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Full text of "Musologie. Systematische übersicht des entwickelungsganges der sprachen, schriften, drucke, bibliotheken, lehr-anstalten, literaturen, wissenschaften und künste, der bibliographie und des literarhistorischen studiums"

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K/ 



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MÜSOLOGIE. 



SYSTEMATISCHE ÜBERSICHT 

DES 

ENTWICRELUNGSGANGES 

DKK 

SPRACHEN, SCHRIFTEN, DRÜCKE, BIBLIOTHEKEN, LEHR- 
ANSTALTEN, UTERATÜREN, 

WISSENSCHAFTEN UND KÜNSTE, 

DKR 

BIBLIOGRAPHIE UND DES LITERAmilSTORISCIIEN STUDIUMS. 



VON 

KABL FBIEDBICH MEBLEEEB. 




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LEIPZIG 7 

F. A. BROCK TI AUS. 
1857. 



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Vorrede. 



Die allgemeine oder Culturgeschichte erfasst den 
Menschen nach allen Lebensrichtiingen in Staat und 
Kirche, mithin den physischen und psychischen, und 
letzteres bedeutet hier den politischen, moralischen 
und intellectuellen Menschen. 

Ein wesentlicher Theil der Culturgeschichte ist 
die Musologie, welche den intellectuellen oder 
scientifischen Menschen zum Gegenstande hat. Folglich 
ist Musologie diejenige Wissenschaft, welche in syste- 
matischer Ordnung und historischer Reihenfolge mit 
den Uterarischen Erzeugnissen und wissenschaftUchen 
Leistungen der Menschen, also mit der Gesammtheit 
der in Sprache, Schrift und Druck vorhaÄdfenew Gelßtöi*^ 
erzeugnisse, bekannt macht, ganz abges^^ *tr<9il dem. 

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sachlichen und formellen Unterschied dbru&W)^. ^ ' ' 

Dieser Unterschied begründet sofort (die Unter- 
scheidung zwischen originellen oder ursprünglichen, 
unmittelbar aus der schöpferischen Kraft des mensch- 
lichen Geistes hervorgegangenen und zwischen den 



d 



VI Vorrede. 

secundären [oder doctpinären, durch die erstem be- 
dingten und an sie anknüpfenden Geisteserzeugnissen. 
Die erstem lassen sich der Kürze wegen die posi- 
tiven, die letztern dagegen die negativen Lei- 
stungen benennen. 

Daraus folgt, dass die Musologie nach zwei Rich- 
tungen hin ihren Weg einzuschlagen und ihre Aufgabe 
zu lösen hat, indem sie einerseits die Literatur, 
andererseits die durch jene veranlasste Gelehrsam- 
keit so vollständig, als es nur irgend gelingen mag, 
nachweisen muss; da wir unter dieser doppelten' Be- 
zeichnung alle diejenigen geistigen Schöpfungen oder 
Werke der Menschen zu verstehen haben , welche durch 
das doppelte Medium der Sprache und der Schrift oder 
des Drucks zur sinnlichen Erscheinung gebracht wor- 
den sind. 

Dieses Doppelgebiet stellt sich in dem vorliegen- 
den Buche dem Auge auch äusserlich dar, als Text 
und Anmerkung, oder als Geschichte und Biblio-^ 

• tr •••'•*.. . 

... jlrngteic^mässiger Berechtigung zu dieser Zweithei- 

ItÜig*l^«Wf;:wie es scheint, eine andere Vertheilung 
*ägöKgäri2:eil "Materials in drei Bücher, unter denen 
das erste, den allgemeinen Theil umfassend, von 
d« Vorbereitung und Ausbildung des Menschen 
handelt, oder die Möglichkeit nachweist, einst auf dem 



Vorrede. VII 

Doppelgebiet der Literatur und Gelehrsamkeit sowol 
zu eigenen als auch zur Orientirung über vorangegan- 
gene Leistungen befähigt zu werden. Dieses Buch 
nenne ich daher nach eigener Terminologie und mit 
einer eigenthümlich gebildeten vox hybrida, der man 
aber die Bedeutung augenblicklich anhört, Koino- 
doktologie xmd handle in derselben in fünf Oapiteln 
von der Sprache (Phonologie) , der Schrift (Graphologie), 
dem Druck (Typologie) , den Büchern und Büchersamm- 
lungen (Bibliologie) und von den Bildungsanstalten 
(Studiologie , Grammatologie , Mathematologie). 

Dieses ganze Buch gehört eigentlich der zweiten 
Hälfte jenes Doppelgebiets an, indem es weniger mit 
der originellen als vielmehr mit der doctrinären Intel- 
lectualität des Menschen zu thun hat, sich daher nicht 
sowol mit der Literatur als vorzugsweise mit der Ge- 
lehrsamkeit beschäftigt. 

Das zweite Buch ist als das mittlere von dreien 
zugleidi der eigentliche Kern meiner Arbeit, um des- 
willen auch die beiden andern entstanden sind; sie 
umlagern gleichsam den Stamm wie Sätzlinge, das 
Original als weitverzweigte, aber menschlicher Bil- 
dungsföhigkeit gleichwol zugängliche , auch erreich- 
bare Abdrücke. 

Hier ist die Rede von den Nationalllteraturen 
der culturhistorischen Völker nach gewissem Mass xmd 



Vni Vorrede. 

mit noth wendiger Beschränkung; denn auf einem so 
umfassenden Grebiete der Cultur und bei so reichhal- 
tigem Stoffe der Leistung kann es bei einem päda- 
gogisch gehaltenen Grundriss natürlich nur auf 
die Darstellung der literarischen Hauptmomente, nur 
der bedeutendsten Volker und deren wichtigste Schrift- 
steller und Schriften abgesehen sein. 

Dieses Buch fuhrt, bei meinem Streben nach 
prägnanter Bezeichnung, die ich vielleicht weniger 
glücklich als manche Franzosen erreicht habe, den Titel 
Ethnodoktologie und gehört seinem Hauptinhalte 
nach der Originalität scientifischer Leistungen , also der 
eigentlichen Literatur, an und sondert sich deshalb mit 
strenger Abscheidung in den literarhistorischen Text 
imd die bibliographischen Anmerkungen. Seine drei 
ünterabtheilungen behandeln die Literaturen der Orien- 
talen, der classischen Völker und der Occidentalen; 
letztere wiederum nach den drei hervortretenden 
Sprachkreisen des romanischen, germanischen und 
slawischen Terrains. 

Das dritte Buch bietet den angewandten 
Theil oder die eigentlich sogenannte Gelehrsam- 
keit, insofern in demselben die scientifischen Lei- 
stungen der Literarkoryphäen für die Wissenschaften 
und die freien Künste abgehandelt werden. Es ist 
gleichsam der Nützlichkeitstheil und deshalb für ihn die 



Vorrede. IX* 

Bezeichnung Chresimodoktologie gewählt. Er ist 
gleichmässig positiv und negativ, eine Vereioigung des 
Schaffens und der Doctrin, ein Oomplex der Gründer der 
Wissenschaft und Kunst, wie der Förderer derselben. 
Seine beiden ünterabtheilungen ergeben sich von selbst, 
die eine als eigentliche Wissenschaftslehre oder Epi- 
stematologie, die andere als Literatur der Kunst, 
zur Vermeidung des Misverständnisses nicht Kunstlehre, 
sondern Kalotechnologie geheissen. 

Wenn nun aus dem Ganzen und speciell aus dem 
Bestreben, Systeme der Wissenschaften und Künste 
hinzustellen, die historische Festhaltimg eines Systems 
deutlich vor die Augen tritt, so wird man den Titel 
des Werks, Musologie, gerechtfertigt finden, da es 
mehr bietet als eine Geschichte der Literatur 
oder Gelehrsamkeit, indem es beide Rich- 
tungen zu vereinigen sucht. 

Eine Eintheüung in Perioden, wie man sie an ge- 
schichtlichen Werken gewohnt ist, war hier unzweck- 
mässig, zumal da jedes Oapitel eine eigene Periodisirung 
seines Stoffs in Anspruch nahm. 

Fragt man endlich nach Absicht und Zweck dieser 
Schrift, so ist Beides in wenigen Worten dargelegt. 
Gross ist der Umfang der von mir so genannten positiven 
Gelehrsamkeit und mindestens zehnfach so gross der 
Complex der sogenannten negativen. Gleichwol bleibt 



\ 



X Vorrede. 

es wünschenswerth , dass jeder Gebildete, namentlich 
jeder Studirende, sich eine allgemeine Uebersicht des 
menschlichen Wissens zu verschaffen suche, um sich 
auf dem orbis doctrinae richtig zu orientiren. Diese 
Möglichkeit soll das vorliegende Werk vermitteln , und 
ich werde mich freuen , wenn mein Wunsch durch meine 
Leistung einigermassen erfüllt wird. 

Königsberg in Pr., am 29. Decbr. 1856. 



Erklärung der abgekürzten Vornamen. 



A. 

A., Augnst. 

Ab., Abel. 

Abr., Abraham. 

Ad., Adam. 

Adf., Adolf. 

Adlb., Adalbert. 

Adr., Adrian. 

Agst., Angnstin. 

Alb. , Albr. , Albert, 

Albrecht. 
Alf., Alfons. 
Alfr., Alfred. 
Alo., Aloys. 
Alx., Alexander. 
Alxi. , Alexias. 
Amad. , Amadens. 
Ambr., Ambrosius. 
And., Andreas. 
Ang., Angelus. 
Ans., Anselm. 
Ant., Anton. 
Ar., Arthur. 
Am., Arnold. 
Ath., Athanasins. 

B. 

Bk., Barkard. 
Bd., Benedict. 
Bf., Bonifacius. 
Bhd., Bernhard, Bern- 
hardin. 
Bj., Benjamin. 
Bm., Bartholomäus. 
Br., Bruno. 
Bas., Basilius. 
Bt., Baptist. 
Btd., Bartold. 
Bths., Balthasar. 

C. 

Caj., Cajetan. 
Cam., Camillus. 



Ch., Christian. 
Chli., Christlieb. 
Cl. , Claudius. 
Clm., Clemens. 
Com., Cornelius. 
Cp., Christoph. 

D. 

D., David. 
Di., Dionys. 
Dm., Dominicas. 
Dn., Daniel. 
Dt., Dietrich. 
Dtl., Detlev. 

E. 

£., Ernst. 
Ebb., Eberhard. 
Ed., Eduard. 
Edm., Edmund. 
Em., Emil. 
Erb., Erhard. 
Eug., Eugen. 
Eust., Eustachius. 
Ew., Ewald. 

F. 

F., Friedrich. 
Fchtg., Fürchtegott. 
Fd., Ferdinand. 
Fei., Felix. 
Fr., Franz. 

G. - 

G., Georg. 
Gbh., Gebhard. 
Gbr., Gabriel. 
Gf., Gottfried. 
Gh., Gerhard. 
Gbf., Gotthelf. 
Ghld., Gotthold. 
Gli., Gottlieb. 
Glo., Gottlob. 
Gsch., Gottschalk. 



Gst., Gustav. 
Gth., Günther. 

H. 

H., Heinrich. 
Hb., Hubert. 
Hg., Hugo. 
Hil., Hilarius. 
Hippol., Hippolyt, 
Hm., Hermann. 
Hrs., Hieronymus. 
Hs., Hans. 
Htm., Hartmann. 

r. 

Ign. , Ignatz. 
Im., Immanuel. 
Inn., Innocenz. 
Is., Isaak. 
Isid., Isidor. 

J. 

J., Johann. 
Jak., Jakob. 
Jer. , Jeremias. 
Jes., Jesaias. 
Jo., Joachim. 
Jon., Jonas. 
Jos., Joseph. 
Jth. , Jonathan. 
Jul., Julius. 
Just., Justus. 

K. 

K., Karl. 
Kas., Kasimir. 
Kp., Kaspar. 
Kr., Konrad. 
Kst., Konstantin. 

L. 

L., Ludwig. 
Lb. , Lambert , Lam- 
brecht. 



xn 



Erklärung der abgekürzten Vornamen. 



Lbr., Lebrecht. 
Ldf., Lndolf. 
Lhd. , Leonhard. 
Lp., Leopold. 
Lr., Lorenz. 
Luc, Lucas. 

M. 

M., Marcus. 
Mch., Michael. 
Mich., Melchior. 
Mr., Moritz. 
Mt., Martin. 
Mth., Matthäus. 
Mthi., Matthias. 
Mz., Maximilian. 

N. 

N., Nikolaus. 
Nth., Nathanael. 

O. 

O., Otto. 
Oct., Octayius. 
Osw., Oswald. 

P. 

P., Paul. 
Ph., PhiUpp. 
Phb., Phiübert. 
Psp., Prosper. 
Pt., Peter. 



Q. 

Q., Quintas. 

B. 

Rb., Robert. 
Reh., Richard. 
Rdf., Rudolf. 
Rhd., Reinhard. 
Rhld., Reinhold. 
Rmd., Raimund. 
Rpr., Ruprecht. 

S. 

Sal., Salomo. 
Sb., Sebastian. 
Sc, Scipio. 
Sev., Severin. 
Sgfr., Siegfried. 
Sgm., Sigmund. 
Sim., Simon. 
Sm., Samuel. 
St., Stephan. 
Stn., Stanislaus. 
Sylv., Sylvester. 

T. 

T., Titus. 
Tb., Tobias. 
Th., Thomas. 
Thb., Theobald. 



Thdd., Thaddäus. 
Thdr., Theodor. 
Thds., Theodosius. 
Thph., Theophilus. 
Tim., Timotheus. 
Trg., Traugott. 

U. 

U., Ulrich. 
XJrb., Urban. 

V. 

Val., Valentin. 
Vct., Victor. 
Vlkm., Volkmar. 
Vt., Veit. 
Vz., Vinzenz. 

W. 

W., Wilhelm. 
Wfg., Wolfgang. 
Wold., Woldemar. 
Wr., Werner. 
Wth., Walther. 
Wz., Wenzel. 

X. 

X., Xayer. 

Z. 

Z., Zacharias. 



Inhalt. 



Seite 

EiDleitang: Geschichte des literarhistorischen Studioms, §.4 — 4 .... 4 

Erstes Buch: Allgemeiner Theil. Vorbereitung nnd Ausbildung. 

Koinodoktologie, §.5 5 

Cap. 4. Phonologie, §. 6 — 44 5 

Cap. 2. Graphologie, §. 42 — 26 8 

Cap. 3. Typologie, §. 27 — 29 40' 

Cap. 4. Bibliologie, §. 30—36 47 

Cap. 5. Stndiologie. Grammatologie. Mathematologie, §. 36 — 56 22 
Zweites Buch: Besonderer Theil. Die Nationalliterataren. Ethno- 

doktologie, §. 57 46 

Erste Abtheilung: Orientalische Literaturen , §. 58. 59 46 

Cap. 6. Chinesen, §. 60 — 64 47 

Japanesen, §. 65 50 

Cap. 7. Inder, §. 66—76. (Thierfabeln, §. 75.) 54 

Cap. 8. Iranier, §. 77 — 84. (Literatur des Zendyolkes, §. 79.) ... . 57 
Cap. 9. Perser, §. 82 — 95. (Sieben Perioden nenpersischer Poesie 

. und Literatur, §. 84.) 60 

Cap. 40' Semiten, §. 96 — 403. (Syrisch, Chaldäisch, Punisch, Aethio- 

pisch, Koptisch, Armenisch, Georgisch.) 67 

Cap. 44. Araber, §.404 — 444. (Heidnische Zeit, §. 405. Islamitische 

Zeit, §. 406—444.) 72 

Cap. 42. Osmanen, §. 445 — 449 84 

Cap. 43. Hebräer, §. 420 — 427. (Die heilige Schrift Alten Testa- 
ments, §. 423.) 84 

Cap. 44. Juden, §. 428 — 437. (Neun Perioden, §. 428.) 88 

Zweite Abtheilung: Classische Literaturen, §. 438. 439 93 

Cap. 45. Umfang, §. 440. 444 94 

Cap. 46. Hellenen, §. 442—249 96 

I. Die mythische oder vorhomerische Periode, §. 446 98 




XIV Inhalt. 

Seite 
n. Die poetische Periode, §. 4 47 98 

a) Das epische Zeitalter, §. 4 48 — 4 59 99 

b) Das lyrische Zeitalter, §. 4 60. 4 64 4 04 

a) Elegische Dichtart, §. 462-— 469 405 

ß) lambische Dichtung , §. 470 4 07 

Y) Melische Poesie, §. 4 74 4 07 

m. Attische oder goldene Periode, §. 4 73 4 09 

a) Dramatische Poesie, §. 474 — 486 409 

b) Philosophie, §. 487—499 447 

c) Geschichte, §. 200 — 204 425 

d) Beredtsamkeit, §. 205—207 428 

IV. Alexandrinische Periode, §. 208 — 249 4 34 

Cap. 47. Romer, §.220 — 254. (Aelteste und bessere Zeit, §.225 fg.) 437 
Cap. 48. Doppeltes Sprachgebiet unter romischer Herrschaft bis zur 

Zerstörung des weströmischen Kaiserreichs, §. 252 — 

282 454 ^ 

Cap. 49. Byzantiner, §. 283 — 288 473 

Cap. 20. Neugriechen, §.289 — 292 475 

Cap. 24. Neuere Dichter in classischer Sprache, §. 293 — 295 .... 478 

Cap. 22. Das Neue Testiäneüt, §. 296—299 4 79 

Cap. 23. Patrologie, §. 300 — 306 484 

Dritte Abtheilung: Occidentalische Literaturen, §. 307. 308 .... 486 
Cap. 24. Ocoidentalisch- christliches Sprachgebiet, §. 309 — 346 ... 488 

Erster Kreis: Bomanische Literaturen, §. 347 492 

Cap. 25. Frankreich, §. 348 — 356. (Neun Perioden, §. 349.) ... 492 
Cap. 26. ItaUen, §. 357 — 37a. (Vier Perioden, §. 360.) ........ 245 

Cap. 27. Spanien, §. 374 — 390. (Vier , Perioden, §. 378 fg.) ... 226 
Cap. 28. Portugal, §. 394—398. (Vier Perioden,' §. 393 fg.) ... 234 

Daco- romanisch, §. 399 238 

Zweiter Kreis: Germanische Literaturen, §. 400 238 

Cap. 29. Grossbritannien, Irland und Nordamerika, §.404 — 446 239 

Viet Periöden der neuenglischen Literatur, §. 408 — 442. 

Die Bühne, §, 443—445. Prosa, §.446 244 

Cap. 30. Niederland, §. 447—422. (Thierepos, §. 449.) 249 

Cap. 34. Deutschland, §. 423 — 607. 253 

A. Aeltere Zeit bis auf die Hohenstaufen, 4452, §. 425 — 429 254 

B. Blüte der schwi^bischen Mundart unter den Hohenstaufen, 4 4 37 — 

4300, §.430 257 

4 ) Epische Poesie, §. 434 258 

a) Volksepos, §. 432 — 435 . . « 258 

b) Epos der Kirche, §. 436 264 



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lö'hftU. XY 

Seite 

c) Bomantisches Epos, §. 437 — 440 264 

d) Historisches Epos, §. 44f. 442 « 264 

2) Lyrische Poesie, §. 443 — 446 265 

3) Didaktische Poesie, §. 447 ...... - 267 

4) Prosaliteratur, §. 443 267 

C. Vom Untergange der Hohei^staufen bis zur Beformation, 4254 — 

4547 (4300 — 4500), §. 449—455 268 

D. Von Luther bis Opitz, 45Q0 — 4620, §. 456—464 273 

]e. Von. Opitz bis Gottsched, 4620—4720, §. 462—467 277 

F. Vom Wiederanfblühen der Sprache bis zu Lessing's Tode njad 

Herder's und Goethe's Auftreten, 47210 — 80, §• 468— 

482 282 

Classische Literatur, §. 473 fg. 287 

G. Neueste Zeit, seit 4780 (4770), §.483 296 

4) Die Friedenszeiten, 4770 (4780) — 4790 (4794), §. 484— 495 296 

2) Die Revolution, 4790 (^94) — 4844 (4843), §. 496 — 504 ... 305 

3) JHe Freiheitszeiten seit 4843, §. 502 — 507 .^308 

Cap. 32. Ska\idinavien, §. 508— 547 .' 344 

4) Isländische Literatur, '§.009 — 542 344 

2) Danische Literatur, §. 543—545 343 

3) Schwedische Literatur, §. 546. 547 344 

Dritter Kreis: Slawische Literaturen, §. 548. 549 345 

Cap. 33. Böhmen, §. 520 — 526. (Fünf Perioden, §. 524 fg.) 346 

Cap. 34. Serbien, §. 527 — 534. (Illyrisch. Albanisch.) 349 

Cap. 35. Polen, §.532 — 543. (Sechs Perioden. Galizisch. Krainisch.) 320 
Cap. 36. Bussland, £. 544 — 550. (Drei Perioden. Lettisch. Lithauisch. 

Wendisch.) 325 

Cap. 37. Ungarn oder Magyarenland,. §.554 — 555. (Zwei Perioden. 

Finnisch.) 330 

Drittes Buch: Angewandter Theil. Chresimodoktologie, §. 556 ... 334 

Brste Abtheilung: Epistematologie , §.557 334 

Cap. 38. System der Wissenschaft, §.558 — 560 335 

Cap. 39. Theologie, §. 564 —574 337 

Cap. 40. Historik, §. 572 — 582 346 

Cap. 44. Geographie, §.583 — 585 350 

Cap. 42. Naturwissenschaften, §. 586—598 352 

Cap. 43. Heilkunde, §. 599—608 359 

€ap. 44. Staatswissenschaften, §. 609 — 644 364 

Cap. 45. Kriegswissenschaften, §. 64 5 — 64 7 368 

Cap. 46. Bechtswissenschaft, §. 648 — 634 370 

Cap. 47. PhUosophie, §. 635 — 637 382 



I 



) 



XVI Inhalt. .? 

Seite .•> 
Cap. 48. Mathematik, §. 638 — 643 386 T 

Cap. 49. Linguistik nnd Kritik, §. 644—648 388 

Zweite Abtheilnng: Ealotechnologie, §. 649 392 

Cap. 50. System der Kunst, §. 650 — 653 392 

Cap. 6f. Poetik, §.654— 684. [4) Lyrik, §.657— 662. 2) Didaktik, 
§. 663 — 666. 3) Epik, §. 667—674. 4) Dramatik, 
§.672 — 678. Die deutsche Bohne, §. 678. Schauspiel- 
kunst, §. 679. Tanz, §. 680. Metrik, §. 684.] 395 

Cap. 52. Rhetorik, §.682— 686. (Philosophie der Sprache^ §.684.) 443 

Cap. 53. Musik, §. 687—689 446 

Cap. 54. Graphik, §. 690 — 692 448 

Cap. 55. Plastik, §. 693—696 420 

Cap. 56. Architektonik, §. 697—699 424 

Cap. 57. Anhang, §. 700 — 703. (Gymnastik und Tumkunst. Fecht- 

kunst. Reitkunst. Gartenkunst.) 427 

Nachträge , 429 

Register , 433 



•»■> 



Einleitungt 



Geschichte des literarhistorischen Studiums. 

§. 1. Jhiine systematische Bearbeitung der Literatur- 
geschichte kennt weder das Alterthiun noch das Mittelalter. 
Beide haben nur Vorarbeiten für eine solche Disciplin durch 
Lebensbeschreibungen (Biographien und Nekrologien) von 
Dichtern, Rednern, Philosophen u. s. w., durch Beurthei- 
lungen und Auszüge ihrer Werke. 

Den ersten Versuch machte zu Anfang des 16. Jahr- 
hunderts Polydorus Vergilius (f 1555), ein gelehrter Theolog 
zu Urbino K 

Eigentlicher Gründer der Gelehrtengeschichte ist Kr. 
V. Gesner aus Zürich (1516 — 65)*. 

Pt. Lambeck (Lambeccius, 1628 — 80) lehrte seit 1656 
an dem Gymnasium in Hamburg und war der Erste, der 
einen vielumfassenden, chronologisch geordneten Abriss der 
Literaturgeschichte herausgab ^. 

Anderweitige Bearbeiter der Literaturgeschichte sind 
Thm. Eeinesius (1587— 1667) *, G. Morhof (1639—91)% 
Pierre Bayle (1647 — 1 706) ^ , Häderich '^ , Heumann ®, 
J. Albr. Fabricius (1668—1736)«, J. And. Fabricius ^^ 
Nach Heumann's Plan, der sich durch Keichthum des Stoffs, 
glückliche Auswahl und reifes Urtheil auszeichnete, schrieb 
Bouginö sein ,Handbuch der allgemeinen Literaturgeschichte' 
1789. Ihm war Eeimann (1668 — 1743) als Begründer einer 
bessern Methode vorangegangen, indem er zuerst auf den 
Werth und Nutzen der Gelehrtengeschichte und Literatur- 
kenntniss aufmerksam machte, über Methode und Inhalt der 
einzelnen Werke und über die Verdienste ihrer Verfasser 
ein freies und ziemlich scharfes Urtheil abgab ^K Dagegen 
behaupteten Jöcher (1694— 1758) ^^ und Niceron (1685 — 
1738) ^3 blos den lexikalischen Standpunkt. 

Seit 1702 wurde Literaturgeschichte auf Universitäten g 

Mihlrkkr. 1 




4 



3 Einleitung. Geschichte des literarhistorischen Studiums. 

lehrt: in Greifswald von Lobetanz, in Halle von Gundlino-, 
in Jena von Stoll, in Altorf von Zeltner, in Königsberg 
von Nenfeld, in Rinteln von Bierling. 

1 De rerum inventoribus lib. III, 4499, das später mit drei Buchern 
De prodigiis vermehrt seit 46i4 viele Auflagen erlebte. — ^ Bibiiotheca 
universalis s. catalogus omnium scriptorum locupletissimus in tribus Unguis, 
graeca, latina et hebraica, exstantium etc., 4545. Vergl. Hanhart, Bio- 
graphie Gesner's, 4824. — ' Prodromus bist, literariae, 4659, 2. A. 4720. 
Lambeck*8 Leben, 4724. — * Eponymologicum. — & Polyhistor litera- 
rius, philosophicus, practicus, 4688, 4. A. 4747. — * Dictionnaire histo- 
rique et critiqne, neueste A. 4820; deutsch von Gottsched 4744 — 44. Bayle's 
Leben von Desm aizeaux , deutsch von Kohl 4731, Feuerbach 4 838. — 
7 Notitia auctorum antiqua et me<lia, 4709. — ® Conspectus reip. litera- 
riae, 4748. — ^ Lieferte 4705 — 8 seine Bibiiotheca graeca in 4 4 Bdn., 
fortgesetzt u. neu aufgelegt von Harless in 42 Bdn., 4790 — 4809. Seine 
Bibiiotheca latina 4697, neu herausg. von Ernesti 4773. Seine Bibiiotheca 
mediae et infimae aetatis, 4746 fg. Dazu ein Supplementband von Schöttgen 
4746, neue A. von Mansi 4754. Seine Bibiiotheca ecclesiastica, 4718, und 
BibÜographia antiquaria, 4743, neue A. 4760. — '^ Abriss einer allgem. 
Historie der Gelehrsamkeit, 4761 — 54. — *^ Versuch einer Einleitung in 
die Hist. literaria insgemein u. die deutsche insbesondere, 4708 — 4 3- Idea 
systematis antiquitatis literariae, 4748. — '^ Jöcher's Allgem. Gelehrten- 
lexikon, 4150, wurde von Adelung bis J 4784 — 87 und von Rotbrmdnd bis 
Äin 4840—22 ergänzt. — >^ Niceron*s Memoires pour servir a Thistoire 
des hommes illustres dans la repnblique des iettres, 4727 — 41, sind mit 
Anmerkungen u. Zusätzen von Hambach, Baumgarten u. Jani ins deutsche 
übersetzt, 4 '749— 77. 

§. 2. Geistreicher und philosophischer behandelten die 
Geschichte der Literatur die franzosischen Freunde Goguet 
(1718 — 58) und Pugere ^ ; femer der Italiener Denina 
(1731 — 1813)*, ohne jedoch jene Franzosen an Griindlich- 
keit und Selbständigkeit des Urtheils zu erreichen; sodann 
Laharpe (1739 — 1803) ', aber nicht ohne Parteilichkeit und 
Ungerechtigkeit. 

Als Theil der Geschichte der menschlichen Cultur wurde 
die Literaturgeschichte behandelt von Iselin (1728 — 82)% 
Ad. Ferguson (1724 — 1816), Henry Home ®, vorzüglich von 
Herder (1744— 1803)«. 

Besondem Ruhm haben sich um die Bearbeitung der 
allgemeinen Literaturgeschichte die Deutschen erworben, 
während andere Nationen mehr mit ihrer Nationalliteratur 
beschäftigt sind. Grross sind die Leistungen von J. F. L. 
Wachler (1767 — 1838) ^ und J. Gf. Eichhorn (1752—1827) «, 
^er zu Jena und Gottingen in öffentlichen Vorträgen mehr- 
mals die Geschichte der gesammten Literatur behandelt hatte, 
als er den Plan fasste zur Herausgabe einer Geschichte der 
Künste und Wissenschaften seit der Wiederherstellung der- 



Einleitung. Geschichte des Hlerarhibtorischen Studiums. 3 

selben, welche 1796 begann. Neben diesen fuhren wir noch 
an: Mensel (1743—1820)«, F. v. Schlegel (1772—1829) i^ 
und Heeren (1760—1842)". 

Die namhafteste Erscheinung auf diesem Felde in neuester 
Zeit ist das von J. G. Thdr. Grässe 1837 begonnene, aber 
noch nicht vollendete ,Lehrbuch der allgemeinen Literär- 
geschichte aller bekannten Völker der Welt von der ältesten 
bis auf die neueste Zeit', welches sich durch ausserordent- 
liche Belesenheit, Sammlerfleiss und Vollständigkeit aus- 
zeichnet, daneben aber schwerfällig in der Anordnung, 
mangelhaft in der Sichtung und Beurtheilung des Stoffs ist. 
Die , Allgemeine Geschichte der Literatur' von J. Scherr 
4851 bildet den sechsten Band der , Neuen Encyklopädie 
für Wissenschaften und Künste'. 

1 De i'origine des lois, des arts et des Sciences, et de leurs progr^s 
chez les ancicns penples, 1756, auch ins Deutsche u. Englische übersetzt. -— 
' Discorso sopra le vicende della letteratnra, 4761; deutsch von Seeher 
4785 — 87. Storia politica e letteraria della Grecia libera, 4 781 fg.; deutsch 
von Dau 4783 fg. Guide litt^raire, 4794 fg. — * Lyc^e, ou cours de littd- 
ratnre ancienne et moderne, 4 786 fg. Neueste Ausgabe von Buchon 4830. — 
* HiRZEL, Iselin's Denkmal, 4782. — * Lord Kaimes, 4696—4782; sein 
Leben von Woodhodsb, 4 807. — ^ Ideen zur Philosophie u. Gesch. der 
Menschheit, 478i — 94. 4. A. mit Ludbn*s Einleitung, 4841. Wahl, 
Versuch einer allgem. Gesch. der Literatur, 4787. — ^ Lehrte mit vielem 
Beifall an der Universität zu Breslau. Versuch einer allgem. Gesch. der 
Lit. , 4793. Handbuch der allgem. Gesch. d. literar. Cultur, 1804. Hand- 
buch d. Gesch. d. Lit. , 1804. Lehrbuch d. Literaturgesch., 1827. — ® Un- 
vollendet gebliebene Allgem. Gesch. d. Cultur u. Literatur des neuern 
Europa, 1796. Literargeschichte, 4799. Gesch. d. Literatur von ihrem 
Anfange bis auf die neuesten Zeiten, 4805 tg.^ unbeendigt. — ^ Gelehrtes 
Deutschland, fortges. von Ersgh u. Lindner, 4796 fg. Lexikon der von 
4750 — 1800 verstorbenen deutschen Schriftsteller, 4802 fg. Bearbeitung 
von Struve's Bibliotheca historica, 4782 fg. — '® Gesch. d. alten u. neuen 
Lit., 4845. — *' Gesch. des Studiums d. class. Lit. seit dem Wiederauf- 
leben der Wissenschaften, 4797 — 4802. 

§. 3. Die Biographen und Kritiker (Literarhistoriker) 
des Alterthums beginnen erst mit dem alexandrinischen Zeit- 
alter: Aristoteles und die Peripatetiker, Eallimachos, Strabo, 
Pausanias, Athenäos, Dionysios von Halikarnass, Diogenes 
von Laerte, Philoslratos, Plutarch, Eunapios, Ammonios, 
Suidas, Photios; die Romer Varro, Cicero, Cornelius Nepos, 
der ältere Plinius, Quintilian, Sueton, Gellius. 

Unter den Neuem lieferten Muster guter Biographien, 
abgesehen von den Autobiographen: 1) in Frankreich: 
Flechier, Fontenelle, Racine, Burigny, de Sade, Voltaire, 
Mallet, Boissy d' Anglas, Villemain^; — 2) in England: 

1* 



4 Einleitung. Geschichte des literarhistorischen Studiums. 

Middleton, Johnson, Murphy, Robertson, Th. Moore, Mar- 
shall, Southey, Wash. Irving 2; — 3) in Deutschland: 
Schröckh, Nicolai, Herder, Klein, Garve, Meissner, 
Niemeyer, Heeren, Dippold, Luden, Voigt, Drumann, 
Vamhagen von Ense, Droysen, Pertz u. A. ^. Der amerika- 
nische Plutarch von Sparks. 

1 Sammlangen von Michacd, 53 Bde., 48H fg., nebst Supplementen, 
Bd. 53 — 76, 4 832 fg., von Rabbe, Yibilh de Boispolin u. Sainte-Pbeutb 
4836. — * Biographia britannica, 1747 fg., von Watkins 4825, Longman 
4817 fg. — * Die Special! iteraturen u. Co nversations- Lexika (Brockhaus u. 
Pierer), Jöcher, die Nachträge zu Sulzer's Theorie der schönen Künste von 
Dtk, und Schutz,. Charakteristik der vornehmsten Dichter aller Nationen, 
4 792 fg. Meiners' Lebensbeschreibungen berühmter Männer. Erhard, Gesch. 
des Wiederaufblühens wissenschaftlicher Bildung u. s. w., 4 827 fg. üllmann, 
Reformatoren vor der Reformation n. s. w., 4 842. Eünstlerlexikon von Meusel 
4778 (neueA. 4808), Fössli 4779 (1810) u. Nagler 4835 fg. Schröder, 
Lexikon der hamburgischen Schriftsteller, 1854 fg. — Bei den Italienern 
65 Bde. Biografia universale antica e modema, von Ebiilio de Tipaldo 4844. 
Bei den Spaniern von Cardanbas und Pastor Diaz. Bei den Belgiern 
von Pawels db Vis 4844' Bei den Schweden Biographisk lexicon etc., 
1835. — WiGGERS, Ueber die Biographie, 4777. Jenisch, Theorie der 
Lebensbeschreibung, 4802. — Das zu erwartende Gelehrten- und Künstler- 
lexikon von Kesslin. 

§. 4. Die Nekrologien oder Todtenbücher stammen 
aus dem Mittelalter. Eine bedeutende Anzahl derselben ist 
in den Quellensammlungen deutscher Geschichten bei Lan- 
genbeck, Leibnitz, Mencken, Schannat, Schöttgen u. A. und 
in den Schriften mehrer historischer Vereine abgedruckt ^. 
In neuerer Zeit wählte zuerst Schlichtegroll (1765 — 1822)^ 
den Namen , Nekrolog' als Titel für seine Nachrichten von 
dem Leben merkwürdiger verstorbener Deutschen zwischen 
1790 — 1800, denen er den , Nekrolog der Deutschen für das 
49. Jahrhundert' folgen Hess. Daran fügte F. A. Schmidt 
den , Neuen Nekrolog der Deutschen', den seit dessen Tode 
der Verleger Bhd. F. Voigt fortsetzte ^. 

1 Wedekind, Ueber Nekrologien in s. Noten zu einigen Geschicht- 
schreibem des deutschen Mittelalters, 1823- — ^22 Bde., 1791—1801, 
nebst Supplementband 1798; ö Bde., 1802 — 6. — ^ Ilmenau Bd. 1 — 10, 
Weimar 1835—53, mit drei Registerbänden 1823 — 53. 



Erstes Boch. 

Allgemeiner Theil. 



Vorbereitung und Ausbildung. 
Eoinodoktologie. 

§. 5. JJer Uranfang des Menschengesclilechts, sein Aus- 
tritt aus thierischer Roheit oder kindlicher Unbefangen- 
heit, sein Uebertritt in die Selbsterkenntniss und in die 
Nothwendigkeit, von seinen Anlagen Gebrauch zu machen, 
sein erster Fortschritt zu wissenschaftlicher Ausbil- 
dung, liegt jenseits des Anfangs aller Geschichte. 

Bldbibnbach, De generis humani varietate nativa, 4776. Cüyibb, R^gne 
animal, 1817. Büffon, L'homme. Bort de St.- Vincent, L*homme, 3. A. 1836; 
deutsch 1837. Edwards, Des caract^res physiolog. des races humaines, 1839. 
pRiCHARD, Besearches into the physical history of mankind, 1837; deutsch von 
Wagner u. Will 1840 — 48. Lawrence, Lectures on physiology etc. of 
man, 1819. Kant, Muthmasslicher Anfang des Menschengeschlechts, Werke, 
Bd. 7. Schiller, Etwas über die erste Menschengeschichte, Werke, Bd. 10- 
Gfrörer, Urgesch. des menschl. Geschlechts, Bd. 2, 1855. Reiche litera- 
rische Nachweisangen in Druhann's Grandriss der Calturgeschichte , 1847» 
und Wachsmuth's Allgem. Culturgesch., 3 Thle., 1850 — 52. 



Erstes Capitel. 
Fhonologie. 

§. 6. Von den Mitteln des Menschen zur Aeusserung 
seiner Vemunftthätigkeit im Gesellschaftsleben ist die 
Sprache das edelste und fruchtbringendste. Sie beruht 
auf der Theilung und Begrenzung der Laute, oder auf der 
Articulation *. Das physische Sprachvermogen besitzen 
ausser dem Menschen auch die hohem Thierclassen ; aber 
sie drücken nur Empfindungen aus, der Mensch auch Ge- 
danken. Bei ihm ist Sprechen lautes Denken, wie Denken 
leises Sprechen. Eins kann ohne das Andere nicht bestehen. 






6 Erstes Buch, Koinodoktologie. 

Der Mensch muss sprechen, weil er denkt, nicht blos, weil 
der Verkehr mit Andern es erfodert*. 

> Oliyieb, Ueber die ürstoffe der menschl. Spr. , 1824. — * Wolf- 
gang VON Kempelen's ( 173 i — 4 804) Sprachmaschine , 4778. Üeber Mechanis- 
mus der menschl. Spr., 4794. Die Maschine durch Posch verbessert, 4828. 

§. 7. Die schwierige Frage über den Ursprung und 
Bildungsgang der Sprache hat man, bei der verschiede- 
nen Auffassung dieses dunkelsten Geheimnisses, auch auf 
verschiedenen Wegen zu losen versucht. Der Dogmatis- 
mus ^ nahm das Wunderwerk der Sprache als eine OflPen- 
barung des Schopfers an; dagegen wies der Skepticismus ^ 
das geistige Bedürfniss und den Organismus des Menschen 
für die Rede nach. Gleichwol kommt von Gott Sprach- 
vermogen und Sprachbedürfhiss ^. Verunglückt sind die 
Versuche*, das Hebräische als Urspradie nachzuweisen. 
Ausgemacht ist, dass alle Völker Sprache nicht nur be- 
sassen und besitzen, sondern auch, dass sie dieses Gut durch 
geistige Kraft entwickelt haben *. 

^ SüssMiLCH, Beweis, dass der Ursprung der Sprache von Gott sei, 
4767. Kruse 4827. — * Hebdbb, Ueber den Ursprung der Sprache, 
4772 u. 4789. Adelung 4781. Monboddo, On the origin and progress of 
language, 4775; deutsch von Schmidt 4784. — ' Dobsch, Philos. Gesch. 
der Sprache u. Schrift, 4794. — * Von Postbl 1538, Bochabt 4 646, Tho- 
MASius 4697, ScHMiTTHENNEB 4826. Lauth, Das vollständige Universal- 
Alphabet auf der physiologisch -histor. Grundlage des hebräischen Systems 
erbaut, 4855. Pabbat, Novum specimen, quo probatur iterum linguarum 
Indo - £uropaearum origo Semitica, 4855. — * Steinthal, Ursprung der 
Sprache im Znsammenhange mit den letzten Fragen alles Wissens ; eine Dar- 
stellung der Ansichten W. v. Humboldt's, verglichen mit denen Herder's u. 
Hamann's, 4 852. Jak. Gbimm, Ueber den Ursprung d. Spr., 4 852. Büschmann, 
Ueber den Natarlaut, 4852. Weinholtz, Zur Erklärung des Ursprungs u. der 
Bedeutung des Wortes, 4854. Bbüch, Zur Physiologie d. Sprache, 1854. 

§. 8. Ungunst des Himmels *, Mangel geistiger An- 
lagen, Beschränktheit physischer Organe haben hier und 
da nachtheiligen Einfluss auf die Sprachentwickelung geübt ; 
doch macht sich ein Fortschritt der Sprachbildung von Ost 
gen West bemerkbar. Diejenige Sprache ist die vollkom- 
menste, welche nebst dem grössten Reichthum an Wörtern 
die meisten Formen besitzt, um alle Modalitaten des Be- 
griffs auszudriicken, und dies gilt von der Sanskrit- und 
griechischen Sprache. Die Declinationen und Conjugationen 
der erstem sind ausgebildeter, reicher und mannichfaltiger 
als die griechischen; und dennoch, um wie viel mehr For- 
men übertrifft die griechische Sprache die übrigen euro- 
päischen; denn für das griechische Verbum gibt es 579, 



Erstes Capitei Phonologie. 7 

für das lateinische nur 424 und für das deutsche gar nur 
4 7 Formen! Dem Lateinischen am nächsten kommen die 
romanischen Sprachen; höchst unvollständig sind die ger- 
manischen und unter diesen vorzugsweise die deutsche ^. 

Der Accent ist allen Sprachen gemein, wenn auch nicht 
alle ein Zeichen dafür haben. Durch ihn gewinnt die Sprache 
Klang und Bedeutsamkeit \ 

1 Ueber den klimatischen Einflüss, Falookbr 4781 , Stöckhardt 18S6| 
FoissAG 4840, Armstrong 4843. Steinthal, Grammatik , Logik u. Psycho* 
logie, ihre Principien u. ihr Verhältniss zu einander, 4855. — '^ Merleker, 
Praktische vergleichende Schulgrammatik der griechischen u. lateinischen 
Sprache, 4854. — "* W. v. Udmboldt, lieber die Kawisprache auf der Insel 
Java, nebst einer Einleitung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprach- 
baues u. ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts, 
4836 — 40, u. in den Abhandlungen der berliner Akademie der W., 4820, 
4823, 4832, 4833. Bopp, Vergleichendes Accentuationssystem, 1854. 

§. 9. Der Mensch fühlt, ehe er denkt, daher die Ono- 
matopöie K Später der metaphorische Gebrauch. Das 
Willkürliche für den Ausdruck des Uebersinnlichen und 
Abstracten. Gewisse eigenthümliche Töne können weder 
nachgeahmt noch durch die Schrift festgehalten werden, 
daher gebührt dem Sprachvermögen der Vorzug vor allen 
Künsten der Buchstabenschrift. 

1 RosENHAYN, Uebcr die Onomatopöie in N. Jahrb. f. Philol. XIX., Sup- 
plementbd., 3. H., 373 — 95. Ackermann, Essai sur Tanalyse physique des 
langnes, 4838. 

§. 10. Man zählt an 2000 Sprachen, an 5000 Dialekte 
auf dem Erdboden ^ Zu den einsilbigen Sprachen mit Be- 
griffsschrift gehört Chinesisch, mit Silbenschrift Tibetanisch ; 
beiden ähnlich, gleichwol von beiden verschieden, ist Japa- 
nisch. Das Türkische gehört zum Stamm der tatarischen 
Sprachen. Die indo-germanischen Sprachen sind die 
culturhistorischen des Menschengeschlechts ^ 

1 pRiOHARD, Researches into the physicai history of mankind, 4813«^ 
Deutsch von Wagner u. [Vill 4840 — 48. Adelung, Mithridates oder AUgem. 
Sprachenkunde, fortges. von Vater 4807 — 47, ist ein Hauptwerk über fast 
500 Sprachen und Dialekte. Dazu Berichtigungen und Zusätze über die 
kantabrische und baskische Sprache von W. v. Humboldt, 4817. Die 
meisterhafte KLEiNSCHMiDT*sche Grammatik der grönländischen Spr. , 4854. 
EöLLE, Ueber die Kaurisprache, die Hauptspr. des Reiches Bornu, 485V. 
Helfferioh, Ueber Eintheilung d. Sprachen. Ausland, 4855, Nr. 4 2 fg. — 
Karten : Balbi, Atlas ethnographique du globe, ou Classification des peuples 
d'apres leurs langnes, 4826. Hoffmann, Oriental. Lit. Karte , 4829. Bern- 
HARDi, Sprachkarte, 4844. Bbrghaus, Physikal. Atlas, 4845 — 48. Stricker, 
Sprachkarte von Deutschland, 4849. Berghaus u. Rebac, Bibliothek der 
Länder- u. Völkerkunde, 4844. — Merleker, Lehrbuch der historisch- 
comparativen Geographie, Theil III, 4840, §. 32. — * Rapp, Grundriss 
der Grammatik des indisch -europäischen Sprachstammes, Bd. I, 4854^^ 



I 



8 Erstes Buch, Koinodoktologie. 

Bbnfet, Skizze des Organismus d. indo-enrop. Sprachen. \. Art. Kieler 
A. Monatsschrift, Jan. 4854. 

§. H. Als wackere Arbeiter auf dem Gebiete der ver- 
gleichenden Sprachkunde zeichnen sich aus Arnauld 
i660, Beauzee 1767, Harris S Sylv. deSacy*, Bemhardi 3, 
Vater *, Murray *, Faber ®, de Montlivault ^, Hoffmeister **, 
Lehrs ^, Michelsen i^. 

Als eigentliche Begründer der vergleichenden Sprach- 
wissenschaft stehen Bopp ^^, Jak. Grimm ^^ und Ernst Renan ^^ 
oben an. 

I Hermes oder philos. Untersuchung über die allgem. Grammatik, Mb\» 
Philolog. Inquiries, 4781. — ^ Principes de la grammaire ^^n^rale, 4803. 
Deutsch von Vater 4804. — * Allgem. Sprachlehre, 4804 — 3. Anfangs- 
gründe der Sprachwissenschaft, 4 805. — * Uebersicht des Neuesten, was 
für Philosophie der Sprache in Deutschland gethan ist, 4779. Versuch einer 
allgem. Sprachlehre, 4804. Lehrbuch einer allgem. Grammatik, 4806. — 
* Hist. of the European languages, 4823. Deutsch von Wagner 4825. — 
^ Synglosse oder Grundsätze der Sprachforschung, 4826, nebst deren 
Rechtfertigung, 4828. — ^ Gramm, generale et philosophique, 4829. — 
** Erörterung der Grundsatze der Sprachlehre, 4830. — ^ Die Sprach- 
pbilosophie der Alten, 4838 — 44. — *^ Philosophie der Grammatik, 4843. — 
11 Vergleich. Gramm, des Sanskrit, Zend, Griech. , Lat. , Lith. , Altslaw., 
Goth. u. Deutschen, 4 833 — 52. Ueber die keltischen Sprachen vom Ge- 
sichtspunkt der vergleich. Sprachforschung, 4 839. Vergleichendes Accentua- 
tionssystem u. s. w. des Sanskrit u. Griech., 4854, u. Ueber die Sprache 
der alten Preussen in ihren verwandtschaftlichen Beziehungen, 4853. — 
1* S. §. 7, 5. — Bindseil, Zur allgem. vergl. Sprachlehre, 4838. Wocher, 
Allgem. Phonologie oder natürl. Gramm, der menschl. Spr., 4844. Lepsius, 
Allgem. linguistisches Alphabet. Berliner Akademie der Wissensch., Febr. 
4855. Ellissen, Versuch e. Polyglotte der europ. Poesie, 4846. Möller, 
Philologie compar^e des langues Indo- Europ eennes dans son rapport avec la 
civilisation primitive du genre humain, gekrönte Preisschrift, 4849. Kuhn, 
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, 
Griechischen u. Lateinischen, seit 4 850. Höfbr, Zeitschrift für die Wissen- 
schaft der Sprache, seit 4850, zugleich mit einer sprachwissenschaftlichen 
Bibliographie. Die Verdienste der Deutschen um das vergleichende Sprach- 
studium im Magazin für die Liter, des Auslandes, 4855, Nr, 8. — ^^ Sein 
Buch über die semitischen Sprachen sucht in sprachphilosophischer Hinsicht für 
diese Sprachen zu leisten, was Bopp für die indogermanischen geleistet hat. 



Zweites Capitel. 
Graphologie. 

§. 12. Die Schrift, jünger als die Sprache, ist die für 
das Auge durch conventionell eingeführte Zeichen festgehal- 
tene Tonsprache. Gewisse Stufen der Cultur kann ein Volk 
erreichen, ohne zu schreiben ^, aber zu einer wissenschaft- 
lichen Bildung gelangt man nur mit Hülfe der Schreibkunst. 



, Zweites Capitel. Graphologie. 9 

Als Behelfe vor der Kenntniss des Alphabets dienten für 
die Anschauung die Gemälde- und symbolische Bilderschrift 
(ffieroglyphe), während die Buchstabenschrift dem Begriff 
diente. Zwischen beiden bilden den Uebergang die Keil-, 
Pfeil-, Knoten-, Strick-, Wort- und Silbenschrift in Persien, 
China, Tibet, Peru, Guayana und die Runen des euro- 
päischen Nordens ^. 

^ Griechenlands Poesie und Kunst ist älter als die Schreibkunst, 
die sich erst um 600 v. Chr. in Griechenland yerbreitete und zugleich die 
Erfindung der Prosa vorbereitete (k£^o^ Xoyoc, oratio pedestris), deren 
sich der Philosoph Pherekydes von Syros (540) und der Historiker Kadmos 
von Milet zuerst bedient haben sollen. Als älteste Denkmale dieser grie- 
chischen Schreibkunst sind die von Böckh und Osann herausgegebenen und 
kritisch erläuterten Inschriften zu betrachten. S. unten §. 685. — ^ Astlb, 
Origin and progress of writing, 4784 — 4803. Amblano, Von d. Alter- 
thnm d. Schreibkunst in d. Welt, 4800. Hco, Erfindung d. Buchstaben- 
schrift, 4804. Weber, Versuch e. Gesch. d. Schreibkunst, 4807. Klaproth, 
Apercu de Torigine des diverses ecritures de Tancien monde, 483?. W. v. 
Humboldt, lieber den Zusammenhang d. Schrift mit d. Spr., in den Ab- 
handlungen der Berliner Akad. 4831, 32. Hitzig, Die Erfindung des Alpha- 
bets, 4840. J. Olshausen in den Kieler Studien, 4841. Büttner, Ver- 
gleichungstafeln. Freret, Reflexions sur les principes g^neraux de Tart 
d'ecrire. 

§. i3. Die Buchstabenschrift kann eine Vereinfachung 
der Bilderschrift sein, und ihr Vaterland ist wahrscheinlich 
in Ostasien bei den Völkern mit einsilbigen Sprachen zu 
suchen; oder sie ist die Erfindung Mehrer und bei ihrer 
ungemeinen Wichtigkeit mit Recht genannt die Erfindung 
eines göttlichen Wesens, des Hermes Trismegistos , des 
Taaut, des Kadmos. Der toletinische Bischof Eugenius Ju- 
nior ^ dachte sich die Sache so : 

Primus hebraeas Moyses exaravit literas. 
Mente Phoenices sagaci condfderunt atticas. 
Quas Latini scriptitamus edidit Nicostrata. 
Abraham syras et idem repperit chaldaicas. 
Isis arte non minore protulit aegyptias. 
Gulphilas promsit Getarum, quas videmus ultimas. 

Die Alphabete entstanden muthmasslich gänzlich unab- 
hängig von einander, und zwar zunächst dreierlei, das in- 
dische im Osten, das semitische (mit dem ägyptischen) 
im Westen, in der Mitte von beiden die Keilschrift. Das 
Bekanntwerden der Buchstabenschrift und ihre gangbare An- 
wendung im gemeinen Leben liegen sicherlich weit aus 

einander. Die Zahlzeichen sind wahrscheinlich älter als 

« 

die Buchstaben. 

I Bei Petrus Crinitus, De honesta disciplina, XVII, i. 



10 Erstes Buch. Koinodoktologie. 

§. H. Die Hieroglyphen stellen die Gegenstände, 
welche sie ausdrücken wollen, entweder wirklich im Bilde 
dar, oder sie bezeichnen, was sich nicht wirklich darstellen 
lässt, durch ein entsprechendes symbolisches Zeichen (z. B. 
Lowe für Grossmuth und Starke), oder auch durch phone- 
tische Lautzeichen, wobei man Gegenstände abbildete, deren 
erste Laute die zu bezeichnenden Buchstaben waren (z. B. 
Berg oder Buch für B). 

Nach Herodot und Diodor ist diese Schrift eine doppelte: 
eine heilige (Hieroglyphen), nur den Priestern bekannte 
(hieratische), abgekürzte Bilderschrift, und eine gemeine 
(demotische), einfache, für den gewohnlichen Gebrauch 
eingeführte Buchstabenschrift. Der Alexandriner Clemens 
spricht von einer dreifachen Schreibweise der Aegypter: 
von einer heiligen oder hagiographischen , einer priester- 
lichen oder hieratischen und einer enchorischen (demoti- 
schen, epistolographischen). Die beiden letztem waren 
Buchstabenschrift, und die hieratische entstand nur durch 
Verzierung der Charaktere in der demotischen ^. 

Entzifferungsversuche durch Kircher, Pluche 1812, Sick- 
1er, Warburton, Zoega 1797, Young 1823, Jean Franpois 
ChampoUibn 1824, die besonders angeregt und begünstigt 
wurden durch den von Boussard 1 799 bei Rosette gefundenen 
Stein mit einer Inschrift in dreierlei Schriftart und darunter 
auch Griechisch^. 

^ Hobapollo, Hierogljrphica, beste Ausg. von Leemans -1835. Die 
demotische Schrift ist tachygraphisch aus der hieratischen entstanden, ein 
Mittelglied zwischen den Hieroglyphen und der Schrift der Kopten, mit 
der demotischen Sprache 4000 Ja\»re in Gebrauch: 7. Jahrh. v. Chr. bis 
3. Jahrh. n. Chr. Brdgsch, Grammaire d^motique etc., 1855. Ders., 
Scriptura Aegypt. demotica, 4848. Ders., Memoire sur la^ reproduction 
imprimee des caracteres de Tancienne ^critnre d^motique des^ Egyptiens etc., 
4865. — 2 üeber die Inschrift von Rosette: Sacy 4 802, Akerblad 4802, 
QuATREMERE 4808, SpOHN 4840, YoUNG 48 U, 4823, Drümann 4823. — 
Der Obelisk von Philä und Champollion 4822. Seyffarth 4826. Kose- 
OARTBif gab 4 828 eine geordnete üebersicht des bisher Entdeckten. Dülaü- 
HiER 4833. Champollion, Gramm, egypt., 4840; Dictionn. egypt, 4842. 
Rosellini, Monumenti etc., 4832. Gegen Champollion: Klaproth, Lettre 
sur ia d^couverte d'hi^rogl., 4827; für ihn: Salvolini 4835, Leemans 4838, 
Lbpsiüs 4837, 4842, Ideler 4844, Ungarelli 4842. — Schwartze, Gesch., 
Mythol. u. Verf. des alten Aegypt., 4844. Saalschutz, Forschungen u. s. w. 
Beilage Hermapion's Obeliskeninschrift, 4 848 fg. 

§. 15. Die Keilschrift findet sich auf den alten Bau- 
denkmalen von Persepolis, Babylon, Ninive, der Stadt der 
Semiramis am Wansee in Armenien, auch in Aegypten. 



Zweites CapiteL Graphologie. 11 

Abzeichnungen derselben von Le Bnin, Niebuhr, Ker Porter, 
Rieh, Schulz, Rawlinson, Westergaard, Botta ^. 

Entzifferungen (mit Sicherheit wenigstens soweit, dass 
man die Namen Dareios und Xerxes in ihnen findet) von 
Grotefend 1806, Bumouf 1836, Lassen 1836, Westergaard, 
Rawlinson ^. 

^ Bericht in der Allgem. Ztg., 4843, Nr. 4 74, Beil., und das Prachtwerk 
Monuments de Ninive etc. von Botta et Flandin, 4849 fg. Reisebericht von 
Latard, Niniveh and its Remains, 4849; deutsch von if/ms?iffr, 4 854. Lecture 
litterale des hieroglyphes et des cuneiformes par auteur de la Dactylo- 
logie, 4853. Holtzmann, Ueber d. zweite Art d. achämenid. Keilschrift in 
der Zeitschrift der deutschen morgenländ. Gesellschaft, VIII, 329. — * Im 
Journal of the Royal As. soc, X, 4, 4846 fg. 

§. 16. Bei den Arabern findet sich schon vor Moham- 
med die himjaritische Sprache und Schrift ^ Es folgte 
die durch die Schule in Kufa bei Bagdad zur Geltung 
gebrachte kufische Schrift, gleichfalls eine der ältesten 
Formen der arabischen Schrift und wahrscheinlich kurz vor 
Mohammed (570 — 632) eingeführt, sehr ähnlich der alt- 
syrischen Schrift oder dem Estranghelo, später nur noch 
als Münzschrift und bei Inschriften gebraucht, während die 
Neschischrift (Nedsche) allgemeine Geltung erlangte 2. 
Die Niederschreibung des Koran wurde epochemachend für 
Sprache und Schrift. 

^ Ueber beide Gesbniüs und Rödiger, 4841. — ' Stlv. de Sacy in 
den Mem. de l'acad. des. inscr., vol. 50. Limdberg, Sur quelqnes medailles 
cufiqaes, 4830. 

§. 17. Die Hebräer kannten Buchstabenschrift schon zu 
Mosis Zeit. Der ältere Schriftcharakter ist aus dem phöni- 
kischen Alphabet, der jüdischen Münzschrift und den samari- 
tanischen Schriftzügen zu erkennen. Er wich nach Esra's Zeit- 
alter (nach 400 v. Chr.) allmälig der noch üblichen babylo- 
nischen Quadratschrift, von welcher die palmyrenische und 
die syrische Abarten sind. Die Finalbuchstaben sowie die 
diakritischen Zeichen sind um mehre Jahrhunderte jünger, die 
Vocale und Accente erst aus dem 6. — 7. Jahrh. n. Chr. 

Wahl, Allgem. Gesch. d. . morgenländ. Sprachen, 4784. Geseniüs, 
Gesch. d. hebr. Sprache u. Schrift, 4815; 2. Aufl. 4827. Hartmann, Lingui- 
stische Einleitung in das Studium d. Bücher d. A. Test, 4818. 

§. 18. Das den Griechen angeblich durch Kadmos 
überbi;^chte phönikische Alphabet hatte keine Vocale, be- 
stand aus elf Consonanten und vier Hauchzeichen. Darauf 
vermehrten die Orientalen die Zahl ihrer Schriftzüge mit 




12 Erstes Buch. Koinodoktologie. 

sieben neuen. Aus diesem Zuwachs nahmen die Griechen 
das Y, Z, H, an. Epicharmos oder Palamedes erfanden 
das $ und X. Simonides von Keos fügte noch S, ^, £2 
hinzu. Dieses au» 24 Buchstaben bestehende Alphabet 
wurde von den lonern, und wahrscheinlich zuerst von den 
Samiern, angenommen, daher ypajJLfJiaTa 'lovtxa genannt. 
Kallistratos von Samos brachte es nach Athen, wo es erst 
gegen Ende des Peloponnesischen Kriegs (404 v. Chr.) zu 
Inschriften gebraucht wurde. 

§. 19. Dass die Rom er das Alphabet von den Griechen 
schon unter Romulus erhalten, lässt sich nicht bezweifeln. 
Auch scheint die Benennung der Buchstaben der bei den 
Griechen eingeführten gleich gewesen zu sein. Zu den älte- 
sten 16 kamen später das G, wofür ursprünglich das C ge- 
braucht zu sein scheint, das F, entsprechend dem Digamma, 
und H, entsprechend dem Spiritus Asper, ferner V, ent- 
standen aus Y und X für S. Die Einführung des Y und Z 
fällt in die letzten Zeiten der Republik. So bildete sich das 
lateinische Alphabet von 23 Buchstaben, welche sich seit 
dem goldenen Zeitalter der romischen Literatur (78 v. Chr. — 
14 n. Chr.) nachweisen lassen. Aber schon früh trat das C 
an die Stelle des K, welches nur als sogenannte Nota bei Ab- 
kürzungen und in gewissen mit A anfangenden Wörtern bei- 
behalten wurde. Die drei von Kaiser Claudius eingeführten 
Buchstaben (das äolische Digamma A , Antisigma OC und ein 
dritter, dessen Figur und Bedeutung unbekannt ist) ^ kamen 
bald wieder ausser Gebrauch. Erst in das 1 7. Jahrh. fällt die 
Unterscheidung zwischen I und J, sowie zwischen V und U. 

Das Latein wurde über alle andern Schriftarten des 
Abendlandes herrschend ^. 

Die Capital- oder Uncialschrift ist im Griechischen und 
Lateinischen die ältere. Cursivschrift findet man auf einer 
Urkunde von 104 v. Chr., gebräuchlich seit dem 5. Jahrh. 
n. Chr., erst seit dem 8. Jahrh. auch in Handschriften. 

Die griechischen Accentzeichen von Aristophanes von 
Byzanz 200 v. Chr. 3. 

^EUNB ZU Christ' s Abhandlungen über die Literatur, 4776, S. 401 fg. — 
* MABiÄpN, De re diplomatica, 4684 u. 4789. Gatterer, Diplomatik, 4 798. 
SchönbmISF''» I^^P^o™atJk, -1804 fg. Kopp, Palaeographia critica, 4 84 7 fg. Ders., 
Bilder undvSchrift der Vorzeit, 4819. ■ — * Merleker, Die wichtigsten Re- 
geln über di\ griechischen Accente, 4831. Ueber Aussprache der Buchstaben 
K. L. ScHNEir®'** 



( \ 



Zweites Capilel. Graphologie. 13 

§. 20. Runa bezeichnet Buchstabe, Schrift, Gesang und 
Rede in heimlichem Sinne. Das Runenalphabet zählte 
ursprünglich 16 Zeichen, deren Hauptbestandtheil ein senk- 
rechter Strich ist. Man hat auch deutsche, von nordischen 
abweichende Runenalphabete aus dem 8. — 10. Jahrh. 

Irre, De runarum patria et origine, 4770. Siöborg, Hist. runarnm 
Helsingicarum , 4806* Die helsingisehen Runen sind eine neue runischa 
Geheimschrift. Brinjdlfsen, Periculum runologicum, 4823. Liljegren, 
Rnn-Laera, 4 832. W. Grimm, Ueber deutsche Runen, 4824. Lappenbero, 
Gesch. Englands, I, 79. Bas gothische Runenalphabet von A. Eircbhofp 
(2. Aufl., mit einer Vorrede über Entstehung d. Runen, 4 854), beurtheilt von 
Kuhn in der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, 1 854, 4 . Zacher, 
Das gothische Alphabet Vulfllas u. das Runenalphabet, 4 855. 

§.21. In Deutschland folgte auf die Runen die gothi- 
sche Schrift des Ulfilas (360 — 380 n. Chr.), darauf latei- 
nische und die Vulgärschriftzeichen der Merovinger, Longo- 
barden, Karolinger. Deutsche Schrift erst seit dem 13. 
Jahrh. Die Currentschrift erst seit Ende des 15. Jahrh. 
Aus derselben Zeit stammen Albrecht Dürer's Propor- 
tionen der Buchstaben. Die Interpunction ist seit dem 
8. Jahrh. gebräuchlich. Die Ordnung der Interpunctions- 
zeichen kommt von Aldus Manutius in Venedig zu Anfange 
des i6. Jahrh. 

§. 22. Schreiber sind die tabellarii, scribae publici, 
notarii, Mönche seit dem 5. Jahrh., anfangs besonders im 
Archipel. Bis zum 13. Jahrh. ward besonders von Cister- 
ciensem und Karthäusem schon geschrieben. Die unschöne 
Schrift begann im 14. Jahrh. Schreibmalerei (besonders an 
den Initialen) übten die Modisten in Nürnberg. Auch bei 
den Moslems gab die Kalligraphie einigen Ersatz für die 
verbotene Malerei. 

Paynb, Systemat. Anleitung zur Kalligraphie in ihrem ganzen Um- 
fange, 4839. 

§. 23. Schreibweisen: xiovtjSov (Chinesen), ßoucJTpo- 
97|56v (Solon's Gesetze). Diese Stierwendeschrift war bei 
den ältesten Griechen und Römern im Gebrauch, wovon 
man noch das Wort versus und ähnliche Ausdrücke ab- 
leiten will. 29atp7]8ov und die Spielereien der alexandrini- 
sehen Schule (Eischrift u. a.). Feste Volkssitte für Sanskrit 
und die verwandten, namentlich die classischen und occi- 
dentalischf^n Sprachen von der Linken, für die semitischen 
Sprachen von der Rechten aus. 



14 Erstes Buch. Koinodoklologie. 

§. 24. Schreibmittel: Griffel (^pa^slov, ßtilus), Rohr 
(xaXafxoc, Exod. 2, 3) aus Knidos und vom Nil, das sich 
neben der Feder vom 6. — 10. Jahrh. im Gebrauch erhielt. 
Gänsefeder 636 zuerst erwähnt. Stahlfeder von James Perry 
( 1 756 — 1 82 1 ). Dazu die Feile von Mowers in Braunschweig. 

Rothe und schwarze (sepia) Tinte und Enkaustum. 

§. 25.. Schreibmaterial: Stein, Blei, Erz, Baumrinde, 
Wachs, seit 3. Jahrh. v. Chr. ägyptischer Papyrus, zube- 
reitet durch glutinatores und malleatores, Pergament aus 
Pergamus ^, bei den Römern Membrana, Charta Augusta, 
Claudia, Baumwollenpapier (charta serica, damascena, Tuch- 
pergament) in China um 150 v. Chr., von den Arabern 704 
in der Bucharei kennen gelernt und im 11. Jahrh. nach 
Spanien verpflanzt, nach Deutschland erst um 1300. Casiri 
nennt die Araber als Erfinder des Leinen- oder Lumpen- 
papiers. Darauf schon 1178 ein Friedensvergleich, 1251 die 
Fueros der Stadt Valencia, in Deutschland die erste Ur- 
kunde 1308. Papiermühle in Nürnberg 1390^. 

1 Dessen Seltenheit im Mittelalter die Palimpseste oder Codices rescripti 
veranlasst. Moyens graphiqoes bei Balbi, Atlas. Mqne, De libris palimpsestis 
tarn latinis quam graecis, i 8Ö5. — ^ Wehrs , Vom Papier und den vor Erfin- 
dung desselben üblich gewesenen Schreibmassen, 1789, Suppl. 1790. Ausser- 
ordentlich beträchtlich ist die Zunahme, -welche die Papierfabrikation inner- 
halb des Zollvereins während der letzten 20 Jahre erfahren hat. Die Einfuhr 
an Papier, welche sich noch 1834 auf 12,075 Centner belief, war 1852 bereits 
auf 2887 Centner gesunken; dagegen hatte die Ausfuhr, die im erstgenannten 
Jahre nur 14,668 Centner betragen, sich 1852 auf 40,419 Centner gehoben. 

§. 26. Schreibarten: 1) Tachygraphie: sigla, com- 
pendia scribendi, notae Tironianae, nach Cicero's Frei- 
gelassenem, M. Tullius Tiro, benannt. Ennius soll 1100, 
L. Annans Seneca 5000 Zeichen für Schnellschrift gehabt 
haben ^. Abkürzungen waren seit dem 1 1 . Jahrh. gewöhn- 
lich und fortdauernd zur Misgestaltung der Schrift durch 
das ganze Mittelalter. 

2) Verwandt ist die Stenographie, zugleich ein Be- 
diirfiiiss repräsentativer Verfassungen, daher in England 
schon länger als 200 Jahre im Gebrauch, in Frankreich 
1792 angewandt, nach Deutschland 1796 verpflanzt und 
hier seit 1819 von Gabelsberger vervollkommnet. Mavor's 
Idee verfolgte Taylor 1814, Harding 1825. Für Frankreich 
Bartin 1792, für Deutschland Mosengeil 1796, Horstig 1797, 
Leichtlein 1819, Nowack 1830, Gabelsberger 1834 2. 

3) Lithographie seit 1790. Der Erfinder Aloys Senne- 



Drittes Capitel. Typologie. 15 

f*elder aus Prag (f 1834) schrieb in München 1818 sein , Lehr- 
buch'. Veredelung durch Hanfstängl, Piloty und Löhle. 

4) Papyrographie von Sennefelder 1817, Manne in 
Frankreich 184i. 

5) Siderographie in England 1820 durch Heath, in 
Deutschland durch Frommel in Karlsruhe. 

6) Photographie oder Daguerreotypie seit 1814 
und i 838. 

7) Galvanographie und Galvanoplastik von Jak. 
Jacobi i836 und Werner i844. Chrysotypie von Her- 
Bchel 1843. 

8) Kryptographie (Chiflfre): Cäsar, in Depeschen (die 
spartanische okutoXy)) ^. 

9) Pasigraphie*. 

10) Telegraphier Sprachtelegraphen schon zu Dareios 1. 
Zeit durch Aufstellung von Postenketten (Angareion, Barid 
der Elhalifen). Im Abendlande reicht sie bis über die Mitte 
des 5. Jahrh. , durch Feuerzeichen in China und anderwärts, 
durch Zurufen bei den alten Galliern. Abgesehen von mannich- 
&chen Versuchen in den ältesten Zeiten , wurde die Telegra- 
phie zuerst 1633 durch den Marquis von Worcester und 
i660 durch den Franzosen Amontons begründet. Telegra- 
phisches System von Chappe 1789. Telegraphisches Gegen- 
sprechen durch den Wiener Ginte. 

1 Kapp, Palaeographia critica, 4S27. — ^ Michaelis, Zeitschrift für 
Stenographie, 1855. Anders, Entwurf einer allgem. Gesch. n. Lit der 
Stenographie, 1855. — * KlCber, Ueber Kryptographie, 4800- — * Lbibnitz, 
De arte combinatoria, 4666. Wilkims 4668. Bbroer, Plan zu einer allgem. 
Rede- (Pasilalie) und Schriftsprache der Nationen, t779. Niethammer, 
Ueber Pasigraphie und Ideographie, 4808. Riem, Ueber Schriftsprache u. 
Pasigraphie, 4800. Bomi, Grundzüge einer allgem. Methode zum Sprechen 
nnd Schreiben aller Sprachen, 4853; beurtheilt von Wagner in der Zeit- 
schrift für das Gymnasial wesen , 4855) Aprilheft. 



Drittes Capitel. 
Typologie. 

§. 27. Xylographie der Chinesen in sehr früher Zeit. 
Die Spielkarten * der Araber*, in Italien schon 1299. Der 
Kartendruck in Deutschland zwischen 1350 — 60 erfunden. 
In Frankreich Kartenspiel 1361. Verbot gegen dasselbe in 
Spanien durch Johann I. 1387. 



16 Erstes Buch. Koinodokiologie. 

Verbreitung der Patronen (Muster, verschieden von 
Schablonen) nach Italien (um 1300?) und dem westlichen 
Europa, in den Niederlanden (1312?), inHaarlem 1412 (nicht 
durch Laurens Coster 1430 erfunden), in Antwerpen 1442, 
in mehren Städten des südlichen Deutschland 1400 — '^3. 
Verzierung von Handschriften durch Malerei scheint schon 
im 4. Jahrh. n. Chr. vorzukommen K 

Xylographische Denkmäler: der heilige Christoph in der 
Karthause zu Buxheim 1423, Biblia pauperum 1429. 

Vervollkommnung der Holzschneidekunst durch die frän- 
kische Malerschule: Wohlgemuth, Albr. Dürer, Scheuffelin, 
Luk. Cranach, Hs. Burgkmair im 16. Jahrh. Das Hell- 
dunkel von Pilgram oder Hg. da Carpi. Seit dem 1 6. Jahrh. 
wurde der Kupferstich vorgezogen, aber seit Ende des 18. 
und im 19. Jahrh. hat sich der Holzschnitt zunächst und 
am meisten in England wieder gehoben. 

Erfindung der Xylotypographie (iUustrirte Drucke) 
durch den Engländer Th. Bewick (geb. 1753)^ 

1 Das Blartenspiel ist wol indischen Ursprungs ? -— * Naibi oder Naipes, 
d. h. Wahrsagung. — ^ Bastard, Peintures des manuscrits des le 4™*^ au 
46™** siecle, 4835 fg. — * Gesch. der Holzschneidekunst vouBrulliot, La- 
BORDE, Heller 4823, Ruhohr, Sotzmamn (im Histor. Taschenbuch, 483*7), 
RoD. Weigel, Young. 

§. 28. Die Buchdruckerkunst mit gravirten Tafeln 
war in China schon 600 v. Chr. bekannt. Cicero's Ver- 
muthung von der Möglichkeit beweglicher Lettern (,De nat. 
deor.% n, 37). Streit über die Ehre der Erfindung der 
Buchdruckerkunst zwischen Holland (Laurens Coster 1370 — 
1436 [39] in Haarlem) und Deutschland. Jenes feierte das 
Jubiläum 1823, dieses stets anno 40 jedes Jahrhunderts 
(zuerst in Wittenberg), auch 1840 ^. Seit Schaab's Be- 
weisführung ^ ist unbestreitbar Erfinder Henne oder Johann 
Gensfleisch von Fulgeloh, gen. Gudinberg oder Gutenberg, 
aus Mainz (1 397 — 1 468). Die Erfindung wurde in Strasburg 
empfangen, in Mainz geboren. J. Fust 1450. Pt. Schöffer 
von Gemsheim ist Erfinder der Matrizen 1453. 

Die Kunst hörte auf ein Geheimniss zu sein 1462, als 
Adolf von Nassau den Erzbischof Dietrich von Mainz an- 
griff und die Stadt eroberte, und verbreitete sich nach Italien 
1464, Venedig 1469, Paris 1470, Antwerpen 1470 (Dierik 
Mertenz benutzt deutsche Typen 1472), Basel und London 
(Caxton) 1474, Prag 1478, Stockholm 1483, Lissabon 1489, 



Viertes Capitel. BibUologie. 17 

Krakau 4491, Kopenhagen U9^; Mexico 4550, Moskau 1564, 
liima 1586; Britisch-Nordamerika 1640; Konstantinopel 1726 
Cbald untergegangen, restituirt 1783); Aegypten 1822 ^ 

> Mebrmann, Orig. typogr., 4765. Kqnino, Oorsprong etc. , 4816. — 
^ Gesch. d. Erfindung d. Druck erkunst, 4834. Wellbb 4836. Labordb, 
^ouv. rech, sur Torigine de rimprimerie, 4840. — ' Schulz, Gutenberg oder 
Cfesch. d. Buchdruckerkunst, 4840. Ebenso Falkbnstbin 4840. Ümbrbit, 
Erfind, d. Buchdrk., 4843. Bbrnard, De Torigine et les d^buts de Timpri- 
merie en Europe, 4854* Dupont, Histoire de Timprunerie, 4854. Foubmibr, 
TraitÄ de ]a typographie, 4854. Jarosl. Wridtko in Wlastimil schreibt den 
Böhmen einen nicht geringen Theil an der Erfindung der Buchdruckerkunst 
SBU, weil Gutenberg von Geburt ein Böhme, wenigstens böhm. Abstammung 
^wesen sei, und behauptet, dass sich die typographische Kunst in Böhmen 
zwar mit Kenntnissnahme des deutschen Drucks, aber unabhängig und 
ohne materielle Hülfe der Deutschen im Lande , und zwar schon früh , ent- 
wickelt habe. 

§. 29. Als sich 1 470 die Schriftgiesserei von der Druckerei 
trennte, blieb mit letzterer der Buchhandel in Verbindung. 
Aeltere Buchdrucker: die Familie Manutius 1488-^1580, 
de Giunti 1492 — 1592, Etienne, Elzevier 1595 — 1680; 
neuere: Breitkopf, Baskerville, Didot, Bodpni, Tauchnitz, 
Vieweg, Decker, Brockhaus. Schnellpresse von F. König. 
Hill'sche Cylinderpresse. Erleichterung des Setzens durch 
Young und Delcambre. 

Erfindung der Stereotypen durch J. van de Mey in 
Leyden Ende des 17. Jahrh.; ihre Vervollkommnung durch 
J. Müller Anfang des 18. Jahrh., Firmin Didot 1791, Stan- 
hope 1804, Tauchnitz, Breitkopf u. A. 

Wbstbbbnen yan Tibllandt, Rapport sur Tinvention de Timprimerie 
st^r^otype, 4833- — Buchdruckereien wurden 4854 4639 mit 3405 Pressen 
und 974 Schnellpressen in Deutschland gezählt, wozu noch 4 4 49 Stein- 
ond Kupferdruckereien mit Pressen kommen. Die Zahl der Neuigkeiten, 
welche aus diesen Pressen jährlich hervorgehen, wird nach einem fünf- 
jährigen Durchschnitt auf mehr als 40)000 berechnet. 



Viertes Capitel. 
BibUologie. 

§. 30. Die Bibliographie oder Bibliognosie und BibUo- 
logie ist das Archiv för die Literaturgeschichte. Sie ward 
durch Kr. Gesner im 16. Jahrh. begründet, und Prankreich 
ist ihr Mutterland. 

Erbgh, Allgem. Repertorium d. Lit., 4793—4809. Ebbrt, Allgem. 
Bibliographie, 4824^ — 30. Hbinsiüs, Allgem. Bücherlexikon, mit Fort- 
setzungen von Katsbb, Schulz und Schillbr. Katsbb, Allgem. Bücher- 
lezikon, mit Fortsetzung von Zuohold. Qu^rard, France litt^raire. £nslin*s 

MlRLRUB. 2 




18 Erstes Buch. Koinodoklologie. 

Kataloge für einzelne Wissenflchaften seit i 820. Schriften von Bbcnnbt u. Bb- 
NODABD. Petzholdt, Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft. 
Ausserdem sind als Zeitschriften zu diesem Zweck zu betrachten : das Kaü- 
makk'schb Serapenm, das pariser Bulletin du bibliophile und Stbrokt, 
Bulletin du bibliophile beige. Allgemeine Bibliographie (Hinbichs), Buch- 
händlerbörsenblatt, leipziger Messkatalog. In Frankreich: Bibliographie 
de la France und Catalogue mensuel des nouveautes de la librairie pari- 
sienne. In Belgien: v. Mcquabdt, Bibliographie de la Belgique; Hbn, Jonmal 
de Timprimerie et de la librairie; Vlämische Bibliographie. In England: The 
publisher circular; Longman, Monthly list of new books. In Spanien: 
Boletin bibliografico und Revista bibliografica. In Holland: Bibliographie 
Yoor Nederland, Lisst van nieuw uitgekomen boeken. In Skandinavien: die 
Dansk und Svensk Bibliographi. In Nordamerika: Norton publishers cir- 
cular und Literary register. Colohb de Batines (f H. Jan. 4855), Dizio- 
nario manuale di bibliogr. Italiana. Bibliographisch -statistische lieber- 
sichten der Literatur des ostreichischen Staats haben wir 4844 von Adf. 
ScHMiDL, dann von Dr. v. Wdrzbach, 4854 durch die Buchdruckerei der 
Y. Ghalen SCHEN Erben erhalten ; darin an Encyklopädien und Literatur- 
geschichten in deutsch. Spr. 49 , in ital. Spr. 4 22 , in Gesammtöstreich 248. 

§. 31. Bücherformate: Rollen, pugillares, Codices, 
libri plicatiles, volumina (a(yTpaXfaxo(;, umbilicus); comua, 
frontes; Folio, Quart, Octav, Sedez, Duodez, Octodez. 
Auf beiden Seiten beschriebene Blätter erst aus dem ö. Jahrh. 
n. Chr. Lederbände erst seit dem 12. Jahrh. 

ScHWABTZ, De omamentis librorum etc., 4 705 u. 4756. Leusohnbb, 
ebenso, 4756. 

§. 32. Der Paläotype oder Incunabeln (in cunis 
artis facta) zählt man aus der Zeit zwischen 1440 — 1500 
etwa 1 5,000 ^. Darunter finden sich Nikolaus' V. Ablassbrief 
1454, latein. Bibel 1455, Lactantius 1455, Psalterium 1457, 
griech. Grammatik des Laskaris in Mailand 1 476, Cicero's ,De 
officiis' 1 465 in 4., ,Nideri praeceptorium divinae legis' 1 472 mit 
Signatur, ,Sermo ad populum praedicatorius' 1 470 mit Blatt- 
zahl, ,Officium Mariae virginis' 1 473 in 32., Antonio da Siena's 
,Monte Santo di Dio' 1477 mit Kupferstichen, die CoUection 
von Alopa zu Florenz 1494 — 96 mit Capitälchen (6 griech. 
Werke: Anthologie, Apollonios von Rhodos, Euripides, 
Kallimachos, die Gnomiker und Musäos), Editiones prin- 
cipes classicorum, die Aldinen der drei Manutier (zwei 
Aldus und ein Paul). Titelblätter seit 1485. Die Cursiv- 
type Francesco's (Virgil 1501). 

1 Panzbb und Maittaibb, Annales typographici. Hain, Repertorium 
bibliologicum, 4826 — 38. Rbnoüabd, Annales de l'imprimerie des Aide, 
ou bist, des trois Mannce, 3. ed., 4834. Ch. F. Harlbss, Literatur der 
ersten hundert Jahre nach Erfindung der Typographie, 4840. 

§. 33. Zu den ältesten Bücher Sammlungen gehört 
die des Peisistratos in Athen (Gellius), welche die Perser 



Viertes CapUel. Bibliologie, 19 

entführten und Seleukos Nikator zurüoklieferte, und die 
des Aristoteles, welche Theophrast erbte. Dessen Erben 
verweigerten den Verkauf derselben an Konig Ptolemäos 
Philadelphos und verbargen sie auch vor dem Konig von 
Pergamos in einem Keller, wo sie durch Nässe und Würmer 
zum Theil zerstört wurde; endlich kaufte sie Apellikon von 
Teos, mit dessen Bibliothek sie unter Sulla nach Rom kam. 
Euer wurden die Schriften nach einer Copie des Freige- 
lassenen Tyrannion von Andronikos aus Rhodos in Pragma- 
tien geordnet und von neuem durchgesehen. Diese Erzäh- 
lung Strabo's haben Brandis, Kopp und Stahr mit Recht 
bezweifelt. Auch die chinesischen Kaiser sorgten früh für 
Sammlung von Schriften ihrer Vorfahren und über sie. Die 
alexandrinische Bibliothek im Brucheion mit 4 — 700,000 
Rollen verbrannte zum Theil im Alexandrinischen Kriege, 
47 V. Chr., und wurde mit der im Serapeion und der von 
Antonius an Kleopatra geschenkten pergamenischen (20,000 
Rollen) vom Erzbischof Theophilos unter Theodosius d. Gr. 
391 ganz zerstört, sodass der arabische Eroberer Aegyptens, 
Amru, 640 nichts mehr zu zerstören fand*. 

In Rom wurden die ersten Bibliotheken durch Aemilius 
Paullus *(168) und Lucullus (75) angelegt, die erste oflfent- 
liche durch Asinius Pollio (38 v. Chr.)*, von Augustus die 
Palatina * und Octaviana. Nach P. Victor (im 4. Jahrh. 
n. Chr.) gab es 38 Bibliotheken in Rom*. In Konstan- 
tinopel die Bibliothek Konstantin's d. Gr., erweitert auf 
100,000 Rollen durch Julian und Valens, der sieben Ab- 
schreiber (antiquarii) dabei anstellte, verbrannte 477 unter 
Zeno dem Isaurier und nach ihrer Wiederherstellung noch 
zwei mal, 610 und 731. Die neupersische zu Madain wurde 
651 von den Arabern verbrannt. Die arabischen zu Bagdad, 
Kahira (über 100,000 Bde.), im syrischen Tripolis mit einer 
unglaublich grossen Zahl von Büchern, zu Fez, Cordova, 
überhaupt im arabischen Spanien an 70 Bibliotheken, dar- 
unter die des Khalifen Hakem mit mehr als 600,000 Hand- 
schriften. 

Als Sammler haben sich Verdienste erworben Basilius 
Macedo, die Komnenen, Al-Mamun, Karl d. Gr., Richard 
Aungerville, Petrarca, Boccaccio. Die Bibliotheksannalen 
beginnen erst im 14. Jahrh. Karl V. von Frankreich ver- 
mehrte 1380 seine Bibliothek auf 900 Bde., unter denen 

2* 




20 Erstes Buch. Koinodoktologie. 

von Classikern nur Ovid und Lucan waren. Die Yaticani- 
sche (Nikolaus' V.) enthielt U55 nur 5000 Bde. Die kirch- 
lichen Bibliotheken hatten oft nicht über 30 — 40 Bde., welche 
hier und da angekettet und nur gegen Unterpfand ausgeliehen 
wurden. So hatten die Alexandriner für die Autographa der 
drei Tragiker den Athenern elf Talente (gegen i 5,000 Thlr.) 
in Versatz gegeben, Hessen aber das Geld im Stiche. 

Die Marcusbibliothek in Venedig des Cardinal Bessarion 
ist 4362 gegründet, die Mediceo-Laurentiana in Florenz H71, 
die Ambrosianische in Mailand von Federico Borromeo 1 609 
(mit 60,000 gedruckten Büchern, 15,000 Handschriften, dar- 
unter viele Palimpseste). Niccolo Niccoli in Florenz im 
1 5. Jahrh. ofihete seine Bibliothek zum allgemeinen Gebrauch. 
Die Magliabecchi'sche in Florenz öffentlich 1747. Die hei- 
delberger 1390 gegründet. Die Pauliner in Leipzig. Die 
Rhediger^sche in Breslau. Die Bodlejanische in Oxford 1 480, 
öffentlich 1612. Die in Ofen (Buda) von Matthias Corvinus 
im 15. Jahrb. Gegenwärtig gibt es eine Menge öffentlicher 
und Privatbibliotheken. 

Die statistischen Nachrichten, wie sie in Bezug auf 
Deutschland Bertuch's ,Ephemeriden' geben*, haben ge- 
wöhnlich nur für ein Jahr Giiltigkeit. Fast jede grossere 
Sammlung hat ihren Geschichtschreiber gefunden. Die 
pariser Nationalbibliothek, für deren Gründer Franz I. gilt, 
ist augenblicklich das grosste Institut dieser Art in Europa; 
sie enthält 1,200,000 Bde., 100,000 Handschriften, 1 Million 
historischer Documente und Actenstücke, 1 Million Kupfer- 
stiche, 100,000 Medaillen und Gegenstände des Alterthums^ 
In München 600,000 Bde. und 18,000 Handschriften, in 
Petersburg 350,000 und 12,000, in Wien 300,000 und 12,000, 
in Berlin 400,000 und 5600, in Oxford 500,000 und 30^000, 
die Bibliothek des Britischen Museum zu London 190,000 
und 60,000. Bei den Osmanen ist Bücherluxus in Samm- 
lung schon geschriebener Korane und theologischer Schriften 
zu finden, wissenschaftliche Werke werden wenig beachtet ''. 

Chronologische, topische und wissenschaftliche Kataloge ^ 

1 RiTSCHL, Die alex. Bibl., 4838. Naübcanit, Serapeum, 4840%. — 
2 Thobbbbkb 4820. — ' LCbsbn 4749. — ^Lipsius, De bibliothecis, 4602. 
PoppB, De Rom. bibliothecis , 4826. *— ^ Andrb, Zahlenstatistik, 4823. — 
^ Lb Pbincb, Histor. Handb. über die Einrichtungen der kaiserl. Bibliothek 
in Paris; neue Auflage durch Louis Paris: Essai historique sur la biblio- 
th^ue du roi etc. — ^ Ebbrt, üeber offentl. Bibl., 4844. Pbtit-Radbl, 
Recherches sur les biblioth^nes anciennes et modernes, 4849; ebenso Baillt 



Viertes^ CapiteL Bibliologie, 21 

4828* VoGBL, Literatur froherer and Doch bestehender offentl. und Corpora- 
tionsbibl., 4840. — Für Bibliothekwissenschaft: Sohbkttiiiobr, 4808 — 29. 
Ebbrt, Die Bildung des Bibliothekars, 2. Aufl., 4820. Constahtik, Biblio- 
thekonomie, 4839. Ders. 4840. Pbbuskbb, Ueber 5ffentl. Bibl., 4839. 
Sbikuigbi^, Bibliothekstechnik mit einem Beitrag zum Archiywesen, 4856. — 
^ Fbankb, Catalog. bibl. Bünaviensis ,, 4750 — 56. Audiffbbdi, Alphabet. 
Katalog, d. Casanati'schen Bibl., 4764 — 68. Pbtzholdt, Urkundliche Nach- 
riditen zur Geisch. d. sächsischen Bibliotheken, 4 855. Ueber die kaiserl. BibL 
in Paris: Catalogue des livres imprimes de la Bibl. imperiale, 4855. 

§. 34. Der Buchhandel war in dem alten Rom ziem- 
lich einträglich; Horaz spricht von einem Buche, ,qui Sosiis 
aera meret% obgleich die ßücherpreise billig waren. In« dem 
Vicus sandalarius in der vierten Region oder der Via sacra 
und in dem Argiletum in der elften Region oder dem Circus 
maximus gab es viele Buchläden (tabemae librariae), welche 
bei den Alten fast ebenso wie die unserigen eingerichtet 
waren. Die Werke waren in Fächern (nidi) aufgestellt, an 
den Thüren und Säulen (pilae) waren die Titel der Bücher 
befestigt; daher sagt Horaz: ,Nulla tabema meos habet neque 
pila libellos' ^ Die bedeutendsten Buchhändler nach Erfin- 
dung der Druckerkunst sind Fust, Aldus Manutius in Ve- 
nedig, Coburger in Nürnberg. Im Jahre 1854 gab es in 
Deutschland gegen 2000 Buchhändlerfirmen, darunter 400 
Kirnst- und Musikalienhandlungen. 

Die Büchermesse in Frankfurt a. M. bestand seit dem 
16. Jahrb., ebenso lange auch die Messkataloge, seit 1608 
in Leipzig (seit dem Auftreten Ferdinand's von Steiermark 
als kaiserl. Commissarius und Schärfung der Censur durch 
die Jesuiten in Frankftirt), in New -York seit 1802*. 

Bücherprivilegien: von Bischof Heinrich zu Bamberg 
1 490, venetianisches 1491, päpstliches 1 505, franzosisches 1 507, 
deutsch-kaiserliches 1510. Beschluss der deutschen Bundes- 
versammlung gegen den Nachdruck vom 9. Nov. 1 837 ^. 

Antiquare: Elzeviere und Wäbberge zu Leyden und 
Amsterdam, Fritsch, Gleditsch, Weidmann zu Leipzig, 
Bohn in London, Techener in Paris u. A. 

1 ScHÖTTGBM, De librariis et bibliopolis antiquorum, 4740. Waoner, 
Grundriss der class. Bibliographie, 4840. Geraud, Essai sur les livres 
dans rantiqnit^ particul. chez les Romains, 4840. Pbionot, Sur la reliüre 
des livres et sur Tetat de la librairie etc., 4834. — * Sohwetschkb, Mess- 
jahrbücher des deutsch. Buchhandels von 4664 — 4765. Bibliographisches 
Jahrbuch für den deutschen Buch-, Kunst- und Landkartenhandel seit 4853. 
(HiNRiCHS*) Allgemeine Bibliographie für Deutschland. Brockhau« , Allgem. 
Bibliographie. Monatl. Verzeichniss der wichtigem neuen Erscheinungen 
der deutschen und ausländischen Literatur. Zusammengestellt von TrömeL 
Kirchhoff, Beiträge znr Gesch. d. deutsch. Buchhandels. Lbmpertz, Bilder- 




22 Erstes Buch. Koinodoktologie, 

hefte zar Gesch. d. Bücherhandels, 4855. — ' Eisbnlobb, Das literarisch- 
artistische Eigenthum und Verlagsrecht mit Rücksicht auf die Gesetzge- 
hangen, 4854. Ders., Sammlang der Gesetze and Verträge zum Schatze 
des literarisch -artistischen Eigenthums in Deutschl., Engl. u. Frankr., 485G. 

§. 35. Mit der Literatur ging die Censur ziemlich glei- 
chen Schritt. Theatercensur in Athen (\ui ovoiiaaTi xop^^etv) 
durch Lamachos 404 oder erst 388 K Verbote in Rom gegen 
libelli famosi. Der unter dem Consulat des C. Fannius Strabo 
und M. Valerius Messala gefasste Senatsbeschluss gegen die 
Philosophen und Rhetoren 161 v. Chr. und das 92 v. Chr. 
gegebene Edict der Censoren Cn. Domitius Aenobarbus 
und L. Licinius Crassus ^. Mit der Monarchie trat in Rom 
Gedankensperre ein ^. Die Kirchenversammlung zu Kar- 
thago (400) verbot heidnische Bücher, Konstantin die dea 
Arius, die Synode zu London 1408 die des Wicliffe. Die 
Obscurantenuniversität zu Köln hat urkimdlich zuerst 1479 
die Censur an einer Druckschrift geübt; den Vorgang hatte 
die pariser in Approbation oder Verdammung von Manu- 
scripten genommen. Erzbischof Berthold von Mainz be- 
stellte 1486 Censoren für Mainz imd Erfurt, daraufnahm 
das Papstthum die Sache in die Hand, Alexander VI. 1501, 
das Concil im Lateran 1515. Verzeichniss gefährlicher 
Bücher 1546 zu Löwen. ,Index librorum prohibitorum' 1557 
und 1559 durch Paul IV. und die Jesuiten, geschlossen 1819. 
Die karlsbader Censurbeschlüsse 1819 für Bücher unter 
20 Bogen. Preussisches Pressverbot vom 5. Juni 1850 und 
Pressgesetz vom 12. Mai 1851. Englische Pressfreiheit 
seit 1694. 

' Von der Beschränkang der komischen Freiheit darch Volksbeschlüsse, 
8. Wachsmdth, Hellen. Alterthnmskande, I, §. 70« Nr. 494 and Beilage 
Nr. 20. — ''^ Gbllius, Noct. Attic, XV, 4 4. — ' Gbünbr, Crematiug 
Cordus oder aber Bücherverbote, 4 798. Schmidt, Gesch. der Denk- and 
Glaabensfreiheit im ersten Jahrhandert, 4847. 



Fünftes Oapitel. 
Studiologie. 

(Grammatologie oder Mathematologie). 

§. 36. Die Wissenschaft des Orients (Asiens und 
Aegyptens) knüpft sich zunächst an die Religion und ist 
darum Alleingut fast nur der Priester geblieben. Daher 
in China der in neun Rangstufen getheilte aristokratische 



Fünftes CapUel. Sludiologie. 23 

Gelehrtenstand der Mandarinen, daher die Priesterschulen 
Aegyptens , Indiens und der Hebräer ^. 

» üeber diese Hbbinq 4777. Vitäinga, De synagogis, 4696 u. 4726. 

§. 37. Die Religion der Griechen erfoderte keine In- 
stitute, in welchen der Unterricht darüber ertheilt worden 
wäre. Hier gab es Volksschulen für Lesen, Schreiben und 
Musik (Poesie und Gesang), Philosophen- und Redner- 
schulen für höhere Zweige des Wissens. Waren die griechi- 
schen Eiiaben zur Schule reif, so wurden sie einem Kaibayt^'^OQ 
übergeben, der sie zum Ypoc(jL(xaTtcmf)(; führte, wo sie die 
Elementarwissenschaften lernten. Das Sprichwort ,ou54 velv 
ou5e YpctpipiaTa iidazoLc'ioüL^ beweist, dass das Lesen allgemein 
war. Kinder von Stande lernten auch Kithara, Flötenspiel 
und Zeichenkunst. Dies war der primus gradus artium 
liberalium. Dann folgten Grammatik, Rhetorik, Geometrie 
und Arithmetik. Dabei wurde Homer zu Grunde gelegt, 
auch Hesiod, Aesop und die Lyriker gelesen. Dieser Unter- 
richt hiess pLoua>CT(], und wer nicht a[iouao(; sein wollte, musste 
dies wissen. 

Den zweiten Haupttheil der Jugendbildung machte die 
Grymnastik aus, und die Erhaltung der Gymnasien ge- 
hörte zu den Bürgerpflichten (Liturgien). 

Das Hauptbildungsmittel der attischen Jugend war die 
Eigenthümlichkeit des Lebens selbst. Zuerst ein Volksbuch, 
Homer, dessen Gedichte die höchste Vollendung der Form mit 
allgemeiner Fasslichkeit und allgemeinem Nationalinteresse 
verbinden und nicht blos poetische Dictionen, sondern die 
Thaten einer verwandten Vorwelt darstellen. Dann eine ein- 
fache ernste tragische Bühne ohne Spectakeistücke, mit fass- 
licher und daher bildender Musik, und als Parodie des 
Ernstes das Lustspiel, das den Geist über die Schranken 
der Convenienz hinweghebt. Femer die lebendige Rede in 
den Gerichtssälen, das lebendige Wort, dessen Einfluss 
Plato im ,Phädros' weit über den todten Buchstaben er- 
hebt. Endlich die Muster- und Meisterwerke aller bilden- 
den Kunst. 

Das weibliche Geschlecht, mit Ausnahme der niedeni 
Stände, lebte zu eingezogen, als dass es mit den Männern 
in der Bildung gleichen Schritt hätte halten können. Sie 
erschienen blos bei Festen öff'entlich und waren sonst ohne 
Sorgfeit erzogen. Deshalb spielen die geistreichen Hetären 




24 Erstes Buch, Koinodoktolotfie. 

(Aspasia, Leontion, Archianassa, Timandra, Lais) ein 
KoUe in der griech. Geschichte. 

§.38. In Rom unterrichteten anfangs blos Griechen 
später auch Kömer. Die Schulen waren entweder offen 
Läden (pergulae) oder geräumige Dachstuben (coenacola)^ 
wie Orbilius (plagosus, Horaz' ,Epist.^, 11, 1, 71 ), der Lehrei— 
des Horaz (Suetonius, ,De ill. grammat.^, 9), wohnte. Auck^ 
in den Atrien der Tempel und in den Basiliken gab es lud! 
literarum und auditoria. Der Ausdruck schola bezeichnet- 
jeden Sammelplatz (z. B. schola ollarum). Schreiben lernten 
die Kinder auf tabulae ceratae, in welche sie mit dem stilus 
den ductus literarum eindruckten. Rechnen wurde mit 
Zahlpfennigen (calculi) geübt. Tabula oder abacus ist die 
Rechentafel, abacus Pythagoreus das Einmaleins. 

Knaben, die für ein höheres Leben bestimmt waren, 
erhielten Unterricht in griechischer und lateinischer Sprache 
und in der Geschichte, was man zusammen eruditio nannte; 
dann folgte der Unterricht in den artes ingenuae und libe- 
rales (scilicet ingenuas didicisse fideliter artes, emollit mores, 
nee sinit esse feros), Rhetorik, Philosophie, Dialektik, Ma- 
thematik, von denen Cicero (,Pro Archia poeta', 7) mit so 
hoher Begeisterung spricht: ,Haec enim studia adolescentiam 
alunt, senectutem oblectant, secundas res omant, adversis 
perfugium et solatium praebent, delectant domi, non impe- 
diunt foris, pemoctant nobiscum, peregrinantur, rusticantur. 
Quodsi ipsi haec neque attingere, neque sensu nostro gustare 
possemus, tarnen ea mirari deberemus, etiam quum in aliis 
videremus'. 

Als der Sprachunterricht seit dem zweiten Punischen 
Kriege (Punico hello secundo Musa pennato gradu intulit 
se in bellicosam Romuli gentem feram) mit dem Griechischen 
begann, wurden Homer, Sophokles, Euripides, Xenophon, 
Thukydides, Menander gelesen (daher bei Horaz: ,Graecia 
capta ferum victorem vicit et artes intulit agresti Latio*), 
dann folgte die lateinische Grammatik und Literatur. Jeder 
junge Römer lernte die 12 Tafeln auswendig, grosstentheils 
auch den Ennius und andere Nationaldichter. Dann folgte 
rhetorischer Unterricht, progymnasmata (primordia) und 
declamationes , mündlich und schriftlich , theils Nachbil- 
dungen, theils eigene Versuche. Von der Philosophie be- 
achtete man nur die praktischen Theile, da man Theorie 



Fünftes Capitel Studiologie. 35 

lind Speculation für ein Geschäft der Müssigen hielt. Von 
schonen Künsten wurde nur die Zeichenkunst für anstandig 
gehalten, nicht Musik, Tanzkunst imd Palästrik. Cicero 
(,Pro Murena^, 6) sagt: ,Nemo enim fere saltat sobrius, nisi 
forte insanit^. Doch auch hierin änderte die griechische Sitte 
Vieles. Vergl. unten §. 270 fg. 

§. 39. Die äussere Einrichtung der Schulen war 
der unserigen ziemlich gleich. Der Lehrer sass auf einer 
cathedra oder einem halbrunden Pulte (hemicyclium), die 
Schüler auf subsellia und schrieben auf den Knien (,Batracho- 
myomachie': /AotSnj, tIjv v&v ^v SÄTOtoiv ^(xot^ hA youvacn ^J^xa') 
die dictata magistri (etwa vorgelesene Stellen der Classi- 
ker u. A.) oder declamirten stehend. Die 41. Tafel der Ge- 
mälde von Herculanum stellt eine solche Schule vor: der 
Lehrer mit Mantel imd Bart steht, vor ihm sitzen drei 
Jünglinge schreibend, drei andere lehnen als Zuhörer an 
den Säulen, im Hintergrunde wird mit der ferula eine 
Züchtigung vollstreckt (daher: manum ferulae subduxisse, der 
Schule entwachsen sein); schlimmere Vergehen wurden mit 
der aus Ochsen- oder Aalhaut verfertigten scutica bestraft. 
Am Minervenfest im März erhielten die Lehrer Schulgeld 
und Geschenke (Minerval) und in den Schulen wurden den 
Aeltem zu Ehren Declamationen gehalten. Vor der Zeit der 
romischen Kaiser wurden die Lehrer wahrscheinlich nicht 
vom Staate besoldet, wiewol Charondas zu Katana in seinen 
Gesetzen Staatsbesoldungen für die oflEentlichen Lehrer fe- 
derte. Die bessern Philosophen lehrten unentgeltlich, aber die 
Sophisten Hessen sich bezahlen, Protagoras für einen Cursus, 
Isokrates für seine Bhetorik 240 Thlr. Erst unter den Kai- 
sem ward die Aufmerksamkeit der Regierung auf den Un- 
terricht gelenkt. Unter August erhielten einzelne Lehrer 
Privilegien (Bürgerrecht und Abgabenfreiheit), desgleichen 
imter Konstantin (,Cod. Theodos.', 13, 3); Vespasian besol- 
dete einige aus dem Fiscus. Quintilian war der erste be- 
soldete- Lehrer der Rhetorik in Rom. In einer Verordnung 
des Konstantins und Julian 357 (,Cod. Theodos.^ 14, 1) 
heisst es: ,Literaturae, quae omnium virtutum maxima est'. 
Vorzüglich wichtig ist die Verordnimg der Kaiser Valen- 
tinianL, Valens und Gratian (,Cod. Theodos.^ 14, 9). 

Gramer, Geschichte der Erziehung im Alterthum , 1832. Göss, 
Erziehnngswissenschaft der Griechen und Römer, 1808. Hochhbimbr, 



26 Erstes Buch. Koinodoktologie. 

System d. griech. Erziehimg, 4 785. Kapp, Platon's Erziehungslcbre, i 833. 
Ders., Aristotelische Staatspädagogik, 4837. Lubkeb, Gymnastik der 
Hellenen, 4835. Krause, Theagenes 4835, Olympia 4838, Hellenika i84i. 
Haasb in Ersch und Gruber' s Encyklop., in, 9, 3G3 fg. 

§. 40. Zu den höhern Schulen rechnet man zunächst 
Platon's Akademie, deren Name von der Akademie ausser- 
halb Athens herrührt, der Besitzung eines gewissen Akade- 
mos, welche dieser dem Staate zum Behufe eines Gymna- 
siums schenkte. Sie bestand bis 529 n. Chr., als Kaiser 
Justinian I. hier und in andern Städten des Reichs den heid- 
nischen Lehrern die Besoldung entzog. Ihf letzter Lehrer 
Simplicius rettete sich durch die Flucht. Das Lyceum 
war ursprünglich ein dem Apollo Lykeios geheiligter Ort 
in der nächsten Umgebung von Athen, berühmt durch die 
schattigen Haine und herrlichen Gartenanlagen, besonders 
aber durch das Gymnasium, worin Aristoteles und die Peri- 
patetiker lehrten und wonach auch die Romer ähnliche 
Anstalten (auf dem Tusculanum des Cicero, in der Villa 
Hadrian^s zu Tibur) benannten *. Das Aristotelische Nym- 
phäon zu Stagira. Die Rednerschule des Aeschines auf 
Rhodos. Das alexandrinische Museum Ptolemäos' U. 
Philadelphos (284—246 v. Chr.) in dem Theile des Palastes, 
der zugleich für die Bibliothek bestimmt war. Hier lebte eine 
ausgewählte Gesellschaft von Gelehrten, die auf Staatskosten 
unterhalten wurden (die sprichwortliche acTr^atc AiyuTUTta als 
gute Kost), um sich ungestört den wissenschaftlichen Bestre- 
bungen hingeben zu können. Kaiser Claudius fügte ein 
zweites zu gleichem Zweck hinzu und benannte es nach sich. 
Das Museum erlitt unter Kaiser Aurelian (270 — 275 n. Chr.) 
durch den Brand des Brucheion eine bedeutende Erschütte- 
rung imd ging 636 n. Chr. ganz ein ^. Auch die hohe Schule 
zu Antiochia ging in demselben Jahre ein. Die perga- 
menische der Attalen^ und die zu Apollonia, wo unter 
Andern auch Octavian studirte^ hatten gleichfalls hohen Ruf. 
In Rom wurde die Beredtsamkeit als Kunst betrieben seit An- 
kimft der griech. Gesandten (155 v. Chr.) Kameades, Boito- 
laos und Diogenes. Hier stiftete Hadrian (117 — 1 38 n. Chr.) 
nach dem Muster des alexandrinischen Museums das Athe- 
näum auf dem Capitol, welches sich bis ins 5. Jahrh. er- 
hielt, worin theils Unterricht in der Poesie und Rhetorik 
von eigens dazu bestellten Lehrern ertheilt wurde, theils 
Schriftsteller ihre Producte öffentlich vorlasen, wie dies im 



Fünftes CapUel. Studiologie. 27 

Allgemeinen schon seit Augustus Sitte war, seitdem Asinius 
PoUio die recitatiönes eingeführt hatte, die man wegen ihrer 
Allgemeinheit zu den Stadtplagen rechnete. Konstantin 
d. Gr. stiftete zu Konstantinopel eine hohe Schule in einem 
achteckigen Gebäude, das Georg Kodinos Tetradision 
nennt. Die dortigen ökumenischen Lehrer waren Glossa- 
toren, Technographen und Technologen und standen in 
hohem Ansehen. Leo der Isaurier soll 730 während des 
Bilderstürmens das Oktagon mit der Bibliothek und den 
Gelehrten haben verbrennen lassen. Von demselben Leo 
wurde auch Julian's (361) Auditorium neben der Sophien- 
kirche in Konstantinopel 727 aufgehoben. Die Rechtsschule 
zu Berytos bestand zwischen 231—551. Cäsar Bardas 
gründete 862 eine Akademie für weltliche Wissenschaften 
im Palaste Magnaura und weckte die 425 gestiftete Rechts- 
schule zu Konstantinopel. Antoninus Pius stiftete die so- 
genannten Kaiserschulen. Die alexandrinische Katecheten- 
schule *. Lehranstalten gab es auch in Gallien und 
Afrika, zu Massilia, Narbo, Burdigala, Augustodunum, 
Lugdunum, Vesontio, Vienna, Durocortum Remorum, Trier, 
Karthago u. s. w. Ihr Untergang erfolgte mit dem Sturze 
des Westromischen Reichs ^. 

^ Ueber die spätem Schicksale Athens und seiner Bildungsanstalten: 
Ahbens, De Athenarum statu etc., i829. — ^ Manso's Vermischte Schrif- 
. ten, 4804 j Bd. i. Matteb, Essai historique sur Tecole d'Alexandrie, 4820. 
Ueber das alexandrinische Museum: Schriften von Pabthey 4838, Klipfel 
4838, Simon 4845, Barthblemy de St. Hilaire 4 845, Vachebot 4846. — 
^Manso, UeberdieAttalen, 4815. WEGENEB,DeaulaAtt., 4836. VanCastblle, 
De regib. et antiquit. .Pergamen. , 4842. — "* Kbibgk, De peregrinationibus 
Bomanor. academlcis, 4704. — ^ Güebikb, De schola quae Alex, florui- 
cat., 4824* — ^ Wittich, De grammatistarnm et grammaticorum apnd Rot 
manos scholis, 4844. Schwabz, Erziehungslehre, 4 829. Schlossebs Auf- 
satz in seinem und Bebcht's Archiv, I, 217 fg. Seine Universalhistor, 
Uebersicht, HE, 3, 50 fg. 

§. 41. Wer sich den Wissenschaften widmen wollte, 
hatte grosse Schwierigkeit bei der Anschaffiing wissen- 
schaftlicher Werke. Piaton soll für die Schriften des Pytha- 
goräers Philolaos 100 Minen oder 3 Talente (über 4000 
Thlr.) gegeben haben. Aristoteles kaufte die Schriften 
des Speusippos für 3 Talente. 

Von der Lebensart der röm. Gelehrten gibt der jüngere 
Plinius in seinen ,Episteln' ein deutliches Bild. Der ältere 
Plinius stand schon vom 22. Aug. ab so früh auf, dass er 
bei Licht arbeitete und bis tief in die Nacht. Das tag- 



28 Erstes Buch. Koinodoktologie, 

liehe Leben eines gelehrten Müssiggängers schildert Horaz, 
,Satir.', I, 6. 

Zum Bekanntwerden der angehenden Schriftsteller dien- 
ten die Besuche der Buchläden und Bibliotheken, die bis 
auf sieben stiegen, der Vorlesungen, Theater, Odeen, Spazier- 
gänge, Bäder und Porticus. 

§. 42. Neben den romischen und byzantinischen Schulen 
bestanden die der Nestorianer zu Dschondisapur, Ahwaz, 
Nisabur, Edessa (450) und Nisibis und der Juden zu 
Babylon (bis 1040), Kairwan, Fez, Bari, Otranto und in 
Spanien. 

§. 43. Im Orient sind die Hoflager der Dynasten zu- 
gleich die Pflegestätten der Cultur, und deren bietet die 
mohammedanische Welt eine nicht geringe Zahl. 

Bei den Arabern begann unter den Abbassiden 750 die 
Pflege der Wissenschaft, vorzüglich durch Al-Mansor, Harun- 
al-Saschid und Al-Mamun, deren Medresses zu Bagdad, Da- 
mask, Jerusalem, Elahira, Alexandria, Fez, Marokko, Basra, 
Kufa hohen Ruhm erlangt haben. Die Dschami Escher zu 
Elahira und das Haus der Wissenschaften von Hakem. Aehn- 
lich wirken die Omajjaden von Cordova aus. Hier grün- 
deten sie 14 Akademien, darunter Saragossa, Toledo, Va- 
lencia, Granada, in Portugal Coimbra ^. Die Araber werden 
Lehrmeister des Occidents ^. 

Die Schulen der Mongolen zu Samarkand, Bochara, 
Kesch u. s. w. 

Der von den türkischen Sultanen seit Orchan gestif- 
teten Moscheen, Schulen und Medresses ist eine Unzahl: 
in Konstantinopel 1653 Schulen, 515 Medresses. Durchweg 
aber herrscht dabei streng sunnitischer Glaubenseifer vor, 
worauf besonders die Derwischorden eingewirkt haben. Auf 
Mohammed^s H. acht Medressen (zu Brusa, Adrianopel, 
Konstantinopel u. s. w.) sollte Exegese, üeberlieferungs- 
kunde, Jurisprudenz, (theologische) Metaphysik, Astronomie, 
Geometrie, Logik und Rhetorik gelehrt werden. 

1 WÜ8TEKFBLD, Die Akademien der Araber, 4837. Middeldobpf, 
De institutis literariis in Hispania, 4840* Veth, De institutis etc., 4843. — 
^ Taylor, Hist. of Muhamedanism. , 4834; deutsch 4837. Die Arbeiten 
der nenem franz., engl, und deutsch. Orientalisten in den Notices et 
extraits des manuscrits de la bibl. du roi, im Journal Asiatique, Journal 
des savants, den Researches, Transactions und Journalen der engl. Gesell- 
schaften von Kalkutta, Bombay, Madras und der Royal Asiatic Society, 



Fünftes Capitel. Studiologie. 39 

Jos. T. Hammbx*« Fundgraben des Orients und der Zeitsclir. der deutschen 
morgenländ. Gesellschaft. 

§. 4i. Die chinesische Erziehung bezweckt nicht die 
Entwicklung der Geisteskräfte zu selbständigem Denken, 
sondern nur das Erlernen Dessen, was die Vorfahren ge^ 
wusst und geübt; daher wird auch nur der Verstand und 
die praktische Lebensklugheit geweckt, während Phantasie, 
Poesie und alle hohem Regungen und Gefühle ohne Pflege 
sind. Unter den Freien gibt es nur den Unterschied des 
Ranges, nicht des Standes. In der ersten Classe stehen die 
Gelehrten oder Mandarinen. Wissen und Verdienst ent- 
scheiden allein über die Stellung des Mannes im bürger- 
lichen Leben. Schon die Schulen und öffentlichen Prüfun- 
gen bieten Gelegenheit zur Auszeichnung. Dennoch hindern 
Selbstgenügsamkeit, Dünkel und Mistrauen, besonders gegen 
Fremde, den geistigen Fortschritt. 

BiOT, Histoire de Tinstruction publique en Chine, 4845. Gützlaff, 
Gesch. (1. chinesischen Reichs (aus d. Engl, von Naumann, 4847). Rittbr's 
Erdkunde, Bd. 4. 

§. 45. Das neuere Schulwesen ruhtauf dem Christen- 
thmn. Begründer des deutschen Klosterschulwesens 
ward Rhabanus Maurus ^, des franzosischen Gerbert*. 
Stifts- oder Domschulen zur Bildung der Geistlichen im 
Lesen, Schreiben, Singen und Latein zu Monte -Casino, 
Rom, Bologna, Pavia, Tours, Canterbury, York, Fulda, 
Sevilla, St. -Gallen u. s. w. Interesse der Regenten für das 
Schulwesen, Justinian^s L, Karl's d. Gr. und seiner Um- 
gebung (Alcuin, Eginhard, Beda), Alfred's d. Grr. Seit dem 
4$. Jahrh. Gründung von Stadtschulen. Papst Alexan- 
der's n. (1159) Befehl, für Lehrer zu sorgen. Die bestea 
Schulen finden sich schon .im 42. Jahrh. in Frankreich, im 
13. Jahrh. in Italien und wurden daher von Briten und 
Deutschen häufig besucht ^ 

Gegenstand des Schulunterrichts waren die sieben 
freien Künste: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Musik, Arith- 
metik, Geometrie und Astronomie, die man in dem Trivium 
und Quadrivium begriff und deren Functionen folgende 
Hexameter angeben: 

Gram loquitur, Dia verba docet, Rhe verba ministrat, 
Mus canit, Ar numerat, Ge ponderat, As colit astra. 

Vorzugsweise aber wirkten auf die Geister des Mittelalters 



30 Ertttes Buch, Koinodoklohgie. 

Aristoteles und Augustin, indem sie die Speculation der 
Scholastiker über die Kirchenlehre beforderten. Die Dogma- 
tiker Anselm von Canterbury, Albert d. Gr., Thomas von 
Aquino. Die Mystiker Bernhard und Bonaventura; die 
dogmatischen Mystiker Hugo und Richard von St. Victor. 
Die Skeptiker Abälard und Duns Scotus. Die Dialektik 
herrschte vor, Grrammatik trat in den Hintergrund; sie wurde 
besonders in Orleans, Logik in Paris cultivirt. Mathematik 
studirte man bei den Arabern. Die Naturkunde war sehr zurück. 
Dagegen blühte die deutsche Poesie und Baukunst. 

Als Lehrbücher dienten ausser Donat hauptsachlich 
Ebrardus"* (1212) ,Gh-aecismus^, des Minoriten Alexanderde 
villa dei (1240) ,Doctrinale puerorum' in Leoninischen Versen, 
beibehalten bis in das 16. Jahrh. und oft erläutert, am be- 
sten von J. von Sinthen, Lehrer des Erasmus, in Deventer 
1488. Von Wörterbüchern Hugutio^s (1220) ,Vocabularium% 
J. de Janua's (1286) ,Catholicon' u. s. w. Bleibenden Werth 
hat Gerard v. d. Schueren's ,TeutonistaS 1 477. Für Mytho- 
logie Nockam (f 1215), Alfricus' (1217) ,Poetarium\ Mure's 
(f 1281) ,FabulariumS 

1 Biographien von Bach 4835 o. KcNSTMAim 4844. — ^ lieber ihn 
Hock 4837. — ^ Launot, De scholis a Carolo M. et post C. M. instau- 
ratis, 167!2. Lobentz, De Carolo M. literarum fantore, 4828. Ders., Leben 
Alkain's, 4829. 

§. 46. Neue Wege versuchten zunächst drei Italiener: 
Dante, 1265 — 1321, Petrarca, 1304 — 74, und Boccaccio, 
1313 — 75. Darauf entwickelte sich zunächst in Italien die 
classische Bildung durch J. von Ravenna, 1352 — 1412 
oder 1420, und Em. Chrysoloras, den ersten geborenen 
Griechen, der in Italien seit 1396 lehrte. Auf diese 
folgt eine Reihe von Lehrern des Lateinischen und Grie- 
chischen: Ghiarino, 1370 — 1460, und Vittorino vonFeltre*, 
1378 — 1446, Gemisthus Pletho, Marsilius Ficinus, Bessa- 
rion, G. von Trapezunt, Philelphus, Poggius, Laurentius 
Valla, Argyropylus, Landinus, Politianus, Picus von Mi- 
randola. Forderung der Studien durch die kleinen Tyrannen 
Italiens, besonders durch Lorenzo von Medici*, der eine 
griechische, und Cosmus von Medici, der die Platonische 
Akademie stiftete, femer durch die Päpste Nikolaus V. und 
Leo X. 3 

Eine höchst verdienstliche und für Verbreitung der alten 
Literatur äusserst wirksame Umgestaltung des Jugendunter- 



\ 



Fürtftes Capitel. Studiologie. 31 

richts erfolgte in den Niederlanden durch den Karthäuser 
Geert Groote, gewohnlich Gerhardus Magnus genannt, 
1340 — 87 (?), Stifter der Brüderschaft der Hieronymianer 
1384, und zwar zunächst in seiner Unterrichts- und Ei^ 
Ziehungsanstalt zu Deventer. In demselben Geist wirkten 
Ghd. von Zütphen (f 1398), Florentius Radewin ron 
Leerdam, Th. von Kempen (f 1471), J. Wessel, ßdf. 
Agricola (Hausmann), v. Spiegelberg, Alx. Hegius, Rdf. v. 
Lange, Hm. von dem Busch, Erasmus 1467 — 1536. 

Drei südliche Orte waren damals als geistige Concen- 
trationspunkte vorzüglich wichtig: Schlettstadt (L. Drin- 
genberg 1450?), Heidelberg und Tübingen; in Heidelberg 
war J*. Reuchlin 1455 — 1522 besonders für das Griechische 
und Hebräische thätig. Kr. Celtes 1459 — 1508. J. v. Dal- 
berg seit 1482 Bischof von Worms. Schulen in ZwoU, 
Utrecht, Münster (Konig 1821) *. 

1 lieber ihn Obelli 1812. — ^ Roscoe, Life of Lor. d. Med., 1795; 
deutsch von Henke 4806. — ^ Mebleker, Politik der Gesch. der Päpste, 
4856. — ^ ScHÖTTOEM, De statu scholarum ante reformationem, 1747. 
Kbuffbl, Historia originis et progressus scholarum inter Christianos, 4743. 
MuRBAT, De Britan. atq. Hibemia sec. VI. — X. literarum domicilio in N. C." 
Gott., T. II. Burkhard, De variis Germaniae scholarum a Carolo M. usque 
ad redformationem mutationibus, 1845. Rchkopf, Geschichte des Schul- u. 
Erziehungswesens in Deutschland, 4794. Cbambb, Geschichte der Erzie- 
hung u. des Unterrichts, 4832. Ders., Die Erziehung in den Niederlanden 
während des Mittelalters, 4843. 

§. 47. Die weitere Verbesserung des Jugendunterrichts 
ist eine der vielen segensreichen Wirkungen der Refor- 
mation (1517), daher am friihesten und reifsten in Deutsch- 
land und Holland sichtbar. Luther, 1 483 — 1 546, Mel^chthon 
(Schwarzerd), 1497 — 1560, zugleich praeceptor Germaniae 
(Lehrbücher der Dialektik, Rhetorik, Physik, Ethik, griech. 
u. lat. Gramm.), Zwingli, 1484 — 1531, haben sich um das 
Volksschulwesen sehr verdient gemacht. Urnen folgten 
Comenius 1631, Locke, Francke 1695, Rousseau, Basedow, 
Pestalozzi, Fellenberg, Falk (Schulen für verwahrloste Kinder 
der Armen 1810), Salzmann, Niemeyer, Dinter, Bell, Lan- 
caster u. A., die mit ungleichem Erfolge neue Methoden 
versuchten oder Musteranstalten gründeten. Die Verbes- 
serung des katholischen Volksschulwesens ging 1770 von 
Mainz und Oestreich aus, während für den hohem Unter- 
richt schon durch die Jesuiten seit 1 540 besser gesorgt war. 
Schullehrerseminarien Deutschlands seit 1751 (zu Hannover). 



^ 



32 Erstes Buch, Koinodoktologie, 

Kleinkinderschulen (Diesterweg 1845). Unterricht der Taub- 
stunm^en (in Leipzig durch Heinicke, schon &üher in Paris 
durch Abb^ de FEpöe) seit 4778 und der Blinden seit 1784 
zu Paris, 1804 zu Wien. Der in Indien kennengelernte 
Bell-Lancaster^sche (1795 oder 1798) wechselseitige Unter- 
richt hat sich seit 1806 über alle Welttheile verbreitet. 

§. 48. Die humanistischen Studien auf den Gymnasien 
in Goldberg unter Trotzendorf 1531, in Ilefeld unter Neander 
154SL, auf den sächsischen Fürstenschulen 1543, den würtem- 
bergischen IGosterschulen 1560. Melanchthon, Camerarius, 
Sturm und ihre Schüler. Die preussischen Gymnasien des 
1 9. Jahrh. K 

Von Ordensgesellschafben der katholischen Kirche haben 
sich die Bamabiten (1 536) um Sittenverbesserung und Jugend- 
unterricht, um letztem auch die Scholastiker unter den Je- 
suiten besonders verdient gemacht. Ihren Verfolgungen er- 
lag die Gesellschaft von Port-Royal (1639—1709). Die 
Benedictiner von der Congregation des heil. Maurus (1618 — 
1790) zeichneten sich durch musterhaften Fleiss auf dem 
Gebiete der Geschichte und Patristik aus *. Die Congre- 
gatio oratorii wurde 1611 gestiftet. 

Die Real- (Semler gebrauchte 1 738 von seiner Schule diese 
Benennung zuerst) und Specialschulen: die freiberger für 
Bergwerkskimde 1 765, die polytechnischen Anstalten in Paris 
und Wien, die Gewerbschule in Berlin 1828. Ueberall ge- 
deihen die Schulen, nur nicht unter hierarchischer Ober- 
leitung '. 

1 Mbblbkeb, Wie sind die preuss. Gymnasien zu ihrer gegenwärtigen 
Einrichtung gelangt? 4848, in der berliner Zeitschriift für das Gymnasial- 
wesen. Ders., lieber die Gymnasien der Zukunft, 4854. Ders., Vor- 
schläge zur Reorganisation des preuss. Schulwesens, 4848. Schulze, Li- 
teraturgeschichte der Schulen im deutschen Reiche, 4804. F. Thibrsch, 
lieber gelehrte Schulen, 4826. — ^ Mabillon, Annales ordinis S. Bene- 
dict!, 4703. ZiEGBLHAUBB, Hlst. Uter. ord. S. Benedict!. — ^ Bbnbke, 
Erziehungs- u. Unterrichtslehre, 4835. K. v. Raumeb, Gesch. der Päda- 
gogik, 4843 fg. Hahn, Das Unterrichtswesen in Frankreich, 4848. 

§. 49. Die Universitäten sind seit dem 12. Jahrb. 
ein Hauptforderungsmittel der aufbliihenden literarischen 
Cultur. Die Bechtsschule zu Bologna entstand etwa mO, 
die ärztliche Bildungsanstalt in Salerno 4075, die philo- 
sbphisch-theologische Schule Sorbonne zu Paris 11 40, 
privilegirt 1200, organisirt 1215 i. Das anfangs fireie Lehr- 
recht wurde in Paris seit 1207, in Bologna seit 1219 vom 



Fünftes Capitel. Sludiologie. 33 

Kanzler ertheilt. Als sich in Paris seit \ 259 Facultaten ge- 
bildet hatten, erkannten diese, nach vorangegangener Prü- 
fung, das Lehrrecht durch Promotionen zu. Padua seit 
\%%^ (und 1SI62) scheint zuerst mehre Wissenschaften (eine 
universitas studiorum) umfasst zu haben. Die berühmteste 
mohammedanische Medresse ist die von Nizamelmulk zu 
Bagdad 1067 gestiftete Nidh am ia. Die erste deutsche Uni- 
versität ward Prag 1347, die erste protestantische Mar- 
burg 4527 2; in Athen 1837: Seit dem 18. Jahrh. Erwei- 
terung des Umfangs der Unterrichtsgegenstande, Belebung 
wissenschaftlicher Selbstthätigkeit, Sicherstellung der Zucht 
und Vermehrung literarischer Hülfsmittel und Uebungsan- 
stalten ^. Die -Bestatigungsurkunden hatten die Päpste aus- 
gefertigt, bis Kaiser Friedrich 11., als erster weltlicher Fürst, 
die Universität Neapel 1224 bestätigte. 

1 Gaufp, De professoribus et medicis, 4827. — ^ Erhard, Gesch. 
des Wiederaufblühens wissenscbaftl. Bildung in Deutschland bis zur Refor- 
mation, 4830. — ^ Brohm, Alterthum, Gesch. u. Statistik der hohen Schulen, 
1783. Mbii9brs, Gesch. d. Entstehung u. Entwickelung der hohen Schulen 
nns^rs Erdtheilfl, 4802. Wildbbro, Jahrbücher der .Universitäten Deutsch- 
lands, 1810 fg. WuTTKB, Jahrbücher d. deutschen Universitäten, 4842. Koch, 
Die prenss. Universitäten, 4839 fg. HGbbr, Die engl. Universitäten, 4839. 

§. 50. Akademien mit dem Zweck der hohem Aus- 
bildung der Wissenschaft und Kunst entstanden zuerst in 
Italien, durch Antonio Beccadelli Panormita zu Neapel 1436, 
Marsiglio Ficini zu Florenz 1452, Pompon. Latus zu Rom 
U68.* Gegenwärtig gibt es an 350, theils allgemein wissen- 
schaftliche, theils für besondere Fächer bestimmte. Zu den 
erstem gehören unter andern die zu Berlin seit 1700, Bo- 
logna, Dublin, Kopenhagen, Lissabon, München, Paris (Aca- 
demie royale des sciences 1666 durch Colbert), Petersburg, 
Stockholm, London (,Philosophical transactions^ seit 1660), 
Gottmgen, Für Sprachen die Academia della Crusca oder 
fiirfuratorum zu Florenz 1582, Acad^mie fran^aise in Paris 
1629 (ihr Wörterbuch 1694). Für Alterthumskunde Aca- 
d^mie des inscriptions zu Paris von Colbert 1 663. Für Me- 
dicin Academia naturae curiosorum in Wien 1652. 

Beuss, Allgem. Real-Repertorium über die Abhandlungen der europ. 
Akademien, 4802 fg. F. Wolp, Ueber wissenschaftl. Akademien mit be- 
sonderer Beziehung auf die kaiserl. östreichische, 4856* 

. 4. 51. Literarische Vereine am Hofe August's, 
Karl's d. Gr., Kaiser Friedrich's II., Alfons' X. von Casti- 
Ken, Robertos und Alfons' von Neapel, Kaiser KarPs IV., 

Merlekev. 3 



;}4 Erstes üuch, Koinoäokloloyie. 

Cosiino^B und Lorenzo^s von Medici, der Este und Fr. Sforza^s, 
Papst Nikolaus^ V., Matthias Corrinus^ von Ungarn, Maxi- 
milian^s I. u. s. w. 

Dagegen verdanken die historisohen und alterthums- 
forschenden Vereine und Gesellschaften ihre Entstehung 
erst den Anregungen der neuem Zeit. Den ersten Anstoss 
gab die auf Veranlassung des preussischen Ministers v. Stein 
4849 begründete Gesellschaft für Deutschlands ältere Ge- 
schichtskunde zu Frankfurt a. M. Durch sie gingen her- 
vor die von Pertz herausgegebenen ,Monumenta Germaniae 
historica^. 

WiOAND, Jahrbücher d. Vereine für Gesoh. n. Altertbumskande, 4S34 %. — 
Pertz, Leben Stein's, 4853 fg. 

§. 52. Seit dem 46. Jahrh. haben sich als Sprach- 
und Alterthumsforscher besondern Buf erworben: 

4) Die Italiener: Jul. Cäsar Soaliger, 4484 — 4558. 'Die 
. Manutii: Aldus der Aeltere mit dem Beinamen Romuius, 
4446 — 4546 (28 editiones principes). Sein dritter Sohn 
Paulus, 4542 — 74, und dessen Sohn Aldus der Jüngere, 
4547—97. Karl Sigonius, 4524 — 85 J. Odoardo Corsini, 
4702—65 (,Fasti AtticiS 4744 — 56). Giacomo Facciolati, 
4682 — 4769 (das gr. lat. Lexikon mit seinem Schüler For- 
cellini seit 4748). Egidio Forcellini, 4688—4768«. Angelo 
Mai, 4784—4854, berühmt durch die Prüfung der Codices 
rescripti, hauptsächlich als ambrosianischer (4843) und va- 
ticanischer (4849) Bibliothekar. 

Gewinn aus den Schätzen von Herculanum seit 4720 
und Pompeji seit 4750, besonders durch die sinnreichen 
Erfindungen des Antonio Piaggio und des englischen Che- 
mikers Davy ". 

2) Die Deutschen: Kr. Peutinger f 4547 (die tabub 

Peutingeriana). Ph. Melanchthon , 4497 — 4560 (,Loci com- 

munes rerum theologicarum') *. Der Polyhistor Kr. v. Ges- 

ner, 4546—55. J. Mthi. Gesner, 4694—4764. Bas. Far 

ber, 4520 — 76 (,Thesaurus eruditionis scholasticae*, 4574). 

F. Sylburg, 4536—96 *. Jan Gruter aus Antwerpen, 4560— 

4627«. J. F. Gronov, 4644—74. Sein Sohn Jak. Gronov, 

^^^-v^^die äf^ — 4746, gehört den Niederlanden an. Der berühmte 

^^"^scihistor J. Alb. Fabricius, 4668 — 4736 (Bibliotheca 

p^P^gi^a, Latina, mediae et infimae aetatis, ecclesiastica 

Q. ^\wurt). Von J. A. Emesti, 4707 — 84, ging grossten- 



Fünftes CapUel. Studiologie. 35 

theils die theologische Aufklärung aus, insofern sie sich 
auf Philosophie und richtige grammatische Erklärung grün- 
det. Er ist ein wahrhafter Cicero der deutschen (,Clavis 
CiceronianaS 1739 u. 1831)^. Heyne, 1729— 1812 (,niasS 
1802)«. Reiske, 1716—74 (griech. Redner, 1770— 75) ^ 
Reiz, 1733—90, Schüler von Emesti, Lehrer ron Gf. Her- 
mann*^. J, D. Midiaelis, 1717 — 91, wirksam für biblische 
Grrammatik, Geschichte und sachliche Exegese (, Mosaisches 
Recht*, 1770 fg.) ". Winckelmann, 1717 — 68, ein um 
Kritik, Geschichte und Erklärung der classischen Kunst- 
werke, sowie um das Studium der Antike unsterblich ver- 
dienter Gelehrter, der eigentliche Schopfer einer bleibenden 
Kunstgeschichte (des Alterthums, 1 764) '*. Lessing, 1 729 — 81 , 
ist Reformator der deutschen Nationalliteratur und des 
geistigen Lebens in Deutschland überhaupt (,Laokoon, oder 
über die Grenzen der Poesie und Malerei') ^K Schütz, 
4747—1832 (seine Schüler F. Jacobs und Creuzer) ^\ Beck, 
4757 — 1832, Literator, Archäolog, Philolog und Histo- 
rikerf*. F. A. Wolf, 1757 — 1824 (,Prolegomena in Ho- 
merum^) 1^ Gf. Hermann, 1772 — 1848, nach Goethe der 
meisterhafte Kenner, der das Alte zu erneuern und das 
Abgestorbene zu beleben versteht, auf dessen Denk- und 
Handlungsweise folgende seiner Worte die schönste An- 
wendung finden : ,Eh maxima est et non interitura lau^, non 
utilem tantum, sed etiam bonum virum esse^ (,Elementa 
doctrinae metricae', 1816; ,De mythologia Graecorum anti- 
quissimaS 1807). J. H. Voss, 1751—1826, Bahnbrecher 
auf dem Gebiete der historischen Geographie und Mytho- 
logie (,Antisymbolik', 1824 — 26), gross als üebersetzer clas- 
sischer Werke, ausgezeichnet als Dichter ^^ K. Otfned Müller, 
1797 — 1840 (,Orchomenos und die Minyer', 1820; ,Dorier', 
4824; ,Etrusker', 1828; ,ArchäologieS 1830, 1835, 4844) i». 
Buttmann, 4764 — 4829 (,Griechische Grammatik', 8«it 4792). 
Bthd. G. Niebuhr, 1776—1831 (,K6m. Gesch.S seit 1841; 
,Scriptores bist. Byzantinae^ seit 4828) ^•. K. A. Bottiger, 
4760 — 4836 (,Sabina, oder Morgenscenen einer reichen Bo- 
merin^ seit 4803; archäologische Schriften) ^^. F. Jacobs, 
1764— 1847 2^ Im. Bekker, 1785, Sammler auf den be- 
deutendsten europäischen Bibliotheken (kritische Ausgaben 
der griechischen Classiker). F. Thiersch, 4784, Begründer der 
philologischen Studien in Baieni (Pindar). F. Creuzer, 1771 

3* 



36 Erstes Buch. Koinodoklologie. 

(, Symbolik u. Mythologie der alten Volker, bes. d. Griechen', 
seit 1810). A. Bockh, 1784 (Pindar, seit 1811 ; ,Staat8haus- 
halt der Athener', 1817; ,Atti8che8 Seewesen', 1840; ,Cor- 
pus inscriptionum Graecarum', seit 1824). Ch. A. Lobeck, 
1781, Begründer der philologischen Studien in Ost- und 
Westpreussen (,Aglaophamus', 1829; grammat. Schriften). 
K. Lachmann, 1793 — 1850, deutscher und classischer Phi- 
lolog. Adelung's, 1732 — 1806, und Vater's, 1771—1826, 
Sprachforschungen; des Letztem ,Literatur der Grammatiken, 
Lexika und "W Ortersammlungen aller Sprachen der Erde' 
(1815, 2. Aufl. 1847). 

3) Die Franzosen: Budäus (Bud6), 1467—1540««. 
Lambinus(Lambin), 1516— 72. Muretus, 1526— 85«3. Rb. 
Stephanus (Rb. Etienne), 1503 — 59 (,Thesaurus linguae La- 
tinae', 1534). Sein Sohn Heinrich, 1528 — 98 (,Thesaurus 
linguae Graecae', 1572) «*. Just. Scaliger (Sohn von Julius), 
1540 — 1609, Begründer einer verbesserten Chronologie (,De 
emendatione temporum', 1 583) «^ Casaubonus, 1 559— ^1 61 4 «^ 
Sein Sohn Mericus f 1 671 . Petavius, 1 583—1 652 (,De doctrina 
temporum', 1627). Salmasius (Saumaise), 1588 — 1653 (,De 
re militari Rom.', 1657). Faber (Lefevre), 1615—72, Vater 
der berühmten Anna Dacier. Yalesius (Valois), 1607 — 76, 
der Erste, der die von Bjst. Porphyrogenneta aus dem Poly- 
bius verfertigten Auszüge 1634 bekannt machte, von denen 
Peiresc 1580 — 1637 eine Abschrift aus Griechenland erhal- 
tenhatte. Vaillant, 1632 — 1706, Numismatiker. Montfaucon 
(Montefalconius), 1655 — 1741, für Paläographie. Fröret, 
1688—1749, Archäolog und Chronolog*^ Fourmont, 1683— 
1745, Orientalist und Sinolog. D'Anville, 1697 — 1782, 
Geograph und Kartograph. Barthelemy, 1716 — 95 (,Palm'y- 
renisches Alphabet', 1758; ,Reise des jungen Anacharsis', 
1788*8). Larcher, 1726-^812 (,Chronologie des Herodot'). 
Villoison, 1753 — 1805. Brunck, 1729 — 1803. Schweighäu- 
ser, 1746—1831 (,Polybios', 1789 — 95)29. 

4) Die Niederländer: Erasmus, 1467 — 1536 (,Collo- 
quia')^^ Just. Lipsius, 1547 — 1606'^ Meursius (de Meurs), 
1579 — 1639 (,Thes. antiq. Graec' 3^). H. Grotius (de 
Groot), 1583—1645 (,De iure belli et paois', 1625^3). 
Ghd. J. Vossius, 1577 — 1649 ^4. Von seinen fünf Söhnen 
Is-Vossius, 1618—89. Dn. Heinsius, 1580—1655, und sein 
Sohn N. Heinsius, 1620—80. Grävius (Gräfe, ein Deutscher), 



Fünftes CapUel. Studiologie. 37 

4632—1703 (,The8. antiquit.Rom.S 169t— 99) 3«. Jak. Gronov, 
1645—1716. LambertusBosCBosiuß), 1670— 1717 CEUipses 
Graec.% 1700'^). Dal^ berühmte Geschlecht der Burmann: 
Franz, 1628—79, und seine Sohne: Peter, 1668 — 1741 
(und dessen Sohn Kaspar f 1755), Franz, 1671 — 1719, 
Johann, 1706—80 (dessen Sohn N. Laurentius 1734 — 93), 
Peter Secundus, 1713 — 78 (ein Schüler von Düker und 
Drakenborch). Düker (ein Deutscher), 1670 — 1752. Dra- 
kenborch, 1684 — 1748 (Livius, 1738 — 46, 1820—1828). 
Uemsterhuis, 1685 — 1766 (Lehrer von Ruhnken und Valcke- 
naer) ^^ Sein Sohn Franz, 1720 — 90. Wesseling (ein Deut- 
scher), 1692—1764. Valckenaer, 1715—85 3». Ruhnken 
(ein Deutscher), 1723—98 (Kritiker) ^o. Wyttenbach (ein 
Schweizer), 1747 — 1819*^ Seine Gattin Johanna, geb. 
Gallien, erhielt von der philosophischen Facultat in Mar- 
burg die Doctorwürde. 

5) Die Engländer: der Kanzler Heinrich's VIIL, 
Thomas Monis, 1480-1535*1. H. Dodwell, 1641 — 1711 
(chronologische Schriften); Ed. Dodwell, 1767 — 1832, be- 
reiste Griechenland 1801 — 1806*2. Reh. Bentley, 1662 — 
1742 (Kritiker, Horaz, 1711—1723, 1826) *3. Potter, 1672 — 
1747, Erzbischof von Cantei;bury imd Primas von England. 
Middleton, 1683 — 1760, Theolog und Geschichtschreiber 
(über Cicero 1741, 1790, 1801 **). Markland, 1692— 1776 *^ 
Ferguson, 1724 — 1816, Geschichtsforscher und Moralphilo- 
soph (über Rom, 1783*«). Gibbon, 1738—94 (über Rom, 
1782— 88 *0. Gillies, 1747—1836, Historiker. Porson, 
1759 — 1808, nächst Bentley der grosste englische Kritiker. 

6) Die Dänen: Zoega, 1755 — 1809 (über die Obelis- 
ken)**. Munter (ein Deutscher), 1761 — 1830, Bischof von 
Seeland. Koes f 1811. 

' Ueber ihn Krebs 1840. — '^ Da» Lexikon in neuer Ausgabe von 
FuRLANBTTO 4828, velche der in Deutschland durch Voigtländer und Hertel 
veranstalteten zum Grunde liegt, 1829 — 33. — ^ Ueber dieselben Rosimi 
4793 — 1827, Murr, David, Piranesi, Zahn (Ornamente, seit 1828), Gell 
und Gacdt, Cooke, Ternite (Wandgemälde mit Erläuterungen von K. O. 
Möller und Welker 1841), Raoul-Roohettb 1844. — * Die Loci com- 
munes von Detzer 1828. Rotermund, Verzeicbniss der Schriften Melanch- 
thon*s, 1814. Seine Opera 1541; Peücbr's Ausg. 1562 — 64; sein Leben 
von Camerarivs u. Matthis 1841. Galle, Versuch einer Charakteristik 
Melanchthon*s als Theologen, 1840. Niemeybr, Melanchthon als praecep- 
tor Germaniae, 1817. Strobel, Versuch einer Literaturgesch. von Me- 
lanchthon's Loci theologici, 1776. — ^ Ueber sein Leben Crbuzer in den 
Kova acta societatis Jenensis, Bd. 1. — ^ Sein Leben von Flatdbr 1628. — 



38 Erstes Buch. Koinodoktotogie. 

<^ Seine Charakteristik von Stallbaum in der Xbomasscbule zu Leipzig 
4839. — ^ Seine Biographie von Hberen 4813. — ^ Morüs, Vita Reiskii, 

4777. _ 10 G F. HBRMAEm*8 Erinnerungen an Reiz in den Verhandliingen 
des dresdner PliUologenTereins, 4846. Bauer, Denkschrift anfRdz, 4790. 
Kordes, Plautus u. Reiz. — ^^ Autobiographie, 4793* Das Mosaische 
Recht auch von SaalschGtz 4853. — ^^ Biographien von Gurlitt und 
Petbrsbn, letztere aus dem Dänischen von Friedrichsen 4829. — ^^ Seine 
Schriften von Laohmaitn 4838 — 40. — ^* Sein Leben von seinem Sohne 
4834. — ^^ üeber ihn drei Programme vou Nobbb 4834 — 37. — ^* Ueber 
ihn Hanhart 4825, Körte 4833, Gotthold 4843. — ^^ Ueber ihn Paulus 
4826. — ^" Ueber ihn L6okb 4844. — ^^ Ueber ihn Libbbs, und w 
dem Englischen von Thibaut 4837. — '^^ Ueber ihn Eichstadt 48369 ^* 
sein Sohn Karl Wilhelm 4837. — ^* Einen treuen Abriss seines Lebens 
gab er in den Personalien, 4840, Bd. 7. der vermischten Schriften. — 
22 Werke 4567. Sein Leben von Regiüs 4540. — " Werke 4727—30». 
durch RuHNKBN 4 789, von Frotscheb u. Koch 4834 — 44. — ** Neueste 
Ausg. von Hase u. Dindorf, 4 836 fg. Auszug von Scapula , Lex. Graeco- 
Lat., 4579, zuletzt 4 830. Sein Leben von Passow in v. Raumbb'« Histor. 
Taschenbuch, 4831. Rbnouard, Annales de Timprimerie des Etiennes, ou 
histoire de la famille des Etiennes et de ses 6ditions, 4 838 u. 4 843. — ^s Beste 
Ausg. 4629. Die Geschichte d. Scaliger von Lbubscher 4695 u. Maiibaux 
4 740. Bbrnats, Ueber Jos. Just. Scaliger, 4855. — ^6 Casauboniana von 

WoLP 4 740 2" Seine Werke 4 796 u. von Champollion-Figeac seit 4825. — 

28 Deutsch von Biester, 4792 fg. — *' Dahlbr, Memoria Schweighaeuseri, 
4830. — ^^ Beste Ausg. 4650. Sein Leben von MClleb 4828. Werke durah 
Lbclbrc 4703— 6. — '^ Opera 1586, 4637, 4 675. Miräus, Vita Lipsü, 
4 609. ~ ** Von Jak. Gronov 4 697 — 4 702 , Werke von Lami 4 744 — 63. — 
" Von CoccBJi 1744. Ueber ihn Botler u. Hrs. de Vribs 4827. — *^ Werke 
4695 — 1704. Briefe 4690. Toll, Oratio de Vossio grammaüco perfecto, 

4778. — *^ Sein Leben von Bcrmann 4703. — ^^ Ausg. von Schäfer 
4808. — ^^RüHNKEN, Elogium Hemsterhusii, 4 768 u. 4789; Lindemann 482? — 

'® Opnseula von Erfubdt 4808, die Epistolae von Tittmann 4812 *^ Wyt- 

TBNBACH, Vita Ruhnkenii, 4799; auch von Lindemann 4822 u. Frotschsb 
4 846. RiNK, Ueber Hemsterhuis u. Ruhnken, 1801. — *^ Mahne, Vita Wyt- 
tenbachii, 4823. — ** Werke 4559 — 66. De optimo reip. statu dejue noTs 
insula Utopia, 1546; deutsch von Oeffinger 4846. Sein Leben von Rudbabt 
4829, Mackintosh 4830, Prinzessin v. Craon 4833. — *^ Sein Reisewerk 
deutsch von Sichler 4824. — *^ Ueber ihn F. A. Wotp in den llterar. 
Analekteo, 4846, Bd. 4, u. Momk. — ** Deutsch von SHdel 4791—93. — 
45 Ueber ihn F. A. Wolf, Bd. 2 der Analekten. — ^^ Deutsch von Beck 
4784. — ^7 Deutsch von Wenck, Schreiter u. Beck 1805 fg., Spor«cÄfH837 
u. 4843. — *• Ueber ihn Welcker. Heeren, Gesch. d. Studiums d. class. 
Lit. seit dem Wiederaufleben d. Wissenschaften, 4797 — 4804. 

§. 53. Auf die Erforschung der orientalischen Li- 
teratur, namentlich der arabischen, wendete sich die 
Aufinerksamkeit der Gelehrten schon im Mittelalter. Inno- 
cenzIV. (1243—54) befahl, auf der Sorbonne 1251 einen 
Lehrstuhl für das Arabische. zu ei^ichten. Unter Clemens V, 
beschloss 1311 die Synode zu Vienne, Lehrer des Arabischen 
imd Chaldäischen in Born, Paris, Oxford, Bologna, Sala- 
manca anzustellen. Reuchlin war durch orientalische Sprach- 
kunde ausgezeichnet, ürban VIII. stiftete in Rom das Col- 
legium pro fide propaganda '. 



Fünftes CapUel. Studiologie. 39 

Die erste asiatisclie Gesellschaft zur £rforschuug der 
Literatur 9 Geschichte , Geographie, Beligion und Sprachen 
des Orients wurde yon den Holländern in Batavia gegrün- 
det, deren Verhandlungen u. s. w. zwischen 1 780 — 1 837 
fallen. Die Asiatic society of Bengal stiftete der Engländer 
William Jones (1746 — 94) in Kalkutta 1784, deren Asiatic 
researches 1788 — 1833, Journal of the asiatic society. of 
Bengal seit 1832, die Arbeiten von Prinsep. Aehnliche Ge- 
sellschaften sind in Bombay, Madras, Benkulen auf Sumatra, 
Malakka und auf Ceylon. Die Soci^te asiatique in Paris 
seit 1822, ihr , Journal asiatique^ seit 1823 durch Sylvestre 
de Sacy. Die Royal asiatic society of Great-Britain and 
Irelaad yon Colebrooke am 19. März 1823 eröfEnet. Ihre 
,Transactions^ 1824 — 34 und das , Journal of the asiatic so* 
ciety^ seit 1833. Damit steht seit 1828 der Oriental trans- 
lation commitee und seit 1842 ein durch den Grafen Munster 
gestifteter Verein in Verbindung zur Herausgabe orienta- 
lischer Texte. Ein asiatisches Museum stand in Petersburg 
seit 1815 unter Frähn. Die ,Zeit8chrift für Kunde des Mor- 
genlandes^ 1837 — 42 durch Lassen in Bonn redigirt. Brock- 
haus, ,Zeitschrift der Deutschen morgenländischen Gesell- 
schaft' seit 1847. 

Die AMcan association durch Banks seit 1788 zur Er- 
forschung des Innern yon Afrika und ihre ,Procedings of 
the associations for promoting the discovery of Africa' seit 
f790. Aegyptische Gesellschaft in Kairo. 

1 BoHN, De fafis studii liogoanun orientalium inter Europaeoa, 4769» 

§. 54. Als besondere Hülfsmittel der Studien sind 
Zeitungen, Zeitschriften und encyklopädische Werke zu 
betrachten. 

Zeitungen (teiding) mengen sich in Alles, sie ver- 
gegenwärtigen täglich die vielfältigsten Erscheinungen des 
Staaten- und Volkerlebens, das Entfernteste wie das Nächst- 
liegende, das Materiellste und das Geistige. Demnach ist 
in jeglichem Gebiete des Culturlebens ein Platz für sie. 
Wachsmuth, ,Culturgesch.S IH, 87, 33. 

Im Keime findet sich dies Institut schon bei den alten 
Römern in den schon vor Cäsar aufgekommenen Acta diuma 
oder Publica actorum scriptura, worin die Verhandlungen 
in der Curie und den Tribunalen, Anzeigen der Feste, 
Geburts- und Sterbelisten enthalten waren. Die Annales 




4Ü Erstes Buch. Koinodokloloyie- 

pontificum horten bald nach der Einnahme von Numantia 
(133 y. Chr.) au£ Die durch Cäsar veranstaltete Veröf- 
fentlichung der 4^cta senatus wurde unter August sospendirt, 
darauf seit Tiber unter Censur gestellt und bis ins 5. Jahrfa- 
fortgesetzt ^ 

Nach einer langen Pause findet sich nach der Mitte des 
16. Jahrh. in Italien, und zwar zu Venedig, ein ähnliches 
Veroffentlichungsmittel, Notizie scritte, die f&r ein Lesegeld 
von einer Scheidemünze, Guzeta, zugänglich waren, daher 
auch der Name dieser Neuigkeitsblätter. Auch in Deutsch- 
land bestehen Zeitungen seit Anfang des 1 6. Jahrh. Gegen- 
wärtig ist ihre Zahl sehr gross; so z. B. werden seit 4 »'Juli 
1852 in Preussen 1671 Zeitschriften und Zeitungen durch 
die betreffenden Behörden an das Publicum ausgegeben, 
darunter 1163 in deutscher Sprache. 

Die erste englische Zeitung wurde 1 588 unter dem Titel 
,The English Mercurio^ auf Burleigh^s Befehl herausgegeben, 
was jedoch Schlesinger in seinen ,Wanderungen durch 
London^ (1853, 11, 255) bestreitet. Jetzt ist die englische 
Presse die wichtigste und umfangreichste in Europa, wird 
aber gleichwol von der in den Vereinigten nordamerika- 
uischen Staaten noch übeiiroffen. In Frankreich wurde die 
erste Zeitung 1732 von dem Arzte Renaudot unternommen, 
um seine Patienten mit den Tagesneuigkeiten zu versehen. 
Die holländischen Courants. Russland hatte 1846 bei 70 Mill. 
Einwohnern erst 62 periodische Schriften. In Grriechenland 
die ,Nauplia^ und ,AthenaS Seit 1 828 erscheint zu Neuechota 
eine cherokesische Zeitung u. s. w. 

1 Lb Clerc, Des journauz chez les Romains, 4838« Schlossbk, Ueber 
die Qaellen der spätern latein. Schriftsteller, bes. über Zeitungen, in dem 
von Bercht n. ihm heraasgegebenen Archiv für Gesch. a. Lit, 1830- Zell, 
Ueber die Zeitungen d. alten Römer, im Morgenblatt, 4835, N. 446. 

§. 55. Die Zeitschriften haben das Wissen aus der 
Schule in das Leben eingeführt. Man unterscheidet ihrer 
drei Glassen: für das grössere Publicum und für einzelne 
Zweige des Wissens bestimmte und kritische. 

In Frankreich wurde das , Journal des savants^ am 5. Jan. 
1665 von Denis de Sallo (pseudonym Hedouville) begrün- 
det. Die ,Nouvelles' von Bayle seit 1 687. ,Annee litteraire' 
1 754 — 76. jJoumal encyclopödique' 1 758 — 91 . , Journal ge- 
neral de la lit. fran9.' seit 1798. ,Athenaeum fran^ais.' 

In England finden wir zunächst die von den Essayisten 



Fünftes Capitel. Studiologie. - 41 

geschriebenen und herausgegebenen Zeitschriften för ver- 
mischte Aufsätze : ,Tatler^, ,Spectator^, ,Ghiardian^ u. a., nach-^ 
geahmt durch das ganze 48. Jahrh. Das erste londoner 
Journal wurde 4622 von einem sogenannten Newsman ge- 
gründet, Nathaniel Butter, unter dem Titel ,Weekl7 News^ 
,The gentleman's magazine^ seit 1731. ,Critical review' 1765 
von SmoUet. ,£dinburgh review' 1802 von JeflEreys, Sidney 
Smith und Brougham. ,Quarterly review' 1809 von Giflford. 
^Edinburgh philosophical Journal^ von Brewster u. a. 

In Amerika existirten nach F. v. Baumerts Angabe schon 
4834 8 medicinische, 52 juristische, 120 theologische, 12 
Ackerbau-Zeitschriften und 18 för Mässigkeitsvereine. — 
In Italien Zeno's ,Giomale de' letterati' (1668) 1710 — 33. 
Pabroni's in Pisa 1771, Acerbi's 1815, Gironi's 1826. ,Biblio. 
theca italiana^ in Mailand 1822. ,11 contemporaneo^ u. a. 

Deutschland erwarb sich in der Kritik das höchste Ver- 
dienst. In Leipzig Mencke's Acta eruditorum 1682 — 1731 
und Nova acta eruditorum 1732 — 76. Leipziger Neue Zei- 
tung von gelehrten Sachen 1715 -—97. AUgem. deutsche 
Bibliothek von Nicolai 1765 — 1806. Gottingsche Zeitungen 
4739 und Anzeigen 1753 (Michaelis). Relationes de libris 
novis 1752 — 55. Helmstedter Ephemerides lit. 1770 — 75, 
Commentarii 1 776 — 81 , Annales 1 772 — 78. Bertuch's AUgem. 
Lit.-Zeitimg in Jena 1785 — 1803, fortgesetzt in Jena und 
Halle seit 1804. Leipziger Jahrb. d. Lit. 1800 und Neue 
Leipziger Lit. -Zeitung 1802 — 19, Leipz. Lit.-Zeitung 1820. 
Heidelberger Jahrbücher 1818. Wiener Jahrbücher d. Lit. 
1818. Hermes in Leipzig 1819. Beck's Repertorium 1819. 
Berliner Jahrbücher der wissenschaftl. Kritik 1827 ^ Prutz, 
Deutsches Museum. Die Grenzboten von Freytag und 
Schmidt. Brockhaus, Blätter für literar. Unterhaltung. Mor- 
genblatt für gebildete Leser. Das Ausland. Journal der 
Literatur des Auslandes. Zamcke, Literar. Centralblatt 
für Deutschland, zugleich mit dem Nachweis anderer Zeit- 
schriften imd Journale: 1) für Theologie: Protestantische 
Kirchenzeitung für das evangelische Deutschland von Krause; 
Deutsche Zeitschrift für christliche Wissenschaft und christ- 
liches Leben von Schneider ; Zeitschrift für die gesammte lu- 
therische Theologie und Kirche von Rudelbach und Guericke; 
Zeitschrift für Protestantismus und Kirche von Thomasius 
und Hofmann; Protestantische Monatsblätter für innere Zeit- 




42 Erstes Buch, Kainodoktologie. 

geachichte von Geizer; Evangelisches Gemeindeblatt von 
Weiss; Kirchliche Zeitschrift von Kliefoth und Mejer; Theo^ 
logische Jahrbücher von Baur und Zeller; 2) für Recht Se- 
kunde: Archiv für deutsches Wechselrecht von Siebenhaar 
und Tauchnitz; Archiv des Criminalrechts von Abegg; Der 
Gerichtssaal von Arnold, v. Hye-Glunek und Schwarze; 
Magazin für Rechts- und Staatswissenschaft von Haimerl; 
Blatter für Rechtspflege in Thüringen und Anhalt von 
Hotzel; Kritische Zeitschrift for die gesammte Rechtswis- 
senschaft von Brinkmann, Domburg, Marquardsen und Pa- 
genstecher; 3) für Staatswissenschaften: Zeitschrift des 
statistischen Bureaus des konigl. sächsischen Ministeriums 
des Innern von Engel; ebenso des statistischen Burnus zu 
Berlin von Dieterici; dazu liefert Helwing Jahresberichte 
über staatswissenschaftliche und cameralistische Literatur; 
tübinger Zeitschrift der gesammten Staatswissenschaften; 
4) für Medicin: Deutsche Klinik von Göschen; Illustrirte 
medicinische Zeitschrift von Rubner; Henke's Zeitschrift 
für die Staatsarzneikunde, fortgesetzt von Behrend; Viertel- 
jahrschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin von Casper ; 
Vermischte Abhandlungen aus dem Gebiete der Heilkunde 
(in Petersburg herausgegeben); Zeitschrift der Gesellschaft 
der Aerzte in Wien von Hebra; Schmidt's Jahrbücher der 
in- und auslandischen gesammten Medicin; Monatsschrift 
für Geburtskunde und Frauenkrankheiten von Busch, Crede, 
Ritgen und v. Siebold; Homöopathische Vierteljahrschrift 
von Müller; Neues Repertorium für Pharmacie von Buch- 
ner; Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer 
von Walz und Winckler; Archiv für Pharmacie von Bley; 
Schweizerische Zeitschrift für Medicin, Chirurgie und G^- 
burtshülfe von Tschamer; Archiv für Pathologie und The- 
rapie von Zimmermann; Journal far Kinderkrankheiten von 
Behrend und Hildebrand; Zeitschrift für wissenschaftliche 
Therapie von Bemhardi; Repertorium der Thierheilkunde 
von Hering; 5) für Naturwissenschaften: Abhandlungen 
der naturforschenden Gesellschaft zu Halle; Zeitschrift für 
die gesammten Naturwissenschaften von Giebel und Heintz; 
Abhandlungen des zoologisch -mineralogischen Vereins in 
Regensburg; Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie 
und Petrefäctenkunde von v. Leonhard und Bronn; Bon- 
plandia von Seemann; Mittheilungen der naturforschenden 



Fünftes CapUel. Sludiologie, 43 

Gesellsohaft iu Zürich; Journal für praktische Chemie von 
Erdmann und Werther; Annalen der Physik und Chemie 
von Poggendorf ; Annalen der Chemie und Pharmacie von 
Wöhler, Lief)ig und Kopp; Archiv für die Naturgeschichte 
von Troschel; 6) für Mathematik: Abhandlungen der ma- 
thematisch-physikalischen Classe der konigl. sächsischen Ge- 
sellschafb der Wissenschaften; Archiv für Mathematik und 
Physik von Grunert; Journal für die reine und angewandte 
Mathematik von Crelle; 7) für Geschichte: Zeitschrift 
für Geschichte des Qberrheins von Mone; Archiv der Ge- 
sellschaft för ältere deutsche Geschichtskunde von Pertz; 
Archiv für schweizerische Geschichte ; Zeitschrift des histo- 
rischen Vereins für Niedersachsen von Blumenbach, Schau- 
mann und Grotefend; Anzeiger für Kunde der deutschen 
Vorzeit von v. u. zu Aufsess, v. Eye und Frommann (Ger- 
manisches Museum); 8) für Literaturgeschichte und 
Sprachkunde: Deutsche Vierteljahrsschrift; Jahrbuch der 
deutschen Literatui*geschichte von Henneberger; Zeitschrift 
für deutsches Alterthum; Zeitschrift für vergleichende Sprach- 
forschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und 
Lateinischen von Kuhn; Weimarisches Jahrbuch für deutsche 
Sprache, Literatur und Kunst von Hoffmann v. Fallersleben 
und Schade; Zeitschrift für Stenographie von Michaelis; In- 
dische Studien von Weber; Berichte über die Verhandlun- 
gen der konigl. sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 
zu Leipzig; Phillips^ und Gorres^ historisch-politische Blät- 
ter für das katholische Deutschland; Literaturblatt; Die 
Natur von Ule und Müller; Zeitschrift für allgemeine Erd- 
kunde von Gumprecht, mit bibliographischen Beilagen von 
Koner; Minerva (für Geschichte, PoUtik und Literatur) von 
Bran und Fischer; Mittheilungen aus Justus Perthes^ geo- 
graphischer Anstalt von Petermann; Monatsberichte der 
konigl. preussischen Akademie der Wissenschaften au Berlin; 
Zeitschrift für Alterthumswissenschaft von Cäsar; Rheinisches 
Museum für Philologie von Welcker und Bitschi; Archiv für 
wissenschaftliche Kunde von Bussland von Erman; 9) für 
Kunst: Archiv für die zeichnenden Künste von Naumann; 
Weigel's Kunstlager -Katalog; Wigand, Jahrbücher für Wis- 
senschaft und Kunst; Kunstblatt von Eggers; Dlustrirtes Fa- 
milienbuch des ostreichischen Lloyd u. s. w. — Die Anzahl 
sämmtlicher in Deutschland erscheinenden Zeitschriften belief 



44 Er$te$ buch. Koinodoktologie. 

sich im Jahre 1854 auf 2025, darunter 403 politische, 4622 
nichtpolitische. 

, Die holländische ,Boekzaal van Europe^ 4692, spater als 
,Boekzaal der geleerde wereld^, der ,Recensent^ 4 790, Müller's 
,Referent' seit 4844. — ,Svensk Citeratur-Tidende' 4844—24, 
4848 — 34 ,Svea' zu Upsala von Palmblad. — Dorpater Jahr- 
bücher und Verhandlungen der gelehrten esthnischen Ge- 
sellschaft. Petersburger Kalender u. a. Russische Zeitschrift: 
,Der Polarstem^, seit 4 855 von Alx. Herzen in London. 

Vereine für Verbreitung guter Volksbücher m Deutsch- 
land, der Schweiz, Frankreich, England, Holland und Nord- 
amerika. Bröugham, Stifter der Society for diffiision of 
useftd knowledge 4825. Dasr ,Penny-Magazine^ Der, British 
almanac^, ein Muster yon Volkskalender. Miss Martineau, 
,Illustrations of political economy', 4 832 fg. ,Deutsche Volks- 
bücher' von Gorres 4 807, herausgegeben von Marbach 4 838. — 
Frankreichs Pamphletliteratur. 

1 Pbutz, Gesch. des deutschen Joumalismns , 184ß. 

§. 56. Encyklopädische Schriften findet man schon 
im Alterthum. Die J'Opot* oder Definitionen des Speusippos, 
eines Schülers* und Neffen von Piaton. Des Aristoteles, 
Varro's ,Antiquitates rerum diviüarum et humanarum^, des 
altem Plinius ,Historia naturalis^ des Stobäos ,Anthologie^, 
des Suidas ,Lexikon^^ des Marcianus Capella (460) ,Satirikon\ 
CaÄsiodor's (562), Isidor's von Sevilla (f 636) Schriften, 
die Auszüge des Photios und Kaisers Konstantin. 

Im Mittelalter die ,Summae' und ,Specula': Hugo von 
St. -Victor (über ihn Liebner). Der Dominicaner Vincent 
de Beauvais (Bellovacensis, im 43. Jahrh.) liefefte die erste 
Universal -Encyklopädie in dem ,Speculum majus^ das wie- 
derum in ein Speculum historiale, naturale und doctrinale 
zerfiel, dem ein Ungenannter noch das ,Speculum morale^ 
hinzufögte *. Ringelberg^s ,Cyclopaedia% 4544. Scalich's 
,Encyclopaedia s. orbis disciplinarum tum sacrarum tum pro- 
fanarum^, 4 559. Beisch^s ,Margarita philosophica^, 4 503, und 
4583 als ,Habituum s. disciplinarum perfectissima encyclo- 
paedia^ Martini^s ,Idea methodicae et brevis encyclopaediae 
s. adumbratio universitatis', 4606. Alsted's ,Encyclopaedia 
Vn tomis distinctaS 4620. 

Die Bahn für encyklopädisches Wissen aus einem innem 
Princip brach Fr. Bacon von Verulam (f 4626), Lord- 



Fünftes Capitei Sludiologie. 45 

kanzler Konig Jakob's I. von England, durch seine Schriften : 
,De dignitate et augmentis scientiarum^, 1605, und ,Novum 
oi^anon scientiarum^, 1 620. Seitdem mehrten sich die Schrif- 
ten, welche ein umfassendes Wissen in systematischer Ord- 
nung zum Gegenstande haben. Jablonski, ,Allgemeuies Lexi- 
kon der Künste imd Wissenschaften^, 1721. Zedier, ,Grosses 
Universal-Lexikon^, 1731. Ersch und Gruber, ,Allgemeine 
EncyklopädieS seit 1818. Pierer, ,Universal-Lexikon', 1824. 
Die Conversations -Lexika, besonders von Brockhaus ^. Die 
,Gpeschichte der Künste und Wissenschaften seit der Wieder- 
herstellung derselben bis an das Ende des 18. Jahrh. von 
einer Gesellschaft Gelehrter^ Bd. 1 — 23, geht von A bis Ky, 
1778 — 1804. Eine ,Neue Encyklopädie der Wissenschaften 
und Künste für die deutsche Nation^ erscheint seit 1850 in 
Stuttgart. 

In Italien lieferten Coronelli 1696, Pirati 1746; in Eng- 
land Harris 1704, Napier 1788 (,Encyclop. Britannica^) 
und Brewster 1807; in Frankreich Diderot und d'Alembert 
(die sogenannten Encyklopädisten) 1751 Encyklopädien '; 
bei den Arabern Avicenna und Hadschi Khalfa, eigentlich 
Mustafa ben Abdallah, bekannt auch unter dem Namen 
Katib Tschelebi, einer der bedeutendsten Historiker und 
Bibliographen der Türken, mehre Jahre erster Secretär und 
Finanzminister des Sultans Murad lY., gestorben zu Kon- 
stantinopel 1655. Sein Hauptwerk ist ein grosses biblio- 
graphisches Lexikon: ,Keschs ul tsunum^ in arabischer 
Sprache, worin er die Titel von mehr als 18,000 arabischen, 
persischen und türkischen Büchern aufgezählt und kurze 
Notizen über das Leben der Verfasser hinzugefügt, sovde das 
gesanmite mohammedanische Wissen nach 307 sogenannten 
Wissenschaften abgetheilt hat^. Chinesische Encyklopädie 
von Mantuanlin 1 300 n. Chr. 

Zu vergleichen ist das Capitei über Linguistik und 
Kritik. 

1 Erste Ausg. 4473, als Bibliotheca mundi 4624. — ^ Zar Geschichte 
und Charakteristik des Conversations -Lexikons im Nachwort zur 10> Aufl. 
Anzeige in den Blättern far literar. Unterhaitang, 4855, Nr. 32. — ' Die 
grösste vorhandene soll die Encyclop^die methodique, on par ordre de 
metiers, par une soci^t^ des gens des lettres seit 4800 sein. — * Eine Aus- 
gabe des Textes mit lateinischer Uebersetzung (Lexicon bibliographicum et 
encyclopaedicum) gab Flügel 4835. 



Zweites Bocht 

Besonderer Theil. 



Die NationalliteratureiL 
Ethnodoktologie. 

§. 57. Auf einem so umfassenden Gebiete der Cultur 
und bei so reichhaltigem Stoflfe der Leistung kann es bei 
eineiü pädagogisch gehaltenen Grundriss natürKch nur 
auf die Darstellung der literarischen Hauptmomente, 
nur der bedeutendsten Volker und deren wichtigsten Schrift- 
steller und Schriften abgesehen sein. Hiemach behandeln 
wir in drei Abtheilungen die orientalischen, die clas- 
sischen und die oocidentalischen Nationalliteraturen. 



Erste Abtheilung. 
Orientalische Literaturen. 

§. 58. „In China zeigen sich die literarischen Wirkun- 
gen einer vorwiegend auf das Verständige und Praktische 
gerichteten Cultur, die, in ihren engen Grenzen beharrend, 
keinen Fortschritt duldet. Dagegen hat in dem alten Indien 
die Phantasie den Korper einer Riesin angenommen, deren 
Gehirn die ungeheuerlichsten Gebilde, deren Lippen die un- 
denkbarsten Märchen neben den • lieblichsten Liedern ent- 
queUen und in deren geheimnisstiefen Augen jene quälerische, 
fanatische Mystik brütet, die seither die Bunde um die Welt 
gemacht und wie ein Alp auf der Menschheit lastet. Zer- 
splittert sich die indische Phantasie in tausenderlei Gestalten, 
zerfliesst sie ins Unendliche und Unfassbare, so geht da- 
gegen die hebräische mit starrer Consequenz auf ein Ziel 
los, auf die Schaffung, Verehrung und unbewusste Befehdung 



Sechstes Capitel. Chinesen. 47 

eines Nationalgottes, dessen rachsüchtige Despotie nicht 
Gottliches noch Menschliches neben sich anerkennt oder 
duldet. In Arabien ist die ursprüngliche Poesie rein yon 
jeder theologischen Färbung, in grossarüg einfacher Weise 
die Urzustände eines hochsinnigen Kriegervolks darstellend, 
während der später hinzutretende Mohammedanismus zwar 
ihre Kraft schwächt, ihr aber zum Ersatz eine ausserordent- 
liche Vielseitigkeit und Beweglichkeit verleiht. In der per- 
sischen Literatur sehen wir die einzelnen Strahlen orien- 
talischer Phantasie nind Bildung wie in einem Brennpunkt 
zusanmienfliessen« Die persische Epik beruht wesenüich auf 
dem Dualismus einer Mythologie, welche zur monotheistischen 
hebräischen einen so eigenthümlichen Gegensatz bildet. Die 
persische Didaktik fasst die Ideen morgenländischer Weis- 
heit in die klaren Sprüche praktischer Lebensphilosophie. 
In der persischen Lyrik beginnt das menschliche Bewusstsein 
einen lachenden Kampf gegen die theologische Abstraction. 
Von der türkischen Literatur ist nur zu sagen, dass sie 
die Tone der arabischen und persischen mit unselbständigem 
Eklekticismus wiederholt." 

§. 59. Die Chinesen stehen vereinzelt, mit alleinigem 
Anschluss der Japanesen. Von den Ariern stammen die 
Inder und Iranier und deren Zweig, die mohammedanischen 
Perser. Die Semiten umfassen vorzugsweise die Araber 
und Hebräer, mit Anschluss der jüdischen und osmanischen 
Literatur. 

Eichhorn machte das Werk des Engländers Jones über 
die asiatische Poesie bekannt, unter dem Titel: ,Poeseos Asia- 
ticae comment. libr. VL cum appendice, auctore Jones^ 1 777. 
Goethe^s ,We8tostiicher Divan^ mit den Erläuterungen. Die 
an den betreffenden Stellen weiter unten genannten Werke 
englischer^ franzosischer und deutscher Sprachforscher und 
üebersetzer. 



Sechstes Capitel. 
Chinesen. 

§. 60. Die Sprache bestimmt den wahren geistigen 
Standpunkt. Sie ist einsilbig, ohne inneres organisches 
Lebcm^ ohne Flexionen, die das Gedachte genau wiedex% 



48 Ziveites Buch. Edinodoktologie. 

geben, und die grammatischen Verhältnisse werden nur 
durch Partikehi angedeutet *. Der ganze Sprachschatz 
besteht aus 450 einsilbigen Wörtern, die vermittelst vier 
verschiedener Betonungen, mit welchen sie ausgesprochen 
werden, auf 1203 Wortlaute steigen. Bei dieser geringen 
Anzahl kann ea nicht anders sein, als dass dasselbe Wort, 
genau auf dieselbe Weise ausgesprochen, sehr verschiedene 
Bedeutungen hat^ und bei den gebräuchlichsten steigt die 
Zahl der damit ausgedrückten Begriffe auf 30 — 40. Daher 
Schwierigkeit der Erlernung dieses Idioms. Man unter- 
scheidet die Gelehrten- oder Mandarinensprache und die 
Provinzialdialekte. Begründer des wissenschaftlichen Stu- 
diums der chinesischen Sprache in Europa ist Abel R^- 
musat ^. 

' W. V. Humboldt wollte in seiDer Schrift : Snr la natnre des formes 
grammaticales , 4827, nachweisen, dass die chinesische Sprache ein Muster 
logischer Präcision sei. — ^ Elemens de la gramm. chin., 4822, und 
Essai sar la langue et la litt, chin., 4811. Schott, De indole. linguae 
Sin., 1827. Medhubst, Chinese grammar., 4842. Das beste chinesische 
Wörterbuch Hess Kaiser Kanhi 474 4 in 430 Foliobänden anfertigen, woraus 
Callbbt 4842 einen Auszug lieferte. Medhubst, Dictionary of the Hokeen 
dialect of the Chinese language, 4832. 

§. 61. Die Schrift ist Worterschrift mit so vielen, 
bestimmte BegriflFe ausdrückenden Charakteren (an 80,000), 
als überhaupt Worter sind, und überdies sechs verschiedenen 
Arten (deren am meisten verbreitete Tschingtse heisst), so- 
dass zum blossen Lesenlemen Jahre erfoderlich sind. Es 
dienen jedoch 214 Wurzelzeichen, die sogenannten claves 
Sinicae, zur Erklärung der übrigen. 

R^MUSAT, Sur Torigine de l'^crit chin. in den Mem. de llnstitut. 
Acad. des inscK, V, 8. Callbbt, Systema phoneticum scripturae Sinicae, 
4842. — Ueber ihre hauptsächlich durch paläographische Studien hervor- 
gerufene Schriftreränderung: Haoeb, Monument de Tu; 4802. 

§. 62. Umfangreiche Literatur: der Katalog Jer Biblio- 
thek des Kaisers Kianlong soll aus 122 Bänden bestehen. 

Obenan stehen die vier heiligen Bücher oder Kings, 
in denen die Lehren des Confucius niedergelegt sind 
und die er theils selbst verfasst, theils aus altem Werken 
zusammengetragen hat. Sie stammen aus dem 6. Jahrh. 
V. Chr. ^. Sie heissen: ,yking^ (naturphilosophischen Lihalts), 
,Liking' (über Gebräuche und Ceremonien), ,Schiking' (Lie- 
derbuch) 2, ,Schuking' (das berühmteste von allen, enthal- 
tend Geschichte, Ethik, Metaphysik). Ein fünftes heiliges 



Sechstes Capilel. Chinesen. 49 

Buch, eine Chronik des Reiches Lu, wird ,Tschüntschiu' 
genannt. 

Den Kings im Werthe zunächst stehen die vier ,Sseschu' 
(moralische und politische Lehren) von Confiicius (551 — 478 
V. Chr.) und seinen Schülern verfasst und genannt: ,Tahio% 
,T8chungyung', ,Lunyu' und Schriften des Mengtseu (Mencius, 
f 314 V. Chr.) ^. Auch gibt es religiöse Werke von Laotse * 
(604 V. Chr.) und seinem Schüler Tschuangtse, Begründer einer 
Vemunftreligion, und von Tschuhi aus dem 13. Jahrh. n. Chr. 

1 Marshman, Works of Confacius, 4809; hieraus von Schott 4828 
ins Deutsche übersetzt, ebenso nach der franz. Uebersetzung des Pauthier 
herausgeg. von Crameb, 4844. — ^ Latein, von Lacharme u. mit Anmerk. 
▼on Mohl, 4830. Nach dieser latein. Version gibt es zwei metrische 
deutsche Nachbildungen: von Bückert 4833 und von Gramer 4844. — ^ Ihre 
Herausgeber sind Marshman 4809, Abel Remusat 4817, Julien 4824, 
Pauthier 4837. — * Von Julien 4 842. — Den chinesischen Katechismus 
der buddhistischen Religion gab Neumann 4830 deutsch heraus. Ueber 
Buddhaismus: v. Bohlen 4827, Bubnouf 4844. 

§. 63. Die poetische Literatur ist reich an Gedichten 
mit und ohne Reim und an Romanen. Lyriker aus dem 
Anfange des 8. Jahrh. n. Chr., zugleich Norm- und Formgeber, 
sind Tufu und Lithaipe; Ersterer durch seine Lieder, welche 
den Gesammttitel ,Fu' führen und in ganz China ausserordent- 
lich populär sind; Letzterer durch seinen ,Tangschi' (Remusat, 
,Nouveaux melanges asiatiques^, I, 1 74 fg.). Das Formelle der 
Poetik besteht darin, dass jeder chinesische Vers einen voll- 
standigen Sinn einschliessen muss und neben der Silbenmes- 
sung auch der Reim beobachtet wird. In den Romanen ist 
der Hauptheld meistens ein Literat, die Erfindung arm, die 
Verwickelung gekünstelt, die Katastrophe prosaisch ^. Ob- 
gleich das Schauspiel den meisten Beifall findet und Peking 
allein sechs Theater hat, zeigt die Bühne doch grosse Mangel: 
keine Illusion, keine Decoration; der Schauspieler bezeichnet 
den Ort der Handlung und wen er darstellt; für weibliche 
Rollen treten Knaben oder Eunuchen ein; Einheit der Zeit, 
des Orts und der Handlung sind unbekannt *. — Das Drei- 
worterbuch ,Sandszoking' von Vangyoheu ist eine versifi- 
cirte Encyklopädie. 

1 Am bekanntesten ist der von Remusat unter dem Titel: Les deux 
consines, 4826, ins Französische übertragene Roman Yukiaoli geworden, 
welcher in der Mitte des 45. Jahrh. geschrieben ist und die Schicksale des 
Dichters und Gelehrten Sseyoup und der Demoiselle Houngju erzählt; deutsch 
zu Stuttgart 4827. — ' Dramensammlungen von Julien 4832 nnd Bazin : 

4838. Hier und durchweg vergl. K. Rosenkranz, Die Poesie u. ihre 

Geschichte etc., 4856. Jolowioz, Polyglotte der oriental. Poesie, 4863. j 

MBM.EKKR. *' J^H 



50 Zw$itei Buch. Ethnodoktologie. 

§. 64. In der Naturkunde und Chemie sind die Chi- 
nesen nicht unerfahren, doch blieb diese Kenntniss ohne 
Einfluss auf' die Heilkunde, da sie nicht seciren. Fast ganz 
unbekannt ist ihnen die Chirurgie, mit Ausnahme der Acu- 
puuctur. — Werke gibt es über Astronomie oder vielmehr 
Astrologie, Geometrie, Ackerbau, Kriegskunst, Musik und 
alle Zweige der Technik und Mechanik. Der Criminalcodex 
der jetzigen Mandschudynastie seit 1644. 

Bedeutend sind die historischen und geographischen Ltei- 
stungen, indem der jedesmalige neue Beherrscher die An- 
nalen seines Vorfahren von Seiten des Staats ausarbeiten und 
amtlich versiegelt der Gruft in Mukden, das 1625 Residenz 
der Mandschufursten wurde, übergeben lässt. Die Provinzial- 
Statistiken umfassen 260 Bände. Die eigentliche Geschicht- 
schreibung begann schon unter der Dynastie Hau, 206 v. Chr. 
Der Reihenfuhrer ist Ssemathsian und sein Werk ,Sseki^ mit 
den Fortsetzungen (der sogenannten 22 Geschichtschreiber 
oder Nianeulsse) reicht von 2637 v. bis 1643 n. Chr. Chro- 
nologische Abrisse von Thungkiankangmu und von Tschuhi 
aus der Mitte des 13. Jahrh. *. , Geschichte der Gotter 
und Geister.* ,Buch der Bei^e und Meere.' 

Lexikalische Arbeiten ^ , auch für die Sprachen der 
Handschu, Mongolen (ihre Dschangariade) und Tibetaner. 
£ncyklopädie von Mantuanlin 1300 n. Chr. Chinesische 
Erfindungen: Papier, Braimtwein, Schiesspulver, Buch- 
druckerei, Compass ^. 

1 Pranz. von Mailla, in der Hist generale de Ja Chine, 4777 — 83. 
IbIKLBB, tJeber Zeitrechnung der ChiAe&en, 4837. — * Von HiüBcam 
iii tk. Chr.; Peilirenynfifa ia 186 Bdn.; PhingtselOuipien in 320 Bdn. ^- 
^ Klafkoth, Ueber Erfindung der Bouflsole, 4834. Für die Kenntniss 
der 2üät&nde Chinas die Beschreibung von Davis (deutsch von Wemt' 
fifld 48^9)) VTiNDiscmtAHN und Lat (deutsch von Wilfert 484i)* Basi«, 
einer 4te trefflichsten franiös. Sinologen: Becherofaes sur les institatiom 
administratives et municipaloa de Ia Chine in dem Journ. Asiat., Novbr. 485i. 
Reichhaltig« Bftehersttmmlungen chinesischer Literatur in Paris (FoüiMOKt^ 
Katalog in der Grammatica Sinica, 4742), London, Berlin (Schott's V«r- 
zeichniss 48V0), München und Petersburg. W. Schott, Entwurf einer Be- 
schreibung der chinesischen Literatur, gelesen in der Akademie der Wis- 
senschaften zu Berlin am 7. Febr. 4850. 

§. 65. Die Japanesen gehören zu den civilisirtesten 
Nationen Asiens. Ihre Sprache in zwei Redeweisen: Jamato 
oder Gelehrtensprache, mit zwei Dialekten: Naiden und 
Gheden, und die Vulgärsprache. 

Dreierlei Schrift: Firokana, Katakana und chinesische 



Siebenies Capilel. Inder. 51 

Charaktere mit phonetischem Werth. Seit dem 13. Jahrh. 
Buchdruckerei. Auch sie sind durch Abgeschlossenheit 
zurückgeblieben, aber ihre Gelehrten besitzen nicht den 
chinesischen Dünkel. 

Werke über Geachichte, Geographie, Astronomie, Botanik, 
Dichtkunst. In ihren Schauspielen treten auch Frauen auf. 

Grammatik von Remcsat, 4825. — Wörterbücher von Mbdhu&st 4830 
und SiBBOLD 4841. — Hodoson, Tatarische Sprachstadien in Derdschiling 
seit 4 852 fg. — Ein grosses lexikalisches Werk ,Die sieben Meere« für oriental. 
Sprachen warde auf Befehl des ersten Königs von Andh (Ghasieddin Heider) 
zusammengestellt 4849. 



Siebentes Capital. 
Inder. 

§. 66. Die Arier im tibetanischen Hochlande, in den Quell- 
gebieten des Oxus und Jaxartes, sind die Stammaltem der 
Iranier oder des Zendvolkes und der Inder (Hindu) oder des 
Sanskritvolke 8 ^9 für dessen Anlagen seine Bildung bürgt, 
in welcher es alle Asiaten übertriflFt; und diesen Vorrang ver- 
dankt es nicht allein seiner Phantasie, obgleich fast seine ganze 
Literatur poetisch ist oder doch in metrischer Form erscheint. 

' Zur Geschichte dieses Volks die Asiatic researches seit 4788, Wabd 
4844, Hamilton 4819, Mill 4847 a. 48i5 (deutsch 4 839), Hebbr 4828 (deutsch 
4834), MoNTGOMBRT Martin 4838, Elphinstonb 4843 (S. Aufl.), Hberto, 
Histor. Werke, Bd. 4 2, Ritter, Erdk., Bd. ß, 6, die Schlegel 4808, v. Bohlen 
4 830, M6LLER, Ostindien, 4 844 , Lassen, Indische Alterthumskunde, 4847 fg. — 
An der Spitze der indischen Ursprachen, DraTida, finden wir als gemeinschaft- 
liche Matter das Tamnl auf der indischen Ostküste, von 4 — 4 4 Mill. gesprochen. 

§. 67. Das Bewunderungswürdigste ist sein altes Idiom, 
das Sanskrit, welches sich durch Wohllaut, Beichthum und 
feinen grammatischen Bau als vollkommenste Sprache darstellt, 
deren "Wortbildungen von einer sprachlichen Kunstfertigkeit 
zetigen, die in Erstaunen setzt. Merkwürdig ist auch die Aehn- 
lichkeit vieler indischer Worter und Wortformen mit denen 
der griechischen, lateinischen, persischen, gothischen und 
lithauischen Sprache, und diese Aehnlichkeit erstreckt sich faet 
über den ganzen Wurzelschatz und grammatischen Organis- 
mus, daher man Auch das Sanskrit für die Grundsprache der 
indogermanischen Idiome hielt und zum Theil noch halt. 

Das Sanskrit erhielt sich noch bis ins 11. Jahrh. n. Chr. 
im Leben, ist aber seitdem nm: Sprache der Schulen und 
Gelehrsamkeit. Doch schon zu Alexander^s d. Gr. Zeji 
(336 V. Chr.) findet sich auf Denkmälern und Münzen auch 

4* 



52 Zweites Buch. Ethnodokiologie. 

die verweichlichte dialektische Form des Pali und Prakrit. 
Die Sprache der Garrows, eines hinterindischen Volkes, 
Gaura, wird als Gelehrtensprache der heutigen Inder genannt^ 
worin viele Sanskritschriften übersetzt sind und fast aller Un- 
terricht ertheilt wird. Das Kawi ist die Sprache der Javanesen. 

Beförderer des Sanskritstudiums sind vorzugsweise Jones, 
der Stifter der Asiatischen Gesellschaft zu Kalkutta 4784, 
Wilson und Colebrooke, der 1816 eine Sammlung von 
Sanskritschriften nach England brachte, unter welchen sich 
21 1 Vedas und Vedacommentare, 1 49 Werke über die Vedanta- 
philosophie, 100 über Dialektik und Logik, 239 heiliger und 
200 profaner Poesie, 57 medicinischen, 67 mathematischen 
und astronomischen, 251 juridischen, 61 lexikalischen und 
136 grammatikalischen Inhalts befanden. 

Indischer Grammatiker Panini 200 v. Chr. (herausg. von 
Bohtlingk 1840). 

Garcin de Tassy, Hist. de la lit. ind., 1829. Adelung, Lit. der 
SaDskritspracho, (2. Aufl.) 1837. Grammatik von Bopp, 18^7 u. 4899, 
und vergleichende Grammatik, 4833. Bbnfet, Handbuch d. Sanskritspr. 
u. seine Grammatiken, 4863 — 5ö. Wbstbroaard, Radices linguae sanscritae« 
4840. — Von Wörterbüchern gab Roth 4847 das Nirnkta des Tafk«, 
Colebrooke 4808 und Loiseleur des Longchamps 4839 das Amam* 
Sinha heraus. Das Hamatschandra erschien 4807, Radhakanta-Deva 4819*. 
WiLSOH, Dictionary of the Sanscrit language, 4832. — Böhtumgk n. Roth, 
Sanskrit -Wörterbuch, 4853 — 55. Bcrnouf und Lassen, Essai sur le Pali, 
4826. — Lassen, Institut ling. Pracriticae, 4816. — Ueber das Kawi: 
W. y. Humboldt, §. 8, 3. 

§. 68. Die Schrift der Hindu war heimische Erfindong, 
Buchstabenschrift mit vollständig ausreichendem Alphabet. 
Vom Gebrauch von Hieroglyphen ist keine Spur. Pali und 
Kawi haben besondere Alphabete, auch nennt man Devanagari- 
Schrift, bengalische, tibetanische, tamulische und malaba^ 
rische. Als Schreibmaterial wurden anfangs Palmenblätter 
gebraucht, die man mit eisernen Griffeln ritzte, nachher 
Seiden- und Baiunwollenpapier. 

LspBio», Paläographie als Mittel für die Sprachforschung zunächst 
am Sanskrit nachgewiesen, 4834. 

§. 69. Das wichtigste Werk der indischen Literatur 
sind die Religionsbücher oder Sastras, welche in die zum Theil 
dem 14. Jahrh. v. Chr. angehörenden, angeblich von Vyasas 
verfassten oder geordneten n^ier Bücher der Vedas (Rig-, 
Sama-, Yajus- und Atharva-Veda) und in die aus dem spätem 
Mittelalter herrührenden 18 Bücher der Puranas zerfallen. 

Die Vedas, Quelle der brahmanischen Religion in der 



Siebentes Capitel. Inder. 53 

Sanskritsprache, enthalten theils Hymnen und Gebete, theils 
Opfervorschriften, theils Lehren und Sprüche und werden 
von den Brahmanen studirt und ausgelegt. Die indische 
Poesie, aufs innigste verwebt mit Musik und Tanz, die 
jeder Festlust dienten, ist durch und durch religiös; auch 
wo sie in das Menschliche herabsteigt, geschieht dies nur 
mit Maschinerie des Götterthums. 

Die Puranas, Erläuterungen der Yedas, sind die Haupt- 
quelle der reichen und bunten Mythologie. 

Nach den übrigen Schriften, die sich auf Religion und 
Cultus, zugleich aber auch auf profanes Wissen beziehen, 
den Upavedas, Vedangas und Upangas, erscheinen die Inder 
als Erfinder des dem Abendlande erst im ii. Jahrh. durch 
die Araber überkommenen Zehnzififersystems, der Algebra 
und Astronomie, des Schach- und Kartenspiels und der 
Tonleiter von sieben Tonen. 

lieber die Vedas: Colbbrookb, Jones, Anqubtil-Duperron, M. M61.- 
LBB 4849 — 54, Lanolois 1848 — 54, Payie 4854. Ueber Mythen and Re- 
ligion: Cbbuzbb, Baus, GTörbbs, Stuhb, y. Bohlen, Lassen, Polier (184 1), 
MÖLLBB, Rhodb. M. Müller, On the Veda and Zend-Avesta, 4853. Co- 
lbbrookb, Ind. Algebra, 4817. Baillt, De Tastron. ind., 4'}87. Thätig 
for die Yedas sind ausserdem Bbnfet , Roth und Weber. A. Weber , In- 
dische Literatargeschichte, 4852. HoLTZMANN, Indische Dichtungen , 4854. 

§. 70. Unter den Rechtsbiichern, den Dharmasastras, 
steht den Vedas zunächst an Ansehen das aus dem 12. oder 
6. Jahrh. v. Chr. herrührende Gesetz des Menü oder Manu *, 
welches geistliche und bürgerliche Rechtsverordnungen über 
EiTziehung, Ehe, Cultus, Regierung, Rechtspflege, Kastenein- 
richtung u. s. w., nebst den meistens sehr harten Strafbestim- 
mungen gegen die Uebertreter enthält, ein Rechtssystem, in 
welchem sich Despotismus und Priesterherrschsucht die Hände 
reichen. Femer gehören in diese Kategorie: ,Mitakschara% 
,Dayabhaga', ,Dattaka-MimansaS ,Daya-Krama-Sangraha**. 

1 Original 4843 u. 4830; deutsch von UüUnery 4797. — • Ooubrookb, 
Digest of Hindu law, 4 801. 

§. 71." Waren die Rechts- und die heiligen Bücher 
zunächst für die Braminen oder Priester bestimmt, so soll- 
ten die gleichfalls sehr alten grossen mythisch-epischen 
Darstellungen vorzugsweise den Muth der Ketri oder 
Eüriegerkaste beleben, der ,Ramayäna' von Valmiki > und 
der ,Mahabharata', angeblich von Vyasas ^, die anfangs , den 
Homerischen Gesängen vergleichbar, mündlich vorgetragen 
und traditionsweise fortgepflanzt wurden. 



ä 



54 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

Der aus sieben Kamdas oder Bachern, vielen Sargas 
oder Abschnitten und aus 24,000 Slokas oder Dpppelyersen 
bestehende ,Ramayana^ handelt von dem Kampfe und Siege 
des göttlichen Helden Bama über Ravana, den Fürsten der 
Rakschasas oder bösen Genien, um seine geraubte Ghittin 
zu befreien, und wie er aiif diesem Zuge zugleich die Reli- 
gion nach Süden bis Ceylon verbreitete. 

Der aus 18 Gesängen bestehende ,Mahabharata^ enthalt 
fast alle epischen Sagen der Inder, verflochten in den fijimpf 
der Bharatiden, zweier verwandten Gescjilechter, der Pan- 
davas oder Pandus und der Kauravas oder Kurus, um den 
Thron von ELastinapura, bis letztere mit Hülfe des Küschna 
besiegt werden. Eine Episode daraus bilden die ,NaIas^ * 
oder die schone Erzählung von Nal und Damajanti. Andere 
Episoden sind : die Reise des Ardschuna zum Himmel 
des Indra (Indralokagananam) , Hidimba's Tod, Brahmanen- 
wehklage, Sundas und Upasundas, Savitri, die Plutsage*, 

Spätere epische Dichtungen gibt es vorzugsweise sechs, 

die jedoch fast nur dem Namen nach bisher bekannt sind: 

,Meghaduta' (Wolkenbote) von Kalidasas *, ,Raghuvansa^ 

(Geschlecht des Raghu), die Geburt des Kumaras von Kali- 

dasas, der Tod des Sisupala vonMaghas^, ,Naishadiyacharita' 

von Sriharscha, ,Kiratarjuniga^ von Bharavin. 

1 Aasgabe von A. W. Schlegel 4829, Gobbesio 48i3; Original und 
Uebersetzung von Carey nnd Marshman, 4806. Uebersetznngen von 
Brnchstncken durch F. u. A. W. Schlegel, Bopp, Höfer, BoUzmann, — 
* Ausgabe des Originals 1834, Uebersetzungen von Goldstücker 4847 n. 4g5l 
und F. V. Schach. — * Ausgabe von Bopp 4810; Uebersetzungen von Kose- 
garten 1820, Bopp 4838; freie Nachbildung von Bückert 1828. Mbibr, 
Die classischen Dichtungen der Inder, 4847. — * Alle verdentscht von 
Bopp. Den Grundstoff des Mahabharata, seiner Episoden entkleidet » gab 
HoLTZMANN 4 846 in seinem Werke Kuruinge. — * Deutsch von Birzel 
48i6, Müller 1847. — ^ Deutsch von Schütz 4842. 

§. 72. Als wichtigste Quelle der indischen Philosophie, 
als lirebte von der Unwandelbarkeit des Schopfers, ein philo- 
sophisches Gespräch zwischen Ardschuna und Krischna, gilt 
,Bhagavadgita^ (der gottliche Gesang) ^; Im Uebrigen zer- 
fallt die indische Philosophie, die sich jedoch unter dem 
Einfluss der Priesterkaste und bei der herrschenden poeti- 
schen Richtung nicht frei entwickeln konnte, obwol sie die 
wichtigsten Aufgaben der forschenden Vernunft erschöpfte, 
in sechs selbständige Systeme*. 

1 Den Wilkins ins Englische, Parraud ins Französische, Meier (in 
Klaproth's Asiatischem Magazin) ins Deutsche übersetzte , A. W. Sohlbgbl 



Siebentes Capiiel. Inder. ^ 

4823 tt. 4846 im Original mit Latein. Uebersetzung beraiMgab. Abbandlooff 
darnber von W. t. Humboldt, 4836. — 'F. Schlbqbl, Sprache nna 
Weisheit dec Inder, 4808. Colbbbookb, On the philosophy of the Hindons, 
ia dm Tranaaotiona of the Royal Asiatio aociety» H. Wihdiscsm avu , Sao- 
cara (Darsteller des Systems der Vedanta, 4847) s. de tbeologumenis Vedan- 
ticomm, 4833. Bibliotheca Tamolica von Graul: Tamuliscber Text einer 
VedantadiebtuDg nebst Uebersetzung. 

§. 73. Das indische Drama soll von einem mythischen 
Konige und Weisen, Bharata, herstammen, der seine Schau- 
spiele von Gandharven und Apsarasen (Genien, die den Hof- 
staat des Gottes Indra bilden) zur Ergotzung Indra^s habe 
auffuhren lassen. Zur schönsten Blüte gelangte es unter 
dem glücklichen Könige Vikramaditya (56 v. Chr.?), an 
dessen Hofe die Musen geehrt waren. „Hauptgegenstand 
der indischen Dramen ist die Liebe, während die komische 
Seite desselben sich meistens in der Verspottung der Brah- 
manen zeigt. Dieses Gemisch von Komik und Pathos findet 
sich wieder bei Shakspeare und Calderon, wie denn an 
den Erstem auch die dramatische Sitte der indischen Dichter 
erinnert, ihre Personen abwechselnd in Versen und Prosa 
sprechen zu lassen und die untergeordneten ausserdem durch 
den Gebrauch von Dialekt und Patois zu charakterisiren. 
Dem indischen Schauspiel fehlt der eigentlich dramatische 
Nerv, der Kampf mit dem Schicksal. Dafüir gibt es einen 
grossen Reichthum der Naturschilderung, Hoheit und Zart- 
heit der Gesinnung, Buntheit der Scenerie, Innigkeit der 
Herzensäusserung. Ein tragischer Ausgang ist hier nicht ge-< 
stattet, sondern die Stücke enden, nachdem sieben, acht, neun 
Acte hindurch geliebelt, gelitten, intriguirt, gelacht und ge- 
klagt worden, mit heller Heiterkeit.^^ Unsere Bezeichnungen 
Trauerspiel, Lustspiel, Schauspiel hält Scherr nicht passend 
für die Erzeugnisse der indischen Bühne, sondern meint ihr 
Wesen durch Melodramen am rlohtigsten anzudeuten. 

Obenan stehen die liebliche, blumenreiche Schickoalsfabel 
,Sakuntala oder der Erkennimgsring' ^ und ,Vikramorva8i 
(Vikramas und Urvasi) oder der Held und die Nymphe'*. 
Beide von Kalidasas, welcher um 56 v. Chr. am Hofe dea 
Königs Vikramaditya lebte, der die Gangesländer bis nach 
Kaschmir hinauf beherrschte. 

Eine halb lyrische, halb dramatische Dichtung ist ,Gita^ 
govindaS ein Cyklus glühender Liebeslieder, welche die 
Liebe des in den Hirten Govinda verwandelten Gottes Krischna 




56 Zweites Buch. Ethnodoktoloyie. 

zur schouen Schäferin Radha besingen, deren Verfasser, 
Jayadeva, noch vor Kalidasas gelebt haben soll '. 

Dramaturgie von Dhananjayas unter dem Titel ^Dasaru- 
paka^ aus dem 11. Jahrh. n. Chr. 

1 Die Sakuntala lernte William Jones durch seinen hindoitMiiichaii 
Lehrer kennen, Chdzy gab den Originaltext, Bühtlingk Text und Ueber- 
setzang, Jones engl. Uebersetzang 4789, Forster deutsch 4 794 , (verAartf 
metrisch für die Bühne bearbeitet 4820, deutsch auch Hirzet 4833 and 
Schrader 4837. F. Schlegel sagt, dass dieses Werk yon der inditohen 
Dichtkunst den besten Begriff geben könne (Gesch. d. alten n. neuen Lit., 
n. A., S. 436), und Bohlen bemerkt, dass es ungemein wichtig für die 
Sitten, den Glauben und das ganze innere Leben des indischen Volks ist, 
da die Charaktere aus der Natur entlehnt und nicht, wie im Epon, erdichtet 
sind (Altes Indien, II, 398)* Gothe's Epigramm: 

Willst du die Blüte des frühen, die Früchte des sp&teren Jahres. 

Willst du. was reizt and entzückt, willst du, was sättiget und ofthrt. 
Willst du den Himmel, die Erde mit einem Namen begreifen: 

Nenn' ich Sakuntala dir und so ist Alles gesagt I 

^ Uebersetzt im Theater der Hindu, I, %95, theilweise auch in den Wiener 
Jahrbüchern 4829, von Hirsel 4839 und BoUensen 4846. — ^ Bngüfch 
von Jones, daraus deutsch von Majer, metrisch von Riemschneider und 
Biickert. Lassen 1837. Wolfp, Theater der Hindu, 4828— -34, aus dem 
Engl, des Wilson 4827. 

§. 74. Die indische Lyrik ist erotisch und didakitsch- 
ascetisch ^. ,Mohamudgara' (Schlägel der Thorheit) von 
Sankara Acharya (S. Jahrh. n. Chr.) *^. Von Kalidasas : ,Srin- 
garatilaka^ (Stimmal der Liebe), ,Ritusanhara' (Versamm- 
lung der Jahreszeiten) ^. Die erotischen Epigramme von 
Amaru. Erotische Spruche und Lieder von Bharhihari, einem 
Zeitgenossen Kalidasas^ *. ,Der zerbrochene Krug' von Ghata- 
karpuras ^, der mit Elalidasas am Hofe Vikramaditya's lebte. 

' Fobtlaob, Vorlesungen über die Gesch. d. Poesie, 4839 ; die scbönite, 
mit Dichterglut entworfene Schilderung der indischen Poesie. — ' Bekannt 
gemacht von Jones, verdeutscht von Bohlen (Altes Indien, II, 475). — 
' Originaltext von Jones, deutsch von Kosegarten* — "* Hundert Spruche 
und Lieder von ihm und fünfzig von Tschaura{^)y übersetzt von Bohlen 
4 833. — ^ Im Original und deutsch 4828, deutsch von Bohlen (Altes 
Indien, II, 384). Höfer, Indische Gedichte, 4 844. 

§. 75. Die Thierfabeln sind ein ursprünglich indisches 
JSlreetigniss voU Lronie und Satire, in dialogischer Form, 
polemisirend gegen Frommler, Heuchler und Priester. Von 
Vischnusarman die ,Panchatantra' (fünf Sammlungen oder 
Bücher) aus dem 5. Jahrh. n. Chr. Ein Auszug daraus: 
,Hitopadesa^ (freundliche Unterweisung) *, in alle Sprachen 
übergegangen, Quelle vieler romantischer Dichtungen des 
Abendlandes und Mittelalters. In der persischen Bearbeitung 
wird als der Verfasser Bidpai angegeben ^, welcher Name eine 
Uebersetzung des indischen Vidyapriya (Freund der Wissen- 



Achte» Capitel. Iranier. 57 

Schaft) sein soll. Man hält Bidpai für eine ebenso fabelhafte 
Person wie Locman und Aesop. In Europa wurden diese 
Fabeln zuerst durch die lateinische Uebersetzung bekannt, 
welche J. Von Capua 1262 aus der hebräischen Version des 
Rabbi Joel besorgte. Die erste deutsche Uebersetzung liess 
der würtembergische Herzog Eberhard im Bart 1 480 fertigen. 

Novellensammlungen: von Somadeva die ,Vrihat- 
katha^ (grosse Erzählung) ^, nach Jones eine Art ,Orlando 
furiose', nach Schlegel das Vorbild zu der arabischen Mär- 
chensammlung ,Tausend und eine Nacht'. ,Dasakumara. 
charita' (Geschichte der zehn Jünglinge), nach Schlegel das 
Vorbild der Volkshistorie von den sieben weisen Meistern. 

1 SoHLBOEL u. Lassen 4829, deutsch von 3f aller 4843. — ^ Wilson, 
Stltbstbe DB Sacy, Kosb'o Äbten 48i6, Ph. Wolp 4837. — ' Deutsch 
von Brockhaus 4830 u. 4843. — Wbbeb, Ueber den Zusammenhang in- 
discher Fabeln mit griechischen, 4855. 

• §. 76. Die Geschichte im hohem Sinne des Worts 
hat sich in Indien niemals ausgebildet, denn Kritik, Chro- 
nologie und Geographie sind den Braminen unbekannt, eine 
fortlaufende Aera beginnt erst mit der Hedschra 622. Wil- 
ford und Jones haben nach fabelhaften Stammtafeln mit 
monströsen Zahlen eine Reihe von Dynastien mitgetheilt. In 
den Epopöen und Puranas verlieren sich die wenigen That- 
sachen in Dichtung *. 

Studien der Botanik, Medicin (ihr Stifter: Dhanvan- 
tari^), Chirurgie (Rhinoplastik, Staaroperation, Pocken- 
impfung), Astronomie, Mathematik: Brahmagupta im 6. 
und Bhaskara im 42. Jahrh. gelten für die berühmtesten 
Verfasser mathematischer Schriften Indiens ^. 

Aus den Schulen der Braminen stammt die Bell-Lan- 
caster'sche Unterrichtsmethode. 

1 Hamilton, Genealogies of tha Hindoos, 4849. — * The Susruta, 
or System of medicine, 4835; latein. von Hesslttr 4844. Rotlb, On the 
antiq. of Hindoo- medicine, 4837. — ^ Nbssblmann, Versuch einor krit. 
Gesch. der Algehra, 4842. Bbnfby's Abhandlung über Indien, in Ersvh 
n. Gruber's Encyklopädie. 



Achtes Capitel. 
Iranier. 

§. 77. Zwischen Indus und Tigris, hauptsächlich in Bak- 
trien, findet sich im hohen Alteilhum das Zendvolk, aus 



5g Zweites Bwh, Ethnodoktologie, 

welchem nacheinander die Meder und Perser hervorgegangen 
sind. Das älteste Sprachidiom dieser Völker ist das Zend, 
in welchem die Religionsbücher Zoroaster^s, die ^Zend- 
ayesta% verfasst sind, mit einem Alphabet semitischen Ur* 
Sprungs. D.er Begründer des wissenschafüichen Studiums 
dieser Sprache wurde Bumouf. . 

Dem Zend zunächst steht die Sprache der Keil- 
schriften, welche zur Zeit der altpersischen Achämeniden« 
dynastie (560 — 330 v. Chr.) geredet wurde, aus der sich 
unter den Sassaniden (226 — 651 n. Chr.) das Parsi oder 
Pazend entwickelte, welches sich am reinsten in Firduai's 
(960 — 1030 n. Chr.) ,Schahnameh^ erhalten hat. Dieses Idiom 
wurde Geschäflssprache, seitdem Mahmud von Ghasna und 
der Seldschukide Alp Arslan die öffentlichen Schriften in 
persischer Sprache abfassen Hessen. Doch blieb das arabische 
Alphabet bei den Persem üblich. 

Das Pehlewi (Huzvaresch), ursprünglich die Sprache des 
westlichen Persien, gehört den Zeiten der Arsakiden- und 
Sassanidendynastien (256 v. Chr. bis 651 n. Chr.) au. In 
dieser Sprache sind die Commentare zu Zoroaster's Schrif- 
ten, darunter auch das ,Bundehesch% die Beichsgeschichte 
(,Ba8tannameh') durch Dihkan, und die auf Koshru Nushir- 
wan's (532-7-579) Befehl durch den Arzt Barsuje aus Indien 
geholten Fabeln des Bidpai verfasst. 

Jones, Grammar of tbe Persian language, (9. A.) i828> Sfibobl, 
Die pars. Sprache, In Höfer*s Zeitschrift far Wissenschaft u. Sprache, 4840, 
H. 4. ▼. Bohlen, Commentatio de origine ling. Zendicae. PauXi ▲ 
St.-Bartholomao, De antiquitate et affinltate ling. Zendicae, Samsomda- 
uicae et Germanicae, 4798. Wörterbücher von Bcrhanikati 4848, Hest- 
kulzom 4 822. Mbnjnski, Lex. Tnrc.-Arab.-Persicom (neue A. von JenUch 
u. Klezl, 4780 — 4803). Richabdson, Dictionary Persian, Arabic and English 
(vermehrt von Johnson, 4 829). 

§, 78. Rask ^ gibt zwar eine gewisse Verwandtschaft 
der Zendsprache und des Sanskrit zu, aber nur so, dass 
die Volker, die beide gesprochen haben, dennoch ihrer Bil- 
dung nach so unabhängig sein können als Lithauer und 
Hindu. Die Aussprache und ganze äussere Form des Zend 
sei sehr verschieden vom Sanskrit; das Beugungssystem 
stimme zwar im Ganzen auch mit dem Sanskrit, aber bei 
weitem mehr mit den europäischen, dem Sanskrit verwandten 
Sprachen überein. Dagegen bemerkt von Bohlen *, das Zend 
ist noch so sehr Sanskrit, dass ein mittelmässiger Kenner 
dieser Sprache das Original des ,Vendidad' ziemlich versteht; 



Achtes Capitd, Iranier. 59 

zn^eich erhellt deutlich, dass das Zend aus dem Sanskrit 
sich entwickelt habe, nicht aber umgekehrt, wie einst Jones 
meinte, noch auch neben dem Sanskrit, wie viele Unkenner 
es haben vorgeben wollen. 

1 Bask, Ueber das Alter a. die Echtheit der Zendsprache u. des 
Zendavesta u. Herstellung des Zendalphabets , nebst einer Uebersicht des 
gesammten Sprachstamms (deutsch Ton v. d, Hagen 4826). — ^ Altes 
Indien, 11 , 464. 

§. 79. Was von der Literatur des Zendvolkes und 
der sich aus demselben entwickelnden Priesterkaste durch 
die Parsen (Gebern) in Indien noch erhalten war, ist uns 
durch die Bemühungen franzosischer und deutscher Gelehr- 
ten einigermassen zugänglich gemacht. Anquetil-Duperron 
erlernte während seines Aufenthalts in Indien die heilige 
Sprache, in welcher jene Bücher geschrieben sind, brachte* 
den Zendavesta in der Ursprache nach Europa 1762 und 
gab 1771 eine französische Uebersetzung desselben. Hierauf 
liess Kleuker eine deutsche Uebersetzung 1776 erschei- 
nen. Hieran schliessen sich die Arbeiten von Bumouf und 
Olshausen. 

Die Parsen erzählen, bis auf den Einbruch Alexan- 
der's d. Gr. in das persische Reich (330 v. Chr.) seien die 
heiligen Schriften des alten Zendvolkes, in 21 grossen Ab- 
schnitten zusammengestellt, vorhanden gewesen. Durch die 
Verwirrungen des griechisch-persischen Kriegs seien diese 
alle verloren gegangen bis auf einen, von den andern hätten 
sich nur Bruchstücke erhalten. Die ganze Sammlung hiess 
,Avesta' (gottliches Wort), der eine übriggebliebene Theil 
,Vendidäd', das religiöse und politische Gesetzbuch. Eine 
Angabe des Inhalts der 21 Abschnitte oder Nosk des ,Avesta' 
ist in persischer Sprache erhalten ^. Der ,Vendidad' ist in 
22 Fargards getheilt. Der Vortrag ist in dialogischer Form, 
und Zoroaster empfangt darin den Unterricht von Ormuzd*. 
Diesen Inhalt des ,Vendidad' hat man unmittelbar mit alten 
indischen Lehren in Verbindung gebracht und namentlich 
dafür auch angeführt, die Sprache, in welcher der ,Vendidad' 
geschrieben , sei ein Dialekt des Sanskrit '. 

1 YuLLERS hat sie übersetzt und von Noten begleitet mitgetheilt in den 
Fragmenten über die Religion des Zoroaster, 4834. — * Ausgabe Ton Ols- 
HAUSBiff 1829, Uebersetzung von Spiegel 4852. — * Höltt, Kritisch -histo- 
rische Untersuchung über die beiden ersten Capitel des Vendidad , 4 829. — 
Bhode , Die heilige Sage u. das gesammte Religionssystem der alten Baktrer, 
Meder u. Perser oder des Zendvolkes. 4820. 



60 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

§. 80. Ausser dem genannten sind noch folgende Schrift- 
stücke des ,Zendayesta^ erhalten: ,Jasna^ ^, eine Sammlung 
von Gebeten, herrührend von mehren Verfassern; ,Vispe- 
red'*, Lobpreisungen der zu verehrenden Wesen, Diese 
beiden bilden mit dem ,Yendidad^ zusammen den ,Yendidad 
Sade' '. Femer das Buch ,Siruze' , ein liturgischer Ka- 
lender; das Buch ,Jeschts Sade's', eine Sammlung von Ge- 
beten und Bruchstücken aus verlorengegangenen Schriften 
Zoroaster's. Das Buch ,Bundehesch' ist eine Compilation 
verschiedenartiger Bruchstücke, theils aus alten, theils aus 
jungem Büchern. 

* Darüber Bübnoup 1833. — ' Ausgabe 4843 ' Von Burnouf 4834. 

§.81. Von historischen Schriften der persischen Achä- 
menidendynastie erfahren wir durch Ktesias (400 v. Chr.), 
der die Reichsarchive benutzte. Urkunden sind nicht er- 
halten und die Inschriften von Fersepolis und andern Städten 
noch nicht vollkommen zugänglich. 

Malcolm, Gesch. von Persien, 1815; deutsch von Becker 1830. 



Neuntes Capitel. 
Ferser. 

§. 82. Als die Araber das Sassanidenreich umstürzten 
(651), war in demselben eine üppige Fülle orientalischer 
Cultur. Fürsten, namentlich die beiden Koshru (Nuschir- 
wan, 532—79, und Parwiz, 591—628), und Priester (die 
Mobeds) hatten das Altpersische verjüngt und fortgebildet, 
aus dem Zend waren Schriften in das Pehlewi imd Parsi 
übertragen,_uiiddi<r Wissenschaft hatte treffliche Pfleger in 
^t^ Nestorianem, die Byzanz vertrieb. Omar Hess bei der 
Eroberung die Bibliothek von Madain (aus der Vereinigung 
von Ktesiphon und Seleucia am Tigris entstanden) verbren- 
nen, und auch später suchte der mohammedanische Fanatis- 
mus Schriften zu vernichten, wo er ihrer habhaft wurde. 
Bei dem U ebertritt zum Islam wurden die Perser meistens 
Schiiten und daher von dem mohammedanischen Kigonsmus 
weniger erfüllt. Ihr Wesen, dem Franzosischen nicht un- 
ähnlich, musste bald Einfluss auf das von der Heimat ab- 



Neuntes CapUel. Perser. 61 

geloste Leben der Araber gewinnen ; sie wurden bald rüstige 
Arbeiter für arabische Sprache und Literatur und verpflanz- 
ten zugleich ihre Romantik und den magischen Aufputz der- 
selben mit Zauberwesen (Diws und Peris u. s. w.) in die mo- 
hanunedanische Welt, aus welcher theils durch die Kreuz- 
züge, theils durch den Verkehr in Spanien die christliche 
Romantik einen Theil ihrer Wunderwesen empfangen hat. 

§. 83. Unter der trefi'lichen Dynastie der Sassanideu 
(226 — 651 n. Chr.) wird der Ritter Behi-amgur als Erfinder 
der gebundenen Rede genannt. Ursache davon war seine 
geliebte Sklavin Dilaram (Herzensruhe), welche die dich- 
terische Anrede ihres Herrn und Geliebten mit gleichge- 
messenen und am Ausgang gleichtönenden Worten erwiderte. 
Zu derselben Zeit, als Barsuje die Fabeln des Bidpai bearbei- 
tete, dichtete der Vezier Bisurdschimihr das älteste persische 
Heldengedicht ,Wamik und Asra' (der Glühende und die 
Blühende), dessen gerettetes Exemplar noch im 2. Jahrh. 
der Hedschra ein Statthalter von Khorassan verbrennen liess. 
Eine Uebersetzung desselben lieferte v. Hammer 1835. 

§. 84. Die neupersische Poesie und Literatur, 
welche eine Fülle reicher Blüten vor der arabischen voraus 
hat, entwickelte sich seit der Staatsverwaltimg der Sama- 
niden, 913, und ward von Ghasnewiden seit 975, Seldschu- 
kiden seit 1037 und spätem Geschlechtem gefordert, sodass 
vom 10. bis in das 14. Jahrh. die neupersische Dicht- 
kunst in hoher Blüte stand. Hammer -Purgstall * hat sie 
in sieben Perioden getheilt und jede an einen bedeutenden 
Dichtemamen geknüpft. 

1 Gesch. der schönen Redekünste Persiens, mit einer Blütenlese aus 
200 pers. Dichtern, 1818. 

§.85. Inder ersten Periode (913 — 1106) war Ghasna 
unter Mahmud (f 1030) Heimat dor Gelehrten und Dichter. 
Hier blühte FirdÄsi (der Paradiesische) aus Tus (900- -1030), 
welcher in dem von Dakiki begonnenen und von Essedi 
beendeten Epos ,Schahnameh' (Konigsbuch) die persische 
Geschichte von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der 
Sassaniden darstellte. Es zerfallt in zwei grosse Hälften, 
deren erstere, mehr poetische, das heroisch-mythische Zeit- 
alter Alt-Irans mit seinem Hauptheros Rustem (Nackschi- 
Rustem) umfasst, die andere, mehr historische, die geschicht- 
lichen Zeiten und insbesondere die Thaten Iskander's (Alexan- 



62 Zweites Buch. Ethnodoklologie. 

der^s d. Gr.) behandelt. Man preist es als die persische 
Iliade, doch steht diese hinter der Einfachheit und epischen 
Elaiiieit der Homerischen weit zurück. Es enthält 60,000 
Doppelverse ^. 

Der älteste bekannte Dichter ist Rudegi (952), der auf 
Befehl des samanidischen Fürsten Nasr-ben- Achmed die 
Fabeln des Bidpai in Verse umarbeitete, wofür er 80,000 Gold- 
stücke erhielt, imd auch sonst in Mesnewi ^ und Kassiden ^ 
sich hervorthat. 

Keikawus, aus der Dynastie der Dilemiden, ist Verfas- 
ser des ,Kabusnameh^ ^, um 1080, welches in 44 Capiteln 
Moral und Lebensphilosopie enthält und nach des Verfas- 
sers Grossvater, dem Fürsten Kabus, benannt ist. ,BastAn- 
nameh^ war eine Sammlung historischer Traditionen des 
persischen Nationallebens in Prosa aus der Zeit Jezded- 
gerd's m., des letzten Sassaniden. Aus diesem Werke 
bearbeitete Anssari (f 1029), auf Mahmud's Befehl, die 
Sage von Suhrab, wurde deshalb zum Dichterkonig emannty 
erneuerte das alte Gedicht von ,Wamik und Asra' und be- 
sang seinen Gebieter in einer Kasside von 180 Beits (d. h. 
Zelt, Distichen). 

1 Der Originaltext erschien zu Kalkutta 4820 und von Mobul besorgt 
zu Paris 1839. Uebersetzung von Schach 1854. Die vollständigste TJeber- 
sicht verschafft Görres, Das Heldenbuch von Iran aus dem Sohafanamefa, 
4820. Uebersetzungen einzelner Stellen von Ludolf, Wahl und Hammw 
in den Fundgruben des Orients u. in der Gesch. der schonen Redekünste. 
Nachweisungen über den Inhalt von Hosenkranz in der Allgem. G^eseh. d. 
Poesie, von Fortlaob in der Gesch. d. Poesie. £6ckbbt gab eineJBpisode 
in Rüstern und Suhrab, 1 838. — ' Doppeltgereimtes Gedicht. — ' Ejusid« 
ist ein längeres lyrisches Gedicht, dessen zwei erste Verse und dann immer 
die zweitfolgenden in demselben Reim enden. — ^ Der Titel der grossem 
epischen und historischen Werke besteht nämlich immer ans dem Namen 
des Helden und dem angehängten Wort Nameh (Buch), v. Hammer, G^escb. 
d. osman. Dichtkunst, 1, 1 6 fg. Der Eabusnameh, bearbeitet von v. Dietz 4814. 

§. 86. Die zweite Periode (1406 — 1203) schliesst sich 
an den hofischen und lobpreisenden Dichter Enweri (-f- zu 
Balkh 1152) und an den fruchtbaren Lyriker und Epiker 
Nisami (f 1180 in seiner Greburtsstadt Gendsche) an, unter 
dessen zahhreichen Werken ^ am berühmtesten sind der 
sogenannte , Fünfer^ (Chamsee), eine Reihe erzahlender 
Gedichte, worunter ,Khosru und Schirin'*, ,Leila und 
Medschnun ' » , , Iskandernameh ' * , , Heft - peiger ' ^ und 
,Nach8enol-esrar^ ^ 



Neuntes Capitel. Periter. 63 

Kaschid Watwat (f 1182) schrieb eine Metrik und 
Poetik unter dem Titel ,HadaikessiIir^ (Zaubergarten). 

' Er hinterliess einen Divan (eigentlich Genienyersammliing, d. i. ly- 
rische Gedichtsammlung) von etwa 20,000 Versen. — ^ Wofür er 4 4 Grund- 
stücke erhielt, v. Hammer 1809. — ' Der Orlando fnrioso der Wüste, 
bearbeitet von Atkinson 1836. — ^ Alexanderbuch, eine sagenhafte Aus- 
schmückung von Alexander's d. Gr. Leben und Thaten. Zum Theil über- 
setzt von Rückert und Charmoy. — * Sieben Schönheiten. Ein Theil da- 
von bearbeitet als Behramgur und die russische Fürstentochter von Erd 
MAHN 4832 u. 4843* — ^ Kammer der Geheimnisse, eine Sanmilung mora- 
lisch-didaktischer Erzählungen, von Bland 18i4. 

§. 87. Das dritte Zeitalter (1203 — 1300) wird als 
das mystisch-moralische bezeichnet, wo die Beschaulichkeit 
und theosophische Betrachtung vorherrschend war. Ton- 
angeber in dieser Richtung war Ferideddin Attar (erschla- 
gen 4226 zu Shadbah), Verfasser des ,Mantiket-Tair' (Vögel- 
gesprache) und des ,Pendnameh^ (Buch des guten Rathes) ^ 
Der tiefsinnige Dschelaleddin Rumi (der meistens zu Iko- 
nium oder Konieh am Hofe der seldschukidischen Sultane 
lebte, auch daselbst 1262 starb) ist der grosste mystische 
Dichter des Orients, die Nachtigall des beschaulichen Lebens, 
YeifiEtsser des ,MesnewiS eines berühmten doppeltgereimten 
ascetischen Gedichts, und Stifter der Mewlewi, des berühm- 
testen Ordens mystischer Derwische ^. Sein Zeitgenosse 
Moslicheddin Saadi (geboren 1489 zu Schiras, gestorben da- 
selbst 4291), der als Grefangener der Kreuzfahrer nach dem 
Abendlande kam, ist der in Europa bekannteste orientalische 
Dichter. Seine lyrischen und didaktischen Gedichte: ,Gu- 
listan^ (Rosengarten), ,Bostan^ (Fruchtgarten) ^ und ,Glia- 
selen'^ enthalten eine Fülle morgenländischer Weisheit*. 

1 Fransosische Uehersetzang von Saq/ 4819. — ^ Ueber beide Dichter 
di« Fandgruben des Orients, Hammbr's Gesch. d. schonen Redekünste Per- 
neiis, Tholuok*8 Blütensammlung ans der morgenländ. Mystik. Rosenzweio, 
Auswahl ans den Divanen Rumi*s, 1838. — ** B«»ide von Olearius über- 
•etst znr Zeit des Dreissigjährigen Kriegs; persisch und iaUMma«h von 
Gmtius 4654} seitdem in alle Sprachen übertragen. Die neueste deutsche 
Üebersetzong des Gulistan von Wolf 4844 und Graf 4846; des Bostan von 
V, SeMechta Wssekrd 4853. — * Ghasel, das Sonett des Orients, nicht in 
der Rcdmfolge, sondern nur in der Länge von Easside unterschi^en , indem 
es aus nicht vireniger als fünf und aus nicht mehr als sieben Distichen be< 
sfcriien soll. Nachbildner unter den Deutschen ist Graf Platen. — ^ Seine 
fäiamtlidieD Werke «rschi^ien zn Eidkutta 4794 — 95. 

§. 88. Der vierte Zeitraum (1300—97) umfasst die 
heitere Lyrik und ist zugleich die Glanzperiode dieser 
Dichtungsart bei den Persern. Ihm gehört der Dichterkonig 
Schemseddin Hafis (der Preiswürdige) an (f in seiner Vater- 



64 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

Stadt Schiras 1389), dessen Diyan wegen der freigeistigeu 
Gesinnung verboten wurde ^ Wassaf, Lobredner des Sul- 
tans Abussaid aus der Familie Dschingis- Ghanas, ist ein 
schwieriger, an Alliterationen, Wortspielen, Allegorien und 
gelehrten Anspielungen reicher Dichter. 

1 Heraasgegeben zu Kalkatta 4791 und 4828, Konstantinopel 48^0, 
Kairo (mit türkischen Scholien des Sundi) 483i. Deutsch Ton Hammer 
4842 und Daumer 4846. 

§. 89. Der fünfte Zeitraum (1397— U94) wird als 
die Periode des Stillstandes bezeichnet, begrenzt durch 
Dschami, den letzten Dichter erster Grosse (f 1492), der 
jedoch mehr durch Correctheit und Glätte des Stils und 
durch nachahmendes Talent als durch schöpferisches Genie 
ausgezeichnet ist. Dem Nisami nacheifernd, hat auch er die 
Geschichte von Alexander, von Medschnun und Leila \ 
sowie den biblischen Stoff Jussuf und Suleicha (Joseph und 
die Frau des Potiphar) ^ in einem sogenannten Fünfer (Cham- 
see) romantisch behandelt. Ausserdem dichtete er nach 
Saadi^s Vorgange den ,Beharistan^ (Frühlingsgarten) ', eine 
Sammlung von Anekdoten, Sittensprüchen, Biographien 
u. s. w. in Prosa und Versen. 

1 Franzosisch von Ch^zy 1805, deutsch von ffartmann 4807. — ' Von 
RosENzwBia 4824. — ^ Persisch und deutsch von Schlechta- Wssbhbd 
4846. Bruchstücke daraus liessen Jeniscii in der Anthologia Persica , 4778, 
und WiLKEN in der Chrestomathia Persica, 4805) abdrucken. 

§.90. Mit dem sechsten Zeitraum (1494 — 1594) be- 
ginnt die Abnahme der Ppesie. Hatifi, der Schwestersohn 
Dschami^s, behandelte ebenfalls in einer Chamsee die Sagen 
von Khosru und Schirin, von Leila und Medschnun u. a. 
Feisi (f 1605), am Hofe, des Grossmogiils Akbar, ist der 
Verfasser einer mystisch -philosophischen Dichtung, ,Serre' 
(Sonneustäubchen), worin die altpersische Lichtreligion dar^ 
gestellt wird. Auch hat er die altindische Erzählung von 
Nala und Damajanti in einem kunstvollen Epos (Kalkutta 
1831) bearbeitet. 

§.91. Li die siebente Periode gehören die neuesten 
grossem Gedichte: ,Barsunameh% aus 60,000 Beits ber 
stehend, beschäftigt sich mit der altpersischen Heldensage, 
indem es die Abenteuer Barsu's, des Enkels von Rustan, 
erzählt; ,Schahinschanameh^ (Buch der Könige) erzählt 
die neueste Geschichte Persiens in Versen; ,Georgenameh^ 



Neunies CapiieL Perser. 65 

von Firos ben Kans* (Bombay 1839) schildert die Eroberung 
Indiens durch die Engländer. 

§. 92. In beiden letzten Perioden ist die persische Poesie 
besonders reich an Sammlungen von Gedichten aller Art, 
von Fabeln, Märchen, Novellen u. s, w. ^ Dieser Reichthum 
stammt aus Indien imd ist durch die Perser zu den Arabern 
und weiter nach dem Occident vermittelt. So die Fabeln des 
Bidpai (die ,Anwari soheili', d. i. die kanopischen Lichter), 
das ,Buch der sieben weisen Meister', woraus im Türkischen 
vierzig Veziere geworden sind, die Erzählungen von ,Tau- 
send und einer Nacht' zur Verherrlichung Vicramaditya's 
und des Khalifen Harun al Raschid (SOO), als deren Ver- 
fasserin der Literator Fihrist (987) die persische Konigin 
Humai (Herodot's Parysatis), die Tochter Behmen's, nennt, 
wie Hammer-Purgstall in der ,Wiener Zeitschrift', 1839, Nr. 52, 
berichtet. Doch mögen sie schon in der Zeit der letzten 
Sassaniden (im 6. u. 7. Jahrh.) vorhanden gewesen sein. Die 
Redaction, in der wir jetzt die Sammlung besitzen, stammt 
aus Aegypten aus der Mitte des i 5. Jahrh. In Europa wurde 
sie eingeführt durch GaUand* und gleich bei ihrem Er- 
scheinen in verschiedene Sprachen übersetzt ^. Durch Petit 
de la Croix und Lesage erschien die Bearbeitung des arabisch- 
persischen Märchenwerks ,Faradsch bäd el schidda' (d. i. 
Freud auf Leid) ^. 

1 CuoDZKO, Specimens of the populär poctry of Persia, '1842. Ein 
Fragment daraas sind die Abenteuer und Gesänge Korroglu's, deutsch von 
Wolff 4842. — * Les mille et une nuits, 4704- — ' Die vollständigste 
deutsche ist die von Habicht und v, d, Hagen 1824 u. öfter. — ^ Unter 
dem Titel: Les miile et un jours, 4740; deutsch von v. d, H(tgen 4836- 
BoDBNSTBDT, Tausend u. ein Tag im Orient, 4850, als Seitenstück. 

§. 93. Die Perser sind die einzigen Mohammedaner, welche 
auch die dramatische Poesie angebaut haben. Die Stücke 
sollen den Myst^res der altern franzosischen Literatur zu 
vergleichen und reich an natürlicher, ergreifender Lyrik sein. 
Die Darstellung des Todes der Aliden, Hassan und Hosein, 
soll nur ein religiöses Schaustück sein. 

Chodzko, Sur la litt^rature^dramatique des Persans, 18H> 

§. 94. Die persischen Geschichtschreiber behan- 
deln theils die allgemeine Geschichte der mohammedanischen 
Staaten, theils Specialgeschichten; doch ist im Ganzen nur 
Weniges davon bis jetzt gedruckt. 

Der Sassanide Jezdedgerd Hess eine Reichsgeschichte, 

NBaLIKBR. 5 



66 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

den ,Bastannameh^, durch Dihkan verfassen. Der Samanide 
Abdurrisak Hess durch seinen Vezier AI Ouiri die aus der 
Sassanidenzeit erhaltenen Aufzeichnungen sammehi und daraus 
970 eine Reichsgeschichte verfassen. Doch die Vorliebe für 
Poesie stand der Fortbildung der Geschichtschreibung lange 
im Wege und erst in der Zeit der Mongolenherrschaft machte 
die letztere Fortschritte. Alaeddin Dschowaini (1275), Ge- 
schichte Dschingis-Khan's. Raschideddin (1247 — 1320), Ge- 
schichte der Mongolen. Wassaf (1311), Geschichte Dschin- 
gis-Khan's und seiner Nachfolger. Scherefeddin (f 1430), 
Geschichte Timur's. Mirkhond (1432—97), ,Rudhat' (Gar- 
ten der Wonne) oder Universalgeschichte. Auszug daraas 
von seinem Sohne Chondemir. Lari's Universalgeschichte 
bis 1566. Allgemeine Geschichte Indiens von Ferischta 
bis 1619, von Mohammed Haschim bis 1732. Abul Fadhl, 
Geschichte des Grossmoguls Akbar (1556 — 1605). Dieser 
bestellte 44 Gelehrte zur Aufzeichnung der Tagesv orfalle, von 
denen täglich zehn das Amt führten und ihre Notizen Abends 
dem Burgvoigt zur Versiegelung übergaben; ebenso eine Ge- 
Seilschaft zur Abfassung einer allgemeinen Weltgeschichte. 

Biographien von Gelehrten und Dichtern schrieben Mestufi 
1 329 , Dauletschah in seinem Werke ,Teskereteschoara' (d. i. 
Beschreibung der Dichter), Lutf Ali Beg in seinem Werke 
,Ateschkedeh' (Feuertempel) *. Mirza ist Fortsetzer von 
Dauletschah's Werk*. 

1 Heränsgegeben von Bland 4844. — ^ Fräser, Hist. and dcscript. 
of Pers., 4833. 

§. 95. Die exacten Wissenschaften fanden den ge- 
deihlichsten Anbau. Der Seldschukide Malek Schah veran- 
lasste 1072 die musterhafte Berechnung des Dschelaleddi- 
nischen Sonnenjahrs. Der Mongole Hulagu legte 1259 die 
Sternwarte Nasireddin's zu Maragha (erbaut 744), der Ti- 

^uride Ulugh-Beigh (f 1450) die zu Samarkand an und 

igt, selbst Schriftsteller. Nasireddin (1183 — 1273) übersetzte 
den Euklid. Auch gibt es Werke über Geographie, Medicin, 
Ethi^9 Religion, Rhetorik, Philologie, Uebersetzungen alt- 
indisofr^r und griechischer Schriften (Ptolemäos), gramma- 
tische v^d lexikalische Arbeiten. 

gifS^ART, Catalogue of the oriental library of she late Tippoo, Sultan 
of Mysore, .^809. Ohsely, Catal. of several hundred manuscript works, 4831. 



Zehntes Capitel. Semiten. ß7 

Zehntes Capitel. 
Somiton. 

§. 96. Dieser Sprachstamm hat eine weite Verbreitung 
erlangt, denn er umfasst die westwärts von den iranischen 
Zendvolkem über Vorderasien, das nordliche Afrika und 
vermittelst phonikischer Colonien über europäische Inseln 
und Küsten des Mittelmeers verbreiteten Völker der Baby- 
lonier und wahrscheinlich auch Assyrier, Syrer, Kanaaniter^ 
. Hebräer, Moabiter, Edomiter, Ammoniter, Phoniker, Kar- 
thager, Araber, Armenier, Kappadoker, Lyder und muth- 
masslich auch Aegypter und Aethiopen. 

Wahl, Gesch. d. morgenländ. Spr. u. Lit., 4784. v. Hammbb, Ency- 
klopäd. Uebersicht d. Wissenschaften des Orients, 1840- 

Tafel der semitischen Sprachen. 
Altägyptisch? 

Aramäisch Eanaanitisch Arabisch 

West- Ost- Hebräisch Fhönikisch Im Norden Im Süden 

aramäisch aramäisch — ^*^^^" > oderPunisch. die Sprache Himjaritisch. 

. oder oder * Talmudisch des Koran, r-^j-r' 

Syrisch. Chaldäisch. oder Rabbi- Aethiopisch. 

Dialekte der Sama- aramäischer Beimischung, 
ritaner, Zabier, In- 
schriften von Palmyra. 

§. 97. Die Blüte des Syrischen fällt in das erste Jahr- 
tausend vor Christus, jetzt ist es nur noch Schrift- und Ge- 
lehrtensprache, verderbt in Kurdistan bei den Nestorianem, 
deren Schulen seit 489 n. Chr. besondem Ruf erlangten. 
öie Schrift heisst Estranghelo K 

Mit dem ersten Jahrhundert nach Christus beginnt eine 
''öiche, meist in Uebersetzungen griechischer Werke bestehende 
t«iteratur für Theologie, Geschichte, Philosophie, Naturwissen- 
schaften (in den medicinischen Schulen zu Nisabur, Ahwaz 
^^^^dDschondisapur), und dies setzte sich fort, nachdem die 
syrischen Nestorianer, 489 von Edessa vertrieben, Freistatten 
^ Perserreiche gefunden hatten. Auch gelehrte Monophy- 
»iten nahmen Theil daran *. Seit dem 5. Jahrh. versuchten 
sich die syrischen Uebersetzer an Profanschriftstellem (Aristo- 
teles und Hippokrates). 

Der Presbyter Ahrun zu Alexandrien schrieb 635 medi- 

5* 



68 Zweites Buch, Ethnodoklologie, 

cinische Pandekten und als Erster über Pocken '. Zwei 
Bücher der ,Ilias' übersetzte Theophilos iin 8 Jahrb. Die 
Peschito * oder syrische üebersetzung der Bibel gehört 
der zweiten Hälfte des 2. Jahrh. an. Ephraem Syms im 
4. Jahrb. * Gregor Abulfaradsch oder Bar hebraus (1226 — 86), 
jakobitischer Weihbischof zu Maragha, schrieb eine Welt- 
chronik **. Der Gnostiker Bardesanes, zu Ende des 2. Jahrh. 
in Edessa, ist erster Hymnolog der Syrer''. 

1 Syrische Handschriften in Rom, Paris, London (Tattam). Gram- 
matik von Hoffmann. Wörterbuch von Castellus. Chrestomathien von 
Obbblbitnbr und Rüdiger. Proben aus Bar Ali und Bar Bahlul bei 6e- 
SENius und Bebnstrin. — ^ Sergius übersetzte im 6. Jahrh. griechische 
Aerzte ins Persische. • — ^ Wustenfbld, Gesch. d. arabischen Aerste n. 
Naturforscher, 4840. — ^ Ausgabe von Lee in London 1823. — * üeber 
ihn C. v. Lbngerkb 1832. Seine Gedichte von Hahn und Sieffbrt. — 
^ Ausgabe von Pooocke 16ö3. < — ^ Ueber ihn Hahn 1819. — Assbiiann, 
Acta martyrum oriental. et occidental. Wenricb, De auctor. Graecor. 
versionib. Arab. - Armen. , 184?. 

§. 98. Ob der chaldäische oder babylonisch -aramäische 
Dialekt zur Zeit der Unabhängigkeit des Reichs (also vor 
der Eroberung des Landes durch die Chaldäer 747 v. Chr.) 
auch zur Schriftsprache erhoben worden sei, darüber fehlt 
es gänzlich an Nachrichten; doch lassen 'die Berichte der. 
Griechen, namentlich des Herodot und Diodor, über Ninos 
und Semiramis auf eine sagenhaft ausgeschmückte epische 
Poesie schliessen. Vielleicht gehören die in Keilschrift ab- 
gefassten Inschriften auf den Ruinen Babylons diesem Dia- 
lekt an. 

Die aus der babylonischen Gefangenschaft entlassenen 
Juden verpflanzten ihn nach Palästina, wo er seit der Zeit 
der Makkabäer (150 v. Chr.) das Hebräische verdrängte. 
In diesem Dialekt, wie ihn die Juden als Schriftsprache aus- 
gebildet haben, sind uns einige Abschnitte in den kanonischen 
Büchern erhalten ^, sowie eine Reihe von Uebersetzun- 
gen alttestamentlicher Bücher, Targumim ^, die aus sehr 
verschiedenen Zeitaltern herrühren und hinsichtlich ihres 
linguistischen und exegetischen Charakters bedeutend von- 
einander abweichen. Die chaldäischen Originale vieler apo- 
kryphischen Bücher, die wir nur aus griechischen Ueber- 
setzungen kennen, sind verloren .gegangen. Auch Josephus 
schrieb sein Werk ,Ueber den jüdischen Krieg' zuerst in 
chaldäischer Sprache. 

Die Sprache des Talmud nennt man gewöhnlich auch 



Zehntes CapUel, Semiten. 69 

chaldäisch, doch muss man zwischen dem altem Theile, der 
Mischna, und der jungem Erklärung, der Gemara, wohl 
unterscheiden. Jene ist in einem an das Hebräische sich 
anschliessenden und nur durch einzelne chaldäische Formen 
entstellten Dialekt geschrieben. Die Diction der Gemara 
trägt allerdings den grammatischen und lexikalischen Grund- 
charakter des Chaldäischen an sich, ist jedoch als ein sehr 
ausgeartetes Chaldäisch zu betrachten ^ 

Bei den Chaldäem selbst beschränkte sich die Literatur 
wahrscheinlich auf priesterliche Aufeeichnungen für die Tem- 
pelarchiye, denn der babylonische Priester Berosos (im alexan- 
drinischen Zeitalter) schöpfte seine griechisch geschriebene 
Geschichte der Chaldäer aus alten Tempelurkunden*. 

J E«ra n, 8 — VI, 48 u. VII, 42 — 26. Daniel U, 4 — VII, 28. Je- 
remias X, 44. Hirzbl, Ueber den biblischen Chaldaismns, 4830. — '^ Targein 
ist soviel als erklären. — ^ Zur Erlerriong des Chaldäischen : Grammatiken 
von WiNER 48V2, Bebtheau 4843 u. A. Das Wörterbuch Aruch von 
Nathan bar Jachiel aus Rom (f 4 406), mit den Zusätzen von Mussaphia 
(t 4674)) welches Landau als rabbinisch- aramäisch -deutsches 4849 
herausgab. — * Von diesem Werke besitzen wir nur noch Bruchstücke 
bei Josepbos, Eusebios, Synkellos u. A. Ihre Sammlung von RicHtbk 
in Berosi Chialdaeorum historiae quae supersunt, 4825. MGmteb, Reli- 
gion der Babylonier, 4827. lieber die Verbreitung chaldäischer Astro- 
logie s. Letbonnb, Observations sur Tobjet des representations zodia- 
cales etc., 4824. 

§. 99. Punisch nur auf Münzen und Inschriften und 
im ,Ponulus' des Plautus, V, 1 ^ Die Nachrichten von einem 
uralten phonikischen Geschichtschreiber Sanchuniathon sind 
ebenso unsicher, als die angeblich von ihm herrührenden 
Fragmente unecht sind. Ein kleiner Theil seines angeblichen 
Werkes hat sich in der griechischen Uebersetzung von Philo 
aus Byblos erhalten und befindet sich in der ,Praeparatio 
evangelica' von Eusebios ^. Eine vollständige Uebersetzung, 
die aber als schändliche Mystification sich herausstellte, gab 
in neuerer Zeit Wagenfeld (f 1846) ^ 

Von karthagischen Schriftstellern werden namentlich 
zwei erwähnt, Hanno und ELimilko. Jener unternahm 
550 V. Chr. eine Reise längs der Westküste von Afrika und 
hing nach seiner Rückkehr, wie es Brauch war, eine Tafel 
mit Nachrichten über sein Unternehmen in dem Tempel des- 
Kronos zu Karthago auf. Eine griechische Uebersetzung 
dieser Nachrichten ist unter dem Titel ,Periplus^ auf die 
Nachwelt gekommen *. Ilimilko^s Reisebeschreibimg der 



I 



70 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

Westküste Europas benutzte noch Avienus.(350? n. Chr.) 
in seiner ,Ora maritima^ ^. 

1 LiNDBMANN, De Pnoicis Plsutinis, 4837. Wex, Meletemsts de Pa- 
nicis Plautinis, 4839. Gbsbhius, Script, lingaaeq. Phoen. monnmento, 4836. 
Bayer , Ueber Sprache a. Schrift der Phöniker , 4 835. Mowbbs , Phönizer, 
4 844 . Dietrich , Zwei sidonische Inschriften u. eine altphonizisdie Königs- 
inschrift, 4855. Hitzig, Urgesch. n. Alter d. Philister, 4845. — ^ Oeblli, 
Sanchöniathonis Beryti qoae feruntor fragmenta, 4826. — ' Gbotsvbxd, 
Die Sanchaniathon*8che Streitfrage nach nngedruckten Briefen gewürdigt, 
4836. Schmidt, Der neuentdeckte Sanchaniathon , 4838. — ^ Ausgabe Ton 
Hirscher 4832. — ^Böttger, Gesch. der Karthager, 1827. MCntbk, Re- 
ligion der Karthager, (2. A.) 4821. 

§. 100. Das Aethiopische (auch Geez oder Gees ge- 
nannt) mit himjaritiscber Schrift und einer kirchlich-histo- 
rischen Literatur seit Einfuhrung des Christenthums im 
4. Jahrh. Uebersetzungen von Apokryphen ^. Wenig ist 
bis jetzt im. Druck erschienen^. Seit dem 14. Jahrh. ist die 
äthiopische Sprache durch die amharische verdrängt und 
gebort zu den todten '. Dialekt von Tigree in der Gegend 
von Axum. 

. ' Bach Henoch: Hoffmann 4838. Ascensio Jesaiae vatis: Lawseitcb 
4849. — * Platt, A catalogue of the Ethiopic bihlical manuscripts, 4823. 
Lepsics, Denkmäler aus Aethiopien, 18^9. Laceoze, Hist. du Christia- 
nisme d'^thiopie et d'Armenie etc., 4739. Ludolf, Hist. Aethiop., 4684; 
Wörterbuch, 4 699; Grammatik, 1702. — ' Isenberg, Amhar. Grammatik, 
48^2; Lexikon, 1844. 

§. 101. Priesterweisheit und Tempelarchive des alten 
Aegypten. Aus solchen Urkunden schrieb Manetho, Ober- 
priester zu Diospolis, im alexandrinischen Zeitalter, seine 
ägyptische Geschichte, deren Inhalt wir nur noch zum Theil 
aus den von Josephos und Synkellos mitgetheilten Aus- 
zügen kennen. Uralte Bekanntschaft mit der Schreibkunst 
und dem Papier ^. 

Die koptische Sprache ist im Wesentlichen die alt- 
ägyptische. Die noch vorhandenen, ziemlich zahlreichen 
koptischen Bücher sind insgesammt aus der Zeit nach der 
Bekehrung der Kopten zum Christenthum, welche im 2. und 
3. Jahrh. durch griechische Colonisten erfolgte. Es sind 
Uebersetzungen biblischer Schriften, Legenden, Homilien, 
Synodalbeschlüsse und Werke der Gnostiker. Auch unter- 
scheidet man im Koptischen die nieder- und oberägyptische 
Mundart^. Bios die Priester verstehen noch das Koptische 
als Kirchensprache, Landessprache ist das Arabische. 

1 Bunsen, Aegyptens Stelle in d. Weltgeschichte , 1845 fg. Uhlbmamn, 



Zehntes Capitel, Semiten. 71 

Thoth oder die Wissenschaften des alten Aegypten etc. , 1 8ö5. Roth , Die 
Proclamation des Amasis (56i v. Chr.)) ein Specimen altpelasgischer, mit 
der ägyptischen verwandter Schrift etc., 1855. — ^ Der Pentatench von 
W1LKIN8 4731. Die Psalmen in Hom 4744-. Koptische Grammatik von 
ScHOLTZ 4778 und Tattam 1831. Wörterbuch von Lacboze 1775. 

§. 402. Die armenische Literatur hat aus der vor- 
christlichen Zeit nur Bruchstiicke bei Moses von Chorene 
(f 487). Das Christenthum wurde dutch Gregor den Er- 
leuchter 349 eingeführt, und seitdem blühte die armenische 
Literatur vom 4. bis in das 1 4. Jahrh. Bei der Vorliebe für 
griechische Literatur gibt es viele Uebersetzungen, ausserdem 
Historiker und Chronisten ^. Die aus 36 Buchstaben be- 
stehende Schrift tuhrte Mesrob 406 ein, der auch mit seinen 
Söhnen zwischen 41 4 — 54 4 die Bibel übersetzte. Die Chronik 
des Eusebios *. Die Reden des Philo ^. Der bedeutendste 
BKstoriker ist Moses von Chorene * ; aus neuerer Zeit Michael 
Tschanitschean und die Mechitaristen auf der Insel S.-La- 
zaro bei Venedig *. David übersetzte im 5. Jahrh. den Aristo- 
teles. Von Esniki (Joh. Ozniensis) im 8. und Nerses Kla- 
giensis im 12. Jahrh. sind ,Vitae sanctorum calendarii Arme- 
nici' ®. Gedichte von demselben Nerses. Fabeln von Mechi- 
tar Kosch (4790) ^ Die Sprache zerfallt in die alt- und 
neuarmenische «. 

^ Wehbich, De auotor. Graecor. versionib, Arab.- Armen., 1842. — 
* Von ^ocHEB 1818. — ^ Von AucHBB 1822. — * Von Wiston 1736. — 
^ Ursprünglich in Konstantinopel von Mekhitar (d. i. Tröster) da Petro 
(geb. 1676) 1701 zu dem Zwecke gestiftet, die armenische Nationalliteratur 
zu heben und die Kenntniss der altarmenischen Sprache zu verbreiten; seit 
1717 auf S.-Lazaro. Bone, Le convent de St.-Lazare a Venise, ou histoire 
snccincte de Vordre des Mechitaristes armeniens, 1837. Auch in Wieb ist 
seit 1811 ein Mechitaristencollegium. — ^Herausgegeben 1810 — 14. — 
^ SoMAL, Quadro della storia liter. d'Armenia, 1819. Neumann, Gesch. 
der armen. Lit. nach den Werken der Mechitaristen bearbeitet, 1836. — 
^ Grammatiken von Sciirödeb 1*711 und Petebmann 1837. Lexika des 
Mbchitab 1836, Acgheb (armen. -engl.) 1811, Im. Tsohaktsohak (ar- 
men.-ital.) 1837. St.-Martin, Mem. bist, et geogr. sur TArmenie, 1818. 

§. 403. Die georgische oder grusische Literatur, welche 
seit der Bekehrung von Georgien zum Christenthum (4. Jahrh.) 
entstand, enthält theologische, historische, geographische, 
philologische, legislatorische und poetische Werke, die aber 
noch wenig bekannt sind. Aus dem epischen Gedichte ,Tariel' 
hat Brosses Proben mitgetheilt, deren Charakter an die epische 
Poesie der Perser erinnern soll. Die Schrift heisst Mkhedruli. 




72 Zweites Buch. Ethnodoktologte. 

Elftes Capitel. 
Araber. 

§. 104. Die arabische Sprache, von urspriinglich 
trefiBicher Gestaltung und Bildungsfahigkeit, wortreich und 
von geschmeidigen Formen, hatte schon vor Mohammed sich 
als vorzügliches Organ für Poesie bewährt. Am reinsten 
ward sie hinfort bei den Beduinen gesprochen, wohin sich 
späterhin arabische Sprachforscher begaben, welche ihre 
Sprache in ihrer Keinheit kennen lernen wollten. Zu litera- 
rischem Gebrauch hatte sie sich wol schon bei den Himjaiiten 
bewährt ^, in dem letzten Jahrhundei*t vor Mohammed aber 
hierzu der Dialekt der Koreischiten an der Küste Hedjas, 
namentlich in Mekka, sich emporgebildet. Daselbst war 
auch die dem Estranghelo nachgebildete kufische Schrift 
im Gebrauch, bis sie durch das bequemere Nedsche ver- 
drängt wurde. Die Niederschreibung des Koran wurde epoche- 
machend für Sprache und Schrift; an ihm bildete sich auch 
die Grammatik aus. 

Schon unter Ali (660) lebte der erste arabische Ghram- 
matiker Abul Aswad, und seiner Nachfolger und der Ver- 
fasser von Wörterbüchern wurde eine grosse ZahL Ein 
arabischer Gelehrter schätzte die Wörterbücher, die er be- 
sass, zu 60 Kameellasten ^. Lexikographen sind AI Dschau- 
hari (f i009), AI Firuzabadi (f 14U). AI Farabhdi aus 
Basra ist Metriker, Dschordschami Technograph. Gespräch; 
Sprichwort und Kalligraphie, letztere gleichsam als Ersatz- 
mittel für die verbotene Malerei, gehorten zu den Ergotz- 
lichkeiten des arabischen Lebens. Mddani (f 1124) stellte 
6000 Sprichworter zusammen ^. 

Zur Verbreitung der arabischen Sprache trugen religiöses 
Interesse und politische Massregeln (Eroberung, Verpflan- 
zung nach Spanien) bei. Der Omajjade Abdulmalek befahl 
das Arabische in allen geschäftlichen Schriften statt des 
Persischen, ebenso Walid 1. statt des Griechischen zu ge- 
brauchen. 

Die Wiederbelebung des arabischen Studiums erfolgte in 
Frankreich durch Postel 1538, in Deutschland durch Spey, 
seit dem 1 7. Jahrh. in den Niederlanden u. s. w. Sammlun- 
gen arabischer Manuscripte im Escurial, in Rom, Paris, 



Elftes CapiteL Araber. 73 

Lieyden, Oxford, London, Gotha, Wien, Berlin, Kopen- 
hagen, Petersburg*. 

1 Gbsbnius u. Rödiobb, lieber die himjaritische Sprache a. Schrift) 
4844. — * ToDEBiNi, Letteratura Turchesca, 4787, deutsch von Haus- 
ieutner, 4790. Wöstbnfbld, Die Akademien der Araber, 4837. — ' Aus- 
gabe von FXBTTAO 4838. — ^ Flüobl, Gesch. d. arab. Lit Zbnkbb, Biblio- 
theca oriientalis, 4840* ▼• Hammbb-Pubgstall, Literatnrgesch. d. Araber 
von ihrem Beginn bis zum Ende des 42. Jahrh. der Hedschra, 4850 fg. 
Darüber Wuttke 4854. 

Die heidnische Zeit. 

§. 4 05. Die besten Dichter lebten vor Mohammed und be- 
sangen die Thaten ihrer Stämme (daher Stammsagen und 
Stammlieder) und die Schönheit der Frauen. Zu den drei 
grossten Glücksgutem des Arabers gehört es, wenn ein 
Ejiabe geboren worden, eine edle Stute ein Füllen geworfen 
und ein Dichter sich Beifall erworben. Die dichterischen 
Wettkämpfe, die alljährlich auf der zahlreich besuchten Messe 
zu Okadh abgehalten wurden, trugen nicht wenig zur Blüte 
der Poesie bei. Das Gedicht, welches den Preis davontrug, 
wurde mit goldenen Buchstaben auf persische Seide ge- 
schrieben und zum ewigen Ruhme am Eingange der Kaaba 
aufgehängt, daher der Name Moallakat (aufgehangene Ge- 
dichte). Sieben Dichter sind aus dieser Zeit und jener 
Sammlung, drei aus dem 6., vier aus dem 7. Jahrh. n. Chr.: 
Amru, Hareth, Tarafa, Suheir (Zohair), Antara (auch Held), 
Lebid und Amrilkais ^. 

Dieser Zeit werden auch zugeschrieben die Sprüche der 
Konigin von Saba und Lieder zum Lobe der Hamasa (Tapfer- 
keit). Ob und wann der sentenzreiche Lokman gelebt habe, 
bleibt dunkel 2. 

' Ueber ihn Ruckebt 4843. Rosenmuller, Bd. 6 der Nachträge 
zu Sulzer's allgem. Theorie der schonen Künste. Habtmann , Die hellstrah- 
lenden Plejaden am arabischen Dichterhimmel oder die sieben am Tempel 
zu Mekka aufgehangenen arabischen Gedichte, 4803. Krbmer, Abu Nuwäs, 
des grossten lyrischen Dichters der Araber, Divan zum ersten mal deutsch 
bearbeitet, 4855. — * Ueber ihn Wüstenfeld 4B32. Seine Sprüche von 
Erpeniüs 4645, Bernstein 4817, Freytao 4830, Schier und Rask 4831, 
übersetzt von Olearius im Persianischen Rosenhain, von Schaller 4826. 
Weil, Poetische Lit. d. Araber vor u. unmittelbar nach Mohammed, 4837. 

Islamitische Zeit. 

§. 106. Der Koran (al Koran, d. i. Sammlung der Schrif- 
ten), aus 14 4 Suren Tbestehend und in rhythmischer Prosa 
verlFasst, enthält neben manchen rhetorisch gefärbten Stellen 




k 



74 Zweites Buch. Elhnodoktologie. 

echt poetische Schilderungen voll Feuer und Phantasie, na* 
mentlich in den Abschnitten, wo die Schrecken des Jüngsten 
Gerichts und die Qualen der Hölle beschrieben werden. 

Weil, Mohammed der Prophet, 4843, u. Histor.- kritische Einleitong 
in den Koran, 4844. Daumbr, Mohammed u. sein Werk, 4S48. Ueber 
seine Entstehung, Form u. Inhalt : Gbässb, Allgem. Literatnrgesch., I, 308 ig» 
Aelteste deutsche Uebersetzong von Schweigern 4646, neueste Yon ÜUmann 
4 840. Ueber das Yerhältniss des Islam zum Juden- und Chriateothiim 
schrieben Gejbs, Macke, Gesok, Möhler, Döllinobr. Der Moslem Scha- 
rastani, deutsch von Haarbrücker 4854. 

§. 107. Seit Mohammed wurde die Literatur vielseitiger 
und glänzender, aber sie verlor von ihrer ursprunglichen 
EraJPt und Originalität. Die Dichter widmeten sich fortan 
dem Dienste der Ehalifen und der Religion, und man dichtete 
zwar nach allen Regeln der Metrik und Prosodie, aber ohne 
Begeisterung und Geschmack. Die Fürsten geizten nach Lob 
und umgaben deshalb ihr Hoflager mit Dichtem und Gelehr* 
ten, und die Muse trat in den Dienst des dynastischen Soldes. 
Daher bildet das Lobgedicht eine eigene Gattung in der 
mohammedanischen Welt. Hauptgattungen der lyrischen 
Poesie waren die Kasside, deren Aufgabe Lob, namentlich 
Selbstlob des Dichters, und das Ghasel, kürzer als jenes, 
meist erotischen Lihalts. Zu dieser orientalischen Monotonie 
der immer wiederkehrenden Verherrlichung des Stammes, des 
Rosses, der Geliebten, des fürstlichen Gönners gesellte sich in 
Spanien noch die Galanterie. Mesnewi sind erzählende Ge- 
dichte in doppelgereimten Versen; Makamen eine eigene er- 
zählende Dichtungsart in Prosa und Versen, aufgebracht durch 
Hamadani (f 1007). Romantische Erzählungen von Liebe 
bekamen die Araber erst von den Persern. Die satirischen 
Dichtungen sind unsauber, weil es diesen Orientalen an Zart- 
heit des ästhetischen Urtheils fehlt. Das Drama wurde bei den 
Arabern nicht bearbeitet, doch sehen sie gern Marionetten 
und Ombres chinoises an. Der Reim ist bei den Arabern 
alten Ursprungs, obschon Silbenquantität nicht mangelte. 

Bidpai^s Fabeln übersetzte schon Rouzbeh (f 760), ge- 
wöhnlich genannt Abdallah ben Mokaffa, unter dem Titel 
,Kalilah we Dimnah^, d. i. der Dumme und der Arglistige 
(Schakal), die sich in dem Buche miteinander unterhalten. 
Die Märchen ,Elf Leila' oder ,Tausend und eine Nacht' sind 
wol kaum vor \ 250 niedergeschrieben *. Die ,Thaten Antar's', 
eine Art ritterlichen Epos, zeichnete Admai auf Harun^s 



Elftes CapUel. Araber. 75 

Geheiss um 800 auf ^. Der berühmteste Divan (Authologie) 
eutstand durch Abu Temmam (805—846) 830 und fuhrt von 
der Uebergchrifit semer ersten Abtheilung den Titel ,Hamasa^ 
(Tapferkeit) ', auch grosse Hamasa, zum Unterschiede von 
der kleinen des Bokhtari 880. Die erstere zerfällt in zehn 
Bücher: Heldenlieder, Todtenklagen, Spruche der feinen 
Sitte, Liebeslieder, Schmählieder, Gast- und Ehrenlieder, 
Beschreibungen, Reise und Ruhm, Scherze, Weiberschmähun- 
gen, und gibt grossere und kleinere Dichtungen von 521 
Dichtem imd 56 Dichterinnen, darunter Tomadhir, genannt 
El Chansa, d. i. die Stump&ase. Für den grossten arabischen 
Dichter gilt Motenebbi aus Kufa (915 — 965) ^ Doch sind 
seine Gedichte vorzugsweise panegyrisch, seine Muse er- 
mangelt des Adels der Selbständigkeit und sein poetischer 
Charakter ist nicht fleckenlos. Ergötzlich sind die Makamen 
Hariri^s aus Bassora (1054 — 1 124) * und anmuthig die Lieder 
und Elegien des Veziers Thograi aus Ispahan (f 1121). 
Originell ist der ,Naturmensch^ (eine Art philosophischen 
Romans) des spanischen Arabers Tophail (f 1190 zu Se- 
villa), ein Gedicht, in welchem der Versuch gemacht wird, 
die menschlichen Fähigkeiten von der rohesten Thierheit bis 
zur höchsten Ausbildung historisch durchzufuhren. 

Der Verfall der arabischen Poesie, über welche die per- 
sische sich erhob, ward noch eine Zeit lang aufgehalten durch 
die Grünst, welche sie unter den Fatimiden in Aegypten 
fand, aber unausbleiblich seit dem 13. Jahrb. 

' Vorrede zur Ausgabe von Gautibb; deutsch von Habicht iS%6 und 
Weil ^1838. — ^ Antar, a Bedouean romance by Tersik Hamilton, 4 84 9. — 
3 Dafür erhielt der Dichter zur Belohnung 50,000 Goldstücke. Uebersetzt 
and erläutert von /^ücAer/ 4 840. — * Ueber ihn Hammer 4834. — ^ üeber 
ihn DK Sagt 4824, BSckert 4827, 4836 u. 4844. 

§. 108. Die historische Literatur der Araber soll an 
4300 Werke zählen, von denen ein grosser Theil in den 
Bibliotheken begraben liegt. Von den in literarischen Ver- 
kehr gekommenen sind die vorzüglichem: Wakedi's (f 822) 
Kriegsgeschichte; Kotaibah's (f 889) altarabische Greschichte; 
Tabari's (838—923) Chronik ^ von der sich in der Biblio- 
thek zu Kähira im 4 0. Jahrb. 4200 Exemplare befanden; Mas- 
sudi's aus Bagdad (f 957) zwei historisch -geographische 
Werke * ; Otbi's Geschichte Mahmud's von Ghasna ; Emaded- 
din's (4 425 — 4204) Geschichte der persischen Seldschu- 
kiden; Alatir's (1460 — 4233) Leben der Atabeks; Bohaed- 




76 Zweites Buch. Ethnodoklologie, 

din's (1 444— 1235) Leben Saladdin's »; Kemaleddin's (f nach 
1261) Geschichte Haleb^s ^. Abulfaradsch verfasste aus seiner 
Weltchronik einen Auszug in arabischer Sprache (s. oben 
§. 97, 6). Der ägyptische Christ Ehnacin (1223—73) lieferte 
eii^e Geschichte der Sarazenen. Alle übertrifft der Fürst 
YonHama, Abulfeda (1273 — 1332), durch seine Geschichte 
der Moslem. Neben ihm hat einen Ehrenplatz der Tune- 
ser Ibn Khaldoun (1331 — 1405), berühmt wegen philo- 
sophischer Ansichten und trefflicher Darstellung und als Ora- 
kel der Staatswissenschaffcen im Orient geachtete Ferat^s 
(f 1405) Geschichte des 12. — 14. Jahrhunderts. Makrisrs 
aus Kahira (1358 — 1441) Geschichte der Dynastien und 
historische Monographien ^. Arabschah^s aus Damask (f 1 450) 
Geschichte Timur's ^ Sojuti's (aus dem 15. Jahrh.) Ge- 
schichte der Khalifen, u. A. Spanien insbesondere hatte eine 
grosse Zahl Geschichtschreiber (Abul Kasem f 1 139, Tamimi, 
Ibn Khatib u. A.). Der Geist ihrer Werke ist aus Casiri 
und Conde zu erkennen ®. 

Biographien von Gelehrten lieferten Dschemalleddin Ibn 
Alkefti (ausKoptos in Aegypten, f 1248). Oseiba (1203 — 69) 
ist Biograph mohammedanischer, christlicher und jüdischer 
Aerzte und Naturforscher. Challikan (1311 — 82), Schoba, 
Berichterstatter von Lehranstalten der Schafeiten und ihren 
Lehrern (Wüstenfeld's Gewährsmann). Der hochbegabte 
Osmane Hadschi Khalfa (oben §. 56, 3) ^ 

1 Von Kosbgäbten 4834. — ^ Von Sprenger 4844. — ^ Von Sghcl- 
TBNS 4*50. — * Von Frrytao 4849. — ^ Arri 4 844 ; Die Berbergeschichte, 
4842. — ^ Von Qcatrbmerb 4837. — ^ von Mänger 4767. — ® Casiri, 
Bibl. Arabo-Hispan., 4 760 fg. Conde, Eist, de la dominacion de los Arabes 
en Espanna, 4820; deutsch von Buschmann 4824. History of the Maho- 
mctan empire in Spain von Shakbspbar, Hörne u. A. Einleitung zu 
Murphy Arab. antiquities of Spain, 4846. — ^ Aufgedeckte Bücher- u. 
Wissenschaftskunde von Flügel, 4835. 

§. 109* 9^1^10 politische Beredtsamkeit konnte in 
einem despotischen Staatswesen keinen ßaum finden; sonst 
gab es Stoff zum Reden in den Gerichten vor dem Kadi 
und in den höhern Lehranstalten. Die geistliche Beredt- 
samkeit hatte ihre engen Schranken der Stabilität und Mo- 
notonie. Gleichwie zum Ersatz dafür machten Araber, 
Perser und Türken das Briefschreiben zum Gegenstande 
stilistischer Kunstleistung, wozu auch die sorgfältigste Kalli- 
graphie sich gesellte." 



Elftes Capiiei. Araber. 77 

§. 440. Die Wissenschaft hatte schon Mohammed ge- 
priesen * und bald kamen die Araber von dem Wahne zurück, 
dass der Koran jedes andere Buch entbehrlich mache. Ihre 
Pflege begann schon unter den Omajjaden mit der Ver- 
legung der Residenz nach Damask 664, noch mehr mit der 
Abbassidendynastie 750. Sie ging aus der altgriechischen 
Literatur hervor, wobei die syrischen Nestorianer (oben §. 97) 
die Vermittler waren und die Brücke dazu die Arzneikunde 
bildete. Schon AI Mansor und Harun al Büschid begünstig- 
ten Uebersetzungen griechischer Schriften, doch erst AI 
Mamun nahm es zur Aufgabe, die griechische Literatur bei 
den Arabern einzuführen. Er sandte an Kaiser Michael den 
Stammler um Bücher und Gelehrte und bestellte einen Aus- 
schuss, die zusammengebrachten . Schriften zu übertragen, 
dessen erster Vorsteher Joh. Meswe, von vorzüglicher Thätig- 
keit aber die Christenfamilie Honain in Bagdad (der Vater 
f 874, der Sohn Isaak) war. Man übertrug zunächst ins 
Syrische, worauf dann die arabische üebersetzung folgte, 
bald auch unmittelbar ins Arabische. Ueberhaupt wurden 
die syrischen Uebersetzungen, sobald arabische da waren, 
beiseite gesetzt und sind deshalb äusserst selten geworden; 
auch die griechischen Originale soll AI Mamun, nach er- 
folgter üebersetzung, zu vernichten befohlen haben; daher 
der Verlust manches griechischen Urtextes. Auch Motawakel 
(847 — 861) begünstigte die Uebersetzer, unter denen Korrah 
(835 — 904) gleichfalls zu rühmen ist. 

Dergestalt wurden übersetzt Schriften des Hippokrates, 
Gblenos, Dioskorides, Theophrast, Euklides, Archimedes, 
Apollonios von Perga, Heron, Ptolemäos, Aristoteles, Piaton 
(, Staat' und ,Gesetze'), Alexander Aphrodisiensis, Plotinos, 
Proklos u. A. Unbeachtet aber blieben die griechischen 
Historiker, Redner und Dichter; denn nur auf dem Ge- 
biete der exacten Wissenschaften und der Philo- 
sophie ist die Grosse der Araber zu suchen. Zu den 
Uebersetzungen kamen bald Commentare in Menge. 

Auf Grrund solcher Studien schrieben die Araber mit 
echtem Gelehrtenfleiss, woraus eine massenhafte Literatur 
hervorgegangen ist. Sie haben Polygraphen von seltener 
Productivität aufzuweisen, desgleichen die Osmanen: Sojuti 
(f 1505) verfasste 560 Schriften; Asakir^s Geschichte von 
Damask ist von gigantischem Volumen; der Türke Ferd 




I 



I 



78 Zweites Buch. Elhnodokiologie. 

schrieb unter Bajazet ID. ein Suleimannameh in 360 Folio- 
bänden, wovon Bajazet 80 behielt und die übrigen verbren- 
nen liess; Hadschi Ehalfa (f 4658) ist schon öfter erwähnt; 
unter seinen 307 Wissenschaften findet sich freilich auch 
eine Buchstabenspielkunde, eine Kunst Konige zu unterhal- 
ten, Flecke wegzuwaschen, die Lehre von Aphrodisiacis, 
eine Pragmatik der Hofleute u. A. *. 

1 Y. Hammbb, Encyklop. Uebersicht, 4844. — ' Das Ganze bei Wacbb- 
MUTH, Allgem. Culturgeschichte, I, 543 fg. 

§. 411. Die Arzneikunde mit ihrem Gefolge von Apo- 
theken und Krankenhäusern wanderte von den Griechen am 
frühesten zu den Arabern. AI Mansor berief den Vorsteher 
der Krankenanstalt zu Dschondisapur, Georg Batischua, an 
seinen Hof. Auch AI Mamun hatte zum Arzte einen in der 
genannten Schule gebildeten Christen, Joh. Meswe vonDa*- 
mask (t 857) \ 

Batrik (um 820) übertrug zuerst medicinische Schriften 
der Griechen. Der Perser Razi (860 — 932), Aufseher des * 
grossen Krankenhauses in Bagdad, der Galen seiner Zeit, 
verfasste 226 Schriften. Die praktische Arzneikunde Zacca- 
ria's, gleichfalls eines Vorstehers des Krankenhauses in 
Bagdad, wurde noch im 16. Jahrh. von italienischen Aerzten 
studirt. Die medicinische Schule zu Salerno bediente sich 
eines nach den Vorträgen der arabischen Aerzte entworfenen 
Lehrbuchs. Gesetzgeber für die Heilkunde auf Jahrhun- 
derte ward Ibn Sina (Avicenna) aus Aschema bei Bochara 
(980 — 1039), der Fürst der Aerzte, der in seinem System 
zwar dem Galen folgte, aber zugleich die Aristotelische 
Philosophie auf die Heilkunde in Anwendung brachte. Nach 
ihm gelangten zu hoher Geltimg Zohr aus Sevilla (f 1160) 
und Ibn Roschd (Averroes) aus Cordova (1 1 05— 98). Auch 
Juden und Christen hatten ausgedehnte Praxis *. 

Ueber Arzneimittellehre ist Merv 1160 classischer Autor, 
üeber Diätetik schrieb Jahjah 1070, über Chirurgie Abul- 
kasim aus Cordova (f 1106). Botaniker war Beitar aus 
Malaga (f 1248). Dschabir (Gaber) ben Hajan (702 — 765) 
schrieb über Alchemie ^. Hazem in Spanien schrieb um 
1100 über Optik. 

1 WCSTBNFBLD, Gesch. arabischer Aerzte. Sprengel, Gesch. d. Arznei- 
kunde; Gesch. d. Chirurgie u. Botanik. — ^ Isid. Beüeg, De medicis il- 
lustribus Judaeis, qui inter Arabes vixerunt, <843. — ^ Gmblin, Gesch. d. 
Chemie, -1797. Schmibdeb, Gesch. d. Alchemie, 4832. 



Elftes Capitel. Araber. 79 

§. 442. Die griechischen Mathematiker lernten die 
Araber schon unter Harun kennen K Mohammed ben Musa 
Alkharezmi (zum Unterschiede Ton dem jungem Geometer 
Mohammed ben Musa ben Schaker, auch Mohamed el Ba> 
tani oder Albategnus, f 929, genannt*) ward Begründer 
der Algebra bei den Arabern und bekannt mit dem indischen 
Zahlensystem und der Dekadik. Albategnus und seine Brüder 
führten in die Trigonometrie manche neue Lehrsätze ein 
(Sinus statt der Chorden), wodurch die Methode der Grie- 
chen vereinfacht wurde. Einen guten Commentar zu Euklid 
schrieb persisch Nasireddin aus Tus. Harun al Raschid^s 
grosser Yezier, der Barmekide Jahja, liess des Ptolemäos 
jMsYotXii ouvra^tc' übersetzen. Eine bessere Uebersetzung, 
,Almage8t^ genannt, fertigten Alhazen und Sergius unter 
AI Mamun; einen Auszug daraus machte El Ferghani 840. 
Von Arabern rühren folgende astronomische Tafeln her: die 
Nasireddinischen zu Maragha, die Ilekkhanischen zu Samar- 
kand, die Toledanischen und Alphonsinischen. Ein nutz- 
bares Werk über Gnomonik schrieb Abul Hassan von Ma- 
rokko im 43. Jahrh. Daselbst schrieb 1150 Alpetragius 
,Physische Theorie der himmlischen Bewegungen'. 

* Chasles, Gesch. d. Geometrie; deutsch von Sohnle ^839. — * Nes- 
SELMAHN, Versuch einer krit. Gesch. d. Algebra, 48V2. 

§. 113. Der Geographie waren die Reiselust, die 
Eroberungen und die Wallfahrten der Araber forderlich. 
Berichte über Wege wurden in Menge niedergeschrieben. 
Sallam^s Reise nach dem Nordosten Asiens (Gog und Ma- 
gog) 846. Wahab's und Hasan^s Reisebericht über Indien 
und China 851 und 880. Tajib's (f 899) ,Buch der Wege 
zu den Königreichen^ Kordabeh^s und Abdallah's ,Buch der 
Reisewege^ Fozlan's Bericht von seiner Gesandtschaftsreise 
nach Bulgarien 921 *. Obaid's aus Cordova Bericht über 
Nordafirika. Batuta's aus Tanger (1324 — 53) Bericht*. San- 
nah^s Beschreibung Spaniens, 721. Istakhris, ,Sieben Kli- 
mate^ '. Massudi's (um 950) historisch- geographische Schrif- 
ten. Haukal's (Abul K^si) aus Mossul Reisebeschreibung, 
978 ^ Der Fatunid Moez (953 — 975), Gründer der hohen 
Schule zu Kahira, liess eine Art Landkarte sticken. Edrisi, 
um 1153 am Hofe Konig Roger's von Sicilien, beschrieb 
Nordafrika und Spanien •\ Schehabeddin (f 1229) schrieb 
ein geographisches Wörterbuch; AbdoUatif aus Bagdad 




00 Zioeiles Buch. Ethnodoklologie* 

(1162 — 1231), Arzt bei Saladdin, eine Erdkunde Aegyptens. 
Kaswini (f 1283) ist der Plinius des Orients. Werke von 
Wardi (1269-83), Abulfeda (1273—1322), Makrisi (1358— 
1441), Bakuwi (1403), Abu Rihan, El Hassan ben Mo- 
hammed el Wasan aus Cordova oder Ghranada, bekannter 
unter dem Namen Leo der Afrikaner, 1516. 

' Ausg. von Fbäsb <823. — * Ausg. von Moura 4840. — ' Ausg. 
von Möller 1839. — ^ Ausg. von Utlenbrock 4822. — ^ Ueboraotzang 
von Jaubert 48.'16. Tuch, Reise des Sheik Ibrahim, 4850- 

§. 114. Dem Studium der Philosophie waren zwar 
die strengen Dogmatiker des Korans und der Sunna ent- 
gegen *, aber dennoch gilt schon Kindi (f 880) für den 
ersten Aristoteliker, Verfasser von mehr als 200 Schriften. 
Eigentlicher Begründer der arabisch -Aristotelischen Philo- 
sophie ist El Farabi aus Turkestan (f 950), der zweite 
Vemunftlehrer genannt. Avicenna ist hochberühmter Com- 
mentator des Aristoteles. El Gazeli aus Tus (1061 — 1111) 
speculirte über das Yerhältniss der Philosophie zur moham- 
medanischen Glaubenslehre ^. Ibn Badschah aus Saragossa, 
Arzt am Hofe der Moraviden zu Fez (f 1138), gilt fiir 
den ältesten der spanischen Philosophen. Tophail ans Se- 
villa (f 1176) schrieb den philosophischen Roman ,Der 
Naturmensch' (oben §. 107), den Leibniz gern gelesen haben 
soll. Averroes commentirte den Aristoteles und Platon^s 
,Staat', und da seine Ansichten über das Yerhältniss der 
Seele zum Leibe und seine Erklärungen der alten Philo- 
sophen denen des Avicenna entgegengesetzt waren, so theil- 
ten sich die arabischen Gelehrten in Avicennisten und 
Averroeisten, wie die christlichen Scholastiker in Tho- 
misten und Scotisten. Averroes' Schüler Moses ben Maimon 
wurde Vertreter der Lehre seines Lelirers, und von da ab 
bemächtigten die Juden sich der Philosophie und übertrugen 
sie zu den Christen des Abendlandes. 

^ ScHMöLDERS , Sur les ^coles philos. chez les Arabes , i 842. — ^ Einen 
Ueberblick über die Literatur der orientalischen Mystiker, welche mit 
Djuneid beginnt und mit Scheich Attar ihr Ende erreicht, gibt Hammbb- 
FrnosTALL in seinem arabischen ,Hohen Lied der Liebe Taijeh*, 4854. 



I 



Zwölftes CapUel. Osmanen. 81 

Zwölftes Capitel. 
Osmanen. 

§. 115. Die Türken waren in der Zeit der Sassaniden 
(um 560) hervorgetreten K Das von ihnen besetzte Land 
im Norden des Oxus ward nun Turkestan genannt. Um 
960 nahm ein Khan der Oghusen mit 2000 Familien den 
Islam an. Diese hiessen seitdem Turkmanen. Darauf hat 
eine nicht geringe Zahl türkischer Dynasten Anspruch auf 
Ehrenplätze in der Reihe muselmanischer Culturpfleger. 
Wachsmuth nennt in seiner ,Culturgeschichte^ (I, 539 fg.) 
folgende: Die Buiden Aded Eddhaula in Bagdad; Seifed- 
daula, den Beherrscher Syriens; die Samaniden, die Ghasna- 
viden (Mahmud Jemineddaula, der 400 Dichter an seinem 
Hofe hatte und das Amt eines Dichterfürsten gründete, 
welches zuerst Ansari erhielt; Beiran-Schah 1152 versam- 
melte gleichfalls Dichter an seinem Hofe), die Seldschuki- 
den (Nizamelmulk f 1091, Gründer der Lehranstalt Nidhamie 
zu Bagdad; Allaheddin Keikobad in Ikonium, f 1237), die 
Ejubiten (Malel-el-Mansur f 1219, Modaffer f 1244 und 
sein Enkel Abulfeda) , die Mongolen in Persien und Indien 
(Hulagu, Dschowaini, Raschideddin, Timur, sein Sohn Roch 
und Enkel Ulugh Beg, Baber). Am rohesten unter allen 
Türkenstammen erscheinen die Osmanen, deren lange Reihe 
von Sultanen wenig Sinn für Cultur darbietet. Ihre Gesetz- 
sanmiluüg (Kanunname), Fetwas oder Richtersprüche; ihre 
Befehle oder Hattischerifs kommen auf Rechnung christlicher 
Institute; gesammelt von Kudusi 1822, Rahim 1827, Numan 
Effendi 1832. Der Islam hat von seiner Stärke verloren und 
sich für die Cultur erschöpft*. 

> DE GüiONBS, Klaproth, y. Hammer, Zinkeisbn in den betreffenden 
Schriften, die anderweitig citirt sind. — ^ Abriss der Glaubenslehre von 
MoBAMMBD Fir-Ali-bl-Berkeyt, herausgeg. 4802; franz. von Garcin de 
Tassy 4822. Pbtbrmann, Beiträge zu einer Geschichte der neuesten Re- 
formen des osman. Reichs, enthaltend den Hattischerif Ton Gnlhane u. das 
neaeste Strafgesetzbuch, türkisch u. deutsch, 4842. 

§. 446. Die türkische Sprache ist tatarischen Ur- 
sprungs und schliesst sich an das Finnische und Unga- 
rische *. Zwei Dial ekte ; 

Oestliches Türkisch. Westliches Türkisch oder 

/ —— — ^.— ■ « Au^—— —^—i^^— ^^» II ^ Osmanli *. 

Der ältere oigurisehe oder Das Kaptschak in Kasan 
uigurische und dschaga- und Astrachan ^. 

tatsche Sprachstamm '''. 

Mbulirr. 6 



ä 



82 Zweiies Buch. Eihnodoklologie, 

Arabisch, in der fluchtigen Schreibweise der Perser, ist die 
gewöhnliche Schrift, auch syrisches Estranghelo. Ausge- 
bildete Kalligraphie, wie bei Arabern und Persem. 

1 Schott , Versuch über die tatar. Sprachen , 4 836. Ksllouii , Ueber 
das Verhältniss des Finnischen zum Türkischen, 4847* — * Klapboth, 
Ueber Sprache u. Schrift der Uiguren, 4830. — * Grammatik ¥on Tbo- 
JAN8KI 482i. — * Grammatiken von Javbbrt 4839, Rbdhocsb 4846* 
Wörterbuch von Mbninski. Bianchi, Guide de la conversation en Franfais 
et en Türe, 4839. — ^ Hindoolu, Türkische Vorschriften nebst cwölferlei 
Scbriftgattungen der Ferser, 4838. 

§. 447. Für ihre eigene Sprache haben die Türken wenig 
gethan, desto eifriger aber die arabische und persische 
bearbeitet. Wankuli übersetzte das arabische Wörterbuch 
von Dschauhari ^, Asim Effendi den ,Kamus^ ^, Achmed Emin 
Effendi das persische ,Burhan>i>Kati^ ^. Commentare über 
persische Dichter: Sudi über den ,Giilistan' des Saadi* 
und über die Gedichte des Hafis ^, Ismael Hakki über das 
,Pendnameh^ des Ferideddin Attar ^ und über das ^Mesnewi' 
des Dschelaleddin Rumi ^ 

> Herausgegeben 4803. — ^ Ebenso 4844 u. 4835. -^ ^ Ebenso 4799 
u. 4836. — ^ Ebenso 4833. — ^ Ebenso 4836. — ^ Ebenso 4834. — 
7 Ebenso 4836. Todbbini, Lit. tnrchesca, 4747; deutsch yon Haug" 
leutner 4790. Fetim Efbbdi, Tesker^-i-Chatim^ ül Echar, d.i. Denk- 
würdigkeiten der Dichter aus neuerer Zeit, eine türkische Lfteratiirge- 
schichte, 4854. 

§. 448. Reiche Literatur, ohne Originalität, Nachbil- 
dungen arabischer und persischer Muster. Die Poesie ist 
ursprünglich doppelt, dschagataisch und osmanisch, und 
verstummte bei den nicht osmanischen Türken firüh: der 
Yezier Mir Alischir beschloss sie zu Anfange des 46. Jahzii. 

Bei den Osmanen, deren ältester Dichter Aaschik Pascha 
in die Anfange ihres Staates gehört (f 4332), werden 2200 
Dichter gezählt, davon 40 als die bessern, von diesen.sieben 
als vorzüglich und als der erste von allen Baki der Lyriker 
(4526 — 99) gerühmt, v. Hammer, der seinen Divan 4825 
übersetzte, nennt ihn nach Motenebbi und Hafis den dritt- 
grossten lyrischen Dichter des Orients. Seine Gedidite sind 
fast durchgehends Oden zum Lobe des Sultans K 

Die Lyrik der Osmanen ist häufiger und widerlicher als 
bei Arabern und Persem von Auslassungen der gröbsten 
Sinnlichkeit, besonders dem Preise der Knabenliebe, be- 
fleckt; ihre Panegyrik führt über die Wolken, während der 
lobpreisende Versmacher im Staube kriecht. Hofdichter gab 



Zwölftes CapiteL Osmaneiu 83 

es seit Bajazet 11. Sati war der erste iu der Reihe. Lami 
ist der grosste und fruchtbarste Dichter der Osmanen (f 1 531). 
Von ihm sind prosaische Werke, Uebersetzungen persischer 
Werke des Dschami und vier grosse epische Gedichte: 
,Wamik und Afra'^, ,Weise und Bamin% ,Absal und Sel- 
man^, ^Ferhadnameh^ (die Liebe des Ehosru und der Schirin 
behandekid) '. Fasli^s (f 1563) allegorische Dichtung ,Gül 
und Bülbül^ (d. i. Kose und Nachtigall) \ Uebersetzungen 
der romantischen Epopöen aus dem Persischen: Alexander* 
buch, Fabeln des Bidpai durch Ali Tschelebi (Wassi Alissi 
JC 4543) unter dem Titel ,Humajunnameh% die Geschichten 
der 40 Yeziere von Scheikh Sade. 

1 V. Hammbb, Gesch. d. osman. Dichtknnst, mit einer Blmnenlese Ton 
9200 Dichteni, 4836. — ' Von y. Hammbb 4833. — ^ Von y. Hammbb 
4812. — ^ Ebenso 4834. 

§. 119. Historische Aufzeichnungen begannen bei 
den Osmanen im 14. Jahrh. Seit Mohammed ü. erhielten 
geeignete Manner Auftrag, Geschichte zu schreiben, seit 
Achmed ü. wurde ein Reichshistoriograph bestellt. Schwulst, 
Schmeichelei, mönchische Bomirtheit ist das Charakteristische 
ihrer Werke. Der vorzüglichste osmanische Geschichtschrei- 
ber soll Saadeddin (1536 — 99) sein, der ein älteres Werk 
Ton Edris (f 1523) benutzte und seine Geschichte bis auf 
Murad I. (1590) herabfuhrt \ Naima 1591—1659 ^ Reschid 
1660—1721». Tschelebisade 1721—27*. Sami, Schakir 
und Subhi 1730—43 *. Issi 1744—52 «. Wasif 1752—73 ^. 
Hadbchi Khalfa^s Compilation über 1 50 Dynastien und chro- 
nologische Tafeln. 

Biographien von Dichtem, Ulemas u. s. w. von Dschelebi 
(t 4561), Latifi (f 1582), Kinalisade (f 1603) u. A. 

Das vorzüglichste geographische Werk der Osmanen, 
wiewol nicht das einzige, ist Hadschi Khalfa^s ,Dschihan- 
nameh^ Reisebericht Evlin Mohammed ££Pendi's 1 661 — 65 ^. 
Seeatlas aus dem Jahre 1520. 

* Türit. n. lat. von Kollab 4750. — * Von Fbasbb 4832. — ^ Hersu«- 
gegeben 4741. — * Ebenso 4744. — * Ebenso 4786- — ^ Ebenso 4785. — 
7 Ebenso 4806. — ^ Herausgeg. von v. Hammbb 4834 u. Jaübebt 4844. 




84 ZweUes Buch. ElhnodoktologU. 

Dreizehntes Capitel. 
Hebräer. 

§. 120. Aus dem Alten Testament lässt sich der Zustand 
des Hebräischen aus der Zeit von David bis zu denMak- 
kabäem (1000 — 150 v. Chr.) erkennen. Spuren einer noch 
altern Sprache haben sich nur in Eigennamen und in den 
Buchstabenbenennungen erhalten. Unter den letzten Konigen 
von Juda (seit 600 v. Chr.) nahm die Sprache bereits eine 
aramäische Färbung an; nach Esra^s Zeit (seit 400 v. Chr.) 
ward sie allmälig von dem Aramäischen verdrängt, und in 
den drei Jahrhunderten zwischen den Makkabäem und dem 
Hadrianischen Kriege (150 vor bis 150 n. Chr.) starb sie 
ganz aus ^. Reuchlin ist der Wiederhersteller des hebräischen 
Sprachstudiums bei den Christen ^. Ihm folgten Sb. Münster 
(I 1552) und die beiden Buxtorfe (der ältere f 1629, der 
jüngere f 1666), Schultens (f 1750), der auch das Arabische 
benutzte, J. D. MichaeHs (1750), Hezel (1777), Vater 
(1820). Gesenius (f 1842) schlug zuerst den Weg einer 
festen und klaren Methode ein, die noch jetzt ihre ent- 
schiedenen Freunde hat, wenn auch von Andern, nament- 
lich Ewald, eine mehr systematische, auf die Natur der 
Sache selbst gegründete und in sich abgeschlossene Methode 
versucht worden ist ^. 

1 Gesenius, Gesch. d. hebr. Sprache u. Schrift, 4813. Habtxanh, 
Linguistische Einleitung in das Stadium der Bücher des A. T., 4817* -^ 
' Seine drei Bücher De rudimentis Hebraicis erschienen 4506* — * HÄ- 
YBSNiCK, Einleitung in d. A. T., I, 1 ; Gesch. d. Grundsprachen des A. T. 
Grammatiken von Vater , Gesenius , Ewald. Wörterbücher von CAflTnLLi, 
CoooB^uB, Simonis, Gesenius (der Thesaurus seit 4829); deutsch -hebräische 
von SoHBÖDER, Elwert etc. Ueber den parallelismus membrorum (Eben- 
mass der Satzglieder) der hebr. Sprache s. besond. Herder, üeber den 
Geist der hebr. Poesie, 4783. SaalscbOtz, Gesch. u. Würdigung d. Musik 
bei den Hebräern, 1825. 

§.121. Buchstabenschrift kannten die Hebräer schon zu 

Moses^ Zeit. Die Finalbuchstaben und diakritischen Zeichen 

sind mehre Jahrhunderte nach Esra, die Yocale und Accente 

erst im 6. oder 7. Jahrh. n. Chr. entstanden. Der jüngere 

J. Buxtorf stritt mit L. Cappellus in Saumur über das Alter 

der Vocalzeichen. 

Hopfmann, AUgem. Encyklopädie, II, 3. Saalschutz, Archäologie 
der Hebräer, Thl. I, 4855, Abschnitt 5: Schreibekunst u. Literatur. Ders., 
Zwei Reden über Buchstabenschrift u. ihr ältestes Denkmal 1855. (S. oben 
§. 13 u. 47.) 



Dreizehntes CapUel. Hebräer. S5 

§. 12SI, Welthistorische Wichtigkeit des Landes *, 
Volkes, der Religion, Sprache, Schrift und Literatur der 
Hebräer *. 

Religiös-patriotischer Geist der Literatur. Die 
Autorität der Offenbarung waltet in den Schriften überall 
durch, dennoch gibt es nach Form und Inhalt Unterschei- 
düngen in Gesetz (Pentateuch), Prophetie (vor 700: 
Arnos, Hosea, Jesaias, Micha; zwischen 630 — 520: Joel, 
I4ahum, Zephanja, Habakuk, Jeremias, Obadja, Ezechiel, 
Zacharias, Haggai; aus dem 5. Jahrh. Maleachi), Mythe 
und Geschichte (Genesis, Josua, Richter, Ruth, Sa- 
muePs und der Könige Annalen, Bücher SamueFs, Esra, 
Nehemia, Esther, Daniel) ohne philosophische noch welt- 
historische Ansicht, Lyrik mit tiefem religiösen Gefühl und 
reich an schönen Bildern, unter David geregelt (Gesang 
des Moses Exod. 15, der Deborah Jud. 5, Psalmen, Lieder 
der Propheten, Klagelieder und Hohes Lied), Didaktik 
(Jonas, Hiob, Sprüche und Prediger Salomo's) \ 

Das von einer klaren Erfassung des Realen und einer 
rahigen Darstellung wirklicher Begebenheiten unzertrenn- 
liche Drama fand keine Pflege. In der Wissenschaft ge- 
ringe Leistungen, am wenigsten in der speculativen, weil 
die Autorität der Offenbarung das Volk des eigenen Nach- 
denkens überhob, es ihnen sogar zum Verbrechen machte. 

1 BiTTBB*8 Asien, Bd. 8. — ^ Ewald, Gesch. d. Volkes Israel , 48i3, 
and: Ueber Entstehung der israelitischen Lit., I, 4 — 258. Paulus, Ur- 
sprung d. hebr. Lit. durch Samuers Geist, 4842. Fürst, Cultur- u. Lite- 
ratnrg^esch. d. Juden in Asien, 1849. Saalschutz, Archäologie der He- 
bräer, Bd.^4, 4856. — ^ lieber die hebräische Literatur die Schriften von 
LowTH (De Sacra poesi Hebraeorum, 1758 u. 1815), Michablis, Hezbl, 
EiOBHOBN, Hebdbb (Geist d. hebr. Poesie, 1783), Habtmann, Bebtholdt, 
Jahn, db Wettb, Gesenius , Umbbbit , Gbambbbo, Cbedneb, Hengsten- 
bbbo, Ewald, t. Bohlen, Moyebs u. A. 

§. 123. Die heilige Schrift alten Testaments (Bibel) 
enthalt nach der jetzigen, aus dem 2. Jahrh. v. Chr. herrüh<- 
renden Anordnung, wobei die hebräisch geschriebenen ka- 
nonischen von den giiechisch verfassten oder ins Grie- 
chische übersetzten apokryphischen Bücher streng unter- 
schieden sind, den Pentateuch, die Propheten und die Ha- 
giographa (Psalmen, Sprichworter, Hiob, Hohes Lied, 
Ruth, Klagelieder des Jeremias, Prediger Salomo, Esther, 
Daniel, Esra, Nehemia, Bücher der Chronik). 

§. 124. Die kanonischen Bücher (Schluss des Kanons 



86 Zweües Buch, Elhnodoklologie. 

130 V. Chr.) zerfaUen in historische, poetisohe und prophe- 
tische Schriften. 

1) Zu den historischen gehören der Pentateuch oder 
die fiinf Bücher Mosis ^ : Genesis^, Exodus, Leriticas, Nu- 
meri, Deuteronomium ; das Buch Josua', das Buch der 
Richter^, das Buch Ruth^, die zwei Bücher Samuel's und 
die zwei Bücher der Konige ^, die zwei Bücher der Chronik % 
die Bücher Esra, Nehemia und Esther^. 

2) Zu den poetischen Schriften gehören*: das Buch 
Hiob ***, der Psalter i*, die Sprüche Salomo^s **, der nicht 
von Salomo herrührende sogenannte Prediger (Kohelet) Sa- 
lomo's ^', das Hohe Lied Salomo^s (Lied der Lieder) ^*. 

3) Prophetische Schriften ^^: aus dem 12 — 9. Jahrh. 
V. Chr.: Elias, Elisa u. a. ohne schriftliche Denkmale; 
zwischen 800 — 700: Joel i*, Arnos*'', Hosea", Jesaias **, 
Micha ^^ und Nahum; aus der chaldaischen Periode: Ze- 
phanja, Jeremias**, Habakuk*^, Ezechiel*^, Obadja**; der 
vierten Periode nach der Verbannung gehören an : Jonas •*, 
Haggai^^, Sachaija (Zacharias), Maleachi, Daniel ^^. 

Die Propheten theilt man auch in die vier grossen (Je- 

saias, Jeremias, Ezechiel und Daniel) und in die zwölf 

kleinen ein. 

1 Vater 4802, ▼. Bohlbn 4835- Hbhgstbnbbbo, Die Echtheit des 
Pentateuch, 4836 fg. Bbbthbau, Die sieben Gruppen mos. Gesetze, 4840* — 
'^ Schumann, Bohlen, Thiele, Stahelin, Tcch. — ' Maubeb, Haüvv. — 
* StcdeR. — ^ Maubeb. — ^ Maubeb, Thenius. — ^ Gbahbbro, Mo- 
VERS. — B WiNEB, Handb. d. Lit. Pelt. — ^ Ewald, Die poet. Bnoher 
desA. T., 4839. — '^ Scbultens, Umbbeit, Tholuok, Hibzbl, VAiHnr- 
OEB, Stickel. — 11 EinQ Sammlung Yon 450 lyrischen und ^daktiechen 
Gedichten von verschiedenen Verfassern: de Wette, Hitzig, Sachs, ▼.Lbh- 
oerke, Hupfeld. — i^ Kleukeb, Umbbeit, Gbambebo, LöwBirsTBiir. — 
13 Eaiseb, Umbbeit, Knobel, Elsteb. — ^* Herder, Huo, Kaiser, Ewald, 
Umbreit, Döpke, Bhd. Hirzel, Lippert, Blaubach. — i^ Eichhobv, Kxo- 
BEL, Umbbeit, Bückebt, Ewald. Hebino, Schulen der Propheten, 4777. — 
1^ Cbbdneb, E. Meieb. — 17 Vateb. — 1^ Maurer, Stuck, Krabbe, 
DB Wette, Simson. — i^ Gesenius, Hitzio, Knobel, Hendewebk, Drbss- 
LEB, MöLLEB, Klbinert, Henostenbebo, Stahelin, Hayebnick, Caspari. — 
'^0 Die kleinen Propheten von Thbineb, Ackbrmann, Hitzig. — . *i Seine 
Klagelieder von Hitzig u. Umbbeit. — ** Baumlein , Delitzsch. — ** Eo- 
8enm6lleb, Häyernick. — ^* Hendewerk. — '^ Krahmbb, JlOBR. — 

2^ SCHEIBEL. — 27 BeBTHOLDT, HÄYEBNIGK, V. LbNGERKB. 

§. 425. Ueber Anerkenntniss und Gebrauch der apo- 
kryphischen Bücher schwankte die Kirche von jeher. 
Die griechische Kirche schloss sie mit dem Concil zu Lao- 
dicea 360 aus dem eigentlichen Kanon aus; die lateinische 
dagegen behielt sie seit dem zu Karthago 397 in dem Kanon 



Dreizehntes Capitel. Hebräer. 87 

bei und das Conoil zu Trident 1545 setzte ihre Anerkennt- 
niss fest; die evangelische Kirche verwirft sie als nicht zur 
Kegel des Glaubens gehörige Bücher. Sie zerfallen in histo- 
rische und didaktische Schriften. 

1) Zu den historischen gehören: Die zwei Bücher der 
Makkabäer, das aller Geschichte und Geographie wider- 
sprechende Buch Judith und die kleinem, dem Danierschen 
Sagenkreise angehörenden Erzählungen (Susanna, vom Bei 
und Drachen zu Babel, Gesang im Feuerofen u. a.), die 
aber aller geschichtlichen Glaubwürdigkeit entbehren. 

2) Zu den didaktischen Schriften gehören das Buch 
Tobias, der Weisheit, Jesus Sirach, Baruch und das Gebet 
Manasse. 

Delitzsch, Gesch. d. jdd. Poesie vom Abschlüsse der Schriften des 
Alten Bundes bis auf die neueste Zeit, 4838. Gutmann, Die Apokryphen 
des A. T. etc., 4841. Ueber die Apokryphenfrage Stieb, Hengstenbero, 
4855. 



§. 126. Die nach dem Exil (538 oder 518) entstandene 
masoretische Schule beschäftigte sich mit der Sammlung 
und Anordnung der heiligen Bücher, die sie nach der Tra- 
dition erklarte. Die sogenannte philosophische Schule 
(Philo) trug misverstandene Philosopheme der Griechen mit 
orientalischen gemischt in die allegorische Erklärung des 
Alten Testaments. 

6tb5beb, Krit. Gesch. d. Urchristentb. od. Philo n. die alez. Theo- 
sophie, 4832. Bemond, Aasbreitang d. Jndenthams, 4789« Jost, Gesch. 
d. Jaden zar Zeit d. Makksbäer, 4820. Baue, Gesch. aller religiösen Sekten 
der Jaden, 4822> tJeber Essener a. Therapeuten: Bellermann 4824, 
Sauer 4829* Gbossmahh, De philos. etc. Sadd., 4836. Dahee, Geschieht!. 
Darstellang der jüdisch -alezandrin. ReligionsphUosophie, 4834. 

§. 127. Zu den beriihmtesten Ausgaben des Alten 
Testaments gehört zunächst die ,Hexapla^ des Origenes, 
die den Text des Alten Testaments in sechs nebeneinander 
stehenden Columnen gab: hebräisch mit hebräischen Buch- 
staben, hebräisch mit griechischen Lettern, dann die vier ver- 
schiedenen griechischen Ueberseizungen : dos Aquila, Sym- 
machos, der sogenannten Siebzig (Septuaginta) und des Theo- 
dotion. Ihre Fragmente hat Mont&ucon 1699 gesammelt. 

Daran schliessen sich die Polyglotten. Zunächst die 
complutensische (herausgegeben zu Alcala de Henares 
oder Complutum) des Cardinais Ximenes in 6 Foliobänden, 
1514 — 17, welche neben dem hebräischen Text des Alten 
Testaments die altlateinische Uebersetzung (Vulgata) des 



I 



88 Zweites Buch. Eihnodoktologie. 

Hieronymus, die griechisch -alexandrinische der Septuaginta, 
nebst einer buchstäblichen lateinischen, endlich ein« chal- 
däische Paraphrase, ebenfalls mit einer wortlichen latei- 
nischen Uebersetzung enthält. Umfangreicher sind die ant- 
werpner oder königliche Polyglotte (weil Philipp ü., 
König von Spanien, einen Theil der Kosten trug), die Mon- 
tanus 4569 — 72 herausgab, die pariser, welche der Par- 
lamentsrath Jay 1645 besorgen liess, und die londoner 
Walton'sche von 4657 (mit 2 Supplementbänden von 1669) 
in zehn Sprachen. Die polyglotte Berühmtheit, Cardinal 
Mezzofanti, seit 1819. 



Vierzehntes Capitel. 
Juden. 

§. 128. Die jüdische Literatur, die sich von der 
alttestamentlichen hebräischen unterscheidet, beginnt nach 
der Rückkehr der Juden, wie sie von da an richtiger 
genannt worden, aus dem Babylonischen Exil (seit etwa 
500 V. Chr.). Auf der hebräischen wurzelnd und meist in 
der hebräischen Sprache fortschreitend, nahm diese Li- 
teratur bald persische Religionsbegriffe, griechische Weis- 
heit, römisches* Recht, später arabische Poesie und eiffo- 
päische Wissenschaft in sich auf, Alles jedoch dem väter- 
lichen Glauben unterordnend und nur zur Erklärung der 
Schriften des Alten Testaments verwendend. Seitdem hat 
die jüdische Literatur, obwol ohne äussere Aufmunterung, 
Theü genommen an der Ausbildung des menschlichen Greistes 
imd einen noch nicht gebührend erkannten Vorrath der 
mannichfaltigsten Erzeugnisse hervorgebracht. Neun Pe- 
rioden dieses Entwickelungsgangs. 

Delitzsch (oben §. 425, Anm.). Dukes, Zur Kenntniss d. nenhebräischen 
religiösen Poesie, 4842* Zunz, Ueber die rabbinische Literatur, 1848. 

§. 429. Die erste, durch Esra vorbereitete Periode 
reicht von 444 — 443 v. Chr. und liefert Auslegungen und 
Zusätze zur altern Geschichte (Midraschim), griechische 
Uebersetzungen (Septuaginta unter Ptolemäos 11.) % die sa- 
maritanische Recension des Pentateuchs, den alexandri- 
nischen Codex der Heiligen Schrift (im Britischen Museum 
zu London) und mehre der sogenannten Hagiographa (ein- 



Vierzehntes Capitel. Juden. 89 

zelne Psalmen, Spruche Salomo's, Koheleth, Chronik, Theile 
von Esra und Nehemia, Esther und Daniel), die Bücher der 
Makkabäer, die Leistungen der grossen Synagoge (der Ge- 
setzgeber von Esra bis auf den Hohenpriester Simeon), Jesus 
Sirach (um 200 v. Chr.), Aristobulos (ein alexandrinischer 
Jude, 475 v. Chr.)*. 

1 Frakkel, Historisch -krit. Studien zur Septuaginta, iSÜ' — ^ Ueber 
ihn Walkbkaab 4806. 

§. 130. Zweite Periode, U3 v.Chr. bis 135 n. Chr. Der 
Mi drasch oder die Auslegung der heiligen Schriften theUte 
sich in Halacha (Ausbildung des Gesetzes zu praktischen 
Resultaten) und Hagada (Inbegriff der religiösen und ge- 
schichtlichen Auslegungen) imd für beide entstanden schrift- 
liche Denkmäler. Die Targumim (Erklärungen) zum Pen- 
tateuch, angeblich von Onkelos aus dem 2. Jahrh. n. Chr., 
und zu den Propheten, angeblich von Jonathan ben Usiel. 
Das Trauerspiel des Dichters Ezechiel (,Auszug aus Aegyp- 
ten') K HiUel, beide Gamaliel, Akiba (hingerichtet 120 
V. Chr.) sind Begründer der exegetischen Sammlungen zu 
den Büchern des Alten Testaments, die man späterhin mit 
dem Namen Masora bezeichnete, aber erst im 11. Jahrh. 
zum Abschluss brachte, und Letzterer wird ausserdem als 
Verfasser des ersten kosmogonischen Buches, ,Jezirah' *, ge- 
nannt, der Grundlage der spätem Kabbala, einer Geheim- 
nisslehre, deren Elemente schon in dem persisch-makedo- 
nisphen Zeitalter sichtbar werden und deren Grundlage die 
orientalische Emanationslehre bildet ^. Akiba's Schüler, Si- 
meon ben Jochai, ist Verfasser des Buches ,Sohar', welches 
den Pentateuch mystisch deutet. Der Geschichtschreiber 
Josephos (geboren 37 n. Chr. zu Jerusalem, ging nach der 
Eroberung dieser Stadt 70 mit Titus nach Rom) schrieb 
7 Bücher ,Geschichte des jüdischen Kriegs'*, 20 Bücher 
, Jüdische Alterthümer', 2 Bücher ,Vom Alterthume des jü- 
dischen Volks' gegen Apion, einen alexandrinischen Gram- 
matiker und erklärten Widersacher des jüdischen Volkes *. 
Philo's (40 n.Chr.) philosophische Schriften®. 

^ Ausgabe von Morel 1609. — * Deutsch von Meyer 4829. — ^ Bbuch- 
LiN, Knokr V. RosBNROTH. Freystadt , De religione cabbalistica, 1832. 
Franck , Die Kabbala oder Religionsphilosopbie d. Hebräer etc. ; deutsch von 
Jellinek iSVi* Gesch., Lehren u. Meinungen aller bestandenen u. noch be- 
stehenden religiösen Sekten der Juden u. d. Geheimlehre oder Kabbala, 
4822. — ^ Munter, Der jüd. Krieg etc., 1824. • — •'• Ausgaben der Werke de» 
Josephos vonHAVERCAMP 4720, OnERTiiuR I7S2 — 8.'3, Richter 1825—27. — 



( 



90 Zweües Buch, Ethnodoktologie. 

^ AuBgaben yon Morbl 4623, Makobt 4742, PniTBR 4786—92, Richtbr 
in der Bibl. facra, 4828* Lbvtssohn, De Jadaeomm sab Caesaribus con- 
ditione, 4828. 

§. 434. In der dritten Periode, 435—475, Blüte der 
jüdischen Schulen in Galiläa, Syrien, Rom und seit ä49 
(bis 4039) in Babylonien. Fast gleichzeitig mit der Kab- 
bala entstand auch der Talmud (Unterweisung). Seine 
Grundlage bilden die vorgeblich von Gott dem Moses eben- 
falls auf dem Sinai mitgetheilten Erläuterungen des mo- 
saischen Gesetzes, welche durch Tradition fortgepflanzt und 
vielfach erweitert und ausgeschmückt wurden, bis sie der 
heilige Rabbi Jehuda (f 220) 248 unter dem Namen Misch- 
najoth (zweites Gesetz) in ein System brachte. An dieses 
System schlössen sich alsbald eine zahllose Menge von Com- 
mentaren an, sodass sich Rabbi Jochanan ben Elieser (f 279) 
bewogen sah, um Licht und Ordnung in dieses Chaos zu 
bringen, einen Extract aus diesen Commentaren zu fertigen, 
welcher, Gemara (Erklärung) betitelt, mit der Mischna 
den Talmud ausmacht, der etwa seit 360 neben dem alten 
Religionscodex gesetzliche Geltung gewann und später noch 
zahlreichen Ergänzungen und Umarbeitungen unterworfen 
wurde. 

§. 432. Die vierte Periode, 475 — 740, liefert nur eine 
doppelte Recension der Gemara: die palästinische oder jeru- 
salemische und die babylonische aus Sura. 

§. 433. In der fünften Periode, 740 — 4040, leben be- 
rühmte Lehrer und Schriftsteller in Eürwan und Fez, Bari 
und Otranto. Anan, um 750, der erste Schriftsteller der 
Karäer oder Karaiten, die, im Gegensatz zu den Rabbani- 
ten, den Talmud verwerfen. Aelteste Gebetsordnung um 800. 
Erstes talmudisches Wörterbuch. Erste hebräische Sprach- 
lehre von Haggaon um 927. Aelteste erhaltene hebräische 
Codices, Vocalsystem, neuere Prosodie der hebräischen 
Verse und der Reim. 

ZuNz, Die synagogale Poesie des Mittelalters, 4855. 

§. 434. Die sechste oder Glanzperiode, 4040 — 4204, 
trat ein, als der Buide Dschelaleddaula die babylonischen 
Lehranstalten der Juden schloss (4039) und Spanien Haupt- 
sitz jüdischer Studien wurde und bis an das Ende des 
15. Jahrh. blieb. Rabbi Mose war schon 990 Vorsteher der 
jüdischen Lehranstalt zu Cordova. Sein Schüler Rabbi 



Vierstehntes Capitel. Juden. 91 

Joseph übersetzte auf des Khalifen Hescham II. Befehl um 
4 000 den Tahnud ins Arabische. Sprachkenner und Dichter 
sind Salomo ben Abirol zu Cordova, um 1050, Jehuda Levi 
(4080—1150)1, Aben Esra ben Meir aus Toledo. Rabbi 
Joel übersetzte die ,Sieben weisen Meister^ und Bidpai^s 
Fabeln ins Hebräische und hieraus der getaufte Jude Johann 
von Capua (1S6S1 — 78) ins Lateinische. Exegeten sind drei 
Eimchi (der Vater Joseph, 1 1 60, und zwei Sohne Moses und 
David, 1190) und Sal. Jarchi oder Kaschi aus Troyes. Der 
grosste Commentator der Mischna, Arzt und Philosoph ist 
Moses ben Maimon oder Maimonides (1139 — 1205) aus 
Cordova, den die Juden nach Moses für das zweitgrosste 
Genie halten, den Ruhm des Orients und das Licht des 
Occidents nennen®. Benjamin^s von Tudela (f 1173) Be- 
schreibung seiner Reise in den Orient. Das arabische Spa- 
nien bildete hauptsächlich jüdische Aerzte. Diese spanisch- 
jüdische Literaturbildung kam aber auch den Christen und 
dem übrigen Abendland zu gute. 

In dieser Periode erfolgt auch die neuere Gestaltung 
der hebräischen Sprache, welche man häufig die rabbi- 
nische Sprache nennt, obgleich sie im Grammatischen 
wenig von dem alten Hebräischen abweicht, wenngleich 
aramäische Formen vorkommen. Dagegen musste sie im 
Wortvorrathe über das alte Hebräische hinausgehen, weil 
sich der Ideenkreis um ein Bedeutendes erweitert hatte. So 
wurden altem hebräischen Wörtern neue Begriffe unterge- 
legt, wurden Worter von altem abgeleitet und wissenschaft- 
liche Ausdrücke aus dem Arabischen entlehnt \ 

1 Sein Divan und seine Biographie von Geiger 4854. — ^ Sein nr- 
spronglich arabisch geschriebener Commentar zur Mischna erschien in 6 Folio- 
bänden hebräisch und lateinisch zu Amsterdam 4698 — 4703* Mischna deutsch 
von Babe 4760. Neue Verdeutschung von Fest 4832. Hibsohfeld, Geist 
des Talmud, 4840.— ^ Cellabiub, Rabbinismus, 4684. Rblakd, Analecta 
rabbinica, 4702. Buxtokv, Lexicon Chaldaicum, Talmudicum et Babbini- 
cum, 4639. Fabbb, Anmerkungen zur Erlernung des Talmudischen und 
Rabbinischen, 4770. Beb, Die Sprachverhältnisse der heutigen Juden im 
Interesse der Gegenwart und mit besonderer Beziehung auf Volkserziehung, 
4846. Von der Veränderung des jüdischen Geistes seit dem Exil handeln 
die Schriften von Subinoeb 4820 und Boon 4834. 

§. 435. Mit der siebenten Periode, 1204—1492, be- 
gann ein neues Stadium der jiidischen Cultur durch 
ihre Theilng-hme an den abendländisch- christlichen Litera- 
tursprachen, worin zugleich eine Verflüchtigung ihres 



92 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

orientalischen Charakters liegt. Der Dichter Chavisi 
(Jehuda ben Salomo, f 1^35) übersetzte die Makamen Ha- 
nnos und schrieb ein selbständiges Makamenwerk ,Tachke- 
moni' ^ Nachmanides (Moses ben Nachman, 1194 — 1270) 
ist Commentator des Pentateuch und Gründer einer Synagoge 
in Jerusalem (1267). Hebräische Bücher wurden zuerst zu 
Hijar in Aragonien 1485 und zu Lissabon 1489 gedruckt. 

1 Gedruckt in Konstantinopel, wo die Jnden seit 4506 eine Drackerei 
besassen, 4578 und in Amsterdam 4729. Ueber ihn Dukes in den Ehren- 
säulen, 1837. 

§. 136. In der achten Periode, 1492 — 1755, Vertrei- 
bung aus dem westlichen und südlichen und daher Aus- 
breitung der Juden über ganz Europa. In Italien und 
dem Orient, in Deutschland und Polen und in Holland 
wirkten seitdem jüdische Schulen, Druckereien und zahl- 
reiche Schriftsteller, die hebräisch, rabbinisch, lateinisch, 
spanisch, portugiesisch, italienisch und jüdisch- deutsch 
schrieben. 

Isaak ben Jehuda Abravanel oder Abarbanel (geb. in 
Lissabon, gest. in Venedig 1508) stand an mehren Höfen 
in Diensten und schrieb exegetisch-theologische Werke. Der 
berühmteste unter seinen drei Söhnen, Jehuda, gab 4502 
,Dialoghi di amore' heraus, ein einst vielgelesenes, in ver- 
schiedene Sprachen übersetztes philosophisches Werk in 
Platonischem Geiste. Elia Levi ben Ascher oder Levita, 
zubenannt Bachur (geb. 1472, gest. in Venedig 1549), schrieb ■ 
1518 eine hebräische Grammatik, 1541 ,Meturgeman^, ein 
Wörterbuch über das Targum, 1538 ,Masoreth Ha-Maso- 
reth' ^. Asaria de Rossi aus Mantua (1513, starb 1577 in 
Ferrara) ist Begründer der biblischen Kjitik. Sein Haupt- 
werk ,Meor-enajim' (1574) beleuchtet Philo und Josephos, 
die aramäischen und griechischen Versionen, den Midrasch, 
die Chronologie u. A. *. Baruch (d. h. Benedict) Spinoza 
aus Amsterdam (1632 — 77), Schleifer optischer Gläser, Philo- 
soph, im Bann der Synagoge wegen der in der Schrift 
,Tractatus theologico-politicus' 1670 vorgetragenen Ansicht, 
dass Philosophie und Religion zwei heterogene Dinge seien. 
Auch schrieb er ,Cartesii principia philosophiae' (1663), 
wozu die ,Cogitata metaphysica' den Anfang bilden •'*. 

1 Deutsch von Seinler 1772- Lateinische Uebersetzungen dieser Werke 
lieferten noch zu des Verfassers Lebzeiten Münster und Fagius. — * Sein 



Vierzehntes Capitel. Juden. 93 

Leben von Zünz im Kerem Chemed, V u. VI, 4844 —43. — ' Die Opera 
posthuma gab Meter 4677 heraus, darunter das Hauptwerk Ethica ordine 
geometrico demonstrata. Vollständige Sammlung der Schriften von Paulus 
4802, Gfröber 4830. Ueber sein Leben schrieben Colerus (holländisch 
1698, franzosisch 4706, deutsch 4733), Dibz 4783, Philippson 4790. 

§. 137. Der neunten Periode, seit 1755, gehören vor- 
zugsweise an Moses Mendelssohn (1729 — 86) ^, der Philo- 
soph und Mathematiker Bendavid (1762— 1832), der Dichter 
Mich; Beer (1800—33) *, der Arzt Mich. Friedländer (1769 — 
18314), der Advocat Gans (geb. 1788), der Geschichtschrei- 
ber der Israeliten, Jost (geb. 1793) ^, u. v. A. 

1 Seine Schriften gab G. B. Mendelssohn heraus, 4843 — 45. — 
'^ Dramen: Der Paria; Straensce. Seine Werke gab Schenk 4835. — 
* In 9 Bdn., 4820 — 28. — Die Uebersichten der jüdischen Literatur in 
den Werken von Bartolozzi, Wolf, db Ross betreffen vornehmlich die 
sechste bis achte Periode. 



Zweite Abtheilung. 

Classische Literaturen. 

§. 138. „An die Stelle der ungezügelten Phantasie, des 
Grundtjrpus der orientalischen Literatur im Ganzen und 
Grossen, setzt Hellas die Schönheit, deren Gesetz und 
Mass seine literarische und artistische Thätigkeit durchweg 
bestimmt. Edler und würdevoller Humanismus ist der Cha- 
rakter des hellenischen Ideals, welcher sich in bewusster 
Freiheit in aUen Gattungen der Poesie offenbart. Vom kind- 
lich naiven Epos schreitet Griechenland zu jünglingsfreier 
Lyrik und zum künstlerisch vollendeten Drama fort, in wel- 
chem gleichsam die vereinten Kräfte des Mannesalters sich 
kundgeben, während es auch seine Philosophie, seine Rede- 
kunst und Historik, wie seine Religion, wie sein ganzes 
Leben künstlerisch stellt und rundet. Der Charakter der 
romischen Literatiu' ist Nachahmung. ^^ 

§. 139. Hellenen und Römer zunächst in gesonderter 
Haltung, sodann das doppelte Sprachgebiet unter römischer 
Herrschaft, die Byzantiner und Neugriechen, moderne Dich- 
ter in classischer Sprache, der christliche Kanon und die 
Patrologie. 




94 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

Fünfzehntes Capitel. 
Umfang. 

§. 440. Der Boden dieser Literatur ist die griechische 
und itaUsche EUibinsel südwärts vom Hämus und den Alpen. 
Classisch hat man sie genannt, weil die meisten ihrer 
Werke den Charakter der Vollkommenheit an sich tragen 
und ihr Studium Jedem unentbehrlich ist, der seinen Gre- 
schmack bilden oder sich den Wissenschaften widmen will. 
Die Zahl ihrer Werke belauft sich auf etwa 4600, von denen 
drei Yiertheile griechisch sind, darunter Meisterwerke fur 
alle Zeiten. Die Geschichte der griechischen Literatur um- 
fasst mehr als Sl7, die der romischen nur \% Jahrhunderte. 

§. 444. Comparative Periodisirung beider Lite- 
raturen. 

In der Geschichte der griechischen Literatur 
nimmt man gewöhnlich sechs Perioden an: 

K) Die mythische Zelt bis 4184 v. Chr. 
Kadmos (Buchstabenschrift) 4556> Phemonoe (erste Sporen der Orakel, 
Erfindong des Hexameter). Eumolpos. Orpheus 4260* Dädalos (Anfange 
bildender Knnst). Tiresias (Mantik) 4200. 

2) Die poetische Zeit bis 594 v. Chr. 
Homeros (Homeriden). Kykliker. Hesiodos 950. Archilochos 700. Kal- 
linos, Tyrtäos, Terpandros, Alkman. 

620 — 550 die sieben Weisen (Cum . i^/wj. ^ v*ix 

Solone, Thaies. Periander, cmn ^ Auch för die Geschichte 

Cieobuio innguntnr Chiio, Pittacns ^^^ römischen Literatur 
atque Bias). Mimnermos. Alkäos. ergeben sich sechs Perio- 

Sappho. Arion. Aesopos. 570 — 500 den: 

Susarion (Anfönge der Komödie in 

Attika), Stesichoros, Ibykos, Hip- ^) Infantia, 753— 240 t. Chr. 

ponax, TheogniB, Pythagoras, Si- Nama*s Bücher? Die Annalen der 

monides, Anakreon, Pindaros, Ead- Pontifices. Lieder der Salier (i 



k 



mos der Milesier (Anfänge der Hi- menta). Atellanen. Fabins Pictor. 
storie), Korinna, Sophron (Mimen). 

3) Die attische Zeit, goldenes Zeitalter, bis 336 v. Chr. 
Herodotos. Polygnotos. Aeschylos. Sophokles. Euripides. Phidias. €k>rgias 
(Sophistik). Bakchylides. Sokrates (geistige Mäeutik). Aristophanes. Hip- 
pokrates (Arzneiknnde). Myron. Polykleitos. Piaton. Thnkydides. Xe- 
nophon. Ktesias. Antiphon (Beredtsamkeit), Andokides, Lysias, Isäos, 
Aeschines, Isokrates, Lykurgos, Hyperides, Dinarchos, Demosthenes. 
Skopas. Apelles. Bphoros (Chronologie). 



Fünfzehntes Capitel. Umfang. 



' 95 



4) Das alexandrinische Zeitalter 
bis U6 y. Chr. 

Aristoteles. Euklides (Mathematik). Epi- 
knros. Zenon. Timäos. Die Siebzig Dol- 
metscher. Theokritos. Zenodotos (Gramma- 
tik). Parische Marmorchronik. Aristarchos. 
Berosos. Manethon. Eratosthenes (mathe- 
matische Geographie). Apollonios Yon Bho; 
dos. Archimedes (Mechanik). Aristophanes 
Ton-Bysanz (Accente). . Polybios (pragma- 
tische Geschichte). Apollodoros (Mythologie). 



2) Adolescentia, 240 — 
78 V. Chr. 

Livius Andronicus ( erste 
Trauerspiele in Rom). Nä- 
vius. Cato der Censor. En- 
nius. Plautus. Terentius. 

Puaico hello secando Masa pen- 
nato grada 

hitulU se ia belUcosam Romuli 
gentem feram. 



5) Das romische Zeit- 
alter bis 306 TL, Chr. 

Pasiteles (Künstler nnd Qe* 
schichtsohreiber der Kunst). 
Dionysios von Halikamass. 
Diodoros von SiciUen. Dio- 
nysios Periegetes. Strabo 
(Geographie). Plutarchos. 
Arrianos. Aelianos. Appia- 
nos. Hephästion (Metrik). 
Der Kaiser Marc Aurel. Pto- 
lemäos (Astronomie). Gale- 
nos. Herodianos. Lukianos. 
Athenäos. Dion Kassios. 



6) Das byzantinische 
Zeitalter bis 4453. 

Libanios. Zosimos. Nonnos. 
Kointos von Smyrna. Try- 
phiodoros: Kolnthos. Kosmas. 
Georgios Synkellos (Chrono- 
graplde). Konstantinos Por- 
phyrogennetos. Soidas. Das 
grosse Etymologikon. Xiphi- 
linos. Michael Psellos (poli- 
tisdie Verse). AnnaKomnena. 
Zonaras. Eustathios u. A. 



3) Aetas virilis s. aurea bis 44 n. Chr. 

Graecia capta fernm Tictorem Tieit et artes 
Intolit agresti Latio. 

Lucretius. Cicero. Attious. Catullus. Sal- 
lustius. Cornelius Nepos. Julius Cäsar. Hir- 
tius. Asinius Pollio. Mäcenas (Sint Maecena- 
tes, non derunt, Flaece, Marones). Virgilius. 
Horatius. Ovidius. Tibullus. Propertius. Hy- 
ginus. Livius. Trogus Pompejus. Curtius. 
Vitruvius. Monnmentum Ancyranum. 

4) Senectus imminens s. aetas vegeta 
s. argentea bis 447 n. Chr. 

M. und JL. Annaeus Seneca. Vellejus Patercu- 
lus. Yalerius Maximus. Phaedrus. Pompo- 
nius Mela. Columella. Persius. Lucanus. 
Silius Italiens. Juvenalis. Martialis. Teren- 
tianus Manrus. Quintilianus. Tacitus. Sueto- 
nius. Florus. Frontinus. 

5) Vegeta senectus s. aetas ferrea 
bis 476. 

Justinus. Gellius. Censorinus. Scripiores 
historiae Augustae. Aurelius Victor. Eutro- 
pius. Ammianus Marcellinus. Sext Rufus 
Ausonius. Orosius. Die Itinerarien und Gram- 
matiker. Der Theodosianische Codex. 

6) Decrepita senectus bis 800. 

Boethius. Cassiodorus. Priscianus. Joman- 
des. Isidorus Hispalensis u. A. 




96 * Zweites Buch. Ethnodokiologie. 

Sechzehntes Capitel. 
Hell0]i0]i. 

§. 442. In Griecbenlaud findet man zunächst höhere 
Kräfte und geistigere Bedingungen ihrer Entwickelung als 
in Asien. Die Volker des Orients folgen der Autorität 
oder einem bestimmten Ziel. Das Denken und Wissen der 
Griechen trägt seinen Zweck in sich. Tiefes Gefühl und 
schöpferische Phantasie bewahren die Griechen vor einseitiger 
Verstandescultur. Reger Sinn far das Schöne und richtiger 
Geschmack sind ihre charakteristischen Kennzeichen. Der 
schonen Hülle entspricht der edle Geist. Ueberall Harmonie 
zwischen Wissen und Kunst, zwischen Wesen und Form. 

Werke zur Kenntniss des griechischen Volkes und Landes: 
Gbonoy, Thes. antiq. Graec., 4697. Fault, Realencyklopsdie, 4839. 
Habtmann, Cnltnrgesch. der vornehmsten Volker Griechenlands, 4796. 
F. Schlegel, Die Griechen n. Romer, 4797. Haupt, Allgem. wissen- 
schaftl. Alterthnmskunde, 4839. Mitfokd, Hist. of Greece, 4784; Gil&ies 
4786, Thirlwall 4825, Gbote 484o. Pottbb, Archaeolog. Gr., 4699; 
deutsch u. fortgesetzt von Rambach 4775. Barthj^lemt, Voyage da jenne 
Anacharsis, 4788; deutsch von Biester 4789. Leyesque, Hist. des anciens 
peaples de la Gr^ce, 4844. Hberen's Ideen, III, 4, mit Nibbuhb's Re- 
cension in dessen philolog. histor. Schriften, I. Wachs ifUTH, Hellen. Alter- 
thumsknnde (2. A. 4846). E. F. Hebmann, Griech. Antiquitäten, 4836 
u. 4844. VAN Limboubg-Bbouweb, Hist. de la civilisation etc. des Grecs, 
4833. St. John, The Hellenes etc., 4842 u. 4844. Reisende neuerer Zeit: 
Spon und Whbleb 4678, besonders Gell, Dodwbll, Leakb. Geographie 
von Mannbbt. Ebusb's Hellas, 4821. Hoffmann, Griechenland u. d. Grie- 
chen, 4844. EiEPERT*B Atlas, 4844 fg. 

§. 143. Die Sprache wurde Musik durch Wohllaut, 
Rhythmus und feine Abstufiing der Tone, ohne Verlust an 
Kraft \ In dieser Sprache bildeten sich, durch ihre Ge- 
schmeidigkeit und Fügsamkeit begünstigt, vorzugsweise zahl- 
reiche Dialekte aus. Zuerst der epische oder Home- 
rische, ihm verwandt später der ionische. Beide häufig als 
alt- und neuionisch einander entgegengesetzt; letzterer (Hero- 
dot's Sprache) durch Milde und Weichheit und Häufung der 
Yocale ausgezeichnet. Zu derselben Reihe gehört auch der 
attische Dialekt in seinen verschiedenen Zeitaltem ; dessen 
Blüte zwischen 500 imd 300 v. Chr., das goldene oder Pe- 
rikleische Zeitalter Athens (470 — 430) umfassend. Um ver- 
breiteten Alexander d. Gr. und die Römer von den Säulen 
des Herakles bis zu den Ufern des Indus, vom Fusse des 
Hämus bis zu den £[atarakten des NU. Die Schriftsteller 



Sechzehntes CapUel. Hellenen. 97 

dieses Sprachidioms (Aeschylos, Sophokles, Euripides, Aristo- 
phanes, Thukydides, Xenophon, Piaton, Demosthenes u. A.) 
galten stets für Yerkündiger echter Humanität, vor Allen 
geeignet, die Finstermss der Barbarei zu verscheuchen. Der 
äolische Dialekt in Asien (Alkaos und Sappho), dann in 
Bootien (Pindaros) für die Lyrik. Der dorische in den 
Colonien (Pythagoräer, Theokritos). Der gemeine, kirch- 
liche (hellenistische des Neuen Testaments) und neu- 
griechische Dialekt. 

F. Jacobs, Ueber einen Vorzug d. griech. Sprache im Gebrauch ihrer 
Mundarten, 4808» in dessen Vermischten Schriften, III. Gf. Hebmann, Ob- 
seryationes de Graecae ling. dialectis, Opusc. I, 429. Ahrbns, De dialectis 
Graec, 4840. SrrBZ, De dialecto Maced. et Alexandrina, 4808. Salma- 
siüs, De lingna Hellenistica, 4643. 

§. 144. Frühzeitiges Streben nach formalem und syn- 
taktischem Schematismus der Sophisten, Platon^s, des 
Aristoteles, der Alexandriner: Arbeiten über Orthographie, 
Orthoepie, Accentlehre, Quantität durch Aristarchos, Krates, 
Apollonios Dyskolos, Herodianos, Moschopulos, Choro- 
boskos, die byzantinischen Technographen, die Flüchtlinge 
in Italien : Chrysoloras , Laskaris , Theodoros Gaza ; in 
Deutschland seit 1518 durch Erasmus, Keuchlin, Me- 
lanchthon, die §. 5SI genannten Männer fast in allen euro- 
päischen Ländern. 

Grammatiken von Wellbb, die hallesche seit 4705, Matthia, Bctt- 
MAKK, F. Thibbsoh, Hbbmann, KShnbb, Bbbnhabdt, Rost, KbOobb, 
LoBBCK. Lexikographie (Lexioon, Glossarium, Etymologicum, Ono- 
masticum, Synonymicum) durch Hbstchios, Suidas, Polltix, Obion, Zo- 
1IABA8, Etymologicum magnum, H. Stephanus, Scapvla, Hbmstebhu.is, 
ScmnBiDBB, Pabsow, Pape, Jaoobitz und Sbilbb ; in England durch Bab- 
kbb und Yalpt ; in Frankreich durch Sinnbb, Fix u. A. Apollonios üher 
Homer, Tiiflos über Piaton, *Habpokbation über die zehn Redner. Die 
Attidsten Phbtniohos, Möbis, Philemon. Ammonios* Synonymenlexikon. 
Sammlungen von Bekkbb, LAOHifANN u. A. 

§. 445. Aus der Liebe zur Freiheit geben die grossen 
literarischen und künstlerischen Leistungen der Hel- 
lenen hervor, die zwar manche Fertigkeiten und Kenntnisse 
von Fremden empfingen, aber bald alle Volker als Erfinder 
oder Schopfer der Wissenschaft und schonen Kunst ver- 
dunkelten. Ihr Denken war durchaus originell und national. 
Ihre Bildung schritt gleichmässig nach allen Seiten fort, bis 
der natürliche Kreislauf menschlicher Thätigkeit vollendet 
war. Die neuere Zeit übertrifft sie an Umfang der materiel- 
len Kenntnisse (z. B. in den Naturwissenschaften), in der 



k 



gg Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

Moral das Christenthum ; aber sie haben überall den Grund 
gelegt und in der speculativen Wissenschaft jede Art der 
Losung versucht, sodass die Neuem den Bau nur auszu- 
fuhren haben. Unübertrefiäich sind sie in der Poesie. Aristo- 
teles ist fast 2000, Ptolemaos 1400 Jahre Lehrmeister der 
Araber und Germanen. 

Werke über die Literatur derQriechen: FABBicn Bibl. Graflca, 
nOö, neue A. von Hablbss 4790* F. v. Sohlbobl, Gesoh. d. grieoh. u. 
rom. Poesie, n98. Cbeczeb, Epochen d. griech. Literatnrgesch., 4S02. 
Gboddbck, Initia bist. 6r. literar., 4824. Schöli., Hist. de la lit. greeqne; 
deutsch von Schwarze u. Finder 482G. Pbtebsbn, Handb. d. griech. Li- 
teraturgesch., 4834. Bbrnhabdt, Grundriss d. griech. Lit., 4836. 0. M6l- 
LBB, Gesch. d. griech. Lit. bis auf die Zeiten Aiexander's, heraiiflgeg. 
von E. M6LLBB 4844. lieber hellenische Dichtkunst Ulrici 4835 wi 
BoDB 4838. 

I. Die mythische oder vorhomerische Periode. 

§. 146. Sie bringt kein Schriftwerk, nur Namen von 
Dichtem und Sängern, deren Functionen dreifach waren als 
iofioly Upeic und [xavreK; mit Ausübung der Poesie, Musik und 
Orchestik (,Odyss.' I, 452; XXIH, U5; ,Hymn. ad Apoll.' 
149). Auf Thessaliens und Bootiens Bergen, dem Olympos 
und Helikon, dem Pindos und Parnasses, waren die gehei- 
ligten Orte der Dichtkunst. Dort sind Leier und Harfe er- 
finden; dort sollen Lines, Pamphos, Ölen, Eumolpos, Phi- 
lammon, Thamyris, Amphion, Orpheus (über ihn Bode 4824) 
und Musaos gelebt haben, deren Leistungen Horaz in dem 
Briefe an die Pisonen (,Ars poetica', 394 fg.) preist. 

Diese lyrisch -religiöse und priesterliche Poesie umfasst 
XpVpLof» TsXsTaC, xad^|jLo(y KagoLkiatu;, upivoi, dex^eic xol Idb- 
[lara voöüv, ovopiaaTtxa ?7nq. Unter den ältesten Sängern 
der Grossthaten des Heldenalters zeichnen sich besonders 
Phemios auf Ithaka und Demodokos bei den Phäaken aus. 
Den Hexameter soll die delphische Priesterin Phemonoe er- 
ftmden haben. Dieses Yersmass passt vortrefiBdch zu der 
Ursprache der Griechen, welcher der später sogenannte 
äolische Dialekt am nächsten kam, weil in ihm der Acoent 
(opau;) vorzugsweise auf der ersten Silbe ruht. 

n. Die poetische Periode. 

§. 447. Sie lässt sich in zwei Zeitalter zerlegen, in 
das epische oder Homerische und in das lyrische. 

Ellissbn, Polyglotte der europ. Poesie, seit 4846. 



Sechzehntes Capiiel. Hellenen. 99 

a) Das epische Zeitalter. 

§. 148. Die epische Poesie vereinigt die höchste Frei- 
heit mit der strengsten Regel. Sie ist voll strotzender Fülle 
und doch nicht überschwänglich, kunstvoll ohne eine Spur 
von Anstrengung, wie hingehaucht von einem göttlichen 
Geiste, national und zugleich so rein menschlich, dass sie 
jedes Gemüth ergreift. Sie hat die hellenische Götter- und 
Heroenwelt gebildet, und ihren Höhepunkt bezeichnet der 
Name Homeros. 

F. ScHLBGBL, Gesch. der epischen Poesie, Bd. 3. Fbith, Antiquit. 
Homerloae, 4677* Teepstba, Antiq. Hom., 4834. Clatibb, Hiit. des 
Premiers temps de la 6r^, 4822. O. Möllbb, Orchomenos u. Mioyer, 
4820. Hblbig, Der sittl. Zustand d. griech. Heldenalters, 4839. Nitzsch, 
Die Heldensage d. Griechen, 4844. 

§. 149. Person, Abstammung und Vaterland dieses Sän- 
gers sind dunkel. Von den vielen Schriften iiber sein Leben 
sind uns nur zwei erhalten, von einem Herodot und einem 
Plutarch ^. Der einer spätem Zeit angehörende Hymnos auf 
Apollo und Thukydides (HI, 104) nennen ihn einen Blind- 
geborenen, da '^OfjiTjpo^ aus [i.r\ogo^ durch Metathese entstanden 
sei. Aber schon Vellejus Paterculus (I, 5) verlacht diese 
Ansicht: ,Quem si quis coecum genitum putat, omnibus sen- 
sibus orbus est.^ Eine Nachricht nennt ihn den Sohn des 
lydischen Mäon, daher die Bezeichnung: der Mäonide. Ueber 
sein Vaterland stritten nicht nur im Alterthum die bekann- 
ten sieben Städte (Septem urbes certant de stirpe insignis 
Homeri: Smyma, Khodus, Colophon, Salamis, Chios, Argos, 
Athenae) und viele Schriftsteller, sondern auch jetzt noch 
neuere Gelehrte. Simonides, Pindar und Thukydides nen- 
nen ihn einen Chier; Rb. Wood* und viele seiner Nach- 
folger beweisen, dass er in lonien, Schubarth ', dass er in 
Troja gelebt habe; Bhd. Thiersch*, dass er im Pelopon- 
nes geboren sei; Müller* behauptet gegen Heeren und 
Thiersch, dass es unhistorisch sei, anzunehmen, dass die 
Poesie in Altgriechenland entstanden und in ihrer Blüte mit 
den Colonien nach Asien gewandert sei. Herodot (H, 53) 
versteht unter Homer den Verfasser der Gedichte, welche 
bereits sein Zeitalter unter diesem Namen kannte, der beiden 
Epopöen ,Ilias^ und ,0dy8see'. 

» Wbstermann, Biograph! Graeci minores, 4845. — ' Essay on the 
original genins and writings of Homer, 4'} 69* — ^ Ideen über Homer u. 

7* 



100 Zweite* Buch. Ethnodoktologie. 

sein Zeitalter, 4821. — * Ueber Zeitalter u. Vaterland des Homer, 4824. — 
^ Homer. Vorschule, 4834; 2. A. von Baumoabtbn-Crusius 4836. 

§. 150. Die ,Uias^ iimfasst aus dem Trojanischen Kriege 
eine Episode von 51 Tagen, die Entzweiung des Agamemnon 
und Achilleus und den Zorn des Letztem (daher ,M^viv aeiSe, 
^ea, nijXiqiocSso ^AxOJrpQ') bis zur Leichenbestattung Hektor's 
in 24 Rhapsodien: 1) Am ersten Tage wird Chryses in seiner 
Tochter beleidigt, darauf neun Tage durchflogen das Heer 
die Geschosse Apollon^s; 2) am zehnten beschimpft Aga- 
memnon den Achill imd raubt ihm die Briseis (I, 54) 

3) zwölf Tage nachher, am 22., fleht Thetis um Bache (I, 493) 

4) am 23. liefert Agamemnon eine Schlacht (ü — VU, 380) 

5) am 24. werden die Todten verbrannt (VII, 381—432) 

6) am 25. folgt die Befestigung des Lagers (VII, 433 —465) 

7) am 26. geschieht die zweite Schlacht (VIII, 1 — 488) 

8) am 27. dritte Schlacht und Patroklos' Tod (IX, 1 — 
XVlli, 242); 9) am 28. söhnt sich Achill mit Agamemnon 
aus u. s. w. (XIX— XXTTT, 108); 10) am 29. wird Patroklos' 
Leichnam verbrannt (XXHI, 109 — 225); 11) am 30. Leichen- 
spiele (XXm, 226 bis Ende); 12) am 40. fahrt Priamos zu 
Achill und lost Hektor^s Leichnam, der 13) am 50. verbrannt 
und bestattet wird, und 14) am 51. wird ihm das Grabmal 
errichtet. Sonach sind in jenen 51 Tagen nur 14 Tage der 
Handlung eingeschlossen, und dennoch ist die ,IIias^ die 
vollendetste Epopöe aller Jahrhunderte und aller Völker. 

Lange , Versuch , die ästhetische Einheit der Uias zu bestimmen , 1 826. 
Arndt, De Iliadis compositione, 4838. Zell, Ueber d. Iliade n. d. Ni- 
belungenlied, 4843. F. A. Wolf's Vorlesungen zu den vier ersten Q^ 
sangen der Ilias (von Ustbbi), 4830. Uschold, Gesch. d. Trojan. 'Krioges, 
4836. Koppen, Erklärende Anmerkungen zur Ilias, 2. A. 4820. Aus- 
gaben von Heyne 4802 — 22, Weiohert 4849, Spitznbb 4833 fg. Gibsbkb, 
Die allmäl. Entstehung d. Gesänge d. Uias , aus Unterschieden im Gebrandi 
d. Präpositionen nachgewiesen, 4853. 

§. 151. Die ,Ody8see^ erzählt ebenfalls in 24 Rhapsodien 
die Abenteuer des nach Trojas Einnahme in sein Vaterland 
heimkehrenden Odysseus, der sich auf Tenedos von Nestor 
trennt, nach Ismaros zu den Kikonen kommt, bei Malea 
und Kythera vom Winde erfasst zu den Lotophagen, den 
Kyklopen (Polyphemos), zwei mal zu Aeolos, nach Lemnos 
zu Antiphates im Lande der Lästrygonen, zur Kirke in 
Aea, zu den Kimmeriern, in die Unterwelt (Asphodelos- 
wiese), wieder zur Kirke, bei den Sirenen und der Skylla 
vorbei nach Thrinakia, in die Charybdis, nach Ogygia zur 



Sechzehntes Capital. Hellenen. 101 

Kalypso, nach Scheria zu den Phäaken und von hier nach 
Iths^a gelangt, wo er durch Tapferkeit und Klugheit seine 
Feinde besiegt. Die zu Grunde liegende Handlung dauert 
nur 40 Tage. 

Bhd. Thiersoh, Urgestalt d. Odyssee, 4824. Hbbtzbbro, De genuina 
Od. forma, 4843. Nitzsch, Erklärende Anm. zur Od., 4826 — 40. Aus- 
gabe Ton Baumoartbn-Cbvsius 4822 fg. 

§. 1591. Die ursprüngliche Einheit dieser beiden grossen 
Gedichte wurde zuerst erschüttert von dem scharfsinnigen 
Philologen F. A. Wolf (,Prolegomena ad Homerum', 1795), 
der die Ansicht aufstellte, dass die Homerischen Gesänge 
nicht von einem einzigen Dichter herrührten, sondern von 
einer ionischen Sängerschule, deren Haupt und gross ter Ge- 
nius, Homer, wie ein mythischer Heros mit seinem Namen 
die aller übrigen Sänger verschlungen habe. Die einzelnen 
Gesänge, die, aus demselben Sagenkreise genommen, in 
einem und demselben Sinne von gleichgebildeten Dichtern 
verfasst, einander fortsetzten und ergänzten, seien erst zur 
Zeit des Peisistratos gesammelt und zu den zwei grossen 
Werken vereinigt und in noch späterer Zeit durch Ein- 
schaltungen und Ausscheidungen in ihre heutige Gestalt 
gebracht worden. 

Diese Ansicht machte grosses Aufsehen und fand viele 
Anhänger, aber auch manche Gegner. Die letztern mach- 
ten die Einheit und Gleichförmigkeit in Anlage, Sprache, 
Versbau und Ton geltend; sie bestritten entweder, dass zu 
Homer^s Zeit, die sie möglichst spät setzten, die Schreib- 
kunst noch nicht im Gebrauch gewesen, oder sie Uessen 
die traditionelle Fortpflanzung bestehen, beschränkten sie 
aber auf das Becitiren einzelner Stücke der bereits als Ganzes 
vorhandenen Dichtungen mit einigen Einschaltungen. 

Eine dritte vermittelnde Ansicht (von Nitzsch, ,De histo- 
ria Homeri% 1830 — 37) macht Homer zum Verfasser der 
beiden grossen Epen mit einem überlegten Plan, doch so, 
dass er wenigstens bei der ,Uias^ ^ ältere Erzählungen zum 
Grunde gelegt und zu einem Ganzen verbunden und um- 
geschaffen habe. Sein Werk sei dann von Rhapsoden ^ 
von neuem zerlegt und einzeln vorgetragen und erweitert 
worden ^, und diese Rhapsodien habe dann Peisistratos sam- 
meln, aufzeichnen und abermals zu einem Ganzen ordnen 
lassen *. Ihre jetzige Gestalt erhielten die Honuerischen 



102 Zweites Buch. Elhnodoktologie. 

Dichtungen erst in der alexandrinischen Periode, besonders 
durch die Thätigkeit des besonnenen Kritikers Aristarchos ^. 

^ Bei der die Sparen einer losen Zasammenfagung zahlreicher und 
offenbarer sind als bei der mehr eine künstliche Einheit und Planinsuig- 
keit beurkundenden Odyssee, die auch dem ganzen darin dargestellten Zn- 
stande des öffentlichen Lebens nach um mehr als ein Menschenalter später 
zu setzen sein mochte als die Iliade. — ^ Deren Pindar zuerst erwähnt nnd 
von ^dcTTreiv (^5iqv oder iLOi^-fy ableitet. Dresig, De rhapsodis, 4734* Darauf 
folgten die i^rbeiten der sogenannten Diaskeoasten (über sie Hbikbich 4807) 
und Chorizonten. — ' '££ vicoXi^i|;c(i>c, ix, JSiaSox'^Cy ii uicoßoXfjCy otov, 
OTCou 6 TCpwTO? fXiQ^ev, ^xeöev apxeaSat t6v ix6\>.viO'i. — * Gbppbbt, Ueber 
d. Ursprung der Homer. Gesänge, 4840. Hayet, De Homericor. carminnm 
origine et unitate, 4843* FribdlIndeb, Die Homerische Kritik Yon Wolf 
bis Grote, 4853, gibt eine Uebersicht des ganzen Meinungsstreites. — 
^ Lbhbs, De Aristarchi studiis Homericis, 4833« 

§. 153. Seit ihrer Bekanntmachung übten diese Home- 
rischen Gesänge nicht nur auf den griechischen Cidturgang, 
sondern auf die künstlerische Bildung der ganzen euro- 
päischen Menschheit den grossten Einfluss, und ihre Sprache, 
die epische, blieb für immer dieser Gattung der Poesie eigen. 

Die älteste Ausgabe des Homer von Demetbios Chalkobdtlas 4488, 
spätere von Clarke 4732 — 40, Wolf 4817, Bothb 4833^36, Cbüsius 
4840 — 42, Bekkbb 1843. Uebersetzungen von Bodmer, Stolberg, 
Bürger, J. H. Voss 4793, zuletzt 4840, u. A. Cammakn, Yorschiüe *u 
Homer, 4829* Hblbig, Die sittl. Zustände des griech. Heldenalters cor 
Erläuterung des Homer, 4839* Näoelsbach, Die Homer. Theologie in 
ihrem Zusammenhange, 4840. Yölckbb, Homer. Geographie u. Weltkonde, 
4830« Damm, Lexicon nov. Hom., 4765, verbessert von Duncan 4827 n. 
Host 4 834. Cbusiüb, Wörterbuch über Homer u. die Homeriden, 4844. 
Spitzneb, De versu Graecor. heroico, max., Homerico, 4816. Nbtto, Biblio- 
theca Hom., 4837. Zeichnungen zu Homer von Tischbein, Flaxman, 
Inodibahi u. Genblli. Eine Reihe freier Uebertragungen der Homer. Ge- 
dichte ist verloren gegangen, doch besitzen wir noch ein in Hexametern 
abgefasstes Gedicht: Epitome Iliados Homeri, von einem ungewissen Ver- 
fasser in grosser Einfachheit nnd Eleganz des Stils. 

§. 154. Die unter dem Titel ,Batrachomyomachie' be- 
kannte Parodie der ,Ilias^ entstand wahrscheinlich um 
500 V. Chr. und ist, nach Plutarch und Suidas, das Werk 
eines gewissen Pigres. 

Ausgaben von Klein 4834, Cbusius 4839. Paraphrasirt in neugriech. 
Sprache von Dbmbtbios Sinos 4530 u. Ausgaben dieser Paraphrase yon 
Lachnbb n. Mcllaoh 4837. Uebersetzungen von WillamoWi Chr. v. Stoi- 
ber g, Seckendorf, Merleker in der Zeitschrift für Philologie u. Pädagogik, 
4834, Supplementband I, Heft 3. Das Geschichtliche der Parodie 
von MosEB in Daub*s u. Creuzefs Studien, Bd. C. Derselbe, Parodia- 
mm exempla, 4849. Wbland, De praecipuis parodiar. Homericar. scripto- 
ribus, 4833, u. Peltzbr, s. §. 470. 

§. 155. Die dem Homer zugeschriebenen Hymnen — 
nicht Anrufungen und Gebete, sondern epische Schilderun- 



Sechzehntes Capitel. Hellenen. 103 

gen der Eigenschaften, Thaten und Schicksale einer Gott- 
heit — rühren von spätem Dichtern her. 

ScHLOsssB, Homer u. die H., 4798. Ausgaben von Ilobm 4796, 
Matthia 4806, Hbbmann 4806, Fbankb 4828. 

§. 1 56. Nach Homer's Vorgange dichteten die sogenann- 
ten Homeriden (eine auf Chios einheimische Sängerschule) 
und die sogenannten kyklischen Dichter eine Reihe ähn- 
licher Epopöen, denen sie die übrigen mit dem Trojaner- 
krieg verbundenen Heldensagen als Stoffe unterlegten, so- 
dass sie gleichsam einen Cyklus um die ,Ilias^ und ,Odyssee' 
bildeten, jedoch auch den thebanischen und Herakleischen 
Mythenkreis dazuzogen und in ähnlicher Weise behandelten. 
Der Inhalt dieser verloren gegangenen Dichtungen ist uns 
im Allgemeinen erhalten durch die ^Chrestomathie* des Pro- 
klos aus dem 5. Jahrh. n. Chr. 

Es sind ,Ku7cpia Sk^i' von Stasinos aus Kypros *, ,A&io7c{<:' 
des Arktinos von Milet *, ,Kleine Dias' des Lesches von Mi- 
tylene ', ,*IXfou Tc^poic' von Arktinos , die ,N6öTot' des An- 
gelas, ,Telegonie oder Schicksale des Odysseus nach seiner 
Heimkehr' von Eugammon. Die Zeit für die Entstehung dieser 
Gedichte darf man zwischen 950 — 720 v. Chr. ausdehnen^. 

1 Die Vorbegebenheiten des Trojaniscben Kriegs bis auf den Anfang 
der Homerischen Bias. Hbnrichsen, De carminib. Cypr., «ISSS. — " Zug 
und Tod des Memnon. — ' Waffenstreit des Odyssens und Ajax bis zur 
Bereitung des hölzernen Pferdes. — ^ Schwarz, Diss. de poetis cyclicis 
(nea herausgeg. in dessen Diss. sei., 4778). Wdllneb, De cyclo epico 
poetisqne cyclicis, 4825. Mclleb, De cyclo Graeco epico, 4829. Welcrer, 
Der epische Cyklus oder die Homer. Dichter, 4835. Lange, lieber die 
cykl. DicBter u. den sogen, epischen Cyklus d. Griechen, 4837. DCntzbr, 
Homer u. d. epische Cyklus, 4839. 

§. 157. Hesiodos aus Askra in Böotien, wohin sein 
Vater aus Kyme im äolischen Kleinasien ausgewandert war, 
nennt Vellejus dem Homer ,ut tempore, ita operis auctori- 
tate proximum', Cicero aber ,multis seculis inferiorem^ Er 
scheint das Haupt einer neuen Sängerschule, der boo- 
tischen oder pierischen, gewesen zu sein, die man der 
ionischen oder Homerischen entgegensetzte, daher auch die 
Erzählung von seinem Wettstreit mit Homer * zu Challds, 
Aulis oder Delos. 

Ihm werden folgende Dichtungen beigelegt: ,Theogonie' *'*, 
,Werke und Tage' ^, ,Katalog der Frauen' und die sogenann- 
ten ,Grossen Eoen'*, ,Schild des Herakles'*. 

* Der ayb^v, ein Cento aus Homerischen u. Hesiodischcn Versen. — 
2 Schon zu Fausanias* Zeit (450 n. Chr.) nicht mehr für das Scinige ge- 




104 Zweites Buch, ElhnodoJUologie. 

halten. Ausgaben von F. A. Wolt 1783, Obblu 4837* HStibu., De 
emendatione Theog. Hes., 4833. Guigniaut, De la Tböog. d'H^s. , 4835* 
Gruppe, Ueber d. Theogonie des Hes. etc., 4844. Kork, De piistina 
Theog. Hes. forma, 4842. — ' Didaktischen Inhalts. Lbhbs, Ueber die 
Interpolationen der Werke und Tage in seinen Quaestiones epicae, 4837- 
Ranke , De Hes. oper. et dieb. , 4 838. Ausgaben von Brvkok in d. Poetae 
gnomici, 478^, vermehrt von Scbätbr 4847 u. Spohn 4849. — * Mark- 
scuEFFBL, De catalogo et Eoeis Hes., 4838. — ^ Von Heinrich 4802 n. 
Ranke 4840. Ausgaben sämmtlicher Gedichte von Gravics 4667, Lösvbb 
47'i8, Gaibford in den Poetae minores Graeci, 4844 u. 4823, L. Dihdobv 
1830, GöTTLiNO 4834 (2. A. 4844). Die Bruchstücke von Mabksohbftbl 
4840. Deutsche metrische Uebersetzung von J. H. Voss 4806. F. Thibr80h, 
Ueber d. Gedichte des Hesiod, ihren Ursprung u. Zusammenhang mit denen 
des Homer, 4813. 

§. 458. Zu den herrenlosen Gedichten (Ittiq aStfonoTa) 
gehört ,MapY{nqc' (Eulenspiegel), ein Spottgedicht auf einen 
einfaltigen Menschen; ,Elpeaovir]% beim Betteln zu singen. 
Geranomachie, Arachnomachie, Myobatrachomachie, Galeo- 
machie (des Theodoros Prodromos existirt noch), die XeiTCO- 
YpapLfjiaTOt, Genealogien der Gotter und Helden, Kosmogonien, 
Titano> und Gigantomachien, ,Argonautika% ,Dionysiaka^, 
,Thebais und Epigonoi% ,Amazonika^, ,TheseisS ,Oedipo- 
deia^ u. a. sind nur dem Titel nach bekannt. 

§. 459. In den Kanon für das Heldengedicht nah- 
men die alexandrinischen Grammatiker nur folgende fünf 
Epiker auf: Homer, Hesiod, Peisandros von E^ameiros (650), 
Panyasis von Halikamass (464) ^ und Antimachos von Eo- 
lophon (aus dem 5. Jahrh. v. Chr.) *. Peisander und Pa- 
nyasis feierten die Thaten des Herakles, Antimachos die 
Thebais. 

1 Bruchstücke von Tzschirnbb 4842. Ueber ihn Fdnkb 4837- — 
^ Bruchstücke von Schbllekbebo 4786. 



b) Das lyrische Zeitalter. 

§. 460. An den Höfen der kleinen Tyrannen in den 
Städten des Mutterlandes und der Colonien herrschte ein 
heiteres, durch Musik und Poesie gehobenes Leben, daher 
auch Dichter und Sänger daselbst gern gesehen und geehrt 
wurden. Zu den Genüssen und Freuden, denen man hier 
nachstrebte, passte das ernste Heldengedicht nicht, daher 
kam eine leichtere und kürzere Gattung auf, die man Lyrik 
nannte, weil ihr Zweck war, zur Leier (Lyra) gesungen 
zu werden. Sie zerfallt in drei Hauptgattungen: ele- 



Sechzehntes CapUel Hellenen, 105 

gische, iambische und melische, und in mehre Unter- 
abtheilungen. 

Die Literatur gibt Wachsmuth in d. Culturgesch. I, 463. Anm., n. 
über die Colonien Baoul-Rochbtte, Eist, de l'^tabliss. des colon. grecqnes, 
4845. SoHNEiDEWiN, Delectus poesis Graecor. elegiacae, iambicae, meli- 
cae, 4839. Eine zweite Sammlung von Bbbgk 4843. 

§. 161. Der alexandrinische Kanon enthielt neun Ly- 
riker: Alkman den Lyder, Alkäos und Sappho von Mity- 
lene, Stesichoros von Himera, Ibykos (den Gotterfreund) 
von Khegion, Anakreon von Teos, Simonides von Keos, 
Pindaros von Theben und Bakchylides von Julis; vierEle- 
giker: Kallinos von Ephesos, Mimnermos von Kolophon, 
Philetas von Kos und Eotllimachos von Kyrene; drei 
lambographen: Archilochos, Hipponax und Terpandros. 

a) Elegische Dichtart. 

§. 162. Elegie ist mehr Benennung eines Metrums als 
einer eigenen Dichtungsart, sofern dem heroischen Hexa- 
meter sich der Pentameter zugesellt und so das elegische 
Distichon hervorruft, als dessen Erfinder Kallinos genannt 
wird. Die elegische Poesie ist politischer, gnomischer 
und erotischer Art. 

Wbbbb, Die elegischen Dichter der Hellenen, 4826. Casab, De car- 
minis Graecor. elegiaci origine et notione, 4837. Schneidbb, Das eleg. 
Gedicht d. Alten, in Daub's n. Crevzer^s Studien, lY, 4« 4808. Hbbtzbbbo, 
Der Begriff der antiken Elegie etc., in Prutz* Literarhist. Taschenbuch, 
4845, S. 208—398. 

§. 163. Die politischen Lieder des Kallinos von 
Ephesos ^, Tyrtäos von Athen* und Solon von Athen. 

' lieber ihn Fbankb 4846. — * M^tj TCoXefxtonQpta oder ^[ißaTiripta, bes. 
To KaoTÖpetov. Matthiä, De Tyrtaei carminib., in Vermischt» Schriften, 4833. 
Gaisfobd, Poetae Graeci minores, 4823. Bach 4834 u. 4832. Passow in 
ßüsching*s u. Kannegiesser^s Pantheon. Seokendobf, Blüten griech. Dichter, 
4800. Bbauh., Weisen von Hellas, 4822. Bobbbbo, Hellas u. Rom, 4842. 

§. 164. Die gnomische Poesie ist nach ihrer Ein- 
kleidung epigrammatischer, nach ihrem Inhalte didak- 
tischer Art. Dahin gehören die Denkspruche der Sieben 
Weisen (nach Voss): 

Mass zu halten ist gut (apiorov (i^rpov), dies lehrt Eleobulos ans Lindos. 
Jegliches vorbedacht ((xeX^Tin to icav), heisst Ephyras Sohn Periander K 
Wohl erwäge die Zeit (xaipov yvciSdt)} sagt Pittakos aus Mitylene. 
Mehrere machen es schlimm (ol icXeCovc xaxo() , wie Bias meint, der Priener. 
Borgschaft bringet dir Leid (^yy^a, Tcapa 8' Stt)), so warnt der Milesier 

Thaies. 
Kenne dich selbst (^vu^i aauxdv), so befiehlt der Lakedämonier Cheilon. 
Endlich: nimmer zu sehr (fjiiQ$lv ayttv), so gebeut der Kekropier Solon. 



106 ZwtUe$ Buch. Ethnodokioiogie. 

Femer die Spruche des Theognis aus Megara*, des Pho- 
kylides aus Milet oder Chios ' und die PythagorischeB 

,Xp\>aa €7CTfi'*- 

1 Statt seiner nennt Plato im Protagoras den Myson ans Cben in 
Lakonien. Wagner, De Periandro, Corinthior. tyr. , 4828* — * Ausgaben 
von Bbkkeb 4815 n. 4827 n. Wblokbr 4826. Theognis restitutos. The 
personal history of the poet Theognis, dcxlaced £rom an analysis of his 
existing fragments, 4842. Berok, Ueber d. Kritik des Theognis, im Bhei- 
nischen Museum für Philologie, 4843 — 44. — ' Von Niokbl 4834. — 
* McB. Nbavder, Opus aureum, in quo continentnr Pythagorae carmina 
aurea, Phocylidis, Theognidis et alior. poemata etc., 4559. Bhodoman 
4577. Stlbcro 4594. Brunck, Poetae Graec. gnom., 4784* Sohä- 
FER 4847. Rhodb, De vet. poetar. sapientia gnomica, 4840. F. Thibbsoh, 
De gnom. carm. Graec., in den A'ct. philol. Monacens., Bd. 3. Gaisford 
4814 — 20 (neu 4823), Orblli 4849 — 24. Sammlung lat. Ghiomiker tob 
TscHUOKB 4790 u. Erbmsibr 4809. 

§. 165. Die Epigramme des Simonides aus Julis auf 
der Insel Keos (554 — 469)% besonders die berühmte In- 
schrift auf die in Thermopylä Gefallenen : 

*0 geiv', dyyiXk&v^ Aaxe5ai(xov£oic, ort Tfjöe 
Ke((xeda, toic xeCvcov ^iQ(xaoi irei^o(xevoi. 

Sein Neffe Bakchylides versuchte sich auf gleicher Bahn, 
gelangte aber nicht zu dem Ruhme des Oheims^. 

Während bei den Griechen die empfindsame Seite her- 
vortritt, erscheint bei den Römern der Witz als überwie- 
gender Bestandtheil des Epigramms, und in dieser Weise 
fasst auch Lessing die Theorie des Epigramms auf in den 
,Vermischten Schriften' (Bd. i) '. Herder*s ,Zerstreute Blat- 
ter' , Jacobs' ,Tempe' und die ,Griechische Anthologie' ent- 
halten eine Auswahl griechischer Epigramme*. 

1 ScHNEiDEwiN, Slmonidls Cei carminum reliquiae, 4835. Riobtbb, 
Simonides von Keos nach seinem Lehen heschriehen u. in seinen poet. XJeher- 
resten übersetzt, 4836. Curtmann, Simonides et Pythagoras artis mnemo- 
nicae inventores, 4827. — * Ausgabe von Neue 4822. — ' Grokb, De 
theoria epigrammatis denuo constituenda, 4826. — * Welckbr, SyUoge 
epigramm. Graecor. ex marmorih. etc., (2. A.) 4828. Jacobs, Leben n. 
Kunst der Alten, 4824. 

§. 166. Die didaktische Dichtkunst, welche sowol 
dem Gebiete der Poesie als dem der Philosophie angehört, 
bildete vornehmlich Empedokles von Agrigent (450) aus, 
den wir jedoch mehr aus den Nachahmungen des Romers 
Lucrez (95 — 56 v. Chr.) kennen, als aus den übrig ge- 
bliebenen Fragmenten. 

Sturz, Empedocles Agrig., 4806. Peyron, Emped. et Parmenidis 
fragm. etc., 4 840. Karsten, Emped. Agr. carminum rel., 4838. Lom- 
MATZSCii, Die Weisheit des Emped. philos. bearbeitet, 4830. Dombbico 
SciNA, Mcmorie snlla vita et la filosofia di Emped., 4843. 



SechxehfUes Capitel, Hellenen. 107 

§. 467. Zur didaktischen Classe geh5rt auch die Fabel 
(a^C) |tS^o^9 X^yo^, dTCoXoyoc)? als deren Bepräsentant Aeso- 
pos (Xo^oxococ), ein phrygischer Sklave Jadmon^s aus Samos, 
betrachtet wird. Lange erhielten sich seine Fabeln nur 
durch Tradition, dann soll sie Demetrios Phalereus (300) 
gesammelt und Babrios (200 oder 30 v» Chr.) in Choliamben 
umgearbeitet haben. Die gewohnliche Sammlung derselben 
ist von Maximus Planudes K 

^ Heraasgeg. durch Bb. Stephanus 4546* Gbaubbt, De Aes. et 
fabolis Aesop., 4825. 

§. 168. Begründer der erotischen Dichtung ist Mim- 
nermos aus Kolophon (geb. 630 v. Chr.), der den Schmerz 
einer unglücklichen Liebe zur Nanno besang K Seine Nach- 
folger sind Antimachos und Hermesianax aus Kolophon, 
Alexander^s d. Gr. Zeitgenossen. • 

1 Ausg. Ton Bach 4 826. Schönbuann, De vita et carminib. Mimn., 1 823. 

§. 469. Eine Nebenform ist das axoXiov aa(jia oder (jieXo<;, 
ein bei Gastmahlen von den Gästen selbst zur xi^apa oder 
Xupa gesungenes Tafellied, als dessen Erfinder Terpandros 
aus Antissa in Lesbos (670) gilt, zugleich Schopfer der 
griechischen Musik. 

ß) lambisohe Dichtung. 
§• 1 70. Als Erfinder derselben gilt Archilochos von Faros 
(700), daher Horaz: ,Archilochum proprio rabies armavit 
iambo.^ Die Alten stellten ihn dem Homer an die Seite. In 
Griechenland waren die dramatischen Dichter, besonders in 
der alten Komödie, unter den Römern Horaz in den ,Epoden^ 
seine Nachahmer. Der halbe Pentameter, dessen er sich häufig 
bediente, heisst nach ihm der Archilochische Vers ^. Hipponax 
aus Ephesos (530), auch Erfinder des Choliamb, der deshalb 
auch Hipponaktischer Vers heisst ^. Der ältere Simonides aus 
Samos, auch wegen seiner Auswanderung nach der Sporaden- 
insel Amorgos der Amorginer genannt (650), hinterliess in 
iambischen Trimetern ein Spottgedicht auf die Weiber '. 

> Ansg. von Libbbl 1812 u. 4819. Uebersetzt von Herder in den 
Zerstreuten Blättern u. von Passow im Pantheon. — ^ Ausg. von Welcker 
1817. Pbltzbb, De parodica Graecor. poesi et de Hipponactis , Hegemonis, 
Makroms parodianun fragmentis, 1855. — ' Ausg. von Welcker 1835. 
Uebersetzt von Jacobs im Tempe u. Falbe in Koch's Enrynome. 

Y) Melische Poesie. 

§. ^74. Die melische (erotische) Poesie, auch 
Lyrik im engem Sinne, war aufs innigste mit Musik und 




108 Zweites Buch. EthnodolUologie. 

Tanz verbunden. Ihre einzelnen Formen sind SpivoCy icoiav 
(besonders auf Apoll), xiKogrit^oL (von Pratinas, auf Apoll, 
begleitet von mimischem Tanz), Si^pofjißoc (&uf Bakchos), 
9aXXuca und ldv9aXXtxa (an Bakchosfesten), ipui^juo^y imvl- 
xiov, iTcaivoc, \)[khaioiy YapiiqXta, appiaTeia, imä'oXoquay ip^ 
Tixocy KouAoid (auf schone Jünglinge), icaC^vta (fir5hliche 
Lieder), ä'privoc, ^m>ciq5ei(x. 

Als Vater dieser Poesie wird Alkmäon oder mit dorischer 
Endung Alkman der Lyder (640) genannt, zugleich Erfinder 
des nach ihm benannten Alkmanischen Yersmasses. Ebenso 
erhielten andere Yersmasse durch Alkäos imd Sappho \ Askle- 
piades, Glykon und Phaläkos schon früh ihre Vollendung. 
Ausser der Sappho und Erinna zählte man noch sieben 
lyrische Dichterinnen: Myrtis, Korinna,Telesilla, Praxilla, 
Myro (Moro), Nossis^und Anyta. Ibykos aus Rhegion* und 
Stesichoros aus Himera ' besangen die Liebe. Der Tone 
Meister, Arion, aus Methymna auf Lesbos (624), gab dem 
Dithyrambos eine kunstvolle, regelmässige Form *. Anakreon 
aus Teos in lonien (530) ist Erfinder der Tcaiyviot. Unter 
seinem Namen sind noch 68 Gedichte übrig, von denen die 
Kritik nur wenige als echt anerkennt ^ 

Von dem grossten lyrischen Dichter der Griechen, Pin- 
daros aus Theben (522 — 442), haben wir noch 45 iicv^baa 
^capiaxa übrig, Preisgesänge auf die in den vier grossen hel- 
lenischen Nationalspielen gekrönten Sieger und auf die Gott- 
heiten, denen diese Feste gewidmet waren, welche Aristo- 
phanes nach dem Orte der Kampfspiele in H olympische, 
1 2 pythische, \ 1 nemeische und 8 isthmische Oden eingetheilt 
hat. Horaz, der ihm eine eigene Ode gewidmet hat (IV, 2), 
sagt von ihm : ,Fervet immensusque mit ore profimdo' ^ 

1 Matthiä, Fragmente des Alkäos, 4827. Riohtbb, Sappho u. Erinna 
nach ihrem Leben beschrieben n. in ihren poetischen Ueberresten aberaetst 
a. erläutert, 4833* Wblokeb, Sappho von einem herrschenden Yomriheil 
(Liebe zu Phaon, Sturz vom leukadischen Felsen) befreit, 4846. — * Ueber 
ihn ScHNBiDBwiN 4835. — ^ Ueber ihn Elbinb 4828 n. Fbitzschb, De pali- 
nodia Stesichori, 4837. — * L6tkb, De (Grraecor. dithyr., 4829. Timkowski, 
De dithyr., in Bekker's Act. semin. philolog., I, 24 6 fg. Schmidt, Diatribe 
in dithyr. poetarumque dithyr. reliquias, 4845. Ueber Philoxenos (ans dem 
4. Jahrb.) BBBOLsiir 4843* Bippabt, Philoxeni, Timothei, Telestis dithy- 
rambographor. reliquiae, 4843. — ^ Ausg. von Mehlhorn 4835, Bbbok 
4834. Uebersetzungen von G/etm, Götz, Bamler, Degen, Overbeck, Kanne- 
giesser, Jordan, Möbius, Rettig, — ^ Nach der ersten Bekanntmachung 
durch Aldus 4543 wurden seine Oden herausgegeben von Schmidt 4646, 
Hbtnb 4773 (zuletzt 4824), Böckh 4844 — 22, F. Thibrsch (mit steter 
Opposition gegen Böckh) 4820, Dissbn 4830 (2. A. von Schnbidbwin 4843). 



Sechzehntes Capitel. HeUenen. 109 

Uebersetzungen tod Fähse 4804—6 u. 4824, Ganten 4844, Mommsen 4846. 
SoHiTBiDBB, Versuch über Pindar's Leben u. Schriften, 4774« Raüchbn- 
STBiir, Zur Einleit. in Pindar*8 Siegeslieder, 4842. 6f. Hebmann, De dia- 
lecto P. etc., Opnsc. I, 245 fg. 

§. 172. Die Frage, ob es bei den Hellenen Volkslieder 
gegeben habe, wird von mehren Seiten bejaht. Vielleicht 
gehorten die filinädologien und Ethiologien, die bei mimischen 
und pantomimischen Darstellimgen gesungen wurden, zu den 
Volksliedern. Fast alle Beschäftigungen des gewohnlichen 
Lebens hatten ihre Lieder, deren Titel und Classen die 
Grammatiker nennen: Pistika, Elinos, Julos, Aletis, Kata- 
baukalesis u. s. w. 

Zbll, Ueber die Volkslieder der alten Griechen, 4826. Eöstbb, De 
CBntüeiiis popularibus vet. Graecor., 4834. Die Reimereien der Sprach- 
sprecher oder Improvisatoren, die im Alterthum besonders in Griechen- 
land, im Mittelalter in Valencia, Minorca und in Italien heimisch .waren, 
wo Petrarca die Sitte der improYisirenden Dichter, den Gesang mit der 
Lante zu begleiten, eingeführt zu haben scheint. In Deutschland findet sich 
besonders in Steiermark und Tirol einiges Talent für die Stegreifdichtung. 
G^BBBS, Die deutsch. Volksbücher, 4807. 

in. Die attische oder goldene Periode. 

§. 473. In der Perikleischen Generation, dem golde- 
nen Zeitalter der Griechen (469 — 429), offenbart sich ein 
geistiges Streben und Kingen, eine Genialitat und Geschick- 
lichkeit zu Allem, was ergriffen wird, wie es sich in der ganzen 
alten Geschichte nirgends wiederfindet. Dieses attische Zeit- 
alter bringt das Drama, die Philosophie, die Geschicht- 
schreibung und die BeredtsamkBit zur Blüte und Keife. 

KuTZBH, Perikles al^ Staatsmann , 4834. Ders., De Atheniensium im- 
perio etc., 4837* Lobbbtzbn, De reb. Athen., 4834. Wbndt, Perikles etc., 
4836. Ogihski, Pericles et Plato, 4838. Zinkeisbn, Gesch. Griechen- 
lands etc., 4832 — 40. Dbotsbn, Gesch. d. Hellenismus, 4836 — 44. 

a) Dramatische Poesie. 

§• 174. Aus der epischen und lyrischen ging die dra- 
matische Poesie hervor, indem sie zu dem Chorgesange 
Bede und Handlung hinzufugte. Schlosser beweist ^, dass 
das Drama ein eigentlich attisches Institut sei und 
sich an die Verehrung des Dionysos anlehne. 

In Athen gab es mehre Dion/sien: die grossen oder 
stadtischen, die ländlichen, die Anthesterien und die Lenäen, 
wenn anders diese nicht einerlei sind mit den ländlichen oder 
mit den Anthesterien, worüber gestritten wird. Theatralische 
Vorstellungen wurden nur an den städtischen und an den 




110 Zweüet Buch, Ethnodoktologie. 

ländlichen Dionysien gegeben; dramatische Wettkampfe aber 
scheinen nur an den stadtischen Dionysien stattgefunden zu 
haben ^; auf dem Lande begnügte man sich mit ein£EUshen 
lustigen Aufzügen, mit Phallagogien und phallischen Liedern. 
Die Spassmacher und Lnprovisatoren hiessen in Sicilien Auto- 
kabdalen, in Lakonien Deikelisten; ihre Autoschediaamata; 
schon im 7. Jahrh. v. Chr. Aristoxenos. 

Aus solchen Chorgesängen und der damit yerbundenen 
Erzählung (hfS{ut iicei^oStov) imd Darstellung einer Hand* 
lung bildeten sich unmerklich drei völlig abgeschlossene, 
voneinander getrennte Dichtungsarten, die Tragödie, 
die Komödie und das Satyrspiel ^ 

1 Universalhistor. Uebersicht, n, 402. — ^ Nach Scholl und Kaane- 
giesser, abweichend Ruhnken, Barthilemy und ßöckh. >— - * Nach Arlatoteles 
war Tparf(^])(a xh icoXatov Svofia xoivofv xa\ icp&c nfjv xeofi^J^Cov * Cforcpfiv jA 
Th (x&v xoiv^ ovofia iarftf ii TporfolMa, ^^i xt^tp9la td(ov. BnLBHomSy De 
theatro Indisqae scenicis, 4603* A. W. ochlbobl, lieber dramat. Knut a. 
Lit., 4808. SohGll, De orig. Gr. dramat., 4828. B5ckh, Graecae tragoed. 
principinm, 4808. Schneider, De originib. tragoediae et oomoediae Chraec, 
4848. Flögel, Gresch. d. komischen Lit., 4787 fg. Dahlmanh, Primordia 
et successus veteris comoed. Athen., 4844. Grtsab, De Doriensinm co- 
moedia, 4828, n. De Graecor. trag, circa Demosth. temp., 4830. Casaü- 
BONVS, De satyrica Graecor. poesi, 4605; neue A. Ton Rambaoh 4774* 

§. 175. Die AujERihrung dramatischer Stücke gehörte scn 
den musischen Wettkämpfen. In älterer Zeit traten die 
Dichter nicht mit einem einzelnen Stucke zum dichteiiachen 
Wettkampfe auf^ sondern mit einer Tetralogie \ die ans drei 
Tragödien bestand und einem Satyrspiel, oder doch wenigstens 
mit einer Trilogie^, dreien Tragödien, welche meistentheils 
durch den fortlaufenden Inhalt zusammenhingen, bis Sophokles 
auch den Wettkampf mit einzelnen Tragödien einführte. 

An Schauspieltagen wurden die Theater schon mit Son- 
nenaufgang geöffiiet und man gab vom Morgen bis Abend 
gewöhnlich neun Tragödien und drei Satyrspiele von drei 
um den Preis kämpfenden Dichtem. Die einmal au%efnhr- 
ten Stücke durften nur nach Verlauf eines bestimmten Zeit- 
raums und nach gewissen zweckmässigen Umänderungen sum 
zweiten mal auf die Bühne gebracht werden. Daraus erklärt 
sich der ßeichthum der griechischen Literatur an Theater- 
stücken. Die Alten führen wenigstens SOO Tragödien yom 
ersten Range an und 500 vom zweiten; Komödien werden 
fast ebenso viele gezählt. Die Aufführung wurde meistens 
von dem Dichter selbst geleitet. Ueber den Erfolg der drar 
matischen Wettkämpfe verfasste man Urkunden, aus denen 



SechxehfUeB CapüeL Heüenen. 11 1 

die SiSotoxoXfai (kritische Repertorien) hervorgegangen sind. 
Die Aufsicht über die Schauspiele hatten die beiden ersten 
Archonten. Bei ihnen meldeten sich die Dichter und baten 
um den Chor, für welchen die Kosten in den Phylen wechsel- 
ten. Der Chorag und die Choreuten mussten bei den grossen 
Dionysien durchaus attische Bürger sein; an den Lenaen 
wurde diese Liturgie auch den Metoken überlassen. Zu einem 
Stucke gehorten drei Acteurs (seitdem Sophokles den xpi- 
TocYciviorqc oder tertiarum partium actorem eingeführt hatte, 
daher Horaz: ,Neu quarta loqui persona laboret^), deren jeder 
mehre Rollen spielen konnte. Die Hauptrollen übernahmen 
anfangs die Dichter selbst, denn die Schauspielkunst war 
bei den Griechen nicht so verachtet wie in Rom. Ghite Spieler 
erhielten för zwei Vorstellungen ein Talent (1365 Thaler), 
wie Polos zu Demosthenes' Zeit, Aristodemos und der Sän- 
ger Amobeus. Zu heroischen Rollen wurde der Kothurn 
gebraucht, der aus vier übereinandei^elegten Korksohlen 
bestand, dazu eine Haartour, wodurch der Spieler sich der 
Heroenstatnr zu nähern suchte. Vor der öffentlichen Auf- 
führung fanden Proben statt in einem Theaterzimmer (pieXe- 
n^tov) vor dem Archon, wobei ein SoufBeur (uitoßoXeui;) zu- 
gelassen wurde und gewohnlich der Dichter selber als x^P^ 
5iSaa>eaXoc den Chor einübte. Die Yorbereitimgen mussten 
sorgfaltig sein, besonders auf Gesten und Declamation, 
worin das Tj^txov (Ausdrucksvolle) liegt, und Cicero sagt: 
,Saepe tota theatra reclamant, si paullum modooffensum est 
aut contractione aut productione.^ Deshalb gingen auch die 
Staatsredner bei den Schauspielern in die Schule. Ob Frauen 
an dem Spiel Theil hatten, ist nicht entschieden; sie wurden 
aber zur Feier der Feste gezogen. Der Name des Stucks 
wurde im Theater durch einen Herold angekündigt. Der Preis 
wurde der Pyle ertheilt und bestand blos in dem Ausspruch, 
dass ihr Chor gesiegt habe. Die Dichter erhielten einen Drei- 
ftuENS oder Weinschlauch, später auch Geld oder Kränze^. 

1 6f. Hermann, De compositione tetralogiaram tragicartun, 4849, in 
den Opusc, Bd. U. Scholl, Die Tetralogie d. attischen Tragiker, 4 839. 
Drotsbn, Die Tetralogie, in d. Zeitscbrift für die Alterthumswissenschaft, 
4844. — ^ Wblokbb, Die Aeschyleische Trilogie, 4824, u. Nachtrag, 4 826. 
Fbahz, Des Aeschylos Oresteia (Agamemnon, Choephoren u. Eumeniden), 
4846. — ' Ueber die Einrichtung der Theater:- Meblbker, Eosmogeo- 
graphie, §.523. Geppebt, Die altgriech. Bühne, 4843. Gbnelli, Theater 
za Athen, 484^. Schneider, Das attische Theaterwesen, 4835. Strack, 
Das altgriech. Theatergebäude, 4 842. Gruppe, Ariadne, die trag. Kunst, 4 834. 




112 Zweites Buch. Ethnodoklologie, 

Kamnboibssbb, Die komische Bühne £u Athen, 4847- Waoxbb, Die griecb. 
Tragödie n. das Theater zn Athen, 48V4. 

§. 476. Die Ableitung des Wortes Tragödie ist un- 
gewiss, vielleicht von xpayoc (Bock), welchen die bei der 
Dionysosfeier wetteifernden Sänger zum Siegerlohn erhiel- 
ten, was auch Horaz (,Ar8 poet.% 220) annimmt: ,Cannine 
qui tragico vilem certavit ob hircum.' Sie wählte ihren Stofi^ 
mit geringen Ausnahmen (, Zerstörung Milets^ von Phry- 
nichos, ,Perser' des Aeschylos) aus der Mythologie, um 
durch Darstellung der Grossthaten der Vergangenheit das 
jüngere Geschlecht zu belehren und zur Nacheifenmg zu 
befeuern. Der Chor, schon in den altem lyrischen Dramen 
der Stützpunkt, ist auch ein wesentlicher Bestandtheil der 
griechischen Tragödie. Er bestand gewohnlich aus Greisen 
oder Jungfrauen und war in den frühesten Zeiten sehr zahl- 
reich: der tragische zählte 50, der satyrische und komische 
24 Personen. Er theilte sich in zwei Hälften, jede mit einem 
Sprecher (xopu^aioi;); an der Spitze des Ganzen stand der 
Chorag. Wenn der Chor in den Dialog eingriff, so sprachen 
der Chorag oder die Koryphäen im Namen der übrigen 
Choreuten. Der eigentlich lyrische Theil wurde von dem 
ganzen Chor zu den Tonen der Flöte gesungen und mit an- 
gemessenen Bewegungen (eufji^ia) begleitet. Seine feier- 
lichen Tänze führte er in der opx'^örpa auf; wenn er nicht 
sang, sondern nur theilnehmend der Handlung zuschaute, 
stand er auf einer Erhöhung (^(jl^t)) in der Mitte der Or- 
chestra. Die Tragödien waren nicht in gesonderte Acte einge- 
theilt, sondern spielten die Handlung ununterbrochen bis ans 
Ende fort, hatten jedoch gewisse Abschnitte, während welcher 
die Bühne leer geblieben wäre, wenn der Chor nicht die Schau- 
spieler ersetzt hätte. Eigenthümlich sind ihnen noch die soge- 
nannten drei Einheiten, der Zeit, des Orts und der Handlung. 

Erfinder der Tragödie soll Epigenes von Sikyon oder 
Thespis aus Ikaria in Attika gewesen sein, wie auch Horas 
(,Ars poet.', 275 fg.) annimmt: 

Ignotam tragicae genns invenisse Camoenae 
Dicitnr et plaustris vexisse poemata Thespis, 
Qnae canerent agerentqne pemncti fjaecihos ora. 

§. 177. Die Komödie entwickelte sich aus den phal- 
lischen Choren und ist entweder auf attischem oder sici- 
lischem Boden entstanden. Ihr Name wird abgeleitet ent- 



SechMehfUes Capitel. Hellenen. |13 

weder von (^y\ iv xcjfJtai^ (Dorfgesang), oder vom lustigen 
xäfiLOC (Schmans) und uSiq (Weingesang, Freudengesang). So 
zog Susarion aus Megara oder, wie Thespis, aus dem attischen 
Flecken Ikaria, zwischen 576 — 560, in Begleitung eines gewis- 
sen Dolon, auf dem Lande Attikas umher und ergötzte von 
einem Wagen herab, der ihm als Theater diente, das rohe Volk 
mit seinen derben Spässen. Bald wurde das Lustspiel Parodie 
der Gegenwart und der öffentlichen Zustände. Erst mit dem 
Sturz der demokratischen Verfassung wurde die alte Komödie 
durch einen Machtspruch ihrer uneingeschränkten Freiheit und 
des Chores beraubt, daher Horaz (,Ars poet.', 284 fg.): 

Saccesdt yetns his comoedia, non sine mülta 
Lande, sed in Vitium libertas ezcidit et virn 
Dignam lege regi; lex est accepta chorasque 
Tnrpiter obticuit sablato jure nocendi. 

Syrakosios und Lamachos verboten, jener 415, dieser 404, 
Zeitbegebenheiten auf der Bühne darzustellen, lebende Per- 
sonen namentlich einzufuhren ((jiv] 6vo(jiaaTi X(>)pL(j>Seiv, nach 
Andern ein Gesetz von 388), noch durch Masken kenntlich zu 
machen und sich der Parabase ^ zu bedienen. 

Dadurch bildete sich die sogenannte mittlere Komödie, 
welche, die personliche satirische Richtung aufgebend und 
statt derselben die maskirte und charakteristisch -bezeichnende 
aufiiehmend, den Uebergang von der alten zu der mit Phi- 
lemon beginnenden und mit Menandros (342 — 290), einem 
Sohne des attischen Heerführers Diopeithes, culminirenden 
neuen oder moralischen, von den Bömem nachgeahmten 
Komödie, ohne Chor, vorbereitete, deren Hauptstoff die Schil- 
derung des Umgangs junger Athener mit Hetären (Terenz) 
und deren Ebruptpersonen lustige Diener und liederliche 
Sohne, allegorisclie Wesen im Prolog (im ,Trinummus' des 
Plautus) bilden* Die vier Charaktere, welche Menander ge- 
schaffen, hat Ovid in folgendem Distichon zusammengestellt: 

Dum fallax servus, durus pater, improba lena 
Vivent, dum meretriit blanda, Menandros erit ^. 

^ Worte, die der Chorag im Namen des Dichters an die Zuschauer 
sprach und die ohne nähere Beziehung auf die Handlung des Stücks gewöhn- 
lich nach dem ersten Chorgesange eingeschaltet sind. — ^ F. Soblbobl, 
Vom kÜDBtl. Werth der alten griecb. Komödie, 4794; Werke, 4822, IV, 25 fg. 
Stolle, De comoediae Graecae generib., 4834. Gbaübrt, De med. Graec. 
comoed. natura (im Rhein. Museum), 4S28, H. 4. 

§4 178. Das Satyrdrama der Griechen, nach den Sa- 
tyrn benannt, welche die Hauptrolle darin spielen, darf 

MllLtKIB. 8 




114 Zweites Buch. Ethnodokiologie, 

nicht mit der romischen Satire, einem didaktisdien Gkdichte, 
verwechselt werden, dessen Name von satnra abgeleitet 
wird. Die romischen Atellanen hatten mit dem griechischen 
Satyrdrama Aehnlichkeit, das zugleich der Tragödie und 
Komödie angehörte, jedoch der erstem verwandter war, 
insofern es seinen Stoff aus der Mythologie entlehnte , sich 
aber gleichwol von derselben durch seinen heitern Ausgang 
und die darin vorkommenden Possen des Satyrchors unter- 
schied, in einem eigenthümlichen Silbenmass abgefiisst und 
kürzer war als die Komödie, denn es war ein kleines St&ck, 
das nach der Tragödie zur Erheiterung gegeben wurde. Der 
darin vorkommende Tanz des Chors hiess codmi und o&awic 
von seinem Erfinder Sikinnos. 

Die beiden vorzüglichsten Dichter dieser Gattung waren, 
nach Fausanias^ Urtheil, Aeschylos und Aristias. Das einzige 
vollständig erhaltene Satyrdrama ist des Euripides ,Kyklops^ K 

^ Darüber Gbmthe 4836- Ueber das Satjrdrama: EighstIdt 4795 
u. Hebiiank*8 Widerlegung dieser Schrift in den Opnsc. L, 4827; ferner 
PlMSOBB 48S2. 

§. 179. Die von Epicharmos aus Kos (488 oder 470) 
erfundene sicilische Komödie war eine Mittelgattung 
zwischen dem Satyrspiel und der attischen Komödie. Plau- 
tus hat sich, wie Horaz (,Epi8t/, n, 1, 58) versichert, nach 
Epicharmos gebildet, dessen Bruchstücke Kruseman gesam- 
melt hat (1834). 

§. 180. Verschieden von diesen drei Arten des kunst- 
mässig ausgebildeten Dramas waren die pantomimischen 
Darstellungen lächerlicher Auftritte und die Mimen, dra- 
matische Gemälde des wirklichen Lebens in G^sprikshsform, 
als deren Schopfer Sophron aus Syrakus (420) genannt 
wird. Nachahmung durch Theokritos in den ,Adoniazusen^ 

Ein Tarentiner Rhinthon (280) wird Erfinder der CXopo* 
rpoLy(j>UoL (tragischen Parodie) und daher ^Xua^ oder ^Xuoxo- 
Ypa9oc (Possenreisser), und Timon von Phlius (Ä70) ein 
Sillograph (aiXXo^ ist Spottgedicht oder Parodie) genannt K 

KfvoiSoi ^ oder Icjvucol Xoyoi waren Gedichte von komisch- 
lyrischem Charakter, possenreisserisch-schmuzigem Inhalt, 
von Simos (daher oipKj^of) erfunden, dem Lysis (Xuou^Sof) 
folgte; Beide übertraf Sotades (xa SciraSeia). 

1 De sillis Graecoram: Eckbbmann 4746, Wölke 4820, Paul 4S24. 
B5TTIGER, Ariadne n. Bacchus, eine Pantomime nach Xenophon , in dessen 
Kleinen Schriften, 4838, HI. — > Vgl. oben §. 472. 



Sechgehnies Capitel. HeUenen. 115 

§• 484. In den alexandrinischen Kanon für die Tra- 
gödie waren nur fünf Dichter anfgenonunen: Aeschylos, 
Ion von Chics, Achäos von Eretria, Sophokles und Enri- 
pkles; als sechster wird von Einigen auch Agathon von 
Athen ^ hinzugefugt 

Aeher als diese sechs ist Phrynichos ^ aus Athen, der 
sdion 514 den Siegespreis im Trauerspiel gewann und 476 
wiederum als Sieger auf der Bühne erscheint. Wegen seines 
Stucks ,Milet8 Zerstörung^ verfiel er in Strafe, weil er ein- 
heimisches Unglück dargestellt hatte. In diese Kategorie 
gehören auch die ,Perser^ des Aeschylos, die aber den Sieg 
der Griechen feiern, und das epische Gedicht des Samiers 
Chorilos auf den persischen Krieg \ 

1 RiTSOHL, De Agatiionis Tita, arte et reliquiis, 4829. — ' Hoff- 
MAHN, Ueber Phrynichos, in Jahn's Archiv für Philologie und Pädagogik, 
4830. Otf. MOllbb, De Phrynichi Phoenissis, 4835. — ^ Näkb, De 
Chöerflo, 4847. 

§. 482. Aeschylos aus Eleusis in Attika (525 — 456), 
Ifitkampfer in den Schlachten von Marathon und Plataä, 
gestorben bei Konig Hiero in Syrakus und bei Gela be- 
graben, ist der Vater des hohem Trauerspiels, bei Horaz 

— personae pallaeqne repertor honestae, 
Qui docuit magnumque loqui nitique cothomo, 

nach Quintilian ,sublimis et gravis et grandiloquus saepe 
usque ad vitium, sed rudis in plerisque et incompositus% Be- 
gründer des dramatischen Dialogs durch Einfuhrung des zwei- 
ten Schauspielers (h&vzifOLytdVLCvrfi)^ Verfasser von 70 — 90 Tra- 
gödien, von denen nur noch sieben übrig sind: ,Agamemnon^ 
(seine Heimkehr und Ermordung durch Klytamnestra und 
Aegisthos), ,Choephoren' (Blutrache des Orestes an den 
Mördern seines Vaters), ,£umeniden^ (Verfolgung des Orestes 
durch die Furien uxid Lossprechung vor dem Areopag), der 
,6efesselte PrometheusS die ,Perser*, die ,Sieben gegen The- 
ben', die ,Schutzflehenden' (Danaos' und seiner 50^ Tochter 
Flucht aus Aegypten und Schutz in Argos). 

Ansgahen von Stanley 4663, mit Pobsom's Verbesserungen 4795 
u. 4806, SoHÖTZ 4797 — 4804 (neue A. 4808—24), Wblladbr 4825, 
W. DiNDOEr in den Poetae soenid Graeci, 4830, Bothe 4831, Gf. Her- 
MAm. Uebersetzungen sämmtlicher Tragödien von Fähse 4809, Voss 4826, 
Droysen 4832 (2. A. 4844); einzelner von Süvern, W. v. Humboldt, Otf. 
MiÜUer, Petersen, De Aeschyli vita et fabulis, 4844. BlCmner, Ueber 
die Idee des Schicksals in d. Tragödien des Aesch., 4844. S. oben §.475, 2. 

§. 183. Sophokles aus Kolonos in Athen (496 — 405) 

8* 




k 



116 Zweites Buch, Ethnodokiologie. 

der vorzüglichste unter den drei grossen Tragikern der 
Griechen, zwanzig mal Sieger in poetischen WettkampÜBn, 
Au&teller des dritten Schauspielers, Verfasser von beinahe 
430 Tragödien, von denen ebenfalls nur noch sieben voUataiiK 
dig übrig sind : ,AntigoneS die vollendetste, die auch in deut- 
scher Uebersetzung von Bockh und Musikbegleitung^ von 
Mendelssohn -Bartholdy 1844 in Berlin und seitdem auch in 
andern Städten mit grossem Beifall aufgeführt worden ist ^; 
diese, ,Konig Oedipus^ und ,Oedipus auf Kolonos' gehören 
dem grossen thebanischen Sagenkreise an; der ,Gei6sel- 
tragende Ajax^ und ,Philoktet^ gehören dem Sagenkreise 
des Trojanerkriegs an; ,Elektra^ (wie die ,Choephoren^ des 
Aeschylos) ist ein Theil der Atridensage ; die ,Trachinierin- 
nen^ behandeln den Untergang des Herakles. 

Ausgaben von Bbunck 4786 fg., Musorave 4800 fg., Eefukdt 4 SOS — 
4841 n. Hbbmamm, Elmslbt 1827, Schafer 4810, Scrnbidbb u. Witssohbl 
4823 — 44, Wunder 4825, Neue 4834, W. Dindorf 4832 — 36, Abbbhs 
4842; einzelner Stücke: Ajax von Lobbck, Antigene von Wbx n. BOcnm, 
König Oedipus von Elmslbt , Oedipos anf Kolonos von Rbibio q. Slmslbt, 
Philoktet von Buttmann; die Fragmente von Bothb 4846. Elluidt, 
Lexicon Soph., 1834 fg. Wundbb, Conspectus metronun, qolbiiB 8. nsoB 
est, 4825. Deutsche Uebersetznngen von ^4«^ Solger, Donner, Thudichum. 
Lessino, Leben des S., heraasgeg. von Eschenbubg 4790. Soh5ll, So- 
phokles, sein Leben u. Wirken, 4844. LGbker, Die Sophokleisohe Theo- 
logie u. Ethik, 4854 u. 4855. 

1 Glavieranszug 4843. — ' Böckh, Tölbxn n. F5rstbb, Ueber die 
Antigone des S. u. ihre Darstellung auf dem Schlosstheater im Neaen 
Palais bei Sanssouci 4842 und auf dem deutschen Theater 4842» 

§. 484. Buripides aus Salamis (480 — 406), Sohn des 
Mnesarchos und der Xaxavo7üoXiQTpt.a Eleito, brachte aus dem 
Umgange mit Anaxagoras, Prodikos, Protagoras und So- 
krates die Sprache der Philosophie auf die Bühne und wird 
daher <pL\6GO(fo^ oxyjvixoc genannt, der Liebling seines Zeit- 
alters, Tpa'yiX£DTaTO(;, Benutzer des sogenannten Maschinen- 
gottes und des Prologs, gestorben bei Eonig Archelaos in 
Makedonien. Von seinen 75 oder 120 Tragödien besitzen 
wir, ausser dem Satyrdrama ,Kyklops% noch 18, deren 
einige für unecht gehalten werden: ,Hekabe^, ,0reste8S 
,PhonissäS ,Medea^, ,'l7nceXuT0^ OT69avY]96po^' (gewann 429 
den Sieg über die Stücke des lophon und Ion), ,Alke8tisS 
,AndromacheS ,Hiketides^ (Supplices), ,Iphigenia in Aulis^ 
Iphigenia in Tauris', ,TroadesS ,BakchäS ,HeraklidenS 
.Helenas ,lonS ,Rasender Herakles^ ,Elektra' und ,Rheso8^ 

Ausgaben Ton Babnkb 4694, Musobüvb 4778, Matthia 4843 — 37, 



Sechzehntes Capitel. Hellenen, 117 

BoissoKADB 4825 — 27, Fix 4840; Handausgaben Ton L. n. W. Dikdoef 
1826n. 48309 Bothb 4826 fg«; einzelner Stücke Ton Porson, Valokbnabb, 
Beünok, MiüiKLAND, Elmslbt, Mo^k, 6f. Hebmann, Sbxdlbb, Klotz, 
Lbnting, Pfluok, Bothb. Deutsche Uebersetzungen von Bothe, Donner. 
SoHNBiTHBB, De £. phUosopho, 4828. Gbuppe, Ariadne, 4836. Patin, 
iitades snr les tragiques grecs etc. , 4844 — 43. 

§. 485. Der alexandrinische Kanon für die alte 
Komödie, deren es 365 Stücke gab, umfasste die Dichter 
Epicharmos, Kratinos, Piaton, Aristophanes, Pherekrates 
(nach ihm der Pherekratische Vers) und Eupolis; für die 
mittlere, deren es im Ganzen 674 Stücke gab, Antiphanes 
aus Rhodos (380) und Alexis aus Thurii; für die neuere? 
deren 64 Dichter gezählt werden, Philemon aus Soli in 
Kilikien, Philippides, Apollodoros, Diphilos aus Sinope und 
Menandros aus Athen, der allein 405 und darunter acht 
gekrönte Stücke verfasst hat. 

Mbinbkb, Fragmenta comicorum Graecomm, 4839, u. Menandri et Phi- 
lemonis reliquiae, 4823. Curae criticae in comicor. fragmenta ab Athenaeo 
servata, 4845. Commentationes miscellaneae , 4822. Qnaestiones scenicae, 
4826 — 30. De Euphorlonis Chalcidensis vita et scriptis, 4823. Analecta 
Alezandrina, 4843, in denen die Fragmente der Dichter Euphorion , Rhia- 
nns nnd Alex. Aetolas gesammelt und erläutert sind. Auch von des Kra- 
üno8 24 Lustspielen, die ihm. neun mal den Sieg brachten, besitzen wir 
nur noch Fragmente. Lucas, Cratinus et Eupolis, 4826; Runkbl 4827. 

§. 186. Vollständig erhalten sind uns nur elf Stücke 
von den 54 des Aristophanes, der mit dem attischen Bür- 
gerrecht beschenkt im vierten Jahre des Feloponnesischen 
Kriegs (427) als Dichter auftrat und noch 386 lebte, 
Muster des attischen Dialekts: ,Achamer^ 425, ,Bitter^ 424, 
,Wolken' 423, , Wespen' 422, ,Frieden' 421, ,Vögel' 414, 
,Lysi8trata', ,ThesmophoriazusenS ,Frösche' 405, ,Ekklesia- 
zusen' ( Weiberconvent) ; in dem ,Plutos' 388 haben wir ein 
Beispiel der mittlem Komödie ; der verloren gegangene ,Ko- 
kalos^ 388 gehorte der neuem Komödie an. 

Ausgaben von Beunck 4784 — 83, Inyebnizi unter Beckfs Auüsicht 
begonnen 4794, beendigt durch W. Dindobf 4826, Bbkkbe 4829, W. Din- 
noßw 4838; Plutus von Hbmstbbbuis 4744 u. 4844, Wolken von 6f. Hbb- 
MANN 4799 u. 4830 u. Rbisio 4820. Uebersetzungen von Voss 4824 n. 
Droysen 4835 — 38, der Wolken von Wolf 4842. Rötsoher, Aristophanes 
n. sein Zeitalter, 4833. 

b) Philosophie. 

§. 187. Die Philosophie entstand in lonien, ging von 
da nach einigen nahegelegenen griechischen Colonien und 
nach Grossgriechenland über, bis sie, auch von hier ver« 




118 Zweites Buch, Ethnodoktologie, 

scheucht, in Athen einen festen Sitz erhielt, von wo aas 
sich die menschliche Cultur über ganz Griechenland und 
weiterhin yerbreitete. 

Bra«dis, Handb. d. Gesch. d. griech.-rom. Philosophie, 4835— i4- 
RiTTBB u. Prbller, Hist. philosophiae graeco-roman. ex fontlam locis 
contexta, 4838. Zbllbb, Die Philosophie d. Griechen, seit 4844; Bd. 4 : 
Die vorsokratische Philosophie, 2. A. 4855. •Tbhhbmahh, Gmiidriss d. 
Gesch. d. Philos. yonWendt, 4828, sogleich mit literar. Citaten. Kabstbb, 
Philos. graec. vet. reliqniae, 4830. 

§. 488. Die ionische Philosophenschule ^ (die sogenann- 
ten Physiker) stellte sich die Aufgabe, die Erscheinungen 
in der Natur aus den Kräften und Eigenschaften des Stoffs 
selbst zu erklären, und schlug dabei einen doppelten Weg 
ein, einen dynamischen und einen mechanischen. Den erstem 
gin^ Thaies, der das Wasser, Anaximenes (540) und Dio- 
genes von ApoUonia (460)^, welche die Luft, Herakleitos 
(ffxoTetvo(;, 500) ', der das Feuer, und Pherekydes von Syros 
(540)^, der den Aether und die Erde als Urprindpe auf- 
stellte. Den andern Weg betraten Anaximander (600), De- 
mokritos von Abdera (450)^, Leukippos und Anazagoras % 
Freund und Lehrer des Perikles, welche die Welt aus einer 
Verbindung einfacher, illntheilbarer Grundbestandtheile ent^ 
stehen lassen, welche die beiden erstem als Atome ^, die 
letztem als Homoomerien bezeichneten. 

1 TiBDBMAHii, Griechenlands erste Philosophen, 4780. Rittbb, Geioh. 
d. ionischen Philos., 48)4. — ' Sohlbibbmaohbe in d. YermiM^ten Soluil- 
ten, Bd. 2. Panzerbieter, De Diogenis etc. scriptis et doctriioa, 4830. 
SoHORH, Anaxagorae et Diog. fragm., 4829. — ^ Seine Brnchstficke (Mmae) 
von SoHLEiERHACHBR im Mnsenm der Alterthomswissenschaften, 4800, HL — 
* Seine Fragm. von Sturz 4789 (3. A. 4824). — ^ Müllach, Dem. firagm., 
4843. Gbtfers , Quaestiones Dem. , 4829. Bvrchard, Dem. philos., 4830, 
4834. — ^ Seine Fragm. von Sghavbach 4827 n. Schorn 4829* BeHriige 
zur Erklärung seiner Lehre von Carus 4797 n. Brbibb 4840* — ^ PAPm- 
coRDT, De atomicorum doctrina, 4832. 

§. 489. Die Pythagoräische Philosophie rührt ihren 
Grundzügen nach von ihrem Grronder Pythagoras (geboren 
584 auf Samos, Stifter des Bundes zu Kroton in Unteritalien) 
her, der zuerst den Namen adfo^ mit dem eines fiXoaofOC 
vertauschte; aber die Ausbildung der Lehre gehört seinen 
Jüngern an, deren bekannteste, Philolaos und Archytas, 
Zeitgenossen des Sokrates sind. Sie trugen ihre Lehren in 
mathematischen Formen vor (daher die Mathematiker) ^ weil 
sie in den Zahlenverhaltnissen das Wesen der Dii^^e er- 
kannten, deren Entstehung sie sich wiederum durch Zahlen- 



Sechsehnies CapiteL HeUenen. 119 

verbindiiiigen erklarten. Eine poetische Ansicht war die 
Lehre von der Harmonie der Sphären. 

RiTTBB, Gesch. d. Pythagor. Philos., 1896. Rbihhold, Beiträge znr 
Erläaterang d. Pythagor. Metaphysik, 4827. Brahdis, Ueber die Zahlen- 
lelure der Pythagor. n, Platoniker, im Rhein. Mns., II. Habtenstem, 
De Arehytae Tarentini fragm. philos., 4833. Gbuppe, Ueber die Fragm. 
des Arehytas n. d. altem Pythagoräer, 4840. 

§. 490. Wahrend die ionische und Pythagoräische Philo- 
sophie das sinnlich Wahrnehmbare aus dem Unsichtbaren 
und Ewigen kommend und in ihm bestehend begrijBT, er- 
klarte Xenophanes aus Kolophon (536), der Stifter der 
eleatischen Schule (zu Elea in Unteritalien), die Welt 
selbst als das Ewige und Unveränderliche und wurde da- 
durch der Vater des Pantheismus. Er und seine Schiller, 
Parmenides aus Elea (500), Empedokles aus Agrigent (440), 
Zenon aus Elea (450), liessen nur die menschliche Vernunft 
als Erkenntnissquelle der Wahrheit gelten. 

Bbahdis, Commentatioiies Eleaticae, 4843* F6li<bbobn, Parmenides* 
Lehrgedicht, 4795* 

§• 491. Das Glück der Perserkriege hatte die Griechen, 
besonders die Athener, verwöhnt. Weltklugheit und Lebens- 
genuss wurden als die höchsten Guter angesehen und an 
die Stelle der Religion und des sittlichen Gefühls trat eine 
auf Lug und Trug gegriindete Philosophie, deren Urheber 
und Lehrer, Gorgias von Leontini in Sicilien (440), Prota- 
goras aus Abdera, Prodikos aus lulis auf Kos, Hippias aus 
EUs, Polos, Thrasymachos, Kallikles u. A., unter dem Namen 
der Sophisten bekannt sind \ 

Gegen sie trat Sokrates aus Alopeke in Attika (469—399), 
des Sophroniskos und der Phanarete Sohn, mit seiner geistigen 
Mäeutik auf und weckte das Gefahl far Religion, Sittlich- 
keit und Recht in der Brust seiner Schüler. Daher sagten 
sdion die Alten (Cic. ,Tu8C.S V, 4), er habe die Weisheit 
vom Himmel auf die Erde gebrüht, und das Orakel nannte 
ihn av5pfiv obcayrcw aofcjraTov (Scholien zu Aristophanes^ 
,WolkenS 144)«. 

Unter seinen zahlreichen Schiilem, den sogenannten So- 
kratikem, haben Piaton ^ und Xenophon^ seine Lehre am 
treuesten bewahrt, während Antisthenes ^, Aristippos ^, Eu- 
klides ^ sie durch Folgerungen und Schlüsse entstellten. 

Der alexandrinische Kanon lunfasste fünf Philosophen: 



120 Zweiies Buch, Ethnodokiologie. 

Platon, Xenophon, Aeschines, Aristoteles* und Theo- 
phrastoB. 

1 Gbbl, Hist. orit. sophistarom, in den Novis actis literar. locietatia 
Rheno-Traiecti, 4823- Rollbb, Die griech. Sophisten, 4838. Baombaubr, 
Quam yim sophistae babuerint etc., 4844. Millhacsbb, De sophistis. — 
' Hbrharh, De Sooratis magistris et disdpüna jnvenili, 4837* Wie«BB8, 
6okr. als Mensch, Bürger u. Philosoph, (2. A.) 4844. DbuibSok, 8okr., 
4816. ScBLBiBBMACHER In Seinen philos. n. vermischten Schriften, II. Hbobl, 
Gesch. d. Philos., II. Fobobhammbb , Die Athener n. Sokrates. etc., 4827; 
dagegen Bendixbn, Ueber den tiefem Schriftsinn d. revolutionären Solnr. 
n. die gesetzlichen Athener, 4839. — ' Stifter der akademischen Fhflo- 
sophenschole. — ^ In seinen Denkwürdigkeiten (* ATCO|xvi)(AOvetifAaTa, Memora- 
bilia) des Sokrates. vam Hobvell, De Xenoph. philos., 4844. — ^ Stifter 
der kynischen Schale. — ^ Stifter der kyrenaischen Schule. — "^ Stifter der 
megarischen Schule. — ^ Stifter der peripatetischen Schule. 

§. 492. Platon, wegen seiner hohen Ideen und der 
vollendeten Kunst der Darstellung in feiner dialogischer 
Form der Gottliche genannt, ward zu Athen 429 geboren, 
der Sohn des Ariston und der Periktione, ursprünglich 
Aristokles genannt, aber wegen seiner breiten Stirn oder 
Brust (von Sokrates?) als Platon bezeichnet, ausserdem ge- 
bildet durch Dionysios, Ariston, Drakon, ELratylos, Eu- 
klides, Theodoros, Archytas und den ägyptischen Priester 
Sechnuphis (?) in allen Zweigen des Wissens und der 
Kunst, starb 348 bei einem Gastmahle an seinem Geburts- 
tage (7. Thargelion «= April) *. 

Der Kern seiner Lehre, in welcher die vier Hauptrich- 
tungen der altem Philosophie wie in ihrem Brennpunkte 
vereinigt sind, besteht darin, dass allein das Seiende, die 
Idee, Dauer und Wahrheit habe, dass das Irdische und 
Werdende nur Schein und Wechsel und das Forschen nach 
der ewigen Wahrheit Zweck des Lebens sei. 

Schleiermacher versuchte in seiner Uebersetzung * die 
Platonischen Schriften als ein grosses systematisches Ghmzes 
darzustellen. Den vorahnenden Aufriss des Granzen sollte 
der Dialog ,Phädros^ (über die Schönheit) enthalten. An ihn 
schliessen sich zunächst die elementaren Sokratischen Gte- 
spräche an, die auf die Dialektik, als das Mittel, und die 
Ideen, als den wahren Gegenstand der Philosophie, Un- 
leiten : ,Protagoras^ ', ,Parmenides^ % ,Lysis' *, ,Lache8^ (von 
der Tapferkeit), ,Charmides^ (von der Besonnenheit), ,Ein- 
typhron' •, , Apologie', ,Kriton' ^ und andere kleinere Ck- 
spräche. 

Eine zweite Reihe sollten die dialektischen oder vermit- 



Sechzehntes Capüel. HeUenen. 121 

telnden Dialoge bilden, welche die Aufgabe haben, den 
Gegensatz zwischen der gemeinen und der philosophischen 
Erkenntniss zu entwickeln und sowol auf die Physik als 
die Ethik anzuwenden: ,Gorgias^ (von der Rhetorik), ,Theä- 
tetos^ (von der Wissenschaft), ,Menon' (von der lembaren 
Tugend), ,Euthydemos^ (der Zanker), ,Sophistes^ (icepl tou 
ovTOc), ,Politiko8' (von der Regierung), ,Phädon' (von der 
Unsterblichkeit der Seele), ,Philebos' (von der Wollust). 

In die dritte Reihe stellt Schleiermacher die Schriften 
der höchsten Reife, die eigentlich constructiven, objectiv- 
wissenschaftlichen Darstellungen: ,Timäos^ (von der Natur) % 
,Kritias^ (von der Insel Atlantis), ,Zehn Bücher vom Staate' •, 
,Zwölf Bücher von den Gesetzen' (deren Echtheit bezweifelt 
wird), dazu als Einleitung ,Minos' (von dem Gesetze), ,Der 
erste oder ältere Alkibiades' (von der menschlichen Natur), 
,Der zweite oder jüngere Alkibiades' (vom Gebete), ,Hip- 
parchos' (von der Gewinnsucht), ,Die Liebhaber' (von der 
Philosophie), ,Theage8' (von der Weisheit), ,Hippias I.' 
(vom Schonen), ,Hippias 11.' (von der Lüge), , Ion' (von 
der poetischen Begeisterung und von der ,Ilias'), ,Menexe- 
nos' (Rede auf gefallene Athener), ,Kleitophon' (Tcporpeim- 
x6<, Ermahnung), ,Das Gastmahl' (von der Liebe), ,Kra- 
tylos' (über die Natur der Sprache und Beschaffenheit der 
Namen, — vom Weltgeiste). 

Im Gegensatz zu Schleiermacher hat El. F. Hermann 4839 
eine Anordnung versucht, die ein Bild der individuellen all- 
maligen Ausbildung des Platonischen Gredankenkreises geben 
soll, wie er, an&ngs gebunden an die engen Grenzen So- 
kratischer Philosophie, nach und nach seine Untersuchungen 
immer weiter erstreckte und vollständiger entwickelte ^^. 

> Ueber sein Lebeu schrieben: Hestchios, 536 n. Chr., Oltmpio- 
D0R08, 650 n. Chr., Tbhnemamn, Ast, Wiqgbrs, Dblbb6ck, Soohbb, 
ScHLBiBBMACHBB u. A. — ' Nicht ganz voUeDdet, seit 4804, neue A. 
4847 — ?8. — ^ Vertheidigung der Sokratischen Gesprächsform, mit be- 
sonderer Beziehung auf die Mittheilung des Ethischen. — * Der Staats- 
weise ; Ergänzung und Gegenstück des Torhergehenden Dialogs in Hinsicht 
des philosophischen Forschens , — Lehre von den Begriffen. — ^ Von der 
Freundschaft, erläuternder Nachtrag zu einer im Phädrus über die Liebe 
•BBgesprochenen Behauptung. — ^ Von den Pflichten gegen die Götter, 
iccp\ 6(jio\t , — schliesst sich mit Bezug Auf die Anklage gegen Sokrates als 
c^alektische Erörterung über den Be^ff der Frömmigkeit an den Prota- 
goras an. — 7 ITsp\ TcpaxToO, von den Bürgerpflichten. — ^ Auch der 
Pythagoräische Philosoph Timäos der Lokrer, im 5. Jabrb. t. Chr., hat 
einen gleichnamigen Dialog über die Weltseele geschrieben, den jedoch 
die Kri(ik als untergeschoben bezeichnet: Gbldeb 1836. — ^ Hauptwerk. 



133 Zweiie$ Buch, EUinodoktoiogie. 

Die ewigen G^esetie der Wahrheit ^ yollkommenheit mid Hantonie toUeii 
auf ähnliche Art im Reiche der sittlichen Freiheit wirken, ^e sie der 
Schöpfer im Weltall realiiirt hat. Sein Staat ist ein ideellei Werk der 
Phantasie. ~ ^^ IJeher das Verhaltniss der Platonischen Philosophie so 
ihrer Zeit and cor Bildung der Menschheit überhaupt s. SoBLOtSBK's Uni- 
Tersalhistor. Uebersicht, I, 3, 272 fg. Tbnmsmaiih, System der Piaton. 
Philos., 4792 — 96. Tibdbmahii, Aigumenta dialogor. P., im 48. Bde. der 
Eweibrucker Ausg. Ast, Platon's Leben u. Scliriften, 4 84 6 9 u. liozieon 
Plat., 1834—39. Sochbb, Ueber P.'s Schriften, 4820. tax Hbüsdb, Initia 
philos. P., 4827 — 36. Suokow, Die wissenschaM. u. k&nstlerische Form 
der Piaton. Schriften in ihrer bisher yerborgenen Bigenthnmlichkeit darge- 
stellt, 1866. ScsBHiHL, Die genetische Bntwickelung d. Platonischen Philo- 
sophie, 4866. Ausgaben von H. Stbphabus 46789 mit der lat. Ueber- 
setzung des Ficinus 4602, die sweibrücker 4784 — 87, Bbkkbb 4846 — 23» 
4826, Staliaaum 4821—26, Ast 4849—32; einselner Diakxge im 49* Jahrh. 
Ton Hbikdort, Bcttmaxn, F. A. Wolf, Ast, Stallbaum, Schhbidbb, 
NiTzsoH u. A. Uebersetzung der Bacher vom Staate von Schneider 4842. 
Neueste üebersetsung sammtlicher Werke von H. MtÜUeTf mit Sinleitongen 
begleitet von K. Steinhart, Bd. 4—6, 4850—66. 

§. 493. Seine nächsten Schüler und Nachfolger, sein 
Neffe Speusippos, Xenokrates aus Chalkedon (379 — 24 4) \ 
Pölemo aus Athen, Kräuter aus Soli in Kilikien, hielten 
sich in der Nähe der echten Platonischen Lehre; aber Ar- 
kesilaos aus Pitane in Aeolien (316 — 241) und Kameades 
aus Kyrene (217 oder 132 geboren) wendeten sich einem 
skeptischen Probabilismus zu, der die sogenannte jüngere 
Akademie charakterisirt. 

> Wtbfbbssb, Diatribe de Xenocrate, 4822* 

§. 194. Sokrates hatte als Zweck seiner aufs praktische 
Leben gerichteten Philosophie die Glückseligkeit und als 
Mittel und Weg ein tugendhaftes Leben und ein Streben 
nach Göttlichkeit hingestellt. Unter den Händen einzelner 
seiner Schiller erfuhr diese Glückseligkeitslehre ver^ 
schiedene Gestaltungen. 

Der Welt- und Lebemann Aristipp von Kyrene (380) 
lehrte, dass die angenehmen Empfindungen das höchste Gut 
seien. Sein Ghrundsatz war, man müsse die Verhältnisse 
sich, nicht sich den Verhältnissen unterwerfen (nach Horazr 
,Mihi res, non me rebus, submittere conor^) K 

An ihn lehnt sich Epikuros von Gargettos (341 — 269), 
lehrend in einem Grarten bei Athen, daher seine Schülei* 
o[ &n,o oder oC hc xäv >cfycn}> und xv)7coX6yoi genannt, dass die 
iqSoviQ oder das physisch- ethische Wohlleben höchstes Gut 
sei, eine Lehre, die einige Jahrhunderte später Lieblings- 
philosophie der hohem Stände Roms wurde (Horaz nennt 
sich ,Epicuri de grege porcus'). Von seinen 300 Schriften 



Sech%€hfUe8 Capüei. UeUenen. 123 

oder B&ohem haben wir nur Fragmente*. Das Gedicht 
des Romers Lucres und Diogenes Ton Laerte geben die 
beste Erlantenmg des epikuräischen Systems. 

> Wbhdt, De philo«. Cyrenftica, 4836. Wibland's ArUtipp. — > Gas- 
SBiDi, De Tita, moribn« et doctrina Epicmri, 46479 4684, n. Syntagma 
phiJos. Epiomi. 

§• 495. Antisthenes aus Athen (geb. 422) behauptete, 
dass Genügsamkeit und Entbehrung das höchste Gut sei. 
Seine Schule nannte man die kynische, von dem Gymna- 
sium Kynosarges, wo er lehrte. Am weitesten ging in der 
Enthaltsamkeit sein Schüler Diogenes vonSinope (geb. 414). 

Auf diesem Grrunde erbaute Zeno (362 — 264) aus Eat- 
tion auf der Insel Kypros, Freund des Königs Antigonos 
Gonnatas von Makedonien, sein System der stoischen 
Philosophie, welches seinen Namen von der avoif. tcoucCXy) in 
Athen, woselbst er lehrte, erhalten hat. Die Entbehrung 
und .Bekämpfung der Leidenschaften (d. h. die Tugend) ist 
das höchste Gut nach diesem System. 2ieno's Schriften sind 
verloren gegangen, nur seine Anhanger aus spätem 2ieiten 
haben uns seine Lehre erhalten: Seneca, Arrian, Marc 
Aurel, Cicero (,De finibusS ^De officüs% ,Tu8cul. disput.^ 
und ,Quaestiones academicae^), Sextus Empiricus, Joh. 
Stobäus, Diogenes Laertius, Plutarch und Simplicius. ^ 

§. 496. Euklides von Megara (f 424) ist Stift;er der 
megarischen oder eristischen Schule, die das Gute als das 
Einzige, was in Wahrheit sei, aufstellte und eleatische Be- 
griffe mit der Sokratischen Sittenlehre verschmolz. 

§. 497. Die skeptische Schule gründete Pjrrrho (daher 
Pynlionismus) aus Elis (350 — 260), dem das oberste Gut 
in dem Aufg^en alles Urtheils ii^^ri) und in der Seelen- 
ruhe fliegt (tjaux^a)) die auf Charakterfestigkeit (ixapa^a), 
Leidenschaftslosigkeit (dbca^ia) und Gleichgültigkeit (oSta- 
9op{a) beruht. Um dieses Ziel zu erlangen, stellte Pyrrho 
zehn Mittel oder Weisen der Unentschiedenheit (xpoTcoi ^tco- 
X'fic) auf, deren Zahl nachher auf 45 gebracht wurde. Zu 
seinen Anlwngem gehören Aenesidemos (aus der zweiten 
Hälfte des 4. Jahrh« v. Chr.) ^ und Sextus mit dem Bei- 
namen Empiricus, weil er als Arzt der empirischen Schule 
angehorte. 

1 8chulib'8 Aenesidemns, 479i, ist eine Bekämpfung von Kant*s 
Kritik der reinen Yemonft mit den Waffen des Skepticismus. 



124 Zw۟es Buch. Ethnodoklohgie. 

§. 498. Den Gregensatz zu Plston, den Schöpfer des 
Idealismas, bildet dessen grösster Schüler, Aristoteles, der 
Begründer des Realismus und Stifter der peripatetischen 
Schule, aus Stagira in Makedonien (384 — 324), 20 Jahre 
lang Platon^s Schüler, fünf oder acht Jahre lang (seit 342?) 
Alexander^s d. Gr. Lehrer, auch Lehrer in den Gangen (h 
TcspiTcocToic) des Lyceums zu Athen vor einem gemischten 
Publicum (exoterisch oder populär) und im engem Kreise 
vor seinen Schülern (esoterisch), Sammler der ersten Biblio- 
thek, gestorben zu Chalkis auf Euboa. 

Sein System ruht auf den beiden Sätzen, dass der Geist 
seine Ideen aus der Erfahrung annehme, und dass die durch 
Erfahrung erkannten Eigenschaften Wahrheit haben, mögen 
sie Terborgen oder am Tage liegen. 

Er ist Schopfer der philosophischen Terminologie und 
der meisten noch gangbaren Definitionen, Begründer der 
Logik, Psychologie, Rhetorik und Poetik, Vater der Natur- 
geschichte (Zoologie und vergleichenden Anatomie), Physio- 
gnomik und Metaphysik. Seine Physik ist ein schwacher 
Versuch. Seine Ethik und Politik (in 8 Büchern) erheben 
sich nicht zu den höchsten Principien. Seine Werke sind 
zahlreich. Unter dem Namen ,Organon^ werden seine Schrif- 
ten logischen Inhalts in 4 4 Büchern begriffen. Viele Schrif- 
ten sind verloren gegangen, darunter die ,Politien^ (über 
458 alte StaatsverfEtssungen), andere ihm untergeschoben. 

Seine Philosophie, welche, den Griechen zu trocken, den 
Römern zu speculativ, lange in geringerer Achtung stand, 
gewann neues Ansehen am byzantinischen Hofe und bei 
den Arabern und genoss, von diesen in Europa eingeführt, 
während des Mittelalters einer überspannten Verehrung. 
Descartes (4 596 — 4 650) stürzte ihr Ansehen, Newton (4 64S — 
1727) und Locke (1632 — 1704) hoben es wieder. 

Stahb, Aristotelia, 4830< Michblbt, Examen crit. de ToiiTn^ 
d^Aristot. etc., 4836. Ravaisson, Essai sur la metapbys. A., 4836» 
JouBDAN, Geschichte d. Arist. Schriften im Mittelalter (deutsch von Stahr 
4834). Ausg. sämmtlicher Werke von Stlburg 4587, Casaubohub 4690; 
▼on der zweibrücker Ausg. durch Buhle erschienen nur 5 Bde., 4794—4800. 
Die Akademie der Wissensch. za Berlin veranstaltet seit 4834 eine Ausg. 
durch Bbkkbb mit lat. Uebersetz. u. Auszügen aus den alten Commenta- 
toren, die Brandts besorgt hat. Rhetorik Ton Rbiz u. Gabyb; Poetik 
von Hbbmann , Gbätbnhan u. Rittbb ; Ethik von Zell u. Kobais ; Meta- 
physik von Bbandis u. Bonitz; Politik von Schneider, Kobais u. G5tt- 
LiHO; Zoologie von Sohnbideb; die Bücher von der Seele von TBBBDBLBif- 
BUBo; Meteorologie von Idblbb etc. 



Sechzehntes Capitel. Hellenen. 125 

§. 499. Des Aristoteles Nachfolger war Theophrast aus 
Eresos auf Lesbos (392? — 286), zugleich Begründer der 
Pflanzenkonde ^ Sein vorzüglichstes philosophisches Werk 
sind seine Sittengemälde (,'H^xol xapcüc^^e^') in 30 Capi- 
teln ■. jThiergeschichte' '. 

1 Ausg. Ton Staokhousb 4843 u. Sprengel 4822, mit Ueberseti. u. 
Eiiäatenmgen. — * Ausg. von Sibbbnkbes 4798, Sohkbidbb 4799, Ast 
4846; deatsch yon HoUinger 4810. — ' Ausg. von Sghnbidbb 4784 u. 
Jagobs 4832. Ausg. des Ganzen von Dan. Hbinsids 4643, Sohnbidbb 
4848—24, Wimmbr 4846. 

c) Geschichte. 

§• 200. Die Geschichte nahm bei den Ghriechen ihren 
Ursprung aus der Sage ((jiu^otoxoc 'EXXctc), daher ihr 
poetisches Gewand. Die Gründungen der Städte (xT^aei^) 
waren der G^enstand für die Sagenerzähler oder Logo- 
graphen: Kadmos, Dionysios und Hekatäos von Milet, 
Charon von Lampsakos, Xanthos den Lyder, Pherekydes 
von Leros und Hellanikos von Mitylene, deren Werke nur 
noch in Bruchstücken übrig sind. Ausbildung aller 
Hauptformen der Geschichtschreibung schon in der 
Periode der Freiheit durch Herodot, Thukydides 
und Xenophon für die allgemeine Geschichte, die 
Geschichte der eigenen Zeit und die der eigenen 
Thaten. 

Hisioricor. Graecor. frsgm. von Cbbüzbr 4806 u. MOllbr 4840. 
KlassbN} Hecataei fragm. 4834. Ukbrt, Untersuchungen über d. G^gr. 
des Hekatäos, 4844. Fragm. des Pherekydes von Stürz 47S9 (3* A. 4824) 
und MatthiX in den Vermischten Schriften, 4833^ Stürz, Fragm. d. Hella- 
nikos, 4827. VossiüS, De historicis Graecis, 4654 » neue A. von Wbstbr- 
MAHN 4838. Mbrlbkbb, Die histor. Schuldisciplinen, 4834, I, 466fig. 

§. 204. Mit Herodotos von Halikamass (484 — 408?) 
hebt der Kanon der Alexandriner für die Geschichte 
an, der ausser den vier grossten Historikern, Herodot, Thu-^ 
kydides, Xenophon und Folybios, noch sechs andere eni» 
hielt, deren Werke bis auf wenige Fragmente untergegangen 
sind, Theopompos von Chios, Ephoros von Kyme, Anaxi- 
menes von Lampsakos, Kallisthenes von Olynthos, Hellas 
fükoB von Lesbos und Philistos aus Syrakus. 

Herodofs angegriffenes, aber befreites Hellas, verfloch« 
ten in eine allgemeine Geschichte der damaligen Haupt- 
volker, wurde die grosse, allgemein interessante Nation 




126 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

angelegenheit und reihte sich würdig an die Homerischen 
Werke an. 

Herodot, auf Reisen in Griechenland^ Makedonien, Thra- 
kien, Babylon, Memphis und Libyen gebildet, las Theile 
seines Werks auf den olympischen Spielen 457 und an den 
Fanathenaen 446 vor, starb in Thurii in Unteritalien, Sein 
Werk, Ton den alexandrinischen Ghrammatikem in nenn 
Bücher zerlegt und nach den neun Musen benannt, nmfasst 
den Zeitraum von 720 — 479 und ist treu und rechtschaffen 
gearbeitet K 

> Ausgaben von Aldus 4502, Gbokov 4745, Wssselino u. Yalckb- 
MABB 4763, Beii n. Schäfer 4800 — !22, Sohweiohausbb 4806, Gaisfobd 
4824, Bahb 4830 — 35. Erklsnmg von Stein, 4855. UebenetiEiu^^ : Utein. 
▼on Laur. Valla 4474, französ. yon Larcher 4786, meisterhalte deotscbe tod 
hange 4840, Scholl (4 4 Bde.) 4 828 — 32. SobtwbiqhXvsee , Lezieon Herod., 
4824 Q. 4844. Rennell, The geographicai System of H., 4800 (8« A. 4832; 
deutsch von Bredow 4802). Bobbik, Geogr. d. H., 4838. Dahlmaiib, Herodot, 
aus s. Buche s. Leben, 4823. Blum, Herodot a. Ktesias, 4836. Hbtbb, 
De H. Tita et itinerib., 4826. Waabdebbubo, De naÜTa simplioltate Her., 
4830. HoFFMEiSTEB, Sittlich -religiöse Lebensansicht des H.^ 4832. 

§. 202. Thukydides, des Oloros Sohn aus Athen (474 — 
402?), Befehlshaber in Amphipolis, verbannt, ermordet, schrieb 
die Geschichte des Peloponnesischen Kriegs (434 — 440) mit 
Wahrheitsliebe und Ejritik in acht Büchern. Seine Diction 
wird als das vollkommenste Muster des Atticismus betrachtet. 
Seine Fortsetzer sind Xenophon, Kratippos und Theopomp. 

Ausgaben von Wasse u. Dukeb 4744, Poppo 4824 — 40, Bloomtield 
4842, Koch, mit der meisterhaften latein. Uebersetzung Enehke^s, 4846. 
Deutsche Uebersetz. yon HeiUnann 4760 (neueste Umarbeitung Ton Bredow 
4823), Jacobi 4804—8, Oaiander 4826—29, Müller, Klein, Kämpf. 
Mjjikellinob' griech. Lebensbeschreibung des Thuk. bei Westermann ^ in 
Biograph! graeci minores, 4845. Dodwell, Annales Thuc. , 4702. Crbu- 
ZER, Herodot u. Thuk. etc., 4798- Roth, Ueber Thuk. u. Tacitns, 4842. 
Kbügeb, Untersuchungen über des Thuk. Leben, 4832* Wuttkb, De 
Thuc. etc., 4839. Röscher , Leben, Werke n. Zeitalter des Thuk., 4842. 

§• 203. Xenophon, des Gbyllos Sohn aus Athen (446—356), 
in der Schlacht bei Delion 424 von Sokrates gerettet, mit 
den Zehntausend in Asien 404 , aus Athen wegen seines La^ 
konismus verbannt, gestorben in Skillus bei Olympia in Elis. 
Seine Werke : ,' Avoßaoic^ (Zug ^^^ Zehntausend gegen Arta- 
xerxes ü. Mnemon und Rückzug nach der Schlacht bei Ku- 
naxa 404 und Kyros^ d. Jüngern Tod), /E^XiQvtxa^ (griechische 
Geschichte als Fortsetzung des Thukydides, 440 — 362), 
^upou 7üai5eiV (Geschichte des altem Kyros, ein historischer 
xloman im Sinne des Orients), ,'A7uo|i.yy)|i.oveu|i.aTa 2oxpa- 



Seckgehntes Capitel. Hellenen, 137 

xoucS ,2ujjL7c6ötovS /AyeofXao^S ,Ob<ovo|j.i)e6(;S ,Kuvir]7eTt)co(;S 
,nepl TcoXiTefo^ AaxeSai[jLOv(<>>v xat 'A^vafovS ^üdpoi «^ Tcept 

AnBgaben von H. Stbphanus 4564, Lbüholaviüb 4569 etc., Wblls 
4703, TmBitt 4763, Wbiskb 4798 — 4804, Gail, mit franz. Ueberaetx., 
4804 — 46, ScmiBiDBB 4825—40, Bobnbmann 4828—44, L. Dindobf 
4839. Anabasis von L. Dindobf 4804, 4825 n. 4829, KbOgbb 4825, 
Gbafv 4842; dam die BrlänternngeB ron Rbbhbll 4847 (denttch von 
UoH 4823) n. Aibswobth 4844. Kyropädie von Poppo 4824, L. Dih- 
DOBF 4824 n. 4830, Jagobitz 4843* Hellenika von Mobus 4778, L. Bin. 
i>oBv 4824 n. 4834. Memorabflien von Ebhbsti (mit RumiKBif'a n. Yalckb- 
NABB't Koten, 5. A.) 4772, W. Dibdobv 4825, Hbbbst 4827, L. Dikdobp 
4834, Sacppb 4834, Sbtffbbt 4844. Symposion von Bobnbmann 4824, 
Hbbbst 4830. Hiero von Fbotsobbb 4822, Gbaff 4842. Agesilaos von 
Hbilahd 4844. Oekonomikos von Bbbitbrbaoh 4842. De rep. Lacedaem. 
ron Haabb 4833. De re eqnestri von Coubibb 4843, F. Jacobs 4825. 
Scripta minora von L. Dikdobf 4824. Gastmahl, Hiero n. AgesUaos von 
Havoy 4825 n. Saüppb 4844. Uebersetznngen von einem Verein von Ge- 
lehrten {Walz, Finkh, Tafel, Oslander) 4827 — 34, Meyer 4827. Ana- 
basis von Becker 4802 n. Halhkart (2. A.) 4822. Kyropädie von Meyer 
-4843 n. Neide 4826. Denkwürdigkeiten des Sokrates von Weiike 4794, 
Knnkardt 4802, HotHnger 4849, Froböse 4824. Stübz, Lexicon Xen., 
4804—4. Dodwbll, Chronologia Xen., 4700. Cobbt, Prosopographia 
XeniM^hontea, 4836. Cbbubbb, De Xen. historico, 4799. KbCobb, De 
vIta xen. qnaest eriticae, 4822. 

§• 204. Ktesias war Leibarzt bei Kyros d. Jüngern, bis 
zu dessen Tode 404 , dann bei K5nig Artaxerxes II. Mnemon 
von Persien und schrieb aus persischen Beichsannalen eine 
persische, assyrische und indische Geschichte K 

Theopompos aus Chios (im 4. Jahrh.) schrieb 12 Bücher 
^Hellenika' als Fortsetzung des Thukydides bis 394 und 
58 Bücher ,Philippika^ ^ 

Philistos \ Ephoros ^. Von den Geschichtschreibem 
Alexander's d^ Gr. (Kallisthenes *, Klitarchos, Hieronymos 
Ton Eiurdia, Ftolemäos Lagi u. A.) sagt Quintilian: ,Inge- 
niom probatur, fides infamatur': das Staunen über wunder- 
gleiche Thaten und Natnrgestaltungen verderbt die Ge- 
schichte zur Fabelei ^ 

> Fragm. Ton Liob 4823, B£hb 4824. Ueber ilin Rbtti« 4827 u. 
Blum 4836. — ^ Fragm. Yon Wighbbs 4829, Tbbiss 4837, MOllbb 
(Historicor. Ghraecor. fragm.) 4844. Ueber ihn Aschbach 4823 n. Pflugk 
«827. — * Fragm. über Sieilien bei Göllbb, De situ et origine Syraensarom, 
4848. •— ^ Hanptquelle des Diodor. Fragm. von Mbibb-Mbbb 4845. — 
^ WBSTBBMANir, De Callisthenis vita et scriptis, 4838. — ^ St.-Cboix, 
Sxamen des historiens d*Aiex. le grand, 4775. Gbibb, Alex. M. historia- 
nun seriptores aetate suppares, 4844. Dbotsbb, Alexander d. Ghr., 4833. 
Flathb, Gksch. Makedoniens, 4832. Otf. MOucbb, Usber d. Wohnsitze 
d. makedon. Volks, 4825. Vaillant, Hist. Ptolemaeor., 4804. Hbtnb, 
De genio seculi Ptolem., in s. Opnsc. acad., 1785, Bd. 4. Dbumamii, De 
reb. Ptolem., 4824. 




128 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

d) Beredtsamkeit. 

§. 205. Die eigentliche Staatsberedtsamkeit ist blos 
in Athen zu Hause. Man unterscheidet politische, gericht- 
liche und epideiktische Redner oder sogenannte Bhetores 
und Sophisten, wie sie sich in späterer Zeit nennen '. 

Der alexandrinische Kanon enthielt folgende zehn at- 
tische Redner: Antiphon, Isokrates, Andokides, Lysias, 
Isäos, Demosthenes, Aeschines, Hyperides, Lykurgos und 
Dinarchos, die alle zwischen 420 und 320 in Athen blühten*. 

1 KöLBR, Vergleichnng d. alten n. neuen Redekunat, 4786* Po an 
Hbusdb, De antiqua eloquentia com recentiore comparata, 4806. BüBNKBir, 
Hiflt. crit. orator. Graec., vor dessen Rutilius de figuris. Bsun db Ballü, 
Eist. crit. de T^loqnence chez les Grecs, 4813* Mabso, Ueber d. Bildung d. 
Rhetorik nnter d. Griechen, in dessen Vermischten Abh. n. Aa£i., 4884. 
WBSTBBMANif, Gesch. der Beredtsamkeit in Griechenland a. Rom, 4833« 
Gbos, £)tndes snr T^tat de la rhetorique chez les Gr., 4835. Böhhobx, 
Forschungen anf d. Gebiete d. attischen Redner, 4843 fg. — ' Sammlungen 
der Oratores Graeci vonRBiSKB 4772, Bbkkbb 4823, Baitbb u. Savppb 4841 

§. 206. Antiphon aus Bhamnus in Attika (i80 — 444), 
Lehrer der Beredtsamkeit, der selbst nur ein mal oflfentlidi 
redete, der Verrätherei angeklagt und hingerichtet. Seine 
Reden zerfidlen in Sixavixof, irrnKtiyogoiol und iToSeuccueoi, 
und ihrer sind noch 17 ^. Auch schrieb er eine ,T^vi) 

Andokides der Athener (geb. 467) starb mit Atimie be- 
legt im Exil. Reden : ,nepl täv |i.uaT7jp{ovS ,EaTa ' A)jttßi(£5ouS 
,nepl vffi lauToO xa^65ou' und ,n6p^ riji; Tcpo^ AaxcSottpLOvfouc 
elpr^v^S 388«. 

Lysias aus Athen (geb. 458), Sohn d^s Syrakusiers Kcr 
phalos, ging mit Herodot 444 nach Thurii, unterstutzte das 
Unternehmen des Thrasybul gegen die Dreissig Tyrannen, 
ist auch rhetorischer Technograph. Von seinen 200 Beden 
sind noch 44 unvollständig übrig, darunter auch ,A6yoc itCL- 
Tctfioc^ auf die mit Iphikrates 389 den Eorinthem zu Hülfe 
geschickten, aber gefallenen Athener K 

Isokrates von Athen (436 — 338), Schiller des Prodikos 
und Gorgias, Lehrer der Beredtsamkeit, aus dessen Schule 
die grossten Redner und Schriflsteller hervorgingen, redete 
aus Mangel an Dreistigkeit nie öffentlich oder doch nur 
sehr selten, liess sich für den Unterricht 4000 Drachmen 
(ä 7 Sgr. 2 Pf, = 240 Thk.) zahlen und erhielt von Konig 
Nikokles 20 Talente (etwa 27,120 Thlr.) für eine Rede. Noch 



Sechzehntes Capitel, Hellenen. 129 

sind 34 Beden übrig, darunter der ,Panegyriko8^, in wel- 
chem die Griechen zur Eintracht gegen die Perser ermun- 
tert werden^, und der ,Panathenaiko8^, eine Lobrede auf 
Athen, die erste Stelle einnehmen. Er starb eines frei- 
willigen Hungertodes, als er von der Niederlage bei Chä- 
ronea gehört hatte ^ 

Isäos aus Athen oder Chalkis, Lehrer des Demosthenes. 
Noch elf Xo^ot xXiQpixoC ®. 

Lykurgos, Lykophron^s Sohn, von Athen (408—328), 
aus dem Geschlechte der Eteobutaden, zwölf Jahre lang 
Schatzmeister der öffentlichen Einkünfte. Von seinen 45 
Beden ist nur noch die eine gegen Leokrates übrig ^ 

Aeschines von Athexi, Sohn eines Freigelassenen, ge- 
wandter Staatsmann, Gesandter im Peloponnes 348 und an 
Philipp mit Demosthenes 344, fiXiTCTC^^ov, ^^on Demosthenes 
in dem Processe icepl ors^avou 330 besiegt, geht freiwillig 
3S4 in die Verbannung nach Bhodos, wo er eine Bedner- 
schule errichtet und 314 in Samos stirbt. Noch drei mit 
den Namen der Grazien von den Alexandrinern überschrie- 
bene Beden und zwölf unechte Briefe ®. 

Hyperides von Athen, Freund des Demosthenes, den er 
jedoch einmal anklagt, dass er sich habe von Harpalos be- 
stechenlassen, von Antipater hingerichtet 323. Von 52 Beden 
noch eine übrig unter denen des Demosthenes *. 

Deinarchos von Korinth (360 — 319), des Theophrast 
Schüler; noch drei Beden ^^. 

Demades von Athen, nicht im Kanon, von niederer Her- 
kunft, im Dienste der makedonischen Könige. Noch ein 
für unecht gehaltenes Fragment einer Bede übrig ^^ 

' Ausg. von Matznbr 4838. — ^ Ausg. von Schiller 4835. lieber- 
setziing von Bekker 4832. — ^ Ausg. von Förtsch 4829, Franz 4831, 
eine Auswahl von Brbmi 4826. Hölsohbr, De vita et scriptis Lysiae, 
48B7. —- ^ Daher der antdmedische Hellenist genannt. — ^ Ansg. von 
Lamqb 4803, Korais 4807, W. Dindorf 4825, Bremi 4834, Baitbr u. 
Saoppb 4839; des Panegyrikos von Spohn 4847, Pinzobr 4825, W. Din- 
dorf 4826, Baitbr 4834; des Areopagitikos von Bergmann 4849 u. Ben- 
SBLBB 4832; des Euagoras von Bbnsblbr 4834; De permatatione (avKSoaiO 
▼on Brbmi 4844, Orelli 4844. Uebersetzungen : französ. von Auger 478t, ital. 
von Lahanti 4842, deutsch von Benseier 4 829 --34, Christian 4833—36; des 
Panegyrikos von Lange 4797 (2. A. 4833) u. Hoffa 4839; An den Demoikos 
▼on Drescher 4826. ScmRAcn, De vita etc. Isocratis, 4765. Pfund, De Isoer. 
vita et scriptis, 4 833. — ^ Ausg. u. Uebersetzung von Schömann 4 830, französ. 
v<^n Auger 4783. Libbmann, De Is. vita et scriptis, 4834. — ^ Ausg. von 
Ohmrich 4824, Becker 4824 , Osann 4824, Pinzoer mit deutscher lieber- 
seizung 4824, Blume 1828, Baiter u. Sauppe 4834, Matzner 4836; deutsche 

Mbvlkker. 9 




130 Zweites Buch. Elhnodoktologie. 

Uebersetz. von Simon, NüssHn. Die Fragmente der übrigen Redoi von 
EiBSSLiNo 4834. NissBH, De vita et reb. gestis Lycurgi, 4833- Blums, 
Narratio deLyc, 4834. — ^ Ausg. von Bbbmi 4822 n. dentsdie Uebersetz. 
4828. — ^ KiBssLiNO, De Uyperide, 4837. -^ ^^ Aasg. von Scbmid 4826, 
Commentar von Wubm 4828. — '* Lbabdt, De Donade oratore Aäie- 
niensi, 4834. 

§. 207. Demosthenes (Oatavtsui;) der Athener (386 — 383), 
Solm eines Waffenschmieds, Schüler des Piaton, Euklid 
von Megara und Isäos seit 364, der grösste Bedner des 
Alterthums und Gegner Philipp^s von Makedonien, starb im 
Tempel des Poseidon auf Kalauria an GKft. Auf der in 
Athen ihm errichteten Statue lautete die Inschrift: 

Ovtcot' 5v *£XXi{v«»v i^pEcv "'Apt)? Maxe($i&v K 

Wir besitzen von ihm 61 Reden und 65 Eingänge und Ent- 
würfe, welche die alten Rhetoren in drei Classen ordnen: 

4) Siebzehn Xoyoi oufjißouXsuTixoC oder Staatsreden: ,nspt 
oup^ioßt^v^ 354, ,nepi ouvro^eti)^^ (ob unecht?), ,nspt McyaXoiooXi- 
TÖv' 353, ,nspi T^c ™v 'Po8(ov ^u^epCai;' 350, ,IIspl xfiv wpc^ 
'AX^av5pov auv^>efiv^ 325 oder 324 ; von den zwölf Reden, 
welche sich auf die Streitigkeiten mit Philipp beziehen, 
wurde die erste 354, die zweite, dritte und vierte 348, die 
fünfte 347, die sechste 346, die siebente 345, die achte 344, 
die neunte 343, die zehnte und elfte 342, die zwolflbe 341 
gehalten : 1 . und 2. (zwei Theile) ,npb(; $tXt7C7cov Xo^oc Äpöro^S 
3. 4. 5, /OXuv^axol Tpei(;S 6. ,n6pl Tr^^ etpiQ'^^S 7. ,Eai:a 9i' 
XtTCTcou Xoyoi; SeuTspoi;', 8. ,nspi -riji; ' AXoviqaoüS 9. ,nspl xfi» iv 
Xe^^oyiqa^ TupaYfJuxTov ^ b Tcepi Aioice(^oi)^, 1 0. ,Kam $tXäc7cou 
\6jo^ xpirocS 11. ,Kaxa ^tXfjncou Xöyo^ x^TopTOC*, 12, /O npo^ 
TTjV ^tX^TCTcöu ^xwToX'Jjv Xoyo^'. 

2) Vierundzwanzig Xoyot 8txavtxo{, darunter 11 crimina- 
listische : gegen Meidias, ,nepl TCopaTüpeaßefo^^ g^g^i^ Aeschines, 
,nepl aTe^avou' gegen Aeschines (Ulpian's Anekdote von dem 
(jl{o^(i>to(;), gegen Leptines, Androtion, Timokrates, Aristo- 
krates. Aristo geiton, Theokrines, Eubulides^ Ausspruch, 
Neära; die übrigen 13 sind bürgerliche Actionen (56cai). 

3) Zwei Xoyoi ^TCtScocrixot *. 

^ Ueber ihn Plutabgh und Diokts von Halikabhass. Lobschriften 
aal ihn von Libanios und Lukianos (Psendo-Lukianos). Bbokbb» De- 
mosthenes als Staatsmann n. Redner» 4846 (2. A. 4830), ist die beste 
historisch -kritische Einleitung zn seinen Werken. Jbnisob, Aesthetiaeh- 
kritische Parallele der beiden grössten Redner des Alterthums, Demosthenee 
u. Cicero, 1«04. — * Ausgaben von Aldüs 4604, Fbliciahus 4543, Hbs. 
Wolf, mit Ulpian's griech. Commentar u. lat. Uebersetz., 4549, 4572, 



SeektehtUes Capitei. Hellenen, 131 

Tatlob 4748, 4757,.Scbafbb 4822—26, W. Dikdobf 4826; Orationes 
sdeetae von Brbmi 4829, Rbütbb 4833; De corona von Dissbn 4837; 
In LeptiDem Ton F. A. Wolf (2. A. von Bbbmi 4834); In Midiam von 
BoTTMAXM 4823 (3. A. 4844), Blumb 4828, Mbtbb 4832; In Androtionem 
von FuHKHABBL 4832; Pbilippicae von Yömbl 4829 — 33, Fbankb 4842; 
Olynthiacae von Fbotsghbb u. FdnkhXnbl 4834. Deutsche TJebersetz. von 
Reiske 4764—68, F, Jacobs (Stoatireden) 4833; Für die Krone von F. v. 
Raumer 'iSU'f die Pbilippischen von Becker 4823 — 25; franz. von Auger 
4 777 (neue . A. von Planche 4 84 9 — 24 ) ; engl, von Leland 4 756 — 70 
(n^ieete A. 4844). Wbstbbmann, Qaaest. Dem., 4830 — 37. Soholtbr, 
De Den. eloqnentiae charaotere, 4835. 

IV, Die alexandrinische Periode. 

§. 208. Die alexandrinische ist die systematisirende, 
kritisirende Periode. Dem Schaffen folgte auch bei den 
Griechen da9 Sammehi, Lernen, Erklären; dem Erfinden' 
die Gelehrsamkeit. Alexandria in Aegypten, schon durch 
seine gunstige Lage zum Sitz der Cultur bestimmt, ward 
von den kunstliebenden Ftolemaem auch zum Sitz der Ge- 
lehnsuunkeit gemacht. Mit ihr wetteiferten die Schulen zu 
Khodos und Pergamos (besonders unter Attalos I. und Eu- 
menes IL) seit 9I83, Elaiser Claudius stiftete zu Alexandria 
ein neues Museum, und so behielt diese Stadt auch unter 
der Begünstigung der römischen Kaiser ihre Gelehrten- 
schule. 

Dbumanb, Gesch. d. Verfalls d» griech. Staaten, 4844, u. De reb. 
Ptolemaeor., 4824. Champollion-Fiobac, Annal. des Lagides, 4849. Lb- 
TBomiB, Recherches ponr servir a lliist. de T^gypte, 4823, u. itecneil des 
inscript. grecqaes et latiifies de TEgypte, 4843. 

§. 209. Die grösste Bedeutung erlangten die Gramma- 
tiker, worunter man nicht blosse Sprachlehrer oder Sprach- 
forscher, sondern Philologen und Literatoren, die ebenso wol 
Sachen als Worte erklärten, zu verstehen hat, eine Art 
Encyklopädisten. Ihr Verdienst ist, mit vereinter Kraft 
die vorhandaien Denkmäler der Cultur und Literatur ge- 
sammelt, geprüft', beurtheUt (in Kanones redigirt) und für 
die folgenden Geschlechter aufbewahrt zu haben. Die Ho- 
merischen Gesänge gaben den meisten Stoff zu Untersuchun- 
gen dieser Art. Leider sind die Werke der älteni Gram- 
matiker fast alle verloren gegangen, des Zexipdotos ^ und 
seiner Schuler Aristoph^nes^ von Byzanz und Ari^rphos 
von Samothrake ^, des berühmtesten Kritikers des Alterthums. 

In ihrem Kanon standen in der zweiten Classe der Tra- 
giker sieben aus der alexandrinischen Zeit, die sogenann 

9* 




i 



132 Zweites Buch. Elhnodoklologie. 

tragische Plejade, von denen keine Schrift mehr existirt, 
und die sogenannte dichterhiche Plejade: Apollonios von 
Rhodos, Aratos, Lykophron, Nikandros, Theokritos und 
zwei ganz unbekannte: Philiskos und der jüngere Homeros. 
Aristarch^s Gegner war Krates von Mallos in Kilikien, 
Stifter der pergamenischen Schule, Gesandter und Forderer 
der griechischen Literatur in Rom (167)^. Zoilos o|JLiqpo- 
(jLaan^. Apollonios der Sophist, 30 v. Chr. *. Eratosthenes 
von Kyrene (276 — 194) war mehr Astronom und Geograph 
als Philolog ®. Philo von Byzanz ^. Didymos Chalkenteros, 
30 V. Chr. Der Mythograph Apollodoros von Athen, Schüler 
des Aristarch, Panätios und Diogenes (440 v. Chr.).®. 

^ Hbffter, De Zenodoto eiusque stndiis Homericis, 4839- -=— ^ Ein 
noch übriges Fragment des Aristophanes gab Boissonadb 4889 heraus. 
Schmidt, De Callistrato Aristophaneo , 4838. — ^ Lbhbs, Da Aristarchi 
stndiis Homericis, 4833. — * Wbobneb, De anla Attaiica etc., 4836« — 
^ Fragm. von Yilloison 4773 n. Tollius 4788. — ^ Bbbubabdt, Era- 
tosthenica, 4822. Die Katasterismen von Schaubagh 4795 Q. Mattbia 
4847. Wilbbro, Die Constmction der allgem. Karten des EratoetheneB, 

4834, u. Das Netz der allgem. Karten des Eratosthenes u. Ptolemäos, 

4835. — ^ Obblli, Phäbnis Byz. libellus de Septem orbis spectacnlis, 
4846. — ® Ausg. von Hbtnb 4782 n. 4803, Clatibb, mit frans. UeberaetB., 
4805) Wbstbbiianh, in den Mythographi Graeci, 4842. 

§. 210. In der Poesie sollte Kritik das Genie ersetzen, 
daher sind die Alexandriner meist Dichter und Grammatiker 
zugleich K 

Die Argonautik des Rhodiers Apollonios aus Alexandrien 
oder Naukratis nennt Quintilian ,non contemnendum opus 
aequabili quadam mediocritate' ^. 

Ein verkünstelt dunkles, prophetisch -episches Monodrama 
ist der Monolog von 430 Jamben: , Alexandra^ oder ,Kas8andra^ 
des Lykophron aus Chalkis in Euboa (250) •. 

Das Lehrgedicht nahm seinen Stoff aus der Astrognosie, 
Geographie und Gastronomie. — Archestratos vom GMa, 
Zeitgenosse des Aristoteles, schrieb eine ,raaTpoXoY{a' oder 
,raaTpovo(jL^a', auch ,Aet7uvoXoYia' oder ,'0|K)7tottaS welche En- 
nius unter dem Titel ,Carmina hedypathetica^ übersetzt haben 
soH. Bruchstücke finden sich bei Athenäos. — Dikäarchos 
vonM^ssana: ,'AvaYpa9'i] xal ßtoc x^<;'EXXa8o(;', inlamben*. — 
Der berühmteste Lehrdichter ist Aratos aus Soli (spater 
PompejopoUs) in Kilikien, am Hofe des Antigonos Gona- 
tas (276 — 239') : ,$atv6pisva' und ,Aioöif]pietaiS in Hexametern, 
bewundert von Ovid (,cum sole et luna semper Aratus erit'). 



Sechzehntes Capitel. HeUenen. 133 

übersetzt von Cicero und Cäsar Germanicus (Bruchstücke) 
und Bufds Festus Avienus (vollständig); noch vier Com- 
mentare darüber aus dem Alterthum^ — Nikandros (470) 
aus Kolophon: ,0ir)ptaxa^ (von giftigen Thieren und den 
Heilmitteln gegen ihren Biss) und /AX6$t9ap(i.axa' (von Heil- 
mitteln gegen vergiftete Speisen und Getränke) ®. — Skymnos 
von Chios (88 v. Chr.) und Dionysios der Perieget aus 
Charax am arabischen Meerbusen (40 v. Chr. oder gar 
300 n. Chr.) sind Verfasser einer jIIepnfJYTjaK; t^c otxoufxsvTj^'. 
Das letztere Werk commentirte Eustathios und übersetzten 
Avienus und Priscianus ins Lateinische, Bremi ins Deutsche ^. 

1 Manso, Vermischte Schriften, iSOi, Bd. 4. Matteb, Essai historique 
sor Tecole d'^ex., 4820. — ^ Ausg. von Brunck 4780) Souafeb 4840 — 43, 
Wbli«ausr 4828. Deutsche Uebersetz. von Wülmann 4832. Wbighbbt, 
Ueber d. Leben u. Gedicht d. Apollon., 4824. — ^ Isaak u. J. Tzbtzbs 
schrieben darüber Commentare. Ausg. von Pottbr 4697, 4702, Sböastiani 
4803» M6LLBR 4844, Bachmann 4830. Nibbuhb, Ueber d. Zeitalter Lyko- 
phron's des Dunkeln, in den kl. histor.-phiiol. Schriften, 4 828. — ^ Fragm. von 
Fumt 4844. — ^ Ausg. von Bühlb 4792 — 4804 , Buttmann 4826, Bbkkbb 
4828. Deutsche Uebersetz. von Voss 4824, franz. von Halma 4823* — 
^ Auflg. von Bandini, mit ital. Uebersetz., 4764, Schnbideb 4792, 4846, 
Lbhbs (mit lat. Uebersetz.) 4845. — ^ Nachgelassene Schriften 4826. 
Ausg. von Passow 4825, in den Geograph! minores von Hudson 4703» 
Gau. 4828, Bbbnhabdt 4828. Lbtbonne, Fragments des po^mes geogra- 
phiques de S. de Chio etc., 4840. 

§. 24 4. Für den vorzüglichsten elegischen Dichter hält 
Quintilian den Eiillimachos aus Kyrene (300), des Battos Sohn, 
den Catull und Properz nachahmten und von dem Ovid sagt : 

Battiades semper toto cantabitur orbe, 
Quamvis ingenio non valet, arte valet. 

Erhalten sind 73 Epigramme, 6 Hymnen und Fragmente. Das 
Gedicht auf das Haupthaar der Berenike, welches Konon unter 
die Sternbilder setzte, kennen wir nur aus Gatull's lateinischer 
Uebertragung K Unmittelbar an Kallimachos reihten die alten 
Kunstrichter den Philetas von Kos an, der von so dünner 
und leichter Gestalt gewesen sein soll, dass er habe Blei 
in den Sohlen tragen müssen, um nicht vom Winde fort- 
geführt zu werden *. Sein Freund und Schüler Hermesianax 
verfiisste unter dem Namen seiner Geliebten Leontion drei 
Bücher Elegien erotischen Inhalts ^. 

> Ausg. von Gbävius 4697, Ebnbsti 4764, mit Spanhbim's gelehrtem 
Commentar, Blomfibld 4845. Luzac, Elegiarum fragm., 4799. Deutsche 
Uebersetz. von Ahlwarät 4794 n. Schwenck 4824. Schmbidbwin, Delectus 
poeseos Graec. elegiacae etc., 4848. — ^ Fragm. von S^atser ii. Bach. — 
^ Ausg. von RiBOLBB u. Axt, Gf. Hbrmann, Bd. 4. der Opusc. , Bach, 
Bailbt; Weber*s Üebersetzung. 




k 



134 Zweites Buch. Ethnodoklologie. 

§. 242. Der grSsste bukolische Dichter, sogleich 
Vorbild Virgil's, ist Theokritos von Syrakus (3ffO), Ton 
welchem wir 30 in veredeltem dorischen Dialekt geschrie- 
bene, hexametrisch eingekleidete ,El5uXXta^ und 24 Epigramme 
besitzen ^ Neben ihm stehen Bion von Smyma * und Mos- 
chos von Syrakus. 

1 Ansg. TonREiSKB 4765, Valckbnaeb n79, Hsiitbobf 4840, Kibss- 
LiNO 4849, F. Jacobs 4824, Gbbl, Boissobadb, Mbihbkb 4826 n. 4836, 
ZiBOLBR 4848, Prachtausgabe von Wabton 4770 u. Sgh&bbb 4840. I>eat8che 
Uebersetz. von Voss 4808 n, 4845, WiUer, Naumann. HbbdbA, lieber 
Theokrit n. die Idyllenpoesie. EichstIdt, De canninnm Theoer. ad ge- 
nera sna revocatornm indoie ac virtutibns, 4793* — ' Ansg. vonMBMT- 
KBRKE, Hbslin, Jacobs, VITakbfibld; übersetzt von Manso, 

§. 243. Die stoische Philosophie wurde 440 v. Chr. 
durch Panätios von Rhodos in Rom bekannt. Poseidonios 
von Apamea kam 52 v. Chr. nach Rom. — Der berühmteste 
Epikuraer zu Cicero^s Zeit (60) war Philodemos aus Gkulara 
in Colesyrien. — Am ber&hmtesten wurden die alexandri- 
nischen Neuplatoniker, welche Plato mit orientalischen 
Ansichten in engere Verbindung zu setzen suchten. (Unten 
§. 278.) 

FiCHTB, De philos. novae Platonicae origine, 4848. Boutbrwbk, 
Philosopborum Alexandrinorum ac neoplatonicomm recensio accoratior, 4824. 
Simon, Hist. de T^cole d'Alex., 4845« Babthblbiit St.-Hilaibb, De 
Tecole d'Alex., 4845. 

§. 244. Unter den Historikern dieser Zeit steht obenan 
Polybios aus Megalopolis in Arkadien (205 — 423), Sohn 
des Lykortas, Schüler Philopomen^s, seit 466 als Geisel in 
Rom im Umgange mit den Scipionen, Augenzeuge der 2ier- 
storungen von Karthago und Korinth. Sein Werk in 
40 Büchern umfasst den Zeitraum der allgemeinen Ge- 
schichte von 390 — 446; erhalten sind nur die ersten fünf 
Bücher vollständig ^. 

Diodoros aus Argyrion (San-Filippo d'Agirone) auf Si- 
cilien, daher Sikelos beigenannt, ein Zeitgenosse Cäsar^s und 
Augustes, schrieb eine allgemeine Geschichte in 40 Büohem 
unter dem Titel: ,61^X10^x7) [oropiXTQS von den ältesten Zeiten 
bis 60 V. Chr.; noch vollständig sind Buch 4 — 5 und 44 — 20» 
Fragmente, von Buch 6 — 4 und Auszüge (bei Photios) der 
letzten 20 Bücher von Ang. Mai *. 

Sein Zeitgenosse Dionysios von Halikamass lebte seit 
34 V. Chr. 22 Jahre in Rom und schrieb römische Geschichte 
in 22 Büchern von Erbauung der Stadt bis zum ersten Pu- 



Sechzehntes CapUel. Hellenen* 135 

nischen Kriege, doch sind nur die ersten elf Bucher er- 
halten bis 444 VvChr. ' 

Dionys gehört auch zu den Literatoren durch folgende 
Schriften: ^IIspi ouvS^ccj^ ovojiätov' *, ^T^X'^ ßiqToptxTi'*, 
,Töv agf^fcdo^f xpfoic' *, ^IIspi xöv 'Arctxöv fiqTopöv u7co|JLV)r)|xa- 
Tta|xo{*, ,nspi To5 9oux\)SiSou yi^oLgcCKxyigo^ xal tov Xotxov tou 

1 AoBgaben seiner JIpay\ULTiKr^ aTCodeiStc ^od Casaubonus 4609,. 
Gronoy 4670» Ebmbsti 4763, Schwbiqhacsbb 4789 — 95, 4834, Bbkkbb 
4844. Die Excerpte von Mai 4827, Gbbl 4829 u. Lucht 4830* lieber- 
setzongen: franz. ron Tkuillier, mit kriegswissenschaftl. Erläuterungen von 
Polar d, 4727; deutsch von 0el8iUt% u. Troasel, mit Folard'sn, Guischart* s 
Anm;, 4755—69, Seybold 4779—83, Benicken, mit bildl. Darstellungen, 
4820, Storch 4828. Lucas, Ueber des P. Darstellung d. Aetoliscben Bundes, 
4827. Mbblbkbb, Ueber des P. Darstellung d. Achäischen Bundes, 4828, 
in d. Jahrbüchern für Philologie u. Pädagogik, Supplementbd. I, H. 2. Ders., 
Achaicorum libri tres, 4837. ^BUSDB, De school van P. etc., 4844. Nitzsch, 
Poljbios etc., 4842. Beandstädtbr, Bemerkungen übet' das Geschichtswerk 
desP., 4843. Ders., Gesch. des ätolischen Landes etc., 4844> Hbtd, Vita 
P., 4742. VAN GouDOBVBR, De historicis P. laudibus, 4809. — ^ Nene Ausg. 
von L. DiNDOBF 4828. Ausg. von Wbssblino 4746, L. Dihdorf. Uebersetz. 
von Stroth n. Kaltwasser, Wurm, — * Ausg. von Stlbcbo, Hudson, 
Rbiskb 4774 — 77. Deutsche Uebersetz. von Benzler, Schaller. Fragm. von 
Mai (darüber Stbuvb 4820). Wbismann, De Dionys. H. vita et scriptis, 
4837. — ^ Ausg. von Schäfbb u. Göllbr. — ^ Wahrscheinlich unecht, 
von Schott. — ^ BlbGobb, Dionysii Historiographica, 4823. 

Exacte Wissenschaften. 

' §• 245« Mit der Geschichte steht die Geographie in 
engster Verbindung, sowol die poli^sche als die mathema- 
tisch-astronomische, und mit letzterer wiederum die Chro- 
nologie (TimäosundEphoros); jedbch wurden diese exacten 
Wissenschaften erst in der alexandrinischen Periode angebaut, 
während in altem Zeiten sich vorzugsweise die Philosophen' 
der ionischen Schule mit Geographie, Naturforschung und 
Astronomie, die der italischen mit Arithmetik imd die 
der akademischen mit Geometrie beschäftigten. 

§. 246. Für die Chronologie ist die parische Mar- 
mor chronik wichtig, die 264 y. Chr. verfertigt sein soll. 
Sie wurde 4 627 von dem Engländer Petty , der auf Kosten 
des Lord Arundel (daher Marmor ArundeUanum, auch Oxo- 
niense, weil sie in Oxford aufbewahrt wird) reiste, auf der 
Insel Paros gefunden. Sie umfasste die Hauptbegebenheiten ^P 
Griechenlands und insbesondere Athens mit Z^eitbestimmun-* m 
gen von Kekrops bis auf den Archon Diognetos, 4582 — 264* 9 

F. Thibbsch 4834. Stbpblani (in d. Zeitschr. für Alterthumswis8eM||tf^t 



136 Ziveitea Buch. Ethnodokiologie, 

Boss* Reisen auf den griecb. Inseln des A^gaischen Meeres, 4844— 43, u. 
Inscriptiones Graecae ineditae, 4842* 

§. 247. Die Werke der Geographen dieser Periode 
sind fast ganz verloren gegangen. Nearchos^ Beisebericht 
ist durch Arrian erhalten ^. Agatharchides. Der Massiliote 
Pytheas «. 

Der bedeutendste unter den griechischen Geographen ist 
Strabon aus Amasea in Kappadokien (geb. um 60 ▼• Chr.). 
Auf Reisen gebildet, benutzte er die Schriften seiner Vor- 
gänger Hekataos, Artemidor, Eudoxos, Eratosthenes und 
schrieb eine Geographie in 47 Büchern, von denen das 
siebente sehr lückenhaft ist, zugleich über Sitten und Ver- 
fassungen, über Politik und Statistik berichtend '. 

1 Ausg. von Yincbnt, mit engl. Uebersetz., 4809. Gbibb, Alex, 
historiarum scriptores etc., 4844* — ' Ausg. von Fuhr 4835, Lblbwbl 4836; 
deutsch von Hoffmann 4828. — ^ Hbebbn, De fontibns Strab., 4823. Sie- 
BELis, De Strab. patria etc., 4828. Ausgaben: die erste 4546, von Ca- 
sauboncs (2. A.) 462Q, Almelowbbm 4707, Sibbbnkbbs, Tzbohuokb u. 
Friedemamn 4796 — 4848, Falcoheb, Korais, BlRambr 4844- Tafel, 
Fragm. lib. VII. Palatino - Vaticana, 4844. Franz. Uebersetz. von de la Porte 
du Theil, Korais u. Gosselin, auf Napoleon*s Befehl, 4805 — 49; deutsch 
von Kärcher n. Groskurd. 

§. Sil 8. Mathematiker des 5. und 4. Jahrh. sindTheo- 
doros von Kyrene, Archytas von Tarent, die Kalender- 
verfertiger Meton (432) und Euktemon; Eudoxos von Ejnidos, 
nach Cicero der Fürst unter den Astronomen. EQpparchos 
aus Nikäa in Bithynien (160 — 125) ist Gründer der wissen- 
schaftlichen Astronomie K Aristarchos von Samos *. Aristyl- 
los und Timocharis. Eukleides^ ,2Tocxeta^ (Elemente) in 
15 oder 13 Büchern, die beiden letzten sind muthmasslich 
von Hypsikles ^ Archimedes aus Syrakus (287 — 212), 
Gründer der Statik, grosster Mechaniker des Alterthums, 
Verfertiger des Prachtschiffs Syrakusia *. Einer seiner Schu- 
ler war ApoUonios von Perga in Pamphylien (246): ^Eovtxa 
OToix^sta' *. Der Arithmetiker Diophantos •• 

1 Mbrlbker, Kosmogeographie, 4848, Cap. 2 n. 9. — ^ Ausg. von 
Valla 4488, Wallis 4688* — ^ Ausg. 4533, mit dem Commentar des 
Proklos zum ersten Buche, von August 4826—29, beste von 6&bgobt 
4703 u. Pbybard 4844 — 48; deutsch von Lorenz 4784, Hoffmann 4829, 
Dippe 4 840 ; die Dedomena von Wurm 4 825 ; die ihm beigelegten Anfangs- 
gründe der Musik Yon Pena 4557« — * Mbrlbkbr, Gesch. d. Geograplde, 
4839, S. 444. Ausg. von Torblli 4792, erläutert u. übersetzt von Nisua 
4824. Uebersetzungen einzelner Schriften von Hauber 4798, Hoffmann 
4847, Krüger 4820, Gutenäcker 4828. — ^ Ausg. von Gregory u. H^.lbt 
4740, deutsch von Diesterweg 4822 u. Pauckei' 4837. — ^ Von 43 Büchern 



Siebzehntes CapiUi, Bömer. 137 

sind die aedü ersten erhalten. Ausg. von Baohbt, Fbbmat; deutsch von 
Schulz; I>e numeris polygonis übersetzt von Poselger 4840. 

§. 249. Auf dem Gebiete der Heilkunde betrachtet 
man Alkmäon, einen Schüler des Fythagoras, als den ersten 
vergleidbenden Anatomen. Die Asklepiaden stifteten zwei 
berühmte miteinander wetteifernde Schulen, die empi- 
rische zu Knidos und die philosophische zu Kos, aus 
welcher auch Hippokrates hervorging, der berühmteste Arzt 
des Alterthums und der Begründer der wissenschaftlichen 
Heilkunde; er lebte zwischen 460 und 377 oder 356, in Athen 
zur Zeit der Pest 429 K Die alexandrinischen Aerzte er- 
hielten zuerst die Erlaubniss, den menschlichen Korper zu 
zergliedern. Die ersten grossen Anatomen waren unter Pto- 
lemäos Lagi, 300: Herophilos und Erasistratos. Damals 
theilte sich die Heilkunde in drei Zweige: Diätetik, Phar- 
macie und Chirurgie ^. Der erste griechische Arzt, der sich 
um 249 in Rom niederliess, war Archagathos; später (HO) 
Asklepiades aus Prusa in Bithynien. Augusf s Leibarzt An- 
toninus Musa. Dioskorides (Pedanius oder Pedacius) aus 
Anazarbos in Kilikien (40 v. oder n. Chr.) schrieb fünf 
Bücher ,n€pi uXi)^ laxpiXT)!;' und war 46 oder 17 Jahrhunderte 
hindurch einzige Quelle für das Studium der Botanik und 
Pharmi^ologie ^. 

' Ausg. von Foes 4595 u. >I657, Chabtibr (zugleich mit Galbmos) 
4639 — 79, E6hn 4826 n. 4827. Deutsche Uebersetzung von Grimm 4784—92. 
FoB8, Oeconomia Hippocratis, 4564, 4588 u. 4662. — ^ Marx, Herophi- 
los, 4838* HiBBQNTM US , Erasistrati et Erasistrateorum historia, 4790. — 
3 AuBg. von Sabacbncs 4598, Spbbnobl 4829. Comiuentar von Matthio- 
Lus 4566. 



Siebzehntes Oapitel. 
Römer. 

§. SI20. Die Sprache der Bewohner von Latium, die sich 
aus dem ältesten äolischen Dialekt und aus den Sprachen 
der Aboriginer bildete, wurde auch die Schriftsprache der 
Romer. Daher finden sich alle Bezeichnungen des niedrigen 
Liebens eines beschränkten Gesichtskreises als ursprünglich 
äolisch-griechische, während die Ausdrücke des Ideenkreises 
der Herrschaft echt lateinisch sind. Diese auffallende Er- 
scheinung wiederholt sich noch ein mal in der Geschid 




I 



138 Zweites Buch, EihnodoHohgie. 

und zwar in England, nach der Eroberung durch die Nonnan- 
nen 1 066, indem hier alle Ausdrucke des Dienstkreises ang^- 
sächsischen oder germanischen, die der herrschenden Kreise 
romanischen (firanzosisch -normannischen) Ursprungs sind. 

Jäckbl, Der gennan. Unpmng d. lat. Sprache n. des r5m. VoUu, 4830. 
JoHAimnsN, Die Lehre d. lat. Wortbildung, nach Anleitong d. voHkonune- 
nen Bildungsgesetze des Sanskrit genetisch behandelt,; 4832* Gbotbfbnd, 
Rndimenta linguae Oscae, 48399 u. Rndim. ling. Umbricae ex inscriptlonibiis 
antiquis enodata, 4835 — 38* Solche Inschriften enthalten die sieben Büg a- 
binischen Tafeln, die man 4444 zu Gubbio im Bärchmstaate, dem i^en 
Jugubium oder £ugid>ium in Umbrien, vorfand. Bekannt gemacht dureh Bo- 
NABOTA in Dempfer's Etruria regalis, 4723, erklärt durch Lahsi, Saggio di 
lingua etrusca, 4789. Otf. MCllbb, Die Etrusker. Lasskb, Beitrige zur 
Deutung der Eugubin. Tafeln, 4833. Lbpsius, De tab. Eugub., 4833» u. 
Inscript. Umbricae et Oscae, 4844. Mommbbn, Die unterital. Dialekte, 4850. 
AüFBBCHT u. Bjbohhoff, Die umbrischen Sprachdenkmäler, 4849 — 64. 

§. 224. Fortdauernder Unterschied der lingua urbana 
und rustica K Die erstere erlitt während der zwolfhundert- 
jährigen Dauer romischer Herrschaft in Italien und fast über 
den ganzen damals bekannten Erdkreis merkliche Verände- 
rungen. Sie hatte ihr goldenes (78 vor bis 44 n. Chr.), 
silbernes (44 — 447 n. Chr.) und ehernes Zeitalter, bis sie im 
6. Jahrh. n. Chr. gänzlich erstarb und mit den Yulgär- 
sprachen vermischt ward, woraus die sogenannten romani- 
schen Sprachen hervorgingen. Seitdem wird das Latein 
als eine todte Sprache erlernt. 

Unter den Römern stehen als nachahmungswerthe Muster 
obenan Cäsar, Cicero, Livius, Horatius, Yirgilius, Ovi- 
dius, Fhädrus. Doch tragen sie fast in allen ihren Lei- 
stungen nur das Gepräge der Nachahmung griechischer 
Meisterwerke *. 

1 Von dieser Wachsmuth in seinem u. Günther^ a Athenäum, I, 2. — 
2 Hbgbwiscb, Zustand der Wissenschaften u. des Gelehrtenstudiums bei d. 
Römern (in s. kleinen Scliriften), 4786. 

§. 222. Die wissenschaftliche Behandlung der 
romischen Sprache begann schon unter den Römern 
selbst durch Varro ^, ward aber besonders seit dem 45. 
Jahrh. betrieben durch Aldus Manutius, Melanchthon, Eras- 
mus, Yalla, Scaliger, Ghd. J.Voss, Cellar^, Gesner, Bad- 
diman *, Maria de Monte ^ und in neuerer Zeit ^ 

> 24 Bücher De lingua Latina, wovon aber nur Buch 4 — 9» also im 
Gkmzen 6 Bücher erhalten sind; Ausg. von Sfbmobi. 4826 u. Emendatio- 
nes Varronianae, 4830, u. Oxr. Müller 4 833« — ' Gramm. Lat., 4659* — 
^ Institut. gramm.Lat., 4725, u. von Stallbaüii 4823. — ^ Latium resti- 
tutum, 4720. — ^ Neuere Grammatiken: die.hallesche von Lahgb 4707, 



SMf%ekme$ Capitel, Römer. 139 

morkiflche 4748, von Schbllbb, Bködsb, Wbmok, SsTFiaT 4798 — 4802, 
Gbotbfbhd, IUmshorh, Zcmpt, Schüli, Billboth, Madyiq. Miohblsbh, 
Histor. XJebersicht des Studiums d. lat. Gramm. , 4 837> Tursellihus, Ueber 
Partikeln, 4829 — 36. Synonymik Yon Dödbrlbiii 4826 — 38, Habicht, 
Schultz. Ueber Stil: Matthia, Habd, Hbiniohbii, Grtsab, Naoblsbach. 
Antibarbarus von Erbbs 4843. Lexikographen: Rob. Stbphanus, Fabbb, 
Gbshbb, Facoiolati, Forcbllini, Schbllbb, Karghbr, Frbund. Die spä- 
tere Latinitat ist bearbeitet von Duvrbsiib (Sbionbur du Canob, 4640 — 88), 
Glossarium ad scriptores mediae et infimae Lat. , 4678 u. öfter, von Hbnschbl 
4840; ebenso Graedtatis, 4688. Cbllarius, De fatis ling. Lat., 4704. Walch, 
Hist. criUca ling. Lat., 4746 u. 4764. Bubckhabdt, De ling. Lat. in Ger- 
mania fatis, 4743. FuNocics, De ling. Lat. senectute, 4750* Obbblin, De 
ling. Lat. barbeurie, 4774. Eine Geschichte des lateinischen Accents erhal- 
ten wir von Wbil u. BbulGw, De Taccentnation latine, 4 855 fg. 

§. 223. Mit den Wissenschaften befreundete sich Rom 
nicht vor der Zeit seines sittlichen Verfalls ^, und auch 
dann blieb seine Bildung einseitig. Seit 200 v. Chr. wurden 
griechische Studien von einzelnen Römern betrieben, Cato, 
Aemilius Paullus, Scipio Aemilianus. Erates begann 469 
seine Vorlesungen und griechische Philosophie seit 155 in 
Rom. Seitdem besuchten die Romer die hohen Schulen 
Griechenlands ^. Literarische Hülfsmittel bringen die Heere 
als Beute nach Rom seit 468. Dennoch stellten selbst die 
gebildetsten Manner in Rom die Wissenschaften so tief, dass 
noch Cicero dem £jrieger und Staatsmanne den ersten Rang, 
dem Sachwalter den zweiten, dem Rechtskundigen den dritten, 
endlich den letzten dem Gelehrten oder Philosophen zuweist \ 

1 CiOBBo, De oratore, II, 66: ,Ut quisque optime Graece sciret, ita 
esse nequissimum,« als Ansicht eines Vorfahren. — ' Cbllabiiis , De stndiis 
Born, literariis, 4698, in Sallengre^s Thes., m. Eribok, De peregrinat. 
Rom. aeademicis, 4704. — ^ Grabyii Thes., 4694, mit Nachträgen von 
Sallbbgbb 4746 u. Polbküs 4737. Bbaufort, La r^. rom., 4766. Ro- 
mische Alterthümer von Adam 4794 (deutsch von Meyer 4794 u. 4847), 
Crbuzbr 4824 n. 4829, Rupbrti 4844, Bbckbr 4843 (fortgesetzt von Mar- 
QüARDT). MoNTBSQUiBu, Considcration sur la grandeur et la d^cadence 
des Rom., 4734* Gibbob, History of the decline and fall of the Ronum 
empire, 4 782 -—88 u. öfter (deutsch von Wenck, Sehr euer u. Beck 480ö — 7, 
von SporschU 4837 n. 4843). Romische Geschichte von Rollin 4739, 
FBROusoti 4783 (deutsch von Beck 4784), Nibbtjhr seit 4844, Wachs- 
MUTH 4849, FiBDLBR 4824 n. 4839, Blum 4828, Bröobjbr 4844, Arnold 
4842, ScHWBOLBR 4852, Gbrlaoh u. Bachofbn 4863, Kortüm, Waltbr, 
Drümann, Höok, Rbiff, Tillbmobt 4700 (his 548), Crbvibr 4750 (bis 
Konstantin d. Gr.), Mommsbn 4855. Chatbaubriand, Hist. de la chute de 
Temp. rom., 4824. Naudbt, Des changements de Ttop. rom. sous Dio- 
cl^tien etc., 4847. Buchhandel u. BibliothdLen bei den Römern, in Bbcker's 
Gktllus, n, 308 fg.; bei den Griechen, im Charikles, n, 443 fig. Daselbst 
über griechische Erziehung, II, 4 fig. u. über Gymnasien, 11, 464 fg. 

§. 224. Die Bearbeitung der Geschichte der ro- 
mischen Literatur beginnt mit Fabricius 4697. 

Sch5ll 4824. BBBimABDi 4830. Wolf's Vorlesungen, herausgeg. 




^ 



140 ZweiUs Buch. EUinodoklologie. 

von Gürtler 4832. Krause 4836. B£hb (3. A. 4844). Klotz, Handb. 
der Ist. Literatorgeseh. nach d. Quellen bearb., 4846* 

Aelteste und bessere Zeit. 

§. 225. Der Werth jeder geistigen Thätigkeit 
wird immer mit Rücksicht auf den Staat bestimmt. 
Daher ausgezeichnete Leistungen in der Kriegs- 
kunst und Gesetzgebung, in Beredtsamkeit, Bau- 
kunst und in der Geschichte, sofern sie den rö- 
mischen Staat betrifft. Die Dichter geben nur Nach- 
bildungen griechischer Muster und die Philosophie 
war ganz von den Griechen entlehnt. 

§. 226. Die ersten rohen Versuche der Dichtkunst 
bestanden nur in Liedern, die man theils zum Andenken 
an grosse und verdiente Manner bei Gastmählern, theils 
für religiöse Zwecke bei Opfern an gewissen Festtagen und 
bei Processionen absang. Unter letztem werden besonders 
die der Salier, die von Numa angeordneten carmina Sa- 
liaria, auch Axamenta genannt, erwähnt, in denen die Alten 
selbst die erste Spur lateinischer Verse erkannten. Ein 
kleines unverständliches Fragment hat Varro aufbewahrt. 
Einen schlechtem Inhalt hatten die plumpen und beissenden 
Fescenninen, von der etruskischen Stadt Fescennia be- 
nannt, die bald voiü Lande auch in die Hauptstadt kamen 
und hier bei Hochzeiten, Triumphen und zuletzt auch auf 
dem Theater gebraucht wurden. Eine Art Volksdrama 
waren die Atellanen, auch ludi Osci genannt, die aus 
der alten oscischen Stadt Atella in Campanien stammten ^. 
Als stehende Charäktermasken erscheinen in dienselben der 
Brutus, Maccus und Bucca, ähnlich, dem Harlekin oder 
Fulcinello der neuem Burlesken. Atellanendichter sind Fa- 
bius Dorsennus, Q. Novius, L. Pomponius und Mummius ^. 
Das Metrum ist der Satumische Vers ^: 

Exodia sind vielleicht Zwischenlieder zwischen den einzelnen 
Atellanen, die sehr kurz waren. 

1 lieber Atellanen : Schobeb, Wbtbb, Zbll (Ferienschriften), Mumok. — 
^ BoTHB, Poetanun Latinor. scenicor. fragm., 4834. Ribbeok, Scenicae 
Romahor. poesis fragm., 4855. — ' Düntzbr u. Lbrsch, De versu Satur- 
nio , 4 838. Wbisb , Der Saturn. Vers im Piautas ii. an sidi nach dem Zeug- 
nisse der Grammatiker betrachtet, 4839. 

§. 227. Die Pest in Rom (365) und der Ausspruch des 



Siehsehntes CapUeL Römer, 141 

Orakels brachten etmskische histriones dahin. Livius (Vil, 2) 
nennt ihre kunstloden Possen saturas. 

Der Erste aber, der mit einem eigentlichen Drama in 
Rom 239 oder 240 auftrat, war Livius Andronicus, ein 
Grieche von Geburt, ungewiss, ob mit einer Tragödie, 
wie man bisher geglaubt, oder mit einer Komödie, wie 
Osann behauptet K Es waren Uebertragungen und Nach- 
bildungen griechischer Stücke*. 

In derselben Weise trat ein geborener Grieche aus Cam- 
panien, Cn. Nävius, 234 mit Tragödien und Komödien auf, 
soll sich auch im Epos (über den Ersten Funischen Krieg ') 
versucht haben. Wegen der Freiheit, mit welcher er rö- 
mische Grrosse angriff, musste er nach Utica entweichen, 
wo er 204 starb ^. Bekannt ist die Drohimg der Meteller 
gegen ihn: ,Dabunt malum Metelli Naevio poetae,^ und seine 
Ghrabschrift: ,Mortalis immortalis flere si foret fas, flerent 
divae Camoenae Naevium poetam.^ 

Ihm folgte als Bearbeiter und Nachbildner griechischer 
Dramen Ennius aus Rudiä in Calabrien (geb. 239), der auch 
das Epos (zweiter Punischer Ejrieg) und den Hexameter 
in Rom einfahrte. Seine ,Annalen^ in 48 Büchern waren 
eine versificirte Chronik*. 

Grossem Ruhm auf der romischen Bühne erlangten En- 
nius^ Schwestersohn Pacuvius mit seinem ,Orestes^ ® und 
Attius oder Accius mit seinem ,PhiloktetesS ,Decius^ ,Bru- 
tus^ und seiner ,Medea^; daher Horaz von ihnen sagt: ,Au- 
fert Pacuvius docti famam senis, Attius alti.^ Varius, Vir- 
gil's Prißund, schrieb einen ,Thyestes' '^, Ovid eine ,Medea^ 
C. Afiranius (133) verfasste Nationalspiele: ,HoratiusS ,Cur- 
tiusS ,CoriolanusS ,Manlius Capitolinus^ 

Man darf wol die Tragödie griechischen Inhalts, crepi- 
data, von den romischen Nationalspielen, praetextata, unter- 
scheiden. 

1 Analecta critica, 4846: De Livii A. vita. — ^ Fragm. bei Bothb 
u. DüNTZBR. DöLLBN, De Tita Livii A., 4838. — ^ Nach Cicero lacu- 
lenter scriptnm. — * Fragm. von Klussmann 4843. — ^ Fragm. von Co- 
LüMNA, Hbssbl, Gilbs, Bothb (Bd. 5)) GouRNAT in den M^moires de 
l'acad^m. de Caen, 4840; der Annaien von Mbrvla, SPANOBNBBRCh. Hoch, 
De Ennianor. Annalium fragm., 4839. — ^ Stibqlitz, De Pacnvii Duld- 
reste, 4826. — ^ Wbiohbrt, De L. Yarii et Cassii Parmensis vita et car- 
minibns, 4836. 

§. 228. In der Komödie scheinen die Romer ebenfallf 
nicht blos griechische Stücke nachgeahmt zu haben, soi 




143 Zweäes Btich, Eihnodokioloffie. 

auch mit eigenen Versnohen selbständig aufgetreten 2u sein, 
wie schon der Unterschied zwischen der comoedia palliata 
und togata zeigt. Als Arten der letztem nennt niao noch 
comoedia trabeata (Bitterstuck), erfunden von Melissus, 
einem Freigelassenen des Macenas, tunicata oder tabemaria 
(Kneipenlustspiel), planipedia oder planipedaria, auch rici- 
niata, mit Bezug auf eine eigene Art von weiblicher ro- 
mischer EHeidung (ricinia), endlich Bhintoiiiaca (Hilaro- 
tragodie), nach einem Schauspieler Bhinton benannt. In Ab- 
sicht auf die Art des Vortrags unterschied man auch comoe- 
dia motoria, stataria, mixta. Der Gebrauch von Masken ist 
wol erst durch Boscius oder Aesopus um 403 aufgekommen. 
§. 229. Der wahre Vater der romischen Komödie ist 
M. Attius Plautus (f 483) aus Sarsina in Umbrien, der 
etwa 430 Stucke als Nachahmer des Diphilos, Epicharmos 
und Philemon verfasst haben soll, von denen Varro nur 24 
für echt anerkannte, die sogenannten Varronianae, imd 
darunter noch 20 übrig: die Tragikomödie ,Amphitruo' (nach- 
gebildet von Boccaccio, Molifere u* A.), ,AsinariaS ,Aulu- 
laria^ (Geldtopf eines geizigen Alten, Molifere's ,Avare^), 
,CaptiviS ,Curculio^ (Schmarotzer), ,Ca8inaS ,Ci8teIlaria^ 
(Kästchen), ,EpidicusS ,Chry8alus oder Baccfaides^ (zwei 
Buhlerinnen), ,Fhasma oder Mostellaria^ (Gespenst, nach- 
geahmt von Beynard, Addison, Destouches u. A.), ,Me- 
naechmi^ (Zwillingsbrudcrpaar, nachgeahmt von Beynard), 
,Miles gloriosus^ (Holbein^s ,Bramarbas^), ,Mercator', ,Pseu- 
dolusS ,FoenulusS ,Per8aS ,BudensS ,StichusS fTrinum" 
musS ,Truculentus'. 

Ausg. Yon Mbbula 4472, Lambik 4577, Taubmamn 4605—24 , GaoNoy 
4684 u. Ebnbsti 4760, Bothb 4809^^44, 4834, Richtbb, Wbisb 4837, 
RiTSCBL. Für Betonung und Yersmass ist das Meiste geleistet von Lindb- 
MAiiii 4823 Q* 4844, Of. Hbbmahm, Gbppbbt, Ritsohl. Lingb, Quaestio- 
nes Plant., 4849« Rost, Commentationes Plant, herausgeg. von Lipsids 
4836. Deutsche Uebersetznng von Köpke 4849, Bapp 4838—44, Rost 
Lbssino, Ueber d. Leben u. die Werke des Plautus, Bd. 22. Bbckbb, 
De comicis Rom. fabulis, maxime Plautinis, 4833. Ritsohl, Parerga zu 
Plautus u. Terenz, 4845. 

§. 230. P. Terentius Afer aus Karthago (192—453), 
Freigelassener des Senators Terentius Lucimus, Nachachmer 
des Menander, daher von Cäsar dimidiatus Menander ge- 
nannt. Noch sechs Komödien, die, wie die Plautinischen, 
palliatae sind: ,Andria^ (465 aufgeführt), ,Hecyra' (Stief- 
mutter), ,HeautontimorumenosS ,EunuchusS ,Phormio^ 



Siebzehntes CapUel. Bömer. 143 

(Sohmarotzer), ^delphi^ Horaz sagt: ,Vmcere Caedlius 
(nichts übrig) gravitate, Terentios arie.^ 

Erünftermigeii von Abl. Dokatub q. Rvhhkbii, Dicteta in Terentii 
comoedifts, heransgeg. von Schopbn 4825. Ausg. von Liitdbvbeoo 4602, 
Gboboy 4686, Bbntlby 4726, 4794, Wbstbbhof 4726, verbessert von 
STAiXBAim 4830, Pbblbt, Bothb, Elotb, Vollbbiib 4846. Dea(8che 
Ueberseto. von Kindervaler, Köpke, Wolper, Benfey. Bearbeitet für das 
franz. Theater von Moli^rb, für das deutsche von v. Einsibdbl 4840. 

§. %3i. Die dramatischen Mimen der Somer unter- 
scheiden sich eben dadurch von den griechischen, die nur 
zum Liesen bestimmt waren. Zu Cäsar's Zeit waren in 
dieser Gattung Decimus Laberius und P. Syrus ausgezeich- 
net. Als die Sprache aufhorte, das Wesentliche des Mimus 
zu sein, und an ihre Stelle unter den Elaisem Gesticulation, 
Geberdensprache (saltatio) trat, artete der Mimus in den 
Pantoipimus (Ballet) aus, worin unter August sich Bathyl- 
los, Pylades und Hylas hervorthaten. 

Der von Maoeobiüs mitgetheilte Prologus von Bbchbb 4787 heraus- 
gegeben und von Wieland übersetzt in Horaz' Satiren, 4849, Bd. 4. Zibg- 
LBB, De mimis Rom., 4789* 

§. 232. Von der dramatischen Satire (satura, poetisches 
Quodlibet) ist die didaktische verschieden, die ihren Ur- 
sprung dem Ennius verdankt, Charakterschilderung und 
Sittengemalde \ 

Der romische fötter C. Lucilius aus Suessa in Campa- 
nien (H7 — 402) schrieb 30 Bücher Satiren, in denen er 
Laster und Gebrechen rügte und sich des Hexameters be- 
diente *. 

Als Erneuerer der Lucilischen Satire trat Horaz auf, 
während sich an die ältere des Ennius M. Terentius Yarro 
anschloss, der mehre Nachfolger hatte, deren Arbeiten aber 
£Etst alle, bis auf Seneca^s ,'A7CoxoXoxuv^(i>aic' (Yerwandelung 
des Elaisers Claudius in einen Kürbis), des Petronius ,Sa- 
tyricon' und des Kaisers Julian ,Miao7cciYüvS verloren ge- 
gangen sind. Diese Art nennt man satira Yarroniana oder 
auch, nach dem griechischen cynischen Philosophen Me- 
nippos, satira Menippea ', auch cynica. Yirgil's ,Dirae', 
Ovid's ,Ibis' sind in dieser Weise satirischer Art. 

1 Casaübobüs, De satirica poesi Graec. et Rom. (verbesserte Ausg. von 
Rambaoh 4774). Chbbbülibz, Essai snr la satire lat., 4829. Paldahub, 
lieber Urspning n. Begriff d. Satire, 4834. — * Fragm. von Doüsa, Vab* 
OBS 4836* Hbusdb, Stadia critica inLacilium poetam, 4842, nebst Epist. 
deLnciiio, 4844' Gbrlach, Lucil. u. d. rom. Satura, 4844* — ' Obhlbb, 
Yarronis satorarnm Menippeamm reliqaiae, 4844» 




144 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

§. SI33. In die Elaiserzeit fallen die beiden Hanptsatiriker 
der Romer, A. Persins Flaccus ^ aus Volaterrä in Stftmrien 
(34 — 62 n. Chr.) und Decimus Junius Juvenalis ^ aus Aqui- 
num (geb. 45 oder 42 n. Chr.), die nicht mehr, wie Horaz, 
in heiterer Laune und mit humoristischem Witz, Thorheiten 
aufdecken, sondern mit herbem Ernst und bitterer Strenge 
die Laster ihrer Zeit tadeln. 

1 Ausg. von Casaubonus, Passow 4809, zugleich mit deatscher Ueber- 
setznng, Wbbbr, Plüm , Dübnbr, Obblli in den Eclogae poetar. Latinor., 
4833» Jahn, Hbimbich, Düntzbr. Deutsche Uebersetznng Ton Donner, 
Weber, Teuffei. — ' Dessen Satiren theilten schon die alten Gnunmatiker 
in fönf Bücher. Ausg. von Hbuninius 4685, Rüpbbti 4804, Hbiitbioh. 
Schmidt, Delectus satirarum, 4835. Deutsche Uebersetz. von HavguiUi, 
Donner, Weber. Fbanckb, De vita Juvenalis, 4820 — 27. Eine Samm- 
lung seiner alten Commentatoren und Scholiasten von Cbambr 4883. 

§. 234. T. Lucretius Carus (95—56 v. Chr., todtete 
sich durch einen Liebestrank) hinterliess ein in 6 Bficher 
abgetheiltes Lehrgedicht: ,I)e rerum natura^, Darstellung 
der epikuräischen Philosophie. 

Ausg. von Lambin, Havbbcamp, Wakbfibld, Fobbiobr 4828, LaoH- 
MANN 4848. Deutsche Uebersetz. von Knebel. Sibbblis, Quaest. Imcre- 
tianae, 4844. Des Cardinais Mblchiob y. Polionac (4664 — 4744) Anti- 
Lucretius s. de deo et natura, 4747 Paris, 4748 Leipzig. 

§. 236. Die Werke der altem romischen Epiker (Nä- 
vius, Ennius) sind bis auf unbedeutende Bruchstücke ver- 
loren gegangen. Allen voran glänzt P. Yergilius Maro aus 
Andes bei Mantua, am 15. Oct. 70 v. Chr. geboren, von 
Augustus und dessen Freunden hochgeschätzt, gestorben 
am 22. Sept. 18 v. Chr. in Brundisium. Seine Gebeine 
kamen nach Neapel und wurden an der Via Puteolana 
beigesetzt, wo man noch jetzt das Grabmal zeigt. Seine 
Grabschrift : 

Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc 
Parthenope, cecini: pascua, rura, duces. 

Seine Werke sind ein grosses episches Gedicht in zwölf 
Gesängen, ,Aeneis', das jedoch der letzten Feile entbehrt, 
daher der Dichter selbst noch in seinen letzten Stunden die 
Vernichtung desselben angeordnet habensoll; gleichwol er- 
scheint sie als das vollkommenste Epos der romischen Poesie 
und als die geschmackvollste Nachbildung der Homerischen 
Gesänge. Sie schildert die Irrfahrten des Aeneas bis zu 
seiner Ankunft in Latium und seinem Siege über Turnus. 
Femer ein didaktisches Gedicht, ,Georgica', über den Land* 



Siebzehntes Capitel, Bikner. 145 

bau in 4 Bachern, und zehn bukolische Gedichte, die von 
den alten Grammatikern mit dem Namen ,Eklogen^ be- 
zeichnet sind. 

Ausserdem werden ihm noch einige andere Poesien bei- 
gelegt: ein scherzhaftes Gedicht, ,CulexS in 413 Hexa- 
metern, worin der Schatten einer getödteten Mücke auftritt 
und um Beerdigung bittet; ,CirisS in 540 Versen, eine Be- 
handhing des Mythus von Nisus und Scylla; es wird von 
Einigen dem Freunde Virgil's, Cornelius Gallus, zuge- 
schrieben; ,Copa^, in 38 Versen, eine lockende Einladung 
zur Einkehr; ,Moretum^, in 133 Versen, worin die Beschäf- 
tigungen in den Morgenstunden des Tages angegeben werden; 
14 kleinere Gedichte, die sogenannten ,Catalecta^, darunter 
auch die ,Dirae^. 

Die alten Grammatiker, Tib. Claudius Donatus, Servius 
und Philargyrius, beschäftigten sich mit dem Dichter und 
seinen Werken, deren Verse man im Mittelalter zu prophe- 
tischen Zwecken als sortes Virgilianae benutzte. 

SiBBBNHAAR, De fabolls, quae media aetate de Virgflio circamfereban- 
tnr, 4837* Ausg. (die erste) Ton de la Gerda 4608, Bubmann 4746, 
Hbtne 4767 (3- A. 4803), wovon Ph. Waoneb eine neue Bearbeitung 
geliefert hat, 4830 — 44, Didot, Bodoni 4793, die mitital., span., franz., 
engl. n. deutscher Uebersetz. 4826, der Prachtabdruck der Heyne -Wagner'- 
schen Ausg. mit 200 Kupfern u. Vignetten; die 50 Bilder zur Aeneide mit 
firanz. u. deutscher Erklärung von Frommel 4830; gute Hand- u. Schul- 
ausgaben von Wunderlich u. Ruhkopf, Jahn, Forbigbr, Wagner. Die 
Georgica mit deutscher Uebersetz. u. Erklär, von Voss 4800, ebenso die 
Belogen, die Aeneide von Thiel, Peeblkamp, Gossrau; deutsche Ueber- 
setsEong von Voss, Neuffer^ Oslander. Ursinus, Virg. cum Graecis scri- 
ptoribus comparatur (edirt von Yalckenaeb 4745)* Eiohhoff, Etudes 
grecqnes sur Y., 4825. Tissot, istudes sur V. compar^ avec tous les 
poetes etc., 4826. Wbdbwbb: Homer, Virgil, Tasso, 4843. Crusius, 
Lat.- deutsches Wörterbuch zu Virgil, 4846. Antiquitates Virgilianae ad 
vitam populi Rom. descriptae, 4843. 

§. 236. Wie die spätem griechischen Epiker allesammt 
Homer, so haben die spätem romischen durchweg Virgil 
nachgeahmt. Unter ihnen nimmt Lucanus aus Corduba in 
Spanien (38 — 65 n. Chr., durch Nero zum Tode verurtheilt) 
die ehrenvollste Stelle ein, dessen nicht ganz vollendetes 
Hauptwerk in 10 Büchern, ,PharsaliaS den Krieg zwischen 
Cäsar und Pompejus besingt ^ 

Valerius Flaccus (f 89 n. Chr.) hinterliess ein unvollendetes 
Gedicht, ,ArgonauticaS in 8 Büchern, Nachbildung des 
Werkes von Apollonios Khodios *. 

Silius Italiens (Consul 68, starb tOO n. Chr. eines 

ÜBKUtU«. 1 




146 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

willigen Todes, um sich von einem unheilbaren Korperleiden 
zu befreien) hinterliess ,Punica s. de hello Punico seoundoS 
nach des jungem Plinius Urtheil ,majore cura quam ingenio^ 
verfasst '. 

Des P. Papinius Statins aus Neapel (61 — 96 n. Chr.) 
epische Gedichte, ,Thebais^ in i^ Gesängen imd unvollendete 
,Achilleis^ in 2 Büchern; 5 Bücher ,Silvae^ (yermisohte Ge- 
dichte), darunter ein ,Propemptikon^ ^ an den in den par- 
thischen £jrieg ziehenden Asinius Pollio ^. 

1 Aasg. (die erste) 4469, vou Oddbndobp, Bubmank, Wbbsb, Wbiab. 
Deutsche Uebersets. von Haus. Lbloup , De poesi epica et Pbarsalia La- 
cani, 4828. Kastnbb, Qnaest. in Luc. Phars., 4826 — 28. — ' Ausg. 
(erste) 4474, von Hbinsivs, Bubmann, Hablbss, WAomsB, Wbbbb im 
Corp. poet. Lat., 4833, das achte Buch von Wbighbbt. DentMhe Heber- 
Setzung von Wunderlich 4805. Weichebt, Epist. critic. de Flacc Argon., 
4842. — ^ Ausg. von Dbakenborch, Ebnesti, Rupbbti. — ♦ Wie das 
des Helvius Cinna des 4. Jahrb. v. Chr. — * Ausg. von Gbovot, Babtb, 
Dübnbb; der Silvae von Mabeland 4728 (wieder von Sillig 4^27)) Hamd 
4847. Gbomov, Diatribe in Statii sllvas, 4637 (von Hand 4844). Wbi- 
CHBBT, Poetar. Lat. reliquiae, 4830. 

§. 237. P. Ovidius Nase aus Sulmo im Lande der Pe- 
ligner (geb. am 20. März 43 y. Chr.), gestorben in der Ver- 
bannung zu Tomi 17 n. Chr. Die Ursache seiner durch 
August verhängten Verbannung gibt er nicht an, bezeichnet 
sie nur von fem in dem Verse: 

Cur aliqnid vidi, cur noxia lumina feci. 

Versucht hat er sich in den meisten Gattungen der Poesie, 
in der erzählenden, didaktischen, lyrischen und elegischen. 
Sein Hauptwerk sind die i .5 B&cher ,Metamorphoseon^, eine 
Verbindung von 250 Fabeln, die mit dem Chaos beginnen 
und bis auf Cäsar^s Tod reichen; von Maximus Planudes 
im 14. Jahrh. ins Griechische übersetzte In den ,Fa8ti' 
oder dem Festkalender der ersten sechs Monate, daher in 
6 Büchern, werden an. die merkwürdigsten Tage und Feste 
des römischen Kalenders Erzählungen aus der römischen 
Mythologie und Geschichte angeknüpft ^. ,Amores^ in 
3 Büchern, ,Ars amandi^ in 3 Büchern'. ,Remedia anKV- 
ris^, zugleich ein Beitrag zur Kenntniss des sittlich Verderb* 
ten Zustandes der damaligen römischen Welt. ,Hcroide8^ 
oder 24 Liebesbriefe der Heroinen *. , Medicamina fitciei'« 
,Tristia' in 5 Büchern ^ ,Epi8tolae ex Ponto' in 4 Büchern. 
,Halieuticon' «. Das Sohmähgedicht ,Ibis'. ,Nux'. Das 
Trauerspiel ,Medea^ ist verloren gegangen. Kleinere Ge- 



Siebzehntes CapiteL Römer. 147 

dichte^ z. B. >£legia ad Liviam Augustam^ und die sogenann- 
ten ,CatalectaS werden ihm mit Unrecht beigelegt '^. Von 
seinem Dichtertalent sagt er selbst: 

Sponte avL% carmen nnmeros veniebat ad aptos, 
Et quod tentabam dlcere, versus erat. 

1 Ansg. von Gibbiq (3. A. von Jahn 4824 — 23), Badmoartbn-Crd- 
8IUS, Bach, Fbldbausch, Lörs. Uebersetz. von Rodey Pfitz, ausgewählte 
Verwandelnngen von VosSj freie Nachbildung von Abb. Voss. Unten 
§. sr77 — 284. — * Ausg. von Conrad, deutsch von Geis u. Metzger, — 
^ Uebersetz. von Strombeck, Torney, eine Nachbildung von Adlbb 4843. — 
* Ausg. von Terpstra u. Lörs. — ^ Ausg. von Jahn, Merkbl; deutsch 
von Strombeck. — * Wie Oppian *AXteuTtxct und KuvTQyeTtxa schrieb, auch 
Ovid's Zeitgenosse Gratius Faliscus. — ^ Ausg. aller Werke (die erste 4474) 
von Dan. u. Nio. Hbinbids, Burmann, Amar, Jahn. 

§. 238. Die Elegiker K C. Valerius Catullus aus Sir- 
mio im Veronesischen (geb. 87 v. Chr.), Freund des Cicero, 
hat 416 Gedichte hinterlassen, die zu Anfange des 14. Jahrh. 
durch Benvenuto di Camposani zu Verona aufgeftinden 
wurden, darunter von eigenthümlichem Charakter ,Atys^ und 
das ,Epithalamium Pelei et Thetidos^^. 

Albius Tibullus, in der Begleitung seines G5nners Mes- 
sala erkrankt in Corcyra, stirbt jung 49 oder 20 v. Chr. 
Von ihm 37 Gedichte in elegischem Versmass und in 4 Bücher 
getheilt, wovon das dritte Buch Heyne und J. H. Voss ' 
einem gewissen Lygdamus ^, das vierte zum grossen Theil 
einer gewissen Sulpicia * zugeschrieben haben \ 

Sext. Aurelius Propertius (zwischen 50 — 10 v. Chr.) aus 
Mevania oder Hispellum in Umbrien, GHinstling des Macenas, 
nahm zum Muster den Alexandriner Kallimachos für seine 
Elegien in 4 Büchern ^. 

1 Grvppb, Die römische Elegie, 4838. — ' Ausg. von Lrnz, Gürlitt, 
OBXX.LI in den Eclog. poet. Lat., 4833. Ausg. des Ganzen von Sillio, 
Laghhann, Döring. Uebersetz. von Bamfer u. Schtvenck. — ' Musen- 
almanach, 4786, u. in der Vorrede zur Uebersetzung des Tibull 48^0' — 
^ Eichstadt, De Lygd. carminib., 4829 — 34* — ^ Nicht der angeblicben 
Yerfiatserin De edicto Domitiani, quo philosophos exegit oder Saüra de 
cormpto reip. statu. Webnsdorf in den Poet. Lat. minores, Bd. 3, bear- 
beitiet von Gürlitt u. Mannard. — ^ Ausg. von Vvlpiiis , Brobkhutken, 
Hbtns (4* A. 7on Wunderlich u. Dissen 4849), J. H. Voss, Bach, 
HosoHKE, GoLBBRT, Lachmann, Dissbn. Deutsche Uebersetz. Ton Voss, 
Strombeck, Günther, Richter, Nürnberger. — ^ Ausg. von Brobkjiotzbn, 
VuLPius, Burmann u. Santbn, Paldamus, Hertzbbro. Deutsche Ueber> 
setsQDg von Knebel, Strombeck, Voss, Hertzberg. 

§. 239. Der grosste römische Lyriker und Pindar^s 
glücklicher Nachahmer ist Q. Horatius Flaccus aus Yenusia 
(daher cygnus Venusinus) auf der Grenze Apuliens und 

10* 



I 



150 Zu>eüe$ Buch, Ethnodoktologie. 

§• 345. Die Reihe der grossen, noch Torhandenen EUsto- 
riker eröffiiet C. Julias Cäsar (4 00— 4i t. Chr.), dessen 
thatenreiches Leben Sueton und Plutaroh ausf&hrlich be- 
schrieben haben. Die früher dem Jul. Celsus beigelegte 
,yita J. Caesaris^ gab Schneider 1827 heraus und erklarte 
sie für ein Werk des Petrarca. Tacitus sagt von ihm: 
,Summus auctorum divus Julius.^ Seine ,Commentarü de 
hello Gallico^ in 7 Büchern (das achte von Aulus Hirtius? 
der 43 bei Mutina fiel) und ,De hello ciyili^ in 3 Büchern. 
Ungewiss sind die Verfasser der Bücher De hello Alexan- 
drino, Africano und Hispanico. 

Ausg. (erste 4469) von Clabkk 4742, Gbayics Ocdbhdobp, DIhvb, 
MÖBius, Herzog, Baumstark, Schneider 4840. Erlätttemngen der G^eo- 
graphie Galliens von Fiedler und Hefner. Wörterbuch von Cbüsiüs. 
Deutsche Uebersetz. von ff aus, Wagner, Sckaumann, Vollmer, Baum- 
stark, Sein Leben vorzugsweise von Dryjmamn im 3. Bde. der Gesclüdite 
Roms etc., 4837. 

§. 246. Cornelius Nepos aus Hostilia oder Verona, Freund 
des Cicero, noch unter Augustus am Leben, hinterliess histo- 
rische und geographische Werke, die verloren gegangen sind. 
Unter seinem Namen besitzen wir ein dem Alterthum un- 
bekanntes Werk ,Vitae excellentium imperatorum', kurze 
Biographien von 20 griechischen Feldherren (Miltiades, The- 
mistokles, Aristides, Pausanias, Cimon, Lysander, Alci- 
biades, Thrasybul, Conon, Dion, Iphicrates, Chabrias, Ti- 
motheus, Datames, Epaminondas, Pelopidas, Agesilaus, 
Eumenes, Phocion, Timoleon), eine Nomenclatur ,De regi- 
bus% griechischer und persischer Könige, nebst dem Leben 
des Hamilcar und Hannibal und zwei grossere Lebensbe- 
schreibungen des Cato und Atticus, als deren Verfasser 
Aemilius Probus (380 n. Chr.) genannt wird. 

Ausg. von Stavbren 4734 (neu von Bardili 4820), Brehi, Paütler, 
GCmther, Fbldbaüsgh, Dahme, Roth, Benbcke. Uebersetz. von Del/tn^er, 
Roth. Worterb. von Billerbeck u. Crvsics. Rink, Saggio di un esame 
etc., 4848 (deutsch von ff ermann 4829). De vita et scriptis Com. Nep. 
von Ranke, Walicki, Libbbrköhi^- Pohlmann, Lutenhcs, Nissbn, Hmalt, 
Wichers, Freudenbero. 

§. 247. C. Sallustius (oder Salustius, von salus, nach 
Gerlach) Crispus aus Amitemum im Sabinerlande, romischer 
Senator, durch die Censoren Appius Claudius Puloher und 
L. Piso (50 V. Chr.) senatu motus, von Cäsar restituirt und 
zum Statthalter von Numidien gemacht, starb 35 v. Chr. 



SiebzehrUes CapUel, Römer, 151 

Vollständig erhalten sind noch sein ,B^Uum Catilinarium^ 
und bellum Jugurthinum^ 

AuBg. (erste 4470) vonWAssB, Cobtb, Havbkoamp, Gerlach, Kbitz, 
jAUMAim, Fabbi, Hbbzoo, Djetsob, Limkbb \ 855. Deutsch von Sddüter, Wolt- 
mann, Strombeck, Hock. Wörterb. von Palm n. Crusiub. Orelli, Orationes 
et epistolae ex historiarom libris deperditis, 4834- Kbbtssio, Conunentat. 
de Sali, fragm., 4835* Otf. Mdllbb, Histor. krit. Untersuchungen d. Nach- 
richten über Sal. , 4 847. LöBELL, Zur Beurtheilung d. Sal. , 4848- Brossbs, 
EQst. de la r^p. Rom, dans le cours du septi^me si^cle par Sal., 4777. 

§. 248. Der berühmteste romische Geschichtschreiber ist 
T. Livins aus Padua (Patavium, 59 v. Chr. bis 17 n. Chr.), 
Günstling des Augustus, Erzieher des Kaisers Claudius. Er 
hinterliess ein grosses historisches Werk, ,Annales% welches 
die Geschichte der Romer von der Ankunft des Aeneas bis auf 
den Tod des Drusus (10 v. Chr.) in 142 Buchern umfasste, 
deren wir nur 35 (^e zehn ersten von Erbauung der Stadt 
bis 293, dann 21 — 45 von 218 — 168 v. Chr.) vollständig, 
nach Decaden abgetheilt, besitzen, dagegen von den übrigen 
nur Epitomae, welche Florus verfasst haben soll, und Sup- 
plementa von Freinsheim 1654; auch Einiges aus dem 91. und 
120. Buche und das 33. Buch aus einer bamberger Hand- 
schrift (Kreyssig 1839). 

Ausg. (erste 4469) von Gronov, Clbricus, Drakenborch (von Al- 
8CHBF8KI 4844), Ernesti (von Krbtssig 4823 — 27)) Stoth u Döring, 
Rupbbti, Baumoabtbn-Crvsids, Raschio. Deutsch von lleusinger u. 
OerleU Kruse, De fide Livii recte aestimanda, 4842. F. Lachmann, De 
fontibus historiar. Livii, 4822—28. SOltl, Liv. in s. Gesch., 4832. 

§• 249. In die Zeit des Augustus gehört Pompejus Trogus, 
der ein Werk in 44 Buchern: ,Historiae Philippicae (weil 
die macedonische Geschichte den Hauptinhalt bildete) et 
totius mundi origines et terrae situs^ hinterliess, welches 
die Geschichte von Ninus bis 5 v. Chr. umfasste. Daraus 
besitzen wir nur einen um 160 n. Chr. gefertigten Auszug 
von M. Junianus Justinus oder M. Justinus Frontinus ^ 

Verloren sind die Schriften des Asinius PoUio (geb. 
75 V. Chr.)*, des M. Tullius Tiro, Freigelassenen des Ci- 
cero, August's ^, des M. Vipsanius Agrippa Memoiren. 

Das ,Monumentum Ancyranum' verherrlicht August's 

Thaten und wurde 1553 durch Busbecq copirt*. 

1 Ausg. (erste 4470) von Grävids, Gronov, Frotschbr, DObner, 
MCtzbll. Deutsch von Kolbe, Schaumann, Schwarz. — * Thorbbckb, 
DeC Aein. Poll. studiis doctrinae, 4820. — ' Wbiohbbt, De Aug. scriptis, 
4836* — * Mbblbkbr, Eosmogeographie, §. 444. 

§• 250. Die Beredtsamkeit war in Rom schon früh 



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152 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

ein Staatsbedür&iss : sie lenkte den Sinn des Volks, die 
Berathung des Senats und das Urtheil der Gerichte; sie gab 
Einfluss im Staate und führte zu Würden und Ehren K 

Cicero's Vorganger waren in Rom : M. Cornelius Cethe- 
gus (suadae medulla), M. Porcius Cato, der jüngere Scipio 
Afiricanus, Serg. Sulpicius Galba, C. Gracchus, M. Anto- 
nius, L. Licinius Crassus; seine Zeitgenossen: Q. Horten- 
sius Hortalus u. C. Julius Cäsar ^. 

1 Westbrmamn, Gesch. d. rom. Beredtsamkeit, 4835* Ellbhdt, Pro- 
legomena historiam eloquentiae Rom. usque ad Caesarea adnmbrantia, vor 
dessen Aasgabe von Cicero's Brutns, (2. A.) 4844. — ' Mbtbb, Orato- 
mm Rom. firagm., (2. A.) 4842. 

§. 251. Der grosste Bedner Roms ist M. Tullius Cicero 
aus Arpinum im Marserlande (3. Jan. 405 — 42 v. Chr.), 
dessen Leben sein Freigelassener Tiro und Comel. Nepos 
in verloren gegangenen Schriften schilderten; noch erhalten 
sind die Biographien von Plutarch und Aurel. Victor *. Ge- 
bildet durch den Dichter Archias, die Redner Licin. Cras- 
sus, M. Antonius, Aemil. Scaurus, die Rechtsgelehrten 
Q. Mucius Scävola Augur und Q. Mucius Scavola Pontifex, 
den Epikuräer Phädrus, die Akademiker Philo von Lorissa 
und Antiochos, den Stoiker Diodotos, den Rhetor Molo 
von Rhodos und Demetrios, diu*ch den berühmten Poseido- 
nios und in Athen; Quästor 75, Statthalter in Sicilien 71, 
Aedil 69, Prätor 65, Consul (homo novus) 6S, pater patriae, 
imperator togatus, nach Augusfs Urtheil ein grosser Mann, 
der es mit Rom gut meinte, ermordet auf Antonius^ Geheiss 
durch Popilius. Sein Stil ist Muster der Latinitat. 

Seine erhaltenen Schriften zerfallen in rhetorische, 
in Reden, Briefe und in philosophische. 

1) Die rhetorischen Schriften sind: ,Libri IV rhe- 
toricorum' (über deren Verfasser üngewissheit herrscht). 
,Rhetorica s. de inventione libri duo% 87*. ,De oratore 
libri tres', 54 K ,Brutus s. de claris oratoribus*, 45 *. ,Orator 
s. de optimo genere dicendi' *. ,Topica ad C. Trebatium*, 43. 
,De partitioiie oratoria'. ,De optimo genere oratorum' \ 

2) Die Reden: ,Pro Quinctio', Sept. 80; ,Pro Sexto 
Roscio Amerino% 79; ,Pro Q. Roscio comoedo', 75; ,In 
Caecilium s. divinatio in Caecilium', 69; ,In Verrem' (eine 
Reihe von Reden in zwei Theilen, actiones) '^; ,Pro M. Fon- 
tejo', 68; ,Pro Caecina', ,Pro lege Manilia^ 65; ,Pro A. Cluen- 



Siebzehntes Capitel. Römer. 153 

tio Avito% 65; ,De lege agraria in Servilium Rullum ora- 
tiones tres% 62; ,Pro C. Rabirio perduellionis reo% 63; 
,Quatuor orationes in Catilinain% 62 (darüber Cludius 1826, 
Hagen 1851 und in seinem ,Catilina^ 1854); ,Pro L. Murena% 
62; ,Pro L, Valerio FlaccoS 58; ,Pro C. Comelio Sulla*, 
,Pro A. Licinio Archia poeta', 60; ,Post reditum ad Qui- 
rites', ,In senatu*, ,Pro domo sua ad pontifices*, ,De haruspi- 
cum responsis*, 56 — 55; ,Pro P. Sextio', 55; ,In Vatinium', 
,Pro M. Coelio Rufo*, 55; ,De provinciis consularibus% 55; 
,Pro L. Comelio Balbo% 55; ,In L. Calpumium Pisonem,' 
54 ; ,Pro Cn. Planoio', 53 ; ,Pro L. Rabirio Posthumo', 53 ; 
,Pro T. Annio Milone', 51; ,Pro M. Marcello*, 46; ,Pro 
Ligario*, 46; ,Pro Dejotaro', 45; ,Oratione8 XIV in M. An- 
tonium% 2. Sept. 43 bis 24. Mai 42 ®. Die Bruchstücke ver- 
dankt man den Nachforschungen von Ang. Mai, Peyron imd 
Niebuhr •. Unter den alten Erklärem der Reden Cicero's 
steht oben an Q. Asconius Pedianus (f 41 n. Chr.) ^^. 

3) Die Briefe werden gewohnlich in vier Abtheilungen 
zerl^: ,Ad diverses libri XVI'; ,Ad T. Pomponium Atticum 
libriXVI'; ,Ad Quintum fratrem libri tres'*^; ,Ad Brutum 
Kber^w 

4) Seine Verdienste um Einführung imd Verbreitung der 
griechischen Philosophie in Rom schildern Kühner '^ und 
Brandis ^^. Er ist Eklektiker ohne ein bestimmtes System : 
,De republica libri sex*, 53 ^\ ,De legibus libri tres', 52 *®. 
,Academica', 44 ^^ ,De finibus bonorum et malorum libri 
quinque', 44 ^^. ,Tusculanarum disputationum libri quin- 
que', 43". ,De natura deorum libri tres', 43*^. ,De di- 
Tinatione libri duo', 43 *^ ,De fato% 43**. ,Cato maior 
8. de senectute' *'. ,Laelius s. de amicitia' **. ,De ofßciis 
libri tres', 43**. ,Paradoxa stoicorum sex'*®. 

1 MiDDLETON, Gesch. Roms, Cicero's Zeitalter umfassend, yerbanden 
mit dessen LebeDSgesch. , 4744 (deutsch Yon Seidel 4794 — 93). Schiblitz, 
Vorschule zum Cicero, 4837> Dbcmakm, Gesch. Homs etc., 4834 — 44} 
Bd. 5 u. 6. Cicero. Brückner, Leben Cicero's (Bd. 4.)» 4853. -- ' Von 
Lindemann 4828. — ' Von Pbarce, Müller, Henriohsen, Euniss, 
E^LBHDT 4840. — * Von Ellbndt, Stern, Meter. — & Von Meter, 
GöLLBR u. Peter. — ^ Erste Ausg. 4485, bei Aldus 4544) Ton Schutz 
1804 — 8. — ^ Von Zumpt 4834. — ^ Von Wbrnsdorp 4824 u. 4825. — 
* Ihre Ausg. von Beibr 4825. — ^^ Ausg. (erste 4444) von Manutius, 
ChiÄviüS, Klotz 4835. Ausgewählte Reden von Möbius 4842, Matthiä, 
Rauteb, Steinmetz, Benecke, Süffle; Wolff's deutsche Uebersetzung 
snserwählter Reden 4806 — 49 u. neue Sammlung 4 823 fg. — ^^ Die zweite 
u. dritte Classe von Manutius 4579, Grävius 4677, Schütz 4809 — 42. — 



154 ZweiUs Buch, Ethnodoktologie. 

12 Eine Auswahl von Matthia, Pflaks, SöprLs. Uebersets. tod Wieland 
(fortgesetzt von Gräter 4808 — 24 u. 4842). Abbkbn, Cicero in s. Brie- 
fen, 4835. — '^ Ciceronis in phiios. eiasqne partes merita, 4825. — 
^* Handb. d. griech. o. röm. Philosophie, 4835 — 44» — ^^ Von Bbbnabdi 
4798; 'von Mai in einem Palimpsest im Kloster zn Bobbio gefunden und 
edirt 4822, später von Hbinbich, Stbinacker, Lehnbb, Mosbb. — ^^ Von 
Datisius, Göbenb, Mosbb u. Crbuzeb. — i7 Minder richtig Aoademicae 
quaestiones oder dispntationes, YonDAYisius, Göbbnz, Obblli.' — ^^ Von 
Dayisics, Göbemz, Otto. — ^^ Von Obblli, KChmbb, Klotz, Mosbb. — 
^^ Von Hbindobf, Cbeuzbb, Mosbb. — 'i Von Hottivgbb, Mosbb, Gibsb. — 
2> Von Bbemi. — >^ Von Gbbbhabd, Otto, Klotz, Hvttbb o. GbIiDBB. — 
>^ Von Bbieb, EjiOTz. — >^ Von Hbdsibobr u. Zumpt, Gbbnhabd, Bbibb, 
Sturenbebo; übersetzt von Garve, Hottinger, — '* Gesammtansgaben 
(erste 4498) von Viotorivs, P. Makutius, L ambin, Gbonov, Vbbbub«, 
Ebkesti, Olivbt, Faociolati, Gabatomi, Schütz, Bbntivoolio, Obblli, 
Nobbe. Unter den Chrestomathien ist die beste von Olivbt, Hottibobb 
u. Ochsnbb, Ciceronis Eclogae. Deutsche TJebersetz. von Strombeck, Jacobs, 
Droysen, Zumpt, Westermann u. Klotz. — Lexika zn Cic. von Niboliüs, 
Facciolati; Clavis von Ebbesti u. ^cedtz; Onomasticum Tullianom von 
Obblli u. Baiteb, 4836 — 38. 



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Achtzehntes Capitel. 

Doppeltes Sprachgebiet unter römischer Herrschaft, 
bis zur Zerstörung des weströmischen Kaiserreichs, 

476 n. Chr. 

§. 252. Das Komische ist Staatssprache, das Griechische 
Cultursprache : Cicero, ,Pro Archia', 1 : ,Graeca leguntur in 
Omnibus fere gentibus; Latina suis finibus, exiguis sane, 
continentur.' Die Zeit vieler Schriftsteller ist imgewiss. 

Fbamkb, Zur Gesch. Trajan's u. seiner Zeitgenossen, 4837* 

§. 253. Unter den Schriftstellern dieser Zeit be- 
haupten vorzugsweise die Historiker, und zwar 
Griechen sowol wie Römer, den ersten Bang. 

\) Griechen. 

§. 254. Plutarchos aus Chäronea in ßootien (50 — 420 
oder 130 n. Chr.), Lehrer des Kaisers Hadrian und durch 
ihn procurator Graeciae, zuletzt in seiner Heimat Arohont 
und Apollopriester. Von seinen etwa 300 philosophischen 
und historischen Schriften besitzen wir noch 125 mit Ein- 
schluss der imechten, darunter ,Ethica' oder ,Moralia' (Er- 
läuterungen Platonischer Philosophie) und 46 ,B(oi xapotX- 
XiqXoiS ^^ Ganzen aber 50 Lebensbeschreibungen: 1) ,The- 



AchtxehfUes Capüel. Doppeltes Sprachgebiet unter röm. Herrschaft. 155 

seus und RomulusS S) ^Lykurgus und Numa^, 8) ,Solon und 
Valer. Poplicola', 4) ,Themistokles und Camillus^, 5) ,Perikles 
und Q. Fabius Maximus^ 6) ,Alkibiades und Coriolanus^, 
7) ,Timoleon und Aemilius Paulus', 8) ,Pelopidas und Mar- 
cellus', 9) ^Arisüdes und Cato Censorius', 10) ,PhiIopomen 
und Flamininus', 11) ,Pyrrhos und Mariu8% 12) ^Lysander 
und SullaS 13) ,Kunon und LucullusS 14) ,Nikias und 
CrassusS 15) ^Eumenes und Sertorius', 16) ,Agesilaos imd 
Pompejus', 17) , Alexander d. Gr. u. Cäsar*, 18) ,Phokion 
und Cato Uticensis', 19) ,Agis, Eleomenes und die beiden 
Grracchen', 20) ,Demosthene8 und Cicero', 21) ,Demetrio8 
Poliorketes und M. Antonius', 22) ,Dion und M. Brutus'; 
ohne Parallele stehen ,Artaxerxes Mnemon', ,Aratos', ,Galba' 
und ,Otho'. 

Nach dem Muster dieser Biographien hat man in neuerer 
Zeit in mehren Ländern Sammlungen vaterländischer Bio- 
graphien unter dem Titel Plutarch veranstaltet, darunter der 
deutsche Plutarch von Niemeyer. 

GesammtauBg. von H.Stephanus, Rbiskb, Hütten. Die Moralia von 
Xtl ANDER n. Wtttenbach, DCbner (mit lat. Uebersetz.), Winckblmann. 
Die Vitae von Brtak o. Moses de Soul, Korais, Schäfer, Sintbnis. 
Heeren, De fontib. et auctoritate vitarnm paral. Plut., 4820* K. F. Her- 
mann, De foDtib. vitar. Fiat. , 4836. Beck, De placitis philosophor., 4787. 
Wtttenbach, De sera numinis vindicta, 4772. Usteri, Consolatio ad 
Apollomum, 4830. Winckelmann , Eroiicus , 4 836. Bredow's Philopomen, 
beide Gracchen n. Brutus. Schneider's Alexander u. Cäsar. Fabrici*s 
Timoleon, Gracchen u. Brutus. Bahr's Philopömen, Flaminin, Pyrrhus u. 
Alkibiades. Held's Aemil. Paulus u. Timoleon. Sintenis' u. Gottschick's 
Themistokles. Yögelin's Brutus. Sintbnis* Perikles. Schöi&ann's Agis 
u. ELleomenes. Kramer's Phokion. Westbrmann's Solon. Ekker's Ki- 
mon. — tJebersetz. der moralischen Schriften von Bahr, der Lebensbe- 
schreibungen von Schirach, Kleiber; beider von Kaltwasser, 

§. 255. Flavius Arrianos aus Nikomedien in Bithynien, 
durch Hadrian praefectus Cappadociae, Historiker, Geo- 
graph, Philosoph und Taktiker. Seine /laxopfat avaßdcaeoc 
'AXe^avSpou' in 7 Büchern und attischem Dialekt ', /IvSixtq' 
in ionischem Dialekt *. Für die alte Geographie wichtig ist 
Arrian's Schreiben an Hadrian über die ümschiffung (Pe- 
riplus) des Pontes Euxinos und des Uothen Meeres ^. ,Lehr- 
buch der Taktik und die Schlachtordnung gegen die Alanen^ ^. 
,Kynegetikos^ ^. Auch gab er als Schiller Epiktet^s (geb. 
um 50 n. Chr., Sklave des Epaphroditos in Rom, eines Frei- 
gelassenen des Nero), dessen Handbuch (,Encheiridion^) der 
Moral (stoische Philosophie) heraus und Epiktet^s ,Unter- 



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156 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

redungen^ in 8 Büchern, von denen wir nur die ersten vier 
besitzen ^. 

1 Ausg. von Schmiedes, Ellbndt, KRüasB. Deutsch von Dörner. 
VAN DER Chts, CommeDtar. geogr. in Arrian., 4828, nebst Karte. — * Ausg. 
von ScHMiEDBB. — ' Ausg. TOD HuDSON u. Gail in den Geogr. Graec. 
min. — ^ Von Soheffeb u. Blaicoabd. — ^ Von Holstein, in Xenophon'B 
Opnsc polit. Ton Zbuke o. 6aüppb. — ^ Schwbiqhausbb, Philos. Epict 
monumenta, 4799, u. Kobat 4827. 

§• 256. Appianos aus Alexandrien (98 — 160 n. Chr.), 
kaiserlicher Procurator. Seine ,Römische Geschichte^ in 
24 Büchern ist nur ungefähr zur Hälfte erhalten und um- 
fasst die Zeit bis auf August nach ethnographischer Ein- 
theilung. 

Wiederhersteller u. Herausgeber ist Sohwbiohayjsbb 4785» Uebersetzer 
Dilleniue u. Zeiss. * 

§. 257. Dion Eassios Kokkeianos aus Nikäa in Bithy- 
nien, im Consulat Amtsgenosse des Kaisers Alexander Se- 
verus 222, schrieb 80 Bücher romischer Geschieht« yon 
754 V. bis 229 n. Chr. Von den ersten 35 Büchern nur 
Bruchstücke, ein Theil des 36., 37 — 54 fast ganz erhalten, 
55 mit Lücken, 56 — 60 vollständig, von 61 an nur Fragmente, 
von 35 — 80 ein Auszug des Mönchs J. Xiphilinos (1 1 . Jahrh.) 
auf Befehl des Kaisera Mich. Dukas. 

Die Fragm. yon Valesius, Pbirbscius u. Ubsinüs. Mai, Scriptor. 
vet. nova coUectio. Ausg. von Fabbicius u. Reimabus, Stubz. XJebersetz. 
von Wagner, Penxel, Lorentz, Tafel Wilmans, De fontib. et auctoritate 
Dion. Cass., 4835. 

§. 258. Herodianos (170 — 240 n. Chr.) schrieb romische 
Geschichte von 180— 238 ^ 

Klaudios Aelianos, der Sophist, aus Präneste, aus dem 
3. Jahrh. n. Chr., schrieb ,noix(Xai torop^at' (eine geschicht- 
liche Compilation) * imd , lieber die Natur der Thiere' ^ 
Mach Einigen gehören beide Werke verschiedenen Verfisws- 
sem an. 

Der Taktiker Aelianos (98—138 n. Chr.)*. 

Fragmente der Spätem *. Eusebios ist Kirchenhistoriker 
(10 Bücher), Biograph (Leben Konstantin^s d. Gr.) und 
Chronist •. 

. 1 Ausg. von Aldcs, Ibmisoh, F. A. Wolf, Webbb, Lamoe, Bekkbb. 
Lat. XJebersetz. von Politianus. Deutsch von Cunrad. — * Ausg. ' von 
Gbokov, K6hh, Kobat. — ' Von Sohkbideb u. Jacobs. — * Ausg. von 
ABGEBIC8. Deutsch in BaumoXbtnbb's Samml. aller Kriegsschriftstdder d» 
Griechen, 4779. — ^ Von Dav. Höschel 4603 u. Ph. LabbXus, Pro- 
trepticon de Byz. historiae scriptorib., 4648. — ^ Ueber seine Glaubwürdig- 
keit MöLLEB, Danz, Kestneb, Rbyjtbbdahl, Ribnstba. S. unten §. 303. 



Achizehntes Capitei Doppeltes Sprachgebiet unter röm, Herrschaft. 157 

2) Bomer. 

§. 259. C. Vellejus Paterculus (18 v. bis 31 n. Chr.) 
hinterliess ,Historiae Born, libri U^, deren Anfang fehlt und 
die nach I, 8 eine Lücke enthält, einen Abriss einer all- 
gemeinen Geschichte von Trojas Zerstörung bis 30 n. Chr. 
Dieses Werk machte zuerst Beatus Bhenanus aus einer ein- 
zigen üandschrifl des Klosters Murbach im Elsass 15SI0 
bekannt, die später aber spurlos verschwand, bis 1835 durch 
Orelli eine angebliche Abschrift dieses Codex herauskam, 
welche Bonifaz Amerbach zu Anfang des 1 6. Jahrh. zu Basel 
gemacht hatte. 

Fbchteb, Die Amerbach'sche Abschrift des Vellej. n. ihr VerhäitDiss 
zum mnrbacher Codex u. zur editio princeps, 4844* Ausg. von Lipsids, 
Hbinsius, Hudson, Bvbmann, Obblli, Kbbyssio, Bothe, Ebitz. Uebersetz. 
von Jacobs f Stromheck, Gölte, üeber Vellejus, sein Werk und seine Glaub- 
würdi^eit: Hebel 4794, Moboemstebn 4798 (auch in den Ausg. von 
Krause u. Fbotscheb), Sauppe im Schweizer Museum für histor. Wis- 
senschaft, 4837. 

§. 260. Valerius Maximus (unter Tiberius) schrieb ,Facto- 
rum dictorumque memorabilium lib. X' ^ 

L. Annans Florus (von unbekannter Zeit und Herkunft) : 
,Epitome de gestis Kom.' oder ,Rerum Rom. lib. IV*. 

Q. Curtius Rufus (von ungewisser Zeit) : ,De rebus gestis 
Alexandri M. lib. X% wovon die beiden ersten fehlenden 
Bücher Bruno, Freinsheim imd Cellarius zu ergänzen 
suchten ^. 

1 Ausg. YonLiPSius, Thtsius, Tobbenius, Hase, Calembebo, Eeupf 
4854. Deutsch von Uoffmann. — ' Ausg. von GbXye, Dukbb, Fisohbb, 
Titzb. Deutsch von Schallgruber, Titze, De epitomes cet. vero auctore, 
4804. Gossbau, De Flori qua vizerit aetate, 4837. — ' Ausg. von Sma- 
lENBUBo 4724, ZuMPT, Baumstabk, Mützbll 4844. Deutsch von Oster- 
tag. lieber sein Leben und Zeitalter Pikzoeb in Seebode's Archiv, 4824» 
Bd. 4, HiBT 4820 n. Buttmanb's Gegenschrift 4820, Niebuhb in den 
Denkschriften der berliner Akademie 4823» 

§. 261. C. Cornelius Tacitus, wahrscheinlich aus In- 
teramna, consul suffectus 97 n. Chr., schrieb ,Vita Agrico- 
lae' ^, seines Schwiegervaters, ,De situ, moribus populisque 
Germaniae^ zur Zeit Trajan's®, ,Annalium lib. XVI' vom 
Tode Augustes bis zum Ausgange des Cäsarischen Ge- 
schlechts durch Nero's Tod (14 — 68) ', ,Historiarum lib. V 
von 68 — 96*, ,Dialogus de oratoribus s. de causis corruptae 
eloquentiae' •. Ueber historische Kunst sagt er selbst: 
,Praecipuum munus annalium reor, ne virtutes sileantur. 



I 



158 Zweites Buch. Elhnodokiohgie. 

utque pravis dictisque factisque ex posteritate et infamia 

metus sit*/ 

1 Aug. von Babxes, Dbokkb, Klbin, Hbbtbl, Pbbblkamp, Walch 
(mit deutscher Uebenetz. n. Commentar), Roth. — > Ausg. von Bbedow, 
Passow, Dilthbt, Hess, Kibsslinq, J. Grimm, Rittbb, Wbishaupt. — 
> Davon fehlt ein Theil des fünften Baches. Diese 5 Bücher fand Leo's X. 
Schatzmeister, Angelo Arcomboldo, Anfang des 46. Jahrh. im Kloster zu 
Korvey, und Ph. Beboaldvs machte sie 4545 bekannt. Dann fehlen 
das 7. — 40« nebst Anfang des 44. und der Schluss des 46. Buchs, also die 
ganze Regierungsgeschichte des Caligula und die der ersten Jahre des 
Claudias. — * Ausg. von SohlCtbb; franz. Uebersetz. von Burnouf u. 
Panckoucke. — ^ Ausg. von Dromkb, Oeblli, BOttichbb (auch Lexicon 
Taciteam, 4830), Papst. Deutsch von Hübsch. — • Allgem. Ausg. von 
Bbat. Rbbhabus, Lipsiyjs, Gbobov, Ebbbsti u. Obbblim, Bbkkbb, Wal- 
ther, Bach, Ritter, Rcperti, Ddbner 4845. Deatsche Uebersetz. von 
WoUmann , Strombeck , Bickleffs , Gutmann, Bötticher. lieber seinen Kanst- 
charakter SOvbrb in d. Abhandlungen d. berliner Akademie d. \^ssensch., 
4822 u. 4823) u. Hoffmann, Die Weltanschauung des Tacit., 4834. 

§. SI62. C. Suetonius Tranquillus, unter Hadrian magister 
epistolarum : ^Lebensbeschreibungen der ersten zwölf Kaiser, 
von Jul. Cäsar bis Domitian' K 

Die Sammlung der ,Scriptores historiae Augustae^ ent* 
hält von sechs verschiedenen Verfassern (Ael. Spartianus, 
Vulcatius Gallicanus, Trebellius Pollio, Flavius Vopiscns, 
Ael. Lampridius, Jul. Capitolinus) eine Reihe von Bio- 
graphien romischer Kaiser von Hadrian bis Carus (147 — 285) 
und kann als Fortsetzung des Sueton betrachtet werden^. 

Ausserdem sind noch drei Epitomatoren des 4. Jahrb. 
zu nennen: Aurelius Victor ', Eutropius ^ und Sextiis Rufus. 

Ammianus Marcellinus, ein Grieche von Geburt, im Ge- 
folge des £laisers Julian viel auf Reisen und hochgebildet, 
schrieb in Rom eine ,G«8chichte^ in 31 Biichem von 96 — 378, 
von der die 13 ersten Bücher (96 — 352) fehlen*. 

Der spanische Presbyter Orosius (420) schrieb auf den 
Rath des heil. Augustin 7 Bücher ,Geschichte gegen die 
Heiden', auch ,Hormesta' genannt, von Erschaffimg der 
Welt bis 417 n. Chr.«. 

Aus Cassiodor^s ,Historia Gothonul^ besitzen wir einen 
Auszug von Jemandes oder Jordanes ^. 

1 Ausg. von ToKRBNTiüS, Casaubonos, GrItiyjs, Burmann, Oüdbit- 
DOBF, Ernbsti, f. A. Wolf (mit d. Commentar von Casaubonus), Badm- 
oabtbn-Cbusius mit einer Clavis Suet. Deutsch Ton Eichhoff, Schenk, 
Strombeck. Kbavsb, De Suet. fontib. et auctoritate, 4834» — * Avsg. 
von Casaubonus, Salmasics, PCttmann. — ^ Ausg. von Schott, Abbbtsbn, 
Gbunbb, Sohbötbb. — ^ Ausg. von Hayerkamp, Tzsohuckb, Hbbmann, 
Zbll, Ramseobn. Die griech. Uebersetz. des Päanius von Kalttoasser. — 
* Ausg. von Waonbb u. Bbfcbdt, mit Commentar von Gbonoy. Deuiteh 



Achtzehntes Capitel. Doppeltes Sprachgebiet unter röm. Herrschaft, 159 

von Wagner. — ^ Ausg. von SchGsslbb u. Havbbkamp. Möbnbb, De 
Orosii Tita etc., 4844. — ^ Ausg. von Gabbt. — lieber die Quellen der 
Geschichtschreiber unter den römischen Kaisem handeln Pbutz, De fonti- 
bus etc., 4838; Hibzel, Comparatio etc., 4854; Sibybbs, Tacitus u. Tiber, 
ein Programm des bamburger Johanneums , 4 854 ; Ludw. Schillbb in der 
Zeitschrift für das Gymnasialwesen, 4853) H. 3. 

§. 263. An die Historiker schliessen sich zunächst 
diejenigen Männer an, welche über Länder- und 
Volkerkunde, über Zeitrechnung und das Verhält- 
niss der Erde zur Sonne und zu den übrigen Pla- 
neten geschrieben haben. 

Mbblbkbb, Gesch. d. Geog]:iiphie, 4839, u. Kosmogeographie, 4848, 
Cap. 3. u. 9. 

§. 264. Fausanias (nach früherer Annahme aus Cäsarea 
in Kappadokien), ein Lyder (160 n. Chr.): ,nspti^atc vffi 
'EJAotSoc' (Reise durch Griechenland) in 10 Büchern ^ 

Der einzige römische Geograph ist Pomponius Mela 
aus Tingentera in Hispania Bätica (40 n. Chr.): ,De situ 
orbis Ubri HP «. 

Klaud. Ptolemäos, Geograph, Astronom, Chronolog und 
Mathematiker, nach der gewöhnlichen, doch unbegründeten 
Annahme aus Pelusion in Aegypten (150 n. Chr.), hinter- 
liess ,r6(iyYpa9tX7) u9TQ'piatc' in 8 Büchern 3, ,np6xsipot xavo- 
vs^' (astronomische Tafeln), ,MsYaXi] ouvra^i^' in 13 Büchern 
(enthaltend das sogenannte Ptolemäische Weltsystem) *, 
,Kavayv ßacrtXetöv' (ein chronologisches Verzeichniss von 65 Re- 
gierungen). 

Stephanos von Byzanz (Ende des 5. Jahrb.): ,'E^txa^ 
oder ,nspt TcoXeovS ein geographisches Wörterbuch, nur noch 
in Bruchstücken; das Uebrige im Auszuge des Hermolaos 
(aus dem 6. Jahrh.) \ 

,Periplus^ des Markianos von Heraklea (410). 

Solinus (3. Jahrb.): ,Collectanea' oder ,Polyhistor', auch 
,De situ et mirabilibus orbis' genannt \ 

Ruftis Festus Avienus aus Volsinii in Etrurien (350?) 
gab in 705 Jamben eine ,Ora maritima' (Schilderung der 
Küste von Gades bis Massilia) ^ 

Ausonius (309 — 392): ,Mosella' (unten §. 280). 

Cl. Rutilius Numatianus (417): geographisches Gedicht 
,De reditu' (Reise von Rom nach Gallien) ®. 

Sextus Rufus : ,De regionibus urbis Romae' und ,Libellus 
provinciarum Rom.'. 




160 Zweites Buch. Ethnodoklologie. 

P. Victor: ,De regionibus urbis Romae^. 

Yibius Sequester (Ende des 4. Jahrb.): Gedicht ,T)e 
fluminibus, fontibus, gentibus etc> 

' Die Itinerarien und die ,Tabula Peutingeriana^ (%iO n. Chr. 
oder aus dem 4. Jahrb.), benannt nach dem nürnberger Raths- 
herm Kr. Peutinger, der sie von Kr. Celtes zur Heraus- 
gabe erhielt, als dieser sie im Kloster zu Tegemsee auf- 
gefunden hatte ^. 

1 Ausg. von McsDBVs, Faoius, Glavibb, Sibbblis, Bbkkbb, Sohubabt 
XL. Walz. Deutsche Uebersetz. von Goldhagen, Wiedasch, Siebetis. König, 
De Pftus. fide etc., 4833. Mbblbkbb, Ein Wort über Pansan. , in Seebode's 
Archiv etc. , 4 832 , Supplementbd. I, H. 2. — > Ausg. von Ib. Voss , Jak. 
Gbonoy, Abb. Gbonov, Tzschuckb, Titzb, Wbiohbbt. Deutsch von 
Dietze. — ^ Ausg. Yon Wilbbbo u. Gbashof , Nobbb. Deutsch von Georgi 
in s. Alten Geogr., Bd. 4. Hebbbn, De fontibus geographioor. Ptolem., 4828. 
Wilbbbo, Das Netz der allgem. Karten des Eratosthenes u. Ptolem., 4834> — 
4 Uebersetzt 827 ins Arabische durch AI Hazen ben Jussuf u. Sergius als 
Thir al magesthi, daher Almagest, 4230 ins Lateinische durch Aegidius Ti- 
buldi. Griech. Text u. firanz. Uebersetz. von Halma 4843 — 28- — ^ Ausg. 
von Bbbkbl, W. Dindobf, Westbbmann, Mbinbkb. — ^ So genannt in der 
ersten Ausg. 4473, später von Gbassbb, Götz. Salmasids: Exercitationes 
Plinianae in Solini polyhistora. — ^ Ausg. Yon Mbttaibb, Webbsdobf, 
Hudson, Bebnhardt in d. Samml. d. kl. Geogr. u. lat. Dichter, einzeln 
von Fbiesehann 4786. — ^ Ausg. von Kapp, Gbcbeb, Wbbnsdobf, Zumpt: 
Obsenrationes in R. N. carmen, 4837. — ^ M. Wblsbb gab sie 4594 heraus; 
4744 fand man sie unter Peutinger's Handschriften ; durch Prinz Eugen kam sie 
an die Bibliothek nach Wien , wo man in neuester Zeit noch ein Blatt anfEand. 
Ausg. YonScHETB 4753, in Katabcsicb's Orbis antiq., 4825, t.Mannbbt 4824. 

§. 265. Chronographen: Phlegon von Tralles in Ly- 
dien (daher Trallianus) schrieb ,Wunderbare Geschichten', 
,De macrobiis' und /OXupiTCtovtxöv xat XP^^^^^^ (ruva7cyfiQ', 
wovon nur noch die 177. Olympiade übrig ist, in deren 
drittem Jahre Virgil geboren ist ^. 

Sextus Julius A£ricanus aus Emmaus in Palästina oder aus 
Libyen (3. Jahrh. n. Chr.): ,IIevTaßißXov j^povoXoytxovS von 
Erschaffung der Welt (nach ihm 5499 v. Chr.) bis 221 n. Chr. 
reichend. Nur Bruchstücke bei spätem Chronisten. 

Censorinus (238 n. Chr.) : ,De die natali' (urbis Komae) *. 

Des Eusebios ,navTo8aTri] Coropfa' und ,Xpovix6c >cavtiv' ', 
fortgesetzt von dem heil. Hieronymus; dieser von Idatius. 

Georgios, von seiner kirchlichen Würde Synkellos bei- 
genannt (um 800): /ExXoY*}) XP^^^TP*^*^'- Durchweg nur 
Fragmente. 

1 Ausg. von Fbanz a. Wbstebmann in den Paradozographi s. scripto- 
res rerum mirabilium Graeci, 4839* — ' Ausg. von Lindbnbboo, Haybb- 
GAMP, Gbcbeb. — ^ In einer armenischen Uebersetz. Ton Zohrab n. Mai 
4848) n. in einer latein. von Aucher 4848. 



\ 



Achtzehntes CapileL Doppeltes Sprachgebiet unter röm. Herrschaft. 161 

§. 266. Mathematiker, Feldmesser (Gromatici), 
Taktiker. P. Nigidius Figulus, Cicero's gelehrter Zeit- 
genosse. Baumeister M. Vitruvius PoUio aus Verona (?) 
im Zeitalter des August und Tiber, schrieb ,De archi- 
tectura lib. X', aufgefunden von dem Florentiner Poggi in 
St. - Gallen ^ 

Sextus Julius Frontinus, curator aquarum unter Nerva, 
Feldherr, Rechtsgelehrter und Redner (f um 105 n. Chr.): 
,Strategematicon' (von Kriegslisten) in 4 Büchern ^ und 
^De aquaeductibus urbis Romae' ^. Das Buch ,De re agra- 
ria, limitibus et coloniis^ wurde ihm ehemals falschlich 
beigelegt *. 

L. Junius Moderatus Columella aus Cadix hinterliess 
12 Bücher ,De re rustica' (das zehnte ,De cultu hortorum' 
in Versen), Anhang ,De arboribus' *. Palladius: 14 Bücher 
,De re rustica' (das letzte in Distichen). Die ,Geoponika' 
des Kassianos Bassos (zwischen 780 — 799) in 20 Büchern, 
Auszüge aus alten Schriftstellern. 

Taktiker: Philo von Byzanz (150 v. Chr.) schrieb ausser- 
dem ,nepi TÖv iTuta S^aupiaTov' ^ Aeneas: ,2TpaT7]Yixa, tocxtc- 
xbv xal TCoXiopxT^Ttxov' ^. Onosandros (etwa 50 n. Chr.) : ,STpa- 
VTpfOih^ Xo70<s' ®. Kaiser Hadrian : /ETuin^SeufJia'. Arrian : 
,"ExTaatc xaxa 'AXavöv' und ,A6yo<s toxtixcx; i) t^x"^ xaxTiXT^'. 
Aelian^s ,TaxTixa'. Polyänos (150 n. Chr.): jSTpanfjTTjfjia- 
Ttxa' ^. Flavius Vegetius Renatus (um 380 n. Chr.): ,Epi- 
tome institutionum rei militaris' in 5 Büchern ^^. 

^ Ausg. von Rode (auch Kupfer), Schneidbb, Stratico (mit Kupfern 
u. einem Lexicon Yitruyianum), Mabini. Deutsch von Bode. Italienisch 
Ton Viviani u. einem Dizzionario universale d'architettqra , 4830. Gbnelli, 
Exeget. Briefe über Vitrnv's Baukunst. Stieglitz, Archäolog. Unterhal- 
tungen, 4820. — * Ausg. von Oudbndorp, Sohwebel, Wiegmann. — 
> Ausg. von Adler, Dederioh, von demselben auch deutsch. — ^ Göes, 
Rei agrariae auctores. Schneider, Scriptores rei rusticae, 4797. Die so- 
genannten Gromatioi schrieben über Feldmesskunst. — ^ Deutsch von Cur- 
f{us^ — 6 Ausg. von Orelli 4846- — ^ Ausg. von Orelli 4848. — 
8 Ausg. von Schwbbel u. Korais. Deutsch nebst Planen u. Zeichnungen 
von Baumgärtner, — ^ Ausg. von Cabaubonus, Mursinna, Korais. Deutsch 
von Seybold, Blume. — ^^ Ausg. von Scriver, Schwbbel. Deutsch von 
Meinecke u. Lipowski. 

§. 267. Die von den Griechen vernachlässigten Natur- 
wissenschaften fanden an zwei Römern wackere Bearbeiter: 
L. Annans Seneca der Philosoph (f 65 n. Chr.): ,Quaestio- 
num naturalium libri YU} '. C. Plinius Secundus Major 

MEHtEKRR. i 4 




163 Z weil es Buch. Ethnodoklologie. 

SU8 Verona oder Comum (23 — 79 n. Chr.): encyklopädiaches 
Wetk In 37 Büchern, ,H^^^^^^ naturalis^ Excerpte ans mehr 
als 2000 griechischen Werken*. 

> Ansg. von Köleb, deatsch Yon Ruhkopf. Fickbbt machte Gronovii 
notae in Seneoae quaestionef naturales b^kantit, 4846. — ' Ausg. von 
Habdooin, Fbanz, Sillio, Panckouckb. Deutsch von Grosse, Fritsch, 
Kulk, Strack 4855. Franzos. Ton Grandsagne , mit latein. Text u. Anm. 
von Cumer^ Leironne n. A., 4829 fg> Hbtvb, Exoerpta ex Plüi. Hirt, nat, 
quae ad artes spectant, 4790 (neue A. von WCstbmakb 4814). Gbbbbb, 
Chrestomathia Pliniana, 4776. 

§• 268. Mediciner: Cornelius Celsus (30 n. Chr.), 
8 Bücher ,De medicina^ ^. P. Vegetius V eterinariiis : ,Ar8 
veterinaria s. mulomedicina', eine elende Uebersetznng der 
j'lTCTctaTptXTfjS die ein bomirter Mönch des 12. oder 43. Jahrb. 
gemacht zu haben scheint*. Klaudios Galenos aus Perga- 
mus (131 — 200), nach Hippokrates der berühmteste Arzt 
des Alterthums, Autorität in der alten Welt bis auf Para- 
celsus (1493 — 1541), Verfasser von über 340 Werken'. 

1 Ausg. von Kbavsb u. Tabga. — > Bei Schhbidbb, Bd. 4. der Scripto- 
res rei rusticae. — ^ Ausg. von Chabtieb mit lat. Uebersetz. , K6hn. Deatsch 
von Sprengel u. Nöldecke. 

§. 269. Die Epistolographie bildete sich zu einem 
eigenen Zweige der Literatur erst nach Augustes Zeit aus. 
L. Annaus Seneca's 124 Briefe an seinen Freund Lucilius K 
Der jüngere C. Plinius Cäcilius Secundus aus Comum 
(62—110 n. Chr.), Neffe des altem Plinius, durch Trajan 
Consul und dann Proconsul in Bithynien und Pontes: 
1 Bücher Briefe ^ und Panegyricus auf Trajan \ Von 
M. Cornelius Fronto, einem berühmten Lehrer der Beredt- 
samkeit unter Hadrian (seine Schüler Frontonianer), aus 
Cirta in Numidien, der zu den höchsten Staatswürdeti ge- 
langte und um 170 n. Chr. starb, kannte man bis ISIS nur 
Fragmente seiner grammatischen Schriften (,De differentiis 
vocabulorum'); Ang. Mai entdeckte in der Ambrosianischen 
Bibliothek zu Mailand eine grosse Anzahl von Briefen*. 
Q. Aurelius Symmachus (Ende des 4. Jahrb.), berühmter 
Redner und Vertheidiger des Heidenthums * : 10 Bücher 
Briefe ^. 

' Ausg. von ScHWBiOHAVSEB, deutsch von Olshausen. — * Ausg. von 
GiEBio, TiTZB, Döbing; ein Delectus von Hebest. — ^ Ausg. von Wiboand, 
HoFFA. Beide Schriften (2 u. 3) -von Sohott. Gesammtausg. von G«8Nbb 
u. ScHAFBB, Gibbig, Gbos. Ueber Plinius und seine Schriften Giebio 4798) 
Held 4833. — ♦ Ausg. durch Nibbühb 4846,- neue Sammlung 4832. Roth, 



Achtzehntes CapHel. Doppeltes Sprachgebiet unter röm. Herrschaft* 163 

Ueber die Schriften des Fronto, 1847. — ^ Bruchstücke von acht Reden 
durch Mai 4845. — ^ Ausg. von Jcrbtus, Lbctiüs, Soioppius, Pabbus. 

§. 270. Der Name der Sophisten war seit Sokrates 
mit dem der Philosophen vertauscht worden imd selbst in 
Verachtung gefallen. In der Kaiserzeit gelangte er wieder 
zu Ansehen, behielt aber nicht seine ehemalige Bedeutung, 
sondern bezeichnete Diejenigen, welche die praktische 
Uebung der Redekunst übernahmen, während die 
theoretische Ausübung den sogenannten Rhetoren über- 
lassen blieb. Nur die Poesie gehorte nicht in den £j*eis 
der Sophistik, und die eigentliche Gelehrsamkeit behielt fort- 
dauernd ihren Namen Grammatik. 

BoNHBLL, De mutata eloquentiae Rom. conditione, 4836. 

Die Reden selbst theilte man in etwa acht Classen ein: 
Melete (ausgearbeitete Rede über einen fingirten Gegen- 
stand), Systasis (Empfehlungsrede von geringerm Umfange), 
Logos (wichtige Rede), Protreptikos (Ermunterungsrede), 
Lialia (Höflichkeitsformeln), Schedion oder Schediasma (Rede 
ohne Vorbereitung), Dialexis (Abhandlung), Epideixis 
(Prunkrede). 

§. Si71. Dio Chrysostomos aus Prusa in Bithynien (50 
n. Chr.), am Hofe Trajan's: 80 Declamationen *. Kaiser 
Hadrian trat oft in Wettstreit mit Dichtem, Philosophen 
und Rednern. Antonius Polemo (120 n. Chr.), Stifter einer 
Rhetoren- und Sophistenschule zu Smyma: noch zwei Lob- 
reden auf Kynägeiros und E[allimachos ^. Hermogenes aus 
Tarsus in IGlikien (160 n. Chr.): 5 Bücher Redekunst •. 
Lesbonax aus Lesbos (1. Jahrh. n. Chr.): zwei Reden ^. 
Tiberius Claudius Herodes, mit dem Beinamen Attikos, aus 
Marathon (Anfang des 2. Jahrh. n. Chr.), 143 n. Chr. Consul 
in Athen, starb 180 n. Chr. ^. Aelios Aristeides aus Mysien 
(geb. 117 oder 129): 55 Reden und eine theoretische Schrift 
über Beredtsamkeit ^ 

Lukianos^ (6 ^TaxXiQ^et^ ßXaa9ir][JL6^) aus Samosata in der 
syrischen Provinz Kommagene (geb. um 125 n. Chr.). Seine 
meisten Schriften haben die Form des Dialogs ^. Sein Zeit- 
genosse Maximos Tyrios: 41 philosophisch -rhetorische Ab- 
handlungen ^. Flavios Philostratos aus Lemnos (um 200 
n. Chr.): Lebensbeschreibung des ApoUonios von Tyana 
(verfasst auf Verlangen der Kaiserin Julia, Gemahlin des 

11* 




164 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

Septimius Severus), ,Heroika% 2 Bücher ,Vitae sophista- 
rum% ,Imagine8' ^. Athenäos aus Naukratis (Ende des 
2. Jahrb.): 15 Bücher ,Aei7Cvoao9i<jra(' (Gastmahl von Ge- 
lehrten) ^^ Aphthonios (300?); bekannt ist die ,Cbria 
Aphthoniana^ **. Der jüngere Plinius und die fast 200 Jahre 
spätem ,Duodecim panegyrici veteres' ^^. Ennodius, Bischof 
zu Pavia 515 n. Chr.: Briefe und Panegyricus auf Theo-^ 
dorich ^*. 

Themistios Euphrades aus Paphlagonien (4. Jahrh.): 
33 Reden '*. Sein Schüler Libanios aus Antiochia am Oron- 
tes (314 oder 315 — 393), der Voltaire semer Zeit ". Hi- 
merios aus Prusias in Bithynien (geb. 315): 24 Reden *^ 
Kaiser Julianos Apostata: Reden, Satiren, Briefe *^ Syne- 
sios, seit 410 Bischof von Ptolemais: Reden, Briefe und 
Hymnen^®. Georgios aus Kypros (1282): Theologische 
Schriften und Lobreden auf die Kaiser Michael und An- 
dronikos Paläologos. 

1 Ausg. von MoBELL u. Ebnest. Chbistine Reiskb 4784, Empbkius 
1844. — '^ Ausg. von Obelli 4849- — * Walz in den Rhetores Graec. 
Bach 5 : Progymnasmata von Wbesenhetbb 4842. — * Ausg. Yon Obblli 
4820. — * FioBiLLO, Herod. Attic. quae supersunt (eino Rede), 4804- 
Auf ihn gehen die sogenannten triopischen Inschriften des Dichters 
Marcellas Sidetes, deren Originale sich im Louvre zu Paris hefinden : von 
YiGOMTi, EiCHSTÄDT erläutert, von F. Jacobs übersetzt in Leben u. Kunst 
der Alten, I, 2. — ^ Ausg. von W. Dindobp, zwei hinzugekommene von 
Gbaubbt. — "^ Ausg. 4496, von Rbitz, mit Anm. von Hemstebhuis u. 
lat. Uebersetz. von Gesneb 4743 — 46, wozu noch ein Lexicon Luc. kam, 
von SoHHiEDBB, LEHMANN, Jacobitz u. W. Dindobf. Die G Ottergespräche 
von Poppo u. Fbitzsohe. Die Todtengespräche von Voiotlandeb a. Klotz ; 
beide zusammen von Koch. Toxaris von Jacob u. Jacobitz. Charon von 
Koch. Wie man Geschichte schreiben müsse von Hebmann. Timon von 
Jacobitz. Traum, Anacharsis, Demonax, Timon, Doppelte Anklage u. 
Wahre Geschichte von Schönb. Auserwählte Geschichten von Geist, 
Etsell u. Weismann, Setffebt. Deutsch von Wieland, Minckioüz, Pauly, 
Jacob, Charakteristik Luc, 4832. Wetzlab, De aetate, vita scriptisq. 
Luc, 4834. — ^ Ausg. von Reiske. — ^ Ausg. vonKAiSEB, Heroika von 
BoissoNADE, Imagines, zugleich mit des Kallistratos 4 4 Staturae, von Jacobs 
n. Wblckbb (bei Goethe, Bd. 39). Deutsch von Jacobs u. Lindau. Der 
jüngere Philostratos (f 264 n. Chr.) fügte noch 48 Imagines zu denen seines 
Oheims, üeber diesen Rehfues 4799. — ^® Ausg. von Casaubonus, 
Schweiohauseb, W. Dindobp. Meineke, Philologicae exercitationes in 
Athenaeum, 4843. — ^^ Besondere Ausg. von Petzholdt 4839. — '^ Ausg. 
von Jaoeb u. Abntzen. — ^^ In Manso*8 Gesch. d. ostgoth. Reichs , 4824. 
Die Eloges der Franzosen sind dem Panegyricus ähnlich, so auch das 
Elogium der Neulateiner seit Emesti, z. B. Ruhnken's Eloginm Hemster- 
husii. Thomas, Essais sur les Eloges. — ^^ Ausg. von Mai 4846 n. 
W. Dindobp 483^. — ^* Reden u. Declamationen von Reiske 4794- — 97. 
Briefe von J. C. Wolf 4738. Siebenkees, Anecd. Graec, 4798. Bois- 
sonade, Anecd. Graec, 4829. Petebsen, Commentationes de Lib., 4827. — 
'* Ansg. von Wbbnsdorp 4790. — *" Ausg. von Spanheim 4696. Die 



Achtzehntes Capitel, Doppeltes Sprachgebiet unter röm. Herrschaft. 165 

Satire Caesares von Habless 4785. Die Satire Antiochikos oder Myso- 
pogon. Verloren sind seine Gediclite und Geschichte seiner Feldzüge gegen 
die Germanen. — ^^ Ausg. von Petav 463i, 4640- Einzelne Schriften von 
Krabin GER 4825, mit deutscher Uebersetz. Hymnen mit franz.- Uebersetz. 
von Gr^goire u. Collomhat 4836. Claüsen, De Synesio philosopho, 4834. 

§. 272. Die Khetoreu oder Kunstrichter halten die 
Mitte zwischen den Sophisten und Philologen. Hierher 
gehören Dionys von Halikamass (oben §. 214), M. Annans 
Seneca, auch der Rhetor genannt^, zum Unterschiede von 
seinem Sohne Lucius, dem Philosophen. Sein zweiter Sohn 
Annans Mela ist Vater des Dichters Lucan. Rutilius Lupus : 
2 Bücher ,De figuris sententiarum et elocutionis' ^. M. Fabius 
Quintilianus (oder Quinctilianus) aus Calagurris in Spanien, 
erster vom Staate besoldeter Lehrer der Beredtsamkeit in 
Rom, lebte zwischen 42 und 118 n. Chr. Domitian verlieh 
ihm omamenta consularia. Seine ,Duodecim libri institu- 
tionis oratoriae^ sind in ihrem zehnten Buche besonders 
interessant für Literaturgeschichte. Auch legt man ihm 
1 9 grössere und i 45 kleinere ,Declamationes' und den Dialog 
,De oratoribus' oder ,De causis corruptae eloquentiae' (auch 
dem Tacitus und dem Jüngern Plinius) bei ^. Dionysios 
Kassios Longinos, Minister der Königin Zenobia in Pal- 
myra, durch Aurelian 273 zum Tode verurtheilt: ,n6pt u4»ou{;' 
(vom Erhabenen) \ 

1 Von seinen Controrersiarum lib. X. sind nur 5 Bacher vollständig. 
Anch sein Saasoriarum liber ist verstümmelt. Ausg. von Gronov. — 
'^ Ausg. von Ruhnken, Frotscheb, Jacob. Koch's Observationum ap 
pendix, 4844. — ^ Ausg. von Spaldino, Büttmann u. Zumpt. Bonnell, 
Lex. Quint., 4834. Handausg. von Meteb. Deutsch von Henke als Lehr- 
buch d. schönen Wissensch. in Prosa, 477Ö — 77. Buch 40 von Herbst; 
deutsch von Reuscher u. Herzog. Die Declamationes von Burmann 4720. — 
* Ausg. von ToüP mit Ruhnken's Anmerk., Wbiske, Egoeb. Deutsch von 
Schlosser. Französ. von Boileau. Echtheit bezweifelt von Knox, Remarks 
on tbe supposed Dionys. Long., 4826. 

§. 273. Auch die römischen und byzantinischen 
Kaiser waren, wie ehemals die Ptolemäer, Pfleger 
der Philologie oder des Studiums der Grammatik. 
rpafJLfxaTtxof sind die Gelehrten, Ypa[i[JLaTt(yrai die 
Lehrer der Elemente der Sprachkunde. Jene thei- 
len sich in Technographen, Scholiasten und Lexiko- 
graphen. Die nützlichsten Erzeugnisse dieser Pe- 
riode sind Lexika (Xs^swv öuvayoYai) und Glossarien. 

§. 274. Didymos Chalkenteros (Zeitgenosse Cäsar's) soll 
4000 Bände verfasst haben, wovon nur noch wenige Fra, 




166 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

mente. Apollonios der Sophist aus Alexandria (zu Angast's 
Zeit) : ,Lexikon Homerischer Worter' K Apollonios Dysko- 
los (Murrkopf) aus Alexandria (2. Jalirh.): ,Ueber das Pro- 
nomen' ^, ,üeber die Conjunctionen und Adverbien' ', ,Ueber 
Redetheile' *. Sein Sohn Aelios Herodianos (180 n. Chr.) *. 
Timäos der Sophist (2. Jahrh. n. Chr.): ,A^§st^ ÜXaTCiivixaC ^ 
Jul. Pollux (Polydeukes) aus Naukratis (175): 10 Bücher 
/OvopiaaTtxov' ^, Phrynichos, mit dem Beinamen Arabios, aus 
Bithynien (180): /ExXo^iq arctxöv ^(xarov xai ovopiaTwv' **. 
Die erste ,T^x^ YpafjLjjiaTtxi^' schrieb Dionysios der Thraker 
(140 n.Chr.), zugleich das Normalbuch. Georgios Choro- 
boskos (4. oder 5. Jahrh.). Philemon (5. oder 10. Jahrh.): 
,Technologisches Lexikon' ^ Manuel Moschopulos (1390?). 
Viele grammatische Werke aus dieser Zeit liegen ungedruckt 
in den Bibliotheken. Eustathios (seit 1160 Erzbischof von 
Thessalonich): ,IIap&xßoXa(' (Commentare zu Homer und 
Dionys Periegetes) ^^. Möris Atticista (unter Hadrian?) ^K 
Harpokration : ,As^t,xbv tov Ssxa ^Tcpov' (4. Jahrh.)**. 
Orion Thebanus (ein Aegypter, ö. Jahrh.): über griechische 
Etymologien ^^ Ammonios (4. Jahrh.): ^Ilepl töv 8(JLofcdv 
xal 5ia96p(ov X^eciiv' ^\ Des Hesychios (aus dem 4. oder 
6. Jahrh.) Glossar bleibt eine der wichtigsten Quellen für 
unsere Kenntniss der griechischen Sprache **. Das Wörter- 
buch des Suidas (ob er existirte?) ^^ Das ,Etu{jloXoyixov 
\LiyoL' (10. Jahrh.?) ^^ Joh. Philoponos (680): über Dia- 
lekte und Accente. Thomas Magister (1310?): ,Verzeich- 
niss attischer Wörter'. Sein Zeitgenosse Georg Lekapenos : 
^Alphabetische Grammatik'. 

^ Ausg. von ViLLoisoN, ToLLius. — * Bekker 4847, Skbäbczka 
4847. — ^ Bekker, Anecd. Graec, Bd. 2. — ** Skrzeczka 48ö3 u. 4865- — 
^ lieber ihn Wbttin 4842. Ausg. in den Anecd. Graec. von Bbkker, 
Gramer, Bachmamn, Villoison, in der Ausg. des Möris von Kooh, bei 
Hermann^ De emendanda ratione grammaticae Graecae, 4804, u. in diessen 
Appendix ad Dracon. Straton. , 4844. Lehrs, Herodiani scripta tria emen- 
datiora etc., 4848. — ^ Buhnken. Koch, Observationes etc., 4833. — 
7 Hehstbrhuis, W. Dindorf, Bekker. Ranke, Pollux et Lucianns , 4834. 
Von einem christlichen Schriftsteller gleiches Namens eine Historia physica 
oder Sacra; Ausg. von Bianconi u. Hardt. — * Ausg. von Padw u. Lo- 
beck. — « Von Burnet u. Osann. — ^^ Mjt Devarius' Begistem 4826 — 28. 
Proömium zum Pindarischen Gommentar von Sobnbidbwin 4837. Seine 
theologischen Aufsätze u. Briefe von Tafel 4832. — ^* Von Koch u. A, — 
»2 Von DiNDORF u. A. — 13 Von Sturz. Ritschl, De Oro et Orione, 
4834. — 1* Von Schafer. — i^ Von Albbrti u. Ruhnken 4746 — 66, 
mit Ergänzungen von Schön 4792. Ranke, De lexici Hes. vera origine 
et genuina forma, 4834. — ** Von Bernhardt 4834. Toup, Emendatio- 



Achtzehntes Capitel. Doppeltes Sprachgebiet unter röm. Herrschaß. 167 

« 

Des In Snidam» 4760 — 67} n. Curae novissimae, 477Ö (neue A. von Por- 
soN 4790). — '^ Von Sch&fbr, u. Etymol. Gadiannm von Stdbz. Bichtbb, 
De Aeschyli, Sophoclis, Euripidis interpretibus Graecis, 4839« 

§. 275. Q. Asconius Pedianus (i. Jahrb. n. Chr.), vor- 
nehmster Erklärer der Reden des Cicero K Ein Schüler von 
Fronte und Sulpicius Apollinaris ist Aulus Gellius (Agel- 
lius): 90 Bücher ^Noctes Atticae^ (das achte fehlt) ^. Aelius 
Donatus (354 in Rom): ,De literis, syllabis, pedibus et 
tonis^ ferner ,De octo partibus orationis, de barbarismo et 
soloecismo, schematibus et tropis' \ Von T. Claudius Do- 
natus eine Biographie Virgil^s und Fragment eines Com- 
mentars \ In den Anfang des 5. Jahrb. werden gesetzt: 
Flavius Sosipater Charisius (^Institutiones grammaticae^) 
und Diomedes (,De oratione, partibus orationis et vario 
rhetorum genere lib. III ad Athanasium^). Sextus Pompejus 
Festus (von unbestinmiter Zeit) machte in 20 Büchern einen 
Auszug aus des Verrius Flaccus (f 44 n. Chr.) Werk 
,De verborum significatione^ *. Maurus Honoratus Servius 
(4. Jahrb.): Commentar zu Virgil ^ und ,Centimetrum' ^ 
Priscianus Cäsariensis , von seiner Vaterstadt Cäsarea 
(6. Jahrb.), lehrte in Konstantinopel: 48 Bücher ,lnstitutiones 
grammaticae^ oder ,Commentarii grammatici^ Die 16 ersten 
Bücher behandeln die einzelnen Redetheile, die beiden letzten 
die Syntax (,De constiiictione libri duo') **. 

1 Ueber ihn Madyio 4828, Obblli 4833. — '^ Ausg. von Bbboalpus, 
beiden Gbonoy n. Liom. — ^ Von Lindbmann im Corpus grammaticor. 
Lat., Bd. 4. SoTZMAHN, Gesch. der Xylographie, in Banmer's Histor. 
Taschenbuch, 4837. Schwbtschkb, De Donati minoris fragm., 4839- 
Von seinen Commentariis in Terentii comoedias ist noch ein Auszug zu 
fünf Komödien (in Klotz' Ausg. des Terenz, 4838 — 40). — * In Hbtmb*« 
Virgil, Bd. 4. — ^ Von K. Otp. MOllbb 4839. — ^ Von Bubhanm, u. mit 
Philargyrius u. Probus von Lion. — ^ Ars de pedibus versuum s. centum 
metris von Santbm 4 788 u. Klbin 4 824. — ^ Ausg. von Kbbbl u. Lindb- 
MAHic. Sammlungen der latein. Grammatiker von Gotbofbbpus u. Pdt- 
soHius. Subikgab, Hist. crit. scholiastarum (über die latein. Scholiasten), 
4835. Sammlungen der Scholiasten von Zacbabias, Kalibboi, Mdscbu« 
u. Laskabis. 

§. 276. Metriker und Yerskünstler: Hephästion^s 
aus Alexandria (Mitte 2. Jahrb.) metrisches /EYX^ipf&iov^ '. 
Terentianus Maurus (100 n. Chr.): 4 Bücher ,De literis, 
syllabis, pedibus, meixis'^. Drakön^e Werk über Metrik ist 
erbalten. Aristeides Kointilianos : 3 Bücher ,IIepl piouaiH'^S 
J. Tzetzes (12. Jahrh.): Schollen zu Homer ^, /Ika>ca^ 
(aus 1665 Hexametern), ,TA icpo '0|iKJpouS ,Ta 'Opmjpou' und 




168 Zweites Buch. Elhnodoklotogie. 

,Ta \ksV "OfjiT^pov' * ,XtXta8e^' (in politischen lamben my- 
thische Gedichte) *. 

^ Von Gaisford. — ^ Von Lbmmep u, Laohmann. — ^ Von Hbbmann 
mit Drakon Stratonicensis 4812. — ■* Von Jacobs n. Bbkkbr. — * Von 
KiBSSLiNO 4826. 

§. 277. Zum Anschluss an obige Gelehrte eignen 
sich: Antoninus Liberalis (147) mit seinen ^Metamorphosen^ ^. 
C. Julius Hyginus*: ,Fabularum über' (244 Fabeln) imd 
4 Bücher ,Poeticön astronomicön' '. Konon (aus Cäsar's 
oder August's Zeit) : 50 Fabeln *. Paläphatos (3. oder 
h, Jahrb., ob wirkliche Person?): ,De incredibilibus' ^ Jul. 
Obsequens (2. oder 4. Jahrb.): nach Livius' Vorgange ,Pro- 
digiorum liber' *. Job. Lydus : ,De ostentis'. 

Marcianus Capella aus Madaura in Afrika (470 in Rom): 
9 Bücher ,Satyricon% die beiden ersten ,De nuptiis philo- 
logiae et Mercurii', die sieben folgenden von den sieben 
Wissenschaften : Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, 
Astrologie, Arithmetik und Musik (mit Poesie)^. 

Der Patriarch Photios (f 892): ,Lexikon' ®, ,Myriobiblon* 
(Encyklopädie) ^, ,Nomokanon' ^^, ,De consolatione' ^\ 

Maximos Planudes (Gesandter des altem Andronikos in 
Venedig 1 327): ,Biographie des Aesop' ^2, Epigramme, Briefe, 
Reden *^, Uebersetzung der ,Metamorphosen' Ovid's in 
Prosa 1*, der Gedichte des Boethius ^*, des Ciceronischen 
,Somnium Scipionis' ^® und eines Fragments der Schrift ,Ad 
Herennium' ^'^, 

* Koch, Wbsterbiann, Mythographi Graeci, 4842. — ^ Der Eine in 
August's Zeit und Vorsteher der palatinischen Bibliothek, der Andere aus 
der Zeit der Antonine oder des Theodosins. ^ Ausg. von van Staverbn 
i742 u. Mai, Bd. 3 der Classici auctor. e Vatican. codd. edit. , i83i. — 
* Ausg. von Kannb, Bbkker, Westermann. — ^ Ausg. von Fischer, 
Ernesti, Westermann; deutsch von Bückling n. Grosse. — ^ Ausg. von 
SciiEFFER, Oudendorp, Kapp. — ^ Ausg. vou Kopp i836. Vergl. oben 
§. 241 . — ^ Ausg. von Gp. Hermann u. Porson. — '' Ausg. von Schott, 
zugleich mit lat. Uebersetz., Bekker. — ^^ Ausg. von Justellus. Völlfs, 
Bibl. juris canonici vet., 1664. Briefe, 4654. — ^^ Ausg. von Ritters- 
Hcsius 4604. Sammlung bei Mai, Scriptor. veter. nova coUectio e Vatican. 
cod., 4825 — 27. — ^^ Von R. Stephanus. — 1* Bachmann, Bd. 2 der 
Anecdota Graec., 4828. — ^^ Boissonade 4822. — ^* Weber 4833. — 
J6 Hess 4833. — ^^ Matthia 4840. 

§. 278. Zur Geschichte der Philosophie. Diogenes 
von Laerte in Kilikien (i30): 10 Bücher über Leben und 
Meinungen berühmter Männer ^ Ihm folgten Eunapios von 
Sardes (4. oder 5. Jahrh.) und Hesychios Illustris von Milet 



Achtzehntes Capitet. Doppeltes Sprachgebiet unter röm. Herrschaft. 169 

(525) *. Die Auszüge aus etwa 500 Dichtem und Schrift- 
stellern, welche J. von Stobi in Makedonien (5. oder 
6. Jahrh.) fertigte, werden seit lange in zwei Theile zerlegt: 
,Anthologie% auch ,Sermones' ^, und ,Eklogen' (physische 
und ethische) *. 

Stoiker: Epiktetos aus Hieropolis in Phrygien (geb. 
50 n. Chr., s. oben §. 255): 4 Bücher ,Encheiridion' ^ Die 
Schrift des Kaisers Marc Aurel Antoninus Philos. ,npbc 
fauTOv' ^ ist in die meisten lebenden Sprachen übersetzt ^ 
Demonax und Simplikios; doch rechnet man Letztem auch 
zu den Peripatetikern, deren Lehrgebäude eigentlich 
wiederherstellte Alexander von Aphrodisias in Karien (200): 
Commentare, über Willensfreiheit und Selbstbestimmung, 
Fragen aus der Physik (1536), über das Schicksal und die 
Seele ®. Die Neupythagoräer gehören zu den Enthu- 
siasten: Apollonios von Tyana in Kappadokien (50 n. Chr.) ^ 

Platoniker: Philo von Larissa (aus Cicero's Zeit), der 
Geschichtschreiber Plutarch (in seinen ,Moralia'), der Jude 
Philo aus Alexandria (40 n. Chr.) und der Christenfeind 
Celsus (138) ^^. Für den aus Aegypten stammenden Syn- 
kretismus wirkten besonders die Neuplatoniker: Am- 
monios Sakkas aus Alexandria, wo er 241 starb: speculative 
Abhandlungen **. Sein Schüler Plotin aus Lykopolis in 
Aegypten (geb. 205), imd dessen Schüler Porphyrios aus 
Batanea in Syrien (233 — 305) *^. lamblichos aus Chalkis 
in Kolesyrien (4. Jahrh.) ^^. Proklos aus Konstantinopel 
(412 — 485)^*. Sein Schüler Ammonios Hermeiu ist einer 
der besten Erklärer des Aristoteles. Hierökles (5. Jahrh.) **. 
Der Skeptiker Sextos Empirikos (oben §. 497) *^ 

Den Uebergang von den Philosophen zu den Dichtem 
vermittelt L. Annans Seneca der Philosoph, den wir als 
Epistolographen und Naturhistoriker schon oben erwähnten. 
Als Philosoph ist er Eklektiker ^^ Dagegen werden ihm 
von Vielen die neun Trauerspiele abgesprochen : ,Rasender 
Hercules', ,Oetäi8cher Hercules', ,Thyestes', ,Phonicierin- 
nen', ,Hippolytus', ,Pedipus', ,Troerinnen', ,Medea' und ,Aga 
memnon' ; ,Octavia' gehört ihm nicht ^®. 

Anicius Manlius Torquatus Severinus Boethius aus Rom 
(geboren zwischen 470 — 475, hingerichtet 524 oder 526 auf 
Theodorich's Befehl), Consul 510: 5 Bücher ,De consola- 
tione philosophiae', in dialogischer Form ^^. Gemisthos Plethon 




170 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

aus Konstantinopel (f 1 454 ) schrieb ,Ueber den Unterschied 
der Platonischen und Aristotelischen Philosophie^, ,Ueber das 
Schicksal^ *% ,Ueber die vier Cardinaltugenden^ **, ,Scholien 
zum ThukydidesS ^Geschichte Griechenlands seit der Schlacht 
von Mantinea' **. 

^ HCbnbb mit latein. Uebersetzung des AmbrosinB 4829, dentscb von 

Snell. — ' Ausg. von Mbcbsics a. Obblli ^ Gaisfobd u. W. Dindobf. — 

* Hberbn. Lectiones Stobenses Yon Jacobs 4 827 u. Halm 4 844 . Das Ganze 
von Meinekb 4 8ÖÖ* — ^ Schweiohäuseb mit Epicteteae philosph. monum., 
4 799 ; deutsch von Schulz. — ^ Eobais. — ^ Jim Deutsche von Schuh, ins 
Persische von Hammer. — ^ Obblli 4824. — ^ Baub, ApoUon. von Tyana 
u. Christus etc., 4832. Philostbatos,. Leben des Apollon. von Tyana. — 
10 Gegen ihn Obigbnbs. — ^^ Latein, von Mareilius Ficinus (Cbbuzbb 4835), 
deutsch von Engelhardt. — ^' Ausser mehren grammat. u. philosoph. Schriften 
ein Leben des Pythagoras ( von Holstein , u. mit Jamblichos von Küstneb 
u. EiESSLiNO) , De abstinentia ab esu animalium (von Rhobb, franzos. von 
Burigny), De antro nymphar. (Göns). — i^ Ueber ägyptische Mysterien 
(Gale), Leben des Pythagoras u. Ermahnung zur Philosophie (von Eibss- 
LiNO). — 1* Seine Schriften von Cocsih u. Cbbuzbb. — ^^ Commentar 
zu den goldenen Spruchen des Pythagoras (Wabren, deutsch von SchuU- 
hess) u. 'AoTEia (spasshafte Erzählungen, von Schieb u. Kobais, deutsch 
von B amier)' Gesammtausg. von Pbabson u. Nbepham. — i& Ausg. von 
Fabricius, Mund, Bekkeb, latein. von Stepharius u. Hervet, deutsch von 
Niethammer u. Buhle. — ^^ De |ra, drei De consolatione ad Helviam, 
Polybium u. Marciam, De Providentia, De animi tranquiUitate, De con- 
stantia sapientis, De dementia, De brevitate vitae, De vita beata u. De 
beneficiis lib. VII. Ausg. von Yooel, Fiokbbt u.A. Webnbb, De Sene- 
cae philos., 4824. Elotzsch, L. A. Seneca, 4799 — 4802. Beibhabdt, 
De Sen. vita et scriptis, 4846. — ^^ Ausg. von Bothe u. A. Deutsch 
von Sxjoöhoda u. Sommer, — ^^ Ausg. von Bert, Vulpius, Hblfrbcht; 
deutsch mit Anm. von Freytag. Uebertragen in die meisten neuem Spra- 
chen, ins Angelsächsische von Eönig Alfred (? gedruckt 4678 u. 4835), 
Althochdeutsche im 4 4. Jahrb. (von Graff). Heyne, Censura Boethii etc., 
in dessen Opusc. acad., Bd. 6. Seine übrigen Schriften von Mai in den 
Classici auctores e Yatic. codd., 4834, Bd. 3. — ^° Von Bbimabus. — 
*> Von Oooo. — 22 Von Rbichabd. 

§. SI79. Griechische Dichter: Oppianos aus Ana- 
zarba in Kilikien (Ende des 2. Jahrh.) : ^ynegetika^ und 
,Halieutika^ K Die neuere Kritik unterscheidet einen altem 
Oppian für die ,Halieutik^ und einen jungem aus Apamea 
in Syrien für die ,Kynegetik'. 

Kointos Smymäos oder Kalaber (Mitte des 4. Jahrb.): 
14 Bücher ,Ta [xe^ "'OjjiiQpov' oder ,IIapaXet7c6[JLfiva 'OpiiqpouS 
als Fortsetzung der ,Ilias^ bis zur Rücl^ehr der Griechen ^. 

Musäos (5. oder 6. Jahrh.) : ,Ta xa^ 'Hpo xai A&xvSpov' *. 

Koluthos aus LykopoHs inAegypten: ^Ekini^ dtpicaT^^^. 

Tryphiodoros, ein Aegypter (5. Jahrh.): 700 Verse ,'IX(ou 
aXcjaic' ^ Nonnos aus Panopolis in Aegypten (Anfang oder 
Ende des 5. Jahrh.), nach Gf. Hermann der Wiederiier- 



Achtzehntes Capitel. Doppeltes Sprachgebiet unter röm. Herrschaft. 171 

steller des Hexameters: 48 Bücher ,Aiovuaaxa^ oder ,Baa- 
GOLQOidi^ ^ und Paraphrase des Evangeliums Johannis ^. 

1 Ausg. von SoHNEiDBB 4776 u. 4843. — ' Ausg. von Rhodomann, 
Pauw, Ttohsen, Lehbs in der Ausg. des Hesiod, 4840. Probe deutscher 
Uebersetz. von Pfarrius u. PlaJz. — ' Bearbeitung von Schiller. Ausg. 
von ScHSADEB u. ScHÄFEB , Heinbich, Passow mit deutscher Uebersetz., 
MöBius, BoBBBBO in Hellas u. Rom, 4842, Bd. 4. — * Ausg. von Lbnnbp 
u. ScHAFEB, Bekkeb, Julibk ; deutsch von Passow. — ^ Ausg. von Scha- 
FBB u. Wbbnicke. Cuntz, Tryphiodorea , 4845. — ^ Ausg. von Gbäfe; 
Buch 8 — 43 von Moseb, mit mytholog. Commentar. — ^ Ausg. von 
Passow. Weiohebt, De Nonno, 4840. üwabow, Nonnos von Panopolis, 
4847, u. Sur les Dionysiaques in den Etudes de philologie et de cri- 
tique, 4843. 

§. 280. Romische Dichter: C. Claudianus aus Alexan* 
dria (Ende des 4. Jahrh.): ,Raub der Proserpina', ,Gigan- 
tomachie', kleine Gedichte (zum Lobe des Honorius) ^. 

T. Junius Calpumius Siculus (3. Jahrh.?): Elf Eklogen 
oder Idyllen*. M. Aurelius Olympius Nemesianus, ein Kar- 
thager (3. Jahrh.?): ,Halieutika% ,Kynegetikä' und ,Nautika', 
,De aucupio', ,Laus Herculis' ^. Decimus Magnus Ausonius aus 
Burdegala (Bordeaux, 309 — 392), Sohn des Leibarztes des 
Kaisers Yalentinian I., Erzieher des Kaisers Gratian, Consul 
in G-allien 379 : Eklogen, Epigramme, Briefe in Versen, 20 so- 
genannte Idyllen (, Moseila', ,Cento nuptialis'), Panegyricus 
auf Gratian*. Colins: ,De arte coquinaria s. de opsoniis et 
condimentis' *. Das Gedicht: ,DeAnastasii laude'® und die 
,Periegese' des Dionys lateinisch ^. 

1 Ausg. T. BuRMANN, KÖNIG, DoüLLAY. — * Ausg. vou Beck , mit 
Virgil von Gbadff; deutsch von Adeluny, Wiss u. Klausen. In den Samm- 
lungen von Maittaibe, Burmann, Wernsdorf. Weber, Corp. poetar. 
Lat., 1833. — ' Ausg. von Haupt 1838, Müller 1834, mit deutscher 
Uehersetz. , o. in den Sammlungen der kleinen latein. Dichter von Werns- 
dorf u. Weber. — * Ausg. von Soaliobr, Tollius, Souchay; der Mo- 
sella mit deutscher Uehersetz. von Tross u. Böcking; französ. von JaU' 
bert. — ^ Ausg. von Leister , Almbloween , Bernhold. Dierbach , Flora 
Apidana, 4831. — ^ Ausg. von Endlicher. — ? Bei Wbbnsdobf in Bd. 5 
der Poet. Lat. minor. 

§. 281. Der Roman ist eigenthümliches Erzeugniss 
dieser Periode. Man unterscheidet die milesischen oder 
magischen Geschichten ^, die romanhaften oder ersonnenen 
Reisen, die eigentlichen Romane oder Liebesgeschichten und 
Briefe von Liebenden. 

Parthenios aus Nikaa in Bithynien (zur Zeit Cäsar's und 
Augustes): 36 Liebesgeschichten ^. Xenophon's aus Ephesos 
,Ephesiaka^ in 5 Büchern ^. Heliodoros aus Emesa in Syrien 




k 



172 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

(390) : 1 Bücher ,Aethiopika^ *. Achilleus Tatios aus Alexan- 
dria (Anfang des 4. oder Mitte des 5. Jahrb.): 8 Bücher 
^Geschichten der Leukippe und des Kleitophon' *. Chariton 
aus Aphrodisias in Karien (4. oder 5. Jahrh.): ,Liebes- 
abenteuer des Chäreas und der Kalirrhoe' ®. Longos: ,Schä- 
ferroman von Daphnis und Chloe'. Alkiphron (2. oder 
5. Jahrb.): 3 Bücher von 116 Briefen^. Aristanetos ("j* 358 
bei dem Erdbeben von Nikomedien) : 2 Bücher 50 erotischer 
Briefe ®. 

Der Römer A. Lucius Appulejus (falschlich Apulejus) 
aus Madaura in Afrika (aus der Zeit der Antonine): ,Meta- 
morphoseon s. de Asino aureo lib. XI% darin die Episode 
von Amor und Psyche, die Herder den zartesten Roman 
nennt *. 

1 So genannt nach Aristeides' Milesiaka. 0\id, Tristien, II, 442 n. 443. — 
' Heyne. Passow, Corpus scriptor. eroticor. Graeo., 4824 fg. Wbsteb- 
MANN, Mythographi Graec. , 4843.-— ^ Peerlkamp, Passow. Deutsch von 
Bürger u. Kräbinger. — "* Mitsohbblich , Scriptores erotici Graec. , 4 792, 
Korais; deutsch von Göttling u. F. Jacobs. — ^ Salmasius, F. Jacobs; 
deutsch von Ast u. Güldenapfel. — ^ Von Beck, mitlatein. Uehersetz. von 
Beiske; deutsch von Heyne u. Schmieder. — ^ Wagnbr; deutsch von 
Herel. — ^ Abbesch, auch Lectiones Aristaeneteae, 4749, Boissonade; 
deutsch von Herel. Manso , lieber den griech. Roman , 4 804 , in Vermischte 
Schriften, Bd. 2. Stbuve, lieber die Romane der Griechen, 4822, in 
dessen Abhandlungen u. Reden. — ^ Oudendobp u. Ruhnkem, vollendet 
von BosscHA , Hildebramd ; deutsch von Bode. Ueber ihn Stahr n. Grb- 

GOBOVIUS. 

§. 282. Für die Nachwelt ist die Gesetzgebung der 
Römer, soweit sie das Privatrecht betrüBFt, von der grossten 
Wichtigkeit. Die gebildetsten Völker haben das römische 
, Corpus juris' benutzt. Es ist die Errungenschaft von Jahr- 
hunderten, nicht das Werk eines einzelnen Gesetzgebers, 
hervorgegangen aus dem Bedürfniss der Gegenwart und 
daher auf Erfahrung gegründet, nicht auf eine imsichere 
Theorie, ausgezeichnet durch praktischen Geist, schaife Be- 
grenzung der Rechtsbegriffe und durch eine einfache, männ- 
liche und bedeutimgsvolle Sprache ^. 

Die vier Bücher der ,Institutionen' des Gajus (1^7 — 464) 
entdeckte Niebuhr 4846^. Ulpian's (unter den Severen, 
um 200) Fragmente ^. ,Codex Justinianeus' seit 529 (ver- 
loren), dann 534*. Die 60 Bücher der ,BasilikenS begon- 
nen unter Kaiser Basilius Macedo (f 886) und geschlossen 
unter Leo dem Weisen *. Scholiast derselben ist Theodor 
von Hemiopolis. 



/ 



Neunzehntes Capilel. Byzantiner. 173 

Den Grund zum kanonischen Recht legte Johannes Scho- 
Jastikos im 6. Jahrh. 

^ DiRKSEN, Uebersicht der bisherigen Versuche zur Kritik u. Her- 
stellung der Zwölftafelfragmente, ^821- — ^ Herausgeg. von Bekkeb, 
Göschen u. Bethmann-Hollweg 1820, Blume 182ö, Heffteb 1830, 
Lachmann u. Böckino 1841. Gans, Scholien zum Gajus, 1821. — ^ Von 
Hugo o. Endlicher. — * Ausg. von Beck, Gebr. Eriegbl, Hebm. Osen- 
brogoen, Schbadeb; deutsch von Otlo, SchiViny u. Sintenis. — ^ Heim- 
bach 1833 — 42. Haubold, Manuale Basilicorum, 1819. Goguet, De 
Torigine des lois, des arts et des sciences, 1758. Pastoret, Hist. de la 
legislation, 1817 — 37. Meyer, Esprit, origine et progres des institutions 
judiciaires des principaux peuples de l'Europe, 1819 — 23. 



Neunzehntes Capitel. 
Byzantiner. 

§. 283. Ein etwa tausendjähriger Zeitraimi (395 — 1453) 
mit mehr oder weniger Vorwalten sittlicher Rohheit. Zu- 
flucht der vernachlässigten Literatur in die Kloster, obgleich 
ihr einzelne Kaiser (die Makedoner, 867 — 1056, Komnenen, 
1057 — 1185, Paläologen, 1259—1453) Schutz und Förde- 
rung angedeihen lassen. 

Das Latein hatte als officielle Sprache schon vor und 
unter Justinian (527 — 565) das Griechische zur Seite und 
wich diesem gänzlich unter Mauritios (582 — 602) oderHe- 
raklios (610 — 641), nur einzelne Reste davon wurden in 
der Staatssprache beibehalten ^. 

Konstantinopel, als Hauptstadt und Residenz, wurde der 
Conoentrationspunkt der Gelehrsamkeit, die hier durch die 
ökumenischen Lehrer zu einem abgeschlossenen System ge- 
langte. Das Wissen gilt mehr als das Denken. Einzelne 
Technographen, Scholiasten, Lexikographen, Anthologen und 
Sophisten sind schon im vorigen Capitel erwähnt, weil ihre 
Zeitbestimmung im Allgemeinen unsicher und schwierig ist. 

1 Z. B.. der Zuruf: ,Multos annos victorem te faciat Deus«, wie vom 
Französischen in der Staatssprache Englands bei der Sanction der Gesetze : 
,Soit fait comme il est desir6.< 

§. 284. Hauptrichtung war die Historiographie, 
daher nennt man Byzantiner vorzugsweise diejenigen grie- 
chischen Schriftsteller, welche die Geschichte des byzanti- 
nischen Kaiserreichs behandelt haben ^. Nur wenige dieser 
Schriftsteller zeichnen sich durch reinen Stil und geschmack- 




i 



174 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

volle Darstellung aus; fast alle compiliren ohne Plan; Partei- 
lichkeit macht ihre Arbeiten unglaubwürdig. Die bedeu- 
tendsten sind Zosimos und Prokopios. Die übrigen theilt 
man in vier Classen: in eigentliche Historiker, in Chronisten, 
in Biographen und in Solche, die über Verfassung, Alter- 
thümer und verschiedene statistische Gegenstande geschrie- 
ben haben ^. 

1 Labbe, De Byz. hist. scriptorib., 4648* Hanke, De Byz. rerum 
scriptorib. Graec, 4677. Byzantiner auch in der Münzkunde: Sgaült, 
Essai de Classification des suites mon^taires byz., 4836, mit Atlas. — 
^ Ausgaben von Labbb, Fabrotti, Dufbesne u. A., 42 Bde., 4654 — 4744, 
auf Ludwig*s XIV. Veranlassung, u. von Niebuhb in Verbindung mit 
Bbkkeb, L. U.W. DiMDORF, ScHoPEN, Metnekb, Lachmann u. A. seit 4828. 
Muralt, Essai de Chronographie byzantine etc., 4855. 

§. 285. Zosimos (430 und 590): ,Geschichte von August 
bis auf den jungem Theodosius' (30 v. Chr. bis 408 n. Chr.) '. 
Prokopios aus Casarea in Palästina (527, 22 Jahre im Ge- 
folge Belisar's) : ^Geschichte seiner Zeit', ,Persika', ,Go11uJka', 
,'Av^xSoTa' ^. Die ,Encyklopädie' des Kaisers Konstantinos 
Porphyrogennetos (912 — 959) in 53 Theilen, Auszüge aus 
classischen Bttstorikem. Noch 3 Bücher übrig: ,nepl icpsa- 
ßeiwv', ,nspi aper^(; xal xay.loiQ' und ,n6pt fvopLwvS aufgenom- 
men in die Ausgaben der betreffenden Schriftsteller. 

1 Ansg. von Bekker; deutsch von Seybold u. Beyler. — ^ Anfig. von 
W. DiNDOBF u. Orelli; dentsch von Kannegiesser. 

§. 286. Die ,Christliche Topographie' des Kösmas Indo- 
pleustes oder Indikopleustes (550?) in 12 Büchern, zugleich 
mit den ,Inschriften des Thrones und der Tafel von Adule^ 

MoNTFAucoN, Nova collectio patrum Graec, 4707, Bd. 2. Thbvbnot, 
Relations de divers, voyages curieox, 4666, Bd. 4. Bdttmahn's Museum 
der Alterthuxns Wissenschaft, Bd. 2. 

§. 287. Anthologien von Meleager aus Gadara in Sy- 
rien (60 V. Chr.), Philippos von Thessalonike (400), Dio- 
genianos von Heraklea, Strato aus Sardes (420), Konstan- 
tinos Kephalas (9. — 10. Jahrb.), Maximos Flanudes. 

Passow, De yestigiis coronamm Meleagri et Pbilippi in Authologia 
Graeca, 4827. I>ie Poesien von Manso 4798 u. Gräfe 484.4. Sammler 
und Herausgeber in den sogenannten Anekdota sind: Brunck, Jacobs, 
Welckbr. Uebersetz. von Sonntag, Stolberg, Voss, Conz, Herder, Ja- 
cobs (Leben u. Kunst d. Alten, 4824). Latein. Anthologien von Soaugbr, 
PiTTHöus, Burmann, Mbyer, Wbrnsdorf. 

§. 288. Dichter, darunter besonders Epigramm&tisten : 
Agathias Scholastikos aus Myrina in Aetolien (6. Jahrh.), 
auch Rechtsgelehrter und Historiker. Seine Anthologie 



Zwanzigstes Capitel. Neugriechen. 175 

(jKuxXoc*) ist verloren gegangen. Die palindromischen Verse 
(jKapxivoi') des Kaisers Leo des Philosophen (886 — 914). 
Die politischen Verse des Michael Fsellos (11. Jahrh.) und 
des Philes *. Die carmina figurata des Dosiades 'O ßüfjio«^. 
Theodoros Prodromos Hilarion (12. Jahrh.): ,Galeomyo- 
machie^ und Roman ,Dosikles und Bhodante^ Die unter 
dem Namen des Orpheus erhaltenen Dichterwerke: ,^'Y(ivoi 
TeXsTaf', ,'ApYOvauTtxaS ^AtS'txa' u. a. ^ 

1 lieber ihn Thoblacius 4843* Seine Epigramme von Webnsdorf. 
Henricbsen, Ueber die poiit. Verse; deutsch von Friedrichsen 4839. — 
^ 6f. Hermann, Orphica, 4805. Lobeck 's Sammlang im Aglaophamos, 
4829. BoDE, Orpheus poetar. Graec. antiquissimus, 4838. 



Zwanzigstes Capitel. 
Neugriechen. 

§. 289. Von den Griechen des europaischen Continents, 
insbesondere denen des heutigen Königreichs Griechenland, 
ist es historisch nachgewiesen, dass sie aus einer Ver- 
mischung altgriechischer Ureinwohner, oder vielmehr by- 
zantinischer Griechen, mit einer Mehrzahl slawischer und 
später albanischer Eindringlinge, die nach und nach gräci- 
sirt wurden, entstanden sind, wenn schon die Behauptung 
Fallmerayer^s ^, dass das altgriechische Element in Morea 
imd dem eigentlichen Hellas in der Zeit der Slaweneinbrüche 
vom 6.— 40. Jahrh. gänzlich vernichtet worden sei, für eine 
hyperbolische gehalten werden muss^. 

Der Unterschied der neugriechischen Sprache von dem 
Altgriechischen besteht theils in den fremden Zusätzen, theils 
in der veränderten Bedeutung mancher Worter, theils in der 
Verminderung der alten reichen Formen der DecUnation 
(Verlust des Dativs) und Conjugation; auch offenbart sich 
in der Syntax ein bedeutender Unterschied. 

Die Aussprache des Neugriechischen ist in der Haupt- 
sache die unter der Reuchlinischen bekannte ^. 

Das Interesse ftir das Studium des Neugriechischen wurde 
durch F. Thiersch angeregt, gefordert durch Friedmann, 
Poppo, Gf. Hermann und durch die Universitäten Berlin, 
Leipzig, Breslau, Königsberg, München, Korfu (seit 4824 
durch Lord Ghiilford), Athen (seit 1837), durch Worter^ 




^ 



176 Zweites Buch. Elhnodoktologie, 

bücher und Grammatiken von Schmidt, Anselm, Kind 9 
Jul. David ^, Russiadis. 

1 Gesch. d. Halbinsel Morea während des Mittelalters, 4830 — 36, u. 
Welchen Einflnss hatte die Besetzung Griechenlands durch die Slawen auf 
das Schicksal der Stadt Athen? 4835. — ^ Zinkeisbn, Gesch. Griechen- 
lands, Thl. I, 4832, im Anhange S. 837: Bemerkungen zu Fallmerayer's 
Gesch. von Morea. — * Darüber Henbichsen 4839. Folgende Home- 
rische Stelle: 

AÖTGtp ^Tcei xat^Sy Xafticpiv cpoto? fjeXtoio, 
Ol jxiv xaxxefovre; Ißav ofxovSe Ixaoro«, 
'Hiyi dxoc7T({> Süfta nepixXo-6« 'AfjL^iYUTJet? 
"H^owTO? itoiijff' «I6u{7jffi Kpoit{8effffiv , 

lautet nach der uns ungewöhnlichen Reuchlinischen Aussprache: 

Aftar epi katedi lampron pbaoa ifiliio, 
Hi men kakkiontes eban ikonde iiekastos, 
Hichi hckasto doma periklilos Araphigiiis 
Hipbaestos piis* idiisi prapidessin. 

Merlekeb, Praktische vergleichende Schulgrammatik der griech. u. latein. 
Sprache, 4854, S. 40. — * Zum Beispiel: SuvotctixÄ« icapaXXTjXiaixoc T-fj; 
iXXifjvtx'f)? xa\ yponxixri<; tq aTcXoeXXif)vtx% YXwaoTQ?, 4820; deutsch 4827. 

§. 290. Ueber neugriechische Literatur: Villemain's 
JjaskarisS 1825; Iken'sjLeukolheaS 1825, und, EunomiaS 1827; 
Risos Nerulos, ,Cours de litterat. grecque moderne^ 1827; 
Brandis, ,Mittheilungen über Griechenland', 1842; Schmidt- 
Phiseldeck, /EXXtjvixo^ üapvaaao^S 1827, /O 'AjJiapavTOi; •äjTOi 
Toc foSaTYJc avaYsvv7i^6(;(n](;'EXXaSo(;S 1843; Thdr. Kind, ,Neu- 
griechische Anthologie', 1845, und ,Beiträge zur bessern 
Kenntniss des neuem Griechenland', 1831; EUissen, , Ver- 
such einer Polyglotte der europäischen Poesie', 1846; San- 
ders, ,Das Volksleben der Neugriechen', 1844; Leake, ,Re- 
searches in Gh-eece', 1814. 

§. 291. Die neugriechische Poesie zerßllt in Volks- und 
Kunstpoesie. Zur erstem gehören namentlich die Klephthen- 
lieder. 

Romantisches Epos ,Rhotokritos' von Wizenzos Komaros 
(16. Jahrb.). Von Allatios (1638) Schilderung der althel- 
leniscben Herrlichkeit und ihres Untergangs. Schäferdich- 
tung von Drymitikos (17. Jahrb.). ,Bosporomachia' (aus 
dem 18. Jahrb.). Konstantinos Rhigas aus Velestini in Thes- 
salien (geb. 1753): Kriegs- ujid Freiheitshymnen. Der um 
Literatiu» und Staat der Neugriechen hochverdiente Ada- 
mantios Korais (1748 — 1833). 

Seit 1821 sangen Christopulos (der neue Anakreon), die 
beiden Sutsos, von denen sich Alexander fast in allen Gat- 
tungen der Poesie versuchte, im Epos (/O 7uspt7tXav(Ä[JL6vo<'), 



Zwanzigstes Capitel Neugriechen. 177 

in Satiren (^UavopajJia r^i; 'EXXaSo^S ^833), im politischeu 
Roman (,^0 *E$opc^O(; tou 1831 6i:ou(;S deutsch 1837), und 
Panagos Sutsos auch im lyrischen Drama (, Wanderer') und 
im Roman (,Leandros'). Femer Lyriker: Rhisos Nerulos, 
Tantalidis, Alex. Ypsilanti (1792 — 1828), Orphanidis, Ka- 
rasntsas u. A. 

Dramatiker: Sabelios (,Timoleon% ,Konstantin Paläo- 
logos', ,Rhigas'), Pikkolos (,Demosthenes'), Rhisos Nerulos 
(,Polyxena% ,Aspasia', und komisches Epos: ,Raub der 
Truthenne'), Rhangawis (Tragödien: ,Phrosyne' und ,Der 
Vorabend'). 

Trikupis' romantisches Gedicht: ,Dimos', 1821. Rhan- 
gawis' episches Gedicht: ,^0 XaoTcXotvo^' (der Volksver- 
fuhrer). 

§.292. Wissenschaften. Theologen :TheoklitosPhar- 
maÜdis und Konst. Oikonomos 1 835 fg. 

Selbständige Behandlung der Philosophie, Rhetorik und 
Mathematik: Dan. Philippidis, Stephan und Neöphytos 
Dukas u. A. 

Geographie : Dan. Philippidis, auch Historiker (, Geschichte 
Rumuniens, d. i. Walachei, Moldau und Bessarabien', 1816); 
Surmelis' ,Geschichte Athens'; Philemon (,Die Hetarie'); 
Germanos' ,Freiheitskrieg' ; Schinas' ,Geschichte der alten 
Nationen', 1845. Gegen Fallmerayer schrieben Paparrigo- 
pulos und Leykias. 

Paläologos (Staatsökonomie). Trikupis (politische Reden). 
Alex. Maurokordatos (Anatomie, 1 836). Olympios (Chirurgie). 
Manrogannis (, Klima von Athen', 1842). 

Archäologen: Sakellarios, 1796; Pittakis, 1835; Rhaur 
gawis, 1842. Philologen: Korais, Neöphytos Dukas, Aso- 
pios und Wamwas (Syntax); Zenobis Pop (Metrik); Kon- 
togonis (Mythologie); Skarlatos Byzantios (Alt- und neu- 
griechisches Wörterbuch). Literarhistoriker: Gasis, Alexan- 
dridis, Kanellos, Rhisos Nerulos, Pappadopulos (/EXXnjvix'y] 
ßtßXwYpa9fa', 1845). 

Wissenschaftliche Zeitschrift in Athen seit 1840: ,Eupo- 
7uaixo(; 'EpaviODQC^- Neugriechische Literatur in den ,Blattem 
für literarische Unterhaltung', 1855, Nr. 32. Marino Vreto, 
,Contes et poemes de la Gr^ce moderne', 1855, mit einer 
Einleitung von dem Franzosen M^rimöe. 



MCRLIUB. 



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k 



178 Zweites Buch. Eihnodoktologie, 

Einundzwanzigstes Capitel. 
Neuere Dichter in dassiselier Sprache. 

§. 293. Lateinische Poesie seit Auflösang des West- 
römischen Reichs in ihren bedeutendsten Repräsentanten. 

Lbtsbr, Hist. poetarum et poematom med. aevi, 4724* Büdik, Leben 
und Wirken der vorzüglichsten lateinischen Dichter des 45 — 48* Jahrb., 
4827. Bahr, Gesch. der römischen Literatur im karolingischen Zeitalter, 
4840. Jak. Grimm, Lateinische Gedichte des 40. n. 44. Jahrh. Bosbn- 
KBANz, Gesch. der Poesie, S. ö40 fg. Cholbvius 1, 308 fg. Pbr&ault, 
ParallMe des anciens et des modernes, 4688 — 96. 

§. 294. Im 6. Jahrh. in Italien, Frankreich, Spanien und 
Afrika: Boethius, Avitus, Ennodius, Eugenius, Fortunatos. — 
Armuth des 7. und 8. Jahrh. — Im 9. Jahrh. Theodulphits, 
Walafried Strabo, Rhabanus Maurus. — Im 10. Jahrh. 
Hroswitha oder Helena von Rossow, Gerbert und sein 
Schiller König Robert. Die versus Leonini von Papst 
Leo IV. oder einem Leo des 12. Jahrh* — Im 11. Jahrh. 
Wippo, Bemard von Fleury, Kirchenlieder des Hermann 
Contractus, Adhemar von Puy, Romulus (? älteste prosaische 
Uebersetzung Aesopischer Fabeln). — Im 12. Jahrh. England 
und Frankreich reich: Simon Capraaurea, Bemardin, Clugny 
und Chartres, Alanus ab Isulis, Joh. Parvus von Salisbury, 
Pindarus Thebanus, Gualter Mapes (,Mihi est proposi- 
tum'). In Italien Henricus von Settimello. Der Deutsche 
Günther. 

Im 13. Jahrh. Frangipani, Jacoponus de Benedictis 
(,Stabat mater'), Henricus von Middelburg. — Im 44. und 
15. Jahrh. fast ausschliesslich Italiener: Petrarca, Boccaccio, 
Balthasar Costa (Papst Johann XXH.), Campanus, Anton 
Urceus Codrus (Ergänzer der Plautinischen ,Aulular]a^), 
Kr. Celtcs (1459—1500). — Im 16. Jahrh. Italiener: Cotta, 
Sannazaro, Bembo, Hrs. Vida aus Cremona (f 1566, auch 
,De ludo scacchorum^), Palearius; Deutsche: Erasmus, Ulrich 
V. Hütten, Melanchthon, Camerarius, Sabinus, Lotichius; 
Niederländer: Everard Secundus, Dousa; Franzosen: H. Ste- 
phanus, Muret, Scaliger; der Schotte Buchanan; der Eng- 
länder Owen. — Im 47. Jahrh. Hugo Grotius, Heinse, Sar- 
biewski, Bälde, Gianetasio, Ceva, Rapin. — Im 18. imd 
19. Jahrh. Melchior de Polignac (f 1741: ,Anti-Lucretius', 
oben §. 234, Anm.), Christ, Platner, Klotz, Reiz, Döring, 



Zweiundswanzigstes Capilel, Das Neue Testament, 179 

Mitscherlicli, Spalding, Gf. Hermann, Fuss, Lobeck, K.Mül- 
ler, Hooft, Santen, v. Bosch u. A. 

§. SI95. In griechischer Sprache: Rhodomann, Sca- 
liger, Stephanus, Neander, Crusius, Heinse, Reiz, Gf. Her* 
mann, Reh. Person u. A. 



Zweiundzwanzigstes Capitel. 
Das Neue Testament. . 

§. 296. Die Schriften des Neuen Testaments treten als 
Geschichte, Lehre und Weissagamg auf und bieten insofern 
eine Analogie dar mit dem Alten Testament, in welchem 
man auch historische, prophetische und didaktische Bücher 
unterscheidet. Der Kanon des Neuen Testaments schloss 
sich allmälig vom 2. — 4. Jahrh. ab. Schon im 2. Jahrh. theilta 
man das Neue Testament in EuayYsXtov (Matthäus, Markus, 
Lukas und Johannes; die drei ersten auch Synoptiker ge- 
nannt) und 'AT:6cxoko<; (die Apostelgeschichte des Lukas und 
die apostolischen Briefe). Die Echtheit der fünf historischen 
Bücher, der Paulinischen Briefe, des ersten Briefes Petri 
und des ersten Briefes Johannis war im 3. Jahrh. allgemein 
anerkannt, daher sie Eusebios in seiner Eorchengeschichte 
(325) ofjLoXoyoufjieva nennt, die übrigen Schriften dagegen 
avTiXs^opisva. Die Apokryphen des Neuen Testaments stam- 
men aus den drei ersten Jahrhunderten der Kirche her ^. 
Die Grundsprache des Neuen Testaments ist das Grie- 
chische, nicht, wie Bolten und Bertholdt wollten, das Ara- 
mäische. Zweifel in Betreff der ursprünglichen Gestalt des 
Matthäus ^. 

1 Gesammelt von Fabbiciüs 4749- Thilo, Codex apoerypbus N. T., 
4832. — ^ SiEFFiBT, Urgestalt des Matthäus. 

- Neutestamentliche Grammatiker: Sal. Glassius (f 4656) in 
Jena, Kp. Wtss in Zürich («f 4659), G. Pasor in Franeker (+ 4637), 
WiiCBS 4822 u. 4844. Wörterbücher von Schöttgen, Schlevsner, 
Wahl, Bbetschneideb. Einleitungen in das N. T. von Hanleik, 
Schmidt, Eichhorn, Hcg, de Wette, Bertholdt, Guebickb, Schott, 
Fbilmoser, Scbnbckbhbubgbb, Crsdnbr, Neüdbokbb, Rbtjss. Ausgaben 
des N. T. von Knapp, Schott, Tittmann, Vateb, Hahn, La^hmamm 
Nabe, Göschen, Theile, Tischbndobf. 



§. 297. Commentare zum Neuen Testament 
Rosenmüller, Paulus, Olshausen, De Wette, Meyer, Theile 

12* 



von K 
lle^^l 



180 Zweites Buch. EthnodolUologie. 

Zu den historischen Büchern (Evangelien und Apostel- 
geschichte) von Künol, Fritzsche. 

Synopsen von Griesbach (von Rodiger 1841), De Wette 
und Lücke. 

Matthäus von Baumgarten -Crusius (von Otto 1844), 
Mayer, j^ratz, Sieffert, Kleinert, Olshausen, Amoldi. 

Markus von Saunier, Knobel, Wilke. 

Lukas von Bomemann, Schleiermacher, Planck. 

Johannes von Lücke, Tholuck, Baumgarten -Crusius, 
Bretschneider, Strauss, Weisse, Lützelberger, Br. Bauer, 
Wegscheider, Hemsen, Usteri, Frommann, Schweizer. 

Apostelgeschichte von Heinrichs, Robinson, De Wette, 
Schneckenburger. 

Paulinische Briefe (und Brief an die Hebräer) von Calvin, 
Koppe (und Ammon), Schott und Winzer, Bisping. 

Brief an die Romer von Tholuck, Flatt, Rückert, Reiche, 
Glockler, Kolner, Stewart, Nielsen, E^lee, Stengel (von 
Beck 1836), Fritzsche. 

Briefe an die Korinther von Krause, Monis, Flatt (von 
Hoffinann 1827), Billroth, Heydenreich, Jäger, Scharling. 

Brief an die Galater von Borger, Winer, Flatt (mit 
Epheser), Paulus, Usteri, Matthies, Rückert, Schott (mit 
Thessalonicher), Moller (dänisch), Windischmann. 

Brief an die Epheser von Harless, Meier, Matthies, Rückert 

Brief an die Philipper von Rheinwald, Matthies, van Hen- 
gel, Holemann. 

Brief an die Kolosser von Bahr, Böhmer, Steiger, Huther, 
Mayerhoff. 

Briefe an die Thessalonicher von Schott und Pelt. 

Die Pastoralbriefe von Heydenreich, Flatt, Matthies, Leo, 
Mack, Eichhorn, Schleiermacher, Planck, Wegscheider, Baur, 
Baumgarten, Böttger. 

An Philemon von Schmid und Hagenbach. 

Brief an die Hebräer von Morus, Storr, D. Schulz, 
Böhme, Bleek, Künöl, Paulus, Tholuck, Klee, Stein, 
Stanglein. 

Katholische Briefe und Apokalypse von Augusti, Pott, 
Jachmann. 

Briefe Petri von Steiger, Mayerhoff, Windischmann, 
Ulimann. 

Briefe Johannis von Lücke, Paulus, Rickli. 



Dreiundxwanxigstes Capitel. Patrologie. 181 

Briefe Jakobi und Juda von Herder und Scharling. 

Jakobus und \. Petri von Hottinger. 

Jakobus von Schulthess, Gebser, Schneckenburger, Theile, 
Kern, Bhd. Jacobi. 

Judä von Hänlein. 

Apokalypse von Bengel, Herder (,Mapava^a^ 1779), 
Ewald, Lücke, Züllich, Böhmer (auch zur biblischen Typik). 
Dazu Wörterbücher von Braun, Oertel und Tinius. 

Apokalypse und Buch Daniel von Auberlen. 

§. 298. Die Beschreibung des Lebens Jesu begann 
mit der äusserlichen Zusammenfögung der Quellen und setzte 
sich in der Art bis auf Bengel (1687 — 1752) fort; seitdem 
von Herder, Hess, Reinhard, Vermehren, Hacker, Greiling, 
Paulus, Hase, Strauss, Neander, Krabbe, Kuhn, Hartmann, 
Francke, Weisse, Theile, Sepp, Lange, Ebrard, Eiegler, 
Friedlieb, Lichteustein, Wichelhaus. 

§. 299. Das Leben der Apostel und die Gründung der 
Kirche von Hess, Lücke, Planck, Neander, Rothe, Gfrörer. 

Das Leben des Apostel Paulus insbesondere von Schrader, 
Hemsen, Schott. 



Dreiundzwanzigstes Capitel. 

Patrologie. 

§. 300. Die Patristik oder Patrologie beschäftigt sich 
zunächst mit der Geschichte der Schüler der Apostel, die 
man gewohnlich Apostolische Väter nennt. Dazu gehören 
im eigentlichen, kirchlichen Sinne Bamabas, Clemens von 
Rom, Ignatios, Polykarpos und Papias; im uneigentlichen 
Sinne auch Hermas und Dionysios Areopagita. 

Eine Collectivausgabe der Schriften dieser Männer von Cotblier 46711 
u. Clbbicüs 4724 u. danach Handausgaben von Frey 4742 u. Hbfele 4839. 
Kritzler, Die Heldenzeiten des Christenthnms , 4856. 

§. 301. Brief des Bamabas (eigentlich Joses, f 61). 
Clemens von Rom (Romanus), angeblich erwähnt Philip- 
per IV, 3, gestorben 102 als Bischof der romischen Ge- 
meinde: ,Zwei Briefe an die Korinther^ *, ,Apostolische Ka- 
nonen und Constitutionen' 2, ,Clementinen' ^. Ignatios*, 
Bischof in Antiochia, 49 — 107 oder 116: ,Briefe' *. Poly- 
karpos, Bischof in Smyma (f 169): ,Briefe' ^ Der ,Hi 




183 Zweites Buch. Elhnodoktologie, 

des Hermas (Rom. XVl, 14) nur noch in lateinischer Ueber- 
setzung ^. Dionysios Areopagita, angeblich erster Bischof 
zu Athens 

» Uebersetzt voo Wocher 4830. — * Drei Untersuchangen darüber, 
4832. Merlbkeb, Die Politik der römischen Päpste, 4856. Alle Consti- 
tntionen ^cr der Zeit des Siricius sind untergeschoben. — ^49 griechische 
Homilien u. in der lat. Uebersetzung des Ruönns als Recognitiones Cle- 
mentis, bei Gebsdorf, Biblioth. patr. eccles. Lat. sei., 4837) Bd. 4. Kest- 
ner's Agape, 4849. — ^ Angeblich das Kind, welches Jesus seinen Jün- 
gern als Muster hinstellte: Matth. XVIII, 2. Mark. IX, 36. — * Ausg. 
von J. Voss 4646 u. 4680, mit denen desBamabas; übersetzt von Wocher 
4829. — ^ üebersetz. von Wocher 4830, mit denen des Clemens. — ^ Ausg. 
von Jachmann 4 835. — ® Üebersetz. seiner Schriften von Engelhardl 4 823 ; 
Untersuchungen darüber von Vogt 4836. 

§. 302, Kirchenväter heissen im engern Sinne die 
Lehrer und Schriftsteller der alten Barche vom 2. — 6, Jahrb., 
im weitem alle bis zu den Scholastikern (im \\. Jahrb.) 
herab. Die eigentlichen Kirchenväter theilen sich in solche^ 
die griechisch, und in solche, die lateinisch geschrieben 
haben. Ihre Werke beschäftigen sich mit Philosophemen 
und gnostischen Auffassungen des Christenthums \ mit Ortho- 
doxie und Härese (besonders seit 325), mit Apologetik und 
Polemik, mit Kritik und Exegetik, mit der Geschichte der 
christlichen Kirche und mit dem Unterricht und der Er- 
bauung des Volks. 

1 LöFFLER, Vom Platonismus der Kirchenväter, 4792. Kbil, Opus- 
cula, 4824. — Die erste Zusammenstellung des patristischen Materials ist 
von HiERONYMUs (f 420): De viris illustribus s. de scriptoribus ecclesiasti- 
cis, worauf bis in das 47. Jahrh. mehre Förderer des patristischen Studiums 
folgten. Magna bibl. vett. patrum (de la Bigne), 4664 — 72. Maxlma 
bibl. vett. patrum, 4677. Gallandii Bibl. Graeco-Latina vet. patr., 
4765 — 84. Fabricius, Poetar. vet. eccles. opera, 4564. Arbvalo, Poctae 
Christ., 4788. K5sleb, Bibliothek d. Kirchenväter in Üebersetz. u. Aus- 
zügen etc., 4776 — 86, von Augüsti 4842, Royaards 4834, Sinner 4842. 
Einleitende Schriften von Walch 4770 (Danz 4834), Schönemann, Wi- 
NEK, Engelhardt. Goldwitzer, Bibliographie der Kirchenväter u. Kir- 
chenlehrer vom 4. — 43. Jahrb., 4828. Danz, Initia doctrinae patristicae. 
MöuLEB u. Reithmater 4839. Böhringer, Die Kirche Christi etc., seit 
4842, will sein Werk bis Schleiermacher fortführen. Kirchliche u. theolog. 
Literargeschichte von Flügge, Stäudlin, Busse. Zur theolog. Bücher- 
kenntniss die Schriften von Walch, Nösselt, Nibmbyer, Fuhrmann, 
Winer, Deegen u. Zimmermann. Villemain, Tableau de Teloquencc 
chretienne au IV"** siecle; deutsch von Köhler 4 855- 

I) Griechen. 

§. 303. T. Flavius Clemens aus Athen, in Alexandria 
190 Presbyter und Katechet (daher Alexandrinus): drei ein 



Dreiundzwanzigstes Capiteh Patrologie. 183 

Hauptwerk bildende Bücher : ,Protreptiko8', ,Pädagog08' und 
,Stromata^ (,Stromateis') ^. 

Sein Schüler Origenes Adamantios aus Alexandria 
(185 — 254): von seinen angeblichen 6000 Werken ist die 
Schrift ^e principiis' nur noch in einer lateinischen Ueber- 
setzung des Rufin in Bruchstücken vorhanden*. »- 

Eusebios Pamphili aus Cäsarea in Palästina (270 — 340), 
daselbst Bischof 344: 10 Bücher ,Kirchengeschichte^ bis 324 
(oben §. 258) », ,Chronikon' (oben §. 265), 15 Bücher ,Prae- 
paratio evangelica'*, 20 Bücher ,Demonstratio evangelica' *, 
,Leben Konstantin's d. Gr> ®. Athanasios aus Alexandria 
(296 — 373) '^. Joh. Chrysostomos aus Antiochien (347 — 
i 4. Sept. 407), Bischof in Konstantinopel 397, von der sechsten 
ökumenischen Synode 680 Chrysostomos beigenannt **. 

Justinos der Märtyrer aus Sichem oder Flavia Neapolis 
in Samarien (f 165 in Rom)*: zwei Apologien an beide 
Antonine, ,Diialogus cum Tryphone Judaeo' ®. Irenäos, 
Schüler des Polykarpos in Smyrna, 177 Bischof von Lyon, 
wo er 202 starb ^^. Basilius d. Gr. aus Cäsarea in Kappa- 
dokien (329 — 379), Bischof 370, Stammvater der morgen- 
ländischen Ordensgeistlichen *'. 

Epiphanios aus Besanduke in Palästina, Bischof von 
Constantia (früher Salamis) auf Cypem, 367 — 403 '*. Gregor 
von Nazianz (328 — 390), Bischof zu Sasima 371, Patriarch 
in Eonstantinopel 380 — 381 ^^ Gregor von Nyssa (f nach 
394), jüngerer Bruder Basilius^ d. Gr. ^'*. Der Thaumaturg 
Gregor (Theodoros aus Neocäsarea), 244 Bischof, Schüler 
des Origenes **. 

* Verloren sind die Hypotyposeis. Hymnus auf den Brloser von PipKR 
4835. Ausg. von Pottbr 4745. Quis dives salutem consequi possit, von 
Sbgaab 4846. Etlbbt, Ciem. v. Alex, als Philosoph n. Dichter, 4832. — 
^ Ausg. von Redbpennino u. Schnitzer. Ermahnung zum Märtyrerthum 
von Wetstbin. Gegen Celsus, deutsch von Mosheim. Gesammtausgabe 
von DB LA RuE u. LoMMATzscH. Die Hexapla oben §. 427. lieber ihn 
und seine Lehre Thomasius 4837 u. Redepennino 4844. — ^ Fortgesetzt 
von SoKRATES, SozoMBNos u. Theodorbtos ; frei latein. von Rcfin u. bis 
395 fortgeführt. Ausg. von Valois, Rbadino, Hbinichen; deutsch von 
Stroth. — * Ausg. von Vigbr 4628. — ^ Ausg. von Montaigu 4628; nur 
noch 40 Bücher unvollkommen erhalten. — ^ Ausg. von Hbinichen 4830. 
Manso, Leben Konstantin's d. Gr., 4847. — ^ Das Athanasianum symbo- 
lum. Seine Schriften von Montfaücon 4698 u. von dems. in Bd. 2 der 
Bibl. patrum, 4706; über ihn Möhlbr 4827 u. 4839. — ^ Seine Werke 
griech. u. latein. von Montfaücon 4748 — 38 (2. A. 4834—40). De sa- 
cerdotio von Leo 4834. Homiliae-in Matthaenm von Fibld 4839 (über.»» 
setzt von Cramer u. A.). Ucber ihn Nbandbr 4824 (2. A. 4832). — * 



184 Zweites Buch. Ethnodoktalogie, 

* Nicht von ihm Epistola ad Diognetum. Ausg. von Masamcs u. Otto. 
Sein Lehen von Otto u. Sbmisch. — lo MASSUBT'sche Ausg. seiner Werke. 
Contra haereticos nnr in iatein. Uehersetz. von Pfaff, Christologie von 
DüiccKBB 4844. — '^ Sein Leben n. seine Lehre von Eloss 4836; seine 
Schriften von Gabhibb 4724 — 30 n. den Benedictinem. — i> Seine Schrif- 
ten von Pbtay 4622) darunter Panarion oder Verzeichniss aller (80) 
Ketzereien, üher Masse n. Gewichte n. Sermo de fide. Epiphanii» Scho- 
lasticus (6. Jahrh.) compilirte mit Cassiodor ans Sokrates, Sozomenos und 
Theodoret die Historia tripartita, das kirchengeschichtliche Handbuch des 
Mittelalters. — i^ Seine Werke von Mobbllics 4630, sein Leben Yon 
Ullmann 4825. — '^ Seine Werke von Mobellius 4654 , sein Leben n. 
seine Meinungen von Rupp 4834* — ^^ Seine Schriften griech. u. iatein. 
von G. Voss 4604. 

2) Lateiner. 

§. 304. Tertullianus aus Karthago (f 220) K Sein Schuler 
Cyprianus (200 — 14. Sept. 258), 248 Bischof in seiner Vater- 
stadt Karthago*. Ambrosius (340 — 397), Bischof in Mai- 
land 374 '. Augustinus aus Tagaste in Afrika (13. Nov. 354 
bis 14. oder 28. Aug. 430), Bischof zu Hippo (jetzt Bona) 
395*. Hieronymus aus Stridon in Dalmatien (331 oder 
342 — 419 oder 420), starb in einem Kloster bei Bethlehem *. 
Lactantius (f um 330), der christliche Cicero **. Amobius 
der Aeltere (300), Lehrer der Beredtsamkeit zu Sicca in 
Numidien, daher der A&ikaner '^, Der jüngere Amobius 
(5. Jahrb.), Bischof in Gallien®. Gregor, Bischof von 
Tours 573 (f 17. Nov. 594) ^ Isidorus Pelusiota aus Alexan- 
dria (f 450) ^". Isidorus Hispalensis aus Cartagena in Murcia, 
Bischof von Sevilla (Hispalis), f 636 ^\ Pelagius, britischer 
Mönch, in Rom 409, stirbt in Jerusalem 420 ^^. Ulfilas 
(geb. 318), Bischof der Gothen 348, Umbildner der ger- 
manischen Runenschrift durch Benutzung des griechischen 
Alphabets für seine Bibelübersetzung; damit zugleich Be- 
ginn der deutschen Literaturgeschichte ^\ Leo I., d. Gr., 
Papst 440—461 ^*. Gregor L, d. Gr. (540 — 604), Papst 
590—604 1». 

* Seine Schriften (darunter Apologeticus bei Gelegenheit der Christen- 
Verfolgung unter Severus, \92 — 24 4) vonRnENANus, Rigaltius, Leopold 
in der Bibl. patr. Lat. sei., 4839 — 44. Neandeb, Antignosticus, Geist des 
Tertullianus u. Einleitung in seine Schriften, 4825. — ^83 Epistolae, De 
unitate ecclesiae (von Stepbani); Ausg. von Rigaltids, Balüzzi; deutsch 
4848. Dodwbll's Dissertationes Cyprianicae, 4684. Sein Leben u. seine 
Lehre von Rettberg 4834 u. Hutheb 4839. — ^ Seine Schriften von den 
Benedictinem 4686—90. Der Ambrosiauische Lobgesang (Te Denm lau- 
damus) wahrscheinlich ein Jahrhundert junger. Der Ambrosianische Ritns 
des Kirchengesangs (darüber Mazzucchblli u. Fümagalli). Der Com- 
mentar zu den Paulinischen Briefen (wahrscheinlich von Hilarius) des Am- 



Dreiundxwanxigstes Capitel. Patrologie. 185 

brosiaster. — ^ Sein Leben erzählt er in den Confessiones (von A. Nbamobb 
\ 823, K. V. Baumes h 856). Seine Schriften darch die Benedictiner \ 835 — 39 ; 
De ciyitate Dei 4 825 (deutsch von Silbert). Seine Lehre von der gratia irresisti- 
bilis brachte ihn in Streit mit Pelagius. Ueber ihn Bindbmann 4844; über 
ihn u. Pelagins Wiggbrs. — ^ Seine Uebersetzungen des A. u. N. T. liegen 
der Yulgata znm Grande. Seine Werke von Ebasmcs u. Yallarsi. — 
6 Institationes divinae (von Davisius), Carmen de Phoenice (von Mab- 
TiNi). Sämmtliche Werke von Fritzschb, in Gersdorfs Bibl. patram, 
Bd. iOi 4842 — 44. — ''7 Bücher Adversus gentes (von Orblli). — 
B Commentar über die Psalmen. Praedestinatus ? — ^ 40 Bücher Gesch. 
der Franken, 7 Bücher Miraculorom, ein Buch Yitae patrum. Ausg. von 
Ruinabt. Ueber ihn Löbbll 4839. — *^ Zahlreiche Briefe (edirt 4638). 
Ueber ihn Nibmbtbb 4825. — ^* Seine Schriften von Arevalo 4797 — 4803, 
darunter Gesch. der Gothen zwischen 476 — 628 (von Röslbb 4803). Die 
pseudoisidorischen Decretalen (vom 9. Jahrh. an gesammelt) erhielten den 
Namen von einem Isidorus Mercator oder Peccator. Mbrlbker, Politik 
der röm. Papste, 4856. — ^^ Darstellung seiner Lehre von Wiggbrs u. 
Lbntzbn 4833. — ^^ Codex argenteus aus der Abtei Werden im 46. Jahrb., 
nach Prag u. 4648 nach Upsala, herausgeg. 4665 von Fr. Junius. Den 
Codex Carolinns fand ^ttel in einem Palimpsest in Wolfenbüttel (von 
Zahn 4805). Die übrigen Brachstücke von Mai u. Castiglioni 4849 — 39, 
von Massmann 4834. Gesammtausg. von Gabelentz u. Lobe 4836 — 47. 
Ueber sein Leben u. Lehre von Waitz 4840, Gabelentz u. Lobe 4855. — 
^* Ueber ihn Arendt 4835 u. Pbbthel 4843. Seine Werke zu Venedig 
4756 — 57. — ** Werke: Moralia s. expositiones in lobum u. Dialogi s. 
de Vit« et miraculis patrum Italicorum, von Wiggbrs 4838. 

§. 305. Einer der ältesten Apologeten ist Athenagoras 
(177) *. Minucius Felix (3. Jahrb.): Apologie ,Octavius' *. 
Taüanos ^ Die Spottschrift des Hermias (200) gegen die 
heidnischen Philosophen *. Theodor von Mopsuestia (f 429) *. 
Hilarius der Heilige, Bischof von Pictavium (Poitiers), hae- 
reticomm malleus et flagellum genannt, f 13. Jan. 368 ^ 
Die Kirchenhistoriker: Sokiates aus Konstantinopel 
(geb. 380) '^^ Sozomenos aus Bethelia bei Gaza (geb. um 
400) ®, Theodoretos 420 Bischof von Kyros am Euphrat ^ 

Apollinaris der Jüngere, 362 Bischof in Laodicea in Sy- 
rien, Gründer des sogenannten Apollinarismus : dichterische 
Umschreibung der Psalmen. Juvencus (f 331): Umschrei- 
bung der Genesis und Geschichte Jesu in Hexametern ^^. 
Prudentius *'. Colins Sedulius (5. Jahrb.): ,Mirabilium di- 
vinorum s. operis paschalis lib. V, enthält in Hexametern 
die Geschichte Jesu ^^. 

' Legatio pro Christianis von Lindneb. Ueber Auferstehung d. Todten 
(4544). • — ^ Ausg. von Muralto 4836, deutsch von Lübkerl. Ueber ihn 
Meier 4824. — * Ueber ihn Daniel 4837. — * Ausg. von Worth u. 
DoMMBRiOH, deutsch von Thienemann. — * Ueber ihn Fritzbohb 4837. 
Seine Werke von v. Wegnern 4834. — ^ Seine Werke von.OBBRXHeR 
4784 — 88. — 7 7 Bücher von 306 — 439 (von Reading). — » 9 Bücher 
zwischen 323 — 439 (von Valbsiüs). — ^ Zwischen 322— 429. Ausg. von 
SiRMOND n. Garnier, Schulze u. Nössblt. — *° Ausg. von Gebsbb 



186 Ztoeües Buch. Ethnodoktologie. 

4827. — " Gedichte von Obbabiüs edirt. — >» Andere G^edichte: Col- 
latio Vet. et Nov. Test.; Hymnas de incamatione verbi, ans Virgilischen 
Versen zusammengesetzt; Hymnus acrostichns, in iambisohen Dimetern n. 
alphabetischer Reihenfolge der Verse. Ausg. von Cbllabius, Gbunbb, 
Abntzem u. Abbtal. 

§. 306. Den Anfang der Legenden macht Ennodius^ 
,Leben des heiligen Epiphanios^ Musterwerk seiner Art 
wurde die ^Goldene Legende^ Jacob's a Voragine (f 4298), 
s. unten §. 668. 

Acta sanctorum, 4643. 



Dritte Abtheilung. 

Occidentalische Literaturen. 

§. 307. „Die Basis der modernen Literatur im wei- 
testen Sinne ist die cbrist- katholische Glaubenslehre. Ihre 
Tochter, die Romantik, wurde die Muse der Dichtung des 
Mittelalters und schlug zuerst in Frankreich ihren Wohn- 
sitz auf. Von hier aus beherrschten ihre Lispirationen die 
Literatur sämmtlicher west- und südeuropäischer Nationen. 
Am wenigsten unbedingt war ihr die italische Literatur 
unterworfen, weil in Italien der romantische Einfluss von 
vornherein in der wieder angebahnten Bekanntschaft mit dem 
antiken ein Gegengewicht fand, was aber für die Ent- 
wickelung der italischen Poesie eben kein Glück war, indem 
die classische Reminisceuz dieselbe schon in ihren Anfangen 
zu einer unvolksthümlich gelehrten machte. Am reinsten, 
reichsten und volksmässigsten erblühte die romantische Dich- 
tung auf der Pyrenäischen Halbinsel, und Spanien 
kann sich vor allen Nationen Europas rühmen, eine zugleich 
grossartige und nationale Literatur zu besitzen. Mit ihr 
wetteifert die englische, welche ebenfalls auf dem Funda- 
ment der Volkspoesie den Triumph der Kunstdichtung, ein 
treffliches und nationales Drama, aufgebaut hat. 

Die mittelalterlich -romantische Dichtung Deutschlands 
zeichnet sich vor der anderer Völker durch einen Zug seelen- 
voller Innigkeit aus, und diesen Zug wussten die Deutschen 
nicht nur in eigentlich romantische Stoffe, sondern auch in 
ihre altnationale, romantisch umgebildete Heldensage zu 



Drille Abtheilung. Oecidentälische Literaluren. 187 

legen, wodurch freilich die Ursprünglichkeit derselben stark 
beeinträchtigt wurde. Mit Italien und Frankreich theilt 
Deutschland den Mangel eines nationalen Theaters. 

Unberührt von romantischen Einflüssen entfaltet sich in 
der Poesie des alten Nordens eine Eiesenhaftigkeit der 
Phantasie, welche an die des alten Indien erinnert, nur dass 
hier Alles weich und verschwommen, dort Alles schroff 
und zackig ist. 

Auch die altslawische Volkspoesie hat sich unabhängig 
von der Romantik entwickelt und zeigt die Eigenthümlich- 
keit einer vorwiegend historischen Färbung." 

§. 308.' „Vom 16. Jahrh. an webt sich unter der Ein- 
wirkung classischer Studien allmälig ein Band der Wechsel- 
wirkung zwischen den europäischen Literaturen. Im 1 7. Jahrh. 
gibt die italische und spanische, im 48. die französische, 
im 49. endlich die englische und deutsche den Ton an. 
Nach dem Vorgang Italiens stellt Frankreich in der ge- 
lehrten Hofdichtung die classischen Muster auf, wie es hin- 
wieder später durch seine revolutionäre Literatur das Signal 
zur Befreiung der Geister gibt. Dann kommt England an 
die Keihe, um mit den gesunden Elementen seiner altem 
und neuern Dichtung, vor allem mit Shakspeare'schen, die 
deutsche Classik zu befruchten, und von dieser, wie von 
der ihr nachtretenden Neuromantik, gehen darauf leuch- 
tende und zündende Strahlen in alle europäischen Länder 
aus. In Frankreich, Italien und Spanien wird die Pseudo- 
classik gestürzt, und diese Länder, dann mit glänzendstem 
Erfolg England, die skandinavischen und slawischen Länder, 
selbst Ungarn und Nöugriechenland, mit grosserm oder ge- 
ringerm Glück, bedienen sich der romantisch -nationalen 
Principien als eines Verjüngungsmittels ihres Schriftenthums. 
Da und dort hat der junge Baum modern-nationaler Poesie 
prachtvolle Blüten getrieben. Die neueste Zeit aber zeigt 
einen auffallenden Stillstand der literarischen Bewegung." 

Für Sprache und Literatur des europ. Abendlandes : Boütbrwbk, 
Gesch. d. Poesie u. Beredtsamkeit, 1804 fg. Thdr. Mündt, Gesch. d. Lit. 
d. Gegenwart von 4789 an, (2. A.) 1853. 




188 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

Vierundzwanzigstes GapiteL 
Ocddentalisch- christliches Sprachgebiet. 



§. 309. Als allgemeines Kennzeichen, das die germa- 
nischen Sprachen von den urverwandten (oben §. 10 u. 44) 
unterscheidet ^ und unter ihren eigenen einzelnen Zweigen 
eine wesentliche Verschiedenheit begründet, hat Jak. Ghrimm 
die Lautverschiebung* nachgewiesen. 

1 Vor allen andern Sprachen ansgezeichnet und durch die gebildetsten 
Nationen repräsentirt sind die indisch -europäischen und unter diesen 
wiederum die indisch -germanischen Sprachidiome: Sanskrit, die medischen, 
semitischen, griechischen und lateinische oder römische, die reingerma- 
nischen, romanischen und slawischen Sprachen. — ' Dies ist der Wechsel 
der Muten. Es sind nämlich in identisch unenüehnten Wörtern die stum- 
men Consonanten von der ursprünglichen Stufe geruckt. Au« ursprüng- 
licher Tennis ist im Gothischen Aspirata, aus ursprünglicher Media ist 
Tennis, aus ursprünglicher Aspirata ist Media geworden. So entspricht 
z. B. dem griechischen tc das gothische f , dem griechischen ß das gothische p, 
dem griechischen 9 das gothische b. Die Lautrerschiebung innerhalb der 
germanischen Sprachen zeigt sich im Hochdeutschen, d. h. hier in den 
oberdeutschen Mundarten. Während nämlich in den übrigen deutschen 
Sprachen die stummen Consonanten auf der Stufe geblieben sind, die sie 
im Grothischen eingenommen haben, sind sie im Hochdeutschen nochmals 
verrückt worden. Für das Althochdeutsche stellt sich das strenge Gesetz 
so dar, dass gothische Aspirata althochdeutscher Media, gothische Tennis 
althochdeutscher Aspirata, gothische Media althochdeutscher Tennis ent- 
spricht. Die etwaigen Störungen dieser Consequenz innerhalb der alt-, 
mittel- und neuhochdeutschen Mundarten beeinträchtigen die Wahrheit dieser 
grammatischen Entdeckung nicht. Derselbe Trieb der Lautverschiebung 
zeigt sich noch jetzt in ober- und mitteldeutschen Mundarten, in der Ver- 
wechselung der sogenannten weichen und harten Buchstaben. Das Sprach- 
gebiet der deutschen Hauptmundarten s. bei Grimm, Deutsche Ghrammatik, 
3. A., I, 2 fg. Ybnbdet, Gesch. des deutschen Volks, 4856. 

§. 340. Die gothischen Sprachdenkmäler des Ul- 
filas (4. Jahrh.) geben das älteste Zeugniss von der ur- 
spriinglichen Beschaffenheit der germanischen Sprachen K 

Die Sprachdenkmäler der Angelsachsen reichen bis in 
das 7. Jahrh. ^ in dem Gedichte Caedmon's (f 680)'. Aus 
der angelsächsischen Sprache ging durch Zutritt eines 
romanischen Elements, das die Normannen 4066 zubrachten, 
die englische Sprache hervor, die sich der Zeit nach in 
das Altenglische und seit dem 4 4. Jahrh. in das Neuenglische 
scheidet. „Wie mächtig das germanische Element im 
Englischen sei, hat jlingst Macaulay in seinem Stil 
aufs herrlichste dargethan." 

Für die altnordische Sprache Skandinaviens zeugen die 



Vierundzwanxigstes CapiteL Occidentalisch^christUches Sprachgebiet. 189 

weit altem, wenn auch erst im 11. Jahrb. au%ezeichneten 
Lieder der altem ,Edda^ Aus dieser noch in Island er- 
haltenen Form (Norraena tunga) entwickelte sich das 
Dänische in Dänemark und Norwegen und das Schwe- 
dische *. 

Gering sind die Spuren des Longobardischen und Burgun- 
dischen. Die Mundart der Friesen horte mit dem 14. Jahrh. 
als eigentliche Schriftsprache .auf *. Sie bildet den Ueber- 
gang vom Dänischen ins Sächsische. Das fast einzige Denk- 
mal der altsächsischen Sprache ist der ,Heljand^ des 9. Jahrh. 
(üebersetz. von Kapp, 1 856). Seitdem war bis in das 1 6. Jahrh. 
Niederdeutsch die Schriftsprache ^ Ihr folgte Hoch- 
deutsch, während jenes Idiom auch durch Plattdeutsch ber 
zeichnet ward. 

Aus der Mundart der Niederfranken erstand im 1 3. Jahrh. 
als Schriftsprache die niederländische und seit dem 
1 5. Jahrh. die neuniederländische Sprache ^. 

1 Gabelemtz u. Löbb, Gothisches Glossar. — ^ Th. Wbioht, Bio 
graphia Britannica iiterair., 4842. — ^ Ausg. yoiiBoutebwek 4849. Hickes, 
Thes. lingaar. sept., 4744. Tubmeb, Hist. of the Anglosaxons. Leo, Alt- 
sächsische u. angelsächsische Sprachproben , 4838. — ^ Rask, Undersögelse 
n. s. w., 4848, a. Veiledning u. s. w., 4832; deutsch von Wienbarg 4839. 
Pbtbbsen, Det danske, norske og swenske Sprogs Historie, 4829 fg. — 
^ WiABDA, Gesch. d. altfries. Sprache, 4784. — ^ Eindeblimo, Gesch. d. 
niedersachs. Sprache, 4808. — ^ Willems, Nederduitsche Taal- en Letter- 
konde, 4849. Monb, Üebersetz. d. niederländ. Volkslit. alt. Zeit, 4838. 
Vgl. unten §. 447. 

§. 311. Drei Zeiträume des Hochdeutschen, der 
eigentlichen deutschen Literatursprache. 

1) Zum Althochdeutschen, von dem unsere Kenntniss 
bis zum 7. Jahrh. reicht, fiihrt keine Brücke vom Gothischen. 
Innerhalb desselben herrschen drei Mundarten, die aleman- 
nische, fränkische und bairische K 

2) Es geht im 12. Jahrh. über in das Mittelhoch- 
deutsche, das im 13. Jahrh. in der Poesie zu seiner höchsten 
Blüte gelangt. Seine Mundarten sind dieselben, wie im 
Althochdeutschen, führen aber die Namen der schwä- 
bischen, bairisch- ostreichischen und fränkischen, deren 
Einfluss sich über den Mittelrhein, Hessen und Thüringen 
erstreckte *. 

3) Das Neuhochdeutsche beginnt im 16. Jahrh. mit 
Luther und ist seitdem herrschende Schriftspi'ache \ 

Auf die Frage : wo das beste Deutsch gesprochen we: 




190 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

entschied Adelung für Meissen. Daher die Elbe in Schil- 
ler's ,FlÜ8sen': 

Alle ihr andern, ihr sprecht nur ein Kauderwelsch; unter den Flüssen 
Deutschlands rede nur ich, und auch in Meissen nur deutsch! 

1 Graff, Althochdeutscher Sprachschatz, 1834 fg. Richthofen, Alt- 
friesisches Wörterbuch. — > Barthel, Grundriss d. mittelhochdeutschen 
Formenlehre für Anfönger, 4854. Pfeiffer, Beiträge zur Gesch. d. mittel- 
deutschen Sprache u. Lit., 4854. Möller u. Zarnckb, Mittelhochdeutsches 
Wörterb. etc., seit 4854. — ^ Adelung, Gesch. d. deutschen Sprache, 4784- 
Jak. Grimm, Deutsche Grammatik, 4€22, u. Gesch. d. deutschen Sprache, 
4848. Wocher, Entwickel. d. deutschen Sprache, 4843. Jak. u. W. Grimm, 
Deutsches Wörterbuch, seit 4852. Prutz, Zur deutschen Lit.- u. Cultur- 
gescb., 4854. Schötensack , Grundriss d. neuhochdeutschen Sprache, 4856. 
Die Literatur der Dialekte bei Vater, Lit. d. Grammatik. Firmbnich, 
Deutsche Sprachproben in Germaniens Völkerstimmen, seit 4846. Deutsch- 
lands Mundarten , eine Monatsschrift für Dichtung, Forschung u. Kritik von 
Pamokofer, fortgesetzt von Fromm ann, 4854 u. 4855. Schwbminski, Ma- 
terialien zur Gesch. d. deutschen Mundarten {Herrig, Archiv, 43, 4 — 49). 

§. 312. Das Romanzo und die daraus hervorgegangenen 
romanischen Mundarten entstanden aus der Vermischung 
des Germanischen mit der lingua Romana rustica oder dem 
sermo vulgaris seit dem 6. Jahrh.: Italienisch, Spanisch, 
Portugiesisch, Provenzalisch, Franzosisch, Daco -^Komanisch 
oder Walachisch, Ladin im Engadinthal, Mundart in Grau- 
bündten. 

Bei allen wesentlichen Abweichungen soll die innere Ver- 
wandtschaft dieser Dialekte lange anerkannt sein, wie man 
aus Rambaut's (f 1207) ,Descort' (Klage) schliessen zu 
können meint, worin auf eine provenzalische Strophe eine 
italienische, franzosische, gascognische und catalonische folgt. 

Planta, Gesch. d. roman. Sprachen, 4776. Sismondi, De la litt^r. 
etc., 4843; deutsch Ton Hain 4846. Diefbnbach, Ueber d. roman. Schrift- 
sprachen, 4834. Heilmaieb, Entstehung der roman. Sprachen, 4834. 
CoMRADi, Prakt. deutsch -roman. Grammatik, 4820, u. Dictionar. etc., 4823. 
DiEz, Gramm, der roman. Sprachen, 4836 — 43. Wörterbuch der roman. 
Sprachen , 4 853 , mit etymolog. Ergänzungen von Mahn. Füohs , Ueber die 
sogenannten unregelmässigen Zeitwörter in den roman. Sprachen , nebst An- 
deutungen über die wichtigsten roman. Mundarten, 4840. Mahn, Etymolog. 
Untersuchungen auf dem Gebiet d. roman. Sprachen, Spec 4 — 4, 4854 u; 
4855. Bopp, Ueber das Albanesische, 4855. 

§. 313. Die slawische Kirchensprache kam durch die 
Bruder Cyrill und Method (860) mit dem Cyrill'schen Alpha* 
bet und dem Christenthum von Griechenland her K Aus der 
Volkssprache finden sich Anklänge in Liedern aus dem 
slawischen Heidenthum. 

Dobrowski nimmt zwei Ordnungen an: 1) den südost- 
lichen Zweig (meist griechisch-katholische Slawen) mit 



Vierundxwanstigstes CapüeL Ocddentaliich'Christliches Sprachgebiet. 191 

eigenem Alphabet, Earilica, noch jetzt in den religiösen 
Schriften herrschend und bis ins \ 7. Jahrh. auch Amtsschrift, 
woraus sich die glagolitische, russische und serbische 
Schrift bildete, umfassend Russen, Bulgaren, Serben, 
Dalmater, Kroaten und Winden oder Slowenen in Steier- 
mark, Kärnten und Kj-ain. 

2) Nordwestlicher Zweig (katholische Slawen) mit 
lateinischer Schrift, umfassend Polen, Böhmen, Slo- 
waken und Sorben- Wenden ^. 

* DoBRowsKi, Cyrill u. Method, M823. — * Ders., Grammatik. Schaf- 
FARIK, Gesch. d. slaw. Sprache u. Lit. nach allen Mundarten, 4826, u. 
Slawische Alterthümer (deutsch 4843). Kaulfvss, Die Slawen, 1843. 

§. 314. Gelten wird ein einst weit verbreiteter Volks- 
stamm genannt, der jetzt nur noch in den westlichen Thei- 
len Europas, in der franzosischen Kleinbretagne, in Hoch- 
schottland, Wales, auf der Insel Man und in Irland sich er- 
halten und seine Sprache, die in Comwallis seit etwa 70 Jah- 
ren erloschen ist, bewahrt hat. Die aus dem Griechischen ent- 
standene Buchstabenschrift war von den Druiden verbreitet. 

RoSTRENSN, Wörterbuch d. altbreton. Sprache, 1732. Mähe, Anti- 
qnit^s du Morbihan, 4829. Courson, Essai sur ITiist. , la langue etc. de la 
Bretagne armoricaine, 4840. Lbgonidec, Gramm, celto-bretonne, 4807 Q* 
4838. Kaedanet, Hist. de la lang, des Bret. , 4824. Macpherson, On the 
origine of the anc. Caled., 4^68. Mackbnzie, Rapport of the committee etc.,, 
4805. ScHÖPFLiN, Vindiciae Celtioae. Radlof, Neue Untersuchungen des 
Celtenthnms, 4822. L. Diefenbach, Celtica, 4839. Bopp, üeber d. cel-. 
tische Sprache etc., 4839. Zeuss, Die Deutschen u. die Nachbarstämme, 
4837. Grammatica Celtica, 4853. Müller, Die Marken des Vaterlandes, 
4837. Leo, Die Malbergische Glosse, ein Rest altcelt. Sprache u. Rechts- 
ao^assung, 4842. Edwards, Recherches sur les langues celtiques, 4844- 
HoLTZMANN, Gelten u. Germanen, 4855 (unten §. 404), u. üeber das Ver- 
halten d. Malberger Glosse zur Lex Salica, 4853. 

§. 315. Ob die über Ungarn verbreitete Sprache der 
Magyaren mit der lappländischen und finnischen ^ oder 
mit den sogenannten orientalischen^ verwandt sei, darüber 
gehen die Gelehrten auseinander. Beimischungen des La- 
teinischen sind unverkennbar ^. 

* Kach Rudbeck, Eccard, Ihre, Hell, Sajnovits, Gatterer, Schlozer, 
Büsching, Hagen, Gyarmathi. — ^ Nach Otrokotsi, Oertel, Kalmar, Ver- 
segi, Beregszaszi. — ^ Müller, Der uigrische Volksstamm, 4837. Gruber, 
Hiflt. lingaae Hnngaricae, 4830. Sprachlehre u. Wörterbuch von Bloch 
4846, u. A. 

§. 316. In der grossen Trias des Germanischen, Koma- 
nischen imd Slawischen erscheinen die beiden erstem als die 
Organe der Production und Mittheilung, das letztere nebst 



192 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

den geringen Massen des Celtischen, Turauischen u. s. w. 
als Organe der Empfangniss und Nachbildung. 

Eine cnltorhutorische Schildenmg dieser VölkeirfBiiiUien bei Wacbs- 
MüTH, Cultargesch., HE, 31 — 44. Enoblhann, Bibliographie der neuem 
Sprachen, 4842. 



Erster Kreis. 

Romanische Literaturen. 

§. 347. Das älteste Schriftdenkmal neugebildeter roma- 
nischer Sprache ist ein Gedicht iiber die Gefangenschaft des 
Boethius, femer ein Siegeslied der Franken unter Chlotar 11. 
(Alleinherrscher 613—622), der Eid von Strasburg 842, 
den Ludwig der Deutsche seinem Bruder Elarl dem Eiahlen 
leistete, worin die Grundzüge des Nordftanzösischen erkenn- 
bar sind. Der Vertrag von Koblenz 860 ist die nächst- 
folgende ft'anzosisch- romanische Sprachprobe. Das Sieges- 
lied auf Ludwig's III. Sieg über die Normannen bei Sau- 
court in Yimeu 881. Das älteste rhythmische Denkmal in 
nordft'anzosischem Romanzo die Prosa (Kirchenlied) von der 
heiligen Eulalia aus dem 9. Jahrh. 

DiBZ, Altroman. Sprachdenkmale, 4846. Hoffmann n. Willsms, Elno- 
nensia, 4837. 



Fünfundzwanzigstes Capitel. 

Frankreich. 

§. 318. Die franzosische Sprache schied sich etwa 
seit der Thronbesteigung der Capetinger (987), nach und 
nach mit schärferer Bestimmtheit, in zwei Hauptdialekte, 
den wallonischen im Norden und den limosinischen 
im Süden. Der Unterschied wurde nach dem Bejahungs- 
ausdrucke bezeichnet: die südliche Sprache hiess langue 
d'oc (die occitanische, limosinische, roman proven9al, nach 
der romischen provincia Narbonnensis im südlichen GaUien) % 
die nordliche langue d^oil oder d'oui (die nordfi^anzosische 
oder roman wallen). 

Die nordliche trat durch kirchliche Begünstigung ^ firuher 
in das öffentliche Leben ein ^; dagegen gelangte die sQd- 



Ftinfundzwanzigsles Capüel. Frankreich. 193 

liehe, die am frühesten ausgebildete Sprache des 
romanischen Kreises, zuerst zu reiferer Kmistausbildung. 
Aus dem zwischen beiden in der Mitte stehenden Dialekt 
an der Seine ist seit dem 13. Jahrh. die heutige franzo* 
sische Schriftsprache hervorgegangen*. 

1 Omnes de Burgandia et Alverma et Yasconia et Gothia Provin- 
ciales appellabantur. — ^ Eirchenversammlungen zu Tours 843, zu Moussod 
996. — * Gesänge und Legenden, Predigten von Norbert in Belgien \M9 
und Vital in Bheims 4420. — ^ Arnaulb u. Lancblot, Gramm, de Port- 
Royal., 4803. Pouoens, Tresor des origines etc. de la langue fr., 4849. 
Roquefort, Gloss. de la langue romane, 4808 — 20. Von den Dialekten 
(CoQüBBEBT DE Mohtbbet) Melauges etc., 4834. Die altem Sprachproben 
des Provenzalischen bei Mabt-Lafon, Tableau bist, et litter. de la langue 
parlee dans le midi de la France et connue soup le nom de langue pro- 
ven^aie, 4842. Millih, Essai sur la langue et la litt, prov., 4844. A. W. 
Schlbgbl, Observat. etc., 4848. Mahdet, Hist. de la langue prov., 4840. 

§. 319. Die franzosische Literatur umfasst im Gan- 
zen neun Perioden, von denen die drei ersten dem Mittel- 
alter angehören, und zwar so, dass innerhalb der beiden 
ersten Perioden, d. i. bis zum Ende des 13. Jahrh., nord- und 
südfranzosische Literatur getrennt stehen und erst mit Beginn 
der dritten Periode zu einer Nationalliteratur miteinander 
verschmelzen. 

Hbkby, Hist. de la litt, fr., 4844. Ampebb, Hist. de la formation 
de la litt, fr., 4844. Sismondi, De la litt, du midi de l'Europe, Tom. I, II. 
ViLLEMAiM, Cours de litt, franp., 4828—30. Ideler, Gesch. d. altfranzos. 
Nationallit. , 4842. Mager, Gesch. d. franzos. Nationallit. neuerer u. 
neuester Zeit, 4837. Kretssio, Gesch. d. franzos. Lit. , 4848. Desgl. von 
ViLLEMAiN, NiSARD, Haar, Peuckbr4852. Boutbrwek, Gesch. d. Poesie 
u. Beredtsamkeit seit Ende des 43. Jahrb., 4804, Bd. 5 — 6, u. allgemei- 
nere Arbeiten von Rosekkbanz, Grasse, den beiden Schlegel, Mumot, 
Fortlaqb, Schbrb u. A. Db Castres, Grundriss der franzos. Lit. von 
ihrem Entstehen bis zum Sturze Ludw. Philipp's, 4854. Nettement, Gesch. 
d. Restaurationsliteratur, 4854, n. Gesch. d. franzos. Lit. wahrend d. Juli- 
regiemng, 4855. Blick auf d. franzos. Lit. im 46. Jahrh. bei Hanke, Gesch. 
Frankreichs, I, 377 — 386; dieselbe unter Ludwig XIV., HI, 345 — 368. 

§. 320. Vorzeit. Verwandtschaft der Sprache imd 
Sage, der Religion und Sitte neben Ueberlieferungen von 
Wanderungen aus Osten weisen auf einen gemeinschaftlichen 
Urstamm der germanischen Völker im kaukasischen Asien 
hin. Durchweg körperliche Tüchtigkeit, reine Sitte, Achtung 
des Weibes, Monogamie. Runenschrift. Historische Lieder 
als Lobgesänge auf Wodan, Tuisko, Man und die Helden 
(Armin). Zaubersprüche. Eiunpf- und Kriegslieder. Die 
Volkslieder der Druiden und Barden leben in der Bre- 
tagne fort ^ Barden heissen bei den Gelten und Galen die 
Dichter und Rhapsoden, die zu Cäsar's Zeit aus der Gegend 

Merlbker. 1 3 



194 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

der Rhone und Garonne nach England, Irland, Schottland 
und den umliegenden Inseln wanderten. Nach E. Wil- 
liams ^ war Tydaiu Stifter des Bardenthums, den besonders 
Ossian verherrlicht hat (unten §. 404). Seit EHopstock ist es 
Sitte, auch die ältesten Sänger der Germanen Barden zu 
benennen. Er nannte seine drei Hermannsdramen (,Hermanns- 
schlachtS ,Hermann und die Pursten' und ,Hennann^s Tod') 
Bardiet, welches Denis und Gerstenberg in lyrischer, Kretsch- 
mann in epischer Form behandelten. 

1 De LA ViLLBHABQCE, Bftrzas-Breiz. Chants populaires de la Bretagne, 
4840 (4. Ausg. 4846); deutsch von Keller a. Ton v. Secke»dorf 4844. 
Ders., Poemes des bardes bretons dn VI® si^le, 4850. — * Ueber die 
waliser u. britischen Barden , 4 828. Das geistige Alterthum von Wales von 
Jones, Williams u. Owen» unter d. Titel: The Myyjriaa arehaeology of 
Wales, 4804—7. 

§. 321. Die erste Periode reicht von der Errichtung 
der neueuropäischen Staaten nach dem durch die Volker- 
wanderung herbeigeführten Sturze des Weströmischen Beichs 
(476) bis zum Ende des 14. Jahrh. oder bis auf die Zeit 
der Kreuzziige. Es ist die Entwickelungsperiode der 
Keime des neuen Lebens unter dem Schutte der alten Welt. 

Seit dem Beginn der Völkerwanderung (375) machten 
die Germanen Bekanntschaft mit griechischen und römischen 
Sagen, und daher entstanden neue germanische Sagen (vom 
Fuchs, Wolf, Bären) und Sagenkreise, die sich grossten- 
theils an die Geschichte anlehnten, ohne jedoch Zeit und 
Baum zu sondern. Daraus entstand, im Gegensatz der das- 
sischen, die romantische Poesie, die hauptsächlich in 
den Ländern, wo die romanischen Sprachen über die ger- 
manischen der eingewanderten Völker den Sieg davontrugea, 
Wurzel fasste ^ 

Zunächst religiös -kirchliche Tendenz der Literatur 
in Erklärungen der heiligen Schriften, Predigten und Hei- 
ligenlegenden, noch bis zum 9. Jahrh. nur in lateinischer 
Sprache, die erst seit Anfang des 9. Jahrh. der selbständigen 
Ausbildung der beiden romanischen Hauptmundarten IVank- 
rcichs weichen musste. Diese Sprachbildung in sich ward 
dann aber so bedeutend, dass schon die Grossgräfin Mathilde 
von Toscana (4075) das Französische liebte und dass es im 
4 3. Jahrh. als Umgangssprache weit und breit galt. Dante^s 
Lehrer, Brunetto Latini, nennt es eine langue delitable. 

1 HuBBR, Die romantische Poesie in Frankreich, 4832» Aroüsm 



FUnfundzwanzigstes Capiiel. Frankreich. 195 

Thubbbt, Ersahlwigw aus den meroyingischen'Zttten, mit einleitenden Be- 
trachtungen aber d. Gesch. Frankreichs, deutsch 4855. 

§. 322. Die zweite Periode umfasst das 12. und 13. 
Jahrh«, die Blütezeit der eigentlichen mittelalterlichen Na- 
tionalliteraturen. Einfluss des Lehnsstaats, des Ritterwesens 
mit seiner Courtoisie, Galanterie und Chevalerie. Litera- 
risches Doppelgebiet der Provenzalen und Nord- 
franzosen. 

<) Die Provenzalen. 

§. 323. Die Troubadourpoesie des 1 1 . und 1 2. Jahrh. 
ist die älteste neueuropäische Kunstlyrik, die ihre Aus- 
bfldung erlangte unter dem Einfluss der kirchlichen Hym- 
nodie, des chevalereskcn Geistes zu Ende des 11. und An- 
fang des 12. Jahrh., der adeligen Gesellschaft, der Hofe der 
Grossen und der Minne. 

Als Konig Alfons TV. von Castüien mit Hülfe fran- 
zosischer Sitter den Mauren die Stadt Toledo (Ende des 
11. Jahrh.) entrissen hatte, lernte man dort die geistige 
und gesellige Bildung, besonders aber die Gesänge und 
Dichtungen der Besiegten kennen und brachte die Keime 
dieser fröhlichen Wissenschaft (gaya scienza) in die 
Heimat zurück. Seitdem wurde die Provence der vor- 
nehmste Sitz der fröhlichen Dichtkunst, deren arabische 
Grundlage sich schon dadurch verräth, dass ihr, wie der 
arabischen Poesie, das Epos und Drama fr^nd bleibt und 
sie &st ausschliesslich in dem lyrischen Kreise des Liebes- 
liedes, in der Bomanze, der Didaktik und Satire sich bewegt. 

Bald verbandai sich mit den ritterlichen Uebungen des 
Toniiers die anmuthigen Spiele der Liebeshofe oder Minne- 
gerichte (corts d'amor) K Die Höfe der Grafen von Tou- 
louse, von Provence und Barcelona und der Könige von 
Aragon waren die Centralpunkte für die Kunst des 
Findens (art de irobar), deren Ausüber sich Trouba- 
dours (trobador, trobaire, Finder, Erfinder, wie 7cot.iQTa( 
von TTOielv, Producenten) nannten. Einen niedrigem Bang, 
obgleich von früherm Ursprünge * als sie, nahmen die 
Jongleurs (joculatores, Spielleute) ein, welche aus Ge- 
sang, Musik und Erzählung ein Gewerbe machten und 
vielfach zur Gaukelei und Possenreisser^i herabsanken. Eia 
Troubadour, welcher die Gabe, seine Lieder singend vor- 
zutragen, nicht besass, pflegte einen Jongleur (joglar) zum 

13* 




196 Zweites Buch. FJhHodoktologie. 

Begleiter anzunehmen und von diesem seine Gedichte vor- 
tragen zu lassen. 

1 Erst später in ihrer Entartung Colleges de la gaye sdenoe genannt, 
lieber sie Arbtin 4803. — ' Nach dem von Diez in der Poesie der Trou- 
badours, S. 24, angeführten Zeugniss des Troubadour Goirant Riqnier, 
4250—94. 

§. 324. Anfangs hiess alle poetische Aeusserung schlecht- 
weg Vers (vers), erst später kam die Bezeichnung Lied 
(canzo, canzoneta) auf. Fröhliche Gesänge nannte man 
Soulas, klagende Lais, Moi^enlieder Albas, Abendständchen 
Serenas. Sonett hiess ein mit Instrumenten, Ballade ein 
mit Tanz begleitetes Lied. Hauptgegenstand dieerer Kunst 
blieb das Minnelied. Daneben aber findet sich auch die 
Legende, die Fabel, die Novelle (novas), die Erzählung 
(contes), die Tenzone (Streitgedicht, von tenzos = Streit) 
und das Sirventes (Dienstgedicht, Lob- und Rügelied). 
Letztere vornehmlich gegen Kom und die Pfaffheit gerichtet, 
wodurch jene Sänger gewissermassen Lenker des politischen 
und socialen Lebens ihres Landes wurden. 

Mätznbr, Altfranzös. Lieder etc., 4853. 

§. 325. Die Blütezeit der provenzalischen Poesie 
ist der Zeitraum von 1070 — 1294. Dann zerfiel sie mit dem 
Bitterthum und selbst ihre Sprache wiutie infolge der Albi- 
genserkriege verfolgt. 

Die bedeutendsten provenzalischen Troubadours 
waren : Wilhelm IK, , Herzog von Aquitanien und Graf von 
Poitiers, 1071 — 1127, zugleich der älteste und erste; sodann 
Jaufre Rudel, Prinz von Blaya, 1140 — 70 ; Graf Rambaut HI. 
von Orange (regierte 1150 — 73) ; Konig Alfons H. von Aragon 
(regierte 1162 — 96); Konig Richard Lowenherz von Eng- 
land und Graf von Poitiers (regierte 1189 — 99); Robert L, 
Dauphin von Auvergne (regierte 1169—1234); Peire Vidal, 
1175--1215; Bertran von Born, 1180—95; Araut Daniel, 
1180 — 1200, wahrscheinlich Erfinder der Sestine; Peire 
Cardinal, 1210—30; Guiraut Riqnier, 1250—94; Johann 
von Brienne; Thibaut lY. von Champagne und Konig von 
Navarra (La Ravelliere 1742); Heinrich HI., Herzog von 
Brabant; Peter von Dreux, Graf von Bretagne; Karl von 
Anjou, König von Neapel, u. A. 

Die spätem Versuche des phantastischen provenzalischen 
Königs Rene, 1408 — 80, die Poesie seines Landes wieder 



Fünfundzwansigstes Capitel. Frankreich. 197 

zu erwecken^ waren ohne Erfolg (Schiller's , Jungfrau von 
OrleansS I, 2). 

Als neuere Troubadours werden Grodolin und Jasmin 
genannt. 

Rathovard, Choix des po^sies des Troab., 4846—24, u. Lexique 
roman, 4 838 fg. Diez, Die Poesie d. Troub., 4826, u. Leben u. Werke 
der Tronb., 4829* Bbinckmeieb, Die provenzal. Troab., 4844, u. Büge- 
lieder der Troub., 4846. Roghboude, Parnasse ocoitanien. Maiin, Die Werke 
der Troub., 4846; von demselben mehre Untersuchungen über dieselben, 
seit 4 853. Sghbbb gibt eine Zusammenstellung der dichterischen Leistungen 
der Troubadours in deutschen Uebersetzungen in seinem Bildersaal der Welt- 
literstur, S. 477 — 490. Babtsch, Provenzalisches Lesebuch, 48öö. Faü- 
BiBL, Hist. de la poesie provencale, 4840. Cabbie, Le troubadour mo- 
derne, 4844* 

§. 326. Von dieser Eunstdichtung war die Volkspoesie, 
in Volksliedern (Noels) und Färsen (Farsas) bestehend, 
gänzUch getrennt. 

Pibbquin DB Gbmbloux, Übt. iit. philologique et bibliographique des 
patois, 4844* Guhtheb, lieber die südfranzös. Yolkspoesie, 4844. 

2) Die Nordfranzosen. 

§. 327. Im Norden Einfluss der Klöster, Stiftsschulen, 
gelehrter Bischöfe und Könige. Zurücktreten der Lyrik, 
Bliite der epischen Historien und scholastischen Didaktik. 
Helden- und Geschlechtssagen (chansons de geste), halb- 
mythische Reimchroniken und abenteuerliche Mären (lais, 
romans d'aventure). Verbindung mit der Volkspoesie. 

Hier hiessen die Gestalter dieser poetischen Stoffe Trou- 
veres (von trouver = finden, Clercs und Maistres) und 
wurden von den Menestriers (Menestrels), welche ihre 
Gedichte vortrugen, und von den Jongleurs, welche dich- 
terischen Vortrag mit Gesang und Instrumentalmusik be- 
gleiteten, unterstützt. Die Erfinder der Ritterromane heissen 
Fabliers oder Fableors. 

Stoffeintheilung: Kirchliche Dichtungen, Nationalepen 
des fränkisch -karolingischen, des bretonischen und des nor- 
mannischen Sagenkreises und antike oder orientalische Stoffe. 

Form- und Vortragseintheilung: gesagte und ge- 
sungene (chansons de geste), gesagte oder gelesene (fabliaux 
und contes) Dichtungen. 

Roquefobt, De letat de la poesie fran^aise dans le XII*^ et XIIF 
siecle, 4824. Uhlamd, lieber das altfranzos. Epos, in den Musen, 4842. 
Fd. Wolf, lieber die altfranzos. Heldengedichte, 4833. Eelleb's Rdm* 
vart, 4843. Lesocx db Linct, Recueil de chants historiques fran^ais, 4844> • 

§. 328. Die Quellen der kirchlichen Dichtungen sind 




198 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

die Bibel, Acta martyrum oder sanctorom: ^udas Mak- 
kabäus% ,Barlaam und Josaphat^, ^Voyage de St.-Bran- 
don au paradis terrestre^ (4121), Paraphrase der Bibel von 
Berengiers oder Beranger, ,Heraklius^ von Vautier d^Arras 
(1248, Massmann 1842), ,yie de Sie. -Elisabeth^ Ton Kute- 
beuf u. A. 

§. 329. Die fränkisch-karolingiscfaen Nationalepen 
in tirades monorimes, zum theil weisen Absingen (in caisaes 
oder Rhapsodien) bestimmt, umfassen: 

1) Umgestaltung der germanischen Helden* und Ge- 
schlechtssagen zu franzosischen Nationalepen, um die Zeit 
der ersten Capetinger, 987 — 1180; 

2) die durch die Kreuzzüge entzündete Begeisterung bis 
in die Mitte des 13. Jahrb.: Pseudo-Turpin^s Chronik 
(11. Jahrb.), eine Biographie KarFs d. Grr. (in Romanzen 
bearbeitet von F. Schlegel, ,Werke' I), die Legende von 
KarFs d. Gr. Zuge nach Konstantinopel und Jerusalem, 
Roman von Berta mit dem grossen Fusse (von Adenez), 
Roman von Flos und Blancflos, Garin le Loherain oder 
Lohengrin (Paris 1833 - 46), Rolandslied (Roland's Tod im 
Thale Ronceval) von Turold (Mitte des 12. Jahrh.)^; 

3) Verbindung der Helden mit den Feen Avalons, die 
Zauberer Malegis uüd Merlin, Haimonskinder, Riesen und 
Zwerge, Zauberhomer und Magnetberge. 

Localisirung dieser Epen in die kerlingischen (frau- 
cigenischen, d. i. aus dem Lande zwischen Seine und Loire, 
Duchö de France), aquitanischen, provenzalischen, burgun- 
disch-arelatischen, lotharingischen und belgischen. 

Heldengeschlechter (gestes): das burgundische GKrat 
de Roussillon, das lotharingisch -belgische der Lotherains, das 
karolingische Konigsgeschlecht, das austrasisch- deutsche des 
Doolin von Mayence (,Doolin von Mainz^ von Alxinger) und 
das aquitanisch-provenzalische des Guerin de Montglaive*. 

1 Sammlung Romans des douze pairs de France, 4832 — 42. Michel, 
]^a chanson de Roland ou de Roncevanx, 4837. Monin*s Dissertation, 4832. 
S. unten §. 454, 4* — ^ Charlemagne, an Anglo- Norman poem, 4836* 

§. 330. Die Elemente des bretonischen Sagenkreises 
sind druidische Mythen, mythisch- märchenhafte Erzählun- 
gen der Barden von Wales, Verherrlichung des Ritter- und 
Christenthums , hauptsächlich durch die Tristans- und 
Gralsage. 



Fünfundzwanzigstes CapUel, Frankreich. 199 

Der heilige Gral (sanctus oruor^ sang real, san gr^al, Gral) 
oder das heilige Blut, durch den Lanzenstich des Longinus 
aus der Seite Christi hervorgelockt, durch Joseph von Ari- 
mathia in einer Demantschüssel aufgefangen, nach England 
gebracht^ ist hier den Rittern der Massenie (Templeisen) 
zur Hut anyertraut. Die betreffenden Romane sind: ,Merlin% 
,De sang-realS ,Perceval*, begonnen 4 490 von Chrestien de 
Troyes (über ihn Holland 1854), vollendet von Gautier de 
Denet und Manessier um 4210. Der Roman ,Lancelot du lac' 
(Liebe des Lancelot zu Genevre oder Ginievra, Gemahlin des 
Königs Artus) von Chrestien de Troyes 1190 ange&ngen und 
nach dessen Tode von Godefroi de Leingni (Ligny) beendigt, 
ein Prosaroman von Walter Map. Der Roman ,'lSri8tan und 
Isolt^ von Luces de Gast, in Reime gebracht von Chrestien von 
Troyes K ,Ereo* und ,Iwein* (,Chevalier au lion') von Chrestien 
von Troyes *. Der ,Vigalois' oder ,Guy Gallois', d. i. Vitus 
Gallensis. Die nach dem Lateinischen des Galfiied von 
Monmouth bearbeitete ,Reimchronik^ oder ,Brut^ des anglo- 
normandischen Trouvere Richard Wace (f 1184) enthält 
die Ritterepen von Eonig Artus und den Rittern der runden 
Tafel (romans d^aventure de la table ronde). Die Lais 
der Marie de France (Roquefort 1820). Prosaromane der 
Clercs und Maistres unter den englischen Königen aus dem 
Hause Anjou seit 4454. 

^ Heraosgeg. von Fbahcisqdb Miohel 4835. — ' Lady Chablotte 
GuBST, Mabinogion (d.i. Jagendunterhaltung), 4838. Th. db la Yillb- 
MABQüE, Contes populaires des anciens Bretons , Bd. 2, 4842. San Marte 
{A. Schulz) in seiner Artorsage u. den Märchen des rothen Bnchs von 
Hergest, 4847. Bitson, Ancient English metrical romances, Bd. 4, 4802. 
A. Keller, Li romans dou Chevalier au leon, 4844, u. in seiner Romvart, 4844. 

§. 331. Der normannische Sagenkreis, unter dem 
Einfluss der Höfe von Ronen und London, umfasst alt- 
nordische Mythen, Nordseesagen, Geschicke und Thaten der 
Herzoge und Könige und einzelner Ritter. Hauptdichter ist 
Richard Wace (Leroux de Lincy 4836—38). ,Lai d'Have- 
lok le Danois^ (Madden iSäS, Michel 1833). ,Roman de 
Robert le diable' (Trebutien 1837). ,Roman d^Eustache le 
moine, pirate fameux' (Michel 1834). ,Roman du chevalier 
au Lyon% vielleicht von Gace Brulez. 

LuzARCHB, Adam. Drame anglo-normand du XII^ sibcle etc., 4854, 
wichtiger Beitrag zur Literatur des anglo- normannischen Dialekts. 

§. 332. Locale und gemischte Sagen in den Roma<^i 




200 Zweites Buch. Elhnodokiologie. 

nen von Partenopens de Blois (Crapelet 4 834), Denis Piramus 
im 13. Jahrb. (Robert 4834), Comte dePoitiers (Michel 4834), 
Castellan von Coucy (Uhland^s Bearbeitung). Die Fabliaux 
von Barbazan und M^on. 

§. 333. Antik* gelehrte Stoffe: Trojanischer Krieg, 
die Sagen der Cykliker, römische Kaisergeschichte, Alexan- 
der d. Gr. Die Trouveres sind B^noit de St.-More, 4455, 
Alexander de Paris und Lambert li Cors, 4484, Ajrme de 
Varennes, 4 488. Roman von dem Erzzanberer Virgil , auch 
in dem Roman ,Cleomade8^ von Adenez le Roi. 

§. 334. Epische Behandlung der Zeitgeschichte: 
, Roman du Chevalier au cygne^ (Eroberung Jerusalems 
durch GottMed von Bouillon). ,Chronique rim^e' des Phi- 
lipp Mouskes (t 4282; Reiffenberg 4836). ,Y8toire de li 
Normand' und ,Chronique de Robert Viscart' von Ayme 
aus dem 42. Jahrh. (ChampoUion-Figeac 4835). Die Me- 
moiren des Marschalls der Champagne Yillehardouin (f 4248; 
Paris 4838) und des Jean Sire de Joinville (f 4345; Pe- 
titot 1849). 

§. 335. Die Mitte zwischen Epik und Didaktik halten 
die Contes (conter = erzählen), Contes dövots und Mi- 
racles, Fabliaux (fabler, spanisch hablar = sprechen), 
merkwürdig durch levitas Gallica und esprit railleur. Rutebeuf 
(1 230 — 80) * ist Prototyp von Villon, Lafontaine und Voltaire. 

1 JuBiNAL 4839^ — 42 u. in modernisirenden Auszügen von Lbgrand 
d'Aussy ^829. 

• 

§. 336. Reichthum der didaktischen Poesie. Phi- 
lippe de Thaun (Anfang des 12. Jahrb.): ,Livre des cr^a- 
tures' und ,Bestiaire' ^. Reclus de Molien: ,Miserere' und 
,Roman de charitö'. Die ,^sopets' der Marie de France*. 
Nachbildungen des Bidpai und des Romans der Sieben 
weisen Meister (,De sept sages de Rome') von Herbert 
um 1 260 \ ,Disciplina clericalis' von Petrus Alfonsi. ,Ro- 
mans du Renard ^ aus dem Anfang des 13. Jahrh. in einzelnen 
Brauches von verschiedenen Dichtem: Pierre de St.-Cloud, 
Richard de Lison, Marie de France, Jaquemars Griel^e*. 

1 Wbioht, Populär treatises on science written during tbe middle ages, 
'{Sil. — ^ RoBEBT, Fabies etc., 4825. — ^ Ausg. von Kblleb 4836. — 
^ Von Meon 4826 u. Chabaille 4835. 

§. 337. Satire und Allegorie : Dits, Complaintes, Bibles 
(Guiot von Provins, Hugo von Bersil), Disputaisons und 



Funfundzwanzigsles Capilei Frankreich. 201 

Batailles (Henry d'Andeli), Songes, Voyages d'enfer und 
de paradis (^a voye ou le songe d'enfer' von Raoul de 
Houdan 4190), ,L'art d'aimer' (,Roman de la rose' von 
Gruillaume de Lorris, f um 1260, und Jean de Meung, 
1279—1318? 1). Walther von Metz (Mitte des 13. Jahrb.): 
,Image du monde'. ,Proverbe8 et dictons populaires' *. 

1 Herausgegeben von Meon 4843. — ^ Cbapelbt 4834, Leroux de 
LiNGT 4842. 

§. 338. Die Kunstlyrik des Nordens bildete sich erst 
unter Philipp August's (1180 — 1223) Nachfolgern, unter 
dem Frauenregimente der Königin Blanche, der Gräfinnen 
von Flandern und Champagne. Einfluss der Troubadour- 
poesie. Mehr als 136 Liederdichter im 12. und 13. Jahrb. 
Lais lyriques, Ballades, Pastourelles, Bomances, Riotes. 

Labobds, Essai snr la musiqne. Jubinal, Jongleurs et Trouv^res, 
4835. Paris, Bomancero fran^, 4833. Boquefobt, vgl. §. 327. 

§. 339. Anfänge des nordfranzosischen Dramas. 
Epitres farcies: Mysteres (Darstellungen aus der biblischen 
Geschichte), Miracles, Jeux. ,La resurrection du sauveur% 
,De Theophile^ von Rutebeuf; ,De St. -Nicolas' von Jean 
Bodel d'Arras 1250. ,Li Gieus de Robin et de Marion' 
von Adam de la Halle (f 1286). Die Moralit^s (allego- 
rische Stücke). 

Samnünng im Theatre fran^ais au moyen age von Monmbbgue und 
Michbl 4839. 

Verschmelzen der noVd- und südfranzosischen 

Poesie. 

§. 340. Dritte Periode vom Ende des 13. bis Anfang 
des 16. Jahrh. Die Gegensätze: Kirchen- und Ritterthum 
erliegen dem Konig- und Bürgerthum. Begründung des 
Absolutismus durch Ludwig XI. (1461 — 83). Zurücktreten 
des Idealen vor dem Reellen. Herrschaft des Verstandes 
über die Phantasie. Die Poesie wird zünftig. Capitouls 
von Toulouse. Die Jeux floraux. Flors del gay saber oder 
Leys d'amors *. Grammatik aus dem 1 3. Jahrh. *. 

Absterben der Epik. Die Dits. Prosaromane (Roman 
von Perceforest). Die Amadisromane. Volksbücher (,Die 
schone Magelone', ,Melusine', ,Paris und Vienne'). Liebes- 
romane: Anton de Lasalle (1459): ,Roman de Petit Jehan de 
Saintre^ '. ,Les cent nouvelles' ^. Des Trouvere Cavelier 



I 



202 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

,Chroiiiqae de Bertrand du Guesdin^ ^ Jean Froi8sart 
(f 1401). Philippe des Comines (f 1509): Memoiren. 

Die Didaktik sich fortbewegend in Allegorie und Satire. 
Die moralisirend oder satirisirend allegorischen Dichtungen 
in der Form der Songes, Doctrinaux, D^bats, Nefs, Danses, 
Blasons. Raoul de Presle, Gtdllaume de GküUeville, Pierre 
Michault, Martin Franc. Martial d^Auvergne (^Danses ma- 
cabres' und ,Arret8 d'amour'), Guillaume CoquiUart. 

Die Lyrik voll von Gegensätzen und Uebergängen, leb- 
loser Förmlichkeit und spielender Künstelei. Herzog Ejtrl 
von Orleans (1 391 — 1 466) und seine Hofdichter \ Die Bh^- 
toriciens und Gelegenheitsdichter in ihren Puis de palinods 
für ihre Servantois et sottes chansons, Chants royaux, Bal- 
lades, Lays, Yirelays, Bondaux mit neuen formes ei patrons. 
Alain Chartier (geb. 1386), Franz Villen '^ (geb. 1431), sein 
Nachahmer Marot, Clotilde de Valien -Chalys (1405—95)«. 
Volksdichter Oliver BasseKn (1350 — 1418) aus Val deVire 
in der Normandie, daher seine Chansons genannt ,Vaux de 
Vire' (Vaudeville) *; sein Nachfolger Jean Lehoux. 

Die Producte der dramatischen Poesie werden eigentliche 
Volksschauspiele. Die ConfWrie de la passion, 1398, von 
Karl VI. 1 402 privilegirt ^^ Die Mysteres (in Spanien Autos 
sacramentales und Comedias sagradas): Le grand myst^re 
und Miracles ^K Die Enfants sans souci unter Karl VH. 
zur Geisselung der sottise (NaiTenfeste). Die Sotties oder 
Sottises (Farcen mit satirischer Tendenz) ä la halle. Pierre 
Griegore. Les clercs de la Bazoche (Gerichtshalle) zu Anfang 
des 15. Jahrb.: Moralites, Farces (komische Scenen aus dem 
Volksleben). Pierre Blanchet ^*. 

1 Gratibk d*Arnoult 484^. -— * Ausg. Yon Gobbsabd 4840. — 
B Beste Ausg. Paris 4843. — ^ Lbboüx de Linct 4844. — ^ CHASBiiEBE 
4839. — ^ S. Gedichte von Guichabd u. Chamfollion-Fiobac 4842* — 
7 Ausg. von Pbavpsault 4832. — ® Fb. v. Gaüdt 4837. — • Tbatbbs 
4833. — 1^ Taillandibb 4834. — ^* Jubinal 4837> Auszüge yon 
Lbboy 4837. — ^' Sammlungen von Simeon Carom 4798 — 4806, Lbboox 
DE Linct 4837. Gesch. des franzos. Theaters von Parfait, Bbaüghamps, 
Layallibrb, Süabd, Maohik 4838 (Pers., Hist. des marionettes en Enrope, 
4852), Ombsihb Lbbot 4844. 

§. 341. Vierte Periode von Franz I. bis Ludwig XTV. 
(1515 — 1643). Zeit der Gährung und des Kampfes in Po- 
litik und Literatur. Förderung des Studiums der classischen 
Literatur durch Franz I. (daher le pere des lettres), den 
Stifter des Königlichen Collegiums, SuUy, Richelieu (Aka- 



Fünfundanoanxigstes Capüel. Frankreich. 903 

demie 4635); durch W. Bud6 (Budäus, 4467—4540) be- 
gründet und verbreitet durch Jacq. Le&vre d^Etaples (Faber 
Stapulensis, f 4537), die gelehrten Buchdrucker Rb. Etienne 
(Stephanus, f 4559) und seinen Sohn Heinrich (f 1598), 
Muretns, 4526—85, Cujacius, 4520 — 90, Jos, Scaliger, 
4540 — 4609, Jos. Casaubonus aus Genf, 4559 — 1644, den 
grossen Mathematiker und Philosophen Descartes (Carte- 
sius), 4596 — 4650, Benedict Spinoza, 4632—77, den Histo- 
riker de Thou (Thuanus), 4544 — 4607. 

Durch Franz L (4545 — 47) wurde die an der Seine ent- 
standene Sprache vor Gericht und in öffentlichen Verhand- 
lungen, sowie im Leben gangbar. Seit der Stiftung der 
Akademie durch Richelieu 4635 wurde sie stationär. Sprach- 
bildner: Pascal, 4623 — 62, Larochefoucauld, Bossuet, Fe- 
nelon, Massillon, Corneille, Racine, Moli^re, Voltaire, Rous- 
seau, Mirabeau, Chateaubriand, Mad. de Stael, Courier, die 
romantische Schule gegen das cela ne se dit pas. Das 
,Dictionnaire^ der Akademie 4694 nach den Vorarbeiten von 
Rb. EtieuQe 4540, J. Nicot 4606 und Fh. Monet 4628. Mit 
dem Nimweger Frieden 4678 trat die franzosische Sprache 
an Stelle des Latein als diplomatische Sprache ein und 
wurde seitdem auch zur gesellschaftlichen Universal- und 
Hofsprache erhoben. Einfiuss der Revolution auf Wort- 
erzeugniss und Bedeutungsanderung. 

Alloü^ Essai stir ranivenaHti de la langae fran^., 4828. Mbroibb, 
Neologie, oq vocabnlaire de mots noaveaux, 4804- HavBT, Hist de la 
langae franp., 4844 u. 4842. Ampere, Hist. de la reformation de la lang, 
firanp., 4844. Grosse Zahl von Wörterbüchern : Richelbt 4680, Furetiebb 
4690, BoMTB 4800, Thibadt 4820, Ratmomd 4832, Landaib 4834, Mokim 
Q. Pbsghibb. Etymologien: Manage 4694, Roqdbfobt 4829, Nobl und 
Cabpbntibb 4834. Synonymik: Gibard, Bbavzee, Raubadd n. Guizot 4809. 
NoDiBB, Examen critiqoe des dictionnaires de la langne fran^., 4828. Gram- 
matiker: Etienne u. Gabnibb 4589, Dbsmabais 4705, Miixt (20. A. 4829). 
Vahibb ist Begründer einer neuen grammatischen Schale: Schipflin, 
Stadlbb, Maobb. Schnakenbcbo, Tab. synoptiq. et compar. des idiomes 
populaires on patois de la France, 4840. Bearbeitongen der franzosischen 
Literatur des 46. Jahrh. von Girardin u. Chaslbs 4829, Baron 4844. 

§. 342. Streben der Poesie nach freigebiger Gönnerschaft, 
nach der Grünst des Publicums, besonders des Hofes und der 
vornehmen Welt. Clement Marot (1495 — 1554), erster Hof- 
dichter im Liede, in der Erzählung, Epistel und Elegie, Ueber- 
setzer der Psalmen (le style marotique). Mai^arethe von Valois 
(4492 — 1569), Franz' I. Schwester, schrieb nach Boccaccio's 
Muster hundert Novellen: ,HeptameronS Maria Stuart^ 




204 ZweiUs Buch. Etknodoklologie, 

Karl LK., Heinrich IV. (, Charmante Gabrielle') beschäftig- 
ten sich mit Poesie. Nachahmung der Alten and der die 
Alten nachahmenden Auslander, besonders durch das fran- 
zösische Siebengestirn^ (la pleiade fran^aise): Toran Ron- 
sard (15214 — 85), der sogenannte franzosische Homer und 
Petrarca, Prince des poetes franpais; sein Epos ,La Fran- 
ciade^ und seine ,Les Amours^ Sein Gegner d^Aubigne 
(4550—1630): ,Les tragiques'. Malherbe (1556— 1628) ist 
Schopfer der franzosischen Lyrik (der Alexandriner- Vers), 
Jodelle (1532 — 73), Begründer des neuem franzosischen 
Dramas (,Cläopätre captive^ ^DidonS ,Abbä Eugene, ou la 
rencontre'), Regnier (1573 — 1613) der Satire, Barclay 
(1583 — 1621) des politischen, Rabelais (1483—1553) des 
satirischen Romans (,Gargantua und Pantagruel^; seine Werke 
1711 und 1823, deutsch von Regis 1832), Balzac (f 1655) 
des Briefes. Nachahmer des Virgil in der Idylle ist Segrais 
(f 1624). Schäferroman durch Honore d^Urfe aus Mar- 
seille (geb. 1567: ,Astre^ und ,Der schmachtende Seladon^) ^. 

1 Mateb, Das franzos. Siebengestirn (Ronsard, du Bellay, Jodelle, 
de Buf, Thyard, Bellean, Daurat), in Pruta^ Literarhist. Taschenb., n, 
4844. — ^ GoujET, Bibliotheqne fran^aise, 4748—56, 18 Vol. 

§. 343. Memoirenschreiber: Brantome, 1527 — 1614, 
Margare the (Heinrich's IV. Gemahlin), Sully, Cardinal Retz, 
Beza (,Hist. des eglises r^formees^). Didaktiker: Mon- 
taigne, 1533—92, Charron, f ^603; Jean Bodin (1529 oder 
1530 — 96) ist Begründer der wissenschaftlichen Politik, 
J. Calvin (Caulvin oder Chauvin, 1509 — 64; sein Leben 
von Paul Henry 1835 — 38; die vollständigste Ausgabe seiner 
Werke zu Amsterdam 1667; Hundeshagen, Ueber den Ein- 
fluss des Calvinismus auf die Ideen von Staat und staats- 
bürgerlicher Freiheit, 1842). 

Gerichtliche und parlamentarische Redner: L^Höpital, 
1505 — 73, Seguier, 1504 — 80 (gegen die Inquisition), du 
Vair, 1556—1621. 

§. 344. Fünfte Periode. Zeitalter Ludwig's XIV., 
1*643 — 1715. Goldenes Zeitalter der franzosischen Lite- 
ratur, indem der Ruhm der Thaten dieses Fürsten, der 
Glanz seines Hofes und seine Freigebigkeit die schon be- 
gonnene Blüte der Kunst und Wissenschaft vollends ent- 
falteten. Versäumnisse Mazarin^s, 1643 — 61, Thatigkeit Col- 
bert's, 1661 — 83: Akademie der Inschriften und schönen 



Fünfundzwanzigstes Capilel. Frankreich, 205 

Wissenschaften 4663, für Malerei und Sculptur 1664, für 
mathematische und Naturwissenschaften, für Musik und Bau- 
kunst, , Journal des savants^ 

Correctheit und Glätte wurden vorzugsweise gefodert, 
die ganze Literatur ward formell imd conventioneil, der 
Hof war der Pamass und die franzosische Akademie decre- 
tirte Unsterblichkeit oder Verdammung. Aesthetisches Grund- 
gesetz der Dichter: l^tudiez la cour et connaissez la ville. 
Vergleich mit dem Zeitalter des Perikles, der Ptolemäer, 
des Augustus, der Mediceer, Friedrich's d. Gr. 

Diese conventioneile Geschmacksrichtung wird vorzugs- 
weise reprasentirt durch Boileau Despreaux (1636 — 1711), 
den geschickten Nachahmer des Horaz durch Episteln, Sa- 
tiren und eine ,Art poetique^, den sogenannten l^gislateur 
du göut. Auch sein komisches Epos ,Le lutrin^ (,Das Chor- 
pult^) steht bei seinen Landsleuten noch jetzt in Ansehen. Doch 
übte er eine beschränkte, der Erkenntniss wahrer Poesie er- 
mangelnde Kritik aus. Seine Werke erschienen zu Paris 1 809. 

§. 345. Die dramatische Poesie, vorzüglich geeignet, 
Hofifeste glänzend zu verschönern, gewann in diesem Zeit- 
alter das Uebergewicht. 

Für den Schopfer des franzosischen Trauerspiels gilt 
seit 1635 Pierre Corneille aus Ronen (1606—85), auch 
le grand Corneille genannt, der aber mit^ Lustspielen schon 
1629 begann, unter denen ein späteres, ,Der Lügner', von 
1642 (,Le menteur', nach Pedro de Boxas), am höchsten 
gestellt wird. Sein erstes Trauerspiel ,M6deeS 1635, ist nach 
Seneca^s Vorgange gearbeitet, das zweite soll ein ungeschick- 
tes Plagiat des spanischen Dramas ,Las mocedades del Cid' 
von Gnillen de Castro sein K Für Meisterwerke gelten der 
französischen Ejitik die ,Horaces', ,Cinna' und ,Polyeucte' 
von 1639 und ,Eodogune' von 1646. Im Ganzen lieferte er 
33 Stucke *. Sein Bruder Thomas ComeiDe ist auch Drama- 
tiker (sein ,Graf Essex', Laube 1855). 

Jean Racine aus Ferte-Milon (21. Dec. 1639 — 22. April 
1699), der grosste Tragiker der Franzosen, der franzosische 
Sophokles, begann 1664 mit der ,Thebaide'; es folgten 
,Alexandre^ 1665, ,Andromache' 1667, ,Britannicus' 1 669, 
,Berenice' 1670, ,Bajazet' 1672, ,Mithridat' 1673, ,Iphigenie' 
1674, ,Phädra* 1677, ,Esther' 1689 und ,Athalia* 1692, beide 
mit Choren, letzteres das Meisterwerk. Sein Zweck war 




206 Zweites Buch. Ethnodokiologie. 

Rührung der Zuhörer durch LeidenschaftsmalereL Sein ein- 
ziges Lustspiel ,Le8 plaideurs^ 4 668 , ist eine Nachahmung 
der ,Wespen^ des Aristophanes. Ausserdem schrieb er 
Oden, Epigramme, Briefe, eine Lobrede auf Corneille, 
,Hist. du Port-BoyalS ,Lettre8 a Tauteur des h^r^sies ima- 
ginaires^, \ 666 '. 

Von den übrigen Tragodiendichtem jener Periode ist der 
ältere Cr^billon (1674 — 4764) der bedeutendste,, genannt 
le terrible oder der französische Aeschylos. 

Jean Baptiste Poquelin, berühmt unter dem Namen Mo- 
liere, aus Paris (45. Jan. 4622 — 47. Febr. 4673), ist nicht 
nur der ausgezeichnetste aller franzosischen Lustspiekiichter, 
sondern überhaupt an der Spitze aller neuem komischen 
Dichter. Von seinen 32 Stücken sind als rortrefflich zu be- 
zeichnen: ,L^ecole des marisS ^Le mariage forc^% ^Le misan- 
thropeS ,TartuffeS 4664 (au%efiihrt 4669, K. Gutzkow's ,ür- 
bild des Tartuffe^), ,L^avareS ^Le bourgeois gentilhonune^ ^. 

Unter seinen Mitbewerbern im Lustspiel ist der talent- 
vollste Regnard (4 647 — 4 709 : sein ,Spieler' = yLe joueur^). 
Ausserdem: d'Ancourt, 4664 — 4726, Dufresny, f 4724, Le- 
grand, f 4728 (sein ,Konig von Schlaraffenland^: ,Le roi de 
Cocagne'), Baron, f 4729. 

Die Schubladenstücke (pieces h tiroir) von Boursanlt, 
4638 — 4704. Possen von Lesage und Scarron. Die Markt- 
theater (theätres de la foire) für die komische Oper und das 
Vaudeville, besonders seit 4 697 (Lesage und Domeval 4 724). 

Die heroische Oper bildete sich durch des Florentiners 
LuUi (4633—87) Musik und Quinault's (4634-88) Texte 
(,Kadmus^, ^Ariadne^). 

1 Nach ScHACK*s Analyse in der Gesch. der dramat Lit. n. Kunst tn 
Spanien, 11, 430 — 442» a. Schbsb, AUgem. Literatnrgesoh., I, 425. Dazu 
die Sentiments de Taead^mie fran^. sur la tragicom^die du Cid von ChapB'- 
LAiN auf Richelien^s Befehl. — ' Ausg. von Yoltaibb 1764 n. Rbnouab» 
4847. VicTOBi» Fahre, ^loge de Com., 4807. Tachebav, Hist. de I» 
vie et des ouvrages de Com., 4829. Ueber ihn A. W. Sobleoel in den 
Vorlesungen über dramat. Kunst u. Lit, VI, 82, u. Lessino, YII, 454. ^~ 
3 unter vielen Ausgaben seiner Werke die von Tissot 4826. Seine Dra- 
men deutsch von Viehoff 4842 — 46. — * Unter vielen Ausgaben die von 
Martin 4 845 fg. Uebersetz. ^von Braunfels ^ Demmler, Duller, H^ol/f n. A. 
4837 u. 4838. Cailhaya, Etudes sur Mol., 4802. Tacherau, Hist. de 
la vie et des ouvrages de Mol., 4825 u. 4828. Csamfort's Lobrede. Cha- 
rakteristiken des Dichters von Schlegel u. Jacobs (Nachträge xa Solzer's 
Theorie d. schonen Künste, I, 4). 

§. 346. In der versificirten Erzählung steht Jean de La- 



FUnfundzwanzigsies Capitel. Frankreich. 307 

fontaine (le bon homme, 1621 — 95) als unübertroffener Fa- 
bulist obenan. Seine Werke in 6 Bänden zu Paris 1848. 

Mißlingen des Epos: Chapelain (^Die Jungfrau von 
Orleans'), Scud^ry f 1667 (, Alane'), Lemoine f ^672 
(,Der heilige Ludwig'). Erzbischof Fen^lon von Cambray 
(1651 — 4715): ,Les aventures de T^l^maque', eigentlich ein 
didaktischer Roman. Durch seine komischen Romane, in 
welchen er seine spanischen Vorbilder (Ghieyai^ und Men- 
doza) zum Theil übertraf zeichnete sich Liesage (1 668 — 4 747) 
aus; seine Hauptwerke sind der ,Hinkende Teufel' und die 
,Gesdiichte des Gril Blas von Santillana'. Erfinder der Feen- 
märchen, als Gegner der antikisirenden Literatur, ist Per- 
rault (4633 — 4703): ,Erzählungen meiner Mutter Gtms'. Ihm 
folgten dk Nadbibildner der arabischen Marchensammlung 
,Tau8end und eine Nacht', darunter besonders Hamilton, 
f 4720, in der p^sischen von ,Tausend und ein Tag'. 

§. 347. Die lyrische Poesie jener Zieit erhob sidi 
selten über Lieder, Sonette, Rondeaux und Madrigale, in 
wdcfaen bald zieriiche Galanterie und Witz, bald fröhlicher, 
oft frivoler Leichtsinn herrscht, wie in den Gedichten 
LuiUier's (1639 — 1726). Auch die Oden Jean Bapt. Rous- 
seau^s (1669 — 1741) zeichnen sich mehr durch Adel und 
Eleganz der Sprache aus, als durch lyrischen Schwung. 
Ghröcourt (4 684 — 1 743) nennen die Franzosen ihren Anakreon« 

§• 348. Zu den ersten Prosaikern dieses Zeitalters ge- 
hört der Herzog von Larochefoucauld (1643 — 80) durch 
seine treffenden, aber gemüthlosen Reflexionen und Maximen, 
der Bischof Bossuet (1627 — 1704) von Meaux als geistlicher 
Redner imd Ver&sser einer Weltgeschichte, Labruy^re 
(4639 — 96) durch jseine mit scharfer Beobachtungsgabe und 
in der elegantesten Sprache abgeiassten Charaktere, und 
die schon genannten Romandichter. Als Briefschreiberinnen 
werden genannt: Babet, die geistreiche Geliebte Boursault^s, 
die Marquise de Maintenon (1635 — 1719), die Marquise 
von Sevigne (1626—96) und die Comtesse de Stael (1693— 
1750). Durch Beredtsamkeit sind ausgezeichnet: Bossuet, 
F^näon, Bourdaloue, 1632—1704, MaßsiUon, 1665—4742, 
Fltehier, 1632—1710, Saurin, 4677—1730, Paul Pelisson 
(t 1693), Olivier Patm (f 1693) und der Philosoph und 
akademische Redner Fontenelle (1657 — 1757). Historische 
Kunstwerke brachte Frankreich damals nicht herror, es ver- 




206 Zweites Buch. Elhnodoklologie. 

mehrte nur die Zahl der Memoiren. Rollin (4661 — 1744): 
,Hi8t. ancienne^ und ,Hist. romaine^ Bossuet, ^Discours sur 
rhist. universelle*. Bayle's (4647 — 1706) historisch-kri- 
tisches ,Dictionnaire*. 

§. 349. Sechste Periode, das 18. Jahrhundert, le si^cle 
philosophique. In der Philosophie Materialismus und Atheis- 
mus, in der Moral Egoismus, in der Religion Grottlosigkeit, 
in der Politik Misstimmung und Verachtung, in der Litera- 
tur Skepticismus (Fontenelle und Lamothe gegen die Alten). 
Wichtigkeit der Salons: Mad. Geoffirin, de TEspinasse, Du- 
Deffant, Baron Holbach (,Syst^me de la uature, ou des lois 
du monde physique et moral*). 

Begründung der Frivolität vornehmlich durch Fran^ois 
Marie Arouet aus Chatenay bei Paris, der unter dem Namen 
Voltaire (1694—1778) zu welthistorischer Bedeutung ge- 
langte, der Kopf des Genius seiner Zeit, dessen Ein- 
fluss lun so verderblicher sein musste, je grösser sein Witz 
und seine Sprachgewandtheit und die Vielseitigkeit war, mit 
welcher er sich auf allen Gebieten der Poesie nicht ohne 
Erfolg versuchte, obgleich alle seine Dichtungen weit mehr 
reformistische Manifeste als reine Kunstwerke sind. Siebzehn- 
jährig dichtete er das Trauerspiel ,Oedipus^; es folgten 
,Brutus', ,Cäsar's Tod', ,Catilina', ,Das Triumvirat', ,Ore8t', 
,Merope', alle in classischem Geschmack; dagegen fZaire', 
,AlzireS ,Mahomet', ,Semiramis', ,Tancred', ,Die chinesische 
Waise', zugleich seine dramatischen Meisterwerke, in christ- 
lich-ritterlich-romantischem Geiste. Seine oppositionelle 
Tendenz zeigt sich in seinen Epigrammen, Episteln und 
Oden (,Sur les malheurs du temps', ,La chambre de la 
justice' gegen den Staat, in der Epistel an Uranie von 1722 
,Le pour et le contre' gegen Religion und Kirche). Sein 
Epos ,Henriade' ist ein rhetorisches Machwerk zwischen 
1726 — 29, ohne Feuer und Leben. Das komische Helden- 
gedicht ,Pucelle d^Orl^ans', in 21 Gesängen, wurde zwischen 
1730 — 62 gearbeitet. Seine philosophischen Schriften (,!ßle- 
ments de la philosophie de Newton', ,Dictionnaire philos.', 
,Philos. de Fhist.', ,Bible commentee', ,Hist. de T^tablisse- 
ment du christianisme' u. a.) sind flach, aber anziehend ge- 
schrieben. Unter seinen vielen Tendenzromanen stehen ,Zadig' 
und ,Candide, oder die beste Welt' obenan. Als historischen 
Schriftsteller stellt ihn Schlosser ziemlich hoch und nennt 



/ 



Fünfundzwanzigstes Capitel. Frankreich, 209 

den ,Essai sur les moeurs et sur Pesprit des nations depuis 
Charlemagne^ die erste philosophische Universalgeschichte. 
Dahin gehören die Arbeiten über Karl Xu., Ludwig XTV., 
über Russland unter Peter I., Geschichte des pariser Par- 
laments, die , Annales de PEmpire' u. a. Am Hofe Prie- 
drich's d. Gr. lebte Voltaire 1750 — 53. Seine Werke sind 
seit 1815 öfter aufgelegt, voran sein Leben von Condorcet. 
Ueber seine politischen Gedichte Ellissen (, Epigonen', IV, 
3-94).. 

§. 350. Die Unzufiiedenheit mit dem Vorhandenen wurde 
auch durch Rousseau, Montesquieu und die sogenannten 
Encyklopädisten (Diderot und d'Alembert) genährt. 

Jacques Rousseau aus Genf (1712 — 78), der Idealist, das 
Herz des Genius seiner Zeit. Seine bedeutendsten Schrif- 
ten sind ,Die neue Heloise' (, Julie, ou la nouvelle H^loise'), 
4759, ,Ueber die Erziehung' oder ,Emile, ou de Teducation', 
4762, und ,Ueber den gesellschaftlichen Grundvertrag' (,Con- 
trat social'), 1762. Seine Selbstbiographie ist bis gegen 
das Ende von 1 765 fortgeführt K 

Montesquieu (1 689 — 1 755) griff in seinem Roman ,Lettre8 
persanes', 1721 (deutsch von Michaelis 1803), die kirch- 
lichen, socialen und politischen Institute Europas und be- 
sonders Frankreichs an, schrieb 1734 ,Considerations sur 
les causes de la grandeur et de la decadence des Romains' 
(deutsch von Hacke 1828) und 1748 ,Esprit des lois'^. 

Unter den sogenannten neuen oder Modephilosophen 
Frankreichs steht Diderot (1713 — 84) obenan, der sich im 
Roman, als Dramaturg und dramatischer Dichter versuchte, 
ein talentvoller, vielseitig gebildeter, aber gegen alles Her- 
kömmliche sich auflehnender Mann, der seine Ansichten 
namentlich durch die von ihm und dem berühmten Mathe- 
matiker d'Alembert (1717— 83) seit 1751 herausgegebene 
und bis 1 765 fortgesetzte grosse ,Encyklopädie der Wissen- 
schaften, Künste und Gewerbe' (,Encyclopedie, ou diction- 
naire raisonne des sciences, des arts et des metiers, par 
une soci^te de gens de lettres') verbreitete. 

1 Ausg. seiner Schriften in 24 Bdn. von Lbquibm 1821 n. 1822, in 
einem Bde. 1826. Ueber seinen Charakter als Mensch u. Schriftsteller Frau 
V. StaSl 1789 n. Müsset -Pathay 1822. Dass seine Schriften, besonders 
sein Discoars sur l'origine et les fondements de l'inegalit^ parmi les hommes, 
als Auflösung der Preisfrage der dijoner Akademie, die communistischen 
und socialistischen Lehren und Theorien Babeufs, St. -Simonis, Fouriers, 

MllLIKSR. 1 4 




210 Zweües Buch. Ethnodokiologie. 

Cabet*8 u. A. vorzugsweise angeregt haben , wird als bdiannte Thatsacbe 
vorausgesetzt. — ' Aaf ihn Eloge von Yillbmain 4846} von der Akademie 
gekrönt. 

§. 351. Das komische Heldengedicht von Gresset (4709 — 
4777), ,Vert-Vert', und der unsittliche Roman von Marmon- 
tel, 1723—99, Florian (1755— 94: ,Numa PompiliusS ,Gon- 
salvo de Cordova', ,Wilhelm Teil'), von dem jiingern Cre- 
billon, 1707—77, Bretonne (1734—1805: ,La vie de mon 
p^re*, ,Le paysan perverti', ,Les contemporaines'), Liouvet 
de Couvray (1760 — 97: ,Faublas'). Englands Einfluss auf 
Charakterromane bei Prevöt d'Exiles (4697—1763: ,Hist. 
du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut') und Saint- 
Pierre (1737—1814: ,Paul et Virginie', ,La chaiuni^e in- 
dienne'; darüber Humboldt im ,KosmosS H, 67; seine Werke 
Paris 1830 u. 1831). Schopfer der Ballade ist Moncrif 
(f 1770), Colardeau führte die Heroide ein. In der Ko- 
mödie sind die Leistungen Marivaux^ (1688 — 1763: Mari- 
vaudage), in der Oper Beaumarchais^ (f 4799) zu erwähnen 
(,Barbier von Sevilla*, ,Hochzeit des Figaro'). 

§. 352!. Die geistliche Beredtsamkeit ohne Gedeihen, da- 
gegen Triumph der akademischen durch d^Alembert, Bailly, 
Graf Gruilbert u. A. , der gerichtlichen und parlamentarischen 
durch d'Aguesseau, 1667—1751, u. A. ^ 

Geschichtschreibung : Condorcet (Civilisationsgeschiclite), 
Mably, 1709—77, Goguet, Barth^lemy, 1716—95 (,Voyage 
du jeune Anacharsis*; deutsch von Biester), Kaynal, 
1711—96, Friedrich d. Gr., Gaillard^ 1726 — 4806, Rulhiäre, 
•|- 1791, Millot. Memoiren (Spiegelbilder): von Duclos, 
1704 — 72, Mercier, 1740—1819. 

Zahlreiche Uebersetzungen der classischen Werke des 
Alterthums und Auslandes. 

1 FoDRNEL, Hist. des avocats an parlement, 4813- Pinabp, Le bar- 
rean fran^ais, 4843. 

§. 353. Siebente Periode: Revolutionszeit. Die Li- 
teratur der Journale und Pamphlets. Die parlamentarische 
Beredtsamkeit in Blüte. Die ,Poesies nationales de la rä* 
volution fran^aise^ von ephemerem Werthe. 

Redner : Mirabeau, monstre d^esprit, de talens et de viees 
(über ihn Pipitz 1851 und Lewitz 1852 U.A.). Für consti- 
tutionelles Eonigthum : Sieyes (,Qu'est ce que le tiers-ätat% 
1789), Lafayette^ Bailly, Larochefoucauld -Liancourt, Lally- 



Fänfundxwanxigatea Capilel. Frankreich. 211 

Tollendid, Noailles, Maury, Cazal^s, Necker, Mounier, 
Volney, Bamave u. A. Fhr Republik: Condorcet (der Phi- 
losoph der Revolution : ,Esquisse d^un tableau historique des 
progr^s de Tesprit humain^), Brissot, Buzot, Petion, Ro- 
land und seine Gattin, geb. Manon Phlipon (ihre Memoiren 
eröffnen die ^Bibliothek ausgewählter Memoiren des 48. und 
19. Jahrh.^ TOn Pipitz und Fink, 4844 fg.), Vergniaud, Gen- 
sonn^, Bischof Gr^goire, Danton, Marat, Camot, Robes- 
pierre u. A. K 

Lyriker: Lebrun (1729 — 1807), der franzosische Pindar, 
Rouget de Flsle (1760—1835: die ,Mar8eillaiseS 1792), 
Andrö Ch^er (1762 — 94), der beste Idylliker Frankreichs 
(,La jeune captiye', zu Ehren der Demoiselle de Coigny). 

Tragiker: Laharpe, 1739 — 1803, Marie Joseph Ch^nier 
(1764—1811: ,KarlES:.'2 ,Jean Calas', ,GTacchusS ,Timo- 
leon' u. 8. w.). Fahre d'Eglantine u. A. 

Komiker: CoUot d^Herbois. 

1 Rou;x Q. BucBBZ, HUt, parlementaire de la r^volntion fran^., 4 833—40. 

§• 354. Achte Periode. Erste Eaiserzeit. Napoleon^s 
Gunst nur für die sciences exactes und Unterdrückung des 
freien Wortes. Trägerin der neuen Ideen ist Mad. de Stael 
(1766 — 1817), Tochter des berühmten Necker, durch ihre 
Schriften: ,De FAllemagne^; ,De la litterature, consid^r^e 
dans ses rapports ayec les institutions sociales^; ,Röflexions 
8ur le proc^s de la reine^; ,Consid^rations sur les princi- 
paux ^T^nements de la revolut. fran^.^ ; Romane : ,Delphine^ 
und ,Corinne, ou Tltalie^ (Werke 1820 zu Paris.) 

Der Lyriker Pamy (1 753 — 1814), der französische TibuU, 
zugleich Epiker (,La guerre des dieux anciens et moder- 
ne«^). Tragiker: Amault (1766 — 1834), nahm seine Stoffe 
aus der heroischen Römerzeit (,Marius inMintumä^); Jouy 
(geb. 1769); von ihm unter Anderm ,Beli8ar' und die Opern- 
texte ,Vestalin' und ,Cortez' (Compositionen Spontini's); 
Lemercier's (geb. 1773) Tragikomödie ,Dame Censure'. 

Als Redner zeichnete sich Napoleon aus. Timon (Cor- 
menin): ^^ivre des orateurs', 1843. 

Die grossen Thaten gaben der Geschichtschreibung reich- 
lichen Stoff: Molleville, Necker, Stael, Bailleul, Dulaure, 
Lameth, Tissot, Thibeaudeau, Norvins, Lacret^Ue, Mignet 
(geb. 1796), Thiers (geb. 1797). XJeber Napoleon: S^gur, 
Thiers, Bignon, Leftbre, Gourgaud u. A. ^ 

14*. 



212 Zweites Buch. Ethnodoklologie,, 

§. 355. Neunte Periode. Restauration und Julirevo- 
lution, Republik und neues Kaiserthum. Neuromantische 
Literatur der Franzosen. Repräsentanten: Victor Hugo 
aus Besannen (geb. 1802), Charles Nodier (1783 — 1845), 
Robert de Lamennais (geb. 1782). Die Tendenzpoesie 
seit der Julirevolution: Mad. Dudevant. 

Den christlich -religiösen Geist in die Gesellschaft und Li- 
teratur zurückzuführen übernahm Chateaubriand aus St.-Malo 
in der Bretagne (geb. 1769) durch sein Buch ,G^nie du 
christianisme etc.% in seinen Poesien sich anlehnend an 
Rousseau und St. -Pierre: ,Les martyres^ ,Atala', ,ReneS 
,Les Natchez% ,Les aventures du demier Abencerrage^ 
Für den Katholicismus stritten Bonald (geb. 1762) und Jos. 
de Maistre (1753—1821). 

Lyriker: Lamartine (geb. 1790) im Anschluss an Cha- 
teaubriand's Christlichkeit i ; Delavigne (1794 — 1846); B^- 
ranger (geb. 19. Aug. 1780), Frankreichs nationalster und 
populärster Dichter (seine Lieder deutsch von Seeger 1839); 
Victor Hugo, Ste.-Beuve, Musset, Lebrun, Alfred de Vigny 
(geb. 1 798). Volksdichter : der Bäcker Reboul und der Schrift- 
setzer Moreau. Dichterinnen: Desbordes-Valmore, Tastu, Gi- 
rardin. Satiriker: August Barbier (geb. um 1810) durch seine 
,Jambes^ (deutsch von L. G. Forster). Satirisch-politische 
Epistel von Barth^lemy (geb. 1796) und M^ry (geb. 1794). 
Didaktiker : Fsmenard, Michaud, Daru, Fahre, Legouv^. Fabel : 
Viennet. — Grosse Zahl verunglückter Epopöen (Quinet). 

Li der dramatischen Literatur Zwiespalt zwischen dem 
Classicismus und Romanticismus: Laharpe, Amault, Le- 
gouvö, Raynouard, Lemercier, Alex. Dumas, Vict. Hugo, 
de Vigny; realistische Schule: Vitet, Merimee, Die Schau- 
spielerin Rachel. Die Proverbes dramatiques. Seines popu- 
laires, Vaudevilles, Melodrames: Scribe. Sammlungen: ,Le 
magazin theätral' und ,La France dramatique auXLX*" si^cle^ 
Brazier, ,Chronique8 des petits theätres de Paris', 1837. 

Grosse Zahl der Romanscribenten: de Genlis, Krü- 
dener, Cottin, de Souza, Herzogin von Duras. Sittenroman: 
Balzac, Eng. Sue (,Mysteres de Paris'), Pigault-Lebrun, 
Paul de Kock. Historischer Roman: Vict. Hugo (,Notre- 
Dame de Paris'), de Vigny (,Cinq-Mars'), Lecroix, Souli^, 
d'Arlincourt, Georges Sand (Aurora Marquise Dudevant, 
Tochter Dupin's, eines Sohnes des Marschalls von Sachsen, 



Fünfundzwanzig 8te 8 Capitel. Frankreich. 213 

geb. 1804), eine ausserordentlich fruchtbare Schriftstellerin 
in Rousseau^s Stil; seit -ISSS! erschienen 36 Romane in un- 
unterbrochener Folge, kleinere Joumalarbeiten und ihre 
Memoiren. Sittenmaler und Pamphletisten : Jouy, Courier 
(1773 — 1825), Grandville; ,Charivari' und andere Journale; 
der Konig des Feuilletons : Jules Janin. Reiseschilderungen : 
Marmier. — Zur Geschichte der Volksschriften : Nisard, ,Hist. 
des livres populaires, ou de la litterature du colportage, de- 
puis le XV® siecle jusqu'ä P^tablissement de la commission 
d^examen des livres du colportage 30. Nov. 1852*, 1855. 

Beredtsamkeit: der Publicist Benj. Constant de Re- 
becque (1767—1830), Foy, Manuel, Chateaubriand, VillMe, 
(juizot, Thiers, Odilon -Barrot, die Brüder Dupin, Cormenin. 

Geschichtschreibung: die systematische oder ratio- 
nelle Schide: Guizot; die descriptive: Barante, Thierry, 
Capefigue; die fatalistische: Mignet, Thiers; die vermit- 
telnde : Michelet. Allgemeine Weltgeschichte : Anquetil, 
Segur, Letronne, Koch, Scholl, Simonde de Sismondi, Pey- 
ronnet, Montlosier, Depping, Ste.-Aidaire, Thibaudeau. Me- 
moires: Napoleon^s, von Bourrienne, Las Cases, Mad. Cam- 
pan, Fain, Herzogin von Abrantes, Salvandy, Louis Blanc. 
Culturgeschichte : Guizot, Matter. Literaturgeschichte: Ray- 
nouard, Fauriel, Ampere. Archäologie und Kunstgeschichte : 
Miliin, Dulaure, Lenoix, Laborde, Quatremere de Quincy, 
Seroux d'Agincourt, Raoul-Rochette, Schweighäuser. Ge- 
schichte der Musik: Fetis. Die grossen biographischen Werke: 
Biographie universelle' in 60 Bänden, 1811 — 27, und der 
Zeitgenossen. 

1 Seine Unterhaltungen über die Lit. aller Zeiten, in monatlichen Hef- ' 
ten 8eit 4856. 

§. 356. Das gelehrte Frankreich. Als Universalgenie 
obenan der Deutsche Alex. v. Humboldt (über ihn Ewald 1 854). 

Mathematik: Ramus, Descartes, Pascal, Fermat, de 
PHöpital, d'Alembert, Condorcet, Lagrange, Bougainville, 
Monge, Legendre, Lacroix. — Mechanik: Vaucanson, Ber- 
thoud, Mariotte. — Statik: Montgolfier, Charles, Pilätre de 
Rozier. — Wasserbau: Belidor. — Festungsbau und Belage- 
rungskunst : Vauban, Moritz von Sachsen, Carnot. — Nautik : 
Bouguer. — Astronomie: Gassendi, Richer, Cassini, La- 
caille, Bailly, Lalande, Delambre, Laplace, Biot, Arago. 

Physik und Chemie: Deluc, Ampere, Hauy (Krystallo^ 




314 Zweites Buch, Elhnodoktolagie. 

graphie), Lavoisier, Fourcroy, Morveau, Bertholkt, Van* 
quelin, Chaptal. — Geognoeie, Geologie, MBberalogie, 
Petrefactenkunde : Buffon, Sauesure, Deluc, Dolomieu, Cu- 
vier, Brongniart. — Zoologie : Buffon, Bikiumur, Adanson, 
Lac^p^de, Cuvier, Geoffroy St-Hilaire, Lamark, Audouin, 
Dejean. Die Erdumsegler Duperrey, Dumont d'Urville, 
Freycinet. — Botanik: Decandolle, Bedoute, LabiUardiere, 
Delessert. — Medicin und Chirurgie: Pare (f 1592), de 
la Peyronie, Stifter der chirurgischen Akademie in Paris, 
1731, ficole de Chirurgie, 1774, Tronchm, f ^7^^? Desault, 
t 1795, Dupuytren, f 1835, Larrey, f <8*2, Pinel (f 182$, 
Psychiatrie), Broussais, f 1838, Tissot, Orfila (Toxikologie). 

StaatBwissenschaften: Bodin, f 1596, Voltaire, Rous* 
seau, Montesquieu, Mably, Raynal, die Encyklopadisten, 
Maistre, Bonald. — Nationalökonomie: Colbert (Mercantil* 
System), Quesnay (f 1774, physiokratisches System), Turgot, 
f 1781, Say, Comte, Ganilh. — Geographie und Karto- 
graphie: Delisle, d^Anville, Cassini, Boccage, Maltebrun, 
t 1826. — Statistik: Fran^ois de Neufchäteau. 

Jurisprudenz: Cujacius, Pothier, f 1772, Pastoret, 
Comte, Lerminier. 

Theologie: Calvin, Beza, Bossuet, Massillon, Fl^hier, 
Bourdaloue, Charron, Pascal, Amaidd, Huet, F^näon, Cha- 
teaubriand, Benj. Constant, Lamennais, Frayssinous. 

Philologie: Budäus, C. Scaliger, Stephanus, Muretus, 
Tumebus, Lambinus, Hotomannus, Pithous, J. Scaliger, 
Casaubonus, Vigerus, Salmasius, Palmerius, Faber, Du- 
fresne, Bossuet und Huet (Ausgaben in usum Delphini), 
Anne Dacier, Hardouin, Sanadon, Vaillant, Fröret, d'Anyille, 
Montfaucon, Caylus, de Brosses, Villoison, Larcher, Brunck, 
Oberlin, Schweighäuser, Barthölemy, Volney, Courier, Le- 
tronne, Fourmont, Römusat, Chezy, Champollion, Langl^s, 
Quatremere de-Quincy, Bumouf. 

Philosophie: Abälard (Wilkens 1855), Thomas Ton 
Aquino, Montaigne, Charron, Bodin, Descartes, Pascal, Male- 
branche, Huet,Gassendi, Lamothe-le-Vayer, Föneion, Bossuet, 
St.-Evremont, Larochefoucauld, Fontenelle, Bayle, Voltaire, 
Condillac, Diderot, d'Alembert, Helyetius, Duclos, Marmontel, 
Condorcet, Kaynal, Holbach, Lamettrie, Rousseau, Buffon, 
Bonnet, Montesquieu, Volney, Garat, St. -Martin, Maistre, 
Lamennais, Bonald, Royer -Collard, Cousin, Constant, Droz, 



Sechsundswansigstes CapileU Italien, 2lÖ 

Leroux (der St.-Simoni6mi&), Fourier, Michelet, Quinet, Ler- 
minier. Einführung der deutschen Philosophie. — Für Rheto- 
rik, Poetik, Aeethetik: Palissot, Segur, Nodier, Ste.-Beuve u. A. 

Franz. Bachhandlerblatt, früher Journal de la librairie, jetzt Coarrier 
de la librairie, erscheint jeden Sonnabend in Paris. Umfang des franzo- 
sischen Buchhandels: 4388 Buchhändler, 1032 Buchdrucker, H60 Litho- 
graphen, 428 Kupferdrucker. 



Sechsundzwanzigstes Capitel. 

Italien. 

§. 357. Hier erhielt sich nicht nur das Latein länger 
im Munde der Gebildeten als in den übrigen romanischen 
liändem, sonderü auch das Romanze zersplitterte sich von 
den Alpen bis abwärts nach Sicilien in unzählige Dialekte ', 
die sich jedoch in drei Gruppen bringen lassen. Im Norden 
des Landes behaupteten die germanischen Eroberer vor- 
wiegenden sprachlichen Einfluss, der sich noch heutzutage 
in der Kraft und Rauheit der Dialekte Piemonts, der Lom- 
bardei und der Romagna kundgibt. In der Weichheit und dem 
melodischen Flusse der Rede Roms imd Toscanas dagegen 
macht sich mehr die Nachwirkung der Glätte und Eleganz 
von Cicero's Sprache fühlbar. Endlich lassen sich griechische 
und arabische Sprachelemente aus dem calabrischen und sici- 
lischen Dialekt noch jetzt deutlich heraushören^. 

1 BiONDBLLi , Saggio sui dialetti gallo -italici , \ 853 , mit einer grossen 
Sprachkarte, zählt 20 lombardische, 23 emilianische und 23 piemontesische 
Dialekte. — ' Ansichten über die Ausbildung der in Italien herrschenden 
Dialekte als Provinzialsprachen der Römerzeit von Leonardo Bruni 
(15. Jahrb.), Cardinal Bbmbo, dem Vater der italienischen Kritik, durch 
sein Buch: Della volgar lingua, Quadrio und Maffei: Verona illustrata. 
Dagegen behaupten Muratori (Italia antiqua) und Raynouard (Grammaire 
compar^e etc., 4821), dass das Italienische ein Erzeugniss der Völkerwan- 
derung sei. Die Umwandlungen erfolgten bis in das 13. Jahrb. und man 
unterschied drei Sprachen, die auf der Grabschrift Gregorys V. (999) stehen: 
Francigena, vulgär! (auch Romanisch) et voce Latina instituit populos. Wbn- 
TBCP, Beiträge zur Eenntniss der neapolitanischen Mundart, 1855. 

§. 358. Das Italienische, als vom Latein verschieden 
und aus der lingua rustica sich hervorbildend, ist schon im 
10. Jahrh. erkennbar, blieb aber gegen das Provenzalische, 
das auch in Italien sehr beliebt war, weit zurück und trat 
erst gegen Ende des 12. Jahrh. in die Literatur ein, und 
zwar von allen seinen Dialekten zuerst der sicilianische, 
dessen Anfänge Dante (,Vita nuova') zwischen 1140— 




216 Zweites Buch. Etknodoklologie, 

setzt, mit dem Dichter Ciullo d^Atcamo, 4187 — 94, zugleich 
über ganz Italien sich ausbreitend seit Kaiser Friedrich's 11. 
Herrschaft (4212 — 50). Dante (,De Tulgari eloquentia^) 
nennt das Bücher-Italienisch volgare illustre und die ita- 
lienische Sprache, soweit sie als Gesammteigenthum aller 
Italiener erscheint, Latinum. In der Urkundenprosa kämpfte 
noch im 12. Jahrh. das Notarienlatein mit dem neuen volgare 
um den Platz. 

Das Toscanische (Tuscum) organisirte sich als volgare 
illustre erst im 1 3. Jahrh. mit ßicordano Malespini^s ,Chronik^ 
und Brunetto Latini's ,Cento novelle antiche^ (Ende des 
13. Jahrh., von verschiedenen Dichtem). Diese toscanische 
oder florentinische wurde die Hof-, Cardinal- und Prunk- 
sprache, illustre, commune, aulica, cortigiana, cardinale, 
solenne, und noch besonders durch Dante, Petrarca und 
Boccaccio gehoben. 

Von den übrigen Dialekten Italiens wurden erst später 
einige in die Literatur eingeführt. 

§. 359. Die christliche Kirche ward auch hier sehr 
bald der Concentrationspunkt aller geistigen Interessen und 
Bestrebungen, doch ging hier die Bekanntschaft mit den 
classischen Werken nie ganz verloren. 

G. GiESBBRBCHT, De Uterar. studiis apad Italos primis medii aevi se- 
culis, 4845. Wacbsmdth, Cultargeschichte, II, 369 fg. Schon zu Lothar*s I. 
Zeit (843) hohe Schulen zn Cremona, Fermo, Florenz, Pavia, Tnrin, 
Verona, Benevent; die Benedictiner auf Monte -Casino. Rechtsschulen. im 
i^. Jahrh. zu Ravenna und Bologna (Pepo, Imerius im 12. Jahrh., die 
vier Doctoren [Glossatoren]: Bulgarus, Martinus Gosia, Hugo de Porta 
Ravennate und Jacohus; auf sie das Distichon, angeblich von Imerius: 

Bulgarus os aureum, Martinus copia legum, 
Bieos legum est Hugo, Jacobus id quod ego. 

Gratianus und sein Decretum, 4150), Mailand, Mantna, Modena u. s. w. Die 
salemitanische Schule der Medicin. Auch im 12. und 13. Jahrh.- geht alle 
geistige Entwickelung von der Kirche aus. Arnold von Brescia 1 1 39 gegen 
den Papst. Innocenz HI., Bonifaz VIII., Gregor IX. und Raimund von 
Pennaforte. Sammlungen des Rechts. Mbrlekeb , Politik der röm. Papste, 
1 856. Giovanni von Yicenza 1 233. Thomas von Aquino und Bonaventora 
als aristotelische Philosophen. Der Chronist Gottfried von Viterho. Mat- 
teo Spinello, 1247 — 68. Fibonacci führt die arabischen Ziffern ein. Marco 
Polo 1270 — 95 auf Reisen in Asien. Der Reisende Odorico von Pordenone 
1 330. Erfindung der Brillen durch einen Florentiner. Dagomari im 1 4« Jahrb., 
Verfertiger astronomischer Instrumente. Petrus de Crescentiis über den 
Ackerbau. Der Geograph Uberti (Dittamonde). Petro d'Albano (Conci- 
liatore: Bekanntschaft mit Averrhoes). Astrologie und Alchymie. Rai- 
mundus Lullus. Politische und kirchliche Parteien und Sekten : Ghibellinen 
und Guelfen; Beguinen, Waldenser und Albigenser, Bruder und Schwestern 
des freien Geistes ; Franciscaner und Dominicaner. — Einfluss solcher Ele 
menle auf Dakte's Divina commedia, Pbtrarga's Canzionere, Boccaccio *8 



Sechsundztoansigstes Capitel. Italien. 217 

Decamerone. Einflass dieser MaDner auf Uebang der Geister, Erweiterung 
und Verbreitung des Wissens und die Literatur der Landessprache. — Erster 
griechischer Lehrstuhl in Florenz ^ 348 für Pilato , den Lehrer Boccaccio's. 

§• 360. Die italienische Literatur zählt vier Pe- 
rioden. 

Cbbsoimbbni (1663^-4728), Storia della volgar poesia. Tibaboschi 
(1734 — 94), Storia della ietteratura ital. (neue A. 1822). Gingubne 
(1748 — 1816), Eist, litteraire dltalie, 1811 (beendigt von Salfi). Si- 
MONDB DE SiSMONDi, De la litterature du midi de l'Europe. Boctebweb, 
Gesch. der Poesie u. Beredtsamkeit seit Ende des 13. Jahrb., Bd. 1 u. 2. 
GoBTHB, Neueste ital. Lit., in seinen Werken, Bd. 38, S. 243. Ranbb, Kur 
Gesch. der ital. Poesie, 1837. Reumont, Die poet. Lit. der Italiener im 
19. Jahrb., 1844. RtJTR, Gesch. der ital. Poesie, 1844 — 47. Aehnliche 
Werke wie das von Tiraboschi schrieben Cobniani 1818, fortgesetzt von 
Ticozi 1832, Maffbi 1834, ügoni 1820 (deutsch 1825 — 30), Ambbosoli 
1831 — 33, Lbyati 1831. Ad. Ebbet, Handb. der italienischen National- 
literatur, 1 853. K. Schmitt , Handb. d. Italien. Lit., 1 854. Gründliche Kenner 
der italienischen Literatur: Reumont, Witte und König Johann von Sachsen. 

§. 361. Die erste Periode reicht bis ans Ende des 
14. Jahrh. An den angeblich ältesten Dichter Italiens, Ciullo 
d^Alcamo, schliessen sich Friedrich ü., seine Sohne Manfred 
und Enzio und seine Trovatoren (Guido delle Colonne, No- 
tajo, Mazzeo Ricco und die Dichterin Nina) an seinem Hofe 
in Palermo an. Von hier zog sich die Poesie nach Bo- 
logna, wo Guido Cavalcanti (f 1300) den toscanischen Stil 
geltend machte. Es folgen die berühmten Schriftsteller des 
13. Jahrh., die sogenannten Trecentisten. 

Es betrachten die Italiener erst Dante Allighieri ( 1 265 — 
1321) aus Florenz als den Schopfer ihrer poetischen Sprache 
und den Vater ihrer Poesie. Die Terzine erscheint zuerst 
bei ihm in einer Vollkommenheit, weshalb man ihn irriger- 
weise für deren Erfinder hält. Seine ,Commedia' erhielt von 
der Verehrung der spätem Geschlechter den Beisatz divina *. 

Francesco Petrarca aus Arezzo (1304 — 74) verdankt, 
ausser seiner Wirksamkeit für die classische Literatur 2, die 
allgemeine Achtung, welche ihm die Nachwelt zoUt, seinen 
italienischen Gedichten, namentlich denen aus der Zeit von 
1327 — 54, in welcher er eine schone Frau, Laura, feierte, 
zu der er von der glühendsten Liebe entbrannt war, die 
aber ihrer Keuschheit und Würde nie etwas vergab. Sein 
Lehrer im Griechischen war Barlaam ^. 

Sein Freund und Schüler Giovanni Boccaccio aus Paris 
(1313 — 75) schrieb über Dante* und Mehres in lateinischer 
Sprache ^ Seine ,Teseide' ist der erste Versuch einer ita- 
lienischen Epopöe in Ottave geschrieben , für deren Erfinder 




218 Zweiiet Buch, Ethnodokiologie. 

er gilt. Seinen Ruhm verdankt er seinem ,Decamerone^, 
einer Sammlung von hundert, zum Theil aus provenzalischen 
Dichtem entlehnten Novellen ^. Hierin sind seine Nach- 
folger Sacchetti (geb. 1335) und Ser Giovanni im ,11 pe- 
corone' (d. i. Tölpel). • 

< Etwa 60 Ausgaben seit 1472, damnter die besten von Lombabdi 
1791 a. 1815 — 17, die mailändische 1809 und die florentiner 1817. Von 
grossem Einflnss anf die Textesanordnnng war die Bekanntmachung der 
von Boccaccio herstammenden HandschrUt (Rorato 1820) und die von 
QuiRico YiYiAHi besorgte Ausgabe: GKusta la lezione del cod. Bartoliniano, 
1823 — 28, sowie die Ausgabe der als beste gerühmten Erklänmg: L'ottimo 
commento della Divina commedia, 1827 — 29. Die Literatur über dieses 
Gedicht ist ungeheuer gpross. Zahllose Commentare behandeln bald den 
ästhetischen Werth des Gedichts, bald die darin befindliche Theologie und 
Philosophie, bald die geschichtlichen Thatsachen, bald die offenbaren oder 
geheimen, politischen oder religiösen Tendenzen des Dichters. Yiele Com- 
mentare sind zu einzelnen Versen erschienen , oder über einzelne Allegorien 
und Anspielungen , so mehre über das Veltro. Besonders zu erwähnen sind 
die Commentare von Abrivabbnb 1830 u. Foscolo 1825 u. der neueste: 
Ruth, Studien über Dante, ein Beitrag zum Verständniss der göttlichen 
Komödie, 18Ö3. üebersetzungen von Bachenschwams , Kannegiesser^ Streck'» 
fusSf Philalethes (Prinz Qetzt König] Johann Ton Sachsen), Kopisch. Die 
lyrischen Gedichte deutsch von Kannegiesser u. Witte , seine Vita nuoTa von 
Oeynhausen u. Förster. Flaxman's Zeichnungen zur Göttlichen Komödie 
sind gestochen von Pislrucci (nach Piroli) in dem Atlante Dantesco. Sein 
Leben von Boccaccio, Balbo. Missbrini, Dell' amore di Dante e del ritratto 
dl Beatr. Portinari , (3. A.) 1832. Colomb de Batinbs, Bibliografia Dan- 
tesca, 1853. Schlossbb, Ueber Dante, 1824* — 'Er fand Cicero 's Briefe 
Ad familiäres, schrieb De remediis utriusque fortunae, ein Gedicht: Africa, 
worin er seinen Lieblingshelden feierte und wofür er zu Rom auf dem Ca- 
pltol am ersten Osterfeiertage 1 341 den poetischen Lorberkranz unter grossen 
Feierlichkeiten empfing. De viris illustribus, Historia Julii Caesaris (Ausg. von 
SoHNBiDER 1827). — ' Ueber 200 Ausgaben seiner Werke. Die vollstän- 
digste seiner Rime mit Tassoni's u. A. Erklärungen 1827—29. üebersetz. 
von Gries, A. W, Schlegel, Daniel, Förster, Kekule, Biegelehen u. Kriger, 
Biographien des Dichters von Abb^ db Sadb, einem Nachkommen der an- 
gebeteten Laura, Tiraboschi, Baldblli, Fbrnow, Wismatr u. Uoo FoacoLo. 
Mar8and*8 900 Bde. Bibliotheca Petrarchesca zur Geschichte des Dichters 
kaufte Karl X. von Frankreich 1829. — ^ Origine, vita e costumi di Dante 
u. Commento sopra la commedia di Dante, reichend bis zum 17. Gesänge der 
Hölle. — ^ Göttergenealogie, De montium, silvarum, lacuumetc. nominibus, 
De casibus virorum et feminarum illustrium. De claris mulieribus, 16 Eklogen, 
Briefe etc. — ^ Ausg. von Foscolo 1825, üebersetz. von Witte, Seine 
Opere complete von Moutibr 1827. Ueber sein Leben Mambtti, Mahni, 
Tiraboschi u. A. 

§. 362. Zweite Periode, das fünfzehnte und sech- 
zehnte Jahrhundert umfassend, Italiens Cinquecento, 
buon secolo. Aufblühen der italienischen Kunst durch 
Michel Angelo, Leonardo da Vinci, Tizian, Rafael, Cor- 
reggio , Bramante und der eleganten Hofsitte , wie sie Ca- 
stiglione in seinem ,Cortegiano' schildert. Elampf gegen 



Sechsundzwansigstes Capitel. Halten. 219 

das Papstthum K Sinken des Handels und der Seemacht 
(Columbus). Zeit der Fürstenherrschaft ^. 

1 N. Y. Cusa 1432, Jnstinianus, f 1455, Sanzio, Mantuanus, Ab- 
stemio, Panormitamas , San-Georgio, Aeneas Sylvius Piccolomini ; für 
dasselbe die Dominicaner und einige Concilien, Job. de Turrecremata , Ca- 
jetan (gegen ihn Jac. Almain). — ^ Pflege der Philologie an den 
Höfen der Visconti, Sforza, Este, Montferrat, Medici und Königs Alfons 
von Neapel. Philosophische Stadien und Kämpfe, besonders der Augustiner- 
mönche: Paul, doctor profundissimus (Savonarola's Lehrer), Pelacane, doctor 
famosissimus, Fava, philosophor. sui seculi praestantissimus. Ankunft der 
Griechen in Italien seit 1453- Die Humanisten und die Buchdrucker- 
kunst. Gelehrte Gesellschaften für die amene lettere : Alegretti's 1 380 , der 
Augustiner von San-Spirito in Florenz, des Cosmus von Medici (Ficinus, 
Pico Ton Mirandola, Landini, Cavalcanti, Alberti), des Bernardo Rucellai 
(Platonische Akademie), des Bessarion Akademie in Rom, des Pomponio 
Leto, die Accademia de Pontano zu Neapel (Panormitano, Yalla), des 
Aldus Manutius in Venedig (Musuro, Bembo, Sanuto) und seiner Familie, 
4447 — 1597. Lehrer des Lateinischen und Griechischen: Giovanni 
da Bavenna (Zögling des Petrarca), Manuel Chrysoloras in Florenz 1398, 
Guarino, 1436-60, Georg von Trapezunt, f 1484, Job. Argyropulos, 
1 1486, Theod. Gaza, f 1478, Bessarion, f 1472, Gemist. Pletho, Aurispa, 
Grasparino von Bargizza, Traversari, Bruno, Filelfo, Laurent. Valla, Pe- 
rotto, Poggio, Beroaldo, Angelo Poliziano, Cirlaco von Ancona (Itinerario, 
4433—35), Flavio, Leto, Maffei, Fulvio. 

§• 363. Verfallen der italienischen Sprache mit 
dem Aufblühen der sogenannten humanistischen Studien. 
Kampf der Latinisten ^ gegen die Verehrer' der Vulgär- 
sprache ^. Zwist der Florentiner (mit Beruftmg auf die 
Trecentisten) und Sienesen mit den übrigen Italienern um 
die Ehre, Italien mit seiner Gemeinsprache beschenkt zu 
haben. Diesem Streite lag, mit Verwerfung des Particular- 
interesses, die Idee einer italienischen Gesammtnationalitat 
zum Grunde ^. Auch die Volksdichter traten aus antinatio- 
nalen Absichten als Vertheidiger des florentinischen Vor- 
rechts auf. 

1 BoMOLO Ahasbo 1529, Carlo Sioonio, De lat. linguae usu reti- 
nendo. — ' Bbmbo's Prosa, 1525. Fobtunio's Regole grammaticali della 
volgare iingna, 4526. In demselben Sinne die grammatischen Schriften von 
LiBUBNio und Flaminio. — ^ für Florenz Dolce 4550, Tolommei 4555, 
Vabchi 4570, Salviati 4584. Für Gesammtitalien Castelvbtbo 4572 u. 
Mozio 4582. Giambullari's H Gello (über die florentin. Sprache), 4547. 
Yocabulärien von Minbbbi 4535, Luma 4536, Alunmo 4543, der Crusca 
4642 (wiederholt 4623, 4694, 4729 — 38). Ausgaben der Testi di lingua 
(Musterschriftsteller). Dati*s Prose fiorentine, 4664. Abmatori's Raccolta 
degU autori del ben parlar, 4683. Die Accademia della Crusca oder Fnr- 
furatorum zu Florenz 4582 für die Trecentisten und gegen Tasso. Beni's 
Anticrnsca, 4642. Babtolo's II torto e il dintto del Non si pno, 4655, 
u. Ortografia ital., 4670. 

§. 364. Die Dramatik lieferte vom Anfange des 13. Jahrh. 



220 Zweites Buch. Ethnodoklohgie. 

bis Ende des 15. Jahrb. hier nur die sogenannten Myste- 
rien und Moralitäten (Figure, Vangelii, Esempli, Istorie 
oder Commedie spirituali), deren älteste erhaltene von Dati 
und Belcari um 1445 entstanden. Es folgten die Komödien 
des Plautus und Terenz und Nachahmungen derselben, die 
sogenannte Commedia erudita, die erste unter dem Titel 
,Calendaria' vom Cardinal Bibbiena, eigentlich Bemardo Do- 
vizi (geb. 1470), zu Rom durch Pomponio Leto (f 1498). 
Dahin gehören die vier Lustspiele Ariosto's (,Cassaria', ,1 sup- 
positi', ,Lena', ,11 negromante') und MacchiaveUi's ,Man- 
dragola'. Im Gegensatz zu dieser die Volkskomodie, die 
sogenannte Commedia dell^ arte, mit stehenden Masken 
und Charakteren: Dottore (oder Graziano) aus Bologna, 
Pantalone aus Venedig, Arlechino aus Bergamo (in Neapel 
Policinello, Pulcinello), Scaramuzzo oder Spavineto (miles 
gloriosus), stotternder Tartaglia, Colombina (auch Smeral- 
dina), Arlechino's Geliebte, romischer Stutzer Gelsomino, mai- 
ländischer Querkopf Baltrame, Gelegenheitsmacher Brighella 
aus Ferrara und zwei calabresische Lümmel Giangurgulo 
und Coriello. Als Dichter dieser Gattung werden genannt 
Pietro Aretino (1 492 — 1 557 : ,Marescalco', ,Cortigiana', ,Ipo- 
crito% ,Talanta', ,11 filosofo*), Lodovico Dolce, Giordano 
Bruno (verbrannt zu Rom 1600: ,11 candelajo') u. A. 

Die Tragödie blieb Sache der Gelehrten. Der ,Orfeo' 
des Angelo Poliziano wurde 1472 zu Mantua am Hofe der 
Gonzaga aufgeführt. Als die besten Tragödien werden die 
,Sofonisbe' des Trissino in versi sciolti (dem tragischen Vers- 
mass) 1515 und der ,Orest' und die ,Rosmunda' des Rucellai 
( 1 475 — 1 525) bezeichnet. Es folgten die Dichter Cintio, Orti, 
Manfredi, Speroni, Tasso (im ,Torrismondo') und Aretino (in 
der ,Orazia') und die Uebersetzer und Modemisirer antiker 
Tragödien: Alamanni, Giustiniano, Anguillara und Dolce. 

Das Schäferspiel ging aus Sannazaro's (geb. 1458) 
Roman ,Arcadia' hervor, und das erste regelmässige Spiel 
dieser Gattung war Beccari's ,Sacrificio' 1554 zu Ferrara, 
Rinuccini's ,Daphne' zu Florenz 1594, Torquato Tasso^s 
,Aminta^ 1572, Guarini's (1537 — 1612) ,Pastor fido' (deutsch 
von H. Müller) u. A. 

CoLOMB DE Batines, Bibliographie aller im 45. u. 46. Jahrh. gedruck- 
ten religiösen u. weltlichen Theaterstücke Italiens (Kappresentazioni), 4853. 
Flöqel, Gesch. des Groteskkomiscbcn , 4788. 



Sechsundzwanzigstes Capitel. Italien. 221 

§. 365. Pflege der Lyrik in den vielen Akademien: ar- 
denti in Bologna, informi, ombrosi, selvaggi in Ravenna, 
riformati in Cesena, smarriti in Faenza, rinvigoriti in Fo- 
ligno, scossi, unisoni, insensati in Perugia, ottusi in Spo- 
leto, assorditi in Urbino, rozzi in Siena, della crusca in 
Florenz. Dichter: Pietro Bembo, 1470 — 1547; Castiglione, 
f 1529; Fracastoro, f 1518; Erzbischof Giovanni della Casa, 
f 1556 (Zotenreisser): Caro; Baldi; Tolommei; Alamanni; 
Vittoria Colonna (1490 — 1547), die Gattin des tapfern Feld- 
hauptmanns Pescara; Veronica da Gambara, 1485 — 1500; 
Guspara Stampa (1524 — 54), Italiens Sappho; Torquato 
Tasso^s ,Canzionere' (Sonette, Canzonen, Madrigale; ,RimeS 
mit Auswahl deutsch von K. Förster). 

Didaktik: Rucellars ,Bienenzucht' (jLe api'), Ala- 
manni^s ,Landbau^ (,Coltivazione' oder ,Deir agricoltura'). 

§. 366. Die italienische Epik ist reines Kunstproduct, 
weder national noch naiv. Der fränkisch -karolingische Sagen- 
kreis wurde schon im 14. Jahrh. in einem Roman bearbeitet: 
,Reali di Francia etc.' (Franciae regales, die jfränkischeu 
Königskinder) , von Konstantin^s d. Gr. Taufe bis auf 
KarFs d. Gr. Römerzug reichend. Daran schliessen sich 
drei in Ottaven abgefasste Rittergedichte : ,Buovo d'Antona' 
aus der ersten Hälfte des 14. Jahrh., ,La Spagna' von Za- 
nobi aus Florenz (der Chronik des Turpin folgend), ,La 
regina Ancroja'. Darauf folgte Luca Pulci's ,CiriflPo Calva- 
neoS Luigi Pulci's (1432 — 87) ,]l1 Morgante maggioreS Sa- 
Tonarola's ,Libro d'arme e d'amore nomato Mambriano' in 
46 Gesängen (späterer Zweig der Karlssage, die Geschichte 
der Haimonskinder), Bello's ,Mambriano% Bojardo's (Gra- 
fen von Scandiano, 1430 — 94), ,Orlando innamorato' in 50 
langen Gesängen ^, Lodovico Ariosto's aus Reggio (1474 — 
1533) ,Orlando furioso' ^ in 46 Gesängen, Alamanni's (f 1556) 
,Avarchide' ^eine possirliche und geschmacklose Romanti- 
sirung der ,llias'), Bemardo Tasso's (f 1569) ,L'Amadigi' 3. 

Francesco Berni (f 1536) travestirte den ,Orlando inna- 
morato' imd begründete durch seine Manier das Bernesco 
oder die poesia Bemesca, deren Nebengattung die poesia 
maccaronica des Folengo (1491 — 1544) in seinem ,Macca- 
ronicon' und ,Orlandino' wurde *. 

Der Florentiner Jacopo Carlo romantisirte die ,Ilia8' 
1491 in seinem Gedicht ,11 Trojano', Dolce die ,Dia8' und 




223 Zweites Buch. Etknodoklologie. 

,AeiieisS Tiissino schrieb in 27 Gesängen nnd in versi 
sciolti die ^talia liberata dai Goti^ Daneben die lateinischen 
Epiker: Sannazaro, Yida (Schachspiel), Bartolini u« A« 

Das grösste und bedeutendste italienische Epos ist Tor- 
quato Tasso's aus Sorrento bei Neapel (1544 — 95) ,Geru- 
salemme liberata^ in 20 Gesängen \ Seine übrigen Haupt- 
werke sind: ,11 Rinaldo% ,L'Aminta' (deutsch von Walter 
4794), über tausend ,Sonetti e Canzoni^ (deutsch von 
Forster), über 300 Madrigale, ,11 Torrismondo% ,Lia Gerusa- 
lemme conquistata^ (eine verfehlte Umarbeitung des ,Befreiten 
Jerusalem'), ,Le sette giomate del mondo creato etc.' \ Sein 
Nachahmer Guarini, 1537 — 4612. Seine Zeitgenossen Chiabrera 
(1552 — 1637), Nachahmer des Pindar (fünf epische Gedichte: 
,Befreites Italien', ,Floren2;', ,Gothiade', ,Amadeide', ,Roger'), 
undTassoni (1 565 — 1 635: komisches Gedicht: ^^erEimerraub', 
deutsch von Boitz), Bracciolini (f 1645: ,Das wiedereroberte 
Kreuz' und die epische ,Verspottung der Gatter*), Testi 
( 1 593 — 1 646), Nachahmer des Horaz, Lorenzo Lippi : ,Wieder- 
eroberung von Mahnantile' oder der Tischtuchsburg. 

1 Ausg. U95. Deutsch Ton Grieg 4835 u. Regia 4S40. — * Erschien 
1546. Deutsch von Gries 4804, Streckfuss 4848, Kurtz 4844. — ^ Val. 
Schmidt, lieber die ital. Heldengedichte aus dem Sagenkreise KarFs d. Gr., 
1320. — * Gbnthe, Gesch. der maccaronischen Poesie, 4836. — ^ Erste 
Ausg. 4584, beste Mantna 4584. Deutsch von Gries 4800 (6. A. 1844), 
Streckfuss 4822, Duttenkofer 4840. — ^ Die vollständigste Ausgabe »Her 
Werke in 30 Bdn. von Rosini 1820 fg. Sein Leben von Ebebt 4849 n. A. 

§.367. Novellendichter: Massuccio aus Salemo: ,Ko- 
vellino^ von 50 Erzählungen, voll Satire gegen die Geist- 
lichkeit. Erzbischof Bandello's (1480 — 1562) unzüchtige, 
schmutzige und zotige Novellen (Uebersetzung von Adrian 
1818). Firenzuola 1548, LuigiPulci, Niccolo Macchiavelli. 
Aus Luigi da Porto^s Erzählung schöpfte Shakspeare den 
Stoff zu seiner Tragödie ,Romeo und Julia'. StraparoWs 
,Piacevoli notti'. Grazzini aus Florenz (f 1583), genannt 
II Lasca, lieferte das beste Novellenbuch jener Zeit (deutsch, 
Leipzig 1788). — Satiriker Pietro Nelli. 

Kbllbr, Ital. Novellenschatz, ausgewählt u. übersetzt, 4854* 

§.368. Prosaische Kunstwerke : Macchiavelli^s (4469 — 
1527) ,Principe' und Geschichte seiner Vaterstadt Florenz 
zwischen 1215 — 1492 (die florentinische Ausgabe seiner 
Werke 1782), Guicciardini's (1482—1540) Geschichte Ita- 
liens zwischen 1493 — 1532 1, Paolo Sarpi's (1552—1623) 



Sechsundzwattangstes CapiteL Italien. 333 

Geschichte des Tridenter Concils, Davila's (1576 — 1634) 
Gesdiichte der bürgerlichen Kriege in Frankreich. 

1 Sein Leben von Rbmiqio f iobbntino n. von Makni in d. Ansg. seiner 
Gescb. von 4640 u. 4738. 

§. 369. Aufschwung der Wissenschaften: Grre- 
gor's XTTT. Kalenderverbesserung 1582. Galilei (1564 — 
4642), Entdecker der Theorie der Planetenbewegung, Ver- 
Yollkommner des vom Glasschleifer Johnson in Middelburg 
4590 erfundenen Teleskops, Yertheidiger desKopemicanischen 
Weltsystems. Sein Schüler Evangelista Torricelli (f 4644), 
Erfinder des Barometers. Anatom Yasal 4543, Omitholog 
Aldrovandi, 4522 — 4605, Hrs. Cardanus, 4504—75, Gior- 
dano Bruno und Th. Campanella (4568 — 4639) Philosophen 
(Vereinigung der Mystik und Naturwissenschaft). 

§. 370. Dritte Periode: siebzehntes und achtzehn- 
tes Jahrhundert, Seicento, daher Seicentisten. 

Zu den Trecentisten und Nationalisten traten die Pro- 
vinzialisten als dritte Partei hinzu, welche es auf Bearbei- 
tung der Provinzialdialekte absahen, seitdem Muratori (4 672— 
4 750) darauf aufinerksam gemacht ^. Die vierte Partei bil- 
deten die üniversalisten. So war der Weg für den Ein- 
bruch der franzosischen Revolution aux^h im literarischen 
Itaüen gebahnt«. Als Ausbeute dieser Richtung ergaben 
sich reichhaltigere lexikalische Arbeiten K 

1 Galiani, Del dialetto neapolitano; Pipino för den piemontesischen 
1783» Pasqualino für den sicilianisdien, in seinem Yocabnlario etimo- 
logico, 4795. Die Akademie der Filopatridi in Neapel 4760. — ' Die 
Stürmer gegen die florentinische Spracbberrscbaft und die Anbetung der 
Trecentisten: Monti (Proposita di alcune correzioni) und Perticari (Scrit- 
tori del trecento e loro imitatori). — ^ Grammatiken und Wörterbücher 
der italieniscben Schriftsprache sind in solcher Menge geliefert worden, das» 
Amtolini 4825 in seiner Schrift La lessicomania esaminata (2. A. 1836) 
darüber spöttelte. Ca8acgia*8 genuesisches Wörterbuch , i 844 ; Chbru- 
Bnii*8 mailandiscbes , 4844» u. paresiscbes, 4827} Bobrio's venetianisches, 
4826; Nannini's ferrarisches; Melchiorbi's brescianisches ^ u. a. Gute lexi- 
kalische Arbeiten Ton Yitiani u. Tuzzi 4834, Lbssoni 4835, Tommasyo 
(neu bearbeitet tou Vibussbüx 4839). Castiolia, Studj suUa lingna, 4826. 

§. 371.- Auf der Grenze des vorigen und dieses Zeit- 
alters war die Poesie in Verfall gerathen durch witzelnde 
und phantastische Geschmacklosigkeit des talentvollen Giam- 
battista Marini oder Marino aus Neapel (1569 — 1625), be- 
sonders durch seinen ,Adonis^ in 20 Gesängen, der kaum 
einer Dichtungsgattung eingereiht werden kann. Das ko- 
mische Epos ,Ricciardetto^ in 30 Gesängen des Fortiguerra 




234 Zweites Buch. Ethnodoklologie. 

(1674—1735; deutsch von Gries). Dann folgte zwar eine 
gedeihlichere, jedoch von franzosischem Einfluss abhangige 
Pflege der Poesie. 

Als Lyriker sind zu nennen Chiabrera, 1552 — 1637, 
Testi, 1593 — 1646, Guidi, 1650-1712, Frugoni, 1692— 
1768, und vor Allen Vincenzo da Filicaja aus Florenz, 
1642 — 1707, Zappi, 1667 — 1719, und seine Gattin, die 
schöne Faustina Maratti. Seit 1650 blühte die Volkspoesie 
nur noch in Sicilien, wo GKovanni Meli (deutsch von Fd. Gre- 
gore vius, 1856) ihr vornehmster Repräsentant ist. 

Die Oper entstand zu Anfange des 17. Jahrh. und theilte 
sich in opera seria und opera buffa (in Venedig 1624). Ita- 
lienische Oper in Paris 1646. Apostolo Zeno, 1669 — 1750, 
und Pietro Metastasio, 1698 — 1782, sind Opemdichter, 
Letzterer zugleich Vollender der tragischen oder ernsten Oper. 

£ine Reform des Lustspiels beabsichtigte der frucht- 
bare, aber oberflächliche Goldoni, 1707—93, aber nicht 
er, sondern sein genialer Nebenbuhler, Graf Carlo Gozzi 
(1718 — 1802), führte sie durch. Trauerspieldichter: 
Graf Alfieri, 1749 — 1803, Giovanni Pindemonte, 1751—4812, 
Vincenzo Monti, 1754—1828. 

Die Lebensweise- der Vornehmen schilderte als Satiriker 
Giuseppe Parini (1729 — 99) in seinem Gedicht ,11 giomo' 
(wie etwa Martial). Satiriker sind auch der berühmte Maler 
Salvator Rosa, 1615 — 75, und Graf Gasparo Gozzi, 1713 — 86. 

Der ,Pentamerone' (Novellensammlung) Giambattista Ba-. 
sile^s in neapolitanischem Dialekt stammt aus dem Anüemge 
des 17. Jahrh. (deutsch von Liebrecht 1846). Roman (,Briefe 
zweier Liebenden' und umgearbeitet als ,Letzte Briefe des 
Jacopo Ortis') von ügo Foscolo, 1773 — 1827. 

Ossian's Uebersetzer ist Cesarotti, 1730 — 1808. 

§. 372. Die Historiker: Muratori, Pietro Giannone 
(geb. 1676), Tiraboschi (1731—94: ,Storia della letteratura 
italiana'), Cicognara und Botta (,Storia d'Italia dal 1789 — 
1814'). Stiftung der Akademie der Arkadier zu Rom 1690 
durch Crescimbeni und dessen ',Istoria della volgar poesia' 
(Venedig 1731). Bearbeiter der Staatswissenschaften: 
Vico, 1669 - 1744, Filangieri, 1752-88, Beccaria, 1735 — 93. 

Ausgezeichnete Leistungen in den medicinischen, 
mathematischen und Naturwissenschaften: Malpighi 
(f 1694) gehört zu den grossten neuern Anatomen. Cassini 



Sechsundzwanzigstes Capitel. Italien. 225 

(<625 — 1712) bereicherte die Astronomie durch wichtige 
Üntdeckungen, Piazzi durch Entdeckung der Ceres 1804. 
Astronom und Mathematiker Frisi, 1727 — 84. Gralvani's 
(t 1799) thierische Elektricität, Volta's (1745—1827) gal- 
vanische Batterie. 

Saluzzo^s Akademie seit 1783 zur Erforschung des 
Alterthums: Corsini, Morelli, Fabroni, Bandini, Audiffredi, 
Maffei, Lanzi, Rosini, Fea, Ignarra, Ficcoroni, Manni, 
Sestini u. A. Winckelmann^s Leistungen. 

§• 373. -Vierte Periode: Neunzehntes Jahrhundert. 
Politische Bewegungen und Handlungen als Vorläufer der 
franzosischen Revolution. Verkündigung der republikani- 
schen und philanthropischen Ideen, welche mit der franzo- 
sischen Literatur in Italien eindrangen, von Beccaria im 
Norden, von Filangieri im Süden von Italien. Aufhebung 
des Jesuitenordens 1774. Kaiser Joseph^s 11., Grossherzog 
Leopold's von Toscana, Tanucci's und Sambuca^s Reformen 
in Neapel. Parini's Verspottung des Adels. Verri gegen 
die Akademien. Cesarotti^s, Monti^s, Foscolo^s, Spedalieri^s, 
Pellico's Freiheitsruf. 

Mailand Italiens Athen seit 1805. Foscolo, Gesetz- 
geber auf dem Gebiet der ästhetischen Kritik. Seine Tu- 
gendschule. Die classische und romantische Schule 
voll Eifers für das Erziehungsweseu. Der Romanticismus 
Manzoni^s (geb. 1784), Gioja's und Grosses in dem ,Con- 
ciliatore^ gegen den Classicismus der von Monti, Acerbi, 
Breislak und Giordani 1 81 6 gegründeten ,Bibliotheca italiana^ 
Graf Perro in Mailand, Mäcen der Romantiker. Pellico^s 
,Le mie prigioni'. Philolog und vielgepriesener Lyriker ist 
Graf Leopardi (1798—1837: ,CantiS 1831 ; deutsch von Kanne- 
giesser). Hynmopoeten: Manzoni, Borghi, Arici, Emiliani, 
Montinari, Costa, Muzzarelli, Vittorelli u. A. Geistlicher 
Redner Barbieri. 

Stürmende Romantiker: Guerazzi, Gnarlandi. Vereini- 
gungsversuche der classischen und romantischen Schule 
durch Niccolini (geb. 1786): Tragödien: ,Polissena% ,Ino 
e Temisto', ,Medea' und ,Edipo', ,Antonio Foscarini^ ,Gio- 
vanni da Procida', ,Amoldo da Brescia% ,Lodovico il Moro', 
,Pilippo Strozzi'. 

Uebersetzungen aus dem Franzosischen, Englischen und 
Deutschen (Cesare Cantü: ,Biblioteca scelta'). 

MSRLIVBR. 1 5 




226 Zweites Buch. Rlhnodoktologie. 

Mittelmässigkeit der Romandichter. Gkite historische 
Romane Guerazzi^s. Sittenromane des Neapolitaners Ranieri. 

Geschichtschreiber: Compagnoni, Ramboldi, Serva, 
Manne, Litta, Varese, Garzetti, Morbio, Coppi, Cantü, 
Muletti, Coletta, Pagano, Ranieri, Cassetta, Moisä u. A. 

Philosophen: Romagnosi (geb. 1761), Borelli, Bozzelli, 
Galluppi, Rosinini (Orden der christlichen Liebe seit 1828, 
bestätigt 1839). Seine Schüler Tarditi, Tommaseo und de 
Cavours (,Fragm. philos.', 1841). Sein Gegner Grioberti. 

Der gegenwärtige politische Zustand Italiens erschwert 
die Studien und macht den Schriftstellern das literarische 
Leben ausserordentlich sauer. 



Siebenundzwanzigstes Capitel. 

Spanien. 

§. 374. Neben der römischen Schriftsprache (sermo ur- 
banus) bildete sich auch hier eine Umgangs- und Volks- 
sprache (lingua Romana rustica), welche die Westgothen 
nach ihrem Uebertritt zum Katholicismus (unter Reccared 
um 600) so sehr zu ihrer eigenen machten, dass sie aus 
ihrer Muttersprache nur jene Worter beibehielten und dem 
spanischen Romanze einbürgerten, die sie zur Bezeichnung 
der ihnen eigenthümlichen Staats- und Kriegsinstitutionen 
nöthig hatten. Einen neuen Zusatz, besonders in Bezug auf 
die Ausdrucke der Industrie, Wissenschaft und des Handels, 
brachten seit 711 die Araber. Beimischungen aus dem Phoni- 
kischen. Griechischen und Hebräischen. Doch erstreckt sich 
der fremde Einfluss nur auf Lautlehre und Wortgehalt; 
Wortbildung und Biegung sind in dieser hochtonenden 
Mundart echt romanisch geblieben und näher dem Latein 
als selbst in der italienischen. 

§. 375. Die ältesten schriftlich aufgezeichneten Spuren 
des Spanischen finden sich im 7. Jahrh. in Isidor^s ,Origines^ 
Zur Schriftsprache ausgebildet erscheint am firuhesten die 
castilische Mundart (lengua castellana) in der Reim- 
chronik (1130? abgeschrieben 1207) von den Thaten des 
Cid Rodrigo Diaz de Vivar el Campeador (f 1099), in dem 
westgothischen Gesetzbuche aus dem 13. Jahrh.: Forum judi- 



Siebefiundswanzigstes Capitel. Spanien. 227 

cum (Fuero juzgo, Ausgabe der Akademie 1815). Konig 
Alfons X., der Weise (geb. 1221, f 1284), erhob die casti- 
lische Sprache zu öffentlicher Gültigkeit im Geschäftsleben, 
doch wurde sie erst gegen die Mitte des 16. Jahrh. durch 
die ganze spanische Monarchie die herrschende im eigent- 
lichsten Sinne des Worts. 

Daneben dauerte die mit der pxovenzalischen und limou- 
sinischen verschmolzene catalonische Poesie bis in das 
15. Jahrh. fort, wie die Gedichte Peter's III. von Aragon 
(t 1285), Friedrich's von Sicilien (f 1326), Heinrich's von 
Villena (f 1434), Ausias Marcha Valencia (f 1450) und 
der Roman ,Tirante des Martorell' (1435) bezeugen. 

Die galicische Mundart bildet den üebergang zum 
Portugiesischen, die catalonisch-valencianische oder limou- 
sinische zmn Franzosischen K Daneben in der Provinz Bis- 
caya die Sprache der alten Cantabrer, die jetzt Baskisch 
oder Vaskisch heisst^. 

1 Aldbbtb , Origen de la lengua castellana, 4606 und 4682. 
N. Antonii, Bibl. Hispan., 4696; cor. Bateri, 4788. Mayams t Ziscab, 
Origines de la lengna esp., 4737. — * W. v. Humboldt, Prüfung der Unter- 
snchnngen über die ürbewohner Hispaniens vermittelst der baskischen 
Sprache, 4824, und einige Spanier: Zarramendi 4 729 u. 4745, Astartoa 4 803, 
Iztaeta 4824. Eine Sammlung baskischer Nationallieder 4826. 

§. 376. Grammatisch und lexikalisch behandelte das 
Spanische zuerst Anton de Labrija 1492. Gesetzgebend 
wurde für dasselbe die Grammatik und das Wörterbuch der 
spanischen Akademie (zuerst 1771), später bereichert durch 
Salya. 

Grammatiken von Fbancbson, Kbil und Fuchs. Handlexika von 
Fbancbson und Sbckendobf. Etymologisches Wörterbuch von Coyabbü- 
BIA8 4674, Cabbeba 4837. Etymologische Beitrage , von Caballbbo 4834. 
Synonymik von Huebta und Mabch. Für Orthographie ein Tratado der 
AJsademie (Nörmalausgabe 4845). 

§. 377. Zur Literatur. 

Vblasquez, Origines de la poesia castellana , 4754; bearbeitet von Dieze, 
4 796. Sabmibnto , Memoria para la historia de la poesia y poetas espanoles. 
IdoBBDANo , Hist. literaria de Espana. Mabtinbz de la Bosa , Sobre la poesia 
epica espanola. Ochoa , Noticia de todos los poetas espanoles. Quimitana, 
Annalisti dei principali poemi epicl spagnuoli. Aboota de Molina, Discurso 
sobre la poesia castellana. Viabdot, Etudes de l*Espagne; deutsch bearbeitet 
von Thdr. Eeü, 4836. Tioknob, Hist. of the Span. lit. , 4849; deutsch von 
Julius, 4852. Wolf, Beiträge zur Geschichte der castil. Nationalliteratur. 
Bbihckmeieb, Abriss einer documentirten Geschichte der span. National- 
literatar von den frühesten Zeiten bis Anfang des 4 7. Jahrh. , 4 844. Clabus, 
Darstellung der span. Literatur im Mittelalter, 4846. v. Schack, Geschichte 
der dramat. Kunst und Literatur in Spanien, 4845; 2. Aufl. 4855. Die 
Werke von Boutbbwek, Bd. 3 (spanisch von Gomez de Cortina und 

15* 




228 Zweites Buch, Elhnodoktologie. 

Hugalde y Molinedo, 1829) und Sismondi, Bd. 2, und die bezuglichen 
Abschnitte in den literarhistor. Werken von Schlbobl, Wachlbb, Gbässr, 
RosENKBANz, MuNDT, ScHEBB n. A. Lbmokb, Handbuch der span. Lite- 
ratur in 3 Bdn., 4833 fg. Sammelwerke von Sbdano, Campant, Mbndibil 
Y SiLVELA, Quintana: Poesias. selectas castellanas und Musa epioa esp., 
^330 — 33; B5hl de Febeb, Ochoa und Maubt : Espagne po^tique, 4826; 
PuiBusQUE, Hist. compar^e des litt. esp. et fran^., 4843; Bubhatbntuba 
Cablos Abibac, Biblioteca de autores esp., desde la formadon del len- 
guaje hasta nnestras dias, 18i6 fg. 

§. 378. Die beiden ersten Perioden der spanischen 
Nationalliteratur gehören dem Mittelalter an , während wel- ^ 
eher Zeit eine ununterbrochene Neutralisation des abend- 
ländisch-christlichen Wesens mit dem sarazenischen (711 — 
1 492) stattfand. Unaufhörliche Kreuzzüge und Streben nach 
Reinheit des Geblüts und des Glaubens trotz aller Liebes- 
und Verwandtschaftsbande zwischen Christen und Mauren. 
Bei dem ausserordentlichen Keichthum, der hier nebst den 
tapfersten Rittern zusammenströmte, entwickelte sich ein 
eigenthümlich schönes Leben in ritterlicher Thätigkeit und 
Galanterie und in Pflege ländlicher Cultur, überall begleitet 
von Liedern und von Interessen romantischer Liebe. 

§. 379. Romanzen (Romances) nannte man die Poesie 
überhaupt. Dann verband man damit eine dreifache Bedeu-^ 
tung: die Vulgär spräche, die lyrisch -epische Dichtung (can- 
tares, decires) und eine Versart, bestehend aus acht- und 
sechssilbigen Versen mit trochäischem Rhythmus (versos de 
redondilla mayor y menor), in den epischen Dichtungen ohne 
Strophenabtheilungen, in den lyrischen in Stanzen (estancias) 
oder Couplets (coplas) getheilt. Erfinder dieser Dichtungs- 
gattung soll der Araber Mocdem ben Maaref (im 10. Jahrh.), 
Meister darin Ebadet Alcazzaz sein. 

§. 380. Die erste Periode reicht von den ersten künst- 
lichen Schöpfungen in castilischem Romanzo bis auf die 
Zeiten Johann's U. von Castilien, 1406 — 54. Vorherr- 
schen der epischen und didaktischen Richtungen. 

,Poema del Cid' eines unbekannten Verfassers zwischen 
1135 — 57 ^ Bemardo del Carpio. Feman Gonzalez, erster 
Graf von CastUien. Reine Epen konnten die Spanier 
als Mischvolk nicht haben. Die kirchlich -ritterlichen 
Poesien (Legenden): Gonzalo von Berceo, 1198 — 1268. 
Die Trobadores (Dichter) und Jogiares (Sänger) der Ritter- 
romanzen: Juan Lorenzo Segura aus Astorga (Mitte des 
13. JahrL) in dem ,Poema de Alejandro Magno' ^ 



Siebenundzwanzigstes Capitel Spanien, 229 

Aus der Ritterromanze ging der Ritterroman hervor, 
und zwar die Amadisromane, von Vasco de Lobeira aus 
Oporto (f 1325 oder 1403) in portugiesischer Sprache; seine 
spanische Bearbeitung erhielt er durch Garzia Ordonnez de 
Montalvo (Ende des 15. Jahrb.). S. unten §. 454, 5. 

Alfons X. ist Forderer der Wissenschaften, Gönner der 
Gelehrten und Dichter, Schopfer der spanischen Prosa; seine 
Gesetzsanmilungen ^, sein didaktisches Gedicht ,Libro del 
tesoro 6 del candado'; sein Beispiel wirkte auch auf seine 
Nachfolger gunstig, auf Sancho IV., Ferdinand IV., Al- 
fons XI. (,Allgemeine Chronik' in Redondilien). Der bedeu- 
tendste Dichter des 14. Jahrb. ist Juan Ruiz, Erzpriester von 
Hita (f 1351), als Satiriker und Erotiker. Lopez de Ayala 
(1332 — 1407): ,Rimado de palacio'. Der Jude Rabbi Santo: 
,Consejos y documentos al rey Don Pedro' (den Grausamen). 

Chroniken von Ayala, Juan Nunez de Villason. Reise- 
beschreibung des Ruy Gonzalez de Clavijo, 1403 — 6, der 
als Gesandter an Timur nach Samarkand ging. 

^ Das Original in Sohubert's Bibl. castellana, portuguez y provenzal, 
1809. Inhalt im Auszuge bei Clarus, I, 190 — 211. Uebersetzungen der 
Cidromanzen von Herder, Duttenhofer, Regis (das Liederbuch vom Cid, 
1842)) der seiner Arbeit das von Keller vollständig publicirte Romancero 
del Cid, 1840, zu Grunde legte. Mönnich, Herder*s Cid und die span. 
Cidromanzen, 1855, nnten §. 485. — ^ Ihre Sammlung erfolgte erst im 
15. nnd 16. Jahrb.: Cancionero general, 1511; Cancionero de romances, 
1555; Romancero general, 1604; Romancero y cancionero, 1832: Roman- 
cero castellano, 1844. Uebersetzungen von Herder, Jariges, Wolf, Geibel, 
Clarus, Ärenlsschildt u. A. Sanchez, Coleccion de poesias castell. ante- 
riores al siglo XV., 1842. — ' Herausgeg. v. d. Akademie d. Gesch., 1836- 

§. 381. Zweite Periode, das 15. Jahrhundert, 1406 — 
1516, Lyrische Poesie, hofische Kunstlyrik nach dem 
Muster der Troubadourpoesie: der spanische Ennius Juan 
de Mena, 1412 — 56; Iriigo Lopez de Mendoza, Marques 
von Santillana oder Santa Juliana, 1398 — 1458; drei Manri- 
ques (Rodrigo, Gomez und Jorge, 1470), Juan de la En- 
zina (1500)1. 

Anfange des Dramas: Villena, 1412 (auch Poetik: la 
gaya ciencia), das Schäfergespräch ,Mingo Rebulgo' (1450) 
und Rojas' ,Celestina' (vor 1500, deutsch von Bülow, 1843) 
bestimmten den Ton für das Lustspiel. Hauptbestandtheil 
der Dramatik Spaniens ist die Komödie, wie jedes in drei 
Acten oder Tageszeiten (Jornadas) getheilte, in Versen ver- 
fasste Schauspiel hiess, das die Mitte zwischen den tragi- 
schen und komischen Elementen hielt. Auch hier gin<]f das 



i 



230 Zweites Buch. . Elhnodoktologie. 

Drama zunächst aus den geistlichen Mysterien hervor. E» 
folgten die Autos sacramentales (Fronleichnamsstucke), Autos 
al nacimiento, Comedias divinas und De santos, Comedias 
de ruido, De capa y espada, Loas (Lobgedichte als Vor- 
spiele), Pasos, Farsas, Entremeses (Zwischenspiele), Sai- 
netes (Divertissements), Comedias de figuron. 

Geschicbtsstil des Hemando del Pulgar und Mendoza^. 

1 Ihre Cancioneros von Babna und Fernando dbl Castillo, 4544. — 
^ Coleccion de cronicas jener Zeit, 4779 — 87. 

§. 382. Dritte Periode, 1546 — 1700, goldenes Zeit- 
alter der Literatur der Philippe. Die Autos da F^ hindern 
nicht den Aufschwung zum Schonen. In dem spanischen 
Reiche geht die Sonne nicht uiiter. Seine Ausdehnung iiber 
Neapel (durch den zweiten Cid, Gonsalvo Femandez de Cor- 
dova, el gran capitano), Mailand, die Niederlande, Mexico 
und Peru. Castilien und Aragonien vereinigt unter den 
Habsburgern. Einfluss italienischer Literatur. Die mauri- 
schen oder moresken und die Schäferromanzen; deren Samm- 
lungen in ,Silva8' und ,Rosas' von Juan de Timoneda, 1572, 
Miguel de Madrigal , 1 605 K 

1 Neuere Romanzen von J. Grimm 4815, Dbppino 4847, Wolf 4846. 

§. 383. Unter vielen aus dem Kleiiis und Adel hervor- 
gegangenen Dichtem sind Tonangeber und Stellvertreter des 
Nationalgeschmacks, mit Nachbildung italienischer Muster: 
Boscan ( 1 4921 — \ 542 : ,Hero und Leander^ nach Musäos, 
,Ueich der Liebe'; seine Werke 1543), Garcilaso de la Vega 
(1503 — 36: Eklogen, Elegien, Canzonen, Sonette, Oden, 
Episteln, Lieder; durchweg vortrefflich; seine Werke 1580). 
Ihm folgten zwei Portugiesen: Saa de Miranda, 1495 — 1558, 
und Montemayor (1520 — 61 : Schäferroman ,Diana'). Femer: 
Gil Polo (, Diana enamorada% 1564), Mendoza aus Ghranada 
(1500 — 75: ,Lazarillo de Tormes', 1586, ein echtspanischer 
Schelmenroman ; deutsch von Keil 1810). Die grossen Lyriker 
Herrera (f 1578: ,Oden') und Ponce de Leon, 1527— 91 >. 

Die Epik beschäftigte sich vorzugsweise mit Verherr- 
lichung KarPs Y. in den sogenannten ,Caroleas^ und mit 
den Kriegs- und Seezügen der Spanier. Rufo's ,AustriadeS 
Virues' ,Monserrate' und Ercilla's (geb. 1533; ,Araucana^ 
(deutsch von Winterling, 1831) bezeichnet Cervantes als die 
trefflichsten epischen Werke in castilianischer Sprache. 

' Hoffmamm's Blüten span. Poesie liefern eine Auswahl von Gedichten 
der eben Genannten. 



Siebenundzwanzigstes CapUel. Spanien. 231 

§. 884. Miguel de Cervantes Saavedra aus Alcala de 
Henares (1547 — 4646) wollte durch seinen ,Don Quijote' 
eine Beform des Geschmacks und der Denkart bei seinen 
Landsleuten hervorbringen und jenem abenteuerlichen Helden- 
geiste mit allen seinen ebenso lächerlichen als Übeln Folgen, 
deren Quelle die Ritterromane waren, ein Ende machen *. 
Zugleich ist er der erste Spanier, der Novellen schrieb. 

' Ins Deutsche übertragen von Bertuch, Tieck, Soltau , Keller u. A. 
Sämmtliche Romane und Novellen von Keller und Notter, 4840 — 42. 
Gesammtausgabe seiner Werke: zu Madrid 4803 — 5 (ohne die Komödien) 
und 4829 (ohne die Reise nach dem Pamass), Baudry in der Coleccion 
de los mejores autores espanoles, 4840 fg. 

§. 385. Die glänzendste Periode des spanischen Dra- 
mas reicht vom Ausgang des 16. bis gegen Ende des 17. 
Jahrb., und die zahlreichen Bühnendichter jener Zeit ge- 
stalten sich in zwei grosse Grippen, als deren Mittelpunkte 
Lope de Yega und Calderon de la Barca glänzen. 

Ueber die Schauspielerbanden, deren er acht Gat- 
tungen aufzählt, handelt die ,Unterhaltende Reise' des Rojas, 
1603, und über das spanische Drama F. Wolf in seiner Ke- 
cension des Schack'schen Werks (,Ge8chichte des spanischen 
Dramas') in den ,Blättem für literar. Unterhaltung', 1 846—49. 

Wbllmann, Die vier ältesten spanischen Dramatiker, in Prutz Literar- 
historischem Taschenhuch, 4843, 203 — 250. 

§. 386. Der genialste dramatische Dichter Spaniens ist 
Lope Felix de Vega Carpio aus Madrid, 1562 — 1635, dessen 
geistige Fruchtbarkeit zum Sprichwort geworden und mit 
Recht allgemein bewundert ist. Man hat von ihm zwei 
Epopöen: ,Angelica' und ,La Jerusalen conquistada', fünf 
mythologische Gedichte: ,Circe', ,Aiidromeda', ,Philomela', 
,Orfeo' und ,Proserpina', vier grossere historische Gedichte: 
,San-Isidor', ,La Dragontea', ,La corona tragica' und ,La 
▼irgen de la Almudena', ein komisches Heldengedicht unter 
dem Namen des Tome de Burguillos: ,La Gatomaquia^, 
mehre beschreibende und didaktische Gedichte, wie ,La 
descripcion de la Tapada% ,E1 laurel de Apolo% ,LaMada- 
lena% ,E1 nuevo arte de hacer comedias^ (eine Art Poetik 
oder Dramaturgie), eine Unzahl von Sonetten, Romanzen, 
Oden, Elegien, Episteln etc., mehre Werke theils in Versen, 
theils in Prosa, acht Novellen in Prosa. Sein Hauptruhm 
besteht in seinen Komödien, deren bis 1632t, wo er auf- 
horte fiir die Bühne zu schreiben, über 1500 fertig waren, 




232 Zweites Buch. Ethnodoktologie. - 

doch sind nur 320 in der Sammlung seiner ,Comedias^^ 
1604 — 47, im Druck erschienen. In jeder Stoff- und Stil— 
gattung des Dramas hat er Ausgezeichnetes geleistet. Er^ 
soll 21,346,000 Verse geschrieben halben. Für seine Komö- 
dien soll er 80,000 und für seine Autos 6000 Dukaten Ho- 
norar erhalten haben. 

Uebersetzangen einiger Dramen von Malsburg , Soden, Dohm, Schcick. 
Analysen von il4 Stücken gab Enk in seinen Stadien über Vega, 4839, und 
Richard Uebersetzungen seiner Romane nnd Novellen in: Lope's romantischen 
Dichtungen, 4824—27. Seine Werke Madrid, 4776 fg., 2Qaartbde., ohne 
die dramatischen Werke, die noch nicht alle gedruckt sind. Sein Schüler 
MoNTALVAN: Fama posthuma a la vida y muerte de Lope de V., 4636. 
Lord Holland : Some accoant of the life and writings of L. d. V. , 4 806. 

§. 387. Calderon de la Barca aus Madrid (4604—87), 
das grosste poetische Genie, welches der Katholicismus 
hervorgebracht, der katholische D.ichter par excellence *. 
Im Ganzen sind von ihm 428 Dramen, heroische Komödien, 
historische Schauspiele, romantische Tragödien (obenan: 
,Der standhafte Prinz^), Intriguenstücke, 95 Autos sacra- 
mentales, 200 Loas, 400 Sainetes*. 

^ Urtheile über ihn von Schlegel, VaL Schmidt (Wiener Jahrb. d. Lit., 
4822, XVII fg.), Schock, J. Schmidt (Gesch. d. Romantik), Zimmermann 
(Zur Gesch. d. Poesie, 4847), F. v. Räumer (Hist. Taschenb., Neue Folge, 
3. Jahrg.), Immermann (Deutsche Pandora, Bd. 3). — ' Vollständigste 
Ausg. d. Schauspiele zu Madrid 4683 — 89, db Apuntbs 4760 — 63, Keil 
4 820 fg. Meisterhafte Uebersetzungen einzelner Stucke von A, W, Schlegel 
in seinem Span. Theater, Gries, Malsburg. Auf die deutsche Bühne brachten 
ihn Goethe und Schlegel. Von Eichbndorff, Zur Gesch. des Dramas, 4854. 

§. 3S8. Zwei Hauptrichtungen der Prosa: Streben 
nach Concision und Eleganz der Form, den antiken Mustern 
entsprechend, und Entwickelung des NationalstUs nach Men- 
doza's Vorgange. 

Treffliche Leistungen für die Novelle und den Roman 
(Flut von Ritterromanen): Timoneda (,Patranos', 1576), 
Aleman (f nach 1600), Guevara, 1574 — 1646, u. A. Histo- 
rischer Roman: Hita, Yega. Religiöser Roman der Nonne 
Agreda (f 1675). 

Didaktiker: Guevara (f 1544), Oliva (f 1533), Mexia 
(t 455S), Las Casas (1474 — 1566: Sklavenhandel), Ant. 
Perez (f 1611), Diego de Saavedra (f 1648), Gracian 
(f 1652: Gongorismus). 

Historiker: Avila (Feldzüge Karl's V.), Ocampö 
(f 1576? Urgeschichte Spaniens) und seine Nachfolger 
Morales , 1513 — 90 , und Molina. Zurita ( 1 51 2 — 80 : ,Anales 
de la Corona de Aragon') und sein FortÄctzer Argensola 



Siebenundzwanzig 8tes Capiiel. Spanien. 233 

(auch die Eroberung der Molokken). Garilay (f 4600?) 
und Sylva, Graf von Portalegre, beachteten den Zusammen- 
hang der spanischen und portugiesischen Geschichte. Coloma 
(Geschichte der Kriege in den Niederlanden, 1588 — 99). 
Moncada (1586 — 1635: Expedition gegen die Türken und 
Grriechen). Mariana (1537 — 1623: allgemeine Geschichte 
Spaniens). Herrera (1549 — 1625: Westindien). Xeres 
(,Hist. de la conquista del Peru'; deutsch von Külb) und 
sein Fortsetzer Zarate. Castillo (,Hist. verdadera de la con- 
quista de la nueva Espana'; deutsch von Rehfues) und sein 
Fortsetzer Gomara, Torquemada, Clavigero, Ant. de Solis 
(1610 — 86: ,Hist. de la conquista de Mexico^ 1684; deutsch 
von Föi^ter). Melo (,Hist. de los movimientos, separacion 
y guerra de Cataluna en tiempo de Felipe IV.', 1621 — 65). 

§. 389. Vierte Periode. Die letzten 150 Jahre. 
Eindringen der modernen, besonders franzosischen Bildung 
in Spanien mit der Thronbesteigung des Hauses Anjou ^. 
Den französischen Kunstton forderte Luzan (seine ,Poetik', 
1737, f 1754), dagegen war Vertreter der Nationalliteratur 
Ghtrcia de la Huerta (f nach 1787). Gemässigte Reforma- 
toren: Moratin, Cadahalso, Iriarte (f 1794), Cienfiiegos, 
Gunitana. Zamora^s ,Don Juan% 1722. 

Neuer Aufschwung durch die franzosische Invasion; neue 
Productionsepochen 1812, 1820, 1834: Martinez de la Rosa, 
Angel de Saavedra, Breton de los Herreros; die Neuesten: 
Tapia, Maury, Hartzenbusch u. A. ^. 

Wiederbearbeitung der Romanzen- und Sagenpoesie durch 
Saavedra, Mora, Zorilla u. A. Im Drama Nachahmung fran- 
zosischer, britischer und deutscher Muster: Moratin (f 1828) 
u. A. ,Graleria dramatica^ und ,Teatro modemo^ 3. 

Ausgezeichnete Prosaisten auf den Gebieten der histo- 
rischen Disciplinen, der Geographie und Statistik. Marques 
de San-Felipe (f 1726: Geschichte des Successionskriegs), 
Isla, 1 1781, Clavijo, 1726—1806, Campomanes, 1725— 1803, 
Munoz (1745 — 99: beste Geschichte der Entdeckung und 
Eroberung Amerikas), Conde (1770 — 1820: Geschichte der 
arabischen Invasion), Llorente (1757 — 1823: Geschichte 
der spanischen Inquisition in französischer Sprache), Tapia 
(Culturgeschichte Spaniens seit 711, 1840); Toreno, Ar- 
guelles und Maldonado schrieben die Geschichte des Unab- 
hängigkeitskriegs, 1835 — 37. Gunitana: ,Vida8 de Espafio- 



334 Zweites Buch. Ethnodohtoloqie, 

les celebres/ Navarrete: ,Coleccion de los Tiages y desca" 

brimientos/ 

1 Der Spanier Mora schildert das Verderben jeoer Zeit. Blätter zq^ 
Kritik d. Lit. d. Auslandes, 1840. — ^ Ochoa, Apuntes para una biblio^ 
teca de escritores espanoles contemporaneos, 4840 fg. Brinokmbibb, Natfo" 
nallit. d. Spanier im 49. Jahrb., 4850. — ' Ueber einige spanisch -ameri^ 
kanische Dichter: Heredia, f 4839, Imjillo, Alpuche, f 4844, MilaneSy 
den Mulatten Placido, f 4844, finden sich im Juliheft der Blätter für lit. 
Unterhaltung, 4850, Nachrichten; Thaies Bemard im Athenaeum fran^s 
und Magazin für die Lit. des Auslandes, 4855, Nr. 56. 

§. 390. Die wissenschaftliche Literatur hat sich in 
Spanien weniger glänzend entwickelt als die National- 
literatur; geistlicher und weltlicher Druck haben besonders 
den Aufschwung der Philosophie gehindert. Der Dia- 
lektiker Raimundus Lullus aus Palma auf Majorca, 4234 — 
1315 ^; in neuester Zeit der Philosoph Jaime Balmes. 

Auch die wissenschaftliche Theologie erlag der Inqui- 
sition und dem Jesuitismus: Isidorus Hispalensis aus Carta- 
gena, geb. 636^; in neuester Zeit Bibelübersetzung von 
Torres Amat, Felipe Scio de San-Miguel und Gonzalez 
Carvajal; Villanueva 1834, Romo 1843. 

Die Rechtswissenschaft und Politik sind gleichfalls 
erst in neuester Zeit angebaut^: Donoso, Cabarrus, Canga- 
Arguelles, Florez Estrada. 

Verdiente Mediciner erhielt Spanien erst im 18. Jahrh. 
Botaniker: Cavanilles, f 1804, Ruiz, Rojas Clemente, Azara, 
Lagasca und Ruiz y Pavon. Zahlreiche Mineralogen. Konigl. 
Akademie der mathematischen und Naturwissenschaften zu 
Madrid, 1847. Mathematiker: Navarrete, Lista u. A. Unter- 
geordnete Stellung der Philologie: Salva. 

Scientifische Journale und Encyklopädien seit 1842 in 
Madrid und Barcelona. Juan Penalver: ,Panlexicon^, 1842. 

» S. Werke von Salzinobr, 4724—42, in 40 Bdn. — * S. Werke 
von Favbtvs Asbyalo, 4797 — 4803) 7 Bde. — ^ Coleccion de Cortes 
de Leon y Castilla von der Akademie d. Gesch. , 4 836 — 43. 



Achtundzwanzigstes Capitel. 

Portugal. 

§. 391. Sprachlich gehört zu Portugal die ganze Nord- 
westküste der Pyrenäischen Halbinsel. Im Vergleich mit 
dem Castilianischen enthält das Portugiesische eine grossere 
Beimischung des Französischen aus den Zeiten Heinrich^s 



Achlundzwanssigstes Capüel. Portugal 235 

von Bargund (1 1 09), geringere des Arabischen ^ Die älteste 
rein portugiesische Urkunde ist mit era 1230 = 1192 ge- 
z^chnet^. Die Mundarten von Galicia, Minho und Beira. 

1 Untersuchangen von Fbano. de Santo -Luiz, 1827, und Jolo de 
SoüSA, 4830« NuNEz DE Leon, Del origen de la lengua portuguesca, 
4 606. Thätigkeit der Akademie der Wissenschaften zu Lissabon for Gesch. 
<].. portogies. Sprache. — ' Ribeibo's Urkundensammlung, il9S> Santa- 
ÜosA DB ViTBBBO, Elucidario, 1798. Das beste Wörterbuch von dem 
Brasilianer Antonio de MobXes Silva, 4789* Solano Constancio, 
Kritisch -etymolog. Wörterbuch, 4836, und Sprachlehre, 4834. Die beste 
Orammatik von Babboza, 4830, für Deutsche die von Aldoni, 4843. 
■Koqübttb, Dict. Portugals -fran^., 4853. 

§. 392. Die Verschiedenheit in dem Charakter und der 
Literatur der beiden stammverwandten Hauptyolker der Pyre- 
näischen Halbinsel ist theils in den geographischen, theils 
in ihren Mischungsverhältnissen mit fremden Nationalitäten 
begründet. Im Vergleich mit der spanischen entbehrt die 
portugiesische Literatur fast ganz und gar der Ori- 
ginalität, und man kann ihre Entwickelungsperioden vor- 
zugsweise nach den sie bestimmenden fremden Einflüssen 
eintheilen. So bildete sie sich in der ersten Periode bis 
zum 14. Jahrh. unter dem Einfluss der provenzalischen 
Kunstpoesie; in der zweiten bis zum Anfang des 16. Jahrh. 
unter dem spanischen Einfluss; in der dritten bis in die 
Mitte des 48. Jahrh. nach classischen, italienischen und 
spanischen Mustern; endlich in der vierten Periode nach 
dem Vorbilde der classisch- franzosischen, der englischen 
und der modern -europäischen Literatur überhaupt. Die 
charakteristischen Grundzüge der indigenen portu- 
giesischen Poesie. sind süßsliche Weichheit, melan- 
cholische Vagheit, elegische Sentimentalität, wie 
der Nationalcharakter. 

Quellen zur Literaturgesch. sind Machado's Bibl. lusitana historica, 
critica e chronologica, 4744 — 52; Cejo*s commentirte Bibl. historica de 
Portugal, 4804; der akademische Catalogo dos livros, 4799; die Memoria» 
de lit. portugueza der lissaboner Akademie d. Wiss. Literaturgesch. von 
Gabbbtt durch seine historisch -kritische Einleitung zu dem Parnaso lusi- 
tano, 48il6. Boutbbwek, Bd. 4; Sismondi , Gap. 36 — 40. Denis, Resume 
de l'hist. litteraire du Portugal, 4826, und Chefs -d'oeuvre du theätre portug., 
4823. Bbllebmann, Die alten Liederbücher der Portugiesen, 4840. 

§. 393. Erste Periode: bis zum 14. Jahrh. Volks- 
poesie, später in Liederbüchern (Cancioneiros) gesammelt, 
bis in das 8. Jahrh. hinaufreichend: ,Trova8 dos Figueiredos', 
deren Sprache jedoch dem 15. Jahrh. anzugehören scheint: 
Coelho's (?) Lied auf den portugiesischen Cid, Gon^alo Her- 



236 Zweües Buch. Ethnodoktologie. 

miguez (4180); 260 Lieder in den ,Fragmento8 de hun» 
cancioneiro inedito^ 1823; des weisen Alfons X. geistliche 
Romanzen in altportugiesischer oder galicischer Sprache; 
Lieder des Königs Denis (Dionys des Gerechten, 1279 — 
1325; herausgegeben 1846). Die provenzalische Kunst- 
poesie zog mit Heinrich von Burgund und seinen südfran- 
zösischen Rittern 1109 ein. 

§.394. Zweite Periode: 14. und 15. Jahrhundert. 
Der Hof bleibt Centrum der poetischen Bildung Portugals 
und die portugiesische Literatur ist fast nur Abdruck der 
spanischen Redondilhas, Cantigas, Yilhancicos. Die Konige 
von Alfons IV. bis Emanuel d. Gr. (1325—1521) sind 
Dichter und Sänger. Macias der Verliebte (o namorado) 
wird der berühmteste Liederdichter des 1 5* Jahrh. genannt. 
Garcia de Resende gab in seinem ,Cancioneiro general' 
1516 Lieder von 150 Dichtem, als deren letzter und bedeu- 
tendster Ribeiro (1515) betrachtet wird, der Eklogen und 
den ersten portugiesischen Roman (,MeninaeMo9a^) schrieb 
und die Glanzperiode der Literatur Portugals einleitete. 

Anfang der Prosa durch Chroniken und den ,Amadis 
de Gaula' (oben §. 380). 

§.395. Dritte Periode, 1500 — 1750. Zu der den Ita- 
lienern nachgeahmten Schäferpoesie (Miranda, geb. 1495, 
und Montemayor) kam die Ritterromantik durch Moraes 
(ermordet 1572: ,Chronica de Palmeria de Liglaterra'). Fer- 
reira (1528 — 69) ist Haupt der regelmässigen Kunstschule 
und lieferte in seiner ,Inez de Castro' die erste portu- 
giesische Tragödie in classischem Geschmack. 

Luis de Camoens (1529 — 79) lieferte in den ,Lusiaden^ 
(os Lusiadas, d. i. Lusitanen, deutsch von Booch-Arkossy, 1 854) 
das erste neuere Nationalepos, eine glanzvolle Verherr- 
lichung des besonders in Ostindien erworbenen portugiesischen 
Heldenruhms, angeblich zum grossen Theil gedichtet in einer 
Grotte bei Macao *. Ausserdem schrieb er Sonette, Canzonen, 
Sestinen, Oden, Elegien, Eklogen, Stanzen, Redondilien, Epi- 
gramme, Satiren und drei Komödien (,Amphitruo' nach Plau- 
tus, ,König Seleucus' und ,Liebe des Philodem') ^. A. v. Hum- 
boldt nennt Camoens im eigentlichen Sinne des Worts einen 
grossen Seemaler (Kosmos, H, 59). 

1 Ausgabe von Socza Botblho und in fast alle Sprachen übersetzt: 
ins Spanische von Gomez de Tapia, Garsos und GH; ins Französische 



Achtundzwanzigstes Capitel. Portugal. 237 

^on MUliä; ins Italienische von Nervi und Briccolani; ins Englisclie von 
Mckle und Musgrave; ins Polnische von Przybylski; ins Deutsche von 
Donner. — ^ Obras completas von Barrbto Fbio und Montbiro, 1834' 
Biographien von Maqnin, 4844 ; Adamson, Memoirs of ,the life and writings 
of Luis Camoens, 1820. Camoens ist zum Gegenstande eines epischen 
Oedichts genommen (Camoes poema, 4825) von Almbida Garrbt. 

§. 396. Unter spanischer Herrschaft (1580—1640) auch 
Abhängigkeit von spanischer Literatur. Vasconcellos 
(f 1582): Lustspiele. Andrade Caminha (f 1589). Diego 
Bemardes (f 1596). Auch nach der Befreiung von spani- 
scher Herrschaft schreibt Mande Feria (f 1649) hauptsäch- 
lich castilisch. Lobo (Mitte des 16. Jahrh.) ist Dichter und 
besonders berühmter Prosaist, der den Ciceronianischen Pe- 
riodenbau einführte durch sein Werk ,Ueber das Benehmen 
eines Weltmanns', 1619. Barcellar ( 1 61 — 63) ist schmach- 
tender Elegiker. 

Die Prosa gestaltete sich in Novellen und Romanen 
und erreichte ihre Vollendung in Joäo de Barros' (1496 — 
1570) treflfticher Beschreibung der Thaten der Portugiesen 
in Ostindien. Denselben Gegenstand bearbeitete gleichzeitig 
Castanheda. Alfons von Albuquerque (f nach 1576) feierte 
biographisch die grossen Thaten seines Vaters. Brito (1 569 — 
1617): älteste Geschichte Portugals bis 1109. Andrada 
(t 1657): ,Vita de D. Joäo de CastroS 1651. 

§. 397. Vierte Periode: Franzosischer Einfluss. Pom- 
bal's aufgeklärter Despotismus im Kampfe mit dem alten 
Obscurantismus. Menezes, Graf Ericeyra, 1673 — 1741, ist 
der erste Nachahmer der Franzosen in seiner ,Henriqueida' 
(Stiftung des portugiesischen Staats). Academia portugueza, 
1714, gestiftet nach dem Muster der franzosischen; Dichter- 
gesellschaft der Arkadier nach dem Muster der romischen. 
Der portugiesische Horaz Correo Gar9äo. Komischer Sitten- 
maler Antonio Dinys da Cruz e Silva, 1 732 — 1 800. Dramatiker 
Gomez (,Inez de Castro^; deutsch von Wittich). Der Bra- 
silianer Claudio Manoel da Costa, 1768. Francisco Manoel 
do Nascimento (1734 — 1819), Repräsentant des strengen 
classischen Stils, Lyriker und Prosaist. Manoel Maria Bar- 
bosa da Bocage (1766 — 1805) ist der berühmteste und volks- 
thümlichste unter allen neuem portugiesischen Dichtern; sein 
Gongorismus oder Elmanismus. Elegiker Castilho (geb. 1 800). 
Garret: ,Pamaso lusitano', 1826, und ,Satyricos portuguezesS 
1834. — Constancio's Geschichte Brasiliens, 1838. 



238 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

§. 398. Die Wissenschaften behielten in Portugal bis 
in die neuesten Zeiten einen scholastischen Zuschnitt, ob- 
gleich Nunez ein ausgezeichneter Mathematiker war uncL 
Magellan als Reisender und Entdecker (1519 — 21) europäi- 
schen Ruf hat. Der freiere Aufschwung begann erst durch- 
die 1779 gestiftete Akademie der Wissenschaften. — Ferreira: 
,Magnum lexicon novissimum Lat. et Lusitan.^, 1843. 



§. 399. Das alte Dacien zwischen der Theiss, Donau, 
dem obem Dniestr und den Karpaten, also das ostliche 
Ungarn, Siebenbürgen, die Walachei, Moldau und Buko- 
wina umfassend, wurde von Trajan, 101 — 106, dem romischen 
Reiche einverleibt und mit römischen Colonisten bevölkert, 
welche die Stammväter der jetzigen Moldauer und Walachen 
in der Walachei, Siebenbürgen, Ungarn, im Banat und in 
der Bukowina geworden sind, wo die moldo-walachische 
oder daco-romanische Sprache geredet wird, die dem 
Lateinischen treuer geblieben zu sein scheint als die übrigen 
romanischen Sprachen, z. B. 

Lat.: iugnm, Daco-roman. : iugu, Ital.: giogo, Span.: yugo, Franz. :joag 

— locus, — — locu, — laogo, — Ingar, — Heu 

— piper, — — piper, — pepe, — pepo> — poivre. 

Körnbach, Studien über daco-roman. Sprache und Literatur, 4850. 
ScHERB, Literaturgeschichte, S. 284. 

Die Romanen in Siebenbürgen führten 1643 statt der bis 
dahin herrschenden slawischen die romanische Sprache in 
die Liturgie ein, und seitdem wurden in diesem Idiom Le- 
genden,* Predigten und Kirchenlieder geschrieben. Neuere 
Lyriker sind: Assaky, Rossetti, Negri, Sion. Didaktiker: 
Alexandresku. Humorist: Negruzzi. Satiriker: Alexandri. 

Die Geschichte des türkischen Reichs von dem Hospodar 
der Moldau Demeter Kantemir (1673 — 1723) ist lateinisch 
geschrieben. 

Zweiter Kreis. 

Germanische lilteraturen. 

§. 400. Drei Sprach- und Literaturgebiete sind es vor- 
zugsweise, die den grössten Einfluss auf die Civilisation 
der neuem Volker ausüben. Zwei davon gehören dem ger- 
manischen, eines dem romanischen Literaturkreise an. Die 
deutsche Literatur ist vor allen berufen, die von Goethe 



Neunundzwanzigstes Capitel. Grossbritannien, Irland u. Nordamerika, 239 

proclamirte Weltliteratur zu vermitteln, da sie unter allen 
Literaturen am wenigsten an nationaler Engherzigkeit leidet 
und das allgemein Menschliche am allseitigsten und rein- 
sten vertritt. Dennoch steht die Verbreitung der deutschen 
Sprache jener der franzosischen und englischen nach. Eng- 
land ist der Sitz einer stolzen Aristokratie, Prankreich hat 
die erbliche Aristokratie vernichtet; aber in ganz divergi- 
render Richtung ist die franzosische Sprache im weltmän- 
nischen Gebiet vornehmer Stäijde herrschend geblieben, wäh- ' 
rend die englische zur Volkersprache im Weltverkehr wird. 

AssoN, De rnniversalit^ de la langue franp., 1828> Marqoraff, 
Dentsche Literatur, Wissenschaft und Kunst im Auslande, in Bd. i'i der 
Brockhaus' sehen Gegenwart, 4856. 



Neunundzwanzigstes Capitel. 
GroBsbritannien, Irland und Nordamerika. 

§. 401. Grossbritannien ist nicht nur ein europäisches, 
sondern in der That ein Weltreich, die Stifterin eines Welt- 
staatensystems, die hauptsächlichste Griinderin christlich- 
europäischer Cultur ausserhalb Europas. Wachsmuth, ,Cul- 
turgesch.', m, 41—68. 

§. 402. Alphabet und Buchstaben dieser Sprache datiren 
aus römischer Zeit. In der Sprache selbst sind Urbestand- 
theile des Altbritischen, Celtischen oder Galischen. Ein- 
fiuss der Romer seit 50 y. Chr., der Angelsachsen seit 449 
n. Chr., des Christenthums seit Ende des 6. Jahrb., der 
Dänen seit 780, der Normanno -Franzosen seit 1066. Hof- 
und Staatssprache wurde das Englische seit Eduard IQ., 
4327 — 77. Ihre festere Begründung als Schriftsprache er- 
folgte durch die Uebersetzung der Bibel, 1535, und mehrer 
Werke des classischen Alterthums. 

Durch diesen Process wurde die englische eine der reich- 
sten Sprachen und durch Dichter und Redner, durch Schrift- 
steller und Künstler zugleich eine der gebildetsten und durch 
die Energie des englischen Nationalsinns eine der kräftigsten. 
Die reinsten Mundarten in London und Dublin. Die Volks- 
patois. Das nordamerikanische Englisch. 

Walkbb, Pronouncing dictionary, (33. A.) 4839. Flügel, Vollst. 
engl.-dent. Wörterbuch, (3. A.) 1844. Sporschil, Deutsch -engl. Wörter- 
buch, (2. A.) 1838. Sprachlehren von Waokbr 1823, Flcoel 1824, 
Lloyd 1841, Schmitz (3. A.) 1853. Ueber die Indianersprachen von 



240 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

Kord- und Südamerika: Ludwig, The literatnre of American aboriginal 
linguistics, seit \%b^. 

§. 403. Zur Literatur. 

Wabton, History of Engl, poetry, 4775—84 u. 4824, vom 44.— 46. Jahrh- 
reichend. Johnson, Lives of the most eminent Engl, poets, (neue A.) 4846* 
IsAAK d'Israbli, Curiosities of literature. Hazlitt, Literary remains, 4836- 
MoNTGOMBRT, Lccturcs on poetry and general literature, 4 833. Collibr, The 
bist, of Engl, dramatic poetry, 4834. Cunninoham, Hist. of Engl. lit. from 
Johnson to Scott , 4 833. Stanhopb Büsbt , Lecture on the Engl, poetry to the 
tlme of Milton. Chambers , Cyclopaedia of Engl. lit. , a hist. crlt. and biogr. 
of British autors , 4 844. Wright, Essays on the lit. , populär superstitions and 
hist. of England in the middle ages, 4846. Hallam, The hist. of mlüdle ages 
und Introduction of the lit. of Europa in the 45^ Century, 4837. Craik, 
Sketches of the hist. of lit. and leaming in England , 4 844. Ellis , Speci • 
mens of the early Engl, poets, (5. A.) 4845. Der Italiener Pbcchio: Storia 
della poes. ingl., 4837. Der Franzose Chateaubriand und die Bevues. 
Eschbnburg's Auszug aus Warton als Bd. 3 der Nachträge zu Sulzer. 
Femer die öfter genannten Literaturwerke, auch Herder in seinen Stimmen 
der Volker in Liedern. Talyj, Geschichtl. Charakteristik der Volkslieder 
german. Nationen (über engl. Volkslieder S. 473 — 64 4), 4840. Fiedler, 
Gesch. der volksthüml. schottischen Liederdichtung, 4846* Ellissen, Poly- 
glotte der europ. Poesie. Die englischen Reviews, die deutschen Blätter 
zur Kunde der Literatur des Auslandes seit 4836. Magazin für Literatur 
des Auslandes. Hbrrig und Vibhoff, Archiv für das Studium neuerer 
Sprachen und Literaturen. Bbnsch, Gesch. d. engl. Spr. u. Idt. von den 
ältesten Zeiten bis zur Einführung der Buchdruckerkunst, 4853. W. Spal- 
DiNo, G^ch. d. engl. Lit. nebst Proben aus den bedeutendem Schriftstellern 
und einer Entwick^lungsgeschichte der engl. Spr., deutsch 4 854. BGohner, 
Gesch. d. engl. Poesie von der Mitte des 4 4. bis zur Mitte des 49. Jahrb., 4855. 
DuRR*s Collection of Standard American authorsj seit 4855, enthält: Bird, 
Bryant, Coopeb, Curtis, Emerson, Franklin, Harland, Hawthornb, 
LoNGFELLow (dcsscu Hiawatha die bedeutendste Dichtung in engl. Sprache, 
die seit Jahren erschienen ist; deutsch von BöUger)f MarveIi, Poe , Presoott, 
Sparks. Die deut. Uebertragungen, welche bei Kollmann erscheinen, wurden 
eine massige Bibliothek füllen. Hettnbr, Literaturgesch. des 4 8. Jahrfa., 4 856 : 
Thl. 4 : Gesch. d. engl. Lit. v. 4660—4770; Thl. 2: franz., Tbl. 3: deut. Lit. 
TrGbneb, Bibliographical guide to American literature etc., 4855. London- 
catalogue of books published in Great-Britain from 4834 — 55. 

§. 404. Bei den celtischen Völkerschaften, deren Reste 
die Iren und Galen sind, waren die mit dem Dmidenthum 
zusammenhängenden Barden die Träger der geistigen Cultur. 
Der Stifter ihres Ordens wird Meriin genannt (oben §. 320). 

Die Gesänge Ossi an 's durch Maopherson (4738 — 96) gesammelt, 
deutsch von Denis, Ahlwardt, Böttger; die Unechtheit der Lieder Ossian's 
von der Talyj, 4840. Rosenkranz, Gesch. der Poesie, S. 276 fg. Proben 
von echten alten irischen Yolksballaden und Bardenliedern bei 
Walker: Historical memoirs of the Irish bards und in der Miss Brooke: 
Relicks of Lrish poetry, darunter die Ballade von Eonig Finn's Jagd 
(Original und Verdeutschung bei Ellissen, I, 4 8 fg.). Der blinde Ire Turlough 
O'Earolan, 4670 — 4738, der Gäle Bobert Mackay, genannt der Blaue Bob, 
4744 — 78, sind die letzten Volksdichter celtischen Stammes (oben §.344). 
San Martb, Die Sagen von Merlin, 4853. Mittheilungen über den Outlaw 
Robtn Hood und die Robin -Hood- Balladen von Güth, Hdntbr, ^tienne 
in der Revue des deux mondes, 4. Oct. 4854. 



NeunuHdzu>anxig$te$ CapüeL Grosabritannien, Irland u. Nordamerika, 241 

§. 405. Kymrische* Bardengesänge in Wales und 
Comwallis. 

In den Sammlangen von Jones, Williams nnd Owen: Myyyrian 
archaiology, 4804; Evans, Specimeiis of the ancient Welsh poetry, 4764. 
Die Hen Chwedlau (alte Geschichten) und die Mabinogion (Jngendunter- 
haltnngeii) von Charlotte Guest enthalten walisische Dichtungen in Prosa, 
meistens ans den Sagen von Artus nnd seiner Tafelrunde. 

§. 406. Literatur unter den Angelsachsen, 449 — 1066. 
Caedmon's (f 630) ,Lobgesang auf Gott% dichterische Be- 
arbeitung mehrer Stücke des Alten Testaments und des neu- 
testamentlichen Mythus von der Ueberwältigung der Hölle 
durch Christus (Ausgabe von Bouterwek 1849). Bruch- 
stück von ,Judith und Holofemes^. Heiligenlegenden des 
Abtes Cynewulf im 10. und 11. Jahrh. Das ,Lied von 
Beowulf' ist das älteste germanische Heldengedicht (von 
Ettmüller 1840). 

Die Volkfiballadendichtung sammelte Percy (4765, 4807 n. 4839). 
Uebersetznngen von Herder, Talvj, Wolff, Bkda's, Ddnoan's und König 
Alfbbd's (874 — 904) Schriften. Die angelsächsische Chronik. Wulf- 
stan's Reisebericht (oben §. 340). 

, §. 407. In der normannischen Periode, 1066 — 1328, 
Hof- und Volkspoesie; bei Hofe die Trouv^res und Jongleurs, 
im Volke die Minstrels. Bb. von Gloucester dichtete 1280 
die Reimchronik von England. Das aus 14,696 Halbversen 
ohne Reim, aber mit Assonanzen, bestehende mystisch- 
satirische Gedicht des Mönchs Langland (1370?). Ein 
allegorisch -moralisches Gedicht von Gower, 1323 — 1408. 

Sammlungen von Ritsen 4802, Evans 4840, Ellis 4844 , Percy 4842. 

Vier Perioden der neuenglischen Literatur. 

§. 408. Die erste Periode, 1328—1558, beginnt mit 
Geoflley Chaucer (1328 — 1400) aus London, dem Vater 
der englischen Nationalpoesie; doch ist sein Verdienst mehr 
ein technisches als schöpferisches. Sein ,The romaunt of 
the rose^ ist eine englische Uebersetzung des berühmten 
altfranzosischen Romans von der Rose. Auch seine übri- 
gen Arbeiten (darunter ,Troilus and Cressida^) sind mehr 
oder weniger Nachbildungen der Alten und der Ita- 
liener, besonders Ovid's und Boccaccio^s. Seine ,Canter- 
bury-tales^ (deutsch von Kannegiesser 1829 und Fiedler 
1844) sind in dem sogenannten heroischen Versmass ge- 
schrieben, bestehend aus fünffüssigen gereimten lamben, 

Mehliur. 1 6 



242 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

abwechselnd mit Prosa. Seine Nachahmer sind kaum der 
Erwähnung werth. 

§. 409. Schottlands engere Verbindung mit Eng- 
land (1050, 1291 , vereint 1603 und 1706) erklärt die üeber- 
einstimmung der Landessprachen und die Gleichmässigkeit 
der Entwickelung und Ausbildung der Nationalliteratar, 
welche seit Anfang des 43. Jahrh. reich an Balladen und 
Liedern ist. 

Th. Lermont, 1283 — 1307: Epos ,Tristram'. John 
Barbour, 1316 — 96, besang die Thaten des Rb. Bruce 
(1306—21); Harry, 1361—1446, das Heldenleben Wal- 
lace's. Winton's (f 1420) Chronik. Konig Jakob^s L (geb. 
1393, regierte seit 1424, ermordet 1438) Lieder. Dunbar 
(1465 — 1530), Verfasser von drei allegorischen Dichtungen, 
ist der grosste schottische Dichter jener Zeit. 

Späterhin gänzliches Aufgehen Schottlands in die gesell- 
schaftliche und literarische Bildung Englands; nur die ge- 
lehrten Unterrichtsanstalten Schottlands haben sich den 
Federungen der neuern Zeit entsprechender entwickelt als 
die englischen. 

Reuss, Das gelehrte England, 4791; Nachtrag, 4804. Hbbrio, Hand- 
buch der französ. und engl. Nationalliteratur, 4856. 

§. 410. Zweite Periode, 1558 — 1702, darunter das 
berühmte Elizabethan age, 1558 — 1603. Beginn der weit' 
historischen Bedeutung Englands. 

Lieder und Balladen von Wyat, 1503 — 42. ,Songs and 
Sonnets^ des Grafen Surrey (enthauptet 1547) und Ueber- 
setzung einiger Stellen der Aeneide in ungereimten funf- 
füssigen lamben (Blankverse) , fortan Hauptmetrum der 
englischen Poesie. Sidney's (1554 — 86) Eklogenpoesie 
wurde fortgesetzt durch den ,Schäferkalender^ Spenser^s 
(1553 — 99). Sein allegorisches Epos: ,Die Feenkonigin^ 
(,The fairy queen'), in neunzeiligen iambischen Strophen 
( Spenserian stanza). Sein Fortsetzer Dray ton , 1563 — 1631. 
Sonstige Dichter jener Zeit: Walter Kaleigh, Nash, Taylor, 
Donne, Hall, Lily, der Schotte Lindsay (f 1567?), Waller, 
i 605 — 87. Cowley's (1618 — 67) ,DavideiV. John Milton 
aus London (1608 — 74): Ödes, Sonnets, Songs, Psalms, 
Miscellanies; ,The paradise lost^ in 12 Gesängen reimloser 
lamben, 1655 — 65 (eine Art von Gottlicher Komödie, aber 
^ine protestantische); ,The paradise regained% 4 Bücher^. 



Neunundzwanzigstes CapUel, Grossbritannien, Irland u. Nordamerika. 243 

Butler's (1612 — 80) komisches Epos ^HudibrasS 1665«. 
Das Drama und William Shakspeare, 1564 — 1616. 

' Deutsche Uebersetzung der Werke von Böttger seit 4843. Sein 
Leben von Hatley 4746 und Ivimet 4833. Ueber ihn Maoaulat, Bssays, 
II, 256 fg. — * Deutsch von SoUau 4798 und Eiselein 4846. 

§. 411. Dritte Periode, 1702-60. Um die Zeit der 
Konigin Anna (1702 — 14) erfuhr Englands schone Literatur 
eine zum Theil aus dem ernsten Charakter der Nation und 
aus der Berücksichtigung der franzosischen Literatur hervor- 
gegangene Umgestaltung, welche Witz, Verständigkeit und 
Correctheit an die Stelle dichterischer Genialitat setzte. 

Der Dichter Dryden (1631—1701) ist Begründer der 
englischen Kritik. Sein Dialog ,Ueber die dramatische 
Dichtkunst^ seine ,Fable8 ancient and modem% 1700, 
darunter die berühmteste Ode der englischen Literatur, 
das ,Alexauderfest' (Musik von Händel). Alx. Pope's aus 
London (1688 — 1744) Uebersetzung der Homerischen ,Ilias' 
und komisches Epos ,Rape of the lock', 1712^. Thomson's 
(1700 — 48) ,Jahreszeii;enS 1726«. Young's (1681—1765) 
,NachtgedankenS 1741». Cowper's (1731 — 1800) Lehr- 
gedicht ,The task' (,Die Aufgabe')*. Addison's (1672 — 
1719) und Steele's (1675 — 1729) Wochenblätter. Gay's 
Fabeln. Congreve's ( 1 672 — 1 729 ) Lustspiele. Swift's 
(1667 — 1745) Satiren und komischer Reiseroman ,Gxdliver's 
travelsS 1727*. Sein Freund Arbuthnot (f 1735) schrieb 
einen Commentar zu ,Gulliver'8 Reisen' und gab den Roman 
,John Bull' heraus. Macpherson's Ossianische Gedichte. 
Defoe's (1663 — 1731) ,Robinson Crusoe', 1719 (Fata eines 
schottischen Matrosen, Alx. Selkirk). Erweiterung der Ro- 
manliteratur, indem Richardson (1689 — 1761) und Gold- 
smith (1729 — 74) den moralischen Familienroman, Fielding 
(1707—54) den komischen, Sterne (1713 — 68) den humo- 
ristischen einführten. 

1 Seine Werke englisch 4806, deutsch von Böttger und Oslkers 4842. — 
» Deutsch von Schmitthenner 4822. — ' Deutsch von Benzel-Sternau 
\ g25. — * Darüber Kannbgibsseb in den Blättern zur Kunde der Literatur 
d. AnsL, 4840, S. 493 — 528. — * Seine Werke in London 4755, Edin- 
bnrg 4844; deutsch von Kottenkamp 4837. Reois, Swiftbüchlein, 4847. 

§. 412. Vierte Periode, seit 1760. Burns (1759 — 96) 
erhob die schottische Volksdichtung zur höchsten Vollen- 
dung und trug dadurch wesentlich bei zur Verjüngung der 
Nationalliteratur Grossbritanniens und zur Bereicherung der 

16* 



244 Zweites Buch, Ethnodoktologie, 

Weltliteratur *. Durch ihn angeregt traten an die hundert 
Volksdichter auf, darunter Joanna Baillie (f 1851), Walter 
Scott's Freundin, James Hogg (1772 — 1835), gewohnlich der 
Ettrickschäfer genannt, Tannahül (1774 — 1810), Cunningham 
(1784 — 1842), Motherwell (1797-1835), Nicoll (1814 - 37). 

Unter den neuesten Romandichtern erwarben sich euro- 
päische Berühmtheit Scott, Byron, Bulwer, Cooper, Moore, 
Marryat und Boz, und die Dichter gruppiren sich in Ro- 
mantiker (Byron, Moore, Shelley u. A.) und in Sentimen- 
tale (Wordsworth, Coleridge, Southey, Wilson u. A.). 

Walter Scott aus Edinburg (15. Oct. 1771 bis 21. Sept. 
1832) fand in Schottlands Natur, sowie in den Traditionen 
der schottischen und englischen Geschichte einen Quell 
unversieglicher Inspiration, und seine ganze poetische Thä- 
tigkeit bildet gleichsam eine unendliche, aber nie ermüdende 
Variation des Themas der Vaterlandsliebe. Er übersetzte 
Bürger's Balladen und Gothe's ,Gotz% schrieb dann Balla- 
den und Dramen, seit 1814 die Waverley- Novellen, so- 
dass 1831 74 Bände historischer Novellen (,Das Herz von 
Mid-Lothian^, ,Die Schwärmer', ,Die Braut von Lammer- 
moor', ,Die Legende von Montrose', ,Ivanhoe', ,Kenilworth', 
,Quentin Durward', ,Woodstock' u. s. w.) fertig waren. Unkri- 
tisch ist sein ,Leben Napoleon's', 1 827. Geschichte Schott- 
lands und literarhistorische Arbeiten. Seine Werke wurden 
nicht nur in fast alle gebildeten Sprachen oft zehn- und mehr- 
fach übersetzt, sondern auch vielfach nachgedruckt. Sein 
Leben von seinem Schwiegersohn Lockhart in 10 Bdn., 1839; 
deutsch im Auszuge von Brühl 1839. 

Beschreibende Didaktiker: Crabbe, 1754 — 1832. Words- 
worth (1770 — 1850) gilt gewohnlich für das Haupt der so- 
genannten Seeschule (Lake-school), deren Dichter (Lakers) 
Seescenen zu schildern pflegen. Coleridge (1775 — 1834): 
Romanze ,Genevieve' (deutsch von Plonnies), Autobiograph, 
1817. Southey (geb. 1774), Hofpoet seit 1813, auch Hi- 
storiker. Wilson, geb. 1789. 

Von der Didaktik zur Romantik gingen über Rogers, 
4765 — 1832, und Campbell (geb. 1777). Femer Th. Moore 
aus Dublin (geb. 1780), Anakreontiker und Satiriker: 
,Lalla Rookh, an Oriental römance^ bestehend aus vier poe- 
tischen Erzählungen (,Der verschleierte Prophet von Kho- 
rassan^ ,Das Paradies und die Peri^ ,Die Feueranbeter', 



Neunundzwanzigstes Capitel, Grossbritannien, Irland u, Nordamerika. 245 

,Da8 Licht des Harems'), um welche sich eine kurze, in 
Prosa geschriebene Liebesgeschichte als anmuthiger Rahmen 
legt (seine poetischen Werke deutsch von Oelkers, 1839). 
Sein Buch über Byron, 1830, gibt nur schwachen Ersatz 
für das durch ihn vernichtete Manuscript von Byron's Denk- 
würdigkeiten. 

George Byron -Gordon aus London (oder Dover, oder 
Schottland? 1788 — 1824) seit 1798 Lord und Peer, in misan- 
thropischer Stimmung durch das Misgeschick eines Klump- 
Aisses, 1809 — 11 im Orient: ,Childe Harold's pilgrimage^ 
1811 — 17; poetische Erzählungen: ,The giaour', ,The bride 
of Abydos^ ,The corsair*, ,Hebrew melodies', ,The siege 
of Corinth', ,Parisina'; komische Erzählung ,Beppo'; Epos 
,Don Juan' u. A. *. Sein Freund Shelley (geb. 1792, er- 
trank im Mittelmeer 1822) ist der letzte der bedeutendem 
Poeten Englands. Felicia Hemans, 1794 — 1835, und Eliza- 
beth Landen, 1804 — 38. 

Der Amerikaner James Fenimore Cooper (geb. 1789 zu 
Burlington am Delaware) ist gross in der Schilderung des 
Lidianer- und Ansiedlerlebens, in der Beschreibung der 
primitiven Sitten und Bräuche seines Landes, in der Dar- 
stellung amerikanischer Naturscenen (,The last of the Mohi- 
cans', ,The prairie'); auch ist er Schopfer des modernen See- 
romans (,The pilot' u. A.). Der Seenovellist Marryat. Lady 
Morgan schildert Irlands Sitten, Reisewerke. Der Humorist 
Charles Dickens, genannt Boz (geb. 1812): ,Sketches of 
London^ und ,Pickwick-papers^ Washington Irving aus 
Neuyork (geb. 1783), Humorist (,Sketch-book', ,Brace- 
bridge- Halls ^Tales of a traveller% ,The Alhambra^) und 
Historiker (,Leben des Columbus' u. A.). Geographische 
und ethnographische Romane der neuesten englischen Lite- 
ratur. Bulwer's (geb. 1803) antiquarische und historische 
Romane (, Eugen Aram', ,Rienzi% ,Die letzten Tage von 
Pompeji^ ,Athen'). 

' Ueber ihn Walter Scott's Schwiegersohn Lockhart: The life of 
Rob. Borns, 1828, und Fiedleb in seiner Gesch. d. schott. Liederdichtung, 
I, 138 — 255. Seine poet. Arbeiten sind in vielen Ausgaben erschienen und 
ins Deutsche übertragen von Gerhard, Kaufmann, Bockelmann, Heintze, 
Freiligrath und Fiedler. — * Ueber sein Leben Hunt und Moore, Med- 
wiNS, Salvo, Lady Blessington, Müller in den Zeitgenossen, 1817, 
WiLLKOMM*s biogr. Roman Lord Byron. Uebersetzung des Childe Harold 
Yon ZedUtz^ der Dramen und lyr. Gedichte von Pfitzer, des Manfred und 



246 Zweites Buch, Elhnodoktologie, 

9 

Gianr von Hüscher, sämmtlicher Werke in der zwickauer, frankfurter 
(redigirt von Adrian), Stuttgarter und leipziger (von Bötlger) Ausgabe. 
Die beste Originalausgabe 4842. Das grosse belletristisch -realistische 
Dioskurenpaar Englands ist Dickkns und Thackbray. 

§. 413. Die Bühne (zu Holywell 1570, Druiylane, 
Lincolns -Inn-Fields, Coventgarden) und das Drama (Ger- 
vinus, 1844 fg., und Ulrici, I, 1 — 100) geht, wie in an- 
dern Ländern, aus dem Katholicismus hervor: Mirakel- 
Spiele (Miracles oder Plays of miracles), moralische Spiele 
(Morals oder Moral plays). John Heywood's Zwischenspiele 
(Interludes) seit 1525. Heinrich's VÖI. Parlamentsacte 1543 
gegen Schauspiele, aufgehoben durch Eduard VL 1547, er- 
neuert durch Maria 1553 und 1556 Aufhebung aller dra- 
matischen Vorstellungen. Elisabeth's Reformen: erster Frei- 
brief, 10. Mai 1575, für Leicester's Schauspieler. Blüte des 
englischen Dramas zwischen 1580 und 1620. 

Das romantische oder historische Drama (History 
oder Chronicle history): UdalPs (f 1557) ,Ralph Royster 
Doyster^ (Schilderung der Liebesmisgeschicke eines lon- 
doner Gecken), 1550; ,Romeo and Juliet% 1560; Nort'on's 
,Ferrex and Porrex', 1561 ; Hughe's ,The misfortunes of Ar- 
thurS 1587; Gosson: ,SchoolofabuseS 1579; Lily, 1554 — 98; 
Lodge, 1556 — 1616; Peele, f ^5^8; Greene, f ^592; Kyd: 
,The Spanish tragedieS 1599; Marlowe (f 1593): ,Tragical 
history of the life and death of Doctor Faustus' (deutsch 
von Müller, 1818). 

§. 414. William Shakspeare aus Stratford am Avon 
in der Grafschaft Warwickshire (1564 — 1616) übertraf alle 
Vorgänger und blieb den Nachfolgern unerreichbar; der 
dramatische Homer; seit 1589 Theilhaber am Globus- und 
Blackfriars- Theater; seine Blütezeit 1597—1606. Unter 
seinen Stücken sind die fünf Trauerspiele ,Macbeth^ 
(die Tragödie des Ehrgeizes; seit Aeschylos' ,Eumeniden^ 
die furchtbarste), ,Konig Lear' (die des Mitleids), ,Othello' 
(die der Eifersucht), ,Hamlet' (hier bildet der Gegensatz 
der Charakterschwäche zur erfoderten Thatkraft das Tra- 
gische) und ,Romeo und Julie' (nach Lessing das einzige 
^Stück, das die Liebe dictirt hat) die berühmtesten und durch 
meisterhafte Schilderung der Leidenschaften ausgezeichnet- 
sten. Unter den Lustspielen gehören drei ganz der Phan- 
tasiewelt an: der ,Sommernachtstraum', der ,Sturm' und 
das ,Wintermärchen'. Seine übrigen Lustspiele sind meist 



Neunundzwanzigstes Capilel, Orossbritannien, Irland u. Nordamerika. 247 

aus Novellen entlehnt, darunter die beliebtesten der ,Kauf- 
mann von Venedig^ und ,Mass für Mass; ,Die beiden Edel- 
leute von Verona^, ,Die Irrungen', ,Die gezähmte Keiferin^ 
, Verlorene Liebesmühe', ,Ende gut. Alles gut', ,Viel Lärm 
um nichts', ,Wie es euch gefällt', ,Was ihr wollt', ,Die 
lustigen Weiber von Windsor'; ,Cymbeline', ,Timon von 
Athen', ,Troilus und Cressida'. Es folgen 13 geschicht- 
liche Schauspiele: drei aus der romischen Geschichte 
nach Plutarch: ,Coriolan', , Julius Cäsar' (das eigent- 
lich Brutus heissen sollte und den ersten Kang einnimmt), 
,Antonius und Cleopatra*. Die zehn aus der englischen 
Geschichte geschöpften nennt Schlegel nur Ein Werk, ein 
historisches Heldengedicht in dramatischer Form. Acht 
unter ihnen, von Richard 11. bis Richard III. (1377 oder 
1399 — 1485), umfassen die Zeit der Rosenkriege; diesen geht 
Konig Johann (1199 — 1216) voran und Heinrich VHI. (1509 
— 47) folgt als Epilog. Ausserdem haben wir von ihm zwei 
erzählende Gedichte: ,Venus und Adonis', 1593, und , Raub 
der Lucretia', 1 594 ; lyrische Gedichte 1 599 und Sonette 1 609. 

Ausgabe seiner Werke von Stbevems und Johnson 4803, Collier 1843. 
Deutsche Uebersetzungen von Wieland, Eschenburg, A. W, Schlegel, Tieck, 
Benda, Fo«» und seinen Söhnen , Jul. Körner, Böttger, Fischer, Simrock, 
Ortlepp, Rapp und Keller, Zur Kritik des grossen Dichters Enioht 4849, 
Ulbici 4847, Gbbvinus 4849, Schlegel, Tieck, Rötscheb, Dbliüs seit 
4854 (Hamlet, Othello, Lear), Eckardt in Bern seit 4854 u. A. Die deutsche 
Bühne eröffnete ihm Schröder, 

§. 415. Nach ihm zerfallen die Dramatiker in zwei 
Kategorien: in volksthümliche : Munday, Chettle, Hey- 
wood, Dekker, Chapman, Middleton; und in gelehrte: 
Ben Jonson, 1573 — 1637; Beaumont, 1586—1616; Pletcher, 
1576 — 1625; Ford, 1586 — 1650, u. A. 

Einer spätem Periode gehören an: Dryden, 1631 — 
1701; Davenant (1605 — 68 ), mit dramatischen Opern ^ ; 
Otway, 1651—85; Lee, 1657 — 93; Rowe, 1673 — 1718; 
Herzog von Buckingham (f 1721); Shadwell (1640-92: 
^Libertine' ist die Geschichte des Don Juan); Cibber, 1671 — 
1757; Congreve, 1670 — 1729; Farquhar, 1678 — 1707«; 
Garrick, 1716-79; Sheridan (1752 — 1816: ,The school for 
scandaP, 1777). 

Aus neuester Zeit: Coleridge, Scott, Byron, Bulwer, 
Knowles, Milman u. A. 

1 HooABTH, Memoirs of the musical drama, 1838. — ^ Hawkins, 
The origia of the English drama, 1773. 




248 Zweites Buch. Elhnodoktologie. 

§• 416. Die Prosa in späterer Ausbildung, seit 
Mitte des 46. Jahrb. Die Gescbicbtscbreiber Daniel und 
Walter Raleigb sind die ersten Prosaisten. Milton^s ,De- 
fensio pro populo Anglicano^, 1649. Algemon Sidney 
(1622 — 83): ,Tbeorie des Staatsrechts'. Hobbes, 1588 — 
1679. Baco von Verulam, 1560 — 1626, Englands Stolz. 
Neper (f 1617): Logarithmen. Harriot (f 1621): Algebra. 
Gilbert (f 1603): Magnetismus. Harvey: Kreislauf des 
Bluts, 1619. 

Meisterwerke historischer Kunst sind Hume^s (1711 — 
76) ,Geschichte von England' (bis 1688), Robertson's (1721 

— 93) ,Geschichte Kaiser KarFs V.', Gibbon's (1737—94) 
,Gescliichte des Verfalls und Untergangs des römischen 
Keichs', Macaulay^s ,Geschichte Englands'. 

Die politische Beredtsamkeit, durch die V erfassimg des 
Landes gefordert, gelangte zu gediegener Entwickelung, 
besonders durch den altem Pitt (Chatham, 1708 — 78), den 
Jüngern Pitt, 1 759 — 1 806 , Burke, 1 730 — 97 , Canning, f 1 827, 
Peel, Kussell u. A. 

Forderung der Studien des classischen Alterthums, 
dem sich seit Ende des 18» Jahrh. eine fruchtbare Beschäfti- 
gung mit der Sanskritliteratur anschloss, durch BenÜey, 
1662—1742, und Person, 1759 — 1808. 

Die durchaus praktische Richtung des englischen Natio- 
nalcharakters gibt sich am meisten kund in der Bearbeitung 
der Philosophie: Alcuin, Erigena Scotus (geb. tun 833, 
in Oxford unter Alfred d. Gr., 877) ^, Anselm von Canter- 
bury, 1033 — 1109 2, Alexander von Haies (f 1245), Doctor 
irrefragabilis, Duns Scotus (1245 — 1308), Doctor subtiUs, 
Occam (f 1343 oder 1347), Doctor singularis et invincibilis, 
Buridan (f nach 1358, sein Esel), Bacon, Locke, 1632 — 
1704, Hume, Shaftesbury, 1670 — 1713, Adam Smith, 1723 

— 90 , Ferguson j 1 724 — 1814. Der Mathematiker Isaak 
Newton, 1 642 — 1 727. Der Astronom Herschel, 1 740 — 1 820. 
Die Physiker Cavendish, 1733 — 1810, und Pristley, "l 733 — 
1804. In der Medicin wurde Brown (f 1788) Schopfer eines 
neuen (des Erregungs-) Systems. Forderung der Geogra- 
phie durch Reisen, Entdeckungen und Gesellschafben. 

Die oflfentlichen und Privatvereine zur Forderung der 
Künste und Wissenschaften. Royal society in London. 
Zeitschriften und Vorlesungen. ,The annual register* und 



Dreisaigstes Capitel. Niederland. 249 

,The new annual register'. Tytier und Napier: ,Encyclo- 
pedia Britannica* (3^ Bde., HT^— 1842). 

1 lieber ihn Studbnmatbr 4834- — ' Ueber ihn Fbakk 4842. 



Dreissigstes Capitel. 
Niederland. 

Ohne Artikel, nach Niebahr, Nachgelassene Schriften nicht philolo- 
gischen Inhalts, S. 381. 

§. 417. Gegenwärtig kann man in dem Gesammtgebiet 
der Niederlande zwischen den Dunen der Nordsee und den 
Stromgebieten des Rhein, der Scheide, Maas, Yssel und 
Ems fünf wesentlich verschiedene Mundarten der 
niederdeutschen Sprache annehmen: 1) das eigentlich Hol- 
ländische, schon seit dem 15. Jahrh. Büchersprache der 
nordlichen Provinzen (oben §. 310); 2) das Friesische; 
3) die geldemsche oder sogenannte niederrheinische; 4) die 
groningische Mundart, wozu auch die oberysselsche gehört, 
und 5) die vlämische Mundart, oder die deutsch -belgische 
in Flandern und Brabant, während die romanisch -belgische 
oder wallonische Sprache sich im Hennegau, Namur, Lüt- 
tich und einem Theil von Limburg und endlich bei den 
hohem Ständen oder den Gebildeten in Belgien die fran- 
zosische Sprache zur Geltung gebracht hat. 

Tpbt, Beknopte geschiedenis der nederlandsche taal, 4842. 

§. 418. Einwirkung Frankreichs auf die niederländische 
Kunstpoesie, Deutschlands auf die Volksdichtung. Von 
diesem Invloed handeln die Schriften von W. de Clercq, 
1825 S und van Capelle, 1821 «. 

Seit dem 13. Jahrh. begann die eigenthümliche Aus- 
bildung der nun von ihrer Schwester sich bestimmter unter- 
scheidenden Landessprache. Die ältesten Denkmäler be- 
stehen in Stadtrechten und Chroniken, besonders in Nach- 
bildungen ausländischer romantischer Dichtungen ^. Bibel- 
übersetzungen (die zu Delft 1477). Bekämpfting des La- 
tein, dessen sich die Gelehrten zu bedienen pflegten, durch 
Plantin, 1573, und Stevin. Die Kammer der Rhetoriker zu 
Amsterdam und ihre Grammatik, 1584^. 

' Beantwoording der vrage: welken invloed heeft vreemde letter- 
knnde etc. gehad op de nederlandsche taal en letterkunde sints het begin 




250 Zweites Buch. EthnodoJaologie» 

der 45. eeuw tot op onze dagen? — ^ Over den invloed der hol- 
landscbe letterkunde op de hoogduitsche in de 47' eenw. — ' Willems 
aas Antwerpen : Verfaandeling over de niederdnytsche taal en letter- 
kunde etc., 4849 — 24* Van Capbllb, Bydragen tot de geschiedenis der 
wetenscbappen en letteren in Nederland, 4824. Lebbogqut, Precis de 
lliist. litt, de Pays-Bas, 4827. Snellabrt, Hist. de la Litt, flamande. 
BowBiMO, Sketch of the langnage and literature of Holland, 4 829. Yisscher, 
Bloemlezing uit den beste Schriften der nederlandsche dichters van de 4 3. tot 
en met de 48. eeuw, 4820. Hoffmann, Horae Belgicae, 4 830 fg., 44 Theile 
bis 4855. Monb, Uebersicht der niederländ. Yolksliteratur alt. Zeit, 4838. 
P. F. L. V. EiCBSTORFF, Deutscbc Blumenlese aus niederländ. Dichtem, 4826. 
Mavyillon, Answahf niederländ. Gredichte (ins Deutsche übertragen), 
4839 — 44. — * Katb*8 Grammatik, 4722; Hoydecopbb's 4730. Mblis 
Stokb's Stil für die Prosa, 4772; Sieoenbeek für Orthographie, Kinkbb 
für Prosodie. Wörterbücher von Kilian (f 4507), Wbiland 4799. 
Serrube gibt soeben eine Geschichte der niederländ. u. franzos. Literatur 
unter folgendem Titel: Geschiedenis der nederlandsche en fransche letter- 
kunde in het grafschap Vlandem, van de vroegste tyden tot aen het einde 
der regering van het huis van Burgondie, 4 855* — Hendbigk Conscience, 
ein belgischer (vlämischer) Schriftsteller. 

§. 419. Das Haupterzeugniss niederländischer Volks- 
dichtung ist das Thierepos von ßeinhart dem Fuchs, 
welches, hinweisend auf die Ursitze der germanischen 
Stamme in Asien, wo in der altindischen Literatur die 
Thiersage gleichfalls ein wichtiges Element ist, zugleich 
als die letzte eigenthümliche poetische Gestaltung der alt- 
deutschen Thiersage zu betrachten ist, über deren "Wesen, 
Alter und Geschichte, sowie über die aus ihr erwachsenen 
Dichtungen insbesondere Jak. Grimm in seiner trefflichen Ein- 
leitung zu ,Reinhart Fuchs', 1834, Aufschluss gegeben hat K 

Die Haupthelden des deutschen Thierepos sind der Fuchs 
Ragnihart, d. i. der kluge Rathgeber, woraus Reinhart und 
das niedersächsische Deminutiv Reineke entstanden sind, der 
Wolf Isengrimm und der Bär Bruno , d. i. der Braune , an 
dessen Stelle als Thierkonig dann der Löwe trat, der im 
ältesten hierher gehörigen lateinischen Gedichte Rufanus, 
im ältesten deutschen Vrevel, dann französisch Noble heisst. 
Ein Geistlicher in Südflandem zu Anfang des 12. Jahrh. 
behandelte in lateinischen Distichen zwei Geschichten vom 
W^lf im ,Isengrimus'- Dieselben Geschichten mit zehn an- 
dern erzählte auch in lateinischen Distichen ein Magister 
Nivardus, vielleicht ein nordflandrischer Benedictiner, etwa 
50 Jahre später in dem ,Reinardus vulpes' ^. Etwa um die- 
selbe Zeit (Mitte des 12. Jahrh.) fällt auch die erste uns 
bekannte deutsche dichterische Bearbeitung dieses Gegen- 
standes durch Heinrich den Glichesäre, d. i. Gleissner, 



Dreissigstes CapUel, Niederland. 251 

einen Elsasser, der nach einem franzosischen (uns verlorenen) 
Gedichte seinen ,ßeinhart Fuchs' dichtete, von dem in der 
ursprünglichen Gestalt nur etwa ein Drittel in Bruchstücken 
erhalten ist \ Dagegen hat sich bis auf ein Geringes eine 
Umarbeitung des Gedichts aus dem Anfang des 13. Jahrh. 
erhalten *. Die französischen Dichtungen der Thiersage * 
reichen kaum über den Anfang des 13. Jahrh. hinauf. 
Keine von ihnen hat dem niederländischen, wahrscheinlich 
flandrischen Dichter zum Vorbild gedient, der um die Mitte 
des 13. Jahrh., nach Willems schon um 1170, selbständig 
den ,ßeinaert de vos' behandelte. Ihm wahrscheinlich kommt 
der Name Willem zu, nicht dem Unbekannten, der etwa 
100 Jahre später das Gedicht überarbeitete und fortsetzte, 
aus welcher Umarbeitung die Auflosung in Prosa entstand ®. 
Dieselbe Umarbeitung ist auch das Original des nieder- 
sächsischen ,Reineke Vos' ^, dessen Verfasser nicht mit völ- 
liger Sicherheit zu ermitteln ist. Man stimmt mehr für den 
Westfalen Nikolaus Baumann, der in Lübeck und Rostock 
lebte und 1526 starb, als fiir den Holländer Heinrich von 
Alkmaar (Lübeck 1498). 

1 Gbbyinus, Gesch. d. deut. Nationallit., 3. Ausg., I, 422 — 464. — 
* Von MoMB 4832. — ^ Herausgeg. v. Jak. Grimm in seinem Sendschreiben 
an K. Lachmann über Reinhart Fuchs , 4 840* — * Mailath's und Köffim- 
obb's koloczacr Codex 484 8 und Jak. Grimm 4834. — ^ Meon, Le roman 
da Renart 4826 und Supplemente von Chabaillb 4835* — ^ Gouda 4479, 
Delft 448Ö, Lübeck 4783. — 7 Lübeck 4498, Rostock 4547, hochdeut. 
Uebersetzung v. Beuther 4544, in latein. Versen v. Schopper 4567. Aus- 
gabe y. Hakbmann 4744, Gottsched 4752. In hochdeut. Hexametern 
V. GoBTHB 4794) Bbbdow 4798, Scheller 4825, Hoffmann y. Fallebs- 
lbbbn 4 834. Uebersetzung in kurzen iambischen Reinpaaren v. Soltau 4 803 
und Simrock 4845. Habtmann, Reineke Fuchs, frei dem Originale nach- 
gebildet mit 36 Stahlstichen und Originalzeichnungen v. Lb utemann, 4855. 

§. 420. Gegen dieses Erzeugniss treten die niederlän- 
dischen Kunstdichter fast ganz in den Hintergrund, als 
deren Vater man Jak. van Maerlant (1235 — 1300) be- 
trachtet, dessen Reimbibel oder Reimchronik fortsetzten oder 
nachahmten Velthem, Heelu, Clerk, Stoke. Das ,Dietsche 
Doctrinale', 1345. Religiöse Mysterien und weltliche Morali- 
täten. Die ersten Meistersänger oder Rederyker (Rhetoriker) 
in Dixmuiden, 1394, und Antwerpen, 1400. Aus der amster- 
damer Dichterschule, der in Liebe blühenden (in liefde 
bloeijende), 1517, gingen die ersten Muster dichter hervor: 
Coomhert, 1522-90, Marnix, 1538—98, Spiegel, 1549—1612, 
Vissher (f 1625) und seine Tochter Maria und Anna, Hooft 



252 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

(4581 — 1647), der eigentliche Schopfer der holländischen 
Sprache. 

Vollendung der Poesie durch den Lyriker, Satiriker und 
Trauerspieldichter Joost van den Vondel aus Köln, 4587 — 
1679. Lieblingsdichter seines Volks wurde Jak. Cats (1577 
— 1660) durch seine didaktischen und beschreibenden Ge- 
dichte (,Vater Cats' Buch'). Brederode (f 1618) ist Schopfer 
der Komödie, Sm. Coster der Tragödie. 

Verfall der holländischen Literatur mit dem Ende des 
1 7. Jahrh. Macht des franzosischen Einflusses. Gegen die 
französische Classik machte Lennep (geb. 1802) die Ro- 
mantik geltend. 

Hemsen, Das holländ. Theater, im Deutschen Museum, 4855, Nr. 28. 

§. 421. Die Prosa, im 16. und 17. Jahrh. durch Mamiz, 
Hooft und Brandt (1626 — 85) ausgebildet, sank und machte 
Rückschritte bis auf Justus van EfFen (f 1735). Seine zu 
Utrecht herausgegebenen "Wochenschriften ,De misanthrope* 
und ,De spectator'. Seit Ende des 18. Jahrh. ist Stijl Be- 
gründer einer neuen Aera. Kluit, Meermann, Stuart, Schel- 
tema, Kantelaar, van der Palm, Hennert, van dem Bosch, 
Siegenbenk. Bilderdijk ist Muster in allen Crattungen des 
Stils. 

§. 4S2I. In dem Gesanmitwirken ihrer wissenschaft- 
lichen Bestrebungen muss^den Niederländern ein sehr 
bedeutender Einfluss auf allgemeine literarische Cultur zu- 
gestanden werden, namentlich haben sie grosse Verdienste 
durch ihre Unterrichtsanstalten (Deventer 1370, Löwen 1426, 
Leyden 1575, Athenäen zu Brüssel, Lüttich, Gent, Brügge), 
um Philologie (Thomas a Kempis, Gansvoort, die Agricola, 
Erasmus, Lipsius, Voss, Scaliger, Spanheim, Heinsius, 
Gronov, Burmann, Drakenborch, Wesseling, Hemsterhuis, 
Valckenaer, Euhnken, Wyttenbach), um Theologie und Juris- 
prudenz (Hugo Grotius, 1583 — 1645), vaterländische Ge- 
schichte (Wagenaer 1709 — 73), Mathematik (Huyghens), 
Philosophie (Spinoza), Naturwissenschaften (Camper), Me- 
dicin (Boerhaave) und besonders um Anatomie (Camper). 
Oben §. 46 und 52, 4. 



Einunddreissigstes Capitel, Deutschland. 253 

Einunddreissigstes Capitel. 
Deutschland. 

§. 423. Hauptmomeute in Betreff der Aus- und 
Fortbildung der deutschen Sprache. Innerhalb des 
fränkischen, mit Karl d. Gr. beginnenden Zeitraums 
(768 - 1136) ist zunächst Karl selbst mit seinen Gelehrten 
(Eginhard, Alcuin), dann unter den sächsischen Kaisern 
(919 — 1024) Notker's Einfluss von Bedeutung, unter den 
fränkischen Kaisem (1 024 — 11 25) das ,Loblied auf den Erz- 
bischof Hanno von Köln', 1075, Hauptsprachprobe. Den 
schwäbischen Zeitraum (1136 — 1254) erfüllen die Minne- 
sänger. Darauf beginnt die Sprachdepravation hauptsächlich 
durch die Meistersänger. Es folgt Luther's Kirchen- und 
Sprachreformation, seine Bibelübersetzung, 1518—45. Durch 
Ch. Wolf wird die deutsche Sprache auch Wissenschafbs- 
sprache. Sprachforderung durch Opitz, Lohenstein, Hagedorn 
und die Gesellschaften seit dem 17. Jahrb.: Palmenorden, 
Fruchtbringende Gesellschaft zu Weimar 1617, Aufrichtige 
Tannengesellschaft zu Strasburg 1617, Deutschgesinnte Gesell- 
schaft zu Hamburg 1646, Blumenorden der Schäfer an der Peg- 
nitz zu Nürnberg 1644, Schwanenorden an der Elbe 1 660, Deut- 
sche Gesellschaft zu Leipzig 1697. Franzosischer Einfluss 
seit Ende des 1 7. Jahrh. \ Sprachmengerei. Purismus Gott- 
sched's seit 1 727. Einfluss Klopstock's, Lessing's, Wieland's, 
EngePs. Leistungen der Gegenwart für die wissenschaftliche 
und besonders historische Erforschung der deutschen Sprache. 
Epoche macht Jak. Grimm's ,Deutsche Grammatik^, 1822. 
Studium der altdeutschen Literatur seit Beginn des 1 9. Jahrh. 
Die romantische Schule. Bopp, ,Vergleichende Grammatik^ 
1833 — 42. Popp, Etymologische Forschungen, 1833—36. 
Sprachlehren von Heyse, Götzinger, Becker, Herling. Leit- 
fäden zum Unterricht im Altdeutschen von Wackemagel, 
Ziemann u. A. Lexikographen: Graff (, Althochdeutscher 
Sprachschatz^ 1834 — 43), Ziemann, Benecke und Müller 
(, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch', 1837 und 1854); für 
die neuhochdeutsche Sprache: Adelung, Campe, Heinsius; 
das Wörterbuch der Gebruder Jak. und W. Grimm seit 1 852. 
Grammatische und historische Behandlung lebender Mund- 
arten: ,Bairisches Wörterbuch', 1827 — 37, ,Baierns Mund- 
arten, 1821; Tobler, ,Appenzellischer Sprachschatz', 1837. 



254 Zweites Buch, Elhnodoktologie. 

Der Charakter der deutschen Sprache ist Bildsam- 
keit, Reichthum und Universalität*. 

1 Radlof , Frankreichs Sprach- und Geistestyrannei üher Europa seit dem 
Rastadter Frieden, MH* — * Kolbe, Ueher den Wortreichthum der deut- 
sehen und franzosischen Sprache and beider Anlagen zur Poesie, 4848 — 20. 

§. 424. Allgemeine Hülfsmittel zur Literatur von 
Koch 1790, Nasser 1798 — 1800, Jordens 1806—11, Müller 
4807, P. H. V. d. Hagen und Büsching 1812, Hom 1822 fg., 
Manso (als Nachtrag zu Sulzer's ,Theorie der schonen Künste', 
Bd. 8), Mone 1830, Wachler (2. A.) 1842, Kannegiesser 
1836, K. Rosenkranz 1820 und 1836, Gotzinger 1837—44, 
Gervinus (4. A.) 1852, Kehrein 1840, Zimmermann 4846, 
Gumposch1846, Herzog 1837, Laube 1837— 39, Rinne 1842, 
Bohtz 1832, Vilmar (4. A.) 1850, Geizer (2. A.) 1847, 
Koster 1846, Ettmüller 1847, Biese 1846 — 48, Prutz 1845, 
4 847 und 1 854, Gutzkow 1 836, Wienbarg 1 836, Marggraff 1 839, 
Kühne 1843, Weber (2. A.) 1849, Heibig (3. A.) 1847, 
Scholl 1850, Rüge, Wackemagel 1851 , Hillebrand 1850 — 51, 
Koberstein (4. A.) 1855, Cholevius 1854, Julian Schmidt 
(2. A.) 1855, Gottschall 1855. Sammelwerke von Erlach, 
WolflF, Soltau, Rochholz, Uhland, Pirmenich, Müller und Por- 
ster, Wackemagel, Künzel, Pischon, Kurz, Schwab, Echter- 
meyer, Frommann und Häusser, Godecke 1 849, Lassberg u. A. 
Hub, Die deutsche komische und humoristische Dichtung und 
die Prosaisten seit Beginn des 16. Jahrb., 1855 fg. Soltau, 
Deutsche historische Volkslieder, herausgegeben von Hilde- 
brand, 1855 fg. Eitner, Synchronistische Tabellen zur deut- 
schen Literaturgeschichte u. s. w., 1856. 

A. Die ältere Zeit, bis auf die Hohenstaufen , 1152. 

§. 425. Die Germanen oder Deutschen ^ hatten nach 
Tacitus (,Germ.', 2 und 3, und ,Annal.S H, 86) Kampf- 
und Kriegslieder (Barditus), sangen bei Gelagen und Be- 
gräbnissen und liebten überhaupt den Gesang. Den Stoff 
bot die Mythologie und Heroologie dar, die Sagen von 
Tuisco, Mannus, Armin, vom hörnernen Siegfried und vom 
Wolf Isengrimm und Puchs Reinhart *. 

1 Jak. Grimm, Deutsche Gramm., 3. A., I, 40 fg. Haupt, Zeitschrift 
für deutsch. Alterthum, i 845, S. öH. — ^ Jak. Grimm, Deutsche Mythologie. 
W. Grimm, Deutsche Heldensage. Schwbnk, Mythol. d. G^manen. Monis, 
Untersuchungen zur Gesch. d. deutsch. Heldensage. Grassb , Erörterung d. 
Sagenkreise des Mittelalters in dessen AUgem. Literargeschichte. Gödbgke, 
Deutsche Dichtung im Mittelalter, 4854, zugleich mit Angabe der allgemeinen 
und speciellen Quellen und Hülfsmittel. 



Einunddreissigstes Capitel. Deutschland. 25f) 

§. 426. Seit dem Beginn der Volkerwanderung (375) 
mischte sich der altnationale Heldengesang der Germanen 
mit griechischen und romischen Sagen, und so entstanden 
neue germanische Sagen und Sagenkreise, die sich grossten- 
theils an die Geschichte anlehnten, ohne jedoch Zeit und 
Raum zu sondern. 

4. Der ostgothische Sagenkreis beschäftigt sich mit 
den Königen der Ostgothen aus dem Geschlechte der Amaler, 
daher Amelungen genannt, Ermanrich und dessen Neffen 
Theodorich d. Gr., oder, wie er in der Sage heisst, Dietrich 
von Bern (Verona, daher auch Dietrichsage), mit seinen 
Dienstmannen, den Wölfingen, worunter der alte Waffen- 
meister Hildebrand hervorragt. 

2. Der burgundisch-niederrheinische oder frän- 
kische (beide verschmolzen ineinander) Sagenkreis enthält 
die burgundischen Konige Günther, Gemot und Giselher 
mit ihrer Mutter Ute, ihrer Schwester Ghriemhield, ihren 
Mannen Hagen, Dankwart und Volker, mit Gunther's Ge- 
mahlin Brunhild und deren früherm Verlobten, dem nieder- 
rheinischen Helden Siegfried. 

3. In den hunnischen Sagenkreis gehört der Hunnen- 
konig Attila (Etzel in der Sage) und die Helden Walther 
von Aquitanien, Rüdiger von Pechlaren, Irnfried von Thü- 
ringen u. A. 

4. Den friesisch -dänisch -Normannischen Sagen- 
kreis bilden der Friesen- oder Hegelingenkönig Hettel mit 
seiner Tochter Gudrun, der Normannen- oder Dänenkonig 
Horand mit seinem ungeheuerlichen Oheim Wate, welchen die 
Normannenkonige Ludwig und Hartmuth gegenüberstehen. 

5. Der nordische Sagenkreis führt uns den Jütenkonig 
Beöwulf vor und die skandinavischen Helden Wittich und 
Wieland mit ihrer mythischen Umgebung. 

Verwandtschaft der Sprache und Sage der Ger- 
manen mit den nordischen oder skandinavischen 
Volkern. 

6. In den lombardischen Sagenkreis gehören die lom- 
bardischen Konige und Helden Rother, Otnit, Hugdietrich 
und Wolfdietrich. 

§. 427. Zugleich trat durch die Wanderung eine Ver- 
änderung der Sprache ein : Gothisch , Althochdeutsch 
(Fränkisch-Alemannisch), Altniederdeutsch (Altsächsisch) 




256 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 

und Angelsächsisch. In den Gedicliien der ältesten Zeit 
und bis ins 9. Jahrh. findet sich der Stabreim oder die 
Alliteration, dann folgt der Endreim. Die älteste Vers- 
Strophe besteht aus zwei Langzeilen. Künstliche Masse und 
Liederstrophen kamen erst zur Zeit des Minnegesangs auf ^. 

Schon firühzeitig gab es fahrende Sänger und Spielleute, 
und selbst Konige und Helden übten Gesang und Saiten- 
spiel, wie der alte König Beowulf, Volker in den Nibe- 
lungen und Horand in der ,Gudrun^ 

Gegen diese Volkspoesie eiferte der Fanatismus der 
christlichen Pfafinbieit seit Bonifaz, 718 — 815; darum ist 
im Ganzen so wenig aus jener Zeit erhalten, und wir be- 
sitzen von alten Gedichten in alter Fassung (aus dem 8. 
oder 9. JahrL) nur noch drei: 

4 ) den in angelsächsischer Sprache gedichteten ,Beowulf ^ 
(oben §. 406), 2) das ,Lied von Bildebrand und seinem 
Sohne Hadubrand' (Eüldebrandslied) *, 3) den , Walther 
von Aquitanien* ', dessen Gegenstück, ,Buodlieb^ (Anfang 
des 11. Jahrb.), von tegemseer Mönchen, auch nur fragmen- 
tarisch in lateinischen Versen erhalten ist*. 

1 Lachmann , Heber althochdeutsche Betonung und Verskunst. — 
^ Als Tbeil der Dietrichsage in althochdeutscher alliterirender Fassung 
nur noch fragmentarisch, bearbeitet von Kaspar von der Hobn am Ende 
des 45- Jahrh. Gebrüder Grimm, Die beiden ältesten deutschen Gedichte etc., 
4842; W. Grimm 4830; Laghmann in den Schriften der berliner Aluid. 
d. Wiss., 4833. — ^ Nur noch in latein. Hexametern des St.-gaUer Mönchs 
EcKEHARD d. Aelt. , f 973 , oder dessen Zeitgenossen Gebaldub , hertfusgeg. 
von Jak. Grimm n. Schmeller, nendeutsch von Simrock. — * Bei Jak. Grimm 
und Schneller, wo sich auch die latein. abgefassten Gestaltungen der deutsch. 
Thiersage finden: Ecbasis captivi, Isengrimus und Heinardus vulpes: 

§. 428. Mit der Christianisirung Deutschlands und des 
Nordens durch Karl d. Gr. trat an die Stelle des altnatio- 
nalen Heldengesangs die geistlich- christliche Dich- 
tung. Alcuin's Schüler Hrabanus Maurus (776 — 856) 
wurde der eigentliche Begründer mönchischer Gelehrsam- 
keit in Deutschland und die von ihm zu Fulda 804 einge- 
richtete Klosterschule Muster für die übrigen. 

In althochdeutscher. (oder oberdeutscher) Mündart: das 
,Ludwigslied^ des Mönchs Hucbald (f 930) zu St.-Amand 
sur TElnon (oben §. 317); das Lied auf Athelstan^s Sieg 
über die Dänen bei Brunanburgh, 937; Evangelienhar- 
monien: Tatian's, Otfried's, eines Mönchs von Weissenburg 
im Elsass, 870, ,Krist' genannt, in gereimten Versend 



Einunddreissigstes CapUel. Deutschland. 257 

In niederdeutscher Mundart die Eyangelienharmonie yHe- 
liand^ (Heiland), angeblich von einem sächsischen Bauer im 
Auftrage Ludwig's des Frommen verfasst^. Das ,We8S0- 
bmnner Gebet'. ^Muspilli' oder Gedicht vom Jüngsten 
Grericht. Die Schriften des Königs Alfred. 

> Ausgabe von Graff 'l 830- — ^ Ausgabe und Benennung von Scumeller 
1830; neudeutsch von Kannegiesser 1847 und liapp 1856. 

§. 429. Unter den Prosawerken steht die Bibelüber- 
setzung des Ulfilas oben an, 348 — 88, als ältestes Denk- 
mal deutscher Sprache (oben §. 304). 

Aus den Zeiten der sächsischen Kaiser (919—1024) ist 
das wichtigste Sprachdenkmal die Uebersetzung der Psalmen 
von Notker Labeo (952—1022), Mönch in St. -Gallen. 
Unter den Ottonen wurde durch den Verkehr mit Italien 
die classische Literatur in Deutschland heimisch. Die 
Aebtissin Hroswitha von Gandersheim dichtete in lateini- 
scher Sprache religiöse Dramen ^, um den frivolen Terenz 
zu verdrängen, auch fing man an, Volksgesänge (§. 427) 
in lateinische Verse zu kleiden und aus Homer und Virgil 
Zuthaten und Beminiscenzen einzuschalten. So entwickelte 
sich in dem nächsten Zeitraum die christlich-romantische 
Dichtung (oben §. 307, 321). 

Aus den Zeiten der fränkischen Kaiser (1024—1125) 
ist die Uebersetzung und Erklärung des Hohen Liedes 
von Williram (f 1085), Abt zu Ebersberg in Baiem. Die 
augsburger Schenkungsurkunde ist die erste in deutscher 
Sprache, 1070. 

Lateinisch schrieben die berühmten Chronisten: Witte- 
kind von Korvey, f 1004, Dietmar von Merseburg, f 1011, 
und Lambert von Aschaffenburg, f 1077. 

^ Uebersetzt und erläutert von Bendixen. Gesammtabenteuer. Hundert alt- 
deutsche Erzählungen: Bitter- und Pfaffenmären , Stadt- und Dorfgeschichten, 
Schwanke, Wundersagen und Legenden, meist zum ersten mal gedruckt und 
heraasgeg. von F. H. v. d. Hagen, i 855. Korz, Gesch. d. deutsch. Lit., I, 4 853. 

B. Die Blüte der schwäbischen Mundart unter den 

Hohenstaufen , 1137 — 1300. 

§• 430. Literatur des hohenstaufischen oder schwäbi- 
schen Zeitalters , 1 1 50 — 1 350 , 12. und 1 3. Jahrhundert. Süd- 
deutsche oder mittelhochdeutsche Mundart. Romantische 
Poesie im Gegensatz der classischen. Das Zusammentreffen 

Me^lubr. 1 7 






258 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

verschiedenartiger Elemente bringt eine Bewegung des gei- 
stigen Lebens der abendländischen Völker hervor, die nach 
allen Seiten in That und Wort sich kundgibt: Elampf der 
weltlichen und geistlichen Macht, ßitterthum, Bjürgerthum, 
Universitäten, scholastische Philosophie, Monchthum, Kreuz- 
züge. Ausgehende Bewegung von Spanien und Südfrankreich. 
Die Hohenstaufen (1137 — 1254) sind Pfleger der ritterlichen 
Poesie, ebenso Leopold von Oestreich, 1198 — 1230, Land- 
graf Hermann von Franken und Thüringen, 1190 — 4215. 
Süddeutschland ist der Sitz der hofischen BUdung und Poesie. 
Volks- und Kunstpoesie, letztere wiederum getheilt in 
die romantische Bitter epopoe und in den Minnegesang. 

1. Epische Poesie. 

§. 431. Die Epopoe behandelt theils einheimische, 
theils ausländische Sagenstoffe. Zu den einheimischen ge- 
hören zunächst alle deutschen Heldensagen, die dem Nibe- 
lungenliede zum Grunde liegen: die fränkisch -burgundische 
Siegfriedsage (Sigurdsage bei den Skandinaviern), welche 
dem ersten Theil, und die gothische Dietrichsage, die der 
zweiten Hälfte jenes Nationalepos zum Grunde liegt; ferner 
das Lied von Walther von Aquitanien und die Thiersage. 
Zu den ausländischen Stoffen gehört die Karls-, Artus- 
und .Graalsage, Titurel und Parzival. Auch zerfallt die 
Epopöe in das Volksepos, das Epos der Kirche, das ro- 
mantische und historische Epos. 

a) Yolksepos. 

§. 432* Das ,Heldenbuch^ ist eine Sammlung von epi- 
scheu Gedichten, deren Mittelpunkt Siegfried und Dietrich 
sind, enthaltend den ,OtnitS ,Wolfdietrich', den ,Gro88eu 
Rosengarten' und den ,Laurin* oder sogenannten ,B3einen 
llosengarten*. 

Dieselben Gedichte (zwischen 4490 — -1090 mehrmals gedruckt), ausser- 
dem das Eckenlied (Ecke*s Ausfahrt, bezüglich auf Dietriches Jugend), die 
Gedichte yom Riesen Sigenot, von Dietriches DraehenkämpfeD , von EtzePs 
Hofhaltung, das jüngere llild^brandslied und ausserdem zwei nicht zu 
diesem Kreise gehörige Gedi<^te, das Meerwunder und eine Bearbeitung 
der Sage vom Herzog Erust, vereiuigte in einer geistlosen, sprachlich 
verwilderten XJeberarbeitung Kaspar von Roen (Röbn) aus Münnerstadt in 
Franken 4472. F. H. ▼. d. Haobk und Pbimissbb, Heldenbuch, 4820, »»d 
F. H. V. p. Haobm 4855. 



Einunddreissigstes Capüel. Deutschland, 259 

§. 433. Die beiden grossen Volksepen der Deutschen 
sind das Nibelungenlied, gleichsam die deutsche ^IliasS ^^^ 
,GrudrunS die deutsche ,Odyssee^ 

Das Nibelungenlied, eigentlich ,Der Nibelunge Not', 
ist das grossartigste und bedeutendste unter den Denkmälern 
der mittelhochdeutschen epischen Volkspoesie. Seine me- 
trische Form ist die vierzeilige Strophe, die sogenannte 
Nibelungen- oder Heldenstrophe, deren Zeilen paarweise 
stumpf reimen und durch Cäsur in Halbzeilen zerfallen. 
Dem Inhalt nach zerfallt das Gedicht in drei Haupttheile: 

4. Sieg&ied^s Thaten bis zu seinem Tode. Nachdem 
Sieg&ied die Nibelungen unterworfen, zieht er nach Worms 
und wirbt um Chriemhield, die sich bei ihrer Mutter Ute 
und bei ihren Brüdern (Günther, Gernot und Giselher) 
aufhält. Er hilft Günther die Brunhild erwerben. Streit 
der Frauen. Brunhildens Rache durch Hagen; Siegfried^s 
Tod. 

2. Chriemhieldens Rache. Sie heirathet Ftzel, den 
Hunnenkönig, um Mittel zur Sättigung ihrer Rache zu 
erlangen. Nach sieben Jahren ladet sie die Burgunder an 
ihren Hof (Hagen und Volker, Rüdiger und Dietrich von 
Bern). Chriemhield todtet Hagen und wird selbst von 
Hildebrand getodtet. 

3. Die Klage. Etzel, Dietrich und Hildebrand, die 
einzig übriggebliebenen Helden, stimmen die Klage über 
die Gefallenen an, und das Leben und die Thaten jedes 
Einzelnen werden erzählt. 

Die Frage nach dem Verfasser des Gedichts, für 
den z. B. Schlegel (im ,Deutschen Museum^ Bd. 1) Ofter- 
dingen oder Klinsor annahm, hat Lachmann ^ dahin beant- 
wortet, dass aus der Zusammensetzung von 20 noch er- 
kennbaren epischen Volksliedern, die vorher einzeln ge- 
sungen wurden und deren letzte Fassung gegen das Ende 
des 12. Jahrh. fallt, um das Jahr 1210 das Gedicht durch 
die Hand eines unbekannten Ordners in der Form des 
Textes hervorging, den die münchner (sonst zweite hohen- 
emser) Handschrifib darbietet. Noch vor 1225 erfuhr das 
Gedicht zwei neue Ueberarbeitungen, die in der sanct- 
galler und ersten hohenemser Handsobrifb erhalten sind. 
Die Klage ist wahrscheinlich eine schon zu Ende des 12 
Jahrh. verfasste Umdichtung eines altern Gedichts. 

17* 




260 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

1 Ueber die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelunge 
Not, i846, und: Anmerkungen zu den Nibelungen und zur Klage, 4836. 
Ausgabe von Bodmeb 4757, MCllbb 4782, t. d. Haobn seit 4840 mehr- 
mals, Zbubb 4846, Lachmann 4826, 4844, Vollmbb 4843. Neudentsche 
Uebersetzungen von Hagen und Büsching 4845, Simrock 4825 und 4840. 
Mislungene Modemisirungen von Heinsberg (5. A.) 4840 und Rebenstock 4 S36. 
Schriften darüber: y. d. Haobn, Die Nibelangen und ihre Bedeutung, 
4819, und: Anmerk. zu der Nibelunge Not, 4824- Monb, Einleitung in 
das Nibelungenlied, 4848. Göttlinq, Ueber das Geschichtliche im Nibe- 
lungenlied, 4844, und: Nibelungen und Ghibellinen, 4846^ F. ROokbbt, 
Oberon von Mens und die Pipine von Nivella, 4836. W. Gbimm's Unter- 
suchungen in der deutschen Heldensage, 4 829. K. Lagbmann, Kritik der Sage 
von den Nibelungen , im Rhein. Museum , 4 830. Altdeutsche und altnordi- 
sche Heldensagen, übersetzt durch F. H. v. d. Uagen; auch unter dem 
Titel: Wilkina- und Nifliuga-Sage oder Dietrich von Bern und die Nibe- 
lungen (2. A.) 4855. Zabnckb, Zur Nibelungenfrage, 4854. Müllbnhoff, 
Zur Gesch. der Nibelunge Not, 4855, und in iJlgem. Monatsschrift für 
Wissenschaft und Lit., 4854, S. 877, und HoLTZMAifN, ebendaselbst, S. 943. 
Derselbe, Kampf um der Nibelunge Hort gegen Lachmann's Nach treter, 4855. 
LCbbbn, Glossar zu den Nibelungen, 4854. Nabbbt, Der Nibelungen 
Liet, 4855. 

§. 434. Das aus dem 13. Jahrb. stammende Gedicht 
,Gudhin' (Kütrün) behandelt einen Kreis von Sagen der 
Nord- und Ostseeküste und zerfallt in drei Theile: Hagen, 
Hilde und Gudiiin, aber nur auf den ersten und zweiten 
Theil der Sage finden sich in altnordischen und altdeutschen 
Quellen Anspielungen, die W. Grimm in der ,Deutschen 
Heldensage^ gesammelt hat. Auch beruft sich das Gedicht 
auf ein Buch als Quelle. Die Umarbeitung scheint von 
einem ostreichischen Dichter herzurühren. Gudrun, Tochter 
Hettel's, wird mit Herbig von Seeland verlobt, aber Hart- 
muth von der Normandie, ein abgewiesener Freier, todtet 
Hettel und fuhrt die Grudrun gefangen. Sieben Jahre muss 
sie bei ihm die niedrigsten Arbfeiten verrichten. Endlich 
befreit sie Herbig. Das Ganze endigt in Freude. 

EttmGlleb machte einen Versuch, die ursprünglichen Lieder zu son- 
dern, 4844. Abdruck in t. d. Haobm's Heldenbuch, 4820. ZnBMABM's 
krit. Ausg. 4835. Uebersetzungen von San Marte 4839, Keller 4840, 
die beste von Simrock 4843. Ausgabe und Uebersetz. von PlGnnibs, mit 
einer systemat. Darstellung der mittelhochdeut. Verskunst yon Ribobb, 4853. 
NiBNDORF, Das Gudrnnlied (Umdichtung), 4855. 

§. 435. ,K6nig Rother' i, eine lombardische Sage, ent- 
halt die Geschichte dieses Königs, der durch List und Muth 
eine Tochter des Kaisers von Konstantinopel entfahrt 

Die Sagen von Otnit, Hug- und Wolfdietrich sind des- 
halb wichtig, weü in ihnen zum ersten mal das Christen- 
thum im Gegensatz zum Nicht- Christenthum auflxitt. 

1 Theil der Wilkinasage, wird auch zu den geistlichen Epen gerechnet. 



Einunddreissigstes Capilel. Deutschland. 261 

b) Epos der Kirche. 

§• 436. Dieses Epos geht nicht aus dem Gemüth des 
Volkes, sondern aus der frommen Bestrebung des priester- 
lichen Standes hervor, darzustellen die christliche LeCre 
im siegreichen Kampfe mit andern Religionen. 

Bei dem Vorherrschen dieser religiösen und specifisch- 
christlichen Tendenz bleiben zunächst (wenigstens noch 
bis 4Ö75) vorzugsweise die Geistlichen Pfleger der 
Literatur. So entstehen Bearbeitungen biblischer Ge- 
schichten, Heiligenlitaneien, Legenden. Man findet darin 
willkürliches Durcheinandermengen der Geschichte und 
Mythe, des Einheimischen und Ausländischen, die Wunder- 
geographie des Alterthums mit den orientalischen Mär- 
chen u. s. w. Derselbe Charakter ist jedoch auch dem 
historischen Epos eigen. 

4. ,Barlaam und Josaphat^ von dem Schweizer Ru- 
dolf von Ems oder Hohenems , Dienstmann des Grafen von 
Montfort. Der indische Konigssohn Josaphat wird von 
Barlaam zum Christenthum bekehrt K 

2. In der ,Legende vom heil. Sylvester' von Konrad 
von Wurzburg (f 1287 zu Freiburg im Breisgau) wird 
der Sieg der christlichen Lehre über das Judenthum dar- 
gestellt ^. 

3. ,Der heil. Georg' enthält die Märtyrergeschichte des 
Grafen Georg von Palästina, der, vom Kaiser Dacian ein- 
gekerkert, die unsäglichsten Leiden erduldet und die grossten 
Wunder ihut. 

1 KöPRB 1818. Pfeiffer 1843. — ^ W. Gbimm 1844. 

c) Romantisches Epos. 

§. 437. Es ging aus der Verschmelzung des Volks- und 
des kirchlichen Epos hervor und spaltet sich in drei Haupt- 
theile: 1 ) Darstellung des Gegensatzes des Königs und seiner 
Vasallen und des Gegensatzes der christlichen und moham- 
medanischen Religion; Mittelpunkt desselben ist Karl d. Gr. 

2) Darstellung des weltlichen und geistlichen Ritterthums. 

3) Darstellung der Wirklichkeit in idealer Form. 

§. 438. Die Gesänge von Karl d. Gr. oder die Karls- 
sage: 1 ) Karl und seine Vasallen: Haimon und seine Sohne; 
Reinhold; der Zauberer Malegis. 2) Das ,Rolandslied^ 




262 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

oder Roland und die Roncevaller Schlacht, yerfasst von 
dem Pfaffen Konrad, im Dienste Heinrich^s des Löwen, 
nach einer franzosischen Darstellung (oben §. 3S19, 2) um 
1 \j[^ \ 3) Auch gehört der Karlssage an der weitverbreitete, 
in allen Sprachen bearbeitete provenzalische Roman ,Flore 
und Blancheflur' (Flos, Sohn des Heidenkonigs Feimx von 
Spanien und die geraubte Blankflos) von Konrad Flecke. 

* Ausgabe tod W. Grimm, 4838. Die neue Bearbeitung ans der 
ersten Hälfte des 43* Jahrh. Ton Stricker in SchiUer's Thesaanis. lieber 
die Verbreitung dieser Sage durch den ganzen europäischen Westen, selbst 
nach Dänemark und Island, s. Th. Rodd, EUst. of Charles the Great 
etc., 4842. 

§. 439. Dem weltlichen Bitterthum gehört die Artus - 
sage und die von der Tafelrunde an, welche aus der 
bretonischen Poesie nach Deutschland kam (oben §• 330). 
Die bedeutendsten hierhergehorigen Sagen sind: 1) ,Iwein* *, 
der Ritter mit dem Löwen, von Hartmann von Aue, einem 
schwäbischen Ritter und Dienstmann der Herren von Aue, 
der sich wahrscheinlich i\97 der Kreuzfahrt anschloss. 
2) ,Erec'*, von demselben Verfasser. 3) ,Lancelot' vom 
SeeS von Ulrich von Zatzikhoven. 4) ,Wigalois* oder der 
Ritter mit dem Rade^ von dem fränkischen Ritter Wimt 
von Grafenbe'rg, 1212. 5) ,Die Krone' Heinrich's von Tur- 
lein. 6) ,Daniel von Blumenthal' des Stricker *• 7) ,Gtturiel 
von Murtaval' Meisters Kunhart vom Stoffel. Mit diesen 
Sagen steht die gleichfalls bretonische von Tristan und 
der schonen Isolde •, die an Eilhart von Obergen im 4S. 
(um 1170) und an Gottfried von Strasburg und seinen 
Fortsetzern im 13. Jahrh. Bearbeiter fand, in einem nur 
losen Zusammenhange, während Wolfram von Eschenbach^s 
,Parzival' und ,Titurel''^, an die dann auch der ,Lohen- 
grin' ® angeknüpft ist, auf der doppelten Grundlage der 
Artus- und der Graalsage ruhen. 

* Ausgabe von Benbckb und Lachmann ^827 u. 1843; Wörterbuch 
von BpMBCKi; 4833. — * Ausgabe von Haupt 4839- Von HABTHAim 
VON Aue besitzen wir I-iieder, Briefe und vier erzählende Gedichte, unter 
denen der Erec am frühesten (schon vor 4197), der Iwein am spätesten 
(doch vor 4205) gedichtet sind. Dem erstem steht dem Alter nach der 
Gregor (von Grbith im Spicilegium Yaticanam, 4838, und von Lach- 
MANN 4838), der aus der geistlichen Legende geschöpft ist, dem letztem 
der Arme Heinrich näher ( Gebrüder Grimm 4845, Lachmanh 4820, 
Wackernaobl 4835 u. 4839 und für den Gebrauch in Vorles.ungen 4855, 
MGi'LBB nnd Haupt 4842» neudeutsch von Simrock 4830). — ^ Die 
Bearbeitung vermuthlich zu Anfange des 43. Jahrh. Ausgabe von Hahn 
4845. — ^ Ausgabe von Ben ecke 4849, Sobönhuth 4846, Pfeiftbr 4847* 



Einunddreissigstes Capitel, Deutschland, 2(i3 

Eine prosaische Auflösong dieses Gedichts erschien 4472 ^on einem Un- 
genannten; sie wnrde als Volksbuch öfter und auch in Fetebabbnd's Buch 
der Liebe, 4587) angenommen. — ^ Der Stricker heisst ein mittelhoch- 
dentscher Dichter ans Oestreich, der sswischen 4236 — 44 gestorben ist 
und xWei grossere epische Gedichte hinter] iess: Daniel von Blamenthal und 
Karl, eine neue Bearbeitung des Rolandsliedes (Scbilter's Thes., Bd. 2.). 
Weit Torzüglicher erscheint der Dichter in seinem Pfaffen Amis (von 
Bekbokb, 4832) Bd. 2*)) dessen Schwanke später zum Theil auf Tyll Eulen- 
spiegel übertragen wurden. Stbioker's kleinere Gedichte von Hahn, 4 839. — « 
^ Diese Sage fand ihren Weg in die mittelalterliche Literatur der meisten 
Völker Enropa«, und so auch in die skandinavische. Von Eilhabt's Ge- 
dicht sind nur wenige Bruchstücke im ersten Bande von Hoffmamm's Fund- 
gruben gedruckt. Dagegen ist Eilhabt's prosaische Bearbeitung schon 4 484, 
dann ^4498 nnd öfter, auch in Fbtebabend's Buch der Liebe, 4587, ans 
dem sie Bfiscmif o und v. d. Hagen in ihre Sammlungen (4 809) aufiiahtoen, 
gedruckt worden, auch bei Simbock in seiner Sammlung deutscher Volksbücher. 
Ein anderes französ. Gedicht (von Thomas von Bbitania, nicht zu ver- 
wechseln mit dem fabelhaften brit. Thomas von Erceldoune, anf den sich 
der von Walter ScoTt herausgeg. altengl. Tristan beruft) legte Gottfried 
TON Stbasbubo (um 4207) seinem nicht von ihm beendeten Tristan (er starb 
darüber, nachdem er fast 20,000 Verse fertig hatte) zu Grunde. Er dich- 
tete noch bei Lebzeiten Hartmann *8 von Aue, den er als den besten der 
deutschen Erzähler feiert, und nachdem Wolfbam von Eschenbach den 
Anfang seines Parzival bekannt gemacht hatte, auf dessen Prolog er an- 
fielt und dessen Manier er verwirft. Gottfbied*s Gedicht fand zwei Fort- 
setzer, in dem schwäbischen Ritter Ulrich von TGbheim (um 4240, der 
auch WoLFRAM*s Willehalm umarbeitete, was auch Ulbich von TGblein that) 
und in Heinbigh von Fbeibebo (Anfang des 44. Jahrb.). XJnbeendigt blieb 
auch die neue Bearbeitung dieser alten Liedersage von Immebmann. Aus- 
gabe von Gebote 4824, v. d. Haoen 4823, Massmann 4843. Neudeutsch 
(mit Schlnss) von H. Kurlz 4844 und K, Simrock 4855. — ^ Wolfram 
von Escbenbach, ein armer Ritter aus Franken, kam 4204 an den Hof 
des Landgrafen Hermann von Thüringen, wo er unter den Dichtem des 
sogenannten Wartburgkrieges glänzte; er starb zwischen 4249 — 25. Der 
ans 24,840 kurzen Reimzeilen bestehende Parzival, das bedeutendste unter 
den mittelhochdeutschen Kunstepen, ist noch vor 4242 beendet. Der Titurel 
ist nur in zwei Bruchstücken von 470 vierzeiligen Strophen erhalten und 
darf nicht verwechselt werden mit dem jungem Titurel Albbecht's von 
Schabfbnbbbg, 4270, in welchem noch die Beziehung auf den Priesterkönig 
Johann hinzugekommen ist. Dessen Handschrift von Hahn 4842. Wolf- 
bam's Wilhelm von Orange. Erste krit. Ausgabe aller Werke Wolfram's 
von Lachmann , 4 833. üebersetznngen von San Marie (A. Schuh) 4 836 — 44 
nnd in der Arthursage, 4842, Simrock 4842* Ueber des Dichters Leben 
T. D. Haöen in den Minnesängern, Bd. 4. — ^ Gebildet aus dem Namen 
des Helden eines franz. zum kerlingischen Sagenkreis gehörigen Gedichts, 
Garin le Loherain (oben §. 329, 2), in zehnzeiligen Strophen, gegen Ende 
des 43* Jahrb. oder 4356 von, wie es scheint, zwei unbekannten Dichtem ver- 
fasst. Gebrüder Gbimm in den Deutsch. Sagen, 4848, Bd. 2, und Göbbbs 4 84 3. 
Waonbb's Oper. 

§. 440. Dem geistKchen Ritterthum gehören die Ge- 
dichte vom heiligen Graal an (oben §. 330). Der Pro- 
venzale Giiiot, der vennuthlich zwischen WW und U80 die 
Graalsage mit der von Titurel und Parzival verschmolzen in 
einem nordfranzösischen Gedichte erzählte, führte als seine 



264 Ziveiiea Buch. EthnodoJUologie. 

Quellen eine wahrscheinlich arabische Schrift eines Mauren 
Flegetänis, die er zu Toledo geftinden, und eine lateinische 
Chronik von Anjou an. Nach ihm verbanden Chr^tien von 
Troyes u. a. nordfranzosische Trouvferes mit der Graalsage 
theils die Sagen von Artus und seiner Tafelrunde, theils 
die Legende von dem ritterlichen Celtenapostel Joseph von 
Arimathia. Diese Epen wurden durch die deutschen ritter- 
lichen Dichter des 12. und 13. Jahrh. theils in enger sich 
anschliessenden Nachbildungen nach Deutschland verpflanzt, 
theils boten sie ihnen den Stoff zu freiem selbständigen 
Dichtungen (oben §. 439). 

Zu Ende des ^5. Jahrh. nahm Ulrich FCtbbeb in seine weitläufige 
Dichtung: Buch der Abenteuer, aus welcher Hofstatter in seinen Altdeut- 
schen Gedichten aus den Zeiten der Tafelrunde, iSii ^ Auszüge gegeben hat, 
auch die Geschichten von den Helden der Tafelrunde auf. In derselben 
Zeit entstanden durch prosaische Bearbeitung der Gedichte Wibnt's und 
EiLHABT^s die Volksbücher von Wigalois und von Tristan und Isolde. 
B6SCHINO, Der heil. Graal und seine Hüter, im Altdeutsch. Museum, 4809« 
BoissEREE, Ueber die Beschreibung des Tempels des heil. Graal, 4834- 
San Martb, Der Mythus vom heil. Graal, in den Mittheilungen des 
thüringisch -sächsischen Vereins, 4837, Bd. 3. 

d) Historisches Epos. 

§. 444. Die Periode des hofischen Kunst- und Minne- 
gesangs beginnt mit der zwischen 1175 — 1190 gedichteten 
^Eneit' Heinrich's von Veldeke \ der Virgil's ,Aenei8' nur 
in einer franzosischen Bearbeitung kannte. Das ,Alexander- 
lied' des Pfaffen Lamprecht ^. Einen , Alexander^ lieferte 
auch Rudolf von Ems, 1240 ^. Zwischen diesem und der 
,Eneit' steht das ,Liet von Troye' (Trojanischer Kjieg) 
des Herbort von Fritzlar, um 1200 — 10, der die im Mittel- 
alter vielgelesenen lateinischen Erzählungen des Dares und 
Diktys von diesem Kriege gekannt zu haben scheint, wenn 
er gleich nach einem wälschen Vorbilde arbeitete, das ihm 
durch die Vermittelung des Landgrafen Hermann von Thü- 
ringen zukam. Auch Konrad von Wür^burg dichtete den 
Trojanischen Krieg*. ,Herzog Ernst', ,Oswald', ,Salomon' 
oder ,Salman', ,Morolf ' und andere Epen gehören gleichfalls 
in diesen Kreis. 

* MCller's Sammlung deutscher Gedichte, 4782 fg., Bd. -1. — ^ Wbiss- 
maKn 4850. Cholevius, Gesch. der deutschen Poesie nach ihren antiken 
Elementen, Bd. 4, 4854. — ^ Ein anderes Epoa von ihm ist Wilhehu 
von Orlens (Gesch. Wilhelm's des Eroberers). Sein Guter Gerhard (bald 
nach 4229) erinnert an Hartmanm's Armen Heinrich (Ausgabe von Havpt 
4840). Seine dem Kaiser Konrad IV. gewidmete Weltchronik blieb un- 



Einunddreissigsles Capilel. Deutschland. 265 

YoUendet; Ausgabe •von G. Schotzc 1779 — 84, Vilmar 4839. — * In 
Möllbb's Sammlung, Bd. 3. Ferner sind von ihm: Engelhard (vAi Haupt 
4844), Otte mit dem Bart (von Hahn 4838), Der Welt Lohn (eine alle- 
gorische Erzählung, deren Held der Dichter Wimt von Grafenberg ist, 
von Roth 4843), Die goldene Schmiede (von W. Grimm 4840), Alexius 
(von Massmann 4843 und Haupt 4843). 

§. 442. Als erste Anfange der Geschichtschreibung sind 
zu betrachten die aus 46,000 Versen bestehende ,Kaiser- 
chronik^ und der damit verwandte ,Lobgesang auf den 
heiligen Hanno^ (f 1075), Erzbischof von Köln (Aus- 
gabe von Goldmann). 

2. Lyrische Poesie. 

§. 443. Die ritterliche Lyrik heisst nach ihrem Grund- 
ton, der Minne \ Minnegesang und die Dichter des- 
selben werden Minnesinger oder Minnesänger genannt. Die 
Manessische Sammlung^ nennt 130 Minnesänger, unter 
denen der älteste sein soll Heinrich von Veldeke ', als 
die vorzüglichsten aber folgende sechs genannt werden: 
Heinrich von Morungen, Hartmann von Aue, Reinmar der 
Alte, Wolfram von Eschenbach*, Neidhart oder Nit- 
hart* und alle überragend Walther von der Vogelweide 
(1160 — 1230?). Es folgen Graf Otto von Bodenlauben«, 
Ulrich von Singenberg, der Tanhäuser'^; um die Mitte des 
13. Jahrh. : Christian von Hameln, Gottfried von Neifen, 
Ulrich \on Lichtenstein ®, Schenk Ulrich von Winterstetten, 
Reinmar von Zweter, Konrad von Würzburg, der Marner, 
der Meissner; aus dem Ende des 13. und Anfang des 
44. Jahrh.: Konrad Schenk von Landeck, Herzog Hein- 
rich IV. von Breslau, Markgraf Otto mit dem Pfeil von 
Brandenburg, Raumsland, Meister Johann Hadlaub ^, Hein- 
rich von Meissen, genannt Prauenlob ^^, der Schmied Regen- 
bogen. 

^ Freude, Lust, Liebe, Andenken. Minnen ist gedenken, meinen, 
mahnen, erinnern; wie im Altnordischen minni und minna, daher Minne 
trinken. — 'So genannt , weil man seit Bodmer annahm , dass der Bürger- 
meister -von Zürich, Rüdiger von Manesse, und dessen Sohn sie haben 
schreiben lassen; aber Lachmann hat in der Vorrede zu seiner Ausgabe 
Walther*8 von der Vogelweide darauf aufmerksam gemacht, dass diese 
Annahme in der Stelle in HADLArs's Gedichten , auf welche sie sich beruft, 
keine Begründung findet, daher nennt er die Handschrift von ihrem Aufent- 
haltfiprte die pariser. — ' Von dem Gottfried von Strasburg sagt: Er 
inphete daz erste ris in tiutescher zungen. Seine Lieder sind noch vor ^ ^ 90 
abgefasst; vor ihm noch Dietmar von Eist, neben ihm Friedrich von 
Hausen. — ^ Tage- oder Wächterlieder. — ^ Aus Oestreich, zu Anfange 




266 Zweites Buch. Elhnudoktologie. 

des 43. Jahrh., besang Torzüglicb das Leben, die Hoffart, Prnnksncht 
und die^derbere Lebensweise der Banem (Dorper, d. i. Dörferer, daber 
Tölpel). So ist er Erfinder der bofischen Dor^oesie, 4220 — 30. Seine 
Lieder gab Benecke. — ^ Bbchstbih 4845. — "^ Die merkwürdige Oper 
Ton Waqneb seit 4853. — * 4 499 oder 4200 — 75 oder 4276. Franen- 
dienst von Tibck 4842, Franenbuch (4257) von Lachmann, mit bistor. Anm. 
von Th. V. Kabajan 4844. — ^ ExxMeLLBB 4840. — *" Geb. 4260, 
gründete in Mainz 4344 eine Sängerscbnle , starb 4348. Ausgabe von Ett- 
iffiLLBK als 46. Tbeil der Bibl. der gesammten deutsch. Nationallit., 4843. 
Vollständigste Sammlung, zugleich mit Lebensbeschreibungen der einzelneu 
Dichter, in v. d. Hagbn's Minnesinger, 4838. Tieck^s Minnelieder aui 
dem Schwab. Zeitalter, 4803. 

§. 444. Walther von der Vogelweide, aus der Schweiz, 
oder Franken (Wackemagel), oder Schwaben (W. Grrimm), 
oder Oestreich (Lachmann), lernte am Hofe von Wien 
bei Herzog Friedrich singen und sagen, seit 4 498 am 
Hofe des Landgrafen Hermann von Thüringen, geboren 
zwischen 4 465-— 70, begann zu singen 4 487, seine besten 
Lieder fallen zwischen 4198 — 4227, erhielt durch Kaiser 
Friedrich H. ein Beichslehn 4220. W. Grinnn vermuthet, 
dass er an dem Kreuzzuge Friedrich's H. (4228 — 29) Theil 
genommen und in dieser Zeit das Spruchgedicht ,Freidank^ 
verfasst habe ^. Er starb in Würzburg *. 

* Freidank oder Vridank nennt sich der Dichter eines mittelhochdeutsch, 
didaktischen Gedichts, das den Titel Bescheidenheit (verständige Einsicht 
und richtige Benrtheilung der Dinge) führt. Ausgabe von W. Grimm 4834. 
Erster Nachtrag 4850, zweiter 4855 von W. Gbimm. Erweiterte Umarbei- 
tung durch Sbb. Brandt 4508. — ^ Ausgabe von Lacbmann 4827 u. 4843. 
Uebersetzung von Simrock mit Erläuterungen von diesem und Wackemagel 
4833. Ueber ihn XJhlahd, 4822. 

§. 445. Dass die besten Minnesänger der schwäbischen 
Zeit, wie man nach Bodmer^s Vorgang sich ausdruckt, mit 
den spätesten handwerksmässigen sogenannten Meistersängem 
geschichtlich und durch ein inneres Band zusammenhängen, 
hat Jak. Grimm ^ zuerst nachgewiesen und gezeigt, wie Das- 
jenige, was den Meistergesang als solchen charakterisirt, 
in einer bestimmten Grundform des Strophenbaus liege, 
die mit dem ersten Entstehen lyrischer Kunstpoesie im deut- 
schen Mittelalter zugleich im 12. Jahrh. sich bildete, sich 
als ihr Gesetz die Zeit ihrer Blüte hindurch erhielt und 
die auch, als diese Blüte nach der Mitte des 13. Jahrh. 
aUmäUg verwelkte und endUch im U. Jahrh. schwand, noch 
lange als die Form einer bestimmten Gesangsübung fort- 
dauerte *. 

Die Troubadourpoesie der Provenzalen hat weder auf 
die Entstehung noch die Ausbildung des Minnegesangs 



Einunddreissigstes Capitel. Deutschland, 267 

wesentlich eingewirkt, und nur von einem der vielen Dichter, 
Rudolf von Neuenburg, lässt sich nachweisen, dass er einem 
Troubadour, Folquet von Marseille, nachgeahmt habe. 

* Ueber den dentschen Meistergesang, \Sii. — ^ Lachmann, lieber die 
Leiche der deutsch. Dichter des ^2. a. i^. Jahrb., im Rhein. Museam, 4829, 
Heft 3* Fd. Wolf, Ueber die Lais, Squenzen und Leiche, 4844. 

§. 446. Wartburgskrieg oder Sängerkrieg auf Wart- 
burg nennt man den Wettstreit, der um 1207 an dem Hofe 
des Landgrafen Hermann von Thüringen zwischen daselbst 
anwesenden Dichtem: Heinrich von Ofterdingen (wahr- 
scheinlich erdichteter Name), Walther von der Vogelweide, 
Wolfram von Eschenbach und £Iinsor von Ungarland (wahr- 
scheinlich erdichteter Name), stattgefunden haben soll, und 
ebenso nennt man ein aus zwei Theilen bestehendes Ge- 
dicht, das ihn darstellt. Heinrich von Ofterdingen erhebt 
seinen Gönner Leopold von Oestreich, während Walther 
von der Vogelweide das Lob Heinrich's von Thüringen 
singt. Wolfram holt endlich zur Entscheidung den fabel- 
haften Künsor herbei. 

Ausgabe von Zecnb 4848, Ettmullbb 4830. Ueber das Gedicht 
KoBBBSTEiN 4823, Lucas 4838, Plötz. Bbchstein, Wartburg-Bibliothek, 
48Ö5> auch unter dem Titel: Das grosse thüringische Mysterium, oder das 
geistl. Spiel Ton den zehn Jungfrauen. 

§. 447. Der didaktischen Poesie dieser Periode 
gehören theils Lehrgedichte, theils Fabeln an. So der 
,Wind8becke' und die ,Windsbeckin' aus dem 43. Jahrh. 
von einem unbekannten Verfasser, der schon erwähnte 
,EVeidank^ von Walther von der Vogelweide, 1230, und 
der ,Edelstein^ des Bonerius. 

§• 448. Die Prosaliteratur bietet den Reichstags- 
abschied von Mainz (1236) von E^aiser Friedrich 11., die 
ergreifenden Buss- und Sittenpredigten des Franciscaners 
( Minoriten ) Berthold in ßegensburg ( f 1 272 ) * , den 
,SachsenspiegeP und den ,SchwabenspiegeP von 1230 und 
4280«. 

1 Elinq 4824* — ' Den erstem veranstaltete nach der gewöhnlichen 
Annahme ein sächsischer Edelmann, Eike von Repkow, als gräflich 
falkensteinischer Gerichtsschöppe , 4245. Das Werk ist in altsächsischer 
Mundart abgefasst und zerfällt in das Land- und das Lehnrecht, wozu 
im 44* Jahrh. noch der Richtsteig (Anleitung zum Verfahren vor Gericht) 
dureh einen märkischen Edeln, Johann von Buch, kam. Ausgabe 4474, 
von Gärtner 4732, Weiskb 4844, des Landrechts nach einer berliner 
HandBcbrift von 4769 von Hombyeb 4827 u. 4835. Unten §. 627. Die 
sogenannte Repkow*sche Chronik, oder, nach Wackemagel, die sächsische 
Weltchronik ist daa älteste Denkmal, in welchem deutsche Prosa zur Geschieht»- 




268 Zweites Buch. Ethnodoklologie. 

erzählung angewandt ward ; von Pfeiffer \ 854. Der Schwabenspiegel oder 
Kaiserrecht wurde im 43. Jahrb. jenem nachgebildet. Aasgabe 4482, von 
Meichsner 4506, Lassbero (nach einer Recension von 4287) 4840 nnd 
Wackbrnaoel (in der ältesten Gestalt) 4840* Unten §. 627. 

C. Vom Untergänge der Hohenstaufen bis zur Refor- 
mation, 1254 — 1517 (1300 — 1500). 

§. 449. Deutschland wird durch das Interregnum zer 
splittert, der Adel verarmt und sinkt von seiner poetisch- 
ritterlichen Hohe durch das ßaubleben und das Fäustrecht. 
Dagegen erblüht der Handel und die Reichsstädte werden 
mächtig und reich. Das materielle Interesse wird allgemein 
vorherrschend. In der Poesie tritt an die Stelle der Phan- 
tasie und Begeisterung Berechnung imd kaltes Formen- 
wesen. In den Städten bilden sich Gesangschulen, deren 
Mitglieder Meistersänger heissen. Die Wissenschaften 
werden zwar durch Stiftimg von Universitäten (Prag 4348) 
gefordert, aber dadurch zugleich die Gelehrten von dem 
Volke abgezogen. Vorzugsweise Ausbildung der theologisch- 
rhetorischen Prosa. Die Erfindung der Buchdruckerkunst und 
des Lumpenpapiers trägt viel zur Verbreitung literarischer 
Producte bei. 

§. 450. Mit der Achtung vor dem Ritterstande schwindet 
auch die Theilnahme an den Helden- und Rittersagen, und 
Vers und Reim der Ritterdichtung begannen sich vom 
15. Jahrh. an in die Prosa (Romane und Chroniken) auf- 
zulösen. Allegorische Einkleidung wird in dieser phantasie- 
armen Zeit sehr beliebt. Der ,Theuerdank', entworfen von 
Kaiser Maximilian I. (1493 — 1519) und in seinem Auftrage 
weiter ausgeführt von seinem Geheimschreiber und Rath 
Melchior Pfinzing (1481 — 1535), enthält die Brautfahrt 
Maximilian^s zu Maria von Burgund K Die Umarbeitungen 
Kaspar^s von der Rohn imd Ulrich Füterer's sind schon 
oben erwähnt (§. 432 und 440). 

1 Umarbeitungen von Burkhard Waldis 4553 und Schültes 4697, 
Ausgabe von Haltaus 4836* 

§. 451. Der Meistergesang begann mit dem 15. Jahrh., 
als auf die ritterliche Phantastik die bürgerliche Verständig- 
keit folgte, als Pflege und Genuss des geistigen Lebens aus 
den Schlossern der Fürsten und den Burgen des Adels in 
die Ilingmauern firisch und fröhlich aufblühender Städte über- 



Einunddreissigstes Capiiel. Deutschland, 269 

gegangen war. Die Zünfte der Meistersänger oder, wie sie 
sich ans Bescheidenheit gern nannten, der Liebhaber des 
deutschen Meistergesangs, vorzugsweise in Mainz, Stras- 
burg, Nürnberg, Augsburg und Frankfurt a. M., bestanden 
bis in das 17., nur wenige, wie die nürnberger, erhielten 
sich bis in das 18. Jahrh., in Ulm sogar bis in das 19. Jahrh. 
Daselbst gab es noch 1830 zwölf Meistersänger; 1839, als 
nur noch zwei existirten, übergaben diese ihr sängerisches 
Eigenthum dem Liederkranze zu Ulm. Die Vorschriften 
über die Abfassung und den Vortrag der Gesänge enthielten 
die Tabulaturen (z. B. die strasburger von 1493). Den 
Gesang selbst nannten sie Bar, ihre Versarten Gebäude. 
Durch Erfindung neuer Tone (Strophencompositionen) be- 
währte sich der Meister. Die besten Meister waren: 
Heinrich von Mügeln, Muscatblut, Peter der Suchenwirt und 
Hans Bosenblut, genannt der Schnepperer (d. i. Schwätzer), 
der zwischen 1 431 — 60 dichtete. Der berühmteste unter den 
spätem deutschen Meistersängem und einer der vortreff- 
lichsten Dichter seiner Zeit ist Hans Sachs aus Nürnberg 
(1495 — 4576), seines Handwerks ein Schuhmacher, der 1514 
zu München sein erstes Meisterlied sang, sodann aber in 
allen damals üblichen Dichtgattungen sich versuchte: Gnomen, 
Fabeln, Beispielen, Kirchenliedern, Allegorien, biblischen Er- 
zählungen (SI10), Erzählungen aus der Geschichte und My- 
thologie (über 480), Anekdoten, Gesprächen, Sittenpredigt, 
Schwänken (286), Psalmen, Dramen (56 Tragödien, 68 Ko- 
mödien, 62 Fastnachtspiele) und in 52 Jahren (bis 1566) 
6048 Dichtungen zu Stande brachte, darunter auch die 
,Wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall^, 
4524 1. 

^ Seine Werke in fünf Foliobänden zu Nürnberg ^574 — 79. Sein 
Leben Ton Ranisch 1765, Fcrchau 4820 und J. L. Hoffmanm 4847. 
Ueber den Meistergesang Puschmann, ein Schüler von Hans Sachs, 4584, 
Waobnsbil hinter seinem Buche: De civitate Noribergensi, 4697, nnd 
Jak. Grimm 4844. W. Grimm, Thierfabeln bei den Meistersängern, 4855. 

§. 452. Auch das deutsche Drama hat seinen Anfang 
in den Mysterien ^, einer Art geistlicher Schauspiele, 
deren älteste Spuren in italienischen und britischen Denk- 
mälern bis in das 43. Jahrh. hinaufreichen. Oster- und 
Pfingstspiele. Die Darstellungen der gottlichen Geheim- 
nisse hiessen Misteries, die der Wunder der Heiligen Mi- 
racles und die der moralisch lehrhaften Abschnitte aus der 




270 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

biblischen Geschichte Moralities^. Das weltliche Element, 
welches schon mitunter in den Mysterien vorkam, verband 
sich später mit den Mummereien, die in den letzten Tagen 
und Nächten vor Anfang der Feste gebräuchlich waren, 
und gab zu den Fastnachtsspielen Anlass, welche sich 
zu einer selbständigen Dichtung in den süddeutschen Beichs- 
städten erhoben, in Memmingen, Augsburg und namentlich 
in Nürnberg, wo seit 4550 sogar ein eigenes Theater dafür 
bestand. 

Die ersten geschriebenen Fastnachtsspiele verdanken wir 
Hans Rosenblut, 4434 — 60 ^ Eine vollständigere Gestalt 
erhielten sie durch den Barbier Hans Folz oder Yolz aus 
Worms, deren wir noch vier besitzen, gedruckt zu Nürn- 
berg 4549 — 24. Am höchsten erhob sich das Fastnachtsspiel 
durch Nikiaus Manuel aus Bern, 4522^, und den finicht- 
baren Hans Sachs (Schulkomodie), neben welchem im 46. 
Jahrh. Jak. Ayrer (ein Band Werke 4648) steht, von 
dem fünf Stücke Tieck in sein ,Deutsches Theater^ (Bd. 4 ) 
aufgenommen hat, zugleich erster Singspieldichter, f 4648. 

Geistliche Dramen verbreitete Paul Rebhun, 4535 Rector 
in Zwickau und Plauen, 4543 Pfarrer in Oelsnitz: ,SusannaS 
4536, ,Hochzeit zu Kana^ 4538, ,KlagMes armen MannesS 
4540. 

1 Ueber die heidnischen Mysterien St.-Cboix, Richerches histori- 
ques et critiques sur les myst^res du paganisme, 4784, neue Anfl* von 
SiLY. DB Sagt 4847; deutsch von Lenz 4790. Mbinebs in den Ver- 
mischten philos. Schriften, 4776. Lobeck im Aglaophamns, 4829. — 
* Die geistlichen Dramen Deutschlands bis zur zweiten Hälfte des 45* Jahrh. 
waren sämmtlich Jatein. abgefasst und wurden Yon Geistlichen aufgeführt. 
Das Drama Babst Jutta, 4480. — ^ Gottsched, Nothwendiger Vorrath »ur 
Gesch. der deutsch, dramat. Dichtkunst, 4 765. Kbllbb, Fastnachtsspiele aus 
dem 45. Jahrb., 424 Stücke, 3 Thle., 4853. -— * Ueber ihn Gbdnbisbh 4837. 
RosENKBAivz, Encyklop. und theoiog. Wissenschaften, 4845. 

§. 453. Der berühmteste Satiriker des 15. Jahrh. war 
Sebastian Brandt aus Strasburg (1458 — 1 521 ). Sein Haupt- 
werk, das ,Narrenschiff*, 1494, ist eine Schilderung der 
Laster und Thorheiten der Welt in 1 1 3 Capiteln. Unter 
Narrheit versteht Brandt die sittliche Entartung, imd seine 
Schilderungen sind weniger satirisch als moralisirend. Die 
Sprache ist der harte Dialekt des Elsasses, der an spötti- 
schen Beziehungen besonders reich ist. Der Versbau leitet 
zu den sogenannten Enittelrersen des 16. Jahrh. über^ 
Thomas Mumer aus Strasburg (1475—1536?), ein heftiger 



Einunddreiwgstes CapHeL Deutschland, 271 

Gegner Luther^s, hat in seiner ,Narrenbe8chwoning' und 
,SchelmenznnftS 1542, die moralisirende Didaktik Brandts 
in Satire umgewandelt, die aber meistens noch im Allge- 
meinen gegen Stande und Richtungen sich hält und trotz 
aller Vertiefungen in Niedrigkeiten und Derbheiten den sitt- 
lichen Hintergrund niemaJa verhüllt*. Ulrich von Hutten's 
aus Steckelberg in Kurhessen (1488 — 1523) ,Klag' und 
Vermahnung' K Der niederdeutsche ,Reineke de Vos' (oben 
§. 419), das grosste satirische Epos jener Zeit. Die Pre- 
digten von Geiler von Kaisersberg (1445 — 1510), seit 1478 
Domprediger in Strasburg, besonders über Brandt's ,Narren- 
schiflF**. Der um 1300 vollendete ,Renner' (weil er durch 
alle Länder rennen sollte) enthält gleichfalls Sittenpredigten 
mit Fabeln des Hugo von Trimberg, einem Dorfe im Würz- 
burgischen, wahrscheinlich seinem Geburtsorte •. Die mysti- 
schen Predigten des Johann Tauler von Strasburg (1294 — 
4 361), genannt Doctor sublimis, auch illuminatus ®. Eine 
besondere Gattung satirischer Gedichte aus dieser Zeit sind 
die sogenannten Priameln. 

1 Kritische Ausgabe Yon Stbobbl 4839, mit Geileres Predigten in 
Sobbiblb's Voiksprediger, 4845. — * lieber ihn Waldau 4775. — » Er 
studirte in Frankfurt a. d. O. , dann in Wittenberg. 4542 ging er nach 
Italien} stndirte in Parma und rerf aaste latein. Gedichte. 4547 wurde er 
▼on Kaiser Maximilian I. als Dichter gekrönt. Seine satirischen Briefe 
brachten den Papst so auf, dass er seine Auslieferung verlangte. Hütten 
▼erbarg sich bei Franz Yon Sickingen, und nach dessen Tode floh er, 
▼on seinen Freunden verlassen, von der Geistlichkeit verfolgt, nach der 
SchweiK und starb auf der Insel Ufenau im Zürichersee. Eine Samm- 
lung seiner Schriften (an Zahl 45 und einige ungewisse) besorgte Münoh 
4894-*—37, der auch seine Jugenddichtungen ins Deutsche übersetzte, 4838. 
lieber ihn Pakzbb 4768, Mohmikb 4846, Wagbnsbil 4823. — ^ Im 
Ganzen darüber 442 Predigten, latein. 4544, deutsch von Pauli 4520. 
Ueber ihn von Ammon 4826 und Wbick 4829. — ^ Herausgegeben ans 
einer 4347 verfertigten Handschrift vom bamberger histor. Verein 4833 — 36, 
mit Willkür bearbeitet von Sb. Bbandt 4549. — ^ Gedruckt 4498, 
4524, 4826; seine gesammelten Werke von Cassbdbb 4823 fg. Ueber 
ihn K. Schmidt 4842. 

§.454« Die Volksbücher oderVolksromane sindtheils 
tragischen, theils komischen, theils sentimentalen Inhalts. 

Zu den tragischen gehören: ,Fortunat und seine Sohne 
Ampedo und Andalosio^ worin die Grundidee das Unglück 
des rein materiellen Besitzes ist. In dem ,Ewigen Juden^ 
werden die Qualen der Unsterblichkeit geschildert, die yom 
EVieden Gottes entblosst ist. Die Sage Ton ,Doctor Faust^ 
schildert die Freiheit im Bösen. 

Komischen Inhalts sind die ^Schwanke des Tyll Eulen 




272 Zweitet Buch. Ethnodoklologie. 

Spiegel^ ^ aus Kneitlingen im Braunschweigischen (f um 1 350 
zu MöUn bei Lübeck). ,Die Bürger von Schiida'. 

Zu den sentimentalen gehört das ,Buch der Liebe^ 
eine Sammlung aller Sagen, herausgegeben vom Buchdrucker 
Peyerabend 1587. Darin sind enthalten: ,Ritter Staufenberg 
und die Meerfee', ^Kaiser Octavianus', die ,Schone Melu- 
sine' ^ und ,Magelone' ', die ^Haimonskinder' *, ,Ama- 
dis' • u. A. Die berühmteste Novelle ist das Buch ,Von 
den sieben weisen Meistern', welches sowol in prosaischen 
als poetischen Umarbeitungen ein vielgelesenes Yolksbuch 
des Mittelalters war (oben §. 75 und öfter). 

> Dieses ursprünglich in plattdeutscher Sprache verfasste Volksbuch 
wurde um 4 483 durch den Franciscaner Th. Murner ins Hochdeutsche 
übertragen (erste Ausg. 4519) und ging dann in fast alle Sprachen Europas 
über. Reiohabd, Bibl. der Romane, Bd. 2 u. 4. Fl5oel, Gesch. der 
Hofharren. Görbbs, Die deutsch. Volksbücher, 4807, oben §. 439, 6* Deutsche 
Volksbücher, herausgeg. von Habbaoh 4838. < — ^ Aus den Sagen über sie 
bildete Jbah d'Abbas um 4390 ein Gedicht, das spater in prosaischer Auf- 
lösung zum Volksbuch wurde; zum deutschen durch Thiiring von Rigol^ 
tingen aus Bern, der es 4 456 übersetzte (gedruckt 4474, iii Fbtebabend's 
Buch der Liebe, 4587)* — ^ Die Maguelonne zeichnete zuerst Bbbnabd de 
Tbbvibbs um 4478 auf in einem provenzal. Gedicht, woraus ein franz. 
Prosaroman wurde, 4457, und durch Veit Wabbbck, 4535, ein deutscher. 
In Mabbach's und Simbock's deutsch. Volksbüchern, Tieck in Lebrecht's 
Volksmärchen, Moboenroth 4829* — ^ Diese Erzählung des karollngischen 
Sagenkreises wurde um 4200 von Hüom de Villbmeuye in dem Gedichte 
Regnault de Montauban (so hiess der jüngste der vier Brüder) bearbeitet. 
Eine andere altfranz. Bearbeitung machte Im. Bekkbb,4829^ in der Ein- 
leitung zu seiner Ausgabe des prorenzal. Fierabras bekannt. In Prosa auf- 
gelöst wurde auch dieses Gedicht Volksbuch und 4 493 gedruckt Eine deutsche 
Uebersetzung erschien 4535, eine niederländische 4649, eine englische 4554, 
eine spanische 4536* — ^ Amadis ist ein in der Ritterpoesie berühmter Name. 
Es werden im Ganzen ihrer vier gezählt: Amadis von Gallien (nach den 
Forschungen von CLEMENOiif in seinem Commentar zum Don Quixote 4833, 
verfasst in portugies. Sprache von dem Ritter Vasco de Lobeiba aus Oporto, 
der 4352 oder 4403 starb, zwischen 4342 — 67), sein Urenkel von Griechen- 
land und dessen beide Urenkel vom Gestirn und von Trapezunt; s. oben 
§. 380. In fast alle europ. Sprachen übersetzt und theils in Komödien, 
thei]s in epischen Gedichten (von Stewabt Rose 4803 und De Lassbb 4843) 
verarbeitet. Wieland's Neuer Amadis, 4774. 

§. 455. Die geschichtliche Prosa ist vertreten durch 
die limburgische und elsassische Chronik, letztere von Jak. 
von Konigshofen, durch die ,Burgundischen Kriege' von Die- 
pold Schilling, durch Reisebeschreibungen ^ und durch den 
^Weisskunig\ der in prosaischer Erzählung, aber mit alle- 
gorischer Namenverstellung, die Tbaten Kaiser Priedrich's IQ. 
und Maximilian's I. enthalt und nach des Letztem Entwurf 
von dessen Geheimschreiber Marx Treizsaurwein von Ehren- 
treiz .4514 abgefasst ist^. 



EiHunddrei$sig$tes CapUel Deuischiand, 373 

1 Von Maumdbvilb, Schiltbbroer, Maroo Polo ital. 4490, bei 
Ramusio in seinen Navjgazioni e viaggi, 4559> von Baldblli Boki, 
Viaggi di Marco P., 4827, deutsch 4802, franzosisch 4824; über ihn 
ZuRLA 4848 fg., Mrrlbk%r 4839 und Löwbnbbro 4840, Geschichte der 
Geographie. Mbrlbkbr, Kosmogeographie, 4848, §* 362. — ^ Ausgabe 
mit Holzschnitten Hs. Bvbgkmair's zu Wien, 4775. 

D. Von Luther bis Opitz, 1600 — 1620. 

§. 456. Zur Reformationszeit war Deutschland in 
geistiger Beziehung zerfallen. Durch die theologischen 
Streitigkeiten wurde die Poesie in den Hin^rgrund ge- 
drangt und alle geistige Kraft auf klare Darstellung ver- 
wendet. Die Prosa wurde besonders durch Luther aus- 
gebildet und das neue Hochdeutsch allgemeine Schrift- 
sprache. Einfuhrung des deutschen Kirchengesangs. Den 
grossten und wohlthätigsten Einfluss übte die Keformation 
auf die Schulen aus (oben §. 47). Einfluss der classi- 
schen Studien, für deren Au&ahme in Deutschland zu- 
nächst der von Gert Groote (f 1384) zu Deventer gestiftete 
Verein der Brüder des gemeinsamen Lebens Sorge trug (oben 
§. 46), dann Agricola, Lange, Celtes, Beuchlin, Erasmus, 
Melanchthon, die Universitäten (Prag 1348, Leipzig 1409, 
Wittenberg 1502), Uebersetzungen classischer Autoren. 

§. 457. Mt. Luther, zu Eisleben geboren 10. Nov. 
1483 und gestorben ebendaselbst 18. Febr. 1546, war klar 
und kräftig in seiner Sprache, welche er zum Werkzeug 
seiner Begeisterung und Herzlichkeit ausbildete. Sein 
Hauptwerk ist die Uebersetzung der Heiligen Schrift, 
zugleich das wichtigste Werk für die ganze Literatur der 
neuhochdeutschen Sprache. Das Neue Testament erschien 
1522, die ganze Bibel 1534 K Ausserdem dichtete er zwi- 
schen 1523 — 43: 37 Kirchenlieder, schrieb ,An den Adel 
deutscher Nation^ über Schulen, Katechismus, Trost- 
schriften und Briefe. 

Neben Luther steht der grosse Schweizerreformator 
D. Zwingli (1 484 — 1 531 ) , dessen Sprache zwar rauh, 
aber gedwkenvoll und kräftig ist; besonders viel gelesen 
waren seine Predigten und Briefe^. 

1 In alle Sprachen der Welt übersetzt. Empfehlenswerthe Ausgabe 
von 4641. Tbllbr, Vollständige Darstellung und Benrtheilung der deut- 
schen Sprache in Luther's Bibelübersetzung, 4794* Panzbr, Gesch. der 
deutschen Bibelübersetzung Luther's Ton 4547:— 84, 4783. Götzb, Kritik 
und Historie der Bibelübersetzung Luther's, 4768* lieber die altern Bio- 
graphien s. SoHRÖCKH, Leben Lnther's, 4778, ebenso Pfiber 4 836< Seine 

Mealkiiu 1 8 




274 Zu)9U§i Buch. Ethnodoktologi«, 

SohrilteD erschienen gesammelt za Jena 4556 — 58 (am vollständigsten), 
Aitenbnrg 4664-— 64, Leipzig 4729—40, von Walgh 4734—53 in 24 Qnart- 
binden, beste Ausgabe. Schon 4343 hatte Mthi» von Behaim eine lieber- 
Mtemig der Bibel aas der Vnlgata geliefert, die anf der Universitäts- 
bibliothek in Leipzig aufbenrahrt wird. Derselben Familie gehörte der 
gefeierte Meistersänger Mch. Behaim und der grosse Kosmograph Mt. 
Behaim (4430—4507) an; über ihn Murr 4778 u. 4804 nnd Alx. von 
HuMnoLDT in seinen Kritischen Untersuchungen über die Entdeckung der 
Neuen Welt etc. Deutsch von Ideler, Bd. 4 , 4836. — • Seine Schriften in 
Einem Bande 4545, in 4 Bdn. 4584; einen Auszug besorgten Usteri und 
VöOBLiH 4849; den gesammten schriftl. Nachlass gaben Schulbe und Schult- 
hbSS 48S8. Ueber sein Leben RoteRMünd 4848 nnd Sigwart 4855. 

§. 458. Ohne das Volkslied hätte das 46. Jahrh. eine 
welÜiohe Lyrik gar nicht aufzuweisen, überhaupt kaum eine 
Lyrik, da das Kirchenlied sich dem Charakter des Didakti- 
schen mehr nähert, der das ganze Jahrhundert beherrscht. 
Theils historische, theils geistliche, theils weltlich-lyrische 
Gesänge des Volkes sind uns in fliegenden Blättern, gelegent- 
lichen Einschaltungen oder besondem Sammelwerken auf- 
bewahrt worden. In der heidelberger Handschrift 409 vom 
Jahre 4546. Liederb,üch 4578. 

BOsOhimo tmd Y. D. Hagen, Sammlung deutscher Volkslieder, 4807- 
Ena «nd IrmbIi, Die deotsohen Volkslieder nut ihren Singweisen, 4838 — 40. 
Andere Ausgabe von Hoffmann von Fallbrslbben 4844» Ublahd (das 
vorzüglichste Werk über diesen Gegenstand)^ 4 844. Abdruck durch den 
Stuttgarter literarischen Verein des (ambraser) Liederbachs von 458^ im 
Mars 4846. Ueber das deutsche Volkslied: Wolff 4830« V. Soltau 4836, 
KÖRNER 4840, UhlanD 4844 — 45« Simrogk 4854, Menzel 4854, Schbrer 
4854, WfiLLER 4855, Mittler 4855, MeIeR 4855. 

§. 459. Das Kirchenlied des 46. Jahrh. ging aus dem 
Volkslieds hervor, indem Behandlungs weise, strophischer 
Bäü \ind Melodie von demselben entlehnt wurden. Das 
Kifchenlied ist entweder katholisch oder nichtkatholis^h, 
hochdeutsch oder niedersächsisch ^. 

Unter den Dichtem steht Luther mit seinen 37 Kirchen- 
liedern obenan, sodann Hs. Sachs, Erh. Hegenwalt in Wit- 
tenberg, 1524, li. Heilmann, P. Speratus (von Spretten), 
1484 — 1554, Just. Jonas, 1493—1555, Lazarus Spengler, 
1476 — 1534, J. Kohlros, 1530 in Basel, Konigin Maria von 
Ungarn, Gemahlin des 1526 bei Mohacz gefallenen E!onigs 
Ludwig, Schwester KarPs V., 15Ö5— 58, W%. Dachstein, 
Wfg. Meusslin (Musculus, Mosel, Mosel), 1497 — 1563, 
Mch. Yeh, 1537 in Halle, J. Gramann (Gfaumann, Po- 
liander), 1487 — 1541, N. Decius, f <ö41, Sbld. Heyd, 

1561, Mch. Weisse (Uebersetzer aus der böhmischen 
Iprache, 1531), J. Schneesing, f ^567, Bk. Waldis, 1553^ 



Einunddreimgitei CapUel, Deutschland, 275 

N. Hermana, f 4564, Ers. Albenis, f 4553, J. Matdiesius, 
4504^65, Mt. Schalling, 4 532 <~ 4608, L. Helmbold, 4532 
— 98, Bm. Ringwaldt, 4530, Pfc. Nicolai, 45Ö6--4608. 

He^rmann, 4585 — 4647, Lobwasser, t4585, und H. Al- 
bert, 4604 — 48 (,Poetiach -musikalisches Lustw^ldcben^, 
zu Königsberg, P.Gerhardt, 4606-^76 ^ Frwok, 4648—77, 
Neumark, 4624 — 84; das Lied ,Je9us mein^ Zuv^rsicbt^ 
von Luise Henriette, Gemahlin des Grossen Kurfürsten, 
Friedrich Wilhehn, Sim. Dach in Königsberg, 4605— 59 ^ 
der brandenburgische Kath Rb. Roberthin, 46Ö0 — 48*. 

Volks-, Gesellschafts- und geistliche Lieder von Ph. 
Freiherm von Winnenberg, f 4 649, P. Melissus Schede, 
4539 — 4602, Pt. Denaisius , 4560 — 4640, J. Doman, 
G. Rdf, Weckherlin aus Würtemberg, 4584 — 4654 % 
J. Val Andrea, 4586 — 4654% J. Pappus, 4549 — 4640, 
J. Arndt, Com. Becker, 4554 — 4604, Val. Herberger, 
4562—4627, dem Jesuiten F, von Spee, 4592—4635 (bemer- 
kenswerth auch als Bekämpfer der Hexenprocesse), Jul. 
W. Zinkgref aus Heidelberg, 4594—4635. Die Sinngedichte 
(Epigramme) des Schlesiers F. von Logau, 4604 — 55 ^ 
Poetische Bearbeitungen der Psalmen. 

1 Wacki^bivagel, Das deutsche Kirchenlied etc., 4844 , hfit all« übrigen 
Schriften darüber entbehrlich gemacht. Ders. , Bibliographie znr Geschichte 
des deutschen Kirchenliedes, 4855* Wbtzbl, Lebensbeschreibungen der 
berühmtesten Liederdichter, 4748* üpbbitaopn, LlteratnrgeschiiobtQ 4l>r 
evangel. Kirchenlieder, 4792. K; v. Raumkb, Sammlung geistlicher Lieder, 
4830, 4846. Rambach, Anthologie christl. Gesänge, 4846 — 33. Vom deut- 
schen Kirchenlied, 'wie's unsere Väter sangen, und yom musikal. Theil des 
protest. Cultus überhaupt, nebst einem Aixhang alter Singweisen, 4844. 
Stbombbbgbb, Geistl. Lieder evangel. Frauen des 46., 47.» 48. Jahrb., 4854. 
MÖTZBLL, Qeistl. Lijeder der evangel. Kirche aus dem 46. Jahrb., 4855. 
Ebk, Deutscher Liederhort, 4855. Bachmanm, Zur Gesch. der berliner Ge- 
sangbücher, ein hymnologischer Beitrag, 4856. Rittblmbteb, Die evangel. 
Kirchenlieder des Elsasses etc., 4 855. — ^ Veber sein Leben Gödeke 4 853» 
und MiTTJ'BB, Herzog Heinrich's von Braunsch^p^eig ^agelied* Mit einei)i 
NachTTorte über das Leben und die Dichtungen des 1b. W., 48;55. '-=• 
' Diakonus an der Nikolaikirche in Berlin, 4667 abgesetzt und flüchtig, 
dann Prediger in der Lausitz. Von ihm die Lieder : B^Kehl du deine Wege, 
und: O Haupt voll Blut und Wunden. lieber ihn Roth 4832 ^iV^^ Lang« 
BBCKBB 4 844 . — * Professor der Dichtkunst. Seine Anke von Tharaw in 
prenss. Volksdialekt; über ihn Gbbaueb 4828. — * Möllbb*«» Bibl. deut- 
scher Dichter des 4 7. Jahrb., 4 823. — ^ Üeber sein Lebep und seine S^rlften 
CoHZ 4803. Sein Trauergedicht auf Gustav Adolf. — ^ üe|)er ihn H083- 
BACH 4830. — * Seine Gedichte von Ramler und Lessing 4759 u. 4794. 

§. 460. Fabeln, Schwanke, Sprichwörter: Era. Al- 
berus, 1534, Bk. Waldisi, Agricola, f 1566, Sb. Frank, 
t 1545, Eucharins Eyring, 1520 — 97. 

18* 



276 ZwmUs Biicfc. Eihnodoktologie, 

Lebrdichter: J. Freiherr von Schwarzenberg, 4463-^ 
4528% Bm. Ringwaldt, 4530—98 oder 4600 % Mihi. Holz- 
wart (im Elsass 4560 — 80). 

Dramatische Versuche von Heyneccius, Dedekind, 
Binkhart, Stricker, Ringwaldt, Mauricius. 

Streit- und Schmähschriften auf kirchlichem Gebiete; 
Verfall der Sprache in der wissenschaftlichen und redneri- 
schen Prosa, zwischen 4550 — 4620. 

Der Mystiker Jak. Böhme (Schuhmacher in Görlitz, 
4575 — 4624); seine , Aurora, oder Morgenröthe im Au%ang^ 
(4642) sollte ein Licht anzünden für Die, welche erkennen 
wollen*. J. Amd, 4555—4624, der F^nölon der prote- 
stantischen Kirche: ,Paradiesgärtlein^, ,Postille', 4646*. Der 
Theolog Andrea , 4 586 — 4 654. 

Das satirisch-didaktische Gemälde der Welt von 
G. Rollenhagen (4542 — 4609) in seinem ,Froschmäusler^, 
4 595 ^ Satiriker und zugleich der genialste Schriftsteller 
dieser Zeit ist J. Fischart, genannt Mentzer, 4545 oder 
4550 — 89, sein berühmtestes Werk der satirische Roman 
,Gargantua und Pantagruel oder Affenteuerliche und Ver- 
geheuerliche Geschichtklitterung^ u. s. w., 4552 (in ver- 
änderter Sprache 4575), welchem das erste Buch des Rabe- 
lais^schen Romans zu Grunde liegt (oben §. 342). Im Ganzen 
werden 79 Schriften von ihm angeführt '^. 

1 Kbloh, Liefländ. Gesch. Hoffmann y. Fallbbslbbbn, Polit. Gedichte 
aus der deatschen Vorzeit, 4843. — ' Sein Leben von Stbobbl 4773* — 
' Sein Leben von Wippbl 4754. Hoffmann v. Fallbrslebbn, Ringwaldt 
iind Bj. Schmolke, 4833» nnd Spenden zur dentschen Literatorgesch. , 4845. 
Binöwaldt's didaktisches Gedicht: Die lantere Wahrheit. — * Seine übrigen 
Werke erschienen seit 4649. Ueber ihn Fouqub 4 834 , Wullbn 4 836 o. 4 838. 
Seine Lehre bei L. Fbubbbaoh, Gesch. der nenem Philosophie, Bd. 4, 
4833« — ^ Sein Wahres Christenthum ist fast in alle gebildeten Sprachen 
abersetzt worden, 45. Anfl. von Fbanckb 4830; neueste 4840. £r hat 
Arnold nnd Spener trefflich vorgearbeitet und grossen Antheil an der 
Wiedergeburt der evangelischen Kirche, die an die Stelle des todten Bnch- 
stabans ein lebendiges Christenthum setzte. — ^ Das von ihm vermuthlich 
sdion vor 4570 verfasste, aber erst 4595 zu Magdeburg unter dem Namen 
Marcus Hüpflnsholz von Mäusebach, der jungen Frösche Yorsinger und 
Calmeuser im alten Mä^chenwigk herausgegebene allegorisch -satirische 
Thierepos: Der Froschmäuseier oder der Frosch und Mäuse wunderbare 
Hofhaltungen, ist in der Anlage zunächst der Batrachomyomachie, zum 
Theil auch dem Reineke Fuchs nachgebildet und gehört zu den besten 
poetischen Erzeugnissen des 46. Jahrb. Ausgabe des Originals 4596, 4600, 
durch GsT. Schwab 4847* Sine Nachbildung versuchte Stbhzbl in dem 
Neuen Froschmäuseier, 4796. Im Auszug bearbeitete es Lappb 4846. — 
7 Sein Gluckhaft Schiff ist ein Ehrengedicht auf das Schützenfest, 
welches 4576 in Strasburg gefeiert Avurde und bei welchem die Züricher 



' Einunddreis8ig$te$ CapUeL DeuUehland. 277 

Bürger sich vermassen, die Tiertagige Wasserfahrt nadi Strasburg in einem 
Tage zu machen und einen in Zürich gekochten Hirsebrei noch warm zn 
überbringen, zum Beweise, dass sie ihren Freunden in der Noth beistehen 
konnten. Ausgabe Ton Hallino mit emem Beitrage über die (Schichte 
der Freischiessen von Uhland 4 828. Flohhatz und Weibertratz Yon 
HuLDEiCH £llopo8Clbbon (zucrst ohne Jahr, dann 4577} ist em über- 
müthig ausgelassenes Reimgedicht. Aller Praktik Grossmutter, 4574* 
Poda^fammisch Trostbüchlein, 4577* Philosophisches Ehzuchtbüchlein, 
4578* Bienenkorb des heiligen Römischen Imenschwarms u. s. w. durch 
Jbscwalt Pickhart, 4579, eine derbe Züchtigung des sittenlosen Le- 
bens der Geistlichkeit. In seinem Gargantua finden sich auch einige 
ger^mte und in ihrem Bau sehr willkürliche Hexameter, die fipüher fölsch- 
lieh für die ersten Hexameter in deutscher Sprache gehalten wurden. 
H17B, Die deutsche komische und humoristische Dichtung seit dem Beginn 
des 46. Jahrb., 4854. . 

§. 461. Der irefflichste Historiker dieser Zeit ist 
J, Thnrmayr von Abensberg (Aventinum), daher Aven- 
tiuus genannt, 1466 — 4534: Bairische Chroidk ^. Kantzow^s 
(f 4542) Chronik von Pommern. Aegidius Tschudi^s 
Chronik der Schweiz. Luc. David^s (Hofgerichtsrath in 
Königsberg, aus Alienstein,. 1503 — 83) preussische Chro- 
nik^. Sb. Miinster^s (des Strabo der neuern Zeit, f 1552) 
JKögmographieS 1543. Albr. Dürer's (1471—1528) ,Vier 
Bücher von menschlicher Proportion' '. 

1 Annales Boiorum, von Gundlino 4740* Chronicon Bavariae, 4522. 
Rudimenta grammaticae Latinae, 4542* — ' Toppen, Gksch. der preuss. 
Historiographie etc., 4853, S. 226. — ^ Seine Werke von Hbllbb 4834. 
Sein Leben von Roth 4794. Campe, Reliquien von Dürer, 4828. 

E. Von Opitz bis Gottsched, 1620 — 1720. 

§. 462. Der Dreissigjährige Krieg (4648—48), der 
die deutschen Staaten fremden Einwirkungen preisgab, be« 
gründete auch in der Literatur die Herrschaft des Aus- 
landes. Die deutsche Sprache verlor den kräftigen und 
einfistchen Charakter, den ihr Luther verliehen, und wurde 
entstellt durch eine Menge von Fremdwortern aus den alten 
und den romanischen Sprachen. Dem wissenschaftlichen 
Studium mangelte der Sinn für das Allgemeine. In der ge- 
lehrten Prosa blieb die lateinische Sprache herrschend, und 
die gelehrten Dichter schlössen sich an die lateinischen 
Muster an. Man hat die Zeit von 1620 — 80 die der Er- 
schlaffung genannt. Grossen Einliuss auf die Reinerhal- 
tung der deutschen Sprache übten die Spraohgesell- 
schaften jener Zeit (oben §. 423), vor allen die Frucht- 
bringende Gesellschaft oder der Palmenorden, gestiftet 
4617 vom Fürsten Ludwig von Anhalt auf den Vors 




278 Zw^^i BHch. Ethnedokloiögie. 

Kp.'s Ton TeuÜebeii) die bis 4680 bestand, und deren 
Mitgliedei* Namen aus dem Pflanzenreiche trugen, was zu 
A£6ectation und lächerlichen Spielereien führte. Rempler 
von Lowenthal ist Stifter der Tannengesellschaft zu 
Strasburg 1633. Die Deutschgesinnte Gesellschaft, 
gestiftet 4643 von Ph. von Zesen (der den historischen 
Heldenroman [,Ibrahim's und Isabella's Wundergeschichte*] 
in die Literatur einfiihrte) zu Hamburg, Hess sich in ihrem 
Eifer för Sprachreinheit zu unsinniger Verdeutschung der 
Fremdworter verleiten. Durch sie ward Hamburg Haupt- 
sitz der Poesie in Norddeutschland. Die nürnberger 
Dichtejt'schule oder die Pegnitzschäfer (weil die Mit- 
glieder Hirtennamen führten) wurde gestiftet durch Hars- 
dorffier (1607—58) und Clajus (Klaie, 1646—56) unter dem 
Namen des Gekrönten Blumenordens ^, oder der Gesellschaft 
der Hirten an der P^nitz, 4644. Den Schwanenorden 
an der Elbe stiftete 4 656 J. Rist (1607 — 67), Mencke 
die Deutsche Gesellschaft in Leipzig 4727. 

Zu Vorbildern nahmen die Dichter dieses Zeitraums be- 
sonders den schwülstigen Italiener Marini (oben §. 374 ) und 
die glatten ft'anzosischen Schriftsteller, von denen sie den 
schleppenden Alexandriner und die Regeln der Sprach- und 
Dichtkunst entlehnten. Selbst das Studium der classischen 
Literatur war für dieses * Zeitalter unheilvoll, indem man 
nur ihre Formen und Kunstregeln nachahmte, aber für den 
hohen Geist derselben keinen Sinn hatte. Kraft, Freiheit 
und Selbstgefühl gehen den Dichtern dieser Periode ganz ab. 
In der Poesie herrscht dem Inhalte nach das Reli- 
giöse, und in der Form die Lyrik vor. Der Hauptsitz 
derselben ist nicht mehr, wie früher, der Süden, sondern 
der protestantische Norden, und zwar Hamburg. 

' Darüber Hekdegem 4744. Wblleb, Lieder des Dreissigjahr. Kriegs 
mit einer Einleitung von Waoksbnaobl, 48ö4. Wehl, Hamburgs Literaiur- 
leben im 18. Jahrb., 4856. 

§. 463. Erste schlesische Dichterschule. Mt. 
Opitz, 4597 zu Bunzlau in Schlesien geboren, studirte in 
Frankfurt und wurde von Kaiser Ferdinand H. als Dichter 
gekrönt und 46218 als Mt. Opitz Ton Boberfeld geadelt; 
4636 ging er als polnischer Historiograph nach Danzig, 
wo er 4639 an der Pest starb. Durch ihn und seine An- 
hänger, welche die erste schlesische Sdtule bilden, trat eine 



Einunddreissigstes Capiiel. Deutschland. 279 

Reform der Sprache und Metrik «in (Mes«nng nach dem 
Aecent). Opitz verfasste Gelegenheits- und eine Reihe 
lyrischer (weltlicher und geistlicher) Gedichte, Lehr«- und 
beschreibende Gedichte, und länger als ein Jahrhundert 
hindurch hat er Vater der Dichtkunst geheiäsen \ 

Der begabteste aller schlesischen Dichter, zugleich der 
Hauptdramatiker dieser 2^it, ist And. Gryphius, 1616 — 64, 
von dem wir treffliche lyrische Gedichte, namentlich Sonette, 
poetische Satiren und Tragödien besitzen, deren Würde er 
zuerst erkannte; auch ist er der selbständigste Dichter dieser 
Literaturperiode *. 

Sachsen war das Vaterland des grossten Lyrikers dieser 
Zeit, P. Fleming's (Flemming schreiben die Nachdrucker) 
aus Hartenstein, 4609 — 40. Er schrieb 646 Gedichte, von 
denen 464 verloren gegangen sind'. 

1 Tro9tgedicht in Widerwärtigkeiten des Krieges, 4624; Zlatna^ oder 
Yen der Ruhe de« Gemüths, 46212; Vielgut, oder vom wahren Gluck, 4624; 
Büchlein yon der deutschen Poeterei; Vesuv. Ueber sein Leben und seine 
Schriften Litvonek 4740, Strbhlkb 4855. — * Karl Stuart, Der sterbende 
Papiman a. a.; die Lustspiele: Peter Squenz und Horrihilicribrifax. Ueber 
ihn Sto«ch 4665, Leubsghbr 4702, O. G. Bbsdow 4823- — ^ Ueber ibo 
Vabkbagem TOM Ense in den Biographischen Denkmalen, 4827, Bd. 4, 
Wangbnheim 4842, Boas, Deutsche Dichter, 4837. 

§. 464. Zweite schlesische Dichterschnle, gestiftet 
von Hoffinann von Hofimannswaldan (Kallislierr in Breslau, 
1618—79) und Dn. Kp. von Lohenstein (Syndicus in Bres- 
lau, 4635 — 83), bezeichnet den tiefsten Verfall der deut- 
schen Literatur; unsittliche Zügellosigkeit, Schwulst, Bilder- 
prunk sind ihr Charakter, doch wurde die äussere Form der 
Opitz'scheh Schule beibehalten. Für die nähere Kenntmss 
der Periode sind zwei Sammelschriften Ton Werth: die von 
Neukirch veranstaltete Sammlung jener Gedichte: ^Der achle* 
sische Helikon^, 1699 fg., und Weichmann^B ^Poesie der 
Niedersachsens 1721—38. 

Hoffinannswaldau hinierliess Sinngedichte, Heldenbriefe 
und Oden , Lohenstein lyrische Gedichte , Trauerspiele 
(,6ophonisbe% ,Agrippina^, ^^^^P^raS -jlbralrim Bassa^) 
und den Heldenroman ,Arniinius und Thusnelda^, zn^eiofa 
das beste unter allen gleichzeitigen historischen Prosawerken. 

Die meisten Anbanger zählte die zweite schlesische Schule 
{von Ziegler); der Opitz^schen Manier näherten sich Waisen 
4^42—1708, Moriiof, 1635 — 61 (in seinem ,Uaterrißht von 
der deutschen Sprache und Poesie', 1682). Ziwischen bei 




280 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

Manieren entwickelte sich offene Polemik; am schärfsten 
durch Wemicke (Wameke) aus Preussen, 1660 — 1710 (in 
seinem satirischen Heldengedicht ,Hans Sachs^ 1703), Sehr 
lebhaft ward das Interesse für die Oper. Nachahmer der 
Franzosen ist L. Freiherr von Canitz, 1654 — 99^. Der 
letzte schlesische Dichter ist der talentTolle, aber durch 
Ausschweifongen zerrüttete Ch. Günther, 1695 — 1723. 

1 Sein Leben Ton EÖmiq in der Yon diesem besorgten Ausgabe, 4727, 
1760, 1766. 

§• 465. Nach dem Muster des Zesen^schen und Lohen- 
stein^schen Romans schrieb Sm. Greifenson von Hirsch- 
feld 1669 seinen ,Simplicius Simplicissimus^ in welchem 
das Leben und Treiben jener Zeit mit Witz und Laune 
dargestellt ist. Ihm folgte die , Asiatische Banise, oder 
blutiges, doch muthiges Fegu^ von Ans. von Ziegler und 
£[lipphausen; Romane, die lange berühmt waren, bis sie zu 
Anfange des 18. Jahrh. durch die Robinsonaden und Aben- 
teuergeschichten nach dem Vorbilde des Engländers Defoe 
verdrängt wurden (oben §. 411). Durch Satiren zeichnete 
sich Mch. Moscherosch (1600 — 69) aus, dessen Hauptwerk 
„Wunderseltsame Geschichte Philander's von Sitte waJd" in 
der Form yon Visionen und Träumen die Gebrechen sei- 
ner Zeit darstellt. Geistliche Lyrik von Bj. Schmolke, 
1672—1737, Neumeister, 1671—1756, Graf von Zinzendorf, 
i700— 60^ . 

' Hermhutergemeinde. Sein Leben Ton Spahobvbbbo 4772 — 75, 
daraus Auszage yon Rbichel 1790 und Duyernois 4793; Schilderangen 
von J. 6. MOllbb und Vabkhaqen yon Ensb. Seine geisü. Gedichte 
▼on Knapp 4846. 

§. 466. Der Geschichtswerke in deutscher Sprache 
ist eine grosse Zahl. Birken's ,Oestreichi8cher Ehrenspiegel' % 
1668, Ph.'s von Chemnitz. , Geschichte des schwedischen, 
in Deutschland geführten Kriegs', 1648. Sagittarius, 1643 
— 94. J. Mascov, 1689 — 1761 (,Geschichte der Deutschen'). 
Graf H. von Bünau, 1697 — 1762. Sammler von Quellen- 
schriften und Urkunden ist J. Schüter, 16ö2 — 1705 (,Thesau- 
rus antiquitatum Teutonicarum', von Scherz herausgegeben). 
Am verderbtesten zeigt sich die Geschichtsprosa in den Z^it- 
Chroniken, dem ,Theatrum Europaeum', 1635, in Kheven- 
hüller^s , Annales Ferdinandei', 1640 fg., u. s. w. Kirchen^ 
geschichte von Arnold. Das Studium der Staatswissen- 
schaften hob Sm. Freiherr von Pufendorf (1632 — 94) 



Einunddrei$sig$te$ Capitel. DeutsMand. 281 

aus dem Bereich der Schule auf einen hohem philosophisch* 
politischen Standpunkt. 

1 ScHWBiOERD, Austria felis. Oestreicbs Helden und Heerführer von 
Maz I. bis jetzt, in Biographien etc., 4856* 

§. 467. Als Zeit der Erhebung wird die Periode von 
1680 — 4740 bezeichnet. Begi-ünder der deutschen Philoso- 
phie und eines neuen wissenschaftlichen Verfahrens über* 
haupt durch Vemichtimg des Formelwesens ward Gf. W- 
Freiherr von Leibniz, 1646 — 1716, einer der vielseitig- 
sten Gelehrten und scharfsinnigsten Denker aller Zeiten. 
Sein Hauptwerk ist die ,Theodicee' ^ (Beweis, dass die 
jetzige Welt die beste sei). Ch. Thomasius, 1655—1728«, 
aus Leipzig durch Neid und Hass vertrieben, erhielt von 
Friedrich IH. von Brandenburg die Erlaubniss, auf der in 
Halle 4694 gestifteten Universität Vorlesungen zu halten. 
Er wagte zuerst den Kampf gegen verjährte Vorurtheile, 
indem er die Vorlesungen in der Muttersprache hielt und 
die erste deutsche Zeitschrift herausgab. Auf seine Ver- 
anlassung horten auch die schmachvollen Hexenprocesse und 
die Anwendung der Folter auf. Was Luther dem deutschen 
Volke zu verleihen gesucht, Kenntniss und Anwendung seiner 
Sprache, Gebrauch seiner Vernunft und eine Religion des 
Herzens, das suchte Thomasius verbunden mit Spener' und 
Francke* demselben zu sichern. Ch. Freiherr von Wolf, 
1679 — 1754, ein Schüler von Leibniz, Professor der Mathe- 
matik und Philosophie in Halle, wurde von Friedrich Wil- 
helm L 1723 aus Preussen vertrieben, von Friedrich d. Ghr. 
aber 1740 zurückgerufen und war der Erste, der deutsche 
Lehrbücher der Philosophie verfasste *. Theologen: Reinbeck, 
1682—1741, Lr. von Mosheim, 1694 — 1755, U.Megerle, 1642 
— 1709, genannt Abraham a Sancta Clara, Augustinermonch 
und Hofprediger zu Wien, hat sich einen bleibenden, aber 
keineswegs beneidenswerthen Ruhm erworben durch seine 
Schriften und Predigten, die mit Schnurren, Anekdoten, Possen 
und andern drolligen Zuthaten ausgestattet sind. Unter seinen 
Werken ist ,Judas der Erzschelm^ am bekanntesten. Seine 
Manier ist in Schiller^s Kapuzinerpredigt nachgebildet. 

1 lieber sein Leben Fomtenbllb 4746, Bailly 4769, J. O. v. Eccard 
4779, Jaucourt 4757, Kastnbb 4769, Guheaübe 4842. Sammlung seiner 
Briefe von Kortholt 4734—42, Gbobbb 4748, Michablis 4766, Vbbsbh- 
MEYER 4788, Fedbr 4846, Cousin im Jonmal des sayants, 4844« Sein« 
Werke von Dutbns 4768. Deutsche Schriften von Guhbaübr 4838 — 4( 
Philosophische Schriften von Erdmann 4840. FovcmsR de Cabeil, 



282 ZwtiieM Buch. Eiknodokiologie, 

et opttMQleB in^dits de Leibniz etc., 4854* — ' Bin Sohn toq Jak. Thoma- 
sius , 4 622 — 84 » dem Lehrer von Leibniz. Sein Leben von Luden i 805. — 
3 Ph. Jak. Spbnbb in Frankfurt a. M., 4635—4705; über ihn Hoss- 
bach 4828. — * A. Hm. Francke in Halle, 4663 — 4727, Stifter des 
Waisenhauses. Seine Stiftungen Ton Schclsb, Knapp un4 Kibmeter, 
4792 — 96. Sein Leben von Oubbigkb 4827. Sein Denkmal von Hesbkibl 
4830« — ^ Seine Autobiographie gab Wuttke 4844» eine Historie seiner 
Philosophie Ludotici 4737. 

F. Vom Wiederaufblühen der Sprache bis zu Lessing's 
Tode und Herder's und Goethe's Auftreten, 1720 — 80. 

§. 468. Die Sprache gewinnt eine immer höhere Rein- 
heit, grossere Bildsamkeit und als die einzige Ursprache 
allmälig den Vorrang vor allen übrigen Sprachen Europas. 
Der Geschmack wird gebildet durch Wiedererweckung der 
Poesie des Mittelalters, durch Anschliessen an Shakspeare 
und durch Eindringen in den Geist des classischen Alter- 
thums. Die Kritik wird durch Lessing auf den Höhepunkt 
ihrer Blüte geführt. Literaturzeitungen vermitteln die Be- 
kanntschaft der verschiedenen Männer miteinander und des 
Volkes mit ihnen. So entwickelt sich, auch ohne Mittel- 
punkt, ohne den Schutz eines bestimmten Hofes, ein grosses 
geistiges Leben, in welchem das Losreissen der deutschen 
Poesie von dem Fremdländischen endlich erreicht wird. 

§. 469. Die erste Morgenröthe des Bessern zeigte sich 
in den Poesien von Haller und Hagedom. 

Alb. von Haller aus Bern (1708 — 77), Professor der 
Medicin in Gottingen^ gestorben als Director der Salz- 
werke in Bex, einer der grössten Gelehrten aller Zeiten 
und berühmt als wissenschaftlicher Schriftsteller, Roman- 
schreiber und Dichter, daher auch eine Fülle ihm zu Theil 
gewordener Auszeichnungen^. Kraft und Gewandtheit wohnt 
seiner Sprache bei. Betrachtender Verstand beherrscht seine 
Einbildungskraft. Sein berühmtestes Werk ist das Lehr- 
gedicht ,Die Alpen'. Sein rdigiöses Gedicht ,Vom Ur- 
sprünge des Uebels' kann als Vorlaufer der Messiade be- 
trachtet werden, 

F. von Hagedom, 1708 — 54, in Hamburg, ii^ Mei- 
ster in der leichtem Poesie der Grazien und schrieb 
Fabeln, poetische Erzählungen und Lieder*. Brockes in 
Hamburg, 1680 — 1747 3. 

1 Sein Leben von Zimmbbmann 475$. Seine Gedichte wurckn in 
faft alle Übenden Sprachen übersetzt. ~ > Seine poetischen Werii;e Ton 



EinunddreisiigslM Capitei, Deutschland. 283 

£8CHsiniuBO 4800* — ' Seine Selbstbiographie von Lappbnbbbo in der 
Zeitschrift des Vereins für hamburg. Geschichte, U, 2, 467 — ^^9» 

§. 470. Kämpf der Leipziger und Schweizer. In 
der erst^i Hälfte des i 8. Jahrh. übte im hordliclien Deutsch- 
land ein Mann von höchst untergeordneten Talenten grosse 
Gewalt über Literatur und Geschmack aus, J. Cp. Gt)tt- 
sched (1700 — 66) aus dem Dorfe Juditten bei Königs- 
berg in Ostpreussen. Er musste den preussischen Werbern 
entfliehen und wurde dann 1730 Professor in Leipzig, von 
wo aus er die halbe literarische Welt beherrschte. Als Ver- 
ehrer von Opitz hatte er dessen Anhänger auf seiner Seite, 
als Lehrer der Poesie seine Schüler, die ihn überall priesen. 
Die Anhanger von Leibniz und Wolf gewann er durch 
seine ,Kritische Dichtkunst^ die er nach ihrem System 
entworfen hatte. Durch Uebersetzungen franzosischer 
Dichter, die er mit seiner Gattin, Luise Adelgunde, geb. 
Cuhnus, herausgab, gewann er die vornehme Welt. Er 
stellte strenge Regeln für die Poesie auf und erlaubte kein 
freies Wachsthum derselben. Den Harlekin verbannte er 
mit Hülfe der Schauspielerin Friederike Karoline Neuber 
feierlich von der leipziger Bühne und stellte selbst eine 
Mustertragödie auf in dem ,Sterbenden Cato% welche zehn 
Auflagein erlebte \ 

Gegen seine Gesetze traten zwei Schweizer auf in der 
Wochenschrift ,Die Discourse der Maler': J. Bodmer 
auB Zürich, 1698 — 1783, ein gewandter Schriftsteller 
von vielen, wenn auch nicht tiefen Kenntnissen; er suchte 
Gottsched's Einfluss durch Herausgabe der Minnesänger, 
des ,Parcival' von Eschenbach, der Nibelungen und des 
,Paradise lost' von Milton zu bekämpfen. Sein Haupt- 
werk ist das Epos ,Noachide'^. Seine Kampfgenossen 
waren J. Breitinger, 1701 — 76, in Zürich, DroUin- 
ger , 1 688 — 1742, Stifter der Deutschen Gesellschaft 
zu Basd, und der Prosasatiriker Liscov, 1701 — 60, in 
Schwerin. Ihr Streben gelang, Gottsched erlitt eine voll- 
ständige Niederlage, überlebte gänzlich seinen Ruhm, und 
sogar seine wirklichen Verdienste um die deutsche Sprache, 
deren Verbreitung imd Veredlung er nach Kräften gefordert, 
wurden in Zweifel gestellt. 

' Seine Zeitschriften: Die vernünftigen Tadlerinnen, 4726; Kritische 
Beiträge, 4731 — 44; Beitrage zur krit. Historie der deutschen Sprache, Fo 




284 Zweites Buch, Ethnodokiologie, 

und Beredtsamkeit, 4 732 --44; Grandlegiing der deutschen Spraehknnst, 4748; 
Nöthiger Vorrath zur Gesch. der deutschen Dramatik von 4 450 an, 4 757 —66. — 
3 lieber ihn Lbonhabd Meister , 4783« 

§. 471. Die sächsische Dichterschule. Nun wen- 
.deten sich Gottsched^s begabteste Schüler von dem Mei- 
ster ab und gründeten eine eigene Zeitschrift: ,B^^^^g^ 
zum Vergnügen des Verstandes und Witzes', die von 
dem Druckorte ^remer Beiträge' seit 4744 genannt 
und von K. Ch. Gärtner (1712 — 91)^ geleitet wurden. 
Die bedeutendsten Männer dieses Dichtervereins waren: 
Ch. Fchtg. Geliert aus Hainichen , 1 71 5 — 69 , schon 
auf der Schule zu Meissen mit Rabener bekannt, auf der 
Universität in Leipzig Student und Professor der Philo- 
sophie, als akademischer Lehrer von der grossten Wirk- 
samkeit, gleich hoch verehrt von Fürsten und dem Volke, 
sanften, liebenswürdigen und frommen Charakters. Seine 
Poesien sind Oden, Lieder, Fabeln, unbedeutende drama- 
tische Leistungen (das rührende Lustspiel), seine Prosa 
moralische Vorlesimgen und der Roman: ,Leben der schwe- 
dischen Gräfin G.' Seine Briefe, das Orakel ihrer Zeit, 
sind fast nur in stilistischer Hinsicht von Bedeutung^. 
Gli. W. Rabener, 1714 — 71, studirte in Leipzig und 
war später Steuerrevisor in Dresden; hoher zu achten als 
wackerer Mann imd redlicher Beamter, denn als Dichter, 
da seine Satiren, ohne Kühnheit und Schärfe, an der lang- 
weiligen Alltäglichkeit des bürgerlichen Lebens haften '. 
Abr. Ghf. Elästner, 1719 — 1800, in Leipzig geboren 
und gebildet, seit 1760 Professor der Mathematik in Got- 
tingen , als Dichter nur durch Sinngedichte berühmt ♦. 
J. F. Freiherr von Cronegk aus Ansbach, 1731 — 58, 
studirte in Halle und Leipzig, erwarb sich grosses Ver- 
dienst dadurch, dass er einer der Ersten war, welche in 
Deutschland auf die reichen Schätze der spanischen Lite- 
ratur aufinerksam machten. Sein Preistrauerspiel ,Kodrus', 
1758, Lustspiel ,Der Mistrauische', Gedicht ,Die Einsam- 
keiten' *. Die Gebrüder Schlegel: J. El. Schlegel aus Meissen, 
1718 — 49, studirte in Leipzig, Secretär in Kopenhagen, 
Professor an der Ritterakademie in Soroe, eigentlich der 
erste deutsche dramatische Schriftsteller des 18. Jahrb., 
der genannt zu werden verdient: schrieb schon in Schul- 
pforte nach Euripides ,Die Trojanerinnen', 1736, und ,Die 



Einunddrei$sigstes CapUel. Deutschland. 285 

Greschwister in Taurien', 4737, die er spater unter dem 
Titel ,Ore8t und Pylades' umarbeitete ; Trauerspiele : 
,Kanut^ und ,Hermann'; Lustspiele: ,Triumph der guten 
Frauen' und ,Stumme Schönheit' \ J. Adf. Schlegel aus 
Meissen, 1721 — 93, Consistorialrath in Hannover: lyrische 
Gedichte, Fabeln und Erzählungen. J. H. Schlegel 
gleichfalls aus Meissen, 1724—- 80, glücklicher Uebersetzer 
aus dem Englischen. J. And. Gramer aus Johstadt 
im sachsischen Erzgebirge, 1723 — 88, berühmter Elanzel- 
redner, zuletzt Kanzler und Gurator der Universität Kiel, 
Dichter edler und kräftiger Lieder und Oden (, An Luther') ^. 
J. Am. Ebert aus Hamburg , 1 723 — 95 , Professor am 
GaroUnum in Braunschweig, übersetzte aus dem Engli- 
schen und dichtete leichte Lieder in gewandter Sprache ^. 
F. W. Zachariä aus Frankenhausen, 1726 — 77, gleichfalls 
zuletzt Professor am braunschweiger Garolinum, ist Ver- 
fasser mehrer komischer Heldengedichte, die zwar arm an 
Erfindung sind, aber gleichwol eine Menge Nachahmungen 
hervorgerufen haben: ,Der Renommist', ,Phaeton', ,Mumer 
in der Holle' u. a. *. 

^ Arbeitete anfongs unter Gottsched's Aufsicht an einer Uebersetzung 
des Batlb'schem Wörterbuchs, 1741 — 44, übersetzte auch einige Bände 
von RoLLiN*8 Gesch., 1738 — 48» trennte sich dann -von Gottsched und 
Terband sich mit Gramer, Schlegel und Rabener, denen später noch Ebert, 
Giseke, 4724—65, Zachariä, Geliert, K. A. Schmid, 1716 — 89, Klop- 
stock u. A. beitraten. Seine Dramen: Geprüfte Treue, 1768, und Schone 
Rosette, 1782. Ausgabe von Gisekb*s Poetischen Werken 1767. — ' Seine 
Werke in 10 Bdn. 1784, 1840—41. Sein Leben von J. And. Cbambr 1774 
und PöBiN0 1 833. Sein Bild von Gbaff , lithographirt von Zöllner, 1 834. — 
* Kurze Biographie von 0. F. Weisse 1772 und Ausgabe seiner Schrif- 
ten 4777, neueste A. 1840. — ^ Gesammelte poetische und prosaische 
schonviisenschaftliche Werke 1841. Elogium von Heyne 1804. Anfangs- 
grunde der Mathematik, 1758 — 69 (6. A. 1800); Geschichte der Mathe- 
matik, 4796 — 1800. — ^ Seine hmterlassenen Schriften gab Us 1760 
(3. A. 4771) heraus. Dem Kodrus zur Seite steht v. Brayb's (1738 — 58) 
Brutus und v. Gebstenbero's (1737 — 4823) Ugollno, 4768. — ^ Seine 
Werke gab sein Bruder J. H. Schlegel 4761 — 70 heraus. — ^ Sämmtliche 
Gedichte 4 782 — 83. Hinterlassene Gedichte von seinem Sohne E. F. Cbamsb 
4794 herausgegeben. Biographie Geliert's, 4774. Uebersetzung von Bos- 
8DBT*8 Weltgeschichte, 4757 — 63. Poetische Bearbeitung der Psalmen, 
4762 — 64. — ^ Episteln und vermischte Gedichte, 1789, nach seinem Tode 
von Sschbnbvbo noch ein Band , 4 795. Klopstock's weissagende Ode an 
ihn. — ^ Vollständige Sammlung seiner poetischen Schriften 1763 — 65, 
4772. Hinterlassene Schriften von Eschenbdbo 4784 herausgegeben mit 
Z.'s Lebensbeschreibung. Z. gab die nach seinem Tode von Esobenbvbo 
fortgesetzte Sammlung: Auserlesene Stücke der besten deutschen Dichter 
von Opitz bis auf gegenwärtige Zeiten, 4766 — 71 , heraus. 

§. 472. Die Zeit von 1740 — 70 hat man die Periode 




286 Zweit€$ Bu<A. EihnodoJUologie. 

des Aufschwungs genannt, indem, ausser dem genaimten 
Dichterverein, auch Friedrich d. Gr., die grossen Zeitereig- 
nisse, die Kritikerfehden und die deutsche Musik ais be- 
sondere Fordemisse der Mationalliteratur und besonders der 
Poesie betrachtet werden, 

Alx. GIL Baumgarten aus Wolmirstädt, 1714 — 62, 
scharfsinniger und klarer Denker aus Wolfs Schule, seit 
1740 Professor der Philosophie zu Frankfurt a. d. O., ist 
Gründer der Aesthetik als einer systematischen Wissenschaft 
des Schonen ^. Aus seinen Dictaten entstanden Meier^s 
,Anfs>i^sgrunde aller schonen Wissenschaften', 4748 — 50. 
Mit Beiden vereint wirkte Jak. Im. Pyra aus Kottbus, 
4715 — 44, Gonrector am kollnischen Gymnasium zu Berlin, 
besonders durch seinen ,Erweis, dass die Grottsched'sohe 
Schide den Geschmack verderbe^ 4743*. 

Die vier grossen Componisten: G. P. Händel 
aus Halle a. d. S., 1685-1759 (sein ,Messias*, 4741, 
nach Herder eine christliche Epopöe in Tonen) *; der 
grosste deutsche Cantor, J. Sb. Bach aus Eisenach, 
1685 — 1750 (48 Fugen, Vater von 11 Söhnen, die fast 
alle kunstgeschichtliche Bedeutung haben) ^; J. Adf. Hasse 
aus Bergedorf bei Hamburg, 1699 — 1783 (il caro Sas- 
sone) ^; K. H. Graun aus Wahrenbruck in Sachsen, 
1701—59 (Ramler's Passionsoratorium ,Der Tod Jesu*)*, 
Kapellmeister Friedrich's d. Gr. 

1 S^n Leben von Meibb 4763. — ' Seine Poefden gab Bobmbb 
4 745 9 vermehrt 4749* Sein Freund Pastor Lange in Laublingen ist eben- 
falls Dichter. — * Seine Opern: Almira, Florinde, Nero , Rodrigo , Agrip- 
pina, Oratorium La resnrrezione , Serenade Acide e Gralatea, OperÄlnfddo, 
Te Deam auf den Frieden von Utrecht, Opern Amadis, 1740, Theseus, 
II pastor fido, Radamisio, Mucius S'cävola, Ariadne, 4733, Alexandersfest, 
4736, Faramond, Alexander Belus, Messias, 4744, Oratorien Samson, Judas 
Makkabäns, Josua, Jephtha. £n^. Ausgabe seiner Werke in 36 FoHobanden. 
Hiller's Verdienst ist es, Handel wieder ins Leben eingeführt zu haben. — 
^ Sammlungen seiner Klavier- und Orgelsachen durch Pbtbbs in Leipzig, 
HAssLiiroBii in Wien und durch seinen Sohn K. Pa. Im. Bach und 
KiBHBBROBB uud Beokeb 4843* Sein Denkmal an der Thomassehule in 
L^pzig auf Mendelssohn-Bartholdy's Veranstaltung 4842* — ^ Hat so 
viel geschrieben, dass er manches seiner Werke nicht wiederzuerkennen 
selbst eingestand. Die vollständigste Sammlung seiner kirchlichen Compo- 
sitionen findet sich im Archiv der königl. Kapelle in Dresden. — ^ Die 
Zahl seiner Werke ist sehr gross, darunter gegen 30 Opern. Sein Leben 
beschrieb der Kapellmeister Hillbb, starb 4804, zugleich Oomponfst für 
Wbuwb's Singspiele und komische Opern. 



Einunddr eisaigstes CapileL Deutschland. 287 

Classische Literatur. 

Der Umfang des Stoffs, die Grossartigkeit des Inter- 
esses und die Macht des Einflusses der Personen und ihrer 
Leistungen erheischen eine vorsichtige Oekonomie in der 
Anordnung des Ganzen und in der Auswahl, die allerdings 
mit Schwierigkeiten verknüpft sind, wie jede Einrichtung 
und Wahl, aber andererseits darin ihre Erleichterung finden, 
dass deutsche Literaturgeschichte ein Unterrichtszweig in 
den Schulen desjenigen Publicums ist, für welches ich meine 
Schrifb zunächst bestimmt habe. 

§. 473. F. Gli. Klopstock aus Quedlinburg (2. Juli 
1724 bis U. März 1803), 1740 in Schulpforte, 174Ö auf 
der Universität Jena (Entwurf der ersten Gesänge seines 
,Me8sia8^), 1746 in Leipzig, in Verbindung mit Gramer, 
Schiegel, Rabener, Zachariä u. A., 1749 in Langensalza 
(Liebe zu Fanny Schmidt), 1750 mit Sulzer bei Bodmer 
in Zürich, 1751 in Kopenhagen, 1754 vermählt mit Marga- 
retha (Meta, Cidli) Moller, die schon 1758 starb, 1759 — 63 
abwechselnd in Braunschweig, Quedlinburg und Blankenburg, 
1763 in Kopenhagen, seit 1771 in Hamburg mit dem Titel 
eines dänischen Legationsraths, 1803 mit königlichen Ehren 
begraben zu Ottensen bei Altena. Sein Hauptwerk ist der 
,Messia8S ein Epos in 20 Gesängen, von denen die ersten 
zehn den letasten an Wahrheit, Eeinheit und Tiefe überlegen 
siod. Es erschien in grossen Zwischenräumen 4748 — 721: 
Geaaög 1—4, 4751; 5—10, 1756; 11—15, 1759; 16—20, 
47M. Seine Hauptmängel sind, daas es in fortwährender 
Erhubenheit gehalten dadurch den Leser in steter Spannung 
und Empfindung hält, ohne ein Ausruhen za vergönnen, 
ferner dass die geschilderten Gegenstände (Gott, Engel, 
Himmel und Holle) für die menschliche Phantasie zu hoch 
sind, endlich dass es mehr lyriisch als episch ist, darum, 
bei ZVL geringer Handlung, Beden und Schilderungen den 
Hauptinhalt bilden. Als begeisterter Freund der Freiheit 
strafte er in seinen herrlichen ,Oden^ streng die Schmeichler 
der Regenten und nahm lebhaftes Literesse für die Französi- 
sche Revolution bis 1792, weshalb er auch das französische 
Bürgerrecht empfing. An die Oden reihen sich die Ele- 
gien und geistlichen Lieder. Seine dramatischen Werke 
(drei biblische Stücke: ,Adam's Tod'^ ,Salomo' und , David', 



288 Zweiie$ Buch. Ethnodoktologie. 

und die sogenannten Bardiete zur Verherrlichung Hermann V^- 
zeugen gleichfalls von tiefer Keligiositat imd echt deutsc&iaf 
Patriotismus, sind aber nicht hoch anzuschlagen. Auch dweA 
seine grammatischen Schriften erwarb er sich ein grossw 
Verdienst. Wie mit Luther eine neue Epoche ctn 
deutschen Sprache überhaupt beginnt, so beginnt 
mit Klopstock eine neue Epoche der deutschen 
poetischen Sprache. Er befreite Deutschland von der 
Alleinherrschaft des Alexandriners, dem er den Hexameter 
entgegensetzte, wie von einer hohlen, iauC blosse Correct- 
heit und leeren Klang abzielenden Reimerei, welcher er in 
seinen Oden durch geschickten Anbau antiker Versmaasse 
und Erfindung neuer ein heilsames Gegengewicht hielt. 

Seine Werke in 42 Octavbänden 4799 — 4847, in 9 Bänden 4839, 
und gleichzeitig eine Prachtausgabe; Ergänzungen dazu von Sghhxblir 4839. 
Ueber ihn Cbambb 4782 — 93, Elameb Schmidt 4840, Döring 4825, 
Gbubbb (in der Ausgabe der Oden) 4834. Der Messiade setzte Gottsched*» 
pedantische Schule einen beharrlichen, wiewol y ergeblichen Widerstand 
und sogar in des Freiherm Ton Schön aich Heldengedicht, Hermann oder 
das befreite Deutschland, eine traurige Concurrenz entgegen. Erläute- 
rungen zu den deutschen Classikern erscheinen seit 4854 in Jena 
bei Hochhausen: Döntzbb in Köln hat Groethe's und Wieland's, Eokabdt 
in Bern Schiller's (auch Shakspeare's), Zimmbbmann in Worms Klopstock's, 
Hölschbb in Herford Lessing's Werke übernommen u. s. w. 

§. 474. In einem scharfen Gegensatz zu Klopstock steht 
der zweite Reformator der deutschen Nationalliteratur und 
des geistigen Lebens in Deutschland überhaupt, Ghld. 
Ephr. Lessing aus Kamenz in der Lausitz (29. Jan. 1729 bis 
45. Febr. 4781), 4741 auf der Fürstenschule zu Meissen, 
4746 auf der Universität Leipzig, in Verbindung mit dem 
Neuber'schen Theater (sein , Junger Gelehrter' aufgeführt), 
in Freundschaft mit Ch. Fei. Weisse, Anakreontische Lieder in 
Kamenz, 4750 in Berlin mit Mylius, Nicolai, Mendelssohn, 
Kleist, der erste Band seiner Gedichte (, Kleinigkeiten'), 
4751 in Wittenberg (Kritik und lateinische Uebersetzung 
der Messiade), 4753 abermals in Berlin (,Kleine Schriften'), 
4755 in Potsdam ,Mi8S Sara Sampson' ^, 4760 in Berlin 
mit Nicolai und Mendelssohn die ,Bibliothek der schö- 
nen Wissenschafben' und die ,Literaturbriefe', ,Fabeln', 
die erst 4772 als ,Emilie Galotti' vollendete ,Virginia', 
Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften, 
4760 — 65 in Breslau als Secretär des Generals von Tauen- 
zien, ,Minna von Bamhelm'*, 4766 ,Laokoon, oder über 



Einunddreissigstes Capitel. Deutschland. 289 

Grenzen der Poesie und Malerei' ^, 1 767 in Hamburg 
^rdichter und Kritiker, 1 768 ,Hamburger Dramaturgie' *, 
,Wie die Alten den Tod gebildet' *, 4770 Bibliothekar 

^Wolfenbüttel (Schrift des Berengar von Tours), 1774 
4778 ,Wolfenbüttelsche Fragmente eines Ungenannten' % 
♦Bf5 in Wien, 4777 in Manheim, 4 778 ,Em8t und Falk, 
Gespräche über die Freimaurerei', 4 780 ,Nathan der Weise' ^ 
und die ,Erziehung des Menschengeschlechts' ^. 

Unermüdlicher Forschimgstrieb und Ringen nach der 
Wahrheit sind die Grundzüge seines männlichen Charakters. 
Er gehört zu den ersten Grossen deutscher Literatur, deren 
hohe Blüte durch seine anregende Thätigkeit ganz beson- 
ders befordert wurde. Seine Virtuosität in Sprache und Stil 
erscheint am vollendetsten in seinen theologischen und anti- 
quarischen Streitschriften, in seinen philosophischen Abhand- 
lungen und im ,Laokoon'. Reformator in Sachen des Ge- 
schmacks und des ästhetischen KunsturtheUs wurde er im 
Epigramm, in der Fabel und im Drama. Da bei ihm Ver- 
stand und Urtheilskraft über die Phantasie gingen, so be- 
schränkte er sich auf solche Dichtungsgattungen, die weder 
hohen Flug der Begeisterung noch tragisches Feuer erfodem. 

1 Damit führte er nicht nur das bürgerliche Drama in Deutschland ein, 
sondern wies auch dem deutschen, bisher von franz. Mustern ganz abhän- 
gigen Drama eine ganz neue Bahn an. Hier und in Emilie Galotti sind 
besonders sittliche, in Minna von Barnhelm vaterländische, im Nathan 
religiöse Grundgedanken wirksam. Diese vier Dramen beweisen zugleich, 
dass Lessing in dieser Poesie weit über seinen Zeitgenossen stand. — 
' Nach Goethe's Urtheil die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene 
Theaterproduction von specifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch 
eine nie zu berechnende Wirkung that. — ^ Dieses Werk hat bis auf den 
heutigen Tag den nachhaltigsten Einfluss auf die Kritik sowol der redenden 
als der bildenden Künste, ja auf Geist und Richtung der gesammten Alter- 
thumswissenschaft geübt. — ^ That ausserordentliche Wirkung in dem 
Kampfe gegen die franzos. und für die engl. Schaubühne. — ^ Dieses 
Werk führte etwas später seinen Streit mit dem ebenso eiteln und anmass- 
liehen als ungründlichen Philologen Klotz herbei, der mit des Letztem 
wissenschaftlicher Vernichtung endete. — * Als deren Verfasser erst 
später Hm. Sm. Reimabus (1694 — 1768, Professor in Hamburg) bekannt 
wnrde. Dadurch gerieth er auf den Boden theologischer Kämpfe, beson- 
ders mit dem orthodoxen Pastor Job. Melch. Götze, die seinen Antigotze 
veranlassten. — ^ Enthält X^essing^s Glaubensbekenntniss in vollendeter 
poetischer Form. — ^ Enthält den Keim zu Hebdeb's und allen spätem 
Werken über Philosophie der Geschichte. Kritisch und philosophisch er-^ 
ortert von Guhbaubr 1842. Sein Leben und literar. Nachlass von seinem 
Brader K. Ghf. Lbssing 1793. Ueber ihn F. Schlegbl 1804 und in den 
Charakteristiken und Kritiken, Bd. 1, 1801, Scbink 1825, Danzel 1850, 
Guhbaubr 1 853 — 54 , Bohtz 1 854 , K. Sohwabz 1 854. Sämmtliche Schriften 
in 30 Bdn. 1771—94, 22 Bdn. 1825 — 28; von K. Lacbmann, 13 Bde., 
4838 — 40; neueste Aufl., 10 Bde. (nicht alle Werke), 1842. 

» 

MiaLBui. 1 9 




290 Zweites Buch. Elhnodoklologie. 

§. 475. Cp. Mt. Wieland, aus dem würtembergi- 
schen Dorfe Oberholzheim bei Biberach (5. Sept. 1733 bis 
20. Jan. 1813), schon im 12. Jahre Verfertiger deutscher 
und lateinischer Verse, seit dem 14. Lebensjahre auf der 
Schule zu Klosterbergen bei Magdeburg mit den alten Classi- 
kern, mit englischer und französischer Literatur beschäftigt, 
1750 dmch die Liebe zu Sophie von Guttermann (später 
Sophie von Laroche) zu dem Lehrgedicht ,Ueber die Natur 
der Dinge, oder die vollkommenste Welt' veranlasst, auf 
der Universität Tübingen, 1751 Ver&sser ,Zehn moralischer 
Briefe' an Sophie, 1752 der ,Empfindungen des Christen' imd 
des Entwurfs zu dem Epos ,Arminius', in Zürich bei Bodmer, 
Breitinger, Gessner u. A., Abhandlung über die Schönheiten 
der ,Noachide', 1753 ,Briefe von Verstorbenen an hinter- 
lassene Freunde', der ,Geprüfte Abraham' (Epos in drei Ge- 
sängen), 1757 durch Friedrich's d. Gr. Thaten zu dem Epos 
,Cyrus' begeistert, unglückliche dramatische Versuche (,Lady 
Johanna Gray' und ,Clementine von Porretta'), die Episode 
,Araspes und Panthea' aus Xenophon^s ,Cyropädie' kündigte 
den Dichter der Liebe an, 1760 Kanzleidirector in Biberach, 
1762 — 66 Uebersetzung des Shakspeare; seit 1763 beginnt 
er die naturwahre Sinnlichkeit des Griechenthums mit der 
raffinirten franzosischen Genusssucht zu einer eigenthüm- 
lichen graziösen Lebensphilosophie zu verschmelzen: ,Na- 
dine', 1 764 die ,Abenteuer des Don Silvio von Rosalva, oder 
Sieg der Natur über die Schwärmerei', 1766 ,Geschichte 
des Agathon', der seinen Kuhm zunächst begründen half, 
1768 ,Idris und Zenide', ,Mu8arion, oder Philosophie der 
Grazien', 1 769 Professor der Philosophie an der Universität 
zu Erfurt, 1 770 ,Der verklagte Amor', ,Dialoge des Dio- 
genes von Sinope', ,Kombabus', gegen Rousseau^s Paradoxen: 
,Kox Kox und Kikequetzel', ,Beiträge zur geheimen Ge- 
schichte des menschlichen Verstandes und Herzens aus den 
Archiven der Natur', 1771 der ,Neue Amadis' (Triumph der 
geistigen Schönheit über die körperliche, welches Thema später 
nochmals in ,B[rates und Hipparchia'), 1 772 der ,Goldene Spie- 
gel, oder die Könige von Seschian' (summarischer Auszug des 
Nützlichsten, was die Grossen und Edeln einer gesitteten Na- 
tion aus der Geschichte der Menschheit zu lernen haben). 

Seit 1772 in Weimar Prinzenerzieher, im Verkehr mit 
Einsiedel, von Knebel, von Voigt, Bertuch u. A., 1773 das 



Einunddreissigstes Capitel, Deutschland. 291 

Singspiel ,Die Wahl des Hercules', das lyrische Drama 
^Alceste', der ^Deutsche Mercur' (gegen ihn Goethe in der 
Satire ,Gotter, Helden und Wieland'), ,Ge8chichte der Abde- 
riten', Erzählungen und Märchen, 1780 das romantische 
Epos ,OberönS 1782 ,Horaz* BriefeS 4786 ,Horaz' Sa- 
tiren*, 4788 Üebersetzung des Lucian, 1791 ,Peregrinu» 
Proteus', ,AgathodämonS 1800 ,AristippS 1796 — 1804 , Atti- 
sches Museum', 1805 — 9 ,Neues Attisches Museum' (mit 
Hottinger und Jacobs), 1798 — 1803 auf seinem Gute Os- 
mannstädt bei Weimar, Uebersetzimg voji Cicero's ,Briefen'. 

Wieland war weder ein reformatorischer Geist, wie Klop- 
stock und Lessing, noch reicht er an Goethe's und Schiller's 
Dichtergrosse. Doch gab er der deutschen Dichtkunst die 
ihr noch ganz fehlende Anmuth imd den Wohllaut des Worts 
und des Verses. Ausserdem hat er durch seine XJeber- 
setzungen und seine Nachahmungen viele nachhaltige Rich- 
tungen zuerst angeregt. 

Eine Gesammtausgabe seiner Schriften bis 4802 in 36 Bdn. mit sechs 
Snpplementbänden (neue Auflage mit des Dichters Leben, 53 Bde., 4828, 
und 36 Bde., 4839) veranstaltete der Buchhändler Göschen. Seine Bio- 
grapMe durch Grubeb, 4827 f., Bd. 50 — ö3 seiner Werke. Oberon von 
DCntzeb 4854. 

§. 476. Die halleschen und preussischen Dichter. 
Friedrich's H. Thaten weckten manches Dichtertalent (oben 
§• 472), und das Studium der Alten und die Leetüre firan- 
zösischer und englischer Schrifbsteller bildeten die Dichter aus. 
Das Lied zeugte von classischem und franzosischem Ge- 
schmack, die Ode von classischer Gelehrsamkeit. Drei dieser 
Dichter sind in Halle beisammen, die übrigen scMiessen sich 
ihnen zum Theil an. 

J. W. Gleim, aus firmsieben bei Halberstadt (2. April 
4719 bis 18. Febr. 1803), studirte 1738—40 die Rechte 
in Halle und bildete daselbst einen Dichterverein mit 
Uz und Götz, treuer Freund von Kleist; später Kano- 
niker in Hälberstadt, war sein Haus der Sammelplatz der 
berühmtesten Schriftsteller, mit denen er auch brieflichen 
Verkehr unterhielt. Klopstock's Ode, die seinen Namen 
trägt, hat ihn seiner Persönlichkeit nach treu und unver- 
gesslich gezeichnet. Als Menschenfreund im edelsten Sinne 
des Worts sang er ,HaUadat, oder das rothe Buch', 
1774, ,Kriegslieder eines Grenadiers', 1778, Anakreontische 

19* 




292 Zweites Buch. Ethnodoktoloqie. 

Lieder von geringerm Werthe. Die übrigen Gedichte sind 
fast ganz vergessen K 

J. Pt Uz aus Ansbach (3. Oct. 47910 bis 12. Mai 
4796), 4746 mit Götz Uebersetzung des Anakreon, 4749 
,Lyrische Gedichte', 4755 ,TheodiceeS 4760 ,Die Kunst, 
stets jßrohlich zu sein' u. A., starb als Geheimer Justizrath 
und Landrichter zu Ansbach^. 

J. N. Götz aus Worms (9. Juli 4724 bis 4. Nov. 
4784), zuletzt baden -durlachscher Superintendent: scherz- 
hafte Lieder, Oden, Elegien, Idyllen, poetische Erzählungen 
imd Sinngedichte \ 

1 KÖBTE, Gleim's Leben ans seinen Briefen nnd Schriften, 4844* 
Sämmtliche Werke, 1844 — 43; Ergänzungsband der Zeitgedichte von 
47g9_i|g03, 4844. — * Ch. Fbl. Weisse gab seine poet. Schriften, 4804, 
neue AixSL 4824« In >^8bach wnrde ihm 4825 ein Denlcmal errichtet, 
wozu Hbideloff die kolossale Büste yerfertigte. — ' Ausgabe von 
Ramleb 4785. Voss, Erit. Briefe über Götz und Ramler, 4809. 

§. 477. Ew. Ch. von EJeist aus Zeblin bei Koslin 
(3. März 4745 bis 24. Aug. 4759 nach einer Verwundung in 
der Schlacht bei Kunersdorf), 4734 auf der Universität 
Königsberg, zuletzt Major bei dem Hausen^schen Regimente, 
befreundet mit Gleim 4746, Geliert und Weisse 4757; 
Dichter des ,Fruhling% von Elegien, Idyllen und einem 
Epos ,Cisside8 und Faches' K 

K. W. Ramler aus Kolberg (45. Febr. 4725 bis 44. 
April 4798), studirte m Halle, 4748—90 Professor der 
schönen Wissenschaften bei dem Cadettencorps in Berlin, 
4787 — 96 Mitdirector des Nationaltheaters in Berlin, seit 
4796 Privatmann: Oden nach Horaz, Oratorien (,Tod Jesu', 
componirt von Graun) *. 

Ch. Fei. Weisse aus Annaberg (8. Febr. 4726 bis 
46. Dec. 4804), 4745 auf der Universität Leipzig, befreundet 
mit Lessing, seit 4762 in Leipzig Kreissteuereinnehmer; 
f758 ,Scherzhafte Lieder', 4760 dramatische Arbeiten (Tra- 
gödien: ,Bichard III.', ,Romeo und Julie', ,Jean Calas'; 
komische Opern: die ,Jagd', der ,Emtekranz', ,Der Teufel 
ist los', der ,Dorfbarbier'), ,Bibliothek der schönen Wissen- 
schaften und freien Künste', 4764 ,Amazonenlieder', 4775%. 
der ,Kinderfreund' \ 

J. G. Jacobi aus Dusseldorf (2. Dec. 4740 bis 
4. Jan. 4844), 4758 in Göttingen und dann in Helmstedt, 
Professor der Philosophie und Beredtsamkeit in Halle, seit 



Einunddreissigstes Capitel. Deutschland. 293 

4784 in Freiburg im Breisgau, seit 1766 beireundet mit 
Gleim: Oden, Anakreontische Lieder, Taschenbuch ,Iris^^. 

J. Gli. WiUamow aus Mehrungen (15. Jan. 4736 bis 
24. Mai 4777), studirte in Königsberg, 4758 Professor in 
Thom: Dithyramben, Oden und Fabehi *. 

Anna Luise Karsch, 4720 — 94 ®. 

1 Ramlbb's Ausg. 4760, Köbtb's 4803 (%. A. 1825). — * Göckimgk's 
Ausg. 4800 fg. Heiksius, Versuch einer biogr. Skizze Ramler's, 4798. — 
' Selbstbiographie, herausgeg. yod Ch. £. Weisse und Frisch 4806. — 
* Ausg. 4807 — 43. Neueste Aufl. 4825. Biographie Ton Ittbb 4825. — 
^ Ausg. 4779 und yoilstandiger in Wien 4793. — ^ Eine YoUständige 
Ausgabe ihrer Gedichte besorgte ihre Tochter Luise von Klbnke. Die 
erste brachte 2000 Thlr. 

§. 478. Yolkspoesie; populärer Stil im Didaktischen 
und Komischen; Fabeldichter: Lichtwer, 4749 — 83, Pfeffel, 
4736—4809; v. Thümmel, 4738—484 7: komisches Helden- 
gedicht in Prosa (, Wilhelmine, oder der vermählte Pe- 
dant^). — Schäferwesen in dem Liede imd der Idylle: 
Salomon Gessner, 4730 — 87, voll Süsslichkeit und matter 
Sentimentalität. — Denis: lyrische Gedichte, Uebersetzung 
des Ossian. Kretschmann (f 4809): lyrische Gedichte. 
Lavater^s (4 744 — 4 804 ) ,Schweizerlieder' und Physiognomik, 
verspottet von Wieland (,Endymion') und Lichtenberg 
(,Timorus'). 

§. 479. Die Romanschreiber dieser Zeit verfolgen 
zwei verschiedene Richtungen: die Einen huldigen der 
Wissenschaft und suchen ihre Werke durch Hinneigung 
zur Sinnlichkeit anziehend zu machen; die Andern bedienen 
sich einer breiten, ruhigen Darstellung und suchen Rührung 
zu erregen. Die Erstem nehmen zu ihrem Vorbilde Wie- 
land, die Letztem den Engländer Richardson, welcher durch 
seine Romane ,Claiissa^, ,Grandison^ und ,Pamela^ be- 
rühmt geworden war. Durch ihn imd seine Nachfolger kam 
die Sentimentalität in die Literatur. 

Zu den Anhängern Wieland's gehören: W. Heinse 
aus Thüringen, 4746 — 4803: ,Ardinghello, oder die glück- 
lichen Liseln', worin er das Studium der Natur über das 
der Antike stellt, zugleich Ansichten über Kunst, Wissen- 
schaft und Staat; ,Hildegard von Hohenthal^ (Ansichten 
über Musik). J. A. Musäus aus Jena (4 735 — 87) starb 
als Professor in Weimar: der ,Deutsche Grandison' (Ver- 
spottung der Empfindsamkeit), ,Fhysiognomische Reisen^ 




294 Zweites Buch. Ethnodoktoloffie. 

(Satire auf die Physiognomik), , Volksmärchen der Deut- 
schen', n86 ,Freund Hein's Erscheinungen in Holbein's 
Manier^ 1787 ,Strau88fedem' (Erzählungen). 

Ein Anhanger Rich^-rdson^s ist J. Tim. Hermes, 1738 — 
1821, Geistlicher in Breslau: ,Ge6chichte der Miss Fanny 
Wilkes' und ,Sophiens Reise von Memel nach Sachsen' 
(über deutsche Sitten und hübsche Lieder); sein Stil ist 
edel und blühend. 

§. 480. Die Historiker dieser Zeit zeichnen sich vor 
ihren Vorgängern durch Klarheit aus, doch wird ihr Stil 
oft schleppend und breit. Allen voran geht J. Jo. 
Winckelmanh aus Stendal (9. Dec. 1717 bis 8. Juni 1768). 
In ärmlichen Verhältnissen geboren, konnte er nur durch 
fremde Mildthätigkeit unterstützt die lateinische Schule sei- 
ner Vaterstadt besuchen, 1735 in dem kölnischen Gynma- 
sium zu Berlin, 1738 auf der Universität Halle, 1741 in Jena, 
kam bei Beschauung der dresdener antiken Kunstvsrerke zum 
Bewusstsein seiner Bestimmung: der Welt die Grosse und 
Bedeutsamkeit der alten Kunst zu erschliessen. Durch sei- 
nen Uebertritt zum Katholicismus verschaffte er sich die 
Mittel zu einer Reise nach Rom, wo er zuerst Bibliothekar 
des Cardinais Albani war, dann Aufseher aller Alterthümer 
in und um Rom. In Triest wurde er von Fr. Arcangeli 
ermordet. In Schilderung der Kunstwerke und in Darstel- 
lung der Grundidee ist er Meister. Seine Schreibart ist den 
Alten nachgebildet und durchaus gedankenreich, oft begei- 
stert und dichterisch blühend. Unter seinen Werken .ist 
das bedeutendste die ,Geschichte der Kunst des Alter- 
thumsS 'l'76^- 

Die genaueste Auskunft über Winokelmann's Leben und Schriften gibt 
Gcrlitt's Biographiscbe und literarische Notiz von Winckelmaan, 4797t 
nebst zwei Nachträgen, 4820 — 24 , mit Berichtigungen und Zusätzen wieder 
abgedruckt in dessen Archäologischen Schriften, herausgeg. von C. MGllbb, 
4834, und die treffliche Biographie Winckelznann's von Pistbbsbn in der 
Allgem. Einleitung in das Studium der Archäologie, aus dem Däni^hen 
von Friedrichsen , 4829» Ausserdem schrieben über ihn: Rosetti (mit 
einer Vorrede von Böttigbb) 4848, Heyne 4778, Morobnstbrn 4805» 
GoBTHB 4805} Jahn 4844, Schömann 4844. Kunstkenner Cti. L. von 
Hagedorn, 4742 — 80; Maler Mengs, 4728 — 79. 

§. 481. Just. Moser, 1720 — 94 (Advocat in Osna- 
brück), zeigte in seiner ,Oenabrückischen Geschichte', wie 
man nur durch Erforschung und Würdigung der einhei- 
mischen Lebensverhältnisse, Sitten und Einrichtungen zu 



Einunddreissigsles CapHel. Deutschland. 295 

einer wahren Volks-* und Landesgeschichte gelangen könne. 
J. Jak. Moser, 1701 — 85, und sein Sohn F. K. v, Moser, 
1733 — 98: ,Staat8grammatik', ,Herr und Diener', ,Patrioti- 
sche Briefe*, ,Patriotisohes Archiv', ,Vom deutschen National- 
geist', geistliche Dichtung (, Daniel in der Lowengrube'). 
Gatterer, 1727—99. Achenwall, 1719 — 72 (Begründer 
der Statistik). Busching, 1724 — 93 (Erdbeschreibung). 
Iselin, 1728 — S2 (, Geschichte der Menschheit'). Kirchen- 
geschichte: Walch, f 1784, Michaelis, f ^791, Semler, 
t 1791. 

§. 482. Popularphilosophen: J. Sulzer, 1719 — 
79, zu Winterthur geboren und zu Berlin als Professor 
gestorben: , Allgemeine Theorie der schönen Wissenschaften 
und Künste'. Moses Mendelssohn, 1729 — 86, Freund Les- 
sing's, Mitarbeiter an der ,Deutschen Bibliothek': ,Briefe 
über die Empfindungen', ,Moses Mendelssohn an die Freunde 
Lessing's' (eine Vertheidigung Lessing's gegen seine An- 
kläger, die ihn des Spinozismus beschuldigten), , Jerusalem^ 
oder über religiöse Macht und Judenthum', ,Morgenstunden', 
,Phädon, oder über die Unsterblichkeit der Seele' (nach 
Plato). J. G. Hamann aus Königsberg in Preussen, 
1730 — 88, der Magus aus Norden (seine Schriften weniger 
durch innem Werth als durch ihren Einfluss auf Herder 
berühmt, von Roth 1821 — 43). J. Jak. Engel aus Par- 
chim in Mecklenburg (11. Sept. 1741 bis 28. Juni 1802), 
Lehrer Friedrich Wilhehn's HI.: ,Philosoph fiir die Welt', 
,Für8tenspiegel', ,Ideen zur Mimik', ,Poetik', ,Traum des 
Galilei', Schauspiele, Roman ,Lorenz Stark'. Thomas Abbt 
aus Uhn, 1738—66: ,Vom Tod fürs Vaterland', ,Vom Ver- 
dienst', ,Literaturbriefe'. J. G. Bitter von Zimmermann 
aus Brugg, 1728 — 95: ,Ueber die Einsamkeit', Schriften 
über Friedrich d. Gr. (Wichmann, ,Z,'s Krankengeschichte'). 
F.-Ch. Nikolai, 1733 — 1811, Lessing's ältester Ge- 
nosse und bis auf einen gewissen Grad auch Geistes- 
verwandter, eigentlicher Heros der Aufklärung und Ge- 
schmacklosigkeit im letzten Viertel des vorigen Jahrhun- 
derts: ,Sebaldus Nothanker', ,Sempronius Gundibert', ,Ge- 
sehichte eines dicken Mannes' ; die Grundsätze seiner Alltags- 
weisheit und Geschmacklosigkeit hat er 30 Jahre lang in 
der ,Allgemeinen deutschen Bibliothek' gepredigt. 

Kanzelberedtsamkeit: Sack, 1703 — 86, Jerusalem^ 



) 



296 Zweiieu Buch, Eihnodoktologie. 

1709 — 89 (Stifter des Carolinums in Braimschweig), Spal- 
ding, 17U — 1804, Gramer^ Sturm, 1740—86. 

G. Die neueste Zeit, seit 1780 (1770). 

§. 483. Der Deutsche hat die Nationalliteratur errungen 
und geniesst endlich selbst die Anerkennung des Auslandes. 
Deutsche Werke werden gesucht und übersetzt. Wetteifer 
der deutschen Staaten, aber Weimar bleibt lange Zeit der 
Mitjbelpunkt für die Literatur. Die politischen Bewegungen 
fordern den Gang derselben. Die deutsche Nation hat den 
Keim der Vollkommenheit geftmden, vergöttert kein fremdes 
Wesen mehr, lässt sich durch keine fremde Unterdrückung 
mehr niederbeugen, das Freiheitsgefuhl bricht die Ketten. 
Die Philosophie, welche die Entwickelung des Gastes un- 
mittelbar darstellt, geht mit Biesenschritten vorwärts durch 
Kitnt, Fichte, Schelling und Hegel. Literaturzeitungen, 
Musenalmanache und Dichtervereine beweisen das gewaltige 
Streben, die aufivachsenden Gedanken in Sprache zu kleiden. 
Der hochdeutsche Dialekt wird durch die geschichtlichen 
Forschungen der alleinherrschende; nur der alemannische 
findet noch in. Hebel (1760 — 1828) einen Vertreter. Drei- 
theilung dieser Periode. 

1. Die Friedenszeiten 1770 (1780) — 1790 (4794). 

§. 484. Seit dem Siebenjährigen Kriege Aufschwung der 
jungem Generation, Verwerfting des franzosischen Wesens, 
Enthusiasmus für Shakspeare, Sturm- und Drang-, Genie- 
periode. Morgenroth vollendeter Poesie mit Herder und 
Goethe, zweien Geistern, die aus philosophischer Tiefe ihre 
blühend poetischen Anschauungen schöpfen. Der Gottinger 
Dichterverein, Schiller, einzelne Nachahmer. Goethe und 
Schiller stehen noch getrennt, doch beginnt zwischen Beiden 
ein Briefwechsel. Die Zeitschrift ,Horen' gibt das beste 
Zeugniss von dem stürmischen Ringen nach Hoherm. 
Goethe's ,G6tz' und Schiller's ,Räuber' sind der anschau- 
lichste Beleg. Goethe selbst charakterisirt diese Zeit in 
folgenden Worten: „Sie ist unruhig, frech, ausgebreitet, 
leichtfertig, redlich, Achtung verschmähend und versäumend, 
die Form muthwiUig zerstörend und besonnen, sie wiederher- 
zustellen. ^^ Dieses ist gerade an Goethe am meisten sichtbar. 



Einunddreissigstes CapUel. Deutschland. 297 

§. 485. J. Gi. Herder aus Mohrungen in Ost- 
preussen (25. Aug. 1744 bis 18. Dec. 1803), 1762 in 
Königsberg in Bekanntschaft mit Kant und Hamann, 1764 
in Riga, 1767 in Frankreich, in Strasburg mit Goethe be- 
freundet, ,Fragmente über die neuere deutsche Literatur', 
1 769 ,Kritische Wälder', 1 771 Consistoriah-ath in Bückeburg, 
1775 berufen als Professor der Theologie nach Gottingen 
und fast gleichzeitig als Hofprediger, Generalsuperintendent 
und Oberconsistorialrath nach Weimar, dem deutschen Athen, 
1793 daselbst Vicepräsident, 1801 Präsident des Oberconsi- 
storiums, geadelt von dem Kurfürsten von Baiem. Seine 
Schriften zerfallen ihrer Vielseitigkeit wegen in drei Classen: 
zur KeUgion und Theologie (,Geist der hebräischen Poesie', 
1782), zur Literatur und Kimst (für orientalische in den 
,Palmblättem', griechische in den ,Paramythien' und romi- 
sche Poesie, für Shakspeare, Ossian und die spanischen 
Romanzen vom Cid) und zur Philosophie und Geschichte 
(, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschlieit', 
1784 — 91), Legenden, Parabeln. Der ganze Culturzustand 
Deutschlands hat von ihm einen mächtigen, weithin sich ver- 
breitenden Impuls erhalten, und an warmer, tiefer Begei- 
sterung für alles echt Menschliche, Würdige, Grosse hat 
ihn Keiner überragt. 

Ausgabe seiner Schriften in 45 Bdn. 4806 — 20. Taschenansgabe, 
60 Bde., 4827 — 30. Von öeiner Witwe Mar. Earol., geb. Flachsland 
(4750 — 4845), Erinnerungen ans H'.s Leben, die J. G. Müller 4820 heraus- 
gab. DÖRiKo, Herder^s Leben, 4823. Mönnich, Herder*s Cid und die 
spanischen Cidromanzen, 4855; oben §. 380. 

§. 486. J. Wfg. Goethe aus Frankfurt a. M. (28. 
Aug. 4749 bis 22. März 1832), der klarste Spiegel der 
ganzen Zeit, in welcher er lebte, was zugleich für seine 
Empfänglichkeit für alle Eindrücke und von seiner grossen 
Beobachtungsgabe zeugt. Von 1765 — 68 in Leipzig bei Emesti, 
Geliert und den Verfassern der ,Bremer Beiträge', Bewun- 
derer Klopstock^s, Verfasser der ,Laune des Verliebten' und 
der ,Mitschuldigen', durch Oeser und Anschauung der dres- 
dener Kunstschätze für ernsteres Studium der Kunst und 
Kunstgeschichte gewonnen, 1768 — 70 im älterlichen Hause 
mit dem Studium von allerlei mystisch-chemisch-alchemischen 
Werken beschäftigt, 1770 in Strasburg, statt der Jurispru- 
denz obzuliegen, mit Chemie und Anatomie beschäftigt, 
vertraut mit Herder und für Shakspeare, Natur, deutsche 



298 Zweites Buch, Ethnodokiologie. 

Literatur und Baukunst gewonnen, 1771 promovirt, in 
Wetzlar. 

Drei Perioden seines äussern und Dichterlebens: 1) Die 
sentimentale Kraftperiode bis zur italienischen Reise, 1766 
— 88: ,Gotz von BerlichingenS 1773; ,WertherS 1774; 
,Clavigo', 1774; ^Jahrmarkt zu Plundersweilem', 1774; in 
Weimar 1775 durch Karl August (Herzogin -Mutter Anna 
Amalia, 1739 — 1807), Geheimer Legationsrath, und ,Stella', 
1776; Lieder, Balladen, Oden; Wirklicher Geheimrath 1779; 
,Triumph der Empfindsamkeit^ 1780; Kammerpräsident und 
geadelt 1782; Bekanntschaft mit J. H. Meyer, dem Kunst- 
kritiker, in Rom, 1786 — 88. 2) Die ideale Periode bis zu 
seiner nähern Bekanntschaft mit Schiller, 1794: ,Iphigenia 
auf Tauris', ,Torquato Tasso' und ,Egmont', 1788; Feldzug 
in der Champagne 1792; ,Reineke Fuchs% 1793, 3) Die 
auf das lehrhaft Bedeutsame gerichtete Periode: ,Wilhelm 
Meister's Lehrjahre^ 1794 — 96; die ,HorenS 1794; ,XenienS 
1796; ,Hermann und Dorothea', 1797^; die ,PropyläenS 
1798 — 1800; ,Tancred' und ,Mahomet' Voltaire's, ,Natür- 
liehe TochterS 1804; vermählt (Vulpius) 1806; ,FaustS 1807; 
,Wahlverwandtschaften% 1809; Rücktritt aus dem Staats- 
dienst 1809; ,ldeen zur Farbenlehre^ 1810; ,Wahrheit und 
Dichtung', 1811; erster Staatsminister 1815; ,We8tostlicher 
Divan', 1819; ,Wilhelm Meister's Wanderjahre', 1821; der 
zweite Theil des ,Pau8t', 1831. Der dämonische Mann ist 
in seiner Jugend Apollon, in seinem Alter olympischer Zeus. 
Ihn kennt und verehrt die ganze civilisirte Welt! — Uner- 
messliche Literatur über ihn und seine Werke. 

Unter den Schriften, welche über sein Innerstes den gründlichsten 
Aufschluss geben, gehören zu den werthvollsten seine gesammelten Briefe, 
die Schriften von Eckermann, Falk, Carüs, F. v. Möller, Riemer, 
NiooLOTius, Pfeiffer, Döring, Schtjbarth, Gutzkow, Zaüpeb, Yarm^ 
HAGEN V. £nsb, DGntzer, Geryinus , Rosenkranz 4847, Spibss 4855* 
Ausgabe seiner Werke in 40 Bdn. 4840; Nachträge von Boas 4844» 
Dnodezausgabe, 55 Bde. — ^ Mit histor. Treue entlehnt aus: Ausfuhrliehe 
Historie der Emigranten oder vertriebenen Lutheraner aus dem ErzbisthOJue 
Salzburg, 4732. 

§, 487, Der Göttinger Dichterverein um Boje 
(1744-^1806) S der Hainbund seit 1772 ^ Der von 
Gotter (1746-^97) * und Boje gegründete ^Musenalmanach^ 
1770. 

Gf. A. Bürger, 1748 — 94, der Volksdichter im reinsten 
Sinne des Worts: Balladen: ,LenoreS ^Lenardo und Blaur 



Einunddreissigstes Capitel. Deutschland. 299 

dineS ^Des Pfarrers Tochter zu Taubenhayn', der ,Wilde 
Jäger*, ,Frau Magdalis^ Schiller's hartes ürtheil über ihn *. 
L. H. Cp. Hölty, 1748 — 76: Lyriker: Elegien, Lieder, Oden, 
Idyllen ^. Lp. F. Gth. v. Göckingk , 1 748 — 1 828 , Freund und 
Landismann Bürgerest poetische Episteln ^ J. Ant. Leisewitz, 
j752_^806 (Trauerspiel: ,Julius von TarentS 1776). Die 
beiden Grafen zu Stolberg: Christian, 1748 — 1831 (lyrische 
Gedichte, ,Schauspiele mit Choren^ Uebersetzung des So- 
phokles), und Friedrich Leopold, 1750 — 1819 (Gedichte, 
,ScIiauspiele mit Chören^ Uebersetzung der ,Ilias% Roman 
,Die InselS ,Ge8chichte der Religion Jesu Christi') '^. Mthi. 
Claudius, 1740 — 1815, Asmus oder der Wandsbecker Bote, 
mit dem entschiedensten Talent für Volksdichtung ®. J. Miller, 
1 7Ö0 — 1 81 4 (Roman : ,Siegwart, eine Klostergeschichte', 1 776, 
die sprichwortliche Siegwart'sche Sentimentalität; Gedichte, 
Predigten). K. F. Cramer (Sohn von J. And., §. 471), 
1752 — 1807®. J. H. Voss aus Sommersdorf bei Waren im 
Mecklenburgischen (20. Febr. 1751 bis 29. März 1826), 
geistreicher Erklärer und Forscher des Alterthums, ge- 
schmackvoller Uebersetzer, Kritiker und Dichter; Heyne's 
Schüler, Rector in Eutin, Professor in Heidelberg; im 
Streite mit Heyne, Lichtenberg, F. zu Stolberg, Creuzer; 
Verfasser von Oden, Liedern, Elegien, Idyllen (,Luise', ,Der 
70. Geburtstag'); Uebersetzer des Homer, Aratus, Theo- 
krit, Virgil, Horaz, Aristophanes u. s. w. , des Shakspeare 
(mit seinen Söhnen Heinrich und Abraham); ,Mythologische 
Briefe', ,Antisymbolik', Begründer des Studiums der alten 
Geographie ^^. 

* Begründer des Deutschen Mnseum, 4778, und des Neuen deutschen 
Muteum, 4789. Gedichte 4770. — ^ Prutz, Der göttinger Dichterbund, 
4844. — ^ Gedichte 4787 u. 4802, Sing- und Schauspiele. Medea durch 
Benda's Musik berühmt, — •* Biographie von Althoff 4798. Gesammtr 
ausgäbe von Bohtz 4835. Seine bedeutendsten Balladen sind in fast alle 
Sprachen der ciTilisirten Welt übersetzt. Blustrationen von Rbtzsgh und 
RuBL. — 5 Ausgabe von Voss und Stolberg 4783; von Voss mit einer 
Biographie 4804 u. 4835. Voigts, Hölty, ein Roman, 4844. — ^ An Fritz 
und An meinen Bedienten. Sinngedichte. Lieder zweier Liebenden. Ramler's 
Poetische Werke, 4847. Nicolai's Leben und liter. Nachlass, 4820. — 
7 Werke der Brüder Stolberg, 22 Bde., 4824 — 26- Schott, Voss und 
Stolberg, oder der Kampf des Zeitalters etc., 4820. Nicolovius, F. Lp. 
Graf zu Stolberg, 4846. — ^ Asmus omnia sua secum portans, oder 
Sammtliche Werke des Wandsbecker Boten, 8 Bde., 4774 — 4842; neue 
Aufl. 4838. — ^ Klopstock's Ode: An Cramer den Franken. Klopstock. 
Er und über ihn, 5 Bde., 4779 — 92. Klopstock in Fragmenten; aus 
Briefen von Tellow an Elisa, 2 Bde., 4777. — *° Paulus, Lebens- und 
Todeskunden von J. H. Voss, 4826. Poetische Werke, 4846. 




\ 



300 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

§. 488. Lyriker und Didaktiker: Tiedge, 4752 — 
4841 (,UraniaS 4804, und ^Wanderungen durch den Markt 
des Lebens^ 4833, ,Elegien% Lebensbeschreibung der 
,Anna Charlotte Dorothea, Herzogin von Kurland^, 4823) K 
Usteri, 4763 — 4827 (novellenartige Erzählungen in schwei- 
zerischer Mundart, hochdeutsche Dichtungen) *. Overbeck, 
4 755 — 4 82 1 . F. v. Matthisson ,4764 — 4834». J. Guudenz, 
Freiherr von Salis-Seewis, 4 762—4834 *. Schubart, 4 739 — 
94 (auf dem Hohenasperg 4777; die ,Fürstengruft' und 
,H.ymnus auf Friedrich d. Gr.') ^ Kosegarten, 4758 — 4848 
(,Jucunde')«. Neander, 4723 — 4802. Munter, 4735 — 93 
(geistliche Lieder, 4773 und 4774). 

1 Ebbbhabd, Gesammelte Werke, 4823 — 29» und Blicke in Tiedge's 
und in Elisa's (Frau von der Kecke) Leben, 4844. Falkbhstbin , Tiedge's 
Leben und Nacblass, 4844. — ' Hbss, Diebtungen in Versen und in 
Prosa, 4834. — ^ Schoch, Literariscber Nacblass, nebst einer Auswabl 
von Briefen seiner Freunde, 4832. — ^ Seine Gedicbte 4793 u. 4835. — 
& Gesammelte Scbriften und Scbicksale, 8 Bde., 4839 fg. — ^ Ausgabe 
der Diebtangen von seinem Sobne, 42 Bde., 4823 — 25. Mohkikb gab die 
Reden und kleinen prosaiscben Scbriften, 3 Bde., 4834 fg. 

§. 489. Dramatiker: Lenz, 1750 — 92 ^ F. Mx. v. 
Klinger, 1753—1831 (,Der Weltmann und der DichterS 
,Paust's Leben, Thaten und HollenfahrtS 1 791 ) «. F. Müller 
(der Maler), 1750 — 1825 (,NiobeS 1778, ,FaustS 1778, 
,Genoveva'; die Trilogie: ,Adonis, die klagende Venus und 
Venus Urania' u» A.) '. Schröder (Director des hamburger 
Theaters), 1744 — 1816 (Conversationsstücke und Charakter- 
gemälde)*. Iffland (darstellender Künstler, Theaterdichter 
und Dramaturg), 1759 — 1814 (, Jäger', ,Dienstpflicht', ,Ad- 
vocaten', ,Mündel', ,Hage8tolzen') ^ A. v. Kotzebue, 1761 
— 1819 (ermordet von Sand): ,Menschenhass und Reue' und 
die ,Lidianer in England', 1789, erwarben ihm den grossten 
Beifall ^ Lustspieldichter Bretzner, 1 748 -- 1 807 (der ,Arg- 
wohnische Liebhaber', 1783, das ,ßäuschchen', 1786, der 
,Eheprocurator') ^ und Jünger, 1759 — 97®. Dramatische 
Musik: Gluck, 1700— 87 (,Iphigenia in Tauris', 1773, ,Echo 
und Narcissus') «. Mozart, 1756 — 91 (, Figaro', 1785, ,Don 
Juan', 1787, ,Zauberflöte', 1791 , u. s. w.) ^^. 

1 Gesammelte Schriften mit Einleitung von Tieck 4828. Stöber, 
Der Dichter Lenz und Friederike von Sesenheim (Goethe's Friederike), 
4842. — ' Sammlung seiner Werke, 4 2 Bde., 4 809 fg. Ausgewählte Werke, 
42 Bde. , 4842. — » Gesammelte Werke, 3 Bde., 4844 u. 4825. -— ^ Bölow, 
Schröder's dramatische Werke mit einer Einleitung von Tieck, 4 Bde., 4834. 
Mbteb , F. L. Schröder, ein Beitrag zur Kunde des Menschen und Kunst- 



Einunddreissigstes Capüel, Deutschland. 301 

lers, 4849- — ^ Dramatische Werke mit einer Selbstbiographie, 46 Bde., 
4798 — 4802. Neue dramatische Werke, 2 Bde., 4807 — 9. Funck, Erinne- 
rungen an« dem Leben zweier Schauspieler, A. W. I£fland*s und L. Devrient's, 
4838« — ^98 Schauspiele. Sämmtliche dramatische Werke in 28 Bdn., 
4797 — 4823, and in 44 Bdn., 4827 — 29. Sein Leben von Cbambr 4849 
und Döring 4829. — ^ Das Singspiel Belmont und Constanze, oder die 
Entfahrung aus dem Serail, 4788, von Mozabt componirt. Die Schau- 
spiele 4792 — 96 u. 4820, die Singspiele 4796. Sein Roman: Leben eines 
Liederlichen, ein moralisch -satirisches Gemälde nach Hogarth und Chodo- 
wiecki, 4787 — 88 u. 4790. — ® Romane, darunter der vielgelesene Fritz, 
4796—97. Lustspiele, 4785— 90; Komisches Theater, 4792 — 96; Theatra- 
lischer Kachlass, 4803 — 4. Eck gab die Gedichte, 4824. — ^ Kampf der 
Glackisten Rousseau, Arnaud und Suard gegen die Piccinisten Marmontel 
und Laharpe, gesanmielt in den M^moires pour servir a lliistoire de la 
r^volution op6r2e dans la musique par M. Gluck, 4784. — ^^ Nissen, 
Biographie Mozart's (herausgeg. von dessen Witwe 4828). Alx. Odli- 
BiSHBW, Yie de Mozart, 4844. Holmes, Life of Mozart, 4845. Sein 
Denkmal in Salzburg errichtet 4840. 

§. 490. Wieland's Nachahmer im romantischen 
Epos, im Koman und der Satire: J. Bt. y. Alxinger, 
1755—97 (, Gedichtes 1780; ,Doolin von Mainz', 1787; 
,Bliomberi8S 1791) i. Pyrker von Felso-Eor, 1772—1847 
(epische Dichtungen: ,Perlen der heiligen Vorzeit', ,Timi- 
siasS ,Rudolfias'). L. H. Freiherr v. Nicolay, 1737—1820 
(Fabeln, Erzählungen, Elegien, Episteln, Rittergedichte) *. 
Alo. Blumauer, burlesker Dichter, 1755 — 98 (travestirte 
Aeneide, 1784)'. Schilderungen üppiger Sinnlichkeit von 
Heinse und von Thümmel (§. 478 und 479), Schummel, 
1748 — 1813, J. Gtwth. Müller von Itzehoe, 1744 — 1828 
(Romane: ,Siegfried von Lindenberg', 1779; ,Komische Ro- 
mane aus den Papieren des braunen Mannes', 8 Bde., 1784 
— 91 ) *. Thdr. Gli. v. Hippel, 1 741 —96 (Humorist: ,Ueber 
die Ehe', 1774; ,Ueber die bürgerliche Verbesserung der 
Weiber', 1792; ,Ueber weibliche Bildung', 1801; ,Lebens- 
läufe nach aufsteigender Linie, nebst Beilage A. B. C, 
1778 — 81; ,B[reuz- und Querzüge des Ritters A. bis Z;', 
1793— 94) ^ Lichtenberg, 1742 — 99, gelehrter Physiker 
imd witziger Schriftsteller, Streit mit Voss über die Aus- 
sprache des Griechischen 1782; ,Ausführliche Erklärung 
der Hogarth'schen Kupferstiche mit Copien derselben von 
Riepenhausen' ^ 

Herstellung einer strengen Form im Epischen und Dra- 
matischen durch Voss und Goethe und die Stolberg. 

1 Sämmtliche Schriften in 40 Bdn. 4840. — ^ Vermischte Gedichte 
und prosaische Schriften, 8 Bde., 4792 — 4840, durch Ramler vielfach 
corrigirt. Theatralische Werke 4844. Gbbschau, Aus dem Lehen Nicolay's, 



309 ZweUei Buch. Ethnodoktologie, 

4834. — ' Aasgabe seiner Werke, 8 Bde., 4804 — 3; 4832; von Kisten- 
FEOER 4827 n. 4830; 4839 — 40; in einem Bande 4840. — ^ Sohbödeb, 
Muller nach seinem Leben und seinen Werken, 4843. — ^ Sämmtliche 
Schriften, 44 Bde., 4828 — 34. — ^ Seine satirischen und scherzhaften 
Aufsätze sind gesammelt in den Vermischten Schritten, 9 Bde., 4800 — 5, 
und 6 Bde., 4844 — 45. 

§. 491. J. Cp. F. Schiller aus Marbacli am Neckar in 
Würtemberg (11. Nov. 1759 bis 9. Mai 1805), 1773 in dem 
militärischen Institut auf der Solitude zu Ludwigsburg 
(nachherigen Kiirlsschule in Stuttgart), Jurist, 1775 Medi- 
ciner, beschäftigt mit Homer, Virgil, E^lopstock, ,Gotz von 
Berlichingen', Lessing, Shakspeare, ,Ugolino', , Julius von 
Tarent', angeregt durch Schubart, 1780 Regimentsarzt. 

Drei Perioden seines Dichterlebens, wie bei Goethe: 

1) Die erste Periode der mächtig, aber regellos aufstreben- 
den Kraft: 1781 die ,Rauber' (Freiherr von Dalberg Director 
des Theaters in Manheim), 1782 bei Frau von Wolzogen 
in Bauerbach bei Meiningen, 1783 ,Fie8Co', 1784 ,Cabale 
und Liebe^ Theaterdichter in Manheim, ,Thalia' bis 1793. 

2) Zweite Periode bis zu Goethe's näherer Bekanntschaft, 
1794, Ueberwältigung aller jugendlichen Unklarheit und 
Schwärmerei durch ernste Studien: 1785 in Leipzig, ,Lied 
an die FreudeS 1783—87 ,Don Carlos', 1787 in Weimar 
bei Herder und Wieland, Zusammentreffen in Rudolstadt 
mit seiner nachherigen Gattin Charlotte von Lengefeld, 
1788 erstes Zusammentreffen mit Goethe, ,Geister8eher', 
,Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande^ 1789 
Professor der Geschichte in Jena, 1790 — 93 ,Geschichte 
des Dreissigj ährigen Kriegs', 1790 Verheirathung und mei- 
ningischer Hofrath, 1 792 — 1 802 ,B[leine prosaische Schriften* 
infolge der Bekanntschaft mit der Kant'schen Philosophie, 
fi*anzösischer Bürger, 1793 in seiner Heimat, ,Briefe über 
ästhetische Erziehung', 1 794 Beginn der , Hören'. 3) Dritte, 
herrliche Periode seit 1794, gezeitigt durch Goethe's Freund- 
schaft: seit 1795 die schönsten seiner lyrischen Gedichte, 
1796 ,Musenalmanach', der ,Spaziergang', die ,Glocke', 
,Xenien', 1797 Romanzen und Balladen, 1799 ,Wall6nstein' 
(Trilogie), in Weimar, 1800 ,Maria Stuart', 1801 , Jungfrau 
von Orleans', 1802 durch Kaiser Franz H. geadelt, 1803 
,Braut von Messina' (Einfuhrung des Chors), 1804 ,Wil- 
helm Teil', ,Demetrius' (ausgeführt von v. Maltitz), ,Hul- 
digung der Künste', Bearbeitung fremder Dramen (,Macbeth', 



Einunddreissigstes Capilel. Deutschland, 303 

,Taraiidot', ,Phädra', ,NeflPe als OnkeP, ,ParasitS ,Iphigenie 
in Aulis' u. A.). 

Er ist der ideale Dichter, der Herold der Freiheit auf 
geistigem, sittlichem, religiösem und politischem Gebiete, 
bewundert und verehrt, doch vorzugsweise geliebt. 

Ueber seiD Leben Cablylb (englisch) i82l5, Frau y. Wolzogbk, Hoff- 
MB18TEB, GsT. ScHWAB. Schiller's Denkwürdigkeiten und Bekenntnisse über 
sein Leben, seinen Charakter und seine Schriften, geschrieben von ihm selbst, 
geordnet von DiBZMAifN, 1854. Boas, Schiller*s Jugendjahre, herausgeg. von 
Maltkahn, 4856. Ausgabe seiner Werke 1848 — 20; Ergänzungen von Dö- 
RING, Boas, Hoffmeister; englische Uebersetzung des Schotten Thm. Carlyle. 

§. 492, Prosa» — Popularphilosophen und Päda- 
gogen, wissenschaftliche Fortbildung der Theologie: Eber- 
hard, 1739 — 1809 (Philosoph nach Wolf sehen Grundsätzen: 
,Neue Apologie des Sokrates', ,Allgemeine Theorie des Den- 
kens und Empfindens', ,Sittenlehre der Vernunft', ,Theorie 
der schonen Künste und Wissenschaften', ,Allgemeine Ge- 
schichte der Philosophie', ,Gei8t des Urchristenthums', ,Sy- 
nonymik' und ,Synonymisches Handwörterbuch der deutschen 
Sprache'). Garve, 1742 — 98 (Lebensphilosoph im edlem 
Sinne des Worts, Uebersetzer, ,Ueber die Verbindung der 
Moral mit der Politik', ,Ueber Gesellschaft und Einsamkeit'). 
E. Platner, 1744 — 1818 (Arzt und Anthropolog). K. Thdr. 
Reichsfreiherr von Dalberg, 1744 — 1817, Kämmerer von 
Worms, letzter Kurfürst von Mainz und Erzkanzler des 
Deutschen Reichs, später Fürst Primas des Rheinbundes und 
Grossherzog von Frankfurt, Erzbischof zu Regensburg und 
Bischof zu Worms und Konstanz^ im Umgange mit Herder, 
Goethe^ Wieland, Schiller u. A.; seine Schriften betreffen 
meist Gegenstände der angewandten Moral und Aesthetik, 
empfehlen sich durch Gründlichkeit der Forschung und 
durch eine gewinnende Beredtsamkeit ^. Der um die vater- 
ländische Literatur und Sprache hochverdiente Adelung, 
1734—1806 (, Wörterbuch', ,Mithridates' U.A.). Basedow, 
4723 — 90 (Musterschule und Lehrerseminar in Dessau, 
Philanthropinismus) 2. Campe, 1746 — 1818, durch Kinder- 
und Jugendschriften und durch lexikographische Arbeiten 
ausgezeichnet (,Robinson der Jüngere', ,Theophron, oder 
der erfahrene Rathgeber für die unerfahrene Jugend', beide 
wol in alle europäische Sprachen übersetzt). Die Theo- 
logen: Schrockh, 1733 — 1808 (, Christliche Kirchenge- 
schichte' in 35 Bänden) 3. J. Gf. Eichhorn, 1732-1827 




304 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

(Einleitungen in die Bibel, ^Allgemeine Geschichte der 
Cultur und Literatur des neuem Europa^, ,Geschichte der 
Literatur von ihrem Anfange bis auf die neuesten Zeiten^ 
u. V. A.). Doderlein, 1745. — 92 (Dogmatiker mit Abwei- 
chung von dem altem Lehrsystem). Griesbach, 4745 — 4842 
(Exeget und biblischer Kritiker)*. H. Ph. Kr. Henke, 
4752 — 4809 (, Kirchengeschichte'). Gli. Jak. Planck, 4754 

— 4833 (, Geschichte der Entstehung, Veränderungen und 
Bildung des protestantischen Lehrbegriffs' u. s. w., 6 Bde., 
4784 — 4800). Zollikofer, 4730 — 88 (besonders Predigten) ». 

1 Erambb, E. Thdr. v. Dalberg, 4824. — ^ Mbtbb, Leben, Charakter 
und Schriften Basedow's, 4794 — 92. — ^ Tzsohibnbr gab eine ansföhr- 
liche Beschreibung seines Lebens nnd Charakters in der Earchengeschichte 
seit der Reformation, Bd. 40. — ^ Sein Leben beschrieben Kobthb 4842, 
Atjousti 4842, Eichstadt 4845. — ^ Gabyb, lieber den Charakter ZoUi- 
kofer*s, 4788. 

§. 493. Historische Forschung und Kunst: Mch. 
Ign. Schmidt (4 736 — 94) zog in seiner ^Geschichte der 
Deutschen' zuerst das Culturleben der Nation in die Dar- 
stellung (Fortsetzung von Dresch). A. L. v. Schlozer, 4735 

— 4805 (, Allgemeine nordische Geschichte', Uebersetzung 
des russischen Chronisten Nestor, Verdienste um die Sta- 
tistik, geadelt 4804 von Kaiser Alexander von Russland). 
J. V.Müller, 4 752 -—4 809 (, Vierundzwanzig Bücher allgemeiner 
Geschichte', ,Schweizergeschichte') K L. Tim. Freiherr v. 
Spittler , 4 752 — 4840, Geschichtschreiber und ' l^blicist *. 
J. W. Baron v. Archenholz, 4745 — 4842 (,Geschichte des 
Siebenjährigen Kriegs' u. s. w.), politischer Journalist in 
der ,Minerva' seit 4792. — Länder- und Reisebe- 
schreibungen: Sturz, 4736—79, Begleiter Konig Chri- 
stian^s VII. auf einer Reise nach England, daher die ,Briefe 
eines Reisenden', 4 777. J. G. Forster, 4754— -94 (, Reise 
um die Welt', 4772—75)3. Sm. Gli. GmeHn, 4744 — 74 
(,Reisen durch Russland', 4770). Pallas, 4744 — 484 4 , russi- 
scher Reisender, 4793 — 94, und Naturforscher. Karsten Nie- 
buhr , 4 733 — 4 84 5 (Forschungen über Arabien u. s. w.), u. A. 

^ Fortsetzung seiner Schweizergeschichte von Glutz-Blotzhbim 4846, 
HoTTiNOBB 4825—29. Sämmtliche Werke, 40 Bde., 4834 — 35. Ueber 
sein Leben Heeren 4809i Waohlbb 4809, Woltmann 4840, Roth 4844. — 
3 Gesammtausgabe von seinem Schwiegersohn E. Wächter, 45 Bde., 
4827 — 37. Sein Leben von Heeren 4842. — ^ Seine gewesene Gattin 
Thebesb Hüber gab seinen Briefwechsel nebst Nachrichten von seinem 
Leben, 4828 — 29, nnd seine Tochter seine Sämmtlichen Schriften mit 
einer Charakteristik des Verfassers von Gervintjs, 4 843. fg. 



Einunddreissigstes CapiteL Deutschland. 305 

§. 494. Begründer der kritischen Philosophie ist 
Im. £!ant aus Königsberg in Preussen (22. April 4724 bis 
42. Febr. 4804), auf dem FriedrichscoUegium und seit 4740 
auf der konigsberger Universität gebildet, 4755 auf letzterer 
Docent für Logik, Metaphysik, Physik und Mathematik, 
4770 ordentlicher Professor der Logik und Metaphysik, 
Abhandlungen und Schriften naturwissenschaftlichen und 
philosophischen Inhalts; 4770 ,De mundi sensibilis et in- 
telligibilis forma et principiis^, gleichsam das Programm 
der ,Kritik der reinen Vernunft', 4784; ,Prolegomena zu 
einer jeden künftigen Metaphysik', 4783; ,Grundlegung 
der Metaphysik der Sitten', 4785; ,Metaphysische An&ngs- 
gründe der Naturwissenschaft', 4786; ,Kritik der prakti- 
schen Vernunft', 4788; ,Kritik der Urtheilskraft', 4790; 
,Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft', 
4 793 ; ,Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre', 4 797; 
,Kechtslehre', , Anthropologie in pragmatischer Hinsicht', 4798. 

Vollständige Sammlungen seiner Werke von Habtbnstbin, 40 Bde., 

4838 — 39; Bosbnkbanz und Sohdbbbt, 42 Bde., 4838 — 44 (Bd. 44: 

^Biographie Yon Sohübbbt); sonst über sein Leben: Bobowski 4804, 

Wasianski 4804, Jaghmabn 4804. Die Physische Geographie gaben' 

ftniK 4802 und Yollmbb 4804 — 5 heraus. 

• • ■■■■ ' 

§. 495. Allgemeine Herrschaft der Kant'schen Philoso- 
phie seit 4790, wozu noch besonders die Polemik F. H. Ja- 
cobi's (4743 — 4849) ^ und die ,Briefe über die Kant'sche Phi- 
losophie' K- Lhd. Keinhold's (4758—4823)« im ,Deutschen 
Mercur'lbeitrugen, Die grosste Bedeutung dieser Philosophie 
besteht in der Anregung der geistigen Thätigkeit, in der 
wissenschaftlichen Gründlichkeit und in dem sittlichen Ernste. 

1 ScHLiGHTBOBOLL, Weillbb und Thibbsoh, F. H. Jacobi nach seinem 
Leben, Lehren und Wirken, 4849* Kühb, Jacobi nnd die Philosophie 
seiner Zeit, 4834. — ^ Sein Leben nnd literar. Wirken yon seinem Sohne 
,£. Bbibhold geschildert, 4825. 

2. Die Revolution 4 790 (4794) — 484 4 (4843). 

§. 496. Beginn schöner Hoffnungen, Steigerung der 
Theilnahme der Gelehrten an dem öffentlichen Leben. Druck 
der Fremdherrschaft. Die Masse der literarischen Erzeug- 
nisse wird unübersehbar. Steigerung der Lese- und Sohreib- 
lust. Die Leihbibliotheken. Unzahl der Tagesblätter. Goethe's 
und Schiller's (vereinigter) Einfluss seit 4794 K Hohestand 
des Dramas. Die Romantiker oder die Schlegel -Tieck'sche 
Schule (darüber Rosenkranz in den Studien, I, 4839). 
Stiftung der Universität zu Berlin, 4840. 

MlBLIXIR. ^0 



306 ZweUet Buch. Ethnodoktologie. 

1 Wilhelm Meiiter'g Lehrjahre, 4794—96. Die Hören, 4794; Xenien, 
4796. Hermann und Dorothea, 4797. Die Propyläen, 4798 — 4800. 
Schillbr's Romanzen und Balladen, WaUenstein (TrUogie), 4799, Maria 
Stuart, 4 800, ^ungfraa von Orleans, 4 804 , Braut von Messina, 4 803, Teil, 4 804. 
6oBTHB*s Natürliche Tochter, 4804, Faust, 4807, Wahlverwandtschaften, 
4809, Ideen zur Farhenlehre, 4840, Wahrheit und Dichtung, 4844. 

§. 497. Philosophie: Kantianer. Bechtsphilosophie: 
Ans. von Feuerbach (berühmter Criminalist), 4775 — 1833 K 
Fries, 1773 — 1843 (, Philosophische ßechtslehre, oder Kritik 
aller positiven Gesetzgebung', 1803). Hugo, 1764 — 1844 
(die historische Rechtsschule durch ihn, Haubold, Schlosser 
und V. Savigny begründet). F. K. v. Savigny (geb. 1779): 
,Recht des Besitzes' und ,Geschichte des romischen Rechts 
im Mittelalters — Fichte (1762 — 1814): ,Versuch einer 
Kritik aller Offenbarung', 1792; ,Wissenschaftslehre', 1791. 
F. W. Jos. V. Schelling (1775 bis 20. Aug. 1854): Identitats- 
system, Naturphilosophie *. Reinhard, 1 753 — 1812. Schleier- 
macher, 1768—1834 3. Hegel, 1770 — 1831 *, und seine 
Schiller: Marheineke, Daub, Gabler, Hinrichs, Michelet, 
Gans, Hotho, Rosenbanz, Göschel, Br. Bauer, Watke u. A. 
Herbart, 1776 — 1841 *, und seine Schüler: Drobisch, Roer, 
Hartenstein, Taute, Strümpell u. A. — Naturphilosophen: 
Qken ( 1 779 — 1 851 ) : ,Lehrbuch der Naturphilosophie', 
,Allgemeine Naturgeschichte', Begründer der ,Isis', 1816. 
H. V. Schubert (geb. 1780). Steffens, 1773—45. Alx. v. 
Humboldt (geb. 1769: ,Kosmos' seit 1845). Werner, 1750 — 
1817. Treviranus, 1776 — 1837. Olbers, 1758 — 1840. Gauss, 
4777 — ^853. Brandes, 1777 — 1834. 

^ Er liinterliess fünf Sohne: Anselm, Karl Wilhelm, Eduard August, 
Ludwig Andreas, Friedrich Heinrich, die ruhmlich in des Vaters Fuss- 
tapfen traten und jeder in besonderer Richtung durch Studium und schrift- 
stellerische Thatigkeit sich heryorthaten; Ludwig Andreas ist Philosoph. — 
2 Seine Anhänger: Steffens, Oken, Fr. v. Baader, Windischmann, H. v. 
Schubert, Schelvers, Nasse, Kieser u. v. A. Ueber ihn und seine Philo- 
sophie FRAUBN9TÄDT 4842, Paclüs 4843, Alxi. Schhudt 4843, Bosbm- 
KRANZ 4843, MiCHBLET 4843, Salat 4837. Seine Schriften gibt Cotta 
heraus, 4856 fg. — ' Sammtliche Werke seit 4835: zur Theologie, Pre- 
digten und zur Philosophie. Zabel, Literarischer Nachlass Schleiermacher's, 
4835. — ^ Sein Leben von K. Rosenkranz 4844; Werjce 4832 — 44. 
H. Leo gegen die Junghegelianer, Hegelinge, ebenso Schellinq, Weisse, 
der jüngere Fiohtb, Tbbndblenbü&o , Exnbr, Ott, Hegel et la Philoso- 
phie allemande, 4844* — ^ Ueber sein Leben Hartenstein und Yoiqdt. 
Strümpell, Die Pädagogik der Philosophen Kant, Fichte, Herbart, 4843. 

§• 498. Pädagogen: Pestalozzi, 1746—4827 (zu Yyer- 
dxmy. Niemeyer, 1754 — 1828^. Schwarz, 1766—1836- 
Dinter, 1760—1831 K K. v. Raumer: ,Gcschichte der Päda- 



Einunddrei8Hg8t09 Capitel. Deutschland. 007 

gogik*. -^ Kanzelberfedt&Ämköit: Reinhard, i 753 — 1842, 
V. Ammon, 4766 — 1851^ Schleiermacher, Draseke, ^774 — 
4849. — Mythologie des Altei*thums: Wagöer^ Grorres^ 
Creuzer, Voss, Lobeck. — Aesthetik und Kritik, Lite- 
ratur- und Kunststudium: W.V.Humboldt, 1767-^1835*, 
A. W. V. Schlegel, 1767 — 1845, F. v. Schlegel, -1772—1829, 
F-. A. Wolf, 1757 — 1824, Solger, 1780 — 1819, Tieck, 1773 
— 1853, Gries, 1775 — 1842, Achim v. Arnim, 1781—1831, 
Brentano, 1777— 4842, Görre8,P.H.v.d. Hagen, 1780-^1856. 
Forster (Uebersetzung der ,Sakuntalä*, 1791). Ad. Müller, 
1779—1829. Bottiger, 1760—1835. Hirt, 1759— 1837. Stieg- 
litz, 1756—1836. Wackenroder, 1772—98. Literaturgeschichte 
von Eichhorn, Wachler, Boüterwek (1766 — 1828). — Die 
neuere Musik Weber's, f 1826, und Beethoven's, f 1827. 

^ lieber ihn Biber 4827, Blochmann 4846, Christoffbl 4846. — 
' Ueber ihn Jacobs nhd Gbcber 4834. '— ^ Sein Leben Ton ihm selbst, 
4829; 3. A., 4830. — ^ Sein Leben von Ewald und Hatm, 4856. 

§. 499. Romanliteratur. Philosophischer und humo-* 
ristischer Roman: Von 'Klinger und Jacobi. Deutschlands 
grösster Humorist ist J. P. F. Richter (gewohnlich Jean 
Paul) aus Wunsiedel (21. März 1763 bis 14. Nov. 1825): 
,Hesperu8S 1795; ,TltanS 1800—3; ,Levanä, oder Erzie- 
hungslehreS 1 807, u. A. K Wagüer, 1768—1812. v. Bentzel* 
Stemau, 1 767 1 849. F. de la Motte FouquÄ, 1 777— 1 843; 
Seume's (1763^-^1810) ,Spaziergang nach Syrakus'. 

1 Sämmtliche Wcnrke, 60 Bde., 4826 — 28* Biographie von Sf^Azisit, 
483ä, 5 Bde. 

§. 500. L. Tieck (über ihn J. L. Hofl&nann 1856 und 
Itopke 1 855 ) und die Romantiker^. Tieck's ,teter 
Lebrecht's Volksmärchen', 1797 (, Blaubart', ,t)er gestie- 
felte Kater' u. s. w.), Uebersetzung des , Don Quixote', 
Dramen (,Genoveva', ,Octavian', ,Fortunatu8', 1819), No- 
vellen seit 1821. Novalis (F.V.Hardenberg), 1772 — 1801. 
Schelling , die beiden Schlegel. Trinius , 1 773 — 1 849. 
G. Ph. Schmidt, 1766—1849. Jos. v. Eichendorff, 1788. 
liuise Brachmann^ 1777 — 1822. Helmine von Ch^zy, 1783. 
Im Anschluß« an SchUler: Mählmann, 1771 — 1826, und 
JeÄs Ba^es^n, 1764 — 1826 (Däne). Für die äiitike Ode: 
Hölderlin, 1770—1843. — Didaktiken Neubeck, 1765— 
1827 (,Die Gesundbrunnen^ 1794), Kjummacher, 1768-^1045 
(,Par^beln', 1805; ,Paramythien', 1809).- Epigrammatiker: 
Hang, 1761 —1829. — Idyllisches Epos von Amalie v. Hell- 

20* 




> 



306 Zwmte$ Bw^. EtknadokMogie. 

vig, 4776 — 4831 (^Schwestern von Lesbos^), und Baggesen 
(fParthenais^ oder die Alpenreise^). — Drama: Z. Werner 
aus Königsberg in Preussen (4768 — 4823): ,Sohne des 
ThalsS ^^03; ,Martin Luther, oder die Weihe der EraftS 
4807 (über ihn Schutz 4854). Apel, 4774 --4846. v. CoUin, 
4772— «84 K H. v. Kleist, 4776—4844 (,Kathchen von Heil- 
bronn, oder die Feuerprobe', 4840). Oehlenschläger, 4779 — 
4850 (Däne). 

1 Julias Schmidt, Gesch. d. deutich. NfttionsUit. im 49. Jshrh., fiBde., 
4853* GoTTSOHALL, Gesch. d. deutsch. Nationallit. in der ersten Hälfte 
des 49. Jahrh., 4855. 

§. 504. Historische Forschung, Politik des Tages, vater- 
ländischer Sinn in den Jahren der Fremdherrschaft 4 803 — 43. 
Moser. F. v. Gentz, 4764 — 4832. Rehberg, 4757 — 4836. 
Fichte (,Keden an die deutsche Nation', 1808). Amdt's (4769) 
,Geist der Zeit', 4806 — 48. Jahn^s ,Deutsches Volksthum', 
4809 (über ihn Prohle 1856). Sammlungen zur Zeitge- 
schichte von V. Archenholz, Posselt^ 4763 — 1804 (Redacteur 
von Cotta's ,Allgemeiner Zeitung', 4 799 fg.). Allgemeine Ge- 
schichte von Heeren, 4760 — 1842. Bredow, 1773—4844. 
Eichhornes (1781) ,Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte', 
4 808. Niebuhr's ( 1 777 — 1 831 ) ,Romische Geschichte'. Kruse, 
4 753 _< 827 (Tabellen). Politz. Becker. Weltmann, 4770 — 
1847. Wilken's (1777—1844), ,Geschichte der Kreuzzüge', 
4807 — 32. Manso's ,Sparta', 4800. — Geographen: 
K. Ritter, 4779 (, Erdkunde im Verhältniss zur Natur und 
Geschichte des Menschen', 4817; neue Bearbeitung 4822%.), 
Stein, Gruts Muths. Wissenschaftliche Reisen Alx. v. Hum- 
boldts in Amerika 1799 — 1804; Lichtenstein^s im südlichen 
Afrika 1803—6, u. s. w. 

3. Die Freiheitszeiten seit 1813. 

Die Romantik im Kampfe mit der Kritik. Universalismus in 

Poesie nnd Wissenschaft. 

§• 502. Der Befreiungskrieg und die patriotische 
Erhebung. Stiftung der Universität zu Bonn 1848. Die 
Sänger: Thdr. Kömer, 4794—1843 (f im Gefechte bei 
Gadebusch): ,Leier und Schwert^ 1814; ,Das Volk steht auf, 
der Sturm bricht los' u. s. w. Arndt (,Was ist des Deut- 
schen Vaterland?'). Wetzel, 1779— 4819. F. Eückert, 4 789 
(, Gehamischte Sonette', Spottlieder und Hymnen). Fouquii's 



Einunddreisiigstes CapUel Deutschland. 309 

Ejiegslieder. Max t. Schenkendorf, 4784^4817. F; A. 
T. Stagemann, 4763-- 4840. Die Bruder Stolberg. Flug- 
sofariflben, Reden an die Nation (politische und politisch- 
religiöse Beredtsamkeit) : Dräseke, Schuderoff, Hanstein, 
C Zimmermann. 

§. 503. Die Lyrik (episch -lyrisch). Orientalismus 
und Didalctik. Eberhard, 4769 — 4845 (,Hannchen und die 
Küchlein' u. A.). E. Schulze, 4789 — 4817 (,CaciKeS 4844; 
,Die bezauberte Rose% 4846; seine Biographie von Bouterwek 
4849 und Hm. Marggraff 4855). Simrock, 4802 (Bearbei- 
tung altdeutscher Epen; eigene: ,Wieland der Schmied', 4835, 
,Amd[ungenlied% J843). — Romanzen und Balladen: die 
Dichter Schwabens: Uhland, 4787, Schwab, 4792 — 4850, 
Eemer, 4786, Mayer, 4786, Morike, 4804, Zimmermann, 4807. 
Aus dem Elsass die Brüder Stober (August 4808, Adolf 
4840). — Volksmassige Lyrik: W. Müller, 4794 — 4827 
(,Griechenlieder', 4822 — 25; seine Biographie von Schwab 
4830), Hoffinann y. FaUersleben, 4798, Wackemagel, 4806, 
Reinick aus Danzig, 4805 — 52, Kopisch, 4799 — 4853. — 
Sentimentale Lyrik: Heine, 4799—4856, Zedlitz, 4790, 
N. Lenau (N. Niembsch, Edler von Strehlenau, 4802 

— 50, seit 4844 im Wahnsinn), Anast. Grün (Ant. 
Alx« Graf v. Auersperg), 4806. — Orientalischer Lyrik 
seit 4849: Rückert (auch Dramatiker), Graf y. Platen- 
Hallermünde, 4^96-4835 (Oden, Festgesänge, die ,Abba- 
siden^ in neun Gesängen, 4835), Adlb. v. Chamisso, 
4784 — 4838, Freiligrath, 4840, Geibel, 4815, Kinkel, Ro- 
quette, Bottger, Bodenstedt, Redwitz. Herwegh. Hartmann 
(,Kelch und Schwert'). — Didaktik: Schefer, 4784 (, Laien-- 
brevier*), Fröhlich, 4796, Hey, 4799, Pfizer, 4807. — Geist- 
liches Lied: Arndt, Garve, 4763— 4844, v. Albertini, 4769 

— 4834, Knapp, 4796, Theremin (,AbendstundenS 4833), 
Spitta, 4804 U.A. 

§. 504. Dramatische Poesie (im Verfall): Uhland 
(,Emst von Schwaben', 4847; ,Ludwig der Baier^, 4849), 
Oehlenschläger^s ,CorreggioS 4846, y. Houwald^a ,Bild% 
4824. Schicksalstragodien MüUner's (4774—4829: JDer 29. 
Februar*, JDieSchuldS 4845), Grillparzer's, 4790 (,Ahn£rauS 
4847). Ghrabbe, 4804 — 26, v. Zedlitz, v. Eichendorff. Immer- 
mann, 4796 — 4840. Platen (,Die verhängnissvolle GabeP, 
4 826 9 gegen die Schicksalstragodien). J. y. Auffenberg, 4 798.^ 



310 Zweües Buch. Ethnodoktohgie, 

Mch. Beer, 1800—33. EÄupaoh, 4784— 18M (Hohenstaufen- 
cyklus). Lustspiel: Kaupach, y. Elsholtz, Bauemfeld, Bene- 
dix (,Doctor Wespe', ,Vetter' u. v. a.), Prinzessin Amalie von 
Sachsen. Mosen, 1803, Gutzkow, 1811, Hebbel, 1813, Prutz, 
1816, Gottschall. 

§.505. Romane und Novellen: Holi&nann, 1776—18212, 
Scott in Uebersetzungen seit 1816, van der Velde, 4779 — 
1824, Spindler, geb. 1795, f 15. Juli '1855 (,JudeS ,Jesuit'), 
Häring (Pseudonym Wilibald Alexis), v. BehAies, f 184^, 
Immermann (,Epigonen% 1836 und 1854, ,Münchhausen% 
1838). — Novellen von Tieck, Hauff, 1802—27, Jacobs, 
Zschokke, Steffens, Schefer, Stifter, Aiiprbach, 18121. — 
Bearbeitungen von Yolkssagen und Märchen durch die 
Bruder Grimm, Arndt u. A. 

Paldamus, Deutsche Dichter und Proiaisten von der Mitte des 45. Jahrb. 
bis auf unsere Zeit, 4856* 

§. 506. Historische Wissenschaften: Menzel, v* Ga- 
gem, Luden, 1780 — 1847, F. v. Raumer, i781, Stenzel, 171^2 
— 1854, Voigt. Fr. Jacobs, Bockh, Otfr. Müller, Wachs- 
muth, Schlosser, Drumann. H.Leo, Schäfer, Lappenberg, 
Dahlmann, v. Hammer, Ranke. Yarnhagen v. Ense, Droy- 
sen, Fojster, Preuss, Pertz. Kunstgeschichte: Otjfr. Müller, 
Kugler^ Passayant, Waagen. Weisse (,System der Aesthetik^). 
Vischer (,Aesthetik, oder Wissenschaft des Schonen'). Bear- 
beiter fremder Literaturerzeugnisse: des classischen Alterthuma 
Donner und Proysen; des Orients v. Hammer, Bopp, Schack 
und Rückert; der modernen Literatur des europäischen Sü- 
dens und Westens Grries, v. Malsburg, 1786^-^1824, $treck- 
fuss, 1779 — 1844, Kannegiesser, Konig Johann von Sachsen, 
Kopisch, Q-ervinus seit 1848. Studium des Altdeutschen 
durch Ja^. Grimi^,' Lachmann, Simro.ck, Gervinus, 1 805, u. v. A. 
Die Ausgabe^ der deutschen Clas.siker in Gotha, Hildburg- 
hausen und Neuyork und daselbst die Encyklopädie der 
neuem deutschen, Classiker seit 18S7. Geschichte der Phi- 
losophie von $. Ritter 9 F. Reinhold, A. Brandis u. A. 
Kirchengeschichte von Neander, 1789 — 1850, Gieseler, 479^ 

^1854, Hase, 1800. 

§.507. Theologie: Bretschneider, 1776 -.+8,48, De Wetfce^ 
47gO _ 1 849, Marheineke, 1 780 — 18.46, Tholuclf^ 1 799^ u. A. — 
Rechtswissenschaft: Jak. Grimmas ^^eutsche R^hts- 
alterthümer^ (W^iötbümer), 1828, Gans, 1798 — 1839. — 



Zweiunddreissigates Capitel. Skandinavien. 311 

K. li. T« Haller^s ^Restauration der Staatswisaenscliaften^ 481 6; 
Dablmann, W. Schubert. 

Die parlamentarischen Koryphäen der Jahre i 848 und i 849^ 
besonders in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. Laube, 
Biedermann: ,Erinnenmgen aus der PaulskircheS 4849. 
Bucher, ,Der Parlamentarismus^ 4855. 

Erzählungen aus dem Volke und für das Volk yon Höfer, 
4852 — 54, Hartmann, 4853 — 54, Künstler, 4855, Trautmann, 
4855, Caspari, 4855, ,Allgemeine deutsche Volksbibliothek^ 
seit 4847; ,Volk8lieder' von Erk, 4855. 



Zweiunddreissigstes Capitel. 

Skandinavien. 

§. 508. Zweitheilung dieses Sprachgebiets seit dem 44. 
Jahrii., in das altnordische oder norränische, auch islän- 
dische, und in das neunordische, woraus sich die dänische 
und schwedische Sprache entwickelt haben (oben §.340). 

Verdienste um das Studium des skandinavischen Sprach- 
schatzes haben sich erworben Legis, Suhm, Thorlacius, 
Finn Ma^usen, Rask, Rafii, Nyerup, Werlauff, Molbech, 
Rahbeck, Liljengren, Schröder, Geijer, Afzelius, Gräter. 

Jak. Grimm, Deutsche Grammatik, 482^, und Geschichte der deut- 
schen Sprache, 4848* 

1. Isländische Literatur. 
§. 509. Island (norwegische Colonie seit 875 und Frei- 
staat bis 4S161 ) ist die eigentliche Pflanzstätte für skandina- 
vische Sprache und Literatur*. Runenschrift bis 4057, als 
Bischof Isleif von Skalholt die lateinische Schrift einführte. 
Erhaltung des Volksthiimlichen auch nach der ünterwerfting 
unter Norwegen (1^64) bis auf die Gegenwart. 

1 P. £. Müller, Sagabibliothek, 4846 — 48. Köppen's titerarische 
Sinl^toog in die nordisdie Mythologie. Ettmullsb's Bericht aber die 
altULordische Literatur in seiner deutschen Literaturgeschichte, S. 46 — M9- 
Boas* Nordlichter geben eine Skizze der neuem und neuesten skandinavi- 
schen Literatur. Dietbich, Altnordisches Lesebuch mit einer ska&diiia- 
Tischen Literaturgeschichte und Grammatik, 4843. 

§. 540. Die altnordische Dichtung ist vorwiegend episch 
und nimmt ihren Stoff aus der Mythologie und dem Helden« 
thum. Der Hauptversarten sind zwei. Die ältere ist der 
Fomyrdhalag (Fornyrdhi ist Altrede, Lag ist Gesetz) und 
Liodaba^tr. Die jüngere, von den Skalden erfundene ist 



I 



\ 



313 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

Drottquadi oder Drottmal (AÜiteration). Doch zahlt man 
der Versarten, deren sich die Skalden (d. i. Sänger) be- 
dienten, 136. Den Endreim föhrte der Skalde Einar Sku- 
lason 1150 ein. 

Ra8K, Die Verslehre der Isländer; deutsch Ton MohnUce, 4830. 

§. 511. Zwei Hauptgattungen der Poesie: Yolkspoesie 
(priesterliche Gesänge und Heldensagen) und Kunstdichtung 
(Skaldenlieder). 

Die Lieder der Gotter- und Heldensage bis zum 9. Jahrh. 
enthält ein Sammelwerk, die ältere ,Edda^ (Aeltermutter, 
ratio, scientia, sapientia) des Saemund SigiEusson Frode 
(t 1133)1. 

Die mythologischen Gesänge dieser Edda behandeln 
entweder die ganze Asenlehre, wie die ,Voluspa', d. h. Weis- 
sagung der Wala oder Seherin ^, oder einzelne Gottermythen, 
wie das tragische Geschick Baldur^s, die Thateu Thor^s. 

Die Heldenlieder dieser Edda beschäftigen sich theils 
mit der Helgisage , theils mit dem Sagenkreis der Nibelungen 
von Sigurd oder Siegfried^, theils mit dem kunstreichen 
Schmied Volund (Wieland) *. 

Die jüngere ,Edda' des Snorri Sturluson (erschlagen 
1241), verfasst zur Unterweisung angehender Skalden, zer- 
fallt in drei Hauptabschnitte, deren erster zwei Sammlungen 
von Mythen, der zweite eine Skaldenpoetik, der dritte Kegeln 
der Schreib- und Redekunst enthält*. 

Die kunstmässige Skaldenpoesie begann mit dem 
9. Jahrb., hatte im 10. Jahrh. ihre Blüte, verfiel mit dem 
Ende des -11. Jahrb., mit Einführung des Christenthums, 
und erstarb im 13. Jahrh. Der älteste Skalde soll Bragi 
der Alte gewesen sein *. 

Christlich-geistliche Poesie von Eystein Asgrimsson 
in der Mitte des 14, Jahrh. 

Vom 14. — 16. Jahrh. ergeht sich die skandinavische 
Poesie in Volksliedern, deren älteste die sogenannten 
Kämpeviser (Kämpferweisen) sind ^ 

1 Ausgabe mit Commentar und lateinischer Uebersetzang 4787 — 4828- 
Gebrüder Gbimm, Lieder der altem Edda, 4845. Uebersetzang und Anmerk. 
von StvpXoh 48^9. Simbock, Die ältere und jüngere Edda nebst den 
mythischen Ersählangen der Skalda abersetzt and erläafert, 4854- — 
> Von Ettm6llbr 4830. — ^ Dea^h von v. d. Hagen 4844 and EUfmUer 
4837. — * SiMBooK, Heldenbach, IV, 4 — 204. — * Von Rons 4842, Eask 
4848. — ^ Ueber ihre Leistangen Ettm6lleb's Handbach der deutschen 
Literatargeschichte, S. 84— -92. — "^ Ueber diese Poesie Abbahamsoh, 



Zioeiunddreissigstes CapiteL Skandinavien, 313 

Ntbevp und Bahbsgk 4842, Gbijbb und Afzblius 4844 — 46, Abtidsom 
4834* W. Grimm, Altdanische Heldenlieder etc., 4844. Mohhikb, Volks- 
lieder der Schweden, 4830, und Altschwedische Balladen etc., 4836. Talvj 
(Frau Robinson, geb. von Jakob), Charakteristik der germanischen Volks- 
lieder, 4840, S. 454— 340^ 

§. 512. Die Prosa beginnt in Island zu Anfang des 
12. Jahrli. und beschäftigt sich mit der Geschichte Skandi- 
naviens, Islands, der Faroer- und Orkney inseln und Grön- 
lands. Snorri Sturluson schrieb eine Geschichte der Könige 
von. Norwegen, bis 4176 reichend, die nach den Anfangs- 
worten gewohnlich ,Heimskringla^ (Weltkreis) genannt wird K 
Die Sagas: von den Weisungen*, von Konig Lodbrok 
und sdnen Söhnen, die ,Frithiofssaga^ K Lateinische Prosa 
des dänischen Priesters Saxo Grammaticus (f 1204) in seiner 
,I£storiae Danicae lib. XVP*. 

^ Das Original in der Historia regam Norvegicoram etc. , 4777 — 4820- 
Uebersetznng mit Anmerk. von Wächter 4835 fg. — * Deutsch von 
V, d, Hagen in seinen Nordischen Heldenromanen, 4825. — ^ Bearbeitet 
von TBGKjiB. — 4 Ueber die isländische Historiographie Dahlmann nnd 
P. £. MOllbr. 

ä. Dänische Literatur. 

§. 513. Die jetzige dänische Sprache hat sich durch 
Yerschwisterung mit den germanischen und besonders der 
angelsächsischen Mundart selbständig ausgebildet und ist 
gegenwärtig die cultivirte Schrift- und Staatssprache der 
gesammten Bewohner der beiden Beiche Dänemark und 
Norwegen, während sich die schwedische Sprache etwas 
abweichend entwickelte, jedoch so, dass die Bewohner 
Skandinaviens ohne bedeutende Schwierigkeit sich gegen- 
seitig verstehen und verständigen können. Dänische Literar- 
historiker sind Nyerup und Rahbeck K Bibelübersetzungen 
4550 und 1647. Die erste dänische Sprachlehre von Erich 
Pontoppidan 1668, von Bloch 1818. Wörterbuch von 
Molbech 1833. 

1 F6k8t, Briefe über die dänische Literatur, 4846. Einzelnes bei 
Stbfvbns (Was ich erlebte) and Öhlensghlaobr (Meine Lebenserinne- 
rangen). Gf. v. Ghbmbn ist Schöpfer der dänischen Presse, 4546. 

§. 514. Grossere dichterische Thätigkeit regte sich erst 
im 17. Jahrh. Begründer der Nationalliteratur wurde der 
als Lustspieldichter und Satiriker gleich ausgezeichnete 
Holberg, 1684 — 1754 ^ Ewald (1743—81) ist Meister in 
der Lyrik und im Drama. Heiberg (1758) und Thaarup 
(1749 — 1821) sind Dramatiker. Baggesen (1764 — 1826) 
bildete die Prosa und schrieb LieTler, Episteln und komi- 




l 



314 Zvo^Ues Buch, Ethnodoktologie. 

sehe Erzählungen. Oehlenschläger (4779 — 4849), wie Bag- 
(sen auch deutscher Dichter, war Haupt der romantischen 
ichule in Dänemark und sehr verdient um Geschmacksbil- 
dung, trefflicher Lyriker und Dramatiker *. Ingemann, 4789. 
Gmndtvig, 4 78a. Hauch, 4794. Andersen, 4805. Blicher. Boye. 

i Werke von Rahbeck, 4804—44, in 94 Bdn. — « Charakteristik 
von WoLrsoHN im Deutschen Moseum, 4854» Heft 4. 

§.545. In der Wissenschaft ausgezeichnet, als Medi- 
ciner und Physiologen: Bartholin, Borrich, Callisen; als 
Astronomen: Tycho de Brahe und Longomontan; als Mathe- 
matiker und Physiker: Olaf Römer; als Alterthumsforscher: 
Zoega, 4755 — 4809. Oersted's Theorie vom elektro* chemi- 
schen Magnetismus. Historische Quellensammler: Thorke- 
lin, Thorlacius, Werlauff, Müller, Magnussen, Bask, Rafii« 
Theologen: Grundtvig, Mynster, Munter, Hertz, Lindberg. 
Rechtsgelehrte: Oer«ted, Ussing. Naturforscher: Home- 
mann, Oersted, Schouw. Astronom Schumacher. Hiilo- 
sophen: Treschow, Sibbem, Heilberg. Philologen: Rask, 
Magnussen, Petersen, Madvig, Brondsted. Historiker: Baden. 
Geograph: Schouw. 

3. Schwedische Literatur. 

§. 516. Die schwedis^jhe Sprache zeichnet sich durch 
Kraft und Wohlklang vor der dänischen aus, von der sie 
sonst meist nur durch die Aussprache verschieden ist K 
Die schwedische Schriftsprache beginnt mit der durcb An- 
drea ujid die Bruder Petri besorgten Bibelübersetzung 4526 
und 4541. Hohes Literesse der Regenten aus dem Hause 
Wasa und Oxenstiema's für Schwedens Cultur. Der ältere 
Olaf Rudbeck (f 4 704) ist Vater der schwedischen Dichtkunst. 

1 Für schwedisehe Literatorgeschicbte Hammarsköld (in der 2. Aufl. 
von Sokden), StiebnheliA 4849, Marianne y. Ehbgnström 4896, WtBSSL- 
OREN, Lenström, Atterbom 4843, Sturzenbecher 4850« CLAiKifl uhes. 
dramfktische PoeMe Schwedens in seinem Buch: Schweden sonst und jetzt, 
I, %52 — 344- Palmbla9's Biographisches Lexikon denkwürdige sehwe- 
discher Manner. Bömbb's. Geschichte der schwedischen Poesie, 48^3* 

§. 517. Als eigentKcher Reformator der sehonen liite- 
ratur Sdiwedens ist Dalin (1708 — 63) zu betrachten, zu- 
gleich Historiker, wie Lagerbrmg, 1707 — 87. Lyriker und 
Satiriker Kellgren, 1751—95, Lyriker BeUman, 1745—95. 
Grösser in der Poesie Tegner, 4782 — 1846 i, in der Ge- 
schichte Hallenberg und Geijer. Der berühmte Botaniker 
Linni (1707—78) und der Chemiker Berzelius (1779— 1848) 



Zw eiunddr Bissigstes Capitel, Skandinavien. 315 

sind Lekrer Europas. Mathematiker Celsius, f 1744. Geologen 
und Botoniker : Wahleuberg, Fries, Agardh. Zoologe Nilsson. 
Physiker Budberg. 

Der Aurorabund zu Upsala 1809 im Kampfe gegen die 
alte Schule. Der G-othenbund. Atterbom. Afaelius. Franz^n. 
Beakow. FaUcrantz. Sjöberg. Nicander. Stagnelius. Crusen- 
stolpe. Frederike Bremer. Flygare- Carlen. 

1 Seine Dichtungen deutsch Ton Mohnike. Ueber ihn Lösch im Album 
des literarischen Vereins in Nürnberg, 4850, S. 24 — 76. 



Dritter Kreis. 

Slairlsche Literataren. 

§. 518. Auch ihrer sind, wie der romanischen und ger- 
manischen, vorzugsweise vier, die böhmische, serbische, 
polnische uud russische, obgleich zu den slawischen Stäm- 
men noch gehören: die Mähren, Kassuben, Donischen und 
sibiriachenKosacken, ßussinen oder ßuthenen, Sorben, Wen- 
den , Slawonen, Slowenzen, Slowaken, Kroaten, Dalmaten, 
Bosmaken, Montenegriner, Bulgaren, die zwar alle eine Volks-* 
poesie, aber keine Literatur besitzen. Ihr Name stammt von 
slowo, das Wort, oder dawa, der Ruhm; ihr Ländergebiet 
reicht von der Elbe und dem Böhmerwalde bis zur Wolga 
und zoia Ural, vom Baltischen uud Eismeer bis zum Mittel-, 
Schwarzen und Kaspischen Meere. 

DpBAowSKi, Institutiones linguae l^iav., 4822 {% A. 4852)* Sohafarik, 
Ueber die Abkunft der Slawen, 4828, Slawische Alterthümer (deutsch 
von Wuttke)y 4842, und Geschichte der slawischen Sprache und Literatur, 
4826. Taltj, Hist. view of the slavic. languages (deutsch von Olherg), 4834; 
neue Ausg. 4850 (deutsch von Brühl, 4852). Mickibwicz, Vorlesungen 
über slawische Literatur und Zustände (deutsch von Siegfried), 4843 — 45. 
Fb. Ladislaw Czblaskowsky, 4797 — 4852, Professor der slawischen Spra- 
chen in Breslau, dann in Prag: mehre böhmische und slawische Lehrbücher; 
Vergleichende Grammatik der slawischen Sprachen ; Slawische Sprichwörter 
und Volkslieder, 4822 — 27. Wbnzio, Slawische Volkslieder, 4830« Kappbr, 
Slawische Melodien, 4844 (*oben §. 343). Miklosigh, Vergleichende Gram- 
matik der slawischen Sprachen, Bd. 4: Lautlehre, 4852. Bahn, Blüten 
slawischer Poesie in Uebersetzungen , seit 4855. 

§. 51,9. Die Verderbniss der Kirchensprache durch die 
Volksdialekte begann mit dem 13. Jahrh. Die Ostslawen 
haben Jahrhunderte lang keine Stammesliteratur ^ während 
die dem römischen Bitus. ergebenen Westslawen schon im 
13. und 14. Jahrb. (Czechen) und im 16. Jahrh. (Polen) 
glanzende Literaturen aufzuweisen haben. Die Südslawen 
wurden durch kirchliclien Zwist getrennt; es entwickelte 



316 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

sich eine separate serbische Sprache und Literatur. Da- 
gegen war für die katholischen Südwestslawen durch ein 
Jahrhundert hin (1350 — 1450) Ragusa der Centralpunkt 
aller literarischen Leistungen und das wahre slawische Athen. 
Hier zählte der Dominicaner P. Serafino Cerva (f i 759) in seinen 
hinterlassenen Biographien berühmter Ragusaner 437 Namen 
auf. Darauf folgte Austilgung aller Spuren der Civilisation 
durch drei Jahrhunderte bis gegen Ende des 1 8. Jahrh. Doch 
jetzt ist Dalmatien reich an Gelehrten, Dichtem und Schrift- 
steilem. Magazin der Literatur des Auslandes, 1855, Nr. 84. 

L. Gaj 4835. Engel, Geschichte Ton Ragusa, 4807. 



I 



Dreiunddreissigstes Capitel. 

Böhmen. 

§. 520. Die böhmische (czechische) Sprache wird auch 
in Mähren und mit unbedeutender Abweichung unter den 
Slowaken in Ungarn gesprochen. Sie wird jetzt mit latei- 
nischen, früher gewohnlich mit deutschen Buchstaben ge- 
schrieben, deren Anzahl, wenn man die accentuirten Vocale 
und punktirten. Laute besonders auffuhrt, auf 42 heraus- 
kommt. Mit den classischen Sprachen hat sie das Vorwalten 
des Zeitmasses gegen das Tonmass gemein. Dagegen fehlt 
ihr eine eigene Form für das passive Zeitwort. Sie hat, 
wie die griechische Sprache, auch den Dual und, wie die 
polnische, auch den Localis und Instrumentalis oder Sociativ 
unter den Casus. Complicirte Grammatik. Orthographie von 
J. Huss zu Anfang des 15. Jahrb. 

Grammatiken von Nboedly, Hanka, Jos. Dobbowski. Bubiah, Aus- 
führliches Lehrbuch der böhm. Sprache für Deutsche, 4840* Konbgsht*8 
Anleitung zur Erlernung der czechisch- slawischen Sprache, 4842. Wörter- 
bücher von Tbanta- Schuko wsKi 4843» Hanka, Jungmanit 4834— 39i 
Celaskowsky. Hnewkowskt, Ueber die böhmische Prosodie. Zu Nach- 
ahmungen antiker Yersmasse eignet sich unter den europaischen Sprachen 
die böhmische am besten nächst der ungarischen. Sohafabik, AofEuigs- 
gründe der böhmischen Dichtkunst, 4848. Wenzio, Blicke über das böh- 
mische Volk, seine Geschichte und Literatur mit einer reichen Auswahl 
▼on Literaturproben, 4855. 

§. 521. Die böhmische ist die älteste slawische Literatur 
und reicht bis ins 13. Jahrh. hinauf. In ihrer Reinheit er- 
hielt sie sich bis zu den Einwanderungen Deutscher nach 
Böhmen im 13. Jahrh., wo sich viele lateinische und deutsche 
Worter einschlichen. Fünf Perioden der Literatur. 



Dreiunddreissigstes Capitel. Böhmen, * 317 

D0BEOW8KI, Geschichte der hohmischen Sprache und altem Literatur, 
4792.li* 4848. Derselbe, Slowanka 4844^. Junomann, Geschichte der 
böhmischen Literatur, 4825* Ders., Böhmische Chrestomathie, 4830. 
Graf Thün, lieber den gegenwärtigen Zustand der böhmischen Literatur 
und ihre Bedeutung, 4842. Woobl, Böhmische Alterthumskunde , 4845. 
SoHAVASiK und Palagky, Die ältesten Denkmäler der böhmischen Sprache, 
4840. Biographien böhmischer Gelehrten von Pelzel. 

§. 523. Für das älteste Denkmal slawischer Yolkspoesie 
und, mit Ausnahme der liturgischen Biicher, auch fiir das 
älteste Schriftdenkmal der Slawen gilt das Bruchstück eines 
czechischen Gedichts, das unter dem Namen ,Libussa's 
Gericht'* bekannt ist, aus dem 9. oder 4 4. Jahrh. Die 
böhmische Poesie der frühern Zteit lernen wir durch die 
Eoniginhofer Handschrift kennen, eine Sammlung lyrischer 
und epischer Gedichte, die wahrscheinlich zwischen 4290 
und 4340 gemacht wurde, deren Inhalt aber wol noch älter 
ist. Hanka entdeckte sie 4847 in dem Kirchthurme der 
böhmischen Stadt Eoniginhof und gab sie 4849 im Original 
heraus: ,Rukopis kralodworsky' ^^ worin sich unter andern 
ein Gedicht ^det, das den Kampf der Czechen gegen 
Ludwig (den Deutschen?) schildert. Eine Chronik in 
Versen von Dalimil, 4344. Schtitny, ,Lehrbuch für seine 
Binders 4376. Smil von Pardubitz (4384): ,Der Rath 
der ThiereS eine Dichtung, in welcher nebst dem Löwen 
44 Thiere redend auftreten (deutsch von Jos. Wenzig 4855, 
der überhaupt thätig ist für Uebertragung böhmischer Poe- 
sien). Duba, 440S. Flaschka, 4403. Uebersetzungen. 

1 Deutsch von Hanka. — * Deutsch von Stuoboda 4829. Ida von 
DOsiNGSFBLD, Böhmlsche Rosen (czechische Volkslieder), 4854. 

§. 523. Die Zeit zwischen 4409 — 4526. Einfluss Huss', 
Hynek Podiebradjs (Sohnes von Eönig Georg Podiebrad) 
und der prager Universität. Ziska. Reiseberichte von 
Postupic 4464, Roszmital 4465, Eabatnik 4 494, Lobkowicz 
4493. Politische Schriften von Ctibor v. Cimbury und 
Tobitschau (f 4494) und Corn. v. Wschehrd (f 4520)». 
Verlegung der Residenz aus Böhmen 4 490. 

1 In der neubohmischen Bibel 4842* Palacky, Scriptores remm 
Bobemicamm ,' 4829, und Geschichte von Böhmen, Würdigung der alt- 
böhmischen Geschichtsschrift, 4830* 

§• 524. Goldene Zeit der böhmischen Literatur, 
4526—4620. Gunst Eaiser Rudolfs DL. (4576— 4642). Blü- 
hendes Schulwesen. Prager Sternwarte (Tycho de Brahe, 
Kepler). Dichter: Streyc und Lomnicki v. Budecz; der 
polnische Dichter Kochanowski. Beredtsamkeit. Briefstil: 




I 



318 Zweites Buch. Ethnodoktotogie, 

K. Y. Zerotin, 1594 — 4614» Historiker: Bartosch, 1544, Sixt 
V. Ottersdorf, f 1583, Blahoslaw, f 1571 , Ad. v. Weleslawin, 
f 1599, Brzezan (Anfang des 17. Jahrb.), Dacicky, 1510 — 
16S9, Hagek, f 1553. Die acht gelehrten Uebersetzer der 
Blralicer Bibel bei J. v. Zerotin, 1579 — 93* Hodiskow, 
f 1546. J. Augusta, f 1572. Baworowski, 1560. Koldin, 
f 1 589, Beneschowski, 1 587. Grinterrod, f 1 609. Budowec 
V. Budowa, t 1621. Zamrski, f 1592. Zalanski, 1620. 

§. 525. Mit dem Dreissigj ährigen Kriege tiefes Herab- 
sinken in Barbarei, moralische Vernichtung der Nationalität. 
Verbrennung der zwischen 1414 — 1635 verfassten Bücher. 
Slawata (f 1652): Geschichte seiner Zeit. P. Skala v. Zhor: 
Kirchengeschichte. Commenius (1592-^1671), letzter Bi- 
schof der böhmischen Brüderunität, letzter glänzender Stern 
der böhmischen Literatur, die zu den protestantischen Slo- 
waken Ungarns übersiedelt. Rosa^s Versuche in böhmischen 
Hexametern. Die kaiserlichen Decrete vom 6. Dec. 1774 
und 1784 unterdrücken die böhmische Sprache und Literatur 
gänzlich. 

§. 526. Böhmens Regeneratoren: Pelzel, 1775, Kinski, 
1774, Prochazka, 1777—1804, Kramerius, seit 1783 (f 1808), 
Parizek, f 1 823, Dobrowski (1 754—1 829) der grösste Sprach- 
forscher der Slawen. Lehrstuhl für böhmische Sprache auf 
der wiener Universität 1776. Seit 1818 wird die böhmische 
Sprache auch in den böhmischen Gymnasien erlernt und die 
in Böhmen anzustellenden Civilbeamten müssen der böhmi- 
schen Sprache mächtig sein. Wissenschaftliche Pflege der 
böhmischen Sprache und Literatur in dem 1822^ zu Prag 
durch den Oberstburggrafen Kolowrat gegründeten böhmi- 
schen Kationalmuseum , mit vermehrten Fonds seit 1831. 

Dichter: Celaskowsky, 1799, KoUar (Sonette), 1793, 
Hanka, 1791, Stepnicka, 1785—1832, Kamaryt, 1797, Puch- 
mayer, seit 1795 (f 1820), der als Vater der neuem böh- 
mischen Dichtkunst gilt, Agnell Schneider, 1766 — 1835 
(Balladen), Rautenberg, f 1818, Jungmann (geb. 1773), seit 
1808, Ziegler, 1783, Palacky, 1798, Klicpera, 1792, Langer^ 
1806, Machaczek, 1799 (die ,Freier'), Stiepan^k (1783), 
Schöpfer der neuen böhmischen Bühne, Tylc, 1808 (Novel- 
len), Zahradnik, 1790 — 1836 (Fabeln), Schafarik, 1795.. 

Philosophie und Mathematik: Marek, 1785, Palacky, 
Schafarik. Naturwissenschaften: Presl. Geschichte, Astro- 



Vierunddreisaigstes CapUel. Serbien, 319 

nomie, Physik: Smetana, 1842. Geographie und Physik: 
Schadek, Sedlacek. Keisebeschreibungen: Tomicek, Pichl, 
Stur. Gesdiichte: Hybl, Pelzel, Palacky. Uebersetzungen: 
Jungmann, Negedly, Schafarik, Hanka, Chmela, Krame- 
riuß, f 4808, Marek, Wlcek (Homer's ,Ilias'). Zeitschriften 
(1843, in Prag 12> 

Wbhsio, Blüten der nenbohmischen Poesie, 4833. Schbrr in «einem 
Bildersaal der Weltliteratur (S. 4423— -30) hat Proben aus Woübl's Laby- 
rinth des Ruhms und aus Jablonski's Salomo nach Wenzig's handschrift- 
licher Uebersetzung mitgetheilt. 



Vie rund drei ssigstes Capitel. 

Serbien. 

§. 527. Die serbische Sprache bildet mit der kroatischen 
und windischen eine Hauptmundart des slawischen Sprachen- 
kreises, die illyrische, und ist mit der russischen näher 
verwandt als öiit den andern slawischen Sprachen. Einfluss 
des Italienischen, Griechischen und Türkischen auf dieses 
Sprachidiom. Wuk Stephanowitsch Karadschitsch (geb. \ 787) 
nimmt drei Unterarten der serbischen Sprache an: das Herze- 
gowische in Bosnien und der Herzegowina, das Kazawische 
und das Syrmische in Syrmien und Slawonien. Die Serben 
haben d^ Cyriirsche Alphabet, die Kroaten und Winden 
das lateinische. 

Grammatiken Ton Wujanowski 4773, Stephanowitsch 4844 (deutsch 
von Jak, Grimm 4824), von Dems. Wörterbuch, 4848- Lexioon Serbico- 
Gennanicum, 4852* Sghafarik, Serbische Lesekörner, oder historisch- 
kritische Beleuchtung der serbischen Mundart, 4833. 

§. 528. Die Serben, seit 650 in den Ländern zwischen 
niyrien und dem Schwarzen Meere ausgebreitet, 1389 von 
den Türken unterjocht, haben in ihrer reinen, milden und 
volltonenden Sprache viele lyrische Lieder und epische 
Heldenballaden, von welchen di^ ältesten dem 13. Jahrh. 
angehören *. Aelteste serbische Schriftsteller sind König 
Stephan, f 1228, und sein Bruder Erzbischof Sava, f 1237. 
Die Geschlechtsregister des Erzbischofs Daniel (Rodoslaw), 
1272 — 1336, das menschenfreundliche Gesetzbuch des Für- 
sten Duschan d. Gr. (1336—56) von 1359. G. Brankowitsch 
(1645 — 1711): ,Geschichte Serbiens vom Ursprünge des 
Volks bis auf Kaiser Leopold L' (1657—1705). 

1 KKJieA, Serbische Volkslieder, 4823* Sübbotig, Einige Grundzüge 
aus der serbischen Literatur, 4850* Wuk Stbphano witsch Kabadschitsoh, 



1 



320 Zweites Buch, Ethnodoktologie. 



Sammlung serbischer Lieder (Narodne srpske pjesme), 4823 fg. Der^*^ 
Volksmärchen der Serben, 4855. Milutinowitsoh, Volkslieder der montef^^' 
griner nnd herzegowiner Serben, 4837. Talvj, Volkslieder der Serb^^ 
(2. A.) 4835; neue Aufl. 4853. Gerhard, Wila, Serbische VolksUed^^ 
4828. Bankb, Geschichte der serbischen Revolution, darin eine Charakl^^^ 
ristik der serbischen Volkspoesie, S. 34 — 44. Kappbr, Die Gesänge d^^ 
Serben, 4852. €k>BTHB*s treffliche Charakteristik der serbischen Lied^-^ 
Werke, XLVI, 306—323. 

§• 529. Eine neue Periode der serbischen Literatur be? " 
ginnt mit dem Streben, das Kirchenslawische und die ser- 
bische Volkssprache zu scheiden. Baitsch, 1726 — 180 
(, Geschichte der Slawen', 1792—95). Obradowitsch (179 
— 1811) erhob die serbische Volkssprache zur Schrift— 
spräche und war Erzieher der Kinder G. Czemy's. Tham^ 
folgten Dawidowitsch in seiner ,Geschichte Serbiens*, 1814- 
— 22 , Stephane witsch. Dichter und Literator Milutinowitsoh 
(geb. 1791): ,Serbianka', 1826. Erzbischof Muschicki von 
Karlowitz. 

Pesth nnd Neusatz sind Hanptsitze der ungarisch -serbischen Literatur, 
Belgrad Sitz des politischen nnd geistigen Lebens der Serben. 

§. 530. Die junge illyrische Literatur begann im 
19. Jahrh. Dramatiker Demeter und Saktschinski (,Jurom 
und Sophia^), Lyriker Wukatino witsch, 1838, Bomandichter 
Casotti (,Mlanko und Dobilla^). Vraz und Eörytko sind 
Sammler von Volksliedern. Catallinich, ,Geschichte von 
Dalmatien^ Swear, , Allgemeine Geschichte von Dlyrien'. 
Ljudewit Gaj, ,Dlyrische Nationalzeitung^ 

Grammatiken von Babukio 4839, auch Ilirska slovnica, 4854, nnd 
Bbblio 4854. 

§. 531. Ob die albanische Sprache eine indogerma- 
nische sei, beantwortet G. Stier mit Ja in der ,Monats- 
schrifb^ von Harms u. s. w., 1854, Novemberheft. Dasselbe 
behauptet Fr. Bopp auf Grund des Materials, welches v. Hahn 
in seinen ,Albanesischen Studien^ veröffentlichte. 



Fünfunddreissigstes Capitel. 

Polen. 

§. 53^. Die polnische Sprache hat den Instrumentalis 
und Localis mit der böhmischen gemein, und über die 
Wahl der Formen entscheidet hier, wie im Bussischen, die 
Dauer der Handlung. Ausserdem sind ihr eigenthümlich 
das gestridiene 1, das accentuirte n, der Gebrauch von y 
und i, das c in gewissen Stellungen und das gehakte e und o. 



Fünfunddreissigsies CapileL Polen. 321 

Wortaccent. Vermischung mit deutschen Wörtern schon 
seit dem H. Jahrh., Büchersprache seit dem 46. Jahrh., 
Zutritt franz5sischer Worter im 18. Jahrh. Dialekte sind: 
der grosspohiische in Posen, der masurische in Masovien, 
der kleinpolnische und wohlklingendste in Galizien, der 
lithauische (von Mickiewicz auch als Schriftsprache benutzt), 
der durch Germanismen entstellte preussische und schlesische. 

Kaülfuss, Ueber den Geist der polnischen Sprache, 4804. Ks6li- 
KowsKi, Prozodya poiska, 4824. Sprachlehren: von Eopczynski, f 4847, 
Mbonooyius, Vater, 3andtkb, -Mbozinski, Popliitski, Linde, Mucz- 
K0W8KI 4845. SzRBNiAWA, V^Tortstellungslehre der polnischen Sprache 
(deatsch 4842). V^Törterbücher: -von Cnap, Trotz (polnisch-französisch- 
deatsch), Schwarz, Kondratowitsgh (polnisch-rassisch), Linde, Bandtkb, 
Mbonooviijb (neueste Aufl. von Wtsomiebski), Trojanski 4835 — 46» 
LiRBKiHD (deutsch -polnisch) 4855. 

§• 533« Der Grundcharakter der polnischen Literatur 
wird als ein religiös christkatholischer und demokratischer 
bezeichnet. Die polnisch -lithauische Volkslyrik hält man 
für die zarteste der slawischen Stamme. Sechs Perioden 
der Literatur. 

Bbntkowski, Historya literatury polski^j, 4844. Ossolinski, Wia- 
domöscH historyczno-krit. do dziej6w literatury polskiej, 4849 — 24 . MSnnich, 
G^eschiohte der polnischen Literatur, 4823. Iusztnski, Dykczonarz poet6w 
poiakidi. : Ghodznioki, Dykczonarz uczonych polaköw, 4833. Wisznibwski 
(Professor in Krakau) , Historya literatury polskiej , 4840 — 46, ebenso 4 855, 
auch SiBMiNSKi und Ltszkowski. Die Gazeta Warszawska bringt jahrlich 
Nachrichten über die polnische Literatur. 

§. 534. Die Anfange der Literatur in Sprichwortern, 
Volksliedern und Volkssagen reichen bis in die vorchrist- 
liche Zeit hinau£ Sammlungen derselben erst seit 1 833 von 
Wadaw, Poll, Wojcieki. Der Krakowiak. Die religiöse 
Eriegshymne (,Boga rodzica') von dem heiligen Woitjech 
(Adalbert) gehört wol erst dem 14. oder 15. Jahrh. an. 

§. 535. Seit dem 10. Jahrh. Christenthum und latei- 
nische Gultur, daher bis zum 16. Jahrh. nur lateinisch 
geschriebene Chroniken: Mt. Gallus (Kurek, 1140 — 35), 
Kadlubek, Boguphal, f 1253, Strz^bski oder Polonus, f 1279 
(,Chronicon summorum pontificum et Imperator. Rom.^), 
Jan Dlugosz (genannt Longinus), 1415 — 80 (,Hist. Polon.', 
lib. XTTT), in Mizlew's Sammlung, 1761. Kasimir's III. 
Gesetzbuch von Wislica, 1347, und Universität zu Krakau. 
Jan Laski^s Sammlung von Geiäetzen. Studium der Mathe- 
matik: J. Glogoviensis, f 1507, Brudzewski (Lehrer des 
Kopemicus), f 1497. Psalterium der Königin Margarethe 
(von Borkowski 1834). 

Mbrleker. 21 




322 Zweites Buch. Ethnodokiologie. 

§. 536. Das 46. Jahrhundert, die glorreiche Zeit de^ 
beiden ersten Sigismunde aus Jagello^s Stamm, 4506 — 46^1^^ 
wird das goldene Zeitalter der polnischen Literatur ge^ — 
nannt Sigismund^s I. Begünstigong der Lehrer der krakaueK* 
Akademie 4535, Stephan Bdthori^s Akademie in Wilna 4580, 
Jan Zamojski^s Akademie in Zamosc 4594. Aufnahme der* 
Reformation. Lateinische Lyrik Sarbiewski^s (4595 — 4640), 
des polnischen Horaz, und des Szymonowicz (Simonides, 
t 4629), des pohlischen Pindar. N. Kej (4515—68) wird 
der Vater polnischer Dichtkunst. Die beiden Kochanowski 
(besonders Jan, 4530 — 84). Die Nachahmer und Neben- 
buhler : Jan Rybinski, 4 589, Skarzynski, f 4 584 , Miaskowski, 
4610, Grochowski, f 4643, Klonowicz (genannt Acemus), 
4554 — 4608. Kirchliche Gesänge und Bibelübersetzmigeu 
seit 4554 : Jan Leopolita, 4564, Jak. Wujek, 4540—97, Skarga, 
f 4642. Chroniken von Marcin (f 4576) und Jo. Bielski, 
Stryikowski (genannt Osostowiez), 4547 — 82, G6micki, 4535 
— 94, Paprocki, f 4644. Naturforscher Syrenius, 4590, Arzt 
Petrycy. 

§• 537» Jesuitenherrschaft und Verfall der Literatur 
zwischen 4624 — 4750. Wiedereinführung des Latein: Hosius 
in Braunsberg, 4566, Cromer, Erzbischof yon Ermeland, 
f 4589, und Orzechowski (, Annales Poloniae^). Zamojski^s 
Wackerheit* Kochowski, 4683, Twardowski, f 4660, Opa- 
linski, f 4685. Viele Uebersetzungen. Historiker: Piasecki 
(Pasek: Denkschriften aus den Zeiten Johann Kasimir^a, Mch. 
Korybut's und Johannas lU., herausgegeben 4 836). Wijuk Ko- 
jatowicz (f 4 677]^ ist einer der besten Historiker jener Periode. 

§. 538. Bis in das 49. Jahrh. hinein franzosischer 
Einfluss (4750 — 4806). Bei fortdauernder und nur mit 
dem Untergange des Staats (4795) endender innerer, leiden- 
schaftlich gehässiger Zwietracht erwachte unter Stanitlans 
August (4764) Liebe zur Literatur und Kunst Mehre kennt- 
nis«reiche Ghrosse (Zaluski, 4704 — 74, Rzewuski, 4705 — 79, 
Ad. Czartoryski, 47^3 — 48S3, die Potocki u. A.) liessen sich 
Pflege nnd Ermunterung derselben angelegen sein. VerYoll-r 
komnmung der Piaristenschulen durch Konarski (4700 — 73) 
ans Opposition gegen die Jesuiten, wobei ihn der erste pol- 
nische Grammatiker Kopczynski und die Historiker Pxramo- 
wicz und der polnische Tadtus Ad. Naruszewicz (1783—96) 
unterstützten. Eroffiiung der warschauer Bibliothek 4745 



FUHfum4dr9M8ig$te8 Capitel. Polen. 323 

mit 200,000 (darunter 20,000 polnischen) Werken, die 1795 
nach Petersbmrg abgefährt wurden. Der Held der pohii- 
schen Literatur jener Zelt ist Krasicki (4735 — 1804), Erz- 
biBchof Ton Warschau. Dichter: Chrosienski, f 4737, Ear- 
pmski, 4745—4825, Trembecki, f 184 2, Molski, 4751—4822, 
Gvraki, der classische Yolkssänger und Kamp%efahrte 
Koseiuszko^s, Julian Niemcewicz (geb. 4757 — 4844). 

§. 539. Polens Wiederherstellung und Knech- 
tung. Die Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften in 
Warschau, 4801 — 32, gestiftet durch Czacki, Dmöchowski 
und Albertrandy. Seit 1815 Kampf zwischen Bomanticismus 
und Classicismus. Die Bomantiker in Wilna unter der Fahne 
des Ad. Mickiewicz (1798 — 1855), des grössten slawischen 
Dichters^: Brodzinski, 1791 — 1835, Koznian, Ejrajewski, 
lomaszewski, Zablocki, Odyniec, Goszczynski, Korsaku. A. 
An der Spitze der Classiker stand Osinski, f 1838. lieber- 
setzong^i von Krasicki, Karpinski, Dmöchowski, f 1808, 
Przjbylski, Libicki, Korytynski u. A. Geschichtschreiber: 
Niemcewicz, 1819, Kwiatowski, 4823, Ign. Potocki, 4750 — 
4 840 9 Kolontay, 1752—1812, Dmöchowski, Stn. Potocki, 
4759 — 1824, Stascyk, f 1826, Ossolinski, <746 — 1826, 
Oginski, Maciejowski, Bandtke, Baczynski, Plater, Jo. 
Lelewel, 1786 — 4850, Mochnacki. Historische Bomane von 
BronikowskL Philolog und Literarhistoriker Grodeck. 

1 Seine Balladen , Romanzen und Sonette deotsdi "von K, v, Bkinkensee 
4S36. In dramatischer Form: Dziady, oder di^ Todtenfeler. Drei Epen: 
Kr. V. Wallenrod (deatsch von Kcmnegiesser) , Grasyna (deatsch von 
NMelak nnd Werner), Fan Tadeusz (deutsch von Spaaier 4S34). 

§• 540. Das auswärtige Polen in Lilhauen, Podolien, 
in der Ukraine (Zaleaki, Malczewski, Goszczynski 9 Padura, 
Grabowski, Gzajkowski), in Krakau (Wiszniewski, Tro- 
janski, Muczkowski), in Posen (Baczynski), in fVankreich 
(seit 4835 polnische Druckerei und Buchhandlung durch 
Alz. Jelowicki und Eust. Januszkiewicz), in England (lite- 
rarischer Verein der Freunde Polens in London). Saoun- 
lung ahnationaler Poesien durch Maciejowski, Woycicki, 
Bandtke, Kucharaki. 

In dem eigentlichen Polen Hemmung jeder Begung für 
Literatur und Wissenschaft, die Schulen seit 1833 in russi- 
seher Einrichtung, die Kenntniss der russischen Sprachs 
seit 4837 Bedingung zum Eintritt in den Staatsdi 
Femhaltung. d^ Schriften der Emigranten. 

21* 




324 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

üebersicht der Literaturzweige, 

§. 541. Poesie. 

1. Epos und epische Gedichte: Tomaszewski, Krasicki^ 
Woronicz, Mickiewicz, Malczewski. 

9. Poetische Erzählung: Slowacki, Malczewski, Fredro. 

3. Romane: Niemcewicz, Mar. Czartoryska, Skarbek, 
Gaschynski, Bernatowicz, Slowacki, Kraszewski, Massalski, 
Grabowski, Czajkowski, Bennato wski. — Novellen von Sie- 
mianski und Kraszewski (über ihn J. N. Fritz). — Sagen 
gesammelt von Grabowski und Woycicki. 

4. Lyriker: Rej, Kochanowski, Rybinski, Szarzynski, 
f 1581, Miaskowski, Grrochowski, f 1619, Szymonowicz 
(genannt Simonides), f 1629, geistliche Lieder von Arto- 
mius im 16. Jahrh. gesammelt. Trembecki (f 1812) ist 
Schopfer einer neuen poetischen Sprache. Karpinski, Gnrski, 
Niemcewicz, Mickiewicz, Kniaznin, W^gierski, Godebski, 
Starzynski, Morawski, Tymowski, Slowacki, Chodzko, 
Brodzinski, Odyniec, Korsak, Zaleski, Malczewski, Gosz- 
czynski, Padura (in rusniakischer Sprache der ukrainischc^n 
Kosaken), Grabowski, Pol und Kondratowicz (pseudonym 
Wladislaw Syrokomla). 

5. Romanzen und Balladen: Niemcewicz, Farys, Mickie- 
wicz. — Idyllen: Szymonowicz, Gurski, Brodzynski. 

6. Didaktik: Kra^icki, Niemcewicz, Morawski, Gorecki, 
Kochanowski, Klonowicz (Acernus), Tomaszewski, Trem- 
becki, Wezyk. 

7. Drama: Darstellungen aus der Leidensgeschichte Jesu 
iin 1 5. Jahrh. Wiszniewski's , Wunderbare Hochzeit'. Latei- 
nische Dramen, Fastnachtsspiele. Kochanowski. Seit 1661 
französische Dramen und italienische Opern. Konarski wird 
Vater des polnischen (nationalen) Dramas genannt. Ursula 
Radziwill wählte die Engländer als Muster. iBohomelec, 
Rzewuski, Czartoryski, Zablocki, Krasicki, Wybickij Bogus^ 
lawski, Osinski, Jasinski, Felinski, Wezyk, Mickiewicz, 
Slowacki, Krasinski, Fredro, Tomaszewski, Godebski u. A. 

§. 542. Prosa. 

1. Unter allen Fächern der Wissenschaften haben sich 
die Polen am meisten mit den historischen beschäftigt, 
und zwar vorzuglich mit der Geschichte ihres Volkes und 
der stammverwandten Völker. Die lateinischen Chronisten 



Sechsundäreissigstes CapUel. Ru9sland. 325 

(Gallus, Longinus, Boguphalus u. A.) sind abgedruckt in 
Mizlew^s ,Sammlung% 1764. In polnischer Sprache schrieben 
J. Bielski, Gomicki, Stryikowski, Naruscewicz, Niemcewicz, 
Wiszniewski, Grrabowski, Bandtke, Lelewel, Maciejowski, 
Zagota Pauli, Kucharski, Raczynski, Lukaszewicz, Lubie- 
niecki, W^gierski, Mochnacki, Grnorowski. Biographien 
von Zaluski, f 1774, Balinski, Jelowicki. Kolontaj, f 181^, 
kritische Untersuchungen über die Grundsätze der Geschichte 
des Menschengeschlechts. Literargeschichte von Starowolski, 
Kojalowicz, Wiszniewski, Muczkowski. 

2. Philologen: Wannowski, Groddek, Mecherzynski, 
Kopczynski, Trojanski, Poplinski, Muczkowski. 

3. Redner: Potocki, Skarga, Siaczynski, Blachowicz, 
Woronicz. 

4. In der Philosophie Unselbständigkeit: Szaniewski ist 
Kantianer, Gmlochowski Schellingianer, Cieszkowski und 
Trentowski sind Hegelianer. Jankowski^s Logik, 1822. 

. Sammelwerke, Conversationslexikon, Taschenbücher, Zeit- 
schriften u. s. w. 

§. 543. Waclaw, ,Galizische Volkslieder', 1833. Grün, 
,Volki6lieder aus Krain^ 1850. 



Sechsunddreissigstes Capital. 

Susslaii4. 

§. 544. Das russische Alphabet besteht aus 36 Zeichen. 
Darunter sind 13 Vocale, 2 Halbvocale (eigentlicli diakri- 
tische Zeichen) und 21 Consonanten. Alle Buchstaben werden 
in harte und weiche eingetheilt. Diphthonge werden aus allen 
Vocalen durch Ansetzung von i gebildet. Die Lehre vom 
Accent ist sehr schwierig. Die Consonanten werden stark 
und bestimmt, die Vocale scharf und kurz gesprochen. 
Reinster Dialekt um Moskau, abweichend der susdalsche 
im Gouvernement Wladimir und der olonezkische mit finni-i 
scher Beimischung. Einfachheit und Natürlichkeit dieser 
Sprache, obwol Zumischung mongolischer, polnischer, 
deutscher^ franzosischer und holländischer Sprachelemente. 
Mangel aller Hülfsverba. Etymologischer Reichthum. Ob- 
gleich sie erst seit Peter #. Gr. Schriftsprache wurde, er- 
reichte sie doch schon früh einen hohen Grad der Aus- 
bildung, daher auch der überraschende Formen- und Wort- 




326 Zweites Buch. Ethnodoktologie, 

reichthum und die hohe Bedeatnng, welche das Volkslied 
hier gewonnen hat. Drei Literaturperioden. 

Spraehielureii: älteste -von Ludolf 4696, Lohohossow 47Ö6, Boddb 
4773» Hagsh 4790, der petersbnrger Akademie 4804, Hbtic 4804, Vatbr 
4808 o. 4844, Tappb 4840 n. 4827, Püchmaybb 4820, Gbbtsoh 4823 n. 
4834, Oldbkop 4843. NiKOLiTtBCH, Rasfliscfae Syntax mit der dentschea 
▼erflehen, 4853. Wörterbücher: tod Woltsobkow 4765—78, H6ltbb- 
HOF 4778, das naeh dem Wörterbach der französ. Akademie gearbeitete 
4780 — 86, NoBDSTBDL 4780 — 84, Roddb 4784, der petersbnrger Aka- 
demie 4789 — 98, neue Avfl. ron Scbischkow 4806 — 22, daaaoli das 
mssisch-firanzösisch-deatsche 4799 — 4802, Oldbkop 4824, Beipv (msaiach- 
etymologisch) 4835. 

§. 545. Erst um die Mitte des 9. Jahrh. wurde durch 
Einfahrung des Cyrillischen Alphabets die Schrift bekannt, 
die äWich den griechischen üncialbuchstaben ist. Das 
Altslawische des Cyriirschen Sprachzweiges (oben 
§. 313) ist in biblischen Schriften erhalten: im ostromir- 
fichen* und rheimser* Evangelium, in der Inschrift von 
Tmutorokan vom Jahre 4068, in den ältesten Sbomiks ', 
in dem Mstislaw^schen Evangelium von 4125 (in Moskau), 
in der Dotationsurkunde des nowgoroder Juriklosters von 
4 430, in dem Evangelium der Synodalbibliothek in Moskau 
von 4 443, in mehren alten Inschriften und Tractaten^, in 
Volksliedern ^ und in drei vollständigen Bibelhandschriften •. 
Doch blieben alle diese Schriften dem Volke durchaus fremd. 
Nach Cyrill's Tode sind Kirchenscribenten : die Bischöfe 
Jan Clemens und Konstantin, der Geistliche Gregor und 
der Mönch Doksow oder Duksow zwischen 892 — 927. 
Vater der russischen Geschichte ist Nestor, 4056 — 4 444 ^ 
Befreiung von der Mongolenherrschaft durch Iwan L, 4477; 
durch Iwan 11. (4533 — 84) Schulen, erste Druckerei in 
Moskau 4564; durch Alexei Michailowitsch und seinen 
Minister Matwiejew 4644 Sammlung russischer Gesetze, 
Akademie zu Moskau. Makarius, f 4564. Zizania^s ^Sla- 
wische Grammatik*, 4596, 

' Dieses Evangelium ist Yon einem Diakon Grsooii f&r den nowgoroder 
Pofiadnik Oftromir 4056 auf Pergament geschrieben und in der petenbnrger 
Bibliothek aufbewahrt. •— ^ Das Erangelium zu Bbeims in Frankreich 
besteht aus zwei Theilen, einem glagolitischen (Kopitab, Glagolita- 
Clorianus etc., 4836; Dobrowski, Glagolitica, 4807 u. 4846) rem 4395 
and einem Cyriirschen, Tom heil. Pbokop (f 4053) mit ^an«r Hand 
geschrieben (Stltebtbb. Stro^ew. Jastrebski). ^- ' Sbomik ist eine 
Sammlung kirchlicher Schriften, in Moskau von 4073, in Petersburg von 
4076. -< < Der rigaer und nowgorodH Vertrag von 4829' Die Tractate 
der Fürsten Oleg und Igor mit den Griechen, 942 u. 945? Aus Jaros- 
law's Zeit (um 4020), der in Nowgorod eine Lehranstalt gründete, stammt 
die Prawda ruskaja (oder von 4280P), herausgegeben von 8oB*d«Ba 4767 



Sechsunddreissigsiei CapUeL Bußiland. 327 

und Rakowiboki 4820. — ^ Fürst Wladimir, der Stifter dei riuuiBeben 
Reichs, steht ahnlich dem fränkischen Karl und englischen Arthur. Er 
und seine Tafelrunde von RnMJANZow 4649. Igor's Zug gegen diePolow- 
aer (4300)t 4795 durch den Grafen Mussim-Pdsohkim entdeckt und 4800 
veröffentlicht, deiatscli Yon Sederhohn , HankaiS'ii, Wolf söhn, 0o2to4854, 
neu-russisch von A. Weltmann. Sammlungen in Ostolooow^s Wörterbuch 
der ftlten und neuen Dichtkunst, 4844* Auch die Märchen sind Sagen mit 
histor. Hinterg^runde. Sammlungen derselben in Petersburg 4 832 u. 4 833 durch 
den Pseudonymen Kosacken Wlad. Luqanski (Dahl). — ^ Die Genadini- 
sehe Ton 4499} eine zweite Yon 4588} eine dritte ohne Jabressahi. — 
7 Seine Chronik reicht von 862 — 4440; deutsch ron SchlÖzer 4 802. Simon 's 
des Heiligen (f 4226) Jahrbücher. Ctpbian's (f 4 406) Stufenbuch. Sophien- 
chronik Yon 862 — 4 534. Ealadjowitsch Panjatnicki , Denkmäler der russi- 
schen Literatur, 4824. Stoboh und Adelung, Systematische Uebersieht 
der Literatur in Russland, 4804 — 5. Grbtsch, Handbuch der russischen 
Literatur, 4824. Otto, Lehrbuch der russischen Literatur, 4837. K5nio, 
Literarische Bilder aus Russland, 4838 (Ton dem Russen Mblocnow ent- 
worfen). Jobdan, Geschichte der russischen Literatur nach russischen 
Quellen, 4846. Uebersieht der Entwickelung der russischen Literatur in 
den Blättern zur Kunde der Literatur des Auslandes, 4839, von Schewibbw, 
ebenso in der Deutschen Monatsschrift, 4854, Januar bis Mai, von Alx. 
Hbbsbn (?). Von dbb Bobo, Poetische Erzeugnisse der Russen, 4820 — 23. 
Von Götze, Stimmen des russischen Volks in Liedern, 4828. Wolfsohn 
(Maibn), Die schonwissenschaftl. Literatur der Russen, eine An^ologte etc., 
4 843 fg. TsoHDLKow, Russische Liedersammlung, 4788. IfAXiMO witsch, Klein- 
russische Volkslieder. Sachabow, Russische Volkslieder, 4 838. Bodbnstedt, 
Die poetische Ukraine, kleinrussische Volkslieder, 4845. Wjasemski, Das 
Leben Wisin's (Schilderung der Literatnrperiode unter Katharina II.). Efobnii, 
Lexikon der russischen Schriftsteller weltlichen Standes, herausgegeben und 
yervollständigt von Sujagirew. Polewoi , Skizzen über russische Literatur. 

§. 546. Nach den Reformbestrebungen des Patriarchen 
Nikon seit i 654 ^ erhob Peter d. Gr. die russische Sprache 
mit Anfang des 18. Jahrh. zur allgemeinen Geschäfts- und 
Schrifi»prache und Hess Uebersetzungen anfertigen. Die 
russische Druckschrift seit 1704. Eröfißaimg der Akademie 
der Wissenschaften zu Petersburg 1725; Gymnasium da- 
selbst, seit 1762 Universität genannt. Vollendung der Bibel- 
revision 1751. Arbeiten von Dobrowski, Kopitar, Wosto- 
kow und Schischkow. 

1 Daher die Sekte Raskolniki. 

§. 547. Die wahre Entwickelung russischer Cultur 
begann erst unter Elisabeth imd Katharina U. Jene stiftete 
1755 die Universität zu Moskau und 1758 die Akademie 
der Künste. Unter Katharina erhob sich 1783 die Aka- 
demie der Wissenschafben durch Mitglieder wie Pallas, 
Gmelin, Güldenstedt, ßumowski. Die Akademie der Künste 
wurde erweitert, 1772 das Bergwerksinstitut und 1783 die 
Akademie für Sprache und Geschichte gestiftet. Eindringen 
des Auslandes. Katharina^s Vorliebe für das Drama. Alexan- 




328 Zweites Buch. EthnodolUologie. 

der^d Enthusiasmus für die Aufklarung seines Volkes: 7 Uni- 
versitäten, 4 theologische Akademien, 36 Seminarien, Gou- 
vernements- und Kreisschulen, gelehrte Vereine. Die Mini- 
ster Rumjanzow und Tolstoi sind Gehülfen des Kaisers in 
Forderung der Aufklärung. Zwischen 1553 — 1823 sind 
13,249 Werke in slawischer und russischer Sprache in Russ- 
land gedruckt. Seit 1825 Selbständigkeit der russischen 
Literatur. Unterricht in der russischen Sprache auf Schulen 
und Universitäten auf Befehl des Kaisers Nikolaus, aber 
geringe Fortbildung der wissenschaftlichen Sprache. Arbeiten 
von Puschkin, Lermontow, Baratynski, f 1844, Benediktow, 
Ustrialow, Mersljakow, Gretsch, Schawirew, Maximowitsch, 
Fürst Wjasemski u. A. Alexander^s ü. Humanität und Sorge 
für geistige Hebung seines Volks. 

üebersicht der Literaturfacher. 

§. 548. Die neuere russische poetische Literatur 
beginnt mit dem Naturdichter und Kosacken Klimowski, 1 725. 
Der französirend Conventionellen Dichtkunst bahnte der aus 
der Moldau stammende Fürst Kantemir (1708 — 44) durch 
seine Satiren den Weg nach Russland. Seine Prosodie war 
gebildet nach Smotriski, 1619, und Trediakowskij, 1703 — 69. 
Spätere Metriker sind Bizski, 1811^ und Wostokow, 1812 
und 1817. Gnäditsch führte durch seine Uebersetzung des 
Homer den Hexameter ein. 

1. Epos: Cheraskow (,Ro8siade'), ßusslands Homer, 
Lomonossow, 1711 — 65, Derschawin, 1743 — 1816, Petrow, 
Poleschejew. Satirisches Epos (,Die gesäuberten Pelze') 
vom Fürsten Schachowskoi. Nationalepos von Puschkin, 
Baron Rosen, 1830, Sokolowski, 1832. 

2. Lyriker: Lomonossow, Cheraskow, Bobrow, Petrow 
(auf Katharina's Siege), Sumarakow, Derschawin, Kap- 
nist, f 1813, Dmitriew,. Glinka, Maledinski-Meletzld, Bat- 
juschkow (Gründer der neuen Kunstschule), Karamsin, 
Shukowskij, Koslow, Puschkin, Delwig, f 1831, Polescha- 
jew, Jasykow, Wjasemski, Baratynski, Podolinski, Bene- 
diktow, Climosejew, Jakubowitsch. Naturdicbter sind die 
Bauern Siepuschkin, Suchanow, Alipanow, Kolzow. Gedicht- 
sammlungen heissen Stichotworenja. 

3. Elegie: Sumarakow, Batjuschkow, Baläjuschkow, 
Baratynski, Shukowskij. 



Sechsunddreitsigstes Capitel. JRustland, 329 

4. Satire: Kantemir, Wizin, Wjasemski, Marin, Mila- 
now, 4792—1824. 

5. Episteln: Kantemir, Sumarakow,Cbera8kow,Dolgoruki, 
4 764 — 4 823. Lehrgedicht : Lomonossow, Cheraskow, Wojaj- 
köw. Fabel: Lomonossow, Sumarakow, Dmitriew, Krylow. 

6. Romantische Poesie: Balladen von Shukowskij nnd 
Mnrawiew, ,Duschenka^ von Bogdano witsch, 1743 — 1803. 
Romanzen yon Maledinski-Meletzki. Idyllen von Grnäditsch, 
f 4833. Poetische Erzählung: Puschkin, Rosen, Radiwa- 
nowski, Bathurin, Podolinski. Roman: Bulgarin, Bestu- 
schew, Elaramsin, Shukowskij, Benizki, Glinka, Gretsch, 
Puschkin, Koslow, Orlow, Schischkow, A. Weltmann, Mar- 
kow. Skizzen: Sagoskin, Wlad. Woit, 1844. 

7. Das Drama war noch im 17. Jahrh. auf geistliche 
Stoffe beschränkt, deren Polozki (f 1680) mehre für den 
Hof in Moskau und Tuptalo (+ 1 709) für das Studententheater 
in Kiew bearbeiteten. Ein italienisches Hoftheater entstand 
4730, ein deutsches 1738. Die russische Nationalbühne be- 
gründete Wolkow (t 1763) in Jaroslaw 1746. Sie wurde 
4752 nach Petersburg verpflanzt. Nachdem die Kaiserin 
Elisabeth 30. Aug. 1756 die Einrichtung russischer Theater 
verfügt hatte, wurde das zu Moskau von Wolkow 1759 er- 
offiiet. Dramatiker: Lomonossow, Sumarakow, 1718 — 77, 
Dmitrewski, 1736—1821, Maikow, 1728— 78, Jelagin, Che- 
raskow, Bogdanowitsch, Kraylow (Krylow), Wizin, 1 745 — 92, 
Kniaznin, 1742—91, Oserow, 1770 — 1816, Schachowskoi 
(mßhr als 50 Stücke aller Art). Die Oper kam 1764 durch 
Sumarakow auf das russische Theater. 

BowBiNO, Specimens of the Bussian poets, 4824« Dcfbe de St.-Maurb, 
Anthologie russe, 4823. Erster Almanach (Polarstern) von Bbstuschbw 
nnd BClajew, 4823. Delwino, Kordische Blumen, 4825. Seit 4832 er- 
scheinen mehre Musenalmanache in Moskau, Petersburg, Charkow, von 
BosBif, Obtbl und Glebow etc. 

§. 549. Die Prosa erhielt ihre Kunstgestalt von Lomo- 
nossow, Jelagin, Bogdanowitsch, Wizin, durch die Redner 
Lewanda, 1736—1814, und Plat. Lewschin, 1737—1842, 
väkd wurde vollendet durch Karamsin , 1 765 — 1 826. Grosser 
Beichthum an historischen und didaktischen Werken: 
Murawiew, 1 757— 1 807, Bentschkij, 1 780— 1 809, Schischkow, 
Uwarow, Bestuschew, Apostol, Bulgarin. Reisebeschrei- 
bungen von Krusenstem, Golownin, O.v.Kotzebue, Lasarew, 
Bellingshausen und Wasiljew, Wrangel, Rosen. UstrialoW| 



330 Zweites Buch. Ethnodoktologie. 

^Geschichte Kusslands^ (deutsch 1840}. Ueberseteiingen seit 
Peter's d. Gr. Förderung. Knorring, ^Russische Bibliothek 
für Deutsche^ (BcTal 4834). 

§. 550. Ueber lettische Sprache: Zimmeniiatm, ,Ge- 
schichte der Literatur der Letten^, 4812. Kirchliche Schriften 
seit \ 586, Volkslieder gesammelt von Bergmann und Wahr i 809, 
Zeitung seit 1822. Stender? Lieder und Yolksschriften 4766, 
Gk'ammatik und Lexikon 4 767, vollständiges Wörterbuch 4 789. 
Lieder der Letten undEsthen inDaumer^s ,Hafi8S S.229 — 286. 
Kohl, Die deutsch-russischen Ostseeprovinzen, 4844. 

Lithauische Grammatik imd Lexika von Mielke, Bhesa, 
Nesselmann 4850, Schleicher 4856. Czeczot, ,Lithauische 
Lieder^, 1838. Bhesa, ,Dainos, oder lithauische Volkslieder^ 
(Originale und Uebersetzungen) , 4 825 , 2. Aufl. von Jordan, 
4845, vollständiger von Nesselmann 4853. Die , Jahreszeiten^ 
(ein episches Gedicht in Hexametern) von Donaleitis oder 
Donalitius (deutsch in Hexametern von Bhesa). 

Die Wenden (Obotriten, Wilzen, Ukem, Hevdler, 
Bhetarier, Lusitzer, Sorben) in der Ober- und Nieder- 
lausitz haben ihre Sprache seit dem 46. Jahrh. als Schrift- 
sprache angewendet, die sich durch Kraft und Melodie 
empfiehlt. Haupt und Schmaler, ,Volk8lieder der Wenden^ 
(Originale und Uebersetzungen), 4844. Schneider, ,Crrammatik 
der wendischen Sprache^ 4853. Bopp, ,Ueber die Sprache 
der alten Preussen^ u.s.w., 4853, ebenso Vater 4824. 



Siebenunddreißsigstes Capitel. 
Ungarn oder Magyarenland. 

§. 554. Die Sprache dieses Volks steht in Europa iso- 
lirt und ist unter den occidentalisch- christlichen Sprachen 
diejenige, welche die Spuren ihrer asiatischen Abkunft noch 
am treuesten bewahrt hat. Ihre Beziehung zu der finni- 
schen auf der einen, der tiirkischen auf der andern Seite 
hat zuerst Gyarmathi überzeugend dargethan , während 
Beregszaszrs Vergleichung mit dem semitischen Spracb- 
stamm weniger glücklich unternommen zu sein scheint (oben 
§. 345). Ihr Lautsystem ist einfach und regelmassig. Sie 
zählt sieben Vocale, die entweder unbetont und kurz, oder 
betont und lang sein können.. Dadurch wird sie besonders 
geschickt zur Nachahmung antiker Versmasse. Der Cou- 



Si$b€nunddreisiigiles Capitel. Ungarn oder Magyarenland. 331 

sonanten sind 34. Einfache Declination, das Genus wird 
nicht bezeichnet, der Dual fehlt. Der Nominativ wird durch 
keine besondere Endung, alle andern Verhältnisse durch 
Postpositionen bezeichnet« Besonderer Reichthum in den 
Verbiedfonnen, z. B. doppelte Conjugation des Activs, je 
naehdem das Object der Handlung ein bestimmtes oder 
ein nnbestumntes ist. Die Verbalcopula wird ausgelassen, 
während sie mit dem Dativ das Zeitwort ,haben^ ausdruckt 
u. s. w. Diese reiche und wohlklingende Sprache hat keine 
Mundart, sondern wird gleichmassig von dem geläutertsten 
Schriftsteller imd vollendetsten Redner wie von dem ge- 
meinen Manne geschrieben und gesprochen, 

Sprachlehren ron Pamhonjus 44659 zu Debreczin 47959 von Gtax- 
MATHi 4795, N. RsTAi 4809, Bloch 4846. Wörterbücher Ton Vbbaic- 
TIÜ8, Pabbicius, Molnab, Pap AI, Richtbb, Daiölowski, Fooabasst, 

BliOOB. 

§• 559. Zwei Hauptelemente beherrschen die ganze gei- 
stige Eutwickelung Ungarns, das Christenthum und die 
römische Civilisation, Sprache imd Crelehrsamkeit. Das 
Latein war Schrift- und Grelehrtensprache (Flacius, Bosco- 
▼iefa u. V. A.) seit Mthi. Corvinus (4458 — 90) bis in das 
46. Jahrb. und abermals zwischen 1702 — 80, wobei die 
Nationalliteratur wesentlich litt. An Sorge für Institute 
und Anstalten zu wissenschaftlicher Bildung hat es seit 
dem 44. Jahrh. nicht gefehlt. Erstes Studium generale zu 
Veszprim zu Anfange des 43. Jahrh.^ erneuert 4287, zu 
Fünfkirchen 4367, Ofen 4388, Istropolitanische Akademie 
zu Presburg 4467, die Donaugesellschaft von Kr. Celtes 
4 497, Vermehrung gelehrter Stiftungen im 4 6. und 4 7. Jahrb., 
gelehrte Gesellschaft 4830, verbunden mit einer Akademie 
der Künste seit 4842. Zwei Literaturperioden. 

Beiträge znr Geschichte der angariechen Literatur gahen 
in nngarifdier Sprache Spanqas 4738« Bod 4766* Sasdob, Tot; in latei- 
nischer RoTATiDBS 4745) ScHMBiTZBL, Bblhai, Tibold ; in deutscher 
WiMDisoH, Sbitbbt, Fbsblbb, Millbr, Sobbdiüs n. A. G. Stbttnbb 
und Fb. Sohbdbl, Handbuch der ungarischen Poesie oder Auswahl chrono- 
logisch geordneter Stucke aus ungarischen Dichtern Ton Tinodi (4540) an. 
lieber Sprache und Literatur das Ausland, 4846, Bd. 4 u. 2. Stbiicackbk, 
Pasnonia, 4840. Graf Mailatb, Magyarische Gedichte, übersetzt und mit 
einer Ueberslcht der Geschichte der magyarischen Poesie eingeleitet, 4825. 
ToLPT, Blumenlese aus ungarischen Dichtern mit einer einleitenden Ge- 
schichte der ungarischen Poesie, 4828. Ders., Geschichte der ungari- 
schen Literatur, Bd. 4—3, 4850 — 53* Zur ungarischen Volkspoesie ^ 
Ebdblt, Sammlung ungarischer Volkslieder (Originale), 4846. Verdeut- 
schungen: GBBorsK, Ungarische Volkslieder, 4846} und Kbrtbent, Aus- 
gewählte ungarische VoUulieder, 4854. 



332 Zweites Buch, Ethnodoktohgie. 

§. 553. Der Gesang ward schon zu Attila^s und spater 
zu der Arpaden Spelten durch die sogenannten Jocolatoren 
oder Truffiitoren geübt, doch ist aus jenen Zeiten nichts auf- 
gezeichnet. Es waren Vorzugs weise Helden- und Kriegs- 
lieder aus den Türkenkriegen, Liebeslieder horte man selten. 
Der höhere Schwung begann mit der Regierung des Hauses 
Anjou zu Anfange des \ 4. Jahrh. Die ältesten Urkunden der 
Literatur sind die ungarische Eidesformel, Uebersetzungen 
der Bibel von Bathori 4 450 und Bartalan \ 508 , der 
,Hymnus an Konig Ladislaus^ und das ,Lied an die Jung- 
frau Maria^ aus dem 45. Jahrh. Eine günstigere Periode 
begann mit dem 46. Jahrh., als man sich beeiferte, das Volk 
in seiner eigenen Sprache zu belehren. Es erschienen Chro- 
niken, Uebersetzungen der Bibel, geistvolle Reden, geist- 
liche Lieder (Fabricius, Molnar), Volkslieder (Tinodi 4540, 
Valkai 4572, Szollosi 4580), epische Gedichte (die ,Zrinyiade' 
von N. Zrinyi, 4652, Pasko 4663, Kohary 4699, Gyongyosi 
4664 — 4734), lyrische Gedichte (Rimai, Balassa^ Benitzki), 
Dramen (Kara(Ü^s ,Balassa Meyhart^ und Bomemisza^s ,Kly- 
tamnestra'). Das lateinische Gesetzbuch des St. Verboczy 
übersetzten Veres, Heltai, Okolitsanyi in die Nationalsprache. 
J. Tsere (Apatzai) gab 4653 eine Encyklopädie der Wissen- 
schaften, 4656 eine Logik heraus. Historiker: Szekely 4559, 
Temesvari 4 569, Heltai 4 572, Zrinyi 4 660, Bartha 1 664. Philo- 
logen: Pesti (,Nomenclatura^), Fabricius, Molnar, Verantius, 
Parizpapai (,Dictionarium', 4 708, nach Tsetsi's Orthographie). 

§. 554. Die Unterdrückung der Nationalliteratur 
begann mit dem 48. Jahrh. Joseph^s H. Sorge für den 
öffentlichen Unterricht, aber Nichtachtung der ungarischen 
Constitution und Absicht, das Land zu germanisiren, wecken 
die magyarische Nationalitat. So beginnt 4 780 cUe neue 
Periode der ungarischen Literatur. Mthi. Rath begründet 
4784 die erste ungarische Zeitung in Presburg. Die Be- 
schlüsse der Reichstage und Comitatscongregationen. Unga- 
rische Theater in Ofen und Pesth; 4790 entstand die erste 
ungarische , 4 79S1 die erste siebenbürgische wohlorgani- 
sirte Schauspielergesellschafl. Zeitschriften (Molnar^s 4783, 
Szacsvay's 4787, Kazincy's, Baroti's und Bacsanyi^s 4788, 
Peczeli's 4789, Sandor's 4794, Karmen's und Pajor's 4794, 
Horvath's 4846 u. A.). Preisaufgaben. Grammatik, Prosa 
und Poesie fanden ihre Bearbeiter in einer Menge geist- 



SiebenwiddreisHgates CapUel Ungarn oder Magyarenland. 333 

reicher Manner. Mit K. Kisfaludy (geb. 1790) beginnt die 
Aera des jetzigen ungarischen Theaters. Der volksthümliche 
Lyriker Alx. Petofi (geb. i. Jan. 4823)1. Epiker Arany 
(geb. -1817). Historische Romane von Josika, Novellen von 
EötvoB. Die Geschichtschreiber Graf Mailath und Fejer*. 
Der grosste ungarische Dichter, Mch. Vorösmarty, geboren 
4. Dec. 1800, starb am 19. Nov. 1855. 

Der Aufstand seit 1849 und die Niederwerfung Ungarns 
haben dort auch die Musen vielleicht auf lange Zeit zum 
Schweigen gebracht. 

1 Seine Gedichte bos dem Ungarischen durch Dux 4846 und Kebt- 
BBHT 4849. — ' Sammlungen ungarischer Geschichtswerke von Bongab- 
8IU8 4600, ZwiTTiNQBB 4744, Bbl 4735 — 46, Schwandtneb 4766 — 68, 
KoTAOHiOH 4798 — 99. Ueber ungarische Geschichte: Dbsebicus 4748 
— 60, Pbat 4763 — 97, Hobani 4775 — 77, Sbvbbimi 4778, Gbbhabdi 
4778—82, Katona 4778 u. 4779—4847, Db Sacy 4780, Kbza 4782, 
WnvDisoH 4784, Palma 4785, Hobvath 4786, Novotby 4798 — 4800, 
Y. Ehqbl 4804, Fbsslbb 4840 — 25, v. Mailath 4828 — 30. Historische 
Magaadne von Windisch, 4784 — 87, neues 4792 — 94, Damkowsky 4840. 
Ottibqbb, Historisches Archiv, 4844. Ungarische Poesie von Dux 4854; 
Dichtungen von Gabay ühersetzt von Kerlbeny 4854; Lieder aus Ungarn 
Yon SoHBÖTBB 4854. Auch ist für Uehertragung ungarischer (danubischer) 
Poesien ins Deutsche Kolhenheyer thätig. Der pesther Lloyd liefert Rückblicke 
anf die ungarische Literatur, so unter andern über die Jahre 4854 u. 4855. 
Zur magyarischen Philologie die Zeitschrift Magyar Nyelv^szet. 



§. 555. Finnland^s Volkspoesie beschäftigt sich mit 
MyÜien und Zauberweisen ^ (Zauberepos ,Kalewala') imd mit 
Personificirung der Naturkräfte. Der Dichter ßuneberg^. 

1 Klbukbb, Magicon, 4784. Tibdbmahn, De artium magicarum ori- 
gine, 4787. Hobst, Zauberbibliothek, 6 Bde., 4820 — 26, und Von der 
alten und neuen Magie Ursprung, Idee, Umfang und Geschichte, 4820. 
GbIssb, Bibliographie der wichtigsten. In das Gebiet des Zauber-, Wunder-, 
Geister- und sonstigen Aberglaubens einschlagenden Werke, 4843. Soldan, 
Geschichte der Hexenprocesse, 4843. Waohsmuth, Ueber die Zauberkunst 
der Griechen und Romer in dessen und GOnthbb's Athenaeum, Bd. 2 (Ma- 
gicae qnaestiones, 4850). — * Lönnboth gab Kanteletar (alte lyrische Ge- 
sänge des finnischen Volks) in 3 Bdn., 4835, Tanostböm eine Anthologie der 
finidschen Volkspoesie , Ebllgbbn , Tanostböm und Tigebstbdt ein vater- 
ländisches Album för finnische Literatur. Schböteb, Finnische Runen (finnisch 
und deutsch), 4849. Altmamh, Runen finnischer Volkspoesie, 4856. Jak. 
Gbimm über das finnische Epos in Höfbb's Zeitschrift für die Wissenschaft 
der Sprache , 4 846 , ' 1 , 43 — 55. Bine Skizze der neuem finnischen Literatur 
findet sieh im 9. Bande der Wiener Jahrbücher. Bollbb, Die finnischen 
Sprachen, 4853. Die Samesprache in Lappland ist ein schwesterliches Idiom 
der Suomisprache in Finnland. Ebman , Archiv für wissenschaftliche Kunde 
Rosfliands, Bd. 7, S. 433 fg., 488 fg., über Eskimo- und Unalaschkasprache. 
FiouBiN (f 4854), Jakutisch -russisches Wöterbuch; Lukjanow ist Kenner 
des Jakutischen. Der Ungar Hdnsalyt gab 4854 eine Vergleichung des 
Türkischen, Magyarischen nnd Finnischen. 




Drittes Bache 

Angewandter Theil 



Die Gelehrsamkeit. 
Chresimodoktologie. 

§. 556. Den Gegenstand bildet der Mensch in drei* 

facher Beziehung: 



zn dem lieber- 
sinnlichen, f 



zur Sinnenwelt, 



zu sich selbst, 



der Vergangen- der Gegen- nach dem 

beologie. heit, wart: Erkenntnis»-, Bestrebnngs- n. Gefühls 






Historik. 



Exacte | Termögen. 

Wissen- f ' ^ ' ^ ( "^ *" ^ 

Schäften Philosophie Rhetorik. Poetik. 



^ ^^ u. Mathe- 

zur Natur, zu den Geschöpfen nuitik. 

seiner Gattung 
Taturwisseh- ^ 

schalten. Staats-, Ejriegs- 
u. Rechtswissen- 
schaften. 



Schone Wisaenschaften 
im Verein der schönen 

Künste: 
Kaloteehnalogie. 



Epistematologie. 



Linguistik u. Exitik. 



I 



Erste Abtheilung. 
Eyürtematotegie. 

§. 557. Aus dem Streben nach einem aUen Wissen- 
schaften zu Grunde liegenden Principe worauf eine Classi- 
fication derselben sich begründen liesse, sind dief^ngen 
Wissenschaften hervorgegangen, welche man unter den 
Namen der Hodegetik, Methodik und Methodologie^ 
der Systematik und allgemeinen Encyklopädie ^ be- 



Achtunddreisiiyites CapUel. System der Wissenschaft. 335 

greift^» Als die Gymnasiallehrer im Erzstift Kol^ (Mitte 
des 46. Jahrh.) encyclopaediam quandam omnium discipli- 
naram in den Unterricht aufiiahmen^ beschloss eine unter 
Adolf nL gehaltene Provinzialsynode ein Verbot dagegen, 
1549, als gegen eine Einrichtung, welche die Oberflächlich- 
keit befordere®; — aber jeder Gebildete, namentlich 
jeder Studirende, sollte sich eine allgemeine üeberr 
sieht des menschlichen Wissens zu verschaffen 
suchen, um sich auf dem orbis doctrinae richtig zu 
Orientiren*. 

^ 'Ey>c\/xXioc rcctMLoLf in zusanmiengazogeiier Form £Y^uxXoTcai9e{a, 
vielleicht suertt bei Galen (f 204 n. Chr.). Paült, Bealencyklopadie des 
daensohen Altertbnms; Art. Edaeatio, S. 39* — * Sbmlbb, Versach über 
die combinatorische Methode, ein Beitrag zur angewandten Logik, 4822* 
ScHSUJiie, Yorleenngen über die Methode des akademischen Stadiums, 
(3. A.) 4832. Bbnbkb, Einleitung in das akademische Studium, 4826. 
FHBDBMANir, Piurioesen, 4837 — 44. Schbidlbb, Grrundriss der Hodegetik, 
4832- KiBGHNBB, Akademische Propädeutik, 4847- Denselben Zweck yer- 
folgen die Werke von Hbydenbeich 4804, Mdssmann 4832, Tittmann 4833, 
Fbitz 4833, Lbutbbchfb 4834. — ' Statuta provincialium synodorum 
saaetae eciiesiae Coloniensis, p. 427. —• ^ Kbuo, lieber den Zusammen- 
hang der Wissenschaften unter sich und mit den höchsten Zwecken der 
Yenmnft , 4 795. Kovopak , Uebd( den Begriff und Zweck einer Encyklopädie 
im Allgemeinen etc., (2. A.) 4 806. Sohalleb , Encyklopädie und Methodologie 
d6r WlMenschaften, 4842. Die Wissenschalten im 49. Jahrb. , ihr Stand- 
punkt und die Resultate ihrer Forschung, 4856, redigirt yon Bombbbo. ^ 



Achtuuddreissigstes Capite}. 
System der Wissenschaft. 

§• 558. Die Frage nach einem gemeinsamen Princip für 
alle Wissenschaften ist bis jetzt noch nicht genügend beant-* 
wertet und hat namentlich zur Trennung der philosophischen 
Systeme 9 welche ganz eigentlich die Au%abe haben, alle 
Principienfragen zu entscheiden, wesenthch beigetragen« 

§. 559. Die Wissensofaaften als ein geschlossenes Gtmzes 
darzustellen begannen erst Ernesti ^ und Sulzer. Doch blieb 
mmi schw^ikend zwischen theoretischen und praktischen, 
nominalen und realen, empirischen und rationalen, freien 
oder natorlichen, gebundenen oder positiven und gemischten 
Wissensdiaften« Krug * rechnet 4 ) zu den freien Wissen- 
schaften als empirische: die Philologie mid Geschichte; 
als rationale: die Mathematik und Philosophie; als empirisch- 
rationale: die Anthropologie und Physik; 3) zu den geb 




336 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

denen YTissenschaften : die Theologie und Jurispradenz; 
3) zu den gemischten, d. h. theoretisch-freien, aber praktisch- 
gebundenen Wissenschaften: die Cameralia und die Medicin^. 
Die neuesten Systeme des Wissens stellten Mager % EL Rosen- 
kranz ^ und Helfferich ^ auf. 

1 Initia doctrinae solidioris , 4736; 7. Aufl. 4783* — 'In seinem 4 805 zu 
Züllichan erschienenen Versuch einer neuen Eintheilung der Wissenschaften. . — 
3 EscHBiCBüBO, Lehrbuch der Wissenschaftskunde, (3. A.) 4809. Bübdach, 
Organismus menschlicher Wissenschaft und Kunst, 4809* Simon, Tabella- 
rische Uebersicht der Wissenschaften, 4840. Frische, Einleitung zu einer 
Architektonik der Wissenschaften, 4846. t. Babr, Blicke auf die Entwicke- 
lung der Wissenschaften, 4835. Metern, Hinterlassene kleine Schriften, 
herausgeg. von Fbuchtbbslbbbn , 4 842 ; Bd. 4 u. 2 : Stufenfolge der Wissen- 
schaften. *— * System des Wissens, 4847. — ^ System der Wissenschaften, 
ein philosophisches Encheiridion, 4850. — ^ Der Organismus der Wissen- 
schaft und die Philosophie der Geschichte, 4856. 

§. 560. Eine ziemlich alte Ansicht hält Apollo für den Con- 
cen^ationspunkt aller Kunst und Wissenschaft; darum weist 
ihm auch Ausonius (Idylle 20) seinen Platz unter den Musen an: 

In medio residens complectitur omnia Phoehus. 

Substituiren wir statt jenes mythischen Gottes den Men- 
schen, so ergibt sich aus der ^eifachen Beziehung des- 
selben das Princip meiner Wissenschaftslehre und des 
angewandten Theils meiner Musologie. „Denn von dem 
fernen Lichtnebel bis zum ausgebildeten Sonnensystem, 
Ton der einfachen organischen Zelle bis zum Menschen 
aufwärts ist nur eine Entwickelungsreihe,. gibt es nur ein 
Gesetz, und Beides spiegelt sich in der Himthätigkeit des 
Menschen." Daher auch die Unmöglichkeit völliger 
Abgrenzung. Jene Beziehungen sind: 1) zu dem Ueber- 
sinnlichen, Metaphysischen, Göttlichen, woraus die Theo- 
logie ihren Ursprung nimmt; 2) zu der Sinnenwelt, und 
zwar ä) der Vergangenheit, womit sich die Historik (Ge- 
schichte) beschäftigt; b) der Gegenwart, woraus die exacten 
Wissenschafiten ^ hervorgehen, und zwar wiederum: a) zur 
Natur: Naturwissenschaften mit Biologie und Astro- 
nomie; ß) zu den.^J)d£gschen oder den Wesen seiner Gat- 
tung^: Staats-, Krieg8^^'"\iiid Rechtswissenschaft; 
3) zu sich selbst (Tcpcx; saurov, wie AntßP"* ^^^ Philosoph 
dies nannte), und zwar wiederum: a) nach dei& S-^^^^^^i^s- 
vermogen: Philosophie und Mathematik; b) iifiü* ^^^ 
Gefühlsvermogen: Poetik (Poesie); c) nach dem Bö^®- 
bungsvermogen: Rhetorik (Redekunst), zugleich im Uebei^ 
gange von der Poesie (Drama) zur Geschichte^ sowie den 




Neununddreissigstes CapUel, Theologie, 337 

Uebergang von der Geschichte zu den Naturwissenschaften 
die (vergleichende) Geographie bildet. Mit den schonen 
Wissenschaften hängen die schonen Künste eng zusammen. 
Die Linguistik (Philologie) gehört dem Begriff des Menschen 
par excellence zu; an sie schliesst sich die Kritik als Reprä- 
sentantin des Ausdrucks aller menschlichen Seelenvermogen. 

1 Poo6SHD0BF7, Lebenslinien znr Geschichte der exacten Wissenschaften, 
seit Wiederherstellung derselben, 4853* — * Millab, The distinction of 
rsnks in the society, 4774; deutsch 4772. J* J. Rodssbau, Discours sur 
rin^galitö parmi les hommes, 4753, und für Europa: Mbinbbs, Ueher 
Ungleichheit der Stände, 4792. 



Neun unddr Bissigstes Capitel. 

Theologie. 

* ' §. 564, Die Religion ist natürliche oder Vernunftreligion, 
übernatürliche oder geoffenbarte, positive oder Autoritats- 
religion; Deismus oder Theismus (nach Kantus Unterschei- 
dung) und Pantheismus; ersterer: Polytheismus, Dualismus, 
Monotheismus \ 

Der Pantheismus des Orients, des Parmenides, der 
Stoiker und Neuplatoniker (Plotin, Proklos, Jamblichos), 
der Gnostiker, des Erigena und Jak. Böhme, Giordano Bruno, 
Spinoza, der neuem Idealisten^. 

Die Deisten des 17. und \S. Jahrb., Vorläufer des 
Rationalismus, waren meist Engländer: Herbert von Cher- 
bury (geb. 1581), Blount (geb. 1654), Toland (geb. 1670) 3, 
Grraf von Shaftesbury, Woolston, Tindal*, Bolingbroke u. A. *. 

> Lii^DEUANN , Geschichte der Meinungen älterer und neuerer Volker, 
im Stande der Roheit und Cultur, Ton Gott, Religion und Priesterthum, 
47S4 — 95. Meinbbs, Allgemeine krit. Geschichte der Religionen, 4806 — 7. 
J. K. F. SoHLEOEL, Ueher den Geist der Religiosität aller Zeiten und 
Völker, 4849« Haupt, Abriss der Torzüglichsten Religionen der jetzigen 
Erdbewohner, 4824. Mone, Geschichte des Heidenthums. Tzschibnbb, 
Fall des Heidenthums, 4829. Bbuqnot, Hist. de la destruetion du paga- 
nisme en occident, 4835. ^— ^ Jasohe, Der Pantheismus nach seinen 
Hauptlörmen, 4827. Ritter, Die Halbkantianer und der Pantheismus, 
48?7. — * Christianity not mysterious, 4702. — * Christianity as old 
as the creation: or the gospel a repuhlication of the religion of nature, 
4730. — ^ Lbohleb, Geschichte des englischen Deismus, 4844. 

§. 562. Das Wort Theologie ging aus dem heidni- 
schen Sprachgebrauch auf den christlichen üben Theologen 
hiessen bei den Alten Die, welche über das Wesen und 
die Geschichte der Gotter Auskunft zu geben wussten. 

MiRJLIKER. 22 



338 DriUes Buch, Chreiimodoktologie, ^ 

Pherekydes aos Syros und Epimenidefl von Kreta (der die 
Kylonische Blutschuld in Athen sühnte) zu An&ng des 
7» Jahrh. y. Chr. heissen Theologen K Im 3. und 4. Jahrii. 
n. Chr. wurde der Ausdruck Theologie zuerst von Denen 
gebraucht, welche die Gottheit des Logos und das im 
4. Jahrh. ausgeprägte Dogma von der Dreieinigkeit yer- 
theidigten. Auf die Religionswissenschaft überhaupt wen- 
dete das Wort zuerst im 44. Jahrh. Abälard in seiner 
,Theologia christiana^ an. 

1 Cicero, De nat. deor., III, 24 » und die Lezikft. 

§. 563. Schon bei Johannes und Paulus und dem Ver- 
fasser des ,Brief an die Hebräer^ finden sich die Anfange 
einer Theologie, doch nicht als Lehrvorschrift, sondern als 
ihr subjectives Bekenntniss, und die Eirchenyäter Tertullian, 
Irenäus und Origenes unterscheiden durchaus den Glauben 
(idav4) von der Speculation (yvöcr^) und erklären beide 
zwar für etwas Nothwendiges, aber nur den erstem für 
etwas allgemein Verbindliches, letztere aber (auch £monQ(JLY) 
genannt) far etwas Freies und daher der individuellen Ueber- 
zeugung Unterworfenes ^. Durch die Erhebung des Chri- 
stenthums zur Staatsreligion entstand auf dem Nicänischen 
Concil (325) die positive oder Eirchentheologie, welche 
insofern eine Wissenschaft zu sein aufhorte, als sie, zu- 
nächst für die katholische, später, durch die Symbolischen 
Bücher (vollendet 4580), auch für die evangelische Kirche, 
die Natur einer positiven Gesetzgebung annahm *. 

1 Walch, Historie der Ketzereien, 4762. Nbandbr, Gnostische Sy- 
steme, 4848. liBWALD, Doctr. Gnost., 4848. Mattbr, Hiit. crit. du 
gnosticisme, 4828. Fd. Ch. Baur, Christliche Gnosis, 4835. Bbacsobrb, 
Eist, de Manichee etc., 4734. Rbichlin-Mbldbog, Theologie der Mani- 
chäer, 4825* Baur, Manichäisches Beligionssystem , 4834. — * Potticbr, 
Resnm^ de lliist. du christianisme depuis J^sas jasqu'a nos jours, 4855. 

§. 564. Die vom heidnischen Boden herübergepflanzte 
Philosophie (des Plato und Aristoteles) übte von jeher £in- 
fluss auf die Gestaltung der christlichen Dogmen, und das 
Streben, Theologie und Philosophie, Glauben und Wissen, 
Positives und Selbstgedachtes , Offenbarung und Yenmnft 
ins Gleichgewicht zu setzen, gab sich vornehmlich in der 
Scholastik zu erkennen '. Die Philosophie trat ganz in 
den Dienst der Theologie', die wiederum in den Fesseln 
einer von aussen ihr aufgedrungenen Dialektik lag. Aristo- 
teles beherrschte die BibeL Exegetische und Geschichts- 



NetintMddrm»ig$tet CapüeL Theologie. 338 

Stadien traten gegen die systemaüsirende Thatigkeit zurück 
(yon Feter dem Lombarden bis auf Thomas von Aquino) 
im 4S. und 43. Jahrh« Gegen diesen dialektisohen Skepti-* 
oisnms traten die Mystiker' im 44. Jahrb. auf. Der 
Humanismus stellte im 45. Jahrh. wiederum die Philo- 
logie, Kritik und Geschichte in den Vordergrund. 

So entstand die Beligionspbilosophie^ oder kriti- 
sche Theologie, und in Betreff des Gebrauch« und der 
Erklärung der Heiligen Schrift erzeugten sich im Laufe der 
Zeit die verschiedenen Schattirungen der neuern Theo- 
logie, welche in die supranaturalistische ^, rationalistische^ 
und philosophisch -allegorisirende Theologie^ zerfallt. 

Die supranaturalistische Theologie theilt sich in die 
Schattirungen des absoluten ?, relativen • und kritischen '® 
Supranaturalismus , die nacheinander ins Leben traten. Gegen 
diese Orthodoxie oder Paläologie traten gleichsam als He- 
terodoxie oder Neologie auf: der Pietismus (Spener^s, 
Fruicke^s u. A.) einerseits und der Rationalismus oder, 
wie er in Frankreich heisst, Naturalismus (Semler^s, Löff- 
ler's. Henke's, Eckermann's, Rohr's, Wegscheider's) anderer- 
seits. Die Leibniz-WolTsche Philosophie wurde Veran- 
lassung der philosophisch-allegorisirenden oder sym- 
bolisirenden Theologie (Baumgarten's, Carpzov^s und 
Beinbeck's), während Kant^^ Urheber der neuern phih>- 
sophisch-symbolisirenden Theologie wurde, welche durch 
Schelling, Hegel und Schleiermacher zu besonderer Geltung 
gelangte. Staudlin, J. E. Ch. Schmidt, Tieftrunk, Ammon 
u. A. brachten die Kant'sche Philosophie, Daub das Schel- 
ling'sche, Marheineke das HegeFsche System auf die christ- 
liche Theologie in Anwendung; Jacobi machte den Gefahls- 
glauben geltend. 

1 Scotus Erigena im 9* Jahrh. erklärte wahre Philosophie und wahre 
Beligton für Eins; ehenso Ahälard und Anselm im 44. Jahrh. BinvsAT, 
Tableaa de )a vie etc. de Saint An«elme de Canterhory, 4S54. — ' Ueb^r 
das Verhältniss der Theologie zur Philosophie: F. E. Sc^ULZ, Fisohbb, 
GHbnqlbb, Gablbb, H. Schmidt (in der Oppositionsechrift, Bd. 4 , Hft. 4), 
Im. Hm. Ficbtb. ~ ^ xJeber Mysticisiiips, Pietisnms etc.: Sp^lpib^, Vatbb, 
Ewald, Bqbg^b, v. Cölln, Matthai, Fbitzsobb, Mad.DB Sjail, Libbkbb, 
y. Wbbsbnbbbo, Bbbtschivbidbb, Bindbb, Mbbiuin. — ^ Kant, Fichtb, 
ScHBLLiNe, Jacobi, Schlbibbmachbb, Clodics, Ebchbrmatbb, KöppbiI; 
Kbdo, Hinbichs, Boutbbwbk, Bust, Bj. CoN9TA|rT, dbWbttb, Sn 
DI8BBN, Fbibs, Göschbl, Conbadi, Ohlbbt, H. Rittbb, Hbobl, Stbvv 
Fischbb. Zar Moralphilosophie: Kant, Schmid, Tibftbunk, Fiöi 

ESOHSHMATBIt, KRIJO, 0BBLAOH, SaLAT, SchLBIBBMACBBB, Bl.YBNICHf» 

22* 




340 Dritte$ Bneh. Chresimodoktologie, 

& Za Gunsten des Saprsnatoralismus: Tittmanit, Habms, Zöllich, Klbckbb, 
Stbfvbhs, Sabtorius, Hbbimo, Hahb, Voiqtlandbb, Stbiqbb. — ^ Za 
Gunsten des Rationalismus: Röhb, Schulthess, Böhmb, Clbmbiv, Paulus, 
GuBLiTT, ScHBÖTBB. — ? Vermittelnde Versuche, nnd zwar Yom Stand- 
punkt des Rationalismus: Schudbboff, Tzschibnbb, B5hmb, Bbbtschnbidbb, 
Theilb, y. Cöllh und Scholz; vom supranaturaiistischen Standpunkt: 
Schott, K. L. Nitzsch, HGffel, Ruthbnus; Yom speculatiYen Stand- 
punkt: BocKBHAMMBB, Db Wbttb, Kahlbb, Ullmann, Schweizbb, Wio- 
OBB8, Gbbbbb. JStäudlin, Geschichte des Rationalismus und Supranatura- 
lismus, Yornehmlich in Beziehung auf das Christenthum , 4826. • — ^ Der 
Reformatoren Inspirationslebre oder Theopneustie. — ^ Accommodadon, 
cuYxarraßaotc, condescensio , demissio Rbibhabd's in seinen Gestandnissen, 
4840, Stobb's, Dödbblbin's, Mobus'. — >o Die Offenharung als gottliche 
und wundersame Promulgation der religiösen Ideen: K.L. Nitzsch, Bbbt- 
BCHBBIDBB in Seiner Religiösen Glaubenslehre , Ammon in seiner Fortbildung 
des Christenthums zur Weltreligion. — ^^ Durch seine Schrift: Die Religion 
innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft, 4793, nnd durch seine mora- 
lische Auslegung der Bibel. Bretschnbidbb , Systematische Entwickelnng 
aller in der Dogmatik Yorkommenden Begriffe, 4844. 

§• 565. Eintbeilung der positiven Theologie in 
die theoretische (Lehre vom Logos, Dogmatik) und prak- 
tische (Moral). Gewöhnlicher ist die Dreitheilung in 
historische (mit der exegetischen), systematische (Glanbens- 
und Sittenlehre) und praktische Theologie. Doch lassen 
sich, nach Absonderung der .exegetischen, am zweckmässig- 
sten vier Hauptgebiete construiren. 

§. 566. Exegetische oder biblische (nach Pelt u. A.) 
Theologie: Philologia Sacra (oben Cap. 44 und 45, beson- 
ders §. 424; Cap. 23 und 24, besonders §. 297). — Kritik: 
Semler, Griesbach, Heringa (aus dem Holländischen von 
Beckhaus), Hitzig, Schleiermacher, Drechsler, Hauff. — 
Hermeneutik: Ernesti, Monis, Bretschneider, Keil, Grries- 
bach, Lücke, Gemer, Olshausen, Stier, Hopfner, Matthäi, 
Schleiermacher, E^lausen, Wilcke, Rosenmüller, G. W. Meyer, 
Seyffarth. — Isagogik oderKanonik(obenCap. 44u.23). — 
Archäologie*: Bellermann, Jahn, Rosenmüller, Winer, 
Löhn, Haupt, Ackermann, Saalschütz. — Alterthümer der 
Hebräer: Wamekros, Bauer, De Wette, Pernau, Scholz, 
Löhnis. Heilige (kirchlich-religiöse) Alterthümer ins- 
besondere: Bauer, Bahr, George, v. Lengerke. Biblische 
Geographie: Rosenmüller, Klöden, Röhr, Löwisohn, Ges- 
sert, Möller, Melos, Behrends, Bräm, K. v. Raumer, Ro- 
binson, K. Ritter. Topographisches: Olshausen, Meier, 
Keil. Karten*! Berghaus , Klöden , Grimm , Kiepert. 
Biblische Naturgeschichte: Scheuchzer, Harris, Bo- 
chart, Celsius, Mead, Rosenmüller. Staatsverfassung: 



_ % 



Neununddreissigstes CapiteL Theologie. 341 

Michaelis und Saalschütz (Mosaisches Recht), Hüllmann. 
Häusliches Leben: Winer ^, Hartmann*. Poesie und 
Musik: Lowth, Herder, Pfeiffer, Saalschütz, Schneider. 

Eine anschauliche Darstellung der neutestamentlichen Zeit 
gewährt die fingirte Reise: ,Helon's Wallfahrt nach Jerusa- 
lem 409 Jahre vor der Geburt des Herrn', vom Verfasser 
der ,Glockent6ne' (Ghd. F. Abr. Strauss), 4820 fg., eine 
Nachahmimg von ,Voyage du jeune Anacharsis en Grece'. 

' Hand- und Lehrbücher von Aüoüsti, Schöne, Rheimwald, Lochebbr, 
BöHMBE, Pblligia, Binterim, Staudemaibr, Sibobl. — 2 Handatlas yon 
AcKBRMANN, Wbiland. — ^ Handbuch der theolog. Literatur etc., I, \ 44 fg* — 
^ Die Hebräerin am Patztische und als Braut, 1809-^— iO. £in Gegenstück zu 
Böttiobb's Sabina. 

§. 567. Historische Theologie: Geschichte der 
Bibel: Niemeyer*; des Volks Israel: Hess, Kühnol, Bauer, 
De Wette, Leo, Jost, Bertheau, Ewald, v. Lengerke (,Ke- 
naan'), Engelstoff, Tiele, Feldhoff, Planck, Koster, Knobel, 
Schneidler; des Lebens Jesu und der Apostel, zugleich 
mit der Geschichte der Gründung der Barche (oben §. 298 u. 299). 

Kirchengeschichte: ihr Werth und ihre Bedeutung: 
Jortin, J.G.Müller, A. Hm. Niemeyer, üllmann, Tittmann, 
Gieseler, Schleiermacher. — Die Geschichte selbst: Hege- 
sippos, <50, Eusebios, 324, Sokrates, Sozomenos, Theo- 
doretos und die Arianer Philostorgios (5. Jahrh.), Theo- 
doros und Evagrios (6. Jahrh.) ^; in der lateinischen Kirche: 
Kufin^a Uebersetzung des Eusebius, Sulpicius Severus (Anfang 
des 6. Jahrh.), Cassiodor und Epiphanius (,Historia tripartita') 
in der Mitte, Gregor von Tours gegen Ende des 6. Jahrh* 
Ln Mittelalter heben sich neben den Byzantinern Synkellos, 
Theophanes, Nikephoros Kallistos (im 14. Jahrh.) die 
abendlandischen Chronisten heraus: Beda der Ehrwürdige, 
f 735, Paul Warnefried, f 799, Haymo von Halberstadt, 
f 853, Anastasius, f 886, Hm. Contractus, f 1054, Lam- 
bert von Aschaffenburg, f 1077, Sigebert von Gemblours 
(Gemblacensis), f 1112, Adam von Bremen (f um 1076) 
u. A.; dazu die zahlreichen Martyrologen imd Legenden- 
schreiber, Nach dem Augsburger Religionsfrieden (1555) 
unternahm eine Anzahl lutherischer Theologen zu Magde- 
burg, unter Leitung von Mthi» Flacius ', eine weitläufige 
und zugleich nach Kubriken geordnete BearbeituQg der 
ELirchengeschichte mach Jahrhunderten, die sogenannten 
,Magdeburger Conturien', 1559 — 74. Xim^n gegenüber er- 



342 DriUe$ Buch. Chresimodoktologie. 

schienen vom romischen Standpunkt aus die ^Annalen^ des 
Cäsar Barönius, 1588—1607. 

Lutheraner: Kortholt, Ittig, Cyprian, Buddeus, Pfaff. 
Reformirte: Hospinian, Turretin, Jak. Hottinger, Jablonski. 
Katholiken: Natalis (Noel), Alexander, Meury, Bossuet, 
Tillemont. Mystiker: Arnold, Mosheim, G. Walch und Fr. 
Walch, Semler. Pragmatische Geschichtschreibung: 
Planck, Spittler, Schrockh, Henke, Schmidt, Danz, Gieseler 
(fortgesetzt von Redepenning 1855), Neander, Hase, Schleier- 
macher, Katerkamp, Bitter, Locherer, Dollinger, Annegarn, 
Alzog u. V. A. 

Dogmengeschichte: ihr Werth: Emesti, Wachler, 
De Wette, Ilgen, Augusti, Ziegler, Kliefoth. Sie ist erst 
seit Emesti und Semler (1759) als besondere Wissenschaft 
behandelt: Münscher, Augusti, Bertholdt, Euperti, Lentz, 
Baumgarten -Crusius, Engelhardt, K. Meier, Hagenbach, der 
Katholik Klee. Patrlstik (obenCap. 24). — Symbolik: 
Augustin, ,De fide et symbolo^ 393; doch erst die Refor- 
mation erzeugte ein klares Bewusstsein kirchlicher Gegen- 
sätze. Einleitungen in die symbolischen Bücher seit Carpzov, 
t 1657, Walch, Semler, Feuerlin, Planck. Ausgaben der 
Symbolischen Bücher: der lutherischen Kirche: Tittmann, 
Hase; der reformirten: Augusti, Mess, Niemeyer; der 
romisch -katholischen: Danz, Streitwolf und Kiener, Smets; 
der griechischen Kirche: ElmmeL Comparative und kriti- 
sche Darstellungen kirchlicher Systeme: Planck, Marhei- 
neke, Marsch, Winer, Mohler, Baur, Nitzsch, Kollner, 
Gruericke, Göbel, Rudelbach. — Statistik: Staudlin, 
Wiggers. Yelr&ssungsgeschichte : Planck, Rothe. Sitten- 
geschichte: Tyge, Eothe., Mp.rheineke, Wachsmuth. 
Ejrchliche Reisen: Niemeyer, Fleck, Pliedner, KnieweL 
Zeitschriften und Zeitungen. 

i Charakteristik der Bibel, 4775—95; neue A. 4830. — ' Sie alle 
in der Rbadin6-Valb0I8Obbn Ausgabe, 4720. — ^ IlltHiocs; aber ihn 
TwssTBHi 4844. 

§. 568. Die Dogmatik ist das geistige Band zur Ver- 
knüpfung des exegetischen, historischen und dogmatischen 
Studiums. Ihre Literatur: D5derlein, Morus, Tieftnmk, 
Eokermann, Henke, Storr, Schmidt, Staudlin, Reinhard, 
Ammott, Daub, Augusti, Schott, Wegscheider, Klein, Bret 
Schneider, De Wette, Marheineke, Schleiermacher, Twesten, 



Neununddreissigsles Capitel, Theologie. 343 

Hase, Knapp, Hahn, Tzschimer, Baumgarten -Crusins, 
Gelbke, Steudel, Lange, Mynster, Strauss, Cheneviöre, 
Böhmer, Schmidt, Schweizer. Katholische Lehrbücher yon 
Brenner, Thanner, Hermes, Baader, Klee, Staudenmaier. 
Biblische Dogmatik: Ammon, G.Lr. Bauer, Bretschneider, 
Cludius, Kaiser, De Wette, Baumgarten -Crusius, Colin, 
Watke, Br. Bauer. Christliche Dogmatik: Einleitungen 
in dieses Studium von Baumgarten -Crusius, Fischer, Mynster, 
Rust, Kling, Alihn. Schleiermacher, der die Dogmatik in der 
historischen Theologie unterbringt, hat gleichwol ein eigenes 
Gebiet der philosophischen Theologie aufgestellt, das 
ihm in der Apologetik und Polemik aufgeht. Zur Ap ol o ge tik : 
Heubner in Ersoh und Grubcr^s ,Allgemeiner £ncyklopädie% 
Schmid, Lechler, Hirzel, Nösselt, Less, Jerusalem, Haller, 
Kleuker, Paley, Hensler, Franke, Planck, Stein, Erskine, 
Sack, Steudel, Stirn, Drey. Ihre Geschichte von Tzschimer. 
Zur Polemik und Irenik: Planck, Marheineke, Sack. 

Lehrbegriff einzelner biblischer Personen und 
Schriftsteller: Hengstenberg^s ,Christologie^, Bohme's 
,ßeligion Je8u% Kleuker's , Johannes, Petrus und PaulusS 
Schmid, ,De theologia Johannis^ Köstlin,, Lehrbegriff und 
Briefe Johannis% Frommann, ,Johanneischer Lehrbegriff% 
Usteri und Dehne, ,Paulinischer Lehrbegriff', Weiss, ,Petri- 
nischer Lehrbegriff'. 

Mayer, ,Historia diaboli', 4780. Flügge, ,Geschichte des 
Glaubens an Unsterblichkeit', 4794. Simon, ,Ge8chichte 
des Glaubens nichtchristlicher Volker an eine Fortdauer', 
1803. Wiessner, ,Lehre der vorchristlichen Welt von der 
Seelenfortdauer', 4824. Simon, ,Das Gebet alter und neuer 
Völker*, 4799. Staudlin, ,Ge8chichte der Vorstellungen und 
Lehren von dem Gebet', 4824. Andrea, ,Die Todtengebräuche 
der verschiedenen Volker', 4845. 

§. 569. Die Sittenlehre ist viel weniger Veränderungen 
unterworfen gewesen als die Glaubenslehre, denn die Pflichten- 
lehre im Einzelnen blieb fast immer dieselbe und nur die An- 
sichten über die sittlichen Anlagen des Menschen, die Heili- 
gung und die Mittel dazu, sowie der allgemeine Satz, aus 
welchem man philosophisch die einzelnen Pflichten abzuleiten 
suchte, gestalteten sich zu verschiedenen S^eiten anders; jene 
hauptsachlich nach dem Princip der herrschenden Dogmatik, 
diese nach der Philosophie ^. 



\ 



344 DriUes Buch, Chresimodoktologie. 

Die Scholastiker seit dem 12. Jalirh. bearbeiteten die Moral 
zuerst wissenschaftlich: Petrus Lombardus, Alx. v. Ebles, 
Th. Y. Aquino, Bonaventura; aber erst Lb. Donäus und 
G. Calixtus erhoben sie seit 1634 zu einer Wissenschaft; 
seitdem Reinhard, Schmid, Ammon, Stäudlin, De Wette, 
Schwarz, Flatt, Baumgarten -Crusius, Bruch, Sartorius, 
Kahler, Harless, Merz, Scbleiermacher. Populäre Werke von 
De Wette und Geizer. Katholiken: Sailer, Schreiber, Hirscher. 
Ueber christliche Erziehung: Schwarz, Heinroth* 

Die Ascefik der Stoiker, Essener, Therapeuten und 
einiger gnostischen Sekten, des Apostels Paulus, der ersten 
Christen, des Monchswesens , der Protestanten (Tugend- 
übung). Melanchthon^s Ethik, 1550. Die Theorie von der 
Erbsünde und der Gnade (Augustin und Pelagius). Die 
disciplinarischen Gesetze, die Ponitenzen und der Ablass. 

Ausbildung der Casuistik (nach Kant: Dialektik des 
Gewissens) im Interesse des Klerus durch Raym. de Penna- 
forte (,Summa Raymundiana^), den Franciscaner Astesanus 
(,Summa Astesana^), den Dominicaner Bm. de St.-Con- 
cordia^in Pisa (,Summa Bartholina^), die Jesuiten Escobar, 
Sanok^z und Busembaum (Probabilismus) und die Mystiker. 

i'VATEB, Das Yerhaltniss der philosophischen zur christlichen Sitten- 
lehre, 4830* ScHRBiBBB, Das Princip der Moral in philosophischer, theo- 
logischer, christlicher und kirchlicher Bedeutung , 4827. Dblitzboh, Sjstem 
der hiblischen Psychologie, 4855* 

§. 570. Ueber das Verhaltniss der praktischen Theo- 
logie zur wissenschaftlichen und ihre Eintheilung: Baur, 
K. Im. Nitzsch, Schweizer: A) Theorie des Eürchenregiments; 
B) Theorie des Eirchendienstes: i) Theorie des Cültus: 
Liturgik und Homiletik; 2) Pastoraltheologie (Seelsorge), 
und zwar pfarramtliche und freie; 3) Halieutik (Theorie 
der gewinnenden Thätigkeit): Eatechetik und Theorie des 
Missionswesens. 

Bbistb , Die hedeutendsten Eanzelredner der altem lutherischen Kirche 
in Biographien etc., 4. u. 2* Lief., 4856. 

Anweisungen zur Führung des geistlichen Amtes 
finden sich schon in den Pastoralbriefen des Neuen Testa* 
ments und bei den apostolischen Vätern; femer bei Nie- 
meyer, Gräffe, Schlegel, Schwarz, Kaiser, Hüffell, Danz, 
Köster, Harms, Haas, Marheineke, Kromm, Graf. Liturgik: 
Ehrenfeuchter, Scheibler, Kahler, Gass, Horst, Fritsch, 
Funk, Fessler, Kapp, Vogelin, Höfling, Vetter, Klöpper, 



Neujiunddreisaigates CapüeL Theologie. 345 

Seisen, Ebrard. Homiletik: Dittenberger, Schott, Ammon, 
Tittmann, Marheineke, Dahl, Theremin, Kaiser, Grotefend, 
Chenevi^re, A. G. Schmidt, Sickel, Stier, Brand, Zerbl, 
Alt, Pahner. Katechetik: Rütenick, Gräffe, Dinter, Daub, 
Schwarz, Thierbach, Stern, Hirscher. Pastoraltheologie ^: 
Schweizer, Karsten, Hüflfell, Hupfeld, Dittenberger, Rothe, 
Wyss, Zyro, Nitzsch, Krünitz, Kindervater, Mirow, Jacobi, 
Straoss (, Glockentöne'), Tobler, Sailer, Planck, Schroter, 
Häglsperger, Hoffinann, Rüeff, Burk. Pädagogik: Kie- 
meyer, Schwarz, Krummacher, Denzel, Thilo, Heinroth, 
Wilmsen, Harnisch, Diesterweg. Pastoralmedicin: Krause, 
Mezler, Vering, Schreger, Bluff, de Valenti, Macher, Posner. 
Armenwesen: Degörando, Villeneuve-Bargemont, Duchatel 
undNaville, Wohlfahrt. Landökonomie der Geistlichen: 
Oemler, Schwabe, Krünitz. Theologisches Kirchenrecht: 
P&S^ Mörke, Böhmer, Mosheim, Wiese, Schuderoff, Schmalz, 
Walter, Stephani, Eschenmayer, Krug, Pahl, Eichhorn, Bickell, 
Rettig, Grolman, Klee, Stahl, Puchta, Richter, Bluntschli, 
Mejer; fordiepreussischeEorche: Bork; für die schweizerisch- 
reformirte Kirche: Meyer, Zyro, Bluntschli, Hundeshagen. 

^ HÜLLifANiVy Jus pontificium Rom., 1837. 

§. 574. Den Namen der Encyklopädie führte Mur- 
sinna (f 1795) in (üe Theologie ein, während ihn Juristen 
(Pütter) und Mediciner (Boerhaave) bereits fiir ihre Wissen- 
schaften zu brauchen angefangen hatten. Chrysostomos, ^Hegl 
tepoöüVTji;', Augustin, ,De doctrina christiana% Ambrosius, 
^e officiis ministronmi*, Cassiodor, ,De institutione divi- 
narum literarum^, Rhabanus Maurus, ,De clericorum institu- 
tione', Gerson, ,De reformatione theologiae', N, von Cle- 
mange, ,De studio theologico^, Erasmus, ,Ratio s. methodus 
compendio perveniendi ad veram theologiam' (vor der 2. Aufl. 
des Neuen Testaments, 4549), Melanchthon, ,Brevis ratio 
discendae theologiae'. A. Hm. Francke, 1708 — 23 (über ihn 
Gruericke, 4827), Mosheim, Semler, Herder, Nösselt, Planck, 
Kleuker, Daub, Schleiermacher, Berthold, G. S. Franke, 
StandUn, Danz, Rosenkranz, Harless, Lange, Pelt, Ciarisse, 
Kienlen, Bickersthal, Schaden, Hagenbach. Katholiken: 
Denina, Gerbert, Braun, Brandmeyer, Rautenstrauch, Ober- 
thür, Drey, Klee, Staudenmaier. 

Schwarz , Zur Geschichte der neaesten Theologie , i 8ö6 ; dazu 
K. Rosenkranz im Deutschen Museum, 1856, Nr. 35. 




346 Drittet Buch. Chresitnodoklologif. 

Vierzigstes Capitel. 
Historik. 

§. 572. Diesem Gebiete gehören eigentlich sämmtliche 
Wissenschaften an, da es ausser Gott nur Geschichte gibt. 
Das Wort Geschichte braucht man zunächst von Allem, 
was geschehen ist, also von allen Begebenheiten, die sich 
im Bamne und in der Zeit zugetragen. Ihr Gegenstand ist 
die Natur und innerhalb derselben vorzugsweise der Mensch. 
Die Geschichte des Menschen, worauf dieser Begriff zunächst 
beschränkt zu werden pflegt, zerfallt in Biographie, Special- 
oder Particular- und in allgemeine Geschichte, und letztere 
wiederum, nach einem äussern EintheUungsgrunde, in die 
der Vergangenheit (Geschichte im engem Wortsinn) und 
der Gegenwart (Staatenkunde, auch wol Statistik genannt); 
oder, nach einem iimem Eintheilungsgrunde, in die Ge- 
schichte der verschiedenen Arten , wie die menschliche Thä- 
tigkeit sich äussert, oder worauf sie sich richtet: mechanisch 
oder Geschichte der Erfindungen (Beckmann, Busch, Poppe), 
politisch oder Staats-, Ejiegs- und Bechtsgeschichte, cultur- 
historisch oder ästhetisch, scientifisch (Meusel), religiös und 
moralisch. 

RfiHS, Entwurf einer Propädeutik des historischen Studiums, 48ii. 
Beck, Anleitung zur genauen Kenntniss der allgemeinen Welt- und Yolker- 
geschichie, Yorzüglich für Studirende, 4788 — 1813. Wachlbs, Geschichte 
der historischen Forschung und Kunst seit Wiederherstellung der literari- 
schen Cultur in Europa, 4812. Ders., Von der sittlichen Wirksamkeit 
des Studiums der Geschichte, yor der vierten Ausgabe des Lehrbuchs der 
Geschichte, 1828. Tittmanm, Ueber Erkenntniss und Kunst in der Ge- 
schichte, 1817. Wachsmuth, Entwurf einer Theorie der Geschichte, 1820. 
W. Y. Humboldt, Ueber die Aufgabe des Geschichtsforschers, 1822. 
Gbbyimüs, Grundzuge der Historik, 1837- Vibtz, Das Studium der all- 
gemeinen Geschichte, 1844. Mbblbkbb, Die historischen Schuldisciplinen 
etc., 1831 — 35. Ders., Leitfaden zu Vorträgen über die allgemeine Welt- 
geschichte, 1835 u. 1840. Ders., Kilo, 1848. 

§. 573. Historische Hulfswissenschaften: Sprach- 
kunde (Adelung, Vater, de Sacy). Philosophie (Kant). 
Staatswissenschaften (allgemeine Statistik, 'Politik: allge- 
meines Staatsrecht, Justiz und Polizei, Diplomatie, EoiegS- 
wesen). 

Historische Grund- oder Elementarwissen- 
schaften: Chronologie (mathematische und historische), 
Geographie (reine und historisch -politische), Ethnologie, 



Vierxigsles CapiUl. BUtorik, 347 

Genealogie, Heraldik und Numismatik, Epigraphik und 
Diplomatik, Schriftstellerkunde (was versteht man unter 
Quellen der Geschichte, und in welche Bangclassen werden 
sie getheilt?). 

Historische Kunst (Lukianös: ^IIoc Stl Cc^p^ov oufypa- 
q>etvS Ghd. J, Voss, G. F. Creuzer). Historische Wahrheit; 
eine Geschichte ohne sie vergleicht Polybios (I, 14) mit 
einem Thier ohne Augen. ,Prima est historiae lex, ne quid 
falsi dioere audeat, deinde, ne quid veri non audeat^, und 
nadi Tacitus: ,Praecipuum annalium munus reor, ne virtn- 
tes sileantur, utque pravis dictisque factisque ex posteritate 
et in£Eunia metus sit/ Methoden historischer Darstellung: 
ethnographisch , geographisch , synchronistisch , chronolo- 
gisch, die pragmatische des Polybios (TupayttaTUc^^ Coropiac 
dbcoSst^). 

§• 574. Die Geschichte geht aus der Tradition hervor 
und hangt als Geschichtschreibung vorzugsweise von 
der Staatsverfassung ab, darmn gedeiht sie in despotischen 
Staaten nicht. Bei den Griechen wurde sie schon in der 
Periode der Freiheit durch Herodot (allgemeine Geschichte), 
Thukydides (Geschichte seiner Zeit) und Xenophon (Ge- 
schichte eigener Thaten und Biographie) nach allen Haupt- 
formen ausgebildet und hat deshalb keine weitem Fortschritte 
machen können K Die Leistungen der einzelnen Völker in 
der Historiographie sind im zweiten Buch nachgewiesen. 

1 Cbsuzbr, Historische Kunst der Griechen, 4803 n* 1845. Ulbici, 
Chsrakteristik der antiken Historiographie. Vossius, De hist. Graecis, i 654 ; 
neue Aufl. toa Westbrhahn 1838. 

§. 675. Eine Culturgeschichte kannte das Alterthum 
nicht, wenn auch mehre Aristoteliker, namentlich Theophrast, 
Dikäarch, das sittliche Leben der Volker zum Augenmerk 
nahmen. J& Yico wurde 4 725 der Bahnbrecher für die cultur- 
hiatorische Aufiassimg der Geschichte K Seitdem arbeiteten 
f&r dieses und auf diesem Gebiet: Voltaire, 4753 und 4756 
(ein mystisches Gegenstück dazu von Molitor, 4 827), Goguet, 
4758, Vierthaler, 4787, Majer, 4798, Gruber, 4806, Guizot, 
4838, Adelung, 4802, Gotsch, 4803, Wachsmuth, 4834, 
4850—52, Drumann, 4847, Klemm, 4847* Als Geschichte 
der Menschheit bearbeitet von Deutschen, theilweise auch 
von Englwdem und Franzosen: Iselin, 4764, Herder, 4785, 
Meiners, 4786, Eggers, 4786, Jenisch, 4804, Carus, 4809, 




348 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

Kolb, 4843, Apelt, 1845; Ferguson, 1766, Home, 1774, 
Dunbar, 4780, Walckenaer, 1798. Verwandter Tendenz: 
Weishaupt, 1788, Condorcet, 1795. Als Philosophie der 
Geschichte besonders von Deutschen: Koster, 1775, Les- 
sing, 1785, Kant, 1784 (und die Frage: ob das Menschen- 
geschlecht in bestandigem Fortschreiten zum Bessern be- 
griffen sei? 1798), Pölitz, 1795, Ancillon, 1796, Buchhok 
(, Darstellung eines neuen Gravitationsgesetzes für die mora- 
lische Welt', 1802), Fichte, 1806 (dazu als Caricatur Stutz- 
mann, 1808), Windischmann, 1827, F. v. Schlegel, 1829, 
Hegel, 1837, v. Cieszkowski, 1838, K. Hermann, 1849, 
Eisenhart (,Philosophie des Staats'), 1843. 

1 In seinen Principj di una scienza nuova intorno alla natura delle 
nazioni; deutsch von Weber 4822- Zur französischen Culturgeschichte 
Marcs nnd Manok 4855. 

§. 576. Die historische Chronologie führte Ephoros 
in die Geschichte ein. Scaliger, ,De emendatione tempo- 
rum', 1583, nennt die Chronologie die Seele der Geschichte. 
Petavius, 1583 — 1652. Larcher, 1726 — 1813. Gatterer, 1727 
— 99. Volney's ,Chronologie des Herodot', 1808. Lalande, 
1759—1806. Hegewisch, 1740—1812. Ideler, 1825—26. 

Die Chronologen sind speciell nachgewiesen von Mbrlekbb : Die histo- 
rischen Schuldisciplinen , Cap. 2; Lehrbuch der historisch - comparativen 
Geographie, Cap. 5; Kosmogeographie, Cap. 3. 

§. 577. Die Genealogie wurde in Frankreich durch 
Duchesne , in England durch Dugdale , in Deutschland 
durch Bittershusius (f 1670) in Altorf und Spener (f 1730) 
in Wittenberg bearbeitet, zur Wissenschaft durch Gatterer 
1788 erhoben. Es folgten Pütter, Koch, Voigtel, Dou- 
glas, Betham, Gordon. Der ,Gothaische genealogische Hof- 
kalender^ seit 1787, Gottschalk's ,Genealogisches Taschen- 
buch' seit 1832. 

§. 578. Die Heraldik (Heroldskunst) wurde in Frank- 
reich seit der Mitte des 17. Jahrh. von Gelliot, Pelliot und 
Menestrier, 1662, zuerst wissenschaftlich behandelt; in 
Deutschland erschien 1527 Rüxner's ,TumierbuchS 1690 
Spener's ,Insigniiun theoria'. üeber Münz-, Siegel- und 
Wappenkunde: Schmeizel, 1723, Gatterer, 1773 und 1792, 
Siebmacher, 1605 und 1772— 1806, Dorst, 1843—47, Bernd, 
1830—41, Kohne, 1841—42. 

§. 579. Zur Sphragistik: Heineccius, ,De siglis ve- 
terumS ^709, und Manni, ,Sopra i sigilli antichiS 1739. 



Vierzigstes Capitel. Historik. fU9 

Das Werk von Kohne: ,Münz-, Siegel- und Wappen- 
kundeS 1841. 

§. 580. Die erste Anleitung zur Numismatik oder 
vielmehr zum Münzsammeln gab 4577 der Spanier Ant. 
Agostino in seinen fast in alle Sprachen übersetzten ^ialogen^ 
Jacobo Strada und Octavio Strada regten in Italien für das 
Sammeln an. Wfg. Lazius (Leibarzt bei Kaiser Ferdinand I. 
um 1560) machte zuerst Anwendung von den römischen 
Münzen zur Erläuterung der Geschichte. Hb. Goltz beach- 
tete zuerst auch die griechischen Münzen. Forschungen von 
Vaillant, Spanheim, Pellerin, Eckhel, Sestini, Mionnet, 
Frähn, Mader, Lelewel. 

ScHLiOHTBGBOLL, Geschicbte des Studiums der alten Münzkunde, 4841. 
Gbbiiard's Archäologische Zeitung. Wurm, De ponderum, nummorum et 
mensaramm rationibus apud Rom. etGraec, 4824* Böokh, Metrologische 
UnlenraLchungen über Gewichte , Münzfüsse und Masse des Alterthums , 4 838- 
Ueber byzantinische Münzen Saulct und Fbiedlandbr; über asiatische 
(mohammedanische) Dobn und Saweljbw in Petersburg. Zur Geschichte 
der Metallurgie W. Jones, Inquiry into the precious metalls, 4834. 

§. 581. Sammlungen fiir die Epigraphik begannen 
schon im 47. Jahrh. : Ferreti, Falconer, Smet, Gruter, 
Reinesius, Fleetwood, Gori, Gudius, Muratori, ChishuU, 
Pococke, Mazocchi, Chandler, Faciaudi, Biagi, Marini, 
Torremuzza. Inschriften des Alterthums von Osann, 1822, 
Bockh und Franz, 1828 fg., Welcker, Orelli, Franke, 
Richter. 

Kopp, Palaeographia critica, 4847—^29. Fbanz, Elementa epigra- 
phices Graec, 4840* 

§. 582. Für Diplomatik (verschieden von Diplomatie): 
Leuber, Conring, Papebroek in Antwerpen, 1675, Mabü- 
louj 1681, Maflfei, 1727, Heumann von Teutschenbrunn, 
1745 — 53, Toustain und Tassin, 1750 — 65 (deutsch von 
Adelung imd Rudolph, 1759 — 69), Gatterer, 1798, Schone- 
mann, 1800 fg. Die Grundsätze über die zweckmässigste 
Anordnung der Archive sind erst in neuerer Zeit, nament- 
lich von Oegg, 1804, und Oesterreicher, 1806, als Archiv- 
wissenschaft besonders behandelt worden. 

Zeitschrift für Archivkunde, Diplomatik und Geschichte von Höfer, 
Ebhabd and Medbh seit i833. Ghillamy, Diplomatisches Handbuch etc., 
1856. 




35Q DrUUi Buch. Chresimodoktologie. 

Einundvierzigstes Capitel. 
Geographie. 

§. 583. Geographie und Geschichte sind so eng yer- 
schwistert, dass man jene die Fackel der Geschichte, diese 
das Auge der Geographie genannt hat. Die Entdeckungen 
der einen erweitem die Grenzen der andern. Zugleich leitet 
die Geographie, nach der Auffassung K. Ritter^s, ron der 
Geschichte zu den Naturwissenschaften über. Eintheilung 
in die allgemeine oder reine (mathematisch-astronomische 
und physische) und in die historisch -politische Geographie'. 
Meine ,Kosmogeographie^ (1848) enthält folgende Unterabthei- 
lungen: 4) Kosmologie (Kosmogonie und Kosmograpbie 
oder Astronomie); 2) Geologie: a) Atmosphärologie (Kli- 
matographie, Phytogeographie, Therogeographie, Meteoro- 
logie); b) Hydrologie (Hydro- und Oceanographie, Potamo- 
graphie, Limnographie) ; c) Geistik (Thetik, Magnetologie, 
Oro- und Planologie, Nesogeographie); 3) Topik oder 
Chorographie; 4) Ethnologie und Ethnographie^; 5) hi- 
storisch-politische Geographie (Uebergang zur Stati- 
stik und Staatenkunde). Die Geschichte der Geogra- 
phie ist zugleich eine Geschichte der geographischen Ent- 
deckungen, der Schiffahrt, des Handels und der Colonien^. 

1 V. ZiMMEBMANH, Geographische Geschichte der Menschen, 4778» und: 
Die Erde und ihre Bewohner, 1840. Bbbohaus, Allgemeine Länder- nnd 
Völkerkunde, 4 84 6 fg., und: Die Völker des Erdhalls, 4845—47. — > Bbck- 
MAK», Literatur der Reisebeschreihnngen, 4807 — 40* Bbbohaus, Grescfaichte 
der Schiffahrt, 4792. Geschichte des Handels Ton Abdebsoh 4763 
(deutsch 4773), von Hoffmann 4844, HGllmanb (der Griechen, 4839). 
Ambilhott, Hist. du commerce etc. sous le r^gne des Ptolem., 4766. 
Sfbbnobi., Geschichte der wichtigsten geographi^hen Entdeckangen (bis 
4542), 2' Aufl., 4792, Maltb-Bbun 4842, Zbune 4844. Mbblbbbb, Lehr- 
buch der historisch - comparatiyen Geographie, 4 839 — 43 ; Buch I: Geschichte 
der Geographie, 4839. LdwBNBBBO, Geschichte der Geographie, 4840. 

§. 584. Obgleich die Geographie in ihren drei Haupt- 
theUen durchaus von andern Wissenschaften abhängig ist, 
in dem mathematischen Theile von der Astronomie, in 
dem physikalischen von den Naturwissenschaften, endlich 
in dem historisch-politischen Theile von der Geschichte 
und Staatskunde, so hat dennoch E. Ritter in der compa- 
rativen oder vergleichenden Geographie eine eigene 
Wissenschaft hervorgerufen, welche die grossen Gebiete 



Einundvierxigstes Capüel. Geographie. 2S>\ 

der Historie, Staatskunde und tellurischen Physik umfasst. 
Seine Nachfolger sind Reichard, Karcher, Schirlitz, Biller- 
beck und Sickler, Berghaus, Selten, Hochstetter, Zeune, 
Vogel, Reuscher, Voigt, Schuch, Rougemont, Denaix, 
Volger, Merleker. Unter seinen Vorgangem war Ptolemaos 
durch \ 4 Jahrhunderte der Lehrmeister der Araber und Ger 
manen; Vadianus begründete 4548 die geschichtliche Bear« 
bdtung der Geographie; Seb. Miinster erwarb sich durch 
seine ,Cosmographia^ 1544 den Beinamen des neuem Strabo. 
Kopemicus' Werk ,De revolutionibus corporum coelestium^ 
erschien 4543, Kepler^s ,Astronomia^ 4609, seine ,Harmo* 
nioes mundi lib. V^ 4649. Cp. Cellarius wurde 4686 mit 
sein» ,Geographia antiqua^ der eigentliche Bahnbrecher in 
der Bearbeitung der Geographie des Alterthums; ihm folg- 
ten d'Anyille, 4782, Dureau de Malle, Delille, Voss, 4780 
(,Ortygia'), Mannert, 4788, Gosselin, 4790, Heeren, ükert 
u. A. Junker^s ,Anleitung zur Geographie der mittlem 
2ieiten% 4742. Büsching ist 4754 Begründer der wissen- 
schafUichen neuem Geographie. Auch die vergleichende 
Geographie fand schon 4784 in Mentelle einen Bearbeiter. 
Gatterer strebte 4793 nach naturgemässer Bearbeitung der 
Geographie. Kantus , Physische Geographie^ 4802. Zeune^s 
,GäaS 4808. Seitdem Linne (4707—78) und Buffon (4707 
— 88) das Studium der Natur mit philosophischem Geiste 
erfitfst, Wemer (4750 — 4847) und Lp. v. Buch das Stu- 
dium der Geologie, Blumenbach (4752 — 4838) die Verbrei- 
tung des Menschen nach localen Bedingungen, Zimmermann 
(4743 — 4845) die geographische Verbreitung der Thiere, 
Alz. T. Humboldt und Schouw die geographische Verbrei- 
tung der Pflanzen in das Gebiet der Geographie einzufahren 
wnssten^ ist die Literatur der physikalischen Geographie, 
deren Begründer der Franzose Buache, 4745, imd der 
Schwede Bei^mann, 4773, sind, zu einer überraschenden 
Fülle angewachsen: Hoflmann, Kamptz, Berghaus, K. v. 
Baumer u. A. Für mathematische Geographie : Bode, 
Schmidt^ Littrow, Madler. Das aus 23 Bänden bestehende, 
bei keiner Nation in gleichem Umfange anzutreffende geo- 
graphische Werk von Hassel, Guths Muths, Cannabich, 
Ukert, Gfaspari u. A. Geographische Gesellschaften zu Paris 
4849, Berlin 48S8, London (Royal geogr. Society) 4830. 

PsTBBifAMN, Mittheilungen aus der geogr. Anstalt von Psrtbgs. 




353 Drittes Btich. Chrenmodoktologie. 

§. 585. Die Kartographie weist Landkarten nach seit 
Anaximander (600 v. Chr.). Der xoö^^S^ ictvaS des Ari- 
stagoras soll eine Arbeit des Hekataos von Milet gewesen 
sein. Globen hat man seit Archimedes (220 t. Chr.) und 
Poseidonios. Die Benennung Atlas ist durch den Erfinder 
einer verbesserten Frojectionsmethode Gh. Kaufiofiann (Mer- 
cator), 1580, eingeführt. Seekarten des Spaniers Kunez 
(f 1 577) und Wright's. Karten von Giovanni Domenico Cassini 
und J. JBapt. Homann, 1 73i — 60 ^. Die brauchbarsten Atlanten 
der neuesten Zeit sind: für die Kosmologie der Himmels- 
atlas von Bode (nebst denen von Littrow, Mädler und 
Kieding), far die Geologie der physikalische von Berghaus 
und der chorographische von v. Lichtenstem, für die 
historisch-politische Geographie die von v. Spruner, Löwen» 
berg, Stieler, Kiepert, Reichard, Euruse, Arrow-Smith, 
Riihle v. Lilienstem, Worl, Beymann, Grimm, Sohr u. A. *. 
Die Reliefkarten. 

1 Santarem, Essai sar l'hist. de la cosmogr. et de la cartographie etc., 
1849. Lblewbl, Geogr. da monde ä 1851* t— ^ Borbstadt, Allgemeine 
geogr. und Statist. Verhältnisse in graphischer Darstellung, 4846. 



Zweiundvierzigstes Capitel. 
Naturwissenschaften. 

§. 586. Je nach der Art der Stoffe, ihrer Verbindungen 
und Wirkungsweisen, die als Object der Untersuchung dienen, 
hat man das Studium der Natur in einzelne Doctrinen ge- 
sondert, die aber allseitig ineinander greifen und in Wahr- 
heit nur ein Ganzes bilden. Alx. v. Humboldt's ,Kosmos' 
strebt danach, diese Disciplinen im allgemeinen Zusammen- 
hange zu zeigen, die Astronomie, Geoguosie und Geologie, 
Mineralogie, Physik, Chemie, Phytologie, Zoologie, Antlu'o- 
pologie, Biologie. 

CoTTA und SoHALLBB, Briefe Über den Eosmos, 4848 — 52. Klbnckb, 
Katurbilder aus dem Leben der Menschheit, in Briefen an Alx. t. Humboldt. 
Brown, Geschichte der Natur. Bubheisteb, Geschichte der Schöpfung. 
Orstbd, Geist in der Natur. Volobb, Schule der Naturgeschichte, 4854. 
Laobp^db, Yue generale des progres des sciences nat., 4822. Cuyibb, 
Hist. des sciences nat. depuis leur origine , 4 844 , neue Ausg. von St.-Aoy, 
4845. Zur Geschichte der Erfindungen: Beckmann, Busch und Dobndorf. 
Enqblmann, Bibl. mechanico-technologica, medico-chirurgica, pharmaceuto* 
chemica, 4834 fg. L. Boss, Bibl. physico-medica für die Zeit you 4824 an. 
Fbaubnstadt, Die Naturwissenschaft in ihrem Einfluss auf Poesie, Beligion, 
Moral und Philosophie, 4855. 



Zweiundvierzig slea Capilel. Naturwissenschaften, 353 

§. 587. Die Astronomie zerfällt in die sphärische, 
physische, theoretische oder praktische (Uranoskopie), in 
die geographische und nautische. Ihrem Gebiet gehören 
auch die astronomische oder mathematische Chronologie, 
die Geodäsie und Guomonik an. Sie beruht auf der Mathe- 
matik, Mechanik, Optik und Physik und würde nicht un- 
passend Physik des Himmels heissen dürfen, wie Laplace 
sie Mechanik des Himmels genannt hat K Eine wissen- 
schaftliche Bearbeitung der Astronomie ging erst aus der 
alexandrinischen Schule hervor*. Der eigentliche Vater 
der Astronomie und grosste Astronom des Alterthums ist 
Hipparchos aus Nikäa (f 125 v. Chr.), zugleich Urheber 
der stereographischen Projection. Sammler und Bearbeiter 
der gesammten Astronomie des Alterthums ist Ptolemäos 
(160 n. Chr.), nach welchem auch das System der Planeten- 
bewegungen benannt ist, dessen Verworrenheit Konig Al- 
fons X. (der Weise) von Castilien (1252 — 82) so charak- 
terisirt: si a principio creationis dei altissimi consilio inter- 
-ftdsset, nonnulla melius ordinatiusque condita fuisse. Die 
Reformen dieses Systems erfolgten durch Kopemicus (1472 
— 1543), Kepler (1571—1630), Galilei (1564 — 1642) und 
Newton (1642 — 1727) in seinen ,Principia mathematica phi- 
losophiae naturalis'. Damit war die Gesetzgebung des Him- 
mels beendigt, und die spätem Astronomen haben nur die 
Beweise liefern dürfen: Herschel, Bessel, Laplace (,Meca- 
nique Celeste'), Gauss (, Theoria motus corponun coele- 
stium') u. A. 

1 Ihre Geschichte von Weidlbr 4741 , Bailly >I775, Dblambrb 4817, 
liAPLACE. Lehr- und Handbücher von Biot, Lalandb, Schubert, De- 
LAMBEE, WooDHOusE, Brandes , LiTTRow, PiAzzi (dcutsch Yon Westpha()y 
MIdlbb. — 2 Schaubach, Geschichte der griechischen Astronomie bis 
Eratosthenes , 1802- 

§. 588. Die engverschwisterten Wissenschaften der 
Geognosie und Geologie verdanken erst der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrh. ihren Ursprung i. Werner (1750 — 
1817) ist Schöpfer der Geognosie. Seine Ansicht des 
Neptunismus vertraten Saussure (1740 — 99)% Charpentier, 
Kühn, Voigt. Dagegen wurde durch Hutton, Breislak, 
Elie de Beaumont, Lp. v. Buch u. A. der sogenannte 
Plutonismus geltend gemachte Die Oryktologie oder 
Petrographie , einen Theil der Geognosie, forderten Oeyn- 
hausen, V. Dechen, Naumann, Bronn*, Alx. Brongniart-, 

Merleksr. ^^ 



354 Drittes Buch, Chresimodoktologie, 

Beudant, Dufrenoy, Murchison, Buckland*, Conybeare, * 
M'Culloch, Sedgwick, Scrope. Die Gletschertheorie von 
Agassiz, Hugi und Petzholdt. Für die Flora der Urwelt: 
Sternberg, Brongniart, Göppert und Cotta. Für Ejiochen 
höherer Thiere: Cuvier, Kaup und Jäger, Koch ^. Für 
Fische: Agassiz. Für Conchylien u. s. w.: Sowerby, Brocchi, 
.Deshayes, Goldfiiss, Bronn, v. Buch, Graf Münster (dessen 
reiche Sammlung in München). Für besondere Gegenden 
und Gebirge: Saussure für die Alpen (auf dem Montblanc, 
4787); Pusch für Polen; v. Zieten für Würtemberg; Komer 
für Norddeutschland; v. Buch für die Canarischen Inseln; 
derselbe und Hausmann für Norwegen und Schweden; 
Wahlenberg für die Elarpaten u. s. w. 

1 Lehrbücher von Lbonhabd, Lyell (deutsch von Hartmann), Bhd. 
Cotta, Mantell. Guyiek, Disc. sur les reYol. de la surface du globe, 
6. A., 4830 (deutsch von Nöggerath 4830). y. Hopf, Geschichte der 
durch XJeberlieferung nachgewiesenen Veränderungen der Erdoberfläche, 4899' 
Link, Urwelt und Alterthum, 4824 u. 4834. Waonbb, Geschichte der 
Urwelt, 4844. F. Hoppmann, Geschichte der Geognosie, 4838. — ^ Seine 
Voyages dans les Alpes, 4 Bde., 4779 — 96. — * Systeme von Keperstbih, Bovb, 
Alx. y. Humboldt u. A. — ^ Geschichte der Natur und Lethaea geogno- 
stica, 4 834— 38. — ^ Reliquiae diluvianae , 4 823. Bopp, Diluvium, 4829. 
Geinitz, Versteinerungslehre, 4846. — ^ Die Riesenthiere der Urwelt, 4845. 

§. 589. Die ersten Versuche wissenschaftlicher Behand- 
lung der Mineralogie machte G. Agricola im 16. Jahrh. 
Systeme der Schweden Wallerius, 1772, und Cronsted, 1758. 
Wemer's empirische Methode der Mineralbeschreibung. 
Hauy's Untersuchungen über die Krystallformen. Die natur- 
historische Methode von Mohs, Jameson, Allan, Heidinger, 
Breithaupt. Die chemische Classification von Berzelius, 
V. Kobell und Blum. Der Isomorphismus von Leonhard, 
Beudant, Weiss, Naumann. Für Krystallographie : 
Weiss, Rose, Naumann. 

Hoffmann, Handbuch der Mineralogie, 4844 — 48* 

§. 590. Die Physik oder Naturlehre wird eingetheilt 
in die mechanische, in die Lehre von den Imponderabilien, 
in die Meteorologie, Experimental- und mathematische 
Physik. Ihre Geschichte von Murhard, 1798, Fischer, 1801. 
Gehler's ,Physikalisches Wörterbuch'. Das ,Handwörterbuoh 
der Chemie und Physik' von August, Barentin, Dove u. A. 
Poggendorf s (früher Gilbert's) ,AnnalenS Fechner's ,Reper- 
torium' und das durch Dove und andere berliner Physiker 
seit 1837 besorgte. 



Zweiundvierzig 8tes Capitel. Naturwiesenschaflen. 355 

Lehrbücher von Baumqabtner, Biot (bearbeitet von Fechmeb), 
Brandes, PouiLLET (bearbeitet von Müller), Müller, Götz, Buff, 
Scholz, Fischer (bearbeitet von August). Annales de chimie et de 
physiqne. ^ 

§•591. Die physischen Philosophen der Griechen, des 
Pythagoras Monaden, die atomistischen Ansichten des Leu- 
kippos und Demokritos, die naturhistorischen Schriften des 
Aristoteles und Theophrast, Lucrez' Gedicht ,De rerum 
natura^, Seneca's ,Quaestiones naturales', Plinius' ,Historia 
naturalis^ Die Araber als Pfleger der Naturwissenschaften. 
Koger Baco, f 4294. Baco von Verulam, f 4626. Galilei 
(Gesetze des Falls und des Pendels). Torricelli (Baro- 
meter). Kepler (elliptische Planetenbahnen). Otto von 
Guericke (Luftpumpe). Descartes stürzt die scholastisch- 
Aristotelische Physik. 

§. 592. Für Experimentalphysik in England Boyle 
und Hook, in Italien Borelli und Grimaldi, in Frankreich 
Pascal, Mariotte und Picard. Die londoner Societät, 1650 
(Wallis, Wren, Huyghens), pariser Akademie, florentiner 
Accademia del cimento. Newton's Gravitationslehre. Ther- 
mometer. Entdeckung der Gasarten , Lehre von der Elektri- 
citat, Erfindung der Blitzableiter und des Galvanismus, Pola- 
risation des Lichts, Verwandtschaft der Elektricität und des 
Magnetismus u. s. w. Franklin, f 4790, Priestley, f 4804, 
Black, t 4799, Galvani, f ^788, Lichtenberg, f 4 799, 
Richter, f ^808, Ritter, f 4840, Cavendish, f 4842, Malus, 
t 4842, Volta, f 4827, Davy, f ^829, Ampere, f 4836, 
Oersted, f 4854, Biot, Faraday, Brewster, Gay-Lussac, 
Wohler, Deville, Fechner, Pfaff, Dove, Seebeck, deLarive, 
Arago, Schweigger, Regnault, Gauss, Weber, Poggendorf, 
Keumann. Der mineralische ^, thierische ^ und tellurische 
Magnetismus. Die magnetischen Vereine durch Alx. v. 
Humboldt, Dove, Gauss, Weber, und ihre Berichte. Den 
Diamagnetismus fand Faraday 4846, den Elektromagne- 
tismus Oersted 4 820 , den Thermomagnetismus Seebeck. 
Die Elektricität des Bernsteins (Thaies, Theophrast). 
Gilbert's Verzeichniss der durch Reiben elektrisch werdenden 
Korper, 4600. Gnericke's Schwefelkugel als erste Elektrisir- 
maschine. Hausen's Maschine, 4750. Kleist's Leydener 
Flasche, 4745. Franklin's unitarische Theorie, 4750, Sym- 
mer's duaUstische, 4759. Volta, Galvani (Darstellung des 
Galvanismus und Magnetismus als tellurische Grundkräfte )*. 

23* 



356 Drilles Buch, Chresimodoktologie. 

Oersted, Seebeck, Davy, Fechner, Ohm, Faraday, deLarive, 
Becquerel, Daniell, Poggendorf, Jacobi, Pfaff u. A. Zur 
Akustik: Baco, Galilei, Newton, Lagrange, Euler, La- 
place, Chladni, Savart, Cagniard de Latour, Trevelyan, 
Leslie, Faraday, Marx, Wheatstone, Willis, W. Weber, 
Pelliso w, Ampere, Strehlke, Müttrich. Zur Meteoro- 
logie: Kämptz, Alx. V. Humboldt, Lp. v. Buch, Franklin, 
Saussure, Deluc. Torricelli's Barometer, 1643. Drebbel's 
Thermometer, 1638. Meteorologische Societät in Manheim 
durch den Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz und ihre 
,Ephemeriden'. Zur Atmosphärologie : Deluc ^ und Dove*8 
Gesetz der Stürme. 

1 Becker 4829. — * Kluge 1844, Stieglitz und Hüfbland 4846. — 
3 Recherches sur les modifications de Tatmosphere, 4772; deutsch von 
Gehler 4776—78. 

§. 593. Die ersten Spuren einer wissenschaftlichen Me- 
chanik finden sich in den Werken des Aristoteles, doch 
ist Gründer der theoretischen Mechanik erst Archimedes. 
Unter den Alexandrinern Ktesibios, Anthemios, die beiden 
Heron. Seit 1577 Guido Ubaldi, der Marchese del Monte, 
Benadette, Tartalea. Sim. Stevinus stellte ein System der 
Statik und Hydrostatik auf und Valerius bildete die Lehre vom 
Schwerpunkt aus. Galilei, Torricelli, Huyghens, Borelli, Ro- 
berval, Descartes, Mersenne, Wallis, Wren, Newton^ J. Ber- 
noulli und Dn. Bemoulli, Mariotte, L'flopital, Euler, d'Alem- 
bert, Lambert, d'Arcy, Lagrange (,Mecanique analytique'). 
Schriften von Poisson, Bezout, Francoeur, Prony, Robinson, 
Gregory, Playfair, Whewell, Karsten, Kästner, Eytelwein, 
V. Baader, Langsdorff. Die Statik zerfallt in Geostatik, 
Hydrostatik, Aerostatik; Statik der Gewölbe, des Land- 
baus: V. Wulffen, 1830, Hlubek, 1841. Ihr Gegensatz ist 
die Dynamik, worauf für die Musik Nägeli eine eigene 
Lehre gründete. 

Poppe, Mechanik des 48. und 49. Jahrb., 4807, und Geschichte der 
Technologie, 4807 fg., und die reiche Literatur über die Technologie 
unten §. 6li. 

§. 594. Das unter dem Namen des Euklid auf uns ge- 
kommene Werk über Optik behandelt nur die scheinbare 
Grösse. Im Mittelalter schrieben über Optik: Peckham, 
Roger Baco, Maurolycus, Aquilonius, Porta, in neuester 
Zeit Herschel und Brewster. Ueber Dioptrik imd Kat- 
optrik: Alhazen, 1150, Peckham, Baco, Maurolycus, 1500, 



Zweiundvierzigstes Capitel. Naturwissenschaften, 357 

Porta, \ 600 , Baco von Verulam, i 620. Erfindung der Brillen 
zu Anfange des 14. Jahrb., des Femrohrs 1590 (1610?), 
des Mikroskops zu Anfange des 17. Jahrh. Kepler, Richer, 
Scheiner, Snellius, Descartes (,Dioptrique', 1639), Newton 
( ,Optics' , 1704), Bayle , Huyghens , Gregori , Barrow, 
Lahire, Mariotte, Grimaldi und Hooke, Dollond, Euler 
(^Dioptrica% 1769 — 71), Clairaut, d'Alembert, Bouguer und 
Lambert^. Die Photometrie hat Bouguer zuerst wissen- 
schaftlich behandelt^ vollständiger Lambert, 1760. Die 
mathematische oder Linearperspective durch Albr. Dürer 
und Leonardo da Vinci ausgebildet. Gründer der Farben- 
oder Luftperspective ist Jan van Eyck; in Italien gilt 
'dafür Paolo Uccello in Florenz zu Anfange des 15. 
Jahrh. *. 

1 £[l6oel, Analytische Dioptrik, 4778. Littrow, Dioptrik, oder 
Anleitung zur Verfertigung von Fernröhren, 4830. Prkchtl, Praktische 
Dioptrik, 4828. — * Valencibnnes Praktische Anleitung zur Linear- 
nnd Luftperspective (deutsch 4803). Jakobi, Praktische Anleitung zur 
Perspective, 4824. 

§. 595. Die Chemie wird eingetheilt in die theoretische 
und praktische und letztere in die analytische und technische, 
die gerichtliche und polizeiliche. Ihre Geschichte von Wieg- 
leb, 4796, Grmelin, 1797, Dumas (deutsch von Rammelsberg), 
Tromsdorff, 1800, Thomson, 1830, Höfer, 1842, Kopp, 1843. 
Das phlogistische System von Stahl und Becher zu Ende 
des 17. Jahrh. Das antiphlogistische durch Black, Marg- 
graf, Scheele, Priestley, CavendishundLavoisier, 1764 — 94. 
Klaproth, Tennant, Wollaston, Davy, Fourcroy, Vauquelin, 
Wenzel, Richter, Bergmann, Berthollet, Dalton, Proust, 
Berzelius, Rose, Mitscherlich, Gmelin, Stromeyer, Dobe- 
reiner. Brunner, Karsten, Gay-Lussac, Thenard, Persoz, 
Regnault, Peligot, Turner, Graham, Chevreuil, Pelletier? 
Liebig, Zeise, Bunsen, Erdmann, Kane, Mulder u. s. w. 

Lehr- und Handbücher von Berzelius, Gmelin, Liebig, Graham, 
Mitscherlich, Dumas (deutsch von Engelhardt)» Das Wörterbuch von 
LiEBio, AVöiiLER und Poggendorf. Die Jahresberichte von Berzelius 
(deutsch von Wähler). Bischof, Lehrbuch der Stöchiometrie , 1819. 
Rammblsberg, Stöchiometrie, '1842. Karsten, Philosophie der Chemie; 
ebenso Dumas (deutsch von Rammeisberg 1839). Rose über analytische 
Chemie. Schubartii für technische Chemie. Zeitschriften: Poggendorf's 
Annalen, Liebig's und Wöhler's Annalen der Chemie und Pharmacie, 
Erdmann's und Marchand's Journal für praktische Chemie, Annales de 
chimie et de physique und Journal de chimie et de pharmacie. Fbchner, 
Pharm aceutisches Centralblatt, 1830 — 34, von Weinlig 1835 — 43; s. unten 
§. 608. .Die Geschichte der Alchemie (Alchymie) von Schneider 1832. 



358 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

§. 596. Phytologie: Botanik, Phytonomie, Phytotomie, 
Morphologie, Organologie, Phytophysiologie, Phytochemie, 
Terminologie oder Horismologie, Toxonomie, Phytographie 
und Phytogeographie, Phytopathologie, Phytotherapie, Phyto- 
geologie. Theophrast, Dioskorides. Die ersten Spuren eines 
botanischen Gartens 1309 zu Salemo. O. Brunfels, f 4534. 
Hrs. Bock, 1498 — 1554. Kr. Gesner. Jo. Camerarius. 
Mthi. de L'Obel, 1538—1616. Kp. Bauhin, 1560—1624. 
Morison, 1620 — 83. Ray, 1628 — 1705. Linnö, 1760, Jus- 
sieu (natürliches System, 1789), Brown, DecandoUe, Mar- 
tius, Endlicher, Link, Meyer, Schieiden. 

Sprengel, Geschichte der Botanik, 4817 fg. E. Meter, Gescbicfate 
der Botanik, 485i fg. Bischoff, Lehrbuch der Botanik, 4834 — 44. 
Mb YEN, System der Pflanzenphysiologie, 4837 fg. Schleiden, Grondriss 
einer wissenschaftlichen Botanik, 4841 — 43* Ders., Die Pflanze, 4848* 
Endligher und Unobr, Handbuch der Botanik, 4843. Alx. t. Humboldt, 
Ideen zn einer Geographie der Pflanzen, 4805. 

§. 597. Für Zoologie: Aristoteles, Plinius, Aelian. 
Belonius, Rondelet und Gesner. G. Marggraf, Hemandez. 
Linne, 1735; sein Gegner Buffon. Cuvier. Oken. Kei- 
chenbach. 

Van Hoeyen, De aucta et emendata zoologiä post Linnaei tempora, 4 848. 
WiEOMANN, Handbuch der .Zoologie, 4843. Cuyieb (deatsch Ton Voigt 
4 334 — 43). Oren , Allgemeine Natargeschichte, 4833 — 38. Beicsbnbach, 
Vollständigste Naturgeschichte , 4 845- Schinz , Systematisches Verzeichniss 
aller bis jetzt bekannten Säugethiere, 4844. Für Ornithologie: Vaillant, 
ViEiLLOT, Temmink, Audübon, Goüld, Lesson u. A. Gray, The genera 
of birds etc., 4844 (etwa 350 Tafeln). Meiner und Wolf, Taschenbuch 
der deutschen Vögelkunde, 483^. Naumann, Naturgeschichte der Vogel 
Deutschlands, 4822 — 47. Zur Herpetologie: Dümb&il und Bibron, 
4834 — 42. Zur Ichthyologie: Cuvier, Valenciennes , Aoassiz, 
J. Müller, Henle, Yabrell u. A. Aeltere Ichthyologen sind Lagep^de 
und Bloch (Oekonomische Naturgeschichte der Fische Deutschlands, 4782). 
Tscheiner, Der wohlerfahrene Fischmeister, 4821. Niemann, Abriss des 
Fischwesens, 4804, und Vollständiges Fischbucb, 4825- Bcrmeisteb*s 
Handbuch der Entomologie, 4832. Kirby und Spencb, Entomologie 
(deutsch von Oken 4823). Martini und Chemnitz, Neues systematisches 
Conchyliencabinet, 1769 — 95. Reewes, Kiener, Ferüssac und Ross- 
massler, Ikonographie der europäischen Land- und SüsswassermoUuskeD, 
4836. üeber Anneliden: Savigny, Milne Edwards, Audouin, Leukabdt. 
üeber Zoophyten: Schweioger, Blainville, Ehrenberg, Milne Edwards, 
Johnston, van Beneden. Ueber Entozoen: Zeder, Götze, Rudolphi, 
Bbemseb, Nitzsch, Creplin, Tschüdi, Leuckardt, Diesing, J. M6llbb, 
Siebold, Blainville, Owen, Delongchamps, Cloquet. Rapf, Ueber 
Polypen im Allgemeinen und die Aktinien insbesondere, 4829. 

§. 598. Theile der Anthropologie: Somatologie, Ana- 
tomie, Physiologie, Psychologie, Dynamik. Hartmann, 
Steffens, Heinroth, Berger, Hillebrand, Schulze, y, Baer, 



Dreiundvierzigstes Capilel. Heilkunde, 359 

Burdach, Reichlin-Meldegg. Kant's ^Anthropologie^ Carus, 
ySymbolik der menschlichen Gestalt^, 1853. 



Dreiundvierzigstes Capitel. 

Heilkunde. 

§. 599. Biologie gleichfalls eine Disciplin der Natur- 
wissenschaften, daher wol eigentlich Heilkunst richtiger 
als Heilkunde; sie steht, wie Pädagogik und Kriegskunst, 
entre deux und erregt Zweifel in Betreff der Classification. 

Trbyiranus, Biologie, oder Philosophie der lehenden Natur, 4802—22, 
und Gesetze nnd Erscheinungen des organischen Lebens, 4834 fg. Hufb- 
land's Makrobiotik. Moser, Die Gesetze der Lebensdauer, 4839* Krause, 
Trsctatus longam bominum antediluvianorum Titam a dubiis vindicans , 4 797. 
Spbbngbl, Geschichte der Medicin, 4792 u. 4824; neue Aufl. von Rosen- 
baum 4844. Choxjlant, Tafeln zur Geschichte der Medicin, 4822. Prosob; 
und Plo88, Medicinisch- chirurgische Encyklopädie für praktische Aerzte, 
4853—56. 

§. 600. Die alten Therapeuten und Chirurgen: 
Asklepios, Podaleirios und Machaon; Philoxenos, Gorgias, 
Sostratos, Heron, ApoUonios, Ammonios, Tryphon, Megas, 
Philogrios; Celsus, Galenos, Antius, Paul von Aegina, Oriba- 
eins, Archagathos. — Die Araber Abulkasis, Bhazes, Ali- 
ben-Abbas, Avicenna, Ibn Sohar. — Baderzunft in Frank- 
reich, als 1096 Erzbischof Wilhelm zu Ronen das Tragen 
der Barte verbot. CoUegium der Chirurgen zu Paris, 1271, 
Eintritt Lanfranc's, 1295. Seitdem in Frankreich: Gay v. 
Chauliac, 1363, Ambroise Pare , 1509—90, Guillemeau, 1550 
— 1612, Garengeot, 1688 — 1759, de la Motte, 1655—1703, 
Morand, 1697—1773, Quesnay, 1694 — 1774, A. Louis, 
4723 — 92, Petit, Ledran u. A. Fr. de la Peyonie ist Stifter 
der Academie de Chirurgie, 1731, Desault, 1744, Schöpfer 
der chirurgischen Anatomie. Sabatier, Percy, Boy er, Del- 
pech, Larrey, Dupuytren. — In Italien: W. v. Saliceto, 
4470, Pt. de la Cerlata, 1480; im 16. Jahrb.: J. de Vigo, 
Beniveni, Maggi, J. de Romani, Fem, Vido Vidius, Della 
Croce, Tagliacozzi, Fabricius ab Aquapendente; im 17. Jahrb.: 
Severinus; im 18. Jahrb.: Molinelli, 1702—64, die beiden 
Nannoni in Florenz, Palluci, Bertrandi, 1723 — 65, Flajani 
in Rom, 1786, Paletta in Mailand, 1790, Assalini, 1792, 
Vacca Berlinghieri, Scarpa, 1750 — 1814. — In England: 
Wiseman, das College of surgeons; im 18. Jahrb.: Cheselden, 



360 ßriuea Buch. Chrestmodoklologie. 

4688—1752, Sharp, Monro, Percival, Pott, William Hunter 
und John Hunter, Bj.Bell, Alanson, Keate, Pearsqn, Earle, 
John Abemethy, Latto u. s. w. ; im 1 9. Jahrh. : Home, Lawrence, 
Hey, Ch. Bell, Hodgson, Travers, Howship, Sm. Cooper 
imd Astley Cooper. — In Schweden und Dänemark«, 
Acrel und Callisen. — In Holland im 17. Jahrh.: Bar- 
bette, Palfyx, Blancard, C. van Solingen, van Home, Nuck; 
im 48. Jahrh.: Gesscher, Camper, Sandifort, Bonn, van Wy, 
Balthazar u. A. — In Deutschland: Hrs. Brunswig, Para- 
celsus, Gersdorf, Fabr. Hildanus, Purmann; der erste Uni- 
versitätslehrer der Chirurgie war Lr. Heister (4683 — 4758) 
in Helmstedt, darauf Platner und Günz in Leipzig, Mau- 
chert in Tübingen, Kaltschmidt in. Jena, Siebold in Würz- 
burg u. A. G. Richter in Gottingen. 

Zur Chirurgie: Portal, Hist. de Tanatomie et de la Chirurgie, 
4760^— -73. Albr. v. Haller, Bibliotheca chirurgica, 4774. Dujaedmt, Hist 
de la Chirurgie, 4774. Sprbnoel, St. Hrs. de Yigiliis a Ereuzenfeld Biblio- 
theca chirurgica, 4784; Geschichte der Chirurgie, 4805 — 49. Bebnstbik, 
Geschichte der Chirurgie, 4822, und BibliotheVa chirurgica, 4829. Richter, 
Anfangsgründe der Wundarzneikunst, 4825. Boybr, Trait6 des maladies 
chirurgicales , 484 4 — 22 (deutsch von Textor 4836 — 44). Lahobnbbck, 
Nosologie und Therapie der chirurgischen Elrankheiten, 4822 — 34. Cooper, 
Lectures on the principles and practice of surgery, 4824' — 34 (deutsch 
4825 — 28 und von Schütte 4836 — 38). Rüst, Handbuch der Chirurgie. 
Zur Akiurgie: Schreoer, Grundriss der chirurgischen Operationen, (3. A.) 
4825 fg. Zang, Darstellung blutiger heilkünstlerischer Operationen, (3. A.) 
4832. Grossheim, Lehrbuch der operativen Chirurgie, 4830 — 35. Blasius, 
Handbuch der Akiurgie j (2. A.) 4839 — 42, und Akiurgische Abbildungen, 
(2. A.) 4844. Yalpeau, Nouveaux elemcnts de medicine operatoire, 4832. 
Colombat de l'Iserb, Dictionnaire historique et iconographique de toutes 
les Operations et des instruments , bandages et appareils de la Chirurgie 
ancienne et moderne, 4836. 

§. 601. Die Medicin besteht in der Kenntniss des 
regelmässigen und unregelmässigen Zustandes des mensch- 
lichen Körpers und Geistes, sowie in der Kenntniss und 
Kunst, den unregelmässigen Zustand durch die von der 
Natur gebotenen Mittel zur Regelmässigkeit zurückzufuhren. 
Letzteres geschah hauptsächlich auf drei Wegen, durch den 
Empirismus, Dogmatismus und den vermittelnden Rationa- 
lismus. Hippokrates, Galenos, Paracelsus. Das iatroche- 
mische System Helmont's und Sylvius'. Die latromathe- 
matiker seit Harvey's Entdeckung des Blutumlaufs. Systeme 
von F. HojBFihann, Stahl, Brown, Hahnemann (Homöopathie), 
Broussais und Rasori, Kieser (abhängig von Schelling's 
naturphilosophischem System). K. Reh. Hoffinann^s ,Ver- 
gleichende Idealpathologie', 1834. 



Dreiundvierzigstes Capitel Heilkunde. 361 

Sprengel, Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneiknnde, 
(3. A.) 482H — 28. Heckeb, Geschichte der Heilkunde, 4823 — 29. 
Fbiedlander, Vorlesungen über Geschichte der Heilkunde, 4838 fg. 
Choulamt, Tafeln zur Geschichte der Medicin, 4822. 

§. 602. Theile der Anatomie: Osteologie und Chon- 
drologie, Syndesmologie, Myologie, Angiologie und Ade- 
nologie, Neurologie, Splanchnologie. 

Ueber Anatomie für die bildenden Künste: Evrard, 
Genga, 1691, Salyage, 1812, Mascagni, 1815. 

Ueber chirurgische Anatomie*: Rosenthal, 1817, Blan- 
din, 4826, Valpeau, 1826 — 37. — Herophilos aus Chal- 
kedon und Erasistratos aus Keos um 300 v. Chr. Mondini 
da Luzzi in Bologna schrieb 1315 das erste Lehrbuch der 
Anatomie. Sturz der Autorität Galen's im 1 6. Jahrh. durch 
Vesal, Falopio, Eustachi, Colomb, Varoli u. A.; im 17. 
Jahrh. Harvey und das Mikroskop. Die Milch- imd Lymph- 
gefasse entdeckten Aselli, Pacquet, Bartholin und Olaus 
Rudbeck. Wharton über die drüsigen Organe. Malpighi, 
Swammerdam, Ruysch (Einspritzungen der GefUsse); im 
48. Jahrh. besonders italienische Anatomen: Pacchioni 
Valsalva, Morgagni, Mascagni, Cotunni; in Frankreich 
Winslow, Lieutaud, Vicq d'Azyr und Bichat; in England 
Cowper, Cheselden, Hunter, Cruikshank, Monro und Bell 
in den Niederlanden: Ruysch, Boerhaave, Albin, Camper, 
Sandifort, Bonn; in Deutschland: Haller und die beiden 
altern Meckel, Sömmerring, Loder, Blumenbach, Hildebrand, 
Reil, Tiedemann, Seiler. 

Begründer der pathologischen Anatomie ist Morgagni; 
Lieutaud, Hunter, Baillie; ihre wissenschaftliche Form er- 
hielt sie von dem Jüngern Meckel. Bearbeitung . dieser 
Wissenschaft für Aerzte durch Bichat imd die Schüler 
Broussais' in Frankreich: Lennec, Cruveilhier, Gendrie, 
Bayle, Louis, Andral, Lobstein; in England: Farre, How- 
ship, Bright, Abercromby, Armstrong, Carswell, Mayo, 
Hope, Craigie; in Italien: Palletta, Folchi, Scarpa, Fan- 
zago; in den Niederlanden: Sandifort, Bleuland, Schröder, 
van der Kolk und Sebastian; in Deutschland: Albers, 
Cerutti, Froriep, Hasse, Rokitansky und Jul. Vogel. * 

Für vergleichende Anatomie: Cuvier, Meckel, Blumen- 
bach, Tiedemann, Home, Blainville, Geoffroy St.-Hilaire, 
Carus und üken. 

^ Hecker, Ueber die Bedeutung der chirurgischen Anatomie, 1840. 



362 Drittes Buch. Chresifnodoktologie, 

§. 603. Zur Technik der Anatomie schon bei Galen 
Winke; Schriften von N. Habicot, Lyser, Bartholin, Fa- 
bricius, Cassebohm, Pole -Fischer, Ch. Bell, Hesselbach, 
Maygrier, Bock, Shaw, Weber und South. 

Anatomische Museen von Ruysch, Bau, Loder, Walter, 
Hunter, Meckel, Sömmerring und Dupuytren K 

Anatomische Kupferwerke von Vesal, Ejistachi, Bidloo, 
Haller, Vicq d'Azyr, Loder, Caldani, Mascagni, Langen- 
beck, Arnold; zum gewohnlichen Gebrauch: Cloquet, Oester- 
reicher, Weber; für pathologische Anatomie: Meckel, Cru- 
veilhier, Froriep und Albers; für vergleichende Anatomie: 
Carus und Wagner. 

1 WiOHELBAuSEN , Ideen über die beste Anwendung der Waehsbildnerei, 
nebst Nachrichten von den anatomischen Wachspräparaten in Florenz , 4 798* 
Auzoü, Notice sur les preparations artificielles, 4825. 

§. 604. Für Physiologie: Hippokrates, Galenos, Para- 
celsus, Helmont, Sylvius, Harvey, Stahl, Haller (Irrita- 
bilität), F. H. Jacobi. In neuester Zeit: in Frankreich: 
Bichat, L. Dumas, Richerand, Fod^re, Chaussier, Coutier, 
Broussais , Dupuytren , Fourcroy , Vauquelin , Magendie, 
Prevost u. A.; in England: Abemethy, Lawrence, Home, 
Brewster, Bell, Nic611s, Brodie, Cooper, Westrumb, Shaw 
u. A.; der Amerikaner Marshall; in Deutschland: Blu- 
menbach, Hildebrand, die Gebrüder Treviranus, Rudolphi, 
Sömmerring, Weisberg, Alx. v. Humboldt, v. Walther, Dol- 
linger, die Gebrüder Weber, Carus, Ehrenberg, v. Baer, 
Wagner, Burdach, Kathke, Tiedemann, Gmelin, Purkinje, 
J. Müller, Valentin, Helmholtz u. A. Pathologie, Therapie. 
Das kalte Wasser als Heilmittel seit Anfang des \ 8. Jahrh. ; 
Uebertreibungen von Oertel und Priessnitz. Steinbacher's 
Hydriatik im Dianenbade zu München. 

PiEBEB , Anatomisch -physiologisches Realworterbuch , 4 84 6 — 29» Büb- 
DACH, Die Physiologie als Erfahrungswissenschaft, 4 826 — 40. J. Mollbb, 
Handbuch der Physiologie des Menschen, (3. A.) 4837 — 40. Stabk, 
Allgemeine Pathologie, oder Naturlehre der Krankheit, (2. A.) 4844 fg. 
Die Zahl der Lehrbücher über Therapie ist sehr gross. SiNot>owiTZ, Die 
Wirkungen des kalten Wassers auf den menschl. Körper, 4840. Hibschbl, 
Begründung der Wasserheilkunde, 4840. Für magnetische Heilkunde: 
Mesmeb im 48. Jahrb., Yillbbs, Gmelin, Layateb, Ennemoseb, Tbbyi- 
BANTJS, Nasse, Kieseb, Kebneb, Eschenmateb. 

§. 605. Die Psychiatrie beginnt erst mit Pinel und 
dem Ende des 18. Jahrh. Chiarugi in Italien; Arnold und 
Crichton in England; Weickard, Hoffbauer und Reil in 



Dreiundvierzigstes Capitel. Heilkunde. 363 

Deutschland. Forderer dieser Wissenschaft: Cox, Haslam, 
Wright und Combe in England; Esquirol, Pariset und 
Oeorget in Frankreich ; Hörn , Langermann , Heinroth, 
Nasse, Jacobi, Amelung, Bird und Friedreich in Deutsch- 
land; Gualandi in Italien. 

Reil und Hoffbauer , Beiträge zu einer Curmethode auf psychischem 
Wege, 4808 — 40. Vering, Psychische Heilkunde, 4847 — 24. Werke 
von Heinboth, Platneb, Fbibdbeich. Lbüpoldt, üeber den Entwicke- 
langsgang der Psychiatrie, 4833. Schubert, Die Krankheiten und Stö- 
rungen der menschlichen Seele, 4845. Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie 
von Damebow, Flemming und Roller, 4855. 

§. 606. Schriften über Geburtshülfe von Hippokrates, 
Gelsus, Galenos, Moschion (im 3. Jahrb.), der sich nach 
Soranos richtete und das erste uns bekannte HebammenbucK 
verfasste. Das erste gedruckte geburtshülfliche Lehrbuch 
erschien 4513 von Euchar. Rosslin, dann von RuflF in Zü- 
rich, 4553, imd Reiff in Strasburg, 156i. H. v. Deventer 
legte durch sein Buch ,Das neue Hebammenlicht' (1 701), \ 775, 
den ersten Grund zur wissenschaftlichen Fortbildung der 
Geburtshülfe. Die Zange im Gebrauch Chamberlen's und 
neu construirt von Palfyn in Gent, 1723. 

OsiANDEB, Geschichte der Entbindungskunst, 4799* Siebold, Versuch 
einer Geschichte der Geburtshülfe,. 4.839. 

§. 607. Die Staatsarzneikunde (medicina publica 
oder politico-forensis) theilt sich in gerichtliche Medicin 
(med. forensis) und medicinische Polizei (politia medica). 
Ambr. Pare (Ende des 16. Jahrh.) ist erster eigentlicher, 
gerichtsärztlicher Schriftsteller. Für gerichtliche Me- 
dicin: Henke, Metzger, Wildberg, Klose, Bernt, Masius, 
Mende u. A. Für medicinische Polizei: J. Pt. Frank. 

SnsBBNHAAB, Eucyklopädisches Handbuch der gerichtlichen Arzneikunde, 
4838 — 40. Most, Ausführliche Encyklopädie der gesammten Staatsarznei- 
knnde, 4838 — 40. Henke's Zeitschrift der Staatsarzneikunde. 

§. 608. Pharmakologie, Pharmacie. Mantias, ein 
Schüler des Herophilos in Alexandrien, soll die erste 
Pharmakopoe geschrieben haben. Heras aus Kappadokien 
schrieb 50 v. Chr. in Rom das erste pharmaceutische Werk. 
Andromachos, Leibarzt des Nero, ist Erfinder des Theriak. 
Almansor^s erste Apotheke in Bagdad. Das erste Dispen- 
satorium soll Sabor Sahel (Mitte des 9. Jahrh.) geliefert 
haben; im 12. Jahrh. von Abul Hassan ein solches. Das 
im 12. Jahrh. bekannte ,Antidotarium' von N. Präpositus 
aus Salemo. 



364 Drüles Buch. Chresimodoktologie. 

Das beste Handbuch der Pharmacie von Geiobr (Bd. 4 toxi Liebig, 
Bd. 2 von EsENBECK, Dibbbaoh nnd Marquart). Dcflos, Handbuch 
der pharmaceutisch-chetfiischen Praxis, i838* Soubbiban, Pharmacie 
(deutsch von Schödler). Archiv der Pharmacie von Brandes seit 4822, 
für Pharmakologie von Mitsohbrlich , Sobernheim u. A. 



Vier und vierzigstes Capitel. 
Staatswissenschaften. 

§. 609. Divergirende Ansichten über die Entstehung 
des Staats \ Staatstheorien von Hobbes, Fihner, Algernon 
Sidney, John Locke, der Independenten, von Kousseau, 
V. Haller. 

1 Cicero (De rep., I, 32) meint: Civitas juris societas. Vico, Principi 
di nuove scienze etc. , 4725. Montesquieu, Esprit etc., 4749. Ferguson, 
Essay on the history of civil society, 4767. Pagano, Saggi de* principi 
della societa,. 4800. Hullmann, Urgeschichte des Staats, 4847* 

§. 610. Die Staatswissenschaften finden ihre Ver- 
einigung in dem Grundbegriff, dass sie sich auf die Er- 
reichung der Zwecke des Staats beziehen. Biilau classi- 
ficirt sie in zwei Gruppen. 

\ ) Für das innere Staatsleben : allgemeine Staatslehre, 
Geschichte des europäischen Staats, Verfassung und 
Verwaltung der europäischen Staaten, Statistik, Politik. 
2) Für das äussere Staatsleben: philosophisches Staäten- 
recht, Geschichte des europäischen Staatensystems, prak- 
tisches europäisches Volkerrecht, positives Staatenrecht, 
Staatenpolitik. Staatspraxis. Dahlmann's ,Politik', S. 182. 

Weitzel, Geschichte der Staatswissenschaften, 4834 — 33- Mohl, 
Literarisch - historische Uebersicht über die Encyklopädie der Staatswissen- 
schaften in der Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft, 4845. 
Ders. , Geschichte und Literatur der Staatswissenscbaften , in Monographien 
dargestellt, seit 4855. Jacob, Einleitung in die Staatswissenschaft, 4849. 
Encyklopädien : Pölitz, v. Lampreciit, Bülau, 2. A. 4855; für Kameral- 
wissenschaften: Walther, Schmalz, Fulda, Rau. Haoen, Von der Staats- 
lehre und von der Vorbereitung zum Dienste in der Staatsverwaltung, 4839. 

§. 611. Das Gesammtgebiet der Staatswisseuschaften 
benannten die Griechen mit dem Ausdruck Politia oder 
Politik, als die Lehre von den Mitteln zur Lösung der 
Aufgaben des Staats. Dessen Aufgaben bestehen in dem 
Schutz der Rechte und Freiheit jedes Einzelnen, in der Be- 
gründung der Stärke und Sicherheit des Staats, in der 
Befordenmg des allgemeinen Wohlstandes. 



Vierundüiersigstes CapiteL Staats Wissenschaften. 365 

Ein Verzeichniss der zahlreichen griechischen Schriftsteller über Politik, 
unter denen Plato und Aristoteles die wichtigsten und auch diejenigen sind, 
von welchen ganze Werke oder doch bedeutende Bruchstücke erhalten sind, 
gibt Wachsmüth, Hellenische Alterthumskunde , II, i, 438. Neuere: 
BoDiNus, De rep., 4584; Macchiavelli, Buch vom Fürsten (über ihn Fichtb 
in den nachgelassenen Schriften, II, 407). Friedrich's d. Gr. Antimacchiavell 
geholt nicht zu den leitenden Gedanken, die der König späterhin befolgte. 
Wolf, Vernünftige Gedanken von dem geselligen Leben der Menschen etc., 
(5. A.) 4740. Montesquieu ist durch sein Werk: Esprit des lois, 4748, 
Vater der neuem Politik geworden. Filangibbi, La scienza della legis- 
lazione, 4 783 — 86. Luden , Handbuch der Staatsweisheit oder Politik, 4 84 4 . 
Koppen, Politik nach piaton. Grundsätzen, 4848. v. Halleb, Restauration 
der Staatswissenschaft , 4846 — 24 . Pölitz , Die Staatswissenschaft im Lichte 
unserer Zeit betrachtet, 4823 fg. Schlözer, Systema politices, 4774. 
Spittleb, Vorlesungen über die Politik, 4828. Dahlmann, Die Politik 
auf den Grund und das Mass der gegebenen Zustände zurückgeführt, 483Ö. 
Zachabia, Vierzig Bücher vom Staate, 4820 fg. Heeren's Ideen etc. 
V. RoTTBCK und Welcker, Staatslexikon, oder Encyklopädie sämmtlicher 
Staatswissenschaften, 4845 — 48; 3. A. 4856 fg. — Verfassungspolitik: 
Jbffebson, Handbuch des Parlamentsrechts etc. (deutsch mit Anmel*kungen von 
L. V. Henning 4849). Krug, Das Repräsentativsystem, 4846. Brendel, Ge- 
schichte, Wesen und Werth der Nationalrepräsentation, 4847. Pölitz, Das 
constitutionelle Leben, 4834. Bj. Constant, Cours de politique constitutio- 
nelle, 4848 fg. Aristoteles' Politien und Parekbasen 



Monarchie. Aristokratie. Demokratie. Despotie. Oligarchie. Ochlokratie. 

(Timokratie, 
Plutokratie.) 

Zur Geschichte ^er europäischen Staatsformen: Kortüm, Zur 
Geschichte hellen. Staatsverfassung, 4824. Tittmann, Griechische Staats- 
verfassung, 4822. Robertson, Mably, Moser, v. Gagern, Hüllmann, 
Vollgraff u.a. — Staatsverfassungen: Pölitz, Die Staatensysteme 
Europas und Amerikas seit 4783, 4826. Schubert, Die Verfassungen etc.j 
4848 fg. Heeren, Handbuch der Geschichte des europäischen Staaten- 
systems und seiner Kolonien, 4809 (5. A., 4830), mit reicher Literatur. — 
Verwaltungspolitik: Malchus 4823 fg. BClaü, Die Behörden in 
Staat und Gemeinde, 4836. v. Vincke, Verwaltung Grossbritannieris. — 
Rechtspolitik: Beccaria, Filangieri, Bentham, Zachabia, Mittebmaieb, 
Kbuo, Dikäopolitik, 4824. Richteb, Das philosophische Strafrecht, 4829. — 
Militärpolitik (über stehende Heere, Nationalmiliz, Landwehr, Volks- 
bewaffnung oder Landsturm): Rotteck, Liebenstein, Cancbin, Kbüg, 
Gbbsdobf, Spobschil. Schulz -Bodmeb, Militärpolitik, 4855. Libchten- 
stebn, lieber den Begriff der Diplomatie, 4844, und: Was hat die 
Diplomatie als Wissenschaft zu umfassen? 4820. Kölle, Betrachtungen 
über Diplomatie, 4838. Aehnliche Arbeiten von Wicquefobt 4764, 
Gabden 4833, Winteb 4830, K. v. Martens 4822 (2. A., 4832). Samm- 
lungen von G. F. und K. v. Martens, Koch, Scholl, Kluber, v. Meyer. 
Flassan, Hist. de la diplomatie fran?. , 4844. Diplomatische Werke von 
CussT, Martens, Mensch, Wheaton48ö5. Nbumann, Oestreichs Staats- 
verträge, 4856. 

§. 612. In neuerer Zeit sind durch J. Jo. Becher und 
durch das Rescript Konig Friedrich Wilhelm's I. von Preussen 
vom 24. Jan. 1727 (wegen Einfuhrung von Professuren der 
Oekonomie und Kameralwissenschaften zu Halle und zu 



366 Drittes Buch. Chresimodoktologie, 

Frankfurt a. d. O.) zwei Capitel der Politik in dem Masse 
erweitert worden, dass sie sich zu selbständigen Wissen- 
schaften erhoben haben, die Polizeiwissenschaften und 
die Staatswirthschaft oder politische Oekonomie. 

Polizei Wissenschaft (Rechts-, Sicherheits-, Wohlfahrts-, Press- irnd 
geheime Polizei): Heubaoh und Binder, De politia Born., 4794; Justi, 
SoHNENFBLs, LoTz, Emmermanm, Graf ▼. Soden, Habl, y. Jacob, Grund- 
sätze der Polizeigesetzgebung und der Polizeianstalten, 4809; Bb. y. Mo hl, 
Polizeiwissenschaft nach den Grundsätzen des Staatsrechts, (2. A.) 4 844; 
S^MMEBMANN, Die deutsche Polizei im 49* Jährh., 4845. — Den theore- 
tischen Theil der politischen Oekonomio bildet die Lehre Yom 
Nationair eichthum oder von der Nationalökonomie oder von der Yolks- 
wirthschaft, den praktischen dagegen eine Theorie der staatswirth- 
schaft liehen Gesetzgebung (Grundsätze der Yolkswirthschaftspflege) 
und die Lehre Yon der Regierungswirthschaft (Finanzwissenschaft, d. i. 
finatio, finesse; financia = Abgabe, oder finances = Staatsschatz; darüber 
Y.Jacob, y. Malchvs, Webeb 4849 und Rau 4823 u. 4825). Dreitheüung 
in reine, in angewandte Nationalökonomie und in Finanzwissenschaft. * 
Oberndöbfer, System der Nationalökonomie, 4832. Harl, Vollständiges 
theoretisch -praktisches Handbuch der gesammten Steuerregulirung, oder die 
allgemeine und besondere Steuerwissenschaft, 4827. — Das Vermögen 
behandeln die alten Schriftsteller entweder als Gegenstand der Priyat- 
okonomie, oder auch als ein für die Erhaltung des Gleichgewichts in der 
Verfassung wichtiges Moment. Hagen, ObserYationes oeconomico-politicae 
in Aeschinis dialogum Eryxias, 4822. Xenophon und Aristoteles (als 
staatswirthschaftliche Schriftsteller) in Rau 's Ansichten der Volkswirthschaft. 
Hildebbandt, Xenophontis et Aristotelis de oeconomia publica doctrina 
illustrata, 4847. Böckh, Staatshaushalt der Athener, lieber römische 
Finanzen: Hegewisch, Bosse, Burmann, De vectigalibus , 4694; Kraut, 
De argentariis, 4826; ▼. Savigny, Die römische Steueryerfassnng unter 
den Kaisem, 4822. lieber staatsökonomische Grundsätze des Alterthnms: 
Blanqui, Hist. de Teconomie politique en Europe depufs les anciens jnsqu*ä 
nos jours, 4837 fg. (deutsch von Buss 4840); Reynier, De T^conomie 
publ. et rurale des Grecs, 4825; Rougier de la Bergerie, Hist. de l'agri- 
culture anc. des Grecs, 4830; Papst, De agricultura ap. Germanos, 4794; 
Jacob, De rcb. rusticis Yet. Germ., 4833. Anton, Geschichte der deut- 
schen Landwirthschaft, 4799. — Das Mercantilsystem Colbbrt*s und das 
physiokratische Quesnay's. Ad. Smith (Inquiry into the nature and causes 
of the wealth of nations, 4794 u. 4845} deutsch von Garve, 3. A., 4840) 
begründete 4776 das wahre, auf Erkenntniss der Naturgesetze und des 
Güterlebens wurzelnde System der Nationalökonomie. Unter seinen An- 
hängern sind: in England: Ricardo (Die Grundsätze der politischen 
Oekonomie, oder die Staatswirthschaft und die Besteuerung, deutsch Yon 
Schmidt 4824 und Baumstark, mit Anmerkungen, 4837 fg.), Will, 
M'CüLLOCH und Malthus, ChaLmers (Historicäl view of the domestic 
economy etc., 4842); in Frankreich: Say (Traite d*economie politique, 
5. A., 4828), Ganilh, Droz, Blanqui und Dunoyer; in Deutschland: 
Y. Jacob (Grundsätze der Nationalökonomie, oder Theorie des National- 
reichthums, 3. A., 4825), Sartorius, Kraus, Lotz, Graf y. Soden, 
V. Storch, Rau (Lehrbuch, der politischen Oekonomie, die beste Schrift 
in diesem Fache), y. Malchus (Handbuch der Finanzwissenschaft und 
Finanzverwaltung, 4830), Zacharia, Bülau (Handbuch der Staatswirth- 
schaftslehre , 4 835) , Hagen , Hermann , Kudler , Eiselen , Schütz, 
Y. Layergne-Peguilhen (Grundzüge der Gesellschaftswirthschaft, 4838 
— 44), List (Das nationale System der politischen Oekonomie seit 4844), 



Vierundvierzigstes Capitel. Staatswissenschaften. Qß^ 

HiLDBBRAND (Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft, 4848). 
CusTODi gab die italienische Nationalökonomie in 50 Bdn., 4807 fg. 
Pecchio, Storia della economia publica In Italia, (2. A.) 4832. Cibbario, 
Dell* economia publica del medio evo, (2. A.) 4844. Der Socialismus 
und Communismus eines Owen, Saint -Simon und Foubieb. Wbitling, 
Garantien der Harmonie und Freiheit, 4842. Beckeb, Die Volkspbilosophie 
unserer Tage, 4843. Zur volkswlrthscbaftlichen Literatur: Roscheb 4854, 
Bbichbnbach 4 854, Roteb de Behb 4854, Hibsch 4854, Böhmbbt 4854, 
Weiss- 4855. Glaseb, Anfänge der ökonomisch -politischen Wissenschaften 
in Deutschland, in der Zeitschrift für die gesammten Staatswissenschaften, 
4864, Heft 3 u. 4. Diese Zeitschrift enthält zugleich eine staatswissenschaft- 
liche Bücherschau. ^ 

§. 613. Die Statistik oder Staatskunde basirt auf 
Geschichte und Naturwissenschaften (auch Geographie) und 
handelt von der Grundmacht, Cultur, Verfassung und Ver- 
waltung det Staaten. Schnitzler definirt sie als die wissen- 
schaftliche Erläuterung der -verschiedenen Interessen jeder 
in dem politischen Leben wohlorganisirten Volksmasse. 
Napoleon errichtete als Consul das erste allgemeine stati- 
stische Bureau in Europa und nannte Statistik die Wissen- 
schaft, welche unter dem Gesichtspunkte der Wahrheit eine 
angemessene Beurtheilung, richtige Entscheidung und ein 
entsprechendes Budget für alle Staatsverhältnisse fassen 
lässt. 

Statistische Nachrichten liefern fast alle Historiker und 
Geographen von Herodot an, besonders Xenophon und 
Aristoteles, die ,Notitia dignitatum utriusque imperii' i, die 
venetianischen Gesandtschaftsberichte seit Ende des i3. 
Jahrh. ^. Als erster statistischer Schriftsteller wird der 
Venetianer Marino Sanudo (1485) genannt. Durch San- 
sovino, 1567, und Botero, 1592, wurde die Statistik zu 
einer besondem Wissenschaft erhoben. Es folgten d'Avity, 
Conring, Oldenburger, Böse, Gastel, Zech (von Franken- 
berg), die Holländer (de Luca und Everh. Otto), Achen- 
wall, 1749, Walch, Reinhard, Toze, Crome, Büsching, 
Schlözer, 1737 — 1809, Mensel, Mannert, Hassel, Schubert 
seit 1835, Franzi u-. A. Angriffe auf die Statistik von Lühder 
und Wachsmuth, Vertheidigung von Engelstofl. 

1 Darüber Böcking 4834. — * Ränke, Fürsten und Völker von 
Stdeuropa, 4827 fg. Wörl, Erläuterung zur Theorie der Statistik in 
näherer Rücksicht für Staatszwecke, 4844. Müller, Statistisches Jahr- 
buch seit 4845. Zeitschriften von Berohaus, Lodde, Mahlmann, Ballois, 
Dbfbrri^rb, DB Febcssao, Gbaberg de Hemsö. Statistische Bureaus 
und Vereine: der älteste war die schwedische Tabellencommission 4750; 
in Berlin besonders thätig Hoffmann und Dietebici. Bbachelli , Deutsche 
Staatenkunde, 4856. 



368 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

§. 614. Der ausgebreiteten Literatur auf dem Gdbiete 
der Technologie entspricht die Vermehrung gewerblicher 
Vereine und Lehranstalten aller Art, sodass es an Mitteln, 
sich technische ^^enntnisse zu erwerben, nicht fehlt. Cp. 
Bernoulli (geb. 1782) gehört zu den fleissigsten Schrift- 
stellern in Bearbeitung der rationellen Technologie und 
seine Schriften bilden den Uebergang von der altem Behand- 
lungsweise dieser Wissenschaft zu der neuern rationellen 
Methode. Karmarsch (geb. 1803^ führte die allgemeine 
Technologie in die Lehranstalten ein. 

V. GcLiCH, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe und 
des Ackerbaus, 4830. Bebnoulli's Handbuch, 4833 — 34 u. 4840; 
Poppb'8 (geb. 4776) 4806 — 40; Geschichte der Technologie, 4807-— 44; 
Technologisches Lexikon, 4845 — 20; Lehrbuch, 4849; Technologie in 
ihrem ganzen Umfange, 4 829 ; Universalhandbuch, 4 837 fg. ; Lehrbuch der spe- 
ciellen Technologie, 4 838. Engelma^, Bibliotheca technologica, (2* A.) 4 844. 
Pbechtl, Technologische Encyklopädie , 4 4 Bde., 4830 — 46. Kabmabsch, 
Grundriss der mechanischen Technologie, 4837 — 44. Rees, Encyclopaedia. 
Dictionnaire technologique. Hebebt, Engineers and mechanics encyclop., 
4 835. Übe , Technisches Handwörterbuch. Ueberfluss an technischen Zelt- 
schriften. V. Pbechtl, Technologische Encyklopädie, 20 Bde., 4830 — 55. 
WoLFF, Handbuch der hohem Kunstindustrie, 4856. Die Kb€nitz80hb 
Encyklopädie, ein ökonomisch -technologisches Handbuch, seit 4773» besteht 
jetzt aus 234 Bänden und reicht bis zum Artikel Wassersucht. Bebnoulli, 
Handbuch der Dampfmaschinenlehre. Hebfobt , Allgemeines Waaren- 
lezikon, 4856. 



Fünf und vierzigstes Capitel. 
Eriegswissenschaften. 

§. 615. Zu diesen gehören vorzugsweise die Waflfenlehre, 
mit Einschluss der Taktik, die Befestigungskunst, Terrain- 
lehre und die Kriegsgeschichte, welche zugleich die viel- 
fachen Veränderungen der Strategie ümfasst. 

Rumpf, Allgemeine Literatur der Kriegswissenschaften, 4824. EIauslbb, 
Kriegsgeschichte aller Volker, 4 825. Baumoabtneb, Sammlung aller Ejriegs- 
Schriftsteller der Griechen, 4779. Rüstow, Geschichte des griechischen 
Kriegswesens, 4854. Ders., Heerwesen und Kriegführung Cäsar's, 4855. 
Ders. , Der Krieg und seine Mittel u. s. w. , 4 856. Cabion Nisas , Hist. de 
Tart de guerre, 4824, und: Essai sur Thist. gen. de Tart militaire etc., 4824* 
J. Gf. V. Hoteb, Geschichte der Kriegskunst, 4797 — 4800. Die Literatur 
zur Kriegsgeschichte seit der Revolution findet sich in der Geschichte der 
Kriege etc., Leipzig, 4827 fg. 

§.616. Das Hauptwerk über das Geschichtliche der 
Waffen ist Meyrick's ,Critical inquiry into ancient armoiu* 
and weapons of war^ 4824. üeber Taktik oder die Lehre 



Fünfundvierzigftes Capitel. Kriegswissenschaften. 369 

von dem Verhalten der Truppen auf dem Marsche, im Lager 
und beim Gefecht: Brandt, ,Grundzüge der Taktik^ in der 
,Handbibliothek für Offiziere', VI, 4, 4833. Decker, ,Die 
Taktik der drei Waffen (Infanterie, Cavalerie und Artillerie) 
einzeln und verbunden', (2. A.) 4833. Xylander, ,Lehrbuch 
der Taktik', (2. A.) 4834. Clerk, ,Es8ai on naval tactics', 
4784 und 4804. Ueber Festungsbau schrieben Blondel, 
Sturm, Herlyn, Glaser, Belidör, Dufay, Jombert, Fellois, 
Piley, La Chiche, de Bbdt, Naumann, Pirscher, Trincano, 
Stälswerd, Flevigny, Reveroni, Böhm, Struensee, Bous- 
mard , Hacquet , Virgin , Blesson , Choumara , Zastrow, 
Fürst Ernst von Ajremberg und Dufour. Sir John May, 
,Betrachtungen über die beschleunigten Festungsangriffe' 
(deutsch von Bormann 4822). Die Strategie oder die 
militärische Verwendung des Heeres ist ein Theil der 
Feldhermkunst, welche ausserdem noch auf diplomatischen, 
politischen und finanziellen Kenntnissen basirt. Die Stra- 
tegie ist ebenso wenig zu erlernen wie die Poesie, daher: 
Imperator et poeta non fiunt, sed nascuntur. Der Frieden 
erzeugt keinen Feldherm. Erzherzog E^rl, ,Grundzüge der 
Strategie, erläutert durch den Feldzug von 4796 in Deutsch- 
land', 4844. Valentini, ,Die Lehre vom Kriege', 4824 — 23. 
C. V. W. (Müffling), ,Zur Kriegsgeschichte der Jahre 4843 
und 4844'; ,Die Feldzüge der schlesischen Armee unter dem 
Feldmarschall Blücher', 4824. Clausewitz, ,Hinterlas8ene 
Werke über Krieg und Kriegführung', 1832 — 37; sein Fort- 
setzer in gewisser Art: Pönitz, ,Briefe eines Verstorbenen'. 
§. 647. Die Kriegsgeschichte ist ein Theil der all- 
gemeinen Geschichte und in Verbindung mit der Staaten- 
geschichte ^diejenige Wissenschaft, welche man gewöhnlich 
mit dem Ausdruck Geschichte zu bezeichnen pflegt, die 
sogenannte politische Geschichte, zum Unterschiede von 
den übrigen Zweigen der historischen Wissenschaften. 

KÖPKE, Eriegswissenschaft der Griechen im heroischen Zeitalter, 4807. 
Na8t, Einleitung in die griechischen Kriegsalterthümer, 4780- Güibchard, 
M^m. milit. snr les Grecs-et les Rom., 4758. Lipsiüs, De militia Rom., 4596. 
Salmasius, De milit. Rom., 4657. Nast und Rösoh, Romische Kriegs- 
alterthümer, 4782. Habicht, De re milit. Rom., 4829. Kapp, De re 
navali Atheniensium. Müllbr, Seewissenschaft, 4794. Schriftsteller des 
classischen Alterthums : Aene ab der Taktiker, Onosandros, Kaiser Hadrian, 
Arbian,Poltänos,Km8t.Porphtrooennbtos, NikbphorosPhokas, 963—969. 
Die Kriegskunst nach den Erfahrungen des classischen Alterthums ist von 
Macohiatblli , 4624, bearbeitet; die Artillerie von dem Mathematiker 
Tabtaolia, 4537; der Festungsbau von Francesco dbMarchi, 4599; das 

HlRtlKBU. 24 



370 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

gesammto Kriegswesen seiner Zeit anschaulich geschildert von Lhd. Frovs- 
PBBGBR, 4555. Im 47. Jahrh. standen die Lehrbücher der Spanier in 
grossem Ansehen. Durch die Niederländer Snell und Stevin wnrde der 
Festungsban Tervollkommnet. Wesentliche Veränderungen in der Kriegs- 
kanst durch Konig Gustav Adolf, dessen System die meisten grossen Feld- 
herren befolgten. Schriftsteller: Montecuoüli, Mobitz, Marschall von Sachsen, 
4696 — 4750, Rimpleb, f 4683, Yauban, 4688, Bilfingbr, 4733, Bblidor, 
4729, RoBiMS, EüLBR, 4745, J. db Beaurain, -)* 4774, Friedrich d. Gr., 
Lloyd, 4767, Güibbrt, 4770, Tielke, 4775, v. Tempelhof, 4783, Saldbrn, 
4784, y. Berbnhorst, 4 798, P. Gr. d'Arot, Jean lb Blond, Montalbmbert, 
4776; im 49. Jahrh.: Carnot, Scharnhorst, H. ▼. Bülow, Jomini, 
Yalbntimi, Napoleon, Erzherzog Karl, Olausewitz u. A. Chambrat, 
Veränderungen der Kriegskunst von 4700 — 4845 (deutsch 4830). Crbast, 
The fifteen decisive battles of the world, 4854, und danach gearbeitet 
T. Bbrneck, Das Buch der Schlachten , 4856* y. Wickedb, Vergleichende 
Charakteristik der ostreichischen, preussischen , englischen und franzosischen 
Landarmee, 4856. Sohmarda und Mörderler , Vollständige Anleitung zur 
Peldbefestigungskunst, 4856. Jordan, Geschichte der brandenborgisdi- 
preussischen Elriegsmarine , 4856. 



Sechsundvierzigstes Oapitel. 
Bechtswissenscliaft. 

§. 618. Was ist von der Behauptung v. Kirchmann^s 
(1847) zu halten, dass die Jurisprudenz keine Wissenschaft 
sei? Encyklopädien (seit Pütter, 1767) und Methodologien 
von Hufeland, Mühlenbruch, Thibaut, Falck, Welcker, 
Wamkonig (1853), Ahrens (seit 1855) u. A. 

Tittmann , Handbuch für angehende Juristen ( neue Aufl. von Pfotem- 
iiAUER), 4846. Stahl, Philosophie des Rechts nach geschichtlicher Ansicht, 
4830 — 37 n. 4845 — 46. Ersch, Literatur der Jurisprudenz und Politik, 
(2. A.) 4823* Die Literatur der Gesetze gibt Mittbrmaier in seinem 
Privatrecht, (7< A.) 4847. — Quellen der Rechtswissenschaft: 
Dabelow , Geschichte sämmtlicher Quellen des gemeinen deutschen positiven 
Rechts, 4797. — Zur Rechtsgeschichte: Filanoieri, Scienza della 
legislazione, 4780 fg. 'Goguet, De Torigine des lois, dös arts et des 
sciences, 4758. Pastoret, Hist. de la l^gislation, 4847 — 37. Mbiter, 
Esprit, origine et progr^s des institutions judiciaires des principauz peuples 
de TEurope, 4849 — 23. Gans, Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Ent- 
wickelung, 4824 — 35. Esbiarch, Romische Rechtsgeschichte, 4855. — 
2ur Specialrechtsgeschichte: für griechisches (attisches) Recht: 
Pbtitüs, Wbsseling, Salmasiüs, Heraldüs, Bunsen, Pastoret, Schö- 
MANN (Antiquitates jur. public. Graec, 4838), Meier, Platnbr (Notiones 
juris etc., 4849), Hefftbr, de Boor, Zachariä v. Linoenthal (Geschichte 
des griechisch - römischen Rechts ); für französisches: Silbsrrad 
und Flecry, Bernardi (De l'origine et des progr^ de la Ugislation 
fran^., 4846), Warnkönio, Soh&ffner; für englisches: Halb (History 
of the common law of Singland, 4660 u. 4794), Rbmves (Hist. of the 
English law, 4844 — 29), Crabb, Stephen; Philipp (Geschichte des angel- 
sächsischen Rechts, 4825), SoHMiD (Die Gesetze der Angelsachsen, 4832). 
Anhbr, Dänische Rechtsgeschichte (in seinen gesammelten Schriften), 4807, 
KoLDBRCP-RosENViNOE, Grundrisfr der dänischen Rechtsgeschiehte (deutsch 
von Homeyer 4825). Ewers, Das älteste Recht der Rassen in seiner 



Sechmndvierzigstes Capitel. Rechtswissenschaft. 371 

geschichtlichen Entwickelang, 4826. — Zur Rechtsdogmatik: Mbrlin, 
Repertoire universel. Vineb, General abridgement, Mki. Mullbr, Promtua- 
rinm juris, 4792 — 97, nnd Bater's dazu gehöriges Supplementum , 4800 fg> 
Dallos gab seit 4 825 ein Repertorium der Rechtswissenschaft heraus und Ter- 
anstaltet jetzt eine neue Auflage: Jurisprudence generale, ou repertoire metho- 
dique et alphab^tique de doctrine, de jurisprudence et de l^gislation etc., 4855* 

§. 619. Rcchtstheile: \) Oeffentliches Rechte 

a) Staatsrecht®, b) Regierungsrecht, c) Kameral- und 
Pinanzrecht '. d) Völkerrecht. 2) Privatrecht*, a) Civil- 
recht • (Personen-, Sachen-^ und Obligationenrecht). 

b) Kirchenrecht. c) Polizeirecht '^. d) Criminalrecht. 
e) Processrecht. 

Dem sogenannten speciellen Privatrechte gehören an: 
das Privatfurstenrecht , Kriegs- oder Soldatenrecht, Lehn- 
recht, Handels-, Wechsel- ®, Assecuranz- und Seerecht *, 
Deichrecht. 

1 Maürenbrecber, Die deutschen regierenden Fürsten und die Sou- 
veränetät, 4839, mit Stahl's Recension in Richter's Kritischen Jahr- 
büchern, IX, 97 fg. — 2 Bearbeitet seit Arümads, f 4637, Cocceji 4695, 
Moser, f 4785, Pütter, •(• 4807, Aretin, •(• 4824. Rotteck, Staatsrecht 
der constitutionellen Monarchie, 4824. Heffter, Beitrage zum deutschen 
Staats- und Fürstenrechte, 4829. Hopfensack, Staatsrecht der Unterthanen 
der Romer, 4829. Rönne, Staatsrecht der preussischen Monarchie, 4856. 
ZöPFL, Grundsätze des Staatsrechts (4. A.). — ^ Das Wort camera kommt 
schon im 9* Jahrh. in der Bedeutung von Schatzkammer oder fürstliches Ver- 
mögen vor. — ^ Unterholzner, Ueber die Classification der Privatrechte, 
in dessen Abhandlungen, 4840. Gerber, Das wissenschaftliche Princip des 
gemeinen deutschen Privatrechts, 4846. Kraut, Grundriss der Vorlesungen 
über das deutsche Privatrecht, 4830. — ^ Heise, Grundriss eines Systems 
des gemeinen Civilrechts, 4849. — ^ v. Sayignt, Das Recht des Besitzes, 
(6. A.) 4837. — 7 LoTZ, Ueber den Begriff der Polizei, 4807, und 
Kurze Geschichte der Polizeigesetzgebung in Deutschland. Jacob, Grund- 
sätze der Polizeigesetzgebung, 4809. Henrici, Theorie der Polizeiwissen- 
schaft, 4808 u. 4840. Rosshirt, Ueber Begriff und eigentliche Bestimmung 
der Staatspolizei, 4847. Mohl, Die Polizeiwissenschaft nach den Grund- 
sätzen des Rechtsstaates, (2. A.) 4844. Ueber das Untersuchungs - und 
Bestrafungsrecht der Polizeibehörden, im Neuen Archiv des Criminalrechts, 
S. 273 — 289. — ^ Püttmann, herausgeg. von Martens 4805, Trbitschkb 
4830, Meissner 4836, Einert 4839. Arenz, Ueber Ursprung und Ent- 
wickelung des Wechsels und des Wechselrechts, 4855. — ^ Lex Rhodia 
de jactu im Cod, IV, Tit. 60'. Barcelona's Consolato del mare. Wisby's 
Waterrecht im 43* Jahrh. Pard;essijs, Coli, des lois maritimes anterieu res 
au 4 8°*® siecle , 4828. Wissenschaftliche Bearbeitungen: in England von Ro- 
binson, Ward, Howard, Wheaton; inFränkreich von Aüdoüin, Ratneval, 
BoDCHER und Boulat-Patt, Cours de droit commercial maritime, 4824; 
in Italien von Galiani, Azuni, Systema univers. dei principj del diritto 
marit., 4759; Plantanida, Della giurisprudenza maritima, 4806; in Deutsch- 
land von V. Martens, Gildemeister, Busch, Jacobson, Englisches See- 
recht, 4805; Seerecht des Friedens und Krieges, 4845. Sammlung von 
Handelsgesetzen von Maisbau, Repertoire universel du commerce et de la 
navigation, 4 824 — 27. Lehrbücher von v. Martens 4 820, Bender 4 824 — 28, 
Pohls 4828 — 34) v. Kaltenborn 4852 — 53. Härder, Das Schiffs- und 
Seerecht, 4855. 

24* 




372 DriUes Buch. Chresimodoktologie. 

§. 620. Das Naturrecht erscheint in den Schriften 
des Altetthums noch nicht von der Moral abgesondert \ 
Als Grrunder des Naturrechts kann Hg. Grotius angesehen 
werden, dessen Werk ,De jure belli et pacis*, 4625^, zu- 
nächst nur Volkerrechtliche Verhältnisse zum Gegenstande 
hat, aber durch seinen grossen Einfluss auf Philosophen 
und Rechtsgelehrte ' die darauf folgende Bearbeitung der 
Wissenschaft entschied. Der erste Lehrstuhl des Natur- 
und Volkerrechts wurde 4661 in Heidelberg für Sm. Pufen- 
dorf errichtet, dessen ,Naturrecht' 4 672 erschien*. Die 
Geschichte der Wissenschaft und der verschiedenen natur- 
rechtlichen Systeme geben: Oersted, 4798, Henrici, 4840 
und 4822, Hinrichs, 1829, Lintz, 4846. Kritische Unter- 
suchungen enthalten: Feuerbach, 4796, Schleiermacher, 4803, 
Hoflfbauer, 4846, Stahl*, Hegel«, Gärtner^, F. v. Kaumer«, 
Hufeland, Schmid, Fichte, Koppen, Gros, Hoflfbauer, Bauer, 
Droste- Hülshoff, Reinhold, Fries*. Ueber positives gott- 
liches Recht: Hg. Grotius ^^. Ueber Mosaisches Recht: 
Michaelis, 4770—75, und Saalschütz, 4846". 

1 Stephan, Ueber das Verhältniss des Naturrechts zur Ethik und 
enm positiven Rechte, 4845. — ' Beste Ausgabe von S. t. Cooobji, 
französisch von Barbeyrac, 1724 n. 4786. — ' Hbrbabt, Analytische 
Beleuchtung des Naturrechts und der Moral, 4836» S. 55 fg. — ^ Fran- 
zösisch Ton Barbeyrac, 4742. — ^ Philosophie des Rechts, wie vor ihm 
LüDOvioi, Glafbt und Mbistbr. — ^ Werke, I, 323. — "^ De summo 
juris naturalis problemate, 4838. — ^ Ueber die geschichtliche Entwicke- 
lung der Begriffe von Recht, Politik und Staat, (2. A.) 4830. — ^ Politik 
oder philosophische Staatslehre, herausgeg. von Apbl, 4848. — ^^ Jus 
belli et pacis, I, 4, §. 45. Sohömann, Handbuch des Civilrechts, 4806» 
11^ 32 — 42. Hahmsen, De nonexistentia legum divinarum positiyarum 
' uniTersalium , in OpuscuL, 4755, p. 57 — 200. — ^^ Zur Kenntniss der 
bürgerlichen Verfassung der Juden in den neuem Staaten dienen die 
Scliriften Ton DoHBf , 4784, Fischbb, 4763, unl v. Löwbnbero (oder Tren- 
dblbnbubq), 4768. Lips, Ueber die künftige Stellung der Juden in den deut- 
schen Bundesstaaten, 4849. Ueber die juristische Literatur der Juden: Hommbl 
in seiner Bibliotheca, 4762. Tobnauw, Das moslemische Recht , 4855. 

§. 624. Das romische jus civile * in drei Perioden: 
4) die leges regiae unter den Konigen*; 2) zur Zeit der 
Bepublik die senatusconsulta, leges conturiatae und curiatae, 
plebiscita , edicta praetorum , respousa prudentum , leges 
decemvirales s. XEE tabularum^; 3) unter den Kaisem die 
constitutiones und rescripta imperatorum s. principum und 
die Opera Ictorum*. Jus Flavianum und Aelianum. Juri- 
stische Schriftsteller: Q. Fab. Pictor, Serv.' Sulp. Rufus *, 
ein Zeitgenosse Cicero^s, Gajus, Papinian, Ulpian, Paulus, 
Modestinus ^ Die Sabinianer und Proculejaner ^ 



Sechsundfierzigstes Capitel, Rechtswissenschaft, 373 

> S100KID8, De antiquo jureRom., 4560 u. 4745. Nibbuhb, Romische 
Geflchichte, Bd. 4 u. 2, 4844 u. 4842 (3. A., 4828 a. 4830), Bd. 3, 4832. 
Dessen Vorträge über römische Geschichte herausgeg. von Isleb , 4 846 — 48. 
Wachsmüth, Die ältere Geschichte des römischen Staats, 4849* Bach, 
Bist, jnrispmdentiae Rom., (6. A.) 4807. Gibbon, Historische Uebersicht 
des römischen Rechts mit Anmerk.; deutsch von Hugo, 4789* Hugo, 
Lehrbuch der Geschichte des römischen Rechts, (44. A.) 4832, womit zu 
verbinden sind die Arbeiten von Schillino, Zachariä, Schweppb, Zimmebn, 
BüBOBABDi, Walteb, Chbistiansem, Thibaut, Elimbath. Hufbland, 
Ueber den eigenthümlichen Geist des römischen Rechts, 4845. Nagele, 
Ueber altitalisches und römisches Staats- und Rechtsleben, 4849* Rubimo, 
Untersuchungen über römische Verfassung und Geschichte , 4 839. Göttlimg, 
Geschichte der römischen Staatsverfossung, 4840. Petes, Epochen deir 
Verfossungsgeschichte der Stadt Rom, 4844. — ' Gesammelt von Mebüla 
und HoFFKANN. Gbavina, De ortu^et progressu juris civilis, cum notia 
Kascovii, 4747. Heimeocii Antiquitates Rom., 4748 u. 4840. Haubold, 
Institutiones juris Rom. privati historico - dogmaticae , 4814. Dibksbn, 
Uebersicht der Versuche zur Kritik und Herstellung von den Ueberbleibseln 
der Gesetze der römischen Könige, in dessen Versuchen zur Bjritik und 
Auslegung der Quellen des römischen Rechts, 4823. — ' Die Literatur gibt 
Haübold, Institutiones juris Rom. literariae, 4808. Haubold -Spangbnbbbg, 
Antiquitatis Rom. monumenta, 4830. Dirksem, Uebersicht der bisherigen 
Versuche zur Kritik und Herstellung des Textes der Zwölftafelgesetze, 4824. 
Fbakcke, De edicto praetoris urbani, praesertim edicto perpetuo, 4830. 
R08SHIBT, Ueber die Tendenz des prätorischen Edicts und das Verhältniss 
desselben zum Civilrecht, 4842. ▼. Wethe, Libri tres edicti, s. de origine 
fatisque jurisprudentiae, praesertim edictorum praetoris ac de forma edicti 
perpetni, 4824. Kretssig, De auctorum et commentatorum verbis in 
Digestorum interpretatione distinguendis observationes, 4847* Conradi,^ 
De praetore peregrino, in Parerga, 4740. Einige Abhandlungen von 
Dieksbm, in den Vermischten Schriften. — ^ Abegg, De jurisprudentia 
apud Romanos sub primis imperatoribus , 4 827. Garzetti , Della condizione 
d'Italia sotto il governo degli imperatori romani, 4836. — ^ Ueber ihn 
Schnbidbr, 4834. — ^ Dirksen, Ueber die Spuren historischer Kritik 
und antiquarischer Forschung in den Schriften der römischen Juristen, in 
dessen Versuchen zur Kritik und Auslegung der Quellen des römischen 
Rechts. — "^ Dirksen, Ueber die Schulen der römischen Juristen, in 
dessen Beiträgen zur Kunde des römischen Rechts, 4825. v. Löhb, Ueber- 
sicht der das Privatrecht betreffenden Constitutionen der römischen E^aiser von 
Konstantin bis Theodoslus n., 4844, "und von Theodosius bis Justinian, 4842. 
Rhoeb, De efifectu relig. cbrist. in jurisprudentiam Rom., 4776. Troplomg, 
De rinfiuence du christianisme sur le droit civil des Rom., 4843. 

§• 622. Justinian liess 528 durch seinen Magister ofiS-< 
ciorum Tribonian eine Sammlung früherer Gesetze veran- 
stalten, welche 529 als Codex primus oder vetus zu Stande 
kam. Hierauf erhielt Tribonian mit 16 Gehülfen den Auf- 
trag, die Schriften der alten ßechtsgelehrten zu excerpiren 
und zu ordnen. Es waren 2000 Schriften mit tricies T)entena 
millia versus. Daraus entstanden die 5Pandekten' oder 
,Digesten% deren Widersprüche Justinian durch 50 deci- 
siones entschied ^ Darauf liess Justinian für Schulen durch 
Tribonian, Dorotheus und Theophilus ein Elementarbuch 
entwerfen, welches ,Institutiones^ genannt und am 21. Nov., 



374 Drittes Buch, Chreeimodoktologie. 

soifHe die Pandekten am 1 6. Dec. 533 publlcirt wurden *. Die 
neue Bearbeitung des Codex durcb Tribonian, 534, erhielt 
den Titel ,Codex repetitae praelectionis'. Spätere Verord- 
nungen Justinian^s kamen in die Sammlung der ,Noyellae 
leges' oder ,N£apai Siata^ei^:', deren griechisches Original 
erst 4531 durch Haloander bekannt wurde. Ein Auszug aus 
dftn ,Novellen' erfolgte durch Julian 570. Die Novellen 
heissen auch Authentiken nach einer Benennung der Glos- 
satoren, die ihre Auszüge mit dem Zusatz ,ex authentica^ 
bezeichneten. Die ,Authenticae Fridericianae' sind 1 3 Ver- 
ordnungen der deutschen Kaiser Friedrich's I. und Pried- 
rich's n. mit Gesetzeskraft. 

1 Commentar von Edm. Merillus. Ueber Pandekten: GlCok, Mühlen- 
BRUCH, Thibavt, GÖSCHEN, PucHTA, Wanobbow. — ^ Lehrbücher über 
Institutionen yon Westenbebo, HGpfner, Zaoharia, Hofaokeb, Hooo, 
Eonopak, Makbldby, Rosshiet, Wabnkönig, Pcohta, Lang, Majubzoll. 
Ttdbmann, De juris civilis apud Romanos docendi disceudiqne via, 4837. 
Schmidt, Methode der Auslegung der Justinianischen Rechtsbücher und 
Prüfung der bisher befolgten Methoden, 4855. 

§. 623. Anhänge zum Corpus juris Komani: 1) dreizehn 
Edicte Justinian^s in griechischer Sprache (lateinisch von 
Agyläus); 2) einige Verordnungen Justinian's, Justiü's II., 
Tiberius' 11.; 3) Verordnungen Kaiser Leo's des Philosophen, 
886 — 894; 4) die Constitutionen des Heraklius,,Nicephoru8, 
Constantinus Porphyre gennetus U.A.; 5) das longobardische 
Lehn- oder Feudalrecht, gesammelt zwischen 1458 — 68 aus 
Gerardus Niger und Obertus ab Orto, und dem Corpus 
juris angehängt durch Hugolinus a Presbyteris unter Fried- 
rich n. als Libri feudorum. Dazu fügte Jacobus de Ardizone 
im 13. Jahrh. noch Capitula extraordinaria. 

§. 624. Die Kaiser Basilius Macedo und sein Sohn Leo 
veranstalteten in griechischer Sprache ein neues Gesetzbuch, 
dessen neue Ausgabe 912 Constantinus Porphyrogennetus 
besorgen Hess und unter dem Titel ,Ba8ilica' oder ,Libri 
Basilicorum' (Uebersetzungen der Institutionen, Pandekten, 
des Codex und der Novellen Justinian's) herausgab K 

1 Ausgabe von Fabbot, 1 647, und Meebmann. Hebrmann, Hist. corp. 
juris Just., 4731* Momtrbuil, Hist. du droit byz., 4843* Bibnbk, 6e- 
scbichte der Novellen, 4824. 

§• 625.^ Im 12. Jahrh. wurde das Corpus juris zu einem 
geschlossenen Ganzen vereinigt: die Institutionen, Pandekten, 
der Codex, die Novellen und die Lehnrechtssammlungen. Li 
demselben Jahrhundert begannen auch die Glossatoren ihre 



Sechsundvierzigstes Capitel. Rechtswissenschaft, 375 

Arbeit. Imerius (Werner) zu Bologna war der erste Lehrer 
des römischen ßechts im Mittelalter und erster Glossator; 
ihm folgten seine Schüler Bulgarus, Martinus, Placentius, 
Pileus und Azzo. Alle diese Glossen sammelte im Anfange 
des 43. Jahrh. Accursius und gab das ,Corpus juris glos- 
satüm^ heraus '. Spätere ßechtslehrer: Haloander (HoflF- 
mann), f 1531, Augustinus, f 1585, Cujacius (Cujas), f 1590, 
Gothofredus (Godefroi), f 1652, Schulting, f 1734, HeT- 
neccius (Heinecke), f 1741, Haubold, f 1824, Goschen, 
f 1837, U.A. Die historische (Savigny, Puchta, Dirksen) 
und die nichthistorische (Thibaut, Gans) Schule. Bach, 
Mühlenbruch, Hugo, Schilling, Schweppe, Gründler, Zim- ^ 
mein, Klenze, Walter, Rein, Danz, Pernice, Burchardi ü. A. 
Sammler des vorjustinianischen Rechts: Haubold, Span- 
genberg, Schulting und Ayrer, Schilling, Hugo, Bocking; der 
Institutionen: Haloander, Cujacius, Biener, Schrader, Klenze, 
Bocking; der Digesten: Haloander, Taurell; des Constitu- 
tionen-Codex: Haloander, Contius; der Novellen: Haloainder.. 

Gksammtansgaben von MibIus, Niybliüs, Russabdds', Contius, Pa- 
0IV8, GoTHOFSEDUs, 4598 fg., Bandoza, 4593 fg., die amsterdamer 4664» 
Beck, 4825 — 36, den Gebrüdem Kriegel und nach deren Tode Herrmann 
und OsbnbrOoobn, 4 828 — 44 , Schbauer, seit 4 832. Deutsche Uebersetznngen 
von (Hto, Schilling und Sintenis, 4830 — 33; 2. Aufl., 4839. 

§. 626. Das kanonische Kecht floss theils aus den 
Karchenordnungen (xavovs^), theils aus den kaiserlichen 
Gesetzen (v6[xoi), welchen, insoweit sie die erstem auf- 
hoben, im 6. Jahih. der Vorzug zugestanden wurde. Unter 
den kirchlichen Beschlüssen galten vornehmlich die auch 
von Justinian als Quellen des kirchlichen Rechts ausdrück- 
lich anerkannten der vier grossen Kirchenversammlungen 
zu NicäaJ Konstantinopel, Ephesus I. und Chalcedon. Von 
den zahlreichen kirchlichen Sammlungen gilt die des J. Scho- 
lasticus (565 — 575) in 87 Abschnitten (,No|jiixa xe9aXata'), 
aus den Justinianischen Novellen gezogen, als die älteste. 
Der ,Nomokanon^ des Photios ist in den östlichen Ländern 
am stärksten benutzt imd, seitdem (15. Jahrh.) er sich auch 
in den westlichen verbreitete, zur Vervollständigung des 
Justinianischen Codex (zuerst von Contius) angewendet 
worden. Thdr. Balsamon, H66 — 77, Mth. Blastares, 1330. 

Das abendländische Kirchenrecht erwuchs nach den 
nach oströmischen Mustern angelegten Sammlungen, kaiser- 
lichen Verordnungen und kirchlichen Synodalbeschlüssen. 



376 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

Die ältßsie Sammlung ist ,Pri8Qa^ Eine vollständigere machte 
Dionysius Exiguus in Rom, 527, worin die Constitutionen 
und Ausschreiben der römischen Bischöfe chronologisch 
geordnet sind. Eine Sammlung veranstaltete auch Isidoms 
von Hispalis, &30. Die ,Pseudoisidorischen Decretalen^ wer- 
den zuerst von Papst Nikolaus I. angeführt. Vorlesungen 
über kanonisches Recht wurden schon 4 452 zu Bologna 
gehalten, nach Gratianus (f 4 458) ,Concordantia discor- 
dantimn ca^onum^ oder ,Corpus decretorum^, später ,Decre- 
tum Gratiani^ genannt. Dazu kam im 4 3. Jahrh. die Samm- 
lung späterer päpstlicher Entscheidungen oder Decretalen 
in fünf Büchern, welche auf Befehl Gregorys IX. durch 
Baimund von Pennaforte 4234 zusammengestellt und vom 
Papste den Universitäten zu Bologna und Paris geschenkt, 
aber schon für etwas Aeusseres, Hinzugekommenes und 
daher mit dem Ausdruck Extra bezeichnet und citirt wurden. 
Dann liess Bonifaz YIH. dieser Sammlung ein sechstes Buch 
4298 hinzufügen. Durch Clemens Y. kamen 4 34 3 die Schlüsse 
der Kirchenversanmilung von Vienne von 434 4 als siebentes 
Buch der Decretalen oder Clementinen hinzu, und hiermit 
war das Corpus juris canonici geschlossen. Einen Anhang er-* 
hielt es in der Folge durch die ,Extravaganten^ Johannas XXII., 
Eugen^s IV., Paul's 11. und Sixtus' IV. Unter den Glossa- 
toren zeichnen sich aus: Hugucio, f 4242, J. Teutonicus 
(Azzo^s Schüler), f 4243, Bartholomäus de Brescia, f 4258, 
W. Durantis, f 4 296, J. Andrea, f 4 348, And. Barbatius, f 4 460, 
Ant. de Bosellis in Padua, f 4 467, der Spanier J. de Turre- 
cremata, f 4468. Seit dem 46. Jahrh. waren für das kano- 
nische Recht thätig: die Gebrüder Pithou, f 4596 und 4 607, 
Canisius, f 4669, Paolo Sarpi, Richer, f 4634, diS Spanier 
Augustinus und Macarez, 4 744, Hontheim, f 4794, Jeger, 
Baron von Espea, f 4728, Sauter, 4805, Brendal, 4823 K 

Das protestantische Kirchenrecht ist in Ermange- 
lung einer kirchlichen Verfassungsurkunde und fester Grund- 
sätze über das Verhältniss des Staats zur Kirche^, über 
welches seit Hg. Grotius, 4 647, gestritten wird, zur wissen- 
schaftlichen Bearbeitung wenig geeignet. Sammler sind: 
J. H. und G. B. Böhmer, Plaff, 4753, Schmalz, Wdter, 
Eichhorn, Richter, 4842, u. A. 

' Glück, Praecognita uberiora jurisprudentiae ecclesiasticae , 4786. 
Wbbeb, Ueber das Corpus juris canonici, im ersten Anhange zu Höpfneb's 



Sechsundvierxigstes CapUel, RecMsuHssenschaft. 377 

Comin«]iUr. Die neueste Ausgabe von Bichtbb, 4833 — 39; deutsche 
Uebersetzungen von Br. Schilling und Sinlenis , 4835 — 39. Weiss, 
Ck>rpa8 juris ecclesiastici Catholicornm hodiemi, 4833* — ^ Gbnqlbb in 
der tübinger theologischen Quartalschrift, 4832, Heft 3; Hämel, 4835, 
Gjlasstonb, 4842* 

§. 627. Das deutsche Recht blieb bis zur Yolkerwan- 
derung ein traditionelles ^. Seitdem entstand jedoch ein Be- 
dürfniss nach Aufzeichnung, hervorgerufen im Allgemeinen 
durch die infolge der Eroberung auf romischem Gebiete 
und der Annahme des Christenthums veränderten Lebens- 
verhältnisse der Germanen''. In der Regel werden die 
Becbtsdenkmäler vom 5. — 9. Jahrh. als Leges barbarorum 
8« populorum bezeichnet; in Deutschland ist auch der Aus- 
druck Yolksrecht für dieselben gebräuchlich. Die erste 
Sammlung von Rechtsformeln von Marculf in der Mitte des 
7. Jahrh., der karolingischen Capitularien 8i7 von Anse- 
gisus und 845 von Benedictus (Levita). 

Vom Anfange des 9. bis zum Anfange des 45. Jahrh. 
entwickelte sich ziemlich ungestört das deutsche Recht imd 
sprach sich in mannichfachen Organen aus: in Urtheilen, 
autonomischen Satzungen von Corporationen (Statuten), 
in Weisthümem ^ u. s. w. Das Dienst- und Hofrecht, als ein 
ritterliches und bäuerliches , und ersteres wiederum als Lehn- 
recht (jus feudale) für die Vasallen und als Dienstmannenrecht 
für die Ministerialen. Die Stadt- oder Weichbildrechte*. 
An die Stelle der Capitularien traten die Constitutionen der 
deutschen Konige ^ 

Eine eigentliche Rechtsliteratur entstand in Deutschland 
nicht vor dem i 3. Jahrh. Sie beginnt mit einem treflElichen, 
in deutscher Sprache geschriebenen Werke, das sich selbst 
,Sachsenspiegel% sächsisches Landrecht, auch Landrecht 
schlechthin nennt und das Recht der freien Bewohner Sach- 
sens darstellt, dessen wesentliche Grundlage aber eine dem 
ganzen deutschen Volke gemeinschaftliche war. Weiske und 
Reyscher nahmen 1 \ 70 als Jahr der Abfassung des ,Sachsen- 
spiegel' an, Luden ein Jahrhundert später, nach der ge- 
wohnlichen Annahme zwischen 1245 — 35, nach Sachse 1226. 
Als Verfasser wird ein anhalter Ritter und Schöffe (Eicke) 
Eckhardt von Repgow erwähnt ^ Bald folgte das Kaiser- 
recht, oder Spiegel kaiserlichen und gemeinen Landrechts, 
oder, wie es seit dem 17. Jahrh. genannt zu werden pflegt, 
der ,Schwabenspiegel% mit der Tendenz, das in ganz 



378 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

Deutschland geltende Recht darzustellen. Die Zeit seiner 
Abfassung ist zwischen 1276 — 87 ^ 

In das 14. und 45. Jahrh. geboren die Glossen des 
^Sachsenspiegel' (die älteste von v. Buch, 4340, die magde- 
burger Schoffenglosse), das sächsische Weichbild, das Land- 
recht des Furstenthums Breslau. An den ,Schwabenspiegel^ 
lehnt sich das Rechtsbuch Ruprecht's von Freisingen aus 
der ersten Hälfte des 14. Jahrb.; das sogenannte kleine 
(lüttele) Kaiserrecht. Im 15. Jahrb. wurden die in Sachsen 
entstandenen Rechtsbücher in alphabetischer Ordnung unter 
der Benennung A. B. C, Diarien, Register, Remissorien, Slotel 
oder Schlüssel mehrfach bearbeitet. Rechtsbuch Kaiser Lud- 
wig's von Baiem. Das sogenannte östreichische Landrecht. 
Die Rechtsbücher der sieben friesischen Seelande (darunter 
das ,Asegabu6h'). Einführung des romischen Rechts, das im 
Reichskammergericht (seit 1495) bald das entschiedenste 
Uebergewicht erlangte. Zugleich Einführung der longobar- 
dischen Lehnrechtssammlung (Feudorum liber). Formular- 
bücher. 

Wissenschaftlicher behandelt wurde das deutsche Recht 
zuerst gegen Anfang des 16. Jahrh. in dem ,R]jtterlichen 
Iflagspiegel' (unbekannter Verfasser) und in dem ,Laien- 
spiegel' (von U. Templer; beide von Seb. Brandt). Die 
Land- und Stadtrechte sind vollständig zusammengestellt 
von Mittermaier und Maurenbrecher ®. Das deutsche Recht 
wurde durch das römische immer mehr zurückgedrängt, bis 
sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh., angeregt durch 
Conring, Schilter, Thomasius u. A., eine gelehrte Opposition 
gegen das romische Recht entwickelte. Ch. Beyer hielt 1 707 
zu Wittenberg die erste Vorlesung über deutsches Recht in 
Deutschland und schrieb das älteste Lehrbuch darüber 1718. 
Jedoch ist das deutsche Privatrecht erst seit Ende des vorigen 
Jahrhunderts, seit den literarischen Bestrebungen von Just. 
Moser, Just. F. Runde imd C. L. Runde und K. F. Eichhorn, 
wissenschaftlicher begi-ündet und dem romischen Recht ein 
ebenbürtiger und gefährlicher Nebenbuhler geworden ^. Die 
bedeutendsten Forscher auf dem Gebiete des deutschen Rechts 
in unserm Jahrhundert sind Mittermaier, Maurenbrecher, 
Wilda, Reyscher, Albrecht, Weiske, Beseler u. s. w. 

' Die Geschichte desselben von Heinecoiüs, Eichhorn, v. Lindbloff, 
V. Low, ZöPFL, Philipp, Waitz. — » Bogob, Ueber das GerichUweten 



Sechsundvierzigstes Capilel. Rechtswissenschaft. 379 

der Germanen. — * Sammlung von Jak. Gbimbi. — * Gaupp, 4824. — 
* lieber deutsches Privatrecht Mittermaibb , Obtlofp , Kraut. — 
^ Spanobkbero, Beitrage zur Kunde deutscher Rechtsalterthümer, 4824. 
HoxKTBB, Ausgabe des Sachsenspiegels. — "^ Ausgabe von Lassbbbo und 
Wackbbkaobl, 4840. Oben §. 448- — ^ Gbundler, Uebersicht der in 
den deutschen Bundesstaaten geltenden Land- und Lehnrechte, 4832. — 
^ HiLLBBBAMD , Lehrbuch des heutigen gemeinen deutschen Privatrechts mit 
Einschluss des Handels-« und Lehnrechts, 4849. Wilda und Betscheb sind 
die Begründer der Zeitschrift für deutsche Rechtswissenschaft, 4839 — 42* 
Ebebtt, Zeitschrift für volksthümliches Recht und nationale Gesetzgebung, 
4844* Besblbb, System des gemeinen deutschen Privatrechts, 4855* 

§. 628. Die gesetzlichen Herkommlichkeiten über Lehns- 
verhaltnisse wurden zuerst in Italien zusammengestellt. Das 
,Longobardische Lelinrecht% Buch I (gültig nach 4160), 
wurde von dem mailändischen Consul Gerhard (vor 4136) 
gesammelt* Von den vier Anhängen gehört ihm nur der 
letzte. Titel i — 41 des zweiten Buches sind von dem mai- 
ländischen Consul Obert, 1158 — 78, die übrigen Anhänge 
von verschiedenen Verfassern, 1160 — 76, mit mehren zum 
Theil spätem Einschaltungen. Diese beiden Bücher bildeten 
1475 ein Ganzes. Die letzten 34 Titel sind Collectaneen: 
Titel 52 — 58 wurde von Doctoren in Bologna mit dem 
Liber feudorum vereint und dieses in das Volumen parvum 
aufgenommen und glossirt. Der erste Glossator war Pileus. 
Die glossa ordinaria sammelte Accursius. Hugolinus (1255) 
veranstaltete eine neue , viel veränderte Recension des Lehn- 
rechts. Von den zwei Extravagantensammlungen (,Capitula 
extraordinaria') ist die erste von mailänder Schöffen (vor 1 220), 
die zweite von Jacobus de Ardizone, 1 220 — 33. Friedrich's 11. 
Gesetzgebung (1231) für Neapel und Sicilien. Das rein 
geschichtliche Lehnrecht konnte jedoch selbst durch viele 
Ordner und Sammler (Schilter, 4 695) wissenschaftlich nur 
wenig gewinnen. 

DiECK, Literaturgeschichte des lombardischen Lehnrechts bis zum 44. 
Jahrb., 4828. Das Corpus feudorum ist herausgegeben von LGnig 4727, 
ScHiLTEB 4728, V. Senkenbebg 4772* 

§. 629. Sammlungen der Reichsgesetze: 

Durch Böhmer von 900 — 4400, 4832. Pebtz, Monumenta Germa- 
niae historica , 4 837 , enthalten die Reichsgesetze von 946 — 4343. Das letzte 
Reichsgesetz wurde 4654 erlassen. Senkenbero, Sammlung der Reichs- 
absohiede sammt den wichtigsten Reichsschlüssen, 4747. Einen Auszug 
daraus gibt Emminohacs : Corpus juris Germanici tam public! quam privati 
academicum , 4824, zugleich mit den neuem, Deutschland betreffenden 
Friedensschlüssen , Staatsverträgen und Beschlüssen der Bundesversammlung. 

§. 630. Die wissenschaftliche Bearbeitung des deutschen 
Staatsrechts beginnt in der Mitte des 44. Jahrb., namentlich 



380 DriUes Buch. Chresimodoktologie. 

mit den durch die Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser 
hervorgerufenen Schriften des Marsilius von Fadua und 
Leupold von Bebenburg. Arumäus machte 'es in Jena bald 
nach 1600 zum Gegenstand eines eigenen Vortrags, und 
Dn. Otto lieferte 1646 das erste Compendium. 

P6TTEB, Literatur des deutschen Staatsrechts, t. Lanoizollb , Ueber- 
sicht der deutschen Reichsstandschafts- und Territorialyerhältnisse eto., 4830. 
H&BEBLiM, Handbuch des deutschen Staatsrechts, 4799. Lehrbücher Ton 
List, KlCbbb, Gönnbr. Moseb, Grosses deutsches Staatsrecht in 50 Quart- 
bänden, 4766 — 82* Winkopf , Die rheinische Conföderation , 4808- 
Klübbb, Staatsrecht des Rheinbundes, 4808. Frankfurter Abdruck der 
Bundesacte, 4816. Klübbb, Uebersicht der diplomatischen Verhandlungen 
des Wiener Congresses etc., 4846. Elwbbs, Die Hauptquellen des deut- 
schen Bundesstaatsrechts, 4824* Lehrbücher von ElGbbb, Dbesch, Rcd- 
HABT, ZachabiI. Gäbtmbb, Ueber die Behandlung des deutschen Staats- 
rechts, 4839* HGllmaivk, Staatsrecht des Alterthums. 

§. 631. In dem wenig bearbeiteten Criminalrecht ^ 
macht das kirchlich angeordnete peinliche Verfahren gegen 
Hexerei und Zauberei Epoche. Des Dominicaners Henri- 
cuff Institor in Salzburg und Jak. Sprenger in Köln (f nach 
U94) ,Malleus maleficarum' (Lyon U84 , Köln 1582). 
Die bambergische Halsgerichtsordnung von 1 507 * , zu- 
gleich QueUe der ,Constitutio criminalis Carolina' Kaiser 
Karl's V. von \ 532 ^. Ihr blieben ältere Praktiker, wie 
Carpzov, 1635 (f 1666), treu; spätere, wie Meister, 1755, 
suchten mildere Theorien geltend zu machen, welche bald in 
die Praxis übergingen. Feuerbach's strenge Theorie, 1799. 
In Gerichten behauptete sich die mildernde Praxis und 
wirkte auf die Schule zurück: Stübel, 1795, Grolman, 
1775 — 1829, Littmann, 1806, Henke, 1809, Martin, 1820, 
Abegg, Oersted, ßosshirt Das erste systematische Lehr- 
buch stammt von Kemmerich, 1731. Für Gesetzverbesserung 
schon Hommel, 1770, Beccaria, 1780. üeber Criminal- 
process: Mittermaier, Stübel, Martin, Abegg, Bauer und 
Morstedt, Klenze, Müller*. 

1 Wachteb, Abbog, Feuebbaoh, Elbinschbod. Ueber die söge-, 
nannten Theorien des Strafrechts: Bacbb, Hbbb, Abbog. — ^ Ausgabe 
von ZöPFL. — 3 Die Geschichte derselben von Malblank, 4783. Aus- 
gabe von Ito Sohöffbb, 4533, wieder abgedruckt von Koch, 4824, und 
als Anhang zu Meistbb's Principia juris criminalis mit der Bambergensis 
und Brandenburgica, 4 826« Die lateinischen Uebersetzungen von Gobier, 4543, 
und Eemus, 4594 (beide in der neuen Ausgabe von Abbog 4837), and 
von Zieritz, 4622. Commentatoren: Ebess, 4724, und Böhhbb, 4770. — 
4 Habbblin , Grundsätze des Criminalrechts nach den neuen deutschen Straf- 
gesetzbüchern , 4844 — 49> Ueber romisches Criminalrecht: Rbin, 4844. 
Abbog, Untersuchungen auf dem Gebiet der Strafrechtswissenschaft, 4830. 



Sechsundvierxigstes CapUel. Rechtswissenschaft. 381 

DiBGK, Historischer Versuch über das Criminalrecht der Römer, 4822. 
Bbssvbbb, De indole juris crim. Rom., 4827. Platneb, De crim. jar. 
antiqni Rom., 4836. Schmibdickb , Hist. process. crim., 4827. Gbick, 
Geschichte des romischen Criminalprocesses. Ueber censorisches Straf- 
recht der Romer: Jabokb, 4824, Nayers, 4824, Kesbbebo, 4 829, ^eelaoh, 
4834. Kamen, De patria potest., 4834. 

§. 632. Die Literatur des gemeinen deutschen Pro- 
cesses gaben: 

J. Andbba ('|'4348), Processus juris. Martin, Specimen hist. studio- 
mm et meritomm in theoria ordinis jndiciorum privatorum etc., 4823. 
Bbbgmann, Corpus juris judiciarii Germ, academicum, 4849. Wunderlich, 
Anecdota, quae processum civilem spectant, 4 844, und: J. Andreae sum- 
mala de processu judicii, 4840. Böhmer, De fatis processus civilis, oder 
die Vorrede zu seiner Doctrina de actionibus, 4734. Lehrbücher von 
Schmidt und Martin, Puchta, Bethmann-Hollweo. Sohmid, Handbuch, 
4843 — 45. Für römischen Process: Brisson, De formulis etc., 4583. 

§. 633^ Das Völkerrecht (jus gentium, internationale, 
droit des gens, law of nations, international law) ehemals 
ein äusseres und inneres (letzteres mit Rücksicht auf die im 
Reichsverbande stehenden deutschen Staaten), ein europäi- 
sehes, ein theoretisches und praktisches. Die Theorie des- 
selben begründete Hg. Grotius in seinem beriihmten Werke 
,De jure belli et pacis\ 4617. 

ScHMAUSS, Corp. jur. gent. acad., 4730. Vattel, Droit des gens, 4758. 
Rb. Ward, Inquiry into the foundation and history of the law of nations, 
4795. Moser, Martens, Klubbr, Koch, Mably; Tittmann, Ampbiktyonen- 
bund, 4842. Roth, De re municipali Rom. , 4804. Wachsmuth, Jus gent. 
etc., 4822. Heffter, De antiquo jure gent., 4824. Vollgraf, System 
A&t praktischen Politik im Abendiande, 4828. Madyio, De jure et con- 
ditione coloniarum pop. Rom., 4832, in dessen Opusc, 4834. Osenbrüooen, 
De jure belli et pacis, 4836. Pütter, Beiträge zur Völkerrechtsgeschichte 
und Wissenschaft, 4843. Gagern, Kritik des Völkerrechts. ÄVheaton, 
Hist. des progres du droit des gens, (2- A.) 4846. Römer, Völkerrecht 
der Deutschen, 4789. y. Härtens, Versuch über die Existenz eines posi- 
tiven europäischen Völkerrechts und den Nutzen dieser Wissenschaft, 4787. 
Schmalz, Europäisches Völkerrecht, 4 84 7- Die Literatur bei Ompteda, 4 785, 
und £S80H, Nr. 4307 — 9, über die Dauer der Völkerrerträge. Die wichtig- 
sten Verträge bei Schmauss, de Härtens und Ccsst zwischen 4760 — 
4846. Völkerseerecht: Ersoh, Literatur der Jurisprudenz (2. A.), 
Nr. 4348 — 35, und Hanuel diplomatique etc., 4844. Neueste Handbücher 
Ton Heffter, 4844, Oppenheim, 4845. Kaltbnborn v. Stachau, Kritik 
des Völkerrechts, 4847. Hibus, Europäisches Gesandtschaftsrecht, Bd. 2: 
Bücherkunde. 

§. 634. Die neuerii Gesetzbücher bieten aus Mangel 
an speciellen geschichtlichen Quellen keine wissenschaftliche 
Seite dar. Landrechte, Landesverordnungen und Polizei- 
ordnungen hat Wachsmuth in der ,Culturgeschichte% UI, 193, 
verzeichnet. 

Ju'ristische Lexikographie: Dirk8en,4834, und sein Hanuale, 4837. 
Brissohius, 4557, Hbineccius, 4743; darüber Dirksen's Bemerkungen im 



382 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

Rheinischen Museum, n, 42. — Rechtsalterth^mer: Hbtnbocius, Anti- 
quitates Rom., 4774 (mit Kanneoibssbr's Anmerk., 4777, Hahbold, 4828, 
MGhlbnbscch, 4844) und Antiquitates German., 4772 fg> Grimm, Deutsche 
Rechtsalterthümer, 4828- Rbtsoheb, Symbolik des germanischen Rechts, 4833. 
Fürth, Die Ministerialen, 4836. Thibavt, Ueber das Studium der römi- 
schen Recbtsgeschichte, in den Heidelberger Jahrbüchern der Literatur für 
Jurisprudenz upd Staat^wissenschaften , 4808. — Ueber juristische Her- 
meneutik: GüYBT , Hufeland , Falck , Eckhardt (neue Aufl. von Walch), 
Thibaut, Clossics. Ueber Kritik: besonders Hotoman, Lanoe, Versuch 
einer Begründungslehre des Rechts , 4824. — Juristische Bücherkunde: 
Ziletti , LiPENiüS (dazu die Supplemente von Schott, Sbnkbmberg, 
Madisem), Struvb (8. A. von Bcder), Ersch (2. A. von Koppe), 
Zachariä, Hugo, Schunk, Richter, Hanel; für Naturrecht Meister; 
für Kirchenrecht Rieoler; für Criminalrecht Böhmer, Kapplbr; für deut- 
sches Staatsrecht P6tter mit Fortsetzung von Kluber; für Völkerrecht 
Ompteda mit Fortsetzung von v. Kamptz; für romisches Recht v. Sa- 
vioNT. Mabtin , Juristische Literaturgeschichte im Grundriss , wissenschaft- 
lich geordnet und mit Nach Weisungen versehen, 4824. — Juristische 
Praxis: Kimd, Ueber die Bildung juristischer Staatsdiener, 4848. Putter, 
Gbnsler , Bischoff (Lehrbuch des deutschen Kanzleistils und der Kanzlei- 
geschäfte, 4795 u. 4798), Püchta, Kuppermann (Vollständige Notariats- 
kunst, 4806). Zachariä, Anleitung zur gerichtlichen Beredtsamkeit, 4840- 
MiTTERMAiER, Anleitung zur Vertheidigungskunst im deutschen Criminal- 
process, (3. A.) 4828. Bauer, Anleitung zur Criminalpraxis , 4837. 
Fredbrsdorf, V. Massow, Bergmann, Martin, Anleitung zum Rieferiren 
in Rechtssachen, (2. A.) 4848. Reusch, Reuter, 4853 — 54. Zachariä, 
Die Wissenschaft der Gesetzgebung,, als Einleitung zu einem allgemeinen 
Gesetzbuch, 4806. Mag zugleich als Antwort dienen auf die zu Anfange 
des §. 648 gestellte Frage. Kuntze, Der Wendepunkt der Rechtswissen- 
schaft, 4856. 



Sieb enund vierzigstes Capitel. 

Philosophie. 

§. 635. Zur Geschichte der Philosophie: 

Brucker, Hist. critica philos., 4742 — 44 u. 4766 — 67. Tiedbmann, 
Geist der speculativen Philosophie, 4794 —97. Buhle, Lehrbuch der Ge- 
schichte der Philosophie, 4796 — 4804, und Geschichte der neuern Philoso- 
phie seit der Epoche der Wiederherstellung der Wissenschaften, 4800 — 5. 
Tbnmbmann, Geschichte der Philosopl\ie, 4798 — 4849, und Grundriss der 
Geschichte der Philosophie, 4842 (5. A. von Wendt, 4829). Ritter, 
Geschichte der Philosophie, 4829 — 34. Reinhold, Handbuch der alige- 
meinen Geschichte der Philosophie, 4828 — 30. Cousin, Cours de Thist. 
de la Philosophie, 4829. Mussmann, Grundriss der allgemeinen Geschichte 
der christlichen Philosophie mit besonderer Rücksicht auf die christliche 
Theologie, 4830. Preller (und Ritter), Hist. phil. Graeco-Rom. ex fon- 
tium locis contexta, 4838. Siegwart, Geschichte der Philosophie vom allge- 
meinen wissenschaftlichen und geschichtlichen Standpunkt, 4 844; neue Aufl. 
4 855. Deqerando , Hist. comparee des systemes de la philosophie (deutsch 
von Tennemann), 4806. Furtmair und üschold, Philosophisches Real- 
lexikon, 4855. Weigelt, Zur Geschichte der neuern Philosophie, 4865. 
K. Fischer, Geschichte der neuern Philosophie (W. Leibniz und seine 
Schule), 4855, und der deutschen Philosophie, 4856. 



Siebenundvierzigstes Capital. Philosophie. 383 

' §. 636, Die Philosopheme der Inder, Chinesen, Perser 
und Aegypter zeigen zum Theil ein entschiedenes Ueber- 
gewicht phantastischer Anschauungen über das reflectirende 
Denken und haben auf den Entwickelungsgang der Philo- 
sophie bei den Culturvolkern des Occidents keinen wesent- 
lichen Einfluss gehabt ^. 

Griechische Philosophie in drei Perioden: 4) Von 
Thaies bis zu den Sophisten, 600 — 400 v. Chr. Die ionische 
Schule oder die altem Physiologen: Thaies, Anaximander, 
Anaximenes, Herakleitos. Die eleatische Schule des Xeno- 
phanes. Die sogenannten jungem Physiologen: Empedokles, 
Anaxagoras , Diogenes von ApoUonia. Die Atomisten : Leu- 
kippos und Demokritos. Die Pythagoräische oder italische 
Schule. Die Sophisten: Gorgias, Hippias, Polos, Prota- 
goras u. A. *. 2) Von 400 — 200: Sokrates und seine Schüler. 
3) Zeit des Verfalls seit 300 v. Chr. Die epikuräische und 
stoische Schule und die jüngere Akademie (Arkesilaos und 
Kameades). Der alexandrinisch- romische Eclekticismus. 
Cicero, Lucrez, Seneca, Kaiser Marc Aurel. Die neu- 
pythagoräische und neuplalonische (Plotinos) Schule in 
Keaction gegen das Christenthum. Aenesidemos imd Sext. 
Empiricus ^. 

Das Christenthum mit seinem Dogmatismus*. Ter- 
tullian und Gregor d. Gr. Feinde aller Wissenschaft und 
Kunst (scientia secularis). Alcuin im 8., J. Scotus Erigena 
im 9. Jahrh. Die Schulen KarPs und Alfred's d. Gr. Seit 
dem ^0. und 11. Jahrh. beginnt die Philosophie des Mittel- 
alters oder die Dialektik, und seit dem 13. Jahrh. die 
Scholastik (ein Gemisch von heidnischer Philosophie und 
christlicher Dogmatik), herrschend bis in das 16. Jahrh. 
über die nach und nach entstehenden Universitäten und 
beherrscht von der Kirche (philosophia theologiae ancilla): 
dialektische Verarbeitung der Dogmen. Berengar von Toui;^, 
f 1088, Lanfi-anc, Erzbischof von Canterbury, f 1089, 
Anselm von Canterbury, f 1109. Einfluss der Araber, die 
vom 9. bis 13. Jahrh. die reichsten Depositäre der Gelehr- 
samkeit waren *. J. Roscellinus (Rousselin aus der Bretagne), 
in der Mitte des 12. Jahrh., Begründer des Nominalismus, 
dagegen W. von Champeaux (de Campellis, f 1120), Be- 
dründer des Realismus, der im 12. und 13. Jahrh. herr- 
schenden Denkart. Pt. Abälard im 12. Jahrh. Gilbert de 



384 Drittes Buch, Chresimodoktologie. 

la Porree (f 4454 als erster Rector der pariser Universität), 
Alanus (doctor universalis) ab Insulis, f 4203, Rb. Fo- 
lioth, t 4173, Pts. Lombardus (magister sententiarum), 
Alx. voa Haies (doctor irrefragabilis), f 4245. Die He- 
roen der Scholastik:. Albert d. Chr., Thm. von Aquino 
(doctor angelicus), Duns Scotus (doctor subtilissimus), 
W. Durand aus St-Pour^ain (doctor resolutissimus), IV. 
von Mayronis im 44. Jahrh. und sein ,Actus Sorbonnicus^ 
(doctor illuminatus) ^ 

Die Mystik des apostolischen Vaters Dionysius Areo- 
pagita (,De theologia mystica^, etwa im 5. Jahrh.); im 42. 
Jahrh. das Kloster zu St. -Victor in Paris (Hugo, f 44 40, 
Richard, f 4 473) und der heilige Bernhard von Clairvaux; ^ 
im 43. Jahrh. Bonaventura, f 4274; im 44. Jahrh. J. Tauler 
und Thm. von Kempen ''; im 45. Jahrh. Gerson. W. Occam, 
t 4347, J. Buridan, Pt. d'Ailly (Petrus de Alliaco, f 4425), 
Biel, t 4 495. Gegner der Schola;stik: Valla, Erasmus, 
Agricola, Ramus, die restauratio literarum und die Folgen 
derselben (Buchdruckerkunst, Galilei, Torricelli, Kopemicus, 
Kepler, Columbus, Luther). Platonische Philosophie unter 
dem Schutze der Mediceer. Wiederhersteller der peripateti- 
schen Lehre waren Papst Nikolaus V., Georg von Trapezunt, 
Ph. Melanchthon. 

Die neuere Philosophie beginnt mit dem 46. Jahrh. 
und ist bedingt durch die Emancipation von hergebrachten 
Autoritäten. Bacon von Verulam. Descartes'(Cartesiu8). 
Spinoza. Newton. Hg. Grotius. Hobbes. Pufendorf. Tho- 
masius. Gassendi. Gale. Moore. Cudworth. Bayle. John 
Locke. Hartley. Voltaire. Helvetius. Holbach. Bonnet. 
Hume. Leibniz ^. Wolf. Kant. Fichte. Schelling. Jacobi. 
Herbart. Hegel. Rosenkranz. Krug. Fries. Steffens. Oken. 
V.Schubert. Fr.v.Baaden Eschenmayer. Koppen. E.Schulze. 
Ed. Schmidt. Beneke. Schleiermacher. Wagner. Krause. 
Weisse. Der jüngere Fichte. Braniss. Reinhold. Trendelen- 
burg. H. Ritter. Günther u. A. ^ 

1 WiNDiscHMAVN , Die Philosophie im Fortgange der Weltgeschichtt, 
4827 — 32. — > Zelleb, Die Philosophie der Griechen, 4844, u. 8. w.; 
oben §.487 — 499. — ^ Bbandis, Handbuch der Geschichte der griechisch- 
römischen Phüosophie, 483?> — 44; oben §. 243, 234, 264, 4; 278. — 
« Weisse, Philosophische Dogmatik oder Philosophie des Christentbum«, 
4855. *— ^ ScHMÖLDEB, Essai snr les äcoles philosophiqaes ohei !•• 
Arabes, 4843. Bitteb, Ueber unsere Kenntniss der arabischen Philoso- 
phie, 4844; oben §.444- — * S. oben §. 564. — ' Moobbw, lieber 



Siebenundvierzigstes Capitel. Philosophie. 385 

Thomas a Kempis, >I855. — ^ Wachsmcth, Leibniz im Verhältniss zum 
deutschen Reich und Volk seiner Zeit, in den Schriften der königl. sächs. 
Gesellschaft der Wissenschaft, 4847. 

§. 637. Gliederung in eine Mehrheit philosophi- 
scher Wissenschaften: Logik, Metaphysik, Psychologie, 
Natur- und Religionsphilosophie, Aesthetik, Ethik, Natur- 
recht, Politik, Pädagogik u. s. w. Die principiellen Gegen- 
sätze des Empirismus, Rationalismus, Idealismus, Realismus, 
Materialismus, Sensualismus, Spiritualismus, Dogmatismus, 
Eiiticismus, Skepticismus, Pantheismus, Theismus u. s. w. 

Logik der Eleaten, Sophisten, Megariker. Platon's Dialektik. Ihr 
Begründer ist Aristoteles (Analysis). Seitdem hat sie, nach Kant's 
Aeussenmg, keinen Schritt vorwärts, aber auch keinen rückwärts thun 
können. Schriften darüber im 48. Jahrh. von Tschibnhausen , Lambebt, 
LscBiaz, Ploucqubt, Rbiuabus, Wolf; im >I9. Jahrh. vonKBUG, Fbies, 
Bbaniss, Bachhann, Hebe ABT, T webten, Dbobisch, Tbbndelenbubg, 
LoTZB. Pbantl , Geschichte der Logik im Abendlande. Eine Yer- 
bindong der Metaphysik mit der Religions- und Naturphilosophie, 
mit der Psychologie und Mathematik. Für Psychologie Abistoteles, 
die Stoiker, Dbscabtes (Occasionalismus, Determinismus), Malebbanohb, 
Lockb , Coin)iLLAC, LEffiNiz (Monadologie), Ebebhabd (Theorie des 
menschlichen Empfindens und Denkens, ^76), Wolf, Kant (Fbies), 
Fichte, Hebbabt, Benekb (Die neue Psychologie, 4845). Sammel- 
schriften über Seelenkunde von Mobitz und Fbiedbich. Auf der Grund- 
lage der Seelenvermögenslehre ruhen Tiedemann, Scheidleb, Reichlin- 
Meldbgg; der Richtung der Schelling'schen Naturphilosophie folgen Schu- 
BEBT und Cabüs ; die Psychologie der HegePschen Schule geben Rosenkbanz, 
Michblbt und Exnbb; an Herbart schliessen sich an Stibdbmboth, Dbo- 
bisch, Waitz. In Frankreich herrscht die Neigung, die Psychologie von 
der Philosophie unabhängig zu machen und das geistige Leben als Function 
gewöhnlicher Theile des leiblichen Organismus zu betrachten. Die Eng- 
länder behandeln die Psychologie meist im Sinne Locke's mit mehr oder 
weniger Annäherung an Kant: Reid, Stbwabt, Bbown, Young, Abeb- 
cbombib, Mill. Fbaubnstädt, Der Materialismus. Ueber Materialismus 
und Sensualismus: Büchneb, Stein, Neandeb, Lotzb. Der Amerikaner 
Uphah, Elements of mental philosophy, 4834. Czolbb, Neue Darstel- 
lung des Sensualismus, 4855* Jessen, Versuch einer wissenschaftlichen 
Begründung der Psychologie , 4 855. Schultz - Schultzbnstein , Neues 
System der Psychologie etc., 4855. Schalleb, Geschichte der Natur- 
philosophie von Baco von Yerulam bis auf unsere Zeit , 4 844 — 45- 
ScHLBiBBMACHEB , Versuch einer Elritik aller bisherigen Sittenlehre. 
Stäudlin , Geschichte der Moralphilosophie , 4 823. v. Henning , Die 
Prindpien der Ethik in historischer Entwickelung , 4824. Hebbabt, 
Analytische Betrachtungen über das Naturrecht und die Moral, 4834. 
Unterscheidung der religiösen oder theologischen Ethik von der philo- 
sophischen. Ueber Pädagogik und ihre Geschichte: K. v. Raumbb, 
Nibmbteb, Richteb, Hebbabt, Gbaseb, Schwabz, Milde, Beneke, 
Köbnbb, 4856. NiETHAMMEB, Streit des Philanthropinismus und Huma 
nismns, 4808. Hebgang, Handbuch der pädagogischen Literatur, 4840; 
oben Cap. 6. Tiguieb, L'alchimie et les alchimistes. Essai historique 
et critique sur la philosophie hermetique, 4856. 



MEELBKim. Sl5 




38ii Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

Achtundvierzigstes Capitel. 
Mathematik» 

§. 638. Ihre drei Haupttheile sind: die reine (Arith- 
metik und Geometrie), die angewandte (Feldmessen, 
Nivelliren und Markscheiden) und die physisch ange- 
wandte (Mechanik, Dynamik, Statik, Hydraulik, Hydro- 
statik, Aerometrie, Aerostatik^, Optik, Dioptrik, Katoptrik, 
Perspective, Astronomie, Chronologie, Grnomonik) Mathe- 
matik. Ihre Geschichte von Montucla, 4758, Bossuet^ 1802, 
Kästner, 4796, Poppe, 1828, Libri, 1838 fg. 

1 Zaobabiä, Elemente der Luftschwimmkunst, 4823. Rooct, Handbuch 
der mathematischen Literatur, und sich anschliessend Sohncke, Bibliotheca 
mathematica, 4854> 

§. 639. Die wissenschaftliche Begründung der Mathe- 
matik dürfte bei den Indern und Aegyptern zu suchen sein. 
Die erste Ausbildung finden wir bei den Griechen: Thaies, 
Pythagoras, Plato, Eudoxos. Doch scheint die Geometrie 
damals sorgfaltiger ausgebaut 2u sein als die Arithmetik. 
Eukleides, Archimedes und Apollonios von Perga brachten 
die Geometrie der Alten auf ihren Höhepunkt; ausserdem 
Eratosthenes, Konon, Nikomedes, Hipparch, Nikomachos, 
Ptolemäos, Diophantos, Theon, Proklos, Eutokios, Pappos 
u. A. Den Werken jener vier Männer, Eukleides, Archi- 
medes, Apollonios und Diophantos (Arithmetik), verdankt 
die neuere Zeit ihre Kenntniss in der Mathematik. Geringer 
Sinn bei den Römern für Mathematik. Dagegen Eifer der 
Araber dafür. Durch diese gelangte sie nach Spanien, von 
da nach Italien und Deutschland. Verdienste J.^s von Gmün- 
den, Peurbach's, Regiomontan's (MüUer's aus Königsberg 
in Franken), Pacciolo's, Tartaglia's (Tartalea's), Cardanus\ 
Maurolycus', Vieta's, Ludolfs van Ceulen, Nunez\ Just. 
Byrgius' u. A. Logarithmen von dem schottischen Lord 
Neper (John Napier), Baron von Merchiston, 1644, Jobst 
Byrg (arithmetische und geometrische Progresstabulen, 1 6S0), 
Briggius, 1648, Ursinus, Kepler, Sharp, Gardiner, Prony 
(Vega's Tafeln in Deutschland). Die Infinitesimalrech- 
nung von Newton und Leibniz. Galilei, Torricelli, Pascal, 
Descartes, L'Hopital, Cassini, Huyghens, Harriot, Wallis, 
Barrow, Halley, Jak. Bemoulli und J. BemouUi (combina- 



Achtundvierzigstes Capitel. Mathematik. 387 

torischc Analysis), Lagrange, Laplace, Legendre, Gauss, 
Jacobi u. A. 

MoKTüCLA, Hist. des math., (Sl< A.) ^98— 4802. Klcoel, Mathe- 
matisches Wörterbuch; fortgesetzt von MoLLWBiDB, 4803 — 23* Fbies, Die 
mathematische Naturphilosophie, 4822. 

§. 640. Eintheilung der Geometrie in Longimetrie, 
Planimetrie, Stereometrie, logistische Geometrie, Trigono- 
metrie, analytische, beschreibende (g. descriptive) und 
praktische Geometrie. Das Bedürfiaiss des Feldmessens soll 
die Aegypter auf die Erfindung der Geometrie geleitet haben. 
Unter den frühesten Geometern der Griechen werden Thaies, 
Pythagoras, Hippokrates, Piaton, Eudoxos, Menächmos, 
Deinostratos, Aristaos genahnt. Die Lehrer der Neuem sind 
Eukleides, Archimedes, Apollonios von Perga, Pappoö. Der 
Araber Alhazen. Peurbach, Regiomontanus, Bhäticus, Mau- 
rolycus, Vieta, Kepler, Torricelli, Descartes, Pascal, 
Huyghens, Wallis, Newton, Leibniz, die Bemoulli, Euler, 
Monge, Lagrange, Lacroix, Camot, Plucker u. A. 

Chaslbs , Geschichte der Geometrie mit Bezug auf die neuem Methoden, 
deutsch von Sohncke, 4839. 

§. 641. Die Trigonometrie verdankt ihren Ursprung 
wahrscheinlich der Astronomie, und zwar ist die sphärische 
zuerst entstanden. Hipparchos aus Nicäa, 150 v. Chr. Eine 
neue Gestalt gewann sie durch die Araber, welche statt der 
Sehnen die Sinus einführten. Umgestaltung der trigono- 
metrischen Rechnung durch die Logarithmen, 1614. Zur 
sphärischen Trigonometrie legte erst Euler, zur Polygono- 
metri^ Lexell den Grund. 

Lbhmank , Vom topographischen Zeichnen und Aufnehmen , A 820- 

§. 642. Die Erfindung der geometrischen Analysis 
schreiben Diogenes von Laerte und Proklos dem Platpn zu, 
Ton dem wir jedoch keine mathematische Schrift besitzen. 
Bis auf einige Schriften von Eukleides, Apollonios von Perga, 
zum Theil in arabischen Uebersetzungen, und Archimedes 
sind alle Schriften der Alten über geometrische Analysis 
verloren gegangen. Im 17. Jahrb., vor Erfindung der Ana- 
lysis des Unendlichen, wurde die geometrische Analysis 
fleissig cultivirt, jetzt beschäftigen sich &st nur noch die 
Engländer damit. Für den Erfinder der unbestimmten 
Analytik gilt der Alexandriner Diophantos; von Neuern 
haben sie gefordert Vieta, Fermat, Lagrange, Legendre, 
Gauss u. s. w. 

25* 




388 ' Drittes Buch. Chresimodoktologie, 

§. 643. Die Arithmetik der alten Griechen und Romer 
war von der neuem gÄz verschieden wegen der unbequemen 
Bezeichnungsart vor Einfuhrung der zehn indischen Zahl- 
zeichen. Die Werke von Nikomachos und Diophantos über 
praktische Arithmetik sind verloren gegangen ^. Bei den 
Arabern Algebra, bei den Italienern früher Arte maggiore, 
noch häufige): Kegola de la Cosa, daher Regel Coss oder 
die Coss genannt, wurde sie zunächst von dem gelehrten 
Gerbert, dem nachherigen Papste Sylvester ü., um 990, 
und bald darauf von italienischen Kaufleuten in Europa 
weiter verbreitet. Auch auf diesem Gebiete sind grossten- 
theils die schon oben wiederholt genannten Namen aus- 
gezeichnet. 

1 lieber griechische Arithmetik Hoffuann, 4817, Dbiebbbo, 4849- 
Nbsselmann, Geschichte der Algebra, 4842. 



Neunundvierzigstes Capitel. 
Linguistik und Kritik. 

§. 644. Eintheilung der Philologie nach F. A. Wolf* 
in Quellen, Organon und Doctrinen. 1) Quellen sind 
schriftliche Denkmäler, Kunstdenkmäler und Denkmäler ge- 
mischter Art. 2) Zum Organon gehören: Grammatik oder 
Philosophie und Geschichte der Sprache, Hermeneutik, 
Kritik und Kunst der Composition. 3) Die Doctrinen 
zerfallen in solche, die vorzugsweise aus schriftlichen Denk- 
mälern geschöpft werden, in mimetische Künläte, in solche, 
die aus künstlerischen Werken gezogen werden, und in 
solche, die sich auf die üeberreste gemischter Art beziehen, 
a) Aus vorzugsweise schriftlichen Denkmälern werden ge- 
schöpft: die Geographie, Geschichte, Chronologie, die Anti- 
quitäten und die Mythologie, b) Aus künstlerischen Werken 
wild die Archäologie oder die Geschichte der Kunst ge- 
zogen, c) Auf die üeberreste gemischter Art beziehen sich 
die Numismatik und Epigraphik. 4) Endlich gibt Wolf noch 
zum Schluss eine Geschichte der Philologie. 

Bockh macht einen formalen und einen materialen Theil; 

1) zum formalen rechnet er die Hermeneutik und Kritik; 

2) zum materialen die Geschichte, Chronologie, Geographie, 



Neunundvierzigstes CapiteL Linguistik und Kritik. 389 

das Staatsleben, das PrivatlebeD, den Cultus, die Kunst, 
das Wissen der Alten und die GesoJiichte der Literatur und 
Sprache ^. 

1 Yorlesnngen über die Encyklopädie der Alterthnmswissenschaft, 
herausgegeben von Gubtleb, 4834; Encyklopädie der Philologie, heraus- 
gegeben Yon Stockmann , 4834 ; Alterthomswissenschaft, herausgegeben von 
Hoffmann, 4833- — ^ Ast, Gtundriss der Philologie, 4808. Bbbnhabdt, 
Gmndlinien zur Encyklopädie der Philologie, 4832. Matthia, Encyklo- 
pädie und Methodologie der Philologie, 4835. Beinhabdt, Gliederung 
der Philologie, 4846. MCtzbll, Andeutungen über das Wesen und die 
Berechtigung der Philologie als Wissenschaft , 4 835. Bauchbnstein , Bemer- 
kungen über den Werth der Alterthumsstudien , 4825. Roth, Bemerkungen 
über die fortdauernde Abhängigkeit unserer Bildung von der classischen 
Gelehrsamkeit, 4826. Zbll, Betrachtungen über die Wichtigkeit und Be- 
deutung des Studiums der classischen Literatur und Alterthumskunde für die 
Bildung unserer Zeit, in dessen Ferienschriften, 4833, Bd. 3. Hoffmann, 
Alterthums-wissenschaft , 4834. Haupt, Allgemeine wissenschaftliche Alter- 
thumskunde, 4839. Realencyklopädie der classischen Alterthumswissenschaft 
in alphabetischer Ordnung, herausgegeben von Pauly, fortgesetzt von Walz 
und Tbuffel, 6 Bde., 4839 — 54. Kbebs, Handbuch der philologischen 
Bücherknnde, 4822 fg. Engblmann, Bibliotheca philologica, 4840- Die 
Literatur in Pault's Real encyklopädie. 

§. 645. Die Geschichte der Studien liefert das 
sechste Capitet, und insbesondere der Sprachstudien jedes 
Capitel des zweiten Buchs in seinen ersten Paragraphen. 

In der Geschichte der classischen Philologie 
unterscheidet man drei Zeiträume: 1) Bis in das 4.«Jahrh. 
n. Chr. Sammlungen griechischer Grammatiker von Im. 
Bekker, Gf. Hermann, Göttling, W. Dindorf, Osann u. A.; 
lateinischer von El. Putsch, 1 605, und Lindemann, 1 831 — 3*2 ^ 
2) Bis zum 16. Jahrh. lateinische Studien des Klerus 
(Mönchslatein) und der Scholastiker; dagegen war die 
Kenntniss der griechischen Sprache und Literatur viele 
Jahrhunderte hindurch beschränkt und unfruchtbar. Beginn 
der Philologie des modernen christlichen Europa im 14. 
Jahrh. mit Petrarca und Boccaccio (oben §. 46) ^. 3) Die 
letzten viertehalbhundert Jahre: im 16. Jahrh. grammatische 
und lexikalische Zusammenstellung des Sprachstoffs; im 
17. Jahrh. Realismus; im 18. Jahrh. Hinneigung zu kriti- 
scher Prüfung; im 19. Jahrh. Gestaltung der philologischen 
Wissenschaften und Erhebung derselben zu einem selb- 
ständigen und grossartigen Gebäude. Die verdienstvollen 
Philologen seit dem 16. Jahrh. s. oben §. 52, für orien- 
talische Literatur oben §. 53. In den nordamerikanischen 
Freistaaten Verehrung und Vertheidigung der alten Literatur, 
dagegen in Europa Ueberhebung des Materialismus und Bea- 




390 Drittes Buch. Chresimodoklologie. 

lismus und Lorinser'ß Anklage der gelehrten Schulen vom 
7. April 1836. Kamp^ des Philanthropinismus und Huma- 
nismus ^. 

1 Gb&fenhan, Geschichte der classischen Philologie im Alterthum, 
4343 — 45. — s Hebbbn, Geschichte der classischen Stadien im Mittel- 
alter, 't 797 — i 802. Ebbbhabd, Geschichte des Wiederanfblühens wissenschaft- 
licher Bildang, Yomehmlich in Deutschland, bis zam Anfange der Refor- 
mation, 4827 — 32. — ^ Gesnbb, Primae lineae isagoges in emditionem 
oniversalem, 4757. Revue de philologie, de litt^rature et d*histoire an- 
cienne, seit 4845* Im Niederland Bakb, Bibliotheca critica nova bis 4834; 
Symbolae literariae seit 4837. In England W. Smith's encyklopädisohe 
Werke seit 4842, Museum criticum Cantabrigiense und seit 4843 Classical 
Museum. Fbbesb, Der Philolog, eine Skizze, 4844. F. Bllbhdt, lieber 
das religiös -sittliche Bewusstsein der Philologen und Schulmänner, 4843. 
Gotthold gegen Lorinser und: F. A. Wolf, die Philologen und die 
Gymnasien etc., 4 843. Mbzgeb, lieber die Benutzung der alten Classiker far 
die religiös -sittliche Bildung, 4844. Möhlmamn und Jbnickb, Repertorium 
der classischen Philologie und der auf dieselbe sich beziehenden Schriften, 
seit 4844. 

' §. 646. Das Bedürfniss einer Alterthumswissenschaft 
l'ühlte man erst im 15. Jahrh., als der Eifer für die classi- 
sche Literatur der Griechen und Romer erwachte. Die 
Antiquarii der Alten. Erst im 48. Jahrh. begann man die 
reichen Materialiensammlungen der vorigen Zeiten kritisch 
zu sichten und systematisch zu verarbeiten. J. F. Christ 
(1701-^56) ist Schopfer der eigentlichen Archäologie in 
Deutschland. 

Fabbicius, Bibliotheca antiquaria, 4743; neue Aufl. 4740. Gbonoy, 
Thes. antiquit. Graec, 4697 — 4703. Gbäye, Thes. antiquit. Rom., 4694 
— 99. Sallbnobe, Nov. thes. antiquit. Rom., 4746 — 49* Polbni utrius- 
qne thes. nova supplem., 4737. Bubmamn, Catalogus libror., qui in thes. 
Rom., Graec, Ital. et Siculo continentur, 4725. Wachsmctb, Hellenische 
Alterthumskunde, 4826—30* Hbbmann, Lehrbuch der griechischen Anti- 
quitäten. SoHÖMANN, Antiqnitates juris public! Graec, 4838^ und Griechi- 
sche Alterthümer. Beokbb, Charikles, 4840; Gallus, 4838. Rüpbbtt, Hand- 
buch der römischen Alterthümer, 4844 — 43* Für hebräische Alterdiümer: 
Ikbn, Fabeb, Wabnekbos, Bellebmann, Jahn. Für indische Alterthümer: 
Jones, Colebbooke, Amqubtil du Pebbon, A. W. y. Schlegel, t. Bohlen, 
Lassen u. A. Für italische: Mubatobi, Donati, Maffbi u. A. Für 
französische: Montfaucon, Millin. Für englische: Archaeologia 
Britannica. Für deutsche: Gbufen, Heineccius, Bdschino, Kbgsb, 
Stieglitz, Klemm, Gebrüder Gbimm, Pebtz u. A. 

§. 647. Die Mythologie fand schon im Alterthum 
Bearbeiter in Apollodor, Konon, Parthenios, Antoninus Li- 
beralis, Paläphatos, Hyginus, Fulgentius, Lactantius U.A. ^. 
Die Zeit der eigentlichen Forschung beginnt mit Heyne und 
Voss. J. Jak. Wagner, Görres, Hug, Kanne, Sickler^. 

1 Westebmann, Mythographi Graeci, 4843. Dazu die Literatur bei 
Wachsmutu, Hellenische Alterthumskunde, II, Beilage 2 zu §. 472. 



Neunundvierzigstes Capitel. Linguistik und Kritik. 391 

MoiKJKSB 4684 und Staybbbii 474i Mytbogr. Latini. — ^ Mbikbbs, Allge- 
meine kritische Geschichte der Religionen, 4806. Cbeuzfb, Symbolik 
und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen, 4840 — 42 n. 
4849 — 24; fortgesetzt von Mone als Geschichte des Heidenthums im nörd- 
lichen Europa, 4822. Dasselbe Werk im Anszage von Mosbb, 4822. 
6f. Hbbmann, Mythologia Graeoorum antiquissima, 4847, undi XJeber 
Wesen und Behandlang der Mythologie, 4849. Voss, Antisymbolik, 
4824 — 26. Lübeck, Aglaophamos, 4829- Baue, Symbolik nnd Mytho- 
logie, oder die Naturreligion des Alterthums, 4824 — 25. Bj. Cokstant, De 
la religion etc., 4824. Stdhb, Allgemeine Religionsformen der heidnischen 
Völker, 4836 — 38. Hbfftbb, Die Religion der Griechen nnd Römer nach 
historischen und philosophischen Grundsätzen, 4845. Scheu, De religione 
Rom. civili, 4842. Habtdno, Religion der Römer, 4836. Zdmpt, Religion 
der Römer, 4845. Walz, De relig. Rom. antiquiss., 4845. Zur griechi- 
schen Mythologie : Schwemck , Otfb. Mullbb (Prolegomena zu einer 
Tirissenschaftlichen Mythologie, 4825)» Buttmamn, Schweigoeb, Pbeller, 
Gbbhabd, Weiske, Schellibq (Die Gottheiten auf Samothrake, 4845), 
Naoblsbaoh (Homerische Theologie, 4840), Nitzsch; zur römischen: 
Klausen, Richteb, Schwenck, Geppebt, Hebtzbebg (De diis Rom. 
patriis, s. de laribns ao penatibus, 4840), Thoblaciüs (De privatis Rom. 
sacris, 4827), Fbamdben und Raven (Haruspices, 4822). Handwörter- 
bacher von Jaoobi , LimBocrg-Brouweb (deutsch von Zecher 4842), 
Smith (Dictionary of Greek and Roman mythology, 4845). lieber israe- 
litische Religionsgeschiohte und heidnische Culte der biblischen Zeit 
8. oben §. 566. lieber den Mohammedaoismus : Koran ( Uebersetzung 
von üllmann 4840), Geigeb, Weil (Mohammed, 4843), Göbbes (Mytben- 
geschichte der asiatischen Welt). Ueber deutsche Mythologie: Schbadbb, 
Lbgis, Babth, Jak. Gbimm 4835 u. 4843, M6llbb 4844, Koppen (Lite- 
rarische Einleitang in die nordische Mythologie, 4837), Stuhb (Glaube 
der alten Skandinavier, 4825). J. W. Wolf, Zeitschrift für deutsche 
Mythologie nnd Sittenkunde. Hist. generale des ceremonies, m^enrs et 
coutiimes relig. de tous les peuples represent. par figures par Piccabd, 
4729 u. 4744. Wuttkb, Geschichte des Heidenthums, 4853. 

§. 648. Die Kritik als Wissenschaft, insofern sie sich 
auf die höchsten Gegenstände und Aeusserungen mensch- 
licher Thätigkeit bezieht, datirt erst seit Baco von Veru- 
lam (f 4626) und Descartes (f <650) und ist daher ein 
Erzeugniss der neuem Zeit. Das Altertbum kannte eine 
philologische, historische, philosophische und ästhetische 
Richtung der Kritik, aber keineswegs jene höhere Kj-itik 
der Wissenschaft, Kunst und Gesinnungen sammt dem 
daraus hervorgehenden Handeln im weitern Sinne. Dem 
Mittelalter genügte die Autorität der Kirche und des Ari- 
stoteles, deshalb huldigte es jedem Wahne in Religion und 
Wissenschaft. Erst als die Vernunft in ihre Rechte trat 
und Ueberzeugung federte, konnte und musste die Kritik 
entstehen, als deren Grundlagen Empirie und Speculatioa 
zu betrachten sind. Kant's kritische Philosophie, Kritik 
der (reinen) Vernunft, der Urtheilskraft, der praktischen 
Vernunft. Linguistische oder philologische Kritik (niedere, 



j 



392 Drittes Buch. Chresimodoktologie, 

emendirende , grammatische oder Wortkritik, und höhere 
oder historische Kritik). 

RuHNKBii, Elog. HemsterhoBii. Hbmstbrhuis , Orat. de matb. et philos. 
studio cum lit. hnm. cönjung., in Valokenabb und Hbmstbbhuis, Orationes, 
4784- Clerc, Ars critica, (neueste Aufl.) 4778. Hbumavn, I>e arte cri- 
tioa, 4747. Mobbl, Elements de critiqne, 4766. Valbsius, De critica, 
4740. Cantbb, De ratione emendandi Gr. auct., 4754. Bbck, Commentat. 
acad., 4794 — 98. Ast, Grundlinien der Grammatik, Hermeneutik und 
Kritik, 4808. 



Zweite Abtbeilung. 
Kalotechnologie. 

§. 649. Unterschied von Wissenschaft und Kunst; aber 
auch Gemeinsames beider, denn auch die Wissenschaft ist 
in ihren äussern Darstellimgen Kunst. Künstwissenschaft, 
Theorie der Künste, Kunstphilosophie als Haupttheil der 
Aesthetik; daher auch die Berechtigung der Kalo- 
technologie für einen Platz in der Geschichte der 
Gelehrsamkeit. 

Heydenreich*8 Verdienste um die Aesthetik. MSllbb's Geschichte 
der Theorie der Kunst bei den Alten, 4834 — 37. Tbahndosff, Aesthetik, 
oder Lehre von der Weltanschauung und der Kunst, 4827. LanMATzscH, 
Die Wissenschaft des Ideals, oder die Lehre vom Schönen, 4835. Hotho, 
Hegers Aesthetik, 4835. Weisse, Ebbbhabd, Wbbbb, Jeittblbs (Aestheti- 
sches Lexikon, 4835), Jean Paul und Rüge (Vorschule und Neue Vor- 
schule der Aesthetik)! Visoheb, lieber das Erhabene (Longinus: Ilepl yj^oyj^) 
und Komische, 4837. Gbibpenkebl und Bobbik, Freie Vorträge über 
Aesthetik, 4834. K. Rosenkbanz, Aesthetik des Hässlichen, 4853. 



Fünfzigstes Capitel. 
System der Kunst. 

§. 650. Den Inhalt bilden die Künste 



technische, mechanische. 



gebundene freie (schone, liberales, 

ingenuae, ^£\>!^epat). 

r — — — : — :^— N 



illiberales, ßavavorot, der Zeit, des Raums, der Zeit 

Gewerbe. und des Raums. 

Technologie, oben §. 644. 

Künste der Zeit sind die sogenannten schönen Wissen- 
schaften (Poesie und Beredtsamkeit) und Musik; des Raums 
die Graphik, Plastik und Architektonik; der Zeit und des 
Raums die Mimik, Tanz- und Schauspielkunst. 



Fünfzigstes CapUel System der Kwist. 393 

DuBSCH, Aesthetik der christlichen bildenden Kunst des Mittelalters 
in Deutschland, 4854. Kunst und Leben der Vorzeit, von Beginn des 
Mittelalters bis zum Anfang des 49. Jabrh., 4855 fg. 

§. 654, Kunst nennen wir die üebertragung der Idee 
des Schonen in die Wirklichkeit. Je nachdem nun die 
Idee des Schonen durch den Menschen einfach (unmittelbar^ 
öder vermittelst eines Gegenstandes der äussern Natur auf 
die Wirklichkeit übertragen wird, unterscheidet sich die 
Kunst in eine subjective und objective. Bei jener be- 
steht in der subjectiven Leistung des Künstlers bereits das 
Kimstproduct, wie in der Poesie, der Redekunst, dem 
Gesänge und dem Tanz. Ihre Arten sind kein^ andern 
Schranke unterworfen, als jener der menschlichen Befähigung. 
Wir nennen sie daher unbedingt freie Künste. Bei der 
objectiven Kunst hingegen bedarf es zur üebertragung der 
Idee des Schonen in die Wirklichkeit eines Objects (Mittels) 
ausserhalb des Menschen. Ihre Arten sind daher durch den 
Grad der Vollkommenheit der zur Darstellung notbwendigen 
Technik beschränkt und lassen sich nur insofern in mit- 
telbar freie und gebundene Künste unterscheiden, als 
bei ihnen die Genialität geistiger Schopfungskraft den Sieg 
über mehr fingerfertige Mechanik davonträgt. Zu diesen 
mittelbar freien Künsten zählen wir demnach die Malerei, 
die bildende Kunst und die Baukunst. In der Mitte 
zwischen den unbedingt und mittelbar fireien Künsten steht 
die (Instrumental-) Musik, weil zwar die blosse Thätigkeit 
des Künstlers schon in dem hervorgelockten Ton das Kunst- 
werk bietet, dieses aber durch den grossem oder geringem 
Grad mechanischer Vollkommenheit des angewandten Instru- 
ments bedingt ist. Die gebundenen Künste (Handwerke) 
beschäftigen sich mit der üebertragung der Idee des Nütz- 
lichen in die Wirklichkeit und gehören der Technologie 
(oben §. 614) an. 

§. 652. unter Musik verstanden die Griechen die so- 
genannten Musenkünste, die Ton-, Dicht- und Redekunst, 
und ihre altern Künstler stellten die Musen nur in der 
Dreizahl dar, ausgerüstet mit den Hauptinstrumenten der 
Musik (Flöte, Lyra und Barbiton). In der Neunzahl und 
meist in Bühnengewänder gekleidet erscheinen sie erst, als das 
jüngere Ideal des Apollon Musagetes in dem Gewände der 
pythischen Musiker ausgebildet war. Ihre Rollen scheinen 
nie so fest bestimmt gewesen zu Sßin, dass nicht auch Ab- 



394 Drittes Buch. Chresimodoktologie. 

m 

weichungen vorkämen. In der spätem Kunst galt Euterpe 
für die Muse der lyrischen Dichtkunst mit der Flöte (etwa 
der Musik), Erato für die der erotischen Poesie und Mimik, 
zuweilen mit der Lyra (etwa des Gesangs), Terpsichore 
lur die der Chore mit Lyra und Plektron (etwa des Tanzes). 
Die Attribute der übrigen sechs Musen lassen sich aus Au- 
sonius' Schilderui^ (Idylle 20) unzweifelhaft entnehmen: 

Clio gesta canens transacti temporis edit. 
Melpomene tragico prociamat inoesta boatu. 
Comica lasoivo gaudet sermone Thalia. 
Dulciloqois calamos Enterpe flatibus urget. 
Terpsichore affectus citharis movet, imperat, äuget. 
Blectra gerens Erato saltat pede, carnilne, vulta. 
Carmina Calliope libris heroica mandat. 
Uranie coeli motns scrutatur et astra. 
Signat cuncta manu, loq^uitur Polyhymnia gestu. 

Später, bei den christlichen Völkern, wurde der Ausdruck 
Musik auf die Kunst beschränkt, durch Tone die Seele des 
Menschen den Gesetzen der Schönheit gemäss zu erregen. 
§. 653. Eine Kunstgeschichte, abgesehen von den 
kunsthistorischen und ästhetischen Notizen bei Plinius, 
Quintilian und Pausanias, entstand erst im Humanisten- 
zeitalter des 1 5. und 1 6. Jahrh. \ Die Geschichte des Stils 
beginnt erst mit Winckelmann, 1717 — 68^. 

1 BoiLEAiT (Prevot unter Ludwig IX.), Livre des arts et metiers. 
Vasari, Yite de' pin excellenti pittori, scultori ed architetti, 4550, berei- 
chert 4568; üebersetzungen von Schorn und Förster 4832 — 47. — 
^ Mbteb, Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen, 4824- 
F. Thiebsch, lieber die Epochen der bildenden Kunst bei den Griechen, 
4846 u. 4829. Otfb. Mcllbb, Handbuch der Archäologie der Kunst, 
(3.. Aufl. von Wblckeb) 4847. Wbhdt, lieber die Hauptperioden der 
schönen Künste, 4834. Hasb, Ilebersichtstafeln zur Geschichte der neuern 
Kunst, 4827. Seroux d*Aoincoubt, Sammlung der vorzüglichsten Denk- 
mäler. Kdolbb, Handbuch der Geschichte der Malerei etc., 4837; Hand- 
buch der Kunstgeschichte, (3. A.) 4855. Schnaasb, Geschichte der bil- 
denden Künste, 4843. Augüsti, Beiträge zur christlichen Kunstgeschichte 
und Liturgik, 4844. Wbssbnbbbo, Die christlichen Bilder, 4 827. Kuglbb, 
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte, 4 855. Bbünn, Geschichte 
der griechischen Künstler. Spbingeb, Handbuch der Kunstgeschichte. 
FÖBSTEB, Geschichte der deutschen Kunst. Stahb, Torso. Lobke, Ge- 
schichte der Architektur, 4855. Nbuhaieb, Geschichte der christlichen 
Kunst, der Poesie, Tonkunst, Malerei, Architektur imd Sculptur von der 
ältesten bis auf die neueste Zeit, Bd. 4 , 4856. Ranke, Die Verirrui^gen 
der christlichen Kirnst, (3. A.) 4856. Ambbos, Die Grenzen der Musik 
und Poesie, 485