichen Plaan bei Sr. Maj. zu unterstützen, und diesem 



— 245 — 

"braven Manne, dem General-Lieut. v. Geusau, und Obersten von Zastrow, der 
damals bei Sr. Maj. vortragender Rath var, habe ich's zu verdanken, dass ich so 
glücklich var, diese, damals so genannte [Pepiniere] izt K. medicinisch chirurgi- 
sches Friedrich- Wilhelms-Institut, den 2ten August 1795 unter Sr. Maj., den 
König Friedrich Wilhelm 2ten zu stiften, ich vard zum Director ernannt, mit 
einem Gehalt von 500 rttl. das ich noch auf den heutigen Tag etatsmässig be- 
ziehe, ohne je um Zulage, gebeten zu haben. 

Wie ich von je her eine vahre Anhänglichkeit an das Königl. Haus beviesen 
habe, geht daraus auch hervor, dass ich die verstorbne Königin, und Hochwürclige 
Gemahlin des Königes Friedrichs des 2ten Christine, Elisabeth,' mit Dr. liolof, 
treulich behandelte, bis sie in meinen Armen gottseelig starb. 

Nach meiner Rükkunft 1795 aus der Campagne am Rhein, Hessen mich die 
damalige Kronprinzessin rufen, und ich habe seit der Zeit täglich 15 Jahre lang, 
bis zu dem Tode der Königin Louise, so wohl bei Derselben, als auch Ev. König- 
liche Maj. allerhöchste Person, so vie den ganzen Hof, ohne Interesse, u. ohne 
eine Hoff Charge zu bekleiden, ärztlich behandelt, vorüber ich meinen alten 
braven Freund Timm, (von 1775) zum Zeugen vorschlage. 

lieh kam aus der oben gedachten Campagne, von 1792 bis 1795, anstatt, 
vie andre, bereichert, mit einer Schuldenlast, von 1500 rtl. zurück; vo der ban- 
queroutirte General-Lieferant Itzig, mir einen Wechsel von 1500 rtl. schürte, 
velchen ich ihn aber, nach meinen in Händen habenden, schriftlichen Beweisen, 
soleich zurük sandte. Der General-Lieut. v. Moller, damahliger Chef der 
artillerie sah meinen Kummer, und frug mich: vas fehlt ihnen Goercke: ich 
antvortete ihm: ich bin 1500 rttl. aus der Campagne u. von meinen Preisen 
schuldig, und veiss nicht vie ich sie bezahlen soll. Dieses hinterbrachte er, dem 
braven Feldmarschal von Mollendorf, velcher aus Anerkennung meiner in der 
Campagne geleisteten vichtigen Dienste, mir sogleich die 1500 rttl. mit der Be- 
stimmung in dem diesfalsigen Vechsel gab, dass ich dieses Geld, in sechs hinter- 
einander folgenden Jahren, ohne die geringsten Intressen abbezahlen könnte. 
Dies geschah auch allmählig, so, dass Sr. Excellenz der Feldmarschal v. M o eilen - 
dorf, bei meiner lezten Auszahlung, den Vechsel einriss, und ihn mir übergab, 
mich den sämmtlichen Officiren die sich bei ihm versammelt hatten, als einen um 
die Blessirten und Kranken, sehr verdienten Mann, mit vieler Gnade vorstellte, und 
mir ein Couvert, tagtäglich offerirte, ich möge kommen venn ich könne und volle. 

Da bei den Haupt-Feld-Hospithälern am Rhein die grösste Verschvendung, 
in der Üeconomie-Vervaltung eingerissen var, so -vurde der thätige und einsichts- 
volle General Lieut. Graf von der Schulenburg Kehnert, von Sr. Maj. von 
Berlin aus, zur Untersuchung dieser Geld- Verschvendung nach Frankfurt a/M. 
geschürt. Es ergab sich dass der Director Maj. von Berg, und General medicus 
Dr. Riemer allein mit ihrer Unterschrift, das Geld empfangen und ausgegeben 
hatten. Dr. Riemer hatte, als Feldarzt die eigennützige Liefrung, des Veins für 
alle Hospitäler an sich gerissen, und durch seine Gehülfen, die Feld-Aerzte, eine 
grosse Verschvendung eingeführt. Sr. Excl. v. d. Schulenburg, Hessen auch 
mich kommen und frugen mich : vie es zugehe, dass die Feld-Hospithäler, so 
enorme Geld-Summen kosten? die Sr. Maj. der König kaum erschvingen könne. 
Ich antvortete ihm: „er sey der Erste der mich darnach früge, er möge mir doch 
sagen vie viel es denn väre? seine Antvort var „150,000 rttl. in einem Monath. 
Worauf ich erviederte: das ist ja bei Ev. Excell. ein geringes, bei den Feld- 
Hospital-Kassen, sich zu erkundigen; ver gegeben, und ver es empfangen hat. 



— 246 — 

Finden Ev. Excell. meinen Namen darunter, dann halten sie mich für schuldig. 
Er erviederte „ja mein Freund, zu ihnen, habe ich das grösste Vertrauen von den 
Mitgliedern der Haupt-Hospital-Direction und sie müssen sorgen, dass da Einhalt 
geschieht ! 

Auf diese Aufforderung, sagte ich ihm: geben mir Ev. Excl. den recht- 
schafnen, Kriegs -Commissair v. Schütz und den Calculator Michalsky, dann 
werde ich einen Etat entverfen, nach meiner Pflicht und Gewissen, ich liess mit 
diesen thätigen Männern und mit Hülfe der gefälligen Gattin des v. Schütz, 
Fleisch, Erbsen, Reis, Graube, Mehl etc. kochen, und bestimmte dadurch die be- 
stimmte Portion der Diaet für jeden Blessirten und Kranken. Hiedurch geneh- 
migte, mit Unterschrift, Sr. Exe. v. Schulenburg diesen Verpflegungs-Etat, 
velcheer in allen detachirten Feld-Hospitälern exaet befolgt verden musste, und 
vodurch in einem Monath 50,000 rtl. rein erspart vurden, und so nicht über- 
schritten verden durften. — 

1797 starb Königl. Maj. Höchstseeliger Herr Vater, im neuen Garten, vo 
alles sogleich bei der Ankunft Ev. Königl. Maj. unsre Glückvünsche darbrachten. 
Auch hierüber, kann der treue Timm, am besten zeugen; ich bis zum Tode des 
Höchtseligen Königs Majestät, mit vieler Anstrengung ausgeharrt habe. 

Nach her starben zvei Ev. Königlichen Majestätt Kinder, die ich mit vahrer 
Anhänglichkeit, an die allerhöchste Person vie der Königin Maj., mit aller Sorg- 
falt, und ohne Eigennuz, ärztlich behandelte. Der Königl. Leibarzt Dr. Brown 
u. der 2te Leibarzt Dr. Hufeland hatten ein ansehnliches Gehalt, als Leibärzte, 
und Aerzte — von 5000 rttl. Einkünfte. 

Die Königin Mutter in Mon-bijou, vard tödlich krank und ich var zu Ihrer 
Pflege, und vartung gefordert, ebenfalls mit Dr. Brown, die ich auch bis an 
ihren Todt, mit grösster Anstrengung meiner Kräfte geleistet habe. Der Kayserl. 
Russische General v. Gütrof, welcher auf seinen Preisen, zur Prüfung des Königl. 
Preussischen Schul- Unterrichtswesens, Berlin berührte, bath sich meinen Studien- 
Plaan, von dem pp. Institute aus, welcher späther, zur Basis, der in St. Peters- 
burg, eingerichteten academie, für das Militär genommen vorden, schickte ihn an 
Sr. Kayserlichen Maj. Alexander, der mir allergnädigst einen bedeutenden Brillant- 
Ring durch den Gesandten Alopaeus den lten Einhändigte. 

Als der unersättliche Napoleon, Preussen den Krieg ankündigte, und die 
tapfre Königl. Preussische armee das Unglük hatte, bei Auerstaedt übervältigt zu 
verden, bemächtigte sich der Baron von Percj. Chef des milit-medicinal-Vesens p. 
der französischen armee, des gesammten vollkommen ausgerüsteten Königl. 
Preussischen Hospital-ambulants, vorinnen er zu seinem Erstaunen, alles in 
grösster Ordnung und Ueberfluss fand; als Kranken- und Blessirten-Transport- 
Wagen auf Stahlfedern, Instrumente, Bandagen, Medicamente, Dekken, "Wein, 
Reis pp. velches er bei der französischen armee, zum Bedauern derselben, gar 
nicht hatte! — Er nahm selbst, den schönsten und leichtesten Bandagen-vagen, 
zu seiner Equipage bis Tilsit, mit. Mit diesem berühmten Mann Baron Percy, hatte 
ich bereits vährend der campagne 1792 dadurch schriftliche Bekanntschaft ge- 
macht: dass ich von Verdun aus ihm auf einem Zettelchen schrieb: die Chirurgie 
und die Blessirten haben mit einander keinen Krieg, ich bäthe ihn also, dass er 
die Gefangenen Preussischen Blessirten, als ein berühmter theilnehmender Arzt, 
gütig behandeln und pflegen möchte ; vo gegegen ich hiemit, ihm die f eyerlichste 
Versichrung gäbe, dass ich ich französischen Blessirten, mit aller Sorgfalt, behan- 
deln und verpflegen würde, und venn Pergy frug: wer hat denn diese schöne 



— 247 — 

vortreffliche Einrichtung des Feld-Hospitalvesens gemacht, erhielt er überall die 
antvort: Goercke. 

Als Napoleon, dieser arrogante stolze Despot in Berlin einzog und Pergy 
als ein gelehrter Mann mit seinem Colleguen Le Coste und einer Menge fran- 
zösischer militair-Chirurgen zu einer Prüfung der Zöglinge des Instituts, durch 
den Staabsarzt Dr. Tscheggey, invitirt vorden var, so prüfte er in der französi- 
schen, und Le Coste in lateinischer Mundart, die gedachten Zöglinge, velche 
ihnen beiden auf die freymüthigste Art, Alles zu ihrer grössten Zufriedenheit, be- 
antworteten: und auch hier venn Pergy frug: ver hat das fürtreffliche Institut 
gestiftet, erhielt er zur Antvort: Goercke, vorauf er bevogen vurde, meiner Frau 
einen Besuch abzustatten, und ihr sehr grosse Dienste ervies. Pergy dem pp. Na- 
poleon auf eine spöttische veise nach dem Zustande der Preussischen militair- 
Chirurgie frug, machte ihm einen Rapport von dem schönen Zustande, des König- 
lich Preussischen Militair-Medicinal-vesens, und äusserte sein Bedauern, dass das 
so vortrefflich eingerichte Institut, das in ganz Frankreich seines Gleichen nicht 
habe, und velches die grossen französische armee von so grosser Notwendigkeit 
väre, genöthigt seyn verde aus einanderzugehen, da der Director desselben, Sr. 
Königl. Majesten allerhöchste Personen, als Leib-Arz, begleite, und diesem Insti- 
tute durch die französische armee kein Geld zuschikken könne. Der sonst hart- 
herzige Napoleon liess sogleich zum ferneren Fortbestehen des Instituts 4000 rtl. 
anweisen. 

Dem Institute stand noch ein härteres Schiksaal beför; der Projecten-Macher 
Ne ander vollte die nüzlichen Mitglieder, aus ihrer Vohnung in der Caserne 
heraus verfen und dagegen aufgegriffne Soldatenveiber und Kinder, an deren 
Stelle hineinlegen, dies wurde jedoch auf Intercession des p. Percy durch den 
französischen Commandanten Hulain verhindert. 

Nun habe ich Ev. Königl. Maj. Allerhöchste Person, und Ihre Maj. die Kö- 
nigin, von Graudenz, Osterode, Orteisburg, Wehlau, Koenigsberg, wo Ihre Maj. 
die Königin, am Nervenfieber sehr krank lag, sich höchst Dieselbe in einem mit 
Betten angefüllten Vagen, krank fahren liess, nach Memel begleitet; voselbst die 
treue Seh ad ow am Nervenfieber, dicht am Gemache der Königin starb, wobei 
sich Ihre Maj. die Königin, mit eigner Lebens- zur Pflege der Schadow, die ich 
aus Amtspflicht, Tag und Nacht behandelt habe, exponirte. 

Der Leibarzt Geh. Rath Dr. Brown eclipsirte nach London, Hufeland 
blieb in Danzig, mit Mad e Bock u. Prinzess Wilhelm Königl. Hoheit, bei den 
Königlichen und Prinzlichen Kinder, ich ging mit ihnen bis Memel, vo er an der 
Königlichen Tafel, Mittag- und Abend-Tisch hatte. Ich musste indessen öfters 
Hunger leiden und dieses alles, gelassen mit ansehen, bis zuletzt mir gestattet 
vard, an der Marschais Tafel, vorlieb zu nehmen. 

Ich vard nach der Schlacht von Preussiscn Eulau, von Ev. K. Maj. nach 
Koenigsberg beordert, um die preussischen und Russischen Blessirten in meiner 
Ihnen bekannten Ordnung in Kur und Aufsicht zu nehmen, vobei ich beinah ge- 
fangen genommen vorden väre. Bei dem grossen Mangel an Geld, Nahrungs- 
Mittel aller Art, vard es mir sehr schver, die 10000 Russischen und vielen Preussi- 
schen Blessirten, mit Lebensmitteln zu erhalten. Der Leibarzt Sr. Maj. des 
Kaisers Alexander, Wylie, kam darauf nach Koenigsberg zur Untersuchung der 
Hospithäler und Raportirte an Seinen Monarchen von meiner Thätigkeit, für alle 
Blessirte Preussen und Russen, Franzosen, deren 36000 Mann zusammen lagen. 
Sr. Kayserl. Majestaet Alexander fanden sich aus Dankbarkeit bevogen, zum Be- 



— 248 — 

veise ihrer Gnade, mir den St. Anna-Orden 2ter Klasse, von Bartenstein, alier- 
gnädigst zu verleihen, und ich hatte das Glück, in Koenigsberg diesen Orden 
allerhöchst selbst, von Ihrer Königl. Maj. der Königin, um den Hals gehangen, 
zu erhalten. Der wüthendende Napoleon, verfolgte, die Preussische und Russische 
armee, bis Rangnitt, Tilsit, und über die Memel, und mitten auf dem Niemen, in 
einem Zelte machte er Friede mit Ev. Königl. Majestaet und des Kaysers Alexander 
Majestaet, invitirte Ev. Königl. Majestaet, und die Königin nach Tilsit, vo Percy 
auch mich vermuthete und deshalb Quartier machen liess. Da ich aber nicht er- 
schien; so liess er sich bei Ev. Königl. Maj. durch den Obersten v. Klüx mit 
den Vorten anmelden „je suis le Chirurgien Infant . General - Goercke , de 
1' armee frangaise". — 

Ev. Königl. Maj. empfingen ihn mit herablassender Gnade, und er redete 
Allerhöchst Dieselben, folgender Maassen an „ich komme nicht bei Ev. Maj. um 
Etwas zu bitten, sondern aus innerm Gefühl, Allerhöchst Denenselben meinen 
Dank darzubringen, dass Ihre Feld-Hospithäler über alle Vermuthung so herrlich 
eingerichtet sind, dass ich darüber vervundert bin. Ferner ich besuchte das 
höchst seltene Institut (Pepiniere) genannt, welches Einzig in seiner Art und der 
armee durch Erziehung von Militair-Chirurgen, so nüzlich ist. In ganz Frankreich 
ist eine solche Anstallt, nicht vorhanden. Ueberall vo ich mich erkundigte: ver 
hat denn diese schönen Einrichtungen gestiftet? war die Antwort: Goercke. 
Diesen seltnen Mann, möchte ich wohl persöhnlich kennen lernen." Ev. Maj., mit 
diesem Zeugnisse, eines gewesenen Feindes sehr zufrieden, entliessen ihn mit 
vielen Lobeserhebungen und Danke. 

Bei der Rükkunft Ev. Maj. nach Memel, viederholten mir, allerhöchst Die- 
selben, unter den Linden, die Unterredung mit Percy. Ich antvortete allerunter- 
thänigst nach meiner geraden Weise: Es hat Ev. Maj. manch groschen und sechs 
pfennig gekostet, allein es ist doch nüzlich angewantt. Ev. Maj. beliebten zu 
antvorten, dass Ihnen diese medicinisch-chirurgischen Einrichtungen alle Satis- 
faction gegeben haben. 

Ev. Maj. befahlen einer Kommission die Reorganisation der Armee. Mich 
begnadigten allerhöchst Dieselben, mit Obersten Rang und dem Feldzeichen, die 
Divisions-General-Chirurgen Majors-Rang und den Regiments-Aerzten Capitains- 
und den Bataillons-Aerzten Lieutenant-Rang. — Ich bath Ev. Maj. um Erhöhung 
des geringen Gehaltes, der Regiments- Bataillons- und Comp. Chirurgen, welches 
allerhöchst Dieselben zu genehmigen geruheten. Und da die Medicamente bei den 
damahligen und izigen Preysen nicht mehr beschafft werden konnten, so ver- 
fügten Ev. K. Maj., die Erhöhung der Medicingelder. Ich hatte eine Revenü an 
medicingeldern von drei Regimentern Artillerie, da ich es indessen, als General- 
Staabs-Arzt und Chef unter der Vürde hielt, in einer Person Empfänger und 
Controllern- zu 3eyn, so begnügte ich mich mit dem Gehalte von 2500 rtl. jähr- 
lich bis auf den heutigen Tag, ohne jemals eine Vergütigung zu verlangen. 

Nun fanden sich in Memel, aus Halle, im Namen der Universiteet ein, die 
Professoren Schmaltz und Frorip, und legten sich und die Universiteet, zu 
allerhöchst Dero Füssen. Ev. Königl. Maj. entliessen sie, mit Ihrer gewohnlichen 
Gnade, denn diese Herren sovie Herr von Humbold und Hufeland hatten 
schon im Sinn, in Berlin zu stiften eine Universiteet, vobei H. Schmaltz auch 
virklich noch izt angestellt ist. 

Des Kaysers Alexanders Majestaet,' bathen Ev. Maj. und allerhöchst Dero 
Gemahlin, zum Besuch nach St. Petersburg. Ich vard gevählt, um Ihre König- 



— 249 — 

liehen Majestaeten als Arzt, dahin zu begleiten. Eine in meinem Eifer auf der 
Koenigsberger-Anatomie erlittene heftige Erkältung, die mir eine Lebensgfährliche 
Brust-Entzündung zu Vege brachte, raubte mir indessen dieses unaussprechliche 
Glück", vodann pp. Wiebel, an meiner Stelle, Ev. Majestaeten begleitete. 

Hier in Koenigsberg hat Herr von Alten stein, Dohna und Scharn- 
horst, Ev. Königl. Maj. dahin bevogen; das berühmte und vortreffliche Ober- 
Collegium medicum — undCollegiummedico-chirurgicum, welches ohngefähr, 6 bis 
8000 rl. kostete, in Berlin aufzulösen, d. 13t. Decembr. 1809; dagegen das Mi- 
nisterial medicinal Collegium, an deren Stelle zu setzen, welches 20,000 rl. 
kostete. In der zu diesem Ende an p. Dohna, Altenstein und Scharnhorst, 
erlassen Cabinets-Ordre vom 13t. Decbbr. 1809, die hier in Numero 6 beigefügt 
ist, geruhten Ev. Maj. mich zum Mitgliede dieses leztern Collegiums, zu ernennen, 
und mir in Militair-Medicinal-Angelegenheiten, als General-Staabs-Arzt und Chef 
des Militair-Medicinal-Vesens entscheidende, in den Civil-Medicinal-Angelegen- 
heiten, aber consultative Stimme zu verleihen. Venngleich ich nun als Chef des 
Militair-Medicinalvesens von venigstens zwei mal hundert Tausend Mann, dem 
Herrn v. Altenstein, als Chef des Civil-Medicinalvesens, gegen überstehe, so 
betrachtet mich dennoch derselbe, da mir das Praedicat: „Excellenz" fehlt, als 
einen General-Feldscherer, und hat mir auf fünf officielle Briefe, mit keiner Silbe, 
einer Antwort gewürdigt; indem ich, allein da stehend keinen Vertreter fand, und 
vorüber ich auch neulich bei Ev. Königlichen Maj. Beschverde geführt und zu- 
gleich zur näheren Erläuterung der Verhältnisse, dem Herrn General von AVitz- 
leben einen eigenhändig, mit vieler Anstrengung des Körpers geschriebenen Auf- 
satzes von sechs — Bogen, hinsichtlich dieser Militair und Civil-Medicinal-Ver- 
fassung übergeben habe, dessen weiteren Verfolg ich nun, meinem Nachfolger 
p. Wiebel, überlassen muss. Ich habe seit meiner 32jährigen Amtsführung, als 
Chef des Militair Medicinalvesens zwölf Chefs, des Civil-Medicinvesens überlebt. 
Dl. 14t. Dcbr. 1809 traten Ev. Königl und allerhöchst Dero Gemahlin, die 
Rükreise nach Berlin an, vobei ich abermals das Glück hatte, der Begleiter zu 
seyn, und vo Ev. Maj. bei dem Einzüge in die Plauptstadt unter dem Jubel der 
Einvohner empfangen vurden. 

Schon in Koenigsberg, zum Exempel, bei dem Her von Auerswald, ver- 
lies der von Humbold, die Nähe Ev. Königl. Majestaet, keinen Augenblik, so 
dass niemand zur Unterredung mit allerhöchst Denselben zugelassen verden konnte. 
Im Hintergrunde lag nehmlich, die Stiftung einer Universiteet zu Berlin, zu 
welchem Ende auch der geschäftige Uhden, p. Hufeland und mehrere andre 
Ev. Maj. zu bevegen suchten, das von Gott allerhöchst Denselben, angestammte 
Palais des Prinzen Bruders Friedrichs 2ten, mit der Vorspieglang der grossen, 
nach dem Kriege von Ev. Majestaet zu stiftenden Universitaet, zu bevilligen. 

Ich bin von allen diesen Dingen bei Ev. Majestaet damals persöhnlich zuge- 
gen gewesen. Zulezt kam der Hoffrath Bussler zu Ev. Maj. vobei die hochseelige 
Königin und auch ich zugegen varen mit der vehmüthigen Anfrage: ob Ev. Maj. 
sich über das Palais finaliter bestimmt hätten, in dem er im bejahenden Falle die 
grossen kostbaren Spiegel ausbrechen volle. Die Höchst Seelige Königin Louise, 
bath Ev. Maj. in meiner Gegenwart, in folgenden, zärthlichen Ausdrükken: „Lieber 
„Freund! gieb doch dies schöne Palais nicht aus den Händen, es ist so nahe, und 
„unsre Kinder, können mit vieler Bequemlichkeit darin vohnen." Ev. Maj. blieben 
indessen bei Ihrem gegebenen Vorte; „ich habe es einmal versprochen" und 
Bussler, brach die grossen prächtigen Spiegel, aus. 



— 250 — 

Der von Humbold hatte gemeinschaftlich mit Uhden-Hufeland, und 
Schmaltz etc. der ein Verwandter von General von Scharnhorst var — alles so 
vorbereitet, dass schon nach Verlauf einiger Tage, zu Ev. Königl. Majestaet eignem 
Verdruss die Vergoldeten Buchstaben der „Universitas Litteraria" — eingegraben 
wurden. Bald darauf zogen Professoren, von veit und breit mit ihren Familien, in 
die prächtigen Zimmer des erhabnen Prinzen Heinrich. Herr von Humbold vusste 
sich für die Universitaet und neben Institute, einen Etat, von 150,000 rl. jährlich 
auf sichre Güter zu versichern. Mich liess v. Humbold mit sämmlichen Militair- 
Chirurgen von höheren Vissenschaften, unter dem Yorvande, dass sie diese zu 
verstehen nicht fähig veren, gänzlich ausschliessen ; verschluss das Theatrum ana- 
tomicum, dass p. Museeum pp. vor den Pensionairs Staabs-Ober-Aerzten Eleven, 
Gompg. u. Esqadron Chirurgen, ohne Etwas, vie er es nannte, empyrische Schule, 
an die .Stelle zu setzen. 

Dies dauerte zvei Jahre lang, bis ich endlich noth gedrungen, durch den 
damahligen Obersten, izigen Kriegsminister von Hake Ev. Königl. Maj. einen 
dringenden Bericht überreichte, vorm ich darthat, dass ich von nun an keinen 
Militair-Chirurgen in die armee liefern könne, wenn nicht das aufgelöste Collegium 
medicum chirurgicum vieder hergestellt vürde. Dies bevog Ev. Königl. Maj. mir 
als Stifter, auf der Stelle zu versprechen, das aufgelöste Collegium-medicum 
chirurgicum vieder herzustellen, velches auch unter dem Namen medicinisch- 
chirurgische Academie für das Militair, am 27. Juli 1811 geschah. Die sämmt- 
lichen noch vorhandenen Professoren , bekamen neue Patente und der geheime 
Rath Dr. Hufeland, ward lter Director und ich als General-Staabsarzt u. Chef 
des Militair-Medicinal-Vesens zveiter Director. In dem Etat, velchen ich entvart 
sezte ich den p. Hufeland mit 400 rtl. jährlich an, dagegen als Stifter und von 
allem Eigennutz entfernt, und mit meinem anderveiten Gehalt zufrieden, sezte ich 
für mich — nichts — an. 

Hiernach ging nun der freye Unterricht für die Militair-Chirurgen, von 
neuem an. 

Der Staats-Minister von Beyme ist nach meiner Erfahrung, der Einzige, 
in Ev. Königl. Majestaet Lande geborne, mit allem möglichen und unmöglichen 
Kräften desselben, von je her genau bekannte Mann, den Ev. Königl. Maj. während 
seines Amtes als Cabinets-B,ath , gewiss als einen festen treuen Diener haben 
kennen lernen. Er ist zwar, ich weiss die Ursache nicht aus dem Staats-Ministerio 
entfernt worden, dennoch aber bleibt er einer derjenigen hohen Staats-Diener, 
denen das Vohl des Vaterlandes über Alles, geht. 

Bei dem ersten Besuche Ihrer Maj. der Königin, bei Ihrem Herrn Vater in 
Strehlitz, erlitten allerhöchst dieselben, in einem überfüllten Saale einen starken 
Schweiss und darauf erfolgte heftige Erkältung. Ihre Maj. verfielen in ein heftiges 
Entzündungsfieber zu einer Zeit vo der Leibarzt p. Hufeland von Ev. Maj. Urlaub 
erbeten, und erhalten hatte, um den Contracten König Ludwig von Holland, zu 
besuchen und arztlich zu behandeln. 

Der Leibarzt des Serenissimi Dr. Hieronimy, übernahm aus übertriebnem 
Selbstvertrauen, die Behandlung, der Königin allein; der geheime Rath Dr. Heim, 
vard zur Königin geschikt und kam mit den besten Hofinungen nach Berlin zurük. 
Unterdessen schikte Hieronimy, täglich per Estafette einen Rapport an Ev. Maj., 
vorinnen er sich mit den besten Hoffnungen schmeichelte: bis endlich einmal der 
getreue, Kammer-Diener Timm ohne Arzt zu seyn, einen schlichten Brief an 
p. Niethe schrieb, vorinnen er sagte; „es wandert mich doch, dass die kranke 



— 251 — 

Königin, nicht aufrecht sitzen kann/' als ich diese Zeilen des einsichtsvollen 
Timm in Charlottenburg laas, bestätigte sich in mir, der schreldiche Gedanke; 
die göttliche Königin ist ein Kind des Todes! 

Nach Verlauf einiger Tage, kam des nachts ein Eil-Bothe an mich und 
p. Heim, welcher uns, auf das schleunigste zu der Königin rief. Wir traten unsre 
Reise sogleich an fuhren mit Relais, so schnell als möglich, bis Hohen Zieritz 
vo die kranke Königin sich befand, und vohin ich zu meiner Unterstützung den 
izigen Regimentsarzt Schmidt, mit nahm. 

Mit velchen Zutrauen vard ich von Ihrer Maj. empfangen mit der gnädigen 
Aeusserung: „Lieber Goerke! vas bin ich froh, dass sie bei mir sind; von 
einem gemeinen Dorf-Barbier, habe ich mir Blut-lassen, und spanische Fliegen, 
Sempfflaster, auflegen lassen müssen, die mich gevaltig schmerzen. „Schaffen sie 
mir doch Linderung, die sie mir in meinen Krankheiten, so oft gevährten." Bei 
dem Anblik dieser allerhöchst Leidenden, konnte ich mich kaum der Trähnen ent- 
halten, da ich mich leider' überzeugte, dass diese holdseelige Frau in venigen 
Tagen sterben vürde. Ich vachte die Nacht bei Ihr und vendete Alles an, um 
Ihren Zustand so viel als möglich zu soulagiren. Ich benachrichtigte augenbliklich 
den Herrn Vater und den kleinen Herzoglichen Hoff von der vorschvebenden Gefahr ; 
denn die Herren varen unbesorgt, und hegten die beste Hoffnung. Die Prinzess 
Sohns und Gräfin Voss vurden jedoch hierdurch höchst aufmerksam gemacht. 

Gleich darauf schrieb ich an p. Wiebel, vie dies im militair gebräuchlich 
ist einen deutlichen Krankenbericht, vorin ich die höchste Gefahr schilderte, vorin 
die Königin schwebte, und ihm bath,Ev. K. Maj., hiervon zu benachrichtigen und in- 
ständig zu bitten, die Reise nach Hohen Zieritz auf dass Schnellste zu unternehmen, 
wenn allerhöchst Dieselben, Ihre Maj. die Königin, noch am Leben finden vollte. Ev. 
K. Maj. traten nachdem allerhöchst Dieselben diesen Bericht Selbst gelesen hatten, 
dieReise so gleich an, und trafen von des Kronprinzen und Prinzen Wilhelm Königl. 
Hoheit [Sohn] begleitet, zwei Stunden vor dem Tode der nunmehr in Gott ruhenden 
Königin glüklich in hohen Zieritz an , voselbst auch eine halbe Stunde nach dem 
höchst seeligen Tode, also leider zu späth die Prinzesin Charlotte und Alexandrine 
K. Hoheiten, ankamen. Der treue und einsichtsvolle Timm hat sich also das 
grosse Verdienst erworben, alles in Bewegung gesetzt zu haben, während Hiero- 
nimy der Vorwurf trifft, dass er in Abwesenheit des p. Hufeland, mich nicht 
früher, schon kommen Hess, um so mehr, da ihm nicht unbekannt var, mit welchem 
Glükke ich dieHöchstseeligeKönigin inKoenigsberg auf denHuben, behandelt hatte, 
über alles dieses berufe ich mich auf das Zeugniss meines alten Freundes Timm. 

Nach den beschwerlichen Volkskriegen, von 1814—15 haben Ev. Königl. 
Maj. verschiedene Generale und Officire mit Gütern und andern Geschenken be- 
glükt. Der Gen. Intendant Ribbentrop erhielt 10,000 rttl., nur an Goercke 
vard nicht gedacht, da mich keine Excellenz in Erinerung brachte, unterdessen 
kam die hoch unterrichtete vohlthätige Kayserin Mutter aus St. Petersburg. Bei 
der Cour unterhielt sich diese erfahrne Frau sehr gnädig mit mir. Bei dem Besuche 
in der Charite rief sie mich hervor und vernahm von mir sehr gerne die Ein- 
richtung zu dieser Krankenanstalt, als höchst Sachkundige vohlthätige Frau. 



Izt erlaube ich mir, nach diesen Praeliminarien Ev. Maj. den Eigentlichen 
Gegenstand, dieses meines allerunterthänigsten Berichts vorzutragen. 

Ev. Maj. haben in allerhöchster Person, die prächtigen Gebäude für die 
medicinisch-chirurgischen Lehranstalten in Paris, das prächtige Monument des 



— 252 — 

Kaysers Josephs, die medieinisch-ehirurgische-Josephs-academie. mit allen Sälen. 
Praeparaten etc. — und anhangenden Militair-Hospithälern allerhöchst in 
Augenschein genommen: reiche Kay seid. Maj. Joseph 1787mich in "Wien persöhnlich 
gesprochen, und ich Gelegenheit nahm. Sr. Kayserlichen Maj. Maj. meine Be- 
vunderung über die höchst vohlthätige Errichtung dieses Monuments für Aus- 
bildung, der so nothwendigen Militair-Medicinal-Chirurgie Anstallt für die Arme 
mit so splendiden Kosten-Aufvande, als aller erster Gründer und Kenner, errichtet 
zu haben, auszudrücken ; und so unter vielen geäusserten Kentnissen, über die 
Königl. Verfassung allergnädigst zu entlassen : Dies ganze Gespräch befindet sich 
noch izt, unter meinen Reise- Akten, aufbevahrt. 

Nicht minder haben Ev. K. Maj. in St. Petersburg das prächtige Gebäude 
für dieMilitair-medicinisch-chirurgische-Academie, so vie die musterhaften Militair- 
Hospithäler. und die höchst vohlthätige Erziehung und Krankenhäuser der 
Kenntnissreichen und hoch verehrten Kayserin Mutter Maj. von Allerhöchst Der- 
selben geführt, mit grossem Vorgefallen, in Augenschein genommen: so vie auch 
die grossen Anstalten in Moskau etc. In allen diesen grossen Städten verden die 
müitair-medicinischen-chirurgischenBildungsansta.ten, mit Ehren aufrecht erhalteu. 

Xur Leider! in der preussischen Monarche und besonders in Berlin, ist für 
die Militair-Medicinal-Chirurgischen Anstalten, auch nicht das kleinste Königliche 
Haus vorhanden. Hätte ich nicht mitvielemKostenaufvande aus eignenMitteln mein 
Haus für das p. Institut beim Bau so eingerichtet, so hatte ich für so höchst 
nothige, sich so nüzlich bevährte Anstallt, reiche sich den Stolz der Nation, und 
meinen Juvel — zu nennen pflege , keinen einzigen Versammlungsort zu meiner 
Disposition. 

Im Jahre 1802 befahlen zvar Ev. Königl. Maj. den Xeubau meines Hauses, 
und bevilligten nach dem Anschlage, der Königl. Bau-Commission 18300 rl. 
durch Sr. Excellenz von der Schulenburg-Kehnert. Da indessen Bestim- 
mung var, dass ein jeder Eigenthümer das Grundstück selbst ankaufen musste, so 
hat mir der Bau 10800 rttl. und mit der 3ten Etage auf meine Kosten, so vie der 
innern Decoration des Lehr-Saals — und der Ausstattung der Oeconomie-Anstalt, 
zum Besten für des gedachten Instituts, zusammen noch 21.000 rtl. laut Rechnung 
und Belägen, aus meinen Mitteln gekostet. 

ich berufe mich in dieser Hinsicht auf den izigen Cabinets-Pvath Albrecht, 
velcher als dahmaliger Kammergerichts-Pvath den Kauf-Contract und Hipotheken- 
Schein 1801 mit andern unterschrieben hat. 

Da ich kein Vermögen besass, so musste ich dieses Baugeld, gegen Intressen 
aufnehmen, und seit Beendigung des Baues, dem p. Institute, aus besonderer Vor- 
liebe, für diese Anstalt, das ganze untre schöne Stokwerk mit Keller und Oeco- 
nomie, bis auf den heutigen Tag für 500 rtl. etatsmässige jährliche Miethe über- 
lassen. Sonach habe ich es endlich so veit gebracht, für meine geleistete langen 
und treuen Dienste eine Schuldenlast von 18000 rtl. verinteressen zu müssen, 
ohne dass man mir den Vorwurf machen kann, durch Traktirungen faiten — 
oder auf irgend eine Art, durch äussern Aufvand, etwas durchgebracht zu haben, 
sondern ich habe immer nur das vie eine Pupille betrachtete Anstallt und die 
A'eredlung der Militair-Chirurgie, überhaupt vor Augen gehabt. 

Bei aller der ausgezeichneten Gnade, velche Ev. Königl. Maj. und die höchst- 
seelige Königin mir seit 15 Jahren geruht, habe ich es immer unter der "Yürde 
eines Mannes gehalten, der in der Xähe der allerhöchsten Personen, in so hohen 
Gnaden gestanden, irgend einen groschen, zur Abbezahlung, oder Zulage, zu er- 



— 253 — 

bitten. Ich darf mir daher schmeicheln, ohne Ruhmsucht, aus varhaftem Triebe, 
zur Veredlung der Militair- Chirurgie als privat Mann, mehr aufgeopfert zu haben, 
als der Staat, durch die Bewilligung des Etats für das ganze p. Institut, von 
21,000 rttl. jährlich. — 

Dabei habe ich lauter Landeskinder gebildet, veil ich den Grundsatz vest- 
hielt, dass unsre Voreltern und izigen Anvervandten, da sie dem Staate schvere 
Abgaben leisten müssen, ihnen auch das Recht vorbehalten ist, ihre Söhne und 
nicht Ausländer, angestellt zu sehen. 

In diesem Sinne haben auch des Königs Friedrich Wilhelms 1. Majestaet in 
einer allerhöchsten an den Marschall von Prinzen, und den höchst verdienten 
General-Chirurgus Holtzendorf erlass. Cab. Ordre im Jahr 1724 zu befehlen 
geruht, den 8 Pensionnaer Chirurgen jedem jährlich 50 rthl. zu zahlen, jedoch 
keine andre in Vorschlag zu bringen, als solche die Latein verständen, und 
Landeskinder vären. 

Auf meine öftern allerunterthänigst dringenden Bitten, haben Ev. Königl. 
Majestaet sich zwar geneigt zu erklären geruht, dass das Institut ein ihm so 
höchst nöthiges Haus gebaut erhalten solle, allein ich habe es meiner vielfältigen 
Gesuche, ungeachtet nicht dahin bringen können, den Bau dieses Hauses einge- 
leitet zu sehen, veil mir der Mangel an Fond, entgegen gestellt wurde. Des Staats- 
kanzlers Durchlaucht haben im Jahr 1818 mit Genehmigung Ev. KönigL Maj. eine 
Kommission, bestehend aus dem General von Knobeisdorf, dem wirklichen ge- 
heimen Kriegsrath vom 4t. Departement Westphal, dem Baurath Friederici, 
und aus mir anordnen lassen, welcher aufgetragen wurde, das von Haksche, 
Hotowsche und das Georgensche Haus, zum Ankauf für das Institut, zu unter- 
suchen. Dieses geschah auch mit aller Pünktlichkeit, und die desfalsigen Ueber- 
schläge und Zeichnungen, wurden Sr. Durchlaucht, vorgelegt, voraus sich ergab 
dass das schöne Georgensche Haus wegen seiner Nähe, nicht allein das zveck- 
mässigste, sondern auch, da der George nicht gleich baares Geld, verlangte, son- 
dern Staats-Papiere oder Häuser und Güter, annehmen vollte, das aller vohlfeilste 
gegen die andern var. 

Des Herrn Staatskanzler Durchlaucht, vahrscheinlich in der Absicht um mich 
hinzuhalten gaben jedoch die Antvort: dass Ev. Maj. nicht geneigt vären, Bürger 
Häuser zu kaufen, sondern den Neubau eines Hauses beschlossen hätten, vozu ich 
einen Bauplatz aussuchen und anzeigen solle. 

Auch dieses geschah mit aller Sorgfalt, und derHoff-Marschal von Maltzan. 
zeigte sich auch bei seiner Theilnahme, an der Erreich ang eines so vohlthätigen 
Zveks, zugleich bereitwillig den gevählten Platz mir sogleich unter der Bedingung 
zu übergeben, dass er lOOOrttl. und ich ebenso viel zur Räumung des Platzes und 
Versetzung seiner Vohngebäude beizutragen habe. Diese Bedingung ging ich so- 
gleich ein, und entnam, auf meine Gefahr die von mir zu zahlenden 1000 rttl. aus 
den Ersparnissen des Instituts. Ev. Königl. Maj. habe ich nicht unterlassen hie- 
von allerunterthänigst Anzeige zu machen, und Allerhöchst Dero Genehmigung 
zur Uebernahme dieses Platzes erfolgte hierauf, vorüber die beiliegende mit 
numr. A bezeichnete Original Cabinets-Ordre, das nähere, besagt. 

Ich bath nun allerunterthänigst die obenerwähnten lOOOrthl. die für die Um- 
zäunung des Platzes erforderlichen 200rttl. auf die Ersparnisse des Instituts alier- 
gnädigst anzuveisen, erhielt jedoch durch die ebenfals in Origine anliegende mit 
num 3 bezeichnete allerhöchste Cabinets-Ordre die niederschlagende Antvort Ev. 



— 254 — 

Maj.: das ich diese Ausgabe ersparen und die Grenzen des Platzes durch einige 
Pfähle, bezeichnen lassen könnte. 

Es vurden mir jedoch in der Folge auf den Vortrag des Kriegs Ministers 
van Hake als Courator dieser Anstallt, 1000 rthl. von Ev. Maj. bevilliget, die 
gedachte Summe unter den Ersparnissen des Instituts in Ausgabe zu stellen, veil 
sonst meine Erben, diese 1000 rttl. hätten ersetzen müssen. Auch hierüber füge 
ich die mit No. 5 bezeichnete allerhöchste Cabinets-Ordre in Original bei. anno 
1816 den 9t. Merz versprachen Ev. Königl. Maj.. auf das Königl. Vort, mit Über- 
einstimmung des Minister von Schuckmann, v. Bülow, u. v. Boyen, dass 
ein Wohngebäude für die Zöglinge des Instituts und der p. Academie, nach der 
mit andern Plänen bei dem geheimen Kämmerer Timm sich befindenden Zeich- 
nung, auf dem Platze hinter Prinz Heinrichs Palais, erbaut verden solle, und 

velches auch schon erbaut väre, hätte nicht der Hufeland — bei bei Ev. 

Königl. Maj. mündlich und schriftlich zu hintertreiben gevusst. 

Die hierüber sprechende mit No. 1 bezeichnete allerhöchste Cabinets-Ordre 
füge ich im original, allerunterthänigst bei. Gleich darauf hatte ich den unglück- 
lichen Anblik, dass das Schauspielhaus abbrannte, vodurch meine Hoffnung gänz- 
lich schvand, und ich mich sechs — Jahre lang, als ein dem Befehle gehorsamer 
Beamte, ruhig fügte. 

Mit vieler Dehmüthigung habe ich mich bei dem damaligen in hohen Gnaden, 
als vortragender Rath bei dem Staats-Kanzler Durchlaucht, angestellten J. F. 
Koref, um die Sache doch zu befördern, begeben und die zu seiner Wohnung- 
führenden Treppe von 68 Stufen erstiegen, — mit schnöder Abweisung und 
umsonst. 

Nachdem aber J. F. Koref bei dem Staats-Kanzler Durchl. in Ungnade ge- 
fallen war, vuste es der österreichse Professor Dr. Rust dahin zu bringen, dass 
er, die Gnade Sr. Durchl. in einem so hohen Grade erlangt hat, so dass Sr. Durchl., 
die zweite höchste Person nach Ev. Königl. Maj. in der Regierung, es nicht unter 
seiner Vürde gehalten hat, mit seiner Umgebung bei diesem p. Rust, Mittagsmal 
einzunehmen und sich bis Elf Uhr Abends, dort aufzuhalten. Ebenso hat Sr. 
Durchlaucht den Geburtstag des p. — Rust am 5t April dieses Jahres, gefeyert, 
in Glienicke. 

Vas nun diese Begebenheit auf mich als treues Vaterlands Kind, und auf 
viele andre im Königl. Preussischen Staate, für Eindrükke gemacht hat, lässt sich 
nicht schildern. 

Durch den kalten und undankbaren Tittular Regiments- und eigentlichen 
Bataillonsarzt — Baltz — bei dem Neuchateller Garde Schützen Bataillon, so 
vie durch den izt in Luxemburg befindlichen Regierungs-Rath Ribbentrop et 
Consorten, öffentlich beschimpft, bath ich Ev. Maj. gnädigst zu entscheiden: ob 
die Medicin Gelder in der armee beibehalten oder aufgehoben werden sollten? Ev. 
Mai. geruheten unter dem Vorsitze des ehrvürdigen General Graf v. Gneinesnau, 
eine Untersuchung Kommission über das Militair Medicinal-Vesen, mit Benennung 
der Mitglieder, ganz in der Ordnung, allergnädigst anzuordnen. Durch eine zveite 
allerhöchste Cabinets Ordre var der J. F. Koref, und der gevesne Comp. -Feld- 
scher — aus Hanover — Kohlrausch, als Mitglieder dieser Commission ernannt. 
Gevohnt den Befehlen Ev. K. Maj. zu gehorchen, musste ich nun als Schulknabe 
eine Darstellung meiner 32jährigen mit Glük geführten Dienstverwaltung, in dieser 
Conferenz — vorlesen, und der p. — Rust — verfasste, einen Katechismus in 
17 Fragen, zu Verbessrung des Militair-medicinal-Vesens, den die Mitglieder, ge- 



— 255 — 

mäss dem Circular, Sr. Excl. v. Gneusenau, beantworten sollten. In seinem 
darauf folgenden Voto stimmte der p. — Rust — der nie in der Preussischen 
armee, als seit dem letzten Priedens-Schluss, gedient hatte, dahin, das sämmtliche 
Zöglinge des K. med. chir. Priedr. Wilhelms-Instituts, das Institut der Pensionnair 
Chirurgen, und die Hälfte der Compg. Chirurgen, als überflüssig aufgelöst verden 
könnten. — 

Nun stieg meine innre Unruhe auf das Höchste, und ich verfiel in tödliche 
Brust-Entzündung, und väre nicht der Hochgeachtete Staats-Minister von Sain 
Wittgenstein und der theilnehmende und gerechte General von Witzleben, zu 
meiner Aufmuntrung zu mir gekommen, und hätten Ev. Königl. Maj. nicht gleich 
den andern Morgen mir Ihren Leibjäger zugeschikt, und mir allerhöchst Ihrer 
Gnade versichern lassen, so vie auch der treue Freund, Geheime Kämmerer Timm, 
mir im Namen Ev. Maj. Obst überbrachte, so läge ich vahrscheinlich, izt schon 
im Grabe. 



Izt gnädigster König und Herr, hören Sie mich mit Ihrer besondern Gnade 
an, und erlauben mir allergnädigst, dass auch ich aus varhafter Ueberzeugung, 
als alter treuer Anhänger, an Ev. Königl. Maj. und das Vaterland, und in specie 
an die armee, Vorschläge thun darf, auf velche Veise Allerhöchst Dieselben, zu 
einem Pond gelangen können zur diesjährigen Einleitung des Baues eines Vohn- 
gebäudes für das Institut. Mir ist nur ein Einziger kräftiger Mann bekannt, der 
mit genauer Kenntniss, der Kräfte des Vaterlandes, diese schwierige Sache mit 
vahrhaftem Patriotismus und Anhänglichkeit an Ev. Königl. Maj. allerhöchste 
Person auszuführen im Stande ist. Dies ist nach meiner Ueberzeugung und ohne 
Persöhnlichkeit, der vakre Staats Minister von Beyme, welchen Ev. Maj. unter 
vier Augen kommen zu lassen und seine Meynung anzuhören allergnädigst geruhen 
mögen. Es ist nehmlich mein gevagter allerunterthänigster Vorschlag der das 
von GottEv. Maj. angestamte Palais des Prinzen Heinrich, Bruders Friedrichs 2ten 
viederum in Empfang zu nehmen, aus den von mir bereits oben angeführten 
Gründen, wozu noch folgende Gründe kommen bereits sieben Universiteeten als 
Koenigsberg, Breslau, Halle, Berlin, Greifswalde, Münster, Bonn — ■ in der Mo- 
narchie vorhanden sind; und nur Ein Einziges-med.-chir. Friedrich Wilhelms- 
Institut für die armee. Ueberdies vird die hiesige Universiteet, grössten Theils 
nur von reichen Ausländern besucht, und schafft also den Landeskindern, die den 
theuren Aufenthalt in Berlin nicht möglich machen, noch die theuern Honorare 
für die Vorlesungen, in velcher Hinsicht ich mich allerunterthänigst angebognen 
Verzeichnisse Littera A und B beziehe, erschvingen, und velche Honorare, auf 
keiner andern Universitaet, so hoch angesezt sind, und daher nur zur Bereicherung 
der Professoren, dienen. 

In Paris ist der ursprüngliche Heerd der demagogischen Umtriebe; von hier 
aus verbreitete sich die Secte der Demagogen und Carbonari, nach Madritt, Neapel, 
Turin, Weymar, auf der Warteburg und velchen Antheil auch die hiesigen fremden 
Studirenden, an jenen Umtrieben genommen haben, beweisen die deshalb, bereits 
seit einigen Jahren geführten Untersuchungen, und die neuerdings nöthig ge- 
vordene arretirung der hier befindlichen polnischen Studenten; voraus es sich er- 
giebt, dass das längere Fortbestehen der Universiteet, in dieser Hauptstadt für die 
Sicherheit des Staats, von gefährlichen Folgen seyn kann. Hieraus, und aus den 
vielen, auf den Universiteeten vorfallenden Duellen, vovon auch neuerlich hier 
vieder einige Beyspiele vorgekomen sind, geht hervor, dass von Sturza die 



— 256 — 

deutschen Universitaeten, und deren Reformen, aus einem richtigen Gesichts- 
Punkte beurtheilt hat. 



Ferner unterstehe ich mich zur Gewinnung eines Fonds zu dem diesjährigen 
Anfange des Baues eines Vohngebäudes für das K. med. -chir. -Friedrich Wilhelms- 
Institut nach stehende Vorschläge zu machen. 

Die hiesiege Universitaet besitzt, wie ich bereits oben angeführt einen Etat 
von jährlich 150,000 rthl. jährl. von diesem Etat werden bedeutende Summen an- 
gewand zur Erhaltung, des vor dem Potsdamer Thor belegenen botanischen Gartens, 
und zur Anschaffung der theuern, ausländischen mit vielen Kosten anher zu trans- 
portirenden Pflanzen und Sämereyen ; so vie denn Alles in und an diesen Garten, 
von dem grössten Luxus und Aufvande, zeugt. 

Um Ev. K. Maj. eine Uebersicht zu gevähren, von den in botanischen Garten 
befindlichen ausländischen Pflanzen, und einen ohngefahren Ueberschlag der be- 
deutenden Summen zu geben, lege ich allerunterthänigst, sub Littr. ein hierauf 
bezug habendes, aus den verschiedentlich in die Staats-Zeitung zur Notiz des 
Publikums eingerükten Anzeigen von den zur Blüthe gelangten, ausländischen 
Gewächsen, entnommenes Verzeichniss hierbei. 

Dieser so kostbar zu unterhaltende botanische Garten ist indessen, noch 
nicht hinreichend, die aus der Vorliebe für die Botanik entspringenden Vünsche zu 
befriedigen, denn auf dem hinter Prinz Heinrichshen Palais belegenen Platze 
vird mit grossem Kostenaufvande, ein kleinerer dergleichen, Garten angelegt, und 
vodurch grosse Summen Geldes in die Erde gevorfen werden, velches einem 
vahren Patrioten, der den finanziellen — ■ Zustand der Monarchie kennt, mit 
grosser Vehmuth, erfüllen muss. vürde nun diese kostbare Anlage, fortzusetzen 
sogleich untersagt; so vürden dadurch — augenbliklich grosse Summen, zur 
Ausführung, des sehnlich ervartenden Baues eines Hauses für das gedachte p. In- 
stitut gevonnen verden; und könnte daher diese neue Garten-Anlage, ebenfalls 
sechs Jahre hinausgesetzt verden, vie der Bau des gedachten Instituts, diesen 
Aufschub vegen Mangel an Fond, hat erleiden müssen. 

Um Ev. Königl. Maj. den Nutzen darzuthun, den das gedachte Institut ge- 
leistet hat, führe ich hier allerunterthänigst an: dass nach Ausweis der Anlage 
lit. D. seit der Stiftung dieser Anstalt vom 2t. August 1795 bis zum 2t. August 
1821 — . 

1133 tüchtige und ausgebildete Militair-Chirurgen sämmtlich Landeskinder; 
und seit Stiftung der med. -chir. -Academie für das Militair vom 27t. Juli 
1811 ebenfalls bis zum 2t. August 1821 — . 

226 vakre Militair- Chirurgi, mithin in Summa 



1359 vissenschaftlich practisch ausgebildete Chirurgen in die arme und das 

Vaterland gelieiert sind. 
Die bedeutenden Summen, velche für die botanischen Anlagen vervendet 
vorden sind, hätten indessen, und abgesehen von der praktischen Ausbildung 
noch auf eine andre nützliche Art, und zvar zum Unterricht der Stadt- und armen 
Land-Chirurgen, angevendet verden könnten, vofür bis izt gar nichts geschehen 
ist. Durch die erfolgte Aufhebung hebung, der Privilegien, der Stadt- und Land 
Chirurgen — sind nicht allein diese um ihren Nahrungszweig gebracht, sondern 
auch die ärmere Klasse des Volks, velches die theuern Liquidationen, der sich 
überall izt niederlassenden Doctoren zu bezahlen ausser Stande ist, von aller 
chirurgischen Hülfe, für Veib und Kind und Gebährende, entblösst ist. 



— 257 — 

Veil mm auf diese Art, die jungen Doctoren, das Recht haben auch chirur- 
gische Praxis zu treiben, und den Stad- und Land- Chirurgen die inre Praxis zu 
untersagen, und die leztern, wenn sie auch nur — Salpeter Wasser und Honig 
verschreiben, von den jungen Doctoren, denuncirt, und darauf nach dem Gesetze 
bestraft werden; so lässt sich leicht einsehen, vie unmöglich es den bedaurungs- 
vürdigen Stadt- und Land-Chirurgen, unter velchen sich so viele vorher lange im 
militair gediente Compagnie-Chirurgi befinden Verden muss, ihren Unterhalt selbst 
in ihrem Geburtsort für Veib und Kind zu beschaffen, obgleich sie doch bei einem 
detachirten Bataillon oder Compagnie, sich selbst überlassen, mit vielem Glük, 
innerliche und äusserliche Kuren, gemacht haben. 



Es varen ehedem in Stettin, Glogau, Breslau, Brieg, unentgeltliche chirur- 
gische Lehranstalten, die jedoch von Seiten des K. Pr. Civil-Medicinalvesens 
nicht unterstützt vorden sind, und auseinander gehen mussten, die unwissenden 
Stadt und Land Chirurgen, haben also nicht die geringste Gelegenheit, vas zu 
lernen. Der Einzige vakre Ober-Praesident von Vinck in Münster hat mit vielen 
Schwierigkeiten, und eigentlich durch den, in dem Friedrich Wilhelms Institute 
ausgebildeten, und auf Reise sich habilitirten, Regimentsarzt Dr. Wutzer, velchen 
ich aus Gefälligkeit für den v. Vinck hergegeben, und velcher als Director und 
Professor dieser Chirurgischen Special-Schule, con Amore erhält, und vozu von 
dem medicinal ministerium auch nicht einen Groschen hergegeben vird, son- 
dern aus dem bürgerlichen Fond diese chirurgische Special-Schule gestiftet vorden 
und unterhalten vird. Der p. Wutzer begnügt sich als Director und Professor ge- 
dachter Anstallt, mit einem jährlichen Gehalt von 500 rthl. ; jedoch habe ich dem 
v. Finck, bei seinem neulichen Besuche, meine Zveifel geäussert, dass dieses 
p. Institut vegen Mangel an hinlänglichem Fond, auch nicht erhalten vird. 



Zum Beveise meiner gerechten und bestimmten Sache lege ich Ev. Königl. 
Majestaet, die hiebei erfolgenden Original-Cabinets-Ordres allerunterthänigst zu 
Füssen, vorinnen allerhöchst Dieselben mir mit bestimmten Worten, den Bau eines 
Vohngebäudes zugesichert haben, und an velches allerhöchste Königliche Ver- 
sprechen, ich mich auch noch heute, mit unerschütterlichem Vertrauen auf die 
Erfüllung desselben halte, indem es mir sonst ein höchst schmerzliches Gefühl 
seyn vürde, venn meine auf Ev. K. Majestaet gegebnen Verheissungen gegründe- 
teten, sehnlichen, Ervartungen nicht erfüllt Verden sollten; um so mehr, als diese 
Ervartung nicht mein persöhnliches Intresse, sonder das Beste des gesamten Heil- 
Vesens Ev. Königl. dieser, so vertretflich organisirten Armee, zum Gegen- 
stande haben. 

Eben izt höre ich mit Erstaunen! dass eine aus dem Baurath Schinkel, 
und dem Hoffrath Hirt, bestehende Commission, niedergesezt vorden ist, die 
unter Andern auch, den mir von Ev. Maj. allergnädigt überviesenen Bauplatz, für 
das p. K. med. chir. Institut, velches Ev. Königl. Majestät allerhöchsten Namen 
führt, ausmessen soll, um die Stelle aus dem Academie Gebäude darauf zu bauen. — 

Diese mir auferlegte Kränkung, kann ich nicht ertragen und bin daher, 
lieber noch vorher, aus allen meinen, mit Ehre und Glük geführten Verhältnissen 
auszuscheiden, bei Ev. Königlichen Maj. bittend eingekommen, da doch bestimmt 
voraus zu sehen ist, dass das von dem Institut, bis izt benuzte baufällige Kasernen- 
Gebäude, seinen Zvek, nicht mehr lange entsprechen vird, und man es über dies 
zur Erleichterung der Bürger, zum Casernement für das militair, verlangt; da als- 

Vevöffontl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Hei't. i n 



— 258 — 

denn mein Haus mit dem Lehr-Saale — und der Lehr-Anstallt für das p. Institut 
zu klein und. unnütz vird, so vird es bestimmt, an einen Restaurateur, verkauft. 
Und so vürde dieses bis izt Einzige — Institut, reiches ich meinen Juvel nenne, 

alsdann, mit Schaudern denk ich drann ! als Stifter, selbst auseinander 

o-ehen, lassen müssen, und bei diesen Umständen, vünschen vürde, lieber jede 
andre Anstalt, als diese, gestiftet und geleitet zu haben. 

Es ist also in venigen vorten, mein auf die innigste Ueberzeugung gegrün- 
deter, unmasgeblicher Rath, auf den mir angeviesenen Bauplatz noch dieses Jahr, 
den Bau des Hauses einzuleiten, und dazu, venn auch vorläufig nur 20,000 rthl. 
zur Anlegung des Grundes pp. anveisen zu lassen. 

Und um nun vor meines Lebens Ende, den mehrmals versprochenen, von 
mir sechs Jahre lang, so sehnlich ervarteten höchst nothvendigen Hausbau, end- 
lich einmal eingeleitet zu sehen, habe ich um von den betreffenden Behörden, 
nicht länger hingehalten zu verden, nicht umhin können mich directe an Ev. 
Königl. Maj. zu venden. und an allerhöchst Dero Väterliches Herz, die endliche 
Realisation dieses so nothwendigen Baues, allerunterthänigst zu legen. 

So eben habe ich die allerhöchste Cabinets-Ordre vom 12t. April 1822 ge- 
lesen, und darin mein inneres Bedenken gehabt. 

schliesslich so bemerke ich noch, dass sämmtliche in diesem Bericht enthaltenen 
Angaben, keinesveges, auf hämischen oder Verläumderischen, Absichten, sondern 
auf der, ohne Furcht vor Menschen ausgesprochnen Varheit, beruhen; so vie ich 
mich verbündlich erkläre, deren Richtigkeit, durch gültige, Beveise, darzuthun. 

Indem ich nun noch meinen allerunterthänigsten unerschütterlichen Rath 
viederhole, dass es Ev. Königl. Majestaet gefallen möge, den zu jeder energischen 
Maasregel, äusserst tüchtigen vakern Staats-Mann von Beyme, unter vier Augen 
zu sprechen; gebe ich zugleich die feyerlichste Versicherung, dass ich durch 
gegenvärtigen Bericht, für mich, der am Ende meiner Laufbahn nichts irdisches 
mehr zu fürchten noch zu hoffen habe, kein persöhnliches lntresse, habe be- 
zwekken vollen, sondern dass mein feyerlicher Eifer für das allgemeine Beste 
mich bei dem Bericht geleitet hat. 

Am Ende Schlüsse ich mit dem goldnen Spruch des von Schiller: 
„Für seinen König muss das Volk sich opfern; 
„das ist das Schicksal und Gesetz der Welt. — 
„Nichtsvürdig ist die Nation zu nennen, die nicht 
„Ihr Alles freudig sezt an ihre Ehre." 

Und mein lezter Hauch beim Tode soll seyn 

Gott valte über die allerhöchste Person des Königs, des Königlichen 
Hauses, der herrlichen Armee, und des treuen Vaterlandes! 

Berlin den 29t, April 1822. 

gez. Johann Goercke. 1 ' 

Goercke's Gesuch wurde am 12. Mai 1822 vom Könige huld- 
vollst genehmigt: 

„Ich habe aus Ihrem Schreiben ersehen, dass Ihre Gesundheit Ihnen nicht 
gestattet, Ihrem Amte länger vorzustehen. So sehr Ich gewünscht hätte, einen 
Zweig der Verwaltung, der unter Ihrer Leitung zu nicht geringer Vollkommen- 
heit gediehen ist, und die für das Heilwesen der Armee bestehenden wohlthätigen 
Einrichtungen und Institute, welche Sie gleichsam als Ihre Schöpfung betrachten 
dürfen, auch bis ans Ende Ihres Lebens in Ihren Händen zu sehen, so kann ich 




J. W. von Wiebel. 



— 259 — 

doch den billigen Wunsch eines Staatsdieners, der mit seltener Treue und Hin- 
gebung dem Staate über ein halbes Jahrhundert gedient hat, nach Ruhe nicht 
entgegen sein und bewillige Ihnen hierdurch die Dienstentlassung mit Beibehalt 
Ihres ganzen gegenwärtigen Diensteinkommens. Als Ihren Nachfolger im Amte 
habe Ich den dazu bereits designirten Generalstabs-Arzt Wiebel bestätigt und 
mögen Sie demselben die Geschäfte nun ganz übergeben. Ich wünsche, dass Ihre 
Gesundheit sich möglichst bessern und Ihnen noch recht viele Freuden gestatten, 
die Versicherung Meiner Dankbarkeit für alles Gute, was Sie in Ihrem thätigen 
Leben gewirkt haben, Ihnen aber die Beruhigung gewähren möge, dass Ich das- 
selbe aufrecht erhalten und insbesondere Meine Verheissung in Betreff des 
Friedrich-Wilhelms-Instituts erfüllen werde, sobald es die Mittel irgend gestatten. 
Potsdam, den 12. Mai 1822. gez. Friedrich Wilhelm." 

An 
den Generalstabsarzt Goercke. 

Leider sollten sich diese Wünsche in Betreff eines langen, son- 
nigen Lebensabendes für Goercke nicht erfüllen. Denn auch in Sans- 
souci, wo ihm des Königs Gnade eine Wohnung hatte anweisen lassen, 
und wohin er bereits am 15. Mai übergesiedelt war, konnte sein schon 
allzu sehr geschwächter Körper keine Kräftigung mehr finden. Ge- 
radezu rührend ist es, wie selbst damals noch seine Gedanken und 
Wünsche stets bei seinem geliebten Institut weilten. So schrieb er 
in seinem Dankesbriefe vom 14. Mai 1822 an den König: 

,,Euer Königlichen Majestät würden mich zu früh in das Grab bringen, wenn 
Allerhöchstdieselbe für das einzige Institut nicht das qualifizierteste, gele- 
genste, schöne Gebäude des p. George kauften. Und sollten Sie's vom Altar 
nehmen." 

Nur 6 Wochen lang sollte es Goercke vergönnt sein, die bis 
daher stets entbehrte Ruhe zu gemessen. Denn bereits am 30. Juni 
1822, also im Alter von 73 Jahren, trat sein Tod an Entkräftung 
ein. Seine Beerdigung fand am 3. Juli unter allgemeinster Antheil- 
nahme und in feierlichster Weise auf dem Kirchhofe zu Bornstädt 
statt. Ein von sämmtlichen preussischen Militärärzten auf seinem 
Grabe und ein zweites später in dem Garten des neuen Wohngebäudes 
des Instituts errichtetes Denkmal legten Zeugniss ab von ihrer tiefen 
dauernden Dankbarkeit und Verehrung für ihren dahingeschiedenen 
grossen Chef. — 

Wenn auch Goercke, wie schon eben erwähnt, über s-eine Erleb- 
nisse genau Tagebuch führte und sich von allem ihn Interessirenden 
stets Notizen machte, so blieb ihm doch in Folge von Ueberhäufungen 
mit anderen wichtigeren Arbeiten und Dienstverrichtungen keine Zeit 
übrig, diese äusserst werthvoilen Aufzeichnungen später auszuarbeiten 
und der Oeffentlichkeit zu übergeben. Es muss dies im höchsten Grade 
bedauerlich erscheinen, da zu jener Zeit wohl kein deutscher Feld-* 

17* 



— 260 — 

chirurg über einen so reichen Schatz von Erfahrungen, speziell auf 
dem Gebiete der Kriegschirurgie verfügte, als gerade Goercke. 

Nur eine einzige kleine Schrift ist von ihm in Druck erschienen 
und zwar im Jahre 1814 eine „Kurze Beschreibung der bei der Kö- 
niglich preussischen Armee stattfindenden Krankentransportmittel für 
die auf dem Schlachtfelde schwer Verwundeten", deren Ertrag für 
die hülfsbedürftigen Militärchirurgen bestimmt war. Die Veranlassung 
zur Herausgabe dieser nur 32 Seiten langen und mit 4 Kupfertafeln 
versehenen Brochüre bildete die durch Königliche Kabinetsordre vom 
3. Januar 1814 genehmigte, jedoch erst 1854, also 40 Jahre später, 
ins Leben getretene Formation von besonderen, geschlossenen Kran- 
kenträgerkompagnien und deren Ausrüstung mit geeigneten Verwun- 
deten-Transportmitteln. Goercke giebt zunächst eine kurze Ueber- 
sicht über die damals vorhandenen Transportanstalten, welche in 
fliegenden Feldlazarethen , die ihrerseits mit federnden Kranken- 
transportwagen, Tragbahren, Lagerstellen und anderen, diesem Zweck 
entsprechenden Geräthen ausgerüstet waren, ferner in während des 
Gefechts zu requirirenden einfachen Wagen und endlich in den 
kämpfenden Soldaten selbst bestanden. Er bespricht dann weiter 
die zu geringe Anzahl der eigentlichen Transportmittel, besonders der 
Krankentransportwagen, und betont die grosse Gefahr, die in der Ent- 
ziehung der Streitkräfte in Folge des Fortschaffens der Verwundeten 
durch ihre in der Front stehenden Kameraden liegt. Zugleich 
macht er zur Abhülfe dieser Missstände geeignete Vorschläge, indem 
er noch zum Schluss eine genaue Schilderung säramtlicher etatmässi- 
ger Transportgeräthe als Erläuterung zu den Abbildungen hinzufügt 
(vgl. S. 180 ff). 



III. Carl Ferdinand von Graefe. 

(1787—1840.) 

Karl Ferdinand von Graefe wurde am 8. März 1787 zu 
Warschau geboren, woselbst sein Vater als Geschäftsführer des Kron- 
marschalls von Polen, des Grafen Moszezynski, seinen Wohnsitz 
hatte. Sein erster Unterricht wurde ihm im Flecken Dolck bei Tur- 
szick durch einen deutschen Hauslehrer, Hermann von Meyer, zu 
Theil, bis er 1800 auf das Gymnasium in Bautzen unter Gödicke 
und später auf die Kreuzschule zu Dresden unter Beutler kam. 
Bereits in Dresden bereitete er sich zum Studium der Medizin auf 



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C. F. von Graefe. 



— 261 — 

der dortigen medizinisch-chirurgischen Akademie vor und zwar besuchte 
er vor allem die Vorlesungen von Hedenus, Andreas, Hänel und 
Lorenz. Angeregt durch den ihm von Hedenus ertheilten Opera- 
tionskursus und beseelt von dem Drange, sein chirurgisches Talent 
praktisch zu bethätigen, fing er schon damals an, die Chirurgie selbst 
auszuüben, wenn auch das Feld seiner chirurgischen Thätigkeit natür- 
lich nur auf dem Gebiete der niederen und zwar besonders der Zahn- 
chirurgie liegen konnte. Während er jedoch noch wenige Jahre früher 
von den Bauern auf dem Lande die Erlaubniss, ihnen einen Zahn 
ziehen zu dürfen, theuer erkaufen musste, erntete er jetzt bereits 
selbst für seine Geschicklichkeit im Zahnziehen klingenden Lohn. 

1804 bezog Graefe die Universität Halle, woselbst seine Lehrer 
unter anderen Beil (Pathologie und Therapie), Loder (Chirurgie und 
Anatomie), Froriep und Bernstein (Chirurgie) waren. Eine schwere 
Krankheit seines Vaters zwang ihn, eine Zeit lang seine Studien zu 
unterbrechen und zu ihm an die türkische Grenze zu reisen. Auf 
der Rückreise musste er in Breslau, um sich die nöthigen Mittel 
zur Weiterreise zu verschaffen, wieder zur Zahnzange greiien und 
war auch hier der finanzielle Erfolg des „dentiste Graefe" ein über- 
raschend günstiger. Dann vervollständigte er in Leipzig unter dem 
Anatomen Rosenmüller, den Klinikern Reinhold und Eckold 
seine Studien, worauf er 1807 nach Vertheidigung seiner Inaugural- 
Dissertation „De notione et cura Angiectaseos labiorum" zum Doktor 
promovirt wurde. Schon bei den Prüfungen für den Doktorgrad 
zeichnete sich Graefe durch grossen Scharfsinn und durch hervor- 
ragende Kenntnisse derartig aus, class der damalige Prokanzler der 
Universität Leipzig, Platner, in seinem Jahresbericht von ihm sagte, 
„er habe, obwohl man Grosses von ihm erwartet, dennoch selbst die 
kühnsten Erwartungen übertroffen". 

Nach Halle zurückgekehrt, wurde dem erst Zwanzigjährigen von 
seinem alten Lehrer Beil, mit welchem er innig befreundet war, das 
Glauchauer Hospital anvertraut, welches er mit solchem Erfolge lei- 
tete, dass er noch in seinem Promotionsjahre einen Ruf als Professor 
der Chirurgie in sein Vaterland an die Universität Krzemieniec erhielt, 
den er jedoch, ein echter Deutscher von Abstammung und Gesinnung, 
ablehnte. Bald darauf folgte er indessen der ehrenvollen Berufung 
als Leibarzt und Hofrath des regierenden Herzogs Alexis von Anhalte 
Bernburg nach Ballenstedt. Hier gründete er 1808 ein Krankenhaus, 
auch schuf er sich in überraschend kurzer Zeit eine enorme Praxis. 
Ferner machte er sich um die praktische Ausnutzung einer im Selke- 
thale am Harz befindlichen salinischen Eisenquelle verdient, welche 



— 262 — 

er seinem hohen Gönner auf Grund der von ihm vorgenommenen 
chemischen und therapeutischen Prüfung und der daraus gewonnenen 
günstigen Resultate zur Erschliessung empfahl, und die dann auch 
später den hauptsächlichsten Heiifaktor des neuen, schnell empor- 
blühenden Kurortes Alexis bad, bildete. 

Graefe lenkte bald durch seine erfolgreiche Thätigkeit in Ballen- 
stedt die Aufmerksamkeit Preussens, und zwar besonders des ein- 
flussreichen Wilhelm von Humboldt auf sich, sodass an ihn 
bereits 1810 der Ruf als Professor der Chirurgie nach Königsberg er- 
ging, welchen er jedoch, ebenso wie den ihm an ßeil's Stelle in Halle 
schon vorher angebotenen Lehrstuhl, ablehnte. 

Ein Jahr später, 1811, übernahm er dann die Professur und die 
chirurgische Klinik an der neuerrichteten Universität in Berlin und er- 
hielt damit, erst 24 Jahre alt, eine Stellung und einen Wirkungskreis, 
wie er für den von glühendster Liebe für seinen Beruf Erfüllten nicht 
schöner gedacht werden konnte. Dass er das in ihn vom Staate ge- 
setzte Vertrauen glänzend zu rechtfertigen wusste, bewies das schnelle 
Emporblühen der Berliner medizinischen Fakultät und das grosse 
Ansehen, welches sie bald nicht nur im engeren Deutschland, 
sondern auch in ganz Europa erlangte. Wie sich um Graefe zahl- 
reiche Schüler aus allen Weltgegenden schaarten, um ihn zu hören 
und seine Kunst zu bewundern und von ihm zu lernen, so wurde 
auch sein Sprechzimmer bald der Wallfahrtsort vieler Leidenden, so- 
dass er in kurzer Zeit einer der gesuchtesten deutschen Aerzte wurde. 

Aus dieser segensreichen Thätigkeit riss ihn 1813 der beginnende 
Freiheitskampf. Denn Graefe zögerte keinen Augenblick, seinen 
Lehrstuhl und seine glänzende Praxis aufzugeben und sich dem be- 
drängten Vaterlande auf dem Schlachtfelde zur Verfügung zu stellen. 
Seine Bitte an den König um Anstellung im Sanitätskorps und Ueber- 
gabe eines geeigneten Wirkungskreises wurde ihm sofort gewährt, und 
zwar erfolgte seine Anstellung direkt von Seiten des Königs ohne 
Wissen des hochverdienten Generalstabsarztes Goercke. 

Nachdem Graefe anfangs mit dem Charakter eines Divisions- 
Generalchirurgus die Leitung der Militärheilanstalten Berlins gehabt 
hatte, wurde ihm einige Monate später unter Beförderung zum cliri- 
girenden Divisions-Generalchirurgen die Direktion des durch Aller- 
höchste Kabinetsordre vom 4. August neuformirten Hauptreserve-Feld- 
lazareths der Armee übertragen. Die Aufgabe dieses Hauptreserve- 
Feldlazareths war keine geringe, denn sie bestand einmal in der Or- 
ganisation der Provinziallazarethe zwischen Weichsel und Weser, ferner 
in der Besorgung der Krankenpflege beim 3. und 4. Armeekorps, und 



— 263 — 

endlich bildete das Lazareth die Lazarethreserve für die übrigen Theile 
der Gesammtarmee. 

Da die Provinziallazarethe nur auf dem Papier standen, also 
weder Aerzte noch Beamte dafür vorhanden waren, musste Graefe 
zunächst das Personal aus dem Hauptreservelazareth entnehmen, 
bis es ihm gelang, durch Heranziehung von Zivilärzten und Beamten 
ein selbständiges Beamtenpersonal zu schaffen. Bereits 6 Monate 
nach Beginn des Freiheitskrieges waren 124 solcher Anstalten vor- 
handen, die sich später noch fortwährend vermehrten, sodass sie im 
Stande waren, vom August 1813 bis Ende 1814 133 965 Mann 
aufzunehmen. 1 ) Dass es den Verwundeten in den Provinziallazarethen 
an nichts mangelte, dafür sorgte Graefe in bewunderungswürdiger 
Weise, indem er sich nicht nur durch Revisionskommissare über den 
guten Zustand und die Leistungen der Lazarethe beständig unter- 
richten liess, sondern sich auch selbst auf häufigen Inspektions- 
reisen davon überzeugte. Der Erfolg war infolgedessen ein für die 
damaligen Verhältnisse glänzender, indem von den 133 965 in den 
Lazarethen befindlichen Kranken und Verwundeten 84 805 Mann als 
dienstfähig und 19 390 als invalide entlassen werden konnten. Durch 
den Tod ging also nur der 9. Mann ab, was im Vergleich mit den 
Leistungen der Feldlazarethe im Bayerischen Erbfolgekriege, wo unter 
viel günstigeren Bedingungen, bei fast gänzlichem Mangel an schweren 
Verwundeten, der 4. Mann starb, als ein sehr günstiges Resultat be- 
trachtet werden muss. 2 ) Ausser der Neuorganisation der Provinzial- 
lazarethe fand Graefe noch Zeit, die bereits bestehenden, jedoch 
gänzlich vernachlässigten Lazarethe in einer Reihe von Städten wie 
Berlin, Potsdam, Halle, Brandenburg, Torgau u. a. von Grund aus zu 
reorganisiren und zu leistungsfähigen Anstalten umzuschauen. 

Was nun die zweite Aufgabe des Hauptreserve-Peldlazareths, die 
Krankenpflege beim 3. und speziell beim 4., dem Tauentzien 'sehen 
Armeekorps anbetrifft, so war, als der Befehl zur Mobilisirung zweier 
Detachements eintraf, noch keines der 10 Detachements mobil, keines 
mit Pferden und Wagen versorgt, sodass das Personal, meist unbe- 
ritten oder nur mit einzelnen Beutepferden versehen, nur unter den 
grössten Schwierigkeiten den Bewegungen des Armeekorps folgen 
konnte. Trotzdem nahmen die beiden Detachements hervorragenden 
Antheil an den Gefechten bei Dessau und Koswig, den Belagerungen 



1 ) von Richthofen, Die Medizinal-Einrichtungen des Königlich Preussi- 
schen Heeres. 1. Theil. 1836. S. 269. 

2 ) Vergl. Abschnitt C. Statistisches. S. 193. 



— 264 — 

von Erfurt, Torgau, Wittenberg und Magdeburg, sodass sie sich die 
volle Zufriedenheit des kommandirenden Generals Grafen Tauentzien 
sowie den wärmsten Dank der ganzen Truppe erwarben. Dass dies 
nicht zum kleinsten Theil Graefe's Verdienst war, welcher, seinen 
Untergebenen ein leuchtendes Beispiel, stets da zu finden war, wo die 
Noth und Gefahr am grössten, geht besonders aus einem Bericht des 
damaligen Chefs des Generalstabes des 4. Armeekorps, Generals von 
Rothenburg vom 26. Juli 1822 hervor. 1 ) Die betreffende Stelle 
lautete : 

„Der p. Dr. Graefe hat im Jahre 1813 bei der Belagerung von Torgau im 
Bereiche des Feuers der Festung eine Verbindanstalt etabliert, in welcher unseren 
Verwundeten die schleunigste Hülfe geleistet wurde und zu deren Ende sich per- 
sönlich der Rekognoscirung der Festung angeschlossen, um ohne Verzug mit 
dieser Massregel vorschreiten zu können. Ebenso begleitete derselbe auch im Ver- 
folg den kommandirenden General in die Trancheen, während der Feind auf die 
Kommunikationslinie ein heftiges Feuer unterhielt, wovon der Herr General der 
Infanterie Graf Tauentzien von "Wittenberg, Excellenz, Gelegenheit nahm, 
ihn zum eisernen Kreuz am schwarzen Bande bei seiner Majestät in Vorschlag zu 
bringen." 

Trotz dieser mehrfachen Zersplitterung des Hauptreserve-Feld- 
lazareths — mehrere Detachements kamen noch behufs Ablösung der 
Feldlazarethe verschiedener Armeekorps bis an den Rhein zur Ver- 
wendung — waren die Leistungen ganz hervorragende. Es wurde 
nämlich nicht nur der Kranken-Etat des Lazareths überschritten 
(statt der etatsraässigen 37 000 Mann wurden 54358 aufgenommen), 
sondern auch die Heilresultate selbst waren sehr gute, indem nur 
8 pCt. starben, 3 pCt. invalidisirt wurden, die übrigen aber sämmt- 
lich genasen. Noch viel günstiger würde sich das Mortalitätsverhält- 
niss gestellt haben, wenn nicht die von der Typhusepidemie in Tor- 
gau ergriffenen Franzosen mit in diese Berechnung gezogen worden 
wären, welcher Seuche angeblich 30000 Franzosen zum Opfer ge- 
fallen sind. 

Als es galt, dieser nach der Einnahme von Torgau noch immer 
weiter wüthenden Seuche sobald wie möglich Einhalt zu thun, um 
ein Uebergreifen auf die preussischen Truppen, welche trotz Graefe's 
Abrathen theilweise in der Festung einquartiert wurden, zu verhin- 
dern, war es vor Allem Graefe, der mit ebenso viel Umsicht wie 
Sachkenntniss einen Plan zur Tilgung der Epidemie entwarf, mit dessen 
Ausführung eine Sanitäts-Kommission beauftragt wurde. Der Erfolg 



*) Michaelis, von Graefe in seinem 30jährigen Wirken für Staat und 
Wissenschaft. 1840. S. 85. 



— 265 — 

war ein glänzender, indem es sehr bald gelang, die Epidemie zu 
unterdrücken und geordnete sanitäre Zustände in der total durch- 
seuchten Stadt herbeizuführen. 

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung war hierbei ein von 
Graefe mitten im Kriegsgetümmel verfasstes populäres Schriftchen, 
welches in mehreren Auflagen erschien und unentgeltlich an die 
Bewohner Torgaus und unter den Truppen vertheilt wurde (Die Kunst, 
sich vor Ansteckung bei Epidemien zu schützen. Ein ärzlicher Rath- 
geber an Torgaus Bewohner. Berlin 1813). Die grossen Verdienste 
Graefe 's bei der Bekämpfung dieser Epidemie werden in einem Be- 
richte G. A. Richter's, der als Preussischer Regimentsarzt die Be- 
lagerung Torgaus mitmachte — er war ein Sohn des bekannten Göt- 
tinger Chirurgen — voll anerkannt. (Medizinische Geschichte der 
Belagerung und Einnahme der Festung Torgau und Beschreibung der 
Epidemie, welche daselbst in den Jahren 1813 und 1814 herrschte. 
Berlin 1814.) 

Ausser der Torgauer Typhus-Epidemie, weiche allerdings durch 
ihre Ausdehnung und Bösartigkeit alle damals grassirenden Seuchen 
in den Schatten stellte, waren es noch zwei Typhusepidemien in Halle 
und Anklam gegen Ende des Jahres 1813, deren Tilgung in verhält- 
nissmässig kurzer Zeit den energischen und sachgemässen Anord- 
nungen Graefe 's zu verdanken war. 

Dass es Letzterem für diese seine aufopfernde Thätigkeit nicht 
an lebhafter dankbarer Anerkennung seitens seiner Vorgesetzten fehlte, 
dafür spricht folgendes vom kommandirenden General, Grafen 
Tauentzien, unter dem 24. April 1814 an Graefe gerichtetes 
Schreiben : 

„Euer Hochwohlgeboren vortrefflichen Einrichtungen, Ihrer thätigen Sorge 
und Unerschrockenheit ist es allein zuzuschreiben, dass die verwüstende Epidemie 
in Torgau aufgehört hat, nachdem ihr soviele Opfer gefallen waren. Ich ersuche 
Sie, auch denjenigen Personen, die unter Ihrer weisen Anführung den dortigen 
Sanitätsanstalten vorgestanden haben, meinen Dank zu bezeugen, wenn ich gleich 
überzeugt bin, dass für dieselben das ßewusstsein, vermittelst Ihrer Anweisungen 
und durch Ihre Aufopferungen angefeuert, die unendlichen Schwierigkeiten, die 
ihnen entgegenstanden, überwunden zu haben, die grösste Belohnung ist." 

Von Frankreich wurden seine Verdienste um die kranken und 
verwundeten Franzosen während und nach der Belagerung Torgaus durch 
die Verleihung des Offizierkreuzes der Ehrenlegion belohnt; auch wurde 
er deshalb bei einem Festmahle, welches nach der Einnahme von 
Paris 1814 die sämmtlichen daselbst befindlichen Aerzte ihm zu Ehren 
veranstalteten, von dem französischen Chirurgen Des genettes nicht 



— 266 — 

blos als Arzt, sondern auch als Mensch mit begeisterten Worten 
gefeiert. 

Mit Orden geschmückt, durch vielfache Beweise der Anerkennung 
seitens seines Chefs und aller übrigen Vorgesetzten geehrt, kehrte 
Graefe nach der Einnahme von Paris nach Berlin zurück, um sofort, 
ohne sich Erholung von den Strapazen des Feldzuges zu gönnen, 
seine Thätigkeit als Arzt und Lehrer an der Universität wieder auf- 
zunehmen. 

Doch nur kurze Zeit währte der Friede, und die Flucht Na- 
poleon 's von Elba am 1. März 1815 und der damit ausbrechende 
zweite Feldzug waren für Graefe die Veranlassung, sich sofort seinem 
Könige behufs Verwendung im Felde wieder zur Verfügung zu stellen. 
Es wurde ihm diesmal die Leitung des Lazarethwesens im Gouver- 
nement zwischen der Weser und dem Rhein, in Holland und den 
Niederlanden, im Grossherzogthum Berg und Niederrhein, sowie die 
Formation der gesammten Reserve-Feldlazarethe der Armee über- 
tragen. Graefe begann seine neue Thätigkeit mit folgender Bekannt- 
machung, welche er von Düsseldorf aus am 19. Juli 1815 erliess: 

„In Verfolg der Allerhöchsten Verfügung, durch welche mir die obere Lei- 
tung der stehenden Militär-Heilanstalten Preussens übertragen ist, ward ich be- 
auftragt, mich mit der Pflege der Königlich Preussischen Militärkranken in dem 
Gouvernement zwischen der Weser und dem Rhein, in dem Grossherzogthum 
Niederrhein, Berg und in Belgien vorzugsweise zu beschäftigen. Nachdem ich 
jenen wichtigen Wirkungskreis übernommen habe, halte ich mich für verpflichtet, 
die, in den benannten Bezirken befindlichen Kranken und blessirten Herrn Offiziere 
hierdurch ganz ergebenst zu ersuchen, dass sie sich in Allem, was ihre Pflege 
irgend vervollkommnen könnte, unverzüglich an mich wenden möchten, falls ihren 
Wünschen durch die nächsten Sanitätsbeamten nicht genügt würde. Meine Kräfte 
werde ich gern dem heiligen Berufe opfern, den hochverdienten Vertheidigern des 
Vaterlandes auf jede nur mögliche Art zu Hülfe zu eilen. 

Wenn ferner die Militär-Lazarethe gleich wichtig der Humanität als den 
kriegerischen Endzwecken sind, so müssen auch diese Institute die wachsamste 
Aufmerksamkeit und den regsten Eifer von meiner Seite erfordern, dankbar werde 
ich daher den Rath eines jeden annehmen, der zur Vervollkommnung jener ein- 
zelnen Anstalten beitragen kann, und durch die nachdrücklichsten Massregeln 
soll jeder gegründete Nachtheil beseitigt werden, der mir, oder in meiner Ab- 
wesenheit, dem mir untergeordneten chirurgischen Stabe durch die bestellte Re- 
visions-Kommission, durch Privatpersonen oder durch einzelne Mitglieder der 
Lazarethe angezeigt wird." 

Die Früchte einer solchen Gesinnung und einer ihr entsprechen- 
den Ausführung blieben nicht aus, und waren die Heilresultate, die 
Graefe in den ihm unterstehenden Lazarethen erzielte, demgemäss 
vorzügliche. Aus dem Schlussberichte, den er dem Könige am 26. No- 
vember 1815 vorlegte, ging hervor, dass in der Zeit vom 10. Juli 



- 267 — 

bis 31. Oktober 1815 von im Graefe 'sehen Lazarethbezirke behan- 
delten 16954 Verwundeten und Kranken nur 621, also 3 pCt., star- 
ben, 11871, mit Einscbluss von 1480 Invalidisirten, genasen und 4462 
im Bestand geblieben sind. Graefe bat zugleich in diesem Berichte 
an den König um seine Entlassung aus seiner feldärztlichen Wirk- 
samkeit, die auch bereits seitens der Universität auf dem offiziellen 
Wege beim Kriegsministerium beantragt worden war. Sie wurde 
ihm durch folgende huldreiche Kabinetsordre zugleich mit der Ver- 
leihung des Geheimrathscharakters zu Theil: 

„Ich habe aus Ihrem Bericht vom 26.v.Mts. die Resultate Ihrer Bemühungen 
in den Ihrer Leitung untergeordnet gewesenen Lazareth- Anstalten ersehen und 
lasse Ihrer Geschicklichkeit und Thätigkeit, womit Sie dem bei dieser wichtigen 
Bestimmung in Sie gesetzten Vertrauen genügt haben, Gerechtigkeit widerfahren, 
habe Ihnen auch, zum Beweise meiner besonderen Zufriedenheit den Geheimraths- 
Charakter beigelegt, und dem Minister des Inneren den Auftrag ertheilt, das Pa- 
tent ausfertigen zu lassen. Ich erwarte übrigens nach den von Ihnen ausge- 
sprochenen Gesinnungen, dass Sie, wenn dereinst Ihre Berufung zu gleichen 
Diensten wieder nothwendig werden sollte, solche mit dem jetzt bewiesenen Eifer 
gern wieder übernehmen werden. 

Berlin, den 6. December 1815. (gez.) Friedrich Wilhelm." 

Auch die dem Könige von Preussen verbündeten Souveräne ver- 
gassen nicht, Graefe 's Verdienste durch Verleihung hoher Orden zu 
würdigen, wie auch seine unmittelbaren Vorgesetzten, welche Zeugen 
seines hervorragenden Wirkens gewesen waren, ihm ihre Anerkennung 
durch rühmende Berichte an den König und dankende Zuschriften 
.'an ihn selbst zu Theil werden Hessen. Zwei der letzteren mögen 
hier im Wortlaut ihren Platz finden und zwar diejenige des General- 
lieutenants von Zastrow, des damaligen General-Inspekteurs der 
Lazarethe und ferner die des damaligen General-Intendanten der 
Armee von Ribbentrop. Ersterer schrieb am 13. November 1815 
an Graefe: 

„Indem ich Ew. Hochwohlgeborenfür Ihre mir unterm 12. d. M. gefälligst 
gemachte Anzeige Ihrer Rückkehr in Ihre vorherigen Verhältnisse ganz ergebenst 
danke, erneuere ich Ihnen hiermit die Versicherung, wie sehr angenehm es mir 
gewesen, mit Ihnen hier in Verbindung gestanden zu haben. Ihrer stets bewiesenen 
regen Thätigkeit und ihren weit umfassenden Einsichten sind allein die glück- 
lichen Erfolge zu verdanken, deren sich ein so grosser Theil der erkrankten und 
blessirten Vaterlands-Vertheidiger erfreut. Jeder wird es daher für einen grossen 
Verlust erkennen, dass Sie aus diesem Wirkungskreise, wo Sie so viel gutes her- 
vorbrachten, geschieden sind." 

Ribbentrop dankte ihm mit folgenden Worten: 
Euer Hochwohlgeboren haben für die ganze Dauer Ihres Wirkungskreises im 
Militär als dirigirender Divisions-General-Chirurgus unbezweifelt soviel Gutes ge- 
stiftet, dass es mir höchst schmerzlich gewesen ist, Sie aus der Militär-Heilungs- 



— 268 — 

partei scheiden zu sehen, wovon Sie mich offiziell in Ihrem sehr geehrten Schreiben 
vom 10. v. Mts. in Kenntniss setzen. Die General-Uebersichten liefern in der 
That die sprechendsten Beweise Ihrer höchsten Sorgfalt bei Leitung des Militair- 
Krankenwesens, und werden daher nicht allein mich sondern auch den Staat für 
immer verpflichten, Ihre wahren Verdienste unter allen Umständen anzuerkennen. 
Auch ich kann Ew. Hochwohlgeboren in Erwiederung Ihres gütigen Schreibens 
vom 10. v. Mts. fest versichern, dass die jetzt erfolgte Lösung unserer Geschäfts- 
bande mir sehr nahe geht ! — Nehmen Sie meinen wärmsten und innigsten Dank 
beim Uebertritt ins Civile für alles der Armee gestiftete Gute und halten Sie sich 
von meiner unbegrenzten Hochachtung und Ergebenheit überzeugt. 

Berlin, den 10. Januar 1816. gez. Ribbentrop. 

Graefe selbst verabschiedete sich von seinen Vorgesetzten und 
Untergebenen mit einer Danksagung, "welche er am 18. November in 
der Vossischen Zeitung veröffentlichte, und die folgendermassen lautete: 

„In geneigter Vermittelung des Königlich hohen Ministerii des Inneren bat 
die medizinische Fakultät bei der Königlichen Universität in Berlin mich durch 
das Königliche hohe Kriegsministerium reklamirt. Diesem ehrenvollen Rufe pflicht- 
gemäss folgend, scheide ich aus dem während Dauer des gegenwärtigen Feldzuges 
mir anvertrauten Wirkungskreise, für den ich willig alle meine Kräfte opferte, und 
welchen ich um so lieber betrat, als ich mir dadurch die Ueberzeugung sicherte, 
nicht zurückgeblieben zu sein, wenn das Vaterland in einer verhängnissvollen Zeit 
neue Anstrengungen von seinen Söhnen forderte. 

Zugleich fühle ich mich gedrungen, die Empfindungen des innigsten Dankes 
für die mir von allen Seiten zugegangenen so kraftvollen als erfolgreichen Unter- 
stützungen laut auszusprechen, die das gemeinnützige und wahrhaft humane 
Werk, zu welchem ich berufen ward, um so mehr erreichen helfen, als die Masse 
der Kranken und Verwundeten in den Militairlazarethen meines Inspektionsbezirkes 
um ein bedeutendes abgenommen hat, und als davon so Viele genesen bereits zum 
Heere zurückgegangen sind. Jene erfreulichen Resultate sind herbeigeführt durch 
den nachdrücklichen und unausgesetzten Schutz der hohen Behörden, mit welchen 
ich das Glück hatte, in unmittelbarer Verbindung zu stehen, durch die uner- 
müdete Beihülfe einer beträchlichen Zahl wohlwollender Menschenfreunde, deren 
reiche Gaben es möglich machten, ausserordentliche Spenden den Heilanstalten zu- 
gehen zu lassen, und endlich nicht minder durch die Sorgfalt und angestrengte 
Thätigkeit mehrerer ausgezeichneter und kenntnissreicher Militairbeamten. die 
sich kraftvoll für die Kriegsheilanstalten vereinigt hatten. Mit inniger Rührung 
bringe ich allen diesen grossmüthigen Beförderern des wahrhaft Guten und Nütz- 
lichen meinen lebhaften Dank! Möge das schöne Bewusstsein redlich erfüllter 
Pflicht in ihrem grossen Berufe ihnen so reichlichen Lohn gewähren, als das An- 
denken an die Zeit, die mich mit ihnen zu einem gemeinsamen Wirken verband, 
stets zu den glücklichsten Momenten meines Lebens gehören wird." 

An Erfahrungen reich kehrte Graefe •wieder nach Berlin in sein 
Verhältniss zur Universität zurück. Wie sich hier in den folgenden 
langen Friedensjahren sein Talent entwickelt hat, wie es ihm gelang, 
die medizinische Wissenschaft und speziell die deutsche Chirurgie auf 
eine vorher kaum geahnte Höhe zu bringen, werden wir weiter unten 
erörtern. 



— 269 — 

Im Jahre 1817 wurde er zum Mitgiiede der wissenschaftlichen 
Deputation im Ministerium der geistlichen, Medizinal- und Unterrichts- 
angelegenheiten, 1820 zum Mitglied der Oberexaminations-Kommission 
für die medizinischen Staatsprüfungen ernannt. 1822 wurde der erst 
35jährige durch Königliche Kabinetsordre vom 3. Juli zum dritten 
Generalstabsarzt der Armee befördert mit der gleichzeitigen Ernen- 
nung zum Mitdirektor bei dem medizinisch-chirurgischen Friedrich- 
Wilhelms-Institut und der medizinisch-chirurgischen Akademie für das 
Militär. Auch wurde ihm zugleich die besondere Leitung der wissen- 
schaftlichen Ausbildung bei dem gesammten Militär-Medizinalwesen 
übertragen. Die betreffende Kabinetsordre lautete:, 

„In Anerkennung der rühmlichenDienste, welche Sie in einem ausgebreiteten 
Wirkungskreise Meinem Heer in den beiden letzten Kriegen geleistet haben, und 
in gerechter Würdigung Ihrer ausgezeichneten Verdienste um die Wissenschaft 
will ich Sie in Folge -der Ihnen durch meine Ordre vom 28. März dieses Jahres 
gegebenen Verheissung hierdurch zum dritten General-Stabs-Arzt der Armee er- 
nennen und Ihnen in dieser Eigenschaft die besondere Leitung des Unterrichts 
und wissenschaftlichen Ausbildung bei dem gesammten Militair-Medizinal-Wesen 
unter dem Chef desselben, dem wirklichen ersten General-Stabs-Arzt Dr. Wieb ei 
übertragen. 

Ich ernenne Sie zugleich zum Mitdirektor bei dem medizinisch-chirurgischen 
Friedrich-Wilhelms-Institut und der medizinisch chirurgischen Akademie für das 
Militair und Ich vertraue zu Ihnen, dass Sie in dem neuen Amte das Beste Meines 
Dienstes mit demselben Eifer und derselben Umsicht wahrnehmen werden, welche 
Sie bisher in allen anderen dienstlichen Verhältnissen bewährt haben. 

Berlin, den 3 Juli 1822. gez. Friedrich Wilhelm." 

Diese Kabinetsordre wurde später noch durch folgende an den 
ersten Generalstabsarzt Wiebel gerichtete Ordre näher erläutert: 

„Wie wohl es schon in der Anstellung des dritten General -Stabsarztes 
Dr. Graefe beim Medizinalstabe der Arme begründet ist, dass derselbe an die 
Stelle des zweiten General-Stabsarztes Dr. Büttner rückt, wenn dieser Sie ver- 
tritt, oder krank oder abwesend ist; auch wenn Letzterer durch Krankheit oder 
Abwesenheit verhindert wird, Sie zu vertreten, dass solches nur von dem p. Gräfe 
geschehen kann, so will ich doch, da auch Sie darüber eine nähere Bestimmung 
wünschen, dieses Verhältniss hierdurch feststellen und Ihnen auftragen, darnach 
zu verfahren." 

Berlin, den 24. März 1825. gez. Friedrich Wilhelm." 

An 
den ersten General-Stabs -Arzt Dr. Wiebel. 

Im Jahre 1825 wurde Graefe auf Vorschlag des Senates des 
Königreichs Polen, welches die Verdienste seines grossen Sohnes ehren 
wollte, durch den Kaiser Nikolaus von Russland in den polnischen 
Adelstand erhoben, welche Nobilitirung durch eine Kabinetsordre des 
Königs von Preussen vom 16. November 1826 anerkannt und be- 
glückwünschend genehmigt wurde. 



— -270 — 

Da die Gesundheit Graefe's in Folge seiner rastlosen Thätig- 
keit sehr gelitten hatte, unternahm er 1830 eine Erholungsreise nach 
Italien, welche er jedoch am Fusse des Aetna vorzeitig unterbrechen 
musste, da er durch die Unvorsichtigkeit eines Reisebegleiters eine 
Schusswunde an der Schulter erhalten hatte. Mit jubelnder Be- 
geisterung, welche von der grossen Liebe und Verehrung seiner 
Schüler zu ihm zeugte, wurde er von diesen nach seiner Rückkehr 
von Italien empfangen; sein Auditorium und seine darin befindliche 
Büste waren mit Blumen geschmückt, ihm selbst wurde ein Huldigungs- 
gedicht überreicht. 

Ein Triumph für ihn wie für die deutsche Chirurgie war seine 
Berufung nach England im Herbste 1833, wo er an dem Herzog von 
Cumberland mit Erfolg eine Staar-Extraktion vollzog. Auf seiner 
Rückreise von England wollte ihm Dupuytren in Paris seinen Lehr- 
stuhl im Hotel-Dieu einräumen; erst nach vielem Bitten konnte sich 
Graefe entschliessen, vor der ebenso zahlreichen wie auserlesenen 
Zuhörerschaft einen Vortrag über Staphylorraphie und Exartieulation 
nach seiner Methode zu halten, welcher mit stürmischem Beifall auf- 
genommen wurde. 

Auch von Mitgliedern anderer europäischer Königsfamilien wurde 
er wiederholt konsultirt. So operirte er den König von Hannover 
am grauen Staar, die Königin sowie den Kronprinzen von Hannover 
behandelte er mehrfach mit günstigem Erfolge in lebensgefährlichen 
Erkrankungen. Grossfürst Constantin berief ihn nach Warschau, 
Grossfürst Michael von Russland konsultirte ihn in Berlin. Mit seinem 
alten Gönner, dem Herzog Alexius von Bernburg blieb er bis zu 
dessen Tode in steter freundschaftlicher Verbindung. 

Von dem König Friedrich Wilhelm IH. wurde er zweimal als 
konsultirender Arzt hinzugezogen. Prinz Karl von Preussen ernannte 
ihn zu seinem Leibarzt. 

Graefe war Ehrenmitglied zahlreicher Akademien und Univer- 
sitäten, so der Akademie von Paris, Neapel, Padua und Moskau, der 
Universitäten zu Pest, Vulna und Charkow. Hohe Orden der meisten 
Souveräne Europas schmückten seine Brust. 

Im Juni 1840 wurde Graefe nach Hannover berufen, um an 
dem Kronprinzen eine Augenoperation vorzunehmen. Bereits wenige 
Tage nach der Operation, welche ihm misslang, erkrankte er an 
einem schweren Typhus, dem er in kurzer Zeit, am 4. Juli, erlag. — 

Werfen wir nunmehr einen Gesammtblick auf die einzelnen Phasen 
des Lebens Graefe's, so müssen wir zu dem Urtheil kommen, dass selten 
ein Arzt in so kurzer Zeit eine derartig glänzende, an Erfolgen überreiche 



— 271 — 

Laufbahn zurückgelegt hat, wie er. Auch ohne das Glück, welches 
ihm von Geburt an bis zu seinem Tode treu blieb, hätten seine 
ungewöhnlich grossen Geistesgaben hingereicht, ihm die hohe Stellung, 
die er im Leben und in der Wissenschaft erreichte, zu verschaffen. 
Graefe besass alle geistigen Eigenschaften, welche nur bedeutenden 
Männern eigen sind: Einen klaren, aufs Schärfste entwickelten Ver- 
stand, eine schnelle, sichere Auffassungsgabe, ein klares, eindringen- 
des Urtheil, ein ausgezeichnetes Gedächtniss, ein schöpferisches Genie 
verbunden mit einer enormen Arbeitskraft und einer gradezu wunderbaren 
Begabung, in jedem einzelnen Falle das Richtige zu treffen. Er war 
eine richtige Herrschernatur, und der grosse Erfolg, den er in Allem 
hatte, was er that, trug wohl nicht zum wenigsten dazu bei, diese 
Eigenthümlichkeit auf Kosten seines Gemüths zu entwickeln und 
stärker hervortreten zu lassen. Es konnte daher nicht ausbleiben, 
dass er trotz aller Liebenswürdigkeit im persönlichen Verkehr, die 
noch unterstützt wurde durch seine feinen, hofmännischen Formen, sich 
ebensoviel Feinde wie Freunde unter seinen ärztlichen Zeitgenossen 
erwarb. Es fehlte unter ersteren nicht an solchen, die ihm Herzens- 
kälte, Unaufrichtigkeit, ja sogar Geldgier zum Vorwurf machten, wärend 
andere seinen grossen Vorzügen und seinen Tugenden mehr Gerechtig- 
keit widerfahren Hessen. Von diesen äusserte sich der geniale Stro- 
meyer, ein Schüler Graefe's über letzteren in seinen „Erinnerungen 
eines Arztes" folgendermassen: 

„Graefe's Persönlichkeit machte auf mich einen sehr günstigen Eindruck. 
Er hatte schwarzes Haar und schöne blaue Augen, seine nicht ganz regelmässigen 
Gesichtszüge hatten einen freundlichen ilusdruck. — Sein Vortrag war klar und 
verständlich, seine operative Geschicklichkeit eminent. Er besass den Willen und 
die Fähigkeit, ein guter Lehrer zu sein. Ich habe in den beiden Semestern, in 
welchen ich seine Klinik besuchte, nichts von ihm gesehen, was er nicht vor 
Gott und den Menschen hätte rechtfertigen können, er unternahm keine Operation, 
von der sich nicht etwas gutes für den Patienten erwarten liess, keine aus Eitel- 
keit oder der eigenen. Uebung wegen. Er suchte die Diagnose soviel als möglich 
festzustellen, ehe er operirte und wandte Alles an, den Erfolg sicher zu stellen. 
Er war in Allem exakt, jede Bindentour war ihm wichtig, nichts durfte übereilt 
oder nachlässig ausgeführt werden. — Seit 50 Jahren bemühen sich die Chirurgen 
aller Länder, auf der von ihm beschrittenen Bahn fortzugehen, und wenn erst jetzt 
die soliden Fortschritte, welche darin liegen, zum Vorschein kommen, wie in der 
Behandlung der Blasenscheidenfistel, so verdient der doch nicht vergessen zu 
werden, welcher den Keim dazu legte. Todtschweigen konnte man ihn nicht, 
man suchte ihn zu verkleinern." 

Der Generalstabsarzt und Leibarzt Kaiser Wilhelm's I. von Lauer 
äusserte sich in einem Schreiben an Dr. Rohlfs -Wiesbaden auf eine 



_ 272 

diesbezügliche Anfrage des letzteren über Graefe folgendermassen 
(Rohlfs, Geschichte der Medizin, dritte Abtheilung. S. 266 und 67): 

..Auf ihre geschätzte Zuschrift vom 14. d. Mts erwidere ich Ihnen ganz er- 
gebenst, dass ich allerdings C. F. von Graefe nicht nur gekannt habe, sondern 
auch sein Schüler gewesen bin. Naher stand ich ihm aber nicht. Er war ein 
Mann von den feinsten, gewandtesten Formen, welcher auch verstand, als Lehrer 
die Aufmerksamkeit und das Interesse der Schüler in hohem Grade zu erwecken. 
Mit Rust und Jüngken stand er nicht auf gutem Fusse. Wie viel dies seine, 
wie viel der anderen Schuld war. weiss ich nicht. Ein Verhältniss zu seinen 
Schülern, wie wir es von Langenbeck her kennen, bestand allerdings nicht. 
Letzteres ist aber auch ein Unikum. Man kann sagen, dass Langenbeck der 
einzige ist. der wirklich eine Schule gegründet hat. Was Graefe 's Geldgier be- 
trifft, so kann ich darüber Nichts aus eigner Erfahrung sagen, ich muss aber zu- 
gestehen, dass Graefe allerdings in dem Rufe der Geldgier stand. — Von den 
Kollegen wurde Graefe nach Verdienst anerkannt, dass er viele Freunde unter 
ihnen gehabt, ist mir nicht bekannt. Die Biographie von Michaelis kenne ich 
nicht; so viel ich mich entsinne, war Michaelis Assistent in der Privatpraxis 
und mag daher wohl Gelegenheit gehabt haben, ihn näher zu kennen." 

Das Verhältniss zwischen Graefe und Rust scheint übrigens 
nicht ganz so schlecht gewesen zu sein, da letzterer Veranlassung 
nahm, das Bild GraefVs im 33. Bande des von ihm herausgege- 
benen „Magazins für die gesammte Heilkunde" zu veröffentlichen. 
Auch kann das diesem Bande vorgesetzte Motto aus „Wilhelm Meister": 

..Dass ein Mensch etwas ganz entschieden verstehe, vorzüglich leiste, wie 
nicht leicht ein anderer in der nächsten Umgebung, darauf kommt es an". 
wohl nur auf Graefe Bezug haben. 

Ausserordentlich sympathisch muss jedenfalls die grosse Pietät 
berühren, die Graefe stets seinen früheren Lehrern gegenüber be- 
wiesen hat. So schreibt er in einem Briefe an den Sohn seines ehe- 
maligen Lehrers in der Chirurgie, des Hallensers Bernstein: 

„Schon von Jena aus, noch bevor ich ihn persönlich kennen gelernt, er- 
leichterten mir seine gehaltreichen Schriften das vor 3 Dezennien noch wenig 
begünstigte Studium der Chirurgie. An Rieht er 's Meisterwerke schlössen sich 
zu jener Zeit nur die Schriften Ihres trefflichen Vaters, aus welchen der Zögling 
für das Selbststudium Belehrung schöpfen konnte. Aber nicht nur vermöge ein- 
fach klarer, von praktischer Brauchbarkeit nie abweichender Schriften, sondern 
auch dadurch, dass der wackere Mann mit den ersten Anstoss zur Errichtung 
förmlicher chirurgischer Kliniken gab. trug derselbe ungemein viel zur Ausbil- 
dung der höheren Chirurgie in Deutschland bei. Während der Feldzüge 1813 bis 
1815 übernahm der treffliche Mann meine Stellvertretung bei der Klinik. Hier 
am Krankenbette wirkend zeigte er, wie nicht blos im Gebiete der Medicin, son- 
dern auch in jenem der Chirurgie, den Gang der Krankheit forschend zu beob- 
achten, wie der Natur seitens der Kunst nur zu Hülfe zu kommen und wie wenig 
diese zu bemeistem sei; hier lehrte er, wie der Wundarzt nie den Menschen ver- 
gessen soll, wie er das ihm anvertraute Gut des Lebens und der Gesundheit pfle- 



— 273 — 

gen, entschlossen bewahren soll, nie aber dasselbe durch kecke, dem Verbrechen 
nahestehende Unternehmungen in Gefahr bringen dürfe, um in strafbarer Selbst- 
sucht sich mit erweislichen grossen Handlungen, mit sogenannten genialen Ver- 
suchen auf Kosten des seinen Händen übergebenen Lebens, brüsten zu können." 

(Bruchstücke aus dem Leben Johann Gottlieb Bernstein 's, 
Herausgegeben von dem Sohn Dr. Chr. Bernstein. Frankfurt a. M. 
1836.) — 

Gehen wir jetzt daran, Graefe als Chirurgen im Allgemeinen zu 
charakterisiren und dann seine Verdienste und Leistungen auf dem 
Gebiete der Chirurgie im Einzelnen zu schildern. 

Graefe muss gewissermassen als Nachfolger von Richter 
(Göttingen) und Schreyer betrachtet werden. Während Richter 
durch die Vereinigung der Chirurgie mit der inneren Medicin erstere 
zu einer Kunst erhob, und Schreyer die topographische Anatomie 
prinzipiell in ihr zur Anwendung brachte, ging Graefe noch einen 
Schritt weiter, indem er, die Wichtigkeit der Entwickelungsgeschichte 
und der vergleichenden Anatomie für die Chirurgen erkennend, aufs 
nachdrücklichste für die Pflege dieser beiden Fächer in der Chirurgie 
eintrat. 

Obwohl in Polen geboren, ist Graefe doch das Beispiel eines 
echt deutschen Chirurgen. So gebührt ihm die Ehre, wenn auch 
andere ihm darin vorgearbeitet haben, der Träger der conservirenden 
Chirurgie, in welcher ja die deutsche Chirurgie ihre grössten 
Triumphe feiert, zu sein, wie er der erste ist, welcher durch die Wieder- 
einführung der Rhinoplastik und durch die Entdeckung der Gaumennaht 
die plastische Chirurgie begründet und ihr zu ihrer grossen und 
segensreichen Entwicklung verholfen hat. 

Wenn auch einer der kühnsten und genialsten Operateure seiner 
Zeit, betrachtete Graefe trotzdem seine Kranken nicht als blosse Ob- 
jecte, an denen er seine Kunstfertigkeit zeigen konnte, sondern 
Hand in Hand ging bei ihm mit seiner chirurgischen Behandlung 
eine psychische, welche ihm die Liebe und das vollste Vertrauen 
seiner Patienten erwarb. So waren bei jeder seiner Operationen be- 
sondere Assistenten angestellt, die durch tröstenden und ermuthi- 
genden Zuspruch auf den zu Operirenden einwirkten, auch suchte er 
im Gegensatz zu anderen Chirurgen den Operationsschmerz der Kran- 
ken durch Anwendung der Narcotica nach Möglichkeit zu lindern. 

Graefe war ferner der erste Lehrer der Chirurgie, welcher 
seine Schüler nicht nur, wie es damals auf den meisten deutschen 
Universitäten Brauch war, theoretisch ausbildete, sondern der sie 
auch in seiner Klinik, die er dadurch zu einer richtig chirur- 

Verötfentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitütsw. 18. Heft. i <^ 



— 274 — 

gischen Klinik machte, unter seiner Leitung selbst Operationen aus- 
führen liess. 

Seine Ansichten über die Einrichtung einer chirurgischen Muster- 
klinik hat er in einem Vorworte zu seinem klinischen Jahresbericht 
von 1824 folgendermassen entwickelt: 

„Mit Errichtung klinischer Anstalten begann in der neueren Zeit für den 
ärztlichen Unterricht eine wichtige Periode. Noch vor wenig Jahrzehnten trat der 
junge Arzt aus den Hörsälen der Professoren unmittelbar über in die praktische 
Laufbahn. Aller Wust von gehäuften, aus alten Sprachen noch so schulgerecht 
hergeleiteten Nomenklaturen, alle bestrittenen und bewiesenen Theorien zeigten 
sich ihm gar bald in ihrer Nichtigkeit. Ja selbst treue, naturgerechte Krankheits- 
schilderungen, und gediegene, aus tiefer Erfahrung mitgetheilte Heilvorschriften 
blieben unvermögend, den Verlassenen zu leiten, genügten nicht, sobald er mit 
einem Male unbefangen wahrnehmen, umsichtig urtheilen, selbständig handeln 
sollte. Wenn auch Manche in Hospitälern Zutritt fanden, um während eiliger Um- 
gänge Verordnungen zu hören, die grösstenteils ohne Erörterung des Grundes 
ausgesprochen wurden, wenn auch Andere, besonders begünstigte, sich an ältere 
Aerzte wandten, um von diesen geleitet die ersten Schritte zu wagen, so wurden 
doch bei weitem die Meisten erst spät mit Krankheits-Erscheinungen vertraut, erst 
nach Jahren fähig, die erworbenen Kenntnisse auf gegebene Fälle zweckmässig 
anzuwenden. Wie anders ist es jetzt. — Der wohl unterrichtete junge Mann 
schliesst sich an die klinische Anstalt: — und alle Wege sind ihm offen, um 
Krankheitsphänomene aufzufassen, um an der Hand des bewanderten Führers zu 
lernen, wie im Konkreten die Art des Leidens zu erforschen, und wie die Kur, nach 
Erwägung der individuellen Verhältnisse, am erspriesslichsten anzuordnen sei. 
Nur auf diese Weise ging die todte Lehre, durch sprechende Züge, durch klare, 
zum innersten Bewustsein gelangte Erkenntniss sicher und fest über ins thätige 
Leben. Jenen für die Ausbildung so hohen Zweck suchte nun auch unser bereits 
seit 14 Jahren bestehendes Institut hauptsächlich durch folgende Einrichtung zu 
erringen. — Die Klinicisten sind in zwei Abtheilungen, in die der Auskultanten 
und jene der Praktikanten getrennt. Neu Eintretende verweilen das erste halbe 
Jahr, um sich zu reger Theilnahme vorzubereiten, in der erwähnten unteren Klasse. 
Während des IL Semesters werden sie, als Praktikanten, an zu dem Behufe ge- 
wählten Subjekten in der Krankenprüfung, im Feststellen der Diagnose, wie in 
Behandlung leichter Fälle geübt, wobei es ihnen gestattet ist, unter der nöthigen 
Anleitung geringe Operationen selbst zu verrichten. Entwickeln die Studirenden 
ihren Beruf bestimmter, zeigen sie Fleiss, Kenntnisse und erworbene Geschicklich- 
keit, so werden denselben im dritten Semester wichtigere Kranke, und nach fest- 
gesetzter Reihenfolge auch schwerere Operationen anvertraut. Damit durch die 
Belehrung des Einen die Uebrigen mitgewinnen, geschehen alle Verhandlungen, 
wie alle chirurgischen und augenärztlichen Operationen öffentlich im Kreise der 
versammelten Zuhörer. In ihrer Mitte werden bei bedeutenden Fällen, deutsch 
oder lateinisch verfasste, über eben vorgezeigte Kranke handelnde Krankheitsge- 
schichten und Kurpläne vorgelesen, erörtert und da, wo nach erfolgter Aufforderung 
Mehrerer, widersprechende Ansichten an den Tag kommen, diese den Umständen 
gemäss berichtigt. Um den Zuhörern die ausgedehntesten Mittel zum Beob- 
achten darzubieten, finden ausser den bemerkten Vortragsstunden täglich noch 



— 275 — 

zwei Umgänge durch alle Krankenstuben statt, welchen eifrige Klinicisten, behufs 
genauer Würdigung der angewandten Kurmethoden, ununterbrochen beiwohnen. 
Nach grösseren Operationen, wie bei acuten lebensgefährlichen Kranken, sind die 
Praktikanten gehalten, in Ablösungen von 4 zu 4 Stunden die Leidenden nicht zu 
verlassen, um bei drohenden Ereignissen die vorläufige, und mit Hinzuziehung des 
Hospitalarztes die möglichst vollständige Hülfe auf der Stelle zu geben. Endlich 
sind jedem zur Praxis berechtigten Klinicisten zugleich einige Stadtkranke zuge- 
theilt. Diese besucht derselbe in ihren Privatwohnungen, damit er auch jene 
Schwierigkeiten bekämpfen und tragen lernt, welche sich der letzteren Form des 
ärztlichen Wirkens entgegenstellen. Das Vortheilhafteste der getroffenen, hier nur 
kurz angedeuteten Einrichtung enthüllte bald die Zeit; deun schon sind mehrere' 
Mediko-Chirurgen aus der Anstalt hervorgegangen, die derselben als berühmt ge- 
wordene Universitätslehrer, als Vervollkommner ihres Faches, als ausgezeichnete 
Praktiker zur grossen Ehre gereichen." — 

Kein geringerer als von Walther, damals Professor der Chir- 
urgie in München und einer der bedeutendsten Fachgelehrten, hat 
diese einzig dastehende Stellung Graefe's und seiner chirurgischen 
Klinik in vollstem Maasse gewürdigt. Er äusserte sich darüber in 
seinen „Aphorismen" (von Graefe und von Walther, Journal 
der Chirurgie und Augenheilkunde, Bd. XXI, Heft 2) mit folgenden 
Worten : 

,,Die beste Methode des Unterrichts in chirurgisch-klinischen Anstalten ist 
noch nicht erfunden, ja es haben noch nicht einmal Verhandlungen darüber statt- 
gehabt. Nichts ist verschiedener als die Art und Weise, wie dieser Unterricht in 
englischen, französischen und deutschen Schulen ertheilt wird. Es fehlt durch- 
aus an einem leitenden Prinzip, wenigstens an einem allgemeinen Verständniss 
über ein solches. — Bei uns treibt jeder klinische Lehrer die Sache als purer 
Naturalist, sowie es eben die Zufälligkeiten seiner Anstalt, die Zahl seiner Zu- 
hörer und seine eigene Persönlichkeit mit sich bringt. 

Eine eigenthümliche, glänzende Erscheinung, kühn und ge- 
nial improvisirt, wie Alles, was von seinem Urheber ausging, ist 
von Graefe's Klinikum in Berlin, — zu welchem sich ein Vorbild 
weder in Frankreich, England oder im nördlichen Italien oder 
Holland findet. Die Einrichtung ist ganz national, rein deutsch." 

Michaelis, der glühende Bewunderer Graefe's, stellte ferner 
sogar folgende drei Sätze auf (Michaelis, C. F. von Graefe in 
seinem 30jährigen Wirken für Staat und Wissenschaft, S. 48): 

1. ,, Graefe ist der Schöpfer der chirurgischen Klinik überhaupt, die vor 
ihm zwar dem Namen, aber nicht der Bedeutung nach existirte. 

2. Graefe hat diese seine Schöpfung nicht theoretisch entworfen und An- 
deren zur Ausführung empfohlen, sondern ist vielmehr umgekehrt damit unmittel- 
bar ins Leben getreten, und aus seiner klinischen Praxis hat sich erst die Theorie, 
wie die Aesthetik aus der Kunst, zum Begriff einer normalen chirurgischen Klinik 
entwickelt. 

3. Graefe ist aber nicht nur der Zeit, sondern auch dem Range nach der 
erste klinisch chirurgische Lehrer; denn eben dadurch, dass er allein die dazu 

18* 



— 276 — 

erforderlichen inneren Mittel besitzt und die äusseren sich zu verschaffen wusste, 
hat auch er allein dies Werk vollbracht, und erst die nächste Generation wird 
unter Graefe's Minischen Schülern tüchtige klinische Lehrer vorgebildet finden." 

Die Zahl der Schüler Graefe's betrug übrigens nach Michaelis 
(S. 96, Anmerk. 27) vom Winter 1810 bis Winter 1839 7985. — 

Was nun die einzelnen Leistungen und Verdienste Graefe's auf 
dem Gebiete der Chirurgie anbetrifft, so werden wir sie am besten 
würdigen können, wenn wir den reichen Inhalt seiner zahlreichen 
chirurgischen Schriften und Werke einer näheren Besprechung unter- 
ziehen. 

Seine erste schriftstellerische That war seine bereits oben er- 
wähnte, in lateinischer Sprache abgefasste Inaugural-Dissertation: 
De notione et cura Angiectaseos labioruro. Lips., den 21. April 1807. 
Er schilderte darin einen von ihm als Student in Halle beobachteten 
und operirten Fall einer aus erweiterten Gefässen bestehenden Ge- 
schwulst an beiden Lippen, welche Anfangs für Lippenkrebs ge- 
halten worden war, und deren wahren Charakter er durch genaue 
Untersuchungen erst festgestellt hatte. Er belegte die eigenthümliche 
Krankheitsart, deren bis dahin in den medizinischen Schriften nur 
selten und mit mangelhafter Kenntniss Erwähnung gethan worden war, 
mit dem so von ihm zuerst eingeführten Namen Teleangiektasie. 

Die günstige Aufnahme, welche diese seine akademische Probe- 
schrift seitens der Kritik erfuhr, bestimmte ihn dazu, sie in deutscher 
Sprache umzuarbeiten und auch das Allgemeine der Gefässaus- 
dehnungen, zu welchen die Teleangiektasie ja nur als Spielart ge- 
hörte, pathologisch und therapeutisch zu schildern und damit zugleich 
der grossen Unklarheit, welche damals noch in den chirurgischen 
Lehrbüchern über die Krankheiten der Gefässe herrschte, ein Ende 
zu machen. 

So entstand seine ausgezeichnete Abhandlung „Angiektasie, ein 
Beitrag zur rationellen Kur und Erkenntniss der Gefässausdehnungen" 
(Leipzig 1808). 

Im ersten des aus 12 Abschnitten bestehenden Werkes unter- 
sucht er die anatomisch-physiologische Beschaffenheit der Häute der 
drei Gefässarten in Bezug auf ihre Kontraktiv- und Expansivkraft, dabei 
zu dem Schlüsse kommend, dass die Kontraktililät in der Muskel- 
haut, die Expansion in der Zellhaut der Gefässe prädominiren. In 
den folgenden 4 Abschnitten bespricht er dann die organischen Ab- 
weichungen der Kontraktionen und Expansionen der Gefässe, sicht- 
bar im verletzten Normaldurchmesser, ferner ihre organischen Ab- 
weichungen vom Normaidurchmesser und zuletzt die Diagnose und 



— 277 — 

die Differenzen der Gefässausdehnungcn, und zwar sowohl der ober- 
flächlichsten, der tiefer liegenden, als auch der in den Körperhöhlen 
eingeschlossenen Angiektasien. Sodann giebt er eine Tabelle der bis 
damals untersuchten Angiektasien, in welcher noch verschiedene von 
ihm selbst beobachtete Fälle von Teleangiektasie der Conjunctiva, 
der Cornea, der Sklerotica, der Chorioidea und der Retina figuriren. 

Nachdem er sich dann im 7. bis 10. Abschnitte eingehend über 
die Aetiologie, Therapie und Prognose der Gefässektasien ausgelassen 
hat — seine Behandlung besteht bei massigen Ektasien in der An- 
wendung von Adstringentien, Druck und Kälte, bei grösseren, mit 
beträchtlicher Desorganisation verbundenen Ausdehnungen in der Exstir- 
pation — , schildert er im 10. Theile die von ihm in seiner Dissertation 
bereits beschriebene Teleangiektasie beider Lippen. 

Der 11. Abschnitt bringt eine Zusammenstellung der in der 
Litteratur bekannt gewordenen Teleangiektasien des Gesichts, unter 
denen auch die „Leopoldinische Lippe" nicht fehlt (der römische 
Kaiser Leopold hatte von Geburt an eine ungewöhnlich grosse nieder- 
hängende Unterlippe, die, so oft er in Zorn gerieth, auf das Kinn 
herabfiel). 

Der letzte, 12. Abschnitt endlich handelt von den gebräuch- 
lichsten nach der Ausrottung der Lippen-Teleangiektasien anzuwen- 
denden Binden und Bandagen und enthält zum Schluss die Beschrei- 
bung einer von Graefe selbst erfundenen, sehr zweckmässigen ver- 
einigenden Binde der Lippen. 

Wenn auch Vieles, und zwar speziell das Pathologisch-Anatomische 
in diesem Buche durch die grossen Fortschritte der mikroskopischen 
und pathologischen Anatomie überholt ist, so bildet das Werk doch stets 
die Grundlage aller über diesen Gegenstand erschienenen Schriften, 
eine Thatsache, die um so mehr ins Gewicht fallen muss, wenn man 
bedenkt, dass der 21jährige Graefe sich bei seinen Untersuchungen 
nur einer einfachen Lupe bedienen konnte. — 

Im Jahre 1812 erschien sein zweites, 170 Seiten starkes und 
mit 7 Kupfertafeln versehenes Werk; „Normen für die Ablösung 
grösserer Gliedmassen nach Erfahrungsgrundsätzen entworfen". 
Graefe bezeichnet es in dem ersten Satze seiner Zueignung an den König 
Friedrich Wilhelm III. als eine „Arbeit, die zur Absicht hat, das 
Leben seiner Mitbürger, das Leben tapferer Vertheidiger des Vater- 
landes, wenn es in höchster Gefahr ist, auf sicherem Wege zu retten". 
Wie er selbst in der Vorrede zu seinem Buche, welches ja schon 
vor seiner Theilnahme an dem Freiheitskriege erschien, näher aus- 
führt, war es weniger die grosse Zahl der von ihm bis dahin aus- 



— 278 — 

geführten Amputationen, als der günstige Erfolg, den er bei letzteren 
hatte, welcher ihn veranlasste, das von ihm gewählte Amputations- 
verfahren mitzutheilen und bestimmte diesbezügliche Normen auf- 
zustellen. „Die Ablösung grösserer Gliedmassen, schreibt er, gelang 
mir besonders glücklich. Von 13 Kranken, an welchen ich Ampu- 
tationen verrichtete, blieb keiner ungerettet. Die meisten wurden in 
der kurzen Zeit von 12 Tagen, die wenigsten zu Ende der dritten 
Woche soweit hergestellt, dass die Narbe sich vollkommen geschlossen 
hatte. Dieser günstige Erfolg meiner Unternehmungen legte mir sowohl 
gegen meine Amtsbrüder als gegen meine leidenden Mitbürger die 
Pflicht auf, das gewählte Verfahren treu mitzutheilen." 

In dem ersten der 6 Abschnitte seiner „Normen" liefert Graefe 
eine Geschichte der Gliederablösungen, welche, wenn auch nicht gerade 
in erschöpfender Weise, doch einen guten Ueberblick über die allmäh- 
lichen Fortschritte und die Vervollkommnung des Verfahrens vor, 
während und nach einer Amputation giebt. 

Der zweite Abschnitt handelt von der Notwendigkeit der Glieder- 
ablösung, und zwar giebt es nach Graefe sowohl eine absolute wie 
eine relative Notwendigkeit, Glieder abzulösen. 

„Jedes topische Leiden, schreibt er, das an sich unheilbare Affektionen des 
Totalorganismus nach sich zieht, die dem Leben gewisse Gefahrenbringen, macht 
die Ablösung absolut nothwendig. Man schreitet zu derselben, als zum sichersten 
Mittel. Die Ursache wird weggenommen, um die Folge zu heben." 

„Ausser der absoluten giebt es noch eine relative Notwendigkeit, Glieder 
abzulösen. Sie ist die traurigste, ist nur durch Ungunst äusserer Verhältnisse ge- 
setzt, und doch leider in manchen Fällen unvermeidlich, wenn Rettung des Lebens 
gefördert werden soll." 

Die Erörterung, welche Graefe an diesen Sa,tz knüpft, ist zu 
interessant, weil auch für die heutigen Verhältnisse noch zum Theil 
zutreffend, als dass wir nicht seine eigenen Worte weiter folgen 
Hessen (S. 15 u. f.): 

„Im Kriege, nach verheerenden Schlachten, fährt er fort, findet jeder Un- 
befangene sprechende Beläge hierzu. Die Zahl der Verwundeten ist übermässig, 
die Zahl der zu ihrer Pflege bestimmten Wundärzte zu gering. Die zweckdien- 
lichsten Mittel sind fern. ■ — Wenn gleich der Militärchirurg sich gerade in diesen 
Fällen auszeichnet, wo Routine, wo Gegenwart des Geistes ihn schnellere Ein- 
richtungen treffen, ihn von jedem Vortheile des Zufalls Gebrauch machen, ihn 
durch möglichst passende Mittel die fehlenden bessern ersetzen lehrt, so wird 
dieses doch nicht immer möglich. — Wollte man dem Staate Vorwürfe machen, 
dass er in dieser Rücksicht zu wenig für die Beschützer des Vaterlandes sorge, 
so würden sie nur manchen mit Recht treffen. Auch die musterhafte Militär- 
Medizinaleinrichtung Preussens konnte jene Verhältnisse nicht immer entfernt 
halten. Der Heerführer kann die Zahl und Arten der Verwundungen nicht vorher- 
sagen, damit seine Aerzte nur die nöthigen Apparate mit sich führen und den 



— 279 — 

Train der Armee nicht mit einem Uebermass umiöthiger Geräthschaften erschweren 
Der Feind raubt uns die nöthigen Hülfsmittel, schnelle Bewegungen einzelner 
Korps trennen uns von den Hauptvorräthen. Detachements fechten an entlegenen 
Orten. Die Hospitäler sind mehrere Meilen hinter der Linie, der Transport der, aus 
Mangel an Mitteln unvollkommen verbundenen Blessirten dauert Tag und Nacht 
fort. Kaum ist der Verwundete, durch Schmerz, Kummer, Kälte oft in bedau- 
erungswürdigstem Zustande, dem nächsten Hospitale übergeben, so muss derselbe, 
auf gegebenen Befehl zum Aufbruch, wieder weiter seinem Tode entgegen ge- 
führt werden." 

„Alle diese und tausend andere Umstände, die die nöthige Sorge und die 
Zahl der wesentlichen Aerzte, sammt den dienstlichen Mitteln enfernt halten, 
nöthigen uns, jede Verwundung so viel als möglich zu vereinfachen; durch die 
einfache Hülfe wird allein der Vorwurf vermieden, dass wir den Einen sterben 
Hessen, um uns zu bemühen, dem Anderen ein Glied zu erhalten." 

„Wer bezweifelt es, dass eine mit Zerschmetterung des Knochens verbundene 
Schusswunde, bei sorgfältiger Behandlung, bei der Anwendung aller Mittel, die 
die Kunst in ihrem ganzen Umfange darbietet, ohne Verlust des Gliedes zuweilen 
geheilt werden könne? — Aber eben jene Bedingungen fehlen uns oft im Felde; 
der Verband raubt dem Wundarzte täglich mehrere Stunden, während welcher er 
seine hülfreiche Hand von den übrigen Leiden abziehen muss. — Eintretender 
Transport macht jene Verletzungen, bei der grössten Sorgfalt oft sehr gefährlich, 
oft tödtlich. Wir verlieren nun den Kranken, der, wäre er amputirt worden, den 
Transport ertragen hätte." — 

„Diese Gründe kennen, wie Theilnahme an französischen Hospitälern es mir 
zeigte, die Feldärzte jener im Kriege seit so vielen Jahren geübten Nation. Bei 
ihnen wird nach jeder, mit bedeutender Knochenverletzung verbundenen Schuss- 
wunde amputirt, wenn die Hospitäler nicht vollkommen organisirt, wenn der Sieg 
nach unentschieden, und die Hülfsmittel entfernt sind. Folge ist, dass sie, deren 
Behandlung der deutschen oft nicht gleich kommt, weit weniger Kranke an be- 
deutenden Verletzungen verlieren, als die bedächtigen Aerzte unseres Vaterlandes, 
die so lange zögern, bis die Zeit der möglichen Hülfe vorübergegangen ist." 

Die Ablösung ist nach Graefe ferner relativ nothwendig bei 
Verletzungen, die schwerer als Arnputationswunden zu heilen sind 
und nach der Heilung ein natürliches Glied zurücklassen, welches 
weniger als ein künstliches gebraucht werden kann. 

„Denn wozu hier den Kranken einer höheren Gefahr aussetzen, um einen un- 
günstigeren Erfolg zu erzielen?" 

Besonders kommen hier Verletzungen in Betracht, welche mit 
grösserer Zertrümmerung der Weichtheiie und Verlust bedeutender 
Knochenstücke einhergehen, deren Ersatz auch durch die sorgfältigste 
Behandlung nicht zu erreichen ist. Die Indikation zur Amputation 
ist natürlich verschieden, je nachdem der Unterschenkel, Oberschenkel, 
der Vorder- oder der Oberarm betroffen sind. Den gut gefertigten 
künstlichen Unterschenkel gebrauchen die Amputirten so, dass sie 
den Verlust des Gliedes gar nicht fühlen; mit dem künstlichen Vorder- 
arm kann man Beugung und Streckung bequem ausführen. Weniger 



— 280 — 

vollkommen geschieht dies nach Amputation des Oberarmes, und 
beim Oberschenkel ziehen die Kranken eine Krücke dem künstlichen 
Bein vor. 

Ferner machen manche Verhältnisse die Bestimmung, ob ampu- 
tirt werden soll, sehr schwer. Es giebt Fälle typischer Affektionen, 
die weniger das Gepräge einer mechanischen, als das einer dynami- 
schen Anomalie an sich tragen. Hierzu gehören der Brand, ver- 
schiedene Ulcerationen, Intumescenzen und Degenerationen der Weich- 
theile und Knochen. Sie erscheinen nicht selten mit einem Allgemein- 
leiden, das leicht für eine Folge des örtlichen gehalten wird, wäh- 
rend das Umgekehrte der Fall ist. Dort beschleunigt die Amputation 
den Tod. Erst muss das Allgemeinleiden beseitigt werden und dann 
die Amputation stattfinden. 

Im 3. Abschnitt erörtert Graefe die Gefahren der Giieder- 
ablösungen. Die erste Gefahr droht durch Nerven affekte. 

„Das Nervensystem ist der Leib der Seele und die Seele des Körpers, 
zwischen Beide gelegt knüpft es beide zur Einheit, wird aber auch von beiden 
gleichmässig ergriffen. Psychische wie physische Affekte des Nervensystems trüben 
jene Kraft desselben, die für den Einklang des Ganzen stimmen soll. Der Seelen- 
schmerz reibt wie der des Körpers die Lebensthätigkeit um desto mehr auf, je 
heftiger, je anhaltender der eine oder der andere ist. Beide finden wir bei der 
Amputation gegeben." 

Auch nach der Operation wirken diese Nervenaffekte noch be- 
sonders bei zaghaften und furchtsamen, weniger bei muthigen Kranken, 
bei denen in Folge dessen die Heilung auch eine viel schnellere ist. 
Besonders sind nach Graefe Ohnmächten während der Operation zu 
fürchten, eine Gefahr, auf welche schon Hippokrates aufmerksam 
gemacht hat. 

Eine zweite Gefahr wird durch Gefässverletzungen und die daraus 
resultirenden Blutungen bedingt. Und zwar kommen hierbei nicht nur 
der während der Operation erfolgende Blutverlust, gegen welchen man 
ja genügende vorbeugende Mittel hat, in Betracht, als besonders auch 
die in Folge mangelhafter Blutstillung nach der Amputation auftreten- 
den Nachblutungen. Die Nachtheile übermässiger Blutungen sind nach 
Graefe nicht nur allgemeiner, sondern auch örtlicher Natur, indem 
dadurch im Stumpfe eine asthenische Entzündung erzeugt wird und 
statt Ausschwitzung von Faserstoff Eiterung eintritt. 

Eine fernere Gefahr wird endlich durch örtlich in höherem Grade 
verwendete Produktionskraft hervorgerufen. Die Produktion einzelner 
Theile zieht nach Graefe immer einen Kraftaufwand seitens des Ge- 
sammtorganismus nach sich, der mit der Quantität des zu Erzeugenden 
in gleichem Verhältniss steht. Der Granulationsprozess wird in Folge 



— 281 — 

dessen natürlich den Körper viel mehr angreifen, zumal, wenn er mit 
starker Eiterung einhergeht, als der Adhäsionsprozess, welcher durch 
eine massig synochöse Entzündung zu Stande kommt. Je fester die 
verschiedenen Theile sind, die zur Vereinigung kommen sollen, je ge- 
ringer ihre Vitalität ist, um so langsamer wird die Adhäsion ein- 
treten. Als Beweis führt Graefe die schnellere Vereinigung der 
Wundflächen bei Amputation als bei Exartikulation an, weshalb 
er ersterer vor der Exartikulation den Vorzug giebt und letztere nur 
dann angewandt wissen will, wenn kein anderes Mittel übrig bleibt.. 
Andere Störungen des Adhäsionsprozesses bilden sich ferner bei nicht 
genügender Hautbedeckung des Stumpfes, bei Trennung der Wund- 
flächen durch dazwischen gelagerte geronnene Blutklumpen und aus 
Reinigungsschwämmen zurückgebliebene Sandkörner, endlich auch in 
Folge mangelhaft ausgeführter Vereinigung. Kommt es nicht bald zur 
Adhäsion, so entwickelt sich entweder ein erethischer — das häufigere 
— oder ein torpider Zustand. Das Zusammensein der gesunkenen 
Energie mit erhöhter Sensibilität giebt den Begriff des erethischen 
Zustandes. Seine Merkmale beginnen oft bald nach der Operation: 
Der Stumpf wird sehr empfindlich, heiss, die Wunde hat ein trockenes 
Aussehen, der Kranke ist sehr unruhig und ängstlich. Bei unzweck- 
mässiger Behandlung geht dieser Zustand entweder in den torpösen, 
oder, was meistens der Fall ist, in Brand über. Der torpide Charakter 
des Vegetationsprozesses hat die gesunkene Energie mit dem ere- 
thischen gemein, unterscheidet sich aber von diesem durch die gleich- 
zeitig veränderte Sensibilität. Der Stumpf ist unempfindlich, die 
Wundflächen sind blass und feucht, der Kranke selbst sehr matt, 
gleichgültig und zum beständigen Schlafen geneigt. Der Ausgang ist 
fast stets ein ungünstiger. 

Im vierten Abschnitt wird das Verfahren bei Gliederablösungen 
im Allgemeinen geschildert, und zwar das Verfahren vor, während 
und nach der Operation. Unter den vorbereitenden Akten ist zu- 
nächst die psychische und physische Beruhigung des zu Operirenden 
von Wichtigkeit. Der ängstliche Kranke muss mit tröstenden Worten 
ermuthigt, seine Sensibilität durch innerlich und äusserlich angewandte 
betäubende Mittel herabgesetzt werden. Niemals soll nach Graefe 
die Amputation bei einem hohen Grade der Sensibilität unternommen 
werden. Als schmerzherabsetzendes Mittel empfiehlt er das Opium 
in Form des Mohnsaftes oder als Zusatz zu Lavements, deren An- 
wendung überhaupt in allen Fällen rathsam ist. Es folgt dann die 
Besprechung des zur Operation nothwendigen Bedarfes und zwar des 
Operationsraumes — Oberlicht das beste Licht! — , des Operations- 



— 282 — 

tisches, des Instrumentariums, der Verband- und Erfrischungsmittel 
und der Assistenz. Bei jeder grösseren Operation sind mindestens 
4 Assistenten nothwendig. einer, welcher die Haut und Muskeln über 
der Ablösungsstelle zurückzieht, einer zum Halten des Gliedes 
unter dem Orte der Absetzung, der dritte zum Reichen der In- 
strumente und der vierte nur für die Pflege und Erfrischung des 
Kranken. 

Die eigentliche Operation beginnt mit der Herstellung der künst- 
lichen Blutleere, die Graefe durch Anlegung zweier Tourniquets er- 
zielt. Eines kommt mit der Pelotte auf den Hauptstamm der zu- 
führenden Schlagader, wo diese am oberflächlichsten verläuft, zu liegen, 
während das zweite, ein Feldtourniquet ohne Pelotte. weiter unterhalb 
des ersten um das Glied fest herumgeschnürt wird, sodass eine Kom- 
pression der gesammten Weichtheile, also auch sämmtlicher Blutgefässe 
zu Stande kommt. Die Kennzeichen der erreichten Blutleere sind, 
nach Graefe nicht nur -Mangel der Pulsation unterhalb der Ader- 
pressen, sondern vor Allem auch lebhafte Pulsation oberhalb der letzteren 
und Herabsetzung der Empfindlichkeit und Eigenwärme des abge- 
schnürten Gliedes. 

Eine Amputation muss so schnell wie möglich ausgeführt werden. 
So gebrauchte Graefe zur Ablösung des Oberschenkels kaum eine 
Minute. 

Was die Bestimmung der Ablösungsstelle anbelangt, so soll die 
Schnittführung stets im Gesunden geschehen und, wenn möglich, eine 
reine, mit hoher und gleichmässiger Vitalität ausgerüstete Muskelfläche 
gewonnen werden. Deshalb löse man den Unterarm nie nahe am 
Handgelenk, den Unterschenkel in einiger Entfernung von den Knöcheln, 
den Oberschenkel nicht zu nahe am Knie und den Oberarm nicht zu 
nahe am Ellenbogengelenk ab. Graefe wendet sich dann nochmals 
gegen die Exartikulation im Knie-, Fuss-, Ellenbogen- und Hand- 
gelenk, durch die man ja trotz eines vielleicht längeren Stumpfes nicht 
das Mindeste gewinne. „Xur die Auslösung des Unterfusses, zwischen 
dem Sprung- und AYürfel- und Kahn- und Fersenbeine, verdiene, trotz 
der weniger reinen und muskulösen Umgebung den Vorzug vor der 
Amputation des Unterschenkels, weil bei ersterer die vollkommene 
Länge des Gliedes mit der Ferse erhalten und ein künstlicher Unter- 
schenkel ganz entbehrlich gemacht werden kann." 

Bei der ..Gestaltung der Wundfläche" kommt es darauf an, dass 
der Knochen nicht nur mit Haut, sondern auch mit Muskeln gehörig 
überzogen wird ; auch sollen die Schnittflächen überall genau auf ein- 
ander passen. Dies wird am besten durch den Trichterschnitt er- 



— 283 — 

reicht, welcher jedoch nur für „einröhrigc" Glieder passt, während 
für „zweiröhrige" die Fleischlappcnbildung nothwendig wird. 

Die „Ablösung des Knochens" geschehe möglichst hoch in den 
Muskeln. Zu diesem Zwecke ist eine möglichst kräftige Retraktion 
der Weichtheile — entweder mit der Retraktionsbinde oder mit den 
blossen Händen — nothwendig. Dann durchschneide man die Bein- 
haut mittelst eines festen Kreisschnittes, schabe sie aber stets nur 
von oben nach unten vom Knochen los. Die genau in den Beinhaut- 
schnitt gesetzte und mit Oel überzogene Säge wird dann mit leichten, 
nicht zu schnellen Zügen, um eine Ueberhitzung des Sägeblattes zu 
vermeiden, durch den Knochen geführt. Etwa vorhandene rauhe 
Spitzen und den scharfen Knochenrand beseitige man mit der Knochen- 
zange bezw. der Simon'schen Feile. 

Bei der Blutstillung suche der Operateur zunächst die grösseren, 
offen daliegenden Gefässe auf und unterbinde sie; die kleineren, durch 
Retraktion verborgenen entdeckt man am besten beim Lüften des 
Tourniquets durch das aus ihnen hervorspritzende Blut. Bei Exarti- 
kulationen des Oberschenkels und Oberarms sollen auch die grösseren 
Venen mit unterbunden werden. Als Unterbindungsmaterial empfiehlt 
Graefe starke, doppelt gewichste Zwirnfäden, welche fast nie zu 
früh durchschneiden. Die Blutungen der kleinen Gefässe stillt man 
durch eiskaltes Wasser, welches man im Strahle so lange auf die 
Schnittfläche giesst, bis die Blutung gänzlich sistirt. 

Die „Union" vollziehe man durch die blutige Naht, und zwar 
soll diese jedesmal die Haut und die Muskeln mitfassen. Etwaiges 
oberflächliches Klaffen hebe man durch Pflasterstreifen, die man 
zum Theil quer über die Schnittfläche, zum Theil cirkulär an- 
legt. Dann werden Longuetten in der Richtung der Pflasterstreifen 
angelegt, darüber eine Mütze gezogen und diese mittelst einer Cirkel- 
binde befestigt. 

Nach der Operation gebe man dem Stumpfe eine etwas erhöhte 
Lage, lasse jedoch die Tourniquets nur massig angezogen liegen, bis 
die Unterbindungsfäden sich gelöst haben. Treten stärkere Nach- 
blutungen ein, so schnüre man die Aderpressen fester, während ge- 
ringe Blutungen meist schon durch Uebergiessen mit kaltem Wasser 
gestillt werden. In den ersten 3 Tagen nach der Operation ist eine 
ständige Ueberwachung des Kranken absolut nothwendig. Tritt ein 
erethischer Zustand nach der Operation ein, so bekämpfe man 
ihn innerlich durch Darreichung von Kirschlorbeerwasser, äusserlich 
durch reichliches Begiessen des Stumpfes mit eiskaltem Wasser. Der 
bei weitem seltener in die Erscheinung tretende Torpor wird eben- 



— 284 — 

falls theils mit innerlichen Mitteln, theils örtlich behandelt. Unter 
ersteren werden als Reizmittel besonders Glühwein, starke Bouillon, 
Tischlerleim mit Gewürz und Zucker empfohlen; die lokale Behand- 
lung bestehe in warmen Umschlägen des Stumpfes mit wenigen Auf- 
güssen der Krausemünze, der Melisse, des Thymians und Basilicum- 
krauts; auch begiesse man ihn mit Kampherbranntwein und Terpen- 
tinöl und spritze letzteres in sehr schweren Fällen direkt durch die 
Nadelstichwunden oder durch die Wundspalten ein. 

Die mechanische Fortbehandlung des Stumpfes anlangend, so 
soll der erste Verband in der Regel am 3. Tage gewechselt werden, 
und zwar genügt meist eine Erneuerung der Longuetten, der Cirkel- 
binde und der Mütze. Am 5. Tage ersetze man die locker gewor- 
denen He ftpflast erstreiten durch frische, entferne die Nähte und die 
Unterbindungsfäden. Dann verbinde man einen um den anderen Tag, 
bis die Vernarbung eingetreten ist, was gewöhnlich bereits am 12. Tage 
der Fall ist. Die Longuetten und Binden bleiben dann noch einige 
Zeit zum Schutze der zarten Narbe liegen. Findet bei nicht ganz 
gelungener Vereinigung der Wundflächen in Folge des Torpors eine 
starke Absonderung von Lymphe statt, so muss der Verband täglich 
gewechselt werden, bis eine völlige Adhäsion der Theile eingetreten 
ist. Hand in Hand muss damit die bereits oben näher beschriebene 
Behandlung des Torpors gehen. 

Die Vernarbung der Wundflächen wird bisweilen durch eine Aus- 
scheidung des Knochenkranzes verzögert, welche, sich selbst über- 
lassen, gewöhnlich 8 bis 10 Wochen nach der Operation vor sich 
geht. Oft gelingt jedoch die Entfernung der nekrotischen Knochen- 
stücke mittelst einer Zange bei weitem früher. 

Mit der Anlegung eines künstlichen Gliedes soll im Allgemeinen 
erst dann begonnen werden, wenn die Narbe völlig fest und empfin- 
dungslos geworden ist, was sich am besten durch .einen auf den 
Knochenstumpf ausgeübten starken Druck feststellen lässt. Das 
künstliche Glied lässt man anfangs nur ganz kurze Zeit, etwa eine 
Viertelstunde tragen, um dann allmälig zu steigern, damit die Narbe 
sich mehr und mehr an den Druck gewöhnt. 

Im 5. Abschnitte folgen die Encheiresen bei Gliederablösungen. 
Graefe wendet, wie schon oben angeführt, bei Amputationen und 
Exartikulationen des Oberschenkels und Oberarms im Princip den 
Trichterschnitt an, während er bei Ablösung des Unterschenkels und 
des Vorderarms die Fleischlappenbildung bevorzugt. Die einzelnen 
Phasen einer jeden Operation werden von ihm auf das genaueste be- 
sprochen. Im Anschluss hieran giebt er die Beschreibung einer Ex- 



— 285 — 

artikulation des Unterfusses mit Erhaltung clor Ferse nach einer von 
Walther- Landshut angegebenen Methode. 

Der 6. und letzte Abschnitt handelt von dem künstlichen Glieder- 
ersatz. Nach einer kurzen historischen Einleitung lässt Graefe eine 
sehr eingehende Beschreibung der einzelnen künstlichen Glieder folgen, 
von deren Nutzen und Brauchbarkeit er sich selbst auf Grund mehr- 
jähriger Erfahrung überzeugt hatte. — 

Im Jahre 1818 erschien Graefe's Hauptwerk, die „Rhino- 
plastik oder die Kunst, den Verlust der Nase organisch zu er- 
setzen". In der Vorrede dieses mit 6 Kupfertafeln ausgestatteten 
und dem damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preussen 
zugeeigneten Buches lässt er sich über die inneren Gründe, die ihn zur 
Wiedereinführung der Rhinoplastik bestimmt haben, mit folgenden 
schönen Worten aus: 

„Die Heilkunst erringt ihren schönsten Sieg, wenn sie lebend erschafft, was 
mit todten Formen doch immer verloren bliebe, wenn sie Theile nicht wegnimmt, 
um durch Verstümmelung den höheren Zweck der Gesundheit, den des Lebens zu 
erreichen, wenn sie organisch den organischen Verlust ersetzt; wenn sie dem 
widrig entstellten Gesichte die Harmonie der Formen zurückgiebt, wenn sie den 
Menschen wieder zum Menschen gesellt, und den Gebeugten wieder aufrichtet zu 
schönen Hoffnungen des Lebens. Der so hohe Grad, zu welchem die Heilkunde 
in obigen Bezüge das individuelle Glück des Menschen zu finden vermag, erregte 
längst meine gespannteste Aufmerksamkeit." 

Im ersten des sechs Abschnitte umfassenden Buches erörtert 
Graefe im Allgemeinen den organischen Ersatz verloren gegangener 
Theile des thierischen Körpers. Jede organische Wiederherstellung 
geschieht nach den allgemeinen Gesetzen des Bildungstriebes. Diese 
Reproduktion ist bei den verschiedenen Thieren und in den verschie- 
denen Organen desselben Thieres eine verschieden entwickelte. Sie 
feiert bei den niedrigsten Thieren, welche in allen Theilen ihres Kör- 
pers ganz gleichförmig gebildet sind, ihren höchsten Triumph. Bei 
den kaltblütigen Thieren mit ausgebildeterer Oerebralbildung und Ani- 
malisation nimmt die Reproduction ab, die Fortpflanzung der Art 
durch mechanische Trennung hört ganz auf, und es können auch nur 
noch einzelne Glieder aus dem Stammkörper wieder erzeugt werden. 
Bei den warmblütigen Geschöpfen mit ausgebildetem Cerebralnerven- 
system beschränkt sich die Wiedererzeugung auf die organische 
Wiedervereinigung getrennter Theile; sie ist aber bei warmblütigen 
Thieren noch grösser als beim Menschen. Bei letzteren regenerirt 
sich das Zellengewebe noch am vollkommensten, dann folgen die 
Haut und die Knochen; Muskeln, Bänder, Sehnen werden nur man- 
gelhaft, ganze Glieder, Sinnesorgane gar nicht reproducirt. Da nun 



— 286 — 

durch Erzeugung eines neuen Zellengewebes und durch dessen fort- 
gesetzte Metamorphosen organische Bildung getrennter Theile mög- 
lich wird, so muss man dies benutzen, um Theile, die sich sonst 
nicht wiedererzeugen, dahin zu verpflanzen, wo sie verloren gegangen 
sind. Hierbei ist der adhäsiven Entzündung vor der Eiterung der 
Vorzug zu geben, bezw. ist die organische Vereinigung vermittelst 
der ersteren anzustreben. Da nur in seltenen Fällen ganz getrennte 
Theile, wie Nasen, Ohren wieder anheilen, so muss man bei der Ver- 
pflanzung dafür sorgen, dass der Zusammenhang mit dem ursprüng- 
lichen „Boden" so lange bestehen bleibt, bis die Adhäsion eine voll- 
ständige geworden ist und die Ernährung des überpflanzten Theils 
von dem neuen Boden aus eingetreten ist. Die Haut eignet sich von 
allen Organen am besten zu Transplantationen, jedoch muss sie völlig 
gesund sein; ist dies nicht der Fall, so ist die Ueberpflanzung ganz 
zu unterlassen, oder es ist fremde gesunde Haut zu nehmen. 

Von grosser Wichtigkeit ist die Berücksichtigung der Zeit bei 
den Transplantationen; niemals soll letztere z. B. während der Men- 
struation oder beim Vorhandensein von Diarrhöen ausgeführt werden, 
da dann die Plasticität des Organismus gemindert ist. Die Form 
der Wundfläehe des zu überpflanzenden Theils muss ferner genau der 
Form der Wundfläehe des künftigen Bodens angepasst werden, und 
es muss die Vereinigung durch die Naht möglichst genau geschehen. 
Nach erfolgter Vereinigung ist der Zutritt der Luft abzuhalten, da 
durch sie die Vegetationskraft verringert werden kann. 

Was nun die Grenzen der Ueberpflanzung thierischer Theile an- 
betrifft, so ist die letztere unmöglich bei Sinnesorganen und grossen 
Gliedern, bei kleineren Gliedern wie Fingern glückt sie bisweilen. Am 
anwendbarsten ist die Transplantation jedoch nach dem Verlust von 
Gesichtstheilen, und hier wieder ist der organische Ersatz der Nase 
von allen Ueberpflanzungen der nützlichste und in Folge dessen der 
wichtigste. 

Im zweiten Abschnitt giebt Graefe eine „Geschichte der Rhino- 
plastik", welche zugleich seine bedeutendste geschichtliche Leistung 
bildet und schon deshalb noch heute von hohem Werthe ist, weil sie 
der Zeit nach die erste war. 

Er unterscheidet in ihr drei Perioden, die erste und älteste uni- 
fasst den Zeitraum, in welchem sich die Rhinoplastik in den Händen 
der Brahminen Indiens, also in ihrem eigentlichen Vaterlande, befand 
bis zu ihrer Uebertragung nach Italien gegen Mitte des 15. Jahr- 
hunderts, wo sie zum ersten Male 1442 von dem sizilianischen Arzte 



— 287 — 

Branca mit Erfolg, aber gchcimnissvoll ausgeübt wurde. Von die- 
sem ging sie auf seinen Sohn Antinous und weiter auf die Familie 
der ßojanis über, welche sie jedoch ebenfalls als Geheimniss be- 
wahrten. 

Die zweite Periode beginnt mit dem Entstehen der italischen 
Methode, die Nase aus einem vernarbten Armhautstücke zu ersetzen, 
und endet mit deren gänzlichem Verfall — vom 16. bis 18. Jahr- 
hundert. Calabrische Arzte benutzten zuerst, um die Entstellung der 
Stirn bei der indischen Methode und die zugleich dabei vorhandene 
Gefahr in Folge der Entblössung des Schädels zu vermeiden, statt 
der Stirnhaut die des Armes als Material zum Wiederersatz, und 
zwar ist es nach Graefe wahrscheinlich, dass auch schon die beiden 
Brancas dieses Verfahren ausgeübt haben. Der erste, welcher dann 
die italische Methode der Geheimbewahrung entriss , indem er sie 
gegen Ende des 16. Jahrhunderts von Calabrien nach seiner Vater- 
stadt Bologna brachte und veröffentlichte, war Taliacozza. Ob er 
ein Schüler des letzten, 1571 gestorbenen Bojani gewesen, ist nicht 
erwiesen, aber wahrscheinlich, da es ihm sonst unmöglich gewesen wäre, 
sein klassisches Werk über die Herstellung verlorener Gesichtstheile 
mit solcher Genauigkeit zu schreiben. Die Art und W T eise der Ueber- 
tragung der indischen Methode von Indien nach Italien, sowie die 
letztere selbst, muss ihm jedoch völlig unbekannt gewesen sein, da 
er in seiner Schrift die Stirnhaut als ungeeignet zur Nasenbildung 
erklärt. Bald nach dem Tode Taliacozza's, im Jahre 159y, be- 
gann der Verfall der italischen Methode; der letzte, der sie ausübte, 
war Molin etti zu Venedig im Anfang des 17. Jahrhunderts. Neid 
und Spott brachten sie allmählich gänzlich in Vergessenheit. Vin- 
cent Grucius, de la Foy, Heister, und zwar in der ersten Auf- 
lage seiner „Institutiones" (s. Heister's Lebensgeschichte im I. Theil), 
Eloy, Dionis, Dubois bestritten theils ihre Ausführbarkeit, theils 
spotteten sie darüber; selbst Sprengel und Schreyer hielten es 
nicht für der Mühe werth, die Schriften Taliacozza's nachzu- 
prüfen. — Uebrigens war auch bei uns, wie aus Pfohlspeundt's 
„Bündth-Ertznei" hervorgeht, die Rhinoplastik schon im 15. Jahr- 
hundert bekannt. 

Die 3. Periode beginnt mit dem Anfange des 19. Jahrhunderts, 
wo das italische Verfahren in Deutschland wieder eingeführt und die 
deutsche Methode aufgestellt wurde — durch Graefe selbst. Dieser 
vollzog, durch eifriges Studium det Taliacozza'schen Urschrift, von 
der Realität der italischen Operationsart überzeugt, im Jahre 1811 



— 288 — 

seine erste rhinologische Operation, indem er bei einem Mädchen die 
fehlende Nasenspitze aus den häutigen Seitentheilen wiederherstellte. 
Erst 5 Jahre später, am 8. Mai 1816, führte er bei einem jungen 
Mann, welcher bei Montmartre seine Nase durch einen Säbelhieb 
verloren hatte, die Nasenbildung aus der Armhaut nach dem alten 
italischen Operationsverfahren mit dem glücklichsten Erfolge aus. 
Nachdem Graefe, noch angeregt durch das Carpue'sche Werk über 
die indische Methode 1 ), welches er von seinem Assistenten Michaelis 
übersetzen liess, und das er selbst mit einer Vorrede versah, die 
Operation auch auf diese Weise ausgeübt hatte, stellte er auf Grund 
seiner vergleichenden Erfahrungen die deutsche Methode auf, nach 
welcher die normale, nicht vernarbte Armhaut zum Nasenersatz ge- 
nommen wird. Am 11. September 1817 wandte er diese deutsche 
Operationsart zum ersten Male bei einem Mädchen mit so günstigem 
Erfolge an, dass schon nach 4 Wochen völlige Heilung stattfand. 

Im 3. Abschnitte giebt Graefe eine ausführliche Beschreibung 
der indischen Methode. Diese ist nach ihm in allen denjenigen 
Fällen anwendbar, in welchen man aus irgend einem Grunde auf die 
italische oder deutsche Weise verzichten muss. Die Stirnhaut soll 
bei hoher Stirn völlig fehlerfrei, gesund, nicht zu dünn und nicht zu 
dick und beweglich sein. Die Methode ist besonders indicirt bei Per- 
sonen, denen die Nasenbeine gänzlich fehlen, da der durch die Dre- 
hung des Stirnhautlappens entstehende dicke Wulst in der Gegend der 
Nasenwurzel die knöcherne Nase noch am besten ersetzt. Contra- 
indicirt ist das indische Verfahren bei „allgemeiner Hautvulnerabilität." 
Nachdem Graefe dann eine kurze Operationsbeschreibung nach Cruso, 
Findlag, Pennant, 3 Aerzten in Bombay, und nach Carpue ge- 
liefert hat, stellt er die Normen für die indische Rhinoplastik theils 
nach den früheren, theils nach den eigenen Erfahrungen zusammen, 
worauf er zum Schluss die Krankheitsgeschichte des ersten von ihm 
am 28. Juli 1817 nach der indischen Methode mit Glück operirten 
Falles giebt. Auf der angefügten Kupfertafel ist die Nase vor und 
nach der Operation abgebildet. 

Im 4. Abschnitte wird dann in derselben Weise die italische 
Methode besprochen. 

„Die Italische Rhinoplastik, sagt Graefe 2 ), schliesst sich an die indische, wie 
das vollendetere Kunstwerk an den Elementarversuch. Diese ist bestrebt, die 



1 ) Carpue, An aecount of two succesful Operations for restoring a lost 
nose etc. London 1816. 

2 ) § 59. 



— 289 — 

Restitution aus unmittelbar angrenzendem Gebilde, also auf einfacherem Wege 
mit leichtern Handgriffen und geringern Schwierigkeiteiten in Ausführung 
zu bringen. Jene schreitet hingegen dreister vor, wagt den verlorenen Ge- 
sichtstheü aus ganz entferntem Gebilde organisch zu ersetzen, hat dafür aber 
auch bedeutendere Hindernisse zu bekämpfen, erfordert mehr Gewandtheit, viel- 
seitigere Umsicht und grösseren Reichthum an Kenntnissen. Vergleicht man das 
sehr künstliche, einen höheren Kulturgrad nothwendig voraussetzende der italischen 
Methode mit dem einfachen, leichtern Verfahren bei der indischen Operationsweise, 
so wird diese, schon ihrer Natur nach, als die Mutter der italischen hervorgehen. 1 ' 

Graefe beschreibt dann ziemlich ausführlich das alt-italienische 
Verfahren von Taliacozza, giebt im Weiteren die Normen für die 
neu-italienische Methode an und lässt daranschliessend die Operations- 
geschichte des bereits oben erwähnten, von ihm am 8. Mai 1816 nach 
der italienischen Weise behandelten Soldaten folgen. Letzterer wurde 
übrigens nach seiner Heilung dem Könige von Preussen und den 
Prinzen vorgestellt, und es ist seine Nase ebenfalls vor und nach 
der Operation auf einer Kupfertafel abgebildet. 

Der 5. Abschnitt enthält die Beschreibung der deutschen Me- 
thode, der Erfindung Graefe 's. Sie verdankt, wie letzterer näher 
ausführt, ihren Ursprung den glücklichen Resultaten, die die gleich- 
zeitige Anwendung der beiden älteren Operationsweisen gewährte. 
„Um die Trennung aufzuheben, die beide Methoden, zum Nachtheil der 
Kunst, bis auf die neueste Zeit von einander entfernte, übte ich die 
eine wie die andere zu wiederholten Malen aus. Hierdurch wurden 
mir alle einzelnen Vorzüge des indischen sowohl als des italienischen 
Verfahrens genauer bekannt, und ich überzeugte mich bald, dass der 
Vortheil einer überaus schnellen Heilung durch Ueberpflanzung des 
ganz frisch ausgeschnittenen Stirnhautlappens bei der indischen Me- 
thode dem weder vorzuziehen noch nachzusetzen sei, den die itali- 
sche Operationsart, indem sie das Ersatzmaterial aus dem vernarbten 
Armhautlappen wählt, bei langsamer Heilung, durch mehr geschütztes 
Gelingen und durch gleichzeitige Vermeidung der Stirnnarbe sicherer 
gewährt; ich überzeugte mich ferner, dass bestimmte Verhältnisse 
mehr der einen als der anderen Methode entsprächen, dass also beide 
ihre Indikationen und Kontraindikationen hätten, und dass es endlich 
auch Fälle gäbe, in welchen wir die bisher getrennten Vortheile beider 
Methoden durch die Wahl des Mittelweges zuversichtlich vereinen 
könnten. Durch die Realisirung der ausgesprochenen Idee entstand 
die neueste, hier ausführlich zu beschreibende Ueberpflanzungsart, bei 
welcher nämlich der frisch ausgeschnittene, unvernarbte Arm-Haut- 
lappen unmittelbar zum Ersatz benutzt wird, und die ich, um sie 

Veröffentl. ans dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. IS. Heft, in 



— 290 — 

von den übrigen zu unterscheiden, deshalb die Deutsche nenne, weil 
sie ihren Ursprung im deutschen Vaterlande nahm." 

Die Vortheile der deutschen Methode bestehen nach Graefe 
darin, dass erstens der Armhautlappen nur gerade so gross wie das 
fehlende Nasenstück zu sein braucht im Gegensatz zur italischen Me- 
thode, wo der Hautlappen dreimal so gross genommen werden muss, 
da er durch die Schrumpfung so viel an Ausdehnung einbüsst. Ferner 
passt der frische Lappen hinsichtlich der Hautstärke besser mit der 
Nasenhaut zusammen als der narbige, fast stets mit gewulsteten 
Rändern versehene Lappen nach dem italischen Verfahren; auch ver- 
meidet man die gefährliche Schädelentblössung der indischen Methode. 
Endlich gelingt die Heilung bei der deutschen Methode innerhalb von 
4 Wochen, während sie bei der italischen oft bis zu einem Jahre dauert. 

Die Deutsche Rhinoplastik kann überall da angewandt werden, 
wo eine vollkommen normale, derbe, leicht bewegliche Armhaut vor- 
handen ist; ist die letztere jedoch schlaff, welk, nicht gesund oder 
besitzt sie eine krankhafte Vulnerabilität, so ist die Methode durch 
eine andere zu ersetzen. 

Graefe stellt dann in geradezu vollendeter Weise die Normen 
für das von ihm erfundene Operationsverfahren auf und fügt daran 
auch wieder die Beschreibung des ersten von ihm auf diese Weise 
operirten, bereits oben erwähnten Falles. Die Operirte, ein 24jähriges 
Mädchen, stellte er 6 Wochen nach der Operation der medizinisch- 
chirurgischen Gesellschaft in Berlin vor, und es waren alle Anwesenden 
darüber einig, nachdem ein Vergleich mit den Nasen mehrerer nach 
italischer und indischer Methode operirter Personen angestellt worden 
war, dass die deutsche nicht nur den Vorzug verdiene, sondern viel- 
mehr noch alle Erwartungen weit übertreffe. 

Im letzten Abschnitt seines Werkes verbreitet sich Graefe über 

die zur Rhinoplastik gehörige Bandagenlehre. 

..AYie viele ausgezeichnete Werke über „plastische Chirurgie" uns immer 
auch die Zukunft bringen mag, sagt Rohlf's in seinen „chirurgischen Classikern" 
Seite 307, Graefe 's Rhinoplastik wird stets die Ilias unter ihnen bilden." — 

Graefe 's bedeutendste, seine ganze Eigenthümlichkeit als Chirurg 
wiedergebende Schrift, ist seine Abhandlung über „die Gaumennaht, 
ein neuentdecktes Mittel gegen angeborene Fehler der Sprache", welche 
er im Jahre 1820 im 1. Bande des von ihm gemeinsam mit von 
Walther herausgegebenen Journals der Chirurgie und Augenheilkunde 
veröffentlichte. 

Er bespricht zunächst die Wichtigkeit des Gaumensegels für die 
Sprache, und zwar nicht nur des gesunden, sondern auch des gespaltenen, 



— 291 — 

und erörtert die Versuche, die seitens der Aerzte bis dahin angestellt 
worden waren, die Gaumenspalten behufs Erzielung einer möglichst 
normalen Sprache zu verschliessen oder doch zu verengen. Einige Aerzte 
hatten dies durch eine Skarifikation der Ränder des gespaltenen Gau- 
mens, andere durch das Einlegen von Obturatoren zu erreichen ge- 
sucht, jedoch fast stets mit negativem Erfolge. Graefe sah ein, 
dass ein günstiges Resultat nur durch die Herstellung der Integrität 
des weichen Gaumens, durch die Verschliessung der Spalte vermöge 
einer organischen Verbindung der Ränder, durch eine blutige Vereini- 
gung der letzteren, zu erzielen sei. Er erfand zu diesem Zweck ein 
Instrument, welches er Uranotom nannte, und das aus einem Meissel 
und einer Unterlage besteht. Der Meissel ist in einem Messingcylinder 
vermittelst einer Spiralfeder so beweglich, dass seine Schneide durch 
einen Druck auf den Gritf gegen die an den Cylinder befestigte und 
mit Holz gefütterte Unterlage gedrückt werden kann. Die Nadeln 
ferner, die Graefe anwandte, hatten nicht die gewöhnliche zirkei- 
förmige, sondern eine gewissermassen aus zwei senkrechten und einem 
wagerechten Theile bestehende Krümmung, so dass sie nur in gerader 
Linie vor- und rückwärts bewegt zu werden brauchten. Die übrigen, 
zur Operation nöthigen Instrumente sind ein Gaumennadelhalter, eine 
Nadelzange, Ligaturschräubchen, ein Schraubenhalter und Ligatur- 
fädchen. Der erste Akt der Operation besteht in der Lösung der 
Epidermis vom Rande der Spalte entweder durch den Schnitt des 
Uranotoms oder durch Anwendung chemischer Mittel, des Aetzkalis, 
der concentrirten Salz- oder Salpetersäure. Nachdem die Ränder auf 
diese Weise in ihrer ganzen Ausdehnung wund gemacht worden sind, 
beginnt der zweite Akt, die Einlegung der Hefte, worauf dann die 
Einigung durch Befestigung der Hefte vermittelst der Ligaturschräub- 
chen -erfolgt. Die Beschreibung, welche Graefe von dem ganzen 
Operations verfahren giebt, ist eine derartig klare und übersichtliche, 
dass die einzelnen Prozeduren auch ohne die beigefügten erläuternden 
Abbildungen ohne Weiteres verständlich wären. Nachdem er dann 
noch genau die Nachbehandlung besprochen hat, folgt zum Schluss 
eine scharfsinnige Epikrise an der Hand der von ihm seit 1816 ope- 
rirten 4 Fälle. 

Noch in demselben Jahre wich Graefe von dem eben beschrie- 
benen Verfahren insofern ab, als er die Vereinigung der Ligaturfäden 
ohne die Ligaturschräubchen, welche das Verfahren ziemlich kompli- 
zirten, durch einfaches Knoten der Fäden vornahm, und er erzielte 
auch auf diese Weise ein vollständiges Aneinanderlicgen der Wund- 
ränder, Auch das Uranotom wandte er später nicht mehr an, sondern 

19* 



— 292 — 

er bediente sich zur Verwundung der Spaltränder eines einfachen 
schmalen Messers mit langem Griffe. Die Ehre der Erfindung der 
Gaumennaht wurde übrigens Graefe von dem französischen Chirurgen 
Roux streitig gemacht, welcher im Jahre 1820 zum ersten Male diese 
Operation mit Erfolg ausgeführt hatte. Graefe wies jedoch selbst 
in einer Anmerkung zu seiner Abhandlung über die Gaumennaht diese 
Anmassung Roux's zurück, indem er einfach die Thatsache anführte, 
dass er bereits im Jahre 1816 die erste Gaumennaht vollzogen hätte. — 

Einen sehr guten Ueberblick über die grossartigen Erfolge und 
Leistungen Graefe's auf dem Gebiete der Chirurgie und in der Augen- 
heilkunde, ferner über die grosse Zahl seiner Schüler erhält man aus 
den 17 „Jahresberichten über das klinisch-chirurgisch- 
augenärztliche Institut der Universität zu Berlin", welche 
Graefe in den Jahren 1816 — 1835 veröffentlichte. So wurden in 
dem Jahre 1821 in der genannten Anstalt 675 chirurgische und 
321 Augenkranke behandelt, im Ganzen also 996 Personen. Wichtigere 
chirurgische Operationen wurden 225. bemerkenswerthe augenärztliche 
63, zusammen also 288 ausgeführt. Nur 18 Kranke von dem Ge- 
sammtzugange starben. Die Zahl der die Klinik besuchenden Aerzte 
und Studirenden betrug in dem genannten Jahre 185. Noch viel 
günstiger stellt sich das Resultat für das Jahr 1832. In diesem 
wurden 1612 Kranke — 1153 chirurgische und 459 Augenkranke — 
behandelt. Die Zahl der grösseren chirurgischen Operationen belief 
sich auf 368, diejenige der wichtigeren augenärztlichen auf 69, die 
Gesammtzahl mithin auf 137. Von sämmtlichen 1612 Kranken starben 
nur 11. Die Anstalt wurde von 225 Zuhörern, darunter 82 Prakti- 
kanten und 113 Auskultanten besucht, von beiden Klassen waren 47 
bereits promovirt. 

Um einige der kühnsten Operationen Graefe's hervorzuheben, 
sei besonders die von ihm am 1. März 1822 vollzogene Unterbin- 
dung der Arteria anonyma. 1 Zoll oberhalb des Arcus aortae, er- 
wähnt, wodurch er die Heilung eines Aneurysmas der Schlüsselbein- 
schlagader zu erreichen suchte. Der Kranke starb 67 Tage nach 
der Operation, als man ihn schon geheilt glaubte. — Dreimal führte 
Graefe mit Erfolg die Resektion des Oberkiefers, viermal diejenige des 
Unterkiefers und einmal, ebenfalls mit günstigem Ausgange, die Ex- 
stirpation des Uterus aus. 

Sein Verdienst war es, die Lithotripsie, welche er beiCiviale inParis 
kennen gelernt hatte, in Deutschland wieder eingeführt zu haben, wo 
sie bereits früher und zwar von Gruithusen geübt worden war. 

Graefe's Genie und Vielseitigkeit dokumentirte sich ferner in 



— 293 — 

der Erfindung oder Verbesserung sehr zahlreicher Instrumente (vergl. 
Taf. III. Fig. 14 a und b), Bandagen und Maschinen für fast sämmt- 
liche Operationen am menschlichen Körper. Er konstruirte unter An- 
derem einen künstlichen Fuss mit elastischer Wade, eine Winde zur 
Einrenkung des Oberarms mit Schraube ohne Ende, Bandagen für 
Kniescheibenfrakturen und Rupturen der Achillessehne, eine Buckel- 
maschine und einen Operationstisch. 

Besonderer Besprechung bedarf noch die von ihm erfundene 
Waffenbahre, von welcher er im Jahre 1824 eine ausführliche Be- 
schreibung herausgab. 1 ) 

Graefe betont in der Einleitung zunächst die Nothwendigkeit, 
die Schwerverwundeten auf schnellstem und schonendstem Wege aus 
der Feuerlinie in die weiter zurückgelegenen Anstalten (Feldlazaretheetc.) 
zu transportiren. Er giebt dann eine kurze Geschichte des Verwun- 
detentransports, wie dieser sich im Alterthum abgespielt, und wie 
er sich dann allmählich weiter entwickelt hat bis zur Einrichtung 
besonderer Krankenträger-Kompagnien in Preussen im Jahre 1814 
bezw. der sie einführenden Kabinetsordre. In der ältesten Zeit war 
man nur auf Improvisationen beim Fortschaffen von Verwundeten 
angewiesen. Man trug sie auf den Armen, auf Schildern und Lanzen 
hinweg, benutzte auch Lastthiere und Streitwagen dazu oder setzte 
Bahren aus frisch abgehauenem Strauchwerk zusammen. Roms kriegs- 
erfahrene Kaiser und Feldherren gaben ihre eigenen Tragbetten, Feld- 
stühle und Bagagewagen zum Trausport der Verwundeten hin. Erst 
in den Werken des 9. Jahrhunderts findet man Nachrichten von be- 
sonderen, zum unmittelbaren Fortbringen der Verwundeten organisirten 
Veranstaltungen. Kaiser Leo, der Philosoph, wählte aus jedem 
Bandon, einer Truppenabtheilung von 200 — 400 Mann, 6 — 10 Leute, 
die sogenannten Despotati (Kommandirte), welche — unbewaffnet, be- 
ritten und mit Labeflaschen versehen — ihren Abtheilungen nachzufolgen 
und die Schwerverwundeten auf ihren Pferden in Sicherheit zu bringen 
hatten. Napoleon formirte 1813 Brancardiers-Kompagnien (Ramasseurs 
des blesses), welche statt der Waffen mit auseinandergenommenen 
Tragen ausgerüstet waren. Zum Schluss seiner historischen Zusammen- 
stellung führt Graefe, wie bereits erwähnt, die Kabinetsordre König 
Friedrich Wilhelms III. von Preussen über die Bildung besonderer 
Krankenträger-Kompagnien an. Wenn auch Graefe die Zweck- 
mässigkeit dieser besonderen Organisationen nicht verkennt, so ist er 
doch der Ansicht, dass ihre Vortheile durch mehrere schwerwiegende 



!) „Die Waffenbahre" von Graefe. 1824. 



— 294 — 

Nachtheile aufgehoben werden. Erstens sind die Kosten, welche die 
Aufstellung gesonderter Träger-Kompagnien verursachen, sehr be- 
deutende; ferner entzieht man der Armee dadurch während des Ge- 
fechts namhafte Streitkräfte, man vermehrt auch durch sie den ohne- 
hin schon grossen Tross des Heeres und endlich werden sie sich — 
was nach Graefe „das schlimmste" ist ■ — selten an der Stelle be- 
finden, wo sie am nöthigsten gebraucht werden, da der Heerführer 
nie den Ort, an welchem sie in Thätigkeit zu treten haben, vorher 
mit Sicherheit bestimmen kann. 

Cm alle diese Uebelstände zu vermeiden, schlägt Graefe vor, 
aus den Kombattanten eine bestimmte Anzahl von Leuten — von je 
100 6 — 8 Mann — schon im Frieden als Träger zu bestimmen, sie 
als solche auszubilden und mit dem nöthigen Tragegeräth auszurüsten. 
Letzteres soll aus den Gegenständen, welche jeder Soldat im Gefechte 
bei sich hat, bestehen, und zwar aus dem Mantel, Gewehr und Lade- 
stock, sodass der betreffende Träger in keiner Weise mehr belastet 
und auch in seiner Kampffähigkeit nicht beeinträchtigt ist. Die aus 
den genannten Ausrüstungsgegenständen, welche zu diesem Zwecke 
vorher mit verschiedenen kleinen unauffälligen Aenderungen ver- 
sehen sein müssen, in kurzer Zeit zusammengestellte Waffenbahre hat 
nach Graefe 's Ansicht für den ersten Transport zahlreiche Vorzüge, 
welche sich aus der Vermeidung der oben genannten Nachtheile be- 
sonderer Krankenträger-Kompagnien ergeben. Er hält es für unerläss- 
lich nothwendig, dass alle diese Einrichtungen bereits im Frieden ge- 
troffen werden, dass ferner ein besonderes Reglement herausgegeben 
werde, durch welches sowohl die Beschaffung wie die Anwendung der 
Waffenbahre gesetzliche Kraft erhielte. Das Reglement müsste ferner 
Bestimmungen darüber enthalten, ob die Waffenbahre nur bei den 
Grenadier- und Füsilierregimentern einzuführen wäre, oder ob auch bei 
den anderen Waffengattungen analoge Einrichtungen getroffen werden 
sollten. Die Karabiner der Jäger und der Kavallerie eignen sich ihrer 
Kürze wegen nicht zur Bildung von Waffenbahren; jedoch Hessen sich 
die Lanzen und Piketpfähle der letzteren Truppengattung sehr gut 
zur Herstellung der Tragen gebrauchen, ebenso wie die Artillerie mit 
besonders eingerichteten Tragestangen behufs Ausspannung der Mäntel 
versehen werden könnte. Diese Stangen wären, ohne den einzelnen 
Maun zu belasten, auf den Lafetten oder Pulverwagen mitzuführen. 

„Gelänge es mir, schliesst Graefe den einleitenden ersten Theil (Seite 17), 
der ich mehrmals Zeuge war. wie die Qualen der Verwundeten durch Mangel an 
Tragegeräthen gesteigert, wie so viele Leben auf diese Weise geopfert wurden, ge- 
länge es mir, durch den gemachten Vorschlag für sichere Rettung schwer Verwundeter 



— 295 — 

im künftigen Kriege mit beizutragen, so wäre einer meiner heissesten Wünsche 
erfüllt." 

Der zweite Theil enthält die nähere Beschreibung der "Waffen- 
bahre und ihre Anwendung, erläutert durch zwei vorzügliche Kupfer- 
tafeln. Jede Waffen bahre besteht aus zwei Gewehren einschliesslich 
Ladestöcken, einem Mantel und dem Riemzeuge zweier Infanteristen. 

Das Gewehr ist zu diesem Zwecke mit verschiedenen kleinen 
Abänderungen versehen, und zwar zeigen der Oberring, welcher sonst 
nur besonders zur Befestigung des Bajonetts dient, sowie der Kolben ■ 
Oeffnungen, durch welche die Ladestöcke hindurch gesteckt werden. 
Letztere sind an ihren Enden ebenfalls durchbohrt, damit die am 
Kolben und dem Oberring des Gewehres vorhandenen Riegel durch 
sie hindurch geschoben werden können, so dass dadurch ein festes 
Tragegerüst hergestellt wird, dessen Längsseiten aus den beiden Ge- 
wehren, dessen Querseiten aus den Ladestöcken bestehen. 

Der Mantel ist durch ein an seiner Innenseite festgenähtes Gurten- 
netz verstärkt, das aus 3 etwa 2 Finger breiten Längsgurten und 
5 ebenso breiten Quergurten besteht. Letztere enthalten an ihren Enden 
Oesen, durch welche die Gewehre hin durchgesteckt werden. 

Das Riemzeug wird gewöhnlich nur dann zu Hülfe genommen, 
wenn der Verwundete sehr weit fortgebracht werden soll, wenn also 
voraussichtlich die blossen Armkräfte zur Fortschaffung nicht aus- 
reichen. Es kann sowohl der Säbel- wie der Patrontaschengurt be- 
nutzt werden, indem einfache Lederriemen, welche an beiden Enden 
Karabinerhaken haben, mit letzteren an den genannten Gurten und an 
den Gewehren befestigt werden, sodass ein Theil der Last dadurch 
auf Schulter und Hüften übertragen wird. 

Die Zusammensetzung der Bahre geschieht durch 2 darin geübte 
Soldaten in wenigen Minuten. Es werden -zunächst die abgeschossenen 
Gewehre und die Ladestöcke zurecht gelegt, sodann der Mantel — 
mit der Innenseite nach oben — auf dem Boden zwischen den Ge- 
wehren ausgebreitet. Nachdem die letzteren durch die Gurtösen 
durchgeschoben und die Ladestöcke entsprechend befestigt worden 
sind, ist die Trage zum Gebrauch fertig. 

Das Aufheben der belasteten Trage muss möglichst gleichmässig 
geschehen, damit die Ladestöcke nicht verbogen werden, und der Ver- 
wundete nicht etwa von der Trage herunterrutscht. Die Hände des 
Trägers umfassen an dem einen Ende der Bahre, dem Kopfende, die 
Kolben, an dem Fussende die Cylindertheile der Bajonette, damit nur 
runde, keinen schmerzhaften Druck ausübende Theile in den Händen 
ruhen; bei weiteren Entfernungen wird nöthigenfalls noch das 



— 296 — 

Riemenzeug zu Hülfe genommen. Der Verwundete kann auf der 
Waffenbahre, entsprechend seiner Verletzung, aufrecht sitzend, seitlich 
liegend, sowie ganz ausgestreckt transportirt werden. Sein Tornister 
wird als Rücken- bezw. Kopfpolster, sein Mantel zur guten Lagerung 
und Ruhigstellung seiner verwundeten Gliedmassen benutzt. Zu 
seiner Bedeckung dienen die nicht zur Bahre verwandten, seitlich an 
den Gewehren herabhängenden Theile des Mantels. Das Gepäck des 
Verwundeten kann noch bequem auf der Trage untergebracht werden. 

„Erwägt man, schliesst Graefe seine Schrift, welche Vortheile durch einen 
solchen, jegliche Erschütterung entfernenden Transport gewonnen werden, so ist 
es offenbar, dass die Einführung der Waffenbahre den Verwundeten zur grössten 
Wohlthat und dem Staate, durch Erhaltung ausgezeichneter Krieger, zum erheblichen 
Nutzen gereichen dürfte." (Vergl. auch S. 182 und Taf. VE, Fig. 2 u. 3.) — 

In der Augenheilkunde glänzte Graefe nicht nur als geschickter 
und glücklicher Operateur, was am besten aus seinen zahlreichen, 
oben erwähnten Jahresberichten zu ersehen ist, sondern er erwarb 
sich auch als Schriftsteller ein bleibendes Verdienst durch sein grosses 
Werk „Die epidemisch-kontagiöse Augenblennorrhoe Aegyp- 
tens in den europäischen Befreiungsheeren, ihre Entstehung, 
Erkenntniss, Vorbeugung und Heilart, während der Feldzüge 
1813, 1814 und 1815 beobachtet", welches Werk er 1823 her- 
ausgab. Es ist den Souveränen Europas zugeeignet und mit einem 
Vorwort versehen, in welchem Graefe näher ausführt, wie ihn, 
abgesehen von seinem Interesse für die damals die Heere und 
Völker Europas verheerende Augenkrankheit, besonders die Erfahrungen 
mit den Augenkranken in den ihm während der Freiheitskriege unter- 
stellten Heilanstalten veranlasst hätten, das Resultat dieser Erfah- 
rungen und Beobachtungen schriftlich niederzulegen zugleich mit den 
Aufschlüssen, welche er theils aus Korrespondenznachrichten zahl- 
reicher Aerzte Deutschlands, Frankreichs, Englands und Italiens, theils 
aus Urkunden der griechischen und arabischen Medizin über diesen 
Gegenstand erhalten hätte. 

In dem ersten der 6 Bücher, der „Phänomenologie" bespricht er 
die Erscheinungen der Hydrorrhoe, Phlegmatorrhoe und Pyorrhoe, 
dann unter den sekundären Krankheitserscheinungen die Folgekrank- 
heiten der Augenlider, der Augenbindehaut, sowie der übrigen Theile 
des Auges. 

Das 2.Buch, die „Nosologie", enthält eine Erörterung des Wesens 
der ägyptischen Augenkrankheit, ihres synochösen, erethischen und 
torpiden Charakters und ihrer verschiedenen Komplikationen. 

Im 3. Buch folgt eine genaue Geschichte der Krankheit, begin- 



— 297 — 

nend von den Zeiten vor Christi Geburt. Diese geschichtliche Dar- 
stellung ist die beste, welche wir bis jetzt über die ägyptische Augen- 
krankheit haben, und bildet vor Allem einen sehr werthvollen Beitrag 
zur Epidemiologie. 

Schon Hippokrates schildert in geradezu musterhafter Weise 
die Krankheit, ebenso wird sie von Xenophon in seiner Ana- 
basis beschrieben. Im 1. und 2. Jahrhundert nach Christi Geburt 
bestätigen Celsus und Galen die hippokratischen Ansichten; der 
letztere macht dabei vorzüglich auf die hohe Kontagiosität des Uebels 
aufmerksam. Im 6. und 7. Jahrhundert liefern verschiedene Schrift- 
steller, darunter Antius von Anida und Paul von Aegina zwar 
Beweise für das Vorkommen der Augen blennorrhöe, meist be- 
schränken sie sich jedoch darauf, eine Menge von Arzneimitteln auf- 
zuführen. Avicenna giebt im 11. Jahrhundert eine getreue Schil- 
derung des Leidens und zeigt, dass es in südlichen Gegenden häufiger 
ist als in nördlichen. 

Graefe bespricht dann weiter die während des ägyptischen Feld- 
zuges 1798- — 1801 im französischen Heere herrschende Epidemie, 
dann diejenigen in der englischen Armee in Aegypten während der 
Jahre 1800 — 1818. Es folgt die Beschreibung der Einschleppung der 
Seuche vom Orient nach Italien und zum Schlüsse die Geschichte 
der in den Jahren 1813 — 1815 durch die Befreiungskriege erzeugten, 
im Heere der Verbündeten durch Deutschland, Frankreich, Holland, 
Belgien, Schweden und Norwegen verbreiteten Augenblennorrhoe. 
Einzelne Regimenter waren besonders befallen, so hatte das Kur- 
märkische Landwehr-Infanterie-Regiment von 1813 — 1814 1500 Kranke. 
Die Epidemie erreichte ihren Höhepunkt 1815, um 1816 allmählich zu 
erlöschen. 

Das 4. Buch beschäftigt sich mit der Aetiologie. 

Die vorbereitenden Ursachen zerfallen in solche, welche die 
Bindehaut direkt und örtlich reizen, wie übermässiger Lichtreiz, Kon- 
gestionen nach dem Kopfe, Staub, zu kurzes Verschneiden des Haupt- 
haares, vorhergegangene Augenblennorrhöen, und in solche, welche die 
Konjunktiven mittelbar durch Affektion des Gesammtorganismus er- 
greifen. So erkranken zarte jugendliche Personen, die unteren Stände, 
die Gemeinen in der Armee, sowie alle an Kriegsanstrengungen nicht 
gewöhnten Leute verhältnissmässig häufig; ebenso werden besonders 
Individuen mit dyskrasischer Anlage von dem Uebel ergriffen. Zu den 
gelegentlichen Ursachen rechnet Graefe diejenigen, welche die Binde- 
haut unmittelbar zu vermehrter Sekretion anregen, als angesammelte 
animalische Dünste und dunstförmig in der Luft verbreitete Koch- 



— 298 — 

salztheile, ferner Ursachen, welche eine stärkere Absonderung im Auge 
dadurch bedingen, dass sie die Sekretion in anderen Organen unter- 
drücken, wie verringerte Harn- und Darmsekretion, Sekretionsbe- 
schränkungen in der äusseren Haut durch Beiwachten, mangelhafte 
Bekleidung, Aufenthalt an wasserreichen Orten und Herbstwitterung. 
Als zweite gelegentliche Ursache betrachtet er das Kontagium. 

Das 5. Buch enthält die „Therapeutik". Graefe bespricht zu- 
erst die Beziehungen der ätiologischen Verhältnisse und der einzelnen 
Entwickelungsgrade der Krankheit zur Prognose sowie die Hinneigung 
zu. bestimmten Folgekrankheiten in Bezug auf letztere. 

Bei der Prophylaxe entwickelt er die Grundsätze, nach welchen 
die Leute zum Kriegsdienst auszuwählen sind, ferner die Mittel, durch 
welche die Krankheitsursachen gemieden oder doch in ihrer Einwirkung- 
beschränkt werden können, hierunter die Bekleidung des gesunden 
Soldaten, die Schonung der Kräfte, die Kühlung und Reinigung- 
gesunder Augen, die Isolirung der an Augenblennorrhoen erkrankten 
Leute, die Sorge für die grösste Reinlichkeit und endlich den Schutz 
gegen Verbreitung des Ansteckungsstoffes bei der Entlassung der 
Rekonvaleszenten. 

Die eigentliche Therapie muss zunächst die entfernten Ursachen 
des Leidens zu beseitigen trachten, dann die Verschiedenheit der 
Charaktere der Krankheit und ihre Ausbildungsgrade berücksichtigen. 
Als direkte Heilmittel werden von Graefe bei Hydrorrhoe kaltes 
Wasser, bei Phlegmatorrhoe rothes und weisses Quecksilberoxyd und 
bei der Pyorrhoe schwarzes Quecksilberoxyd empfohlen. Zum Schluss 
bespricht er noch die Kur der Folgekrankheiten in eingehendster Weise. 

Das letzte und 6. Buch bringt die Beschreibung einiger bei 
Augenkrankheiten zur Anwendung gelangender Geräthe, ferner Arznei- 
formeln, die Litteratur und die Erklärung der 5 meisterhaft ausge- 
führten Kupfertafeln. — 

Sehr verdient machte sich Graefe auf dem Gebiete der Augen- 
heilkunde ferner durch die Einführung der Blepharoplastik, die Er- 
findung des „Coreoncion", eines goldenen, gedeckten Augenhäkchens 
für die künstliche Pupillenbildung, und durch seine Abhandlung „Ent- 
stehen der Keratomyxis", in welcher er sich im Gegensatz zu 
Langenbeck dem Vater äusserte. — 

Zu erwähnen wäre ferner noch sein im Jahre 1817 erschienenes 
„Repertorium augenärztlicher Heilformeln". Er unter- 
scheidet darin 12 Klassen von Mitteln: die schleimartigen Mittel, die 
Fette, die ätherischen, die narkotischen, die scharfen, die bitteren und 
zusammenziehenden Stoffe, die Schwefelmittel, die Kalien, die Säuren, 



— 299 — 

die Neutralsalze, die Metalle und die kieselhaltigen Mittel. Jede 
Klasse wird nach ihrem chemischen und physikalischen Verhalten und 
ihrer therapeutischen Wirkung beschrieben, ferner werden die einzelnen 
Rezeptformeln mit Angaben ihres Autors und der Krankheit, gegen 
welche sie wirken sollen, aufgeführt. — 

Bei Graefe's Vielseitigkeit, kann es nicht Wunder nehmen, class 
er auch für die Balneologie lebhaftes Interesse zeigte und durch 
verschiedene Veröffentlichungen wesentlich zur Hebung dieses Fachs 
beitrug. Auf seine erste Schrift „der salinische Eisenquell im 
Selkethale am Harz" haben wir schon in der Lebensbeschrei- 
bung hingewiesen, ebenso die dadurch herbeigeführte Begründung 
bezw. Wiederherstellung des Alexisbades. Sein wichtigstes Werk 
jedoch, welches erst zwei Jahre nach seinem Tode von seinen Freun- 
den Walther und Mitscherlich zusammen herausgegeben wurde, 
ist: „Die Gasquellen Süd-Italiens und Deutschlands", welches 
deswegen von besonderer Bedeutung ist, weil die meisten darin ent- 
haltenen Untersuchungen von Graefe selbst an Ort und Stelle vor- 
genommen worden sind. Ferer gab er in Verbindung mit Kaiisch die 
„Jahrbücher für Deutschlands Heilquellen und Seebäder" 
heraus, auch war er seit 1839 Mitredacteur der „Allgemeinen 
Zeitung des Brunnen- und Badewesens". — 

Eine kurze Besprechung verdient noch seine, ebenfalls schon 
oben angeführte kleine Brochüre „Die Kunst sich vor An- 
steckung bei Epidemien zu sichern, ein Rath an Torgau's Be- 
wohner", welche er 1813 im Biwak des fliegenden Reserve-Feldlaza- 
reths vor der belagerten Festung Torgau „während dem Donner des 
Geschützes" verfasste. Er zeigt in dieser streng wissenschaftlich, 
und doch allgemein verständlich geschriebenen Schrift, dass die Pro- 
phylaxe der Krankheiten im Kriege die Hauptsache ist. 

Nachdem er zuerst kurz das Zustandekommen von Epidemien 
und ihre Weiterverbreitung im Allgemeinen geschildert hat, führt er 
aus, dass man einmal die Ansteckungstoffe, die Miasmen, deren Auf- 
nahme durch die Haut und durch die Lungen stattfindet, möglichst 
meiden soll, und dass man zugleich die Disposition des Körpers zur 
Verbreitung des Ansteckungsstoffes zu vermindern sucht, da' letzterer 
für sich allein unzureichend ist, eine Krankheit zu erregen. 

Das erstere erreicht man auf folgende W T eise: Die Annäherung 
an den Kranken muss mit Vorsicht, ohne Angst, Unbehagen und ohne 
Furcht vor der Gefahr geschehen. Ferner besuche man die Kranken 
niemals nüchtern, sondern nachdem man vorher Wein, Warmbier und 
eine kräftige Mahlzeit zu sich genommen hat. Man wasche sich auch 



— 300 — 

vorher Hände und Gesicht mit Weinessig, spüle sich damit den Mund 
aus, da die Säure den Ansteckungsstoff zersetzt. Nähert man sich 
dem Kranken, so geschehe dies stets am Fussende, da dort seine 
Ausdünstung geringer ist; man vermeide vor Allem das Ueberbeugen 
über den Kopf des Leidenden und hüte sich, die Ausdünstungen, die 
sich unter der Bettdecke angesammelt haben, beim Aufheben ein- 
zuathmen. Das Krankenzimmer muss möglichst geräumig und be- 
sonders hoch sein, und ist stets für gute Luft zu sorgen, um „die 
Miasmen möglichst zu verdünnen". Man öffne daher häufig die Fenster, 
auch bei kühler Witterung. 

Graef e liess in überfüllten Lazarethen sofort alleThüren und Fenster 
ausheben, und schon am ersten Tage will er ein Sinken der Sterblichkeits- 
ziffer aui die Hälfte beobachtet haben. Eine Erkältungsgefahr besteht fin- 
den bedeckten Kranken nicht. Auch durch Räucherungen kann man die 
Luft verbessern und zwar besonders durch die Guyton -Morveaux- 
schen Räucherungen, welche in der Entwickelung von Kochsalz-Vitriol- 
öldämpfen (Salzsäure) bestehen. Behufs Verminderung der Ausdün- 
stungen ist häufiger Wechsel der Leib- und Bettwäsche der Kranken 
nothwendig, ebenso die sofortige Entleerung der Nachtgeschirre, 
welche in besondere Gruben stattzufinden hat. Hat man den Kranken 
angefasst, so wasche man sich sofort die Hände. Bekleidungsstücke, 
Wäsche und Trinkgeschirre von Kranken sind von Gesunden nicht zu 
benutzen oder wenigstens vor dem Wiedergebrauch auszukochen 
bezw. durchzuräuchern; am besten verbrennt man jedoch die Klei- 
dungsstücke. 

Was den zweiten Punkt, die Herabsetzung der Disposition des 
Körpers für die Aufnahme und Weiterentwickelung des Ansteckungs- 
stoffes anbetrifft, so gilt als erste Regel, dass, je gesunder der Kör- 
per ist, um so weniger ihm äussere Einflüsse schaden können. Von 
Wichtigkeit ist jedoch auch das psychische Verhalten. Anhaltende 
und schwere Kopfarbeiten müssen vermieden werden, ebenso er- 
schöpfende und deprimirende Gemüthsaffekte. Mangel, aber audi 
Uebermass des Schlafes ist schädlich, von Nutzen eine regelmässige 
Uebung der Körperkräfte. Die Ernährung sei zweckmässig, die Kost 
vor Allem leicht verdaulich. Das Weintrinken ist sehr zu empfehlen; 
Ausschweifungen darin jedoch wie auch in Venere durchaus zu ver- 
meiden. Peinliche Reinlichkeit des Körpers, besonders auch durch 
laue Bäder, ist durchaus nothwendig. 

Graefe giebt dann noch zum Schluss Verhaltungsmassregeln nach 
erfolgter Ansteckung. Sind die ersten Zeichen einer solchen, Ekel, 
Brechneigung, Frostgefühl, Kopf- und Rückenschmerzen, gedrückte Stirn- 




J. N. Rust. 



— 301 — 

mung aufgetreten, so gebe man sofort ein Brechmittel, da hier- 
durch eine „besondere Umstimmimg des gesammten Nervensystems 
hervorgebracht wird, durch welche wiederum der weitere Eindruck 
des Ansteckungsstoffes aufgehoben wird." Von heilsamer Wirkung 
ist besonders auch der während des Erbrechens auftretende profuse 
Schweiss. Dann brauche man ein laues Bad, gehe ins Bett und 
nehme ein Pulver von 2 Gran Kampher und 1 / 2 Gran Mohnsaft mit 
etwas Zucker. Zweimal glaubte Graefe selbst diesen Massregeln 
seine Rettung verdanken zu müssen, ebenso will er viele andere da- 
mit geschützt haben. 

Es erübrigt noch, kurz Graefe 'sTheilnahme an der Herausgabe 
des „encyklopädischen Wörterbuchs der medizinischen 
Wissenschaften" zu erwähnen, dessen Mitarbeiter die ersten Pro- 
fessoren Berlins waren. Der erste Band erschien im Jahre 1828, 
der letzte 1849. Von diesem Werke sagt Rohlfs in seinen chirur- 
gischen Klassikern (III. S. 276. 1883): 

„Nichts hat mehr dazu beigetragen, das Ansehen der jungen Berliner me- 
dizinischen Fakultät zu heben, als dieses grosse, in seiner Art einzige und un- 
übertroffene Unternehmen". 



IV. Johann Nepomuk Rust. 

(1775—1840.) 

Johann Nepomuk Rust wurde am 5. April 1775 auf dem 
Schlosse Johannisberg zu Jauernig in Oesterreich-Schlesien als zweiter 
Sohn des damaligen Fürstbischöflichen Regierungs- und Kammerraths 
Joseph Rust geboren. 

Ueber seine Jugend ist so gut wie Nichts bekannt geworden, nur 
konnten wir aus seinen uns vom Ministerium der geistlichen, Unter- 
richts- und Medizinal-Angelegenheiten zur Verfügung gestellten Per- 
sonalakten entnehmen, dass er noch 10 Geschwister hatte, für welche 
er später, als er sich im preussischen Staatsdienste befand, in auf- 
opferndster Weise gesorgt hat. Seine schulwissenschaftliche Bildung 
erhielt er auf der Hauptschule zu Troppau und auf dem Gymnasium 
zu Weisswasser. Nachdem er seinen Plan, Offizier zu werden, auf- 
gegeben hatte und deshalb aus dem Kaiserlich Königlichen Ingenieur- 
korps, nach kurzer Dienstleistung ausgeschieden war, studirte 
er anfangs in Wien die Rechte, später daselbst und in Prag- 
Medizin und erlangte hier 1800 die chirurgische Doktorwürde. Wäh- 
rend seiner Studienzeit hatte Rust mit den grössten Entbehrungen 



— 302 — 

zu kämpfen, da seine Eltern ihn nicht unterstützen konnten, und nur 
durch Ertheilen von Privatunterricht und später mit Hülfe eines ihm 
in Folge seines Fleisses und seiner Leistungen bewilligten Stipendiums 
gelang es ihm, seine Studien zu vollenden. Von Prag begab er sich 
wieder nach Wien, um sich dort unter Adam Schmidt und Beer 
auch in der Augenheilkunde vollends auszubilden. 

Bereits 1802, nachdem er noch kurze Zeit in seiner Vaterstadt 
mit grossem Erfolge praktizirt hatte, erfolgte seine Anstellung als 
Professor der Anatomie, Chirurgie und Geburtshülfe am Lyceum in 
Olmütz und ein Jahr später als ordentlicher Professor der theoreti- 
schen und praktischen Chirurgie in Krakau. Hier machte er sich 
besonders um die Einführung der Schutzpocken-Impfung (1805), sowie 
um die Bekämpfung von Epidemien (1805 und 1809) verdient. Auch 
erhielt er die Leitung der im Kriegsjahr 1809 in Krakau und Um- 
gegend etablirten Militärspitäler (Bernstein, Geschichte der Chirurgie, 
1823, S. 523). Ferner wurde er während seiner dortigen Wirkungs- 
zeit dreimal zum Dekan der medizinischen Fakultät und zweimal zum 
Rektor der Universität gewählt. Seine Erfolge und die Anerkennung, 
welche er nicht nur seitens des Staates, sondern auch bei seinen 
Schülern und nicht zum wenigsten beim grossen Publikum, das ihn 
als Arzt und gewandten Operateur bald schätzen gelernt hatte, in 
reichstem Masse fand, zogen ihm jedoch die Feindschaft seiner 
nächsten Universitätskollegen zu. welche ihm nicht nur die Fähigkeit zur 
Bekleidung höherer akademischer Würden, sondern auch zur Ausübung 
der inneren ärztlichen Praxis überhaupt abgesprochen wissen wollten, 
da er ja nur als Doktor der Chirurgie promovirt wäre. Obwohl der 
akademische Senat der Krakauer Universität ihm daraufhin am 3. März 
1807 das Diplom eines Doktors der Medizin ausstellte, hörten die 
Eifersüchteleien seiner Feinde nicht auf. so dass er sich kurz ent- 
schloss, sämmtliche in Oesterreich vorgeschriebene Prüfungen zur 
Erlangung der medizinischen Doktorwürde nachzumachen. Am 11. Fe- 
bruar 1808 wurde er dann offiziell zum Doctor medicinae promovirt. 
Ferner erhielt er von der Universität in Wien am 15. März 1809 noch 
das Diplom als Magister artis oculariae, nachdem er sich während 
eines kurzen Aufenthaltes daselbst noch besonders in der Augenheil- 
kunde hatte prüfen lassen. 

Von Krakau ging er auf kurze Zeit nach Lemberg, um von dort 
aus 1810 einem Rufe nach Wien zu folgen, wo er die Stelle eines 
Primärchirurgen am allgemeinen Krankenhause erhielt und in seiner 
Abtheilung eine Klinik errichtete. Letztere bildete bald den Mittel- 
punkt des medizinischen Lebens in Wien, zu welchem nicht nur Stu- 



— 303 — 

dirende, sondern auch zahlreiche Aerzte des In- und Auslandes hin- 
strömten, um den hervorragenden klinischen Unterricht Rust's ge- 
messen zu können. Die Resultate dieser seiner Thätigkeit am Wiener 
Krankenhause hat Rust später, und zwar 1834. im 1. Bande seiner 
„Aufsätze aus dem Gebiete der Medizin, Chirurgie und Staatsarznei- 
kunde" genauer bekannt gegeben (vgl. S. 322 ff.). 

Die vielfachen Widerwärtigkeiten jedoch, denen er auch in Wien 
seitens seiner Kollegen ausgesetzt war, und zwar besonders die Intriguen 
des späteren Kaiserlichen Leibarztes Freiherrn von Stifft, der unter 
anderem auch eine Ordensverleihung an ihn hintertrieben hatte, ver- 
anlassten ihn schliesslich 1815, eine ehrenvolle Berufung nach Preussen 
berufs Uebertritts in dessen Militärdienst anzunehmen. 

Sofort nach seiner Ernennung zum General-Divisions-Chirurgus, 
und zwar am 10. Juni, verlies er Wien, um sich mittelst Extrapost 
zur Armee zu begeben, bei welcher er am 17. Juni, einen Tag nach 
der Niederlage bei Ligny, eintraf. Kaum daselbst angekommen, wurde 
er unter dem General Grafen Bülow vonDennewitz mit der ärzt- 
lichen Oberleitung des 4. Armeekorps betraut, Dem ersten Befehl, 
sich ins Hauptquartier der Armee in Rennes zu begeben, konnte Rust 
zunächst nicht Folge leisten, da es ihm, zumal er noch un beritten 
war, in Folge des allgemeinen Rückzuges nicht möglich war, soweit 
vorzudringen. Er kehrte daher nach Lüttich zurück, woselbst er das 
dort etablirte Hauptfeldlazareth No. III von der bevorstehenden An- 
kunft mehrerer hundert Verwundeter, welche er kurz vorher 
auf der Strasse zwischen Lüttich und Huy angetroffen hatte, benach- 
richtigte und die nöthigen Einrichtungen zu ihrer Unterbringung 
treffen liess. 

Von Lüttich begab er sich am nächsten Tage mit dem grössten 
Theil dieses Lazareths auf höheren Befehl nach Aachen, wo bereits 
eine grosse Anzahl von Verwundeten zusammengeströmt war. Hier 
hatte Rust auch Gelegenheit, sich beritten zu machen, worauf er 
sofort, seiner ursprünglichen Bestimmung gemäss über Mastricht nach 
.Brüssel ins grosse Hauptquartier eilte. 

Unmittelbar nach seiner Ankunft daselbst, am 21. Juni, ritt er 
auf das Schlachtfeld von Belle-Alliance, durchstreifte es in seiner 
ganzen Ausdehnung und fand nichx einen einzigen lebenden oder hülf- 
losen Verwundeten darauf liegen, so dass er der einige Jahre 
später (siehe Seite 310 ff.) aufgestellten Behauptung, dass die Ver- 
wundeten im Feldzuge 1815 zuweilen mehrere Tage lang unverbunden 
auf dem Schlachtfelde gelegen hätten, wenigstens für die Schlacht 
bei Belle-Alliance, als ein unbefangener Augenzeuge entschieden wider- 



— 304 — 

sprechen konnte. Nur einige wenige Verwundete traf er in den um- 
liegenden Ortschaften zerstreut liegend, jedoch bereits verbunden, an, 
welche er dann in das zu Gemappe etablirte fliegende Feldlazarett 
No. 11, das einzige, dem es gelungen war, soweit vorzudringen, 
bringen liess. 

In Folge der beispiellosen Eilmärsche der siegreichen alliirten 
Armee, welcher die fliegenden Feldlazaxethe naturgemäss nicht folgen 
konnten, musste eine sachgemässe Ausübung des Sanitätsdienstes 
während der später folgenden Gefechte bei le Bourget, St. Denis, 
Aubervillier, St. Germain, Versailles und Paris auf enorme Schwierig- 
keiten stossen, da, wie Rust selbt in seinem „Magazin für Heil- 
kunde", Bei. IV, Seite 13 sagt, „kein einziges Individuum vorhanden 
war, dem die spezielle Obsorge der Verwundeten auf dem Schlacht- 
felde und in den Spitälern vorzugsweise zugedacht war". Auch 
fehlten jegliche Bandagen, Erfrischungs-, Nahrungs- und Transport- 
mittel. In dieser Noth bewährte sich das Organisationstalent Rust's, 
welcher sich doch erst ganz kurze Zeit in einem ihm völlig neuen 
Wirkungskreise befand, auf das glänzendste. Er bildete aus 10 ge- 
wandten, den verschiedenen Regimentern entnommenen Kompagnie- 
chirurgen unter der speziellen Leitung eines disponiblen Regiments- 
ärztes, indem er die Leute mit requirirten Bauernwagen und Pferden 
mobil machte, eine Art fliegenden Feldlazareths, welches sowohl auf 
dem Gefechtsfelde wie in Verbindung mit den Stadtärzten in den 
Spitälern von Versailles und St. Germain, woselbst mehr als 1500 
Kranke und Verwundete lagen, eine ausserordentlich segensreiche 
Thätigkeit entfaltete. Den gänzlichen Mangel an Verbandstoffen, 
Charpie u. s. w. wusste Rust durch Leinenzeug, das man in den 
Häusern und Kirchen der geplünderten Dörfer in grosser Menge vor- 
fand, in geeigneter Weise zu ersetzen. 

Dass die Thätigkeit Rust's während des Feldzuges 1815 zur 
vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und der Armee ausgefallen 
war, bewies die Verleihung des eisernen Kreuzes IL Klasse an 
weissem Bande an ihn durch den König Friedrich Wilhelm III. 

Aus dem Feldzuge nach Berlin zurückgekehrt, wurde er zum 
General-Divisionsarzt des 3. Armeekorps und gleichzeitig zum ausser- 
ordentlichen Professor der Chirurgie und Augenheilkunde an der 
medizinisch-chirurgischen Militärakademie ernannt. Ein Jahr später, 
1816, erfolgte seine Berufung als Stellvertreter und späterer Nach- 
folger Mursinna's und in dieser Eigenschaft als erster dirigirender 
Wundarzt der Charite und als Director der neu errrichteten chirur- 




J. N. Rust. 



— 305 — 

gisch-ophthalmologischen Klinik. Zugleich wurde er auch Mitglied 
der Ober-Sanitätskommission. 

Durch Allerhöchste Kabinetsordre vom 22. April 1819 wurde 
Rust nach Mainz geschickt, um eine daselbst unter der preussischen 
Besatzung, in ausgedehntem Masse herrschende kontagiöse Augen- 
entzündung zu tilgen. Das Resultat der von ihm dabei gemachten 
Erfahrungen legte er in einer im folgenden Jahre herausgegebenen 
Schrift: „Die ägyptische Augenerkrankung unter der Königlich preussi- 
schen Besatzung von Mainz" nieder (siehe S. 316 u. f.). 

Im Jahre 1818 wurde er zum ausserordentlichen und 1824 zum 
ordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät an der Univer- 
sität Berlin ernannt. 

Am 28. April 1821 wandte er sich in einem Schreiben an den 
damaligen Minister von Altenstein mit der Bitte um Anstellung 
in dem ihm unterstellten Ministerium, indem er hinzufügte, „dass 
sein Entschluss, die militär- ärztliche Laufbahn ganz aufzugeben, un- 
widerruflich sei". Die Bitte wurde genehmigt, und Rust — zugleich 
mit dem General- Stabsarzt von Wiebel — durch folgende Aller- 
höchste Kabinetsordre vom 23. August 1821 zum Geheimen Ober- 
medizinal-Rath und vortragenden Rath im Ministerium der geistlichen, 
Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten ernannt: 

„Ich finde es für das Militärwesen der Armee nützlich, dass der General- 
Divisionsarzt Dr. Rust in die Medizinal-Abtheilung' Ihres Ministeriums als vor- 
tragender Rath mit Beibehaltung seines gegenwärtigen Wirkungskreises als 
Militärarzt und Professor und einstweilen gegen den Genuss seines jetzigen Ge- 
halts eintrete. Ich ernenne ihn daher zum Geheimen-Ober-Medizinal-Rath pp. 

gez. Friedrich Wilhelm. 

Der Diensteid, den Rust nach seiner Ernennung als Geheimer 
Obermedizinal-Rath ablegte, war merkwürdiger Weise zugleich der 
erste seit seinem Eintritt in den preussischen Staatsdienst. 

Ein von ihm im Jahre 1822 an den König gestelltes Gesuch, 
ihn aus seinem militärärztlichen Dienstverhältnisse zu entlassen, da 
er der doppelten, aus seiner gleichzeitigen Stellung als Zivilbeamter 
und Militärarzt sich ergebenden Arbeitslast sich körperlich nicht mehr 
gewachsen fühle, wurde nicht nur abschlägig beschieden, sondern er 
wurde vielmehr durch Allerhöchste Kabinetsordre vom 6. August 1822 
zum 4. General-Stabsarzt der Armee mit dem Range eines Obersten 
und zum Mitdirektor der militärärztlichen Bildungsanstalten ernannt. 
Ausserdem musste er noch die Dienstgeschäfte als General-Divisions- 
arzt des 3. Armeekorps weiter mitversehen. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitatsw. 18, Heft. 20 



— 306 - 

Seit 1825 war Rust Mitglied der Ober-Examinations-Kommission; 
1829 wurde ihm das Präsidium des Kuratoriums für Kranken- und 
Hospitalangelegenheiten übertragen, indem er zugleich von seinen 
Funktionen als General-Divisionsarzt des 3. Korps entbunden wurde. 

Im Jahre 1832 wurde er der unter dem Vorsitz des General- 
lieutenants von Thiele stehenden Kommission für Cholera-Angelegen- 
heiten zugetheilt, und erwarb sich in dieser Stellung besondere Ver- 
dienste bei der Ausarbeitung des „Regulativs über das Ver- 
fahren bei ansteckenden Krankheiten", sodass ihm der König 
in einer Kabinetsordre vom 8. November 1835 seine besondere Zu- 
friedenheit unter Beifügung eines Geschenkes ausdrückte. Diese 
Allerhöchste Anerkennung wird für Rust von um so grösserem Werthe 
gewesen sein, als gerade diese seine Thätigkeit ihm viele Wider- 
wärtigkeiten und Feinde zugezogen hatte. So schreibt er hierüber 
im Dezember 1832 an den Minister von Altenstein in einem Ge- 
such um Gehaltserhöhung Folgendes: 

„Kein Nebengeschäft hat aber so zertörend auf meine psychische und phy- 
sische Existenz gewirkt als das Kommissorium über die Choleraangelegenheiten. 
Ich habe demselben meine Gesundheit, meine Popularität, meine Existenz als 
praktischer* Arzt, kurz Alles, was dem Menschen lieb und werth ist, geopfert, ohne 
auch nur die vor Gott und der Welt mir zustehende Anerkennung, geschweige denn 
eine Entschädigung für so namhafte Opfer, Seitens des Staates zu erhalten." 1 ) 

1834 wurde er zum Leibarzt des Kronprinzen, des späteren 
Königs Friedrich Wilhelm IV., ernannt, dessen behandelnder Arzt er 
schon mehrere Jahre vorher gewesen war. Zwei Jahre später erhielt 
Rust, welcher sich gerade zur Kur in Teplitz w T egen gichtischer Be- 
schwerden befand, vom österreichischen Staatskanzler, dem Fürsten 
Metternich die ehrenvolle Aufforderung, wieder nach Wien zukommen 
und der Nachfolger des verstorbenen Kaiserlichen Leibarztes Freiherrn 
von Stifft als Staats- und Konteren zrath in Medizinal- und Studien- 
angelegenheiten zu werden. Er lehnte jedoch den Ruf ab mit der 
Begründung, dass ihn zu feste Bande an Preussens König und seine 
Hauptstadt fesselten. 

Am 29. Januar 1837 wurde er durch Allerhöchste Kabinetsordre 
zum Wirklichen Geheimen Ober-Medizinal-Rath mit dem Range eines 
Rathes 1. Klasse befördert und durch die Verleihung des Rothen 
Adler-Ordens IL Klasse ausgezeichnet. Zugleich wurde er auf seinen 
Antrag von seinem Dienstverhältniss als Generalstabsarzt entbunden. 

1 ) Verschiedene von ihm angeordnete Absperrungsmassregeln waren be- 
sonders verhasst; man verbreitete damals ein Plugblatt, auf dem eine hohe Mauer 
mit einem Sperling darauf abgebildet war. Als Erklärung stand darunter: Passer 
Rusticus, der gemeine „Sperrung". 



— 307 — 

Sein Gesundheitszustand, der schon in den Jahren vorher zu 
wünschen übrig gelassen hatte, fing damals an, sich immer mehr zu 
verschlechtern, indem sich bei ihm noch, abgesehen von seinem chro- 
nischen Gichtleiden, Katarakt auf beiden Augen zu entwickeln begann, 
sodass er zwar noch seine 'Klinik abhalten konnte, Dietzenbach 
jedoch die Operationen ausführen musste. Im Sommer 1838 
unternahm er daher wegen „seines zerrütteten allgemeinen Ge- 
sundheitszustandes und des höchst betrübenden Zustandes seiner 
Augen" eine längere Erholungsreise nach Schlesien. Er schreibt 
in seinem Urlaubsgesuch an die vorgesetzte Behörde darüber 
Folgendes: „Es ist ein hartes Schicksal für mich, der ich vielen 
Hunderten in meinem Leben das Tageslicht erhalten und das ver- 
lorene wiedergeschenkt habe, nun selbst in so naher Gefahr zu stehen, 
für immer zu erblinden, zumal ich sonst mich noch kräftig und stark 
genug fühle, sowohl geistig als körperlich thätig sein zu können. Ich 
werde übrigens mein Loos, es falle aus wie es wolle, zu ertragen 
wissen." 

Auch im Jahre darauf, 1839, ging er 4 Monate auf Urlaub, zu- 
erst auf sein Gut Klentsch bei Frankenstein in Schlesien und von 
dort nach Marienbad. Ais Urlaubsgrund hatte er den Zustand seiner 
Augen sowie eine „allgemeine Verstimmung des Nervensystems aus 
gichtiger Ursache" angegeben. Auch war er wiederholt während 
seiner Vorlesungen von Schwindel und Ohnmacht befallen worden. 
Seine im Urlaubsgesuch ausgesprochene Absicht, noch nach Wien zu 
gehen, um seine Augen untersuchen zu lassen, brachte er nicht mehr 
zur Ausführung. Er verbrachte vielmehr die letzte Zeit vor seinem 
Tode auf seinem Landgute, wo er am 9. Oktober 1840 starb. — 

Wenn wir jetzt dazu übergehen, die Wirksamkeit Rust's als Arzt, 
und zwar speziell als Chirurg, ferner als Lehrer und Staatsbeamter zu 
beleuchten, so glauben wir" ein besonders klares Bild hiervon dadurch 
zu gewinnen, dass wir seine zahlreichen litterarischen Veröffentlichungen, 
mit ihrem reichen Inhalt einzeln durchgehen und uns auf diese Weise 
seine mannigfachen Verdienste als Arzt und Verwaltungsbeamter vor 
Augen führen. 

Die erste Arbeit, welche seinen schriftstellerischen Ruhm be- 
gründete und zugleich sein Lieblingswerk, ist die „Helkologie oder 
die Lehre von den Geschwüren", welche er 1811 in Wien herausgab. 
Da die erste Auflage bereits in wenigen Jahren vergriffen war, ent- 
schloss sich Ru st 1836 auf vielfachen Wunsch zu einer Neubearbeitung, 
welche er jedoch wegen seines damals schon sehr angegriffenen Ge- 
sundheitszustandes und in Folge seines 1840 erfolgendes Todes selbst 

20* 



— 308 — 

nicht ganz vollenden konnte. Das Werk wurde dann von Professor 
Eck. einem innigen Freunde Rust 's, auf seine kurz vor seinem Tode 
ausgesprochene Bitte, im Dezember 1841 beendet. Die Neubearbei- 
tung ist mit 8 Kupfertafeln und einem Bilde Rust 's versehen und 
umfasst: 

I. die allgemeine und 

IL die spezielle Helkologie. 

Der allgemeine Theil wird nach einer kurzen Einleitung in 
5 Kapiteln abgehandelt. Rust definirt zunächst den Begriff „Ge- 
schwür", und zwar versteht er unter einem solchen „eine durch Ab- 
normität des Vegetationsprozesses in eine secernirende Fläche um- 
gewandelte und zwar Eiter oder Jauche absondernde verletzte Stelle". 

Dann folgt im 2. Kapitel die Eintheilung der Geschwüre, nach- 
dem vorher die verschiedenen Klassifikationen anderer Aerzte aufge- 
führt worden sind, und zwar hält Rust am zweckin ässigsten eine 
Eintheilung nach Ursache — örtlicher und allgemeiner — , Sitz und 
Form. 

In den übrigen 3 Kapiteln werden „die Aetiologie mit der Dia- 
gnostik, die Prognostik und die Therapie der Geschwüre" erörtert. 

Was die Aetiologie und die Diagnostik, welche nach Rust „un- 
zertrennlich" sind, anbetrifft, so werden einfache und komplizirte Ge- 
schwüre unterschieden. Letztere zerfallen wieder 1. in Geschwüre 
mit vorwaltenden Vitalitätsfehlern (das hypersthenische, asthenische, 
faulige und Brand geschwür), 2. in Geschwüre mit vorwaltenden Or- 
ganisationsfehlern (das kailöse, schwammige, ödematöse und variköse 
Geschwür) und 3. in Geschwüre mit vorwaltenden Formfehlern (das 
sinuöse und das fistulöse Geschwür). 

Die Prognostik der Geschwüre richtet sich 1. nach der eigen- 
thümlichen Natur des Geschwürs und nach seiner Ursache, 2. nach 
seiner Dauer und Form, 3. nach der Lage und Beschaffenheit des 
leidenden Theils und 4. nach der Individualität und Körperkonstitution 
des Kranken. 

Bei der Therapie der Geschwüre unterscheidet Rust einmal 
die rationelle Behandlung und zweitens die Behandlung mit em- 
pirisch gewählten (spezifischen) Mitteln und Methoden. Er geht 
die erstere Behandlung bei sämmtlichen oben genannten Geschwüren 
durch, und zwar schildert er nicht nur die örtliche, sondern auch 
stets die allgemeine Therapie des Leidens. Bei der spezifischen Be- 
handlung der Geschwüre kommen folgende Mittel und Methoden in 
Betracht: Wärme. Kälte. Druck und Druckverbände, Höllenstein, Blei, 



— 309 — 

Quecksilber, Spiessglanz, Salpetersäure, Dämpfe, verschiedene Pflanzen 
und Pflanzenstoffe und der Magensaft der Thiere. 

Er kommt im Uebrigen in Bezug auf die Therapie zu folgendem 
Schluss (§ 139): „Aus dem bisher Gesagten wird zur Genüge her- 
vorgehen, dass es weder Methoden noch Mittel giebt, die auf rein 
empirische Weise zur Behandlung der Geschwüre benutzt werden 
dürfen, dass allerdings die mannigfaltigen, in älterer und neuerer 
Zeit gegen Geschwüre gerühmten Mittel bei vielen derselben und 
unter gewissen Bedingungen, keineswegs aber überall, eine besondere 
Heilkraft äussern und dass somit jedes auch noch so bewährte Mittel 
nur unter bestimmten Beziehungen in Gebrauch gesetzt und nach 
richtigen Heilindikationen besonders ausgewählt werden muss, wenn 
es nicht mehr schaden als nutzen soll." 

IL In der speziellen Helkologie werden zunächst die Ge- 
schwüre „nach Verschiedenheit ihres eigentümlichen ursächlichen 
Verhältnisses", die sogenannten spezifischen Geschwüre geschildert 
und zwar sind dies das skrophulöse, arthritische, rheumatische, Vis- 
ceral-, skorbutische, venerische, impetiginöse, ekzematöse, herpetische, 
Krätze- und Krusten-, Porrigo- oder Gries-, Radesyge-, lepröse und 
Lupus-Geschwür. Nachdem zuerst der Begriff jeder dieser Krank- 
heiten näher bestimmt worden ist, werden ihre Aetiologie, Diagnose, 
Prognose und Therapie aufs genaueste besprochen. 

Dann folgen die Geschwüre „nach Verschiedenheit ihres Sitzes", 
und zwar beschreibt Rust erstens die Geschwüre besonderer orga- 
nischer Gewebe, zweitens diejenigen besonderer Körpertheile. Zu er- 
steren gehören das Schleimhaut-, Zellhaut- oder Zellstoff-, Drüsen- 
und das osteopathische oder Knochengeschwür. Die genannten Krank- 
heiten werden ebenfalls nach Begriff, Aetiologie, Diagnose, Prognose 
und Therapie abgehandelt. 

Den Schluss der speziellen Helkologie und damit des ganzen 
Buches bildet die Schilderung der Geschwüre an den besonderen 
Körpertheilen, dem Kopfe, dem Rumpfe und den Extremitäten. 

Dies 597 Folioseiten umfassende Werk Rust's muss als ein für 
die damalige Zeit geradezu klassisches bezeichnet werden, da es 
in die noch sehr verworrene und nur wenig bearbeitete Lehre 
von den Geschwüren helles Licht brachte und ihre richtige Er- 
kenntniss seitens der Aerzte in hervorragendstem Masse fördern 
half. — 

Im Jahre 1816 gab er ferner den ersten Band seines „Magazins 
für die gesammte Heilkunde mit besonderer Beziehung auf das 
Militär-Sanitätswesen im Königlich preussischen Staate" heraus. Das 



— 310 — 

Werk, welches noch bis zum Jahre 181-8 vom Verein für Heilkunde 
in Preussen fortgesetzt worden ist, umfasst im Ganzen 66 Bände. 

Im Vorwort zum 1. Bande schildert Rust den Plan und Zweck 
der neuen Zeitschrift. Er war zur Herausgabe durch eine Auf- 
orderung des damaligen, für das Militär- Sanitätswesen sich leb- 
haft interessirenden Kriegsministers Generals von Boyen ver- 
anlasst worden. Es sollten besonders Beiträge „einsichtsvoller 
Civil- und Militärärzte" darin Aufnahme finden, und zwar sollten das 
preussische Militär-Sanitätswesen in erster Linie, dann die praktische 
Heilkunde, die Natur- und Heilkunde und schliesslich die neuesten 
Erscheinungen der Litteratur Berücksichtigung erfahren. Später, vom 
13. Bande ab, ist ausser auf das Militär-Medizinalwesen auch auf das 
allgemeine Sanitätswesen in Preussen besonders Bezug genommen. 
Die meisten Bände sind mit je einem Bilde „eines um das Kriegs- 
heilwesen im Staate oder um die Wissenschaft und Kunst überhaupt 
wohl verdienten Mannes" versehen. So sind im 1. Bande Goercke, 
im 2. Mursinna, im 3. und 1. Wiebel bezw. Büttner abgebildet. 
Den Schluss jedes Bandes bilden gewöhnlich das Militär- und Civil- 
sanitätswesen betreffende offizielle Verfügungen, Beförderungen, Ver- 
setzungen von Militärärzten, sowie kürzere Biographien um das Mi- 
litär-Sanitätswesen verdienter Männer. Eine grosse Zahl von Artikeln 
stammt vom Herausgeber selbst her. So enthält gleich der erste 
Band von seiner Hand eine allerdings kurze Beschreibung der Orga- 
nisation des Militärsanitätswesens und zwar speziell der Rang- und 
Dienstverhältnisse der Militärärzte in Preussen. 

Der 1. und 5. Band bringen ebenfalls von Rust unter dem 
Titel: „Auch ein Wort über die Militär-Medizinal-Einrichtungen im 
Königlich Preussischen Staate" einen interessanten Beitrag zur Ge- 
schichte des preussischen Medizinalwesens: 

Er giebt im 1. Bande zunächst nach einer kurzen Einleitung eine 
von dem damaligen Generalstabsarzt Goercke unter dem 10. März 
1816 an sämmtliche oberen Militär-Medizinalbeamten der preussischen 
Armee erlassene Verfügung im Wortlaut wieder, durch welche diese 
aufgefordert werden, sich auf Grund eigener Beobachtung darüber 
zu äussern, ob die von verschiedenen Seiten gegen die preussi- 
schen Militär-Sanitäts-Einrichtungen erhobenen Vorwürfe und zwar 
besonders derjenige, „dass die Verwundeten im Feldzuge 1815 zu- 
weilen mehrere Tage nach einer Schlacht noch unverbunden auf dem 
Schlachtfelde gelegen hätten und durch unnöthigen Transport umge- 
kommen sein sollen", der Wahrheit entsprächen oder blosse Verläum- 
dungen seien. 



— 311 — 

„Ich glaube, fährt Rust nach Wiedergabe der Go er cke 'sehen Verfügung 
fort, eine kaum nutzlose Arbeit zu unternehmen, wenn ich meine individuellen 
Ansichten und die Resultate meiner Erfahrung über diese Gegenstände, so wie ich 
sie schon vor 2 Jahren auf Veranlassung dieser Aufforderung niederschrieb, hier 
öffentlich mittheile, eine kurze Darstellung der bestehenden Einrichtungen im 
Militair-Medizinal- Wesen des Königl. Preussischen Staates damit verbinde und mir 
erlaube, einzelne Gegenstände kritisch zu beleuchten. Auf diese Weise, denke ich, 
wird das Gute um so eher den verdienten Eingang finden, das Schlechte und 
Gehaltlose um so sicherer verworfen und das Wohl des Ganzen um so gewisser 
befördert werden; denn von jeher war die öffentliche Meinung die unpartheiischte 
Richterin individueller Ansichten, die öffentliche Stimme der beste Probirstein des 
Wahren oder Falschen." 

Gegen die Beschuldigung, dass die Verwundeten bisweilen noch 
mehrere Tage nach der Schlacht unverbunden auf dem Gefechtsfelde 
gelegen hätten, führt er zuerst die grosse Zahl „Hülfe leistender und 
in der Linie dienender Individuen", sodann die günstige Beurtheilung 
der Leistungen der letzteren, sowie der Militärärzte überhaupt in den 
Freiheitskriegen durch ihre höheren militärischen Vorgesetzten an. 
Hierauf theilt er seine schon erwähnten persönlichen Beobachtungen 
und Erfahrungen im Feldzuge 1815 mit. Am 21. Juni 1815, also 
3 Tage nach der Schlacht bei Belle- Alliance ritt er das ganze Schlacht- 
feld ab und fand darauf nicht einen einzigen lebenden oder hülf- 
losen Verwundeten liegen. Nur in den umliegenden Ortschaften traf 
er noch mehrere Verwundete an (s. o.). Auch in den späteren 
Kämpfen bei le Bourget, St. Denis, Paris u. s. w. wurde in gleich 
schneller Weise für die Verwundeten gesorgt, so dass Rust darüber 
sagt (Seite 13): „Ich kann mit meiner Ehre Bürgschaft leisten, dass 
nicht Ein Mann auch nur eine Stunde, viel weniger Tage lang auf 
dem Kampfplatze liegen blieb." 

Nach Rust würde überdies ein solcher Vorwurf, falls er über- 
haupt gerechtfertigt wäre, mehr die Armee, welche „aus Mangel an 
hinreichender Schätzung und öffentlicher Achtung des ganzen mili- 
tärärztlichen Standes" die Militärärzte nicht genügend unterstützte, 
als die letzteren selbst treffen. 

Den zweiten Vorwurf, dass Verwundete durch unnöthigen Trans- 
port umgekommen wären, widerlegt er mit der Bemerkung, dass die 
allgemeine Zurückschaffung der Kranken und Verwundeten während 
des Rückmarsches der Armee aus Frankreich auf höheren Befehl 
stattgefunden hätte, und dass daher den Militärärzten deswegen kein 
Vorwurf gemacht werden könnte. 

Rust kommt hierauf auf verschiedene Einwendungen bezw. Vor- 
schläge zu sprechen, welche von den Gegnern und „Reformatoren" 



— 312 — 

der preussischen Militär-Medizinal-Verfassung gemacht worden sind. 
Er erörtert zuerst die Frage: „Ist es wohl räthlich und zweckmässig, 
ausser den bestehenden sogenannten Militär-Chirurgen auch sogenannte 
Mediker bei der Armee wiederanzustellen." 

Wie sich die Medizin nicht von der Chirurgie trennen lässt, so 
ist auch eine Sonderung zwischen den sie ausübenden Personen, den 
Aerzten und Wundärzten, nicht möglich, wenn sie auch der Form 
nach zu bestehen scheint, was schon aus den verschiedenen Bezeich- 
nungen — Arzt, Wundarzt, Chirurg — hervorgeht. Jeder wirklich 
wissenschaftlich gebildete Arzt muss daher zugleich Mediker und 
Chirurg sein. Dasselbe gilt natürlich auch von dem Militärarzt. „Nur 
der, welcher Arzt und Chirurg zugleich ist, nur der allein ist allent- 
halben, zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit brauchbar, und nur 
der allein ist fähig, den Berufspflichten eines Militärarztes nachzu- 
kommen." Es soll daher nach Rust nur eine Klasse von Militär- 
ärzten geben, abgesehen von dem unteren militärärztlichen Personal, 
den Kompagniechirurgen, welche jedoch nur als ärztliche Gehülfen 
anzusehen und zu verwenden sind. Die damals gerade in Preussen 
eingeführte neue Namensbezeichnung — „Arzt" für die eigentlichen 
(höheren) Militärzte, „Chirurgus" für das unterärztliche Personal — wird 
von Rust als sehr zweckmässig angesehen. 

Was die Vorbildung der Militärärzte anbetrifft, so ist es nach 
ihm gleichgültig, ob sie in besonders dazu bestimmten „ärztlichen 
Militärschulen", deren Nützlichkeit bezw. Notwendigkeit er jedoch 
durchaus nicht in Abrede stellt, oder „auf irgend einer anderen 
Lehranstalt, in diesem oder jenem Lande" erlangt ist. „Jeder muss, 
meiner Ueberzeugung zu Folge, dem Staate und der ärztlichen Mili- 
tärverwaltung willkommen sein, wenn er nur mit dem militärärzt- 
lichen Dienste einigermassen vertraut ist, die geforderten Kenntnisse 
als Arzt und Wundarzt wirklich besitzt und keine einseitige Bildung, 
was so oft der Fall ist, mitbringt." 

Um die höheren militärärztlichen Stellen mit Männern zu be- 
setzen, welche nicht nur brauchbare praktische Aerzte, sondern auch 
gute Operateure sind, schlägt Rust vor, besonders fähige Militärärzte 
durch „mehrjährige Anleitung und Uebung sowohl am Kadaver als 
auch an lebenden Subjekten" zu vollendeten operativen Heilkünstlern 
auszubilden und dann einer jeden Brigade einen solchen als Brigade- 
Chirurgns zuzutheilen. Die Ausbildung selbst könnte in ähnlichen 
Anstalten, wie die Operations-Institute in Oesterreich, erfolgen. 

Er kommt hierauf zur zweiten Frage: „Sind zur Bildung der 



— 313 — 

Militärärzte eigene Erziehungs- und Lehrinstitute im Staate er- 
forderlich?" 

Nach einer ziemlich eingehenden Schilderung der Einrichtung der 
preussischen militärärztlichen Bildungsanstalten spricht Rust seine 
Ansicht dahin aus, dass „die Existenz solcher isolirten Bildungs- 
anstalten, wenngleich nicht immer in wissenschaftlicher, so doch in 
staatsbürgerlicher Hinsicht nothwendig" sei. Er begründet dies damit, 
dass der Bedarf an Militärärzten erfahrungsgeraäss durch übertretende 
Civilärzte nicht gedeckt werden könne. 

„Der militärärztliohe Dienst, führt er in sehr interessanter Weise näher aus 
(Seite 394), hat nicht so viel Anziehendes, dass sich freiwillig wohl unterrichtete 
und brauchbare Individuen genug finden sollten, um nur den nöthigsten Bedarf 
in Friedenszeiten, geschweige denn erst im Kriege, zu decken. Der auf seine eigene 
Kosten studirende und ausgebildete junge Arzt und Wundarzt lässt es fein bleiben, 
um den monatlichen kärglichen Sold, der ihm als Militärarzt unterer Kategorie 
zu Theil werden soll, seine Freiheit zu verkaufen und alle Vortheile, die ihm 
der civilärztliche Stand von allen Seiten darbietet, aufzugeben. Zu den höheren 
und höchsten Aemtern des militärärztlichen Standes meldet sich wohl allen- 
falls noch ein Civilarzt, wenn er kein besseres Unterkommen im Civil zu finden 
glaubt oder die Privatpraxis ihn nicht hinreichend nähren will." 

Einen ferneren Grund für die Notwendigkeit besonderer Bil- 
dungsanstalten findet er noch darin, dass sich zu Militärärzten besonders 
solche Aerzte eignen, die schon vorher eine spezielle Ausbildung 
genossen haben und für diesen Stand von Jugend auf erzogen 
worden sind. 

Eine dritte, im 5. Bande Seite 173 u. f. enthaltene Frage: „Wie 
ist die nothwendige Vermehrung des ärztlichen Personals beim Aus- 
bruch eines Krieges und bei gleichzeitiger Vermehrung des streiten- 
den Heeres am zweckmässigsten einzuleiten?" beantwortet Rust 
f olgenclermassen : 

„Man verpflichtet einen Jeden, der sich dem Studio der Arzenei- und Wund- 
arzeneikunde widmet, nach vollendetem Studium, und ehe ihm noch das Jus practi- 
candi verliehen wird, wenigstens ein Jahr dem unterärztlichen Dienst in der 
Armee sich zu weihen." Diesen Vorschlag begründet er damit, dass auch bei fast 
allen übrigen Ständen eine unentgeltliche Dienstleistung vor der eigentlichen An- 
stellung in einem Amt stattzufinden habe, und dass für den jungen Arzt der Dienst 
als unterer Militärarzt grössere Vortheile und Annehmlichkeiten biete als ein 
Dienen mit der Waffe. 

„Man wende ferner die Grundsätze der allgemeinen Wehrpflichtigkeit auch auf 
die militärärztliche Partie an und weise jedem praktizirenden Civilärzte, Wund- 
arzte und Pharmaceuten, nach Verschiedenheit ihres erworbenen academischen 
Grades, ihrer Kenntnisse, ihres Alters, ihrer Privat-, Familien- oder sonstigen 
Dienstverhältnisse u. s. w., wie jedem anderen Landwehrpflichtigen, schon im 



— 314 — 

Voraus seinen inilitärärztliehen Rang und seinen künftigen Wirkungskreis für den 
Fall eines ausbrechenden Krieges an." Jeder General-Divisionsarzt sollte daher eine 
genaue Nachweisung sänimtlicher in seinem Bezirk ansässiger Aerzte, Chirurgen 
und Pharmaceuten haben und ihnen ihre Bestimmung für den Mobilmachungefall 
schon vorher mittheilen, so dass es beim Ausbruch eines Krieges keiner be- 
sonderer Ordres mehr bedarf." 

Eust sucht dann die verschiedenen, gegen diese seine Vorschläge 
gemachten Einwendungen zu widerlegen, von welchen ihm folgende 
eine der wichtigsten zu sein scheint: 

..Der Staat selbst will die Dienstleistung als Militärarzt nicht für die Ab- 
tragung der jedem Staatsdiener zukommenden Militärpflichtigkeit anerkennen und 
gelten lassen." 

Eust ist der Ansicht, dass der Staat damit seinen eigenen Inter- 
essen zuwider handele, da er doch verpflichtet sei, für seine Armee 
im Felde auch die nöthigen gut ausgebildeten Aerzte zur Verfügung 
zu haben. Und dass die Ausbildung der Feldärzte eine gediegenere 
und damit für das Wohl der Kranken und Verwundeten besser ge- 
sorgt sei, wenn die Aerzte als Militärärzte und nicht mit der Waffe 
ihrer Dienstpflicht genügt hätten, wäre doch unleugbar. Ebenso wie 
die sich freiwillig Meldenden sich eine ihnen angenehme Waffe selbst 
wählen könnten, so müssten auch die Aerzte nicht nur berechtigt, 
sondern zugleich auch angehalten sein, als Militärärzte aktiv zu dienen. 

Den scheinbar berechtigten Einwurf, dass der militärärztliche 
Dienst kein eigentlicher Kombattantendienst sei, weist er damit zurück, 
dass der „im Felde dienende Militärarzt mit den Kombattanten jede 
Beschwerlichkeit auf Märschen und jede Gefahr im Kampfe theilt, er 
überdies noch dem Tode, wenn er ihm auf dem Schlachtfelde ent- 
ronnen ist, in den Spitälern entgegengeht, und daher wohl mit Billig- 
keit es ansprechen dürfte, in eine Kategorie mit der streitenden Mann- 
schaft gesetzt zu werden". 

Eust fasst seine Vorschläge dahin zusammen, dass nicht alle, 
sondern nur eine bestimmte, dem Friedens- und Kriegsbedarf ent- 
sprechende Zahl von Aerzten als Militärärzte ..unterster Kategorie- 
dienen sollen. Bis zum 25, Lebensjahr hätten sie dann dem stehen- 
den Heere, vom 25. bis 28. Jahre der Landwehr ersten und von da 
ab bis zum 40. Jahre der Landwehr zweiten Aufgebots anzugehören. 

Auf einen ferneren Einwurf: „Dass durch die Einstellung der 
Civilärzte und Wundärzte in die Armee das Land von Aerzten ent- 
völkert, dieses daher dem Mangel an ärztlicher Hülfe, durch die 
ganze Dauer des Krieges, und folglich gerade zu einer Zeit bioss- 
gestellt werde, wo Furcht. Kummer. Noth und einbrechende Seuchen 



— 315 — 

Krankheiten häufiger als gewöhnlich herbeiführen", entgegnet er, dass 
in Folge der grossen Zahl der zur Armee gehenden Landwehrpflichti- 
gen sich auch die Bevölkerung entsprechend vermindere, und class 
dadurch ein etwaiger Aerztemangel sich weniger fühlbar machen 
würde. 

Zum Schluss erörtert Rust noch eine dritte, von gegnerischer 
Seite aufgestellte und, wie er selbst zugiebt, weit begründetere Be- 
hauptung, nämlich diejenige: „Dass die Aerzte selbst es vorziehen, 
ihre Militärpflichtigkeit lieber unmittelbar unter der Waffe als im 
militärärztlichen Dienste abzutragen." 

Diese Thatsache ist nach ihm darauf zurückzuführen, dass sich 
dem Kombattanten ganz andere Aussichten auf Ehren und Erfolg 
eröffnen als dem Feldarzte, obwohl dieser den gleichen Beschwerden 
und Gefahren ausgesetzt sei wie jener. Es ist daher für den Militär- 
arzt eine „gleiche ehrenvolle Behandlung, ähnliche Aussichten zu 
einem ferneren stufenweisen Fortkommen und gleiche Anerkennung 
seiner Verdienste zu erstreben". Er weist hierbei auf die schon damals 
in der russischen und englischen Armee bestehende „weise" Einrich- 
tung hin, dass deren Aerzte der Anciennität nach in ihrem Range 
und Gehalt in der Armee fort avanciren. Wenn auch nicht alle, so 
sollten doch wenigstens die „unmittelbar in der Linie dienenden und 
auf dem Schlachtfelde selbst gegenwärtigen ärztlichen Individuen An- 
theil an Ehre, Rang und Belohnung", wie sie den Kriegern gewährt 
werden, erhalten. 

„Alsdann, schliesst er, aber auch nur dann erst, wird es der Armee weder 
an der hinlänglichen Anzahl von Aerzten überhaupt, noch an der erforderlichen 
Menge guter und brauchbarer Aerzte insbesondere mehr fehlen, und nur dann 
wird sich der vorliegende Plan zur Vervollkommnung des Heilwesens im Kriege 
mit Erfolg ausführen lassen." 

Es genügt wohl, hier nur ganz kurz auf die grossen Verdienste 
hinzuweisen, welche sich Rust mit der Bekanntgabe und Vertheidi- 
gung dieser seiner Vorschläge erworben hat, von denen die meisten 
ja bereits längst verwirklicht sind. — 

Im Jahre 1817 erschien Rust's „Arthrokakologie oder über 
die Verrenkungen durch innere Bedingung und über die 
Heilkraft, Wirkungs- und Anwendungsart des Glüheisens 
bei diesen Krankheitsformen". 

Das dem König Friedrich Wilhelm III. gewidmete und mit 
8 Kupfertafeln versehene Buch zerfällt in 2 Abschnitte. Im ersten 
wird die Theorie der Krankheit und ihre Behandlung besprochen, im 



— 316 — 

zweiten Theil werden die einzelnen von Rust beobachteten Fälle er- 
örtert. 

Er bestimmt zuerst den Begriff Verrenkung, welche entweder 
eine vollkommene oder unvollkommene ist. Sie kommt durch äussere 
Gewalt oder durch innere Bedingung als sogenannte spontane oder 
freiwillige Verrenkung zu Stande. Letztere wird am häufigsten am Hüft- 
gelenk, seltener an anderen Gelenken beobachtet. Rust versteht unter 
einer spontanen Verrenkung eine allmählich ausgebildete Abnormität 
des Gelenks, welche eine vollkommene oder unvollkommene Abweichung 
der Knochenenden aus ihrer normalen Verbindung zur Folge hat. 

Die Ursache einer solchen Verrenkung ist nach Rust noch nicht 
sichergestellt. Nach ihm ist sie in einer Entzündung der Markhaut 
und in einer hierdurch veranlassten Oaries profunda centralis der 
Gelenkköpfe der Knochen zu suchen. Kinder werden am häufigsten 
von dem Leiden befallen. Gelegenheitsursache sind skrophulöse, 
gichtische und syphilitische Dyskrasien. 

Was die Diagnose und den Verlauf der Krankheit anbetrifft, so 
unterschied er 4 Perioden, welche bei einer Hüftgelenksverrenkung' 
folgendermassen verlaufen. 1. Periode: Es treten Schmerzen in der 
Hüfte und Hinken auf; am Oberschenkel selbst sind noch keine Ver- 
änderungen vorhanden. 2. Periode: Der Oberschenkel wird länger, 
magert ab; es stellen sich heftige Knicschmerzen ein. 3. Periode: 
Der Oberschenkel wird kürzer, bisweilen aber auch länger. 4. Periode: 
Es findet Eiterdurchbruch nach aussen statt. 

Die Prognose richtet sich nach dem Sitze, der Ursache, der 
Periode und der Dauer des Uebels und nach dem allgemeinen Zu- 
stand des Kranken. 

Die Therapie muss eine allgemeine und eine örtliche sein. In 
der 1. Periode sind Blutegel, kalte Umschläge und besonders Ein- 
reibungen mit grauer Salbe zu empfehlen. In der 2. Periode ist die An- 
legung von Fontanellen und vor Allem die Anwendung des Glüheisens 
indicirt; Rust giebt hierbei eine genaue Anweisung über den Ge- 
brauch des letzteren. Auch in der 3. und 4. Periode ist ein Versuch 
mit dem Glüheisen zu machen; ebenso sind die Abscesse mit dem 
letzteren oder auch mit dem Messer in grossem Schnitte zu eröffnen. 

Der zweite Theil der Schrift enthält, wie bereits angegeben, eine 
Schilderung der von Rust beobachteten Fälle von spontaner Ver- 
renkung. — 

Die von ihm 1820 veröffentlichte Arbeit: „Die ägyptische 
Augenentzündung unter der Königlich preussischen Be- 



— 317 — 

Satzung in Mainz. — Ein Beitrag zur näheren Kenntniss und 
Behandlung dieser Krankheitsform" ist das Resultat der Er- 
fahrungen und Beobachtungen, die er 1819 als Kommissar zur Til- 
gung dieser Epidemie an Ort und Stelle gemacht hatte (s. o.). 

In der Einleitung bespricht Rust zunächst die Verpflanzungen 
von Krankheiten von einem Himmelsstrich auf den anderen, indem er 
betont, dass besonders grosse Weltereignisse wie Kriege diese Ver- 
breitung begünstigen. Ein Beispiel hierfür aus neuerer Zeit böte die 
ursprünglich in Aegypten heimische und von da nach Europa über- 
tragene Augenkrankheit. Im preussischen Heere trat sie zuerst 1813 
auf, um sich während der folgenden Jahre sehr rasch und bösartig 
auszudehnen. Rust führt dann kurz die nach den Freiheitskriegen 
bei den einzelnen Truppentheilen aufgetretenen Augenentzündungs- 
Epidemien auf. 

Im ersten der aus 2 Abschnitten bestehenden Schrift giebt er die 
Geschichte der Mainzer Epidemie. Zuerst und am stärksten war das 
34. preussische Infanterie-Regiment betroffen, und zwar war nach den 
von Rust angestellten Erhebungen die erste Ansteckung auf einem 
im Frühjahr 1818 ausgeführten Marsche des Regiments von Schlesien 
nach Mainz erfolgt. Einzelne Leute waren nämlich in Marsch- 
quartieren untergebracht worden, welche unmittelbar vorher von fran- 
zösischen, an der ägyptischen Augenentzündung leidenden Invaliden 
belegt gewesen waren. Die Krankheit trat bei dem genannten Regi- 
ment baJd nach der Ankunft in der Garnison auf, um dann später 
auch auf die übrigen preussischen Truppentheile überzugreifen. Die 
grosse Ausdehnung der Epidemie geht am deutlichsten daraus her- 
vor, dass bis zum Eintreffen Rust's in Mainz — Ende April 1819 
— bereits 1146 Mann erkrankt waren. Die von Rust unverzüglich 
getroffenen Massnahmen bestanden in einer Reinigung der gesunden 
Mannschaften und der Kasernements, d. h. in einer mechanischen 
Säuberung und Desinfektion, während die kranken Leute streng 
isolirt, sachgemäss behandelt und später bis zu ihrer völligen Ge- 
nesung in einer Quarantäneanstalt untergebracht wurden. Die Epi- 
demie nahm in Folge dessen wenn auch langsam, so doch stetig ab, 
sodass sich Ende September nur noch 53 Kranke in Behandlung be- 
fanden. Im Oktober wurden auf Rust's Antrag sämmtliche von der 
Krankheit ergriffen gewesenen preussischen Truppenkörper — die 
österreichische Besatzung war eigenthümlicher Weise völlig intakt ge- 
blieben — aus Mainz verlegt. 

Was speziell den Erfolg der Behandlung anbelangt, so führte die 



— 318 — 

Erkrankung bei nur 8 Leuten von 1798 Erkrankten zur Dienst- 
unbrauchbarkeit. 

Im zweiten und letzten Theil des Werkes folgt eine Schilderung 
der Krankheit in diagnostischer, ätiologischer und prognostischer Be- 
ziehung, woran sich dann eingehende Erörterungen über die Therapie 
des Leidens schliessen. 

Rust unterscheidet bei der ägyptischen Augenentzündung 3 Grade 
in Bezug auf ihre Heftigkeit, und zwar je nachdem die Bindehäute 
der Augenlider, diejenigen des Augapfels und die Hornhäute ergriffen 
sind. Jeder dieser 3 Grade durchläuft wieder 4 Stadien, das Stadium 
der Infektion, der Ausbildung, des Verlaufs und der Rekonvalescenz. 
Gewöhnlich sind beide Augen erkrankt. Die Dauer der Krankheit 
ist je nach ihrer Intensität eine sehr wechselnde. Das Leiden ist 
kontagiöser Natur, wofür zahlreiche Beispiele aus den europäischen 
Armeen angeführt werden. 

Rust bespricht dann weiter die Uebertragung der Krankheit auf 
die Franzosen und Engländer während der Expedition Napoleons nach 
Aegypten 1798 und ihre "Weiterverbreitung auf die übrigen europäischen 
Heere während der Freiheitskriege. 

Den Abschnitt über die Aetiologie leiten allgemeine Bemerkungen 
über das Kontagium der Krankheit, über seine Art und Intensität 
ein. Es folgt hierauf eine kurze geschichtliche Darstellung ihres 
ersten nachgewiesenen Auftretens in Aegypten — Prosper Alpin 
im 16. Jahrhundert war der erste, welcher das Uebel beob- 
achtet und näher beschrieben hat. Dann ist lange Zeit nichts Authen- 
tisches über die Krankheit mitgetheilt worden. Erst während der 
europäischen Expedition nach Aegypten. und zwar durch die Ueber- 
tragung der Krankheit auf die Expeditionstruppen wurde man wieder 
darauf aufmerksam. Nach Rust ist es wahrscheinlich, dass „das 
Augenübel eine durch Begünstigung klimatischer und sonstiger Ver- 
hältnisse zu Stande gekommene Metamorphose der ursprünglichen 
Syphilis" ist. 

Die Prognose richtet sich hauptsächlich nach den verschiedenen 
Graden der Krankheit, nach ihrer Intensität und den etwa vor- 
handenen Komplikationen. 

Die Therapie ist bei den einzelnen Graden und Stadien eine ver- 
schiedene. Im ersten Grade der Krankheit genügen meist schon zur 
Heilung kalte Umschläge auf das Auge nebst der Sorge für gute, 
reine Luft und für Regulirung des Lichts und der Temperatur. Im 
2. und 3. Grade sind ausserdem Ableitungsmittel vom Kopfe, be- 
stehend in Blutentziehungen, angezeigt. Die etwaigen Komplikationen 



— 319 — 

erfordern noch eine besondere sorgfältige Behandlung. Im 3. Stadium 
sind namentlich Aetzmittel, wie salpetersaures Silber, Schwefelsäure 
von günstiger Wirkung, und es bleibt als letztes Mittel noch die opera- 
tive Entfernung der erkrankten Bindehaut übrig. Mit der lokalen Be- 
handlung müssen natürlich allgemeine Massregeln, welche eine Ueber- 
tragung der Krankheit auf Gesunde verhüten sollen, Hand in Hand 
gehen, wobei besonders eine strenge Isolirung der Kranken in Be- 
tracht kommt. *) — 

Zu gleicher Zeit mit dem „Magazin für Heilkunde" redigirte 
Rust noch eine zweite Zeitschrift: das „Kritische Repertorium 
für die gesammte Medizin", von welcher der erste der 32 Bände 
1823, der letzte 1833 erschien; vom 5. Band ab fand die Heraus- 
gabe übrigens gemeinschaftlich mit einem Berliner Arzt Dr. Casper 
statt. 

Wie Rust in einem Vorwort zum ersten Bande hervorhebt, hatte 
die neue Zeitschrift — es existirten damals, 1823, bereits 22 medi- 
zinische Zeitschriften in Deutschland — den Zweck, die wichtigeren 
Fortschritte auf dem Gebiete der gesammten Heilkunde in allen Ländern 
Europas, jedoch besonders in Deutschland, mitzutheilen, sie kritisch 
zu erläutern und zu beleuchten. Die nächste Veranlassung dazu war 
jedoch die Aufforderung zahlreicher Leser seines „Magazins", dass 
diese Zeitschrift doch wieder insofern auf ihren ursprünglichen Plan 
zurückkommen möge, als hiernah die Fortschritte der Litteratur kritisch 
besprochen werden sollten. Die Mitarbeiter des „Kritischen Reper- 
toriums" waren im Wesentlichen auch diejenigen des „Magazins". Im 
Uebrigen war auch die Aufnahme von Antikritiken gestattet. Dieses 
„Repertorium" existirte später als „Casper's" und heute als Virchow- 
Hirsch's bezw. Virchow-Posner's Jahresbericht. — 

„Ein theoretisch-praktisches Handbuch der Chirurgie 
mit Einschluss der syphilitischen und Augenkrankheiten 
in alphabetischer Ordnung" gab Rust ferner unter Mitwirkung 
eines Vereins von Aerzten und Wundärzten in den Jahren 1830 — 1836 
in 18 Bänden heraus. 

Im Vorwort zum ersten Bande, der mit seinem Bilde und dem 
Motto von Schiller versehen ist: 

„Aus der Kräfte schön vereintem Streben 
Erhebt sich, wirkend, erst das wahre Leben" 
erörtert er die Veranlassung zur Herausgabe des Handbuches, in 
welchem nämlich der damalige allgemeine Standpunkt der Chirurgie, 



*) Vergl. die Bearbeitung derselben Frage bei Graefe. 



— 320 — 

speziell auf Grund der mehr als 30jährigen Erfahrungen Rust's auf 
diesem Gebiete, geschildert werden sollte. Letzterer hat zu diesem 
Zweck theils die Bearbeitung einer Reihe von wichtigen Artikeln, so 
denjenigen über Amputationen selbst übernommen, theils als Mitarbeiter 
solche Leute gewählt, mit deren wissenschaftlichen Ansichten und 
Grundsätzen er übereinstimmte. Es sind im Ganzen 45 Mitarbeiter, 
sowohl Professoren und Dozenten an verschiedenen Universitäten 
Deutschlands, als auch praktische Aerzte und allein 15 Militärärzte, 
vom Stabsarzt aufwärts bis zum Generalarzt. Hervorragende Mit- 
arbeiter waren z. B. Dieffenbach, Hecker, Jüngken, Kluge, 
Schlemmer, von Militärärzten B et seh ler, Regimentsarzt in Breslau, 
Eck, Regimentsarzt und Professor in Berlin, Förster, Regimentsarzt 
in Bonn, Grossheim, Regimentsarzt und Professor in Münster, 
Wasserfuhr, Generalarzt in Stettin, Wolff, Regimentsarzt und diri- 
girender Arzt in der Charite. 

Den grössten und wichtigsten der 3 Theile des Handbuches — 
dem Inhalte seiner Artikel nach — machen Realabhandlungen über 
alle in das Gebiet der medizinischen und operativen Chirurgie ge- 
hörigen Gegenstände aus, ein zweiter Theil enthält bloss Namener- 
klärungen und Synonyme, während der dritte Theil nur historischen 
Inhalts ist und die Geschichte und Litteratur der Chirurgie sowie 
biographische Notizen der bekanntesten verstorbenen Chirurgen aller 
Zeiten und Länder umfasst. 

Das Werk soll nach Rust „kein Noth- und Hülfsbüchlein für 
den gewöhnlichen Wundarzt, sondern ein Handbuch für den Heil- 
künstler höherer Klasse, für den gelehrten Jatro Chirurgen" sein. 

In dem soeben erwähnten, von Rust selbst bearbeiteten Artikel 
über Amputationen (S. 534 u. f.) entwickelt er nach seiner eigenen 
Angabe dieselben Grundsätze, welche er bereits 10 Jahre früher, in 
seinem Magazin für Heilkunde, Bd. VII, S. 337, ausgesprochen und 
von deren Richtigkeit er sich auf Grund aller seitdem gemachten Er- 
fahrungen immer mehr überzeugt hat. 

Nachdem er in der Einleitung eine kurze geschichtliche Ent- 
wicklung der Amputationen gegeben hat, geht er zur Beantwortung 
folgender, das ganze Gebiet dieser Operation umfassender Fragen 
über: „weshalb, wann, wo und wie soll amputirt werden und wie ist 
die Nachbehandlung zu leiten?" 

Die Antwort auf die erste Frage: „Weshalb soll amputirt wer- 
den ? ;< lautet nach Rust am besten folgendermassen: 

„Man amputirt. um solche örtlich erkrankten Gliedmassen zu entfernen, 
welche nach dem gegenwärtigen Standpunkte der Heilkunde und nach den inneren 



— 321 — 

und äusseren Verhältnissen des kranken Individuums als unheilbar betrachtet 
werden müssen, und die dabei das Leben des Kranken gefährden oder ihm doch 
fortwährend den Genuss des Lebens verkümmern." 

Er zählt hierauf die einzelnen Krankheitszustände auf, welche 
die Ablösung indiciren, wobei er unter anderen betont, dass Gangrän 
als solche nach seiner Ansicht niemals die Anzeige zur Operation ab- 
gäbe, ebensowenig auch der Trismus. 

Die zweite Frage: „Wann soll amputirt werden?" beantwortet 
er damit: „Man amputire zu einer Zeit, wo im Gesammtorganismus 
kein bedeutendes Leiden vorhanden ist, welches durch die Komplika- 
tionen mit der Operation und ihrer Reaktion auf eine das Leben ge- 
fährdende Höhe gesteigert werden könnte. Entweder operire man 
früh, d. h. im Laufe der ersten 24 Stunden nach der Verletzung — 
eine solche als Indikation zu einer Amputation vorausgesetzt — oder 
im Stadium der Remission, wenn die allgemeinen und örtlichen Zu- 
fälle beseitigt sind und der ganze Organismus in eine zu erneuten 
blutigen Eingriffen günstigere Stimmung versetzt ist". Noch schwie- 
riger ist die Bestimmung des Zeitpunktes der Amputation bei chro- 
nischen Leiden, da grade bei diesen sowohl eine zu frühe wie eine 
zu späte Operation die bedenklichsten Folgen haben kann. 

„Wo soll ferner amputirt werden?" Nach Rust: „An jeder Stelle 
des Gliedes, gleichviel ob sie in oder ausser dem Gelenke, höher oder 
tiefer in der Kontinuität des Knochens liegt, welche als die geeig- 
netste für den Hauptzweck und für die Bequemlichkeit des Kranken 
beim nachherigen Gebrauche des Stumpfes erscheint." Er bespricht 
dann den Streit zwischen den Anhängern der Exartikulationen und 
der Amputationen und giebt schliesslich seiner Ueberzeugung dahin 
Ausdruck, dass keine der beiden Methoden unbedingt zu empfehlen, 
noch gänzlich zu verwerfen sei, sondern dass man nach der Ver- 
schiedenheit des Falles bald der einen, bald der anderen den Vorzug 
geben müsse. 

„Wie soll amputirt werden? So, dass der Zweck der Operation 
so vollständig als möglich und zugleich mit der grossmöglichsten 
Schonung des Kranken erreicht wird." 

Die nöthigen Erfordernisse hierzu sind: ein guter Amputations- 
apparat, ausreichende Assistenz, zweckmässige Vorbereitung des Kranken 
und eine passende Operationsmethode. 

Nachdem Rust sich noch über die allgemeinen Regeln, nach 
welchen die Amputationen auszuführen sind, näher ausgelassen hat, 
schildert er die einzelnen Operationsmethoden nach ihrer geschicht- 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 18. Heft. Ol 



— 322 — 

liehen Entwickelung, ihrer Ausführung und nach ihrem therapeutischen 
Werthe. Er bespricht in dieser Weise den Cirkel-, den Lappen- und 
den Trichterschnitt, sowie die einzelnen Modifikationen dieser Ope- 
rationsarten und beantwortet zum Schluss die Frage, welche von 
diesen Methoden die beste sei, dahin, dass keine weder ganz ver- 
worfen noch ausschlussweise vorgezogen werden könne, sondern jede 
in besonderer Beziehung zu dem Subjekte, dem Orte, dem Lokal- 
leiden und selbst zu den Aussenverhältnissen ihre Vorzüge vor allen 
übrigen habe. 

Was endlich die Frage der Nachbehandlung anbelangt, so ist 
nach ihm eine solche die erfolgreichste, „die nicht blos auf die gegen- 
wärtige Verletzung allein, sondern auch auf das früher bestandene 
Leiden gerichtet ist, welches die Amputation erforderte, und welches 
in seinen Folgen für den Organismus noch längere Zeit fortbesteht, 
wenngleich das Substrat desselben plötzlich entfernt wurde". Wie 
es Fälle giebt, bei welchen eine sofortige Vereinigung der Amputa- 
tionswunde angezeigt ist, so ist anderseits in einer ganzen Anzahl 
von Fällen das Gegeutheil, ein mehr oder weniger langes Offenhalten 
der Wundränder, durchaus nothwendig. 

„Eine langjährige Erfahrung, sagt Rust (Seite 582), hat mich gelehrt, dass 
alle diese Bemühungen, die Wunden genau zu vereinigen, dieses Trachten nach 
dem eitlen Ruhme, seine Amputirten so schnell als möglich zu entlassen, theils 
das Verderben einer grossen Zahl von Amputirten nach sich ziehen, theils zu 
nichts führende Künsteleien sind." 

Diesem allgemeinen Theil folgt eine spezielle Schilderung der 
Amputationen und Exartikulationen der einzelnen Gliedmassen, indem 
stets zuerst die Vorbereitung zur Operation, sodann diese selbst be- 
sprochen wird. Bei der Beschreibung der Operationen selbst giebt 
Rust zunächst eine historische Darstellung, worauf er die einzelnen 
Operationsverfahren, ihre Erfinder und ihre Vor- und Nachtheile an- 
führt. 

Auch verschiedene von ihm selbst erfundene oder modifizirte 
Methoden finden wir hier angegeben, so eine Methode der Exartiku- 
lation der Hand unter Bildung eines dorsalen und volaren Lappens, 
der Exartikulation der Finger und Zehen in den Mittelhand-Finger- 
und Mittelfuss-Zehengelenken vermittelst eines hinteren Lappens, der 
Exartikulation der Finger und Zehen in ihren Gelenkverbindungen 
unter sich — kleiner vorderer und grösserer hinterer Lappen — 
sowie eine Methode der Amputation des Penis. — 

„Die Aufsätze aus dem Gebiete der Medizin, Chirurgie 
und Staatsarzeneikunde" erschienen in 3 Bänden 1834, 1836 



— 323 — 

und 1840. Das Werk ist dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm ge- 
widmet, welchem Rust zugleich warme Worte des Dankes für seine 
kurz vorher erfolgte Ernennung zum Leibarzt ausspricht. 

Er betrachtet, wie aus dem Vorworte hervorgeht, diese Schrift, 
welche sowohl aus älteren, bereits in verschiedenen Zeitschriften zer- 
streut veröffentlichten, als auch aus vielen bis dahin ungedruckt ge- 
bliebenen und zum Theil auch neu verfassten Artikeln besteht, als 
sein „ärztliches Vermächtniss und Glaubensbekenntnisse dessen Ueber- 
lieferung er, als das Resultat einer 34jährigen Erfahrung, der ärzt- 
lichen Welt schuldig zu sein glaubt. 

Die beiden ersten Bände enthalten eine Schilderung seines „Ver- 
fahrens am Krankenbette im Wiener allgemeinen Krankenhause", wo- 
bei jedoch auch meistens seine nachherigen Behandlungsmethoden und 
Heilgrundsätze beschrieben werden. 

Rust giebt im 1. Bande zunächst eine summarische Uebersicht 
der im Wiener Krankenhause behandelten Kranken und der daselbst 
verrichteten Operationen, und zwar sind dort vom 1. November 1810 
bis Ende Mai 1815 3889 Kranke behandelt und 415 wichtigere Ope- 
rationen von ihm persönlich ausgeführt worden. 

Es folgen dann die einzelnen Krankheiten, die er folgender- 
massen eintheilt: 

Erste Abtheilung: die primär-dynamischen Abweichungen von 
der normalen Organisation, und zwar: I. Krankheiten mit vorwaltender 
Anomalie der vegetativen Thätigkeit. Das sind: a) Entzündungen, 
b) Eiterungen, c) Missbildungen, d) Afterbildungen (Gewächse bezw. 
Geschwülste), e) Produkte anormaler Absonderungen, f) Desorgani- 
sationen oder Entartungen des Parenchyms, g) chronische Hautaus- 
schläge, h) Kachexien, i) brandige Zustände. 

Von besonderem Werthe sind seine über die Behandlung der 
Abscesse gemachten Ausführungen, indem er einem grossen Einschnitte 
vor einem kleinen Einstich oder vor der Eröffnung mit dem Causticum 
lebhaft das Wort redet. 

Den Schluss des ersten Bandes bilden Abhandlungen über „Magne- 
tismus und das magnetische Treiben in Wien", „über den Einfluss der 
Diät und des diätetischen Regimes auf Kranke" und „über den klini- 
schen Unterricht." 

Der zweite Band enthält: IL Krankheiten mit vorwaltender 
Anomalie der Nerventhätigkeit, und zwar: a) Lähmungen, b) toxische 
Krämpfe; III. Krankheiten mit vorwaltender Anomalie der Kontraktiv- 
und Expansivkräfte, und zwar: a) Kontrakturen, b) Relaxationen. 

Ferner die zweite Abtheilung: die primär-mechanischen Ab- 

21* 



— 324 — 

Weichlingen von der normalen Organisation, das sind : I. Krankheiten 
mit vorwaltender Anomalie organischer Gebilde: a) Vorfälle, b) Brüche 
(Hernien), c) Verstauchungen, d) Verrenkungen; IL Krankheiten mit 
vorwaltender Anomalie des Zusammenhangs organischer Gebilde: 
a) Quetschungen, b) Wunden, c) Beinbrüche. 

Im Anhang des zweiten Bandes finden sich noch Bemerkungen 
über Findelhäuser, Wasserscheu, Schutzkraft der Vaccine u. a. 

Der dritte Band enthält eine Zusammenstellung von Aufsätzen 
und Abhandlungen, welche Rust bereits früher in den verschiedensten 
Zeitschriften veröffentlicht hatte. 

Es sind dies: 

1. Die Medizinal- Verfassung Preussens, wie sie war und 
wie sie ist (Berlin 1838). 

2. Zur Würdigung der verschiedenen Methoden der Behandlung 
und Ausrottung parasitenartiger Geschwülste und Auswüchse im 
Allgemeinen und der Wirksamkeit der Aetzmittel insbesondere. 

3. Ueber die Heilkraft der methodischen Quecksilberein- 
reibungen in syphilitischen und nichtsyphilitischen Krankheiten. 

4. Beobachtungen über Wunden der Luft- und Speiseröhre in 
Bezug auf ihre Behandlung und ihr Letalitätsverhältniss. (Rust be- 
schreibt zwei von ihm selbst beobachtete Fälle von Durchtrennung 
der Luft- und Speiseröhre, von welchen einer einen günstigen Aus- 
gang nahm.) 

5. Einiges über die Cholera. — Ein Sendschreiben Rust 's an 
Freiherrn Alexander von Humboldt (1832). — 

Von diesen Schriften nun muss besonders die zuerst genannte: 
„Die Medizinal-Verfassung Preussens, wie sie war und 
wie sie ist", unser Interesse im höchsten Grade in Anspruch 
nehmen, einmal, weil sie uns sowohl über die früheren wie über die 
zu Rust 's Zeit bestehenden preussischen Medizinal- Einrichtungen volle 
Aufklärung giebt, sodann, weil wir durch sie über die Thätigkeit 
und die Verdienste Rust's als Staatsbeamter auf diesem Gebiete auf's 
Eingehendste unterrichtet werden. 

In der Einleitung erklärt Rust, dass er zur Herausgabe dieser 
Schrift durch die Angriffe veranlasst worden sei, welche von ver- 
schiedenen Seiten, so von dem Generalarzt Wasserfuhr in dessen 
„Gutachtlicher Aeusserung über einige Gegenstände der preussischen 
Medizinal-Verfassung, Stettin 1837", gegen ihn und gegen die oberste 
Behörde des Medizinal- Wesens in Bezug auf dessen Neuorganisation 
im Jahre 1825 gemacht worden waren. 

Der erste der beiden Theile, in welche die Arbeit zerfällt, han- 




WM/M 

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Was s erfuhr. 



— 325 — 

delt von den der Medizinalverwaltung im Staate gestellten Aufgaben 
und ihrer Lösung. 

Die nächste Augabe jeder Medizinal-Verwaltung muss die sein: 
„Für das Leben und die Gesundheit der Staatsbürger Sorge zu tra- 
gen". Diese Aufgabe schliesst in sich: „Die Sorge für die Bildung 
tüchtiger Medizinalpersonen". Dazu bedarf es wieder medizinischer 
Unterrichtsanstalten, von welchen wir die Universitäten (zur Bildung 
wissenschaftlicher Aerzte, Chirurgen und Geburtshelfer), die medizi- 
nischen Schulen — medizinisch-chirurgischen Lehranstalten, Chirurgen- 
schulen, Pepinieren — (zur Bildung ärztlicher Praktiker und ärzt- 
licher Gehülfen für das Heer, kleine Städte und das Land), Heb- 
ammenschulen, Thierarzneischulen, Apothekerschulen u. a. besitzen. 
Durch Medizinal- und Arzneitaxen werden die Medizinalpersonen und 
Apotheker vom Staate in ihren Rechten geschützt, und es wird da- 
durch der Pfuscherei nach Möglichkeit gesteuert. 

Der Inbegriff aller dieser Einrichtungen und Anordnungen heisst 
„Medizinal-Ordnung", in welcher wiederum die Polizei der Medizin 
aufs engste verbunden ist. Ihr Zweck ist 1. die öffentliche Ge- 
sundheitspflege, 2. die öffentliche Krankenpflege. Dazu kommt noch 
als 3. Theil die „gerichtliche Medizin", welche drei Theile zusammen 
dann die „Staatsarzeneikunde" oder „das Staatsmedizinalwesen" in 
sich begreifen. 

Rust bespricht hierauf die Un Vollkommenheiten, welchen diese 
drei Theile in den verschiedenen Staaten unterliegen, indem er be- 
hauptet, dass Preussen sich von ersteren noch am meisten frei ge- 
halten habe, und erörtert dann die Aufgaben der Medizinal-Verwaltung 
im Allgemeinen, welche nach ihm „einen in allen seinen einzelnen 
Theilen vereinigten, in sich abgeschlossenen und unabhängigen Verwal- 
tungszweig im Staate bilden soll, der von sachkundigen Händen ge- 
handhabt wird." 

Er kommt damit zum zweiten Theil seiner Schrift, welcher „den 
Organismus der preussischen Medizinal-Verfassung nebst einem Rück- 
blick auf deren früheren Zustand" schildert. 

Im Jahre 1574 setzte Kurfürst Johann Georg eine Arzeneitaxe 
für die kurfürstlich-brandenburgischen Lande fest, auch führte er eine 
Apotheken- Visitation ein. Ueber ein Jahrhundert später, 1685, er- 
liess Kurfürst Friedrich- Wilhelm das erste Medizinal-Edikt und er- 
richtete eine besondere oberste Medizinal-Behörde, das Collegium 
medicum; sein Nachfolger, Kurfürst Friedrich III. bestätigte das Edikt 
(siehe den I. Theil). 

Im Jahre 1724 wurde vom König Friedrich Wilhelm I. in jeder 



— 326 — 

Provinz ein Collegium medicum errichtet, ferner das in Berlin vor- 
handene in ein Obercollegiurn mit einem Staatsminister an der Spitze 
umgewandelt und durch ein 1725 neuerlassenes Medizinal-Edikt als 
oberste Sanitätsbehörde des Landes eingesetzt. In dem Edikt wurde 
die ärztliche Praxis streng in eine äussere und eine innere getrennt 
und die Ausübung der letzteren von der Promotion abhängig gemacht. 

Das 18. Jahrhundert brachte keine wesentlichen Fortschritte auf 
dem Gebiete des Medizinalwesens. 

Was nun die medizinischen Unterrichtsanstalten Deutschlands an- 
betrifft, so gab es im 18. Jahrhundert ausser den medizinischen 
Fakultäten der Universitäten nur eine Anstalt, auf der man sich 
medizinisch-chirurgische Kenntnisse verschaffen konnte, das Collegium 
medico-chirurgicum in Berlin (1724 zur Ausbildung von Armeechirurgen 
errichtet und 1809 aufgelöst, worauf 1811 an seine Stelle die medi- 
zinisch-chirurgische Akademie für das Militär trat). Von den Kranken- 
häusern war damals auch ..nicht viel Rühmenswerthes" zu berichten, 
speziell nicht von der 1726 errichteten Charite, welche nach Rust 
— auch noch zu seiner Zeit — „mehr einem Zufluchtsorte für Vaga- 
bonden und liederliches Gesindel, als einem anständigen Bürger- 
krankenhause glich". Auch in ihrem Wirken als praktische Lehr- 
anstalt, wozu sie ausdrücklich geschaffen war, bot sie nur sehr Mangel- 
haftes, indem beispielsweise der klinisch-chirurgische Unterricht bis 
1817 lediglich darin bestand, dass der erste dirigirende Wundarzt 
zweimal wöchentlich die äussere Station mit den zum Krankendienst 
dorthin kommandirten militärärztlichen Zöglingen durchging und die 
letzteren unter seiner Aufsicht die etwa nöthigen Operationen machen 
liess. Rust giebt hierauf eine weitere historische Entwickelung der 
Organisation und der amtlichen Verhältnisse der administrativen Be- 
hörden selbst. 

Das Obercollegiurn medicum, mit welchem das gleichzeitig be- 
stehende Collegium sanitatis 1799 zum Obercollegiurn medicam et 
sanitatis vereinigt worden war, wurde 1809 aufgelöst und eine be- 
sondere Medizinalsektion im Ministerium des Innern gebildet. Diese 
isolirte Stellung der Medizinalsektion wurde jedoch 1810 bereits wieder 
aufgehoben und die Sektion mit der allgemeinen Polizei vereinigt, bis 
1814 die Medizinalangelegenheiten wieder dem Ministerium des Innern 
unmittelbar zugetheilt wurden. 1817 wurden sie dem neugebildeten 
Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten 
unterstellt bis 1825, wo die polizeiliche Verwaltung des Sanitäts- 
wesens dem Ministerium des Innern, die technisch-wissenschaftliche 



— 327 — 

Abtheilung dem Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinal- 
Angelegenheiten überwiesen wurde. 

Dies war nach Rust ein grosser Fehler, indem das Medizinal- 
wesen ganz und ungetheilt entweder dem einen oder dem anderen 
Ministerium hätte zugewiesen werden müssen. 

Im Jahre 1825 kam dann die bereits oben erwähnte Neuorgani- 
sation der Medizinalverfassung, zu welcher die von Rust mit rast- 
loser Energie und im Verein mit Hufeland, Langermann, Formey, 
von Wiebel u. A. betriebenen Vorarbeiten bereits 1810 begonnen 
hatten, zu Stande. Die Reformen, als deren geistiger Urheber in 
erster Linie also Rust anzusehen ist, erstreckten sich 1. auf das 
Medizinalpersonal, 2. die ärztlichen Bildungsanstalten, 3. die ärztlichen 
Prüfungen, 4. das Militär-Medizinalwescn, 5. auf die Krankenhäuser 
und sonstigen Anstalten. 

Die zunächst das Medizinalpersonal betreffenden Veränderungen 
bestanden vor Allem in einer neuen Klassifikation. 

Bis 1825 waren folgende Kategorien von Medizinalpersonen im 
preussischen Staate vorhanden : 1 . Promovirte praktische Aerzte, 
welche die innere Praxis überall ausüben durften; 2. promovirte prak- 
tische Aerzte und Operateure, die sogenannten Iatrochirurgen, welche, 
nur gering an Zahl, zur Ausübung der inneren und äusseren Heil- 
kunde berechtigt waren; 3. praktische Aerzte (die sogenannten Licen- 
tiaten), welche die gleichen Rechte wie die promovirten Aerzte und 
Wundärzte hatten, nur dass sie nicht wie erstere den Doktortitel be- 
sassen; 4. Stadtwundärzte in Städten über 6000 Einwohner; 5. Land- 
wundärzte auf dem Lande und in kleineren Städten, letztere beide 
Kategorien nur zur rein chirurgischen Praxis berechtigt (nur wenn 
kein praktischer Arzt an ihrem Niederlassungsort war, durften sie 
auch innere Kuren ausführen); 6. Militärärzte, welche nach Absolvi- 
rung des Armeekursus keine Approbation als Aerzte oder Wundärzte, 
sondern nur eine Licenz zur Ausübung der Zivilpraxis erhielten; 
7. Zahnärzte; 8. Hebammen; 9. Thierärzte und 10. Apotheker. 

Unter dem 28. Juni 1825 wurde nun durch Allerhöchste Kabinets- 
ordre auf Vorschlag des Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und 
Medizinalangelegenheiten folgende neue Klassifikation des Heilpersonals 
bestätigt: 

1. Promovirte praktische Aerzte, welche entweder innere 
Aerzte und Chirurgen zugleich oder nur Aerzte für innere Kuren (die 
sogenannten Medici) waren. Erstere waren im militärärztlichen Dienst 
zu den oberen ärztlichen Stellen vom Regimentsarzt an aufwärts 
berechtigt. 



— 328 — 

2. Wundärzte erster Klasse, nicht promovirte Mediko-Chir- 
rurgen, welche sowohl die innere wie die äussere Praxis ausüben 
durften, erstere jedoch nur in solchen Orten, in welchen keine pro- 
movirten Aerzte vorhanden waren. Sie mussten die nöthigen Schul- 
kenntnisse haben, jedenfalls soviel Latein verstehen, dass sie die 
Pharmakopoe übersetzen und ein Rezept verschreiben konnten. Später, 
seit 1836, mussten sie die Reife für Sekunda besitzen. Ferner hatten 
sie ein 3 jähriges medizinisch-chirurgisches Studium zu absolviren oder 
sie mussten nach 2 Jahren Studiums noch 2 Jahre als Hülfswund- 
ärzte im Zivil oder beim Militär gedient und dann das Approbations- 
examen bestanden haben. Diese Wundärzte 1. Klasse waren speziell 
für kleine Städte und das Land bestimmt, um dem dortigen Aerzte- 
mangel abzuhelfen. Später, 1837, wurde ihnen die Niederlassung in 
grossen Städten, wo schon promovirte Aerzte waren, überhaupt unter- 
sagt. Die als Kreischirurgen und Bataillonsärzte angestellten Wund- 
ärzte konnten auch die innere Praxis treiben. In der Armee konnten 
sie Bataillons-, Garnison- und Gouvernementsstabsärzte, in der Zivil- 
verwaltung Kreischirurgen, Distriktsarmenärzte, Assistenzärzte an 
Krankenhäusern werden. 

3. Wundärzte zweiter Klasse. Diese mussten entweder 
die durch das Medizinal-Edikt von 1725 vorgeschriebenen Lehr- und 
Servisjahre absolvirt oder als Hülfs Wundärzte in der Armee wenigstens 
3 Jahre gedient oder einen dreijährigen Kursus an einer medizinisch- 
chirurgischen Lehranstalt durchgemacht haben. Ausserdem war eine 
Prüfung durch das Medizinalkollegium nothwendig. Sie waren nur 
zur Ausführung kleinerer chirurgischer Eingriffe und Hülfeleistungen, 
jedoch zu keiner grösseren Operation berechtigt. Die Ausübung der 
inneren Praxis war ihnen streng untersagt, jedoch war ihnen die 
Niederlassung sowohl in den Städten wie auf dem Lande unbenommen. 

Was ferner die Neuorganisation in Bezug auf die ärztlichen 
Bildungsanstalten anbetrifft, so wurden besondere medizinisch-chirur- 
gische Lehranstalten geschaffen, und zwar die erste in Münster, welcher 
später solche in Breslau, Magdeburg und Greifswald folgten. Sie 
hatten die spezielle Aufgabe, tüchtige Wundärzte für das platte Land 
und die kleinen Städte zu schaffen, welchen Zweck sie nach Rust 
auch in reichstem Masse erfüllt haben. 

An Stelle des alten, ziemlich milden Prüfungs- Verfahrens trat ein 
neues strenges Prüfungsreglement, und zwar bekamen seine Be- 
stimmungen in gleicher Weise für die an den Universitäten Studi- 
renden wie für die Zöglinge der militärärztlichen Bildungsanstalten 



— 329 — 

Gültigkeit, sodass dadurch eine Gleichstellung beider Arten von Stu- 
direnden erreicht wurde. 

Die Vortheile dieser Reorganisationen der Medizinal-Verfassung 
waren nun nach Rust folgende: 1. Das Land und die kleinen Städte 
erhielten besser ausgebildete Wundärzte, 2. die Doktorwürde gewann 
wieder eine grössere Bedeutung, 3. wurde durch die Einführung- 
strengerer Prüfungen und durch die Verbesserung des medizinischen 
Unterrichts unter den Studenten ein eifriges Streben angeregt, 4. ist 
dadurch auch eine Verbesserung für die Militär-Medizinal-Verwaltung . 
erzielt worden. „Es haben die Militärärzte nämlich," schreibt Rust 
S. 115, „sowohl in wissenschaftlicher als auch in praktischer Hin- 
sicht eine umfassendere Bildung erhalten, sodass die Regimentsärzte 
der jetzigen und die der alten Zeit — einzelne Ausnahmen abge- 
rechnet — kaum mit einander zu vergleichen sind, und dieser höhere 
Bildungsgrad hat sich dann auch auf ihre Stellung sowohl im gemein- 
samen ärztlichen als auch im amtlichen Militär- und Zivilverhältnisse 
vortheilhatt für sie reflektirt." 

Rust wendet sich dann gegen den ihm von gegnerischer Seite 
gemachten Vorwurf, dass Hufeland an den Vorberathungen nicht 
theilgenommen habe, indem er dessen in dieser Angelegenheit zu den 
Akten des Ministeriums gegebenes Votum wörtlich wiedergiebt. Dies 
Votum lautet (Seite 121): 

„Ich stimme dem Vorschlage des Herrn Geheimen Ober-Medizinal-Rath Rust 
ganz und in allen Punkten bei, da sie dieselben Grundsätze enthalten, die ich 
schon im Jahre 1810 aktenmässig ausgesprochen habe, und von denen nach 
meiner Meinung allein eine richtige Stellung und Einrichtung des Medizinalwesens 
zu erwarten ist. Besonders zweckmässig finde ich die Beibehaltung der Ab- 
theilung und des Namens Aerzte und Chirurgen, jede Klasse in 2 Graden, um das, 
was in sich selbst begründet ist und ewig bleiben wird, auch offiziell zu bezeichnen, 
nämlich den Heilkünstler, wo die innere Praxis und den, wo die äussere operative 
vorherrscht (Medico-Chirurgus und Chirurgo-Medicus), obwohl beide Heilkünstler, 
Aerzte, sein müssen. Auch wird hierdurch der einmal angenommene Unterschied 
beibehalten und ganz besonders die ständige Verlegenheit, in die uns die Militär- 
Chirurgen setzen, aufgehoben." 

Hierauf sucht Rust im Einzelnen die Einwendungen, welche man 
gegen die Zweckmässigkeit der Klassifikation gemacht bat, zu 
widerlegen. 

Er erörtert zuerst die Behauptung seiner Gegner, dass die Me- 
dizin und Chirurgie schon längst vereinigt gewesen sei, und dass es 
nur Aerzte geben müsse, welche beide Zweige der Heilkunde praktisch 
auszuüben vermöchten. 

Rust ist der Ansicht, dass diese Vereinigung vor 1825 in Preussen 
offiziell noch nicht bestanden habe und führt als Beweis hierfür das 



— 330 — 

von Formey über die neue Eintheilung abgegebene Urtheil an. Wenn 
eine Vereinigung der Medizin und Chirurgie dagegen seit 1825 wirk- 
li«h eingetreten sei, so sei dies gerade der Neuorganisation zu ver- 
danken, denn die Aerzte würden seitdem in beiden Zweigen geprüft 
und müssten in beiden Zweigen befriedigende Kenntnisse nachweisen. 
Eust glaubt, dass es nicht möglich sei, nur Aerzte zu haben, 
die in beiden Disziplinen gleich völlig ausgebildet wären, und drückt 
dies mit folgenden Worten aus (Seite 132): 

„Gesetzt aber auch, es wäre möglich (was, meiner Ueberzeuguug nach, nie 
der Fall sein wird) jede Medizinalperson ohne Ausnahme zu einem ebenso tüch- 
tigen Arzte als Wundarzte heranzubilden, gleichsam aus jedem Klotz einen 
Merkur zu zimmern, so war es doch weder bei Einführung der neuen Ordnung, 
noch ist es in diesem Augenblick, wo die sich immer mehr ausbreitende Vereini- 
gung der Medizin so grosse Fortschritte gemacht hat, an der rechten Zeit, ein 
Gesetz zu geben, das nur Aerzte im vollen Umfange des Wortes (Jatro-Chirurgi 
und Chirurgiatri) anerkennt, da man durch Patente und Machtsprüche weder 
Aerzte zugleich zu Chirurgen noch Chirurgen zu Aerzten stempeln kann." 

Einen zweiten Vorwurf, dass durch die neue Gesetzgebung die 
Zahl der ärztlichen Praktiker vermehrt werde, weist er damit zurück, 
dass durch die neu eingeführte Verlängerung des medizinischen Stu- 
diums von 3 auf 4 Jahre und durch die Aufstellung strengerer Prü- 
fungsbestimmungen gerade das Gegentheil beabsichtigt worden sei. 
Wenn trotzdem der Andrang zum Studium der Medizin zunähme, so 
sei das eben eine Folge der allgemeinen Ueberfüllung aller Stände. 

Speziell ungerechtfertigt sei der Vorwurf, dass durch die Ein- 
führung der Wundärzte erster Klasse und durch die Errichtung der 
medizinisch-chirurgischen Lehranstalten, der sogenannten Chirurgen- 
schulen, die Zahl der ärztlichen Praktriker wie des Medizinalpersonals 
überhaupt so stark vermehrt worden sei. 

Eine ebenfalls von seinen Gegnern behauptete Ueberfüllung der 
Städte finde allerdings statt, aber dies sei mehr die Folge einer schon 
im Jahre 1808 erlassenen Kabinetsordre, wonach die Approbationen 
für den ganzen Staat und nicht mehr wie früher für einzelne Städte 
bezw. Orte Gültigkeit hatten. Um dieser Ueberfüllung zu steuern, wäre 
1813 eine Kabinetsordre ergangen, dass die Wundärzte 1. Klasse sich 
nicht in Orten niederlassen dürften, in welchen schon praktische Aerzte 
vorhanden wären. Die Gesetzgebung hätte durch die Schaffung dieser 
Wundärzte ja gerade die Absicht gehabt, mit ihnen, als gut ausgebil- 
deten und unterrichteten Aerzten das vernachlässigte platte Land und 
die kleinen Städte zu versorgen. 

Den ferneren Einwand gegen die Einführung der Wundärzte 
I. Klasse überhaupt sucht Rust damit zu wiederlegen, dass es ge- 



— 331 -^ 

lehrte und blos praktische Aerzte gäbe und geben müsse. Auch sei 
ihre Einführung keine Neuschaffung, sondern sie seien lediglich an 
Stelle der ehemaligen, nicht promovirten Aerzte (Licentiaten) getreten. 

„Der Unterschied besteht nur darin, dass jene Licentiaten weder Chirurgen 
hiessen noch es zugleich waren und hinsichtlich ihrer praktischen Gerechtsame 
ganz gleiche Rechte mit den promovirten Aerzten genossen, was bei den Chirurgen 
erster Klasse keineswegs der Fall ist. Ebenso waren und sind die früheren Armee- 
kursisten und unsere früheren Obermilitärärzte jeder Kategorie, der Mehrzahl nach, 
de jure et de facto nichts weiter als Wundärzte erster Klasse (nicht promovirte, 
praktische Aerzte); deshalb wird ihnen aber niemand eine wissenschaftliche 
Bildung und noch weniger eine praktische Tüchtigleit, die sich mit der eines jeden 
rite promoti messen kann, absprechen. Das blosse Amt, dass sie bekleiden, kann 
ihnen diese Tüchtigkeit wohl nicht verleihen und noch weniger der Titel, „Aerzte", 
den sie gegenwärtig führen, denn auch sie wurden früher sämmtlich Chirurgen 
genannt." 

Es gäbe demnach in Preussen, abgesehen von den Wundärzten 
2. Klasse, nur zweierlei Aerzte, nämlich promovirte und nicht pro- 
movirte Aerzte. 

Seine persönliche Meinung über die Wundärzte erster Klasse hat 
dann Rust noch (im § 81) zu folgenden interessanten Ausführungen 
veranlasst. : 

„Wer die Wundärzte erster Klasse für meine Schosskinder hält, irrt sich sehr. 
Immer und überall habe ich einer höhern wissenschaftlichen Ausbildung das 
Wort geredet, und nichts klingt wohl lächerlicher, als wenn man grade mir den 
Vorwurf macht, einem rohen Empirismus gehuldigt zu haben, mir, von dem alle 
Anträge ausgingen, welche höhere Anforderungen in Bezug auf schulwissen- 
schaftliche Vorbildung, einen erweiterten Umfang des medizinischen Studiums und 
strengere Prüfungen für alle Klassen des Heilpersonals, desgleichen eine Be- 
schränkung der nur zu liberalen Vertheilung der Doktorwürde an nicht genügend 
wissenschaftlich Ausgebildete bezweckten. Wer mich und meine stete Tendenz, 
den Geist der Wissenschaftlichkeit in allen ärztlichen Institutionen möglichst zu 
heben und zu verbreiten, näher kennt, wird mich gerechter beurtheilen. Gerade 
nur, um der Nothwendigkeit zu entgehen, eine Menge ungelehrter Aerzte in die 
Welt zu senden und um die unbeschränkten Befugnisse und Prärogative, die nur 
dem gelehrten Stande geziemen, ihm erhalten und nicht an Unwürdige über- 
tragen zu sehen, sind die Wundärzte erster Klasse geschaffen worden. Sie sind 
daher, wie Dr. Koch sich richtig ausdrückt, nur ein Nothbehelf und nicht be- 
rufen, mit den Aerzten in Konkurrenz zu treten oder die erste Klasse der Medizinal- 
personen noch zu vergrössern, sondern ihre Thätigkeit fängt erst da an, wo die 
der wissenschaftlich gebildeten Aerzte aufhört. Diesen Wirkungskreis aber finden 
sie nur auf dem Lande, und ihre unbedingte Verweisung dorthin wird am besten 
lehren, wie lange der preussische Staat nicht blos zur Besetzung der Kreischirurgen, 
Distrikts- und Bataillonsarztstellen sondern auch behufs der Krankenpflege dieses 
ärztlicheu Aushülfspersonals, das bisher in der That segensreich wirkte, auch noch 
ferner bedürfen wird, oder ob dasselbe auch auf dem Lande durch höher quali- 
ficirte Medizinalpersonen sich je wird ersetzen und somit gänzlich entbehren lassen, 



— 332 — 

woran ich jedoch schon aus den oben angeführten Gründen (§ 80, Seite 176) sehr 
zu zweifeln mir erlaube. Würden diese Zweifel dereinst erledigt, und gelänge es 
mit der Zeit wirklich, die Stellen der heutigen "Wundärzte erster Klasse überall 
mit Aerzten zu besetzen, die nicht nur ebenso praktisch tüchtig wie jene sind, 
sondern auch noch wissenschaftlich viel höher stehen, so würde ich — meinem 
Wahlspruch: Stets nach dem Besten und Höchsten zustreben! getreu — mich 
darüber ebenso freuen, als ich mich heute freue — und mir zum Verdienste an- 
rechne, es mitbewirkt zu haben — die Landchirurgen aus ihrem angemassten 
Wirkungskreise durch die höher gebildeten befähigten Wundärzte erster Klasse 
schon grösstentheils verdrängt zu sehen." 

Zum Schluss bespricht Rust die Stellung der Wundärzte 
zweiter Klasse und die gegen ihre Schaffung gemachten Einwen- 
dungen. 

Nach dem Gesetze sind sie vorzugsweise zur Ausübung der so- 
genannten kleinen Chirurgie bestimmt, und nur in Ausnahmefällen, 
wenn keine promovirten Aerzte oder Wundärzte 1. Klasse vorhanden 
sind, dürfen bezw. müssen sie grössere chirurgische Eingriffe selbst- 
ständig vollziehen und auch bei inneren Erkrankungen im Nothfalle 
die erste ärztliche Hülfe leisten. 

Rust wendet sich hierauf zum Schluss gegen den von Medi- 
zinalrath Fischer-Erfurt gemachten Vorschlag der Wiedereinführung 
der Dorfbarbiere als einer dritten Klasse von Wundärzten. Er ist 
der Ansicht, dass die Wundärzte 2. Klasse die Dorfbarbiere völlig 
überflüssig machen, besonders wenn man sie gesetzlich zwingt, sich 
hauptsächlich auf dem Lande und in kleineren Städten niederzulassen. 
Ebenso steht es mit der von anderer Seite vorgeschlagenen Anstellung 
von Hülfschirurgen, von nur halb unterrichteten und ungeprüften 
Heilgehülfen, wodurch man nur dem Pfuscherthum im höchsten Grade 
Vorschub leisten würde. 

Wenn wir nun auch, von unserem jetzigen Standpunkte aus, 
einen Theil dieser von Rust bewirkten Neuorganisation des preussi- 
schen Medizinalwesens und zwar insbesondere die Einführung der Wund- 
ärzte erster und zweiter Klasse, sowie die Errichtung der medizinisch- 
chirurgischen Lehranstalten als einen eigentlichen Fortschritt zu be- 
trachten nicht in der Lage sind, so können wir uns doch andererseits 
wohl dem harten Urtheil des bereits oben erwähnten Generalarztes 
Wasserfuhr über diesen Gegenstand nicht ganz anschliessen. 
Letzterer sagt nämlich am Schlüsse seiner „Gutachtlichen Aeusserung 
über einige Gegenstände der preussischen Medizinalverfassung, Stettin 
1837": 

„Segen hat die neueste Periode der preussischen Medizinal -Verfassung 
wahrlich nicht gebracht. Wühl aber muss jeder preussische Arzt mit Betrübniss 



— 333 — 

gestehen, class unsertn sonst so rüstig fortschreitenden Medizinalwesen durch eben 
jene Periode ein unendlicher Nachtheil zugefügt worden ist, und dass eine folgende 
obere Verwaltung Mühe genug haben wird, in den verworrenen finstern Knäuel 
wieder Ordnung und Licht hereinzubringen." 

Eher möchten wir uns dann noch zu der Ansicht des Professors 
Wen dt- Breslau bekennen, welche dieser in einer Schrift „Ueber die 
wissenschaftliche Bildung und bürgerliche Stellung der Aerzte und 
Wundärzte mit Bezug auf Preussens Medizinal- Verfassung. 1839" 
ausspricht. Wen dt vertheidigt hierin die medizinisch-chirurgischen 
Lehranstalten und die Wundärzte erster Klasse, welche letztere er 
jedoch, wie es ja auch zuletzt Rust's Streben war, höher ausgebildet 
sehen will. Auch das neue Prüfungsreglement findet in ihm einen 
warmen Vertheidiger, was ihn zum Schluss noch zu folgenden inter- 
essanten Ausführungen veranlasst (S. 46): Doch genug über den un- 
gerechten Tadel, welchen das Prüfungsreglement von so vielen Seiten 
erfahren hat. Es ist eine Arbeit von Rust und daher kein Wunder, 
dass sie soviele Anfechtungen fand. Dieser Mann gehört in seinem 
Wirken der Geschichte, und diese wird gerechter über ihn urtheilen, 
als ein Theil seiner Zeitgenossen. Auf ihn findet eine Stelle in 
Goethe's „Westöstlichem Divan" ihre volle Anwendung: 

„Solang' der Tüchtige lebt und thut, 

Möchten sie ihn gerne steinigen, 

Ist er hinterher aber todt, 

Gleich sammeln sie grosse Spenden, 

Zu Ehren seiner Lebensnoth 

Ein Denkmal zu vollenden." — 

Unter den übrigen im 3. Bande der „Aufsätze und Abhandlungen" 
befindlichen Schriften ist noch sein Sendschreiben an den damals in 
Paris lebenden Alexander von Humboldt: „Einiges über die 
Cholera" von grösserem Interesse. 

Rust beantwortet 3 Fragen Humboldt's: erstens, wie man es 
in Berlin mit den Schutzmassregeln hält, wenn Cholerakranke in 
Privathäusern behandelt werden, zweitens ob man noch Dampfbäder 
mit Nutzen anwendet, und drittens ob er die Krankheit noch für kon- 
tagiös hält. 

Die Schutzmassregeln bei der Behandlung in Privathäusern be- 
stehen nach Rust in strenger Wohnungssperre und gründlicher Des- 
infektion der Wohnungen und ihrer Bewohner nach Ablauf der 
Krankheit. 

Die zweite Frage beantwortet er dahin, dass im ersten Stadium 
die Anwendung der Wärme, im zweiten, dem asphyktischen Stadium, 
eher die Kälte indicirt ist. 



— 334 — 

Bezüglich des dritten Punktes ist er der Ansieht, dass die 
Cholera kontagiös sei, und zwar führt er als Beweis hierfür Folgen- 
des an: 

Die Cholera verbreitet sich ganz wie eine kontagiöse Krankheit; 
sie überzieht nicht, wie es miasmatische Krankheiten thun, ganze 
Länderstriche nach einer bestimmten Richtung, sondern sie springt 
über weite Strecken hinweg. 

Sie bindet sich an kein Klima, keinen Boden, keine Witterung; 
auch lässt sie sich absperren. 

Ferner lässt sich die Ansteckung von Person zu Person in sehr 
vielen Fällen feststellen, und ist schliesslich auch ein "Wiederauftreten 
der Krankheit an Orten, wo sie bereits geherrscht hat, mehrfach 
beobachtet worden. 

Diese Anschauung Rust's von der Kontagiösität der Cholera 
wurde von den Anhängern der Miasmen-Lehre aufs Heftigste bekämpft, 
indem verschiedene diesbezügliche Gegenschriften veröffentlicht wurden. 
Es waren dies unter anderen „Freimüthige Beleuchtung des 
Benehmens der Berliner verordnenden Kontagionisten, von 
einem reisenden Choleraarzte"; ferner „Beleuchtung des Send- 
schreibens, die Cholera betreffend, von Dr. Vetter, in Ueber- 
einstimmung mit mehreren praktischen Aerzten Berlins. 1832", und 
„Ueber die Kontagiösität der Cholera. Bemerkungen zu dem 
Sendschreiben Rust's an Alexander von Humboldt", von Dr. Hirsch, 
praktischem Arzt in Königsberg i./Pr. 1832. — 

Weniger ergiebig als auf dem Gebiete der Litteratur hat sich 
Rust in der Erfindung bezw. Verbesserung von chirurgischen Instru- 
menten und Bandagen bewiesen. 

Dies mag daher kommen, dass er sowohl in seinen Schriften, 
wie in seinen Vorträgen als Universitätslehrer wiederholt geäussert 
hat, dass der wahre Künstler sich stets durch Einfachheit des Handelns 
und der Instrumente vor dem minder erfahrenen auszeichne. 

Von den von ihm erfundenen Instrumenten sind zu erwähnen: 
eine Staarnadel, Staarmesser. Steinschnittmesser. Mastdarmfistelmesser, 
Bruchschnittmesser, Aneurysmanadel, Unterbindungspincette, verbesser- 
tes englisches Feldtourniquet, Amputationssäge und Brenneisen. 



Litteratur. 

Mursinna. C. L., der Jubelgreis. Berlin 1811. 

Gurlt, E.. Die Kriegschirurgie der letzten 150 Jahre in Preussen. Rede, gehalten 
zur Feier des Stiftungstages der militärärztl. Bilduugsanstalten. Berlin 1875. 



— 335 — 

Schickert, Die militärärztlichen Bilclungsanstalten von ihrer Gründung bis zur 
Gegenwart, Pestschrift. Berlin 1895. 

Mursinna, C. L., Schilderungeines Wundarztes in einer bei seiner Einführung 
ins Lehramt gehaltenen Rede. Berlin 1787. 

Derselbe, Beobachtungen über die Ruhr nebst einem Anhange über die Faul- 
fieber. Berlin 1780. Desgl. 2 Auflage. 1787. 

Derselbe, Berichtigung des Sendschreibens von Hagen in Berlin. 

Derselbe, an Stark in Jena über 2 schwere Geburtsfälle. Berlin 1791. 

Derselbe, Abhandlung von den Krankheiten der Schwangeren, Gebärenden 
Wöchnerinnen und Säuglinge. 2. Auflage. Berlin 1792. 

Derselbe, Medizinisch-chirurgische Beobachtungen. 2. Auflage. Berlin 1796. 

Derselbe, Neue medizinisch-chirurgische Beobachtungen. Berlin 1796. 

Derselbe, Journal für Chirurgie, Augenheilkunde und Geburtshilfe, 1800 — 12 
und dessen Fortsetzung: Neues Journal für Chirurgie pp. 1803 — 05 und 
1815—17. 

Derselbe, 1. Geschichte der preussischen Chirurgie im 18. Jahrhundert. 2. Ueber 
die Vereinigung der Medizin mit der Chirurgie. 3. Die alte und neue 
Chirurgie. Reden , gehalten zur Feier des Stiftungstages der militär- 
ärztlichen Bildungsanstalten. Berlin 1804, 09 und 11. 

Arnemann, Magazin, 1797. (1 Bd. 3 Stück.) 

Stark, J. L., Archiv, 1797. (5 Bd. 1 Stück.) 

Loder, Journal für die Chirurgie 1797 — 99. 

Goercke, J. 1. Zeichnung und Beschreibung eines künstlichen Arms (Hand- 
schrift). 2. Abbildung verschiedener chirurgischer Instrumente, 1785. 

Derselbe, Kurze Beschreibung der bei der K. Preussischen Armee stattfindenden 
Krankentransportmittel für die auf dem Schlachtfelde schwer Verwundeten. 
Berlin 1814. 

Hacke, v. und Goercke, Publikandum. Neisse 1813. 

Preuss, J. D. E., Goercke's Leben und Wirken, geschildert bei Gelegenheit 
seiner 50jährigen Dienstjubelfeier am 16. Oktober 1817. 

Derselbe, Goercke's 50jährige Dienstjubelfeier. Berlin 1818. 

Derselbe, Das Königlich Preussische Friedrich-Wilhelms-Institut zuBerlin. 1819. 

Hermbstädt, S. F., Einige Worte am Tage der 50jährigen Dienstjubelfeier des 
Herrn J. Goercke. Berlin 1817. 

Bernstein, J. G.. Geschichte der Chirurgie vom Anfange bis auf die jetzige 
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Kluge, C, Die Entwickelung des Friedrich-Wilhelms-Instituts. Rede, gehalten 
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Rohlfs, Die chirurgischen Klassiker Deutschlands. Leipzig 1883. 

Rust, J. N., Helkologie oder über die Natur, Erkenntniss und Heilung der Ge- 
schwüre. Wien 1811 und 2. Auflage Berlin 1812. 

Derselbe, Einige Beobachtungen über die Wunden der Luft- und Speiseröhre. 
Wien 1815. 

Derselbe, Arthrokakologie oder über die Verrenkung durch innere Bedingungen, 
Wien 1817. 

Derselbe, Die ägyptische Augenentzündung unter der K. Preussischen Besatzung 
in Mainz. Berlin 1820. 

Derselbe, Magazin für die gesammte Heilkunde. Berlin 1816—44. 



— 336 — 

Rust, Theoretisch- praktisches Handbuch der Chirurgie 1830 — 36. 

Derselbe, Einiges über die Cholera, ein Sendschreiben an Alexander von 
Humboldt. Berlin 1832. 

Derselbe, Aufsätze und Abhandlungen aus dem Gebiete der Medizin, Chirurgie 
und Staatsarzneikunde. Berlin 1834, 36 und 40. 

Derselbe, Die Medizinal-Verfassung Preussens, wie sie war und wie sie ist. 
Berlin 1826. 

Derselbe, Personal-Akten, Ministerium der geistlichen Unterrichts- und Medi- 
zinalangelegenheiten . 

Wen 'dt, J. Rust 's Verdienste um die Chirurg. Lehranstalten. (Rede.) 1842. 

Wasserfuhr, Ansicht über das preussische Medizinalwesen. Stettin 1839. 

Gurlt -Hirsch, Biographisches Lexikon hervorragender Aerzte aller Zeiten. 
Wien und Leipzig 1885 — 88. 

Graefe, C. P. v., Angiectasie, ein Beitrag. Leipzig 1808. 

Derselbe, Der salinische Eisenquell in Selkethal am Harz. Leipzig 1809. 

Derselbe, Normen für die Ablösung grösserer Gliedmassen. Berlin 1812. 

Derselbe, Die Kunst sich vor Epidemien zu bewahren. Ein Rathgeber anTorgau's 
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Derselbe, Repertorium augenärztlicher Heilformeln. Berlin 1817. 

Derselbe, Jahresbericht über das klinisch-chirurgische augenärztliche Institut 
der Universität zu Berlin für die Jahre 1817- — 19, 21—32. 

Derselbe, Rhinoplastik oder die Kunst, den Verlust der Nase organisch zu er- 
setzen. Berlin 1818. 

Derselbe, Journal der Chirurgie und Augenheilkunde. Berlin 1820—43. 

Derselbe, Die epidemische kontagiöse Augenblennorrhöe Aegyptens in den 
Europäischen Befreiungsheeren. Berlin 1823. 

Derselbe, Die Waffenbahre. Berlin 1824. 

Derselbe, Jahrbücher für Deutschlands Heilquellen und Seebäder (gemeinsam 
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Derselbe, Die Gasquellen Süd-Italiens und Deutschlands. Berlin 1842. 

Michaelis, C. von Graefe in seinem 30jährigen Wirken für Staat und Wissen- 
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Benedict, Einige Worte über die Amputation in Kriegsspitälern. Ein Send- 
schreiben an Graefe. Breslau 1814. 

Richthofen, von, Die Medizinaleinrichtungen des Königlich Preussischen Heeres. 
I. Thei'l 1836. 

Stromeyer, Erinnerungen eines deutschen Arztes. Hannover 1875. 

Bernstein, Chr., Bruchstücke aus dem Leben Johann Gottlieb Bernstein's. 
Prankfurt a/M. 1836. 



Druck von L. Schumacher in Berlin. 



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ä/ä complcl bekleidete Zelt von. der äu/scrai Seüe. 

das Zelt ohne Bekleidung. 

dertrnmdrifs des Zeltes nebst Lagcrstellsn, für die Kranken*, 
n die Midien. 

E der Grwidi-i/s des Zeltes nebst den MaueJtgängen. 
F das Zelt oon /unten- gesehen, . 
g die Feuerhcerde . 
h dieJtanchc/ärige.. 

-l die Sdwr/isteinc oder Aaszüge des Rauches . 
k die Abtritte für- die Aranken . 
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Irrvfthttf aus dem (irbuir ,1,'sMilü :<uai in !•.,!• /KJ/r/'t - 




Verüffenll.aus dem Gebiete des Milit. Sanitätern, IS.Jleft . 



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Veröl TenlLaas dem Gebiete des Milib.Sardtätsro., IS.Hefi. 



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Verlag von August Hirschwald in Berlin. 

(Durch alle Buchhandlungen zu beziehen.) 
Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Militär-Sanitätswesens. 

Herausgegeben von der Medicinal- Abtheilung des Königl. preussischen 
Kriegsministeriums. 

1. Heft. Historische Untersuchungen über das Einheilen und Wandern 
von Gewehrkugeln von Stabsarzt Dr. A. Köhler, gr. 8. 1892. 80 Pf. 

2. Heft. Ueber die kriegschirurgische Bedeutung der neuen 
Geschosse von Geh. Ober-Med.-Rath Prof. Dr. von Bardeleben, gr. 8. 

1892. 60 Pf. 

3. Heft. Ueber Feldflaschen und Kochgeschirre aus Aluminium 
bearbeitet von Stabsarzt Dr. Plagge und Chemiker G. Lebbin. gr. 8. 

1893. 2 M. 40. 

4. Heft. Epidemische Erkrankungen an acutem Exanthem mit 
typhösem Charakter in der Garnison Cosel von Oberstabsarzt Dr. 
Schulte, gr. 8. 1893. 80 Pf. 

5. Heft. Die Methoden der Pleischconservirung von Stabsarzt 
Dr. Plagge und Dr. Trapp, gr. 8. 1893. 3 M. 

G.Heft. Ueber Verbrennung des Mundes, Schlundes, der Speise- 
röhre und des Magens. Behandlung der Verbrennung und ihrer Folgezustände, 
von Stabsarzt Dr. Thiele, gr. 8. 1893. 1 M. 60. 

7. Heft. Das Sanitätswesen auf der Weltausstellung zu Chicago 
bearbeitet von Generalarzt Dr. C. Grossheim. gr. 8. Mit 92 Abbildungen. 
1893. 4 M. 80. 

8. Heft. Die Choleraerkrankungen in der Armee 1892 bis 1893 und 
die gegen die Cholera in der Armee getroffenen Massnahmen bearbeitet von 
Stabsarzt Dr. Schumburg. gr. 8. Mit 2 Abb. im Text und 1 Karte. 1894. 2 M. 

9. Heft. Untersuchungen über Wasserfilter von Oberstabsarzt Dr. 
Plagge, gr. 8. Mit 37 Abbildungen. 1895. 5 M. 

10. Heft. Versuche zur Feststellung der Verwerthbarkeit Röntgen'scher 
Strahlen für medicinisch-chirurgische Zwecke, gr. 8. Mit 23 Ab- 
bildungen. 1896. 6 M. 

11. Heft. Ueber die sogenannten Gehverbände unter besonderer 
Berücksichtigung ihrer etwaigen Verwendung im Kriege von Stabsarzt Dr. Coste. 
gr. 8. Mit 13 Abbildungen. 1897. 2 M. 

12. Heft. Untersuchungen über das Soldatenbrot von Oberstabsarzt 
Dr. Plagge und Chemiker Dr. Lebbin. 1897. 12 M. 

13. Heft. Die Preussischen und Deutschen Kriegschirurgen und 
Feldärzte des 17. und 18. Jahrhunderts in Zeit- und Lebensbildern 
von Oberstabsarzt Prof. Dr. A. Köhler. Mit Portraits und Abb. 1898. 12 M. 

14. Heft. Die Lungentuberculose in der Armee. Bearbeitet in der 
Medicinal-Abtheilung des Königlich Preussischen Kriegsministeriums. Mit 
2 Tafeln. 1899. 4M. 

15. Heft. Beiträge zur Frage der Trinkwasserversorgung von 
Oberstabsarzt Dr. Plagge und Oberstabsarzt Dr. Schumburg. Mit 1 Taf. 
und Fig. im Text. 1900. 3 M. 

16. Heft. Ueber die subkutanen Verletzungen der Muskeln von 
Dr. Knaak. 1900. 3 M. 

17. Heft. Entstehung, Verhütung und Bekämpfung des Typhus 
bei den im Felde stehenden Armeen. Bearbeitet in der Medicinal-Abthei- 
lung des Königlich Preussischen Kriegsministeriums. Zweite Auflage. Mit 
1 Tafel. 1901. 3 M. • 



Druck von L. Schumacher in Berlin. 



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RD 331 P95 C.1 v.2 

Die Kriegschirurgen und Feld arzte Preus 



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